
abgeändertes Bild von Indiansummer zu SOP
Inhalt: Ailia beginnt die erste Arbeit nach
ihrer abgeschlossenen
Ausbildung zur Sicherheitsoffizierin in der Station DAYLIGHT auf dem Planeten
D’arjo. Sie schafft es einen Monat später ihren Gleiter Not zu landen, ohne dass
jemand weiß, dass sie vom Kurs gewichen ist. Um zur Station zurück zu kommen,
können ihr nur intelligenten Bewohner des Planeten D’arjo helfen, die sich auf
einer Entwicklungsstufe ähnlich dem terranischen Mittelalter befinden…
Beta: slayercaro
Anmerkung: Diese Story entstand, als ich darüber nachdachte, was Ailia erleben würde, wenn Tec'or sie nicht wie in "Smell of Protection" zu der menschlichen Station gebracht hätte. Sie beginnt wie SOP, schlägt jedoch schon im ersten Teil eine völlig andere Richtung ein.
Altersfreigabe: ab 18
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
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Teil 1
„So ein gottverdammtes Scheißding!“
Ailia trat wütend mit dem Fuß gegen das Metallgehäuse des kleinen Gleiters. Sie hatte das Fluggerät nach ein Systemtotalausfall mit Mühe und Not mitten zwischen den Bäumen auf dem Boden aufsetzen können. Jetzt gab es keinen Ton mehr von sich.
Missmutig sah sie sich um und fluchte. Es sollte ihr erster Observationsflug auf diesem Planeten werden. Delaron, der Stationsleiter der Basis DAYLIGHT, hatte sie darauf hingewiesen, sich strikt an die geplante Route zu halten, damit im Notfall jeder wusste, wo man sie suchen sollte, da sie darauf bestanden hatte allein zu fliegen.
Sie hatte es natürlich besser gewusst.
Weil sie nicht ahnen konnte, dass die Technik auf diesen von Terra weit entfernten Planeten – um es harmlos auszudrücken – etwas veraltet war. Sie war gewöhnt, mit den besten, neuesten und hochwertigsten Apparaten und Transportmitteln ausgestattet zu werden.
Vielleicht war sie etwas verwöhnt. Vielleicht. Vielleicht war sie auch etwas überheblich.
Als Delaron davon sprach, wie oft es hier zu Ausfällen der Technik auf Grund von Materialermüdung und Alterserscheinungen kam, hatte sie nur mild gelächelt und gedacht, er würde übertreiben, um ihr als Neuling in seiner Station etwas Angst einzujagen.
Dass Delaron nicht übertrieben hatte, wurde ihr spätestens klar, als der Antrieb des Gleiters anfing zu stottern und die Software sich stufenweise abschaltete.
Und sie verfluchte sich selbst für ihren Leichtsinn.
Denn es war nichts anderes. Nachdem sie einen Monat lang auf DAYLIGHT mit Routinearbeiten beschäftigt gewesen war, hatte sie Delaron regelrecht mit Bitten bombardiert, sie endlich ebenfalls den Planeten observieren zu lassen. Sie hatte nie Probleme damit gehabt, ihren Willen kund zu tun und auch durchzusetzen und deshalb gab es Delaron nach stundenlangen Diskussionen auf, ihr erklären zu wollen, dass ein Ausflug allein auf dem Planeten nicht ungefährlich war. Er gab ihr die Genehmigung, schärfte ihr jedoch auf das dringlichste ein, sich an die geplante Route zu halten.
Sie hatte es natürlich besser gewusst. Besser gesagt, sie hatte alle Bedenken über den Haufen geworfen, weil sie immer wieder durch interessante Dinge, die sie alle erforschen wollte, abgelenkt wurde und erst jetzt, nachdem das Malheur passiert war, feststellte, wie weit sie sich von der eigentlichen Route entfernt hatte.
Toll. Sehr schön, Ailia, hast du toll hin bekommen.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Das Funkgerät funktionierte auch nicht mehr und sie überlegte, ob es Sinn hatte, zu verzweifeln. Aber schließlich siegte ihr Optimismus und ihr Selbstbewusstsein. Sie war mit beidem reichlich ausgestattet und da sie noch nie schüchtern gewesen war, sagte sie sich, es dürfte kein Problem sein, eins dieser Zeltlager der D’arjos zu finden und sich dort nach irgendeiner Transportmöglichkeit umzusehen, die sie zurück in den Stützpunkt bringen konnte.
Ein Problem war natürlich, dass sie die Sprache nicht beherrschte. Aber sie machte sich erst einmal wenig Sorgen darüber. Schließlich hatte die Natur sie mit anderen netten Fähigkeiten ausgestattet und obwohl ihr genau diese Fähigkeiten in der Vergangenheit oft genug das Leben schwer gemacht hatten, war sie jetzt sehr froh darüber.
Sie war eine Mutantin. Niemand wusste, warum es ausgerechnet sie getroffen hatte, aber sie war mit den Fähigkeiten geboren worden, die man allgemein als Telepathie und Telekinese bezeichnete. Beides war manchmal sehr nützlich – und manchmal sehr unangenehm, aber darüber wollte Ailia jetzt nicht nachdenken.
Lieber wollte sie sich jetzt damit beschäftigen, dass es ihr als exzellenter Telepathin möglich war, sich alle Informationen direkt aus den Köpfen der D’arjos zu holen, weil dieser Gedanke ihren Optimismus stärkte.
Sie durchgraste ihren Kopf nach all dem, was sie über D’arjos bis jetzt erfahren hatte. Soviel sie wusste, lebten die D’arjo auf einer Entwicklungsstufe, die dem terranischen Mittelalter vergleichbar war. Das hieß natürlich: keine Autos und keine Flugzeuge, im höchstem Fall konnte sie mit einem Pferdefuhrwerk rechnen, oder mit etwas, was einer Pferdekutsche am nächsten kam. Sie kicherte in Gedanken an den Aufruhr, den sie verursachen würde, wenn sie an die Schleuse DAYLIGHTs mit einer Kutsche vorfuhr. Die D’arjos waren sehr freundliche hilfsbereite Wesen, die sich mit dem Bau eines Stützpunktes auf ihrer Welt einverstanden erklärt hatten und nur verlangten, dass sich niemand in ihr Leben einmischte. Einige wenige D’arjos verkehrten regelmäßig im Stützpunkt, wenn sie handeln oder Güter tauschen wollten. Aber Ailia hatte außer auf Bildern und in Filmen noch keinen D’arjo zu Gesicht bekommen.
Okay, sagte sie sich, dies ist deine Möglichkeit, D’arjos in ihrer natürlichen Umgebung kennen zu lernen. Sieh zu, was du draus machst.
Sie hatte ihre Überlegungen noch nicht beendet, als sie hinter sich ein Knacken im Gehölz hörte und erschrocken herum fuhr. Ihr Herz setzte für einen Moment fast aus, denn die hochgewachsenen schlanken Gestalten, die hinter den Bäumen hervor traten, hatten wenig Ähnlichkeit mit den friedlichen Wesen, die sie sich gerade vorgestellt hatte.
Ihre Augenbrauen hoben sich, als sie die gezückten Bögen bemerkte und die Pfeile, die direkt auf ihren Körper zielten.
Das ist nicht sehr höflich, stellte sie für sich fest und überlegte, ob sie diesen D’arjos einmal zeigen sollte, dass man keine Pfeile auf sie anlegte. Sie bremste sich selbst gerade noch rechtszeitig, weil ihr einfiel, dass diese Wesen ihr eigentlich helfen sollten, zurück zur Station zu kommen und bestimmt nicht erfreut darüber waren, wenn ihnen eine unsichtbare Kraft die Bogen aus der Hand riss. Dann würde man sie wohl eher für eine Hexe halten und sich mit dem Gedanken an einen Scheiterhaufen auseinandersetzen, das wollte sie auch nicht. Jedenfalls noch nicht.
Neugierig betrachtete sie die fremdartigen Gestalten, die jetzt näher kamen. Sie trugen Lederkleidung und sie konnte im Hintergrund das Fauchen und Knurren ihrer Reittiere, sogenannte Hereros, hören. Eigentlich erinnerten sie Ailia mehr an Krieger und sie fragte sich, ob sie die Berichte über diese Wesen hätte ein wenig genauer lesen sollen.
Sie kamen näher. Zum ersten Mal sah Ailia die eigenartigen Gesichter der D’arjos in der Realität und sie war einfach nur fasziniert. In den Gesichtern dominierten die Augen und die waren es auch, die den Blick eines Außenstehenden sofort anzogen. Sie waren gelb, manchmal mit einem Stich ins grün und besaßen die aufrecht stehende längliche Pupille, wie man es von terranischen Katzen kannte. Alle D’arjos besaßen schwarze Haare, die im Alter ein wenig angrauten und die sie bei Gefahr oder Wut ähnlich einem Fell aufstellen konnten. Jetzt, da sie redeten, sah Ailia auch die vier Reißzähne in ihren Mündern, die an die raubtierähnlichen Vorfahren erinnerten.
Ailias Parasinne griffen in die Gedanken der Wesen, damit sie die Unterhaltung verstehen konnte.
„Eine Menschenfrau?“
„Was macht sie hier?“
„Wieso ist sie allein?“
Ein großer breitschultriger D’arjo blieb vor ihr stehen und knurrte. „Wo ist dein Mann?“
„Was?!“ Ailia starrte ihn perplex an, da diese Frage die letzte war, die sie erwartet hatte. „Von was redest du überhaupt? Ich bin abgestürzt!“ Sie gestikulierte zu dem Gleiter und versuchte, mit Händen und Füßen klar zu machen, was passiert war.
Die D’arjos beobachteten sie misstrauisch und hoben witternd die Köpfe. „Sie ist wirklich allein.“
„Sie hat keinen Mann.“
„Was soll der Mist“, schimpfte Ailia. „Ich suche eine Möglichkeit, zurück zu meiner Station zu kommen. Ich habe angenommen, ihr D’arjos seid so nett und helft mir. Jetzt denke ich bald, das war eine Schnapsidee.“
„Was redet sie eigentlich für eine komische Sprache?“, fragte der hochgewachsene D’arjo.
„Keine Ahnung, Acto“, antwortete ein zweiter. „Aber ich habe gehört, dass die Menschen unsere Sprache nicht sprechen.“
„Was machen wir nur mit ihr?“ Acto runzelte die Stirn und musterte Ailia prüfend. „Wir können eine Frau nicht allein hier draußen lassen.“
„Das stimmt“, mischte sich Ailia ein. „Ich hätte auch nichts dagegen, wenn ihr irgendwie dafür sorgt, dass ich zur Station zurückkomme.“
Ein anderer D’arjo lachte. „Wer zum Teufel soll sich um sie kümmern? Sie ist eine Menschenfrau!“
Es klang sehr verächtlich und Ailia funkelte ihn böse an. „Um mich muss sich niemand kümmern!“
„Wir nehmen sie erst einmal mit“, sagte Acto. „Wir entscheiden im Lager, was mit ihr passiert.“
„Das gefällt mir nicht“, erklärte Ailia und machte einen Schritt rückwärts. „Ich brauche noch einige Sachen auf meinem Gleiter. Verdammt!“, schrie sie den D’arjo an, der nach ihrem Arm griff. „Fass mich nicht an! Was soll das?“
„Sie redet ganz schön viel.“ Er ließ Ailia nicht los und diese schlug mit der flachen hand nach ihm. „Und benimmt sich unmöglich.“
„Bind ihr einfach die Hände zusammen“, meinte Acto lakonisch.
„Seid ihr denn nur blöd!“, kreischte Ailia, doch sie beschloss abzuwarten, was in dem Lager passierte und knirschte mit den Zähnen, als der D’arjo ihre Hände auf dem Rücken zusammen band. „Das wird euch noch leid tun.“ Da sie wusste, dass sie die Fesseln jederzeit mit Hilfe ihrer telekinetischen Kräfte lösen konnte, bezwang sie den Wunsch, diesen D’arjos ihre ebenfalls exzellente Kampfausbildung zu demonstrieren und ließ sich auf eins der Hereros heben. „Ich werde allen erzählen, dass D’arjos gar nicht nett sind“, schimpfte sie jedoch lauthals weiter und verstummte erst, als einer der D’arjos meinte, ein Knebel wäre vielleicht auch ganz gut.
****************
Sie erreichten das Zeltlager der D’arjos Ewigkeiten später und Ailia kam sich so durchgeschaukelt vor, dass sich ihr Gehirn wie Pudding anfühlte.
Die D’arjos diskutierten den ganzen Weg über, was sie mit ihr anstellen sollten und kamen zu dem Schluss, dass es das beste wäre, einen Kurier zur Station zu schicken, der die Menschen über den Gleiter und die komische Menschenfrau informierte. Sie nahmen an, dass ein anderer Gleiter kommen und Ailia holen würde.
Weiter waren sie in ihren Diskussionen nicht gekommen, weil sie anfingen, sich darüber zu streiten, wer die Last, sich um sie zu kümmern, auf sich nehmen sollte.
Im Lager angekommen, wurde Ailia unsanft von dem Herero gehoben und in das riesige Zelt in der Mitte des Lagers geschupst. Fluchend stolperte sie in das Halbdunkel und schimpfte wieder einmal über die unmögliche Behandlung.
„Acto, du kannst vergessen, dass jemand von uns sie in sein Zelt aufnimmt. Und ich glaube nicht, dass sich jemand freiwillig dazu bereit erklärt“, sagte einer der D’arjos, von dem Ailia jetzt wusste, dass er Nenome hieß, ernst.
„Ich nehme sie auch nicht. Meine Frau bringt mich um“, sagte der andere. „Außerdem reicht mir eine Frau vollkommen.“
„Seid ihr denn nur alle dumm“, meckerte Ailia. „Schickt mich einfach mit dem Kurier mit und gut. Dann gehe ich euch nicht auf die Nerven!“
Acto musterte sie missmutig, dann schienen seine Augen plötzlich aufzuleuchten. „Jemand soll meinen verrückten Sohn holen!“, rief er und die beiden anderen D’arjo kicherten.
Es dauerte keine Viertelstunde. Die Zeltplane hob sich wieder und ein einzelner D’arjo betrat den Raum.
Er schien ein Jäger zu sein und sah nicht ganz so kriegerisch aus, obwohl auch er eine armbrustähnliche Waffe trug und komplett in dunkles Leder gekleidet war. Die eng anliegenden Hosen endeten in halber Wadenhöhe über den festen Lederstiefeln. Die kurze, über dem Hosenbund endende, Jacke bestand ebenfalls aus dunklem, fein gearbeitetem Leder und wurde an der Vorderseite mit Schnüren zusammengehalten. Jetzt allerdings trug er sie offen und Ailia konnte erkennen, dass er darunter ein eng anliegendes shirtähnliches Hemd trug, das aus Stoff bestand. Seine gelben Augen musterten die versammelten D’arjos nicht gerade freundlich und er knurrte mit gesträubten Haaren:
„El ek Tano del Acto?“
Ailia blinzelte kurz verdutzt, weil sie automatisch in seine Gedanken greifen wollte und komplett ins Leere fiel. Sie konnte seine Gedanken nicht lesen? Das war ihr noch nie passiert. Ein ungutes Gefühl bildete sich in ihrer Magengegend.
Dann sondierte sie die Hirne der anderen D’arjos und stellte fest, dass diese ja hörten, was der fremde D’arjo sagte und Ailia es in deren Gedanken verstehen konnte.
„Was willst du von mir, Acto?“
Acto klärte ihn in kurzen Worten über das Vorgefallene auf und Ailia spürte, wie der fremde D’arjo sie musterte, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Vater zuwandte.
„Gut, Tec’or“, schloss Acto. „Da wir jemanden benötigen, der sich um sie kümmert, sind wir auf dich gekommen. Du wirst sie mit in dein Zelt nehmen.“
Na toll, dachte Ailia.
Und der D’arjo fing an zu lachen. „Bist du jetzt total verrückt geworden?“
Acto fauchte gereizt, als er sah, wie sich Tec’or wieder umdrehte und das Zelt verlassen wollte. „Du bleibst hier!“, schrie er erbost. „Du wirst wenigstens einmal in deinem Leben etwas für deine Familie tun und du wirst dich um diese Menschenfrau kümmern!“
Ailias Blick wanderte zwischen den sich gegenseitig anfauchenden D’arjos hin und her. Sie war froh, dass sie wenigstens telepathisch dem Gespräch folgen konnte.
Tec’or drehte sich wieder um. Seine Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt. „Ich schlafe mit keiner Menschenfrau!“
„Was?!“, schrie Ailia dazwischen. „Natürlich wirst du das nicht! Bist du bescheuert, du Spinner. Wer ist hier eigentlich verrückt!?“
„Kann ihr irgendjemand mal den Mund stopfen!“ fauchte Acto gereizt. „Diese komische Sprache versteht doch kein D’arjo. Tec, niemand verlangt das. Aber wir benötigen jemanden, der sich um sie kümmert, bis der Kurier in der Station angekommen ist. Und ich denke, dass du keine Angst haben musst, wenn sie deinen Geruch nicht trägt. Es wird niemandem im Lager geben, der sie haben will.“
„Glaubst du vielleicht, ich will jemanden?!“ Ailia war außer sich. „Ich kann für mich allein sorgen, du dumme Katze. Alles, was ich wissen will, ist, wie ich zu der Station komme. Die Richtung! Ich habe nicht vor, länger als nötig in eurem Lager zu leben und EINE LAST zu sein!“
„Schreit sie immer so viel?“, erkundigte sich Tec’or und beäugte Ailia misstrauisch.
„Ja. Sie redet seit Stunden ununterbrochen und niemand versteht sie. Keine Ahnung, was sie eigentlich will.“ Acto seufzte und seine Haare legten sich wieder an. „Diese Menschen sollten wenigstens unsere Sprache sprechen, wenn sie sich auf unserer Welt befinden.“
Da musste ihm Ailia ausnahmsweise mal Recht geben. Und sie hatte auch vor, diese Sprache schnellstens zu lernen. Im Moment war sie jedoch einfach zu wütend, um klar zu denken. Die Fesseln, die ihre Hände auf dem Rücken zusammen hielten, drückten und schabten auf ihrer Haut. Die D’arjos gingen ihr auf die Nerven und sie verfluchte sich dafür, überhaupt zugelassen zu haben, dass man sie mit in das Lager schleppte. Aber was hätte sie allein machen sollen? Sie brauchte zumindest die Richtung, in der DAYLIGHT lag.
„Nimm sie mit und sorg für sie, bis jemand sie abholt“, wies Acto seinen Sohn an. „An Lebensmitteln mangelt es in deinem Zelt ja zum Glück nie.“
Tec’or musterte ihn aus schmalen Augen. „Das ist alles, was ich tun werde“, stellte er klar.
„Sie ist eine Frau“, fuhr ihn Acto schon wieder wütend an. „Du wirst dafür sorgen, dass ihr bis zum Eintreffen anderer Menschen nichts passiert.“
„Ich werde nicht mit ihr schlafen!“, schrie Tec’or.
„Ganz sicher nicht!“ brüllte Ailia wieder dazwischen. „Was soll dieser Mist!? Ich will das auch nicht!“
„Ich werde nicht mit dir diskutieren! Es gibt in diesem Lager niemand anderen, der eine Menschenfrau aufnehmen kann. Alle anderen haben Frauen! Ich kann auch nichts dafür, dass dich keine D’arjo haben will!“
„Oh?“ Ailia sah Tec’or neugierig an. „Warum eigentlich nicht? Bist du krank oder so was?“
Tec’or war puterrot angelaufen und knurrte gereizt in Richtung der zwei anderen D’arjos, die sich mühsam das Lachen verkniffen. „Du weißt genau, dass du mich mit diesem Befehl lächerlich machst?“
Acto lachte kurz. „Tec, du bist lächerlich. Dafür hast du schon selbst gesorgt. Viel schlimmer kann es auch durch eine Menschenfrau nicht werden.“
„Das war aber sehr gemein“, kommentierte Ailia den Dialog und sah Tec’or fast mitleidig an, als dieser auf sie zukam und mit einem kurzen Schnitt die Fesseln durchtrennte, ohne ein weiteres Wort zu sagen und auch ohne ihr irgendeine Beachtung zu schenken. Sie rieb ihre Handgelenke, als das Blut wieder begann zu zirkulieren. Tec’or ging zur Tür und Acto knurrte ihr winkend zu, sie solle ihm folgen.
Diese D’arjos hatten einen Knall . Ailia schlenderte hinter Tec’or her, der mit einem wütenden Blick durch das Lager stürmte. Sie bemerkte die Blicke, die ihr und vor allem Tec’or folgten, sehr genau. Ebenso wie die Gedanken. Und ihre Wut stieg noch etwas.
„He Tec“, rief ein fürchterlich zerzaust aussehender D’arjo und lachte. „Jetzt müssen sie dir wohl eine Frau fangen, weil du sonst keine bekommst?“
Der D’arjo reagierte nicht und Ailia biss die Zähne zusammen, jedoch nicht ohne den gehässigen Rufer böse anzufunkeln.
Der neben ihm stehende D’arjo lachte mit. „Man, schau dir doch mal die armselige Gestalt an. Keine Zähne, keine Krallen. Sie ist bestimmt genau so verrückt wie du, Tec“, kicherte er.
Ailia erstarrte und drehte sich um. Tec’or bemerkte es nicht, oder wollte es nicht bemerken, genau so wenig wie er auf die Beleidigungen reagierte.
„Das ist aber lieb von euch“, meinte sie honigsüß, obwohl sie wusste, dass keiner der beiden sie verstehen konnte. „Wirklich nett. Ich wusste gar nicht, dass D’arjos so nett sind.“
Sie ging auf die beiden D’arjos zu, die ihr noch immer lachend entgegen blickten.
„Sie *kann* nicht mal gefährlich aussehen“, grinste der Rechte. „Ich glaube, Menschen können nicht mal ihre Haare aufstellen.“
Der Linke prustete los. „Stell dir doch mal vor, wie sie aussehen würde, wenn sie dieses Gestrüpp auf ihrem Kopf auch noch aufrichten würde.“
„Denkst du vielleicht, du bist schön, Reißzahn?“, fragte sie hochmütig.
„Heh, Tec!“ schrie der linke D’arjo wieder. „Deine verrückte Frau geht schon eigene Wege. Vielleicht möchte selbst eine Menschenfrau nicht in deinem Bett landen!“
Ailia holte ohne zu überlegen aus und ihre Faust landete mitten in dem Gesicht des grinsenden D’arjos. Er flog zurück und krachte mit dem Rücken auf den Boden. Mit einem grenzenlos verblüfften Gesicht fuhr seine Hand zum Mund und er starrte fassungslos auf seine Hand, an der das Blut seiner aufgeplatzten Lippe klebte. Ailias Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen zusammen gekniffen und ihr Blick schweifte zu dem anderen D’arjo, der sie genauso fassungslos anstarrte.
Sie ist verrückt, vernahm sie seine Gedanken. Sie ist komplett verrückt. Aber komischerweise machte keiner von beiden Anstalten, zurückzuschlagen oder sich auf sie zu stürzen.
„Ich hasse es, beleidigt zu werden“, erklärte sie hochmütig, drehte sich um und ging in die Richtung, in der Tec’or stand.
Er sah sie mit unbewegtem Gesicht an und sie bemerkte zum ersten Mal, dass er sie tatsächlich ansah. Richtig, nicht so, als würde er durch sie hindurch sehen oder als wäre sie etwas nervtötenden. Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich mag sie nicht.“
Tec’or knurrte irgendetwas in seiner Sprache, aber da niemand in der Nähe war, konnte sie die Übersetzung nicht aus deren Gedanken erkennen. Dann drehte er sich wieder um und sie folgte ihm.
Tec’ors Zelt stand etwas abseits von den anderen in der Nähe des Waldrandes. Es war groß, vielleicht zehn mal zehn Meter, aber einfach und schmucklos. Vor dem Zelteingang brannte ein Feuer, über dem ein Topf mit Wasser hing. Neben dem Zelt lag ein schwarzes Herero, das nur müde den Kopf hob, als sie eintrafen. Ailia warf der Raubkatze einen scheelen Blick zu.
Tec’or bedeutet ihr, das Zelt zu betreten und Ailia schaute sich neugierig im Inneren um. Im hinteren Teil lagen Matten, die wahrscheinlich als Bett dienten. An der rechten Seite sah sie drei Truhen stehen, in denen er sicherlich seine Kleidung aufbewahrte, während an der rechten Seite ein Tisch mit einem Stuhl davor stand. Das war alles.
Ailia runzelte die Stirn. Tec’or ging zu einer der Truhen und entnahm ihr einen Bogen und Pfeile.
„Ek elam dor nana“, sagte er kurz.
„Klar doch“, entgegnete Ailia unbekümmert und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich verstehe kein Wort!“
Er schien es zu wissen und deutete auf seinen Bogen. Als er mit seiner Hand noch die Bewegung des Essens machte, nahm Ailia an, dass er vorhatte, jagen zu gehen und nickte. Dann wies er auf sie und deutete mit einem scharfen Blick auf den Boden.
„Ich soll mich hier nicht wegrühren, ja?“, mutmaßte Ailia. „Warum nicht? Ich würde mich gern im Lager etwas umsehen?“
Er ging zum Zelteingang und warf die Plane vor ihrer Nase zu. Ailia schob sie ungerührt zur Seite, steckte den Kopf wieder heraus, fuhr aber erschrocken zusammen als sein Gesicht sich plötzlich nur noch wenige Zentimeter vor ihrem befand und er sie böse anknurrte. Dann stieß er sie wortlos in das Zelt zurück.
„Unhöflicher Mistkerl“, schimpfte Ailia leise, beschloss jedoch mit ihrer Erkundung des Lagers noch etwas zu warten.
Neugierig begann sie, das Innere des Zeltes zu erforschen. Weshalb konnte sie seine Gedanken nicht lesen? Das würde die Verständigung arg schwierig gestalten.
Gelangweilt durchschnüffelte sie die Truhen, in denen sich wirklich Kleidung und Waffen befanden. Fasziniert nahm sie eins der Schwerter in die Hand. Es war schwer und sie konnte es kaum in einer Hand halten.
Ich sehe aus wie eine Amazone in so einem Fantasyfilm, kicherte sie in Gedanken, als sie das Schwert durch die Luft sausen ließ und einen unsichtbaren Gegner angriff. Einfach toll.
Vorsichtig legte sie das Schwert wieder zurück und betrachtete die anderen Waffen. Da waren noch ein leichteres Schwert, das mit wunderschönen Verzierungen bedeckt war, eine Armbrust und mehrere Dolche.
Nachdem es nicht neues mehr zu entdecken gab, ging Ailia wieder zu der Truhe mit den Waffen und nahm das leichte Schwert in die Hand. Es gefiel ihr besser, weil sie nicht solche Mühe hatte, es überhaupt in der Luft zu halten. Obwohl sie keine Ahnung hatte, wie man es benutzte, hatte sie doch schon Filme gesehen, in denen Menschen mit Schwertern kämpften.
Sie war so vertieft in ihre Tätigkeit, dass erst das wütende Knurren vom Zelteingang sie aufschreckte. Tec’or stürzte in das Zelt, riss ihr das Schwert aus den Händen und schrie so zornig, dass sie nicht lange überlegen musste, um heraus zu bekommen, was er sagen wollte.
Er packte ihre Hand und zerrte sie hinter sich her aus dem Zelt. Neben dem Feuer lag ein totes rehähnliches Tier, in dessen Brust noch der Pfeil steckte. Wortlos deutete der D’arjo auf sie und dann auf das Tier.
„Ja?“, fragte Ailia erstaunt. Er drückte ihr ein Messer in die Hand, deutete wieder auf das Tier und verschwand im Zelt. Ailia starrte auf das Messer, dann wieder auf das Tier und zurück auf das Messer.
Es dauerte nicht lange und Tec’or kam wieder aus dem Zelt. Ailia fuhr schon wieder erschrocken zusammen, als er knurrte und sie böse anfunkelte.
„Ich habe keine Ahnung davon!“, fauchte sie gereizt. „Ich weiß schon, was du willst, aber ich kann das nicht!“
Er verdrehte die Augen in recht menschlicher Manier und bedeutete ihr, sich neben ihn zu setzen. Neugierig beobachtete sie, wie er das Tier drehte. Seine Hand deute auf den Bauch und Ailia sah entsetzt Krallen aus seinen Fingerspitzen schnellen, als er eine Linie auf dem Fell zog. Dann deutete er auf das Messer und wieder auf den Bauch.
„Oh Gott“, stieß Ailia hervor. „Kannst du das nicht machen, Miezekatze? Ich will nicht in das Tier rein schneiden...“ Er sah sie auffordernd an. Zögernd beugte sie sich über das Tier. Das Messer war sehr scharf und er zeigte ihr jeden Schnitt, den sie führen musste.
Ailia würgte kurz, als der Bauch aufklafft und die Eingeweide hervorquollen, doch er ließ nicht locker und nahm ihr die Arbeit auch nicht ab. „Das ist so eklig“, schimpfte sie, als das Blut auf den Boden lief und sah auf ihre blutbedeckten Hände. „So eklig. Hättest du nicht etwas anderes jagen können. Etwas mit Federn oder so...“ Sie verzog angewidert das Gesicht und hob den Kopf, als sie ein komisches Geräusch von ihm hörte. Der D’arjo sah sie mit einem amüsierten Grinsen im Gesicht an und sie ahnte, dass er es sehr lustig fand, wie sie sich anstellte. Sie hob wütend ihre blutbesudelte Hand und wies mit dem Finger auf ihn. „Reiß dich zusammen! Ich lache auch nicht über dich.“
Seine ausgefahrene Kralle wies wieder auf das Tier und er hob auffordernd die Brauen.
Ailia zerteilte das Tier entsprechend seiner Anweisungen. Verwundert sah sie, wie er einen Teil des Fleisches in einen Korb packte und zu einem weiter entfernt stehenden Zelt brachte und einen Teil zu dem Herero brachte. Als er wieder zurückkam, hatte sie sich nicht gerührt, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte.
Er deutete zum Feuer und ein Teil des Fleisches flog in den Kochtopf, während er die restlichen Stücke mit irgendwelchen Kräutern einrieb und über das Feuer hing.
Ailia stand mit angewidert von sich gestreckten Händen vor ihm und schaute an ihrer Kleidung hinab. Sie sah ekelhaft aus. Und sie stank.
Tec’or grinste schon wieder amüsiert und sie hätte ihm am liebsten mit ihren blutigen Hände das Grinsen aus dem Gesicht gewischt. Er verschwand wieder im Zelt und kam mit Seife, Handtüchern und einem Haufen Sachen wieder. Ailia folgte ihm, als er winkte und stolperte hinter ihm her durch den Wald.
Es waren zirka fünfhundert Meter, als sich die Bäume lichteten und den Blick auf einen breiten Fluss freigaben.
„Oh.“ Ailia sah einige D’arjos im Wasser tollen und einige, die am Ufer saßen, und fand, dass dieser Ort einfach nur idyllisch aussah. Tec’or deutete auffordernd auf das Wasser und setzte sich.
Ailia runzelte die Stirn, während sein Blick gelangweilt zu den anderen D’arjos schweifte und er dann einfach die restliche Landschaft beobachtete. Ailia hätte gern gebadet. Aber ganz bestimmt nicht, während er hier am Ufer saß.
„Heh!“, lenkte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf sich und bedeutete ihm zu verschwinden. Er sah sie an, als wäre sie verrückt geworden und beachtete sie nicht weiter. Ailia griff nach den Sachen. „Ist da was für mich dabei?“
Er seufzte, wahrscheinlich, weil sie ihm auf die Nerven ging und reichte ihr einige der Sachen. Ailia riss sie ihm aus der Hand, schnappte Seife und Handtuch und stürmte den Fluss aufwärts.
Tec’ors Blick folgte ihr fassungslos, bis sie hinter der Flussbiegung verschwunden war. Vielleicht hatte sein Vater Recht und sie war verrückt. Dann zuckte er mit den Schultern, streifte seine Kleidung ab und tauchte in den Fluss. Schließlich war es nicht sein Problem, wenn der Menschenfrau etwas passierte, nur weil sie sich nicht wie eine D’arjo benehmen konnte.
Vergnügt pfeifend schlenderte Ailia vielleicht eine halbe Stunde später zurück zu der Stelle, an der sie Tec’or verlassen hatte. Die d’arjotische weite Stoffhose, die sie jetzt trug, war genau so wie das Shirt recht bequem und in der warmen Luft viel angenehmer als ihre bisherige Kleidung. Tec’or saß noch immer dort, doch sie sah an seinen nassen Haaren und der neuen Kleidung, dass er ebenfalls im Wasser gewesen war.
Nun ja, überlegte sie, wäre vielleicht ganz interessant gewesen, ein wenig eher zurück zu kommen.
Er beachtete sie nicht weiter, sondern stand auf und ging. Ailia folgte ihm wortlos.
Schweigend verzehrten sie das jetzt gebratene Fleisch. Es schmeckte gut und Ailia freute sich, ihrem Magen, der schon bedenklich geknurrt hatte, etwas anzubieten. Das Schweigen allerdings zehrte an ihren Nerven. Aber sie wusste einfach nicht, wie sie etwas von der Sprache lernen sollte, wenn sie seine Gedanken nicht verstand.
Plötzlich tauchte eine D’arjo auf, die von dem Zelt, in das Tec’or das restliche Fleisch gebracht hatte, herüber kam.
„Hallo, Tec. Danke für das Fleisch“, sagte sie lächelnd, während sich Ailia bemühte, einen Zusammenhang zwischen den gedachten und den gesprochenen Worten herzustellen.
„Hallo, Tara. Du weißt doch, ich habe genug davon.“ Ailia bemerkte erstaunt, dass er sogar lächeln konnte.
„Ich habe schon davon gehört.“ Taras Kopf deutet auf Ailia. „Nimm es einfach nicht so ernst, Tec. Du weißt doch, wie dein Vater über dich denkt.“
„Oh ja.“ Er klang sarkastisch. „Aber das reicht noch nicht. Sie versteht kein Wort. Sie kann einfach nichts. Ich musste ihr zeigen, wie man ein Kemu ausnimmt! Ich wette, sie bringt es nicht einmal fertig, sich selbst Kleidung zu fertigen.“
„Kleidung?“ Ailia sah ihn erschrocken an. „Nähen!?“
„Und sie redet irgendwelchen Mist, den niemand versteht!“, fauchte Tec’or in Ailias Richtung. „Und weißt du, was die Krönung war?“ Tara schüttelte belustigt den Kopf und Ailia sah ihn neugierig an. „Sie ist den Fluss aufwärts gegangen, um zu baden!“
„Allein?!“ Tara warf Ailia einen entsetzten Blick zu. „Ist sie verrückt?“
„Würde doch passen, oder? Ich bin verrückt. Warum sie nicht auch“, meinte Tec’or sarkastisch.
„Du bist nicht verrückt. Du bist ... anders“, sagte Tara zögernd.
Tec’or lachte kurz. „Hör auf, Tara. Du würdest mich keines Blickes würdigen, wenn du nicht scharf auf mein Geld wärst.“
Uh? Ailia musterte die hübsche zierliche D’arjo unter gesenkten Lidern. Neugierig, obwohl das sonst nicht ihre Art war, schnüffelte sie weiter in den Gedanken der D’arjo. Eine Hure? Ailia war noch keiner Frau aus diesem Milieu begegnet, aber sie hätte sich denken können, dass es auch auf D’arjo Frauen gab, die einer derartigen Tätigkeit nachgingen.
Tara lächelte nur. „Sicher, dein Geld gefällt mir auch. Aber im Gegensatz zu den anderen mache ich mich nicht über dich lustig und ich habe auch keine Angst vor dir.“ Sie drehte sich um, als ein D’arjo ihr etwas zurief und winkte. „Ich komme gleich.“ Dann sah sie Tec’or. „Soll ich dir die Nacht frei halten oder hast du vor, sie wie eine D’arjo zu behandeln?“
„Sag es ja nicht!“, drohte Ailia, doch als sie sein abfälliger Blick traf, spürte sie einen Stich in der Brust.
„Sie ist eine Menschenfrau“, sagte er nur und Tara nickte wissend. „Aber ich bin zu wütend. Also verbring deine Nacht, wie du willst.“
„In Ordnung.“ Tara wollte gehen, als er sie noch einmal stoppte.
„Tara? Könntest du ihr nicht all die Sachen zeigen, die eine Frau wissen muss?“
„Wie bitte?“, schrie Ailia auf.
„Bist du sicher, dass sie nichts versteht?“, fragte Tara mit einem Stirnrunzeln.
„Hör mal, ich verstehe dich. Ich kann bloß nicht antworten“, rief Ailia vollkommen frustriert.
„Keine Ahnung“, knurrte Tec’or gereizt. „Mir geht das alles so auf die Nerven. Ich habe Kopfschmerzen. Ich will, dass sie verschwindet oder aufhört zu reden.“
Tara hockte sich vor Ailia. „Verstehst du mich?“
„Ja!“ Ailia nickte. „Ja. Ja. Ja.“
„Eda?“ Nein? „El Ges?“ Oder Ja?
„Ges. Ges. Ges“, stieß Ailia hervor.
Tec’or fuhr genauso zusammen wie Tara. „Sie versteht uns?“
Ailia stöhnte unterdrückt. Dann deutete sie mit dem Finger auf Tara. „Des.“ Und ihr Finger wies auf Tec’or. „Eda.“
Jetzt musterten die zwei D’arjo sie vollkommen verblüfft. Und Tara fragte zögernd. „Du verstehst mich?“
„Des.“
„Du verstehst ihn?“
„Eda.“
„Wieso nicht?“ Tec’or klang fassungslos. „Wieso versteht sie dich und mich nicht?“
Tara zuckte mit den Schultern. „Du sprichst unsere Sprache nicht?“
„Eda.“
„Verstehst du alles, was ich sage?“
„Des.“
„Okay, dann erzähl ihr bitte alles, was sie wissen muss.“ Tec’or vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Damit endlich Ruhe herrscht.“
Ailia überlegte, ob sie ihm irgendwie beibringen konnte, dass sie ihn verstand, solange ein anderer D’arjo in der Nähe war, wusste jedoch nicht wie.
„Gut.“ Tara sah sie ernst an. „Das ist Tec’or. Du wirst in seinem Zelt wohnen und er wird dich mit Nahrung versorgen, bis der Kurier das große Menschenzelt erreicht hat und jemand dich abholen kommt. Ich werde dir helfen und dir das Leben im Lager zu erklären, aber ich denke nicht, dass du auf viel Zuneigung oder Verständnis bei den anderen Frauen stoßen wirst. Erstens, weil du in Tec’ors Zelt wohnst. Und zweitens, weil du zwar in seinem Zelt wohnst, aber seinen Geruch nicht trägst. Hast du das alles verstanden?“
„Des.“
„Du musst Tec’or helfen, sein Essen zuzubereiten, seine und deine Kleidung waschen und nähen...“
„Was?!“
Sie musste so entsetzt geklungen haben, dass Tara zu wissen schien, was das Wort bedeutete. „Tec hat es sowieso schon schwer genug hier“, sagte sie scharf. „Wenn in seinem Zelt noch eine Frau wohnt, die nicht einmal die elementarsten Dinge beherrscht, wird man nur noch über ihn lachen!“
Ailia warf dem D’arjo einen nachdenklichen Blick zu, doch dieser sagte nur. „Hör auf, Tara. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Ich habe bisher alles allein gemacht, ich kann es auch jetzt.“
„Und ich kann das alles sowieso nicht.“ Ailia war verzweifelt.
„Wo soll sie schlafen, Tec?“
„Gute Frage, Tec“, echote Ailia und sah den D’arjo wieder an, der jetzt die Augen zusammen gekniffen hatte und sich über die Schläfen fuhr.
„Es sind genug Matten und Decken im Zelt“, murmelte er. „Sie wird schon irgendwas finden...“
Tara sah ihn mitfühlend an. „Kopfschmerzen?“
„Ich muss schlafen“, sagte er nur. „Sag ihr, dass sie einfach mal den Mund halten und mich nicht nerven soll, ja?“
„Des. Des“, mischte sich Ailia ein und er hob müde den Kopf.
„Ich denke, du verstehst mich nicht?“
„Ich muss jetzt weg, Tec. Ich werde erwartet. Wenn du willst, rede ich Morgen noch mal mit ihr.“
Tec’or nickte nur und sah jetzt unheimlich müde aus. Als Tara gegangen war und sich die Stille wieder über das Feuer senkte, warf Ailia ab und zu einen Blick auf den D’arjo, der sie jedoch wieder wie Luft behandelte. Sie hätte gern gewusst, was eigentlich mit ihm war und warum ihn alle in dem Lager für verrückt hielten. Er kam ihr nicht verrückt vor.
Eine Weile später stand er seufzend auf und sammelte die schmutzigen Teller und die Messer ein. Ailia sprang auf. Schließlich wollte sie nicht komplett undankbar sein und Abwaschen war etwas, was sie sicher auch konnte. Sie deutete auf die Teller und in Richtung Fluss und dann auf sich selbst. Tec’or schüttelte den Kopf und zeigte auf den Wasserbottich neben dem Zelt. Das hieß sicherlich, dass sie nicht allein zum Fluss gehen sollte, genau so wie sie eigentlich nicht allein baden sollte. Warum eigentlich nicht?
Wortlos nahm sie ihm die Teller aus der Hand und spülte sie in einem extra Holzeimer. Der D’arjo war im Zelt verschwunden und sie hörte das Rascheln von Kleidung. Er würde doch hoffentlich nicht nackt schlafen? Zögernd linste sie ins Zelt, doch er lag schon auf der Matte und hatte die Decke um sich gewickelt. Ailia stöhnte leise. Ein Hemd trug er jedenfalls nicht. Sie schlich ins Zelt und überlegt, wo sie schlafen sollte.
Tec’or hob noch einmal den Kopf und zeigte auf die zweite Matte, die neben seiner lag. Ailia zog sie demonstrativ noch ein Stück zur Seite, was ihr einen spöttischen Blick von ihm einbrachte, bevor sie sich hinlegte und ihm den Rücken zukehrte.
Mitten in der Nacht fuhr sie erschrocken hoch, weil der D’arjo sich stöhnend auf seiner Matte hin und her wälzte. Ihr wurde himmelangst, als sie die schweißbedeckte Stirn sah und wusste nicht, was sie tun sollte. Doch es dauerte nur ungefähr fünf Minuten. Er beruhigte sich wieder und schlief weiter, ohne noch einmal aufzuwachen.
Ailia aber fand lange keinen Schlaf wieder. Sie fragte sich, was noch so alles auf sie zukommen würde. Und sie fragte sich, ob sie es schaffen könnte - selbst wenn sie die Richtung wüsste - die Station zu erreichen. Vielleicht war es doch besser, einige Zeit hier zu bleiben und die grundlegenden Regeln des Überlebens - Zubereitung von Essen - zu lernen.
Der nächste Tag verlief nicht viel ereignisreicher. Tec’or verschwand schon am frühen Morgen.
Tara kam noch einmal vorbei und erklärte Ailia, wo sie Wasser holen konnte, wo Kräuter gesammelt werden konnten und wo sie die Wäsche waschen konnte. Sie schärfte ihr ein, nicht ohne Tec’ors Begleitung zum Fluss zu gehen und sich nicht aus dem Lager zu entfernen. Es gab bestimmte Stellen, die ähnlich wie eine Toilette benutzt wurden, aber Ailia fand, dass sie derartig stanken, dass sie sie garantiert nie benutzen würde.
Dann folgte sie der D’arjo durch das Lager und hörte sich ihre Erklärungen über Familien, Clans und Clanzugehörigkeiten an. Es fing an, sie zu langweilen. Vor allem, weil sie die abwertenden und spöttischen Gedanken der anderen D’arjo spürte. Und obwohl sie sich einredete, dass es ihr egal sein sollte, ärgerte es sie.
Mit Taras Hilfe merkte sie sich auch ein paar einfache Worte wie Bitte – Enaju, Danke- Taka, Hallo – Hek und einige Höflichkeitsfloskeln: Wie geht’s? – Hom talo? Alles in Ordnung? – Ama Gegolo.
Gegen Mittag ließ Tara sie allein am Zelt zurück und sagte ihr, wenn sie etwas wissen wolle, könne sie ruhig zu ihrem Zelt kommen. Ailia fand die D’arjo sehr nett, vor allem, da sie in ihren Gedanken nichts weiter als Höflichkeit erkennen konnte. Und dass Tara Tec’or mochte, machte sie auch sympathisch. Tara mochte ihn, aber nicht so sehr, dass sie sich entschieden hätte, seine Frau zu werden. Auf eine bestimmte Art und Weise – Ailia grinste bei dem Gedanken – schien er sehr nett zu sein. Und er zahlte gut.
Tec’or war noch immer verschwunden, als Tara sie an Tec’ors Zelt zurück ließ, aber sein Herero lag neben dem Zelt. Ailia musterte das Tier neugierig. Es hob witternd die Nase, als Ailia langsam auf es zuging. Sie schloss die Augen halb, um sich besser konzentrieren zu können und griff vorsichtig nach den Gedanken des Hereros. Da waren Neugier, ein gewisser Respekt und eine unterschwellige Aggressivität. Ailia lebte lange genug mit ihrer telepathischen Gabe und konnte auch Tiere auf Grund ihrer Emotionen einschätzen. Deshalb wusste sie, dass ihr im Moment von dem Herero keine Gefahr drohte. Sie hockte sich neben das Tier und strich sanft über das kurze glänzende Fell. Das Herero zog die Luft ein und seine Augen schlossen sich, als Ailia es hinter den Ohren kraulte.
„Du bist ja ein ganz Süßer“, flüsterte sie, als es anfing zu schnurren. Als sie seinen Kopf los ließ, rutschte das Herero näher zu ihr und stupste sie mit der Nase an. „Was denn?“, fragte sie lächelnd. „Soll ich weiter machen? Weißt du, ich habe im Moment eh nichts Besseres vor. Und wenn du mir zuhörst, finde ich das okay.“
Es dauerte bis zum Abend, ehe Tec’or zurück kam, wieder mit einem Reh auf den Schultern, das er am Feuer fallen ließ. Ein anderer D’arjo, der gerade an dem Zelt vorbei lief, warf einen erstaunten Blick auf das Reh und Ailia fing seine Gedanken auf.
Er hat doch tatsächlich einen Pfeil auf das Kemu abgeschossen. Als ob die dumme Menschenfrau merken würde, wenn er es mit einem Zauber tötet.
Ailia regte sich zuerst über das dumme Menschenfrau auf, bis ihr aufging, was der D’arjo eigentlich gedacht hatte. Nachdenklich musterte sie das tote Tier und dann Tec’or.
Zauber?
Wortlos holte sie das Messer vom gestrigen Tag und versuchte sich zu erinnern, was der D’arjo ihr gezeigt hatte. Dann sah sie, dass der Hals des Kemu in einem unnatürlichen Winkel verrenkt war und stockte. Als hätte jemand sein Genick gebrochen... Aber vielleicht war es gestolpert, als es den Pfeil abbekommen hatte oder noch gelebt und Tec’or hatte es endgültig durch den Genickbruch getötet?
Tec’or beobachtete ihr Tun, ohne die Miene zu verziehen, aber er deutete auch nicht an, dass sie etwas falsch machte.
„Morgen kannst du mal was anderes anschleppen“, murmelte sie. „Damit ich weiß, was man hier so alles essen kann.“ Sie zerteilte das Tier und deutete fragend auf das Herero. Tec’or nickte und runzelte die Stirn, als sie das Fleisch nahm und dem Herero brachte.
„Lass es dir schmecken, Süßer“, sagte sie leise und strich dem Herero kurz über die Mähne.
„Damaron“, meinte der D’arjo und Ailia schrak zusammen, als er plötzlich neben ihr stand.
„Was heißt das?“ Sie sah ihn fragend an.
Er tippte auf ihre Brust und sagte. „Ailia.“ Dann deutete er auf das Herero. „Damaron.“
„Oh. Sein Name.“ Sie lächelte. „Damaron?“
Tec’or nickte und setzte sich wieder ans Feuer. Schweigend reichte er ihr irgendwelche Früchte, die sie nicht kannte, die jedoch sehr gut schmeckten.
„Taka“, sagte Ailia und lächelte ihn schüchtern an.
Er verzog den Mund zu etwas, das man auch Lächeln nennen konnte und deutete auf die Frucht. „Apaja.“
Sie aß also eine Apaja. Toll. Es würde verflucht schwer werden, die Sprache zu lernen.
Nach dem Essen fragte er mit Händen und Füßen, ob sie zum Fluss wolle und sie konnte ihn nicht davon überzeugen, dass sie trotz Taras Hinweis allein gehen wollte. Fluchend folgte sie ihm und hätte gern gewusst, was denn an dem Fluss so gefährlich war. Sie weigerte sich strikt, in seiner Gegenwart zu baden. Tec’or fauchte gereizt, sagte sicherlich etwas in der Art, dass es ihm scheißegal wäre und fing an, seine Sachen abzulegen. Ailia benötigte ganze fünf Sekunden, um sich umzudrehen, Seife und Handtuch zu schnappen und flussaufwärts zu verschwinden.
***********
Tec’or fluchte noch lauter, als sie hinter der Flussbiegung verschwand. Er seifte sich kurz ein, spülte sich ab und verließ das Wasser wieder. Die Kopfschmerzen begannen schon wieder, ihn zu nerven. Er sank ins Gras und er schloss kurz die Augen, um sich zu entspannen.
Dann stieg urplötzlich das Bild einer gefleckten Raubkatze in seinen Kopf und er fuhr hoch. Ein paar Kinder in seiner Nähe warfen ihm scheele Blicke zu und deuteten kichernd auf ihn. Tec’or ignorierte sie und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Dann überlegte er, welche Richtung ihm sein Instinkt in Bezug auf die Jamaronkatze wies und mit einem unguten Gefühl folgte er dem Weg, den die törichte Menschenfrau eingeschlagen hatte.
Ailia hatte ihre Sachen ordentlich am Ufer zusammengelegt und sich in den Fluss begeben. Da diese D’arjos so einen Aufruhr über die Gefährlichkeit des Flusses machten, esperte sie mit wachen Sinnen umher. Sie fing ein paar Emotionen von Tieren, auch Raubtieren, auf, machte sich jedoch keine weiteren Gedanken, weil sie wusste, dass sie sich mit Hilfe ihrer telekinetischen Fähigkeiten recht gut verteidigen konnte. Sie wusch ihre Haare mit der nach Kräutern duftenden Seife, spülte sie aus und verließ das Wasser, als ihre Parasinne Alarm schlugen.
Es war ein Raubtier. Eine Raubkatze. Und sie war auf der Jagd.
Ailia verharrte neben ihren Sachen, ohne sich zu rühren und fixierte den zirka zehn Meter entfernten Waldrand. Dann sah sie den gefleckten Körper der Katze zwischen den Bäumen entlang schleichen. Die Katze witterte in ihre Richtung und schien unschlüssig, wie sie reagieren sollte, weil Ailia sich noch immer nicht rührte, sondern sie einfach nur ansah.
Tec’or dachte, ihn träfe der Schlag, als er über den kleinen Hügel stieg und sah, dass die Jamaronkatze und die Menschenfrau sich in einer nur geringen Entfernung gegenüber standen und sich anschauten.
Renn jetzt bloß nicht weg, dachte er entsetzt und dachte im gleichen Moment, dass sie verloren war, da er keine Frau kannte, die in ihrer Situation nicht rennen würde. Und das würde die Katze als Anlass sehen, die Verfolgung aufzunehmen. Noch war sie unsicher, aber wenn Ailia die Flucht ergriff, würde sie handeln.
Zu seinem Erstaunen rührte sich Ailia jedoch nicht, sondern starrte recht gelassen auf das Raubtier. Tec’ors Körper spannte sich, als er näher schlich und noch immer hoffte, dass die seltsame Starre, die Ailia befallen hatte, noch eine Weile anhielt. Zumindest bis er bei ihr war und sie am Weglaufen hindern konnte.
Ailias Geist griff nach der Katze. Sie fühlte deren Verlangen nach Beute und genau so das Misstrauen, weil sie sich nicht bewegte. Eigentlich gefiel ihr das Tier zu gut, um es zu verletzen und sie hoffte, die Katze würde einsehen, dass sie keine Beute war.
In dem Moment schrak sie zusammen, weil der D’arjo neben ihr auftauchte. „Bist du verrückt!“, zischte sie wütend. „Sich so anzuschleichen!“
Doch er beachtete sie nicht, sondern verfolgte mit wachen Augen die Raubkatze, die jetzt den Kopf gehoben hatte und einen Schritt aus dem Wald trat.
Und Ailia fiel ein, dass sie keinen Fetzen am Leib trug und bückte sich panisch nach ihren Sachen. Er knurrte gereizt, griff ihre Hand und hinderte sie daran, sich zu bewegen.
„Geck yana edak!“
Die Katze verharrte noch immer lauernd. Ihr Kopf pendelte zwischen den beiden Wesen hin und her und Ailia spürte ihren Wunsch, die Beute anzugreifen.
„Hau ab!“, rief sie laut und riss ihre Hand aus Tec’ors Griff los. „Shhh! Verschwinde!“ Telekinetisch tastete sie nach der Katze und schubste sie unauffällig in den Wald zurück. „Kusch! Kusch! Hau ab!“
Die Katze fauchte wütend und schlug nach einem unsichtbaren Gegner, doch sie sprang herum und verschwand im Wald.
Tec’or fauchte genau so wie die Katze. „Am elandor nana es Tharon lek endor! Shan mek esk aron dek Yon!“
„Was hast du für ein Problem?“, knurrte Ailia und bückte sich nach ihrer Kleidung. „Ein Gentleman würde sich jetzt wenigstens umdrehen oder verschwinden!“ Sie knöpfte ihre Hose zu und zog das Hemd über den Kopf. Sie war froh wieder Kleidung zu tragen, obwohl sie nicht bemerkt hatte, dass er sie überhaupt angesehen hatte.
Er knurrte weiter in seinem unverständlichen Dialekt. Ailia ignorierte ihn und marschierte an ihm vorbei zurück zum Lager. Sie hörte ihn hinter sich wettern und fauchen und war eigentlich froh, dass sie ihn nicht verstand.
Tec’or dagegen hätte sie am liebsten erwürgt. Sie war unverantwortlich leichtsinnig. Es reichte nicht, allein eine Stelle zum Baden zu suchen, nein, sie musste auch noch ein Jamaronkatze reizen. Es war einfach Zufall, dass die Katze verschwunden war. Eigenartig, wenn er genau darüber nachdachte. Aber sie hatte einfach Glück gehabt. Sie konnte doch nicht so dumm sein und glauben, alle Raubtiere wären so zahm wie Damaron! Sie würde nie überleben, bis andere Menschen sie abholten. Nie.
Im Zelt angekommen waren seine Kopfschmerzen schon wieder ins Unerträgliche gestiegen, so dass er einfach nur auf seine Matte fiel und die Augen schloss. Er hörte Ailia herumrascheln, als sie unter ihre Decke kroch und wünschte sich, wieder allein zu sein.
**************
Am nächsten Morgen war er schon wieder fort, als Ailia aufwachte und diesmal fehlte auch Damaron. Missmutig aß Ailia noch ein paar von den Früchten und etwas kaltes Fleisch und beschloss, sich umzusehen.
Leider fand sie Tara nicht, hörte aber eindeutige Geräusche und Gedankenfetzen aus deren Zelt und suchte schnell das Weite. Da ihr so ziemlich egal war, ob man in den Wald oder zum Fluss allein gehen sollte oder nicht, schlenderte sie erst ein wenig am Fluss entlang, lauschte den verschiedenen Tieren und versuchte zu espern, welche Tiere es gab. Das beschäftigte sie bis zum Mittag, aber Tec’or tauchte noch immer nicht auf.
Sie fing an, sich zu langweilen und begann, die Gespräche der D’arjos zu belauschen. Das war auch recht eintönig und sie schnappte sich die schmutzige Wäsche und Seife und ging wieder zum Fluss. Es befanden sich mehrere D’arjofrauen an der Waschstelle zusammen mit ein paar Männern, die in einer größeren Entfernung saßen und wahrscheinlich aufpassten. Die Frauen hoben die Köpfe, als Ailia auftauchte, und schauten sie entsetzt an.
„Oh weh. Ich bin allein hier“, murmelte Ailia sarkastisch, als die Gedanken auf sie einströmten.
Wo ist Tec’or? Das kann er doch nicht machen!
Ailia verzog das Gesicht und beobachtete kurz, was die Frauen mit der Wäsche anstellten, ehe sie versuchte, es ihnen nachzumachen. Bald begann sie jedoch das Gespräch zu nerven.
„Das ist wieder ein eindeutiges Zeichen, dass er verrückt ist“, sagte eine D’arjo, deren Kopf mit einem nur kurzen Stoppelfell bedeckt war. „Es ist seine Pflicht, sie zu schützen.“
„Lona!“ Eine andere D’arjo lachte. „Kein D’arjo beschützt eine Frau, die nicht seinen Geruch und sein Zeichen trägt. Und nicht mal Tec’or hat es so nötig, auf eine Menschenfrau zurück zu greifen.“
Ailia funkelte die D’arjo böse an, doch diese beachtete sie gar nicht.
„Wenn er nicht verrückt wäre, wäre er richtig süß“, meinte Lona vor sich hin sinnend. „Tara jedenfalls schwärmt von seinen Fähigkeiten im Bett.“ Sie kicherte.
„Tara schwärmt von allen Männern, die gut bezahlen“, mischte sich die dritte Frau ein. „Tec’or ist feige. Sonst hätte er sich längst an einem der Kämpfe beteiligt. Es gibt immer Frauen, die sich einen neuen Partner wünschen. Vor allen Surana.“
„Ich sage, alle sind froh, dass er sich nicht an den Kämpfen beteiligt. Weil keine einen Verrückten will“, meinte die erste Frau.
Lona schüttelte den Kopf. „Nein, Mara. Surana weiß, dass Tec’or in sie verknallt ist und provoziert deshalb die Kämpfe. Sie hofft, dass er sich mal beteiligt.“
„Und warum tut er es dann nicht? Nein, Surana will einfach den Stärksten. Ihr gefällt es vielleicht, wenn Tec’or sie anhimmelt, aber sie würde sich nie dazu herablassen, ihn zu beachten.“ Mara verzog verächtlich den Mund. „Nicht einmal sein Vater achtet ihn. Sonst hätte er ihm nicht diese Menschenfrau aufgehalst. Mein Mann hat sich halb totgelacht, als er es gehört hat.“
Die dritte Frau lächelte kurz. „Also ich habe gesehen, wie die Menschenfrau Alec die Faust ins Gesicht geschlagen hat und das fand ich lustig.“
Die Köpfe von Lona und Mara fuhren in Ailias Richtung. „Was hat sie?!“, riefen sie gleichzeitig.
„Also ich würde euch das ja gern erklären“, murmelte Ailia und beschäftigte sich mit der Wäsche, als würde sie nichts bemerken. „Ich würde euch auch gern ein wenig ausfragen, aber das geht leider nicht. Vielleicht ein anderes Mal.“ Sie schnappte die nassen Sachen und flüchtete vor weiteren peinlichen Gesprächen.
Tec’or erschien auch am Abend nicht und Ailia wurde unruhig, als es dunkel wurde. Nervös lief sie zu Taras Zelt, lauschte kurz ins Innere und rief nach ihr, als sie bemerkte, dass die Frau allein war.
„Mach dir keine Sorgen“, erklärte Tara. „Es passiert öfter, dass er nicht heimkommt. Spätestens Morgen oder übermorgen ist er wieder da. Das ist auch so ein Grund, warum keine Frau ihn haben will, weißt du. Er ist einfach weg und lässt sie ohne Schutz zurück. Wenn du möchtest, kannst du bei mir schlafen.“
„Eda“, murmelte Ailia entsetzt, weil sie erkannte, dass Tara trotzdem nicht auf ihr Gewerbe verzichten würde. Sie hatte schon zwei Termine für diese Nacht.
Sie ging zurück zu dem jetzt leeren Zelt und bereitete sich selbst aus den Resten vom Vortag ein Essen. Er hätte es ihr doch gesagt oder irgendwie begreiflich gemacht, wenn er vorhatte, länger weg zu bleiben, oder?
************
Tec’or kam am Mittag des nächsten Tages zurück und Ailia fand, dass er scheußlich aussah. Er war blass, mit dunklen Ringen unter den Augen und konnte sich kaum auf Damaron halten. Sein Blick streifte sie kurz, als sie sich neben dem Feuer erhob und sie fing ein gequältes Lächeln auf, als er an ihr vorbei ins Zelt schlurfte und auf seine Matte fiel.
Damaron blieb mit hängendem Kopf, komplett durchgeschwitzt stehen und atmete keuchend. Nachdenklich warf Ailia einen Blick ins Zelt. Tec’or hatte sich ein Kissen über den Kopf gezogen, sich wie ein Baby zusammen gerollt und schien zu schlafen.
Sie ging zu Damaron und befreite ihn von allem, was sich noch auf seinem Rücken befand und nahm ihm die Trense ab. Das Herero schloss die Augen und schnurrte leise, als Ailia ein Handtuch holte und ihn trocken rieb. „Hast du Hunger, Dam?“, fragte sie leise. „Viel ist nicht mehr da. Vielleicht wacht dein Herrchen ja bald wieder auf und besorgt noch was.“ Sie warf das restliche gebratene Fleisch vor ihm auf den Boden und füllte eine Schüssel mit Wasser. „Ich verspreche dir, wenn er es nicht tut, dann gehe ich. Jagen ist etwas, was ich kann. Denke ich.“
„Schau an, das also ist die Menschenfrau!“
Ailias Kopf fuhr herum, aber sie löste ihre Hand nicht von Damaron, als sie den fremden D’arjo fragend ansah.
Der D’arjo hob witternd den Kopf. „Er beansprucht nicht mal dich, unser verrückter Tec, was?“, kicherte er und kam langsam auf sie zu. „So hässlich bist du gar nicht“, stellte er dann fest. „Vielleicht solltest du dir einen anderen Schutz suchen. Einen, der dich auch schützen kann.“
„Ich brauche keinen Schutz, du Idiot!“, knurrte Ailia.
„Hab schon gehört, dass du unsere Sprache nicht sprichst.“ Er beäugte sie von oben bis unten. „Naja. Dass du keine Zähne und keine Krallen hast, ist schon ein Makel. Aber es bedeutet schließlich auch, du kannst niemanden verletzen, nicht wahr. Eigentlich auch ein schöner Gedanke.“
Ailia ließ Damarons Fell los, als der D’arjo noch näher kam. „Ich an deiner Stelle würde mir überlegen, was ich tue. Ich bin Sicherheitsoffizierin und habe eine exzellente Nahkampfausbildung“, warnte sie, doch da er sie eh nicht verstand, konnte er auch nicht darauf reagieren.
„Lass sie in Ruhe!“, kreischte Taras Stimme über den Platz. „Rico!“
Doch es war zu spät. In dem Moment, in dem er nach ihr griff, reagierten Ailias Instinkte, die durch ihre Spezialausbildung geschult waren, und ehe sich der D’arjo versah, flog er über den Boden und landete mit einem entsetzten Keuchen auf dem Boden. Ailia blieb mit in den Hüften abgestützten Händen vor ihm stehen und funkelte ihn an.
„Noch irgendwelche Fragen?“
Tara kam heran gestürzt und ihr Blick wanderte fassungslos zwischen Ailia und Rico hin und her. Dann fuhr sie den D’arjo an. „Was sollte das?! Sie ist eine Menschenfrau! Für sie gelten unsere Gesetze nicht!“
„Warum denn nicht?“, murrte Rico und erhob sich stöhnend. „Sie ist eine Frau. Tec’or sollte es klarmachen, wenn er sie für sich haben will.“
„Verschwinde!“
„Des!“ schrie Ailia Taras Worte. „Egmoni! Egmoni!“
Rico knurrte vor sich hin, ging aber wenn auch widerstrebend weg. Tara sah Ailia nachdenklich an. „Wo ist Tec?“
Ailia deutete auf das Zelt, doch sie griff nach dem Arm der D’arjo, als diese in das Zelt marschieren wollte. „Eda“, sagte sie leise und schüttelte den Kopf.
„Es geht ihm nicht gut?“
Ailia nickte und wünschte sich, fragen zu können, was Tec’or eigentlich fehlte und warum er keinen Arzt oder etwas in der Art aufsuchte. Tara zog sie mit sich und drückte ihr einen Beutel mit Kräutern in die Hand. „Der Tee hilft manchmal gegen seine Kopfschmerzen.“
Ailia nahm ihr die Kräuter aus der Hand. Tec’or hatte sich bis zum Abend nicht gerührt und gerade als Ailia beschlossen hatte, selbst auf Jagd zu gehen, öffnete sich der Zelteingang und sie sah ihn mit seinem Bogen durch den Eingang treten.
Sein Blick fiel auf den ordentlich versorgten Damaron und er lächelte Ailia fast dankbar an. Dann deutete er auf den Bogen und in den Wald und Ailia nickte, obwohl sie sein Weggehen mit gemischten Gefühlen verfolgte. Aber es verging keine halbe Stunde und er war wieder da, diesmal mit einem wildschweinähnlichen Tier.
Damaron bekam den Löwenanteil davon und Tec’or ging zu Taras Zelt, um auch ihr etwas von dem Fleisch abzugeben. Als er wiederkam, fühlte Ailia mit einem unguten Gefühl, dass er sie intensiv musterte und wich seinem Blick aus. Sicherlich hatte Tara ihm haargenau berichtet, was passiert war. Kurz darauf kam Tara mit einem missmutigen Ausdruck im Gesicht zu ihr gestürmt.
„Er hat gesagt, ich soll dir sagen, dass ihm leid tut, was passiert ist, aber er nicht garantieren kann, dass es nicht wieder passiert. Und wenn du gern einen anderen Mann möchtest, der dich beschützt, sollst du dir einen nehmen“, giftete sie mit einem bösen Blick in Tec’ors Richtung. „Ich habe ihm gesagt, dass du viel netter bist als irgendeine D’arjo und dass er einfach mit dir schlafen soll.“ Ailia japste erschrocken. „Aber er weigert sich und sagt, er wäre nicht fähig, eine Frau zu schützen. Das hätte der Tag heute wieder einmal bewiesen. Er ist manchmal so ein Idiot.“
„Tara!“
„Nein, du bist ein Idiot!“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verschwand in ihrem Zelt.
Ailia stand etwas verlegen in der Gegend herum, dann fiel ihr glücklicherweise der Tee ein und sie stellte den Kessel mit dem Wasser auf das Feuer. Sie zeigte Tec’or die Kräuter und dieser nickte erstaunt. Er musterte sie noch immer nachdenklich und sah aus, als würde er gern etwas sagen. Ailia goss den Tee in zwei Tassen, ehe sie ihm versuchte zu fragen, ob ihr der Tee schaden würde. Er schien sie zu verstehen und schüttelte den Kopf. Und selbst wenn es ein Schmerzmittel war, konnte es nicht so viel Schaden anrichten.
Der D’arjo verschwand kurz darauf wieder im Zelt und warf sich auf seine Matratze. Ailia spülte die Teller und Tassen ab, sah noch einmal nach Damaron und füllte seinen Wassernapf neu, ehe sie ebenfalls ins Zelt ging.
Als sie dann auf ihrem Bett lag und die Augen schloss, fiel ihr auf, dass etwas anders war als sonst. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie begriff, was es war und dann jagte es ihr einen gehörigen Schrecken ein. Obwohl sie die Gedanken anderen Menschen so gut wie möglich ausschloss, blieb doch immer ein diffuses Hintergrundrauschen, an das sie sich gewöhnt hatte und das sie verstärken oder weiter abschwächen konnte, wenn sie in den mentalen Äther hinaus griff.
Jetzt war es in ihrem Kopf nur still.
Am nächsten Morgen war das gewohnte Rauschen wieder da und Ailia beruhigte sich etwas. Sie vergaß auch, weiter darüber nachzudenken, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, die d’arjotische Sprache zu lernen.
So gingen fünf Tage ins Land und Ailia gewöhnte sich an das Leben im Lager. Andere D’arjos schienen einen großen Bogen um sie zu machen, während die Frauen hinter vorgehaltener Hand tuschelten und verstummten, wenn Ailia an ihnen vorbei schritt.
Sie lernte, einige Speisen zuzubereiten, unter anderem auch eine Art Brot, das eine Abwechslung zu dem vielen Fleisch darstellte. Tec’or verschwand täglich aus dem Lager, kam aber jeden Abend mit irgendeinem Tier zurück, manchmal ging er mit und manchmal ohne Damaron. Ailia hätte ihn gern gefragt, ob sie das Herero auch einmal reiten durfte, aber dazu fehlten ihr noch die Worte.
Einmal trat sie aus dem Zelt und sah Tec’or neben dem Feuer stehen und in das Lager starren. Ailia folgte seinem Blick. Es war eine schlanke hübsche D’arjo, die lachend am Arm eines Mannes an einem großen Feuer stand. Plötzlich tat er ihr leid, als sie die Traurigkeit in seinen Augen sah und fragte leise:
„Surana?“
Sein Kopf fuhr herum und er starrte sie fassungslos an. Doch er antwortete nicht, sondern sank neben das Feuer und griff nach dem fertigen Fleisch.
In dieser Nacht ging er zu Tara und Ailia fühlte sich plötzlich einsam in dem großen, leeren Zelt.
Und am nächsten Abend tauchte er wieder nicht auf. Auch Damaron war nicht da und Ailia fluchte leise, weil sie sich Sorgen machte. Sie ging ins Zelt, legte sich auf die Matratze und schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Obwohl sie wusste, dass sie Tec’or nicht espern konnte, war es vielleicht möglich, Damaron zu lokalisieren.
Erstaunt richtete sie sich nach einer Weile wieder auf. Damaron befand sich nicht weit entfernt, vielleicht fünf Kilometer und er war äußerst gereizt. Ailias Sorge vertiefte sich noch. Und plötzlich war ihr egal, was Tec’or von ihr halten würde.
Sie stürmte hinaus in den Wald, in die Richtung, die ihr ihre Parasinne wiesen. Selbst, wenn sie nicht Tec’or und nur Damaron finden würde, wäre es ihr egal. Der D’arjo war ihr eine Erklärung schuldig.
Sie rannte die Strecke in einem gemäßigten Tempo, von dem sie wusste, dass sie es eine Weile durchhalten konnte. Trotzdem dämmerte es bereits, als sie die Stelle erreichte, an der sie Damaron geespert hatte und ihr entfuhr ein erschrockener Schrei.
Tec’or lag zusammen gerollt auf dem Boden, während das Herero mit gesträubten Haaren neben ihm stand und in die beginnende Dunkelheit knurrte.
„Damaron“, rief sie und lief auf das Tier zu. Damarons Haare legten sich wieder und er schnurrte kurz, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder der Umgebung widmete. Ailia sank neben dem D’arjo auf die Knie. Er schien bewusstlos zu sein. Vorsichtig griff sie nach seinem Handgelenk, um nach dem Puls zu fühlen, als eine mentale Welle in ihr Bewusstsein krachte.
Schmerz. Grenzenloser Schmerz.
Sie fuhr zurück, als hätte sie sich verbrannte und atmete tief durch. Verdammt. Mit vollster Konzentration begann sie, ihre Mentalblockade aufzubauen und griff erneut nach ihm. Sein Puls raste.
Ailia schluckte nervös. Sie war so dumm gewesen. Jetzt, wo sie wusste, was los war, kam es ihr so unverständlich vor, dass sie nicht schon viel eher auf diesen Gedanken gekommen war. Gerade sie hätte es ahnen müssen.
„Tec?“, flüsterte sie leise und schüttelte ihn. „Tec. Komm, wach auf.“ Sie wusste, was er durchmachte. Sie wusste es ganz genau.
Er reagierte nicht und sie legte ihre Hände an seine Schläfen. Vorsichtig griffen ihre mentalen Fühler nach seinem Gehirn.
Ruhe. Ruhe. Ruhe, suggerierten ihre Gedanken. Entspann dich. Beruhige dich.
Ein Zittern durchlief seinen Körper und ein leises Stöhnen drang aus seinem Mund.
Sie spürte den Schmerz und den Aufruhr in seinem Kopf und versuchte, mit ruhigen Impulsen auf ihn einzuwirken.
Nervös sah sie sich um. Sie musste ihn ins Lager zurück bringen. Sie konnte unmöglich die ganze Nacht hier im Wald verbringen.
Mit Hilfe ihrer telekinetischen Kräfte hievte sie Tec’or auf den Rücken seines Hereros und griff nach den Zügeln. Er stöhnte wieder leise und sein Kopf sank nach vorn. Ailia hörte ihn plötzlich flüstern. Unendlich vorsichtig griff sie wieder in seinen Geist und diesmal spürte sie ihn.
Nicht ... ins ... Lager...
Wohin, Tec?
Höhle ... gleich hier in der Nähe. Damaron ... kennt ... Weg ...
Ailia ließ Damaron los und folgte dem Herero. Es war vielleicht noch einmal ein Kilometer bis sich die Bäume lichteten und Ailia im diffusen Dunkel den Eingang der Höhle erkennen konnte.
Damaron ging schnurstracks hinein und Ailia sah, wie er sich in der Mitte hinlegte. Sie sprang an Tec’ors Seite und half ihm aus dem Sattel. Ein Blick in die Höhle sagte ihr, dass er nicht zum ersten Mal hier war. Im Hintergrund lagen Matten und Decken und sie konnte die Reste eines ausgebrannten Feuers sehen.
Tec’or fiel auf die Matten und schloss die Augen. Damaron legte sich an den Eingang der Höhle und lauschte mit wachen Sinnen in die Dunkelheit. Ailia hatte keine Ahnung, wie sie ein Feuer in Gang bringen sollte, aber sie wollte Tec’or jetzt auf keinen Fall allein lassen.
Seufzend setzte sie sich neben ihn und versuchte sich zu erinnern, wie man ihr damals geholfen hatte. Damals, als ihre mentalen Kräfte begannen sich auszubilden und sie glaubte wahnsinnig zu werden...
Sie schloss ihre Augen und legte ihre Hand auf Tec’ors Stirn. Er musste lernen, das, was in ihm entstand, zu kontrollieren, ehe es ihn kontrollierte. Im Moment konnte sie den Schmerz nur durch beruhigende Impulse lindern, bis die Symptome abklangen und er selbst an der Konzentration seines Willens arbeiten konnte.
Er schien sich etwas zu beruhigen und gleichmäßiger zu atmen. Ailia spürte den Schmerz, der ihr so vertraut war und das Flackern, die abrupt wechselnden Bilder und die mentale Gewalt, die hinter all dem stand. Warum war sie nicht eher auf den Gedanken gekommen?
Eine Stunde später schlief er friedlich, aber Ailia tat kein Auge zu. Sie löste auch ihre Hand nicht von seiner Stirn, sondern überwachte die mentalen Impulse, um sofort reagieren zu können, wenn sein Gehirn durch die Überlastung einen Kurzschluss auslöste. Erst gegen Morgen fiel sie in einen leichten Schlaf.
***********
Tec’or erwachte und hatte zum ersten Mal seit langem das Gefühl, Ruhe zu haben. Er seufzte erleichtert und wollte sich zur Seite rollen, als er neben sich einen fremden Körper spürte. Erschrocken fuhr er hoch und schlug die Augen auf.
Dann stellte er noch erschrockener fest, dass er sich in seiner Höhle befand und neben ihm Ailia lag. Sie schlief mit dem Rücken zu ihm und je länger er sie ansah, um so mehr seiner Erinnerung kam zurück.
Er war auf dem Waldboden zusammen gebrochen. Er hatte es geahnt und versucht, die Höhle zu erreichen, in der er sich sicher unter Damarons Bewachung verkriechen konnte, bis die Schmerzen nachließen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass die Anfälle anfingen, so häufig aufeinander zu folgen. Dann war sie aufgetaucht und an sehr viel mehr erinnerte er sich nicht. Sie hatte etwas gemacht. Etwas, das den Schmerz in seinem Kopf irgendwie abschwächte...
„Ailia?“, flüsterte er.
Sie drehte sich und öffnete verschlafen die Augen. Doch die Müdigkeit verschwand schlagartig, als sie bemerkte, dass er sie ansah.
„Tec?“ Sie atmete tief durch, um sich selbst zu beruhigen und sich zu konzentrieren. Verstehst du mich, Tec?
Er reagierte nicht. Wahrscheinlich hatte sein sich jetzt beruhigter Verstand die mentalen Schranken von allein geschlossen. Zögernd griff sie seine Hand, um eine körperliche Berührung herzustellen, die einen Mentalkontakt erleichterte und fühlte ihn zusammen zucken.
Verstehst du mich, Tec?
Er schrak zurück bis zum Ende der Matte und starrte sie entsetzt an.
Tec, es ist normal. Du kannst mich hören. Entspann dich und antworte mir auf die gleiche Weise. Verstehst du mich?
„Ja“, hauchte er das Wort gleichzeitig akustisch, doch diesmal verstand sie ihn und lächelte.
„Du musst nicht laut reden“, erklärte sie, „aber manchmal ist es hilfreich. Wie geht es dir?"
„Besser.“ Er sah sie immer noch so fassungslos an, als wäre sie ein Gespenst.
„Zumindest weiß ich jetzt, dass du keinesfalls verrückt bist. Seit wann hast du diese ... Anfälle?"
„Schon ewig“, sagte er leise. „Doch jetzt werden sie schlimmer und häufiger.“
„Wie beginnen sie? Oder wie wirken sie sich aus? Was passiert?“ Ailia musterte ihn mitfühlend.
Er antwortete nur zögernd. „Ich bilde mir ein, Stimmen zu hören. Und dann sind da die Kopfschmerzen...“
Ailia nickte. „Ich kenne das, Tec, weißt du. Ich habe das gleiche durch. Nur war ich viel jünger. Und ich hatte eine Lehrerin, die mir half, meine mentalen Kräfte unter Kontrolle zu halten.“
„Ich muss von den anderen weg, wenn es passiert. Es ist gefährlich... Manchmal reicht es, wenn ich etwas denke und es passiert...“
„Was denn?“, erkundigte sich Ailia neugierig.
„Ich... brauche keine Waffen zum Jagen. Ich wünsche mir, dass das Tier tot ist und es fällt um... Und wenn ich es bei einem D’arjo denke...“ Er wich ihrem Blick aus. Sie musste ihn für verrückt halten. Warum erzählte er ihr das?
Ailia lächelte und lehnte sich neben ihn an die Wand. „Pass auf, Tec.“ Sie hob ihre Hand und wies auf das erloschene Feuer. Plötzlich begannen sich die verkohlten Zweige zu heben und schwebten durch die Luft auf sie zu. „Ich wünsche mir, dass die Zweige schweben und sie tun es.“
Tec’or starrte auf die Äste. „Ich bin nicht verrückt?“ Es klang eher wie eine Feststellung.
„Nein, Tec. Bist du nicht. Wir Menschen nennen andere Menschen, die etwas Derartiges können, Mutanten. Das ist so etwas wie ein veränderter Mensch. Du bist ein veränderter D’arjo.“ Sie drehte den Kopf und lächelte ihn wieder an. „Allerdings kann man verrückt werden, wenn man nicht lernt, diese Kräfte zu beherrschen.“
„Deshalb verstehst du Tara?“
„Ja.“ Ailia nickte. „Ich verstehe sie, weil ich ihre Gedanken lese. Und ich konnte dich nicht verstehen, weil dein Gehirn für mich verschlossen war. Das ist normal bei Mutanten. Aber über so etwas habe ich überhaupt nicht nachgedacht.“
„Du meinst, ich lese auch Gedanken?“, fragte er ungläubig und ihm fiel ein, dass es erklären könnte, warum er manchmal schon wusste, was ein D’arjo sagen wollte, obwohl er noch nicht gesprochen hat.
Ailia lachte. „Du liest doch gerade meine, oder? Sonst würdest du mich nicht verstehen.“
Sie ließ die verkohlten Äste zurück schweben. „Vielleicht ist dir jetzt auch klar, warum ich keine Begleitung beim Baden brauche.“
Er grinste verstohlen. „Ich nehme fast an, du brauchst gar keinen Schutz.“
„Endlich mal jemand, der das kapiert.“ Sie stand auf. „Fühlst du dich gut genug, um ins Lager zurück zu kehren. Ich habe nämlich Hunger.“
Er nickte und stand ebenfalls auf. „Was hast du getan? Mein Kopf fühlt sich nicht mehr an wie ein Brummkreisel.“
„Ich habe dir nur geholfen, dich zu beruhigen. Es ist die Panik und der Stress, die dein Gehirn durchdrehen lassen. Wenn zuviel auf dich einstürmt: Gefühle und Gedanken, schaltet dein Kopf durch Überlastung ab. Bei einem Mutanten können sich die mentalen Kräfte dann verselbständigen. Dinge beginnen, um dich herum zu fliegen, oder ähnliches. Ich habe mal einen Teleporter in der Ausbildung beobachtet, der plötzlich nur noch pausenlos ent- und wieder rematerialisierte und keine Kontrolle mehr darüber hatte. Alles, was du lernen musst ist, die Ruhe zu bewahren und die Kräfte beherrschen.“
„Das hört sich einfach an. Und dann verschwinden die Kopfschmerzen?“
„Ja.“
Tec’or schwang sich auf Damaron und streckte Ailia die Hand hin, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. „Halt dich an mir fest“, wies er sie an, als das Herero sich in Bewegung setzte.
Tec’or drehte noch einmal den Kopf. „Ich danke dir“, sagte er leise.
***********
Sie begannen mit dem Training noch am selben Tag.
Wieder im Lager angekommen, liefen sie als erstes Tara über den Weg, die sich jetzt auch Sorgen gemacht hatte, weil Ailia zusammen mit Tec’or fehlte. Sie war erleichtert zu hören, dass nichts passiert war und noch erfreuter, als Tec’or ihr sagte, er würde Ailia jetzt verstehen. Sie begriff zwar nicht warum, aber als ihr Ailia über Tec’or mitteilen ließ, sie würde versuchen, ihm zu helfen, war ihr der Rest egal.
Ailia sah, wie die D’arjo kurz in ihre Richtung witterte und dann Tec’or einen bösen Blick zu warf. Tec’or ignorierte sie und sie sagte nichts, aber Ailia spürte ihre Gedanken.
Er ist ein Dummkopf. Es wäre auch für sie einfacher, wenn sie seinen Geruch tragen würde.
Ailia nahm sich vor, Tec’or bei Gelegenheit nach dieser komischen Geruchssache zu fragen. Und da sie nicht fand, dass sie es schwer hatte, verschwendete sie keinen weiteren Gedanken daran.
Sie aßen etwas und beschlossen, einen ruhigen Platz zu suchen, an dem sie nicht fortlaufend von den Gedanken anderer D’arjos gestört wurden.
Eine Stunde später saßen sie flussabwärts am Ufer und Ailia erklärte dem D’arjo die einfachen Grundlagen der terranischen Entspannung.
„Die Atmung beeinflusst den Geist. Wenn du dich auf deine Atmung konzentrierst, beruhigst du dich allein schon durch diese Konzentration. Du wirst von anderen Dingen abgelenkt, weil du darauf achtest, wie du atmest. Und wenn diese Technik dir in Fleisch und Blut übergegangen ist, kannst du anfangen, an etwas Entspannendes zu denken.“
Tec’or sah sie skeptisch an. „Und das soll helfen?“
„Es ist ein Anfang.“ Ailia legte sich rückwärts in Gras und klopfte neben sich. „Und ich habe keine Ahnung, ob es bei D’arjos schwieriger oder einfacher ist. Du musst lernen, deine Kräfte zu benutzen und nicht abwarten, bis sie dich benutzen.“ Sie wartete, bis der D’arjo lag. „Schließ die Augen und konzentrier dich auf deine Atmung. Wir nennen das Meditieren. Und es tun auch Nichtmutanten zur Entspannung und um ihren Geist von überflüssigem Stress zu befreien.“
Sie konnte förmlich spüren, dass er sie für etwas abgedreht hielt, aber es störte sie nicht, solange er tat, was sie sagte. Denn was sie nicht erwähnt hatte, war, dass ein Mutant – ein unausgebildeter Mutant – durchaus eine Gefahr für seine Umgebung werden konnte.
Er gab sich Mühe und da es ihm Moment recht gut ging, hatte er die Atemtechnik recht bald begriffen.
„Wie ist das, Tec. Spürst du die Gedanken anderer D’arjos immer oder nur manchmal oder nur in bestimmten Situationen?“, fragte sie weiter, um sich einen Überblick über seine Begabung zu verschaffen. „Lass die Augen zu!“
„Ich kann es nicht beeinflussen“, sagte er leise. „Manchmal weiß ich, was ein anderer sagen will und manchmal nicht. Manchmal höre ich ein unwahrscheinliches Rauschen in meinem Kopf und viele Stimmen scheinen durcheinander zu schwirren...Und Emotionen, die spüre ich sehr oft.“
„Das mit den Tieren klappt immer?“
Er lachte leise. „Damit habe ich viel Übung.“
„Hast du mal versucht, etwas anderes zu bewegen. So wie ich mit dem Holz?“
„Ist das dasselbe?“
„Es ist die gleiche Kraft.“
„Nein, habe ich nicht.“
„Träumst du von Ereignissen, die dann auch eintreten?“
Jetzt öffnete er seine Augen wieder und drehte seinen Kopf zu ihr. „Nein.“
„Hast du schon mal blitzartig den Platz gewechselt, nur weil du dir gewünscht hast, woanders zu sein?“
Er grinste schief. „Nein und ich habe mir oft gewünscht, woanders zu sein.“
Ailia lächelte auch. „Mach die Augen wieder zu. Ich werde jetzt so denken wie ein normaler Mensch – ich meine D’arjo. So, als könnte ich meine Gedanken nicht verbergen. Entspann dich und lass deine Sinne schweifen. Stell dir vor, du würdest dich umhören oder umsehen in deinem Kopf und dann sag mir, was du siehst, okay?“
Es dauerte eine Weile, doch Ailia unterbrach ihn nicht und dann sagte er in einem komischen Ton: „Eine Menge Wasser.“
„Was noch?“
„Was ist das?“
„Das Meer. Eine Landschaftsform auf der Erde.“
„Das gibt es wirklich?“ Dann beschrieb er ihr haargenau, was er in ihrem Kopf sah.
„Das ist gut“, meinte Ailia. „Du machst das gar nicht schlecht.“
„Das ist auch nichts anderes als zu spüren, was Tara fühlt“, kicherte er.
Ailias Kopf fuhr hoch. „Was?!“
„Kann ich die Augen jetzt wieder aufmachen?“
„Ja doch. Was ist mit Tara?“ Sie versuchte, nicht allzu neugierig zu klingen.
„Ich weiß immer, was Tara gern möchte. Oder was ihr gefällt...“ Er hatte seine Hände hinter dem Kopf verschränkt und starrte in den blauen Himmel. „Beim Sex, meine ich. In dem Moment wünsche ich mir immer zu wissen, was sie will und dann weiß ich es.“
Oh Gott, er war doch verrückt. Ailia sah ihn fassungslos an. Sie selbst tat genau das Gegenteil. Sie verschloss ihren Geist völlig, weil es manchmal regelrecht abtörnend war, die Gedanken des Partners zu lesen. Und das war einer der Gründe, warum sie ihre Partner recht häufig wechselte. „Das ... das stört dich nicht?“, fragte sie zögernd.
„Nein“, meinte er freimütig, als wäre es keine Frau, mit der er sprach. Und Ailia nahm an, dass er sie auch nicht als Frau im sexuellen Sinn sah. „Ich finde es toll. Ich weiß gar nicht, wie die anderen D’arjos ihre Frauen glücklich machen, ohne diese manchmal komplizierten Wünsche wissen zu können.“
Komplizierte Wünsche? Ailia zwang sich gewaltsam, das Gespräch wieder auf ein unverfängliches Thema zu lenken, ehe sie anfing, darüber nachzudenken, was er mit Tara alles anstellte. „Wie lange dauert es eigentlich bis ein Kurier die Station erreicht?“
„Ein Jahr, nehme ich an. Plus minus ein, zwei Monate.“
Ailia kippte kreidebleich zurück ins Gras und schlug die Hand vor den Mund. „Oh nein...“ Das war ein Witz. Das musste ein Witz sein.
Tec’or richtete sich auf und schaute erstaunt in ihr Gesicht. „Was ist mit dir?“
„Ein Jahr?“, brachte sie mühsam hervor. „Ein JAHR?“
„Es sind bestimmt dreihundert Tagesritte“, sagte er stirnrunzelnd. „Und der Kurier muss sich unterwegs mit Nahrung versorgen, mit Kleidung. Er muss irgendwo übernachten. Also ich denke, er braucht mindestens 350 Tage.“
Ailia fühlte wie Tränen in ihre Augen stiegen und versuchte, sie krampfhaft schluckend, zurück zu halten. Sie wollte nicht weinen. Sie hatte nie geweint. Und schon gar nicht in Gegenwart von irgendjemand. Schließlich war ein Jahr keine Ewigkeit. Oder?
Tec’or beobachtete erschrocken, wie sie um ihre Beherrschung kämpfte. „Du brauchst keine Angst zu haben“, versuchte er sie zu beruhigen. „Ich werde für dich sorgen.“
Als ob das ihr Problem wäre! Sicherlich suchte man auch nach ihr. Vielleicht fand man den Gleiter.
Vielleicht fand man das Lager der D’arjos.
Vielleicht kam der Kurier nie an!
Ailia sprang auf und stürzte davon, ehe die Tränen begannen über ihr Gesicht zu laufen.
Tec’or starrte ihr stumm und fassungslos nach. Was war mit ihr? Zögernd stand er auf und wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Sie war weggerannt. Wahrscheinlich wollte sie allein sein und da er wusste, dass sie seinen Schutz nicht brauchte, hätte er es auch akzeptiert. Er selbst wollte auch manchmal nur allein sein. Wenn nicht dieser Ausdruck in ihrem Gesicht gewesen wäre. Entsetzen. Warum?
Ailia war wenige hundert Meter weiter wieder zusammengebrochen. Sie saß am Ufer, die Knie angezogen und hatte schluchzend ihren Kopf in ihren Armen vergraben. Ein Jahr, hämmerte es in ihrem Kopf. Ein Jahr ohne Menschen. Ein Jahr unter D’arjos und deren gehässigen Gedanken. Ein Jahr, ohne mit jemandem wirklich reden zu können...
Tec’or setzte sich vorsichtig wieder neben sie und bemerkte, wie ihre Schultern bebten.
„Geh“, murmelte sie leise. „Lass mich allein.“
Sie war traurig. Wenn Tara traurig war, nahm er sie einfach in den Arm, doch wie eine Menschenfrau reagieren würde, wenn er es tat, konnte er nicht sagen. Aber schließlich hatte sie ihm auch geholfen und er konnte sie hier nicht einfach weinen lassen.
„Kann ... ich irgendetwas tun?“, fragte er zögernd.
Ailia hob den Kopf. „Was denn?“, erkundigte sie sich bitter.
Ihre Wangen waren nass durch die Tränen, die aus ihren Augen liefen und er fühlte sich irgendwie hilflos. „Ich verstehe dein Problem nicht.“
„Mein Problem?!“, schrie sie. „Was glaubst du, wie ich mich fühle? Ich sitze in einem Zeltlager voller D’arjos fest, die mich nicht verstehen und die an nichts anderes denken, als daran, was für ein minderwertiges Exemplar und was für eine Last ich bin! Ich kann mit niemandem reden! Ich will diese gehässigen Gedanken, die abwertenden Blicke und die Verachtung nicht ein ganzes Jahr ertragen. Ich wollte allein zur Station aufbrechen! Aber ich konnte es niemanden sagen! Ich komme allein bis dahin! Ich brauche nur die Richtung!“ Sie schluchzte wieder und vergrub ihr Gesicht in den Armen. „Ich will hier nicht bleiben. Ich will nach Hause. Ich halte hier kein ganzes Jahr aus...“
Tec’or warf all seine Bedenken über den Haufen. Er streckte zögernd seinen Arm aus und strich ihr beruhigend über den Rücken. Er ahnte, wie sie sich fühlte. Schließlich spürte er selbst die Verachtung der anderen D’arjos jeden Tag. Und dass sein Vater Ailia in sein Zelt gesteckt hatte, trug nicht dazu bei, ihr Ansehen zu heben. Jetzt war sie nicht nur eine eigenartig aussehende Menschenfrau. Nein, damit zeigte sein Vater jedem, dass sie so komplett abstoßend war, dass niemand, der klar bei Verstand war, die Bürde auf sich nehmen wollte, für sie zu sorgen. Tec’or war wütend auf seine eigenen Artgenossen. Niemand würde von einem D’arjo verlangen, dass er einer Menschenfrau seinen Geruch gab. Aber wenn sie ein angesehener D’arjo in sein Zelt aufgenommen hätte, nur um für sie zu sorgen, hätte sie es einfacher.
„Ailia“, sagte er leise. „Ich kann nichts daran ändern, dass es ein Jahr dauert. Aber ich kann mit meinem Vater reden. Wenn du im Zelt eines anderen D’arjos leben würdest... sie würden anfangen, dich mit anderen Augen anzusehen.“
Sie hob wieder den Kopf und sah ihn mit ihrem tränenüberströmten Gesicht an. „Tec, ich habe die ganzen Gespräche verfolgt. Wie sie sich entsetzt geweigert haben... Und wie froh sie waren, als dein Vater auf den Gedanken mit dir kam. Selbst du...“ Sie starrte über den Fluss. „Nein, Tec. Wenn es nach mir gehen würde, hätte ich ein eigenes Zelt.“
„Das hat nur eine Frau wie Tara...“, sagte er leise.
Ailia grinste schief. „Ich glaube nicht, das irgendein D’arjo zu einer Menschenfrau käme, wenn er Sex will.“ Müde fuhr sie sich durch die Haare. „Schließlich habe ich keine Zähne und keine Krallen und Gestrüpp auf dem Kopf...“
Tec’or lachte leise und nahm eine der dunklen lockigen Strähnen zwischen seine Finger. „Deine Haare sind wirklich eigenartig.“
Sie schlug ihm böse auf die Hand. „Hör auf. Ich lasse mich auch nicht darüber aus, wie hässlich ich D’arjos finde!“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich dich hässlich finde“, verteidigte er sich. „Du siehst … ungewöhnlich aus.“
Ailia wischt über ihre Augen und schniefte. „Verdammt, wieso heule ich eigentlich?!“ Sie warf Tec’or einen Seitenblick zu. „Kannst du mir nicht sagen, wie ich zu der Station komme und ich verschwinde?“
„Niemand, Ailia, lässt eine Frau allein durch das Land ziehen, auch keine Menschenfrau“, sagte er ernst und sie verzog das Gesicht. „Versprich mir, es nicht zu tun, ja?“
„Das werde ich nicht“, brummte sie böse. „Ich werde dir helfen, deine mentalen Kräfte zu stabilisieren und wenn mir dann der Kragen platzt, bin ich weg!“
Es war eine Woche später, als Ailia in der Nacht wieder hoch schreckte, weil sich Tec’or im Schlaf ruhelos von einer Seite auf die andere wälzte und leise stöhnte.
Jetzt, nachdem sie wusste, was ihm fehlte, spürte sie die mentale Aura, die ihn umgab und die sich jetzt flackernd verstärkte und wieder abflaute.
„Tec“, rief sie flüsternd und kroch zu seiner Matratze. „Tec?“ Sie schüttelte den D’arjo an der Schulter. Wie beim letzten Mal reagierte er nicht, aber sie sah an seinem schweißbedeckten Gesicht und den zusammen gepressten Lippen, wie er gegen sich selbst kämpfte. Sie hob ihre Hand und legte sie wieder auf seine Stirn. Wie ein beruhigender Fächer legten sich ihre Mentalimpulse auf seinen gequälten Geist und sie spürte, wie das Flackern abschwächte. „Tec?“
Mühsam öffnete er seine Augen und wollte erschrocken hochfahren, als er ihre Hand auf seiner Stirn fühlte.
„Konzentrier dich auf deine Atmung, Tec. Versuch, die Schmerzen zu ignorieren und atme. Ein. Aus. Ein. Aus…“, sagte sie leise, ohne damit aufzuhören, mental beruhigend auf ihn einzuwirken.
Er seufzte leise und seine Augen schlossen sich, während er versuchte, seine keuchende Atmung und den rasenden Puls unter Kontrolle zu bekommen. „Dieser Schmerz im Kopf“, hauchte er. „Er macht mich wahnsinnig…“
„Ich weiß.“ Sie spürte unter ihrer Hand, wie sich das mentale Chaos abbaute. Langsam, und sicherlich bohrten noch immer die Kopfschmerzen, aber die schrillen Panikausläufer verloren sich. Sie löste ihre Hand von ihm und zuckte überrascht zusammen, als er plötzlich nach ihrem Handgelenk griff.
„Wie machst du das?“, fragte er müde und sah sie mit diesen unwahrscheinlich gelben Augen nachdenklich an. „Du schwächst den Schmerz ab. Wie machst du das?“
„Ich kann das nicht mit Worten beschreiben. Ich versuche einfach, dich zu beruhigen. Ohne etwas zu sagen. Ich *wünsche* mir, dass du dich beruhigst.“
Tec’or lächelte schwach und ließ ihre Hand los. „Es funktioniert gut…“
****************
Ein Monat
Ailia stöhnte leise genervt. Bis zu diesen Frauen schien es noch nicht durchgedrungen zu sein, dass sie die D’arjos verstand, wenn sie sich unterhielten. Sie hatte gehofft, am späten Abend den Waschplatz relativ leer vorzufinden, aber ihre Hoffnungen verflüchtigten sich, als sie die vier Frauen sah.
Zwei kannte sie schon. Es waren Lona und Mara. Ailia biss die Zähen zusammen und beschloss, so zu tun, als wären sie nicht da. Das gestaltete sich als sehr schwierig, da die Frauen ihre Ankunft sofort als die Gelegenheit auffassten, sie zum Gesprächsthema zu machen. Und natürlich Tec’or.
„Ich verstehe nicht, wieso er sie nicht unter seinen Schutz nimmt“, meinte Lona und Ailia fiel wieder ein, dass sie Tec’or nach diesen Schutzbeziehungen fragen wollte.
Eine der ihr unbekannten D’arjos lachte. „Wenn er mit einer Menschenfrau schläft, macht er sich komplett lächerlich.“
„Nein, Surana. Sie lebt jetzt einen Monat in unserem Lager und versucht, sich wie eine D’arjo zu benehmen. Ich finde, es wäre seine Pflicht.“
Echt?, dachte Ailia verblüfft und dann: Surana? Sie schielte zu der D’arjo, die jetzt herablassend in ihre Richtung blickte.
„Seine Pflicht?!“ Surana lachte wieder. „Er weiß gar nicht, was das ist. Und außerdem, schaut sie euch doch an. Kein Mann, der bei Verstand ist, nimmt eine Menschenfrau in sein Bett. Sie ist doch nicht mal hübsch.“
Blöde Kuh, dachte Ailia.
„Er sorgt für sie, als wäre sie seine Frau“, entgegnete Mara. „Und er sorgt für Tara. Soviel Pflichtbewusstsein hat er.“
„Tara!“ Surana klang abfällig. „Er braucht eine Hure, weil er keine andere kriegen kann. Ich bräuchte nur mit dem kleinen Finger zu winken und er würde gekrochen kommen.“
Tec, du bist ein Idiot, wenn du diese Frau liebst.
Lona kicherte. „Warum tust du es nicht? Tara erzählt nur die besten Dinge über ihn.“
„Er bezahlt sie. Wer würde über seine beste Geldquelle etwas Schlechtes sagen“, meinte Surana abfällig.
„Tara sagt, er wäre einsame Spitze im Bett. Er würde sie jedes Mal – jedes Mal! - zum Orgasmus bringen!“, flüsterte Lona hinter vorgehaltener Hand.
Ailia hob kurz eine Augenbraue, als sie Suranas Gedanken vernahm. Wirklich? Das wäre ja Wahnsinn. Doch sie sagte nur sarkastisch: „Die spinnt doch. Wahrscheinlich soll sie es erzählen und er bezahlt sie dafür auch.“
Tara, du solltest mal nicht so viel erzählen.
„Suri, kannst du das von deinem Mann behaupten?“, spottete Mara. „*Würdest* du das von deinem Mann sagen?“
„Ja, Surana, nun rück mal mit der Sprache raus“, sagte Ailia ironisch.
Surana wurde puterrot. „Natürlich!“, giftete sie und die drei Frauen lachten. Ailia schenkte sich den Blick in ihren Kopf. „Und soll ich euch mal etwas sagen? Ich habe den stärksten Mann, den geachtetsten Mann. Ich würde einem Verrückten nicht einmal gestatten, meine Hand zu küssen, selbst wenn er auf Knien darum bettelt!“ Wutentbrannt drehte sie sich um und stürzte davon.
Die drei verbliebenen D’arjos sahen ihr eine Weile nach und kicherten wieder. Dann fragte Mara: „Echt? Hat das Tara gesagt?“
„Sie hat noch ganz andere Dinge erzählt. Zum Beispiel…“
Ailia flüchtete. Sie hatte absolut keinen Bedarf, in Taras Liebesleben eingeweiht zu werden.
Nachdem sie die nasse Wäsche auf die Leine gehängt hatte und es langsam finster wurde, ging sie ins Zelt. Tec’or lag auf seiner Matte auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verschränkt.
„Was machst du?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich meditiere.“
Ailia ließ sich neben ihm auf ihrer Matte auf dem Bauch fallen und stütze sich auf ihre Ellenbogen. „Du solltest Tara vielleicht mal sagen, dass sie nicht überall erzählen soll, wie du im Bett bist.“
Er öffnete die Augen und drehte den Kopf in ihre Richtung. „Was?“
„Ich konnte nicht verhindern, dass sie sich darüber unterhielten. Tara hat dich in den höchsten Tönen gelobt und die haben darüber diskutiert, ob es stimmt.“
„Ob was stimmt?“
Ailia verdrehte die Augen. „Ob es stimmt, dass sie jedes Mal einen Orgasmus hat.“
Tec’or lachte und schloss seine Augen wieder, als er ihre Atemübungen wieder begann.
„Stimmt es?“ Oh Gott, das hatte sie jetzt nicht gefragt. Sie war froh, dass es recht dunkel war und er nicht sehen konnte, wie ihre Wangen glühten. Erschrocken über sich selbst, setzte sie schnell hinzu. „Nein, nein, vergiss die Frage. Ich will es nicht wissen. Das ist … zu persönlich. Obwohl…“, überlegte sie weiter. „… interessant wäre es schon, wenn es wahr wäre…“ Er drehte wieder den Kopf und sah sie an. Ailia grinste schelmisch. „Ist es wahr?“
„Ich spüre sie“, sagte er lächelnd. „Ich weiß, was sie will und was sie braucht. Und ich weiß auch definitiv, dass es stimmt. Und meinetwegen kann sie es im ganzen Lager erzählen.“
„Warum hast du sie nie zur Frau genommen?“ Ailia stützte ihren Kopf auf ihren Ellenbogen. „Ich meine, sie mag dich und du sie auch.“
„Ich habe sie gefragt.“ Er drehte sich zu ihr um und sah plötzlich sehr ernst aus. „Ich war noch sehr jung damals. Tara ist bedeutend älter als ich. Und sie ist im Gegensatz zu anderen Frauen sehr selbständig und selbstbewusst. Sie sagte, sie wäre nicht die richtige Frau für mich und heute weiß ich, dass sie Recht hatte. Ich mag sie. Wirklich gern. Aber mehr nicht.“
„Du schläfst mit ihr!“
Tec’or runzelte die Stirn. „Ja und? Mit ihr schlafen eine Menge Männer. Das ist ihre Art, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und sie liebt es, glaub mir. Sie würde in einer normalen Schutzbeziehung nicht leben können.“
„Was sind das für Schutzbeziehungen? Das ist auch so etwas, was pausenlos wieder aufkommt, wenn ich irgendwo auftauche. Und was bedeutet die Sache mit deinem Geruch, den ich nicht trage?“
Tec’or schwieg eine Weile. „Wenn ein D’arjo sich eine Frau nimmt“, begann er langsam. „geht er eine Verpflichtung ein. Er verspricht, für sie zu sorgen, sie zu schützen und sie zu verteidigen. Und auf ihren Wunsch hin wird er beweisen, dass er ihrer noch würdig ist, indem er einen Herausforderer besiegt, wenn sie einen Kampf fordert. Diese Beziehung wird besiegelt in dem Moment, in dem er mit ihr schläft. Er wird sie beißen, sie also mit seinem Zeichen versehen und sein Geruch wird solange an ihr haften, wie sie ihn in ihr Bett lässt.“
„Beißen?“, piepste Ailia ungläubig.
Er grinste so, dass sie seine Zähne sehen könnte. „Wir sind Raubtiere, Menschenfrau.“
„Das ist ganz schön barbarisch“, meinte sie. „Und tut weh. Eigentlich ist es ein Glück, dass ich so hässlich bin und niemand auf den blöden Gedanken kommt, mir seinen Geruch verpassen zu müssen. Hast du Tara gebissen?“
„Nein.“
„Nein? Nie?“
Er lachte. „Tara stellt an alle Männer, denen sie ihren Körper zur Verfügung stellt, eine Bedingung: Kein Biss. Kein Zeichen. Damit niemand behaupten kann, sie gehöre ihm.“
„Oh“, machte Ailia. „Das ist wirklich eine komische Gesellschaft.“
Und schaudernd dachte sie daran, dass es auch hätte anders kommen können. Dass sich die D’arjo danach rissen, ihr einen Geruch zu verleihen und sie sagte sich, dass sie weitaus besser mit der Verachtung klar kam als mit dem Gedanken an Reißzähnen in ihrem Hals.
************
Zwei Monate
„Ailia?“ Tec’or stürzte den schmalen Pfad entlang, der zu der Badestelle führte, die Ailia im Normalfall bevorzugte. Er stolperte fast über seine eigenen Beine, weil er es nicht erwarten konnte, sie zu finden.
Ailia befand sich im Wasser und starrte ihn wie vom Donner gerührt an, als er plötzlich am Ufer stand. „Was willst du hier?“, kreischte sie. „Ich dachte, wir hatten geklärt, dass ich dich beim Baden nicht brauche!“
Sie sprach in einem Mischmasch von d’arjotischen Worten und terranischen, wenn sie das Wort in D’arjo nicht kannte. Tec’or verstand sie und amüsierte sich manchmal köstlich über ihre Aussprache. Doch mit einem verbissenen Eifer bestand sie darauf, die Sprache zu lernen und verlangt von ihm, dass er versuchte, seine Gedanken zu verbergen, damit sie sein D’arjo selbst übersetzen musste. Natürlich würde es noch eine Weile dauern, ehe sie perfekt sprach, aber sie begann, sich verständigen zu können.
„Komm raus!“, rief er aufgeregt. „Ich muss dir etwas zeigen.“
„Ich denke gar nicht dran.“ Ailia war wütend. Manchmal kam es ihr so vor, als würde er vergessen, dass sie eine Frau war, weil er keinen Gedanken an einen sexuellen Hintergrund mit ihr verband. Sie vergaß es nicht. Und D’arjo hin oder her. Sie würde jetzt nicht splitterfasernackt an das Ufer marschieren.
„Schau mal!“ Er hob seine Hand, als sie sich nicht rührte und Ailia bemerkte, dass ein Stein auf der Handinnenfläche lag. Plötzlich hob sich der Stein wie von Geisterhand angehoben und begann zu schweben.
Ailias Kiefer klappte nach unten. Er schaffte es tatsächlich. Sie hatte nicht für möglich gehalten, dass er die Konzentration dafür so schnell aufbrachte.
„Das ist Wahnsinn!“, jubelte sie, vergaß ihre vorherigen Bedenken und stürmte ans Ufer. „Tec, ich wusste, dass du es kannst. Ich wusste es.“ Ihre Augen verließen den schwebenden Stein nicht, den der D’arjo noch immer in der Luft hielt.
Sie griff nach ihrer Kleidung, die auf dem Boden lag, als der Stein mit einem Plumps auf der Wiese landete. Ailia lachte. „Du musst die Konzentration halten. Wenn du mehr Übung hast, wird es dich keine Anstrengung mehr kosten. Aber am Anfang musst du versuchen, nur an den Stein zu…“ Sie verstummte, weil sie bemerkte, dass er sie anstarrte und es war sehr leicht festzustellen, was seine Konzentration gestört hatte.
Fluchend verhedderte sie sich fast in dem Hemd, als sie es über ihren Kopf zog und funkelte ihn wütend an, während sie mit den Knöpfen ihrer Hose kämpfte.
Tec’or legte plötzlich den Kopf schief und lächelte sie an. „Also so sehr unterscheidest du dich gar nicht von einer D’arjo…“
Ailia wurde erst blass und dann rot. „Du müsstest es eigentlich wissen!“, fauchte sie. „Schließlich hast du mich schon einmal gesehen!“
„Da habe ich dich ja nicht angesehen“, meinte er unschuldig. „Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.“
Sie fluchte. „Vielleicht zeigst du mir das noch mal mit dem Stein und schaffst es jetzt ein wenig länger?“, erkundigte sie sich ironisch.
Tec’or setzte sich, noch immer grinsend und klopfte auf den Platz neben sich. Missmutig ließ sich Ailia neben ihm nieder und beobachtete, wie er den Stein wieder in seine Handfläche legte und ihn fixierte. Nichts passierte.
Ailia wartete eine Weile, ehe sie selbst mit ihren Parasinnen in seine Richtung griff und ein totales Chaos traf. „Was machst du denn?“, fragte sie erschrocken. „Tec, wenn so ein Wirrwarr in deinem Kopf herrscht, schaffst du es nie. Sieh den Stein an und konzentrier dich auf ihn.“
Es passierte wieder nicht.
„Es geht nicht mehr.“ Tec’or klang traurig. „Wieso nicht?“
Ailia rutschte näher an ihn heran und ergriff seine freie Hand. Er drehte verblüfft den Kopf. „Schließ deine Augen“, befahl sie leise. „Wir reden jetzt nicht mehr laut.“ Sie schloss ihre Augen ebenfalls und tastete vorsichtig über den körperlichen Kontakt zu seinem mentalen Bewusstsein. Sie hörte ihn scharf die Luft einziehen, als er die Kontaktaufnahme spürte.
Beobachte, was ich tue. Folge meinem Bewusstsein.
Da war Neugier. Und auch etwas Angst. Ailias Sinne glitten seine Hand entlang bis zu dem Stein, dessen blasses totes mentales Abbild sie jetzt vor ihrem geistigen Auge sah. Und genau so sah es der D’arjo, der ihr fasziniert folgte. Ihre mentalen Fühler webten ein Gespinst um den Stein und langsam Schritt für Schritt hob das Gespinst den Stein in die Höhe.
Das… ist toll, flüsterten seine Gedanken.
Und ganz einfach. Mach deinen Geist frei. Jedes Ding, jedes Lebewesen hinterlässt im Mentalraum ein Abbild, auf das du zugreifen kannst. Du tust es jedes Mal, wenn du ein Tier tötest. Mach es genau so mit dem Stein.
Sie ließ den Stein wieder auf seine Hand fallen und beobachtete, wie er versuchte, es ihr nach zu machen. Er brauchte länger und sein Gespinst war grob und durchlässig, aber er schaffte es, den Stein anzuheben.
„Yeah!“, schrie er und der Stein flog in einem Riesenbogen in den Fluss.
Ailia traf die plötzlich mentale Trennung wie ein Schock und sie benötigte einen Moment, um sich zu orientieren. „Tec, du Idiot!“, fluchte sie unbeherrscht und rieb sich die Schläfen, um das plötzliche Ziehen in ihrem Kopf zu vertreiben.
Tec’or sprang auf und zog sie mit hoch. „Komm, wir müssen feiern. Ich habe seit drei Wochen keinen Anfall mehr gehabt und kann jetzt den Stein anheben. Lass uns Tara einladen und feiern.“
************
Die beiden Frauen lachten und hielten sich fast die Bäuche, während Tec’or sie konsterniert anschaute. Tara rutschte an Tec’or Seite und legte ihm den Arm um die Taille.
„Tec’or“, sagte sie leise. „Es stimmt. Du bist der einzige Mann, der das immer schafft.“
Ailia lachte schon wieder über den ungläubigen Gesichtsausdruck des D’arjo. Sie saßen jetzt seit zwei Stunden zusammen und tranken ein Getränk, das mit etwas ähnlichem wie Alkohol versetzt war. Und das Getränk zeigte Wirkung. Nicht nur bei ihr. Auch die beiden D’arjos lachten und kicherten mehr als gewöhnlich.
„Das glaube ich nicht, Tara“, erklärte Tec’or gerade und Ailia prustete wieder los. „Du sagst das nur, um mir zu schmeicheln. Das kann nicht sein.“
„Ich weiß nicht, wie die das mit ihren Frauen machen“, schmunzelte die D’arjo. „Aber wenn sie zu mir kommen, wollen sie hauptsächlich ihr eigenes Vergnügen und ich bin ihnen so ziemlich egal.“
„Du solltest diesen Job an den Nagel hängen!“
„Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass das schön für dich ist“, mischte sich Ailia ein.
Tara grinste. „Ich bin unabhängig. Und ich kann wählen. Ich muss es nicht tun. Gut, teilweise, weil Tec’or so gut für mich mit sorgt. Aber ich bin nicht darauf angewiesen und es gefällt mir.“ Dann sah sie Ailia neugierig an. „Wie ist es bei Menschen?“
„Ja, das würde mich auch mal interessieren.“
Ailia sah sich plötzlich mit zwei überaus wissbegierig dreinschauenden D’arjos konfrontiert und lachte wieder. „Was wollt ihr wissen?“
Tara begann sich mit Tec’or zu streiten, was wichtiger wäre. Zu erfahren, ob Menschenfrauen immer einen Orgasmus bekämen oder mit wie vielen Männern Ailia im Bett war. Oder ob es interessanter wäre, zu wissen wie das ganze ohne Zähne und Krallen ablief. Tara kicherte bei dem Gedanken. „Es gibt Männer, die kommen nur, wenn sie ihre Zähne irgendwo rein schlagen und wenn sie das bei mir nicht dürfen, benutzen sie schon mal ein Kissen…“
„Ein Kissen?!“ Ailia kippte nach vorn, weil ihr Bauch vom vielen Lachen schon wehtat.
„Hört doch jetzt mal auf, vom Thema abzulenken“, unterbrach Tec’or ihr Gespräch. „Wie viel Männer waren es, Ailia?“
Ailia überlegte kurz. „Elf.“
„Elf?!“ Tec’or sah so verdutzt aus, dass sie wieder lachte und sah, dass Tara Tränen in den Augen hatte.
„Elf? Hast du auch so einen Job wie ich?“, prustete die D’arjo. „Wieso so viele?“
„Das ist nicht viel“, erklärte Ailia würdevoll.
„Haben die wenigstens alle geschafft, dich zum Höhepunkt zu bringen?“, schaffte Tec’or zu fragen, obwohl er die Menge noch nicht verdaut hatte.
„Nein, die Hälfte hat das nicht gepackt.“ Tec’or sah sie so ernst an, dass Ailia komisch wurde. „Mit wie vielen Frauen hast du außer Tara geschlafen?“
„Mit keiner“, sagte er leise.
„Keiner? Wieso nicht?“ Ailia konnte plötzlich nicht mehr lachen.
Tara verzog das Gesicht. „Weil sie alle eingebildete Schnepfen sind. Sie lehnen ihn ab, weil sie denken, er ist verrückt und mit einem Verrückten will niemand eine Beziehung“, schloss sie bitter.
Tec’or stocherte stumm im Feuer und starrte in die Flammen. Ailia tat er plötzlich fürchterlich leid und sie rutschte neben ihn. „Tec, sie sind dumm“, flüsterte sie und legte einen Arm um seine Hüfte.
Er rührte sich nicht. „Ich wüsste nicht einmal, ob ich es könnte. Nicht wenn ich weiß, wie sie über mich denken…“ Tara verstand den Satz nicht ganz, aber Ailia wusste es ganz genau. Denn das war einer der Gründe, warum es ein Mutant in einer Beziehung mit einem Nichtmutanten einfach nicht aushielt. Sie wunderte sich etwas, wie er es mit Tara konnte, wagte aber nicht zu fragen.
„Weißt du, Tec“, versuchte sie ihn aufzuheitern. „Ich finde, du bist der netteste D’arjo in diesem ganzen Verein hier. Und wenn ich mit einem D’arjo ins Bett gehen müsste, würde ich dich wählen.“
Tara kicherte und selbst Tec’ors Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Er drehte den Kopf und sie sah seine Augen belustigt funkeln. Plötzlich senkte er den Kopf und biss sie sanft in den Hals.
„Das war lieb, Menschenfrau“, flüsterte er.
Ailia war zu verblüfft, um zu reagieren. Er erzählte schon wieder mit Tara, während sie wie erstarrt dasaß und überdeutlich spürte, wo seine Zähne sie berührt hatten.
Und als Tara später aufstand, wortlos seine Hand griff und ihn mit zu ihrem Zelt nahm, folgten ihre Blicke den beiden und sie fragte sich zum ersten Mal seit sie hier war, wie Sex mit einem D’arjo wohl wäre. Unbewusst fuhren ihre Finger wieder zu ihrem Hals und obwohl nichts mehr zu sehen war, fühlte sie den Abdruck seiner Zähne. Und sie verspürte keinen Abscheu. Eher Faszination…
Drei Monate
Ailia sprach nun schon relativ gut. Sie hatte zwar wenig Gelegenheit mit anderen
D’arjos außer Tara und Tec’or zu sprechen, weil niemand mit ihr reden wollte,
aber sie verkniff sich keine Kommentare mehr, wenn in ihrer Gegenwart so
eindeutig über sie oder Tec’or gesprochen wurde. Irgendwann begriffen die
D’arjos, dass sie die Sprache verstand und begannen, sich zu beherrschen.
Es war schon spät am Abend und dämmerte, als Ailia vom Fluss zurückkam. Tec’or
saß am Feuer und beobachtete schon wieder mit sehnsüchtigem Blick die Mitte des
Zeltlagers. Dort kämpften zwei D’arjos miteinander. Ailia hatte diese Kämpfe des
öfteren beobachtet und Tec’or hatte ihr erklärt, dass es dabei meist um eine
Frau ging. Jetzt allerdings sah sie Surana neben den beiden D’arjos stehen, die
mit verzücktem Gesichtsausdruck den Kampf beobachtete.
Sie setzte sich neben Tec’or und sagte. „Sie ist den Gedanken nicht wert, den du
an sie verschwendest.“
Der D’arjo knurrte nur missmutig. „Du weißt doch gar nichts!“
„Wo ist Tara?“
„Hat Kundschaft“, antwortete er einsilbig, ohne dass sein Blick Surana los ließ.
Ailia seufzte. Nun gut, auf eine Unterhaltung musste sie anscheinend heute
verzichten. Sie aß schweigend etwas von dem schon kalten Fleisch und den
Früchten, die sie gesammelt hatte. Dann konnte sie ihren Mund nicht mehr halten.
„Warum kämpfst du nicht mit, wenn du so scharf auf sie bist?“
„Das geht dich gar nichts an!“, fauchte er gereizt, sprang auf und verschwand im
Zelt.
Ailia beobachtete weiter den Kampf. Selbst auf diese Entfernung konnte sie, wenn
sie wollte, die Gedanken der D’arjos verfolgen und schnüffelte in Suranas Kopf.
Kopfschüttelnd wunderte sie sich noch einmal, weshalb Tec’or so auf diese Frau
stand. Sie war so selbstsüchtig und von sich eingenommen, dass sie keinen
Gedanken an einen der beiden Kämpfer verschwendete, sondern nur überlegte, wie
stolz sie sein konnte, wieder den stärksten D’arjo zu bekommen. Tec’or musste
ihre Gedanken doch auch lesen. Und Ailia konnte sich bildhaft vorstellen, wie
sie über Tec’or dachte. Aber schließlich war das nicht ihr Problem. Auch wenn
der D’arjo ihr leid tat.
************
Ailia joggte jetzt jeden Abend noch ein paar Kilometer durch den Wald. Sie war
es gewöhnt, immer körperlich fit zu sein und zu trainieren und das, was sie im
Moment im Lager der D’arjo tat, lastete sie einfach nicht aus. Nach dem Laufen
sprang sie in den Fluss, badete ausgiebig und machte sich auf den Rückweg ins
Lager.
Als sie an Taras Zelt vorbei kam und wieder die eindeutigen Geräusche hörte,
musste sie grinsen. Auf der Erde hatte sie Frauen, die Taras Gewerbe ausübten,
verurteilt. Aber seit sie die D’arjo kannte, fand sie es plötzlich nicht mehr so
schlimm.
Im Zelt angekommen, sah sie Tec’or auf seiner Matte liegen und anscheinend schon
schlafen. Es wunderte sie etwas, da es zwar dunkel, aber noch nicht so spät war.
Leise zog sie sich um, weil sie in ihrer normalen Alltagskleidung nicht schlief
und setzte sich auf ihre Matte. Auf Tec’ors Seite rührte sich etwas und
plötzlich fragte er sie:
„Ist es bei Menschen auch so, dass sie ab und zu Sex brauchen?“
Ailia glaubte, sich verhört zu haben und drehte sich zu ihm um. Er sah sie
einfach nur neugierig mit seinen gelben Augen an. „Wie kommst du jetzt darauf?“
Tec’or lag auf seinem angewinkelten Arm und wich plötzlich ihrem Blick aus.
„Fiel mir grad so ein.“
Lügner.
„Schließlich bist du jetzt schon drei Monate hier und es ist niemand hier, zu
dem du … gehen kannst…“, setzte er dann noch hinzu.
Ailia wusste nicht recht, ob sie lachen oder ernst bleiben sollte. „Ich habe
kein Problem damit“, meinte sie dann amüsiert. „Und ja, ich könnte mir
vorstellen, dass es vor allen Männer ab und zu brauchen. Aber man kann auch eine
lange Zeit ohne auskommen, glaube ich.“ Sie ließ auf den Bauch fallen und
stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah zu dem D’arjo, der sie jetzt wieder
ansah. „Was ist los, Tec?“
Er fluchte leise, drehte sich auf den Rücken und starrte zur Decke. „Mir fiel
grad ein, dass du seit drei Monaten keinen Sex hattest und ich wütend auf Tara
bin, weil sie heute keine Zeit hat und bei mir ist es erst neun Tage her.“
Ailia biss die Zähne zusammen, um nicht zu kichern. Als sie sich wieder unter
Kontrolle hatte, meinte sie nur. „Warum hilfst du dir nicht selbst?“
Sein Kopf fuhr herum. „Selbst?“ Er klang entsetzt.
Sie nickte. „Sicher. Da ist doch nichts dabei. Ich glaube sogar, das machen
viele, wenn sie zu lange allein sind.“
„Du auch?“, fragte er perplex.
Ailia musste lachen. „Ich hatte bisher hier andere Sorgen, als dass es mich
gestört hätte, keinen Sex zu haben, aber wenn es so wäre, hätte ich kein Problem
damit“, gab sie zu.
Tec’or starrte wieder zur Decke. „Ich wüsste nicht mal, was ich da tun soll.“
„Das gleiche, was Tara tut, wenn sie dich mit ihrer Hand berührt. Das macht sie
doch, oder?“
„Ja“, knurrte er. „Dann ist es aber ihre Hand und nicht meine eigene!“
„Tja, dann hast du halt Pech. Im Moment hast du nur deine eigene“, grinste Ailia
und stellte belustigt fest, dass sie solch ein Gespräch noch nie mit einem Mann
geführt hatte. Und sie fand es interessant. „Falls du dich aber doch dafür
entscheidest, geh bitte aus dem Zelt.“
Tec’or drehte sich wieder zu ihr. „Ich glaube, *das* ist verrückt. Im Wald
stehen und sich selbst anfassen.“
„Dann warte halt bis morgen“, kicherte Ailia. „So schlimm kann es ja nicht sein.
Träum einfach etwas Schönes.“
„Ich glaube nicht, dass ich schlafen kann“, knurrte er gereizt und seine Augen
deuteten seinen Körper hinab. „Damit!“
„Oh.“ Ailia verstummte, weil ihr kein Argument mehr einfiel und ihre Augen
wanderten seinen Körper hinab zu dem Teil, der von der Decke verborgen wurde.
„Was hat dich denn so … erregt?“
„Nichts!“, fauchte er. „Ich hasse es, Gedanken zu lesen“, fluchte er dann
weiter. „Und noch mehr hasse ich es, alles mitzubekommen, was in den Zelten
passiert!“
„Du kannst die Gedanken ausschließen.“
„Das nützt mir jetzt auch nichts mehr!“
„Dann hilf dir selbst!“
„Ich kann das nicht!“
Ailia warf sich auf ihr Bett und schloss demonstrativ die Augen. Es dauerte
nicht lange, da hörte sie wieder seine Stimme.
„Ailia?“ Und er klang sehr bittend.
„Nein!“, fuhr sie ihn an.
„Kannst du mir nicht wenigstens sagen, was ich machen soll?“, bettelte er.
„Oh Gott“, fluchte Ailia. „Das glaubt mir niemand. Wenn ich auf der Erde
erzähle, dass ich mich mit einem D’arjo darüber unterhalte…“ Sie brach ab und
drehte sich wieder zu ihm um. „Ich kann dir helfen“, sagte sie dann genervt.
„Ich meine natürlich, wenn es nicht zu abstoßend ist, da es ja eine menschliche
Hand ohne Krallen ist!“, setzte sie ironisch hinzu.
„Stört mich nicht“, schnurrte er leise.
„So?“, fragte sie spitz. „Ich kann mich noch genau an dein entsetztes: Ich werde
nicht mit ihr schlafen! erinnern!“
Er sah plötzlich total geknickt aus. „Es tut mir leid, dass ich das gesagt
habe.“
Ailia seufzte und rutschte an seine Seite. „Das ist einmalig, verstanden? Dann
siehst du zu, wie du dir selbst hilfst!“
Er nickte und konnte kaum fassen, was sie vorhatte. Das war etwas, woran er nie
im Traum gedacht hatte, nicht einmal, als er dieses Gespräch begonnen hatte. Er
hatte es nur getan, weil er annahm, jemanden an seiner Seite zu haben, der genau
so frustriert war wie er selbst. Dann sah er, wie sie ihre Hand hob, ohne ihn
aus den Augen zu lassen und über die nackte Haut seiner Brust strich. Natürlich
waren es Menschenhände, aber als er sie jetzt ansah, das Lächeln, das ihren Mund
umspielte und ihre zarten Finger spürte, wusste er schlagartig, dass sie genau
so eine Frau war wie eine D’arjo.
Ailia war fasziniert. Und neugierig. Sie schob die Decke von seinen Hüften und
ließ ihre Finger über die Beule seiner Hose gleiten. Er seufzte leise, als sie
die Knöpfe öffnete und seine schmerzende Erektion befreite. Eigentlich
unterschied sich auch sein Körper kaum von dem eines Menschen. Genau so wenig
seine Reaktionen. Sie nahm ihn in die Hand und strich sanft über die
empfindliche Haut. Seine Augen schlossen sich, als sein Atem zischend entwich
und sich ein leises Knurren in seiner Kehle bildete. Seine Hüften stießen ihr
entgegen, in ihre Hand und sie griff fester zu, als sie langsam an seiner
Erektion auf und ab pumpte. Tec’or fauchte und seine Krallen bohrten sich in die
Matratze. Er wagte nicht, Ailia zu berühren, aber er spürte, wie sich die
Spannung in seinem Körper immer weiter aufbaute.
Ailia sah es auch. Er zitterte unter ihren Händen und warf den Kopf zurück, als
der Druck übermächtig wurde. Die Bewegung ihrer Hand wurde schneller und sein
Knurren lauter. Das Geräusch gefiel ihr und dabei war es so gar nicht
menschlich. Sie spürte, dass er kurz davor stand zu explodieren und überlegte,
was sie jetzt tun sollte. Dann warf sie all ihre Bedenken über den Haufen und
beugte sich über ihn.
Tec’or fauchte lauter, als sich ihre Lippen um ihn schlossen und die Hitze ihres
Mundes ihn umfing. Er schwebte schon zu weit von der Realität entfernt, um sich
darüber zu wundern oder Entsetzen zu empfinden. Die Bewegungen ihrer Lippen und
ihres Mundes waren zu schön. Mit einem Schrei stieß er sich selbst tief in ihren
Mund und explodierte.
Ailias liebte es, Männer auf diese Art zu verwöhnen und der D’arjo reagierte
nicht anders. Doch dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Die
mentale Welle seines Orgasmus kollidierte mit ihrem Geist und sie wimmerte leise
auf, als sie das euphorische Gefühl seines Körpers spürte, als wäre es ihr
eigenes. Sie schluckte sein Sperma, während die Lichter in ihrem Kopf umher
wirbelten und ließ ihn los. Ihre Stirn sank auf seinen nackten Bauch und sie
versuchte, ihren eigenen Körper unter Kontrolle zu bringen, der reagierte und
ein warmes Gefühl zwischen ihre Beine sandte.
Oh Gott, das war Wahnsinn.
Tec’or war gerade wieder auf dem Boden angelangt, als der Duft ihrer Erregung
seinen empfindlichen Geruchsinn traf.
„Ailia“, flüsterte er noch immer benommen und richtete sich auf.
Ailia kämpfte noch immer mit dem Chaos in ihrem Kopf und nahm kaum wahr, wie er
sie auf seinen Schoß zog. Sie schluchzte leise, umklammerte seinen Hals, während
ihr Gesicht an seine Schulter sank, weil es jetzt der Druck zwischen ihren
Beinen war, der sie schmerzte. Unbewusst nahm sie war, wie seine Hand unter das
Shirt fuhr, in dem sie schlief und ihr Höschen nach unten schob. Sie wimmerte
leise, als seine Finger sie berührten und sie spürte, wie seine Zähne sanft über
ihren Hals fuhren.
Dann stieß sein Finger in sie und sie schnappte nach Luft, weil etwas wie ein
Stromstoß durch ihren Körper fuhr. Sein Daumen massierte den empfindlichen Punkt
zwischen ihren Beinen und sie hob sich ihm entgegen, drängte in seine
Berührungen und bettelte stumm um mehr. Der D’arjo knurrte wieder, ließ seinem
Finger einen zweiten folgen und presste seine Hand gegen sie. Ailia kam mit
einer Wucht, die ihren Körper beben ließ und schluchzte wieder, weil die
Erleichterung durch ihren Körper strömte.
Und Tec’or traf es genau so überrascht wie sie. Knurrend spürte er ihren
Orgasmus in seinem Kopf und umklammerte krampfhaft ihren bebenden Körper. Er
spürte die weiche Haut ihres Halses unter seinen Zähnen und der Drang, sie darin
zu vergraben wurde so übermächtig, dass er stöhnend den Kopf in den Nacken
zurück warf. Zusammen mit Ailia sank er auf seine Matratze zurück. Sein Atem
ging noch immer keuchend, genau wie ihrer und keiner von beiden konnte schon so
richtig darüber nachdenken, was geschehen war.
Ailia rührte sich als erste wieder und löste sich aus seiner klammernden
Umarmung. Sie richtete sich auf und starrte fassungslos in seine gelben Augen. „Tec,
verdammt“, flüsterte sie. „Was war das?“ Ihre Hand fuhr nervös durch ihre Haare.
Er sah genauso durcheinander aus wie sie. „Es tut mir leid“, murmelte er. „Glaub
mir bitte, Ailia. Ich … ich wollte das nicht…“
„Hast du das auch gespürt? Ich habe so etwas noch nie erlebt. Nicht in dieser
Stärke und Intensität… Ist es zwischen D’arjos immer so?“
„Nein.“ Seine Stimme war nur ein Hauch und sie sah, dass er sich mit der Hand
über die Augen fuhr. Dann blickte er sie wieder an und sie sah so etwas wie
Verzweiflung in seinem Gesicht. „Warum?“
Ailia wollte nicht darüber nachdenken. Wortlos krabbelte sie zurück auf ihre
Matratze und zog die Decke bis zu ihren Schultern. Sie wollte nicht darüber
nachdenken, ob es etwas damit zu tun hatte, dass sie Mutanten waren…
„Ailia?“, flüsterte er nach einer Weile. Und als sie nicht antwortete: „Bist du
mir böse?“
Ailia schluckte. „Nein.“
*************
Am nächsten Morgen hatte sie sich wieder gefangen. Tec’or sah sie noch immer
sehr zerknirscht an und antwortete nur einsilbig auf ihre Gesprächsversuche. Er
verließ das Zelt, als Ailia sich umzog und sie hörte ihn draußen das Feuer
anzünden.
Ihr Blick fiel wieder einmal auf die Truhe mit seinen Waffen und ein
sehnsüchtiger Gedanke bildete sich in ihrem Kopf. Sie strich mit den Fingern
über das einfache schmucklose Holz des Truhendeckels, als die Stimmen vor dem
Zelt sie ablenkten.
„Was hast du getan?“ Es war Taras Stimme, die wahrscheinlich herüber gekommen
war, um sich nach Tec’ors „Befinden“ zu erkundigen.
„Nichts!“, knurrte der D’arjo böse.
„Du bist ein Idiot, Tec’or!“, schrie Tara plötzlich. „Warum schläfst du nicht
mit ihr?! Warum machst du es nicht richtig?! Sie ist besser als jede Frau, die
du kriegen kannst und vor allen besser als Surana!“
„Halt den Mund!“, brüllte Tec’or zurück.
„Wo ist sie?“
„Verschwinde!“
Ailia schlug die Hand vor den Mund und überlegte, wohin sie flüchten sollte.
„Glaubst du, jetzt hat sie es leichter? Wenn dein halbherziger Geruch an ihr
hängt?“, hörte sie Tara weiter. „Man wird über sie lachen und man wird über dich
lachen!“
„Es ist mir egal!“
„Warum, Tec’or? Warum hast du das getan?“
Ailia hörte keine Antwort mehr, wahrscheinlich, weil der D’arjo gegangen war.
Die Zeltplane wurde zur Seite gezogen und Tara betrat das Zelt. Ailia stand noch
immer neben der Truhe und wagte nicht, sich zu rühren. Wortlos stürzte Tara auf
sie zu und schloss sie in ihre Arme.
„Dieser Idiot“, murmelte die D’arjo. „Dieser Riesenidiot.“
Ailia hatte absolut keine Ahnung, worüber sich Tara so aufregte. Gut, sie nahm
an, das an Tec’or genau wie an ihr ein Geruch haftete, der sagte, dass etwas
gewesen war. Dieser Geruch sagte wahrscheinlich auch, dass sie nicht miteinander
geschlafen hatten. Na und? Für Ailia war das kein Problem. Sollte sich doch das
halbe Lager den Mund zerfetzen. Es war ihr egal.
„Tara?“, fragte sie leise. „Wo ist das Problem?“ Sie umfasste die Oberarme der
D’arjo und schob sie ein Stück von sich weg, damit sie sie ansehen konnte.
„Erklär es mir“, bat sie.
Tara fuhr sich wütend durch die schwarzen Stoppeln, die jetzt in alle
Himmelsrichtungen standen. „Auch wenn du eine Menschenfrau bist, Ailia, so weiß
doch jeder, dass du eine Frau bist. Indem Tec’or dir seinen Geruch verweigert,
sagt er, dass er dich ablehnt…“
Ailia unterbrach sie. „Ich dachte, es wäre schlechter für seinen Ruf, mit mir zu
schlafen?“
„Aber wieso denn?“ Tara schüttelte den Kopf, aber Ailia war sich nicht sicher,
ob die D’arjo Recht hatte, da sie die abfälligen Gedanken der anderen D’arjos
kannte. „Aber man hat es irgendwie akzeptiert. Doch jetzt, wenn jetzt dieser
halbe Geruch an dir hängt, werden sie dich noch mehr verachten…“
„Tara“, sagte Ailia sanft, als sie die Tränen in den gelben Augen sah. „Ich
möchte nicht mit ihm schlafen.“
Tara starrte sie an, als wäre sie ein Gespenst. „Warum nicht?“, piepste sie.
Ailia zog die D’arjo zu dem einzigen Stuhl im Raum und setzte sich selbst auf
die Tischplatte.
„Du … du denkst nicht auch, er wäre abstoßend, weil er … anders ist?“,
erkundigte sich Tara zögernd.
„Nein!“, fuhr Ailia auf, beruhigte sich jedoch gleich wieder. „Ich muss sogar
sagen, dass ich ihn mag. Aber das reicht für eine menschliche Frau nicht, um mit
einem Mann ins Bett zu gehen.“ Sie überlegte, wie sie es Tara erklären sollte.
„Auf der Erde gibt es nicht solche Schutzbeziehungen, wie ihr sie hier habt.
Wenn sich zwei Menschen kennen lernen und feststellen, dass sie sich mögen,
gehen sie eine Beziehung ein und sie schlafen auch miteinander. Und sie trennen
sich wieder, wenn die Gefühle erlöschen. Das ist alles. Ich könnte mit keinem
Mann ins Bett gehen, um einen Geruch herzustellen. Ich tue es, wenn ich es will.
Weil ich denjenigen liebe und weil es mir Spaß macht. Und der Gedanke, dass es
Tec nur tun würde, um mir einen Geruch zu verleihen, wäre mir unerträglich.“
„Aber letzte Nacht…“ begann Tara.
„Ich habe ihm letzte Nacht einen Gefallen getan, mehr nicht. Wenn ich gewusst
hätte, was es für Auswirkungen hat, hätte ich es nicht getan. Oder vielleicht
doch, ich weiß nicht.“ Ailia lächelte, weil Tara sie mit großen Augen anstarrte.
„Es passiert natürlich auch auf der Erde, dass zwei Menschen miteinander
schlafen, weil sie die Leidenschaft übermannt und es ist dann keine Liebe im
Spiel. Aber die zwei haben dann auch keine Beziehungen. Sie haben Sex und gehen
wieder ihrer Wege.“
„Das … ist eigenartig“, sagte Tara leise.
Ailia zuckte mit den Schultern. „Ich finde diese Geruchsache auch eigenartig.
Vor allem, weil ich so gar nichts rieche.“ Sie seufzte. „Ich möchte nicht, dass
du Tec einen Vorwurf machst. Das ist etwas, was nur ihn und mich betrifft.“
„Seit du hier bist, hat er keine Anfälle mehr. Und er fühlt sich bedeutend
wohler. Ich wünsche ihm wirklich, dass er gesund wird und ein normales Leben
führen kann. Mit einer Frau an seiner Seite.“ Tara klang bitter. „Und nicht
darauf angewiesen ist, zu mir zu kommen. Wenn ihm nur eine Frau das Vertrauen
schenken würde, er würde sie für den Rest ihres Lebens glücklich machen.“
„Ich kann ihm zumindest helfen … gesund zu werden.“ Ailia sprang wieder von dem
Tisch. „Wo ist er hin?“
„Ich denke, zum Fluss.“ Tara stand ebenfalls auf. „Er mag dich auch, weißt du?“
Und ihre Gedanken sprachen noch deutlicher: Er verdient Glück. Er hat es im
Leben schwer genug gehabt.
Ailia fand Tec’or am
Fluss. Er lag am Ufer etwas abseits an der Stelle, die sie immer zum Baden
nutzte und starrte in den Himmel. Sie setzte sich neben ihn.
„Es tut mir leid“, sagte Tec’or leise. „Ich hätte es dir sagen müssen.“
Ailia nickte. „Es hätte keine Rolle gespielt. Für mich zumindest. Ich verstehe
diese Geruchsache sowieso nicht.“ Sie ließ sich neben ihm fallen. „Tara hat
versucht, es mir zu erklären. Aber es hört sich reichlich komisch an. Wie lange
bleibt der Geruch an mir?“
„Ein, zwei Tage, denke ich“, murmelte er.
Ailia drehte sich zu ihm um. „Länger nicht? Und angenommen … ähm … wir würden
miteinander schlafen, dann muss das alle zwei Tage erneuert werden?“
„Das hält dann länger. Fünf bis zehn Tage.“
„Aha.“ Sie kicherte plötzlich und er hob erstaunt den Kopf.
„Was ist?“
„Ich stelle mir das gerade so vor. In einer d’arjotischen Beziehung. Schatz,
wir müssen heute miteinander schlafen, dein Geruch verfliegt.“ Ailia sah
Tec’or die Stirn runzeln und zwang sich wieder ernst zu werden. „Das klingt für
mich nicht gerade romantisch“, sagte sie entschuldigend.
„Wenn ich mit dir schlafen würde, würde das in den Augen all der anderen D’arjos
im Lager bedeuten, dass ich nicht in der Lage bin, mir eine Frau zu erkämpfen,
sondern dass ich sie geschenkt bekommen muss“, begann er langsam und Ailia sah
ihn mit großen Augen an. „Dann würde ich bestätigen, dass es wahr ist.“
„Wenn du um mich gekämpft hättest, würde es keine Rolle spielen, dass ich ein
Mensch bin?“, fragte Ailia erstaunt, weil sie angenommen hatte, das wäre der
Hauptgrund.
„Weniger, denn du hast bereits bewiesen, dass du dich auch ohne Krallen und ohne
Zähne sehr gut verteidigen kannst.“ Er grinste schief und sie lachte.
Eine ganze Weile lagen sie schweigend im Gras und hingen ihren eigenen Gedanken
nach. Dann fragte Ailia plötzlich. „Warum kämpfst du nicht?“
Tec’or wollte aufspringen und gehen. Er fuhr hoch, doch ihre Hand an seinem
Handgelenk hielt ihn zurück.
„Tec“, sagte sie sanft. „Du hast eine Truhe voller Waffen. Du siehst auch nicht
aus, als wärst du untrainiert und schwach. Du bewegst dich wie ein Kämpfer.
Warum kämpfst du nicht?“
Er starrte sie an, doch er sah nur Neugier und Mitgefühl in ihren eigenartigen
braunen Augen. Ailia konnte regelrecht fühlen, wie er mit sich selbst rang und
ließ ihm Zeit.
„Ich habe es versucht“, stieß er hervor. „Ich bin zusammengebrochen. Mitten im
Kampf… Die Anfälle…“
Oh Gott. Ailia Herz zog sich zusammen, als sie seine leisen Worte hörte.
Dabei hätte sie ahnen müssen, dass ein unausgebildetes Mutantenhirn in
Stresssituationen kollabierte. Und so ein Kampf war eine Stresssituation. Dazu
kam, dass sein Kopf durch die auf ihn einströmenden Gedanken sicherlich total
überlastet gewesen war. Wortlos legte sie einen Arm um seinen Hals und zog ihn
an sich.
Tec’or hatte damit gerechnet, Abscheu in ihrem Gesicht zu sehen und erwartet,
dass sie aufstand und ging. Als sie ihn einfach an sich zog als würde sie
verstehen, was er fühlte, schnürte ihm die Rührung die Kehle zu. Tara hatte
Recht. Sie war eine bessere D’arjo als all die Frauen im Lager.
Ihre Hand fuhr beruhigend über seine kurzen schwarzen Haare, als er sein Gesicht
an ihrem Hals vergrub. „Glaub mir, Tec“, sagte sie leise. „Je stärker du deine
Gaben kontrollieren kannst, umso weniger wird etwas Derartiges in ungewöhnlichen
Situationen passieren.“
Er wünschte sich, sie würde Recht haben und schloss seufzend die Augen. Seine
Nase nahm den feinen Geruch an ihr wahr, der erzählte, was gestern Nacht
passiert war und es tat ihm wieder leid, weil er ahnte, wie die D’arjos
reagieren würden, wenn ihnen Ailia über den Weg lief. Doch ein Teil von ihm
genoss den Gedanken, dass es nur sein Geruch war, der an Ailia haftete. Auch
wenn es nur ein Hauch war…
***********
Dummerweise war es ausgerechnet Surana, der Ailia als erstes über den Weg lief.
Ailia hatte schon gar keinen Gedanken mehr an den Geruch verschwendet und fuhr
überrascht zusammen, als die D’arjo auflachte.
„Gott, Tec’or ist doch wirklich miserabel!“
„Redest du mit mir?“, erkundigte sich Ailia kühl und überlegte, ob sie einfach
weitergehen sollte. Doch sie war noch nie einer Konfrontation aus dem Weg
gegangen.
„Er hat doch nicht tatsächlich vor, dich zu seiner Frau zu machen?“ Surana
konnte sich kaum halten. „Er muss es wahrhaft nötig haben. Vielleicht ist Tara
doch nicht so gut wie sie behauptet.“
Ailia verzog keine Miene.
„Also wenn er eine Menschenfrau in seinem Bett hatte, will ihn garantiert keine
andere mehr haben. Das ist ja ekelhaft“, fuhr Surana fort und freute sich, dass
sich schon ein paar D’arjos um sie versammelt hatten und dem Gespräch neugierig
lauschten.
Ailia Lippen verzogen sich zu einem schmutzigen Grinsen. „Wenn er eine
Menschenfrau in seinem Bett hatte, Surana, wird er keine D’arjo mehr haben
wollen“, sagte sie leise und machte einen Schritt auf die hübsche D’arjo mit den
kalten Augen zu. „Ich brauche keine Zähne und keine Krallen, um einen Mann zu
schreien zu bringen.“
Da flackerte Unsicherheit in Suranas Blick und Ailia weitete sich genüsslich an
ihren Gedanken. Dieses Miststück… Eigentlich sollte Tec’or endlich mal
kämpfen. Um mich!
„Kein Mann will schreien, Menschenfrau!“ fuhr Surana sie an. „Sie sind Kämpfer.
Aber Tec’or ist nur ein Feigling.“
„Hast du schon einen Mann zum Schreien gebracht, Suri?“ erkundigte sich Ailia
honigsüß. „Tara kann es definitiv…“
Einige D’arjos um sie herum murmelten zustimmend und andere kicherten.
„Hast du dich nicht manchmal gefragt, wie sie das bloß anstellt?“, fuhr sie fast
schnurrend fort. „Oder wie es ist, von einem Mann jedes Mal zu Höhepunkt
gebracht zu werden?“
Ich werde ihr die Augen auskratzen!
„Und Menschen…“ Ailia stand jetzt genau vor Surana und starrte ihr in die gelben
Augen. „Menschen lieben Sex einfach um des Sexes Willens. Warum sollte ein
Geruch eine Rolle spielen, den wir eh nicht wahrnehmen. Oh nein. Und ich sage
dir eins, Surana.“ Sie legte den Kopf schief, als wieder das verruchte Lächeln
auf ihre Lippen trat. „Wenn Tec eine Menschenfrau in seinem Bett hätte, bräuchte
er niemanden anders mehr… Und er würde schreien…“ Surana wurde blass und Ailia
setzte noch hinzu. „Natürlich schreit im Bett niemand vor Schmerz. Zumindest
nicht in meinem.“ Ohne sie weiter zu beachten, drehte sie sich um und ging. Sie
spürte, wie sich Surana auf sie hechten wollte, doch die zwei D’arjos an ihrer
Seite hielten sie zurück und sie lächelte.
Diese Hexe. Diese ekelhaft hässliche Menschenfrau. Er wäre verrückt… Oh Gott,
er wird es doch nicht wirklich tun? Wie würde ich denn dann dastehen?
Vergnügt schlenderte Ailia zum Zelt zurück. Tec’or hielt mit dem Striegeln von
Damarons Fell inne und sah sie mit einem mühsam verkniffenen Grinsen an.
„Schreien?“
Und Ailia fing an zu lachen.
Vier Monate
„Wenn das jemand wüsste,
würde man mich nun endgültig für durchgeknallt halten.“ Tec’or grinste. Er stand
hinter Ailia und führte ihre Arme, die sein leichtes Schwert hielten.
Ailia musste auch lachen, vor allen wenn sie daran dachte, wie er sie angeschaut
hatte, als sie ihn darum gebeten hatte, ihr den Umgang mit dem Schwert
beizubringen.
Du willst – Was?! Er hatte sie so fassungslos angesehen und wurde blass,
als sie sich honigsüß erkundigte, ob sie auch lernen könnte, Damaron zu reiten.
Allerdings hatte er es ihr auch nicht abschlagen können, nicht nach dem, was sie
für ihn getan hatte. Und deshalb waren sie jetzt auf dieser Waldlichtung, weit
vom Lager entfernt. Damaron lag im Gras und musterte ihr Tun, während sein
großer Kopf auf den Vorderpfoten ruhte.
Tec’or ließ Ailia los und stellte sich neben sie. „Es ist eine Zweihandwaffe.
Leichter und handlicher, als das Schwert, was ich jetzt trage“, erklärte er und
hob seine Waffe.
Ailia schielte in seine Richtung und ahmte seine Bewegungen nach. Sie hatte von
Anfang an gewusst, dass es ihr Spaß machen würde. Und da sie selbst eine
exzellente Nahkampfausbildung besaß, war es für sie nicht schwer, die
grundlegenden Bewegungen der Abwehr und des Angriffs nachzuahmen.
Bald gingen sie dazu über, miteinander zu üben und Tec’or begeisterte sich an
dieser auch für ihn neuen Möglichkeit, mit einem Partner zu trainieren.
Natürlich war Ailias leichtes Schwert gegen sein schweres im Nachteil, so dass
es ihr nicht möglich war, einen Schlag, der mit voller Wucht geführt wurde, zu
parieren, doch es ging jetzt hauptsächlich um das Einstudieren von Bewegungen
und nicht darum, den Gegner zu verletzen.
„So ungern ich es zugebe“, sagte Tec’or Stunden später, als sie sich jetzt schon
reichlich durchgeschwitzt umkreisten. „Du hast Talent.“
„Mein Job ist es, andere Menschen zu beschützen“, erklärte sie nur und wehrte
seinen Schlag ab. „Mit einer Schusswaffe in der Hand bin ich unschlagbar!“
„Wieso tun das keine Männer?“
„Auf der Erde herrscht Gleichberechtigung! Jeder kann den Beruf ergreifen, den
er möchte.“ Ihre Arme wurden langsam schwer und sie fühlte sich müde durch das
ungewohnte Bewegen des Schwertes. Sie war froh, als Tec’or vorschlug, es für
heute sein zu lassen.
„Ich muss baden“ murmelte sie, als sie die Schwerter in Damarons Satteltasche
verstauten. „Ich stinke fürchterlich.“
Der D’arjo lächelte nur und half ihr auf das Herero. „Ich bin mal Menschen
begegnet, die rochen entsetzlich aufdringlich nach irgendetwas fremden. Ich habe
die Luft angehalten, weil es meine Nase so gereizt hat. Dagegen finde ich den
Geruch, der durch die normale körperliche Tätigkeit ausgelöst wird, weniger
unangenehm.“
Ailia schlang die Arme um seine Taille, weil sie sonst von Damarons Rücken
rutschen würde und meinte nur. „Darüber kann man geteilter Meinung sein.“
Lachend ließ er Damaron antraben und Richtung Fluss laufen. Sie waren recht weit
vom Lager entfernt und Tec’or suchte einen Platz, an dem der Fluss nicht zu tief
war oder zu schnell floss. Ailia stieg ab.
„Du findest mich weiter flussaufwärts“, sagte er nur, als er ihr Seife und
Handtücher reichte.
Ailia nickte und sah ihm nach, als er hinter der Flussbiegung verschwand. Es war
für einen D’arjo auch ungewöhnlich, dass er so schnell akzeptierte, dass sie
keine Bewachung beim Baden brauchte. Und irgendwie ahnte sie, dass es kaum einen
Menschen gegeben hätte, der sich die Gelegenheit, mit einer Frau zu baden, hätte
entgegen lassen.
Sie legte ihre Kleidung ab und ging ins Wasser. Wahrscheinlich sah er in ihr
noch immer keine Frau. Egal, was in jener Nacht vor drei Wochen passiert war.
Und im Grunde genommen, war sie froh darüber, weil sie nicht genau wusste, ob es
ihr gefallen würde, das Interesse eines D’arjo zu wecken.
Trotzdem konnte sie nicht abstreiten, dass sie ihn manchmal verstohlen musterte
und sich selbst zugeben musste, dass er ihr trotz seines fremdartigen Gesichtes
gefiel. Wenn er lachte, funkelten seine gelben Augen und die spitzen weißen
Zähne leuchteten in seinem Mund. Sein Körper war nicht so muskelbepackt wie der
der anderen D’arjos, sondern schlank und sehnig und strahlte die Kraft eines
Raubtiers aus, wenn er sich bewegte. Oh ja, er war sehenswert. Und sie fand
neuerdings selbst die Hände mit den ausfahrbaren Krallen faszinierend und hatte
sich dabei ertappt, dass sie sich vorstellte, wie es sich anfühlen musste, wenn
diese Hände über ihre Haut strichen. Sie war selbst erschrocken bei diesem
Gedanken und sehr froh über ihre Begabung, ihre Gedanken vor ihm verbergen zu
können.
Ailia wusch ihre Haare und spülte den Geruch des Schweißes von ihrem Körper.
Egal, was er sagte, sie fand den Geruch eklig. Als sie sich wieder anzog,
beobachtete sie eine schmale schwarze Schlange, die durch das Gras auf das
Wasser zu kroch und auf der Wasseroberfläche zum anderen Ufer schwamm.
„Ich hasse Schlangen“, murmelte sie missmutig und wanderte den Weg weiter in die
Richtung, in die Tec’or verschwunden war.
Damaron lag schon wieder mit von sich gestreckten Pfoten im Gras.
Ailia kraulte ihn kurz hinter den Ohren. „Na du Faulpelz. Wo steckt denn Tec?“
„Wieso bist du so schnell?“, rief der D’arjo vom Wasser aus und tauchte unter,
um kurz darauf am Ufer wieder zu erscheinen.
„Sind die Schlangen gefährlich?“, fragte sie zurück und sah entsetzt, dass er,
ohne sich Gedanken um seine Nacktheit zu machen, aus dem Wasser kam. Ailia
benötigte eine ganze Sekunde, um sich umzudrehen.
Tec’or musterte amüsiert die rote Färbung ihrer Wangen. „Hast du ein Problem,
Ailia?“, fragte er sanft und griff nach dem Handtuch.
„Würdest du dir bitte etwas anziehen!“, stieß sie hervor und verfluchte lautlos
ihr glühendes Gesicht.
„Ihr Menschen seid schon komisch“, sagte er grinsend. „Auf der einen Seite
stellst du so unglaubliche Dinge mit deinem Mund an...“
„Tec!“, schrie sie.
„... und dann musst du weg schauen, nur weil ich nichts anhabe?“ Er verschloss
seine Hose und zog sich das Hemd über den Kopf. „Das ist albern. Du weißt doch,
wie ein Mann aussieht.“
Ailia schielte in seine Richtung und stellte beruhigt fest, dass er seine
Kleidung trug. „Bei Menschen ist es nicht üblich“, erklärte sie und versuchte
das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen, „sich vor jemanden auszuziehen oder
mit jemanden baden zu gehen, wenn man nicht mit der entsprechenden Person liiert
ist.“
„Warum nicht?“
Sie fluchte wieder. „Man tut es nicht. Es könnte falsch verstanden werden.“
Tec’or sah sie erstaunt an. „Wie? Falsch?“
„Es könnte als sexuelle Aufforderung verstanden werden! Man tut so etwas nicht
mit einem fremden.“
„Du denkst an Sex, wenn du mich nackt siehst?“, fragte er entgeistert.
„Nein!“, schrie Ailia wütend und wurde wieder rot.
Tec’ors Gesicht verzog sich zu einem so schelmischen Grinsen, dass ihre Knie
weich wurden. „Das würde natürlich diese schöne Farbe in deinem Gesicht
erklären.“ Er hob seine Hand unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht in seine
Richtung. „Sie steht dir.“
„Verdammt!“ Ailia schlug seine Hand zur Seite. „Und ein Mann schaut darüber
hinweg, wenn eine Frau rot wird!“
Tec’or grinste wieder und begann Damaron zu satteln. „Du könntest es ruhig
sagen. Dann gäbe es außer Tara wenigstens noch eine Frau, die mich mit Sex in
Verbindung bringt“, murmelte er vor sich hin.
„Ach?“, fragte sie bissig. „Du siehst neuerdings, dass ich eine Frau bin?“
Er sah sie von der Seite her an. „Neuerdings? Ich weiß schon immer, dass du eine
Frau bist“, sagte er und runzelte die Stirn.
„Können wir jetzt los?“, erkundigte sie sich genervt und schickte ein Stoßgebet
zum Himmel, weil er sich nicht rührte und sie so fragend ansah. „Wenn du mich
als Frau sehen würdest“, fuhr sie ihn an. „Und ich meine als Frau im sexuellen
Sinn, würdest du nicht nackt vor meiner Nase herum laufen und du würdest mit mir
auch nicht über Sex mit Tara reden!“ Sein Mund klappte auf, als wolle er etwas
sagen, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Und eh du etwas sagst, denk
darüber nach, ob du dich genau so verhalten würdest, wenn ich nicht Ailia wäre
sondern ... Surana!“
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Sie hatte Recht. Obwohl er wusste, dass
sie eine Frau war, behandelte er sie nicht wie eine Frau. Dabei mochte er sie
mehr als fast jede andere Frau im Lager. Er mochte ihre Gegenwart, die
Gespräche, die sie führten und selbst ihr Lachen.
Ganz sicher hätte er sich mit Surana nicht über Sex mit Tara unterhalten. Ganz
sicher wäre er vor Surana nicht so aus dem Wasser marschiert. Und ganz sicher
hätte er Surana nicht gebeten, ihm zu sagen, wie man sich selbst befriedigt.
Das musste sie unheimlich verletzt haben.
Ailia sah wie es in seinem Gesicht arbeitete. „Tec, es ist okay“, sagte sie
leise. „Ich war immer der Meinung, Männer und Frauen können nie Freunde sein,
weil es irgendwann im Bett endet. Aber bestimmt können es D’arjos und
Menschen...“
„War... war es eine Beleidigung“, begann er zögernd, „als ich es ablehnte, dir
meinen Geruch zu verleihen?“
„Nein.“ Ailia schüttelte den Kopf. „Ich fand den Gedanken daran genau so
entsetzlich wie du. Und allein die Vorstellung, dass es passiert, um jemanden
einen Geruch zu geben... Trotzdem habe ich immer einen Mann in dir gesehen und
es war schon etwas ... komisch zu merken, dass du... Ach vergiss es, Tec.“ Sie
winkte ab. „Wollen wir los?“
Er hob plötzlich seine Hand und drehte sie zu sich um. „Ich wollte dich nicht
verletzen. Nie.“
„Das hast du nicht“, sagte sie leise. Er lächelte leicht und sie fühlte sich
plötzlich hochgehoben und landete in Damarons Sattel.
„Ich dachte, du wolltest ihn mal lenken“, schnurrte er neben ihrem Ohr, als er
sich hinter sie schwang.
Und Ailia vergaß alles andere, als sich Damaron nach ihren Anweisungen bewegte
und sie jauchzte glücklich, als sie es schaffte, ihn zu einem Galopp zu bewegen
und Tec’or sich an ihr festklammern musste, um nicht von dem Rücken zu rutschen.
Es war zwei Wochen später
als etwas passierte, was noch nie geschehen war.
Tec’or war zu Tara gegangen. Ailia hatte sich auf ihre Matratze zusammengerollt
und versuchte zu schlafen.
Es verging keine Viertelstunde, als er wieder kam und sich auf sein Bett warf.
Ailia hob neugierig den Kopf. „Was ist jetzt los?“
„Nichts!“, brummte er und drehte ihr den Rücken zu.
„Habt ihr euch gestritten?“
„Nein.“
Nun gut, wenn er nicht reden wollte. Schließlich würde das wieder so ein
Gespräch werden, das man nicht mit einer Frau führte.
Allerdings schien er auch keine Ruhe zu finden und wälzte sich auf seiner Matte
hin und her. Irgendwann reichte es Ailia und sie fragte genervt. „Nun rück schon
mit der Sprache raus.“
„Nein“, knurrte er wieder. „Das ist etwas, was ich dir nicht erzählen würde,
wenn ich dich als Frau sehen würde.“
Ailia kicherte, schlug ihre Decke zurück und krabbelte zu seiner Matte. „Tec,
ich bin dein Schwertkampfpartner. Dem kann man alles erzählen“, sagte sie und
ließ sich neben ihm auf den Bauch fallen. „Außerdem verhindert dein Herumgewälze,
dass ich einschlafen kann.“
„Du liegst in meinem Bett“, brummte er missmutig. „Das würdest du bestimmt auch
nicht tun, wenn du mich als Mann sehen würdest.“
„Okay. Ertappt“, gab sie zu und stützte ihr Kinn auf ihre Hand. „Was ist
passiert?“
Er lag auf dem Rücken und starrte zur Decke. „Tara denkt andauernd darüber nach,
dass ich endlich eine Frau für mich bräuchte und wie perfekt du wärst. Und dass
ich ein Idiot bin, wenn ich das nicht sehe. Und dass sie mich zurück in mein
Zelt schicken sollte, weil ich dann keine andere Möglichkeit hätte, als dich zu
fragen, wenn mir danach wäre.“ Er fuhr sich über die Augen. „Und noch mehr
solchen Scheiß in dieser Richtung. Ich ... also ... meine Stimmung war weg und
sie kam auch nicht wieder“, fluchte er leise. „Weil sie, selbst als sie mich
berührte, daran dachte!“
Ailia sah ihn nachdenklich an. „Wie hast du das bisher geschafft?“
„Was?“ Er drehte den Kopf und sie konnte trotz der Dunkelheit das Erstaunen in
seinen Augen sehen. „Das war vorher nicht! Wenn ich bei ihr war, hat sie auch
nur an mich gedacht oder an das, was ich tue oder sie tun möchte. Jedenfalls an
nichts anderes!“ Er wunderte sich, dass sie so gar nicht überrascht aussah. „Das
... das ist nicht neu für dich, oder?“
Ailia schüttelte traurig den Kopf. „Ich hatte angenommen, es gäbe irgendeine
Wunderlösung auf diesem Planeten, wenn du dein ganzes bisheriges Leben lang nur
mit einer Frau schläfst...“
„Deshalb sind es bei dir so viele?“, erkundigte er sich zögernd.
„Ich habe es auf Dauer nicht mit ein und derselben Person ertragen. Es ist
wirklich total stimmungsverderbend“, bestätigte sie.
„Oh man“, fluchte er. „Ist mein Leben denn nicht schon beschissen genug. Soll
ich jetzt auch noch auf den Sex verzichten?“
„Du musst versuchen, die Gedanken so gut wie möglich auszuschließen.“
„Ich kenne Tara in und auswendig. Ich kann da nichts ausschließen.“ Er schloss
die Augen. „Warum ich? Warum habe ich solche Fähigkeiten? Warum kann ich nicht
einfach normal sein?“ Er klang verzweifelt.
„Weißt du, wie oft ich mich das gefragt habe? Wie oft ich es verflucht habe?“
Sie starrte versonnen in die Luft. „Und dann wieder, wenn es durch meine
Fähigkeit war, dass ich jemandem helfen konnte, dass ich ein Menschenleben
retten konnte, dann wusste ich, dass es das wert war. Diese Kräfte sind keine
Last, Tec, sie sind eine Gabe...“
Er öffnete seine Augen wieder. „Ich fühle mich so total einsam. Und jetzt noch
mehr. Es wäre besser, wirklich verrückt zu sein.“
„So etwas sollst du nicht sagen!“, fuhr sie ihn an. Sie hob ihre Hand zu seinem
Kinn und drehte seinen Kopf in ihre Richtung. „Hast du gehört, du Dummkopf.“
„Ich habe hier keine Aha-Erlebnisse, indem ich D’arjos rette“, sagte er bitter.
„Alles, was ich spüre, ist Verachtung und selbst mein Vater meidet mich. Wenn
Tara nicht gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich selbst umgebracht. Und
jetzt habe ich nicht einmal mehr sie.“
„Du kannst kämpfen, Tec. Dein letzter Anfall ist Monate her. Du musst es nur
wollen.“ Sie sah ihn ernst an. „Versprich mir, nichts Dummes zu tun, ja?“
„Es würde doch keinen interessieren. Mein Vater wäre bestimmt froh, wenn die
Schande, die ich in seinen Augen bin, verschwindet“, stieß er hervor.
Ailia wusste genau, wie er sich fühlte. „Du kannst den Planeten verlassen“,
sagte sie leise. „Du kannst versuchen, deine Fähigkeiten dort einzusetzen, wo
man sie braucht. Aber du wirst immer irgendwie einsam sein...“
„Den Planeten verlassen?“, echote er fassungslos.
„Und du wirst keinem D’arjo da draußen begegnen...“ Ihr Kopf sank auf ihre Arme.
„Es ist immer schwer... als Mutant...“
Tec’or drehte sich zu ihr um und sah ihr missglücktes Lächeln, das ihn
aufmuntern sollte.
„Ich habe mir auch immer ein normales Leben gewünscht“, fuhr sie leise fort.
„Aber irgendwann wirst du verstehen, dass mit diesen Begabungen ein normales
Leben nicht möglich ist. Kein normales Leben. Keine normalen Beziehungen...“ Sie
bemühte sich, nicht ganz so bitter zu klingen, konnte jedoch nicht verhindern,
dass sich ein Kloß in ihrem Hals bildete.
Der D’arjo hob seine Hand um ihren Hals und zog sie an sich. Und es war ihr
plötzlich egal, was er von ihr dachte. Tränen traten in ihre Augen und sie
schniefte leise. Sie hätte längst darüber weg sein müssen. In ihrer Ausbildung
hatte sie gelernt, dass ihre Kräfte eine Gabe waren. Ihre Lehrer waren alle
Mutanten gewesen und in deren Augen hatte sie hinter dem Stolz die Traurigkeit
gesehen. Sie hatte es verdrängt. Alle Warnungen in den Wind geschlagen. Warum
nicht ein normales Leben führen? Was sollte sie davon abhalten?
Unbewusst schlangen sich ihre Arme um den D’arjo, als könnte er ihr für kurze
Zeit den Halt geben, den sie suchte.
Tec’or hielt sie einfach nur fest. Irgendwie beruhigte es ihn, dass er mit
diesen Problemen nicht allein war. Seine Finger strichen über ihre Haare und er
stellte fest, dass sie so gar nicht gestrüppähnlich waren, sondern genau so
weich wie seine eigenen, nur länger. Er hörte ihr unterdrücktes Schniefen und
fühlte die Nässe der Tränen an seinem Hals. Sie war am Ende genau so einsam wie
er...
Nach einer Weile hob Ailia den Kopf. „Ich bin eine Heulsuse, Tec. Das ist
fürchterlich und das passiert mir nicht oft und ...“
„Shhh“, unterbrach er sie und sein Daumen fuhr über ihre Wangen, um die Tränen
aufzufangen.
„Das ist peinlich...“
Er senkte seinen Kopf und seine Zunge folgte seinem Daumen. Ailia schluchzte auf
und klammerte an seinen Unterarmen, während seine Hände ihr Gesicht umfassten.
Er leckte die Tränen von ihren Wangen und Ailias Augen schlossen sich, als er
ihre Lippen berührte.
„Tec“, flüsterte sie hilflos, während sie sich wünschte, er möge weiter machen
und sie alles andere vergessen lassen.
Er seufzte leise, schlang seine Arme um sie und vergrub sein Gesicht an ihrem
Hals.
Irgendwie wussten sie beide, wenn einer von ihnen in dieser Nacht den ersten
Schritt getan hätte, wären sie weiter gegangen. Aber weder Ailia noch Tec’or
wagten es.
Allerdings ließ Tec’or sie auch nicht los, sondern flüsterte nur: „Meinetwegen
kannst du hier schlafen.“
Und Ailia lehnte es nicht ab.
***************
„Tec’or?“
„Ailia?“
Ailia bewegte sich schläfrig, als die Stimme vor dem Zelt sie aus dem Traum
riss. Etwas orientierungslos sah sie sich um und stellte erschrocken fest, dass
sie noch immer neben Tec’or lag, der seinen Arm um sie geschlungen hatte.
„Das ist Taras schlechtes Gewissen“, brummte der D’arjo neben ihr, hob den Kopf
und musterte sie plötzlich sehr wach. „Gut geschlafen?“, fragte er und klang
fast verlegen.
Diesen Moment nutzte Tara, um die Zeltplane zur Seite zur schieben und ins
Innere zu linsen. „Seid ihr wach?“, erkundigte sie sich vorsichtig und ihre
Augen weiteten sich, als sie Tec’or und Ailia auf einer Matte sah.
Tec’or sprang fluchend auf. „Du brauchst jetzt gar nicht zu jubeln!“, fauchte er
und Ailia wäre am liebsten wieder eingeschlafen, um die folgende Diskussion
nicht zu hören
Doch Tara drehte sich pikiert um. „Möchte wirklich wissen, wann du erwachsen
wirst!“, rief sie im Gehen und ließ ihn allein im Zelteingang stehen.
Seufzend kroch Ailia unter der Decke hervor, wunderte sich kurz, warum sie sich
so zerschlagen fühlte, und stolperte zu ihren Sachen, für die Tec’or eine extra
Truhe gebaut hatte.
„Wir brauchen wieder mal Fleisch“, sagte Tec’or gerade, während seine Augen noch
immer Tara nachsahen.
„Red doch einfach mit ihr. Erklär es ihr. Mir gehen die Diskussionen auf die
Nerven.“ Ailia durchwühlte die Truhe nach einer Hose und einem frischen Shirt.
„Und verschwinde aus dem Zelt.“
Er ging. Ailia wechselte ihre Sachen und trat dann aus dem Zelt an das
erloschene Feuer. Es lagen noch ein paar Früchte in ihrem Korb und sie setzte
sich, um sie zu essen. Tec’or war verschwunden. Vielleicht war er wirklich
gegangen, um mit Tara zu reden.
Da Damaron noch neben dem Zelt lag, nahm Ailia an, dass er bald wieder
auftauchen würde. Sie stand noch einmal auf, um dem Herero die letzten
Fleischreste zu geben und setzte sich wieder neben das Feuer. Ihr Herz hämmerte
und sie fühlte sich, als hätte sie einen anstrengenden Marsch hinter sich und
wäre nicht nur die paar Meter hinter das Zelt gegangen.
„Shit“, flüsterte sie leise, während sie an der Frucht kaute und in ihren Körper
lauschte. Wenn sie hier krank wurde, konnte sie sich gleich selbst erschießen.
Sie wusste, dass sie so gegen ziemlichen jeden bekannten Virus auf D’arjo
geimpft war, aber das schützte sie nicht gegen unbekannte Erreger. Ihr Hals
kratzte und sie stützte müde ihren Kopf auf ihre Hände. Selbst eine stinknormale
Erkältung konnte für sie hier tödlich enden.
Tec’or sah sofort, dass irgendetwas nicht stimmt. Es verging eine Stunde ehe er
wieder auftauchte und Ailia hatte sich noch nicht dazu aufraffen können, ihren
Platz am Feuer zu verlassen.
„Ich habe mit Tara geredet. Sie versteht es zwar nicht und mich auch nicht, aber
ich habe sie jetzt soweit, dass sie ihren Mund ...“ Er stockte und musterte
Ailias Gesicht. „Was ist mit dir?“
„Weiß nicht“, sagte sie leise und ihr Kopf sank auf ihre angezogenen Knie. „Ich
fühle mich wie zerschlagen. Mein Hals kratzt...“
Tec’or hockte sich neben sie und legte eine Hand an ihr Gesicht. „Du bist ganz
heiß“, stellte er erschrocken fest.
Ailia hob ihren Kopf wieder. „Tec, wie weit ist es von hier bis zu meinem
abgestürzten Fluggerät?“
„Warum?“ Seine Augen weiteten sich. „Drei, vier Stunden mit einem schnellen
Herero.“
„Könnten wir hin reiten?“, bat sie ihn.
„Du solltest dich hinlegen. Ich ... ich hole die Heilerin.“ Er wollte
aufspringen, doch ihre Hand hielt ihn zurück.
„Tec, du weißt, dass weder dich noch mich jemand besonders mag. Und ob ich auf
eure Medizin anspreche, steht in den Sternen. Ich habe Medikamente im Gleiter.
Zumindest ein paar für den Notfall. Bitte.“ Sie sah ihn flehend an und er
starrte zurück, eine ganze Weile, bis er ohne ein weiteres Wort zu verlieren
aufstand und begann, Damaron zu satteln.
Ailia beobachtete, wie er zusätzliche Decken und Trockenfleisch in den
Satteltaschen verstaute und selbst Kochgeschirr einpackte, als wolle er für
alles gewappnet sein. Dann ging er noch einmal zu Tara, damit diese sich
wenigstens keine Sorgen machte, wenn sie eventuell über Nacht weg blieben.
Tara stürzte hinter ihm her und drückte ihm noch ein paar Kräuter in die Hand,
die zumindest auf D’arjo fiebersenkend wirkten. Sie verstand nicht ganz, warum
Ailia nicht erst mit der Heilerin, einer eigentlich sehr zugänglichen alten
Frau, reden wollte, verstand aber, dass Ailia an ihre eigene Medizin kommen
wollte.
Tec’or hob Ailia auf Damaron, diesmal vor den Sattel, damit er sie festhalten
konnte und schwang sich hinter sie.
Es war nur Tara, die ihnen mit einem besorgten Gesichtsausdruck hinter her sah,
als sie das Lager verließen.
********
Sie erreichten den Gleiter fünf Stunden später. Ailia fühlte sich jetzt wirklich
wie gerädert und wollte eigentlich nur die Augen zumachen und schlafen.
Tec’or stellte erschrocken fest, dass sie noch blasser geworden war und sich
auch ihre Haut jetzt viel heißer anfühlte. Er ließ Damaron frei, der sich heute
um sein Abendessen selbst kümmern musste.
Währenddessen war Ailia ins Innere des Gleiters gestiegen. Es sah genauso aus,
wie sie es verlassen hatte und deshalb nahm sie an, dass ihn bisher auch noch
niemand auf der Suche nach ihr entdeckt hatte. Sie nahm sich vor, eine Notiz zu
hinterlassen, damit man sie finden konnte, dann wühlte sie in den
Seitenschränken nach dem Notfallkoffer.
Tec’or war ihr ins Innere gefolgt. „Wir werden hier übernachten“, sagte er und
legte die mitgebrachten Decken auf den Boden. „Hier sind wir genau so gut wie in
einer Höhle aufgehoben.“
Ailia nickte und studierte den Inhalt des Notfallkoffers. Da waren einige
fiebersenkende Grippemittel, Halstabletten, Hustenbonbons und einige Medikamente
gegen ernsthafte Fieber und Antibiotika, die Ailia jedoch nicht so ohne weiteres
schlucken wollte. Der Rest des Koffers diente der Wundversorgung:
Desinfektionsspray, Kompressen, Mullbinden, Nadeln und Chirurgenzwirn.
„Ich werde mich nach etwas zu essen umsehen“, sagte der D’arjo und beobachtete
neugierig, was sie mit dem Fieberthermometer anstellte.
Ailia nickte geistesabwesend und betrachtete die Anzeige im Display. „39,2.
Shit“, murmelte sie.
„Was bedeutet das?“
Ailia sah hoch in seine gelben Augen. „Das Gerät misst meine Körpertemperatur.
Normal wären für Menschen bis 37 Grad. Bei mir sind es jetzt 39,2. Ich schätze,
ich bin krank.“
Sie fuhr sich über das Gesicht. „Es war mir fast klar, weil ich mich auch so
fühle.“
„Was kann ich tun?“, fragte er besorgt.
„Nichts, Tec.“ Sie sah sich um. „Ich werde die Tabletten nehmen und ein wenig
schlafen. Ich habe keine Ahnung, ob sie wirken oder ob mein Körper allein damit
klar kommt.“
Er breitete die Decken auf dem Boden aus. „Ich werde dir eine Brühe kochen.
Melinda, unsere Heilerin, verabreicht allen Brühe zur Stärkung und Tara hat mir
Kräuter mitgegeben, die das Fieber senken.“
„Okay.“ Ailia rollte sich auf der Decke zusammen und schloss die Augen. Im
Moment war ihr alles egal, wenn sie nur schlafen konnte.
Tec’or hatte Angst. Und er hatte noch nie Angst, nicht einmal, als er selbst im
Wald zusammen gebrochen war, weil er sich damals nur gesagt hatte, dass alles
vorbei war, wenn er starb. Und vielleicht hatte er es sich gewünscht.
Jetzt hatte er Angst um die Menschenfrau. Weil er schon oft genug erlebt hatte,
wie das Fieber die stärksten D’arjos umgeworfen hatte und selbst Melinda nur
hilflos zusehen konnte, wie das Fieber den D’arjo auffraß.
Er schloss das Gleiterschott per Hand, so wie er es bei Ailia gesehen hatte und
verschwand im Wald. Er hatte keine Ruhe und so dauerte es nicht lange, bis er
mit einem hühnerähnlichen Vogel zurückkam. In der Nähe floss ein kleines
Bächlein und er füllte den mitgebrachten Topf mit Wasser. Nachdem er ein Feuer
entzündet hatte, schaute er noch einmal nach Ailia. Sie schlief, unruhig zwar,
aber sie schlief.
Dann kümmerte er sich um den Vogel, rupfte ihn, nahm ihn aus und hängte den Topf
in die provisorische Halterung über dem Feuer. Zwei Stunden später, als die
Suppe fertig war, kam auch Damaron zurück und ließ sich gesättigt ins Gras
fallen.
Tec’or füllte etwas Brühe in eine Tasse und kletterte in den Gleiter. Ailia
schlief noch immer unruhig und er schüttelte sie sanft an der Schulter. „Heh.“
Es dauerte eine Weile, ehe sie reagierte und sich mit seiner Hilfe mühsam
aufrichtete. Tec’or wurde plötzlich klar, dass an einen Rückweg im Moment nicht
zu denken war. Er versuchte, ihr etwas von der Brühe einzuflößen. Ihr Kopf sank
gegen seine Schulter und er hörte sie leise flüstern: „Tec, ich muss die
Tabletten dreimal am Tag nehmen. Weck mich bitte, ja?“
„Werd ich“, murmelte er und strich ihr hilflos die feuchten Haare aus dem
Gesicht.
„Hilf mir raus.“
„Was?“ Er sah sie fassungslos an.
„Hilf mir raus und lass mich allein.“
„Nein, nein, nein“, unterbrach er sie und wusste, was ihr Problem war.
„Tec!“ Sie fing an zu husten und er fluchte lautlos über ihre Unvernunft, doch
er tat, was sie verlangte.
Es dauerte nicht lange, bis sie wieder zum Gleiter geschlichen kam und er ihr
auf die Decke half. Sie fiel übergangslos wieder in einen unruhigen Schlaf und
die Angst, die sein Herz umklammerte, stieg ins Unermessliche. Er wollte sie
zudecken, als ihm auffiel, dass sie komplett durchgeschwitzt war und er
erinnerte sich, dass Melinda ihre kranken fiebernden Patienten mit kaltem Wasser
abgewaschen hatte, um die Hitze des Körpers zu senken.
Er sprang auf und holte frisches Wasser aus dem Bächlein.
„Ailia?“, fragte er leise. „Ich werde dir jetzt die Sachen ausziehen. Ich hoffe,
du … ähm … hast kein so großes Problem damit…“
Wenn sie bei Sinnen gewesen wäre, hätte sie ihn garantiert gefragt, ob er
verrückt geworden wäre. So aber seufzte sie nur leise, als er ihren Oberkörper
aufrichtete und ihr das Hemd über den Kopf zog. Seine Angst wurde immer größer,
weil er sich nicht erinnern konnte, dass jemals jemand mit einem derartigen
Fieber genesen war. Er zog ihr auch die Hose aus und begann, ihren Körper mit
einem Lappen abzuwaschen. Dann wickelte er sie in die Decke und verschwand mit
den verschwitzten Sachen nach draußen.
Er war noch nie in einer solchen Situation und eine leichte Panik griff nach
ihm. Dann erinnerte er sich daran, dass Ailia ihn darauf hingewiesen hatte, dass
Panik, Angst und Überforderung die Kräfte in seinem Kopf unkontrolliert
ausbrechen lassen konnten und zwang sich gewaltsam zur Ruhe. Wenn er
durchdrehte, war Ailia verloren.
Er wusch ihre Sachen in dem Flüsschen und hängte sie zum Trocknen in die Sonne.
Am Abend weckte er sie noch einmal, um ihr die Tabletten zu geben und sie mit so
viel Brühe wie möglich abzufüllen. Wieder war ihre Haut nass vom Schweiß und er
verschwendete keinen Gedanken an ihr Schamgefühl, als er wieder Wasser holte und
sie wusch.
In der Nacht begann sie sich ruhelos hin und her zu wälzen. Tec’or hätte am
liebsten geweint und nur der Gedanke, dass sie auf alle Fälle sterben würde,
wenn er nicht da war, verhinderte, dass die Panik ihn befiel. Ihr Körper
zitterte, obwohl es so warm war, dass man bequem im Freien schlafen konnte und
er wusste sich keinen anderen Rat, als zu ihr unter die Decke zu kriechen, sie
in den Arm zu nehmen und zu versuchen, die mit seinem Körper zu wärmen. Sie
schien sich etwas zu beruhigen, doch im nächsten Moment warf sie die Decken von
sich und ihr Körper bedeckte sich von neuem mit Schweiß.
Tec’or verbrachte die ganze Nacht damit, sie abwechselnd mit kaltem Wasser zu
kühlen und dann wieder in den Arm zu nehmen, wenn sie vor Kälte zitterte. Er
dachte nicht mehr. Er war einfach nur froh, dass sie noch am Leben war, als die
Sonne aufging.
Er fühlte sich wie gerädert, schaffte es aber, sie so wach zu bekommen, um ihr
die Tabletten einzuflößen. Obwohl sie kaum vollständig bei Sinnen war, verlangte
sie, dass er ihr hinaus half und Tec’or wickelte sie fluchend in die Decke. Er
ließ sie allein, doch als sie nicht wieder kam und er noch lauter fluchend sah,
dass sie auf dem Erdboden zusammen gesunken war, schwor er sich, dass es das
letzte Mal war. Er trug sie zu Gleiter zurück, legte sie auf die Decke und
sagte:
„Ailia, du wirst nicht sterben, verstanden!“
Sie murmelte irgendetwas vor sich hin und ab und zu glaubte er seinen Namen zu
verstehen, doch es schienen nur Fieberträume zu sein, die sie quälten.
Auch in der darauf folgenden Nacht fand er kaum Schlaf. Wieder kühlte und wärmte
er abwechselnd ihren Körper und war einfach nur unendlich erleichtert, als sie
gegen Morgen in einen ruhigen Schlaf fiel. Ohne weiter darüber nachzudenken,
schlang er seine Arme um sie und schlief ebenfalls ein.
Das erste, was Ailia bewusst wieder wahrnahm, war eine grenzenlose Müdigkeit.
Sie fühlte sich so zerschlagen, dass es selbst Mühe kostete, die Augen zu
öffnen.
Als sie es endlich schaffte, bemerkte sie verblüfft den Arm, der um ihren Körper
geschlungen war und Tec’ors Haare, die ihren Hals kitzelten, weil sein Kopf an
ihrer Schulter ruhte. Sie konnte ihren eigenen Arm nicht bewegen, weil der
D’arjo darauf lag und sie versuchte, ihn sanft zu befreien.
„Tec?“, flüsterte sie fragend, weil sie ihn eigentlich nicht wecken wollte.
Er bewegte sich kurz im Schlaf und ein leises Schnurren drang aus seiner Kehle.
Ailia musste fast schmunzeln, als er seine Wange an ihr rieb und seine Zunge
über die zarte Haut ihres Halses leckte, ohne dass er wach wurde.
Erst dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag, dass sie keinen Fetzen am Leib
trug, während der D’arjo sie wie selbstverständlich umklammerte. Ihre Augen
schlossen sich wieder, da sie einfach noch nicht in der Lage war ernsthaft
nachzudenken.
„Tec?“, fragte sie wieder und diesmal rührte er sich.
Er hob ein wenig orientierungslos den Kopf, als könne er nicht fassen, dass sie
es war, die gesprochen hatte, doch als der Blick seiner Augen ihre traf, fingen
sie an zu leuchten.
„Du … du bist wach“, flüsterte er und die Erleichterung in seiner Stimme war
unüberhörbar. Sein Kopf sank wieder auf ihre Schulter. „Und du lebst noch…“ Dann
hob er ihn schlagartig wieder. „Du musst etwas essen. Und trinken.“ Er sprang
auf und Ailia stellte erleichtert fest, dass er seine Hosen noch trug. Sie zog
die Decke enger um sich und fragte sich, was passiert war.
„Wie lange sind wir hier, Tec?“, fragte sie als er mit einer Tasse zurück kam
und sich neben sie setzte.
„Drei Tage.“ Er freute sich, sie wieder die Stirn runzeln zu sehen, als er ihr
half sich aufzusetzen und die Brühe zu trinken. „Komm schon“, murmelte er
amüsiert. „Wer glaubst du, hat dich die letzten Tage gepflegt?“
Ailia lief feuerrot an. „Wo sind meine Sachen?“, fragte sie nervös.
„Ich habe sie gewaschen…“, begann er.
„Gewaschen? Du?“, unterbrach sie ihn verblüfft und er sah sie böse an.
„Ja. Bevor du da warst, musste ich all meine Sachen selbst waschen. Melinda hat
die D’arjos, die Fieber hatten, immer gekühlt“, fuhr er dann fort. „Ich wusste
mir keinen anderen Rat. Du warst total durchgeschwitzt. Dann hast du wieder
gefroren. Ich wusste nicht, ob ich dich nun kühlen oder wärmen sollte.“
Ailia wollte gar nicht so genau darüber nachdenken, was er getan hatte. Trotzdem
wusste sie, dass er ihr geholfen hatte. Ohne ihn wäre sie vielleicht nicht mehr
am Leben. „Danke“, sagte sie leise und er lächelte glücklich.
„Tec?“, fragte Ailia verlegen. „Könntest du mir vielleicht meine Sachen holen?“
Er drückte ihr die Tasse mit der Brühe in die Hand und verließ den Gleiter
wieder, um keine fünf Minuten später mit ihrer Kleidung wieder zu erscheinen.
„Ich konnte sie nicht an deinem Körper lassen“, versuchte er zu erklären. „Du
warst komplett nass geschwitzt und hast gleichzeitig gefroren... Ich wusste mir
keinen anderen Rat und ... ich konnte dich ja nicht fragen und ...“
Ailia lächelte mit feuerrotem Kopf. „Schon gut“, murmelte sie nervös, als er
sich neben sie setzte.
„Ich hatte wirklich Angst um dich“, fuhr er fort. „Ich bin schließlich kein
Heiler und du bist noch dazu ein Mensch. Ich stand kurz vor einer Panik! Ich
konnte ja nicht einmal gehen und Hilfe holen...“
„Tec.“ Ailia griff nach seinem Arm und stoppte seinen Redeschwall. „Du hast das
alles toll gemacht. Wirklich.“
Er lächelte schüchtern und so gar nicht wie ein furchloses gefährliches
Raubtier, als das D’arjos oft dargestellt wurden. Dann beugte er sich kurz zu
ihr, schnurrte leise neben ihrem Ohr und biss sie in den Hals. „Bin froh, dass
es dir besser geht“, flüsterte er und sprang wieder auf, um sie allein zu
lassen.
Ailia sank auf die Decke zurück und versuchte, ihr klopfendes Herz zu beruhigen.
Sie hatte schon bemerkt, dass D’arjos ihre Sympathie gern durch solche Gesten
wie sanfte Bisse oder Berührungen mit der Zunge zeigten, Tec’or machte da keine
Ausnahme, aber dass er es bei ihr genauso tat, verursachte in ihrem Körper eine
Schwäche, die nichts mit ihrer Krankheit zu tun hatte.
Sie atmete tief durch und zog sich dann endlich an. Als sie fertig war, fühlte
sie sich wie nach einem Marathonlauf und schloss die Augen wieder. Aber trotz
der Schwäche wusste sie, dass sie es geschafft hatte. Und dass sie zumindest
nicht sterben würde.
****************
Fünf Monate
Das Metall der Schwerter klirrte aufeinander. Ailia wirbelte herum, tauchte
unter Tec’ors Schwert hindurch und sprang in die Luft, als er versuchte, ihr die
Beine unter dem Körper weg zu schlagen.
Es waren jetzt fünf Wochen seit ihrer Krankheit vergangen und seit zwei Wochen
fühlte sie sich wieder so wie davor. Sie trainierten jetzt täglich weit ab vom
Lager und Ailia fühlte manchmal seinen stolzen Blick, wenn ihre perfekte
Reaktion ihn überraschte. Ganz sicher war es nicht normal, dass ein Mann auf
diesem Planeten sich über die Kampfausbildung einer Frau freute, aber Tec’or war
noch nie ein normaler D’arjo gewesen.
Irgendwie fiel es auch in der Gemeinschaft der D’arjos auf, dass Tec’or nicht
mehr durch eigenartiges Verhalten auffiel oder dass seine Anfälle das ruhige
Leben im Lager unterbrachen. Ailia hatte ihm alles beigebracht, was sie als
wichtig erachtete. Wie er in einer Extremsituation reagieren würde, konnte
niemand vorhersagen, aber das wusste sie von sich selbst auch nicht. Er hatte
seine Kräfte unter Kontrolle, er konnte sie anwenden, wenn er wollte und er
konnte verhindern, dass andere D’arjos bemerkten, dass etwas mit ihm nicht
stimmte.
Was er nicht verhindern konnte, war, dass er Gedanken las. Trotzdem ging er ab
und zu zu Tara. Nicht so oft wie vorher, sondern nur, wenn er sein Bedürfnis
einfach nicht mehr unterdrücken konnte, doch Ailia sah jedes Mal die Traurigkeit
in seinen Augen, wenn er zurückkam. Er blieb nie mehr die ganze Nacht. Meist kam
er irgendwann nach Mitternacht, warf sich auf sein Bett, rollte sich zusammen
und versuchte zu schlafen.
Ailia sprach ihn nie wieder darauf an und er begann von sich aus kein Gespräch.
Es war als würden sie sich stillschweigend verstehen.
Jetzt hatte sie allerdings mehr damit zu tun, seine Angriffe abzuwehren und das
war schwer genug, obwohl er mit seinem Schwert die Schläge nicht mit voller
Wucht führte und sehr aufpasste, sie nicht zu verletzen.
Sie kämpften schon eine ganze Weile und Ailia merkte, wie ihre Bewegungen
schwerfälliger wurden. Sie konnte später nicht mehr sagen, was passiert war.
Ihre Reaktion kam zu spät oder falsch oder sie hatte gar nicht aufgepasst.
Jedenfalls hob sie noch abwehrend den Arm und Tec’or bemerkte ihre fehlende
Reaktion und drehte sein Schwert. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass der
Stahl mit voller Wucht ihr leichtes Schwert traf und der Aufprall einen
derartigen Schmerz in ihrem Handgelenk verursachte, dass sie mit einem Aufschrei
das Schwert fallen ließ und ihr Gelenk umklammerte.
„Verdammt!“ Tec’ors Schwert flog zur Seite, als er auf sie zu stürzte. „Ailia?
Ailia, es tut mir leid. Verdammt, ich wollte dir nicht wehtun.“
Sie biss ihre Zähne aufeinander und schüttelte den Kopf. „Schon gut.“ Sie sank
zu Boden, ohne ihr Handgelenk los zu lassen. „Tec, es ist nicht deine Schuld.“
„Es ist eine blöde Idee gewesen, dich mit dem Schwert kämpfen zu lassen. Ich
wusste es.“ Er ging neben ihr in die Hocke und griff nach ihrer Hand, die sie
immer noch umklammerte. „Kannst du sie bewegen?“ Ailia nickte mit blassem
Gesicht, das sich vor Schmerz verzerrte, als sie die Hand bewegte. Er tastete
vorsichtig die Knochen ab. „Es scheint nichts gebrochen“, murmelte er beruhigt.
Ailia fluchte leise über ihre eigene Dummheit, als sie selbst noch einmal über
das Gelenk fuhr. Sie schloss ihre Augen, als sie ihre telekinetischen Kräfte
zwang, tiefer in ihr Gelenk zu tasten. „Das ist etwas, was ich dir noch nicht
gesagt habe, Tec“, flüsterte sie. Ihre Sinne folgten der mentalen Aura ihres
Körpers, hinab in den Arm zum Handgelenk.
Tec’or sah sie fassungslos an. Dann schloss er ebenfalls die Augen, um sich
besser konzentrieren zu können und nahm Verbindung zu ihrem Geist auf. Mit ihr
zusammen spürte er die Knochen ihres Arms und ihres Handgelenks und tasteten
mental die Knochen auf Verletzungen ab.
Es gibt Menschen, die nicht nur so in das Innere eines Körpers hinein schauen
können, teilte ihm Ailia mit, sondern reparierend eingreifen können, wenn
sie eine Verletzung finden. Sie können Wunden schließen und Knochen wieder
heilen lassen, weil sie die kleinen Teilchen, aus denen unsere Körper bestehen,
manipulieren können. Wir nennen diese Gabe Zellverformung.
Ihre Augen öffneten sich wieder und sie lächelte trotz des Schmerzes, als sie
Tec’ors erstauntes Gesicht sah. „In solchen Momenten bin ich wirklich froh über
meine Fähigkeiten. Zumindest weiß ich jetzt definitiv, dass es nichts weiter als
eine schmerzhafte Prellung ist.“ Er blickte immer noch verblüfft und schrecklich
schuldbewusst. Ailia hob ihre gesunde Hand und strich ihm sanft über die Wange.
„Mach dir keine Sorgen. Wenn man mit Waffen trainiert, passieren auch Unfälle.“
„Wir werden damit aufhören“, erklärte er.
„Nein!“ Ailia stand auf und umklammerte wieder ihre Hand, um das Gelenk vor
Erschütterungen zu schützen. „So ein Quatsch. Warum denn? Es ist nichts
passiert.“
„Es hätte viel mehr passieren können. Ich hätte dich ernsthaft verletzen können.
Nein, ich will das nicht.“ Er pfiff nach Damaron und sah nicht so aus, als wolle
er weiter darüber diskutieren. Als das Herero vor ihm stand, half er Ailia
wieder in den Sattel und ignorierte ihren bösen Blick. Er schwang sich hinter
sie und musste diesmal um sie herum greifen, da sie die Zügel nicht führen
konnte.
Trotz der Schmerzen in dem Gelenk, die durch die Bewegungen Damarons nicht
besser wurden, brummelte sie vor sich hin. „Darüber reden wir noch…“
************
Als sie das Lager wieder erreichten, dämmerte es schon. Während Tec’or Damaron
versorgte, verschwand Ailia im Zelt und entnahm ihrem Notfallkoffer eine
Bandage, um ihr Gelenk straff zu verbinden. Es fühlte sich gleich viel besser an
und Ailia schlüpfte mit neu erwachtem Selbstbewusstsein aus dem Zelt, um die
Diskussion um Schwerttraining erneut zu beginnen.
Tec’or starrte zur Mitte des Lagers, in der wieder einmal ein Kampf zwischen
zwei D’arjos entbrannt war. Und wieder einmal ging es um Surana. Die D’arjo
schien alle paar Wochen genug von ihrem derzeitigen Beschützer zu haben und ließ
ihn kämpfen, um festzustellen, dass er noch so stark war wie sie ihn wollte.
Ailia tat es einfach leid, dass Tec’or noch immer mit solch einem traurigen
Blick den Kampf beobachtete.
„Ist etwas dagegen einzuwenden, wenn ich mir das mal aus der Nähe anschaue?“,
fragte sie unschuldig.
Tec’or sah sie überrascht an und schüttelte den Kopf. Aber er folgte ihr
langsam. Ailia blieb mit verschränkten Armen in einer Entfernung von vielleicht
zehn Metern neben dem Kampfplatz stehen und lächelte leicht, als Tec’or an ihre
Seite trat.
„Wie beurteilst du den Kampfstil?“, erkundigte sie sich. Die beiden D’arjos
kämpften mit Holzlanzen, die zwar nicht töten, aber schmerzhafte Prellungen und
Knochenbrüche zufügen konnten. Ailia konnte Surana einfach nicht verstehen, die
solch einen Kampf immer wieder heraus forderte.
Tec’or zuckte unbestimmt mit den Schulter, aber seine Augen klebten an jeder
Bewegung der Kämpfenden. Dann traf die Lanze des einen D’arjo seinen Gegner
gegen den Hals und warf ihn zu Boden. Keuchend und hustend blieb der Mann
liegen, während der andere die Lanze in die Luft riss und seinen Sieg hinaus
knurrte. Surana schlich an seine Seite und rieb sich leicht an ihm.
„Sie ist unmöglich.“ Ailia fuhr erschrocken zusammen, als Tara plötzlich neben
ihnen stand. „Nemork hat mehr mit Kämpfen zu tun als mit etwas Sinnvollem“,
zischte sie.
Nemork blickte gerade stolz in die Runde. „Ich bin unschlagbar“, prahlte er und
seine Hand zog Surana an sich. „Oder wagt noch jemand die Herausforderung?“,
erkundigte er sich spöttisch und ließ seinen Blick umher wandern. Bis er an
Tec’or hängen blieb. „Oh, unser Verrückter weilt doch auch mal wieder unter
uns!“, rief er. „Wie sieht es aus, Tec? Hast du Mut auf einen Kampf.“ Er lachte
über seinen eigenen Witz und Ailia bemerkte, wie Tec’or die Zähne aufeinander
biss, während sich seine Haare aufrichteten.
„Nein, Tec“, entfuhr es Tara erschrocken. „Tu es nicht. Du weißt doch, was
passiert. Bitte.“ Ailia nahm die D’arjo an die Hand und zog sie zur Seite. Tara
standen Tränen in den Augen, als sie fassungslos beobachtete, wie Tec’ors Körper
sich straffte und er auf Nemork zuging. „Das kann er nicht machen. Bitte, Ailia.
Halt ihn auf…“
Suranas Augen blitzten, als sie Tec’or unter gesenkten Lidern musterte. Sie
hatte nicht damit gerechnet, dass der Kampf weiter ging und wenn sie Tec’or
jetzt so genau betrachtete, wäre es durchaus reizvoll, den Kampf weiter zu
führen. Die Menschenfrau war dumm, wenn sie es in den ganzen Monaten nie darauf
angelegt hatte, richtig seine Frau zu werden. Jetzt bemerkte sie, wie Ailia Tara
festhielt, die aussah, als wolle sie Tec’or persönlich davon abhalten, sich an
dem Kampf zu beteiligen. Sie war wirklich dumm. Mit einer gnädigen Handbewegung
eröffnete sie den nächsten Kampf.
Ailia hielt Tara fest, obwohl ihr Herz genau so aufgeregt schlug wie das der
D’arjo. Sie hieß den Kampf nicht gut, aber sie wusste genau so, dass er dazu
diente, Tec’ors Selbstbewusstsein aufzubauen. Und selbst wenn er verlor, dann
verlor er einen Kampf und wurde nicht ausgeschlossen, weil ein Anfall ihn am
Kämpfen hinderte.
Dann nahm der Kampf sie gefangen und ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht
aus. Selbst Tara versuchte nicht mehr, sich aus ihrem Griff zu befreien, sondern
starrte mit großen Augen in die Arena, in der ein sich blitzschnell bewegender
und zuschlagender Tec’or Nemork nach Strich und Faden verprügelte. Auch die
anderen D’arjos - und es wurden im Laufe des Kampfes immer mehr, da es sich wie
ein Lauffeuer herum sprach, dass Tec’or kämpfte - trauten ihren Augen nicht.
Als Nemork am Boden lag, herrschte Totenstille. Tec’or schien wieder zu
erwachen, blickte sich unsicher um und wusste nicht recht, wie er sich verhalten
sollte. Surana nahm ihm die Entscheidung ab und griff mit dem gleichen
strahlenden Lächeln, das sie vor fünfzehn Minuten Nemork geschenkt hatte, nach
Tec’ors Arm.
„Er ist ein Idiot“, zischte Tara in Ailias Ohr. „Ich denke, du solltest heute
Nacht bei mir schlafen.“
Ailia lächelte traurig und wunderte sich, warum sie plötzlich einen Stich
fühlte, als sie Surana an Tec’ors Seite sah. Sie folgte Tara und warf noch einen
kurzen Blick zurück. Tec’or starrte ihr mit einem undefinierbaren
Gesichtsausdruck nach, bevor ihn Surana hinter sich her zog, in Richtung seines
Zeltes.
Ailia saß mit Tara vor deren Zelt. Die D’arjo schimpfte noch immer vor sich hin,
während sie eine Flasche von einem weinähnliches Getränk entkorkte. Sie sahen
Tec’or und Surana im Zelt verschwinden und Ailia benötigte ihre gesamte
Selbstbeherrschung, um nicht zu lauschen.
„So ein Idiot. Um Surana kämpfen! Wenn er schon kämpft, dann hätte es um eine
Frau sein sollen, die ihn verdient! Diese Ziege verdient ihn nicht. Nie!“
„Sei still“, bat Ailia und nahm einen gefüllten Holzbecher.
„Du verdienst ihn. Und er dich. Wieso ist er so dumm und sieht das nicht!“,
murmelte Tara weiter, ohne ihren Einwand zu beachten.
„Tara. Ich habe dir das doch schon einmal erklärt. Ich will es nicht.“
„Du bist genau so dumm wie er!“
Ailia lächelte wieder traurig und trank den Wein in kleinen Schlucken. „Er ist
der netteste Mann, den ich kenne. Und ich werde ihm nicht wehtun. Sobald mich
jemand von der Station abholt, werde ich das Lager verlassen.“
„Na und? Er weiß das doch. Bis dahin könntet ihr glücklich sein. Ich sehe doch,
wie er dich anschaut. So schaut er Surana schon lange nicht mehr an.“
Ein Aufschrei unterbrach ihr Gespräch und sie fuhren hoch, als sie Surana aus
Tec’ors Zelt stürzen sahen. Ailia warf all ihre Skrupel zur Seite und streckte
ihre Gedankenfühler aus.
„Shit!“ Fluchend warf sie den Holzbecher zur Seite und stürzte zu dem Zelt. Sie
hätte ahnen sollen, dass Suranas Gedanken Tec’or noch weit mehr störten als
Taras. Tara folgte ihr auf den Fersen.
Tec’or saß auf seinem einzigen Stuhl und hatte den Kopf in seinen auf dem Tisch
abgelegten Armen vergraben. Ailias Herz zog sich zusammen. Sie setzte sich neben
ihn auf die Tischplatte und fuhr nachdenklich mit der Hand durch seine Haare.
„Ich habe Surana abgelehnt“, murmelte er verzweifelt, ohne den Kopf zu heben.
„Das war vollkommen richtig“, mischte sich Tara ein und schlug sich selbst die
Hand vor den Mund. „Oh Gott, ich meine natürlich nicht. Sie muss total entsetzt
sein …“
Tec’or hob den Kopf. Ailia sah den Schmerz und die Verzweiflung in seinen Augen
und hätte weinen können, weil sie so genau wusste, wie er fühlte.
„Das war kein Sieg, Ailia. Niemals“, sagte er leise. „Ich wusste jeden Schlag,
den er führen würde, vorher.“
„Ich weiß...“ Ailia schluckte krampfhaft, während Taras Blick zwischen ihnen hin
und her irrte.
Sein Kopf sank wieder auf den Tisch. „Ihre Gedanken sind nicht zu ertragen...
Nicht ein einziger betraf mich...“
„Wovon redet er?“, frage Tara ängstlich.
Ailias Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte gehofft, es würde ihm helfen.
Sie hatte es nur noch schlimmer gemacht.
In diesem Moment wurde die Zeltplane zur Seite gerissen und Tec’ors Vater Acto
stürzte in den Raum, hinter ihm eine hysterisch weinende Surana.
„Raus!“, knurrte er Tara an, die erschrocken flüchtete.
Ailia rührte sich nicht, genau so wenig wie Tec’or, obwohl der ältere D’arjo sie
ebenso wie Tara anstarrte.
„Wie kannst du das wagen?!“, fauchte er seinen Sohn an. „Kannst du dich nicht
ein einziges Mal wie ein normaler D’arjo benehmen? Wäre das zuviel verlangt?“
Tec’or bewegte sich nicht und Acto funkelte Ailia an. „Verschwinde!“
„Ich denke gar nicht daran“, sagte sie leise. „Und ich werde auch nicht
zulassen, dass du ihn beleidigst.“
„Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?“ Acto klang gereizt. „Du bist in diesem
Lager nur geduldet!“
„Ich habe kein Problem damit zu gehen“, meinte Ailia gelassen.
„Aber ich“, brummte Tec’or, ohne den Kopf zu heben. „Sie bleibt.“
„Ich wusste es“, kreischte Surana. „Sie will ihn für sich.“
Ailia lächelte mitleidig. „Eure Nasen müssten euch eigentlich verraten, dass das
nicht der Fall ist.“
Acto sah unsicher von ihr zu Tec’or und dann zu Surana. Dann wanderte sein Blick
zurück zu Ailia. „Er hat sich seit Monaten nicht mehr wie ein Verrückter
benommen“, sagte er und war schon bedeutend ruhiger. „Ich hatte gehofft, dass es
endlich vorbei wäre. Und jetzt das. Weißt du eigentlich, was für eine
Beleidigung Tecs Benehmen darstellt? Es ist noch nie passiert, dass ein Mann die
Frau ablehnt, für die er gekämpft hat.“
„Hat er für sie gekämpft?“ Ailias Stimme war nur ein Hauch. „Oder hat er
gekämpft, um zu beweisen, dass er den Mut und die Fähigkeit hat zu gewinnen?“
Surana schluchzte auf und Tec’or hob überrascht den Kopf.
„Er hat sich nicht freiwillig dem Kampf gestellt, oder? Er wurde
herausgefordert. Hätte er nicht gekämpft, hätten wieder alle über ihn gelacht“,
fuhr Ailia fort. „Ich kann ihn verstehen. Und ich verstehe, warum er Surana
ablehnt...“
„Ach ja?“, kreischte die D’arjo. „Weil er verrückt ist? Kein D’arjo mit gesundem
Verstand lehnt mich ab.“
„Er lehnt dich ab, weil du ihn nicht liebst. Weil er dir nichts bedeutet. Weil
du nicht ihn willst, sondern den D’arjo, der am stärksten ist.“
Suranas Mund klappte auf und Acto sah die Menschenfrau nachdenklich an. Ihre
Worte verwunderten ihn, obwohl er ähnlich über Surana dachte. Doch er wusste
genauso, dass sein Sohn die D’arjo heimlich bewunderte und sie, wenn er sich
unbeobachtet fühlte, mit sehnsüchtigen Augen anschaute. Jetzt hatte er die
Chance zu haben, was er wollte. Warum griff er nicht zu?
„Du verdienst ihn nicht“, fuhr Ailia fort und fühlte Tec’ors Blick auf sich
ruhen. „Du hast ihn verachtet, du hast ihn ausgelacht und ihn beleidigt.“
Surana hob stolz den Kopf. „Du weißt gar nichts, Menschenfrau!“ Sie spuckte das
Wort aus, als wäre es eine Beleidigung. „Tec’or ist ein Riesennarr, wenn er mich
jetzt ablehnt. Jetzt wird man nicht nur über ihn lachen, sondern ihn verachten.“
Tec’or erhob sich geschmeidig und seine Haare richteten sich auf. „Es ist mir
egal“, sagte er leise.
„Tec“ begann sein Vater. „Sie hat Recht. Verlier den nächsten Kampf, aber wenn
du heute Nacht nicht das tust, was deine Pflicht ist, wird dich die Verachtung
des ganzen Lagers treffen.“ Er sah Surana an, die befriedigt lächelte. „Und
Surana ist schließlich ein Bild von einer Frau. So eine große Überwindung kann
es nicht sein.“ Er grinste anzüglich. „Schließlich ist sie auch noch da, um dir
zu helfen, falls du in dieser Hinsicht Probleme hast.“
Surana schnappte nach Luft und sah Acto entsetzt an. Tec’or lächelte nicht. „Ich
kann es nicht.“
„Herrgott noch mal!“ schimpfte Acto. „Du schläfst mit einer Hure!“
„Tara mag mich.“
„Surana mag dich auch. Los, sag es ihm!“ Acto gestikulierte wild in Suranas
Richtung und diese nickte eifrig.
Tec’or verzog genau wie Ailia ironisch den Mund. „Sie tut es nicht und sie weiß
es auch.“
„Du weißt gar nichts, du Spinner!“, schrie Surana. „Du verdienst mich nicht!“
Tec’or musterte sie eisig und Ailia blieb fast das Herz stehen, als er sagte.
„Ich lese deine Gedanken.“
„Spinnst du jetzt wieder, Tec?“, fragte Acto genervt. „Diese Diskussion hatten
wir doch schon. So etwas gibt es nicht. Du bildest es dir ein.“
Ailia stellte sich neben den D’arjo. „Er hat Recht. Er sieht, was in euren
Köpfen vor sich geht. Genau wie ich. Es ist nicht schön. Und wir haben es uns
beide nicht gewünscht. Aber wir können es nicht ändern.“
Acto starrte sie fassungslos an und Surana wurde blass. „W-was h-eißt das?“,
stotterte sie. „Er liest G-Gedanken?“
„Ich sehe, was für Schrott in deinem Kopf vor sich geht und glaub mir, ich werde
dich nicht anrühren. Ich schaffe es nie im Leben, das zu verdrängen und zu tun,
was angeblich meine Pflicht sein sollte. Egal, was du tust.“ Er grinste
anzüglich. „Viel ist das ja nicht. Schließlich hast du auch bisher alles dem
Mann überlassen, oder?“, fragte er mit schief gelegtem Kopf.
Ailia stieß ihn an, als sie sah, wie puterrot Surana anlief. „Das tut man nicht,
Tec. Man respektiert die Privatsphäre des anderen.“
Acto hatte endlich seine Sprache wieder gefunden. „Was soll der Quatsch. Tec, du
kannst uns nicht erzählen...“
„Doch. Und es ist mir jetzt auch egal, was ihr denkt. Ich hasse diese Gabe. Und
jetzt hasse ich sie noch mehr. Ich habe mir eingebildet, in Surana verliebt zu
sein und ich wäre froh, mich jetzt einfach wie ein normaler D’arjo zu verhalten.
Es geht nicht! Und das hasse ich. Ich will so nicht leben. Ailia versucht mir
klar zu machen, dass meine Fähigkeiten eine Gabe sind. Ich finde, sie sind eine
Last!“ Weder Acto noch Surana noch Ailia unterbrachen seinen Redeschwall.
„Alles, was ich will, ist normal sein. Ich will kämpfen. Ich will am Lagerleben
teilnehmen und ich wünsche mir eine Frau. Und ich kann all das nicht bekommen.
Nie! Weil sich die Gedanken und die ausgesprochenen Wort manchmal so grundlegend
unterscheiden. Ac, du würdest entsetzt sein, zu erfahren, was ich alles weiß. Es
ist einfach nicht zu ertragen.“ Seine Worte erstarben und alles, was blieb war
die Traurigkeit und die Verzweiflung.
„Ich glaube das einfach nicht“, murmelte Acto.
Ailia hob ihre Hand und eine der Decken schwebte vom Bett auf sie zu.
„Einbildung?“ fragte sie spöttisch. Tec’ors Schwert schwebte durch das Zelt und
vollführte einige Luftschläge, ehe es sich wieder zu den anderen legte. „Zauber?
Magie? Wahnsinn?“ Sie lachte. „Ihr könnt der Fähigkeit viele Namen geben. Fakt
ist, sie existiert.“
Surana stürzte kreidebleich aus dem Zelt. Acto sah nicht viel besser aus, doch
er blieb stehen. „Du hast ihm geholfen, nicht wahr?“, fragte er nachdenklich.
„Sie sagt, ich wäre irgendwann wirklich wahnsinnig geworden“, antwortete Tec’or
für Ailia.
„Ich weiß nicht, was besser wäre.“ Acto seufzte. „Es wird sich nicht
verheimlichen lassen und glaubt mir, ihr werdet auf wenig Gegenliebe stoßen.“ Am
Zelteingang drehte er sich noch einmal um. „Ich bin Clanchef und werde sehen,
was ich tun kann. Schließlich bist du mein Sohn.“ Doch er klang sehr traurig.
Tec’or stand wie verloren mitten im Raum. Die Anspannung und der Zorn über Actos
und Suranas Anschuldigungen und Forderungen waren verschwunden. Geblieben waren
die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung.
„Tec?“, fragte Ailia vorsichtig und er sah sie so traurig an, dass sie am
liebsten geweint hätte.
„Surana war alles, was ich immer wollte, weißt du“, sagte er leise. „Ich habe
davon geträumt, dass sie mich ansieht. Dass sie mich anlächelt. Dass sie einfach
nur mit mir redet... Und jetzt ... jetzt weise ich sie zurück. Gott.“ Er lachte
hysterisch und fuhr sich durch die noch immer abstehenden Haare. „Jetzt habe ich
die Chance, sie in mein Bett zu kriegen und was mache ich Idiot?“
Ailia ergriff seine Hände. „Ich weiß, wie du dich fühlst. Glaub mir. Und egal,
was du jetzt denkst, du hast etwas gewonnen. Du weißt, dass du kämpfen kannst
und...“
„Was nützt mir das?“ fragte er bitter und entzog ihr seine Hände. „Ich will
diese Gaben nicht. Kann man sie in meinem Kopf vernichten?“
„Bist du verrückt?“ Ailia schlug ihm erbost gegen die Brust.
„Kann man es? Könnt ihr Menschen es?“ Ailia wollte sich umdrehten, doch diesmal
war er es, der sie festhielt. „Sei ehrlich. Könnt ihr es?“ In ihren Augen
schwammen Tränen und sie wollte ihn nicht ansehen. Tec’or schlang seine Arme um
ihren Hals und zwang ihr Gesicht in seine Richtung. „Ailia?“
„Nein“, stieß sie hervor. „Das einzige, was wir können, ist denjenigen so mit
Medikamenten voll pumpen, dass er in einem verschwommenen Wachzustand dahin
vegetiert. Es gibt Menschen, die möchten lieber so leben, als mit ihren
parapsychischen Gaben.“ Sie starrte in seine im Dunkeln glänzenden gelben Augen.
„Tec, das ist dann gar kein Leben mehr.“
„Ist es so eins?“
„Verdammt, was willst du? Du bist gesund. Du fühlst dich wohl...“ Ihre Stimme
erstarb, als er seine Stirn an ihre lehnte. Dann schloss sie die Augen und sagte
leise. „Du musst lernen mit diesen Fähigkeiten zu leben. Es ist nicht einfach,
aber es ist möglich.“
„Auf dieser Welt?“
„Ich weiß es nicht...“ Sie seufzte, als sich seine Stirn von ihrer löste, er sie
an sich zog und sein Gesicht in ihren Haaren vergrub. Sie schlang ihre Arme um
ihn, weil sie wusste, dass er einfach Trost brauchte. Ihr selbst waren Jahre
gegeben worden, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie anders war. Und
sie war in einer Welt aufgewachsen, in der es bekannt war, dass es parapsychisch
begabte Leute gab.
Es dauerte eine Weile, ehe er seinen Kopf wieder hob und sie traurig ansah.
„Wenn ich dich nicht hätte, Menschenfrau, würde ich komplett verzweifeln.“ Seine
Lippen streiften kurz ihren Mund, als er flüsterte. „Was du vorhin getan hast,
war sehr mutig. Ich danke dir...“
Ailias Herz hämmerte schon wieder wie verrückt und sie dachte verzweifelt daran,
was aus ihm werden sollte, wenn sie weg war. „Kein Problem“, meinte sie und
versuchte ein schiefes Grinsen in ihr Gesicht zu zaubern.
Und Tec’or lächelte genau so missglückt zurück.
********
Drei Wochen waren seit dem Vorfall vergangen und der Alltag in das Lager der
D’arjos zurückgekehrt.
Surana war wieder in Nemorks Zelt gezogen. Acto hatte versucht zu retten, was zu
retten war, konnte jedoch nicht verhindern, dass man Ailia und Tec’or jetzt mit
misstrauischen Blicken beäugte. Gespräche verstummten, wenn sie auftauchten und
manchmal zogen Frauen ihre Kinder schnell ins Zelt zurück als hätten sie Angst,
von den beiden Mutanten würde eine Gefahr ausgehen.
Trotzdem musste Ailia überrascht feststellen, dass es durchaus D’arjos gab, die
sich über Suranas Unglück freuten. Sie war zu überheblich geworden und zu sehr
davon überzeugt, dass sie jeden Mann haben konnte, den sie wollte. Dass es
ausgerechnet der verrückte Tec’or war, der ihr einen Dämpfer verpasste, sorgte
für allgemeine Belustigung.
Tara konnte es gar nicht fassen. Sie verstand bis heute nicht, warum ihr Tec’or
nicht alles vorher erzählt hatte. Allerdings spürte Ailia und Tec’or sicherlich
genauso in ihren Gedanken jetzt eine gewisse Furcht. Der Gedanke, mit jemanden
zu verkehren, der in ihre Gedanken blicken konnte, *war* unheimlich.
Ailia hatte versucht, ihr zu erklären, dass es zum Ehrenkodex von Mutanten
gehörte, nicht die Gedanken von Wesen zu lesen, die nicht die gleichen
Möglichkeiten hatten, doch beweisen konnte es niemand. Tec’or spürte die
Entfremdung genau so und vermied es, Taras Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Das trug nicht gerade zu seinem Wohlbefinden bei. Ailia fand sogar, dass er von
Tag zu Tag schlechter aussah. Sie versuchte, mit ihm zu reden, doch er wich ihr
genauso aus. Er weigerte sich auch, ihr Schwerttraining wieder aufzunehmen,
obwohl ihre Hand inzwischen kaum noch schmerzte. Eigentlich verweigerte er sich
so ziemlich alles, was ihn von seinen trübseligen Gedanken ablenkte.
Einmal hatte Ailia in der Nacht zu ihm gesagt, er solle einfach zu Tara gehen.
Doch er antwortete nur gereizt, vorher hätte sie an Nebensächlichkeiten gedacht,
jetzt hätte sie Angst und das wäre viel schlimmer.
„Ich bin ein Monster“, erklärte er ihr und zog sich die Decke bis zum Kinn.
„Wahrscheinlich wäre es wirklich besser, jemand würde mich töten.“
Das einzige, was er noch tat, war auf die Jagd zu gehen und für Essen zu sorgen,
den Rest des Tages verbrachte er mit Damaron an Stellen, die Ailia nicht kannte
oder saß mit stumpfem Blick am Feuer und grübelte vor sich hin.
Eines Abends beschloss sie, ihm zu folgen, da sie auch Angst hatte, er würde
seine Drohung wahr machen und sich etwas antun. Wieder lokalisierte sie bloß
Damaron, weil Tec’or seine Gedanken verbarg, aber sie wusste, dass der D’arjo
sich in der Nähe seines Hereros aufhielt.
Er saß weit entfernt vom Lager flussaufwärts in der Dunkelheit und starrte wie
so oft mit leerem Blick vor sich hin auf das Wasser. Ailia setzte sich wortlos
neben ihn, doch er zuckte mit keiner Wimper. Sein empfindliches Gehör hatte ihm
sicher längst mitgeteilt, dass sie durchs Unterholz brach.
„Worüber denkst du nach?“, brach sie dann das Schweigen.
„Über mein Scheißleben“, knurrte er.
Ailia lächelte. „Nun, so scheußlich kann es nicht sein, wenn du derart lange
darüber nachdenkst, oder?“
„Könntest du mich allein lassen?“
„Nein.“ Sie rutschte sogar noch näher an seine Seite und er warf ihr einen
kurzen bösen Blick zu. „Ich habe keine Lust, länger dein verzweifeltes Gesicht
zu sehen und zu bemerken, wie du darüber nachgrübelst, wie du am besten aus
dieser Welt verschwinden kannst.“
„Was willst du dagegen tun?“
„Ich möchte, dass du mitkommst, wenn ich gehe“, sagte sie einfach und er drehte
endlich den Kopf. „Vielleicht ist ein Leben unter Menschen nicht viel besser,
aber du triffst zumindest auf Wesen, die mit Mutanten umgehen können.“
Er hatte seine Ellenbogen auf seine Knie gestützt und vergrub jetzt sein Gesicht
in den Händen. „Ich liebe diese Welt, Ailia. Ich will hier nicht weg.“
„Du musst es ja nicht“, fuhr sie fort, fasste nach seinen Unterarmen und zog ihm
die Hände vor dem Gesicht weg, damit er sie wieder ansehen musste. „Ich habe
einen Zwei-Jahresvertrag unterschrieben. Wahrscheinlich verlängert er sich jetzt
um die Zeit, die ich hier im Lager verbringe. Das heißt, ich bin die nächsten
zwei Jahre noch auf dem Planeten. Probier es aus, Tec. Du kannst jederzeit
hierher zurückkehren. Und in den nächsten zwei Jahren bin ich da, wenn du Hilfe
brauchst.“
Er sah noch immer sehr zweifelnd aus. „Ich weiß nicht...“
„Du wirst natürlich unsere Sprache lernen müssen.“ Ailia lächelte. „Aber ich
habe es ja auch geschafft und mit Hilfe unserer Technik auf der Station geht es
für dich einfacher. Überlegt es dir.“
„Warum tust du das?“, fragte er leise.
„Ich weiß, wie du dich fühlst. Und...“ Sie grinste schief. „Ich mag dich.“
Er lächelte traurig. „Das hat noch niemand zu mir gesagt.“
„Nicht einmal Tara?“
„Tara denkt es. Aber sie sagt es nicht.“ Er starrte versonnen auf das Wasser
hinaus, das jetzt im Licht der zwei Monde funkelte. „Tara war eine Freundin
meiner Mutter und hat mich mit groß gezogen, als meine Mutter starb. Es tat ihr
furchtbar leid, dass es nie eine Frau gab, die sich für den verrückten Tec’or
interessierte... Sie mag mich wirklich, aber alles, was sie sich für mich
wünschte, war ein normales Leben und eine Frau, die nur mir gehört...“
Ailia sagte nichts dazu. Wahrscheinlich würde der Wunsch nie in Erfüllung gehen.
Er drehte seinen Kopf wieder. „Ich mag dich auch. Und es ist mir egal, dass du
eine Menschenfrau bist.“
Ailia lachte. Sie nahm seine Hand und hielt seine Finger in das Mondlicht. „Als
ich das erste Mal davon hörte, dass D’arjos Krallen haben, war ich richtig
erschrocken.“ Sie fuhr nachdenklich über seine Finger, an denen jetzt nur die
Spitzen der Krallen zu sehen waren. „Jetzt finde ich gar nicht mehr dabei. Ich
finde es einfach nur faszinierend. Genau wie die Zähne. Oder deine komischen
sich aufrichtenden Haare.“
„Meine Haare sind komisch?“ Er griff mit der Hand in ihre langen Locken und
hielt sie ihr vors Gesicht. „Ich finde Haare eigenartig, mit denen man nicht
reden kann“, sagte er und klang amüsiert.
Ailias Augen funkelten im Mondlicht. „Ich verrate wenigstens nicht immer gleich,
was ich denke.“
„Deswegen reden Menschen so viel, oder?“ Er wich lachend ihrem halbherzig
geführten Schlag aus und fing ihre Hand ein. „Du kannst mich nicht mal mit der
Hand verletzen...“
„Wenn du wüsstest“, drohte sie. „Was ich mit diesen Händen alles kann.“ Er
grinste plötzlich so zweideutig, dass sie rot wurde und froh über die Dunkelheit
war. „*Das* meine ich nicht“, fuhr sie ihn an. „Ich besitze eine exzellente
Nahkampfausbildung und ich könnte dir zeigen, wie...“
Er stoppte sie, indem er sie an sich zog und sanft in den Hals biss. „Ich würde
nie gegen dich kämpfen“, flüsterte er und Ailia war wieder einmal froh, dass sie
saß. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals und schluckte krampfhaft, weil ihr
Herz plötzlich wieder anfing zu rasen. Tec’or hob den Kopf. „Es macht dich
nervös. Warum?“
„Nervös?“, brachte sie hervor und bemühte sich, ihre Stimme normal klingen zu
lassen.
Der D’arjo lächelte. „Ich kann zwar deine Gedanken nicht lesen, aber ich rieche
es und ich höre es.“
Oh Gott. „Riechen?“
Er nickte und ließ sie los. „Es tut mir leid, wenn ich dir zu nah getreten bin.
D’arjos zeigen durch solche Gesten gern, wenn sie jemanden mögen. Es hat keine
...“ Er sah sie unsicher an. „...schwerwiegende Bedeutung. Ich vergesse jetzt
schon manchmal, dass du keine D’arjo bist...“
Ailia rutschte wieder an seine Seite. „Du meinst, du könntest auch mit einer
d’arjotischen Frau hier sitzen, den Mond und das Wasser genießen und mehr
nicht?“, erkundigte sie sich neugierig.
„Sicher.“ Er runzelte die Stirn. „Du hast gedacht, ich...? Nein, Ailia, ich
würde nie etwas Derartiges tun.“ Seine Worte versetzten ihr einen leichten
Stich, doch er fuhr fort. „Als mein Vater damals verlangte, ich solle dich in
mein Zelt nehmen, war ich entsetzt, weil der Gedanke, mit einer Menschenfrau zu
schlafen, für mich einfach nur abstoßend war.“ Er drehte den Kopf und sah sie
nachdenklich an. „Ich glaube, ich war sehr dumm... D’arjos schlafen miteinander,
um durch den dann an ihnen haftenden Geruch ihre Zugehörigkeit zueinander zu
zeigen. Solange der Geruch an der Frau haftet, besteht keine Notwendigkeit, ihn
aufzufrischen und die meisten Frauen wollen es auch nicht...“
„Du meinst, ihr schlaft nur deshalb miteinander?“, unterbrach ihn Ailia
fassungslos.
„Zweimal im Jahr kommen d’arjotische Frauen in die Phase, dass sie es wollen.
Dann sendet ihr Körper einen bestimmten Geruch aus. Er macht Männer etwas
verrückt.“ Tec’or lächelte. „Er ist so ähnlich wie der, den du damals in dieser
einen Nacht ausgesandt hast.“
„Ich?!“, piepste Ailia. Oh Gott, er roch Erregung.
Er nickte. „D’arjos müssen sich mit kleinen Gesten der Zuneigung zufrieden
geben, wenn sie nicht mit den Krallen und Zähnen einer Frau Bekanntschaft machen
wollen, wenn sie sie zu etwas drängen, was sie nicht will.“ Er hob seine Hand
und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du brauchst keine Angst zu
haben. Ich würde dir nie etwas aufdrängen, was du nicht willst. Aber wenn du
Wert auf meinen Geruch legst, hätte ich jetzt kein Problem mehr damit, mit einer
Menschenfrau zu schlafen."
Ailia war sich nicht sicher, ob sie das als Kompliment auffassen oder beleidigt
sein sollte, weil es wie Gefallen klang, den er vorhatte ihr zu tun.
„Ich habe keine Angst.“ Ganz sicher klopfte ihr Herz nicht aus Angst. Höchstens
wirklich durch eine gewisse Nervosität. Welche Frau war auch schon mal in der
Situation, dass ein D’arjo sie auf solch eine Art und Weise berührte. „Und ich
will von dieser Geruchssache nichts mehr hören.“
„Okay“, meinte er nur.
„Menschen schlafen nicht miteinander, weil sie sich gegenseitig mit einem Geruch
ausstatten müssen“, fuhr sie fort und sah ihn fragend die Augenbrauen heben.
„Sie tun es, weil sie den anderen Menschen lieben und weil es ihnen Spaß macht.
Aus diesem und keinem anderen Grund. Und sie tun es, wann immer sie wollen.“
Seine Augen wurden immer größer. „Ich würde nie wollen, dass du mit mir
schläfst, nur um mir einen Geruch zu verpassen.“
„Das...“, begann er zögernd, „ist schwer zu verstehen. Für mich. Jede
d’arjotische Frau ist ganz wild darauf. Nicht auf meinen Geruch, meine ich.“
Ailia legte ihm ihre Hand um den Hals, beugte sich kurz zu ihm und küsste ihn
sanft auf den Mund. „Tec, wenn es nötig wäre, würde ich dich wählen. Aber nicht
so. Nicht mit diesem Grund als Hintergedanken.“
Sein Mund öffnete sich und seine Zunge fuhr über ihre Lippen. „Aber es ist kein
Problem, wenn ich dir zeige, dass ich dich mag?“
„Nein“, hauchte sie und kicherte. „Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht
gefällt. D’arjos tun so, als sind sie gefährliche Raubtiere und dabei sind sie
nichts anderes als verschmuste Katzen.“
Er grinste auch und ließ sie wieder los. Es dauerte noch eine ganze Weile, ehe
sie sich entschieden und aufstanden, um zum Lager zurück zu reiten. Tec’or hatte
noch keine Entscheidung getroffen und Ailia drängte ihn nicht. Er brauchte Zeit
zum Nachdenken. ein Schritt in diese Richtung bedeutete, sich vollkommen von
seiner eigenen Rasse abzuwenden und sie wusste nicht, ob sie selbst dazu fähig
wäre.
Teil 11
Sechs Monate
„Ich bin total kaputt.“
Ailia sank auf ihr Bett und wünschte sich, nie wieder aufstehen zu müssen.
„Gibst du jetzt auf?“ erkundigte sich Tec’or amüsiert.
Seit einigen Wochen schloss er sich ihr an, wenn sie abends joggte, weil er
fand, dass es eine schöne Möglichkeit wäre, sich fit zu halten und seiner
Meinung nach viel besser als ein Training mit dem Schwert. Ailia hatte ihn nur
böse angefunkelt, weil er sich noch immer weigerte, das Training wieder
aufzunehmen.
Heute Abend hatte Ailia ihn heraus gefordert und gemeint, sie würde länger
rennen können als er. Tec’or hatte angefangen zu lachen, was sie natürlich noch
mehr reizte und sie waren gerannt. Keiner von ihnen wollte aufgeben oder
zugeben, dass es reichte. Tec’or floss der Schweiß genau so wie Ailia, aber
keiner von beiden brach den Dauerlauf ab. Als es so dunkel wurde, dass Ailia
nichts mehr sah, beschlossen sie, es als ein unentschieden gelten zu lassen. Sie
sprangen noch einmal schnell ins Wasser und machten sich auf den Rückweg in das
schon ruhende Lager.
Jetzt allerdings fühlte Ailia, dass ihre Beine wie Watte waren und sie
wahrscheinlich am nächsten Morgen mit einem tierischen Muskelkater kämpfen
würde. Aber es war es wert. Sie hatte nicht verloren.
„Niemals!“, antwortete sie auf Tec’ors Frage und grinste ihn an.
Er ließ sich neben ihr fallen. „Du bist wirklich die sonderbarste Frau, der ich
je begegnet bin.“
„Nun“, meinte Ailia lakonisch. „Damit kann ich leben. Wenigstens weißt du, dass
ich eine Frau bin.“
Tec’or drehte sich zu ihr und kicherte. „Welche Frau würde einen Mann zu einem
Wettstreit herausfordern?“ Dann drehte er sich wieder auf den Rücken und starrte
die Zeltdecke an. „Ich werde mitkommen, Ailia.“
Ailia wurde übergangslos ernst. „Ja?“ Sie stützte ihren Kopf auf ihren
angewinkelten Arm. „Du hast lange darüber nachgedacht.“
„Hab ich“, nickte er. „Und ich kann es drehen und wenden wie ich will. Ich kann
so hier nicht leben. Viel schlimmer kann es nicht werden.“
Ailia schwieg, weil sie wusste, dass er noch nicht fertig war.
„Ich war bei Tara. Dass nicht einmal sie mir noch unvoreingenommen in die Augen
sehen kann, machte mir sehr zu schaffen. Ich kenne sie besser als irgendein
anderer D’arjo und sie mich auch.“ Er lächelte bitter. „Sie versteht mich und
ich tue ihr furchtbar leid, weil sie ahnt, wie es ist, in die Köpfe anderer
hinein zu schauen. Und dann sagte sie, ich solle wieder zu ihr kommen… Sie würde
es schaffen, ihre Bedenken zu überwinden. Kannst du dir das vorstellen? Sie
mochte mich. Ich war jemand, den sie gern in ihrem Bett hatte. Und jetzt bin ich
jemand, bei dem man sich überwinden muss…“
„Es ist für Nichttelepathen immer schwer“, versuchte Ailia ihm zu helfen.
„Ich kann so ein Leben nicht führen. Wenn es nicht einmal Tara schafft… Es wird
nie ein normales glückliches Leben, so wie ich es mir immer vorgestellt habe,
geben. Also?“ Er drehte den Kopf zu ihr. „Nehme ich das ungewöhnliche Leben in
Angriff.“ Dann musste er schon wieder grinsen. „Ich habe mal gedacht, ich kann
ohne Sex nicht leben. Aber es funktioniert schon eine Weile.“
„Man stirbt nicht dran“, bestätigte Ailia. „Ich lebe schließlich auch noch.“
„Ich habe das versucht“, brummte er plötzlich. „Das mit deinem ‚Sich-selbst-helfen’.
Es funktioniert nicht.“
Ailia presste ihr Gesicht in ihr Kissen, um nicht laut los zu lachen. Tec’or
runzelte die Stirn, griff in ihre Haare und drehte ihren Kopf zur Seite. „Ich
finde das nicht lustig“, sagte er ärgerlich. „Es wäre einfacher, wenn ich es
könnte.“
„Du musst dabei an etwas Schönes denken. Dir etwas Schönes vorstellen“, brachte
Ailia mühsam hervor, während sie sich vorstellte, was er getan hatte. „Zumindest
klingst du jetzt nicht mehr ganz so deprimiert.“
„Hast du es gemacht? In den Monaten, die du jetzt hier bist?“, fragte er
neugierig.
„Tec“, schimpfte sie. „So eine Frage stellt man keiner Frau.“
Er rutschte näher zu ihr und schnurrte leise. „Wenn ich schon keinen Sex haben
kann, kann ich doch wenigstens drüber reden. Hast du?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Ailia zuckte mit den Schultern. „Ich hatte kein Bedürfnis.“
„Du hast es gut“, knurrte er. „Ich schon. Und wenn ich dann zu Tara gehe und sie
mich mit ihren traurigen Augen ansieht, verschwindet mein Bedürfnis ganz schnell
wieder.“
„Tec, wenn du mit auf die Station kommst und unter Menschen lebst, werden deren
Gedanken genauso auf dich einstürmen. Und manchmal sind sie auch nicht schön.“
„Schon allein deshalb liebe ich deine Gesellschaft.“ Er grinste schelmisch und
biss sie kurz in die Schulter, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden. „Deine
Gedanken kann ich nicht lesen und es ist so herrlich ruhig in meinem Kopf.“
Ailia, die noch immer auf dem Bauch lag, drehte sich wieder zur Seite und
stützte ihren Kopf auf ihre Hand. „Ich bin noch nicht vielen Mutanten begegnet.
Eigentlich nur damals, als ich selbst ausgebildet wurde. Und ich fand es auch
immer angenehm, mit ihnen zu reden.“
„Hast du es den Männern gesagt, mit denen du geschlafen hast? Dass du ihre
Gedanken liest?“
„Nein. Und ich habe mich auch bemüht, es nicht zu tun. Bis zu diesem Moment, an
dem man keinen Einfluss mehr darauf hat…“ sagte sie traurig. „Und dann ist es
wie ein kalter Guss…“
Tec’or sah plötzlich sehr nachdenklich aus. „Wenn ich deine Gedanken nicht lesen
kann“, begann er vorsichtig. „Bedeutet dass, ich kann sie auch nicht lesen, wenn
wir … ich meine… vielleicht…“
Ailia hielt plötzlich die Luft an. „Du denkst eindeutig zuviel über Sex nach“,
sagte sie schwach.
Er ließ sich frustriert auf den Rücken fallen. „Ja“, stieß er hervor. Dann
drehte er sich wieder so schnell zu ihr, dass sie erschrocken erstarrte, als
sein Gesicht plötzlich nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. „Du …
könntest das nicht … noch mal tun, oder? Das mit deiner Hand und deinem … Mund?“
Seine Augen schienen sie fast anzuflehen, als er schnurrend mit seinen Lippen
ihre streifte. Ailia brachte kein Wort hervor. Das einzige, was sie denken
konnte war, dass sie froh sein konnte, zu liegen, weil sich ihr ganzer Körper
plötzlich so schwach fühlte. „Ich könnte das gleiche tun“, murmelte er weiter.
„Tara hat es geliebt, wenn ich sie mit meiner Zunge…“
Oh Gott. „Tec“, piepste Ailia und konnte nicht verhindern, dass sie sich
vorstellte, wie sich sein Kopf zwischen ihre Beine senkte. Kein Wunder, wenn
Tara ihn gern in ihrem Bett hatte.
„Mögen es Menschen nicht?“, fragte er spielerisch.
Ailias Augen schlossen sich, als seine Lippen über ihre Wange zu ihrem Hals
wanderten und sie seine Zähne spürte, als er sie sanft in den Hals biss und sie
die Vibrationen seines Knurrens auf ihrer Haut spürte.
„Doch“, hauchte sie leise und konnte nicht verhindern, dass sich ein warmes
Gefühl zwischen ihren Beinen bildete.
Sein Kopf fuhr hoch und er sah sie mit einer Mischung aus Faszination und
Verlangen an.
Ailia schoss die Röte ins Gesicht. Er roch es. Verdammte d’arjotische Nase.
Ganz langsam, als könne er es nicht fassen, rutschte er näher zu ihr. Ailia
schluckte. Seine Augen ließen sie nicht los, als er seine Hand hob und über die
nackte Haut ihres Arms strich. Dann folgten seine Lippen seinen Fingern, den Arm
hinauf, über ihren Hals zu ihrem Gesicht.
Ailia war von einer seltsamen Starre befallen. Sie wusste nicht, ob es richtig
war, das zu tun, aber die Stimme, die sie warnte, wurde immer schwächer. Tec’or
drückte sie sanft auf die Matte und beugte sich über sie.
Es war falsch. Eben weil sie ihn so gern hatte. Und auch Telepathen konnten,
wenn sie Leidenschaft sie übermannte, nicht mehr ständig die mentale Blockade
aufrechterhalten. Das letzte, was Ailia wollte, war, dass das Verhältnis zu dem
D’arjo genauso fürchterlich verdorben wurde wie all die Beziehungen, die sie
versucht hatte zu führen. Doch es war zu lange her, dass ein Mann sie so berührt
hatte. Vielleicht hatte sie es einfach nur verdrängt und sie brauchte im Stillen
genauso wie er ab und zu Sex.
Seine Finger öffneten die Knöpfe ihres Hemdes und sie erschauderte, als sie die
Krallen auf ihrer nackten Haut spürte. Er sah sie noch immer an als erwarte er
jeden Moment, sie würde ihn von sich stoßen. Sie tat es nicht, auch nicht, als
er die Knöpfe der Hose öffnete und sie ihre Beine hinab streifte.
Tec’or knurrte leise, als der verrückte Geruch, der seine Sinne benebelte,
stärker wurde. Da er Ailias Gedanken nicht lesen konnte, wusste er auch nicht,
ob ihr gefiel, was er tat. Sie rührte sich noch immer nicht, wehrte ihn jedoch
auch nicht ab und so wertete er es als stumme Zustimmung. Als er sie jetzt sah,
in dem nur von Kerzen erleuchten Zelt, fragte er sich, wie er jemals so dumm
gewesen sein konnte, sie nicht zu wollen. Sie gefiel ihm und die Art und Weise
wie sie ihn jetzt mit diesen dunklen Augen ansah, ließ ihn zittern. Seine Hände
strichen zärtlich über ihre weiche Haut. Plötzlich wollte er jeden Zentimeter
von ihr berühren. Er hörte sie leise seufzen und spürte ihre Hand, die sich um
seinen Hals schlang. Er hob den Kopf und fühlte überrascht ihre Lippen, die sich
auf seine pressten.
Ailia wusste, dass D’arjo sich nicht küssten. Jedenfalls nicht so wie Menschen.
Sie berührten sich leicht mit den Lippen oder mit der Zunge, aber sie küssten
sich nicht. Umso verblüffter war sie, als sie spürte, dass sich seine Lippen
öffneten, als sie es tat und er sich nicht einmal zurückzog, als er ihre Zunge
spürte.
Er stockte kurz, doch dann hatte er mehr damit zu tun, die Empfindungen zu
verarbeiten, die ihre Zunge in seinem Mund auslöste. Sie schmeckte himmlisch und
er presste sie auf die Matte zurück, ohne seinen Mund von ihrem zu lösen.
Ailias Hände fuhren durch seine Haare. Dann verließen seine Lippen ihren Mund
und wanderten ihren Hals hinab zu ihrer Brust. Er knurrte immer noch, doch sie
hatte keine Angst, dass er sie verletzen könnte. Ein leises Stöhnen entrang sich
ihrem Mund, als sich seine Lippen um ihre Brust schlossen und sie die Spitzen
der Fangzähne spürte. Ihr Körper bog sich ihm entgegen, fast ungewollt und als
seine Hände über ihre Hüften strichen und sie plötzlich zwischen den Beinen
berührten, schrie sie leise auf. Der D’arjo fauchte leise und Ailias Kopf flog
zurück, als seine Lippen tiefer wanderten, während seine Finger das empfindliche
Fleisch zwischen ihren Beinen streichelten.
Oh Gott, er würde es wirklich tun. Ailia presste ihre Hand auf den Mund, um
nicht laut zu schreien, als sein Daumen über den sensiblen Punkt fuhr und sie
gleich darauf seine Zunge spürte. Jetzt war es vorbei. Jegliche Erinnerung an
rationales Denken war vergessen, als seine Zunge begann, sie zu erkunden. Sie
wimmerte leise, als er einen Finger in sie stieß und fühlte wie er sie sanft
biss.
„Tec…“, flüsterte sie erstickt und fühlte sich, als würde sie gleich sterben. „Tec…“
Er knurrte wieder, diesmal eindeutig erregt. Der Geruch war mittlerweile so
stark geworden, dass er sich kaum noch beherrschen konnte und er hoffte, dass
sie die Abmachung hielt und sich ihm dann genau so widmete wie er sich ihr.
Bettelnd stieß sie ihm ihre Hüften entgegen und er gab ihr, was sie wollte.
Knurrend saugte er an dem sensiblen Punkt, fühlte ihr Aufbäumen und dann traf
ihn die mentale Welle ihres Orgasmus so hart, dass er sein Gesicht gegen ihren
Bauch presste und fast jämmerlich aufmaunzte. Er hatte vergessen, dass es so
war… Seine Erektion drückte so schmerzhaft gegen seine Hose, dass er hätte
weinen können, und der Geruch ihrer Erregung raubte ihm den Verstand.
Als Ailia den kläglichen Ton hörte, erinnerte auch sie sich wieder an das
Gefühl, als sie ihm damals geholfen hatte und sie wusste schlagartig, was er
durchmachte. Wortlos zog sie ihn zu sich, während ihre Finger an seiner Hose
hantierten, sie aufknöpften und seine Hüften hinab streiften. Tec’ors Augen
waren geschlossen, als kämpfe er um seine eigene Beherrschung. Sie presste ihre
Lippen auf seinen Mund und zog seine Hüften an sich zwischen ihre Beine.
Der D’arjo riss die Augen auf und starrte sie so völlig fassungslos an, dass sie
lächeln musste. Sein Körper bebte, und der Gedanke daran, was sie anbot, ließ
ihn zittern.
Ailia sah den Hunger und die Leidenschaft in diesen schönen gelben Augen, und
sah ihn trotzdem noch zögern. Sie hob ihren Kopf, berührten mit den Lippen
seinen Hals. Und dann tat sie etwas, womit er nie gerechnet hatte. Sie grub ihre
Zähne in seinen Hals.
Er war verloren. Mit einem wilden Knurren stieß er in sie und fühlte, wie sie
ihre Beine um seine Hüften schlang. Sein ganzes aufgestautes Verlangen lag in
seinen Bewegungen und sie begegnete ihm auf die gleiche Art und Weise.
Ailia schlang die Arme um ihn, fühlte seine Zähne an ihrem Hals, doch jeglicher
Gedanke daran, dass er sie verletzen konnte, war vergessen. Alles, was zählte,
war das Gefühl, ihn tief in sich zu spüren und die Ekstase, die ihren Körper
beherrschte. Sie begegnete ihm genau so wild wie er ihr. Ihre Hände krallten
sich in seinen Rücken, zwangen ihn zu einem schnelleren Tempo und er gab nur zu
gern nach. Ihr Kopf flog wieder zurück, als er an ihrer Kehle saugte und
gleichzeitig knurrte, während er sich immer und immer wieder in ihr vergrub.
Dann wanderte seine Hand wieder zwischen ihre Körper, berührte den Punkt
zwischen ihren Beinen und sie explodierte.
Tec’or fauchte gegen ihren Hals und der Drang, seine Zähne in sie zu schlagen
wurde fast übermächtig, als er sie spürte. Dann stieß er noch einmal in sie, als
er selbst kam und sich die Wellen seines Orgasmus mit ihrem vermischte. Zitternd
klammerten sie aneinander, ihre Körper bebten, doch sie spürten es nicht, weil
ihre Gedanken in einem Durcheinander aus Licht, Farben, Lust und Ekstase
durcheinander wirbelten.
Es dauerte lange, ehe sie wieder irgendetwas von der Realität mitbekamen. Das
erste, was Ailia wieder spürte, war das Gewicht des D’arjo, der noch immer auf
ihr lag. Und dann kam die Erinnerung.
Wow, dachte sie. Wow. Ihre Finger fuhren gedankenverloren durch
seine Haare und er hob endlich den Kopf. Da war ein Ausdruck in seinen Augen,
den sie nie vergessen würde.
„Ist es immer so mit Menschen?“, fragte er erstickt.
Sie schüttelte stumm den Kopf.
„Das … war Wahnsinn…“, stieß er fast hilflos hervor.
Ailia schloss die Augen. Er hatte Recht. Wieso war das so?
Tec’or rollte von ihr herunter und zog sie mit sich. Er strich sanft über ihre
Haare, als ihr Kopf auf seiner Brust ruhte. „Ich hätte nie gedacht, dass du es
zulässt“, flüsterte er.
„Ich auch nicht“, gab sie zu. „Ich habe nicht geahnt, dass es mit Mutanten so
anders ist.“
Er lachte plötzlich vergnügt, umfasste ihren Kopf mit seinen Händen und hob ihr
Gesicht an. „Ich finde es toll. Wir sind dumm, es nicht schon eher ausprobiert
zu haben.“ Seine Lippen pressten sich kurz auf ihren Mund. „Ich bin ein Idiot,
dich die ganzen Monate ohne meinen Schutz herum laufen zu lassen.“
Ailia lächelte schwach. „Fang jetzt bitte nicht wieder mit dieser blöden
Geruchsgeschichte an.“
Er sprach es nicht aus, aber ihr Duft, der ihm jetzt in die Nase stieg und der
so unmissverständlich mitteilte, dass sie ihm gehörte, machte ihn stolz. Stolzer
als irgendetwas anderes auf dieser Welt. Er kannte sie jetzt lange genug, um zu
wissen, dass er das nicht sagen durfte, ohne sie zu verschrecken oder in Gefahr
zu laufen, dass sie ihn von sich stieß. Das war das letzte, was er wollte. Doch
zum ersten Male seit langer Zeit fühlte er wieder so etwas wie Hoffnung.
Wortlos schlang er seine Arme um sie, zog die Decke über ihre Körper und
kuschelte sich an sie. Und Ailia lächelte, als sie sein leises Schnurren neben
ihrem Ohr hörte.
Er sah sie anders an. Und er beobachtete sie.
Sobald er merkte, dass sie in seine Richtung blickte, schaute er weg oder
versuchte, seinem Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck zu verleihen, aber sie
bemerkte es.
Es war nicht der Blick eines Mannes, der eine Frau ansah, die er gern in seinem
Bett hätte. Nein, alles was sie sehen konnte, war Freude und … Stolz.
Er sah sie an, als wäre sie etwas unwahrscheinlich Kostbares. Er sah sie an, als
würde sie ihm gehören und nach d’arjotischen Begriffen war es auch so. Da er
durch ihre vielen Gespräche wusste, dass man sie nicht nach d’arjotischen
Maßstäben messen konnte, versuchte er, es zu verbergen. Und scheiterte kläglich.
Ailia versuchte, es zu ignorieren, doch die Art und Weise wie er sie ansah,
verursachte ein Prickeln in ihrem Körper, dass sie einfach nicht übersehen
konnte. Zum ersten Mal wünschte sie sich, seine Nase zu haben und festzustellen,
was das eigentlich war, das er roch.
Als sie am nächsten Morgen Tara über den Weg lief, blieb die D’arjo wie vom
Donner gerührt stehen. Ailia sah Tränen in ihren Augen, als sie ihr um den Hals
fiel und ihr schluchzend erklärte, dass sie die einzige Frau sei, die Tec’or
verdiene. Ailia musste sich echt beherrschen, um nicht ebenfalls los zu heulen.
Ihr war plötzlich unheimlich zumute, weil jeder und jede D’arjo jetzt wusste,
was passiert war und sie verschloss demonstrativ ihren Geist vor deren Gedanken.
Es ist mir alles egal, sagte sie sich. Ich bin ein Mensch. Für mich
gelten diese Zugehörigkeitsbegriffe nicht.
Doch wenn sie dann wieder Tec’or sah, der schnell seine Augen abwandte, wusste
sie, dass sie sich selbst belog. In den Augen all der D’arjos war sie jetzt eine
der ihren.
Einzig und allein Tec’or versuchte, sich so zu benehmen wie immer und sie zu
behandeln, als wäre nichts Schwerwiegendes passiert. Und Ailia gab sich alle
Mühe zu übersehen, wie er jeden D’arjo anfunkelte, der ihr einen zweiten Blick
zuwarf und sie nicht aus den Augen ließ, wenn sie allein irgendwo im Lager
unterwegs war.
Als dann sogar Acto missmutig brummte: „Das wurde ja endlich Zeit“, verdrehte
Ailia genervt die Augen.
Und als Tec’or am Abend noch darauf bestand, sie zum Fluss zu begleiten, reichte
es ihr.
„Tec, du weißt, dass ich auf mich allein aufpassen kann, ja?“
Der D’arjo nickte.
„Und?“
Er vergrub die Hände in seinen Hosentaschen und sah sie recht verlegen mit
schief gestelltem Kopf an.
„Tec?“, bohrte Ailia weiter.
„Es würde niemand verstehen, Ailia“, sagte er leise. „Ich kann jetzt nicht mehr
so tun, als gehörst du nicht zu mir...“
„Das ist so ein Blödsinn“, brummte Ailia. „Eure Frauen sind genau so wie ich in
der Lage, sich selbst zu verteidigen. Sie besitzen Krallen und Zähne ...“ Doch
sie sagte nichts weiter, als sie zum Fluss ging und er ihr folgte.
Sie suchte wieder ihre Lieblingsstelle auf, die etwas abseits der Badestelle der
anderen D’arjos lag und sah Tec’or an. „Ich hoffe, du hast auch vor zu baden.“
Er zuckte zusammen und wich ihrem Blick aus. „Ich ... ähm ... kann später
baden...“
Ailias Augen verengten sich. „Tec“, sagte sie warnend und kam auf ihn zu.
„Vielleicht rückst du endlich mal mit der Sprache heraus. Du bist doch sonst
nicht so schüchtern.“
„Ich...glaube nicht, dass ich zusammen mit dir baden kann“, begann er zögernd,
„ohne dass ... ich ... auf dich reagiere...“
„Und?“ Ailia war vor ihm stehen geblieben und plötzlich traf sie die Erkenntnis
wie ein Schlag. „Oh Gott“, sagte sie fassungslos. „Du denkst, es würde mich
stören oder entsetzen? Weil der Geruch noch so deutlich an mir hängt, ja? Es
stört d’arjotische Frauen?!“ Der D’arjo knurrte leise. „Sie lassen die Männer
beim Baden zusehen und wenn die das erregt, haben sie Pech gehabt? Was ist denn
das für eine scheußliche Gepflogenheit?“
Tec’or beobachtete unsicher den Ärger in ihrem Gesicht, der aber nicht ihn
betraf. „Sie würden sonst sicher keine ... Ruhe bekommen, wenn ... sie ...sie...
nicht abwehren...“
Ailia nahm seine Hand, setzte sich ins Gras und zog ihn an seine Seite. „So,
jetzt erklärst du mir das bitte ganz von vorn.“ Er fuhr sich nervös durch die
Haare und Ailia lächelte beruhigend. „Tec, ich will es einfach nur verstehen. Es
erscheint mir etwas ... barbarisch.“
Er grinste schief und sah sie von der Seite her an. „D’arjotische Frauen wollen
eigentlich nur zu bestimmten Zeiten im Jahr Sex. Männer wollen immer. Vielleicht
ist das der Grund, aus dem sich dieses Ritual entwickelt hat. Frauen sind
gezwungen, dem Bedürfnis der Männer zumindest in regelmäßigen Abständen
nachzugeben, um zu verhindern, dass sein Geruch sich an ihnen verliert. Und
Männer sind nicht gezwungen, ihr Verlangen zu beherrschen, was nur zu Streit,
Reibereien und unnötigen Kämpfen führen würde.“
Ailia sagte eine Weile nichts. D’arjos stammten von katzenähnlichen Raubtieren
ab. Sicherlich war es in ihrer Vergangenheit so, dass männliche und weibliche
Wesen getrennt lebten und nur zu bestimmten Zeiten, während der Paarung
aufeinander trafen. Da sich die Gesellschaft jetzt weiter entwickelt hatte,
brachte das natürlich Komplikationen mit sich, die auf irgendeine Art und Weise
gelöst werden mussten. Von der Seite her gesehen war die Regelung gar nicht
einmal so schlecht.
„Was ist mit Tara?“, erkundigte sie sich dann.
„Es gibt immer wieder Ausnahmen“, antwortete er nur. „Es gibt in jeder
Generation ein oder zwei Frauen, die sich nicht in das normale Bild einer D’arjo
eingliedern. Und dann solch eine Art, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten,
vorziehen.“
Ailia nickte langsam. „Du darfst mich nicht mit d’arjotischen Maßstäben messen,
Tec.“
„Ich weiß“, versprach er eilig. „Ich weiß auch, dass das, was passiert ist, in
deinen Augen nicht die gleiche Bedeutung wie für einen D’arjo hat. Du hast
Monate ohne meinen schützenden Geruch gelebt, wozu solltest du ihn jetzt
brauchen. Und ich weiß auch, dass du gesagt hast, du würdest niemals mit mir
schlafen, um den Geruch zu erneuern. Ailia, ich verspreche dir, ich würde
niemals etwas tun, was du nicht willst. Aber ...“ Jetzt sah er eindeutig
kläglich aus. „...ich kann jetzt auch nicht mit dir baden...“
„Tec, du Dummkopf, warum wolltest du dann partout mitkommen?“, erkundigte sich
Ailia entgeistert.
Er schnurrte leise in ihr Ohr und biss sie in den Hals. „Es ist sehr schwer, in
dir keine D’arjo zu sehen, wenn du so toll nach mir riechst. Schick mich nicht
weg, Ailia“, bettelte er. „Es gab noch nie eine Frau, die nur mir gehört hat.
Ich kann mich beherrschen. Ich musste es immer, selbst bei Tara, weil ich sie
nicht beißen durfte. Ich verspreche dir, ich werde nicht...“
Ailia verschloss seinen Mund mit der Hand. „Sei still!“, flüsterte sie erstickt,
weil ihr Tränen in die Augen traten. „Hast du mir überhaupt nicht zugehört?“
Ihre Hände umfassten seinen Kopf. „Tec, ich bin ein Mensch.“ Sie küsste ihn
sanft auf den Mund. „Und jetzt zieh deine verdammten Sachen aus und komm mit mir
ins Wasser.“
Er starrte sie so fassungslos an, dass sie die Initiative ergriff und ihn
wortlos auf die Beine zog. Er rührte sich auch nicht, als sie ihm das Hemd über
den Kopf streifte. Ihr eigenes kurzes Shirt folgte seinem Hemd und sie griff
nach den Knöpfen seiner Hose. Tec’or maunzte kurz und ballte seine Hände zu
Fäusten, als er verzweifelt um seine Beherrschung kämpfte. Wusste sie überhaupt,
was sie verlangte?
Ailia lächelte leicht, ohne es ihn sehen zu lassen, als sie seine Erregung durch
das weiche Leder der Hose fühlte. Um es ihm leichter zu machen, streifte sie
zuerst ihre Hose von ihren Beinen.
„Ailia...“, flüsterte er hilflos, ohne sie anzurühren und ohne sich zu bewegen.
„Du dummer dummer D’arjo“, hauchte sie und schloss den Abstand zwischen ihren
Körpern. Er fauchte auf, als er ihre Hände auf seiner Haut fühlte und ihre
Lippen, die über seinen Hals und seine Brust wanderten. Ailia kicherte gegen
seine Haut und ihre Finger öffneten die Knöpfe seiner Hose. Er knurrte, seine
Arme umschlangen ihren Hals und er presste ihren Kopf an sich. „Tec, ich denke,
ich sollte dir erst einmal helfen, bevor wir ins Wasser gehen“, murmelte sie
leise, während ihre Finger über seine Erektion strichen.
Dann sank sie auf die Knie und der D’arjo glaubte sich in einem Traum, als sie
ihn in den Mund nahm und der kaum noch zu ertragende Schmerz sich schlagartig
wandelte, weil er wusste, was sie tun würde. Plötzlich war ihm egal, dass er es
nicht verstand. Ihm war auch egal, warum sie es tat. Alles andere verschwamm zu
einer kompletten Nebensächlichkeit, als sie ihn immer wieder tief in ihren Mund
saugte. Seine Hände verkrallten sich in ihren Haaren, unbewusst fuhren die
Krallen aus und er fauchte, als er sie an sich drückte. Mit einem Knurren kam er
und seine Knie wurden weich. Er schlang seine Arme um die Menschenfrau, fühlte
sie zittern und wusste, dass sie ihn jetzt genauso spürte wie er sie in der
vorherigen Nacht.
Ailia hob den Kopf, als das Chaos in ihren Gedanken abklang. Sie musste fast
lachen, als sie seinen verträumten Gesichtsausdruck bemerkte und er sie ansah,
als würde er sie anbeten. „So, Tec, wir gehen jetzt baden“, bemerkte sie
grinsend. „Und ich hoffe, deine Aussage: D’arjos wollen immer, stimmt und du
zeigst es mir danach...?“
Tec’or lachte, riss sie auf seine Arme und rannte mit ihr zum Wasser. Ailia
kreischte und umklammerte seinen Hals, als er sich mit ihr ins Wasser warf und
die Fluten über ihnen zusammenschlugen. Prustend kamen sie wieder an die
Oberfläche.
„Ich kann nicht fassen, dass du das gemacht hast!“, rief Ailia und hechtete sich
wieder auf ihn. „Ich mag es nicht, wenn man mich untertaucht!“
Der D’arjo lachte noch immer mit seinen blitzenden Reißzähnen, als sie ihn
umriss und unter Wasser drückte. Er schlang seine Arme um sie und seine Zähne
verfingen sich an ihrem Hals. Ailia kämpfte sich wieder an die Oberfläche und
schnappte nach Luft, während er immer noch damit beschäftigt war, an ihrem Hals
zu knabbern.
„Du schmeckst genau so gut wie du riechst“, kicherte er.
„Hauptsache, du beißt kein Stück ab“, murmelte sie, schlang ihre Beine um seine
Hüfte und ihre Arme um seinen Hals. Irgendwie begeistert spürte sie schon wieder
seine Erregung und sein Knurren, während sich seine nassen Haare versuchten
aufzustellen. Er trug sie ins seichtere Wasser, ohne seine Beschäftigung an
ihrem Hals zu unterbrechen. Ailia fühlte den weichen Sand in ihrem Rücken und
das Wasser, das sie noch immer umfloss, als er sie ablegte und mit der Zunge
sanft über ihre Lippen fuhr.
Und dann war er in ihr und sie schenkte sich das Denken für eine ganze Weile.
Sehr viel später lagen sie wieder vollständig angezogen im Gras und genossen die
laue Nacht. Ailias Kopf ruhte auf Tec’ors Brust und er strich gedankenverloren
über ihre Haare.
„Wie riecht das eigentlich?“, fragte Ailia plötzlich, „wenn dein Geruch an mir
hängt?“
„Toll“, murmelte er schläfrig und Ailia hob den Kopf.
„Du kannst es mir zeigen. Wenn du mich in deinen Kopf lässt.“
Seine Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. „Ja?“, flüsterte er fasziniert.
Ailia nickte, fühlte plötzlich wie er sie drehte, so dass sie auf dem Rücken lag
und sich über sie beugte. „Möchtest du es wissen?“
„Ja“, hauchte Ailia.
Er hatte noch nicht genug Erfahrung mit dieser Fähigkeit, doch Ailia kam ihm
entgegen, als sie sein vorsichtiges Tasten in ihrem Kopf spürte. Ihre Augen
schlossen sich und dann stürmte eine Welt auf sie ein, die sie sich in diesem
Ausmaß nie hätte vorstellen können. Kein Mensch mit einer derart unempfindlichen
Nase konnte es sich vorstellen. Es war eine Welt der Gerüche. Jeder Gegenstand,
jeder Luftzug trug einen anderen Duft mit sich. Ailia fühlte, was Tec’or fühlte.
Sie roch das Wasser in einer Intensität, die sie nie für möglich gehalten hatte.
Sie roch die Erde, das Gras, die Bäume. Sie roch Tiere, die sie gar nicht sah.
Und dann sah der D’arjo sie an und sie fühlte seinen Stolz, als die feinen
Nuancen ihres eigenen Geruchs vermischt mit seinem auf die empfindliche Nase des
D’arjos trafen. Und plötzlich begriff sie es. Es war so deutlich und für einen
D’arjo unübersehbar. Sie trug seinen Stempel. Unsichtbar für die Augen, aber für
die Nasen der D’arjos war es als würde sie ein Schild tragen, auf dem stand,
dass sie zu Tec’or gehörte.
Er trennte die Verbindung zwischen ihren Köpfen auch nicht, als er den Kopf
senkte und seine Zunge über die Haut ihres Halses fuhr. Ihr Geruch in seiner
Nase wurde stärker, er schien seine Sinne zu benebeln und trotz dem, dass sein
Körper durch die vergangenen Stunden vollkommen befriedigt war, spürte sie
seinen Wunsch, sie einfach nur zu berühren, ihr nah zu sein und zu genießen, was
ihm seine Nase erzählte.
„Wahnsinn“, flüsterte sie erstickt und fühlte sein Lächeln, als er sie sanft
biss. Da sie noch immer mit seinen Gedanken verbunden war, spürte sie den für
D’arjos natürlichen Drang oder Wunsch, sie zu beißen, um sie mit einem
sichtbaren Zeichen zu versehen. Er würde es nie tun, er hatte den Wunsch
jahrelang verdrängen müssen, wenn er mit Tara verkehrte, doch gerade jetzt, wenn
ihr ihm gehörender Duft ihm in die Nase stieg, drängte sich auch das den D’arjos
eigene Verlangen in den Vordergrund.
Dann löste er sich von ihr und ihren Gedanken und Ailia kam sich einen Moment
wie blind und taub zugleich vor, als die Geruchswahrnehmung verschwand. Fast
orientierungslos hob sie den Kopf und sah das feine Lächeln, das seine
Mundwinkel umspielte.
„Toll, nicht?“
Ailia nickte, noch immer voll im Bann des gerade Erlebten.
„Ich habe es mir immer versucht vorzustellen“, sagte er leise. „Wie es ist, wenn
eine Frau meinen Geruch trägt. Aber ich habe es nicht einmal annähernd
geschafft. Es ist irgendwie ... anders...“
Ailia hob nachdenklich ihre Hand und strich ihm über die Wange. „Anders als du
dachtest?“
„Ja“, nickte er. „Es richtet so ein Durcheinander in mir an...“ Er küsste sie
kurz mit einem leisen Knurren. „Ailia, ich habe Angst. Ich rede mir ein, dass du
eine Menschenfrau bist und habe trotzdem furchtbare Angst vor dem Tag, an dem
mein Geruch an dir verschwindet“, sprudelte er heraus. „Ich möchte dich nicht
aus den Augen lassen. Ich möchte nicht, dass dich ein anderer D’arjo ansieht.
Ich denke nur noch daran wie es ist, dich zu berühren. Wenn ich die Augen
schließe, sehe ich dein Gesicht...“ Er wich ihrem Blick aus, weil er sich vor
sich selbst schämte.
„Tec, das ist doch nicht schlimm.“ Gut, ein menschlicher Mann hätte das jetzt
vielleicht nicht so deutlich gesagt. Ailia kicherte. „Eigentlich gefällt mir der
Gedanke, dass du nur an mich denkst. Trotz meines hässlichen Aussehens.“
„Du bist nicht hässlich“, knurrte er. „Ich werde jeden verprügeln, der das
behauptet.“
Ailia fing an zu lachen. „Du wirst aus den Schlägereien nicht mehr heraus
kommen“, versprach sie ihm. Dann richtete sie sich auf. „Wir sollten ins Lager
zurückkehren.“
„Hm.“ Er stand ebenfalls auf und sah sie noch immer unsicher an.
Sie ahnte, was in ihm vorging. Wenn sie eine d’arjotische Frau wäre, könnte er
sie einschätzen. Er wüsste, wie er sich verhalten musste, wüsste, was sie von
ihm verlangte. Er hatte keine Ahnung, warum Menschen Beziehungen eingingen, sie
auflösten oder welche Ansprüche sie an ihren Partner stellten. Und Ailia hatte
keine Ahnung, wie sie es ihm erklären sollte, weil sie selbst sich noch nie in
einer solchen Situation befunden hatte. In ihrem Leben gab es Versuche, einen
Partner zu finden, die jedoch ganz schnell an den ernüchternden Erfahrungen im
Bett scheiterten. Als Telepath war man Einsamkeit gewöhnt.
Ob sie bereit war, eine Beziehung mit einem D’arjo zu wagen, konnte sie im
Moment nicht sagen. Das einzige, was sie definitiv wusste, war, dass sie ihn
gern hatte. Sie mochte ihn mehr als irgendeinen anderen Mann in ihrem bisherigen
Leben, auch wenn er sich äußerlich von einem Menschen unterschied. Das spielte
keine Rolle. Es spielte keine Rolle mehr. Seit sie zwischen den D’arjos lebte,
hatte sie festgestellt, wie nebensächlich das unterschiedliche Aussehen werden
konnte.
Sie lächelte ihn genau so schüchtern an wie er sie, stellte sich kurz auf die
Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund, ehe sie seine Hand fasste und ihn mit
sich zum Lager zurückzog.
Wortlos legte sie im Zelt ihre Matte neben seine, sah das Leuchten in seinen
Augen und kuschelte sich an ihn, als er seine Arme um sie schlang. Und sie
fühlte sich so zufrieden und geborgen wie lange nicht.
Sieben Monate
„Diese da.“ Tec’or wies auf eine grauschimmelige Hererostute in Actos kleiner
Herde. „Was willst du dafür?“
Acto brummelte vor sich hin, als er dem Herero ein Halfter überstreifte. „Sag
jetzt bitte nicht, dass mein Verdacht richtig ist und du das Tier für die
Menschenfrau willst.“
„Ich glaube nicht, dass dich das interessieren sollte. Was kostet sie?“ Tec’or
grinste und beachtete den ärgerlichen Gesichtsausdruck seines Vaters überhaupt
nicht.
„Sie ist ein gutes Zuchttier“, knurrte dieser.
„Wie viel?“
„Du weißt, dass das wieder eine Regel ist, die du brichst? Frauen reiten keine
Hereros. Und Stuten werden schon gar nicht geritten.“
„Wie viel?“
Acto drückte ihm mit einem Fauchen den Strick in die Hand. „Sag deiner
Menschenfrau, ich schenke sie ihr.“ Er drehte sich um und stapfte zu seinem Zelt
zurück.
Tec’or starrte eine ganze Weile fassungslos auf das Herero und dann seinem Vater
hinterher. Ailia musste ihn mehr beeindruckt haben, als er jemals zugeben würde.
***********
Ailia wunderte sich zwar etwas, dass Tec’or verschwunden war, obwohl er es nie
wieder zugelassen hatte, dass sie allein zum Baden ging, doch heute Abend war er
weg.
Sie machte sich allerdings keine weiteren Gedanken darüber, weil sie annahm, er
hätte es ihr gesagt, wenn er etwas Wichtiges vorhätte. Deshalb nahm sie einfach
ein Handtuch und Seife und machte sich allein auf den Weg. Obwohl sie es nicht
zugeben wollte, vermisste sie ihn und beeilte sich, um ins Lager zurück zu
kommen.
Er saß am Feuer, als würde er schon Stunden dort sitzen und grinste sie
schelmisch an.
„Wo warst du?“, erkundigte sie sich stirnrunzelnd.
Dann sah sie es und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Das Handtuch und die
Seife fielen ins Gras, als sie die Hände vor den Mund schlug.
„Tec“, quietschte sie fassungslos.
Der D’arjo sprang geschmeidig auf, trat hinter sie und schlang seine Arme um
sie. „Es sollte ein Geschenk von mir sein, aber mein Vater wollte, dass ich sie
dir in seinem Namen schenke“, schnurrte er neben ihrem Ohr.
„Ein Herero“, flüsterte Ailia mit Tränen in den Augen. „Ein richtiges lebendes
Herero...“
Er gab ihr einen Schubs. „Sag ihr Hallo.“
Ailia konnte es nicht fassen. Langsam und vorsichtig ging sie auf das Herero zu,
das an Damarons Seite lag und neugierig witternd die Luft einzog. Die Rührung
schnürte ihr die Kehle zu, als sie sich hin hockte und über das weiche, von
Schimmelhaaren durchzogene, Fell strich. Das Herero schnurrte leise und schloss
die großen schwarzen Augen halb, während es den Kopf zur Seite legte, damit
Ailia es hinter den Ohren kraulen konnte.
„Oh Gott“, hauchte Ailia erstickt. „Tec, du bist verrückt... Du kannst mir doch
kein Herero schenken...“
„Ich kann dir alles schenken, was ich will“, sagte der D’arjo einfach.
„Allerdings muss ich dir dazu sagen, dass du jetzt die einzige Frau im Lager
bist, die ein Herero besitzt. Aber ich denke, das stört dich wenig und ich hatte
irgendwie so das Gefühl, dass du gern eins hättest...“ Er grinste so
verschmitzt, dass Ailia wieder aufsprang und ihm um den Hals fiel.
„Tec, du bist einzigartig“, schluchzte sie und die Tränen fingen an zu laufen.
„Ich danke dir.“ Sie zog seinen Kopf zu sich herab und küsste ihn. „Du bist
wirklich ein verrückter D’arjo“, murmelte sie zwischen den Küssen. „Aber
vielleicht habe ich dich deshalb so gern.“
Tec’or knurrte wild, als er sie an sich riss. Er hatte schon lange keine Angst
mehr, dass sie ihn von sich stieß oder ablehnte, wenn er irgendetwas tat, weil
ihn die Leidenschaft oder Erregung übermannt. Menschen schienen in dieser
Hinsicht sehr offen zu sein und das gefiel ihm. Genau so wie es ihm gefiel, sie
auf diese menschliche Art zu küssen und mit der Zunge ihren Mund zu erkunden. Er
fragte sich, warum noch kein D’arjo auf die Idee gekommen war, etwas Derartiges
zu tun.
Ailia unterbrach den Kuss und schob ihn ein Stück von sich. „Tec, bevor wir
beide jetzt wieder einmal den Verstand verlieren.“ Er grinste anzüglich bei
diesen Worten. Vor allem die Formulierung Wir beide gefiel ihm. „Ich
möchte jetzt gern mein Herero kennen lernen.“
„Ich muss erst einen Sattel anfertigen“, sagte er entschuldigend, ohne sie los
zu lassen und seine Haare richteten sich auf.
Ailia klopfte ihm gegen die Brust. „Tec, du kannst die ganze Nacht mit mir
anstellen, was du willst...“
„Ehrlich?“ Seine Augen weiteten sich und er begann sich schon vorzustellen, was
das alles sein könnte.
„Aber jetzt möchte ich zu meinem Herero. Klar?“
Tec’or biss sie kurz in den Hals, ehe er sie los ließ und Damarons Zaumzeug
holte.
„Stuten werden zwar eingeritten“, erklärte er ihr dann in einem so sachlichen
Ton, dass sie sich das Lachen verkneifen musste. „Aber sie werden von Männern
nicht geritten, sondern meist nur als Lasttiere oder zur Zucht benutzt.“ Er
klopfte dem Herero auf den Rücken, damit sie sich erhob und schnallte den Zaum
um ihren Kopf.
Ailia sprang wie ein kleines Kind um ihn herum. „Sie ist so wunderschön. Wie
heißt sie?“
„Du kannst ihr einen Namen geben.“ Dann drückte er ihr die Zügel in die Hand.
„Ich hole Damarons Sattel.“
„Ich bin auf der Erde schon ohne Sattel geritten. Ich denke, ich kann das hier
auch“, meinte sie unbekümmert. „Machen Hereros Probleme, wenn sie lange nicht
geritten wurden?“
Der D’arjo schüttelte den Kopf und schnappte erschrocken nach Luft, als sich
Ailia aus dem Stand auf den Rücken der Stute schwang. „Sei vorsichtig. Hereros
müssen lernen, ihrem Reiter zu vertrauen. Sie kennt dich noch nicht. Deshalb
darfst du nicht erschrocken sein, wenn sie nicht so schnell und vertrauensvoll
reagiert wie Damaron. Lass ihr Zeit.“
„Ich werde sie Selina nennen“, verkündete Ailia und strahlte ihn stolz an. „Ich
hatte noch nie ein Tier. Noch nicht einmal Fische.“
Warum jemand Fische halten sollte, war ihm absolut unklar. „Wenn ein Herero
seinem Reiter nicht vertraut, wird es stehen bleiben. Es wird dich nicht
abwerfen, es wird nicht davon rennen, es bleibt einfach stehen“, erklärte er
weiter, während er Damaron sattelte und ihm nur sein einfaches Halfter umband,
an dem er die Zügel befestigte. „Wenn es dir vertraut, wird es tun, was du
willst und dich mit seinem Leben verteidigen.“
Ailia hatte schon bemerkt, dass D’arjos ihre Reittiere wie Hunde abrichteten.
Sie reagierten, anders als terranische Pferde, mehr auf Stimmhilfen oder
leichtes Ziehen an den Zügeln. Und sie kannten ein Kommandowort für Angriff.
Tec’or stieg auf und ritt neben sie. „Ignorier bitte die entsetzten Blicke, die
dich gleich treffen werden.“
Ailia lachte und fühlte sich so unheimlich stolz wie noch nie in ihrem Leben. Es
interessierte sie überhaupt nicht, dass das halbe Lager zusammen rannte und
ihnen hinter her gaffte, als sie das Lager verließen.
**************
Noch immer lachend betraten sie eine Stunde später wieder das Zelt. Sie hatten
ihren Ritt abbrechen müssen, weil es zu finster wurde.
Ailia war glücklich. Selina war ein wirklich liebes, sensibles Herero und hatte
sich schnell an Ailias vorerst zaghafte Hilfen gewöhnt. Natürlich war es
mehrmals passiert, dass das Herero verwirrt stehen blieb, was wieder Tec’or zum
Lachen brachte, aber im Großen und Ganzen war ihr erster Ausritt als Erfolg zu
verbuchen.
Auf dem Rückweg kamen sie an Actos Zelt vorbei und der große D’arjo blickte
ihnen mit einem recht ärgerlichen Ausdruck im Gesicht entgegen. Ailia strahlte
ihn trotzdem an und rief: „Ich danke dir, Acto!“
Knurrend versuchte der D’arjo seine eigene Verlegenheit zu verbergen und
verschwand vor sich hin brummend im Zelt.
Nachdem die Hereros versorgt und gefüttert waren, erkundigte sich Ailia noch
einmal besorgt, ob Selina auch nicht weglaufen würde, wenn sie einfach nur neben
dem Zelt schlief. Tec’or winkte ab.
„Erstens hat sie Damaron und wenn sie wirklich wegläuft, geht sie nur zurück zu
ihrer alten Herde. Dann müssen wir sie halt wieder holen, bis sie sich daran
gewöhnt hat, dass sie jetzt hierher gehört. Aber ich denke, nachdem sie ihr
Futter hier bekommen hat, weiß sie Bescheid.“
„Hereros sind recht intelligent, oder?“ Ailia kraulte Selina ein letztes Mal und
strich auch Damaron über den Kopf. „Schlaft gut, ihr zwei“, murmelte sie und
fühlte plötzlich, wie zwei starke Arme sie umschlungen und in Richtung Zelt
trugen. „Was wird das, Tec?“ fragte sie lachend.
„Ich habe ein Versprechen bekommen“, schnurrte der D’arjo neben ihrem Ohr. „Ich
denke, es wird Zeit, es einzulösen.“
„Du bist wirklich unersättlich“, murmelte Ailia belustigt, während seine Worte
ein Kribbeln in ihr auslösten.
Er kicherte, ließ sie auf die Schlafmatte fallen und war im nächsten Moment über
ihr. „Ich an deiner Stelle würde ganz still sein, Menschenfrau.“ Ehe Ailia
antworten konnte, waren seine Lippen auf ihren und ihr ging wieder einmal auf,
dass sie alles vergessen konnte, wenn er sie küsste.
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drehte ihn mit einer schnellen
Bewegung, so dass er jetzt auf dem Rücken lag. „Wie wär’s, wenn ich mein
Versprechen etwas abwandle?“, fragte sie spielerisch gegen seinen Mund.
„Was?“ Er klang überrascht.
„Und ich stelle mit dir an, was ich möchte...“
Tec’or riss knurrend seinen Kopf hoch und biss sie in den Hals. „Was wäre das?“
Dann zog er scharf die Luft ein, als sie begann, an seinem Hals zu knabbern.
Ailia grinste, weil sie genau wusste, dass er für so ziemlich alles zu haben
war. Ihre Finger fuhren unter sein Shirt und er richtete sich kurz auf, als sie
es ihm über den Kopf zog. Das Verlangen in seinen Augen gepaart mit seiner ihm
eigenen Neugier verursachte einen Schauer, der über ihre Haut lief. Seine Hände
umschlangen ihre Hüften und zogen sie an sich. Er war es nicht gewöhnt, in
seinen Bewegungen durch ihr Gewicht behindert zu werden, aber Ailia hatte nicht
vor, etwas daran zu ändern. Sie fühlte seine Krallen auf ihrer Haut, was sehr
selten geschah, da er sich bemühte, sie nie zu verletzen, aber im Moment hatte
er wahrscheinlich mehr damit zu tun, das Gefühl zu verarbeiten, dass sie auf ihm
saß und ihn daran hinderte, seiner Leidenschaft freien Lauf zu lassen.
Mit einem Lachen streifte sie ihr Hemd über den Kopf und er fuhr fauchend hoch.
Sie warf den Kopf in den Nacken, als seine Lippen und Zähne ihre Brust berührten
und griff in seine aufgestellten Haare. Ihre Hände zogen seinen Kopf zurück und
sie presste ihre Lippen auf seinen Mund, bevor sie ihn zurück auf die Matte
drückte.
Tec’or fauchte frustriert. Doch dann waren ihre Finger an den Knöpfen seiner
Hose und das Fauchen ging in ein Stöhnen über, als sie Hose seine Beine hinab
streifte. Er wollte sich aufrichten, doch Ailias Worte stoppten ihn.
„Du bleibst schön liegen“, kommandierte sie, stand auf und streifte ihre Hose
von den Beinen.
Tec’ors Augen hingen an ihrem Körper, der jetzt nur vom Schein der Kerzen im
Zelt beleuchtet wurde. Der Geruch ihrer Erregung hing schon wieder in der Luft
und ein leises verzweifeltes Maunzen kam aus seiner Kehle, als er sich nur auf
seine Ellenbogen aufrichtete, obwohl er am liebsten aufgesprungen wäre und sich
auf sie gestürzt hätte.
Ailia lächelte. Sie sah wie mühsam er sich beherrschte, hockte sich hin und ließ
ihre Hände langsam seine Beine hinauf wandern. Sein Atem beschleunigte sich und
mit halb geöffnetem Mund starrte er ihr entgegen, als ihr Körper ihren Händen
folgte.
Ihr Geruch war Wahnsinn. Und sie war Wahnsinn. Er sah ihr wissendes Grinsen, als
sie ihre Lippen auf seinen Mund presste und er ihre Zunge spürte. Ihre Hände
umfassten seinen Kopf und als sie sich langsam auf seiner Erektion niederließ.
Um seine Beherrschung war es geschehen. Er jaulte auf, stieß ihr seine Hüften
entgegen und schlang seine Arme um ihren Körper, als er sich aufrichtete. Ailias
Hände hielten noch immer sein Gesicht umfangen und sie flüsterte gegen seine
Lippen.
„Lass es mich tun, Tec...“
Er wusste, was sie meinte, als sie begann sich zu bewegen. Er schloss die Augen
und vergrub sein Gesicht an ihrer Brust, während seine Arme sie umklammerten und
sie ihm den Ritt seines Lebens schenkte, obwohl er vorher nicht einmal wusste,
dass das möglich war.
***************
Acht Monate
„Damaron!“ Ailia schrie böse auf und wollte auf die beiden Hereros zueilen, doch
Tec’or fing sie um die Taille ab.
Damaron und Selina umkreisten sich mit gesträubtem Fell. Damaron jaulte mehr als
er knurrte und versuchte immer wieder, sich der Stute zu nähern.
„Lass sie!“ Der D’arjo hielt die strampelnde Ailia fast. „Es ist normal und
musste irgendwann so kommen. Ein weibliches Tier reagiert auf die Nähe eines
männlichen. Es sendet Duftstoffe aus, die ihn verrückt machen und er wird sie
jetzt solange bedrängen bis sie es endlich zulässt. Und wir werden sie in Ruhe
lassen.“
„Wenn er ihr wehtut, trete ich ihm in den Hintern!“ Ailia versuchte noch immer
sich loszureißen und beobachtete mit großen Augen wie Damaron Selina ansprang.
„Oh Gott, er verletzt sie!“ rief sie entsetzt.
Sie befanden sich ein ganzes Stück vom Lager entfernt. Tec’or hatte zwar schon
am Morgen festgestellt, dass sich Selina anders benahm, aber nicht damit
gerechnet, dass es so schnell ging. Jetzt waren die Hereros mit sich selbst
beschäftigt und keine Macht der Welt würde sie heute Abend dazu bringen, einen
Reiter zu tragen. Tec’or hatte grinsend erklärt, dass sie eben heute Nacht
einmal unter den Sternen schlafen würden. Schließlich war es warm und so viel
unbequemer als die Bettmatten war die Wiese auch nicht.
Ailia hatte es erst verstanden, als er die Hereros frei ließ und die beiden
begannen, sich zu belauern. Und jetzt hatte sie Angst um ihre wunderschöne
Stute.
„Ailia“, beruhigte Tec’or sie, ohne sie loszulassen. „Er wird sie auch beißen.
Das ist normal.“
„Beißen?!“ kreischte Ailia. Und schlug die Hände vor das Gesicht, als Damaron
seine Zähne in Selinas Nacken grub und sie auf den Boden presste, als er sie
bestieg. Ailia schielte zwischen ihren Fingern hindurch, weil Selina genauso
fauchte wie Damaron knurrte. Und plötzlich knurrte der D’arjo hinter ihr ebenso.
„T-Tec“, stotterte sie. „S-Sag jetzt nicht, e-es macht dich an, deinem Herero
zuzuschauen.“
Er maunzte leise und fuhr mit der Zunge über ihren Hals, bevor er sie kurz biss.
Ailias Knie begannen schon wieder weich zu werden wie immer, wenn er das tat.
Die Paarung zwischen den beiden Hereros war wild, fast zornig, und das, obwohl
Selina eindeutige Signale ausgesandt hatte, die Damaron sagten, dass sie es
wollte. Und plötzlich ahnte sie, dass auch bei D’arjo die zärtliche Art,
miteinander umzugehen beim Sex nicht unbedingt zur Normalität gehörte.
Wahrscheinlich zumindest in der Zeit nicht, in der d’arjotische Frauen ebenfalls
diesen speziellen Duft aussandten.
Sie wollte sich zu Tec’or umdrehen, doch er hielt sie fest und sie fühlte die
Vibrationen seines Knurrens in ihrem Rücken, als seine Hände unter ihr knappes,
nur von Lederbändern über ihren Schultern gehaltenem Shirt wanderten und die
nackte Haut berührten.
„Tec“, flüsterte sie und spürte die Krallen seiner Hände ausfahren. Sie schloss
die Augen und ihr Kopf neigte sich zur Seite, damit er ihren Hals besser
erreichen konnte.
„Wenn du möchtest“, schnurrte er, “kannst du auch gegen mich kämpfen.“
Ailia kicherte. „Und wenn ich gegen dich gewinne?“
Seine Finger öffneten ihre Hose. „Möchtest du gewinnen?“ Der Geruch ihrer
Erregung traf ihn wieder wie ein Schlag und er ahnte, dass menschliche Männer
froh sein konnten, nicht über seine Nase zu verfügen, weil es sie sonst
wahnsinnig machen würde.
Ailia rieb auffordernd ihren Hintern an seiner Erektion und er fauchte gereizt.
„Vielleicht ist so ein Spiel nicht schlecht“, murmelte sie, schien aber alles
andere zu vergessen, als seine Finger zwischen ihre Beine wanderten und
begannen, ihr empfindliches Fleisch zu streicheln.
Tec’or knurrte lauter, als sie sich an ihn presste und ihre Hände seinen Arm
umklammerten, um zu verhindern, dass er mit seiner Tätigkeit aufhörte. „Du
machst mich verrückt“, fauchte er neben ihrem Ohr und ihr leises Lachen rauschte
durch seinen Kopf.
Ailias Hand griff hinter sich und sie warf den Kopf zurück, als sie ihn durch
die Hose berührte, er aufmaunzte und für einen Moment seine Umklammerung löste.
„Du wolltest spielen“, schnurrte sie, schlüpfte zur Seite und wollte in Richtung
Wald rennen.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ein D’arjo derart schnell reagierte.
Fauchend hechtete er aus dem Stand in ihre Richtung. Sein Gewicht warf sie zu
Boden und Ailia fand sich plötzlich mit dem Gesicht im weichen Gras wieder.
„Uh!“ schimpfte sie überrascht, doch der D’arjo war nicht mehr zu bremsen. Sie
hatte es herausgefordert, als sie sich auf sein Spiel eingelassen hatte.
Sein Gewicht presste sie zu Boden. Er zerrte ungeduldig an ihrer Hose. Der
verrückte Geruch benebelte seine Sinne und er biss sie knurrend in ihre Hüften,
weil er seine eigenen Hosen nicht schnell genug aufbekam. Ailias Körper bäumte
sich auf, ihm entgegen, als sie seine Zähne spürte und ihr Kopf sank nach vorn.
Seine Hände verfingen sich in ihren Haaren. Er riss ihren Kopf nach hinten, sah
die Leidenschaft, die ihren Blick verzerrte und drängte zwischen ihre Beine.
Ailias Körper brannte, alles was sie wollte, war, ihn endlich in sich spüren.
Und dann stieß er in sie und sie schrie erschrocken auf, als sich im gleichen
Moment seine Zähne in ihre Schulter gruben. Er ließ weder ihre Haare los, noch
lösten sich seine Zähne von ihr, als er anfing, sich zu bewegen und die Flammen,
die durch ihren Körper jagten, während er immer und immer wieder in sie stieß,
ließen sie alles andere vergessen. Ihre Hände klammerten in dem weichen Gras und
mit einem Aufschrei sackte sie zusammen, als die Wellen der Lust über ihr
zusammenschlugen, sie kurz darauf seinen mentalen Schrei fühlte und alles in
ihrem Kopf durcheinander wirbelte.
Das erste, was sie wieder fühlte, war das Brennen in ihrer Schulter und das
entsetzte Auffauchen des D’arjo, der von ihr zurück fuhr. Benommen drehte sich
Ailia um und setzte sich auf.
Tec’or war bis auf eine Entfernung von fünf Metern zurück gewichen und sah sie
völlig verzweifelt an.
Ailia schluckte krampfhaft, als sie den Schmerz in ihrer Schulter fühlte. Er
hat mich gebissen. Oh Gott, er hat mich wirklich gebissen, hämmerte
ihr Kopf und der D’arjo sah aus, als wolle er sich am liebsten im Erdboden
verkriechen. Sie zog ihre Hose wieder hoch, sah, dass er das gleiche schon getan
hatte und jetzt langsam und zögernd wieder auf sie zu kroch.
„Tut mir leid“, flüsterte er erstickt, als er sie erreichte und sah so geknickt
aus, dass Ailia unmöglich böse sein konnte. Wie konnte sie ihn auch für etwas
verurteilen, das für D’arjo vollkommen normal war. Seine Lippen strichen
zärtlich über ihren Mund.
Ailia seufzte leise, hob ihre Hand und legte sie um seinen Hals. Ihre Finger
fuhren durch seine Haare, als er seine Wange sanft an ihrer rieb. „Es ist okay,
Tec“, hauchte sie.
Er wagte noch immer nicht, sie zu berühren, sondern schnurrte nur leise, als
ihre Finger ihn zärtlich kraulten. „Ich bin ein Idiot“, murmelte er verzweifelt.
„Bitte, glaub mir, Ailia, ich wollte das nicht...“
„Shhh.“ Sie presste ihre Lippen auf seinen Mund. „Du bist ein D’arjo und ...“
„Nein“, unterbrach er sie. „Du bist eine Menschenfrau und ich hätte dich nie
verletzen dürfen. Du warst so entsetzt, als ich es dir einmal erzählt habe. Ich
will nicht, dass du entsetzt über mich bist...“
Ailia lächelte leicht und küsste ihn wieder. „Du bist mein D’arjo“, sagte sie
leise. „Ich trage deinen Geruch und jetzt trage ich auch dein ... wie hast du es
genannt? ... Zeichen? Es ist okay.“
„Echt?“ piepste er. „Du bist nicht böse?“
„Ähm“, machte Ailia gedehnt. „Also es tut schon weh.“
Tec’or schnurrte und sie hielt die Luft an, als er langsam den Kopf senkte und
seine Zunge über die vier kleinen Einstichstellen fuhr. Sie erschauderte und
komischerweise ließ das Brennen nach. „Du bist meine Menschenfrau“, sagte er und
es klang wie ein Versprechen.
Ailia traten Tränen in die Augen und sie schlang ihre Arme um seinen Hals. „Ich
glaube, ich liebe dich, Tec“, schluchzte sie und vergrub ihr Gesicht an seinem
Hals.
Er strich sanft über ihre für ihn immer noch eigenartigen Haare. „Ich *weiß*,
dass ich dich liebe“, flüsterte er.
Teil 14
Neun Monate
Es war noch früh am Morgen, als Ailia das charakteristische Geräusch eines
Gleiters hörte und aus dem Zelt stürzte. Mit großen Augen verfolgte sie wie der
Gleiter über das Lager schwebte und hinter den Bäumen zu Boden sank.
„Tec“, rief sie aufgeregt. „Ist das die Richtung, wo mein abgestürzter Gleiter
liegt?“
Wenn sie sich an die Aussagen des D’arjos erinnerte, brauchte ein Kurier bis zur
Station mindestens ein Jahr. Das bedeutete, der Gleiter war nicht hier, weil ihm
jemand den Weg gewiesen hatte, sondern es war ein normaler Routineflug oder noch
immer die Suche nach ihr. Und wenn das der Fall war, hatte man jetzt
wahrscheinlich den abgestürzten Gleiter lokalisiert.
„Ja“, brummte der D’arjo verschlafen.
Ailia war aufgeregt. Es hatte keinen Sinn, jetzt ein Herero zu besteigen und
dorthin zu reiten, weil sie wusste, dass es selbst bei einem schnellen Ritt drei
Stunden dauerte. Das einzige, was sie jetzt hoffen konnte, war, dass die
Insassen des Gleiters ihre Notiz fanden und Ausschau nach dem Lager der D’arjos
hielten.
Sie lief noch immer nervös auf und ab, als Tec’or endlich aus dem Zelt trat.
„Wenn sie wieder starten und weiter fliegen, drehe ich durch“, sagte sie.
Er grinste. „Wirst du nicht“, erklärte er selbstsicher.
„Können wir nichts tun, Tec? Rauchzeichen oder so was?“ Sie klang verzweifelt,
ohne ihr hin und herlaufen zu unterbrechen.
„Du hast eine Nachricht hinterlassen“, beruhigte er sie. „Wenn sie den Gleiter
finden, finden sie auch die Nachricht. Wenn nicht ... musst du halt warten bis
der Kurier in der Station ankommt.“
Ailia schlug ihm böse gegen die Brust. „Zerstör meine Hoffnung nicht!“
Tec’or kümmerte sich um das Feuer, ohne sich von ihrer Aufregung anstecken zu
lassen. Sie brachte keinen Bissen herunter, sondern hob nur immer wieder ihren
Blick zum Himmel. Es verging mindestens eine Stunde, als der Gleiter über die
Bäume schwebte.
Mit einem Aufschrei fuhr Ailia hoch und winkte mit beiden Armen. Der Gleiter
suchte einen freien Platz und sank dann am Flussufer zu Boden. Ailia stürzte
durch den Wald ohne sich noch einmal umzudrehen. Tec’or folgte ihr langsamer
nach.
Es waren der Pilot Mark Demis und ihr Kollege Jack, die aus dem Gleiter
kletterten. Ailia war für einen Moment einfach nur glücklich, menschliche
Gesichter zu sehen und fiel den beiden um den Hals.
„Ailia“, schimpfte Jack, doch in den Monaten, die sie jetzt nach der jungen Frau
suchten, war der Zorn über ihr Abweichen von der vorgeschriebenen Route längst
verraucht und nur noch Sorge übrig geblieben. „Wir haben nicht mehr daran
geglaubt, dich lebend zu finden.“
Mark betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf. „Das Leben unter D’arjos scheint
dir zu bekommen“, stellte er fest. „Hast du die ganzen Monate hier verbracht?“
Ailia nickte. „Ich habe eine Menge zu erzählen. Denke ich.“
„Na dann, rein in den Gleiter und zurück in die Zivilisation.“ Mark grinste,
dann fiel sein Blick auf die neugierigen D’arjos, die zögernd durch die Bäume
näher kamen.
Tec’or trat langsam an Ailias Seite und sah die beiden Männer offen an. Er
konnte deren Gedanken genau so lesen wie die der anderen D’arjos und spürte zum
ersten Mal die Herablassung, mit der die Menschen die D’arjos betrachteten. Er
ahnte, dass Ailia an ihren ersten Wochen im Lager der D’arjos eine ähnliche
Ablehnung verspürt hatte.
„Das ist nicht ganz so einfach“, erklärte Ailia gerade und Tec’or stellte fest,
dass er der in Terranisch geführten Unterhaltung in den Köpfen der zwei Männer
folgen konnte. Ailia zog Tec’or an ihre Seite. „Darf ich euch Tec’or vorstellen.
Tec, das sind Mark und Jack. Verfolgst du die Unterhaltung?“
Der D’arjo nickte und sie fuhr fort. „Tec wird zur Station mitkommen“, sagte sie
einfach und als sie die ungläubigen Blicke der beiden Männer sah, fügt sie
hinzu. „Er ist ein Mutant. Wie ich.“
Der Blick und ebenso die Gedanken änderten sich schlagartig. Plötzlich
betrachteten ihn die Männer mit einer gewissen Scheu und einem Misstrauen, das
Tec’or auch bei den D’arjos gespürt hatte.
„Unsere Ailia“, murmelte Jack nur. „Stürzt irgendwo in der Wildnis ab und findet
einen d’arjotischen Mutanten... Spricht er unsere Sprache?“
„Nein, aber er versteht, was wir reden. Und er wird sie lernen. Schließlich
spreche ich jetzt auch perfekt D’arjo.“
„Echt?“ Mark klang überrascht.
„Und ich möchte auch zwei Hereros mitnehmen. Wir haben Nadines Abteilung genug
Möglichkeiten, auch Hereros unterzubringen, oder?“
„Hereros?“ echote Jack fassungslos.
„Ja“, nickte Ailia. „Ich besitze eins und Tec auch. Nadine freut sich bestimmt,
wenn sie sie untersuchen und beobachten kann.“
„Delaron fällt bestimmt aus allen Wolken“, murmelte der Mann.
„Und wir müssen uns auf alle Fälle noch ordentlich verabschieden.“ Ailia
lächelte Tec’or an. „Zumindest von den D’arjos, die nett zu mir waren.“
Der D’arjo lächelte ebenfalls. „Ich werde mich darum kümmern, die Sachen zu
packen“, sagte er in seiner Sprache. „Ich denke, du hast noch eine Menge zu
besprechen. Du kannst die beiden Menschen ins Lager einladen. Ich gehe vor.“
Ailia nickte. Und dann fielen Jack und Mark bald die Augen aus dem Kopf, als er
sich vorbeugte und seine Lippen kurz Ailias berührten, bevor er sich umdrehte
und zurück durch den Wald ging.
Ailia ignorierte die fassungslosen Blicke und sagte nur. „Ihr seid als Gäste
eingeladen.“
Mark kletterte in den Gleiter zurück und gab einen kurzen Situationsbericht zur
Station durch. Als er wieder zurückkam murmelte er bloß. „Nadine ist ganz aus
dem Häuschen. Sie kommt persönlich mit einem Transportgleiter für die Hereros.“
**************
Es wurde eine Abschiedsfeier im kleinen Kreis. Eigentlich waren außer den
Menschen nur Tara und Tec’ors Vater Acto anwesend.
Tara weinte, obwohl sie zwischendurch erklärte, dass sie sich für Tec’or freue
und ihm alles Gute wünsche. Sie bekam alles aus Tec’ors Zelt, was der D’arjo
nicht mitnehmen konnte oder wollte, mitsamt dem Zelt. Tec’or umarmte sie und
erklärte ihr leise, dass er sie besuchen würde und dass er zurück kommen würde,
wenn er mit dem Leben auf der Station nicht zurecht kam. Tara weinte trotzdem
weiter.
Acto versuchte sich keine Gefühlsregung anmerken zu lassen, doch Tec’or und auch
Ailia wussten, was in seinem Kopf vorging. Obwohl er es nie aussprechen oder
zugeben wollte, freute er sich, dass es seinem Sohn gesundheitlich recht gut
ging und bedauerte, dass er gerade zu diesem Zeitpunkt ging. So richtig verstand
er noch immer nicht, dass Tec’or eine Menschenfrau gewählt hatte, aber er
akzeptierte die Entscheidung. Dann bot er sogar den Menschen an, seinem Lager ab
und zu einen Besuch abzustatten, damit er erfuhr wie es seinem Sohn ging.
Nadine, die Biologin, war darüber mehr als begeistert. Sie hatte sich endlich
von den Hereros losreißen können und der Gedanke, dass sie die D’arjos studieren
konnte und sich ein Vertreter dieser Art auf DAYLIGHT befinden würde, war ihr
noch immer unbegreiflich.
„Ailia, du musst mir alles erzählen“, schwatzte sie aufgeregt. „Über das Leben
hier und die Sitten und Gebräuche.“
Ailia grinste. „Du kannst dich mit Tec persönlich unterhalten, wenn er unsere
Sprache spricht.“
Nadine warf einen neugierigen Blick auf den D’arjo, der ihr Gespräch mit einem
amüsierten Funkeln in den Augen verfolgte. „Stimmt es, dass du in seinem Zelt
gewohnt hast?“ flüsterte sie.
„Er ist Telepath, Nadine“, sagte Ailia lachend. „Du brauchst nicht zu flüstern.
Und ja, das habe ich. Diese eigenartigen Beziehungen zwischen D’arjos sind
schwer zu erklären und ich werde mich bemühen, dir alles haargenau zu erzählen.“
„Alles?“ fragte der D’arjo dazwischen.
„Was hat er gesagt?“ fragte Nadine.
Ailia verdrehte die Augen und sagte sich, dass es sehr zeitaufwendig werden
würde und sicherlich auch schwierig, solange Tec’or ihre Sprache noch nicht
sprach.
Gegen Abend verluden sie die Hereros und packten die restlichen Sachen in den
Gleiter. Tara umarmte noch einmal Tec’or und auch Ailia. Ehe die Tränen wieder
liefen, flüsterte sie noch. „Ich wünsche euch alles, alles Gute.“
Ailia traten ebenfalls Tränen in die Augen, weil die D’arjo ihr irgendwie eine
gute Freundin geworden war. „Wir werden uns wiedersehen“, versprach sie leise.
Tara nickte. Dann zog sie Tec’or noch einmal an sich und küsste ihn kurz. „Ich
möchte, dass du glücklich wirst.“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und
ging.
Tec’or sah ihr nach bis er Ailias Hand in seiner spürte. „Traurig?“
Er grinste schief. „Es ist ein komisches Gefühl. So endgültig. Aber ich bin auch
neugierig.“
Ailia schlang ihre Arme um ihn. „Du bist nicht aus der Welt. Mit einem Gleiter
kannst du innerhalb eines Tages um den ganzen Planeten fliegen.“
„Ich denke, außer Tara wird mich niemand vermissen. Nun ja, vielleicht Acto...“
Er zuckte mit den Schultern. „Also, Menschenfrau, schauen wir uns deine Welt
an.“
„Hör auf, mich so zu nennen, D’arjo.“
Er lachte, presste seine Lippen auf ihren Mund und knurrte leise. „Du bist meine
Frau.“ Dann drehte er sie um und schob sie in Richtung Gleiter. „Vielleicht
solltest du deinen Freunden mal die *eigenartige* Beziehung zu mir erklären.“
Ailia kicherte, als sie die neugierigen Blicke hinter der durchsichtigen Kanzel
des Gleiters bemerkte. Als sie das Innere betraten, versuchten alle drei so
unschuldig und gleichgültig auszusehen, als könnten sie damit verbergen, dass
sie sich gerade noch die Nase an der Scheibe platt gedrückt hatten.
Ailia setzte sich neben den D’arjo und lehnte sich an ihn. „Soll ich dir etwas
sagen, Tec?“
„Was denn?“
„Irgendwie habe ich jetzt die Hoffnung, dass der Rest meines Lebens doch nicht
ganz so einsam verlaufen wird.“
Tec’or schnurrte und biss sie sanft in den Hals. „Wie kommst du nur darauf...“
Dann hob der Gleiter ab und der D’arjo hatte mehr damit zu tun, die auf ihn
einstürmenden Eindrücke, die ein Fluggerät vermittelte, zu verarbeiten.
Er legte seinen Arm um die zierliche Menschenfrau, zog tief die Luft ein, um
ihren Geruch zu genießen, der sagte, dass sie ihm gehörte. Es machte ihn stolz,
obwohl er wusste, dass er in der Zukunft der einzige wäre, der diesen Geruch
bemerken und deuten konnte. Aber es störte ihn nicht. Denn er fühlte genau so
wie sie. An ihrer Seite würde er nicht allein sein.
Ende