Im Bann des Cya

Ailia/Trevor
Fantasy
ab 18
Beta by Indiansummer
Lucyani – ein Titel mit einer großen Bedeutung. In jedem Jahr werden auf dem Planeten Avalon nur ein oder zwei Menschen geboren, die die mentale Begabung besitzen, um die Ausbildung zu einer Lucyani zu durchlaufen. Sie besitzen die Macht, die natürliche Konzentration der auf dem Planeten allgegenwärtigen Energie – das Cya – zu sehen, zu formen und zu manipulieren.
Eines Tages schließt sich eine Gruppe Lucyani zusammen, um ein Experiment zu wagen, das schief geht. Die Gruppe geht im Gebiet hoher Cya-Konzentration verschollen.
Avalon benötigt die Lucyani. Es kann sich den Ausfall fast aller tätigen Lucyani nicht leisten und deshalb greift Ailia el Tek’aro, eine der wenigen Lucyani, die nicht an dem Experiment teilgenommen hat, nach dem einzigen Strohhalm, der ihr bleibt: Die terranische Station auf dem Planeten Avalon.
Und sie erfährt, dass es auch unter Terranern Wesen mit ihren Fähigkeiten gibt. Aber im Moment gibt es nur einen einzigen Mann, der zu ihrer Hilfe abkommandiert wird.
Und damit beginnen die Probleme. Weil genau dieser Mann zwar ein exzellenter starker Mutant ist, von dem Zusammenleben auf Avalon und dem Respekt gegenüber Lucyani jedoch keine Ahnung hat…
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11
******************
Teil 1
„Wie heißt du?“
„Lucyani.“ Sie klang leise, fast geistesabwesend.
Und Trevor wusste, dass sie log. Es war ihm egal. Frauen saßen nur aus zwei
Gründen allein an einer Bar in einem der verrücktesten Casinos von NEMESIS
FIVE.
Erstens, weil sie sich betrinken wollten. Gut, so sah sie nicht aus, trotz des
leeren Glases vor ihr auf der Theke. Der zweite Grund war, dass sie jemanden
suchten, der es ihnen ordentlich besorgte.
Der erste Grund schloss den zweiten nicht aus, doch Trevor hatte festgestellt,
dass er seine Bettgenossinnen nüchtern bevorzugte. Allerdings sah sie auch nicht
so aus als wäre sie aus dem zweiten Grund hier, sondern eher vollkommen
verloren, inmitten der aufgemotzten Menschen. So als würde sie nicht in diese
Welt gehören.
„Hi, Lucy“, sagte er nur. „Ich bin Trevor. Möchtest du etwas trinken?“
Sie schüttelte den Kopf, starrte in ihr leeres Glas und schien mit ihren
Gedanken schon wieder in weiten Fernen.
Er überlegte, ob er einfach gehen und sich nach einer anderen Frau umsehen
sollte. Aber irgendwie schien diese schlanke zierliche Frau neben ihm an der Bar
in genau so einer beschissenen Stimmung zu sein wie er selbst.
Der Hauptgrund allerdings, weswegen er nicht einfach verschwand, war, dass er
ihre Gedanken nicht lesen konnte. Es passierte äußerst selten, einem der wenigen
anderen Mutanten zu begegnen.
Und es gefiel ihm ausgesprochen gut. Denn eigentlich wollte er nicht wissen, was
sie bedrückte. Er hatte mit sich selbst genug zu tun. Eigentlich war auch er nur
aus einem Grund hier. Er brauchte jemanden, den er flach legen konnte. Und er
wollte für ein paar Stunden vergessen, in was für einer Scheißwelt er lebte…
Er bestellte sich ein Bier und setzte sich auf den freien Barhocker neben
Wie-auch-immer-ihr-richtiger-Name-war.
„Bist du zum ersten Mal hier?“, begann er den Versuch einer Unterhaltung. Sie
drehte den Kopf und musterte ihn mit diesen schwarzen Augen, die bis in seine
Seele zu dringen schienen. Sie war wirklich süß. Schmales Gesicht, große fast
schwarze Augen und dunkle Locken, die über ihren Rücken flossen. Und doch war
etwas in ihren Augen, das ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
Vielleicht war es doch ein blöde Idee, sich mit ihr unterhalten zu wollen.
Lügner. Du wolltest dich nie mit ihr unterhalten.
„Ich bin nicht scharf auf eine Unterhaltung, Terraner“, sagte sie und ihr
Tonfall ließ das Blut in seinen Adern gefrieren.
Sie hatte einen Nerv getroffen. Indem sie das Wort Terraner ausspuckte wie ein
Schimpfwort. Seine Augen blitzten kurz. „Du siehst nicht aus, als hättest du
*kein* Terranerblut in den Adern“, antwortete er eisig.
Sie verzog den Mund zu einem herablassenden Lächeln, das ihn wütend werden ließ.
„Wer oder was ich bin, geht dich nichts an.“
Das hatte man davon, wenn man freundlich sein wollte. Dann sagte er sich, dass
er eigentlich bloß scharf darauf gewesen war, sie flach zu legen. Doch jeder
Gedanke daran war verschwunden. „Du befindest dich auf einer Raumstation mit
einer Besatzung, die zu fünfundneunzig Prozent aus Terranern besteht. Ich würde vorsichtig
sein, mit dem, was ich sage.“
Sie zuckte mit keiner Wimper. „Ich bin durchaus in der Lage, mit Terranern zu
verkehren. Aber es gibt keinen vernünftigen Grund, mich mit einem Terraner gegen
Mitternacht in einer Bar zu unterhalten.“
„Nein?“, fragte er, jetzt eindeutig verblüfft.
„Mir ist vollkommen klar, warum du mich angesprochen hast“, entgegnete sie kühl.
„Und ich bin nicht interessiert. Lass mich jetzt allein.“
„Ich hätte es natürlich nie getan“, entgegnete er zynisch, „wenn ich es vorher
gewusst hätte. Vielleicht bist du mit dem Leben auf einer Raumstation noch nicht
sonderlich gut vertraut. Viele Kolonisten benehmen sich falsch, wenn sie zum
ersten Mal die Zivilisation betreten. Und deshalb solltest du mir dankbar sein,
wenn ich dich darauf hinweise, dass eine Frau um diese Zeit nicht allein an
einer Bar sitzen sollte, wenn sie *nicht* scharf darauf ist, flach gelegt zu
werden.“ Er legte sein schönstes süffisantestes Grinsen an den Tag und freute
sich, dass sie blass wurde.
„Ich bin keine Kolonistin, Terraner!“, fauchte sie gereizt.
„Nun…“ Er grinste immer noch, als er seinen Kopf auf seine Hand stützte und die
roten Flecken des Zorns in ihrem Gesicht bewunderte. „Mir ist kein Planet
bekannt, auf dem sich eine intelligente Lebensform entwickelt hat, die so
menschenähnlich ist.“
„Ich bin dir auch keine Rechenschaft schuldig“, erklärte sie hochmütig und
winkte dem Barkeeper, um zu bezahlen.
Trevor behielt sein Grinsen bei und ließ sie nicht aus den Augen, als sie hastig
bezahlte und dann aus dem Casino stürzte. Schade, sie hat bestimmt Feuer, wenn
man es schafft, den Eispanzer zu durchbrechen…
Dann bestellte er sich ein weiteres Bier. Sein Verlangen, jemanden den Verstand
aus dem Kopf zu vögeln, war verschwunden. Und jetzt, nachdem die hochnäsige
Kolonistin gegangen war, brach sein eigenes Leben wieder auf ihn ein und er
sagte sich, dass es einfacher wäre, den Kummer in Alkohol zu ertränken.
*************
Ailia zitterte noch immer vor Wut, als sie das Casino verließ, und die frische
Luft der Klimaanlage ihre Lungen traf. Kolonistin!
Sie war Ailia el Tek’aro, Lucyani von Avalon. Dieser dumme eingebildete Terraner
wusste nicht einmal, was das bedeutete, sonst hätte er schon auf den Titel
Lucyani reagiert.
Seufzend fuhr sie sich über die Augen. Sie hatte geahnt, dass es schwer werden
würde. Doch niemand außer ihr hatte sich bereit gefunden, diese Aufgabe zu
übernehmen. Und deshalb war sie es gewesen, die zur terranischen Station auf dem
Planeten Avalon aufgebrochen war, um den dortigen Kommandanten um Hilfe zu
bitten.
Sie hätte ahnen sollen, dass es ein Fehlschlag werden würde. Der Kommandant
Markus Thiel hatte ihr erklärt, dass er keinen normalen Menschen in das
verrückte Cya-Gebiet senden würde. Das war Aufgabe der Lucyani.
Ailia standen Tränen in den Augen, als sie ihm erklärte, dass sie die einzige
ausgebildete verfügbare Lucyani war, weil der Rest sich im Cya-Gebiet befand und
in Lebensgefahr schwebte. Sie hatte Hoffnung in die Technik der Terraner
gesteckt. Und hätte ahnen müssen, dass deren Technik unter dem Einfluss des Cya
genau so versagte wie die wenigen technischen Dinge, die Avalon in den
eintausend
Jahren, seit der terranische Explorer hier abgestürzt war, entwickelt hatte.
Thiel hatte Ailia weiterhin erklärt, dass es unter Terranern ebensolche Mutanten
gab wie sie es war und sie mit einem Raumschiff zur nächsten Raumstation
geschickt.
Ailia hatte keine Ahnung, was Mutanten waren, aber sie hatte nach diesem
Strohhalm gegriffen, obwohl ihr der Gedanke, ihre Welt zu verlassen, Panik
einflößte.
NEMESIS FIVE war jetzt die fünfte Raumstation, die sie aufsuchte, und Ailia
schockierten nicht einmal mehr die anzüglichen Blicke, die ihr die Terraner
zuwarfen. Schließlich konnte niemand wissen, dass eine Lucyani, obwohl sie eine
der am höchsten geachtetsten Personen Avalons war, auch zu den Einsamsten zählte.
Niemand fragte nach ihrem Namen. Niemand nach ihren Sorgen und Problemen, außer
vielleicht die einzelnen anderen Lucyani, mit denen sie jedoch wenig Kontakt
hatte, da sie über den ganzen Planeten verteilt lebten. Jeder, der sie sah, sah
eine Lucyani.
Sie versuchte, auf den Raumstationen nicht all zu sehr aufzufallen, was sich als
sehr schwierig herausstellte, da sie, wie sie den Gedanken der Terraner
entnehmen konnte, einfach toll aussah. Sie hatte nie Wert auf ihr Äußeres
gelegt. Genau so wenig, wie sie es gewöhnt war, einfach belanglose Gespräche zu
führen. Auf Avalon verlangte niemand etwas derartiges. Sie war eine Lucyani.
Seufzend schloss sie die Tür ihres Hotelzimmers. Mit einem unguten Gefühl
erinnerte sie sich an den ersten Tag auf einer Raumstation und wie dumm sie sich
angestellt hatte, als sie das Hotelzimmer betreten hatte. Sie benötigte einen
gesamten Tag, um herauszufinden, wie sich die Türen öffneten, wie die
Wasserhähne bedient wurden und wie man Essen bestellte.
Sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, jemanden danach zu fragen.
Nachdem sie geduscht hatte – eine der schönsten Erfindungen terranischer Technik
– legte sie sich ins Bett und versuchte zu schlafen. Morgen würde sie mit
Captain Delaron sprechen, dem hiesigen Stationskommandanten. Doch ihre Hoffnung
auf einen Erfolg war schon sehr weit gesunken.
Das einzige, was sie noch vorwärts trieb, war der Gedanke an die Lucyani, die in
Lebensgefahr schwebten. Und die ohne ihre Hilfe sterben würden.
*********
Trevor erwachte mit stechenden Kopfschmerzen. Stöhnend quälte er sich aus dem
Bett und stellte erschrocken fest, dass da fremde Sachen auf seinem Fußboden
lagen.
Shit.
Er hörte das Geräusch der Dusche und suchte krampfhaft in seinem Kopf nach einer
Erinnerung an den Rest der gestrigen Nacht. Doch alles, an was er sich noch
entsinnen konnte, war das Gespräch mit dieser Lucy.
Eine blonde junge Frau mit großen unschuldigen blauen Augen - überhaupt nicht
sein Typ - kam aus der Dusche und lächelte ihn schüchtern an. „Ich bin gleich
weg. Wollte dich nicht wecken.“
„Kein Problem... ähm...?“
„Anika“, half sie ihm.
„Ja. Anika. Lass dir Zeit“, meinte er nur, und wollte im Bad verschwinden.
„Trevor?“, erkundigte sie sich leise.
Er drehte sich noch einmal um und hob fragend die Augenbrauen.
„Du sagtest gestern, es wäre eine Nacht...“
Hatte er? Sehr gut.
„Daran hat sich jetzt nichts geändert, oder?“
Zum Glück verhinderten seine Kopfschmerzen, dass er sich ernsthaft damit
beschäftigte, ihre Gedanken zu lesen. „Nein.“
„Okay.“ Sie lächelte zwar traurig, drehte sich dann jedoch um und begann, ihre
Sachen einzusammeln.
Trevor verschwand im Bad und fragte sich, wie zum Teufel er an diese Frau
gekommen war.
Als er unter der Dusche wieder hervor kam, war sie weg und nichts in seiner
Kabine erinnerte daran, dass sie überhaupt da gewesen war. Sein Schädel brummte
noch immer und er schwor sich, niemals wieder Alkohol anzurühren. Und grinste im
gleichen Atemzug über diesen irrsinnigen Gedanken.
Sein Memo blinkte und er knurrte gereizt, als er sah, dass es von Delaron war.
Heute war sein freier Tag. Oder besser gesagt, er hatte sich heute einen freien
Tag genommen. Nach dem, was gestern passiert war, stand es ihm zu.
Noch immer missmutig öffnete er das Memo und fluchte lauthals, als er las, dass
Delaron ihn sehen wolle. Sofort.
Da ihm noch nicht nach Essen zumute war, zog er sich nur an, verfluchte noch
einmal seinen brummenden Schädel und machte sich auf den Weg.
**********
Delaron hörte sich schweigend Ailias Bericht an.
Nachdem ihm die junge Frau angekündigt worden war, hatte er sich zum ersten Mal
mit dem Planeten Avalon und seiner Geschichte befasst. Vor
neunhundertfünfundneunzig terranischen
Jahren landete ein Explorer mit siedlungsbereiten Menschen auf dem Planeten, der
regelrecht dazu einlud.
Angenehme Temperaturen, kein eigenes intelligentes Leben, eine reiche Tier- und
Pflanzenwelt. Erst im Laufe der Jahre stellte man fest, dass der Planet die
Menschen veränderte und dann war es zu spät. Das Raumschiff war ausgeschlachtet,
ein Start somit nicht mehr möglich und die Menschen gezwungen, sich mit dem
Planeten auseinander zu setzen.
Delaron wusste anhand der terranischen Unterlagen nicht genau, was passiert war.
In den Arsenalen war nur vermerkt, dass der Kontakt zu dieser weit entfernten
Kolonie nach fünfzehn Jahren vollständig abbrach und man bis vor zehn Jahren, als ein
zufällig vorbei kommender Patroullienraumer den Planeten entdeckte, nie wieder
etwas von diesen Menschen gehört hatte.
Was die junge Frau, die sich selbst als eine Lucyani bezeichnete, jetzt
erzählte, klang einfach nur phantastisch und er wusste nicht recht, was er davon
halten sollte. Terra hatte mit Zustimmung der Avalonier einen Stützpunkt auf der
Welt errichtet und begonnen, Handelsbeziehungen aufzubauen.
Delaron wusste auch, dass der Dienst auf dem Planeten nicht unbedingt zu den
Beliebtesten zählte, weil es immer wieder zu unerklärbaren planetaren Phänomenen
kam, die laut der jungen Frau, auf das natürliche Vorhandensein des Cya, seiner
Meinung nach einer Art paranormaler Energie, zurückzuführen waren.
Was allerdings nicht zu übersehen war, war die Angst der jungen Dame um das
Leben einiger ihrer Artgenossen, das sie ohne fremde Hilfe nicht retten konnte.
Delaron überlegte und kam zu dem Schluss, dass ihr unmöglich normale Menschen
helfen konnten. Diese weigerten sich sogar strikt, den terranischen Stützpunkt
zu verlassen und würden wahrscheinlich selbst einen Einsatz auf dem Planeten
ablehnen.
Ailia hatte geendet und sah den terranischen Kommandanten fragend an. Es verbot
sich von selbst, in seinen Gedanken nach der Antwort auf ihre Frage zu suchen.
Das war der erste Kodex, den eine Lucyani lernte.
Respektiere die Privatsphäre von Nichtauserwählten.
„Ich weiß nicht“, begann Delaron zögernd, „ob Ihnen irgendein Mensch helfen
kann.“
Ihre Hoffnung sank ins Bodenlose und sie versuchte, die Tränen zurück zu halten.
„Ich denke, die einzige Chance besteht, einen Mutanten zu finden, der den Mut
besitzt, den Planeten zu betreten.“
„Ein Mutant?“, erkundigte sie sich.
„Nun ja. Jemanden mit Ihren Fähigkeiten. Jemanden, der es gewöhnt ist, mit Ihrem
– wie nennen Sie es Cya? – umzugehen.“
„Ein Mensch?“ Ailia klang fassungslos.
„Ich habe nur einen Mutanten hier an Bord“, fuhr Delaron fort. „Er ist
sicherlich nicht gerade die netteste Person, aber wenn es darum geht, in
gefährlichen Situationen einzuspringen, ist er der Beste. Außerdem gehört er zu
meinen ausgebildeten Sicherheitskräften. Er kann mit jeder Waffe umgehen und
alles fliegen, was man ihm vor die Nase setzt.“
Ailia seufzte. Es war alles sinnlos. Sie benötigte keinen einzelnen Menschen.
Sie brauchte eine ganze Gruppe, die es wagte, sie in das Gebiet des ungezügelten
Cya zu begleiten. Um darauf hoffen zu können, dass es wenigstens ein Teil von
ihnen bis zum Portal schaffte, an dem sich die anderen Lucyani befanden, als das
Cya ihrer Kontrolle entglitt.
Ailia verstand bis heute nicht, warum die Lucyani etwas Derartiges in Angriff
genommen hatten. Das Cya war nicht zu bändigen oder zu töten. Man konnte es in
gewissen Grenzen halten. Mit ihm leben. Mehr nicht. Das irrsinnige Vorhaben war
von vorn herein zum Scheitern verurteilt...
Die Tür öffnete sich und Ailia entfuhr ein leiser Aufschrei, als sie den Mann
erkannte.
„Er?“, fragte sie Delaron entsetzt.
„Hallo, Lucy.“ Trevor grinste lässig und ließ sich in den Stuhl neben Delaron
fallen.
„Sie kennen sich?“, fragte Delaron verblüfft.
„Nein“, wiegelte Ailia unbehaglich ab.
„Wir sind uns gestern Nacht über den Weg gelaufen“, erklärte Trevor unverblümt
und beugte sich zu Ailia. „Wie ist denn nun dein richtiger Name?“
„Trevor!“, fuhr ihn Delaron an, als er bemerkte, wie blass Ailia geworden war.
„Das ist Ailia el Tek’aro, Lucyani von Avalon. Versuchen Sie sich bitte
kurzfristig an etwas zu erinnern, das man gutes Benehmen nennt!“
„Ich hatte so was noch nie. Lucyani? Ist das ein Adelstitel? Bist du deshalb so
hochmütig?“
„Trevor!“, donnerte Delaron. „Es reicht!“ Dann sah er Ailia an, die sich wieder
gefangen hatte und Trevor mit eisiger Miene musterte.
„Es ist kein Problem“, sagte diese nur. „Ich glaube auch nicht, dass ich das,
was Sie anbieten, annehmen kann. Es würde nicht reichen.“
„Er ist ein exzellenter Mutant, Ailia.“
„Könnte mich mal jemand aufklären?“, fragte Trevor dazwischen.
„Sie halten jetzt einfach den Mund.“ Delaron funkelte ihn wütend an.
Ailias Blick wanderte wieder zu Trevor, der sie unverschämt musterte. Irgendeine
Begabung musste er haben, denn sie empfing von ihm keine mentalen Impulse.
Unbewusst wechselte sie in die Cya-Sicht und fuhr zusammen. Das Cya umgab ihn in
einer Art und Weise, wie sie es außer bei den höchst begabtesten Lucyani noch
nirgendwo gesehen hatte.
Trevors Mund blieb offen stehen, als er bemerkte, dass sich ihre Augen in einen
Goldton verfärbten. Es sah gespenstig aus und mit dieser Farbe schien sie noch
unwirklicher und unnahbarer als vorher.
Delaron bemerkte gar nichts, außer, dass sich die beiden plötzlich einfach nur
anstarrten.
Ailias Augen nahmen wieder die gewohnte, fast schwarze Farbe an. Trevors Gesicht
war genau so blass wie ihr eigenes und sie versuchte krampfhaft, ihr rasendes
Herz zu beruhigen. Was für eine Macht! Ob er es wusste?
„Ich will jetzt wissen, was hier abgeht“, sagte der Terraner scharf.
Delaron begann zu erklären und Ailia warf ab und zu eine weitere Erläuterung
ein. Trevor hörte still zu. Hin und wieder traf sein nachdenklicher Blick die
Lucyani, um dann wieder zu Delaron zu wandern. Als dieser geendet hatte, lehnte
sich Trevor zurück und verschränkte die Arme.
„Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ich soll nach Avalon fliegen? Um den
Haufen Priester zu retten, der irgendein parapsychisches Experiment durchgeführt
hat, und die Kontrolle darüber verloren hat?“
„Ja“, sagte Delaron.
Ailia seufzte. So konnte man es auch ausdrücken.
Trevor beugte sich wieder zu ihr. „Wo ist das Problem? Wieso macht ihr das nicht
allein?“
Sie hielt dem Blick seiner spöttisch funkelnden grauen Augen stand. „Kein
Avalonier kann das Gebiet des ungezügelten Cya betreten. Terraner halten dem
Druck eine gewisse Zeit stand.“
„Was ist dieses Cya?“
Ailia sah Delaron fragend an.
Doch der zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Irgendeine Art parapsychischer
Energie. Ich kommandiere Sie ab, Trevor, damit Sie den Fall untersuchen und
gegebenenfalls weitere Hilfsmittel anfordern. Ich denke, dies ist eine spezielle
Aufgabe für einen Mutanten.“
„Einer allein ist zuwenig“, mischte sich die Lucyani leise ein.
Trevor verzog den Mund. „Du bekommst keinen andern, Lucy. Entweder mich oder
niemanden.“
Ailia seufzte wieder. Wenn nicht das Leben mehrerer Lucyani daran hängen würde,
hätte sie sich umgedreht und diesen arroganten Terraner sich selbst überlassen.
So blieb ihr keine andere Wahl. Nicht, nachdem sie die Macht gesehen hatte, die
ihn umgab. Und schließlich war da der zweite Kodex der Lucyani: Beherrsche deine
Gefühle. Sie könnten andere verletzen. Und dieser Satz war wortwörtlich gemeint.
Ailia hatte es in jungen Jahren schmerzhaft lernen müssen.
Mit eisernem Willen bezwang sie ihre Ablehnung und ihren Zorn, setzte ihr
gleichgültiges Gesicht auf und fragte kühl: „Wann können wir fliegen?“
*************
Zwei Tage später war sie mit ihren Nerven am Ende und nur die harte Erziehung,
durch die jede Lucyani gehen musste, verhinderte, dass sie den Terraner
anschrie.
Das kleine Kurierschiff, mit dem Delaron sie zurück nach Avalon schickte, ließ
ihr keine Möglichkeit, ihm aus dem Weg zugehen, es sei denn, sie schloss sich
den ganzen Tag in ihrer winzigen Kabine ein. Das war selbst für sie
unerträglich, obwohl sie es gewohnt war, eine gewisse Zeit ohne jeden Luxus
auszukommen und allein zu sein. Doch die Enge bedrückte sie, da sie bisher nur
das weite Land Avalons gewöhnt war.
Sobald sie die schützende Kabine verließ, ging ihr der Terraner auf die Nerven.
Er hatte einige Stunden damit verbracht, sich mit der Geschichte Avalons zu
befassen und dann begonnen, sie mit Fragen zu bombardieren.
Ailia war es nicht gewöhnt, so viel zu reden oder überhaupt Gespräche zu führen.
Sein Mund schien nicht still zu stehen. Sie hatte versucht, ihm zu erklären,
dass es unhöflich wäre, jemandem ein Gespräch aufzudrängen, der das nicht
wollte. Er hatte gelacht, wieder dieses spöttische Grinsen aufgesetzt und
gefragt, ob sie verheiratet wäre.
Ailia sagte sich immer wieder, sie tat es für ihr Volk. Sie tat es, um das Leben
der Lucyani zu retten und redete sich ein, dass sie sich schon in schlimmeren
Situationen befunden hatte.
Sie gab sich Mühe, höflich zu sein und ihm zu erklären, was ihn auf Avalon
erwartete. Als er dann jedoch fast Tränen lachte, nachdem sie ihm sagte, nicht
jeder Mensch auf Avalon hätte soviel Geduld und Verständnis für sein Benehmen
wie sie, war sie aufgesprungen und aus dem Raum gestürzt.
In ihrer sicheren Kabine schlug sie die Hände vor das Gesicht und fragte sich
verzweifelt, wie sie es schaffen sollte. Sie strich sich über die Augen, während
sie mit den Tränen kämpfte, die noch nie ein anderer Mensch gesehen hatte und
die sie gewiss einem Terraner nicht zeigen würde.
Sie war an Achtung gewöhnt, an Respekt und auch an eine gewisse Scheu. Aber
nicht an diese Unverschämtheit.
Es dauerte zwei Stunden, ehe sie sich wieder soweit unter Kontrolle hatte, um
die Kabine zu verlassen.
Der Terraner grinste sie fast versöhnlich an. „Wo warst du, Lucy? Ich habe dich
schon fast vermisst.“
Das war auch etwas, was ihr an den Nerven zehrte. Bestimmt hundert Mal hatte sie
versucht zu erklären, ihr Name wäre Ailia, aber er könne sie auch mit Lucyani
anreden. Sie würde sich nicht dazu herablassen, ihn noch einmal darauf
hinzuweisen.
„Weißt du, was ich nicht verstanden habe?“, nahm er das Gespräch von vor zwei
Stunden wieder auf.
„Nein, aber ich nehme an, du wirst es mir gleich sagen.“ Sie hatte anfangs
überlegt, ob sie seine Unverschämtheit, sie zu duzen, ignorieren sollte und ihn
in der höflichen Anrede Avalons ansprechen sollte. Im Nachhinein war sie froh,
es nicht getan zu haben, weil sie sich sicher war, es hätte einen erneuten
Heiterkeitsausbruch seinerseits zur Folge gehabt. Es schien ihm unheimlichen
Spaß zu machen zu versuchen, sie aus der Reserve zu locken.
„Ihr Lucyani seid so eine Art Priester und werdet geholt, wenn es irgendwelche
parapsychischen Phänomene gibt, mit denen niemand anders klar kommt...“
„Ja?“
„Wieso, zum Teufel, wagt eine Gruppe solch ein Experiment und bringt damit so
gut wie alle auf Avalon existierenden Lucyani in Gefahr?“
Ich hasse es, wenn er flucht! „Ich weiß es nicht“, sagte sie leise.
„Was – du weißt es nicht?“ Er klang konsterniert.
„Ich weiß weder, was sie getan haben, noch warum. Ich kenne nur die
Auswirkungen.“
„Ihr redet wohl nicht viel miteinander?“, erkundigte er sich sarkastisch. „Und
ich habe angenommen, du hegst nur eine persönliche Abneigung gegen mich.“
„Ich hege gegen niemanden eine persönliche Abneigung“, erklärte sie würdevoll.
„Nicht einmal gegen dich. Ich bin gut genug erzogen, um über gewissen
Verhaltensweisen hinwegzusehen und ich weiß, dass nicht jeder diese
Selbstdisziplin besitzt.“
Trevor starrte sie an wie einen Geist. Sie ist wirklich ein kleines hochmütiges
... Dann grinste er amüsiert. Das würde ein lustiger Auftrag werden, wenn er
diese Lucyani immer an seiner Seite hatte.
„Wie viele Lucyani gibt es auf Avalon?“, begann er wieder einmal den Versuch
einer Unterhaltung, obwohl er sah, dass sie ein Buch mit aus ihrer Kabine
gebracht hatte und lesen wollte.
Sie hob kurz den Blick aus dem Buch. „In jedem Jahr werden ein oder zwei
Personen geboren, die diese Fähigkeiten aufweisen. Im Moment existieren
zweiundzwanzig Lucyani, die die Prüfung abgelegt haben.“
„Und einundzwanzig führen das Experiment durch?“
„Nein“, knirschte sie, weil er schon wieder so spöttisch klang. „Fünf Personen
sind an Gegenden Avalons tätig, die sie nicht verlassen können, um die dort
lebenden Menschen nicht in Gefahr zu bringen.“
„Warum hast du an dem Experiment nicht teil genommen?“, bohrte er weiter.
„Ich habe mich auf all unseren Zusammenkünften dagegen ausgesprochen. Deshalb
hat mich niemand über das Stattfinden des Experiments informiert.“
Ich kann mir schon vorstellen, wie du das getan hast, ging es Trevor durch den
Kopf. Sie hatte ihr Gesicht wieder dem Buch zugewandt und las, ohne ihn weiter
zu beachten.
Es war recht neu für ihn, dass ihn eine Frau derart ignorierte. Es war eher
immer so gewesen, dass er gezwungen war, sich Frauen mit seinen verletzenden und
sarkastischen Bemerkungen vom Hals zu halten. Als Telepath durfte man einfach
nicht zuviel Nähe zulassen. Aber eine einfache Unterhaltung sollte schon möglich
sein.
„Über welche Fähigkeiten verfügst du?“, störte er sie wieder.
Ailias Kopf fuhr hoch und zum ersten Mal sah er ein zorniges Funkeln in ihren
Augen, das jedoch schnell erlosch, als sie sich wieder unter Kontrolle hatte.
„Ich würde gern dieses Buch lesen.“ Sie versuchte, ruhig zu klingen, doch er
hörte das unterdrückte Zittern ihrer Stimme.
„Du unterhältst dich nicht oft, oder?“
„Nein, und ich weiß auch, warum“, entgegnete sie noch immer höflich.
„Also? Was sind es für Fähigkeiten?“, nervte er weiter.
Ailia atmete tief durch. Sie würde mehr damit zu tun haben, ihre Emotionen unter
Kontrolle zu halten als gegen das Cya zu kämpfen. „Ich sehe, manipuliere und
forme das Cya.“
„Ich kann mir darunter gar nichts vorstellen“, erklärte er einfach.
„Das ist zum Glück nicht mein Problem“, presste Ailia hervor, beschloss, dass es
jetzt reichte und senkte ihre Augen in das Buch. Kein einziger Avalonier würde
die Unverschämtheit besitzen und eine Lucyani derart mit Fragen belästigen.
Ihn interessierte das überhaupt nicht. „Also ich bin ein Telepath, Telekinet und
Teleporter“, redete er weiter und fixierte ihr Buch.
Ailia starrte fassungslos auf ihre Hände, als eine unsichtbare Kraft ihr das
Buch aus den Fingern zog und es dann selbständig auf den Tisch zu schwebte. Sie
schloss einen Moment die Augen, als der Wunsch, ihm die geballte Ladung ihrer
Kraft ins Gesicht zu schleudern, übermächtig wurde. Als sie den Kopf hob,
leuchteten ihre Augen wieder golden. Das Cya, das ihn umgab flimmerte grell und
umfing jetzt ihr Buch. Mit einem kurzen Gedankenbefehl griff sie in das Cya ein
und wischte es von dem Buch. Mit einem Knall landete dieses auf der Tischplatte.
„Das ist fantastisch“, murmelte der Terraner fasziniert. „Wie sich deine
Augenfarbe verändert. Warum geschieht das?“
„Ich *sehe* das Cya“, stieß sie hervor und riss das Buch wieder an sich, während
es in ihrem Kopf noch immer tobte. „Du musst es schließlich auch sehen, wenn du
es manipulierst!“
„Ich manipuliere es?“, fragte er erstaunt.
Und Ailia beschloss, dass die Enge ihrer Kabine besser zu ertragen war als seine
Gegenwart. Ohne ein weiteres Wort sprang sie auf und stürzte aus dem Raum.
Es waren die schlimmsten sieben Tage ihres Lebens. Ailia stand mehr als einmal
kurz vor einem Nervenzusammenbruch und wünschte sich verzweifelt, ihre ganze Wut
hinaus schreien zu können. Sie erwischte sich sogar einmal dabei, dass sie sich
vorstellte, wie sie dem Terraner ins Gesicht schlug. Natürlich war sie danach
entsetzt über sich selbst und schämte sich fürchterlich über diesen
Gefühlsausbruch, von dem er gar nichts mitbekam, weil er nur in ihrem Kopf
stattfand.
Er hatte sie nur wieder mit diesem Grinsen angesehen und gemeint, sie würde
sicherlich platzen, wenn sie nicht endlich loswerden würde, was sie
beschäftigte.
Ailia wünschte sich nichts sehnlicher, als das zu tun, doch sie würde sich
niemals *niemals* zu einem derartigen Gefühlsausbruch hinreißen lassen. Sie
würde sich selbst nicht mehr in die Augen sehen können.
Jetzt allerdings war sie mehr als froh, die vertrauten Farben Avalons auf dem
Bildschirm zu sehen und wusste, dass sie zu Hause war. In ihrer gewohnten
Umgebung war es sicherlich sehr viel leichter, den Terraner zu ertragen.
„Was werden wir als erstes tun?“, erkundigte er sich, als er ihr mit seinem
Gepäck durch die terranische Station folgte.
„Wir werden meine Burg aufsuchen und alle Sachen zusammenstellen, die wir
benötigen, wenn wir in das Cya-Gebiet reisen wollen.“
„Deine Burg?“
Musste er denn wirklich alles hinterfragen? Sie blieb stehen und sah ihn genervt
an. Und stellte zum ersten Mal fest, dass sie zu ihm aufsehen musste, da er fast
einen Kopf größer war als sie. „Was ist an ‚meiner Burg‘ so schwer zu
verstehen?“
„Eine richtige Burg? Wie ein Schloss?“ fragte er neugierig. „Wie kommen wir da
hin?“
„Es ist eine Fünf-Tage-Reise mit der Kutsche.“
Trevor hob eine Augenbraue. „Habe ich schon erwähnt, dass ich Teleporter bin?“
Ailia starrte ihn eine Weile an, ehe sie widerstrebend zugab. „Ich weiß nicht,
was das ist.“
Im gleichen Moment machte es ‚Plop‘ und er war verschwunden. Sie fuhr herum, als
sie seine Stimme hinter sich hörte. „Teleporter. Verstehst du, Lucy?“ Und das
erste Mal sah er so etwas wie Interesse in ihren dunklen Augen, die sich im
gleichen Augenblick wieder verfärbten.
„Mach das noch mal“, flüsterte sie fasziniert.
Trevor grinste und teleportierte wieder fünf Meter. Selbst die goldenen Augen
konnten nicht verbergen, dass es sie fesselt. „Also Lucy“, kicherte er. „Ich
teleportiere gern noch ein bisschen durch die Gegend, wenn das den eisigen
Ausdruck auf deinem Gesicht vertreibt.“
Es war, als hätte man ihr einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen. Das
goldene Leuchten erlosch schlagartig und sie starrte ihn an als hätte er ein
Verbrechen begangen. Er runzelte die Stirn, weil er nicht vorgehabt hatte, sie
zu verletzen.
„Ich“, begann er zögernd, „kann dich mitnehmen auf einer Teleportation.“
„Du greifst massiv in das Cya ein. Wahrscheinlich wird es in den Gebieten mit
hoher Cya-Konzentration nicht mehr funktionieren.“ Ihre Stimme klang wie Eis.
„Ich denke, wir sind besser aufgehoben, wenn wir die Kutsche nehmen.“
Trevor versperrte ihr den Weg. „Komm schon, Lucy. Ich weiß jetzt zwar nicht,
womit ich dich wieder beleidigt habe, aber es tut mir leid. Lass uns den
kürzesten Weg nehmen. Für deine Leute zählt vielleicht jeder Tag.“
Ailia bremste gerade noch rechtzeitig und verhinderte damit, gegen ihn zu
laufen. Er wäre nicht ausgewichen, dachte sie fassungslos. Dann sah sie, wie er
ihr auffordernd die Hand hinstreckte.
Er glaubt doch nicht wirklich, dass ich ihn berühre, oder?, ging es ihr
durch den Kopf. Plötzlich bekam sie
Angst.
„Was ist jetzt, Lucy?“, erkundigte er sich fast freundlich. „Du musst mir schon
deine Hand geben, wenn ich dich auf einer Teleportation mitnehmen soll.“
Um gar keinen Preis der Welt. Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ich nehme die
Kutsche.“
„Was?“, fragte er schwach und eine dumpfe Ahnung stieg in ihm auf, als er die
Angst in ihren Augen sah.
„K-Kutsche“, stotterte sie und kämpfte um ihre Fassung, während sie wie
hypnotisiert seine Hand anstarrte. „Ich nehme die Kutsche.“
„Lucy“, sagte er langsam. „Sag bitte, dass das eine spezielle Abneigung gegen
mich ist.“
„W-Was?“ Sie wich langsam zurück, als er einen Schritt auf sie zukam.
„Wo ist deine Burg? Welche Richtung?“
„Nördlich von hier. Das ganze Leben spielt sich an den Polen ab, da die
Äquatorgegenden das Cya beherrscht.“
Trevor sondierte kurz mental das Gebiet und stellte fest, dass er nicht auf den
ganzen Planeten zugreifen konnte, so wie das auf Terra der Fall war. Aber im
Norden war es bedeutend einfacher. „Da sind mehrere...“, meinte er, als er die
Augen wieder öffnete.
Und dann tat er etwas, womit Ailia nicht gerechnet hatte. Er schnappte ihre
Hand, ihr Gepäck und ehe sie den Schock überwunden hatte, wechselte die Umgebung
und sie stand mitten im Wald.
„Ist es diese Burg?“
Ailia war kreidebleich. Sie schnappte nach Luft wie ein Fisch im Trocknen und
brachte keinen Ton heraus. In dieser eigenartigen Starre, die sie befallen
hatte, registrierte sie nicht einmal, dass er noch immer ihre Hand hielt.
„Ailia! Ist es die richtige Burg?“, fragte er scharf und die Benutzung ihres
Namens löste einen Teil des Schocks.
„Nein“, hauchte sie.
Wieder wechselte die Umgebung und anders als beim ersten Mal spürte sie ein
leichtes Ziehen im Kopf, als sie wieder materialisierten. Und die Erleichterung
überflutete sie in dem Maß, dass sie zusammen gesunken wäre, wenn ihr Wille sie
nicht gezwungen hätte, dem Terraner keine Schwäche zu zeigen.
„Richtig?“
Sie nickte, riss ihre Hand aus seinem Griff und taumelte rückwärts. Ihr war so
übel, wie noch nie in ihrem Leben und sie kämpfte verzweifelt darum, ihr
rasendes Herz zu beruhigen.
Wie kann er es wagen?! Wie kann er es wagen, eine Lucyani zu berühren?!
Trevor betrachtete sie fassungslos und hoffte, sie würde nicht ohnmächtig
werden. Sie war weiß wie eine Wand, kämpfte offenbar um ihre Beherrschung und er
hatte keine Ahnung, was es war, das sie so weit gebracht hatte, sie zu
verlieren.
„Na dann. Gehen wir.“ Er versuchte, munter zu klingen, bückte sich nach dem
Gepäck und warf es sich über die Schulter. „Komm, Lucy. Oder freust du dich
nicht, zu Hause zu sein?“
Es half nicht sonderlich viel, aber sie schaffte es zumindest, die beginnende
Ohnmacht abzuschütteln und hinter ihm den Pfad zur Burg hinauf zu stolpern.
Eine Viertelstunde später standen sie auf dem Burghof, der Trevor an die alten
Filme Terras erinnerte und er sah verblüfft, wie die Bediensteten Ailia
begrüßten.
Eine ältere Frau, die wahrscheinlich die Haushälterin war, stürzte aus der Burg
und Trevor konnte die Freude und die Erleichterung über Ailias Erscheinen
regelrecht spüren, obwohl er sich zwang, nicht in die Köpfe dieser Menschen
hinein zu sehen. Er rechnete eigentlich damit, dass die Frau Ailia um den Hals
fiel, doch sie stoppte vor ihr, noch immer diese strahlende Freude im Gesicht,
und sank auf die Knie.
„Lucyani“, sagte sie leise. „Willkommen daheim.“
Ailia lächelte müde und bedeutete der Frau aufzustehen. „Ich bin auch froh,
wieder zu Hause zu sein, Teresa. Wenn auch nicht für lange. Richte bitte ein
Zimmer für unseren Gast her.“
Teresa stand auf und schielte neugierig in Trevors Richtung.
„Das ist Trevor O’Delta von Terra“, stellte Ailia ihn vor.
Teresa nickte grüßend in seine Richtung. „Habt Ihr schon gegessen, Lucyani?“
„Nein. Ich habe auch keinen Hunger“, sagte Ailia und wollte nur noch in ihr
Bett. „Bitte sorge dafür, dass unser Gast verpflegt wird.“ Ohne ein weiteres
Wort, ging sie an der Frau vorbei und betrat die Burg.
Trevor schüttelte verständnislos den Kopf. Doch ehe ihm ein unbedachtes Wort
entschlüpfen konnte, strahlte ihn Teresa an. „Folgt mir, Lagan. Ich hoffe,
wenigstens Ihr habt ordentlichen Hunger mitgebracht.“
Trevor erinnerte sich, gelesen zu haben, dass Lagan soviel wie Herr bedeutete.
„Nennen Sie mich Trevor, Teresa“, sagte er nur. „Und ich *habe* einen
Bärenhunger.“
****************
Als Ailia am nächsten Morgen den Speisesaal betrat, war sie überrascht,
Gelächter zu hören. Es verstummte abrupt, als sie den Raum betrat und sie
runzelte die Stirn, als sie die hochroten Wangen der jungen Magd Emelie, die das
Frühstück servierte, sah und beobachtete, wie noch ein letzter Blick den
grinsenden Terraner traf, bevor sie aus dem Raum stürmte.
„Morgen, Lucy“, begrüßte Trevor sie gut gelaunt. „Ich hoffe, ich habe es richtig
gemacht, indem ich bestellte, was ich wollte. Das ist ja wirklich eine
beachtliche Auswahl, die du hier hast.“
Teresa erschien am Tisch und fragte leise. „Was möchtet Ihr essen, Lucyani?“
„Tee und Brot, Teresa. Danke.“ Schweigend sah sie zu, wie Teresa ihre Tasse
füllte und versuchte zu ignorieren, dass der Terraner sie anstarrte.
Umso erschrockener war sie, als Teresa Trevor kurz vor den Kopf stieß als würde
sie ihrem Sohn eine Klaps geben. „Hör auf, die Lucyani anzustarren!“, schimpfte
sie und Ailias Mund blieb fast offen stehen.
Trevor zuckte mit den Schultern. „Wir hatten gestern noch viel Zeit, uns zu
unterhalten. Und jetzt ist sie der Meinung, sie müsste mir beibringen, mich
nicht mehr wie ein Terraner, sondern wie ein Avalonier zu benehmen.“ Er grinste
schief.
Ailia dankte im Stillen Teresa. Wenn sie auch noch nie bemerkt hatte, dass ihre
Haushälterin, die sie manchmal wie ihre Tochter behandelte, jemanden so schnell
in ihr Herz schloss. Aber wahrscheinlich konnte Trevor, wenn er wollte, auch
recht nett sein. Nur ihr gegenüber nicht.
„Sie wird nicht viel Zeit dazu haben. Wir werden Morgen früh weiter reisen.“
Er grinste sie schon wieder so schelmisch an. „Werden wir teleportieren?“
Noch einmal würde sie das nicht überleben. „Nein.“ Sie nippte an ihrem Tee. „Wir
werden Pferde nehmen.“
„Lucy, du weißt, dass das Schwachsinn ist, ja? Wir verschwenden Zeit.“
Sie wurden wieder unterbrochen, weil diesmal von der jungen Magd das Brot
gebracht wurde, das Ailia bestellt hatte. „Lucyani“, sagte sie mit einem Knicks
und lächelte Trevor an.
Dieser lächelte zurück und Ailia bekam den zweiten Schock an diesem Morgen, weil
das Lächeln sein Gesicht komplett veränderte. Natürlich hatte sie festgestellt,
dass der Terraner gut aussah: markant geschnittenes, glatt rasiertes Gesicht,
dunkle etwas wirr auf seinem Kopf herum stehende Haare und graue, meist
spöttisch funkelnde Augen.
Ailia stellte so etwas nebenbei fest, weil es sie nicht berührte und nicht
interessiert. Als er allerdings jetzt die Magd anlächelte, verschwand der
spöttisch herablassende Ausdruck, mit dem er sie bedachte und er sah einfach
hinreißend aus.
Ailia schluckte mehrmals und musste sich gewaltsam zwingen, ihren Blick von ihm
abzuwenden. Nervös beschäftigte sie sich mit dem Brot und war froh, als die Magd
wieder das Zimmer verließ.
„Wo waren wir, Lucy?“, nahm er das Gespräch wieder auf. „Wie kann ich dich für
eine Teleportation begeistern?“
„Gar nicht“, murmelte sie in ihre Tasse.
„Ich kann die Pferde und das Gepäck zuerst wegschaffen, wenn es stimmt, dass
irgendwann die Teleportation nicht mehr funktioniert.“
„Natürlich stimmt es“, entgegnete Ailia kühl. „Warum sollte ich lügen?“ Und er
hatte Recht. Sie würden sehr viel Zeit sparen, wenn sie teleportieren würden.
Emelie würde sich bestimmt darum reißen, von ihm auf einer Teleportation
mitgenommen zu werden, ging es ihr durch den Kopf und sie erschrak über die
Bissigkeit ihrer eigenen Gedanken.
„Lucy?“ Er klang plötzlich sehr ernst. „Würdest du mir bitte sagen, warum du es
nicht willst?“
Ailia wich seinem Blick aus. Doch dann zwang sie ihren Kopf hoch und sah ihn
fest an. „Ich bin eine Lucyani. Mir wurde von Kindesbeinen an bei gebracht, dass
ich nicht zulassen darf, dass mich jemand berührt.“
Sein Kinn klappte nach unten. „Warum?“, fragte er fassungslos.
„Weil es gefährlich ist“, sagte sie leise. „Das Cya umgibt uns. Es durchdringt
unsere Welt und diejenigen, die es sehen und manipulieren können, dürfen die
Kontrolle über sich selbst nicht verlieren, weil es das Cya entarten lassen
kann.“
Trevor starrte sie an und ihm ging auf, dass das der Grund für ihre Kälte und
Gefühllosigkeit sein musste. Man hatte ihr von Kindesbeinen eingetrichtert,
jegliche Emotionen zu unterdrücken.
„Ich manipuliere das Cya auch“, brachte er hervor. „Ich hatte nie Probleme,
außer dem störenden Einfluss fremder Gedanken...“
„Bevor wir diesen Planeten betraten, herrschte hier das Cya. Es herrscht noch
immer, aber in den Bahnen, in denen wir es lenken. Das ist die Verantwortung,
die wir Lucyani tragen.“ Sie lächelte leicht. Zum ersten Mal, seit er sie
kannte. „Das ist unser Leben.“
Der Terraner fuhr sich durch die kurzen Haare und brachte sie, ohne es zu
registrieren, noch mehr durcheinander.
„Das ist kein Grund, nicht zu teleportieren“, erklärte er dann frei heraus.
„Davon, dass ich deine Hand anfasse, wirst du nicht so durchdrehen, dass du das
Cya durcheinander bringst… Wirst du nicht, oder?“, setzte er unsicher hinzu.
„Diese Regeln wurden nicht ohne Grund aufgestellt. Aber ich denke, in Anbetracht
unserer Situation sollte ich das Risiko eingehen.“ Sie fühlte Angst in sich
aufsteigen, trotz ihrer selbstsicheren Worte. Dann stand sie auf. „Ich werde
mich um die Reisevorbereitungen kümmern.“ Sie hatte sich gerade umgedreht, als
seine Stimme sie noch einmal stoppte.
„Lucy?“
Sie sah ihn fragend an.
„Wie wirkt es sich auf das Cya aus, wenn ich mich nicht so gut beherrschen kann
wie du?“
Ailia runzelte die Stirn.
„Ich bin für mein Temperament bekannt. Ich schimpfe, ich fluche, ich bin wütend,
ich bin … ähm … das lassen wir jetzt … Muss ich jetzt auch anfangen, so …“ Ihm
lag auf der Zunge: ein Eisklotz zu werden wie du, doch er beherrschte sich noch
rechtszeitig, „…zu werden wie du?“
„Ich weiß es nicht“, sagte sie leise. „Die Art und Weise, wie du das Cya
manipulierst, ist mir neu. Aber es ist durchaus möglich, dass Dinge passieren,
mit denen du nicht rechnest…“
„Toll“, murmelte er missmutig und trank seinen Kaffee aus. So hatte er sich
diesen Auftrag nicht vorgestellt.
************
Ailia stellte fest, dass der Terraner durchaus vernünftig und sachlich sein
konnte, wenn er wollte. Sie war sogar sehr erstaunt, natürlich, ohne es ihm zu
zeigen, als er mit ihr die Ställe betrat und sich sein Pferd selbst aussuchte.
Die Pferde Avalons ähnelten terranischen Pferden, sie waren jedoch grobknochiger
und mehr auf Zweckdienlichkeit als auf Schönheit gezüchtet. Im Gegensatz zu
terranischen Pferden besaßen sie eine Mähne, die den ganzen Hals bedeckte und
bei männlichen Tieren stärker ausgeprägt war als bei den weiblichen. Die breite
Stirn mit den großen wachen Augen zierten zwei kurze, stumpfe Hörner.
Ailia erklärte Trevor, dass diese Pferde für ihr Durchhaltevermögen, ihre
Trittsicherheit und ihre Einsatzbereitschaft bekannt waren. Er musterte die
Tiere fast fachkundig und sie fachsimpelten einen kurzen Moment über die
Unterschiede zu terranischen Pferden, dann wies er auf einen schwarzen Hengst.
„Kann ich den kriegen?“
Ailia nickte. Obwohl der Hengst nicht einmal für avalonische Verhältnisse als
schön zu bezeichnen war, war er eines der Tiere, das auch Ailia bevorzugte, wenn
sie sich den Luxus eines Ausrittes genehmigte. Er war nicht mehr jung und
deshalb erfahren genug, um auch in unsicherem Gelände nicht schreckhaft zu
reagieren. Er wies ein paar Schrammen auf, da er ebenso über Kampfgeist verfügte
und kaum einer Auseinandersetzung mit Rivalen aus dem Weg ging.
Dann holte sie ihr Reittier. Ebenfalls einen Hengst, da Stuten ängstlicher waren
und sie nicht wussten, was auf die Tiere zukam und einen Wallach als Packpferd.
Schweigend befestigten sie alles, was sie in den nächsten Wochen benötigen
würden, auf dem Wallach. Da es im Cya-Gebiet keine Städte oder andere
Ansiedlungen gab, waren sie auf sich allein gestellt.
„Wie sind die anderen Lucyani da hingekommen?“, fragte Trevor, als er seinen
Sattel festzurrte.
„Durch das Portal. Aber es ist nicht mehr passierbar.“
Portal? So was wie ein Transmitter?
Ailia sah ihn nervös an, als sie fertig waren.
„Ich werde erst mit dir teleportieren, damit ich weiß, wohin und die Tiere
nachholen. Okay?“ Er grinste beruhigend. „Lucy, das letzte Mal ist auch nichts
passiert.“ Ohne sie weiter überlegen zu lassen, griff er ihre Hand. „Richtung?“
Die Angst, die man ihr ihr ganzes Leben lang eingetrichtert hatte, saß so tief,
dass sie jetzt damit rechnete, dass etwas passierte. Es passierte natürlich
nichts.
Wie auch, sagte sie sich. In dieser Region ist das Cya nicht so konzentriert wie
im Süden. Die Gefahr geringer. Aber je verrückter ich mich mache, umso mehr Cya
ziehe ich an.
Trevor teleportierte, nachdem sie ihm die ungefähre Richtung erklärt hatte. In
dem Moment der Materialisation traf es ihn wie ein Schlag und er sank stöhnend
in die Knie. „Verdammt“, keuchte er. „Was ist das?“
„Das Cya“, sagte Ailia leise. „Kämpfe nicht dagegen an, lass es fließen.“
Trevor versuchte, die Klammer um seine Brust zu ignorieren und tief und
gleichmäßig zu atmen. In seinem Kopf tobte ein Sturm, wie er ihn noch nie erlebt
hatte. „Das … ist … Wahnsinn“, stieß er hervor. „Paraenergien in dieser
Größenordnung…“ Schwankend erhob er sich und begann, sich erneut zu
konzentrieren.
Als er entmaterialisierte wurde Ailia schlagartig klar, das sie allein war, wenn
er die Energien für eine Rückteleportation nicht aufbrachte. Sie hatte noch
nicht zu Ende gedacht, als er mit allen Pferden gleichzeitig materialisierte und
zusammenbrach.
Sie wusste, warum er es getan hatte. Weil er ahnte, dass er eine dritte
Teleportation nicht schaffen würde. Seufzend hockte sie sich neben ihn und
wechselte in den Cya-Blick.
Seine Aura war schwach geworden. Die Energien, die er für den Transport benötigt
hatte, hatten sie aufgezehrt. Wahrscheinlich würde er in der nächsten Zeit nicht
fähig sein, auf seine Kräfte zurück zu greifen. Sie hob ihre Hand und stellte
den Kontakt zu seinem Cya her, beruhigte das Flimmern und wartete, bis es ihn
wieder in einem, wenn auch schwachen ruhigen Schimmer umgab. Mehr konnte sie im
Moment nicht für ihn tun.
Es dauerte nicht lange, bis er wieder erwachte und Ailia registrierte, wie
urplötzlich das Cya um ihn herum wieder erstarkte.
„Wow“, krächzte er. „Wie lange war ich weg?“
„Zehn Minuten. Höchstens.“
„Ich hätte es nicht noch einmal geschafft“, erklärte er.
„Ich weiß.“
Er richtete sich ächzend auf. „Was siehst du eigentlich mit diesen goldenen
Augen?“
„Das Cya.“ Ailia schwang sich auf ihren Hengst und nahm die Zügel des
Packtieres.
„Wie sieht es aus?“ Er schaffte es mit aller Mühe, sich ebenfalls auf sein Tier
zu hieven.
„Du siehst es nicht?“ Ailia zügelte den Hengst und drehte sich zu ihm um.
„Nein.“
„Wie manipulierst du es dann?“, fragte sie fassungslos.
„Keine Ahnung. Ich tue es“, war seine lapidare Antwort.
Es war noch früh am Nachmittag,
als es Trevor reichte. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt gewartet, da er annahm,
Ailia würde von sich aus eine Pause einlegen.
Sie brauchte jedoch keine Auszeit und schien vergessen zu haben, dass er sich
noch immer total zerschlagen fühlte. Dazu kam, dass der permanente Wirrwarr in
seinem Kopf an seinen Nerven zehrte und er sich fragte, ab welchem Zeitpunkt es
ihm unmöglich werden würde weiterzugehen. Ailia schien keine Probleme zu haben.
Dann ging ihm auf, dass sie wahrscheinlich auch niemals zeigen durfte, wenn sie
müde wurde und beschloss, dass er für heute genug hatte.
„Stopp, Lucy!“, rief er zu ihr nach vorn. „Ich werde jetzt keinen Meter mehr
weiter reiten.“
Ailia drehte fragend den Kopf. Sie sah die Blässe in seinem Gesicht, doch sie
sah ebenso, dass er durchaus noch ein paar Stunden durchhalten konnte. Wenn er
wollte.
„Sag nichts!“, fuhr er sie an. „Weil ich teleportiert bin, sind wir jetzt schon
hier. Auf ein paar Stunden kommt es nicht an. Ich brauche Ruhe.“
Er ahnte, was sie dachte, als sie ihn recht abfällig musterte und biss die Zähne
zusammen. Wortlos schwang er sich von dem Pferd und führte es an das Flussufer,
damit es trinken konnte.
„Es wird erst in einigen Stunden dunkel“, erklärte Ailia, ohne abzusteigen.
„Ich werde keine Minute länger im Sattel sitzen“, knirschte er zwischen den
Zähnen hindurch und füllte seine Wasserflasche.
„Gut“, sagte sie nur und stieg endlich ab.
Trevor beachtete sie nicht weiter, sondern sattelte das Pferd ab. Ailia hatte
erklärt, dass die Tiere so erzogen waren, immer in der Nähe von Menschen zu
bleiben und deshalb ließ er es frei, damit es sich selbst etwas zu fressen
suchen konnte.
Seufzend betrachtete er die zusammen gerollten Zelte und beschloss, dass es warm
genug war und er unter freiem Himmel schlafen konnte. Was seine hartherzige
Begleitung machte, war ihm ziemlich egal. Er rollte seine Schlafmatte auf und
setzte sich, um einfach einen kurzen Moment auszuruhen, ehe er über Essen
nachdenken wollte.
Ailia, die es gewöhnt war, allein zu sein und auch allein Entscheidungen zu
fällen, kümmerte sich darum, ihr Pferd und das Packtier zu versorgen und baute
ihr Zelt auf.
Erst dann fiel ihr auf, dass der Terraner verdächtig ruhig war. Sie war fast
erschrocken, als sie sah, dass er schlief. Unruhig hockte sie sich neben ihn.
„Trevor?“
Er reagierte nicht.
„Trevor?“, fragte sie etwas lauter.
„Gott!“ Er fuhr fluchend hoch. „Ist es zuviel verlangt, mich einfach in Ruhe zu
lassen“, knurrte er gereizt.
„Du musst etwas essen“, erklärte Ailia noch immer höflich.
„Kümmer dich um dich selbst!“, fauchte er und drehte ihr den Rücken zu.
„Ich werde dich erst schlafen lassen, wenn du gegessen hast.“ Ailia starrte
seinen Rücken an und überlegte, warum er so unvernünftig war. „Du hast sehr viel
mentale Kraft verbraucht, die du ersetzen musst, wenn du nicht willst, dass dein
Körper darunter leidet.“
„Das hat dich bis jetzt nicht interessiert, also lass mich jetzt in Ruhe.“
Hatte sie irgendetwas getan, was ihn störte?
Ailia war sich keiner Schuld bewusst. Sie fand sogar, dass dieser Tag gar nicht
so übel verlaufen war, vor allem, weil er sie nicht mit permanenten Fragen
belästigt hatte.
Für einen kurzen Moment wechselte sie in die Cya-Sicht und stellte fest, dass
seine Aura wieder schwächer wurde. Er benötigte Energie. Waren eigentlich alle Terraner so unvernünftig?
Sie erhob sich und durchstöberte die Taschen nach den Vorräten, die sie
mitgenommen hatten. Dann hockte sie sich wieder neben ihn. Trevor fuhr
erschrocken hoch, als ihre mentalen Kräfte ihn aufrichteten und für einen Moment
rechnete Ailia fast damit, dass er sich auf sie stürzen wollte.
„Du verfluchte...“ Er stockte, als sie ihm das Trockenfleisch in die Hand
drückte, natürlich ohne ihn zu berühren und ihn mit einem Blick bedachte, der
jedes weitere Wort in seiner Kehle ersterben ließ.
„Du isst jetzt“, befahl sie in einer Art und Weise, die er noch nie von einer
Frau gehört hatte und zum ersten Mal in seinem Leben fehlten ihm die Worte.
Er aß alles, was sie ihn zwang zu essen, rollte sich dann, noch immer wortlos,
auf seiner Matte zusammen und fiel in einen so tiefen Schlaf, dass ihn nicht
einmal eine Explosion neben seinem Kopf geweckt hätte.
Ailia schlief gar nicht. Sie war schon in dieser Gegend gewesen, zwar vor langer
Zeit, aber sie wusste, dass jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren konnte.
Deshalb blieb sie wach. Sie hätte niemals einen derartigen Platz zum Übernachten
gesucht, da er schlecht einsehbar war und bei einer Gefahr schlecht verteidigt
werden konnte.
Nachdenklich starrte sie in die beginnende Dunkelheit und wünschte sich
verzweifelt die gewohnten Avalonier an ihre Seite, die wussten, dass ihre
Anweisungen richtig waren und nicht mit ihr darüber diskutieren wollten.
***********
Sie war am nächsten Morgen hundemüde, ließ es sich jedoch nicht anmerken, als
sie die Pferde sattelte. Ebenso belud sie das Packpferd und hoffte, dass Trevor
am Abend vernünftiger wäre und sich mit dem Platz zufrieden geben würde, den sie
aussuchte.
Trevor fühlte sich bedeutend besser und tatendurstiger als am Vortag. Er trieb
sein Pferd neben Ailias.
„Wie lange werden wir bis zu der Stelle brauchen?“
„Ich denke zehn Tage, wenn wir komplett durchreiten“, sagte sie leise. „Und wenn
nichts Unvorhergesehenes passiert.“
„Und dieses Cya wird schlimmer?“
Sie nickte. „Die mentale Orientierung wird komplizierter. Es war jedoch niemals
so, dass eine Lucyani sich nicht in diesen Gebieten bewegen konnte. Das ist aber
jetzt durchaus möglich.“
Gegen Mittag rasteten sie an einer Quelle und verzehrten wieder die
mitgebrachten Vorräte.
„Wir könnten etwas jagen“, sagte Trevor. „Um den Speiseplan abwechselungsreicher
zu gestalten.“ Er sah stirnrunzelnd auf die Lucyani, die mit geschlossenen Augen
an einen Stein gelehnt vor sich hin döste.
Jetzt öffnete sie die Augen wieder. „Ich habe keine Ahnung, wie man diese Tiere
dann zubereitet. Aber es gibt genug Früchte und Beeren in der Gegend, die
unseren Speiseplan erweitern.“
Früchte und Beeren? Er sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Hör
mal, Lucy. Ich werde nicht in den nächsten Wochen vegetarisch essen. Ich bin
kein verfluchtes Pferd. Und das Trockenfleisch reicht nicht Wochen. Was dagegen,
wenn ich heute Abend auf die Jagd gehe?“
„Nein“, sagte sie müde und schloss wieder ihre Augen. Ich kann ihn nicht leiden.
Wieso war sie zu einer derartigen Gefühlsregung fähig? Warum hatte er auch an
allem, was sie sagte, etwas auszusetzen? Warum hatte sie niemand auf eine solche
Situation vorbereitet?
Schweigend bestiegen sie nach einer kurzen Pause wieder die Pferde und reisten
weiter.
Wie Ailia schon vorausgesagt hatte, machte den Pferden die Reise bis jetzt
nichts aus. Ailia selbst allerdings fühlte sich so zerschlagen wie lange nicht
und war froh, als die Sonne in Richtung Horizont wanderte. Suchend scannte sie
die Umgebung, prüfte das Cya und wich vom Weg ab, weil sie einen guten Platz zum
Übernachten entdeckte.
Und der Terraner begann wieder zu nerven. „Kannst du mir bitte sagen, was du
jetzt schon wieder vorhast?“
Ailia atmete tief durch. „Ich habe einen Platz zum Übernachten gefunden.“
„So?“, fragte er spitz. „Wäre es zuviel verlangt, mit mir darüber zu reden?“
„Was gibt es da zu reden?“ Sie klang verzweifelt.
„Vielleicht habe ich eine andere Vorstellung von einem ‚guten Platz‘?“,
erkundigte er sich sarkastisch.
Ailia hätte am liebsten geweint. Doch sie kämpfte die Tränen tapfer hinunter und
drehte den Kopf. „An diesem Platz ist Wasser, Gras und eine Höhle, die nach
außen verschlossen werden kann, so dass niemand von uns gezwungen ist, Wache zu
halten. Was hast du an diesem Platz auszusetzen?“
Er starrte sie einen Moment lang verblüfft an. „Nichts“, brummte er dann. „Ich
möchte nur, dass du dich mit mir unterhältst.“
Sie drehte wieder den Kopf und ritt schweigend weiter.
Der Platz war wirklich gut, musste er im Nachhinein zugeben. Sie versorgten die
Pferde, ließen sie wieder laufen und Trevor entfachte ein Feuer. In der Nähe der
Höhle entsprang eine kleine Quelle und Ailia teilte ihm mit, sie würde sich an
der Quelle etwas frisch machen, während er versuchte, ein Tier zu jagen.
Als sie wiederkam, beschäftigte er sich gerade damit, einem hasenähnlichen Tier
das Fell abzuziehen und hängte es über das Feuer.
„War das Wasser sehr kalt?“
Ailia runzelte die Stirn. „Wieso sollte es warm sein?“
Trevor sprang fluchend auf, schnappte sich Handtuch und Seife und verschwand im
Wald.
Sie starrte ihm nach und fragte sich, was nun schon wieder falsch war.
Ailia breitete ihre Matte in der Höhle aus und aß ein paar der gesammelten
Früchte. Sie war müde und ihr war kühl, weil sie in das kalte Wasser der Quelle
getaucht war. Deshalb wickelte sie sich in ihre Decke ein und schloss einen
Moment die Augen.
Als Trevor zurückkam, schlief sie wie ein Murmeltier. Und ihm ging plötzlich
auf, dass sie etwas davon erzählt hatte, in dieser Höhle müsse niemand Wache
halten.
Verdammt, ging es ihm durch den Kopf. In der vergangenen Nacht hatte er keinen
einzigen Gedanken daran verschwendet. Sie hatte den ganzen Tag schon so müde ausgesehen
und er Idiot hatte kein einziges Wort darüber verloren.
Er zerlegte den Hasen, als er gar war und betrat wieder die Höhle. „Hey, Lucy“,
weckte er sie vorsichtig und zuckte zusammen, als sie hochfuhr und ihn irgendwie
orientierungslos anstarrte.
„Was?“
„Ich ... habe etwas zu essen für dich. Vielleicht möchtest du mal… ähm… kosten?“
Er setzte sich neben sie auf den Höhlenboden und reichte ihr einen Teller.
Sie nahm ihn zögernd entgegen, überrascht über seine plötzliche Freundlichkeit.
„Lucy?“, fragte er und klang fast verlegen. „Hast du letzte Nacht Wache
gehalten?“
„Ja“, murmelte sie und bemerkte erstaunt, dass er irgendwie zerknirscht aussah.
„Es ... tut mir leid...“
„W-Was?“, stotterte sie fassungslos.
„Ich habe nicht darüber nachgedacht, okay? Ich schlafe selten im Freien...“ Er
grinste versöhnlich.
Ailia fühlte eine unerklärliche Hitze in ihre Wangen steigen. „D-Du hättest
letzte Nacht keine Wache halten können“, brachte sie hervor.
„Nein“, meinte er einfach. „Aber ich hätte bis zu einem geeigneten Platz
durchhalten können.“
Stimmt. Sie schluckte krampfhaft an ihrem Fleisch. Das war unheimlich, wie
schnell seine Stimmungen wechseln konnten.
„Könntest du... eventuell... versuchen, mit mir über solche Dinge zu reden?“,
fragte er vorsichtig und sah verblüfft, dass sich die Röte ihrer Wangen
vertiefte.
Doch sie wich seinem Blick nicht aus. „Ich bin nicht gewöhnt, dass jemand meine
Entscheidungen in Frage stellt.“
Er seufzte. „Ich habe mir so etwas in der Art fast gedacht. Aber wir könnten
es... ähm... versuchen?“ Jetzt sah sie eindeutig kläglich aus und er zwang den
Ärger, der in ihm hochstieg, gewaltsam nieder. „Hör mir mal zu, Lucy. Wir beide
sind die einzigen, die deinen Freunden helfen können. Ich weiß nicht, was noch
auf uns zukommt oder wie gefährlich es am Ende wird. Aber in den vielen Jahren,
die ich meine Arbeit schon ausübe, habe ich eins gelernt - Manchmal ist es
möglich, dass man allein verloren ist. Ich bin vielleicht nicht die
umgänglichste oder verträglichste Person, aber in dem Augenblick, als ich
diesen Auftrag angenommen habe, habe ich das Versprechen gegeben, dir zur Seite
zu stehen. Das ist nicht mein erster Auftrag, der gefährlich werden könnte und
es wird auch nicht der letzte sein. Hoffe ich. Lucy, meine Erfahrung kann dir
genauso von Nutzen sein wie deine mir. Wir müssen nur darüber reden.“
Ailia schluckte wieder. „Ich habe ein Problem damit, viel zu reden“, flüsterte
sie mühsam.
„Ich weiß.“ Er nickte. „Ich weiß nicht, warum sie euch Lucyani das antun. Und
ich erwarte auch nicht, dass du plötzlich zu einer geschwätzigen Frau mutierst.
Das einzige, was ich möchte, ist, dass du versuchst, mit mir abzusprechen, was
unsere Mission betrifft. Mehr nicht. Okay?“
Sie nickte, und als er sie daraufhin genauso freundlich anlächelte wie in der
Burg Emelie, schoss die Röte wieder in ihre Wangen und sie wünschte sich ganz
weit weg an einen vollkommen anderen Platz.
************
Zwei Tage später bemerkte Trevor eine Veränderung im Cya. Er hatte sich an das
Chaos schon so gewöhnt, dass er es nur noch unbewusst wahrnahm, aber jetzt
spürte er eine Verstärkung der seltsamen Kräfte.
Ailia nickte, als er sie darauf ansprach. „Wir stoßen in die Zentrumszonen des
Cya-Gebietes vor.“
Gegen Abend hatten sich Trevors Probleme dermaßen verstärkt, dass er kaum noch
auf dem Pferd sitzen konnte. Ailia erschrak, als sie sein schweißnasses bleiches
Gesicht sah und lenkte die Pferde in Richtung eines großflächigen Sees.
Er fiel fast vom Pferd und schwankte zu einem einsam stehenden Baum. Zum ersten
Mal in ihrem Leben verfluchte Ailia das Verbot, jemanden zu berühren, weil sie
annahm, es hätte ihm sehr geholfen, wenn sie ihn stützen könnte. Mit
geschlossenen Augen lehnte er sich an den Stamm und versuchte keuchend, seinen
Atem zu beruhigen.
Ailia versorgte die Tiere, ließ sie frei und schleppte die Ausrüstung in Trevors
Nähe. Die Pferde hatten mit dem Cya im Moment noch keine Probleme, die wenigsten
Tiere hatten es, da das Cya auf starke Emotionen reagierte und Tiere einfach zu
gelassen in der Welt lebten.
Trevors Aura leuchtete so hell und wirbelte so chaotisch durcheinander, dass sie
Angst bekam.
„Trevor?“, fragte sie leise und hockte sich neben ihn. Er reagierte nicht und sie
hob langsam die Hand, um die Verbindung zu seinem Cya herzustellen, so wie sie
es getan hatte, als er bewusstlos gewesen war. Diesmal jedoch reagierte das Cya, weil er
die Verbindung zu seinem Geist spürte und sie instinktiv abwehrte.
Ailia schrie auf, als der Schmerz durch ihr Bewusstsein fuhr und schlug die
Hände vor das Gesicht, während sich ihr Körper zusammen krümmte. Er riss die
Augen auf und stöhnte, weil sich die Cya-Auren verbanden und er den Schmerz in
ihrem Kopf spürte, als wäre es sein eigener.
„Ailia...“, stieß er mühsam hervor, doch er war nicht mehr in der Lage,
irgendetwas zu tun. Seine Hände verkrampften sich, als der Schmerz ihn zu
überwältigen drohte.
Ailias Cya-Sicht zeigte nur noch wirbelndes Licht. Sie kämpfte um die Kontrolle,
versuchte, das Cya zu beruhigen, doch der Schmerz in ihrem Kopf war stärker als
alles, was sie je erlebt hatte. Sie spürte nicht einmal, dass sich ihre Zähne
bei dem verzweifelten Versuch sich aufzurichten, in ihre Unterlippe gruben. Das
Cya umtobte sie und alles, was sie in ihrem benommenen Zustand tat, verstärkte
das Chaos noch.
Bis sie plötzlich den starken Griff von zwei Händen an ihren Oberarmen spürte,
die sie hochrissen.
„Lucy!“, schrie der Terraner und der Schock seiner Berührung betäubte einen Teil
des Schmerzes in ihrem Kopf. Er schüttelte sie, als wolle er sie aus ihrer
Lethargie wecken und sie fragte sich, wie er es schaffte, trotz des Schmerzes zu
handeln. „Tu etwas!“
Obwohl sie noch immer außer dem gleißenden Licht nichts sah, hob sie den Kopf,
richtete sich mühsam auf und griff in das tobende Cya hinaus. Ihre Gedanken
versuchten, die Wellen zu glätten. Ihr Körper zuckte, weil ihr jedes Aufbäumen
des Cyas körperlichen Schmerz bereitete und Tränen, die sie nicht registrierte,
liefen über ihre Wangen. Ihre Hände suchten krampfhaft Halt und ihr Mund öffnete
sich zu einem stummen Schrei, als sie feststellen musste, dass das Cya ihrer
Kontrolle entglitt.
Bis plötzlich ein völlig neuer Zustrom von Energie durch ihren Körper fuhr und
sich ihre Sicht mit einem Schlag klärte.
„Ich sehe das Cya nicht!“, schrie der Terraner und Ailia spürte plötzlich wieder,
dass er ihre Arme umklammerte. „Lucy, wach aus diesem Schock auf, sonst versetze
ich dir einen neuen!“
Was zum Teufel tut er?
Es war seine Energie, die ihr plötzlich zur Verfügung stand. Sie bäumte sich ein
letztes Mal auf, warf ihre geballte Energie hinaus und drängte das
unkontrollierte Cya zurück. Die Wellen des Chaos verebbten und die Ruhe, die
plötzlich in ihrem und wahrscheinlich auch seinem Kopf herrschte, löste eine so
grenzenlose Erleichterung aus, dass sie einfach nur schluchzend erschlaffte.
Das erste, was sie bewusst wieder wahrnahm, war, dass ihr Gesicht gegen etwas
weiches Warmes gepresst war und ihr Körper noch immer unkontrolliert bebte.
Erschrocken wollte sie zurückfahren, schaffte es aber nicht, weil zwei Arme sie
festhielten.
Trevor.
Dann stellte sie fest, dass ihre Finger in seinem Shirt klammerten und riss
entsetzt den Kopf hoch. Er sah sie nicht an. Sein Kopf lehnte mit geschlossenen
Augen an dem Baumstamm, doch er hatte ihr Zusammenzucken bemerkt.
„Nicht durchdrehen, Lucy“, stieß er müde hervor. „Du hast das toll gemacht. Was
auch immer du gemacht hast, es war toll.“
Ailia starrte auf ihre Hände. „D-d-d-... Trev-Trevor...“ Ihre verkrampften
Finger gehorchten ihr einfach nicht. Was ist mit mir los? „Oh Gott“, flüsterte
sie erstickt, weil sie die Panik in ihrem Körper spürte.
Er öffnete seine Augen und seufzte, als er ihr aschfahles Gesicht und das
Entsetzen in ihrem Blick bemerkte. „Kein Problem, Lucy“, hauchte er und löste
vorsichtig seine Arme von ihr. Sie sah aus, als würde sie gleich ohnmächtig
werden.
„Es ist vorbei, Lucy“, fuhr er fort, auf sie einzureden, griff nach ihren noch
immer im Stoff seines Shirts klammernden Händen und befreite die verkrampften
Finger. „Jetzt passiert nichts mehr. Schau, auch wenn ich dich berühre...“ Sie
starrte auf ihre Hände, als würden sie nicht zu ihr gehören und er sah das Blut
an ihrer Lippe, weil sie sich wahrscheinlich selbst gebissen hatte. „Geht’s dir
gut, Lucy?“ Irgendwie wagte er nicht, ihre Hände loszulassen, weil er Angst
hatte, sie würde davon stürzen und das Cya durch ihre eigene Panik in neue
Wallung versetzen. Komischerweise herrschte in seinem Kopf jetzt Ruhe. Wenn sie
sich beruhigt hatte, musste er sie fragen, was das Ganze ausgelöst hatte. Jetzt
war es erst einmal wichtiger, dass das Entsetzen in ihrem Gesicht verschwand.
„Lucy?“, fragte er wieder und endlich schienen seine Worte angekommen zu sein.
Sie sah ihn an und nicht mehr durch ihn hindurch. Sie wollte aufspringen, doch
seine Hände hielten sie fest.
„Hör auf wegzulaufen. Wir können keine neue Panik gebrauchen“, flüsterte er.
„Ich werde dich jetzt loslassen. Setz dich einfach hin und bleib da, okay?“
Sie nickte, noch immer nicht fähig ein Wort zu sagen. Ihr Herz raste und ihr war
so schlecht, dass sie sich am liebsten weinend in eine Ecke verkrochen hätte.
„Ich spüre jetzt nichts mehr. Es herrscht jetzt Ruhe in dem Cya. Hab ich Recht?“
Ailia schaffte es nicht einmal, in die Cya-Sicht zu wechseln, aber sie nickte
wieder.
„Lucy, alles, was du jetzt spürst, ist durch deine eigene Panik ausgelöst. Es
hat nichts mit dem Cya zu tun, hörst du?“
Es war ihr so etwas von egal. Doch ihr Herz beruhigte sich langsam wieder und je
mehr ihr Puls aufhörte zu rasen, umso mehr setzte ihr streng erzogener Wille
wieder ein. Obwohl ihre Hand noch zitterte, fuhr sie sich über die Augen und
wischte die letzten Tränen fort. Dann stand sie auf und ging zum Wasser.
Wortlos.
Trevor rührte sich nicht. Er sah, wie sie ihr Gesicht wusch. In diesem Moment
hätte er sie gern getröstet, sie einfach festgehalten und weinen lassen. Aber er
kannte sie jetzt gut genug, um zu wissen, dass sie es nie zulassen würde und
dass sie sich in seiner Gegenwart wahrscheinlich nie so gehen lassen würde.
Plötzlich tat sie ihm leid. Natürlich würde diese ihm fremde Regung sofort
verschwinden, wenn sie ihr kühles Gesicht erneut aufsetzte und sie ihn wieder
herablassend behandelte.
Sie kam zurück und er sah sie erstaunt an, als sie sich neben ihn setzte. „Geht
es dir jetzt besser?“
Ob es ihm besser ging? Fassungslos nickte er. „Und dir?“, wagte er zu fragen.
„Mir geht es gut“, antwortete sie ruhig und er stieß ein abgehacktes Lachen aus.
„Ist es auch verboten zu sagen, wenn es dir schlecht geht?“, erkundigte er sich
bitter.
„Mir geht es nicht schlecht…“, fing sie an, doch er winkte ab.
„Vergiss es, Lucy. Was ist passiert?“
„Ich… wollte dein chaotisches Cya beruhigen.“ Sie sah ihn fast schüchtern an.
„Du hast zurück geschlagen. Ich… habe nicht damit gerechnet…“
„Zurück geschlagen…?“
„Dein Cya. Es hat sich gewehrt… gegen meine Manipulationen…“
„Böses Cya“, versuchte er zu spotten, doch sie bedachte ihn mit einem
ärgerlichen Blick. „Und dann?“
Ailia fuhr sich nervös durch die Haare. „Ich habe noch nie solch einen Schmerz
verspürt. Ich habe… die Kontrolle verloren…“
„Du hast sie doch wieder erlangt.“
„Das warst du, Trevor. Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber du hast mir
die Energie gegeben, das Cya zurück zu schlagen.“ Sie sah ihn zweifelnd an.
Er riss verdutzt die Augen auf. „Ich habe was?“
„Ich habe das noch nie erlebt. Es war… als würde… deine Energie auf mich
überfließen…“
„Oh“, machte er nur. „Das war gut, oder?“
„Ich denke schon…“
„Lucy?“ Er zögerte. „Das war nur möglich, weil ich dich berührt habe?“
„Nein!“ Ailia sprang auf und stürzte hastig zu ihren Satteltaschen. Sie teilte
das restliche Trockenfleisch und etwas von dem altbackenen Brot und kam zu ihm
zurück.
Trevor sah ihre Hände wieder zittern und verfluchte sich selbst für seine
Taktlosigkeit. Wortlos nahm er das Essen entgegen und kaute auf dem zähen
Fleisch, während seine Gedanken eigene Wege gingen. Bis ihn Ailia aus seinen
Überlegungen riss.
„Was meintest du damit, als du sagtest, du willst mir einen neuen Schock
versetzen?“
Er sah sie nicht an, als er nur leise murmelte: „Das willst du nicht wissen,
glaub mir…“
Teil 4
Sie kamen nicht so zügig voran, wie Ailia gedacht hatte, weil Trevor Zeit benötigte, um sich an die Konzentration des hohen Cyas zu gewöhnen. Am nächsten Tag brachen sie den Ritt am frühen Nachmittag ab und verbrachten die restliche Zeit bis zum Abend damit, dass ihn Ailia in kurzen Zügen in ihre Ausbildung und damit die Manipulation des Cyas einweihte.
Für ihn war es von Nachteil, dass er nicht über ihre Sicht verfügte, aber er überraschte sie damit, dass er, wenn er seine Augen schloss, das Cya auf eine völlig andere Weise als sie selbst spürte.
Gegen Abend ging es ihm so gut, dass er sich spontan entschloss, für neues Fleisch zu sorgen. Ailia nutze die Zeit, in der er auf der Jagd war, um zu baden.
Dann entfachte sie ein Feuer, so wie sie es bei ihm gesehen hatte und baute beide Zelte auf.
Es dauerte nicht lange, bis er zurück kam. „Das ist ganz schön anstrengend“, erklärte er, als er sich neben sie setzte. „In diesem parapsychischen Chaos kann ich nicht einmal meiner normalen Telekinese vertrauen. Es dauerte ewig, bis ich den Hasen gefangen hatte.“
Ailia lächelte und da das so selten geschah, starrte er sie einen Moment verblüfft an. „Du solltest öfter lächeln“, brummte er dann und konzentrierte sich darauf, dem Hasen das Fell abzuziehen. „Ist nett.“
Ihr Herz machte schon wieder einen Satz und sie fragte sich, wieso er es immer schaffte, sie so komplett aus der Fassung zu bringen.
Er hob den Kopf und grinste sie an. „Nur keine Panik. Das war ein Kompliment.“ Dann starrte er sie an. „Warst du baden? Das ist ungerecht. Ich will auch baden.“
„W-Was hat das mit mir zu tun?“, stotterte sie schon wieder.
„Ich schätze, du drehst durch, wenn ich mich jetzt ausziehe und ins Wasser gehe, oder?“
Sie wurde blass und piepste: „Nackt?“
„Sag bloß, du hast deine Sachen angelassen?“, fragte er verblüfft.
„Nein, aber…“
„Warum sollte ich es tun?“
„Weil ich hier bin?“
Trevor hängte das Kaninchen über das Feuer und grinste schon wieder so schelmisch. „Lucy, ich wette, du bist so gut erzogen und wirst deine Augen zu machen und sie erst wieder öffnen, wenn ich es sage.“
Ailia starrte ihn fassungslos an, als er aufstand, Handtuch und Seife schnappte und die zehn Meter zum Wasser hinunter ging. Er würde das jetzt nicht tun. Oder doch?
Als er sein Shirt über den Kopf streifte und die Knöpfe seiner Hose öffnete, wusste sie, dass sie falsch lag. Er würde es tun und ihm war so ziemlich egal, dass es ihr Schamgefühl verletzte.
Ailia hatte keine Ahnung, wie eine normale Frau in ihrer Situation reagiert hätte. Anhand der Reaktionen in ihrem Umfeld nahm sie an, dass es nur zwei Möglichkeiten gab. Entweder die Frau rannte quiekend davon oder sie nutzte die Gelegenheit, um das zu tun, was Mann und Frau gelegentlich taten.
Ailia runzelte die Stirn. Er wusste jetzt, dass sie eine Lucyani war, und das schloss eigentlich beide dieser Möglichkeiten aus. Und da er sich keine Gedanken darum zu machen schien, ob sie ihre Augen schloss oder ging oder gar nichts von beiden tat, sagte sie sich, dass es kein Verbrechen sein könnte, einfach hier sitzen zu bleiben und sich einmal anzusehen, wie ein Mann ohne Sachen aussah.
Trevor war mehr als verblüfft, sie noch immer neben dem Feuer sitzen zu sehen, als er das Wasser wieder verließ. Und da sie ihre Augen auch nicht abwandte, grinste er und ließ sich extra Zeit mit dem Anziehen.
„Also, Lucy“, spottete er, als er sich wieder ans Feuer setzte. „Das war so ziemlich das letzte, was ich von dir erwartet habe. Ich glaube, das verstehe ich nicht unter guter Erziehung.“
„Ich war neugierig.“
Trevor verschluckte sich fast an dem Stück Brot, auf dem er kaute und fing an zu husten.
Doch sie war noch nicht fertig. „Ich habe noch nie einen nackten Mann gesehen. Das war interessant.“
Er hustete mittlerweile so stark, dass er nach Luft japste. „Hat… hat es gereicht?“, würgte er dann hervor und fing an zu lachen. „Oder möchtest du eine Extravorstellung?“
Sie schaute ihn indigniert an. „Nein. Ich denke, ich habe alles gesehen.“
Es dauerte eine ganze Weile, ehe sich Trevor wieder beruhigte. Trotzdem kicherte er ab und zu wieder, was ihm einen stirnrunzelnden Blick von ihr einbrachte. Dann rutschte er an ihre Seite. „Lucy? Hast du eigentlich schon mal so richtig herzlich gelacht?“
„Sicher.“ Sie stellte wieder einen vernünftigen Abstand zu ihm her, indem jetzt sie ein Stück zur Seite rutschte.
„So, dass du Tränen gelacht hast?“, bohrte er weiter.
„Was soll die Frage?“, erkundigte sie sich böse.
„Schau mal, du siehst richtig nett aus, wenn du lächelst. Gefällt mir viel besser, als dieser ärgerliche Blick. Wenn du lachst, siehst du bestimmt hinreißend aus.“
„Ich muss nicht hinreißend aussehen“, sagte sie eisig. „Und ich muss auch nicht so schauen, dass es *dir* gefällt.“
Er kicherte wieder und prüfte den Zustand des Kaninchens. Es benötigte noch eine Weile. „Was ist das für eine Prüfung, die Lucyani ablegen?“
Sie antwortete nicht und Trevor glaubte schon, er hätte mit dieser Frage ein neues Tabu gestreift. Doch dann sagte sie leise. „Der Prüfling wird durch das Portal ins Cya-Gebiet geschickt und muss den Rückweg finden. Allein. Ohne Nahrung, ohne Waffen und ohne Hilfe.“
„Hierher?“, fragte er entsetzt und sie nickte. „Wie lange hast du für den Rückweg gebraucht?“
„Drei Monate.“
„Du warst drei Monate in dieser Wildnis? Allein?“
„Ja.“
Das war grausam. Und er verstand nicht, warum. „Wer hat diese Gesetze gemacht?“
„Sie sind uralt. Wenn du allein auf dich gestellt bist, zeigt sich, ob du wirklich fähig bist, das Cya zu beherrschen. Nicht jeder Prüfling kehrt zurück, obwohl nur die Fähigsten zu der Prüfung zugelassen werden. Es ist eine Zeit, in der du dich selbst und deine Fähigkeiten kennen und einschätzen lernst. Ich war manchmal nahe daran aufzugeben, mich einfach fallen zu lassen und mich dem Cya zu übergeben. Du hast es in dem Maß noch nicht erlebt. Es kann zu Halluzinationen, Sinnestäuschungen und Spontanmaterialisationen kommen. Je höher die Cya-Konzentration, umso stärker die Gefahr, dass unbewusste Gedanken es beeinflussen.“
Das war die längste Rede, die er bisher von ihr gehört hatte. „Kann ich dich etwas… ähm… Persönliches fragen?“
„Ja?“ Sie klang argwöhnisch.
„Gut. Es erscheint mir klar, dass unkontrollierte Emotionen in Gebieten mit hoher Cya-Konzentration verheerende Auswirkungen haben, aber in den Gebieten, in denen ihr lebt, würde nichts passieren, da gar nicht genug Cya vorhanden ist. Weshalb dieser eiserne Zwang? Weshalb zwingt man euch, jegliches Gefühl zu unterdrücken?“
„Ich unterdrücke kein Gefühl“, erklärte sie ruhig. „Ich habe es nicht. Das ist eines der ersten Dinge, die eine Lucyani lernt. All das, was normale Menschen aufregt, verärgert, wütend macht, betrifft Lucyani nicht. Wir leben, um das Cya zu besänftigen. Wir erhalten alles, was wir zum Leben benötigen und niemand wird uns mit Dingen belästigen, die nicht das Cya betreffen.“
„Lucy, das ist Schwachsinn“, sagte er entsetzt. „Natürlich unterdrückst du es. Ich habe deinen Blick gesehen. Du würdest mich liebend gern anschreien und glaub mir, ich habe absolut nicht dagegen, dass du es tust.“
„Ich will dich nicht anschreien.“
„Werden Lucyani alt?“, fragte er plötzlich und sah, wie sie schluckte. „Nein, was? Irgendwann haben sie die ganze Scheiße satt und geben auf?“ Sie wollte aufspringen, doch er griff nach ihrem Handgelenk. „Keine Wut, keine Freude, keine Leidenschaft und keine Liebe?“
„Lass meine Hand los!“
„Lucy, du kannst mir erzählen, was du willst, aber das ist der größte Schwachsinn, den ich je gehört habe!“
„Du weißt gar nichts!“, schrie sie plötzlich und er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. „Du hast nie eine derart große Verantwortung tragen müssen! Du weißt nicht, wie es ist, wenn das Leben Hunderter davon abhängt, ob du die Kraft und den Willen aufbringst, das Cya zu beherrschen. Diese Menschen hier sind darauf angewiesen, dass es uns gibt!“ Sie sackte zusammen und presste ihre freie Hand auf ihren Mund. Ihre Augen flackerten kurz golden, während er sie fassungslos anstarrte.
„Lucy“, murmelte er hingerissen. „Du kannst ja richtig laut werden. Und die Welt ist noch nicht untergegangen.“
„Warum tust du das?“, fragte sie kläglich. „Wir werden scheitern, wenn ich nicht die nötige Kontrolle aufbringen kann.“
Trevor wurde übergangslos ernst. Er ließ ihre Hand los, legte seine Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an. „Lucy“, versprach er ruhig. „Wir werden nicht scheitern. Weil wir in dem Moment, wenn es darauf ankommt, zusammen arbeiten. Ich glaube nicht an eine emotionslose Kontrolle. Ich glaube daran, dass ein wirklich starkes Gefühl, und sei es nun Wut, Zorn oder Leidenschaft, sehr sehr viel mehr vollbringen kann. Auch dein Cya besiegen.“
„Du hast keine Ahnung“, sagte sie traurig.
Er grinste. „Ich denke, wenn ich sehr sehr wütend bin, werde ich dem Cya in den Hintern treten.“
Ailia verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln. „Es wird dich schneller umpusten, als du denken kannst.“
Er grinste und ließ ihr Kinn los.
Und Ailia sagte sich verzweifelt, dass es wahrscheinlich ein sehr großer Fehler war, den Terraner mit hier her zu bringen. Ihn in ihre Nähe zu lassen. Zuzulassen, dass er mit seinen Worten an Dingen rührte, die auf Avalon niemand ansprechen würde. Und sie fragte sich, warum sie ihn das tun ließ.
***********
In der nächsten Nacht übernahm Trevor die erste Wache, da sie wieder einmal keinen Platz fanden, der komplett gesichert werden konnte. Es war schon kurz nach Mitternacht, als Ailia wach wurde, weil der Eingang ihres Zeltes einen Spalt zur Seite geschoben wurde.
„Lucy?“, flüsterte er und der Klang seiner Stimme ließ sie hochfahren und schlagartig putzmunter werden.
„Was ist?“
„Kommst du bitte mal raus. Hier ist etwas ganz komisches...“
Sie sprang auf und krabbelte aus dem Zelt. Trevor stand neben dem erloschenen Feuer und starrte zum Waldrand. Sie folgte seinem Blick und seufzte leise.
Mehrere Tiere auf vier Beinen schlichen durch das Unterholz. Sie hatte Tiere dieser Art noch nie gesehen und warf dem Terraner einen fast zornigen Blick zu.
„Was ist das?“, flüsterte dieser und zum ersten Mal schwang Angst in seiner Stimme mit.
„Es ist das Cya“, erklärte sie ruhig, wechselte in den Cya-Blick und griff nach den Gestalten.
„Sie sehen aus wie Wölfe“, hauchte er. „Aber es sind keine Tiere. Ich empfange keine Gedanken...“
„Es ist das Cya, das materialisiert ist.“ Eine Gestalt nach der anderen verpuffte, als Ailias Kraft die Materialisationen zerstörte. Im nächsten Augenblick erschienen neue.
„Sind sie gefährlich?“
„Könntest du vielleicht mal aufhören, immer neue zu erschaffen“, schimpfte sie. „Ich kann sie gar nicht so schnell zerstören.“
„Ich?!“, schrie er entsetzt und sie sah selbst im Licht der zwei Monde, dass er blass wurde. Fassungslos bemerkte er, wie einzelne Wölfe verschwanden und neue erschienen.
„Das Cya reagiert auf intensive Gedanken. Es bildet sie nach. Es materialisiert sie. Und ja, die Cya-Gestalten, besitzen die Fähigkeiten, die du ihnen mitgibst.“
„Ich?!“, schrie er wieder.
Ailias Blick ließ auch, während sie redete, den Waldrand nie los. Ein Cya-Wolf nach dem anderen verschwand, um sofort dem nächsten Platz zu machen.
„D-Das ist unheimlich“, stotterte Trevor und sah die Wölfe immer mehr werden.
„Hör auf, an sie zu denken“, befahl Ailia leise und ruhig.
„Ich denke nicht an sie!“, brüllte er außer sich.
Ailia hätte am liebsten geflucht. Sie fuhr zu ihm herum und sah die Blässe und das Entsetzen in seinen Augen. „Den Schock, den du mit mir vorhast, wirkt der auch bei dir?“, fragte sie ernst.
Sein Mund klappte auf und er schluckte kurz. „Ich wollte dich küssen, Lucy.“
Oh Gott! „Ich... nehme... an, das würde dann... nicht... funktionieren“, brachte sie heraus. Nur ein Terraner konnte auf einen derartigen Gedanken kommen.
Dann sah sie fassungslos die Cya-Wölfe von einem Moment zum anderen verschwinden.
„Sag bloß, du würdest es tun, wenn es helfen würde?“, erkundigte er sich und kam näher.
Ailia beachtete ihn gar nicht, sondern starrte auf den jetzt leeren Waldrand. „Wie hast du das gemacht?“, fragte sie entgeistert. „*Was* hast du gemacht?“
„Ich? Nichts?“ Er sah sich nachdenklich um. “Oh. Meine Wölfe sind weg.“ Doch seine Gedanken beschäftigten sich mit etwas ganz anderem. „Hättest du es getan, Lucy?“
„Was denn?“ Sie sprang zurück, weil er plötzlich so nah vor ihr stand. „Bist du verrückt? Nein, natürlich nicht!“
„Es wäre bestimmt eine Schocktherapie geworden“, brummte er spöttisch. „Fragt sich nur für wen. Hat dich schon mal jemand geküsst, Lucy?“
„Trevor, hast du irgendetwas von dem verstanden, was ich dir erzählt habe?“, fragte sie verzweifelt. „Ich bin eine Lucyani.“
„Heißt das nein?“ Seine Augen funkelten und Ailia wich zurück, als er einen Schritt auf sie zumachte.
Er hatte kein Recht, sie durcheinander zu bringen. Und seit wann ließ sie zu, dass jemand sie durcheinander brachte? Sie gab sich einen Ruck und funkelte ihn an. „Geh schlafen, Terraner. Ich übernehme die nächste Wache“, sagte sie kühl.
Trevor grinste und sie hatte das ungute Gefühl, dass er sich irgendwie als Sieger fühlte.
„Sicher doch, Eisprinzessin.“ Er verbeugte sich vor ihr und sie hörte sein leises Lachen, als er in sein Zelt kroch.
**************
Das Cya wurde stärker und dichter. Jetzt runzelte selbst Ailia ab und zu die Stirn, wenn ihr besonderer Blick die hohen Konzentrationen auf dem Weg, den sie einschlagen wollten, zeigte.
Obwohl sie den Gedanken an ihre Prüfung bisher erfolgreich verdrängt hatte, stiegen die Erinnerungen immer wieder in ihr hoch.
Es war zwar selten passiert, aber manchmal, wenn sie nachts träumte, wachte sie schweißgebadet auf, weil sie im Traum den gefährlichen nervenaufreibenden Weg noch einmal gegangen war.
Jetzt war es schlimmer. Die Erinnerungen kamen auch am Tag. Je dichter das Cya wurde, umso drückender die Erinnerung. Plötzlich sah sie sich selbst wieder als junge unerfahrene Lucyani, fühlte ihre eigene Ehrfurcht vor dem Cya und die unterschiedlichen Emotionen, mit denen sie damals gekämpft hatte, und die sie noch heute beschämten.
Trevor musterte sie hin und wieder nachdenklich. Er sah die fahle Blässe ihres Gesichtes und den unsicheren Blick in ihren Augen, wenn sie die Gegend mit ihren goldenen Augen musterte. Auch er spürte die Aufruhr im parapsychischen Bereich, aber da er dem Cya keinen eigenen Willen oder Verstand zuschrieb, so wie sie es tat, hatte er weniger Angst. Er befürchtete viel mehr, dass ihre empfindlichen Hirne durch die permanente Überbelastung einfach abschalten würden.
Ailia jedoch hatte richtige Angst. Sie verbarg sie. Darin war sie schließlich ein Meister, aber sie hatte eindeutig Angst.
Gegen Mittag zügelte sie ihren Hengst und Trevor ritt an ihre Seite. „Was ist los?“
„Wir müssen einen anderen Weg gehen. Ich kann nichts mehr sehen. Außer dem Cya.“
Trevor sah die feinen Schweißperlen auf ihrer Stirn. „Wir machen eine Rast“, sagte er nur. „Dann sehen wir weiter.“
Ailia nickte schweigend und stieg ab. Sie ließen die Pferde grasen, ohne sie jedoch von den Sätteln und den sonstigen Sachen zu befreien.
Trevor entnahm den Satteltaschen ihr letztes Brot und Trockenfleisch und wollte sich setzen, als er bemerkte, dass Ailia zögernd stehen blieb und in die Richtung blickte, in die sie weiter reiten wollten.
Das Cya umwirbelte sie in einer Art und Weise, wie sie es lange nicht erlebt hatte. Es drang in ihren Kopf, in ihre Gedanken und wisperte Dinge, die Ailia glaubte, längst verdängt zu haben.
In den Monaten ihrer Prüfung gab es Zeiten, in denen sie schwach gewesen war. Sie schämte sich jetzt noch, wenn sie daran dachte, wie sie weinend an einem Stein gelehnt hatte und sich fast verzweifelt gewünscht hatte, es würde jemand kommen und ihr helfen. Sie hatte geschrieen und all jene verflucht, die sie zwangen, diese Prüfung abzulegen und sich im nächsten Moment gewundert, warum sie niemand für einen derartigen Gedanken bestrafte.
Die ersten Tage, ja sogar Wochen waren für sie in einem dämmrigen Halbbewusstsein vergangen, weil sie immer wieder liegen blieb, während das Cya versuchte, auf sie einzuwirken und sie zu ködern, damit sie seinen Verlockungen nachgab. Ailia erinnerte sich plötzlich so deutlich wieder an diesen einen Tag, als sie verzweifelt zusammenbrach, weil unkontrollierte Emotionen ihren Körper schüttelten und ein Zittern, als würde sie frieren über ihre Haut lief. Sie hatte geweint und sich selbst dafür mit Vorwürfen gequält, weil sie das Gefühl in diesem Moment einfach nur schön fand.
All dies stieg jetzt wieder in ihr hoch. Das Cya war heute viel stärker und sie bekam Angst, weil sie plötzlich daran zweifelte, dass sie stärker war als damals. Nervös strich sie sich über die Augen. Sie war schwach. Eine starke Lucyani hätte niemals einen Terraner mit Trevors unmöglichem Verhalten für diese Aufgabe engagiert. Sie hätte niemals zugelassen...
„Lucy?“
Sie fuhr zusammen, da sie nicht bemerkt hatte, dass er hinter sie getreten war.
Trevor erschrak, als er sah, wie sehr sie zitterte. „Was ist los?“
„Das Cya...“, flüsterte sie ohnmächtig. „Es ist so stark.“
„Das Cya ist Energie“, sagte er leise. „Es kann deinen Verstand verwirren. Aber nicht, weil es gegen dich kämpft. Sondern weil unsere Hirne empfänglich für diese Schwingungen sind. Lucy, hör auf zu denken, dass es dich wahnsinnig machen will.“
„Es dringt in meinen Körper ein. Ich sehe es...“
„Mach die Augen zu.“
Ailia hörte seine Stimme wie aus weiter Ferne. Sie *war* schwach. Sonst wäre es dem Cya nicht möglich, sie so weit aus der Realität zu ziehen. Bis sie plötzlich einen festen Griff an ihren Oberarmen spürte.
„Wach auf, Lucy!“, zischte der Terraner und wie beim letzten Mal floss über seine Hände warme starke Energie in ihren Körper.
„Oh Gott“, hauchte sie und die Trübung in ihrem Bewusstsein klärte sich. Plötzlich nahm sie ihre Umgebung wieder wie gewohnt wahr, fühlte seine Hände, die ihre Arme umklammerten und sie hielten, weil sie sonst wahrscheinlich zusammen gesunken wäre.
Dann fühlte sie sich herum gewirbelt und ein recht zorniger Terraner starrte sie an. Und irgendwie war Ailia froh, dass er sie nicht los ließ, weil sich ihre Knie wie Watte anfühlten.
„Das ist so ein Schwachsinn, Lucy!“, stieß er hervor. „Durch deine Angst öffnest du deinen Geist so weit, dass alle mentalen Impulse zu dir vordringen. Das Cya greift dich nicht an!“
„Ich schaffe es nicht“, flüsterte sie verzweifelt. „Ich kann sie nicht retten. Ich bin zu schwach...“
„Das ist Quatsch!“, fauchte er und schüttelte sie. „Sie reden euch solchen hirnverbrannten Unsinn ein! Lucy, lass die Wut zu! Kämpfe dagegen an! Verdammt, du hast mich angeschrien! Schrei das Cya an!“ Eine einzelne Träne rollte ihre Wange hinunter. „Du wirst jetzt nicht aufgeben, verstanden? Lucy, ganz allein schaffe ich es auch nicht. Ich weiß nicht einmal, wonach ich suchen soll.“ Er schüttelte sie weiter und sie fragte sich weit entfernt, warum zum Teufel nichts passierte, wenn er sie andauernd anfasste. „Lucy, du elender, kleiner Eisklotz. Ich werde nicht zulassen, dass du aufgibst!“ Wütend riss er sie an sich, schlang einen Arm um ihren Hals und presste seine Lippen auf ihren Mund.
In diesem Augenblick durchfuhr Ailia alles auf einmal: Entsetzen, Schock, Fassungslosigkeit und Wut. Mit einem Schrei stieß sie ihn gegen die Brust und schlug ihm übergangslos ins Gesicht.
Obwohl Trevors Wange brannte, grinste er sie fast vergnügt an und beobachtete amüsiert, wie der erste Schreck verschwand und eine herrliche Röte in ihre Wangen kroch. Sie atmete abgehackt und starrte ihn mit entsetzten großen Augen an, aber jegliche Verzweiflung war verschwunden.
„Wieder okay?“, fragte er spöttisch.
Und Ailia schlug die Hände vors Gesicht. Was hatte sie getan? Auf ihren Lippen spürte sie noch immer seine und dieses Gefühl brachte alles durcheinander, was sie je gelernt hatte. Das Cya war vergessen, aber in diesem Moment dachte sie nicht einmal darüber nach. Er hatte sie geküsst. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie jemand geküsst.
Und Ailia wollte nur noch weinen.
Er schien ihr das anzusehen, doch ohne mit der Wimper zu zucken, packte er ihre Hand und zerrte sie hinter sich her, dorthin, wo er ihre letzten Lebensmittel hatte liegen lassen.
„Hinsetzen!“, kommandierte er und sie konnte selbst nicht fassen, dass sie seine Anordnung einfach befolgte. Er setzte sich neben sie. „Lucy“, begann er. „Ich denke, auf ein oder zwei Stunden eher kommt es nicht an. Ich möchte, dass du mir jetzt alles erzählst. Was sie euch beibringen. Was es bedeutet, eine Lucyani zu sein. Was bei deiner Prüfung passiert ist. Alles. Verstanden?“
Sie schüttelte wild den Kopf. „Nein, nein, nein. Werde ich nicht.“
„Oh doch, Schätzchen“, warnte er sie. „Ich werde mich nicht hier wegrühren und glaub mir, ich könnte dich noch auf ganz andere Art schocken.“
Sie sah in seinen Augen, dass es ihm todernst war. Und sie wollte gar nicht darüber nachdenken, was er mit anderer Art meinte. Sie hatte jetzt schon so viele Fehler gemacht. Auf einen mehr oder weniger kam es nicht an, oder?
Langsam und stocken begann sie zu berichten.
Trevor hörte ihr eine ganze Weile schweigend zu.
Mit dem Augenblick, an dem festgestellt wurde, dass das Kind die Fähigkeiten zu einer Lucyani in sich trug, wurde es von den Eltern getrennt und zur Ausbildung in eine Art Kloster übergeben. Meist waren die Kinder noch sehr klein. Zwei oder drei Jahre. Ailia jedenfalls erinnerte sich nicht mehr an ihre Eltern, sie hatte nur, als sie älter wurde, einen Brief erhalten, in dem ihr zwei völlig fremde Menschen mitteilten, wie stolz sie auf sie waren.
Die Kinder waren auf sich allein gestellt. Sie lernten vom ersten Tag im Kloster an, dass sie Auserwählte waren und welche große Verantwortung sie in ihrem Leben tragen mussten. Ihr Tagesablauf war geprägt durch eine strenge Erziehung. Es gab keine Spiele, kein Lachen und niemanden, der ein weinendes Kind tröstete. Sie mussten sehr schnell lernen, dass sie ihr ganzes Leben allein sein würden.
Im Alter von zehn Jahren wurden die wenigen Jungen, wenn es überhaupt welche gab, von den Mädchen getrennt und jede potentielle Lucyani bekam einen eigenen Mentor, oder eine Mentorin, durch den, oder die, die weitere Ausbildung erfolgte. Damit entfiel auch der Kontakt zu Gleichaltrigen.
Die jungen Menschen lernten mit ihren Fähigkeiten umzugehen, bereisten den Planeten, manipulierten das Cya, begannen es zu sehen. Diese Fähigkeit entwickelte sich meistens erst im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren und Ailia war eine der wenigen, bei denen sie so ausgeprägt war.
Die drei goldenen Regeln der Lucyani wurden von nun an ihre Lebensaufgabe:
1. Respektiere die Privatsphäre von Nichtauserwählten.
2. Beherrsche deine Gefühle. Sie könnten andere verletzen.
3. Lass nicht zu, dass Emotionen über dich herrschen, das Cya findet jede Schwachstelle
Wie hart es war, diese Regeln zu befolgen, konnte Trevor nur ahnen. Und wie erfolgreich die Ausbildung war, konnte er an Ailia sehen. Die Kindern wurden dermaßen abgeschottet von der normalen Welt gehalten, dass sie am Anfang sogar Angst hatten, wenn ihnen ein anderer Avalonier, außer ihrem Mentor, über den Weg lief, weil sie glaubten, schon ein Gespräch mit einer anderen Person könnte das Cya zum Kampf heraus fordern.
Die nächsten Jahre bestanden darin, die jungen potentiellen Lucyani auf ihre Aufgabe in der Welt vorzubereiten. Das schloss das Leben in dieser Welt mit ein. Sie lernten, dass sie niemandem um Rat fragen konnten und durften. Dass sie niemanden mit ihren Problemen belästigen durften und dass sie niemals zulassen durften, dass ein anderer Mensch Gefühle in ihnen weckte. Weder Verärgerung, noch Freude. Keine Wut und keine Leidenschaft.
Trevor biss die Zähne aufeinander und redete sich ein, dass es ihn nichts anging. Dass es eine fremde Kultur war und er verdammt noch mal seinen verfluchten Mund halten sollte. Er schaffte es natürlich nicht. „Und dann zwingt man euch, das Zölibat abzulegen?“
„Was ist das Zölibat?“, fragte Ailia und sah aus, als hätte er sie vollkommen aus ihren Gedanken gerissen.
„Ein Leben ohne Sex. Du hast noch nie mit einem Mann geschlafen, oder?“
Ailia blickte ihn müde an. „Doch. Einmal.“
Der Blick in ihren Augen war so leer, dass ihm angst wurde. „Wie das?“, erkundigte er sich leise.
„An dem Tag, an dem eine Lucyani von ihrer Prüfung zurückkehrt, erhält sie die letzte Lektion in ihrem Leben und steht von diesem Zeitpunkt allein da.“ Sie strich sich nervös die Haare hinter die Ohren. „Leidenschaft, Trevor, kann so gefährlich im Umgang mit dem Cya werden, dass jede Lucyani lernen muss, niemals darüber nachzudenken, oder sich danach zu sehnen.“
„Oh Gott. Ich will den Rest nicht hören“, stieß er hervor und erbleichte. „Vergewaltigung?“
„Nein.“ Sie lächelte bitter. „Es war ja nicht gegen meinen Willen. Ich wusste, was auf mich zukommt. Aber es fand in einer Art und Weise statt, dass ich absolut kein Bedürfnis habe, es zu wiederholen. Ekelhaft, abstoßend und schmerzhaft...“
Trevor konnte sich nicht mehr beherrschen und sprang auf. Ailia fuhr erschrocken zusammen, als er begann auf und ab zu laufen und vor sich hin murmelte: „Diese Schweine... diese gottverdammten Schweine...“ Dann blieb er vor ihr stehen. „Hast du nicht gesagt, du hast noch nie einen nackten Mann gesehen?“
„Hab ich auch nicht. Es war dunkel.“
„Dann weißt du nicht einmal, wer es war?“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.
Er sank vor ihr auf den Boden und ergriff ihre Hände, ließ sie jedoch im gleichen Moment wieder los. „Das ist so grausam, Lucy“, sagte er leise. „Das ist so fürchterlich grausam.“
„Nein, Trevor. Es hilft mir, länger zu leben.“
Er war anderer Meinung. Aber dann erinnerte er sich an ihre Panik vorhin und an ihr Verhalten, als die parapsychischen Impulse sie zu überwältigen drohten. Vielleicht war es für sie wirklich besser, wenn sie eiskalt alle Gefühle ausschloss und bei dem Versuch, das Cya zu manipulieren, durch nichts abgelenkt wurde?
Aber vielleicht wurden die Panik und das Entsetzen gerade erst durch diese extreme Erziehung hervorgerufen. Vielleicht war das eine Extrem erst der Auslöser, der ihren Kopf für das Cya öffnete. Trevor ging sogar noch etwas weiter. Vielleicht wollte niemand, dass Lucyani sehr alt wurden?
„Es tut mir leid“, sagte er leise. „Mir tut alles so leid, was ich zu dir gesagt habe.“
„Das muss es nicht“, widersprach sie. „Ich kann damit umgehen.“
Trevor fluchte wieder. Er hätte sie jetzt gern in den Arm genommen. Sie einfach an sich gezogen und festgehalten, doch er wusste, dass sie es absolut nicht verstehen würde. Ja, dass sie darauf eher wieder mit Panik und Entsetzen reagieren würde.
Seufzend lehnte er sich neben sie an den von der Sonne aufgeheizten Stein. „Reiten wir heute noch weiter?“
Sie verzog den Mund zu etwas wie einem Lächeln. „Ich würde gern eine Höhle finden, so dass wir beide schlafen können.“
„Okay.“
***********
Den ganzen nächsten Tag ging es ihm einfach nicht aus dem Kopf.
Für ihn war dieses Cya ein natürliches Phänomen, ein parapsychisches, ein hyperphysikalisches und er hätte gern gewusst, auf welche Ursache es zurück zu führen war. Für die Menschen auf Avalon war das Cya, vielleicht, weil sie es sehen konnten, eine Gestalt, die - ihrer Meinung nach - handelte.
Immer wieder wanderte sein Blick zu der Lucyani auf dem grauen Hengst an seiner Seite und die Wut über das, was man ihr und ihresgleichen angetan hatte, kochte in ihm.
Am Abend hatten sie einen Felsvorsprung gefunden, der direkt am Fluss lag. Er war an zwei Seiten von Wasser umgeben und an der dritten von Fels. Trevor erklärte, wenn sie das Feuer anließen, wäre es kein Problem, wenn sie beide schliefen und außerdem waren ihnen bisher noch keine Raubtiere begegnet.
Ailia nickte und kümmerte sich um die Pferde, während er sich nach etwas Essbarem umsah. Es verging keine halbe Stunde, als er völlig aufgeregt wieder kam.
„Lucy, ich habe etwas tolles entdeckt!“ Er schnappte Seife und Handtücher, griff wieder einmal nach ihre Hand und zog sie hinter sich her die Felsen hinauf.
Ailia runzelte die Stirn. Er würde es sich nie merken, egal wie oft sie ihn darauf hinwies. Doch dann fiel sie aus allen Wolken, als sie das dampfende Becken in der Felskuhle sah.
„Eine heiße Quelle“, erklärte er stolz. „Das Wasser hat ideale Badetemperatur.“
Ailia hockte sich fasziniert an den Rand des Beckens. „Ich habe davon gehört“, flüsterte sie. „Aber noch keine gesehen.“
„Du kannst zuerst rein“, sagte er großzügig. „Ich werde in der Zwischenzeit unser Abendessen finden.“
Sie nickte. Dann drehte er sich um und ging. Und Ailia kam sich vor wie im Traum. Sie fand schon die heißen Duschen auf den terranischen Raumstationen einfach himmlisch. Eine riesige heiße Badewanne war etwas, was sie noch nie gewagt hatte sich vorzustellen.
Sie streifte ihre Kleidung ab und stieg in das warme Wasser. Ein Duft nach Kräutern stieg in ihre Nase und sie schloss die Augen, als sie sich in das Wasser sinken ließ und den Kopf zurück lehnte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich jemals so glücklich gefühlt hatte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich aufraffte und nach der Seife griff.
Sie lachte leise mit sich selbst, als sich die Seifenflocken in dem Wasser verteilten, während sie ihre Haare einschäumte. Neugierig blies sie in die Seifenflocken und beobachtete, wie die schillernden Blasen in den Himmel stiegen.
Trevor hatte ihr eine ganze Menge Zeit gegeben, ehe er sich wieder auf den Weg zu der heißen Quelle machte, doch er fiel aus allen Wolken, als er sie kichern hörte. Fassungslos blieb er zwischen den Bäumen stehen und schaute zu, wie sie mit den Seifenblasen spielte. Er konnte nicht sehr viel mehr als ihren Kopf und ihre Arme sehen, doch die Art und Weise wie sie sich benahm, trieb ihm plötzlich die Tränen in die Augen. Sie hatte unwahrscheinlichen Spaß an dem Bad.
Er schlug die Hand vor den Mund und lehnte sich schwer atmend an den Baum. Wie einfach es war, eine Lucyani zum Lächeln zu bringen. Er hörte sie wieder kichern, sah sie prustend im Wasser verschwinden und wieder auftauchen und seine Kehle schnürte sich zu. Er sank an den Baum gelehnt zu Boden und schloss die Augen.
Ich fange an, diese Welt zu hassen, ging es ihm durch den Kopf.
Eine Welt, in der eine Frau wie Ailia sich über Seifenblasen freute wie ein kleines Kind und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben einfach nur Spaß hatte.
Wortlos sprang er auf und ließ sie allein. Das letzte, was er jetzt tun würde, wäre, ihr den Spaß zu nehmen.
*************
Er badete im Fluss. Dann zog er dem Hasen das Fell ab, nahm ihn aus und hängte ihn über das Feuer, als Ailia zurückkam. Ihre Haare waren noch feucht und in ihrem Gesicht lag ein so verträumter Ausdruck wie er ihn noch nie gesehen hatte. Und das berührte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte.
„Du warst im Fluss?“, fragte sie erstaunt.
Er nickte, wich ihrem Blick aus und stocherte im Feuer. „Wollte dich nicht stören“, brummte er und sah sie unsicher an.
Ailia suchte nach ihrem Kamm und ihre Augen leuchteten. „Ich habe mich... sehr kindisch... benommen“, flüsterte sie verlegen und setzte sich neben ihn an das Feuer.
„Du hast das Recht dazu.“
Sie lächelte und begann, ihre Haare zu kämmen, während sie gedankenverloren in die Flammen starrte und sich fragte, warum sie sich so leicht fühlte. Und sie musste sich beschämt eingestehen, dass sie in der letzten Stunde keinen Gedanken an die in Lebensgefahr schwebenden Lucyani verschwendet hatte.
Als würde sie es spüren, drehte sie den Kopf und schluckte, als sie sah, dass er sie anstarrte.
„Es hat dir Spaß gemacht, stimmt’s?“, fragte er leise und in seinen Augen war ein Ausdruck, den sie noch nie gesehen hatte und der ihr die Kehle zuschnürte.
„Ja“, flüsterte sie und fühlte sich schuldig. Sie wich seinem Blick aus und kämpfte weiter mit ihren Haaren, die schon wieder hoffnungslos verwuschelt waren. Haare dieser Länge eigneten sich einfach nicht für das Leben in der Wildnis.
„Weißt du was, Lucy?“ Er versuchte munter zu klingen. „Wir werden auf unserem Weg nach anderen heißen Quellen Ausschau halten und immer dort rasten, wo eine ist.“ Er prüfte den Hasen und beobachtete nebenbei ihren Kampf mit ihrem Haar.
„Ich habe eine jüngere Schwester“, kicherte er dann. „Die hat immer lautstark geschimpft, wenn sie ihre Haare kämmen sollte. Ein fürchterliches Spektakel hat sie veranstaltet.“
„Eine Schwester? Wie heißt sie.“
„Eirene.“
Ailia war eine Weile still. Dann sagte sie. „Ich habe noch nie geschimpft.“ Sie starrte traurig ihren Kamm an.
Trevor seufzte. Dann zog er ihr den Kamm aus den Fingern und grinste sie schelmisch an. Und Ailia dachte, sie träfe der Schlag, als er plötzlich hinter sie rutschte.
„Meine Schwester“, hauchte er neben ihrem Ohr, „wollte immer, dass ich ihre Haare kämme. Bis sie alt genug war und sie einfach abgeschnitten hat.“ Dann begann er einfach, den Kamm durch ihre Haare zu ziehen.
Das Entsetzen hatte Ailia wieder im Griff. Sie schluckte krampfhaft und ihr Herz hämmerte wie verrückt in ihrer Brust. In ihrem Leben gab es nicht einmal eine Zofe für solche Dinge. Und jetzt setzte er sich einfach hin und kämmte durch ihre dunklen Locken, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.
„Lucy“, erzählte er weiter. „Eigentlich zählt das jetzt nicht als berühren. Denn ich berühre dich ja nicht. Nur deine Haare und die sind ja eh schon tot. Also bekomme keine Panik.“
„Die habe ich schon“, stieß sie hervor und verfluchte ihre zitternde Stimme.
„Ts, Ts“, schimpfte er gespielt. „Panik ist auch eine Emotion. Also lass es einfach sein.“
Ailia musste unwillkürlich lachen und er war plötzlich der Meinung, noch nie etwas Schöneres gehört zu haben, als dieses leise schüchterne Lachen. Gedankenverloren strich der Kamm durch ihre Haare, obwohl sie schon längst lockig und glänzend über ihre Schultern fielen. Er hätte noch Stunden damit zubringen können.
„Ich glaube, du bist fertig, oder soll ich sie noch mal etwas verwuscheln?“
Trevor riss die Augen auf. War das ein Scherz? Lucys erster Scherz?
„Du kannst das gut“, fuhr sie fort. „Deine Schwester wusste schon, warum sie wollte, dass du ihre Haare kämmst.“
„Lucy“, staunte er und gab ihr, nicht ohne ein leichtes Bedauern, den Kamm zurück. „Ich erkenne dich gar nicht wieder.“ Er setzte sich wieder neben sie und selbst im Schein des Feuers sah er, wie sie rot wurde. Um sie nicht noch weiter in Verlegenheit zu bringen, nahm er den Hasen vom Feuer und teilte das Fleisch.
Ailia fühlte sich eigenartig. Einerseits hatte sein Handeln sie nervös gemacht und ihr einen gehörigen Schecken eingejagt. Aber sie fühlte sich bei weitem nicht so scheußlich wie an dem ersten Tag, als er einfach ihre Hand ergriffen hatte und teleportiert war.
Eigentlich war sie nicht einmal mehr entsetzt. Eher nervös. Und das eigenartige Gefühl in ihrem Bauch, das die ganze Zeit, während er hinter ihr saß, gegenwärtig war, trug nicht dazu bei, ihre Nervosität abklingen zu lassen.
***********
Am nächsten Tag wurden die Pferde nervös. Ailia hatte damit gerechnet und wusste, dass sie wahrscheinlich einen Teil des Weges zu Fuß zurücklegen mussten. Trevor sah genauso blass aus, wie sie selbst und sie beobachtete mehrmals, dass er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht über die Schläfen strich.
Sie schafften es bis zum Abend, die Pferde zum Weitergehen zu überzeugen, doch Ailia erklärte, dass sie den nächsten Tag laufen müssten. Trevor schaute sie müde an und nickte.
„Wir müssen das Gepäck verringern“, sagte er leise. „Nur das Notdürftigste.“
Ailia sattelte schweigend die Tiere ab und ließ sie frei. Sollten sie erfolgreich sein und lebend wieder den Rückweg antreten, war es für sie als Lucyani nicht schwer, die Pferde wieder zu finden. Trevor bewegte sich genauso erschöpft wie sie. Er sortierte die Sättel auf einen Haufen.
„Die Zelte müssen wir auch hier lassen“, erklärte er und sah zu Ailia, die sich gesetzt , mit dem Rücken an die Felswand gelehnt und die Augen geschlossen hatte. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, noch jagen zu gehen, sondern nahm ein paar der gesammelten Früchte und sank neben sie. Ailia öffnete ihre Augen wieder, als er ihr eine Frucht reichte. „War es bei deiner Prüfung auch so schlimm?“, erkundigte er sich vorsichtig.
Ailia zog die Knie an und vergrub ihren Kopf in ihren Armen. „Ja“, hauchte sie so, dass er sie kaum verstand. „Aber da wurde der Einfluss von Tag zu Tag schwächer, weil ich mich aus dem Zentrum entfernte. Diesmal ist es umgekehrt. Und es wird noch einen Rückweg geben...“
„Was ist mit dem Portal? Wird es nicht wieder funktionieren?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, was uns erwartet...“
Er fluchte unhörbar für ihre Ohren. Paraenergie war eine der am wenigsten untersuchten Energieformen. Aber genauso wie bei jeder anderen Energieform, konnte auch der Einfluss der Paraenergie zu hoch werden. Ailias Augen leuchteten schon wieder golden und sie musterte durch halb geschlossene Lider die Umgebung.
„Was hatten diese Lucyani vor?“
Sie seufzte. „Sie wollten ihre Kräfte bündeln und geballt gegen das Cya vorgehen, um es zu vernichten.“
„Vernichten?“ Er war zwar kein Physiker, aber er wusste, dass man Energie nicht einfach so vernichten konnte. Das einzige, was möglich war, war sie umzuwandeln in eine andere Energieform und eine eisige Klaue legte sich um sein Herz. Wenn er sich diese immensen Mengen an Paraenergie vorstellte, die den Planeten umschlossen, konnte er sich bildlich vorstellen, wie ein derartiges Experiment ausgehen würde. Wahrscheinlich war es gut, dass es fehlgeschlagen war.
„Ich habe immer die Meinung vertreten, dass man das Cya nicht vernichten kann“, erklärte Ailia. „Aber man kann es beruhigen und glätten...“
„Lucy?“ Er drehte sich zu ihr um. „Ich würde gern mal sehen, was du siehst. Oder ist das auch ein Tabu?“
„Wie meinst du das?“ Sie sah ihn erstaunt an.
„Ich bin ein Telepath. Wenn du mich in deinen Kopf lässt, kann ich das sehen, was du siehst“, erklärte er einfach.
„In meinen Kopf lassen?“, echote sie fassungslos.
Er verzog das Gesicht zu einem missglückten Grinsen. „Hast du dich noch nie mit einer anderen Lucyani unterhalten, ohne zu reden?“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.
Trevor griff nach ihrer Hand und lächelte verschmitzt. „Hab vergessen, dass ihr euch selten unterhaltet.“
Ailia starrte auf ihre Hand in seiner. „Es will einfach nicht in deinen Kopf, dass du mich nicht berühren sollst, ja?“
Er grinste. „Du siehst schon gar nicht mehr panisch aus.“ Er schloss seine beiden Hände um ihre und sah sie ernst an. „Lucy, wenn ich dich berühre, ist es einfacher, eine Verbindung zu deinem Kopf herzustellen. Würdest du es tun? Mich das Cya sehen lassen?“, bat er dann.
Sie zögerte einen Moment. „Was... muss ich machen?“, erkundigte sie sich dann leise.
„Entspann dich. Ich versuche, dich zu erreichen.“ Seine Augen schlossen sich und er konzentrierte sich nur auf seine mentalen Sinne. Trotz des parapsychischen Chaos um ihn herum, konnte er Ailias Präsenz ausmachen und tastete sich langsam zu ihr vor. Er spürte ihr Erschrecken, das urplötzlich in Erstaunen überging und lächelte unbewusst.
Verstehst du mich?
Sie fuhr erneut zusammen, wollte ihm die Hand entziehen, doch er hielt sie fest, bis sie sich langsam wieder beruhigte.
Ja. Ihre Gedanken waren nur ein Hauch.
Es ist ganz einfach, Lucy, beruhigte er sie und die Faszination, die von ihr ausging, war plötzlich greifbar.
Wie ist das möglich?
Es ist Telepathie. Wir tauschen unsere Gedanken aus.
Das ist... phantastisch...
Und dann spürte er die Bilder und er war froh zu sitzen. Fassungslos sah er durch ihre Augen in eine Welt, die sein Vorstellungsvermögen überschritt. Die Natur verschwand fast komplett. Farben verschwanden. Und wie einen feinen Nebel sah er grelle weiße Schleier, die zwischen den Bäumen entlang krochen. Sie flossen mit dem Wasser des Flusses. Sie tanzten in konzentrierten Wirbeln, die noch greller leuchteten, auf der Wiese. Dann drehte Ailia den Kopf und er sah sich selbst, umgeben von einer Aura aus hellem warmem Licht.
Du bist von sehr starkem Cya umgeben, vernahm er ihre Gedanken. Ich habe es schon auf der terranischen Raumstation gesehen. Dieses Cya steht dir zur Verfügung. Je stärker es ist, umso stärker sind deine Kräfte.
Ihr Kopf wandte sich wieder der Natur zu. Im Normalfall wären die Energieschleicher kaum sichtbar. An manchen Stellen mehr, an manchen weniger. Hier in dieser Gegend ist das Cya allgegenwärtig.
Fasziniert folgte Trevor ihren Ausführungen. Versuchsweise blies er – rein gedanklich – in die Schleier und beobachtete fassungslos, wie die weißen Nebel durcheinander wirbelten.
Wow, dachte er laut und spürte ihr Lachen.
Du manipulierst das Cya. Das ist es.
Wir könnten auf dem Weg, den wir gehen, die Cya-Konzentration senken. Er konzentrierte sich weiter und drängte das Cya von ihrem Sitzplatz zurück, bis nur noch seine und ihre Aura leuchtete. Es war das gleiche, als wenn er eine telekinetische Wand errichten würde, nur dass er es jetzt sah.
Ailias Hand in seiner begann zu zittern. Was tust du?, flüsterte sie entgeistert.
Ich schaffe einen Platz, an dem wir uns ausruhen können.
Hör auf. Du machst das Cya zornig.
Trevor öffnete seine Augen und sah, wie sie ihn mit großen goldenen Augen ängstlich anstarrte. Die Verbindung zu ihrem Geist stand noch immer und er fühlte verschwommen ihre Sicht neben seiner normalen. Langsam hob er ihre Hand an seine Lippen und flüsterte:
„Lucy, das Cya ist kein Wesen.“
In ihrem Kopf herrschte plötzlich ein völliges Durcheinander, das Trevor noch immer spürte, da sie die Verbindung von sich aus nicht trennte. Und er spürte genauso, dass es nichts mit seiner Aussage zu tun hatte. Er lächelte leicht, als seine Lippen ihre Finger berührten, ohne dass er sie aus den Augen ließ.
„Das Cya wird nicht zornig“, fuhr er fort. „Es greift dich nicht an. Es kämpft nicht gegen dich.“
Ihr Mund öffnete sich, als wolle sie etwas sagen, doch kein Wort kam über ihre Lippen. Ailia nahm seine Worte kaum wahr, weil sie mehr damit zu tun hatte, zu verarbeiten, was er mit ihren Fingern anstellte.
„Aber es kann dich verletzen und töten, weil es eine Naturgewalt ist. Wie Blitze. Oder Stürme. Oder Feuer...“
Ailia schluckte. Es war wieder da, dieses komische Gefühl in ihrem Bauch und sie fühlte sich scheußlich, eben weil sie genau wusste, dass sie im Moment nicht logisch und klar denken konnte. Das war es, wovor man sie in ihrer Ausbildung warnte.
Er ließ ihre Finger abrupt los, als hätte er sich verbrannt und schlagartig trennte sich die Verbindung zwischen ihren Köpfen.
„Das ist nicht wahr, Lucy!“, zischte er zornig und irgendwie verletzt. Doch als er die Angst in ihren Augen sah, knirschte er wieder mit den Zähnen. Seine Hand schlang sich um ihren Nacken und er zog sie an sich. „Ailia“, sagte er ernst und zwang sie, ihn anzusehen. „Was wir gerade getan haben, diese mentale Verbindung, macht uns beide stark. Verstehst du? Weil wir zu zweit sind und wir sind zu zweit stärker als ein Mensch allein. Vielleicht schaffen wir es wirklich nicht, uns durch dieses Cya-Chaos zu kämpfen, aber wir haben eine größere Chance, wenn wir unsere Kräfte vereinen.“
„Ich kann das nicht tun“, flüsterte sie erstickt. „Es widerspricht allem, was ich gelernt habe...“
„Es ist der Erfolg, der zählt“, sagte er leise. Er hob seine zweite Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Lucy, ich verspreche dir, ich werde dich nicht allein lassen. Ich kann dir keinen Erfolg versprechen, aber ich kann versprechen, dass du nicht allein bist. Und wenn wir draufgehen...“ Er grinste. „...dann sterben wir halt gemeinsam.“
Da war Fassungslosigkeit in ihren Augen und auch Unverständnis. Aber mit keiner einzigen Geste versuchte sie, sich ihm zu entziehen.
„Du hast gesagt, eine Lucyani ist immer allein“, fuhr er sanft fort. „Im Moment bist du es nicht, Lucy. Im Moment kannst du dich darauf verlassen, dass ich an deiner Seite stehe.“
„Ich weiß nicht, was das ist.“ Ailia schluchzte auf und eine Träne kullerte ihre Wange hinunter. „Ich weiß nicht, wie es ist, die Verantwortung nicht allein zu tragen...“
Er schlang seine Arme um sie und zog sie an sich. Und sie wehrte sich nicht, sondern sank gegen seine Brust. Trevor vergrub sein Gesicht in ihren Haaren, atmete den würzigen Geruch nach Kräutern ein und wollte am liebsten mit ihr zusammen weinen.
Aber er tat es nicht. Er hielt sie fest und genoss den Moment der Ruhe in seinem Kopf, den das Cya brauchte, um den leeren Raum, den er geschaffen hatte, wieder zu füllen.
Als es soweit war, war Ailia an seiner Brust eingeschlafen und Trevor strich ihr nachdenklich über die dunklen Haare.
Ihm hatte noch nie ein Mensch derart leid getan.
***********
Am nächsten Tag probierten sie es auch.
Als sie ihr Gepäck verschnürt und auf ihrem Rücken befestigt hatte, nahm Trevor Ailias Hand und wies sie an, die Verbindung zu ihrem Kopf wieder zuzulassen.
Es war eigenartig und neu, sich durch diese Welt der strahlenden Nebel zu bewegen. Doch mit neu erwachtem Mut und Selbstvertrauen liefen sie los, und wenn Trevors Konzentration ermüdete, übernahm Ailia die Aufgabe, die Cya-Schleier auf ihrem Weg zur Seite zu blasen.
Die Lucyani konnte kaum fassen, dass es funktionierte. Natürlich war es anstrengend für denjenigen, der gerade mit dem Wegblasen beschäftigt war, aber es war einfacher als immer den permanenten parapsychischen Impulsen ausgesetzt zu sein.
Sie legten mehrere Pausen ein, bei denen sie den Platz, auf dem sie saßen, immer erst von dem konzentrierten Cya befreiten und weiter reisten, sobald sie das Zurückfließen des Cyas spürten.
So vergingen zwei Tage, an denen die zügig vorankamen und trotz der permanenten psychischen Belastung nicht zusammen brachen.
Als sie am Abend des dritten Tages ihr Nachtlager aufschlugen, deutete Ailia zum Horizont. „Morgen oder Übermorgen erreichen wir den Platz, an dem sich das Portal befindet.“
Sie packte einen Teil ihrer Verpflegung aus und setzte sich.
„Und wie lange hast du allein für den Weg gebraucht? Drei Monate?“ Trevor klang fassungslos. Er setzte sich neben sie und sah sie fragend an.
„Ich hatte so eine fürchterliche Angst.“ Sie sah nicht hoch, sondern spielte gedankenverloren mit der Frucht in ihren Händen. „Ich meine, ich *habe* gedacht, das Cya würde mich verfolgen, gegen mich kämpfen, zu versuchen, mich wahnsinnig zu machen. Ich lag manchmal tagelang an ein und derselben Stelle, ehe ich den Willen aufbrachte, weiter zu gehen.“ Das hatte sie noch nie jemandem erzählt.
Trevor sah, wie sie verlegen den Kopf drehte und ihn anschielte. „Jetzt hast du keine Angst mehr“, stellte er fest.
„Keine Ahnung, ob das besser ist. Aber...“ Sie stockte und fühlte schon wieder, wie ihre Wangen anfingen zu glühen. „...irgendwie beruhigt es mich, dass du da bist.“
Er strahlte sie an. „Nach dem, was ich jetzt von dir weiß, habe ich nie erwartet, etwas Derartiges aus deinem Mund zu hören.“ Dann legte er den Kopf schief. „Gab oder gibt es Lucyani, die sich gegen diese strengen Vorschriften auflehnen?“, fragte er neugierig und bemerkte erschrocken, wie Ailias Gesicht zusammen fiel.
„Sehr selten“, sagte sie leise. „Weil wir an die Verantwortung, die wir tragen, wirklich glauben. Und weil wir daran glauben, dass die strengen Vorschriften richtig sind und dazu dienen, uns zu schützen. Aber hin und wieder gab es Lucyani... Keine davon lebt mehr.“
„Was ist passiert?“
„Ich weiß es nicht, Trevor. Ich kann mich nur an einen einzigen Fall erinnern. Eine junge Lucyani, jünger als ich, sie hieß glaube ich Enalia, traf einen jungen Mann, der sie sah und nicht begreifen wollte, dass so eine wunderschöne Frau ihr Leben ohne Liebe verbringen wollte. Das ist auch ein Fluch der Lucyani...“ Ailia klang nachdenklich. „Es wäre um vieles einfacher, wenn wir einfach hässlich wären... Nun ja, Enalia jedenfalls begann ebenfalls etwas für den Mann zu empfinden. Ich glaube nicht einmal, dass da viel mehr war, Enalia hat die letzte Prüfung auch abgelegt und ich denke nicht, dass sie das so schnell vergessen konnte, aber sie begann, seine Gesellschaft zu mögen und seine Begleitung auf ihren Reisen. Irgendwann wurde sie zu einem Notfall gerufen und der junge Mann ging mit. Er wollte ihr helfen und sie begriff nicht, dass das ungezügelte Cya einem Nichtlucyani sehr viel mehr schaden kann. Sie starb im Cya und mit ihr sieben weitere Menschen. Sie wollte zuerst ihn retten und nicht die Menschen, die sie gerufen hatten...“ Ailia hob den Kopf und sah den Terraner an. „Diese Menschen verlassen sich auf uns. Sie glauben an uns.“
Trevor sagte nichts. Es war ein Unfall. Ein Mutant benötigte eine immense Konzentration bei seiner Arbeit und jede kleinste Ablenkung konnte tödlich sein, wenn man sich mit Energien wie dem Cya abgab. Seiner Meinung nach konnte diese hohe Konzentration auch in einem normalen Leben aufgebracht werden, aber es erforderte einen starken Willen und eine starke Selbstbeherrschung. Und so grausam wie diese Prüfung der Lucyani waren, man gab den jungen Frauen diese Selbstbeherrschung. Aber man nahm ihnen auch das Leben...
Dem Druck, jegliches Gefühl in sich zu verschließen, konnte ein Mensch auf Dauer nicht standhalten. Es ging so lange, wie der Glaube an die Wichtigkeit und die Verantwortung noch da war, aber irgendwann wurden die Lucyani müde.
*Das* schwächte den Willen. *Das* schwächte die Konzentration. *Das* verursachte das Versagen...
Es wurde wieder schlimmer. Die Cya-Konzentration erreichte derartige Ausmaße, dass selbst Trevor glaubte, wahnsinnig zu werden. Es war kaum noch möglich, die Energieschleier zu schwächen und sie bewegten sich wie Marionetten, nur von dem Willen gezwungen, das Portal zu erreichen.
Trevor hielt wie immer Ailias Hand, um ihre Sicht zu teilen, doch was sie ihm zeigte, trug nicht dazu bei, ihn zu beruhigen. Die Welt badete in einem grellen weißen Licht. Hier und da zuckten blaue Blitze und Trevor nahm an, dass es vorbei war, wenn solch ein Blitz in ihrer Nähe explodierte. Es waren nur noch wenige hundert Meter bis zu dem tempelartigen Gebäude, in dem sich laut Ailia das Portal befand.
Sie hatten den ganzen Tag kaum ein Wort gewechselt, weil sie ihre gesamte Konzentration benötigten, um gegen die Auswirkungen der hohen Cya-Konzentration zu kämpfen. Ailias Gesicht war genauso blass wie sein eigenes und er sah die dunklen Ringe unter ihren Augen. Er hätte ihr gern Mut gemacht, hätte gern irgendetwas Aufmunterndes gesagt, doch jegliche Worte erstarben schon in seinem Mund, wenn er das Chaos um sich herum betrachtete.
In den goldenen Augen Ailias glänzte ein unbändiger Wille. Ihr Gesicht war genauso verschlossen wie zu Beginn ihrer Expedition und Trevor war froh darüber, weil er im Moment keine Kraft gehabt hätte, mit ihrer Verzweiflung umzugehen. Trotzdem sah er die feinen Schweißperlen auf ihrer Stirn und fühlte dieselben auf seiner eigenen. Eigentlich war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie beide zusammenbrechen würden.
Dann hatten sie den Tempel erreicht und er stieß die großen Türen auf. Sein Kopf dröhnte und er hatte alle Mühe, sich überhaupt soweit zu konzentrieren, dass er etwas sehen konnte.
Ailia folgte ihm in das Innere und er hörte ihr leises Aufstöhnen. Auch er blieb wie vom Donner gerührt stehen, als seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten und er sah, was sich im Inneren des runden Raumes befand.
„Das Portal“, flüsterte die Lucyani.
Ein Transmitter, dachte Trevor. Und er ist aktiviert.
Es waren zwei metallene Säulen in der Mitte des Raumes. Sie glänzten schwarz in einem Metall, das Trevor völlig unbekannt war. Er hatte auch noch nie etwas Derartiges gesehen. An den Säulen befanden sich Schalter, Hebel und Knöpfe, von denen einige in den unterschiedlichsten Farben leuchteten. Aber das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit anzog. Denn zwischen den beiden Säulen gähnte... Nichts. Eine grenzenlose Schwärze waberte in der Luft und schon allein bei dem Hinsehen wurde Trevor schlecht und sein Kopf hämmerte.
„Lucy?“ Er sah sich nach der Lucyani um und bemerkte entsetzt, dass sie an der Wand lehnte und die Augen geschlossen hatte. „Lucy!“ Er sprang auf sie zu und ergriff ihre Arme. “Lucy, was siehst du? Ist es immer so gewesen? War das Schwarz manchmal weg?“ Er schüttelte sie, als sie nicht gleich reagierte und für einen Moment vergaß er sogar das Dröhnen in seinem Kopf.
Ailia richtete sich auf. „Manchmal erlischt es... selten... meistens ist es so...“
„Du hast gesagt, du bist durch das Portal gegangen? Wie, Lucy? Wie habt ihr es aktiviert?“
„Im Kloster... ist ein anderes“, flüsterte sie. „Es öffnet sich nur auf unseren Befehl... Und wenn wir hindurch gehen, sind wir hier... Aber es funktioniert nicht mehr... seit dem Experiment...“
Trevor fluchte lauthals. „Was haben diese Idioten gemacht? An den Knöpfen rumgespielt? Verdammt! Wer hat einen Transmitter auf diesem Planeten gebaut!“ Er sah sich um. „Warte hier, Lucy.“
Ailia sank wieder gegen die Wand und beobachtete, wie er auf die Säulen zuging. Ihre Cya-Sicht funktionierte nicht mehr, alles was sie zeigte, war grelles weißes Licht und deshalb benutzte sie ihre normalen Augen, um ihm zuzusehen. Er studierte die Inschriften an den Säulen und sie hörte ihn wieder leise fluchen.
„Das ist nichts, was ich irgendwo schon einmal gesehen habe“, schrie er und klang wirklich wütend. „Wo sind diese verfluchten Lucyani?“
Er kam zurück, packte ihre Hand und zog sie hinter sich her. Auf der anderen Seite des Raumes war eine weitere Tür, die in den Tempelhof führte. Wortlos öffnete er sie und Ailia schrie bestürzte auf. Sie rannte an ihm vorbei in den sonnenbeschienenen Hof.
„Scheiße!“, fluchte Trevor wieder.
Es waren die fünfzehn Lucyani, die im Kreis auf den Steinplatten saßen. Oder falsch, sitzen war zuviel gesagt. Eigentlich saßen nur noch vier Personen, die anderen lagen. Diese vier saßen in der „normalen“ Meditationspose: Schneidersitz, die Hände auf den Knien abgelegt und mit geschlossenen Augen.
Trevor ging langsam auf den Kreis zu. Er hörte Ailia aufschluchzen und neben einer der liegenden Frauen zusammensinken, doch er beachtete sie nicht. Mit dem, was ihm noch von seinen Parasinnen zur Verfügung stand, horchte er hinaus.
Er hatte keine Ahnung, was passiert war. Die Energie, die von dem Transmitter ausging – irgendeine Art Hyperenergie – umwaberte den Tempel, durchdrang seinen Körper und hämmerte auf seinen Geist ein. Es war schwer, sich zu konzentrieren, aber das konnte unmöglich die Ursache für den Zustand der Lucyani sein, da der Transmitter, laut Ailia, schon immer existierte. Gut, irgendjemand hatte wahrscheinlich die Polung verändert, aber das dürfte keine großen Auswirkungen auf die von dem Ding ausgehende Strahlung haben.
Nachdenklich ging er neben einer der sitzenden Lucyani in die Hocke. Sie sah aus wie eine Statue, er konnte keinerlei Lebensfunktionen entdecken. Zögernd hob er seine Hand zum Puls der jungen Frau.
Nichts.
Er wollte schon los lassen, als er einen Schlag spürte.
Puls.
Erschrocken starrte er in die geschlossenen Augen der Frau und wartete. Bis der nächste Schlag kam. Oh Gott. Er sah auf seine Uhr und verfolgte den Pulsschlag. Zwei Schläge pro Minute.
Er stand auf und fuhr sich nervös durch die Haare. Dann zwang er sich, die restlichen Lucyani zu untersuchen. Die vier sitzenden Personen wiesen alle dieselbe Pulsfrequenz auf wie die erste. Die liegenden Personen waren tot.
Erst jetzt wurde ihm wieder bewusst, dass er nicht allein war. Ailia saß auf den Steinplatten und schluchzte hemmungslos. „Sie sind alle tot. Sie sind alle tot“, weinte sie und wehrte sich nicht, als Trevor sie hochzog.
„Sind sie nicht“, sagte er leise. „Aber sie werden es bald sein. Lucy, hör mir zu!“ Sie reagierte nicht, sondern schluchzte nur noch viel lauter.
„Wir sind zu spät... Sie sind tot...“
„Lucy!“ Auch sein Schütteln half nichts. „Verdammt!“, fluchte er unbeherrscht. „Das ist jetzt der Zeitpunkt, für den du ausgebildet worden bist, Lucyani! Keine Gefühle! Verdränge sie! Du hast sie nicht! Waren das nicht deine Worte?! Reiß dich jetzt zusammen!“
Sie erstarrte in seinen Armen und blinzelte ihn kurz an. „Sehr gut“, bestätigte er. „Vier dieser Frauen leben noch, Lucy. Sie befinden sich in einer tiefen Trance. Und das ist auch der Grund, warum sie noch leben, da sie wahrscheinlich seit dem Experiment weder Nahrung noch Wasser zu sich genommen haben. Ihre Körperfunktionen sind extrem verlangsamt. Hast du das verstanden?“
Sie nickte. Die Tränen hatten aufgehört zu fließen und er sah ihr Gesicht zu der ausdruckslosen Maske werden, die er am Anfang so gehasst hatte. Jetzt beruhigte es ihn ungemein.
„Sie müssen aus diesem Gebiet heraus“, fuhr er fort. „Mein Funkgerät funktioniert in diesem Chaos nicht, aber wenn wir es schaffen, diese Frauen in ein Gebiet mit geringerer Cya-Konzentration zu bringen, kann ich Hilfe aus dem terranischen Stützpunkt anfordern.“
„Wie?“
„Ich werde teleportieren“, sagte er ernst.
„Du kannst nicht teleportieren, Trev...“, hauchte Ailia entsetzt.
Er sah sie fest an. „Lucy, du schaffst einen Platz ohne Cya, in dem ich teleportieren kann.“
„Was?“ Ailia brach fast zusammen, und wenn seine Hände an ihren Oberarmen sie nicht gehalten hätten, wäre es auch passiert.
Er nickte. „Das ist dein Job, Lucyani. Dafür bist du ausgebildet. Dafür hast du all die Opfer auf dich genommen. Um Menschen zu retten. Also tu es!“
Ihre Schultern strafften sich und sie hob den Kopf. „Ja.“
Trevor ließ sie los und deutete auf die erste Lucyani.
Später konnte er nicht mehr sagen, wie er es geschafft hatte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Ailia das Cya soweit zurück gedrängt hatte, dass er eine Teleportation wagen konnte. Er war auf den Schmerz vorbereitet, der ihn durchzuckte, als er die erste Teleportation wagte. Es war ein immenser Kraftakt, doch er schaffte es und materialisierte an der angepeilten Stelle, auch wenn sein Körper sich anfühlte, als wäre jeder Knochen in seinem Leib gebrochen.
Er informierte DAYLIGHT mit kurzen prägnanten Worten über das Geschehen und war froh, als der Kommandant zusagte, sofort einen Medogleiter an den vereinbarten Punkt zu schicken.
Dann teleportierte er zurück, lächelte die blasse Ailia kurz an und teleportierte erneut. Es wurde schlimmer und er wusste nicht, ob er die Kraft für alle Teleportationen hatte. Doch auch die dritte Person lag nun neben den anderen beiden in dieser bewusstlosen Starre. Trevor hörte das Summen des kommenden Gleiters und freute sich, dass wenigstens diese drei gerettet wurden. Dann teleportierte er erneut und sank von Schmerzen gepeinigt auf die Knie, als er im Tempelhof materialisierte.
Ailia starrte ihn verzweifelt mit schweißüberströmtem Gesicht an. Er taumelte wieder auf seine Füße und schleppte sich zu der letzten bewusstlosen Lucyani. Ailia sank auf die Knie und atmete genauso keuchend wie er selbst.
Trevor drehte sich noch einmal zu ihr um, schlang seinen Arm um ihren Hals und lehnte seine Stirn an ihre. „Halt den Platz frei vom Cya“, stieß er hervor. „Ich komme wieder.“
„Nein“, flüsterte sie erstickt. „Du schaffst es nicht noch einmal. Ich finde zurück.“
„Vergiss es, Lucy!“ Dann küsste er sie, kurz und hart, und diesmal wehrte sie sich nicht. „Ich komme zurück.“
Er ließ sie los und ergriff die Hand der bewusstlosen Frau. Seine Augen schlossen sich und die Paraenergien, die ihm zur Verfügung standen, folgten seinen Befehlen. Er wollte es kaum glauben, aber er materialisierte tatsächlich neben dem Gleiter.
Er hörte einen Aufschrei und sah zwei Terraner mit einer Trage auf sich zukommen. Sie luden die bewusstlose Frau auf und wollten ihm in den Gleiter helfen.
„Nein“, wehrte er ab. „Doc, spritzen Sie mir irgendwas. Ich muss noch einmal zurück.“
Der Arzt sah ihn nachdenklich an. „Sie fordern zuviel. Sie sind am Ende Ihrer Kräfte.“
„Tun Sie, was ich sage!“ fauchte Trevor gereizt und seufzte, als er den Einstich der Spritze spürte und neue Kraft in seinen Körper fuhr. „Danke.“ Er richtete sich auf und teleportierte ein letztes Mal.
************
Ailia hatte Angst.
Die Lucyani waren gerettet und sie war allein. Wie immer.
Sie schlang die Arme um ihren eigenen Körper, um ihr Zittern zu unterdrücken und bemühte sich krampfhaft, die Konzentration zu bewahren. Es war falsch, dass er noch einmal zurückkam. Er war in Sicherheit und sie musste in der Lage sein, den Rückweg allein zu finden. Es war nicht nötig, dass er sich noch einmal in Gefahr begab.
Würde er wirklich zurückkommen?
Sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als er materialisierte und taumelnd zum Stehen kam. Ailia stürzte auf ihn zu und fing ihn auf, als er zusammen zu sinken drohte.
„Du dummer, dummer Terraner“, weinte sie auf, als sein Kopf an ihre Schulter sank. Er würde keine Kraft für eine weitere Teleportation haben. Es würde ihn töten. Sie schlang ihren Arm um ihn, um ihn zu stützen und zog ihn mit sich aus dem Tempel hinaus. „Komm ja nicht auf den Gedanken, zu teleportieren.“
Sie wusste nicht, wie er es schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihre eigene Angst war vergessen. Alles was sie jetzt beherrschte, war der Gedanke, dass er sterben würde, wenn sie sich noch lange in diesem Gebiet mit der hohen Cya-Konzentration aufhielten.
Warum war er zurückgekommen?
Sie wischte fahrig die Tränen aus ihren Augen und verdrängte den Gedanken an die toten Lucyani. Sie brauchte jetzt all ihre Kraft, um den Terraner dazu zu bewegen, mit ihr zu laufen. Er sprach kein Wort, aber die Art und Weise, in der er sich auf sie stützte, sagte ihr, dass er allein verloren war.
Er war wegen ihr zurückgekommen.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Wahrscheinlich waren sie jetzt beide verloren.
Du kannst dich darauf verlassen, dass ich an deiner Seite stehe. Und wenn wir draufgehen... dann sterben wir halt gemeinsam.
Seine Worte stiegen in ihrem Kopf auf und ihr Blick richtete sich wütend nach vorn. Noch gab sie nicht auf. Noch hatte sie die Kraft weiterzugehen.
Am Abend brach er zusammen, doch sie waren jetzt schon weit vom Portal entfernt und eine Schwächung des Einflusses deutlich bemerkbar. Sie legte ihn in das Gras und sah sich um. Es gab nichts mehr zu Essen und sie pflückte einige der Früchte von dem Baum, unter dem sie lagerten.
Trevor hatte das Bewusstsein noch nicht wieder erlangt. Ailia erinnerte sich plötzlich wieder überdeutlich an den Tag, als sie fast zusammengebrochen war und seine Energie, die auf sie überströmte, ihr geholfen hatte. Sie aß ein paar von den Früchten und hob noch einige für den Fall auf, dass er das Bewusstsein wiedererlangen würde.
Dann lehnte sie sich an den Baum und tat etwas, was noch nie eine Lucyani vor ihr getan hatte. Sie zog den Terraner neben sich, schlang ihre Arme um ihn und versuchte, eine Verbindung zu seinem Geist herzustellen.
Sie spürte ihn, wenn auch nur verschwommen und schwach, aber es erschreckte sie nicht. Eigentlich war jeglicher Schrecken vergessen. Das einzige, was sie im Moment noch interessierte, war, dass er am Leben blieb.
Sie schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können und alles um sie herum verschwamm zur Nebensächlichkeit, als sie sich bemühte, einen Teil ihrer Energie auf ihn fließen zu lassen.
*****************
Trevor erwachte und als erstes stieg ihm der vertraute Geruch nach Kräutern in die Nase. Fassungslos stellte er fest, dass er an Ailias Brust lehnte und ihre Arme ihn festhielten. Er fühlte sich besser, weitaus stärker, als er nach der Anstrengung angenommen hatte. Nachdenklich hob er seinen Kopf.
Sie schlief. Ihr Kopf, der an seinem gelehnt hatte, sank zur Seite, als er sich vorsichtig, um sie nicht zu wecken, von ihr löste und sie in das Gras zurück bettete. Er sah die Früchte neben ihr liegen und sein Magen fing an zu knurren.
Noch immer nachdenklich, setzte er sich und betrachtete die schlafende Lucyani, während er die ähnlich wie Äpfel schmeckenden Früchte kaute. Er sah die Tränenspuren auf ihren Wangen und selbst der Schlaf konnte die Trauer und die Verzweiflung nicht vollkommen weg wischen.
Als würde sie seinen Blick spüren, rührte sie sich und öffnete die Augen. Es war ein trauriges Lächeln, das plötzlich ihre Lippen umspielte. „Du bist wach.“ Er nickte schweigend und Ailia richtete sich auf. „Geht es dir besser?“
Er nickte wieder. „Was hast du getan?“
Sie fuhr müde über ihre Augen. „Das gleiche wie du. Ich habe dir Kraft gegeben.“
Er konnte kaum glauben, dass sie das sagte und schluckte. „Was hast du?“ Sie sah ihn nur mit großen Augen an. „Lucy, du hattest selbst nicht genug!“
„Du hast gesagt, wenn wir draufgehen, dann zusammen“, flüsterte sie und er fing an zu husten, weil er sich an dem Apfel verschluckte. Ailia stand auf. „Wir müssen weiter, Trevor.“
Sie klang, als bedauere sie, noch zu leben und er sprang ebenfalls auf. „Lucy...“ Seine Hand fing sie ein, bevor sie einfach losmarschierte. „Wir teleportieren.“
„Sicher?“, fragte sie schwach und er nickte.
„Um die Pferde brauchen wir uns doch jetzt nicht zu sorgen, oder?“
„Nein.“ Ailia schüttelte den Kopf. Da würden ganz andere Sorgen auf sie zukommen.
Schlagartig bestand die Gemeinschaft der Lucyani aus elf Menschen weniger. Das war mehr als die Hälfte, die fehlte und Ailia wusste nicht, wie sie dieses Defizit ausgleichen sollten. Sie fühlte sich noch immer so furchtbar müde und nahm an, dass es auch zum Teil daran lag, dass sie den Terraner mit ihrer Energie versorgt hatte. Am liebsten hätte sie sich auf die Erde gesetzt und geweint. Nur ihre strenge Erziehung hielt sie davon ab.
Trevor sah die unterschiedlichsten Emotionen über ihr Gesicht huschen. Emotionen, von denen sie behauptete, sie hätte sie nicht: Trauer, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit... Er wusste im Moment nicht genau, warum. Deshalb hielt er einfach ihre Hand fest, konzentrierte sich auf ihre Burg und teleportierte.
Es traf ihn wieder wie ein Schlag und er holte keuchend Luft, als sie materialisierten. Das war wirklich das letzte Mal. Jetzt brauchte er dringend Ruhe. Schweigend marschierte er an Ailias Seite in den Burghof und stellte fest, dass ihm Ailias leerer Gesichtsausdruck so gar nicht gefiel.
Teresa, die nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hatte, stürzte in den Hof und als sie Ailia sah, hielt wahrscheinlich nur der feste Griff der Magd, die geistesgegenwärtig zugegriffen hatte, sie davon ab, Ailia um den Hals zu fallen.
„Oh Gott“, murmelte sie entsetzte. „Lucyani. Oh Gott. Ihr seht... schrecklich aus.“
Ailia schlich an ihr vorbei in die Burg und murmelte nur. „Ich brauche Ruhe, Teresa. Bitte kümmere dich um unseren Gast.“
„Ihr müsst essen, Lucyani. Bitte“, flüsterte die ältere Frau und rang verzweifelt die Hände.
Dann fiel ihr Blick auf Trevor, der grübelnd hinter Ailia herstarrte. „Du siehst nicht viel besser aus, Trevor.“
„Wir leben noch“, antwortete er leise und ließ sich von der Frau zur Küche führen.
Teil 8
Eine Stunde später war er gesättigt, doch seine Sorge um Ailia wollte nicht
abklingen.
„Wieso will sie nichts essen?“, nervte er Teresa schon zum hundertsten Mal.
„Ich habe ihr etwas Brühe auf ihr Zimmer geschickt“, erklärte die Frau. „Morgen
geht es ihr besser. Es ist meist so, wenn sie von einer anstrengenden Mission
zurück ist.“ Nur sieht sie diesmal so traurig aus.
Trevor empfing die Gedanken, obwohl er es nicht wollte.
„Was ist passiert?“, fragte Teresa mitfühlend.
„Die Hälfte der Lucyani ist tot. Oder mehr als die Hälfte, denke ich.“
Teresa sank auf ihren Stuhl und presste die Hand auf den Mund. „Oh Gott, was
soll aus uns werden“, flüsterte sie entsetzt. „Kein Wunder, dass Ailia so...“
verzweifelt ist. Sie weiß, dass die wenigen Lucyani keine Chance haben...
Trevor runzelte die Stirn. „Trotzdem muss sie essen. Wo ist ihr Zimmer?“ Er
stand auf und packte etwas Brot und gebratenes Geflügel auf einen Teller.
„Trevor, du kannst nicht zu ihr gehen“, fuhr Teresa entsetzt auf. „Niemand stört
eine Lucyani, die allein sein will.“
„Ich will diesen Quatsch nicht länger hören!“, fuhr er zornig auf.
Teresa stellte sich in seinen Weg. „Du darfst ihr Zimmer nicht betreten.“ Er
starrte sie an und plötzlich sah sie die Antwort in seinen Augen. Ihr Atem
stockte. Das konnte nicht sein.
„Teresa“, sagte er leise.
Die ältere Frau trat langsam zur Seite und ihr Blick folgte ihm, als er die
Treppen hinauf stieg. Ailia war wie eine Tochter für sie und sie hatte sich
manchmal tagelang mit Vorwürfen gequält, weil sie nicht wusste, wie sie der
Lucyani helfen konnte, wenn sie so traurig und verloren wirkte. Sie zeigte
dieses Gesicht niemandem. Lucyani wurden so erzogen, aber vor Teresa konnte sie
es nicht verheimlichen. Teresa sah auch die Tränenspuren in ihren Augen und
wusste, dass sie manchmal nachts weinte. Doch ihr war nie in den Sinn gekommen,
etwas daran zu ändern, weil es einfach das Schicksal einer Lucyani war.
Und sie war auch nicht davon überzeugt, dass es richtig war, Trevor jetzt hinauf
zu ihrem Zimmer steigen zu lassen. Doch sie würde ihn nicht daran hindern, denn
das, was sie in seinen Augen gesehen hatte, war stärker als ihre Bedenken.
*************
Für Trevor war es nicht schwer, Ailias Zimmer zu finden. Die Gedanken der Diener
in der Burg wiesen ihm den Weg.
Er klopfte leise. „Lucy?“
Er hatte keine Antwort erwartet und bekam auch keine. Dann klopfte er lauter.
„Lucy?“
Wieder keine Antwort. „Ich komme jetzt rein“, rief er und öffnete die Tür.
„Nein!“ Ailias Kopf fuhr erschrocken hoch. Entsetzt sah sie ihn durch die Tür
treten und sie hinter sich schließen.
Trevor ging langsam auf sie zu. Sie saß an dem kleinen Tisch in ihrem Zimmer,
den Kopf in den Armen vergraben und er sah die Tränen, die ihre Wangen hinunter
liefen und die wahrscheinlich niemand sehen sollte. Wortlos stellte er den
Teller auf den Tisch.
„Geh“, flüsterte sie.
„Vergiss es“, sagte er leise und deutete auf das Essen. „Du hast mich mal
gezwungen, Nahrung zu mir zu nehmen. Erinnerst du dich? Ich habe dich damals
verflucht. Und jetzt kannst du meinetwegen mich verfluchen. Aber ich gehe erst,
wenn du gegessen hast und wenn diese Tränen aus deinem Gesicht verschwunden
sind.“
„Du... darfst nicht hier sein“, stieß sie hervor und wischte sich über die
Augen. Es half nichts, denn die Tränen liefen unvermindert weiter.
„Hab ich dir schon mal gesagt, dass mich das herzlich wenig interessiert? Also,
was ist? Soll ich dich füttern?“, spottete er und zwang sich selbst, normal zu
klingen.
Ailia starrte das Essen an. „Ich krieg nichts runter...“, piepste sie und ihr
Kopf sank wieder auf ihre Arme.
Trevor zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. „Warum weinst du?“
„Geh endlich“, schluchzte sie.
Er legte ihr seine Hand auf den Rücken und fühlte sie zusammenzucken. „Komm
schon, Lucy. Red mit mir“ sagte er leise. „Du müsstest mich jetzt eigentlich gut
genug kennen und wissen, dass ich nicht gehen werde.“
Sie schniefte und hob ihr tränenüberströmtes Gesicht. Sie hätte nie zulassen
dürfen, dass er sie so sah. Doch sie wusste nicht, wie sie es hätte verhindern
können. Ihr Körper bebte, weil sie noch immer mit den Tränen kämpfte. „Es ist
alles so sinnlos, Trev“, brachte sie dann hervor. „Sie sind alle tot... Es sind
nicht mehr genug Lucyani da...“
„Lucy“, sagte er warnend, hob seine Hand und strich ihr sanft über die Haare.
„Das ist kein Grund nicht zu essen. Oder möchtest du auch noch ausfallen?“
„Wir haben keine Chance mehr. Ich bin die einzige einsetzbare Lucyani. Ich kann
nicht überall zugleich sein. Menschen werden sterben... Und ich werde nicht
helfen können...“ Sie brach ab. „Warum sind sie so sinnlos gestorben? Warum ist
das alles so ungerecht?“
Er zog sie an sich und sie überraschte ihn, indem sie ihr Gesicht an seiner
Brust vergrub und wieder weinte. „Ich...“ Er holte tief Luft. „Ich kann bleiben,
Lucy.“
Ihr Weinen verstummte abrupt und sie hob ihr Gesicht. „Was?“
„Ja“, bestätigte er. „Und ich kann einen Hilferuf an alle verfügbaren Mutanten
schicken. Es wird eine Weile dauern, bis Freiwillige eintreffen, aber bis dahin
kann ich dich an jede Ecke dieses Planeten teleportieren und damit verhindern,
dass Menschen sterben, weil du nicht schnell genug bei ihnen sein kannst.“
Sie starrte ihn stumm und fassungslos an.
„Und ich kann ein Team von Wissenschaftlern anheuern, die sich um dieses blöde
Portal kümmern und es vielleicht endlich abschalten. Vielleicht dämmt das die
Cya-Konzentration ein wenig ein.“
Ailia Hände klammerten in seinem Shirt und ihre Gedanken wirbelnd so chaotisch
durcheinander, dass ihr für einen Moment die Worte fehlten. „Wieso...?“ brachte
sie dann heraus. „Wieso tust du das?“
„Ich...“ Er verstummte, verschluckte, was er eigentlich sagen wollte und
flüsterte. „Ich möchte dir helfen.“
„Warum?“, fragte sie verzweifelt. „Du hast genug getan, Trev. Das ist jetzt meine
Aufgabe.“
Trevor ließ sie los und sprang auf. Ihm lag eine zornige Erwiderung auf der
Zunge, doch er verkniff sie sich und blieb mit verschränkten Armen vor dem
großen Fenster stehen. „Nein, Ailia. Es ist nicht nur deine Aufgabe. Ich stecke
genau so tief drin wie du.“ Dann drehte er sich um und das Feuer in seinen Augen
ließ sie erstaunt zurück fahren. „Ich habe nicht mein Leben riskiert, um dann
zuzusehen, wie alles noch schlimmer wird, weil du glaubst, du bräuchtest keine
Hilfe. Du brauchst sie. Zumindest bis die vier Lucyani wieder einsatzfähig
sind.“ Er packte den Teller und knallte ihn vor ihr auf den Tisch. „Und du
beginnst jetzt damit, indem du isst!“
*************
* Zehn Wochen später *
Trevor hätte nie für möglich gehalten, dass es einmal etwas geben würde, das ihm
derart Spaß machte. Aber es war so. Die vergangen zehn Wochen erschienen ihm
fast wie ein Traum.
Er hielt sein Versprechen. Terranische Wissenschaftler stürzten sich mit
Enthusiasmus auf das Geheimnis des Transmitters. Noch waren sie nicht weit
gekommen, aber das war angesichts der Verhältnisse in diesem Gebiet auch nicht
anders zu erwarten gewesen. Leider gab es keinen einzigen Mutanten, der bis
jetzt seinem Ruf gefolgt war, so dass es im Moment wirklich an Ailia hing, den
unheimlichen Ereignissen, die auf Avalon passierten, auf den Grund zu gehen. Die
fünf Lucyani, die außer ihr noch tätig waren, hingen an bestimmten Plätzen fest,
die sie nur selten oder gar nicht verlassen konnten. Die vier geretteten Frauen
befanden sich noch immer in der Krankenstation DAYLIGHTs. Sie hatten das
Bewusstsein wieder erlangt, aber es würde noch eine Weile dauern, bis man an
einen Einsatz von ihnen überhaupt denken konnte.
Trevor erinnerte sich noch deutlich an den Tag, an dem er den terranischen
Ärzten über das Leben und die Arbeit der Lucyanis berichtet hatte und sie bat,
darauf zu achten, dass niemand in die Nähe der Frauen kam. Sie hatten erstaunt
und fast verständnislos reagiert und nur Trevors geknurrte Drohung, dass sie
dafür verantwortlich wären, wenn die Lucyani ihre Kräfte benutzten und sie
verletzten, hatte dazu beigetragen, das man die Frauen mit Vorsicht behandelte.
Er verbrachte die zehn Wochen an Ailias Seite, da er sie an jeden Punkt des
Planeten teleportierte, von dem aus ihre Hilfe angefordert wurde. Meist kehrten
sie am Abend in die Burg zurück, sehr zur Freude Teresas und anfangs auch zur
Freude der Magd Emelie, die jedoch sehr schnell feststellte, dass Trevor sich
zwar gern mit ihr unterhielt, seine Gedanken jedoch immer wieder zu der Lucyani
zu eilen schienen. Emelie hatte mehrmals versucht, ihm zu erklären, dass eine Lucyani nie ein Gefühl für einen anderen Menschen entwickeln konnte. Er wollte
es nicht hören. Er war sogar sehr zornig geworden, als Emelie sagte, dass Ailia
in dem Moment sterben würde, wenn sie ein Gefühl zuließ. Wütend hatte er die
Küche verlassen und vor sich hin geflucht, dass alle Avalonier hartherzige
Idioten wären, wenn sie an diesen Mist glaubten.
Aber er belästigte Ailia nicht damit. Er war froh, dass sie seine Hilfe annahm
und sich nicht weigerte, an seinen Teleportationen teilzunehmen. Er beobachtete
mit welcher Hochachtung man der Lucyani begegnete und mit welchem Respekt. Er
sah Hoffnung in verzweifelten Augen aufglimmen, wenn sie erschien und sah die
dankbaren Blicke, die ihnen folgten, wenn sie erfolgreich einen der Orte
verließen.
Ab und zu schaffte er es, ein Lächeln in Ailias Gesicht zu zaubern, oder sie zu
einem Gespräch zu verleiten. Er wusste jetzt, dass das nicht normal war und dass
sich jede Lucyani bemühte, so wenig wie möglich am gesellschaftlichen Leben
teilzunehmen. Umso mehr freute er sich über solche Kleinigkeiten.
An diesem Abend jedoch geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte.
Sie befanden sich in einem kleinen Ort namens Kanuis in der Nähe des Klosters,
in dem Ailia aufgewachsen war. Da es schon sehr spät war und sie beide von der
Anstrengung des Tages müde, beschlossen sie, in einem der Gasthäuser zu
übernachten und erst am Morgen zur Burg zurück zu kehren.
Sie hatten gegessen und Trevor wollte schon zur Treppe gehen, die zu ihren
Zimmern führte, als er sah, dass Ailia noch ein paar Worte mit dem Wirt an der
Theke wechselte. Das war nicht ungewöhnlich. Die Menschen freuten sich, wenn eine Lucyani auftauchte, um ihnen zu helfen. Er wollte sich gerade umdrehen, als er
einen Mann auf Ailia zugehen sah. Er runzelte die Stirn. Es war noch nie
passiert, dass sich jemand der Lucyani näherte, ohne dass diese ihn ansprach.
Dann sah Trevor den Mann seine Hand heben und Ailia auf den Arm legen.
Wenn sich Trevor richtig erinnerte, war das allein schon ein Verbrechen, aus avalonischer Sicht. Er wollte auf sie zugehen, als alles gleichzeitig passierte.
Ailia fuhr herum und ihre Augen leuchteten so golden wie er es noch nie gesehen
hatte. Es herrschte plötzlich so eine Totenstille in der Gaststube, dass man
eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Trevor hatte noch nie einen
derartigen Ausdruck in ihrem Gesicht gesehen und er sagte sich wieder einmal,
dass es ein Riesenquatsch war, zu behaupten, Lucyani hätten keine Gefühle.
Dieses Gefühl war überdeutlich zu sehen: Hass.
Ihre Hände hoben sich und Trevor beobachtete fassungslos, wie sich die
paramentale Kraft in ihrem zierlichen Körper zusammenballte und als weißer Blitz
aus ihren Fingern hervor schoss. Die Energie fuhr in den Körper des Mannes, ließ
ihn durch die halbe Gaststube fliegen und auf den Boden krachen. Er zuckte noch
einmal kurz und blieb verkrümmt liegen.
Trevor starrte mit offenem Mund auf den Mann, der zweifellos tot war und dann
auf Ailia, deren Gesicht wieder den gleichgültigen Ausdruck angenommen hatte,
den er so gut kannte.
Sie hat den Mann einfach getötet, dachte er entsetzt, weil er sie berührt
hat?!
Keiner der anderen Anwesenden im Raum schien dem Vorgang eine weitere Bedeutung
zuzumessen. Der Wirt winkte zwei Männern, die den leblosen Körper des Mannes
anhoben und hinaus schafften. Die Gespräche setzten wieder ein und Ailia ging an
Trevor vorbei die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Einzig und allein der Terraner
stand wie vom Donner gerührt und starrte noch immer auf die jetzt leere Stelle,
auf der der Tote gelegen hatte.
Sie hatte getötet.
Als der Wirt zurückkam, bat ihn Trevor um eine Flasche Wein und ließ sich ein
Glas dazu geben. Wie betäubt stieg er die Treppe hinauf, während er immer wieder
dachte:
Sie hat ihn getötet. Sie hat ihn einfach getötet.
Er wollte die Tür seines Zimmers öffnen, als er sich anders besann. Er würde
kein Auge zumachen können mit dieser Erinnerung. Nicht ohne mit ihr gesprochen
zu haben. Plötzlich sehr vorsichtig, klopfte er an ihre Tür.
„Lucy? Kann ich reinkommen?“
Wie üblich antwortete sie nicht. Das war auch etwas, was er nie verstehen würde.
Sie ging einfach davon aus, dass er sie in Ruhe ließ, wenn sie ihn ignorierte.
Manchmal hatte er es getan, aber heute war kein guter Tag dazu. Er wollte die
Tür öffnen, doch sie hatte den Riegel vorgelegt. Das war eine eindeutige Absage.
Trevor seufzte. Telekinetisch schob er den Riegel zurück, öffnete die Tür und
schloss sie hinter sich.
Ailia stand am Fenster. Sie zuckte nicht einmal zusammen, als die Tür aufging,
wahrscheinlich hatte sie damit gerechnet. Mit verschränkten Armen starrte sie in
die Dunkelheit hinaus.
Trevor stellte die Flasche und das Glas auf den Tisch. Da sie nicht reagierte
und sich auch nicht umdrehte, entkorkte er in aller Seelenruhe die Flasche und
goss sich ein Glas ein. Fassungslos schaute er auf seine Hände, die zitterten. Er kippte das
Glas hinab, dann wandte er sich wieder der reglosen Lucyani zu.
„Lucy?“, fragte er leise.
„Warum bist du hier, Trev?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen, und ihr Tonfall war
so eisig wie lange nicht.
Er schluckte. „Du hast einen Mann getötet.“
„Ja“, antwortete sie kühl.
„Weil er dich berührt hat?!“, schrie er fassungslos.
„Nein.“
„Verdammt, Lucy. Dreh dich um!“ Trevor machte ein paar Schritte auf sie zu, als
sie herum fuhr. Es war kein Zorn mehr in ihrem Gesicht, keine Wut und nichts
mehr von dem Hass, den er gesehen hatte. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos.
„Warum, Lucy? Keiner der Menschen da unter war überrascht. Keiner hat dich
entsetzt angesehen. Warum, Lucy?“
„Lucyani vollstrecken auch Todesurteile. Manchmal.“ Ihre Stimme klang noch immer
emotionslos.
Trevor stürzte zu dem Tisch zurück und goss sich ein weiteres Glas voll. „Du
hast ein Todesurteil vollstreckt?“, würgte er hervor.
„Nein. Ich wollte damit nur sagen, dass wir auch darauf vorbereitet werden,
töten zu müssen.“ Sie drehte sich wieder zum Fenster um. „Würdest du mich bitte
allein lassen, Trev“, sagte sie sanft.
„Nein!“, schrie er außer sich. „Das werde ich verdammt noch mal nicht. Ich bin
gerade Zeuge eines Mordes geworden!“ Er sprang auf sie zu und wirbelte sie
herum. „Was hat der Mann getan, dass er deiner Meinung nach sterben musste?“
Seine Hände umklammerten ihre Arme und er hätte ihr am liebsten ins Gesicht
geschlagen, um diesen gleichgültigen Ausdruck zu vertreiben.
Ailia schluckte. Sie sah den Zorn und die Fassungslosigkeit. Sie hatte es unten
im Gastraum schon gesehen und gehofft, er würde sie nicht mit Fragen belästigen.
Doch sie hätte ahnen müssen, dass er sich nicht abspeisen lassen würde.
Sie fühlte sich genauso tot wie der Mann, der durch sie gestorben war. Kälte
durchzog ihre Gedanken, ihr Herz und jeden Körperteil. In ihrem Kopf war eine
Welt zusammen gebrochen.
Trevor schien das plötzlich auch zu sehen, denn der feste Griff seiner Hände
lockerte sich etwas. „Warum, Lucy?“, bat er sie noch einmal, diesmal deutlich
ruhiger.
Ailia hob den Kopf. „Ich habe dir von dieser letzten Prüfung erzählt, ja? Die
letzte Lektion, bevor eine Lucyani allein ihre Aufgabe auf dieser Welt antritt?“
„Ja.“ Er nickte und eine eisige Hand griff nach seinem Herz.
„Nun, das war der Mann.“
Trevor fühlte sich, als hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen. Sie sah blass aus
und ihr Blick schien, als wäre sie mit ihren Gedanken in weiter Ferne.
„In dem Moment, in dem er mich berührte“, fuhr sie fort und der Klang ihrer
Stimme erschreckte ihn mehr als alles andere, „sah ich die Bilder. Ich hörte
seine Gedanken und das Weinen all der jungen unschuldigen Lucyani…“ Sie atmete
tief durch. „Trev, ich war so dumm. Ich habe geglaubt, diese Aufgabe wäre auch
für den Mann nicht leicht. Ich dachte, es wäre eine Art Bestrafung, dass man ihn
zwingt… es zu tun…“
Woher sollte sie es auch wissen? Trevor zog sie an sich und schlang seine Arme
um sie. Ihr Kopf sank an seine Schulter, aber sie war noch immer so unnatürlich
ruhig. Er hätte es verstanden, wenn sie geweint hätte, aber diese Starre war
unheimlich.
„Es hat ihm Spaß gemacht“, murmelte sie an seiner Schulter. „Er hat sich an dem
Weinen ergötzt, an der Angst… Trev, ich habe seine Stimme wieder gehört…“
Er strich über ihre Haare und schloss in ohnmächtiger Wut die Augen. Wenn sie es
nicht getan hätte, er hätte den Kerl zumindest zusammen geschlagen.
„All die scheußlichen Dinge, die er gesagt hat… getan hat… mit all den Lucyani…
ich habe alles gesehen…“ Ihre Hände klammerten sich an seinen Körper. „Ich hatte
solche Angst damals… und nur der Gedanke, dass diese Prüfung dazu dient, mein
Leben zu verlängern…“
Sie hat dein Leben zerstört. Trevor biss die Zähne zusammen, während
seine Hand noch immer beruhigend über ihre Haare strich. „Shhh. Es ist vorbei,
Lucy“, flüsterte er und seine Kehle war wie zugeschnürt.
„Er hat mir wehgetan und all den anderen Lucyani. Und es hat ihm Spaß gemacht.“
Irgendeine Macht schien sie plötzlich zu zwingen, all das los zu werden und
immer wieder zu sagen. „Ich kann mich noch genau an die Worte erinnern. Er
sagte, ab morgen würden wir Lucyani vielleicht die Welt beherrschen, aber in
dieser einen Nacht beherrsche er uns…“ Sie brach ab und Trevor traten Tränen in
die Augen.
Er hätte ihn nicht nur zusammengeschlagen. Er hätte ihn mit bloßen Händen
erwürgt. Und das wäre auch zu schnell gegangen. Er hätte ihn langsam zu Tode
gefoltert.
Ailia weinte noch immer nicht, aber sie rührte sich auch nicht in seinen Armen.
Sie lehnte an ihm und nach dem, was sie erlebt hatte, war es ein Wunder, dass
ihn nicht genau so ein Blitz getroffen hatte. Damals, als er einfach ihre Hand
ergriffen hatte und teleportiert war. Dann spürte er, wie sie sich regte und von
ihm lösen wollte. Sie hob den Kopf und sah ihn erstaunt an.
„Wieso weinst *du*, Trev?“
„Ich weine nicht“, knurrte er und blinzelte den Tränen weg. Dann nahm er ihr
Gesicht in seine Hände. „Lucy, ich werde verhindern, dass jemals wieder eine
Lucyani diese Prüfung ablegen muss. Und wenn es das letzte ist, was ich hier
tue.“
„Das kannst du nicht“, entfuhr es ihr erschocken. „Es muss ein anderer Mann
gefunden werden. Jemand, dem es keinen Spaß macht…“
„Lucy“, unterbrach er sie. Dann schob er sie in Richtung Bett und ließ sie sich
hinsetzen. Während er das Glas Wein neu füllte, sprach er weiter. „Um mit einer
Frau zu schlafen, muss ein Mann erregt sein. Das bringt niemand fertig, wenn es
ihm keinen Spaß macht. Du wirst nur Perverse finden, die ihre kranken Fantasien
ausleben. Diese ganze Prüfung ist Schwachsinn.“ Er drückte ihr das Glas in die
Hand und setzte sich neben sie. „Es ist ein Verbrechen, diese Prüfung
durchzuführen.“
Ailia starrte in das Glas. „Das ist Alkohol“, sagte sie tonlos.
„Ja und? Ist das auch verboten. Dann gib es her.“ Er nahm ihr das Glas weg und
trank es selbst aus, sprang auf und füllte es neu.
„Dann verstehst du, warum ich ihn getötet habe?“, fragte sie plötzlich leise.
Trevor stellte das Glas auf den Tisch, setzte sich wieder neben sie und griff
nach ihren Händen. „Ja“, antwortete er ruhig. „Obwohl es gegen die Gesetze
Terras spricht und obwohl es nicht richtig ist, dass ein einzelner Mensch über
das Leben eines anderen richtet. Aber ich verstehe dich.“
„Das… bedeutet mir sehr viel…“
Trevors Herz zog sich schon wieder zusammen. „Es ist ein Verbrechen, Lucy“,
flüsterte er, „euch etwas so schönes vorzuenthalten, oder zu verbieten.“ Er
hob seine Hand und fuhr sanft die Linie ihres Kiefers entlang. „Es tut mir so
leid… So etwas sollte niemand erleben, Lucy. Und wenn es in meiner Macht stünde,
ich würde es dich alles vergessen lassen…“ Er verstummte.
Ailia sah ihn mit großen traurigen Augen an. Und sagte plötzlich: „Würdest du
mich vielleicht noch einmal… küssen?“
Seine Hand legte sich um ihren Hals, als er seinen Kopf senkte und mit seinen
Lippen sanft ihre berührte. Es war eine vorsichtige Berührung, hinter der die
Angst stand, dass sie ihn im nächsten Moment erschreckt von sich stoßen würde.
Aber sie tat es nicht, sondern er spürte, wie sie zögernd seinen Kuss erwiderte.
Als er den Kopf hob, sah er erstaunt ihre Augen leuchten.
„Danke“, flüsterte sie leise und lächelte.
Es war zwei Wochen später, als sie zum ersten Mal einen Tag frei hatten und nicht zu irgendeinem Notfall gerufen wurden.
Trevor nutzte die Zeit, holte sich den schwarzen Hengst, der auf den Namen Amdor hörte, aus dem Stall und beschloss den Rest des Tages im Sattel zu verbringen, um die nähere Umgebung des Schlosses kennen zu lernen.
Es war gegen Abend, die Sonne zwar noch nicht unter gegangen, als er verschwitzt und herrlich müde wieder auf den Burghof ritt. Und plötzlich kam ihm eine Idee. Er drückte das Pferd dem Stallknecht in die Hand und fragte Teresa, die gerade Gemüse und Fleisch aus dem Lagerhaus holte, wo Ailia wäre.
„Im Garten“, sagte die ältere Frau und lächelte leicht. „Trevor, du solltest dich wirklich erst umziehen, ehe du der Lucyani unter die Augen trittst.“
„Ja, ja.“ Er sprang an ihr vorbei und ging eilig in den Garten.
Ailia lag in ihrer Hollywoodschaukel und las ein Buch. Sie war so vertieft in die Lektüre, dass sie erst erschocken aufblickte, als er sich vor sie hin hockte.
„Hi, Lucy“, grinste er und sah sie die Stirn runzeln. Sie konnte sich noch immer nicht daran gewöhnen, dass er sich über alle Verhaltensregeln gegenüber Lucyani hinweg setzte.
„Was ist mit dir passiert?“, fragte sie erstaunt.
„Ich bin ausgeritten“, erklärte er beiläufig. „Und ich bin auch einmal runter gefallen, als Amdor über einen Baumstamm gesprungen ist. Bin schließlich lange nicht geritten…“
„Gefallen?“ Jetzt musste sie sich wirklich das Lachen verkneifen.
„Das wollte ich aber nicht sagen. Sondern, dass ich mich sehr schmutzig fühle und sicherlich stinke wie ein…“
„Trev!“
„… verschwitzt rieche. Und ich werde jetzt zu diesem netten heißen Tümpel teleportieren. Wenn du möchtest… ähm… nehme ich dich mit?“ Solch ein Angebot machte man garantiert keiner Lucyani. Aber er erinnerte sich noch zu deutlich an ihren begeisterten Gesichtsausdruck.
Und er hatte Recht. Ailias Gesicht leuchtete auf. „Du… meinst die heiße Quelle. Du willst zu der heißen Quelle teleportieren?“, vergewisserte sie sich noch einmal und klang fast aufgeregt.
„Jep“, bestätigte er und legte seine Hand aufs Herz. „Und ich schwöre dir, Lucy, ich werde meine Augen verschließen und nicht ein einziges Mal öffnen, wenn du im Wasser liegst.“
Sie sprang auf und lachte. Es war eines dieser seltenen Male, dass er sie lachen hörte und er freute sich über seine Idee.
Nachdem sie Handtücher, Seife und auch eine Decke zusammen gesucht hatten, rannte Trevor noch einmal in die Küche und packte kaltes Fleisch und Obst in einen Korb. Nach einer kurzen Überlegung stopfte er auch noch eine Flasche Wein hinzu. Wenn sie schon nichts wollte, er hatte nichts gegen ein Glas Wein zum Abendessen.
Ailia sah ihn neugierig an und er hob den Korb. „Damit wir nicht verhungern.“ Mit einem Grinsen griff er nach ihrer Hand und teleportierte.
************
Die Quelle sah genauso aus wie an dem Tag vor zwölf Wochen. Mittlerweile war es dämmrig geworden und Trevor breitete die Decke auf dem Stein neben dem Wasser aus.
„Du gehst zuerst rein“, erklärte Ailia. „Du stinkst wirklich.“
Er legte den Kopf schief. „Und außerdem kannst du dann umso länger drin bleiben, ja?“
Sie tat so als würde sie ihn nicht hören und sammelte trockene Äste und Zweige für ein Feuer. Sie wollten zwar nichts braten, aber ein wenig Licht konnte nicht schaden. Als das Feuer knisterte, setzte sie sich auf die Decke und wühlte in dem Korb. „Ich muss meine Augen ja nicht zumachen, oder?“
„Doch.“
„Was? Wieso?“ Ailia sah überrascht hoch. Er hatte sein Shirt ausgezogen und war gerade dabei, sich seiner Hose zu entledigen.
„Es gehört sich nicht für eine Lucyani, sich einen nackten Mann anzusehen“, sagte er lässig, streifte jedoch, ohne sich um sie zu kümmern, die Hosen ab und stieg in das Wasser. „Herrlich. Das ist wirklich herrlich.“ Er sank auf den Grund und lehnte sich an den Fels. „Augen zu, Lucy!“, schimpfte er gespielt.
Ailia kicherte, legte sich auf die Deckte und starrte in den sich langsam mit Sternen füllenden Himmel.
„Weißt du“, sinnierte Trevor. „Das ist das einzige, was mir hier fehlt. Oder was ich vermisse. Warmes Wasser…“
„Du könntest ja jeden Tag hierher kommen und baden.“ Ailia griff nach einem Apfel und kaute nachdenklich.
Trevor ging auf, dass er noch nie in solch einer Situation gewesen war. Aber es war tatsächlich so, dass er ohne irgendeinen Hintergedanken in dem Wasser lag und wusste, dass Ailia nach ihm hinein steigen würde. Er hatte sie einfach mitgenommen, weil er wusste, wie sehr es ihr das letzte Mal gefallen hatte. Und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie wenigstens etwas Freude in ihrem Leben hatte. Seit wann bin ich eigentlich so selbstlos?, ging es ihm durch den Kopf. Wo ist mein zynisches ätzendes Ich hin?
Ailia kicherte plötzlich wieder und er drehte überrascht den Kopf. „Was ist?“
„Mir fiel gerade ein, wie unmöglich ich dich gefunden habe, als ich dir zum ersten Mal begegnet bin. Und jetzt liege ich hier und warte darauf, in das Wasser steigen zu können.“ Sie schüttelte fast ungläubig den Kopf.
„Dann findest du mich nicht mehr unmöglich?“
„Nein. Ich denke, es gab oder gibt einen Grund für dein Verhalten, genau so wie es einen Grund für mein Verhalten gibt.“
Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. „Es ist nicht immer leicht, ein Mutant zu sein. Du bekommst Einblicke in Wesenszüge, die du nie sehen wolltest… Du erfährst Dinge, die du nie wissen wolltest… Irgendwo habt ihr schon Recht. Ein wenig Distanz ist ganz gut…“ Er seufzte. „An dem Tag in der Bar war ein Freund von mir gestorben“, fuhr er dann fort. „Ein junger Mann, bei dem das Auftreten der Mutantenkräfte erst sehr spät erfolgte. Und er hat es nicht überlebt…“
„Das tut mir leid.“
„Es passiert immer wieder“, sagte er nur.
„Dann…“ Sie stockte. „Hast du Ablenkung gesucht in dieser Nacht? Hast du noch eine Frau gefunden?“
Trevor schmunzelte, ohne seine Position zu verändern. „Wo ist deine gute Erziehung hin? So was fragte man doch nicht.“
„Dein Verhalten färbt auf mich ab“, konterte sie. „Und du hörst nie auf, selbst wenn du merkst, dass du nervst…“
„Ich nerve?!“ Trevor fuhr hoch, doch er sah das Lächeln in ihrem Gesicht.
Sie starrte noch immer in den Himmel. „Ja, manchmal. Also?“
Trevor sank zurück in das Wasser. „Ich habe mich ganz schön betrunken. Als ich früh aufwachte, war eine Frau mit in meinem Apartment. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich zu ihr gekommen bin und was in der Nacht passiert ist.“
„Oh“, machte Ailia. Sie hörte ihn mit der Seife hantieren und ihr ging genauso auf wie ihm, dass dies eine Situation war, in der sich sicherlich noch nie eine Lucyani befunden hatte. Eigentlich eine Situation, der jede Lucyani aus dem Weg gegangen wäre. Aber Ailia verspürte keine Angst. Irgendwie wusste sie, dass sie Trevor vertrauen konnte.
Er prustete laut, als er auftauchte und das restliche Wasser aus seinen Haaren spülte. „Ich fühle mich wieder wie ein Mensch“, rief er aus und stieg aus dem Wasser. Ailia schloss gehorsam ihre Augen. Er lachte und spritzte sie nass. „Was? Hast du dein gutes Benehmen wieder gefunden?“
„Eww!“, schimpfte sie, wartete jedoch, bis sie hörte, dass er seine Hose verschloss.
„Willst du erst etwas essen oder erst ins Wasser?“
Ailia sprang auf. „Ich will in das Wasser.“
Trevor zog sein Shirt über und fuhr sich durch die nassen Haare. Er wollte ihr gerade den Rücken zudrehen, als er sah, wie sie mit dem Kleid kämpfte. Er wusste, dass Lucyani keine Zofen hatten und fragte sich, wie sie in das Ding hinein gekommen war. Es war eins dieser Kleider, die im Rücken verschlossen wurden und ähnlich der Mode im Mittelalter, am Oberkörper eng an liegend und dann in einen weit fallenden Rock übergingen. Nur dass dieser Reifrock, den Trevor noch aus alten Filmen kannte, fehlte. Der Rock fiel lose und lang, bis fast auf den Boden und verdeckte ihre Beine bis zum Knöchel.
„Wie hast du das Teil angezogen?“, fragte er neugierig.
Ailia verrenkte sich fast den Arm, aber sie kam an die Knöpfe. „Hast du nicht gesagt, du machst die Augen zu?“
„Das sieht sehr kompliziert aus.“ Trevor trat hinter sie und fühlte sie zusammen fahren, als er ihre Hand zur Seite drückte. „Keine Panik, Lucy“, sagte er leise und öffnete die Knöpfe des Kleides.
Ailias Herz schlug fast zum Zerspringen. Die Angst war plötzlich wieder greifbar und genauso der Gedanke an das Cya, das in dieser Region allgegenwärtig war und nur darauf wartete, auf ihre Panik zu reagieren. Ruhig. Ruhe bewahren, redete sie sich ein. Er wird dir nichts tun.
„Lucy, hör auf zu zittern“, flüsterte Trevor bedrückt. „Es ist okay. Ich… ich drehe mich jetzt um.“
Ailia stieß erleichtert die Luft aus. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie sie angehalten hatte. Sie warf einen Blick in seine Richtung und er saß wirklich mit dem Rücken zu ihr und blickte zum Waldrand. Das Kleid rutschte über ihre Schultern zu Boden und sie entledigte sich noch schnell ihrer Unterwäsche. Dann stieg sie in das Wasser und in dem Moment, wo die Wärme sie umspülte, beruhigten sich ihre Gedanken. Sie schimpfte sich selbst eine elende Angsthäsin und lehnte sich genau wie er an den Felsen zurück.
„Willst du Wein trinken, Lucy?“, fragte der Terraner.
„Ich trinke nie Alkohol“, murmelte sie. „Er beeinflusst die Sinne.“
„Wie wahr. Ich kann ein Lied davon singen.“ Trevor grinste, entkorkte die Flasche und nahm einen Schluck. Dann legte er sich auf die Decke wie sie vorhin. „Lucy, du hast keine Angst vor mir, ja?“
„Nein“, piepste sie.
„Ich würde dir niemals wehtun.“
„Ich weiß das, Trev.“ Sie lehnte sich zurück und genoss das warme Wasser, das ihren Körper umspülte.
Da er nicht wusste, wie lange sie gedachte in dem Becken zu bleiben und Hunger hatte, packte er alles auf die Decke und aß, während er gedankenverloren vor sich hin starrte. Ailia planschte in dem Wasser, warf ihm ab und zu einen Blick zu, sah aber, dass er keine Anstalten machte, in ihre Richtung zu schauen. Sie schäumte ihre Haare ein und tauchte kurz unter, um sie wieder auszuspülen. „Ich hätte nicht gedacht, dass warmes Wasser so entspannen kann“, sagte sie leise.
Trevor lachte. „Noch schöner ist, zusammen zu baden.“ Er kaute an dem Fleisch und wunderte sich einen Moment, dass sie keinen Ton sagte.
„Trev?“
„Ja?“ Er schielte in ihre Richtung und sah, dass sie ihre Arme auf den Felsen gelegt hatte, ihr Kinn auf ihre Hände stützte und ihn ansah.
„Es… ist nie so entsetzlich, oder?“
Er wusste sofort, was sie meinte und sein Magen zog sich zusammen. „Nein“, stieß er hervor und wandte den Blick wieder ab. „Das erste Mal kann für eine Frau unangenehm sein, vor allem, wenn der Mann ein Riesentrottel ist, oder wenig Erfahrung hat. Aber dann nie wieder. Sollte es zumindest nicht. Dann sollte es nur noch schön sein.“
Ailia seufzte und lehnte sich wieder an den Felsen. Sie war fast vollständig im Wasser verschwunden und blies in den Seifenschaum, der sich auf der Wasseroberfläche sammelte. „Ich habe so was geahnt“, murmelte sie. „Wenn ich manchmal – unbeabsichtigt – Gedankenfetzen auffing…“
„Gott, Lucy“, fluchte er. „Ich hasse diese Welt.“
„Gibst du mir mein Handtuch?“, fragte sie schüchtern.
Trevor stand auf, hielt das Handtuch auf und schloss seine Augen. „Komm raus“, sagte er müde.
Ailia kletterte aus dem Becken und wickelte das Handtuch um ihren Körper. Er setzte sich wieder, ohne die Augen zu öffnen und Ailia griff nach einem weiteren Handtuch für ihre Haare. Sie sank neben ihm auf die Decke. „Ich habe damit gerechnet, dass du die Augen aufmachst“, sagte sie leise.
„Ich bin nur ein verfluchter Mann, Lucy.“ Er klang bitter. „Ich denke, ich würde mögen, was ich sehe.“ Dann riss er die Augen auf. „Was? Und du bist trotzdem mit gekommen?“
„Ich vertraue dir“, sagte sie sanft. „Du bist wahrscheinlich die einzige Person auf diesem Planeten, die weiß, wie gefährlich ich wirklich werden kann. Und du würdest es nicht riskieren. Nicht nach dem, was ich dir erzählt habe.“ Dann griff sie nach ihrem Kleid. „Ich muss mich anziehen.“
Trevor schloss gehorsam seine Augen, hörte den Stoff rascheln und schluckte, weil sein Körper trotz allem reagierte.
„Kannst du mir wieder… helfen?“, erkundigte sie sich scheu und sah ihn über die Schulter an.
„Sicher.“ Er richtete sich auf. Als er sie diesmal berührte, zuckte sie nicht zusammen und er schloss schweigend die Knöpfe des Kleides. Da sie noch immer das Handtuch um ihre Haare geschlungen hatte, starrte er auf ihren bloßen Hals und der bittere Geschmack dieser Situation stieg ihm wieder in die Kehle. „Darf ich deine Haare wieder kämmen?“
Ailia nickte und sank vor ihm auf die Decke. Er löste vorsichtig das Handtuch aus ihren Haaren und griff nach dem Kamm, den sie ihm reichte. Die Spannung wich aus ihrem Körper, mit jedem Strich, den er durch ihre Haare führte.
Sie vertraute ihm. Toll. Das war das letzte, was er jemals von einer Frau zu hören bekommen wollte.
Ailia hatte die Augen geschlossen. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber sie genoss, was er tat. Das warme Wasser machte sie müde und schläfrig, lullte ihre normale Alarmbereitschaft ein. Sie war in dieser Hinsicht viel zu naiv, um überhaupt darüber nachzudenken, dass es für ihn etwas anderes bedeuten könnte als für sie. Trevor wusste das genau und zwang sich gewaltsam, an etwas anderes zu denken. Ihre Haare fielen weich und lockig über ihren Rücken. Sie waren fast trocken und er legte den Kamm zur Seite. Er hörte sie leise seufzen und ließ seine Finger noch einmal durch ihre Haare gleiten.
Arme Lucy. Er wünschte sich wirklich, er könnte ihr zeigen, wie schön es sein würde… Gedankenverloren schob er ihre Haare zur Seite und presste seine Lippen gegen ihren Hals. Sie roch so gut nach den Kräutern der Seife und er bemerkte erstaunt, dass sie den Kopf zur Seite neigte, als würde ihr gefallen, was er tat. In ohnmächtiger Verzweiflung schloss er die Augen.
Sie vertraut dir, du Riesenidiot!
Er schaffte es trotzdem nicht, seine Lippen von ihrem Hals zu entfernen. „Lucy“, murmelte er hilflos und das brach den Bann.
Sie schreckte hoch und er verfluchte sich, überhaupt etwas gesagt zu haben. Da waren jede Menge Fragen in ihrem Blick, als sie sich langsam umdrehte und ihn ansah.
„Tut mir leid“, flüsterte er schuldbewusst, als er beobachtete, wie sie wie in Trance an ihren Hals fasste, dorthin wo seine Lippen sie berührt hatten.
„Ich habe Angst, Trev“, hauchte sie und starrte ihn mit großen Augen an.
„Warum denn?“ Er hörte sich verzweifelt an. „Lucy, ich schwöre dir, ich wollte nicht…“
„Shhh.“ Sie verschloss seinen Mund mit ihrer Hand. „Ich habe Angst, weil es mir gefallen hat.“
Trevor griff nach ihrer Hand. „Ist das… schlimm?“, stieß er hervor. Er küsste sanft die Innenfläche ihrer Hand. „Ich sollte dir verdammt noch Mal aus dem Weg gehen“, murmelte er leise, wie zu sich selbst.
Sie sah ihn noch immer an und weigerte sich zu bemerken, dass ihr seine Worte einen Stich versetzten. Es war sicherlich falsch, aber es war so. Seine Gegenwart brachte sie auf andere Gedanken, egal wie nervend er sich manchmal verhielt. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben gab es jemandem, mit dem sie über ihre Probleme sprechen konnte. Nicht, dass sie es von sich aus getan hätte, es war immer er gewesen, der solange bohrte, bis sie redete, aber sie wusste genau, er würde ihr zuhören und er würde ihr einen Rat geben, wenn sie fragen würde. Kein Mensch auf Avalon täte das. Und deshalb stimmte der Gedanke, dass er gehen könnte, sie traurig. Auch wenn sie es niemals zugeben, geschweige denn aussprechen würde.
Trevor ließ ihre Hand los und zauberte wieder dieses Lächeln in sein Gesicht, das ihr so gut gefiel. „Also, bist du hungrig?“
*************
Es war sehr spät, als sie wieder in die Burg zurück teleportierten. Leise huschten sie in die Küche, um den Korb und die Reste des Essens zurück zu stellen. Es war still und alle Bediensteten schon zu Bett gegangen.
Trevor fühlte sich leicht beschwipst nach der Flasche Wein, von der Ailia doch zumindest einen Schluck gekostet hatte und musste mühsam ein Kichern unterdrücken, als sie die Steinstufen hinauf zu ihren Zimmern schlichen.
„Ich komme mir vor wie jemand, der nicht erwischt werden will“, flüsterte er.
„Ich denke, Teresa würde einen Herzschlag bekommen, wenn sie mich sehen würde“, antwortet Ailia ernsthaft.
Er lachte leise. „Wenn sie wüsste, wo wir waren, würde sie es garantiert.“
Sie hatten den Gang erreicht an dessen Ende Ailias Zimmer lag und Trevor musste in die entgegengesetzte Richtung.
„Also, ich geh dann mal“, murmelte er und deutete den Gang hinunter. „Schlaf gut, Lucyani.“
Ailia hob überrascht den Kopf. „Das ist das erste Mal, dass du meinen Titel benutzt.“
„Ich muss mich daran erinnern, wer du bist“, flüsterte er. Er wollte sich gerade umdrehen, als sie ihn stoppte.
„Trev?“
„Ja?“
„Es war ein schöner Abend heute.“ Sie klang leise und irgendwie verträumt. Und dann überraschte sie ihn, indem sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen schnellen Kuss auf die Wange drückte. „Schlaf gut, Terraner.“
Vier Wochen später rief die Burg Aalgard um Hilfe. Trevor und Ailia waren mittlerweile ein eingespieltes Team. Meist ging es sowieso nur um irgendwelche materialisierte Cya-Gestalten, die durch Alpträume entstanden, und mit denen Ailia schnell und problemlos fertig wurde.
Trevor wartete im Burghof und starrte gelangweilt hinauf in die Sterne, während Ailia den beiden Söhnen des Burgherrn folgte, die sie zu den Gemächern ihres Vaters führten und erklärten, der alte Mann wäre in seinem eigenen Traum gefangen und würde nicht erwachen. Dafür aber ein Haufen Gespenster um ihn herum.
Ailia wunderte sich etwas, warum es in der Burg so still war. Normalerweise war die gesamte Dienerschaft in solchen Fällen vor Panik auf den Beinen, was natürlich dazu beitrug, dass das Cya noch extremer reagierte. Diesmal begleiteten sie nur die beiden jungen Männer mit den Fackeln die steile Wendeltreppe zum Gemach des Burgherrn hinauf. Sie achtete nicht weiter darauf. Es war ein Fehler. Sagte Trevor im Nachhinein. Genauso wie es ein Fehler war, Lucyani zu verbieten in den Gedanken anderer Menschen zu schnüffeln. Manchmal konnte eine gewisse Neugier hilfreich sein.
So jedenfalls war Ailia zu überrascht, als plötzlich die Fackeln erloschen und sich eine Hand auf ihren Mund presste, während die andere ihre Hände auf dem Rücken festhielt.
Die Überraschung wandelte sich schlagartig in ein derart lähmendes Entsetzen um, dass sie zu keiner Handlung fähig war. Das Cya wirbelte in ihrem Kopf herum und ihre eigene Panik, ausgelöst durch die Hände des einen Mannes, die ihre Hände auf ihrem Rücken fesselten, trug nicht dazu bei, das Cya zu beruhigen.
„Ich habe sie“, hörte Ailia den einen Mann flüstern. „Kümmer dich um den Kerl auf dem Hof.“
Ailias Beine gaben nach. Was war hier los? Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, weil das Entsetzen wie ein eisiger Schauer über ihren Körper lief. Die Hand des Mannes, der sie hielt, presste sich noch immer auf ihren Mund, um zu verhindern, dass sie um Hilfe rief, doch Ailia war sowieso zu keiner Reaktion fähig.
„Das wird ein fettes Lösegeld“, kicherte der Mann in ihr Ohr. „Das hat noch keiner gewagt. Eine Lucyani.“
Fast betäubt versuchte Ailia sich aufzurichten, versuchte sich an irgendetwas zu erinnern, das sie gelernt hatte. Sie hatte Macht über das Cya. Aber sie brachte nichts fertig. Sie stolperte von den Händen des Mannes gezogen, während in ihrem Kopf nur ein einziges Chaos herrschte, während das Cya sie in hässlichen Farben umwirbelte und in ihren Verstand eindrang. Ab und zu schaffte sie es, einen Gedanken zu denken, aber der war nur durch Entsetzen unterlegt.
Keinen Respekt vor Lucyani… wieso… sie berühren mich…
Es war, als würde sich Taubheit in ihrem Körper ausbreiten und mit eisigen Händen nach ihrem Herz greifen. Sie bekam keine Luft mehr und die Angst, die sie fühlte, war größer als alles, was sie je in ihrem Leben erlebt hatte.
Der Mann stieß sie in eine Kammer, ohne sie jedoch loszulassen. „Mal sehen, was man für dich zahlt, Kleines. Bestimmt eine Menge“, kicherte er und Ailia wurde schwarz vor Augen.
Trevor dagegen langweilte sich. Was zum Teufel dauerte diesmal so lange? Da er nicht an Ailias Kodex gebunden war, streckte er seine Gedankenfühler aus und fluchte im nächsten Moment lauthals. Er teleportierte sofort und der zweite Mann, der nach ihm sehen sollte, musste verblüfft feststellen, dass der Burghof leer war.
Trevor materialisierte in der Kammer, in die Ailia gebracht worden war. Der Mann dort war zu überrascht, um zu reagieren und er hätte mit dem einfachen Schwert an seiner Seite auch keine Chance gehabt. In Trevors Adern kochte sein Blut. Er sah die kreideweiße Ailia, die ihn stumm mit entsetzten Augen ansah und riss den Mann von ihr weg. Seine Faust krachte gegen den Kiefer des Mannes und ließ ihn durch den Raum fliegen. Trevor stürzte hinterher, packte ihn an seinem Hemd, riss ihn hoch und presste ihn gegen die Wand. Er sah das Blut aus dessen Nase und Mund fließen und hoffte, dass die Nase gebrochen war.
„Es gibt keine Gespenster, oder?“, fauchte er gereizt.
Als der Mann den Kopf schüttelte, holte er noch einmal aus und schlug ihm die Faust in den Magen. Mit einem erstickten Gurgeln sackte der Mann an der Wand zusammen.
„Was hattet ihr vor?“, schrie Trevor unbeherrscht.
Der Mann spuckte einen Zahn aus und keuchte. „Lösegeld…“
Trevor riss ihn wieder hoch. „Lösegeld?! Für eine Lucyani?! Sie ist stärker als jeder von euch! Glaubst du wirklich, sie lässt sich von euch gefangen halten?!“
„Sie… können… nicht“, japste der Mann, weil Trevor ihm mit seiner eigenen Kleidung fast die Kehle zuschnürte. „Wenn sie… so Angst… haben…“
Trevors nächster Schlag schickte ihn in das Reich der Träume. Ein Blick zu Ailia sagte ihm, dass der Mann Recht hatte. Sie *war* zu keiner Reaktion fähig. Sie stand da wie paralysiert und das, obwohl ihr wirklich jede Macht der Welt zur Verfügung stand.
Die Tür wurde aufgerissen und der zweite Mann stürzte herein. „Rack, der Kerl ist…“
„Hier!“, vollendete Trevor seinen Satz und hechtete sich auf ihn. Die Wut, die ihn noch immer beherrschte, trieb ihn dazu, seine Fäuste einzusetzen. Dieser gottverdammte Planet! Es dauerte nicht lange und auch dieser Mann, der einem exzellent ausgebildeten Kämpfer nichts entgegen zu setzen hatte, teilte das Schicksal des ersten.
Trevor starrte seufzend auf die beiden Bewusstlosen. Kinder, dachte er verächtlich. Kinder mit Flausen im Kopf. Aber es waren Flausen, die eine Lucyani handlungsunfähig machten.
Mit einem harten Ausdruck in den Augen griff er Ailias Hand und teleportierte direkt in ihr Zimmer. Sie sagte noch immer keinen Ton und die fahle Blässe ihres Gesichtes verhieß nichts Gutes.
„Komm schon, Lucy“, murmelte er und schüttelte sie leicht. „Es ist nichts passiert.“
Er verließ das Zimmer kurz, um sich mal wieder eine Flasche Wein zu besorgen. Diesmal jedoch sollte sie nicht für ihn selbst sein.
Ailia stand noch genauso im Zimmer wie er sie verlassen hatte. Er schob sie zu einem Stuhl und drückte sie auf den Sitz. Dann entkorkte er die Flasche und goss ein Glas voll.
Er zog den zweiten Stuhl neben ihren und drückte ihr das Glas in die Hand.
„Runter damit“, kommandierte er und war selbst erstaunt, als sie es ansetzte und austrank. „Braves Mädchen“, murmelte er und nahm das Glas wieder an sich.
Ailia schien aus ihrer Starre zu erwachen. Sie schluchzte leise auf und presste die Hand auf den Mund.
„Lucy“, begann er und drehte ihr Kinn in seine Richtung, so dass sie gezwungen war, ihn anzusehen. „Ich beginne diese Welt zu hassen.“ Ihre Augen flackerten, aber sie brachte noch immer keinen Ton heraus. „Du bist stärker als jeder Mensch auf dieser Welt. Niemand kann dich verletzen. Und du wirst hilfloser als ein Kaninchen, nur weil dich jemand berührt?!“
Eine einzelne Träne bildete sich in ihren Augen und rollte ihre Wange hinunter.
„Verdammt, Lucyani! Diese Männer waren hirnlose Kinder, die sich einen Streich erlaubten! Du hättest nur in ihre Gedanken sehen brauchen!“ Trevor wurde immer lauter. „Es hätte auch anders sein können! Sie hätten ganz andere Dinge mit dir vorhaben können!“
Ailia schluckte krampfhaft.
„Du musst verdammt noch mal in der Lage sein zu handeln, Lucy! Egal, was passiert. Egal, ob dich jemand anfasst! Das ist wichtig. Das hätten sie euch beibringen müssen!“, schrie er jetzt. „Durch diese verfluchte Angst bist du hilflos!“ Er sprang auf und lief vor ihr hin und her.
„Du wirst daran kaputt gehen, Lucy! Wo war deine Kraft in diesen Minuten? Warum hast du nichts getan?!“
„Ich… konnte… nicht…“
„Und warum nicht?!“ Er fasste ihre Schultern und schüttelte sie. „Lucy, wenn ich nicht gewesen wäre…“ Er verstummte, weil jetzt wirklich Tränen aus ihren Augen liefen. „Verdammt“, murmelte er hilflos. „Wir müssen etwas dagegen tun. Ich werde nicht zulassen, dass dich das so hilflos macht.“
Er gab ihr das gefüllte Glas wieder und beobachtete mit gemischten Gefühlen, wie sie es austrank. „Es ist nichts passiert, als sie dich berührten, Lucy“, sagte er dann leise. „Und es wird nichts passieren. Das einzige, was geschieht, geschieht in deinem Kopf.“ Er beugte sich zu ihr und tippte ihr an die Stirn. „Deine Angst macht dich wahnsinnig. Und deine Macht über das Cya trägt dazu bei, den Wahnsinn zu materialisieren.“
Ailia fuhr zurück, doch die Stuhllehne stoppte ein weiteres zurückweichen, als er sich näher zu ihr beugte.
„Möglich, dass das Cya hier stärker vertreten ist als irgendwo anders. Möglich, dass das Cya auf alles reagiert, was wir tun. Eine Tatsache ist, dass Panik und Angst sehr viel stärker auf diese Energie zugreifen als alles andere. Lucy, sie wollen, dass ihr eure Gefühle unterdrückt. Sie haben euch Angst eingejagt und diese Angst zwingt euch, jegliches Gefühl zu verbannen. Was sie nicht verbannen können, ist die Angst. Und sie ist es, die dich töten wird.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Trev. Was mich töten wird, ist meine Schwäche, Angst zu empfinden…“
„Und warum empfindest du sie?!“, schrie er ihr außer sich ins Gesicht. „Sie haben diese Panik in deinen Kopf gesetzt. Lucy, du bist keine Maschine, du bist kein gefühlloser Roboter, auch wenn sie dir einreden, du müsstest es sein.“
„Du machst mir Angst“, sagte sie ruhig und versuchte fest zu klingen, obwohl sie noch immer blass war und sich nicht rühren konnte, weil seine Hände neben ihrem Kopf die Stuhllehne ergriffen hatten, während er sie anschrie.
„Schön! Dann mache ich dir halt Angst!“, fauchte er gereizt. „Aber diese Angst wird aufhören, dich in einen Zustand der Handlungsunfähigkeit zu versetzen! Also wehr dich, Lucy! Stoß mich weg! Schrei mich an! Aber tu etwas!“
„Hör auf damit“, bat sie leise. Es stimmte nicht ganz, was sie gesagt hatte. Er machte ihr keine Angst, aber seine Anschuldigungen und Vorwürfe ließen sie sich noch scheußlicher fühlen. Sie rührte sich nicht, sondern starrte nur zurück in seine jetzt zornigen grauen Augen.
„Angst kann auch Feigheit sein, Lucy“, sagte er gefährlich ruhig. „Aber du bist nicht feige. Ich habe dich im Gebiet des Cya gesehen. Ich weiß, dass du kämpfen kannst. Also kämpfe jetzt gegen dich selbst!“ Seine Hand fuhr um ihren Hals und seine Finger krallten sich in ihre Haare. „Die Welt geht nicht unter, wenn dich jemand berührt. Du hast in diesem Moment genau die gleiche Kraft und die gleiche Macht wie vorher. Also setz sie ein.“ Seine Lippen pressten sich auf ihren Mund und für einen Augenblick fühlte er sie zusammenfahren, weil sie wahrscheinlich nicht damit gerechnet hatte.
Im nächsten Moment spürte er eine unsichtbare Kraft, die ihn anhob und rückwärts durchs Zimmer fliegen ließ. Er bremste den Sturz selbst ab und lehnte sich grinsend an die Wand. „Klasse, Lucy.“
Ailia war aufgesprungen und starrte ihn fassungslos an. „Wie kannst du das tun?!“ Und ihre Hand schlug gegen ihren Mund. „Warum?“, stieß sie verzweifelt hervor.
Er löste sich von der Wand und kam langsam wieder auf sie zu. „Ich will, dass du kämpfst. Ich will, dass du lebst.“ Er blieb vor ihr stehen und sah in diese dunklen Augen, die ihn immer mehr faszinierten. “Und ich will, dass du überlebst.“
Ailia schluckte, als sich seine Hand wieder hob und er jetzt sanft über ihre Wange strich. „Von mir droht keine Gefahr“, sagte er leise. „Aber es scheint sich herum gesprochen zu haben, dass die Macht einer Lucyani in dem Moment verschwindet, in dem jemand ihre Hand ergreift. Das ist gefährlich, Lucy. Auch auf eurer Welt wird es immer wieder Menschen geben, die das ausnutzen.“
„Sie brauchen uns“, hauchte sie.
„Natürlich tun sie das“, grinste er lässig. „Aber es sind auch nur Menschen. Und manchmal ist der Gedanken an Geld stärker, vor allem, wenn man sich sicher fühlt.“
Ailia senkte den Kopf, doch seine Finger hoben ihr Kinn wieder an.
„Du willst es bestimmt nicht hören, aber du bist mir ans Herz gewachsen. Ich habe dich gern, Lucyani. Und ich schwöre dir, ich werde nicht zusehen, wie du dich selbst verletzt, weil du dich nicht wehrst.“
In Ailias Kopf wirbelte plötzlich alles durcheinander. Es war zuviel auf einmal auf sie eingestürmt. Der Schock, die Angst, das Entsetzen, Trevors scheußliche Worte, sein wütender Kuss und jetzt sagte er, er hätte sie gern. Niemand hatte das je zu ihr gesagt.
Und das schlimmste war, sie glaubte ihm. Sie glaubte jedes einzelne seiner Worte.
Er sah das Durcheinander in ihrem Gesicht, aber er war sicher, das Richtige getan und gesagt zu haben. Zögernd zog er sie an sich und war erleichtert, dass sie ihn nicht von sich stieß. Zum ersten Mal schlang sie ihre Arme um ihn, als würde sie Halt suchen und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
***************
Die nächsten vier Wochen waren die Hölle, laut Ailia.
Trevor begann, sie zu fordern und er verlangte jeden Tag etwas Neues. Es ging ganz einfach los. Indem er verlangte, sie solle einen Stein anheben, während er sie ablenkte. Es war nicht nur ein Stein, sondern ein größerer Felsbrocken und im Normalfall hätte Ailia damit auch überhaupt keine Probleme gehabt.
Und als er nur ihre Hand hielt, schaffte sie es sogar innerhalb eines Tages zu tun, was er wollte. Sie vertraute ihm und das war seiner Meinung nach der einzige Grund, dass sie es schaffte. Schwieriger wurde es, als er sie umarmte, aber selbst dann brachte sie es fertig.
Dann weihte er Teresa in seinen Plan ein. Ailia hätte nie für möglich gehalten, dass die ältere Frau diesem für avalonische Verhältnisse wahnsinnigen Plan zustimmte. Aber Trevor erklärte, er wolle Ailias Leben retten und aus irgendeinem unerfindlichen Grund glaubte sie ihm.
Ailia benötigte eine ganze Woche, in der sie manchmal am Rand eines Nervenzusammenbruchs stand und in der Teresa nur ihre Hand hielt, bis sie sich soweit konzentrieren konnte, um den Stein zu bewegen. Manchmal sah sie Tränen in Teresas Augen, doch die Frau hielt sich beharrlich an Trevors Anweisungen.
Jetzt passierte es sogar manchmal, dass Ailia die Beherrschung verlor und Trevor anschrie, er solle sie endlich in Ruhe lassen. Er lachte ihr ins Gesicht und meinte, so gefiele sie ihm noch viel besser. Mit diesem Funkeln in den Augen. Ailia hatte ihre Wut gegen den Stein gewandt, um nicht noch lauter zu schreien und er war in mehrere Stücke zerbrochen.
Es hatte sich in der Burg herum gesprochen und obwohl es Ailia nicht für möglich gehalten hätte, sympathisierten viele mit Trevor und sagten leise hinter vorgehaltener Hand, dass Ailia ihnen schon lange leid tat. Ab und zu erwischte sie sogar jemanden, der in dem abgelegen Teil des Gartens, in dem sie ihre Übungen durchführten, linste und den Rest der Burg über Fortschritt oder Rückfall informierte.
Dann kam der Tag, an dem Trevor zu Teresa sagte, sie solle Ailia umarmen.
„Es reicht jetzt!“, kreischte Ailia hysterisch. „Ich kann das nicht. Ich will das nicht!“
Trevor grinste. „Teresa, ich weiß, was du für Ailia empfindest und wie oft du dir gewünscht hast, sie einfach in den Arm zu nehmen und zu trösten...“
Ailia stand mit hängenden Armen vor der älteren Frau und starrte fassungslos in ihr Gesicht, das plötzlich weich wurde. „Ja?“, piepste sie.
In Teresas Augen schimmerten Tränen. „Ja“, flüsterte sie leise und Ailia schluchzte auf, als sich die Arme der Frau um sie schlossen.
Fassungslos fühlte Ailia die Gedanken, die auf sie einströmen. Sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, ihren Geist sofort zu verschließen. Mein kleines Mädchen... Sie tat mir immer so leid... ich wünschte, ich könnte ihr helfen... Sie war zu verwirrt, um zu reagieren, sie konnte nur einfach regungslos dastehen, während die ältere Frau an ihrer Schulter weinte.
„Der Stein, Ailia!“, ertönte plötzlich Trevors Stimme.
Ailia schaffte es nicht. Es stürmte zuviel auf sie ein und sie verfluchte den Terraner, der ihr einfach keine Ruhe ließ.
„Heb den Stein an!“
Sie blinzelte durch die Tränen und versuchte krampfhaft, an etwas anderes zu denken als die Frau, die sie umarmte als wolle sie sie nie wieder los lassen. Das Cya wirbelte um sie herum, aber sie schaffte es nicht, den klaren Gedanken zu fassen, der nötig war, um das Cya zu bündeln.
„Lucy“, fluchte Trevor. „Das kann doch nicht so schwer sein. Du hast doch bisher alle Gefühle ignorieren können, die in dir aufstiegen.“
Ailia gab auf und schrie unbeherrscht. „*Du* hast ein Herz aus Stein! Du könntest es genauso wenig!“
Trevor lachte. „Ich könnte dich küssen, Lucy, und nebenbei den Stein anheben“, lästerte er.
Teresa fuhr erschrocken von Ailia weg. „Trevor!“
Und Ailia funkelte ihn wütend an. „Ich kann dich nicht mehr leiden!“ Obwohl sie sich über sich selbst ärgerte, stürzte sie zornig zurück in die Burg.
Teresa schüttelte missbilligend den Kopf und runzelte die Stirn, als sie Trevors Grinsen bemerkte.
***************
„Lucyani?“
Ailia hob den Kopf von ihrem Essen, als sie die schüchterne Stimme hörte und blickte verwundert in Emelies Gesicht. Es musste etwas mit diesen ganzen verrückten Sachen zu tun haben, die Trevor anstellte. Emelie hatte noch nie gewagt, sie anzusprechen.
„Was möchtest du, Emelie?“, fragte sie leise.
Emelie lächelte scheu. „Teresa hat mir erzählt, was passiert ist und was Trevor gesagt hat.“
„Ja?“ Ailia runzelte die Stirn.
„Also... ich meine, wenn nicht diese neuen Umstände wären... ich würde nie wagen, an Euch heran zu treten, Lucyani. Aber... Teresa meinte... also sie sagte ... Trevor würde Euch lieben und...“
„Was?“, entfuhr es Ailia.
„Ja, also, was ich sagen... wollte... ist...“
„Emelie“, unterbrach Ailia sie ruhig. „Habe ich dir jemals Grund gegeben, vor mir Angst zuhaben?“
„Nein, Lucyani.“
„Also sag, was los ist.“
„Versteht mich bitte nicht falsch, Lucyani. Ich würde es nie sagen, wenn ich nicht wüsste, dass Ihr... anders seid oder zumindest versucht...“
„Emelie.“
Emelie holte tief Luft. „Ich denke, ich sollte Euch sagen, dass er *niemals* die Konzentration aufbringt, wenn Ihr ihn küsst.“
Ailias Mund klappte auf. „Setz dich bitte, Emelie“, sagte sie leise.
„Ihr seid jetzt nicht böse, oder?“, erkundigte sich die junge Frau zögernd, als sie sich setzte. Dann lächelte sie wieder schüchtern. „Ihr seht auch gar nicht entsetzt aus.“
„Ich denke, Trevors nervende Behandlung schlägt Wurzeln“, entgegnete Ailia trocken.
„Ihr bedeutet ihm sehr viel“, flüsterte Emelie.
„Was wolltest du mir erzählen, Emelie?“, erkundigte sich Ailia sanft.
„Es war frech von ihm, diese Behauptung aufzustellen.“ Emelie lächelte wieder und registrierte sehr wohl Ailias rote Wangen. „Männer verlieren sehr schnell die Beherrschung und glaubt mir, Lucyani, er würde genau so unfähig zum Handeln sein wie Ihr, als Teresa Euch umarmte.“
„Ja?“ Ailia klang ungläubig.
Emelie nickte eifrig. „Wenn Ihr möchtet, Lucyani... kann ich Euch etwas erzählen...“
„Ja?“ Ailia konnte nicht fassen, dass sie das Gespräch nicht einfach abbrach und die junge Magd fort schickte. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie zugeben, dass sie einen leichten Zorn auf Trevor verspürte. So sehr, dass sie ihm des Rest des Tages aus dem Weg gegangen war und so sehr, dass sie sich wünschte, ihm seine spöttischen Worte heimzuzahlen.
„Was genau wäre das?“
Emelie senkte den Kopf. „Ich nehme an, Euch hat noch niemand geküsst, oder?“ Sie schielte schüchtern wieder hoch und sah fassungslos Ailias Wangen glühen. „Doch?“ piepste sie. „Trevor?“
Ailia nickte, unfähig irgendein Wort hervor zu bringen.
„So richtig? Mit Zunge... und... so...?“
Mit...Was?! Ailia griff nach ihrem Glas Wasser und kippte es in einem Zug hinab. Vielleicht sollte sie anfangen, auf Wein umzusteigen. Dem Terraner schadete es schließlich auch nichts.
„Das sieht aus wie nein.“ Emelie grinste plötzlich schelmisch. „Ich wette, er fällt aus allen Wolken, wenn Ihr ihn heraus fordert, seine Behauptung zu beweisen.“
Ailia schluckte. Wenn sie nicht schon bei dem Gedanken daran ohnmächtig wurde...
***************
Sie redete sich ein, das niemals tun zu können. Nie. Und erwischte sich immer wieder dabei, dass sie darüber nachdachte. Und dann davon träumte. Sie erwachte am nächsten Morgen derart schockiert, dass sie alle ihre Bedenken über den Haufen warf, sich eine dieser Flaschen besorgte, die Trevor so schmeckten, und ein Glas trank. Danach fühlte sie sich besser und fragte sich, wie sie jemals wieder die Konzentration für irgendetwas aufbringen sollte, wenn sich ihre Gedanken einzig und allein mit Emelies Worten beschäftigten und sie sich bildlich vorstellte, wie so ein Kuss funktionieren konnte.
Der nächste Tag war noch katastrophaler als der vorherige. Ailia schaffte es nicht einmal, sich auf den Stein zu konzentrieren, wenn Trevor bloß in ihrer Nähe war und es kam soweit, dass er unbeherrscht fluchte und fragte, wo sie mit ihren Gedanken wäre und dass es wahrscheinlich doch besser wäre, wenn sie sich zu diesem Eisklotz zurück verwandeln würde.
„Träumst du oder was?“, fragte er zornig. „Ich versuche, dir zu helfen. Ein klein wenig Mitarbeit von deiner Seite kann ich doch erwarten, oder?“
Ailia reckte wütend das Kinn in die Luft und starrte ihn an. Er hatte kein Recht sie anzuschreien und zu behandeln als wäre sie ein dummes Kind. „Ich glaube dir nicht“, fauchte sie gereizt und ihre Wut beseitigte ihre Hemmungen.
„Was?“, fragte er verdutzt.
„Ich glaube nicht, dass du mich küssen könntest und gleichzeitig den Stein in der Luft hältst!“
Trevor fing plötzlich an zu grinsen. „Hast du darüber nachgedacht?“, feixte er.
Ailias Augen verengten sich. „Beweis es.“
Er sah sie an, als würde sie Witze machen. Und Ailia sagte sich, wenn sie anfing, darüber nachzudenken, würde sie es nie wagen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, schlang ihren Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herab.
Trevor dachte noch genau eine Viertelsekunde. In dem Augenblick, in dem ihre Lippen ihn berührten und er fassungslos spürte, dass sich ihr Mund öffnete und ihre Zunge sich vorsichtig zu ihm vortastete, war es um ihn geschehen. Er reagierte instinktiv, als er sie an sich riss.
Ailia hatte nicht erwartet, dass es so war. Ihre Beine wurden schwach und sie fühlte sich jetzt wirklich, als würde sie gleich ohnmächtig werden. Irgendwie war sie froh, dass er sie an sich presste, auch wenn das zur Folge hatte, dass sie plötzlich gegen seinen Körper gedrückt wurde. Seine Zunge spielte mit ihrer und sie umklammerte Halt suchend seinen Hals, als sich ein eigenartiges Gefühl in ihrem Körper bildete.
Dann riss er seinen Kopf von ihr los und Ailia benötigte einen Moment, um wieder zur Besinnung zu kommen. Er starrte sie an und die unterschiedlichsten Emotionen huschten über sein Gesicht. Das spöttische Grinsen war verschwunden, er sah eher aus, als würde er sich im nächsten Moment auf sie stürzten und Ailia wich langsam einen Schritt zurück.
Sie verstand den Fluch nicht, den er zwischen den Zähnen hindurch knurrte, dann war er mit einem ‚Plop‘ verschwunden.
Ailia presste ihre Hand auf ihren Mund. Was zum Teufel ist in mich gefahren?, fragte sie sich entsetzt.
Dann hörte sie ein leises Kichern hinter den Bäumen und sah Emelies blonden Lockenkopf hervor lugen. „Der Stein hat sich keinen Millimeter bewegt, Lucyani“, rief die junge Magd fröhlich. „Aber dafür seine Hose...“
Ailia hatte keine Ahnung wovon sie sprach, aber als sie in Emelies strahlendes Gesicht blickte, fühlte sie ihre eigene Fassungslosigkeit schwinden. Sie sank auf die Wiese und fing zum ersten Mal in ihrem Leben an, herzlich zu lachen.
Ailia fühlte sich richtig gut, als sie in die Burg zurückkehrte und überlegte, wohin Trevor teleportiert sein mochte. Es war natürlich möglich, dass er irgendwo auf dieser Welt war, aber sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie ihn in seinem Zimmer finden würde. Schließlich wollte sie ihren kleinen Sieg auch auskosten.
Noch immer grinsend, klopfte sie an seine Tür, erhielt jedoch keine Antwort. Ihre Cya-Sicht sagte deutlich, dass er sich im Zimmer befand und deshalb klinkte sie. Die Tür war verriegelt. An die vielen Male denkend, an denen er ihren Wunsch nach Ruhe nicht respektiert hatte, schob sie telekinetisch den Riegel zur Seite und trat ein.
Trevor lehnte am Tisch und funkelte sie ziemlich wütend am. „Ich habe die Tür nicht ohne Grund verschlossen“, murrte er.
Ailia sah sich neugierig um. Sie war noch nie in seinem Zimmer gewesen, aber es unterschied sich von der Raumaufteilung kaum von ihrem. Es war ein Herrenzimmer, in dunklem Blau gehalten und Ailia erinnerte sich, dass das Zimmer seit Jahren niemand mehr benutzt hatte. Dann lächelte sie den Terraner freundlich an.
„Das hat dich nie interessiert. Und schließlich möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen und mich so richtig darüber auslassen, dass der Stein sich überhaupt nicht bewegt hat.“
„Emelie, stimmt’s? Es war Emelies Idee?“, knurrte er wieder, ohne sie aus den Augen zu lassen.
Ailia lachte leise. „Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich funktioniert. Aber sie war total davon überzeugt.“
„Sie ist ein kleines Miststück!“, fuhr er auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und? Habt ihr euch königlich amüsiert?“
Ailia musste sich wirklich zusammen reißen, um bei seiner bösen Miene nicht wieder so zu lachen wie im Garten. „Bist du sauer? Ich dachte erst, du bist sauer, aber Emelie meinte, du bist es auf keinen Fall... Sie sagte irgendwas, was ich nicht verstanden habe. So wie, es wäre deutlich zu sehen gewesen, dass du nicht sauer bist. Ich habe nichts gesehen und deshalb weiß ich nicht, was sie meint...“
„Lucy!“, sagte er warnend und verfluchte seinen Körper, der schon wieder auf ihre Worte reagierte. Er würde mal ein ernstes Wörtchen mit Emelie reden.
„Ja?“
Sie sah so herrlich unschuldig aus. Trevor streckte seine Hand aus, griff nach ihrem Arm und zog sie an sich. Da er am Tisch lehnte, befanden sich ihre Augen in gleicher Höhe und er sah plötzlich wieder die Alarmbereitschaft in ihrem Blick. „Deine Emelie hätte dich vielleicht auch warnen sollen, mich jetzt nicht aufzusuchen...“
„Warum nicht?“
„Weißt du, Lucy“, hauchte er und seine Lippen berührten federleicht ihre. Sie wollte zurück weichen, doch sein Arm um ihre Taille hinderte sie daran. „Deine ... ähm... Aktion hat mich etwas überrascht und aus dem Gleichgewicht gebracht“, murmelte er.
„Das habe ich bemerkt“, kicherte Ailia und hielt plötzlich die Luft an, als seine Lippen über ihre Wange zu ihrem Hals wanderten.
Ihm ging durch den Kopf, dass sie ihm jetzt schleunigst ins Gesicht schlagen sollte, damit er wieder zu Verstand kam. „Nein, du hast es nicht bemerkt“, flüsterte er neben ihrem Ohr. „Aber Emelie...“
„Was hat sie bemerkt?“, piepste Ailia und ihre Hände hoben sich abwehrend gegen seine Brust, jedoch ohne, dass sie ernsthaft den Versuch unternahm, sich von ihm zu lösen.
„Dass ein gewisser Teil an meinem Körper zum Leben erwachte...“ Sie roch auch so verdammt gut und Trevor verfluchte sich, nicht bis ans andere Ende des Planeten teleportiert zu sein.
Ailia erstarrte. Denn so unerfahren wie sie war, sie wusste zumindest über die Anatomie männlicher Körper Bescheid. Allerdings verband sie damit noch immer keine Angst. Fast neugierig hob sie den Kopf und sah Trevor an. „D-das wird durch den K-Kuss ausgelöst?“, stotterte sie erstaunt.
Trevor küsste sie sanft. „Lass mich allein, Lucy“, bat er leise.
Und plötzlich spürte es Ailia auch durch die dünne Kleidung, die sie trug und sie wurde feuerrot. Er grinste schelmisch, ließ sie aber noch lange nicht los.
„Ich habe natürlich auch nichts dagegen, wenn du bleibst“, flüsterte er und seine Zunge fuhr über ihre Lippen.
„Ich habe das nicht gewusst, Trev“, murmelte sie gegen seinen Mund und fühlte irgendwie benommen, dass er ihren Kopf umfing und seine Zunge zwischen ihre Lippen drängte. Sie schnappte nach Luft und fand sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sich seine Zunge plötzlich wieder in ihrem Mund befand und sie nichts tat, um es zu verhindern.
Trevors Körper brannte in einer Art und Weise wie lange nicht. Er spürte die zaghaften Versuche ihrer Finger, die seine Brust berührten und mit einem leisen Stöhnen riss er seinen Kopf von ihr los. Sie sah völlig orientierungslos aus, atemlos und ihre Wangen waren genauso rot wie ihre Lippen. Sie war nie schöner gewesen.
„Geh, Lucy“, stieß er hervor. „Bitte geh.“
Es war ihm Ernst. Mit dem letzten Rest ihres Willens löste sie sich von ihm und stürzte zur Tür. Ihre Beine fühlten sich wie Watte an und sie fragte sich verzweifelt, welchen Grund es gab, sich so schwach zu fühlen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sein brennender Blick raubte ihr den Atem. Sie hätte nie für möglich gehalten, dass sie einmal etwas Derartiges denken oder fühlen würde. Und eines wusste sie plötzlich ganz deutlich. Sie hatte keine Angst mehr.
Und der Gedanke, dass sie – eine Lucyani – den Körper eines Mannes reagieren lassen konnte, setzte sich in ihr fest. Und sie fragte sich zum ersten Mal seit langer langer Zeit, ob sie es vielleicht doch noch einmal versuchen sollte.
*****************
„Ich habe es geschafft!“ Ailia sprang vor Freude fast in die Luft, umarmte Teresa und wirbelte die verwirrte Frau im Kreis. „Ich kann es! Ich kann es!“
Sanft sank der Stein wieder auf den Boden und Trevor rutschte an dem Baum, gegen den er gelehnt stand, zu Boden und schloss erleichtert die Augen.
Es wurde Zeit.
Drei Wochen waren seit jenem Tag vergangen, an dem ihn Ailia so überrascht geküsst hatte, und in diesen drei Wochen war eine Menge passiert. Trevor hatte seine Drohung wahr gemacht und den Rat des Planeten konsultiert, um ihn über die, seiner Meinung entsetzliche Prüfung der Lucyani, aufzuklären. Es war ihm egal, ob mit Terra ein Nichteinmischungsvertrag existierte. Er war wütend, er war zornig und er war selbst ein Mutant, so dass seine Argumente recht stichhaltig unterstützt wurden.
Die nächsten Prüfungen für junge Lucyani würden sowieso erst in vier Monaten stattfinden, aber es schadete nichts, ein paar Menschen auf diesem Planeten schon einmal zum Nachdenken anzuregen.
Die vier überlebenden Lucyani waren inzwischen aus der Krankenstation entlassen wurden und es hatten jede Menge Gespräche zwischen ihnen, Ailia, Trevor und auch den anderen fünf noch auf dem Planeten tätigen Lucyani stattgefunden. Trevor sprach noch nicht von einem Erfolg, aber vom Beginn des Umdenkens.
Jetzt jedoch war er mehr als froh, dass es Ailia geschafft hatte, ihre Gedanken trotz der Ablenkung durch Teresa, zu konzentrieren. Nach dem, wie sein Körper auf die Lucyani allein durch den Kuss reagiert hatte, wagte Trevor nicht mehr, sich selbst für diese Ablenkungen einzusetzen. Außerdem war ihm aufgefallen, dass Ailia ihm bei weitem mehr vertraute, als irgendeinem anderen Menschen, wahrscheinlich auch weil sie seine Gedanken nicht las und es für sie einfacher war, die Kontrolle über ihre Kräfte zu behalten.
Er öffnete seine Augen wieder, als ein Schatten auf sein Gesicht fiel. Ailia stand vor ihm, die Hände in die Hüften gestützt und strahlte.
„Ich habe es geschafft!“
„Und ich dachte schon, es wird nie etwas“, murmelte er müde und grinste schief. „Ich glaube, ich werde jetzt endlich ruhig schlafen können, ohne mir Sorgen um dich zu machen.“
„Du hast dir Sorgen um mich gemacht?“ Sie klang erstaunt.
„Nun ja“, knurrte er. „Du bist schon recht lange Lucyani. Elf Jahre? Soviel ich jetzt weiß, ist das das Alter, in dem ein Großteil von euch aufgibt. Ich hoffe, du hast deinen Lebenswillen jetzt noch für eine lange Zeit.“
Ailia hockte sich neben ihn. „Warum murrst du jetzt so herum. Du solltest dich mit mir freuen. Es ist zum Großteil dein Verdienst.“
„Ich bin müde. Diese ganze Herumspringerei auf dem Planeten macht mich kaputt. Die nervtötenden Diskussionen mit diesen starrsinnigen Prüfungsfanatikern. Dein Jammern, du würdest es nicht schaffen...“ Er fing ihre Hand, die nach ihm schlug. „Ich denke, ich werde mich jetzt mal so richtig ausschlafen.“
„Schade“, meinte sie ruhig. „Ich dachte, ich kann dich überreden, noch mal zu der Quelle zu teleportieren.“
Seine Augenbrauen hoben sich. „Heute?“
„*Ich* habe Entspannung verdient“, erklärte sie freundlich.
Trevor sprang auf. „Okay.“ Er nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her.
„Was – Okay? Ich denke, du bist müde? Und mein Gejammer geht dir auf die Nerven?“, spottete Ailia.
„Ich kann mich auch im warmen Wasser am besten entspannen.“
„Ich gehe als erstes rein!“
*********
Als sie an der Quelle materialisierten, dämmerte es bereits. Trevor setzte den Picknickkorb ab, legte die Decken und Handtücher auf den Boden und sagte sich plötzlich, dass es eine Scheißidee war.
Ailia seufzte. „Es ist, als wäre man plötzlich in einer anderen Welt. Diese Ruhe... auch im Kopf, meine ich.“ Sie drehte den Kopf und sah Trevor an, der schweigend die Decke ausbreitete. „Auch wenn das Cya hier viel deutlicher vertreten ist.“
„Ich denke, wenn unsere Wissenschaftler es schaffen, den Transmitter auszuschalten, wird die natürliche Cya-Konzentration sich auch hier senken“, meinte er nur.
Sie hob gedankenverloren den Blick zum Himmel, an dem sich langsam die Sterne zeigten. „Mein Leben hat sich ganz schön verändert“, sagte sie leise.
„Es ist besser geworden, oder?“
„Ich... denke schon.“ Ailia schluckte. „Auch wenn jetzt plötzlich viele Dinge auf mich zukommen, die mich vorher nie berührten.“ Sie gestikulierte vage in der Luft. „Ich meine, man tritt jetzt mit jeder Menge Fragen an mich heran. Ich werde plötzlich bei Dingen um Rat gefragt, die mich noch nie interessiert haben und von denen ich keine Ahnung habe...“
Trevor grinste.
„Teresa fragte mich doch tatsächlich, ob ich ein Kleid für das Sonnenwendefest möchte. Ich war noch nie auf diesem Fest und jetzt denke ich darüber nach. Ich werde zu den Vorräten befragt, zu Umbaumaßnahmen an der Burg.“ Sie stockte und sah ihn groß an. „Ich werde einfach in Gespräche verwickelt...“
„Für mich klingt das gut.“ Trevor stand auf und hielt ihr die Flasche Wein vor die Nase. „Und deshalb solltest du heute auch ein Glas mittrinken. Zur Feier des Tages.“ Sie runzelte abwehrend die Stirn, doch er lachte. „Lucy, die Welt ist nicht untergegangen, obwohl du jetzt eine Menge Leute berührt hast. Das Cya ist nicht durchgedreht, obwohl du mich geküsst hast. Und ich denke, du kannst das Risiko eingehen, einen Schluck Wein zu trinken.“
„Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als du dich so lächerlich benommen hast...“, begann sie.
Doch er unterbrach sie, weil er sich selbst nicht unbedingt daran erinnern wollte, wie er einmal im Garten, nach dem Genuss von zwei dieser herrlichen Flaschen, gesungen hatte. Ailia musste ihm damals in sein Zimmer helfen, weil er sonst wahrscheinlich im Garten geschlafen hätte. „Ich habe nicht gesagt, du sollst die Flasche allein trinken, sondern nur ein Glas.“
Ailia hatte sich schon wieder umgedreht und tauchte die Hand ins Wasser. „Das ist toll. Das Wasser wird nie kühl.“ Dann drehte sie den Kopf. „Ich kann als erstes rein, ja?“
Trevor stellte langsam die Flasche ab. „Lucy“, sagte er ernst. „Ich... ich werde verschwinden, solange du im Wasser bist.“
Sie richtete sich verwirrt wieder auf.
„Ich komme wieder, ja?“ Trevor blieb vor ihr stehen. Er sah die Fragen in ihren dunklen Augen und seufzte. „Lucy, ich kann das nicht. Nicht mehr.“
„Aber...“, setzte sie an.
Trevor hob die Hand und legte sie um ihren Hals. Er hatte in den letzte drei Wochen vermieden, sie zu berühren, einfach, weil er sich selbst nicht traute. Und wenn sein Körper schon auf einen Kuss von ihr so verrückt reagierte, wollte er nicht darüber nachdenken, was geschah, wenn sie nackt in diesem heißen Wasser lag.
Ailia war einfach nur verwirrt. Und zu unschuldig, um sein Problem zu verstehen. Dann berührten seine Lippen sanft ihre und er flüsterte: „Ich bin nur ein Mann, Lucy.“
Es war hart genug, seinen Kopf wieder von ihr zu lösen und als er das Durcheinander in ihren Augen sah, seufzte er wieder. „Ich träume von dir. Ich möchte dich in den Arm nehmen, ich möchte dich küssen und ich möchte all die schrecklichen Erinnerungen aus deinem Kopf vertreiben. Ich *weiß*, dass ich das nicht darf. Und deshalb *kann* ich jetzt nicht bleiben.“
Ailia starrte ihn fassungslos an und langsam kroch die Röte wieder ihre Wangen hinauf. Sie sah hinreißend aus und Trevor benötigte seine gesamte Beherrschung, um sie los zu lassen. „Geh ins Wasser“, sagte er leise. „Ich bin in einer Stunde wieder da.“
Er wollte sich umdrehen, als sie ihre Hand auf seinen Arm legte. „Trev?“
Verblüfft sah er, wie sie ihn scheu anlächelte.
„Hast du nicht mal gesagt, zu zweit baden ist schöner?“
Es war das letzte, womit er gerechnete hatte und für einen Moment war er unfähig, sich zu rühren und konnte sie nur fassungslos ansehen. Sein Mund fühlte sich plötzlich wie ausgetrocknet an und er schluckte, ehe er ein Wort hervor brachte. Ein einziges.
„Sicher?“ Es klang eher wie ein Krächzen.
„Nicht... so... richtig...“, piepste sie schüchtern, allerdings ohne seinen Blick loszulassen.
Er träumte garantiert. Seine Hand hob sich ohne sein Zutun und er strich über ihre Wange. „Ich liebe dich, Lucy“, flüsterte er und küsste sie sanft. Dann sah er ihr in die Augen. „Ich will, dass du nein sagst, wenn du es dir anders überlegst. Egal wann.“
Ailia nickte und er nahm ihr Gesicht in seine Hände. „Ich träume das bestimmt“, murmelte er und Ailia musste fast lächeln, weil er wirklich verträumt aussah. Dann waren seine Lippen wieder auf ihrem Mund und sie spürte seine Zunge, die sich vorsichtig zwischen ihre Zähne drängte. Sie *war* nervös, aber das Verlangen in seinen Augen löste ein eigenartiges, nicht unangenehmes Gefühl in ihrem Körper aus.
Dann hob er wieder den Kopf. „Ich hatte nie gedacht, dass es passieren könnte.“ Er strich eine Locke aus ihrem Gesicht und grinste. „Und ich denke, wir sollten es uns jetzt erst einmal schön gemütlich im Wasser machen. Wie klingt das für dich?“
„Gut“, schaffte Ailia zu sagen.
„Möchtest du mich ausziehen?“ Er legte den Kopf schief, als er sah, wie sich die Röte in ihrem Gesicht vertiefte. „Ich jedenfalls werde *dich* ausziehen, also überleg dir, ob du dir diese Gelegenheit entgehen lassen willst...“
Ailia lachte und er war glücklich, dieses Geräusch zu hören. Ihre Stirn lehnte sich kurz an seine Brust, dann sah sie ihn wieder an. „Ich zittere.“
„Ich weiß“, hauchte er und seine Lippen wanderten ihren Hals entlang bis zu ihrem Ohr. „Wir haben die ganze Nacht, Lucy...“ Er ließ sie kurz los, um sich sein Shirt über den Kopf zu ziehen. Irgendwie hatte er das Gefühl, es würde sie erschrecken, wenn er sie zuerst auszog und das war etwas, was er unbedingt vermeiden wollte. Egal, welche Beherrschung es ihn kosten würde, diese Nacht gehörte ihr.
Ailia schluckte wieder, als sie auf seine nackte Brust blickte. Zögernd hob sie ihre Hände, strich über seine Haut und bemerkte, wie sich seine Muskeln anspannten. Er sah sie ruhig, fast neugierig an und ein Teil ihrer eigenen Anspannung löste sich in Luft auf. Da war keine Drängen in seinem Blick, keine Ungeduld, nur dieses Verlangen, das ihren Körper wieder zittern ließ. Unbewusst fuhr ihre Zunge über ihre trockenen Lippen und sie hörte ihn tief Luft holen, als er sie wieder an sich zog und küsste.
Seine Hände drehten sich, so dass er die Knöpfe ihres Kleides erreichen konnte. Ailia schloss die Augen. Seine Finger streiften das Kleid von ihren Schultern, so dass es zu ihren Füßen landete. Sie fuhren über ihre Arme und sie neigte den Kopf zur Seite, als seine Lippen wieder ihren Hals berührten.
Er drehte sie erneut um und lächelte. „Du bist dran.“
Ailia fühlte sich schon jetzt eigenartig nackt, obwohl sie noch immer den Slip und das dünne, fast durchsichtige Hemdchen trug. Trevor zwang sich gewaltsam, in ihr Gesicht zu schauen. Er wollte erst in das Wasser, weil er ahnte, dass die Wärme sie mehr beruhigen würde, als es all seine Worte konnten.
Dann fühlte er ihre Finger an seiner Hose und hörte ihr Kichern. „Ich habe das noch nie getan.“
Ebenfalls lachend half er ihr und streifte die Hose seine Beine hinunter. Ihr Gesicht brannte schon wieder wie Feuer und er küsste sie noch einmal, bevor er ihr das dünne Hemd über den Kopf zog und den Slip über ihre Hüften schob.
Ailia fröstelte einen Moment, als die laue Nachtluft ihre bloße Haut traf. Seine Augen leuchteten. „Ich habe es gewusst“, flüsterte er. „Du bist wunderschön.“
Da war ein Hunger in seinen Augen, der ihr den Atem raubte. Doch er schob sie nur in Richtung Wasser, griff nach der Seife und stieg ebenfalls in das Becken. Er lehnte sich an den Rand und zog Ailia mit dem Rücken zwischen seine Beine. „Entspann dich, Lucy“, murmelte er und seine Lippen strichen über ihr Ohr und ihren Hals. „Ich werde dir niemals wehtun.“
„Ich weiß“, antwortete sie leise und schloss die Augen, als seine Hände begannen, ihren Körper zu liebkosen.
„Untertauchen“, kommandierte er und begann dann die Seife in ihren dunklen Locken zu verteilen. „Als wir das erste Mal hier waren, Lucy, habe ich dich mit dem Seifenschaum spielen gesehen.“
„Oh Gott“, stieß sie erstickt hervor.
„Du hast mir so unendlich leid getan...“, murmelte er. „Ich verspreche dir, ich werde all das wieder gutmachen, was man dir angetan hat.“ Er fühlte, wie sie vertrauensvoll gegen seinen Körper sank und zog sie an sich.
Das Gefühl seiner Hände, die ihre Kopfhaut massierten, war so unbeschreiblich, dass Ailia nun auch glaubte zu träumen. Seine Finger strichen über ihren Hals und sie erzitterte wieder, als sie über ihre Brüste strichen. Sie lehnte sich zurück, spürte seine Lippen, die sich gegen ihren Hals pressten und nun, da sie keine Kleidung mehr trennte, überdeutlich seine Erregung im Rücken.
„Haare ausspülen“, wies er sie an und tauchte selbst unter.
Pustend kam Ailia wieder hoch und fand sich überrascht plötzlich gegen den Rand des Beckens gepresst wieder. Im nächsten Augenblick waren seine Lippen auf ihren und sie spürte das unterdrückte Verlangen, das seinen Körper beben ließ. Instinktiv umfingen ihre Arme seinen Hals und er stöhnte leise in ihren Mund, als ihre Zunge seine traf.
Seine Hand umfasste wieder sanft ihre Brust, während sein Daumen über die harten Knospen strich und Ailia spürte erstaunt eine eigenartige Sehnsucht in ihrem Körper. Unbewusst presste sie sich in seine Berührungen und hätte fast geseufzt, als er ihre Brust verließ und seine Hand sich tiefer bewegte. Doch dann verließ sein Mund ihre Lippen und wanderte über ihren Hals. Ihre Finger verkrallten sich in seinen Haaren, als sein Mund sich um die rosige Spitze ihrer Brust schloss und seine Zunge sie liebkoste. Diesmal konnte sie ein leises Stöhnen nicht unterdrücken.
Sie nahm nicht wahr, was seine Hand tat, doch als sie sie zwischen ihren Beinen spürte, fuhr etwas wie ein Stromstoß durch ihren Körper und ihr Kopf flog nach hinten.
„Oh Gott“, flüsterte sie hilflos, weil sich etwas, was sie nicht beschreiben konnte, in ihrem Körper zusammen zog.
Trevor hob den Kopf, lächelte sie an und hauchte gegen ihre Lippen. „Nicht Gott. Trevor.“ Spielerisch fuhr er mit der Zunge über ihre Unterlippe, neckte sie, als sie seinen Kuss erwidern wollte und stöhnte auf, weil sie plötzlich seinen Kopf umfasste und ihre Lippen auf seine presste.
Sie hatte seine Hand vergessen. Plötzlich strichen seine Finger über das empfindliche Fleisch zwischen ihren Beinen und sie schnappte erschrocken nach Luft. Das Gefühl war eigenartig und in ihrem Unterleib bildete sich ein Ziehen, das sich zu einem Schmerz zwischen ihren Beinen verdichtete. Sie wimmerte leise, weil sie sich plötzlich auf nichts anderes konzentrieren konnte als das, was seine Finger mit ihr anstellten. Ihre Arme umklammerten seinen Hals, als das Gefühl in ihr immer mächtiger wurde, so dass sie glaubte zu sterben, wenn nicht irgendetwas geschah.
„Trev“, stieß sie zitternd hervor. „Ich...“ Sie brach ab, weil sie sowieso nicht wusste, was sie sagen sollte. Dann fühlte sie, wie seine Arme sie hochhoben und aus dem Becken trugen.
Er legte sie sanft auf der Decke ab und beugte sich über sie. Sie sah total benebelt aus und irgendwie freute es ihn. Den Schmerz seiner eigenen Erregung ignorierend, presste er seine Lippen kurz auf ihren Mund, bevor sie wieder tiefer wanderten.
Ailias Augen schlossen sich und sie fragte sich hilflos, was mit ihr los war. Sie fühlte ein Brennen in ihrem Körper, von dem sie nicht wusste, woher es kam und ihre Haut schien zu glühen, dort, wo er sie berührte. Dann waren seine Finger wieder zwischen ihren Beinen und sie stöhnte auf, als der Druck übermächtig wurde. Weit entfernt registrierte sie eine eigenartige Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen und eine Art herrlichen Schmerzes breitete sich dort aus, wo seine Finger sie streichelten. Unbewusst spreizten sich ihre Beine und ihre Hände krallten sich in die Decke zu beiden Seiten ihres Körpers. Seine Lippen strichen über ihren Bauch und sie hob erschrocken den Kopf, als seine Zunge über ihre Haut fuhr und tiefer glitt. Er verharrte kurz und seine Augen trafen ihre.
Fassungslos beobachtete Ailia, wie ein wissendes Grinsen in sein Gesicht trat und er seinen Kopf senkte, ohne seine Augen von ihr zu lösen. In dem Augenblick, als seine Zunge seine Finger ersetzte, explodierte Ailia im ersten Orgasmus ihres Lebens und ihr Kopf flog mit einem leisen Schrei zurück, als ihr Körper sich wie im Fieber schüttelte und aufbäumte.
Trevor traf es völlig unvorbereitet. Da sie eine Mutantin war und er ihre Gedanken nicht lesen konnte, hatte er auch nicht damit gerechnet, sie in diesem Moment zu spüren. Er stöhnte auf, als die Wellen der Lust seinen Geist trafen und sein Körper zuckte genau so unkontrolliert wie Ailias, während bunte Punkte vor seinen Augen tanzten. Das war Wahnsinn. Das war mehr als Wahnsinn.
Mühsam kroch er Ailias Körper hinauf, während das Pochen seiner eigenen Erektion ihn fast um den Verstand brachte. Sie öffnete die Augen und allein dieser Blick war all seine Qualen wert.
„Trevor“, schluchzte sie auf und umklammerte seinen Hals. Sie spürte ihn zwischen ihren Beinen, seine Anspannung und seinen Kampf um Beherrschung und hätte weinen können. „Ja, Trev. Ja. Ja. Ja.“
Er seufzte, fast erleichtert. Seine Hände umfingen ihren Kopf und er presste seine Lippen auf ihre, als er langsam in sie eindrang. Ailia stöhnte leise und das Gefühl, ihn plötzlich tief in sich zu spüren, übertraf alles, was sie sich vorgestellt hatte. Er verharrte in ihr und sah in ihr schweißnasses Gesicht.
„Ich liebe dich, Lucy.“
Ailia konnte nicht anderes tun, als ihn keuchend anstarren. Dann begann er sich zu bewegen, erst langsam, um ihr Gelegenheit zu geben, sich an das neuartige Gefühl zu gewöhnen, doch dann forderte die so lange zurück gedrängte Leidenschaft ihren Tribut und seine Stöße wurden schneller. Ihr Körper kam ihm entgegen und instinktiv schlangen sich ihre Beine um seine Hüften, als sie spürte, dass er sie so besser erreichen konnte.
Sie fühlte es wieder, wie es sich in ihr anstaute und schluchzte fast, als der Druck übermächtig wurde. Er schien es zu spüren, denn seine Bewegungen wurden leidenschaftlicher, verlangender und seine Lippen trafen hart auf ihre. Und obwohl sie diesmal wusste, was kommen würde, traf es sie genau so hart, wie beim ersten Mal. Wimmernd umklammerte sie seinen Körper, fühlte, wie er sich noch ein paar Mal tief in ihr vergrub und schrie auf, als sie seinen Geist spürte, als er kam, und sich seine Ekstase mit ihrer mischte, ehe er auf ihr zusammenbrach.
*************
Trevor war der erste, der sich rührte. Ihre Arme hielten ihn noch immer fest, als wolle sie ihn nie wieder los lassen. Er hob den Kopf und sah erstaunt Tränenspuren auf ihren Wangen.
„Lucy?“ fragte er vorsichtig und als sie die Augen aufschlug, hätte er am liebsten mitgeweint.
„Wieso, Trev?“ Sie klang verzweifelt und hilflos. „Wieso hat man uns *das* vorenthalten?“
Sie fing an zu weinen. Er schlang seine Arme um sie und hielt ihren bebenden Körper fest, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Es dauerte eine ganze Weile und er fühlte wieder diese ohnmächtige Wut in sich aufsteigen, wenn er daran dachte, was man den Lucyani antat.
„Ich werde dafür kämpfen, Trev“, flüsterte sie an seiner Brust. „Ich werde nicht zulassen, dass sich noch eine einzige Lucyani dieser Prüfung unterzieht. Sie benötigen eine mentale Ausbildung, aber nicht *diese* Prüfung. Niemals wieder“, schwor sie.
Er richtete sich auf seine Ellenbogen auf und küsste sanft die Tränen von ihren Wangen. „Ich werde an deiner Seite stehen“, versprach er. „Aber damit fangen wir morgen an.“ Er lächelte und biss sie verspielt in die Unterlippe. „Heute Nacht werde ich dich lieben.“
Und Ailia zog wortlos seinen Kopf an sich und küsste
Ende