
Bild von anja25ive
Titel: Annie
Hauptcharaktere: Anne, Trevor, Sheldon, Vivian
Altersfreigabe: ab 12
Beta: Kristin
Inhalt:
Anne Catherine Stelter wünscht sich
nichts anderes als ein normales Leben. Sie ist nach Newbury in England gezogen,
arbeitet als Sekretärin in einer Steuerkanzlei und versucht zu vergessen, dass
es Jahre in ihrer Vergangenheit gibt, für die ihr die Erinnerungen völlig
fehlen. Nacht für Nacht wird sie von Träumen heimgesucht, in denen sie
machtvoller und stärker ist, als sie es sich vorstellen kann und in denen sie
Wesen gegenüber steht, die sie nicht kennt. Und Nacht für Nacht begegnet sie in
diesen Träumen einem Mann, der an ihrer Seite kämpft und den sie ebenfalls noch
nie zuvor gesehen hat.
Sie schafft es, all das zu ignorieren, bis zu jenem Tag, an dem der Mann aus
ihren Träumen vor ihr steht und sie erfährt, dass die Welt so ganz anders ist
als sie scheint.
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil
10 Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14 Teil 15
Teil 16 Teil 17
Teil 18 Teil 19
Teil 20 Teil 21
Teil 22 Teil 23
Teil 24
Teil 25 ... Teil 43
~*~* ~*~
Teil 1
Der Himmel über mir war nachtschwarz, aber
die drei Monde und die vielen Sterne am Firmament erhellten die Ebene, auf die
ich blickte, und hüllten sie in ein unwirkliches Licht. Ich konnte Einzelheiten
erkennen, obwohl es dunkel war, denn irgendetwas schien mit meiner Sicht
passiert zu sein und ließ mich in der Nacht sehen wie am Tage. Das Licht der
Monde und Sterne reichte dazu eigentlich nicht aus.
Ich saß auf einem weißen Hengst, der schnaubte und mit den Hufen scharrte, weil
er ungeduldig wurde, doch ich nahm die Zügel etwas fester, um ihn am
Davonstürmen zu hindern.
Von meinem Platz auf einem wiesenbedeckten Hügel aus konnte ich hinunter in die
Ebene schauen, in der eine Schlacht tobte. Trotz des Kampfes, der da unten
stattfand, blieb ich ganz ruhig. Ich sah die Wesen mit den blitzenden Augen und
den gebleckten Zähnen, die nur einem Alptraum entsprungen sein konnten und die
auf Tieren saßen, die nicht einmal entfernt an Pferde erinnerten. Auf der
anderen Seite kämpften Wesen, die waren wie ich – menschlich.
Um mich herum tobte das Chaos. Laub, Äste, kleine Steine und Erde umwirbelten
meinen Körper und den des Pferdes, der die einzige ruhende Stelle in dem
Durcheinander darstellte.
Ich stand, als wäre ich ein Fels in der Brandung. Jaulen, Schmerzensschreie und
Siegesschreie drangen an meine Ohren. Geifer tropfte aus den Kiefern der
Reittiere, wenn ihre dämonischen Reiter sie zwangen, ihre menschlichen Gegner
anzugreifen.
Immer wieder bemerkte ich, wie ihre Blicke zu mir hinauf wanderten, wie sie
versuchten, in meine Richtung zu gelangen und zurück geschlagen wurden. Metall
klirrte, wenn Waffen aufeinander schlugen oder eine Rüstung trafen und eines
der Tiere zu Boden ging.
Es schien mich nicht zu berühren, wenn ich mir auch nicht erklären konnte,
warum. Etwas bildete sich in meinem Körper, etwas, das so stark war, dass ich
es kaum bändigen konnte und das danach drängte, an die Oberfläche zu gelangen.
Es verursachte mir Schmerzen und ich schloss gequält die Augen.
Und plötzlich fühlte ich sie, obwohl ich sie nicht mehr sah. Jedes einzelne
dieser Alptraumwesen schien einen Punkt in meinem Denken zu berühren. Ich
konnte die Position eines jeden Dämons da unten ausmachen, als würde ich von
oben auf ein Schachbrett schauen. Die Geräusche des Kampfes drangen bis an
meine Ohren, jagten ein Zittern durch meinen Körper, der sich über meine Arme
bis in meine Fingerspitzen fortsetzte.
Annie.
Ich kannte die Stimme. Ich hatte sie oft genug gehört und wie jedes Mal
breitete sich ein warmes Gefühl in meinem Körper aus. Mit den Sinnen, die ich
unmöglich beschreiben konnte, „sah“ ich, wie sich ein Reiter aus der Menge
löste und auf mich zu galoppierte.
Vor mir bäumte sich der schwarze Hengst auf, als sein Reiter ihn zügelte und
kam dann tänzelnd zum Stehen. Ich spürte, wie er das Kampfross neben mich
lenkte und seinen Blick aus schmalen Augen über das Schlachtfeld schweifen
ließ, während seine Hände das Schwert fester umschlossen, dessen Klinge von
einem bläulichen Energiefeld umgeben war.
Bring es zu Ende, Annie.
Ich fühlte das Ausmaß der Macht, die in meinem Körper steckte und wusste, es
bedurfte nur eines winzigen Anstoßes, um diese Kraft freizusetzen. Egal wie
alptraumhaft diese Wesen da unten auf dem Schlachtfeld waren, sie jagten mir
keine Angst ein, denn ich war stärker als sie. Ich ließ die Zügel meines
Pferdes los und hob die Arme. Macht umtoste meinen Körper, als ich die Magie
freigab. Elektrische Entladungen, ähnlich denen, die über die Klinge des
Schwertes tanzten, blitzten über meine Haut, wanderten über meine Arme zu den
Fingerspitzen und entluden sich in grellen weißen Blitzen, die ihren Weg
hinunter in die Schlacht fanden.
Ich sah nichts mehr, fühlte aber, wie die Blitze die Alptraumkreaturen trafen,
sie aufschreien und brennen ließen. Die Ekstase des Kampfes hüllte mich ein und
vernebelte mein Denken. Wiehernd bäumte sich der Hengst unter mir auf, weil er
die Magie genauso spürte und ich öffnete die Augen und presste ihm die Beine in
die Flanken. Als hätte er nur darauf gewartet, stürmte er vorwärts, den Hang
hinab und mitten hinein in die Schlacht. Der Mann auf dem schwarzen Hengst riss
das Schwert hoch und galoppierte an meine Seite.
Weißes Licht hüllte uns ein und ließ die grauenvollen Wesen auf ihren
dämonischen Reittieren zurückweichen. Eine schmale leere Gasse bildete sich,
durch die wir hindurch stürmten und dann griff das Licht hinaus. Es breitete
sich aus und immer, wenn es eins der Wesen berührte, brüllte dieses auf, begann
zu glühen und fiel zu einem Aschehaufen zusammen.
Annie…
Ich hörte die Schreie der sterbenden Wesen und jeder Tod berührte etwas in mir.
Schmerz hüllte mich ein, aber ich konnte nicht stoppen. Die menschlichen Gegner
hatten aufgehört zu kämpfen, rissen ihren Waffen jubelnd nach oben, aber ich
sah nichts mehr, weil der Schmerz mein Denken überlagerte, meinen Körper lahm
legte, mich überschwemmte und Dunkelheit sich über meinen Geist legte…
~*~*~*~*~*~*~*~
Mit einem Aufkeuchen und schweißgebadet schreckte ich aus dem Traum hoch. Ich
benötigte einige Sekunden, um zu mir selbst zu finden und zu begreifen, dass
ich in meinem Bett lag und die ganze Schlacht in der Realität nicht existierte.
Trotzdem schaute ich mich um, nur um mich zu vergewissern, dass kein Zähne
bleckendes Monster neben meinem Bett hockte. Paranoid, oder?
Verflucht. Ich atmete tief durch, versuchte meinen rasenden Puls zu beruhigen
und scheiterte. Hatte ich wirklich geglaubt, dass es diesmal helfen würde, mir
einzureden, alles wäre nur ein Traum? Ein bitteres Lächeln stahl sich auf meine
Lippen. Nein, hatte ich nicht. Dazu hatte ich diesen Traum zu oft geträumt, war
zu oft aufgewacht und hatte zu oft stundenlang danach wach gelegen.
Es brachte auch nichts, darüber zu grübeln, warum mich mein Unterbewusstsein
mit solchen Bildern quälte. Ich kannte die Antwort nicht und würde sie
wahrscheinlich auch niemals finden.
Ich warf einen Blick zur Seite und war sehr froh zu sehen, dass Larry schlief.
Er hatte einen sehr festen Schlaf, aber es war mehr als einmal passiert, dass
er durch die Unruhe, die ich verbreitete, wenn ich schlecht träumte, wach
wurde. Mich nervten die Besorgnis, die ich dann in seiner Stimme hörte, und die
Versuche, die er dann anstellte, um mich zu beruhigen. Ich brauchte keinen
Trost und ich brauchte erst recht niemanden, der mir sagte, ich solle einen
Psychiater aufsuchen.
Larry war der Meinung, dass meine Träume auf ein verstecktes Kindheitstrauma
zurückzuführen seien. Ich hasste ihn, wenn er so etwas sagte. Natürlich gab es
da ein Kindheitstrauma, aber kein verstecktes, ich kannte es ganz genau.
Meine Eltern waren gestorben, als ich gerade meinen siebenten Geburtstag
gefeiert hatte. Ich hatte mit ihnen zusammen im Auto gesessen, als der Wagen
gegen einen Baum prallte. Bis heute ist weder der Polizei noch den Helfern von
damals klar geworden, weshalb meine Eltern tot waren, während ich unverletzt
fünf Meter neben dem Auto gefunden wurde, das einem Schrotthaufen gleich an der
großen Linde klebte.
Abzustreiten, dass es ein Trauma geben würde, wäre selbst für mich kindisch
gewesen und ich war sehr gut im Abstreiten und Verdrängen von Tatsachen.
Vielleicht würde mir ein Psychiater helfen können, die Erinnerungen an diese
Nacht aufzuarbeiten, die bei mir dummerweise nur aus grellem Licht und Lärm
bestanden. Aber dann hätte ich ihm noch mehr sagen müssen, nämlich, dass mir
eine Menge mehr Erinnerungen fehlten und nicht nur die an die Ereignisse dieser
Nacht.
Seufzend atmete ich noch einmal tief durch und stand dann leise auf. Ich hatte
es weder Larry noch den Männern, mit denen ich vor ihm zusammen gewesen war,
erzählt. Warum auch? An meiner Seite hielt es kein Mann lange aus, warum also
sollte ich ihn mit dem psychischen Müll belasten, der durch mein
Unterbewusstsein geisterte und den ich nicht mal kannte?
Aber es war eine Tatsache. Nach dem Tod meiner Eltern war ich in einem
Waisenhaus gelandet und bis zu meinem fünfzehnten oder sechzehnten Geburtstag
verfügte ich nur über bruchstückhafte diffuse Erinnerungen.
Vorsichtig, um Larry nicht doch noch zu wecken, schlich ich in Richtung
Schlafzimmertür. Vielleicht wollte ich ja gar nicht wissen, was in dieser Zeit
alles passiert war, denn so tolle Sachen konnten es nicht gewesen sein. Es
passierte ab und zu, dass Bilder in meinem Kopf auftauchten, Bilder von dunklen
düsteren Räumen und das verschwommene Gesicht einer Frau, die schimpfte und mir
mit einem Psychiater drohte.
Vielleicht hatte ich deshalb solch eine Abneigung gegen genau diese Leute
entwickelt und wollte davon nichts mehr hören. Möglicherweise hatte ich schon
einige Erfahrungen mit diesen Ärzten gesammelt und wollte sie nicht
wiederholen.
Larry brachte das Thema Therapie immer wieder zur Sprache, aber ich blockte
sofort ab. Wenn ich über etwas nicht reden wollte, dann wollte ich es nicht und
er hatte das zu akzeptieren. Natürlich war/ist es nicht einfach, mit jemandem
zusammen zu leben, der immer wieder von Alpträumen geplagt wird und der auch
sonst noch Verhaltensweisen zeigt, die nicht unbedingt normal waren. Ich hatte
mehr als einmal den Vorwurf gehört, ich wäre unnahbar und würde jeglicher
näherer Bindung aus dem Weg gehen. Vielleicht stimmte es. Fakt war, ich bekam
Panik, sobald jemand zu sehr klammerte, meine Nähe suchte oder kuscheln wollte.
In solchen Momenten war mir der körperliche Kontakt richtiggehend unangenehm
und ich konnte nicht erklären warum. Aber ich verstand, dass mein Verhalten
Larry enttäuschte.
Manchmal redete ich mir ein, dass ich einfach zu viel darüber grübelte, zu viel
nachdachte. Denn wenn es wirklich ein Trauma gab, weshalb plagte mich mein Unterbewusstsein
dann mit solchen Bildern? Wie kam ich auf solche komische Gestalten, die durch
meine Träume geisterten?
Aber wenn ich schon das alles nicht erklären konnte, wie kam ich dann noch auf
den dunkelhaarigen Mann, der immer wieder in meinen Träumen auftauchte? Er war
immer an meiner Seite, er kannte meinen Namen und er nannte mich Annie. Das
erlaubte ich niemandem, denn Annie hatten mich nur meine Eltern nennen dürfen
und Annie war mit ihnen gestorben. Ich hieß Anne und ich konnte richtig böse werden,
wenn das jemand nicht kapierte.
Seinen Namen kannte ich nicht, aber er sah toll aus. Vielleicht war toll nicht
das richtige Wort, aber er sah genauso aus wie die Art Mann, die dich umwirft,
wenn du ihm zum ersten Mal begegnest. Graue Augen, die manchmal ganz schwarz
wirkten oder glänzten und an denen etwas eigenartig war, das ich nie erklären
konnte, standen in einem ausdrucksvollen, markant geschnittenen Gesicht. Seinen
dunklen Haaren schien er nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie waren zwar
kurz geschnitten, standen aber immer recht wirr auf seinem Kopf herum. Mir
gefiel es, denn Männer, die ihre Haare mit Gel an ihrem Kopf festklebten, waren
mir einfach zuwider. Er hatte auch eine fantastische Figur, na ja, es war ein
Traum, warum sollte da nicht alles perfekt sein?
Und neben all dem umgab ihn eine Aura, die man nur mit dem Wort geheimnisvoll
beschreiben konnte. Aber es war nicht nur das Geheimnisvolle, das mich anzog,
nein, manchmal, wenn ich ihn beobachtete und sah, wie er sich ähnlich einem
Raubtier auf der Jagd bewegte, wusste ich, dass er gefährlich war. Und ich
wusste mit der gleichen Gewissheit, dass sich diese Gefährlichkeit nicht auf
mich bezog. Krank, oder?
Zwei Jahre lebte ich jetzt schon mit Larry zusammen und ich hatte ihm einen
Teil meiner Träume erzählt. Den unbekannten Mann oder Dämonen hatte ich nie
erwähnt.
Ich war an der Tür angekommen und drehte mich noch einmal um. Larry schlief
friedlich und hatte mit seinen Händen die Bettdecke umklammert, als würde er
sie wie einen Kuschelteddy benutzen. In solchen Momenten beneidete sich ihn um
seinen seligen Schlaf. Es würde Stunden dauern, ehe ich diese Ruhe wieder
finden würde.
Leise öffnete ich die Tür und huschte ins Bad. Ich drehte den Wasserhahn auf
und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Dass es mir helfen würde, mich zu
beruhigen, bezweifelte ich, aber es kühlte angenehm.
Aus dem Spiegel blickte mir ein Gesicht entgegen, das mir für einen Moment
völlig fremd erschien. Natürlich war es meins. Meine dunklen Augen in dem
schmalen Gesicht, das von wirren dunklen, fast schwarzen Locken eingerahmt
wurde. Manche sagten, ich wäre hübsch. Ich fand meine Nase zu lang, meinen Mund
schief und meine Haare einfach chaotisch, aber mich fragte ja niemand.
Jetzt schienen meine Augen von innen heraus zu glühen, während ein Schimmer auf
meiner Haut lag, der mir vorher noch nie aufgefallen war. Auch über meinen
Haaren tanzte ein heller Schein, der das dunkle Braun an einigen Stellen
glitzern ließ.
Ich blinzelte verdutzt und urplötzlich war der Schimmer weg und ich sah aus wie
immer. Blass, müde und mit ungekämmten Haaren. Komisch. Ich starrte mich ewig
im Spiegel an, doch ich konnte beim besten Willen nichts Ungewöhnliches
erkennen. Was zum Teufel hatte ich vorhin gesehen? Wieder war die Angst da und
schnürte mir mit eisigen Klauen die Kehle zu. Reichten nicht die Alpträume?
Fing ich jetzt noch an zu halluzinieren?
Stumm starrte ich mich selbst an, als würde mir mein Spiegelbild Antworten auf
all meine Fragen geben können.
Eigentlich bin ich eine ganz normale Frau. Siebenundzwanzig Jahre alt, 1,67
Meter groß mit braunen Haaren und braunen Augen, ziemlicher Durchschnitt also.
Ich habe eine Ausbildung durchlaufen, die mich befähigt, all die vielen
schriftlichen und organisatorischen Probleme, die ein Büroalltag mit sich
bringt, zu lösen. Seit sieben Jahren arbeite ich bei einer
Steuerberatungsgesellschaft, Steel & Partner, eigentlich seit jenem Tag, an
dem ich beschlossen habe, dass es egal ist, ob ich meine Vergangenheit kenne
oder nicht, und dass es wichtiger ist, in die Zukunft zu schauen.
Okay, mit Beziehungen hatte ich kein Glück. Meist endeten diese nach dem ersten
Date, spätestens nach zwölf Monaten. Ironisch ging mir durch den Kopf, dass ich
mit Larry sicherlich nur noch zusammen lebte, weil er öfter auf Dienstreise war
und die Zeit, die wir tatsächlich zusammen verbracht hatten, das Jahr noch
nicht erreicht hatte. Aber schließlich war ich nicht die einzige Frau, der es
so ging. Warum sollte es immer an mir liegen, dass es niemand länger an meiner
Seite aushielt?
Seufzend stützte ich meine Hände auf dem Waschbeckenrand ab. Larry war so
wunderbar normal. Freundlich, lebenslustig, nett, und er hatte einen guten Job.
Warum fühlte ich keine Schmetterlinge im Bauch bei dem Gedanken, solch einen
Mann an meiner Seite zu haben? Warum träumte ich von Monstern und einem Mann,
der so schön war, dass es ihn in der Realität gar nicht geben konnte?
Wahrscheinlich war wohl doch ich diejenige mit der Macke. Larry würde
irgendwann demnächst gehen und dieser Gedanke tat mir nicht einmal weh. Weshalb
wusste ich es mit Gewissheit? Und warum verspürte ich keinen Wunsch, etwas
daran zu ändern? Ich würde keine Antwort auf diese Fragen bekommen, so sehr
mich das auch ärgerte.
Seufzend warf ich mir selbst im Spiegel noch einen misstrauischen Blick zu,
aber ich blieb so unscheinbar und normal, wie ich mich kannte. Dann verließ ich
das Bad und hoffte, noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Alptraumfrei.
„Sie sind spät dran, Ms. Stelter.“
Armin Steels Stimme empfing mich mit diesem leichten Klang von Ärger, den ich
an ihm so hasste. Ja, ich war spät dran, aber wenn ich am Feierabend ohne
Klagen eine Stunde länger arbeitete, sagte er auch nicht: Sie sind spät dran,
gehen Sie endlich.
Ich quälte ein Lächeln auf meine Lippen, das wie eine Entschuldigung aussehen
sollte und ließ mich dann in den Stuhl hinter meinem Schreibtisch fallen. Bis
auf meine morgendliche Unpünktlichkeit gab es kaum etwas, das Steel an mir
aussetzen konnte. Gut, manchmal gefiel ihm auch meine Meinung nicht. Aber ich
bemühte mich, daran zu arbeiten. Er musste mich schließlich nicht nach meiner
Meinung fragen, oder? Sollte ich lügen, wenn er es trotzdem tat?
Steel war eigentlich ein Typ Chef, für den man gern arbeitete. Hart, aber
gerecht und er verlangte nichts Unmögliches. Sein Partner Stanley Hummer war da
ein anderes Kaliber. Im Gegensatz zu Steel sah er toll aus, aber er hatte
diesen arroganten Touch an sich, den man unweigerlich bekommt, wenn es nichts
gibt, was man sich nicht leisten kann, und hielt sich für unwiderstehlich.
Wenn ich etwas wirklich hasste, dann waren es Männer, die glaubten, jede Frau
würde ihnen zu Füßen liegen, nur weil sie ein großes Bankkonto ihr Eigen
nannten. Ich hatte ihm das auch ungefähr so erklärt. Vielleicht, aber nur
vielleicht, hatte ich auch etwas aggressiv dabei geklungen. Natürlich war das
bei Mr. Macho alles andere als gut angekommen.
Für ein, zwei Tage hatte ich damals mit meiner Kündigung gerechnet. Sie kam
nicht. Steel hatte es rigoros abgelehnt. Nebenbei, er kannte die Schwächen von
Hummer. Seitdem benahmen Hummer und ich uns zwar oft genug wie Katz und Maus,
aber er versuchte seine Flirtspielchen lieber bei Mandantinnen oder bei
Marlene. Mir konnte es egal sein. Wäre ich seine Sekretärin gewesen, ich hätte
von mir aus gekündigt. Aber das war nicht ich, sondern die hübsche, blonde
Marlene, die völlig in ihn verschossen war und sofort einsprang, wenn er keine
andere Frau finden konnte, die sein Bett wärmte.
Auf meinem Schreibtisch lag schon wieder so viel Arbeit, dass ich überlegte, ob
Steel die ganze Nacht gearbeitet hatte.
Ich schaute seinen Terminkalender durch und fluchte leise, als ich sah, dass
für den heutigen Abend eine Einladung zu Mr. Marquardt vorlag. Es war nur eine
Wohltätigkeitsveranstaltung, aber Marquardt war einer unserer lukrativsten
Mandanten, Steel musste teilnehmen und wenn es nur war, um sich zu zeigen und
ein wenig Geld zu spenden. Dummerweise hatte er mir gestern gesagt, seine Frau
wäre plötzlich krank geworden und er wäre sehr erfreut, wenn ich ihn begleiten
könnte. Seine Frau konnte Marquardt nicht leiden. Ich auch nicht, aber im
Gegensatz zu ihr, hatte ich keine Ausrede parat.
Eigentlich gab es keinen Grund, Marquardt nicht zu mögen. Er war höflich,
zuvorkommend, bezahlte unsere Rechnung pünktlich, beschwerte sich selten und
benahm sich wie ein wahrer Gentleman, wenn er unsere Kanzlei betrat. Ich muss
gestehen, manchmal hielt ich mich für verrückt, aber wenn er durch die Tür kam,
befiel mich ein solches Unbehagen, dass ich am liebsten den Raum verlassen
hätte. Rational konnte ich diese Abneigung aber nicht erklären.
Ich habe es Steel gegenüber natürlich nie erwähnt, denn ich mochte den Job und
er wurde gut bezahlt. Und ihn wegen irgendwelcher dummen Macken meinerseits
aufs Spiel setzen, würde ich nicht tun.
Leider konnte ich auch in Marquardts Unterlagen und seiner Buchführung nichts
Ungewöhnliches entdecken. Schade eigentlich. Ich sollte das nicht denken, denn
Marquardt brachte uns eine Menge Geld, aber der Gedanke, am heutigen Abend
seine Villa zu betreten und lächeln zu müssen, verursachte mir eine Gänsehaut.
Davon abgesehen hatte ich nicht einmal etwas zum Anziehen und würde meine
kostbare Mittagspause damit zubringen müssen, irgendwelchen teuren Mist zu kaufen,
den ich einmal und nie wieder anzog. Schon allein dafür konnte ich Marquard
noch weniger leiden.
„Guten Morgen, Anne“, störte mich die Stimme des Mannes, der mir zu meiner
Laune heute noch gefehlt hatte. „Träumen Sie jetzt schon am frühen Morgen?“
„Guten Morgen, Mr. Hummer“, erwiderte ich mit einem falschen Lächeln. „Ich
sollte Sie vielleicht gleich daran erinnern, dass heute Abend die
Wohltätigkeitsveranstaltung bei Mr. Marquardt stattfindet.“
Sein Lächeln verschwand und ich freute mich diebisch darüber. Hummer hasste
Marquardt auch. Einer der wenigen Punkte, in denen wir uns einig waren. Er
murmelte sogar etwas, dass verdammt nach: „Verflucht“ klang, was ihn mir ein
klitzekleines Bisschen sympathischer machte.
„Stimmt.“ Er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Da fällt mir ein,
Elisabeth kann diesmal nicht mitkommen, nicht wahr?“
Ich hätte am liebsten mit den Zähnen geknirscht, aber mein Lächeln hielt sich
perfekt, auch als er Steels Frau erwähnte. Jahrelange Übung.
„Sie begleiten Armin, oder?“
„Natürlich“, entgegnete ich höflich.
Er lachte mir direkt ins Gesicht. „Ich freue mich wirklich, Sie heute Abend mal
außerhalb dieser Büroräume zu treffen, Anne.“
Blödmann. Ich würde jetzt ganz gewiss nicht irgendwelchen erlogenen Schwachsinn
erwidern. „Ich kann nicht behaupten, dass das Vergnügen ganz meinerseits ist.“
Er lachte immer noch, als er seine Bürotür hinter sich schloss, denn er wusste
genau, dass ich solche Veranstaltungen nicht mochte und Marquardt noch weniger.
Das Telefon klingelte und lenkte mich glücklicherweise von Fantasien darüber
ab, wie ich Hummer den Hals umdrehen könnte.
„Steel und Partner“, säuselte ich in den Hörer. „Sie sprechen mit Ms. Stelter.
Was kann ich für Sie tun?“
~*~*~*~*~*~*~*~
Steels Limousine stand Punkt sieben vor meiner Tür.
Larry war ein wenig sauer darüber, dass ich Steel zu dieser Veranstaltung
begleiten sollte und begann die leidliche Diskussion, wir würden zu wenig Zeit
miteinander verbringen. Ich wusste das. Larry war genau wie ich im Beruf sehr
eingebunden, er arbeitete an seiner Karriere in der Bank und kam meist noch
später nach Hause als ich oder gar nicht, wenn er sich auf einer Dienstreise
befand.
Zwei mal pro Woche ging ich mit Susan joggen. Ich kannte sie zwar erst vier
Jahre, aber sie war das, was ich als meine beste Freundin bezeichnete. Sie
ertrug meine gelegentlichen Launen bei weitem besser als jeder Mann, mit dem
ich je versucht hatte zusammen zu leben. Zu zweit machte Joggen bedeutend mehr
Spaß als allein, aber zu mehr als zwei Mal pro Woche konnte Susan mich nicht
überreden. Sie selbst joggte vier-, manchmal sogar sechsmal. Ab und an gingen
wir gemeinsam einen Kaffee trinken, wenn es Susans Schichtplan zuließ. Sie
arbeitete in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche, keine Arbeit, um die
ich sie beneidete, doch die blonde, rigorose Susan hatte eine Gabe, auch den
gewalttätigsten Jungs Respekt einzuflößen.
Eigentlich hatten Larry und ich nur das Wochenende für gemeinsame Dinge, doch
da zog es ihn erst einmal vorrangig in seinen Volleyballclub. Darüber habe ich
mich nie beschwert. Auch nicht, wenn wir abends noch in seiner Lieblingsbar,
dem El Cubano, jene Leute trafen, mit denen er ohnehin den ganzen Tag
verkehrte und sich der ganze Abend nur um ein Thema drehte, nämlich über Bälle,
die über das Netz flogen.
Ich mochte die Bar, aber ich mochte die Leute nicht. Nicht alle. Ein paar waren
ganz in Ordnung, aber einige von Larrys speziellen Busenfreunden lebten in
einer altmodischen Welt, in der der Mann das Geld verdiente, die Frau das Haus
und die Kinder hütete und bestenfalls darüber diskutieren konnte, wie man eine
Lasagne zubereitete. Da waren sie bei mir natürlich an der richtigen Stelle.
Ich war nie dafür bekannt gewesen, meinen Mund zu halten und in gerade solch
einem Fall konnte ich zur Hochform auflaufen. Einer hatte doch tatsächlich mal
gesagt, er würde eine Frau nie in einer Führungsposition einstellen, da diese
abends, wenn wichtige Meetings angesetzt waren, garantiert heim musste, um dem
Mann das Abendessen zu kochen. Ich hatte damals honigsüß gefragt, ob diese
Meetings auch an Abenden stattfanden, an denen Fußballspiele übertragen wurden.
Auf die Antwort warte ich heute noch.
Larry war meine Direktheit manchmal peinlich. Mir nicht. Außerdem hatte ich da
einmal Hummer getroffen. Es war eigentlich ganz lustig gewesen, doch Larry
hatte mir dann vorgehalten, ich hätte Hummer provoziert. Keine Ahnung, wie er
auf den Gedanken gekommen war. Wenn ich ihn provoziert hatte, dann er mich
genau so. Schließlich war das eine Art Sport zwischen uns.
Wie gesagt, mir war klar, wir verbrachten wenig Zeit miteinander, aber es an
diesem Abend noch vorgehalten zu bekommen, wo ich sowieso schon schlechte Laune
wegen Marquardt hatte, das nervte mich richtig.
Ich schenkte Larry, der demonstrativ in den Fernseher starrte, nur noch einen
giftigen Blick und stürzte zur Tür. Es war etwas schwierig, in den hochhackigen
Schuhen zu laufen, aber ich kam heil die Treppen hinunter, strich mein schickes
langes Kleid noch einmal glatt und öffnete die Haustür.
Steels bewunderndes Lächeln entschädigte mich etwas für Larrys Laune. Und als
er dann noch sagte: „Nun, sehen wir zu, dass wir das Ganze in zwei Stunden
hinter uns bringen“, hätte ich ihn am liebsten umarmt.
Ich tat es natürlich nicht. Er war mein Chef, verheiratet und überhaupt nicht
mein Typ. Und viel zu alt. Aber er war in Ordnung, ihn würde ich niemals so
provozieren wie Hummer.
Seufzend stieg ich in die große Limousine. Morgen würden sich sicherlich meine
Nachbarn darüber den Mund zerfetzen und Überlegungen anstellen, wer denn der
fremde Mann gewesen war, der mich da vor meinem kleinen Reihenhaus mit diesem
teuren Auto abgeholt hatte. Sollten sie, ich würde sie garantiert nicht darüber
aufklären, nicht einmal, wenn sie mir ein Verhältnis unterstellten und hinter
meinem Rücken den armen Larry bedauerten.
So war das nun einmal in einer Kleinstadt und Newbury, im englischen Bezirk
Berkshire, war eine. Newbury lag zirka eine Autostunde südwestlich von London
und manchmal wünschte ich mir, nach London gezogen zu sein. Ich hatte das Haus
gemietet, nachdem ich den Arbeitsvertrag bei Steel & Partner unterschrieben
hatte, und es bis jetzt eigentlich nicht bereut. Das einzige, was mir wirklich
auf die Nerven ging, waren meine neugierigen Nachbarn.
Die Fahrt zu Marquardts Anwesen dauerte eine halbe Stunde. Wir mussten durch
ganz Newbury in Richtung des kleineren eingemeindeten Thatchams und dann rechts
eine Straße hinauf fahren, die irgendwann einmal ein Feldweg gewesen war. Jetzt
war sie das nicht mehr, denn sie führte direkt zu Marquards Wohnhaus und es
wurde darüber gemunkelt, dass er die Straße selbst gebaut hatte. Auch die Villa
war neu, denn meine uralte neugierige Nachbarin Hanna hatte mir erzählt, dass
sich an dieser Stelle früher ein Landwirtschaftsbetrieb befunden hatte, der die
angrenzenden Felder bewirtschaftet hatte.
Mir war das ziemlich egal, aber als ich jetzt die Unmengen von Limousinen vor
der großen Villa entdeckte, konnte ich mir gerade noch ein Aufstöhnen
verkneifen. Plötzlich war ich froh, das kleine Vermögen für das Kleid
ausgegeben zu haben.
Ein Butler öffnete mir die Autotür und ich zog mir die Stola enger um die
Schultern, als ich hinaus in die kühle Nacht trat. Obwohl es erst Mitte Oktober
war, wurden die Nächte kalt und natürlich wehte wie immer der für England so
typische Wind. Jetzt allerdings schien es weniger die Kälte zu sein, die mich
frösteln ließ. Ich wusste nicht, wie ich es beschreiben sollte, aber als mein
Blick über die hell erleuchtete Villa glitt, stieg ein ungewohntes Gefühl in
mir auf, das einen Klumpen in meinem Magen verursachte. Fast wie ein böses Omen
und ich hatte keine Ahnung, warum.
Steel bot mir lächelnd seinen Arm. „Kommen Sie, Ms. Stelter. Machen Sie gute
Miene zum bösen Spiel. Ich rechne Ihnen hoch an, dass Sie mich heute
begleiten.“
Ich seufzte und grinste schief zurück. „So offensichtlich?“
Marquardt lief uns gleich im Foyer über den Weg. „Armin! Welche Freude, dass
Sie es pünktlich geschafft haben.“ Überschwänglich schüttelte er meinem Chef
die Hand und warf dann mir einen Blick zu. „Ms. Stelter, ich freue mich, Sie in
meinem Haus begrüßen zu können.“
„Die Freude ist ganz meinerseits“, entgegnete ich höflich. Eigenartig, dass mir
die Zunge bei dieser Lüge nicht abfaulte. Nicht einmal meine Nase wuchs…
„Ich habe Ihnen Plätze neben Ihrem Partner reservieren lassen“, fuhr Marquardt
fort und winkte einem Butler, uns in den großen Speisesaal zu begleiten.
Auch das noch. Jetzt sollte ich tatsächlich noch Hummers Anwesenheit beim Essen
ertragen. Konnte es noch schlimmer kommen?
Ich sah mich unauffällig um, denn etwas neugierig auf das große Haus war ich
schon. Steel begrüßte ein paar andere Leute, teilweise Mandanten von uns,
teilweise mir völlig unbekannte Menschen. Ich musste zum Glück nicht viel
machen, außer einem freundlichen Lächeln zu zeigen. Von einer Sekretärin wurde
zu solchen Anlässen wenig erwartet. Wenn ich mich auch sonst über solche Dinge
aufregte, heute störte es mich nicht.
Mein Lächeln gefror etwas, als Hummer auf uns zukam und ich seinen Blick über
meine Figur gleiten sah. Wahrscheinlich hatte er es bemerkt, denn er grinste
anzüglich.
„Nettes Kleid, Anne.“
„Danke“, knurrte ich durch die Zähne zurück. Ich hasste auch, dass er Anne
sagte, aber seit er mir angeboten hatte, ihn Stanley zu nennen, verkniff ich
mir Bemerkungen in dieser Richtung. Ich wollte ihn nicht Stanley nennen.
„Darf ich Ihnen Beatrice vorstellen, Anne?“
Erst jetzt bemerkte ich das Modepüppchen an seiner Seite und benötigte meine
ganze Selbstbeherrschung, um nicht die Augen zu verdrehen. Das war so typisch
Hummer. Grinsend reichte ich seinem Date die Hand.
„Nett, Sie kennen zu lernen, Beatrice.“
Die Kleine lächelte ein grandioses Perlweiß-Lächeln. „Ganz meinerseits, Anne.“
Sie war jünger als ich, sehr viel jünger. Ich bezweifelte, dass sie überhaupt
volljährig war. Aber egal, das ging mich nichts an.
Ich folgte Steel, der unseren Tisch ansteuerte und schaute mich noch einmal um.
Der Saal war riesig. Es fanden sicherlich mehr als fünfhundert Leute Platz und
es sah so aus, als würden es heute so viele werden. Große, hohe Fenster
spendeten tagsüber sicherlich jede Menge Licht, waren aber im Moment nur
Dekoration und von dunkelroten Samtvorhängen verdeckt. Die Wände zierten echte
Kerzen, die gerade von einem der Bediensteten entzündet wurden. Sie wirkten
nicht, da der ganze Raum durch die Kronleuchter in grelles Licht getaucht
wurde. Wollte Marquardt Strom sparen und uns später bei Kerzenschein sitzen
lassen?
Mein Blick glitt über die vielen Menschen, die jede Menge Lärm machten, während
sie dabei waren, Platz zu nehmen. Ich beobachtete gern andere Leute und
amüsierte mich dabei köstlich. Diese kleinen Vorkommnisse, einer rempelt aus
Versehen den anderen an, entschuldigt sich wortreich, der nächste tritt ihm auf
den Fuß...
Bis mich ein Blick von der gegenüber liegenden Seite des Saals traf und ich wie
vom Blitz getroffen stehen blieb. Graue Augen in einem markant geschnittenen
Gesicht bohrten sich in meine und für einen Moment war ich zu nichts anderem
fähig, als mitten im Saal stehen zu bleiben und im wahrsten Sinne des Wortes
zurück zu glotzen.
„Hey, Anne“, riss mich dann eine Stimme aus meinen Gedanken. „Ich dachte, Sie
träumen nur im Büro vor sich hin.“
Ich hatte erwähnt, dass ich ihn nicht leiden kann, ja? Allerdings weckte mich
seine Stimme tatsächlich und ich erinnerte mich wieder daran, wo ich war. Röte
schoss mir ins Gesicht, weil Hummer meinem Blick gefolgt war. Zu meinem Glück
waren es zu viele Menschen und ihm fiel nicht auf, wem mein sicherlich sehr
dümmlicher Gesichtsaudruck gegolten hatte. Das wäre für ihn ein gefundenes
Fressen gewesen und er würde es mir wochenlang vorhalten. Anne starrt fremde
Männer an… verflucht. Ich hatte mein Privatleben immer aus der Firma
herausgehalten und Hummer niemals Angriffspunkte in dieser Richtung gegeben.
Allerdings hämmerte mein Herz wie verrückt und ich hoffte, meine zitternden
Finger unter Kontrolle zu bekommen. Das konnte nicht sein, oder? Es konnte
einfach nicht sein, dass ein Mann, der durch meine Träume geisterte, plötzlich
in dieser Stadt auftauchte?
Ich bemühte mich krampfhaft, unbeteiligt zu wirken, während ich meine Augen
wieder hinüber zur anderen Seite des Saals wandern ließ. Der Mann war
verschwunden und ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. Hatte ich es mir
nur eingebildet? Es gab schließlich genug Männer mit grauen Augen. Er war ein
Stück entfernt gewesen und weshalb war ich mir eigentlich so sicher, dass seine
Augen grau gewesen waren? Das konnte man auf diese Entfernung gar nicht
erkennen.
Hummer warf mir einen komischen, fast amüsiert wirkenden Blick zu und ich
funkelte böse zurück. Ich erreichte damit nur, dass er jetzt wirklich grinste.
Was hatte ich auch erwartet?
Während ich gedankenverloren den Gesprächen am Tisch lauschte, huschten meine
Blicke immer wieder durch den Saal. Bei jedem großen, dunkelhaarigen Mann
schien mein Herz kurz auszusetzen, doch wenn er sich dann drehte oder aufstand,
bemerkte ich, dass es sich nicht um denjenigen handelte, den ich vorher
geglaubt hatte zu sehen.
Es wurde ein Aperitif serviert, während im Hintergrund leise Musik spielte. Sie
war nicht so laut, dass sie störend wirkte, sondern unterstrich die eigenartige
Stimmung, die einsetzte, als die Kronleuchter ihr Licht verringerten. Plötzlich
gewannen die Kerzen an den Wänden an Bedeutung. Um mich herum flammte
begeistertes Geraune auf und hier und da hörte ich ein Lob auf den Gastgeber.
Auch Steel und Hummer äußerten sich anerkennend, schauten mich an als
erwarteten sie von mir eine Zustimmung, doch ich brachte gerade mal ein Nicken
zustande. Ich wusste nicht, warum, aber etwas in dem Raum hatte sich verändert.
Etwas, das mir Angst machte.
Mein Magen zog sich zusammen, sicherlich war ich auch kreidebleich geworden und
blickte doch, wenn ich mich umsah, nur in begeisterte Gesichter. Ich hatte noch
gar nichts gegessen, konnte es also nicht einmal auf eine verdorbene Speise
schieben. Denn genauso fühlte ich mich. Elend.
Beatrice’ glockenhelles Lachen lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch
und ich holte mehrmals tief Luft, um mich selbst zu beruhigen.
In diesem Augenblick spürte ich etwas wie einen warmen Hauch in meinem Nacken.
Ein wenig des Unwohlseins verschwand und ich drehte suchend den Kopf, weil ich
eine Art Klimaanlage erwartete.
Es war keine Klimaanlage und polternd fiel mir die Gabel aus den Händen, weil
ich so zusammengezuckt war. Er saß bloß zwei Tische weiter, der Mann mit den
grauen Augen und nun gab es nicht den leisesten Zweifel mehr. Es war der Mann
aus meinen Träumen.
Hummer lachte, als ich mich nach meiner Gabel bückte, machte irgendeine dumme
Bemerkung, die ich aber in meiner Panik gar nicht hörte.
Wer war das? Ich war mir sicher, dass ich ihn nie zuvor in meinem Leben gesehen
hatte. Als ich den Kopf wieder hob, unterhielt sich der Mann gerade mit seinem
Tischnachbarn und ich hatte Gelegenheit, ihn unauffällig weiter zu beobachten.
Ich konnte es nicht fassen. Es waren die gleichen dunklen, wirren Haare, die
schmalen Lippen und die scharfen Wangenknochen. Ich hätte am liebsten geseufzt,
denn wenn man einmal die Monster vergaß, die in meinen Träumen die
beherrschende Rolle spielten, dann war dieser Mann grandios anzusehen.
Der neben ihm sitzende Mann hatte ebenfalls dunkle Haare, trug sie aber lang
und im Nacken zusammengebunden. Helle, blaue Augen dominierten in einem
ebenfalls sehr schönen Gesicht. Es war mir lange nicht passiert, dass ich in
einer Menschenmenge gleich zwei Personen traf, die meinem Geschmack
entsprachen. Okay, wenn ich Hummer noch mitzählte, waren es sogar drei, aber
dieser konnte aussehen wie er wollte, mein Urteil über ihn war gefällt. Die
Züge des langhaarigen Mannes schienen weicher, sanfter, obwohl ihn genau so wie
meinen Traummann eine Aura der Unwirklichkeit – die ich mir sicherlich nur
einbildete - zu umgeben schien.
Ich musste unbedingt herausbekommen, wer er war. Ohne dass Steel oder Hummer
mein Interesse auffiel, natürlich. Ich hatte keine Lust, mich in den nächsten
Wochen mit anzüglichen Bemerkungen herum ärgern zu müssen.
„Sie sind aber heute still, Anne“, nervte Hummer mich schon wieder. „So kennt
man Sie ja gar nicht.“ Sein Date hatte kurz den Tisch verlassen, um sich frisch
zu machen.
„Stan“, murmelte Steel und klang leicht verärgert. „Könntet ihr diese
Streitereien nicht endlich mal lassen?“
„Ich habe doch gar nichts gesagt“, mischte ich mich unschuldig ein und schenkte
dann Hummer ein falsches Lächeln. „Beatrice ist noch nicht volljährig, oder?“
Hummer hatte Sinn für Humor. „Direkt wie immer, unsere Anne“, entgegnete er.
„Ich hatte den Termin vergessen und Beatrice war die einzige Person, die ich in
der kurzen Zeit auftreiben konnte.“
Ich musste wirklich lachen, als er das so ehrlich zugab, während Steel nur den
Kopf schüttelte und meinte: „Du bist unverbesserlich.“
„Du hättest Elisabeth mitbringen sollen“, fuhr Hummer mit einem Blick in Steels
Richtung fort. „Dann hätte ich die reizende Anne als Begleitung wählen können.“
„Sie glauben nicht im Ernst, dass ich mit Ihnen hierher gekommen wäre?“, fragte
ich mit einem mühsam unterdrückten Glucksen in der Kehle. Wäre Steel nicht
dabei gewesen, ich hätte ihm ins Gesicht gelacht.
Ein hinterhältiges Grinsen erschien in seinem Gesicht. „Ich hätte Ihnen sogar
das Kleid bezahlt.“
Jetzt musste ich doch lachen. „Sie können mich nicht kaufen. Ich hätte lieber
einen Kredit aufgenommen, als mir irgendetwas von Ihnen schenken zu lassen.“
„Sie betrüben mich zutiefst, Anne“, sagte er mit einem Funkeln in den grünen
Augen.
„Heben Sie sich Ihre Flirtspielchen für Beatrice auf. Wie alt war sie doch
gleich? Mussten Sie die Zustimmung Ihres Vaters einholen?“
Unser nettes Gespräch wurde unterbrochen, weil der Gegenstand der Unterhaltung
wieder auftauchte und erst einmal von der Einrichtung des Hauses schwärmte.
Gleichzeitig wurde das Essen serviert und wir hatten vorerst mehr damit zu tun,
uns durch die vielen Gänge zu kämpfen.
„Sagen Sie“, wandte ich mich irgendwann dann an Steel. „Weshalb eigentlich
heute diese Veranstaltung?“
„Marquardt hat gar nicht allzu viel verraten“, erklärte dieser leise. „Ich
denke, wir werden es später noch erfahren. Soviel ich weiß, geht es um eine
Hilfsorganisation zur Förderung behinderter Kinder.“
Marquardt und Unterstützung behinderter Kinder? Irgendetwas in mir wollte es
nicht glauben. Marquardt ging über Leichen - nicht wortwörtlich – sondern wenn
es um Profit ging. Der geborene Unternehmer. Ihn interessierte herzlich wenig
außerhalb der Firma. Woher dieser plötzliche Sinneswandel? Meist engagierten
sich die gelangweilten Frauen der reichen Industriellen für soziale Bereiche,
aber Marquardt war Single. Jedenfalls soweit ich das wusste. Natürlich gab es
hin und wieder eine Frau an seiner Seite, aber niemals eine, die es gewagt
hätte, ihn in Richtung Traualtar zu schleppen.
Steel und Hummer diskutierten eine Weile über ihren eventuellen Beitrag zu
verschiedenen Hilfsorganisationen. Obwohl Hummer in vielen Sachen einfach ein
Idiot war, unterstützte er Steel in diesen Dingen. Vielleicht sah er in dem
älteren Mann auch ein Vorbild, vielleicht wollte er auch nur beweisen, dass er
in der Rolle des Partners der Richtige war. Vielleicht wollte er auch nur
irgendwann die Firma allein führen. Dann würde ich kündigen. Sofort.
Beatrice trug wenig zur Unterhaltung bei. Es
ging sowieso hauptsächlich um firmeninterne Angelegenheiten, von denen sie
keine Ahnung zu haben schien.
Das Essen war kaum abgeräumt und neuer Wein serviert, als wir bemerkten, dass
sich Marquardt ein Mikrofon geben ließ und damit die Aufmerksamkeit auf sich
lenkte.
Sicherlich würden wir nun endlich erfahren, warum wir eigentlich hier waren.
Allein dieser Abend kostete ein Vermögen. Ich würde auch gern einmal so reich
sein, dass es mir nichts ausmachte, fünfhundert Leute zu verköstigen.
„Meine Damen und Herren. Ich weiß, Sie sind sehr neugierig auf meine
Ausführungen. Lassen Sie mich etwas ausholen…“
Die Augen meiner Tischnachbarn klebten an Marquardts Gestalt genauso wie die
der anderen Personen im Saal. Es überraschte mich etwas, denn normalerweise gab
es immer, auch bei den interessantesten Vorträgen, diverse
Hintergrundgeräusche. Und so interessant war Marquardts kleine Rede ja nun
wirklich nicht. Eigentlich erzählte er nur lang und breit, mit welchen
Schwierigkeiten behinderte Kinder zu kämpfen hatten, wie schwer sie es in ihrem
Leben hatten und wie oft sie von ihren Eltern verstoßen wurden.
Verstoßen? Ich runzelte die Stirn. Woher nahm er eigentlich seine ganzen
Weisheiten? Ich merkte mir gleich einmal vor, ein wenig über seine Interessen
zu recherchieren.
Vielleicht gerade, weil es so still war, aber urplötzlich lenkte etwas meine
Aufmerksamkeit wieder zu den beiden Männern zwei Tische weiter. Entgegen zum
Rest des Saals, der wie verzaubert Marquardts kleiner Rede lauschte, schienen
diese beiden Männer angeregt zu diskutieren. Angeregt schien sogar zuwenig
gesagt, es sah eher so aus, als würden sich die beiden streiten. Mein Traummann
wollte sogar aufspringen und wurde nur durch den raschen Griff des anderen
daran gehindert und wieder auf seinen Platz gezogen. Worte schienen hin und her
zu fliegen, aber niemanden anderen an diesem Tisch interessierte es.
Marquardt schwafelte weiter von einem Projekt, ähnlich einem Kinderheim, unter
ärztlicher Aufsicht, mit dessen Bau am Rande von Thatcham mit seinen
Geldmitteln schon begonnen worden war.
Ich hatte mehr damit zu tun, die beiden Männer zu beobachten, denn sie waren
die Einzigen außer mir, die dem Vortrag nicht gebannt lauschten.
In diesem Moment drehte mein Traummann den Kopf und unsere Augen trafen sich
wieder. Er sagte etwas und der Langhaarige folgte seinem Blick. Mir wurde heiß,
aber ich schaffte es nicht, meine Augen abzuwenden, obwohl ich genau sehen
konnte, dass die beiden Männer jetzt über mich sprachen. Ich starre im
seltensten Fall Männer einfach an, aber das hier war etwas anderes. Es schien,
als würde ich ihn kennen und das machte mir Angst. Schließlich wusste ich ganz
genau, dass dem nicht so.
Ein Gefühl von Kälte lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf Marquardt. Von
einem Moment zum anderen schien die Temperatur im Raum gefallen zu sein und ich
musste mich zusammenreißen, um nicht mit den Zähnen zu klappern. Weder Steel
noch Hummer zeigten eine ähnliche Reaktion, und das war mehr als eigenartig.
Dann aber sah ich, dass mein Traummann sein Jackett ebenfalls enger um die
Schultern zog, während ihm der andere eine scharfe Bemerkung an den Kopf warf.
„Schauen Sie, meine Damen und Herren“, redete Marquardt unverdrossen weiter.
„Sehen Sie diese bemitleidenswerten Kinder und hören Sie auf ihr Herz…“
Ich starrte erschrocken nach vorn. Marquardt hatte tatsächlich Kinder mit hier
her gebracht? Schockiert beobachtete ich, dass eine Frau zwei kleine Jungen in
den Saal führte. Okay, führen war zuviel gesagt. Einen trug sie auf dem Arm und
den anderen schob sie in einem Rollstuhl vor sich her. Entsetzen zog meinen
Magen zusammen, als ich in die kleinen entstellten Gesichtchen blickte.
Sicherlich war ich kreidebleich geworden und zu einer Bewegung war ich auch
nicht mehr fähig. Denn ich sah nicht die Gesichter kleiner, behinderter Kinder.
Ich sah auch keine verkrüppelten Gliedmaßen.
Ich sah die Monster aus meinem Traum. Kindliche Monster. Kindliche Monster mit
gelben Augen und Reißzähnen im Mund. Mit Krallen an den Händen, die jedem
Raubtier Ehre gemacht hätten. Mir wurde so schlecht, dass ich Angst bekam, mich
übergeben zu müssen und schloss die Augen, weil ich hoffte, irgendein gnädiger
Gott würde mich gleich aus dem Traum erwachen lassen, den ich zweifelsfrei
träumte.
„Annie.“
Ich blinzelte, als ich meinen Namen hörte und sich im gleichen Moment eine Hand
auf meinen Arm legte. Ein eigenartiges Gefühl, ausgehend von der Berührung der
fremden Finger, zog sich durch meinen Körper und ich riss erschrocken die Augen
auf.
„Nehmen Sie sich zusammen, Annie“, sagte die Stimme wieder und ich drehte den
Kopf.
Ich wäre fast tatsächlich in Ohnmacht gefallen, als ich in die hellen, blauen
Augen des Mannes blickte, der neben dem Mann aus meinem Traum zwei Tische
weiter gesessen hatte.
„Fallen Sie nicht auf, Annie“, sprach er weiter. „Es wäre zu gefährlich hier.“
Wovon redete er eigentlich? Und woher, verdammt noch mal, kannte er meinen
Namen? Oh Gott. Er kannte meinen Namen?!
Ich musste ihn angesehen haben wie einen Geist, denn er runzelte die Stirn.
„Sie verstehen mich doch, oder?“
Ja, sicher verstand ich ihn. „Wer sind Sie?“, flüsterte ich und meine Stimme
war nur ein heiseres Flüstern.
„Mein Name ist Sheldon“, antwortete er ebenso leise. „Versuchen Sie, sich
nichts anmerken zu lassen, er wird gleich fertig sein mit der Rede und die
Magie wird abflauen.“
Wenn mir noch jemand erklären würde, wovon er sprach, wäre ich sehr glücklich.
Mein Kopf schwirrte, als hätte ich zuviel getrunken und ich konnte mich kaum
darauf konzentrieren, ihn anzusehen. Es schien, als wäre die Luft um ihn herum
elektrisch geladen. Ich konnte es nicht anders erklären, aber irgendetwas an
ihm war mir unheimlich. Nicht so unheimlich wie die Monsterkinder, aber es war
eindeutig etwas anders an ihm. Etwas, das ihn von Menschen wie Hummer oder
Steel unterschied. Ich hatte nur absolut keine Ahnung was.
Erst dann dämmerte es in meinen Verstand, was er gesagt hatte und mein Blick
wurde noch verwunderter.
„Magie?“, fragte ich fassungslos und hoffte, mich verhört zu haben. Ich warf
einen gehetzten Blick in die Runde an unserem Tisch und musste feststellen,
dass niemand reagierte, sondern alle weiterhin gebannt Marquardts Vortrag
lauschten.
Sheldon runzelte wieder die Stirn. Einen Moment schienen seine Augen noch
heller zu werden, fast farblos und der Eindruck seiner Unwirklichkeit wurde
stärker. Er warf einen Blick in Richtung des anderen Mannes und für einen
Augenblick hatte ich das Gefühl, die beiden würden über diese Entfernung
miteinander kommunizieren. Natürlich war das Blödsinn, aber ein Wispern, fast
greifbar, huschte durch meine Gedanken. Wahrscheinlich drehte ich wirklich
langsam durch. Larry hatte Recht. Ich sollte mich vielleicht tatsächlich mal an
einen Psychiater wenden.
„Sie sind hier in Gefahr, Annie“, störte Sheldon meine Überlegungen. „Sie
hätten sich niemals hierher wagen dürfen. Nicht in Ihrer jetzigen Form.“
In meiner jetzigen Form? Ich hätte am liebsten geweint. Wieso verstand ich kein
Wort von dem, was er mir sagen wollte? Es kam mir vor, als würde er in einer
fremden Sprache mit mir reden.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, brachte ich
irgendwann endlich hervor. Eigentlich hatte ich verärgert klingen wollen, aber
ich klang selbst in meinen eigenen Ohren nur nervös. Dabei war es eine
Frechheit, mich Annie zu nennen, aber im Augenblick hatte ich andere Sorgen als
mich darüber aufzuregen.
Er lächelte fein, ohne dass ich seine Zähne sehen konnte. Es war nur der Hauch
eines Lächelns, aber sein Gesicht wurde noch weicher und fast überirdisch
schön. Ich blinzelte zwanghaft, um den Eindruck zu verwischen. Schließlich war
ich dafür bekannt, nicht so einfach auf ein hübsches Gesicht herein zu fallen.
„Es würde zu lange dauern, das hier zu erklären“, flüsterte er kaum hörbar.
„Treffen Sie sich mit uns bitte morgen Abend zwanzig Uhr im Dark Night.“
Das verdrängte ein wenig meine Nervosität und der Ärger gewann die Oberhand.
„Was soll das sein? Eine Nachtbar?“, zischte ich genauso leise. „Wie wäre es
zum Mittagessen bei McDonalds?“
Er lächelte wieder. „Ich bin um die Mittagszeit etwas weniger…ähm…verfügbar“,
erklärte er nur.
Wahrscheinlich ein Langschläfer. Ich verdrehte im Geist die Augen. Ich wollte
gerade sagen, dass er sich die Idee von mir in einer Nachtbar sonst wohin
stecken konnte, als er mir eine Visitenkarte in die Hand drückte und aufstand.
„Seien Sie da, Annie. Es ist wichtig.“
Ich starrte ihm mit offenem Mund nach, beobachtete, wie er zu seinem Platz
zurückging, ohne dass einer der anderen Menschen ihm Beachtung schenkte und
erwischte mich bei dem Gedanken, dass er einen netten Hintern hatte. Verflucht.
Die Augen des anderen Mannes trafen wieder auf meine, als Sheldon sich setzte,
doch seine Miene war ausdruckslos. Sheldon lächelte fein, während der andere
etwas sagte, das ich nicht verstehen konnte.
Scheiße. Hieß das jetzt, ich hatte ein Date mit den beiden tollsten Männern, die
ich seit langem getroffen hatte? Was zum Teufel sollte ich Larry sagen? Spielte
ich jetzt tatsächlich mit dem Gedanken, da hin zu gehen?
Mein Blick wanderte auf die Visitenkarte. Es war ein einfaches Stück Papier. Dark
Night, Greenham Road 7. Als Logo befand sich eine Maske auf der Karte,
ähnlich der, die das Phantom der Oper getragen hatte.
Ich hatte noch nie von dem Club oder der Bar gehört. Eigentlich war ich auch
noch nie da unten in Greenham in der Nähe des alten Militärflugplatzes gewesen.
Es ist wichtig. Was konnte es in meinem Leben wichtiges geben, das zwei Männer
veranlasste, mich zu diesem Treffen überreden zu wollen? Obwohl, von überreden
konnte ja schon mal keine Rede sein. Sie setzten voraus, dass ich dort
aufkreuzte.
Übergangslos wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als um mich herum
Gemurmel, Rascheln und das Hin- und Herrücken von Stühlen begann. Gespräche
setzten ein und die Atmosphäre änderte sich schlagartig. Verschwunden waren die
Kühle und der Druck, der sich auf meinen Geist gelegt hatte.
Marquardts Assistentin trug die beiden Kinder aus dem Raum und als sie an mir
vorüber gingen, konnte ich einen Blick in ihre Gesichter werfen. Plötzlich
sahen sie aus wie normale Kinder, ein wenig entstellt, aber normal und ein
eisiger Schauer jagte mein Rückrad hinauf. Die dunklen Augen des kleinen Jungen
auf dem Arm der Frau trafen meine und für einen Augenblick drehte er den Kopf,
um meinen Blick nicht loszulassen, als sie an mir vorbei liefen. Doch dann
waren sie vorüber und ich erklärte mich – wieder einmal - für verrückt.
Hummer und Steel schwatzten munter drauf los und als Steel erwähnte, er würde
zehntausend Pfund spenden, hatte ich Mühe, mich nicht an dem Schluck Wein zu
verschlucken, den ich gerade im Mund hatte. Steel war für seine ernsthaften
Überlegungen in Bezug aufs Geldausgeben bekannt. Er schlief über jede
Finanzierung mindestens drei Nächte, ehe er eine Entscheidung fällte, und jetzt
das? Hummer hatte gar nichts dagegen und ich zwang mich krampfhaft um einen
unbeteiligten Gesichtsausdruck. Es ging mich nichts an, oder?
Weder Hummer noch Steel und schon gleich gar nicht Beatrice fragten nach dem
fremden Mann, der noch vor zehn Minuten neben meinem Stuhl gehockt hatte. Ich
konnte es mir nicht erklären, aber ich musste davon ausgehen, dass sie ihn gar
nicht gesehen hatten, denn dass Hummer seine Klappe halten würde, konnte ich
mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Das dumpfe Gefühl in meinem Magen, das ich als ungute Vorahnung interpretierte,
blieb den ganzen restlichen Abend bestehen. Ich schaffte es, mich normal zu
unterhalten. Ich schaffte es sogar, ein paar Pflichttänze mit Steel und sogar
mit Hummer zu absolvieren, ehe wir uns verabschieden konnten.
Marquardt überschlug sich fast vor Freundlichkeit, als Steel sein Scheckbuch
zückte und ihm den ausgefüllten Scheck überreichte. Mir war einfach nur
schlecht.
Ich hatte Sheldon und seinen Begleiter nicht noch einmal gesehen, aber ich
fühlte mich den ganzen Abend von unsichtbaren Augen beobachtet. Immer wieder
kreiste die Frage durch meinen Kopf, was ich tun sollte. Möglicherweise Larry
einweihen und mitnehmen?
Es wäre der richtige Weg gewesen, aber etwas
in mir wehrte sich dagegen, etwas, das ich nicht beschreiben konnte.
Vielleicht weil ich mir erhoffte, Antworten auf eine Menge Fragen zu finden,
die meine Träume betrafen. Vielleicht aber auch nur, weil meine weiblichen
Hormone überhand nahmen und ich nicht wollte, dass sich Larry deswegen Sorgen
machte.
Okay, streich den letzten Teilsatz, wies ich mich selbst zurecht.
Ich wollte eine Antwort auf meine Fragen und ich wollte nicht, dass Larry
erfuhr, mit wem ich mich traf. Zumindest sich selbst gegenüber sollte man
ehrlich sein.
~*~*~*~*~*~*~*~
Am nächsten Abend überraschte mich Larry, indem er gar nicht da war, als ich nach
Hause kam. Ich fand einen Zettel mit der Nachricht: „Bin im El Cubano.
Robert und Elvira sind da. Komm doch noch nach, Schatz“, auf dem Küchentisch.
Meine ohnehin schlechte Laune wurde noch schlechter. Wenn es unter Larrys
Freunden jemanden gab, den ich am wenigsten leiden konnte, dann waren es Robert
und seine aufgetakelte Elvira. Ich wäre auch nicht hin gegangen, wenn es da
nicht dieses Date mit zwei Unbekannten gegeben hätte. So musste ich Larry
wenigstens nichts erklären und hoffte, wieder zurück zu sein, ehe er wieder
aufkreuzte. Die Chancen standen gut. Ein Abend im El Cubano zog sich
meistens in die Länge, und Larry interessierte es wenig, dass er am nächsten
Morgen arbeiten musste. Er kam mit bedeutend weniger Schlaf aus als ich und
vergaß das gern, wenn wir zusammen unterwegs waren.
Ich huschte schnell unter die Dusche und überlegte dann vor meinem
Kleiderschrank, was ich anziehen könnte. Es war kein richtiges Date, also
sollte ich nicht zuviel Aufhebens machen. Deshalb entschied ich mich für eine
meiner engen Jeans, einen schlichten Pullover und legte etwas Make-up auf.
Heute sah ich im Spiegel sehr schön normal aus und grinste mich selbst an, um
mir etwas Mut zu machen.
Ein wenig nervös war ich nämlich schon und ließ schnell noch mein Pfefferspray
in der Handtasche verschwinden. Eine Frau sollte nicht völlig unbewaffnet im
Dunkeln unterwegs sein. Da ich nur eine ungefähre Vorstellung hatte, wie die
Gegend, in der sich das Dark Night befand, beschaffen war, wollte ich
gewappnet sein.
Ein Blick auf den Stadtplan hatte mir gesagt, dass es ein einsames Haus fast
direkt neben dem alten Flugplatz war, das irgendwie mitten in den Wald gebaut
worden war. Es war keine Gegend, die man im Reiseführer von Newbury finden
würde und ich bezweifelte, dass irgendjemand sie einem Besucher vorführen
würde.
Ich öffnete mein Auto und warf die Handtasche mit dem Pfefferspray auf den
Beifahrersitz. Ich fuhr nur einen kleinen Fiesta. Er war alt, rostete vor sich
hin, aber er brachte mich seit Jahren dahin, wo ich wollte. Ich wollte mich
einfach nicht von ihm trennen, auch wenn ich mir deswegen schon mehr als einmal
Larrys spitze Bemerkungen anhören musste. Larry liebte sein Auto, einen
nagelneuen BMW, und putzte ihn jeden zweiten Tag. Mein Fiesta war staubig, hatte
dringend mal einen Staubsauger nötig und wies auch schon ein paar Dellen auf.
Na und? Ich zumindest drehte nicht durch, wenn ich aus Versehen mal irgendwo
aneckte.
Die Einfahrt zum Dark Night konnte ich nicht verfehlen, denn die Straße
endete und ging in einen Feldweg über, der zum alten Flugplatz führte. Ich
stöhnte, als ich die unbefestigte, von Autoreifen zerfahrene Einfahrt bemerkte.
Auch jetzt konnte ich kein Hinweisschild erkennen, das eine Bar oder was auch
immer das Dark Night war, ankündigte.
Seufzend bog ich ab und fuhr den schlammigen Weg bis vor das einsam stehende
Haus hinauf. Niemand mit gesundem Menschenverstand würde sich hierher wagen,
zumindest nicht um diese Zeit. Mir kamen schon wieder Zweifel, ob es richtig
war, überhaupt hinein zu gehen und blieb im Auto sitzen, nachdem ich die
Zündung ausgeschalten hatte. Es war stockdunkel und nur eine klägliche
Leuchtreklame über einer recht marode aussehenden Tür wies auf das
Vorhandensein eines Clubs hin. Ein großer Jeep war das einzige Auto, das außer
meinem noch auf dem freien Platz vor dem Haus stand. Gut besucht wurde der Club
also auch nicht.
Ich würde da nicht reingehen. Ich war doch nicht lebensmüde. Wie konnten diese
beiden verrückten Männer glauben, ich würde in dieses Haus gehen, wenn es schon
von außen aussah wie etwas, vor dem man seine Kinder warnen würde.
Im nächsten Moment klopfte jemand an meine Autoschreibe und ich sprang in
meinem Sitz hoch. Reflexartig schlug ich auf die Türverrieglung und beruhigte
mich etwas, als diese einrastete. Erst dann versuchte ich zu erkennen, wer sich
da draußen befand. Leider konnte ich in dem diffusen Licht nichts erkennen.
„Ms. Stelter?“, erkundigte sich eine weiche Stimme durch die verschlossene
Schreibe. „Sheldon hat mich beauftragt, Sie sicher ins Innere des Clubs zu
begleiten.“
„Verschwinden Sie, ich steige nicht aus“, sagte ich mit einem Zittern in der
Stimme, für das ich mich hasste. Meine Hand lag schon am Zündschloss, um das
Auto zu starten und zu verschwinden, als sich Fahrertür von selbst wieder
entriegelte.
Ich war noch nie in einer solchen Situation gewesen, vielleicht hätte ich sonst
schneller reagiert und den Wagen gestartet. Keine Ahnung. So konnte ich nur
fassungslos und kreidebleich zusehen, wie der Mann die Fahrertür öffnete und seinen
blonden Kopf herein steckte.
„Entschuldigen Sie bitte mein Benehmen“, sagte er mit einem Grinsen, das seine
Zähne im Mondschein glänzen ließ. „Sheldon hat mich darauf hingewiesen, dass
Sie eventuell nicht sofort kooperieren.“
Ich starrte ihn an wie einen Geist. Es war weniger sein Gesicht. Er war ein
stinknormaler Mann, blonde, kurze Haare, helle Augen, die Farbe konnte ich
nicht erkennen, und er wäre mir vielleicht auch sympathisch gewesen, wenn er
nicht immer noch so breit gegrinst hätte. Meine Augen wurden magisch von seinem
Mund angezogen, in dem ich wunderschöne, weiße Fangzähne blitzen sah.
Fangzähne!
Ein Traum. Annie, das ist ein Traum. Wach auf.
Ich wachte nicht auf. Der Mann – das Ding? – griff nach meinem Arm und zog mich
aus dem Auto. Ich schrie noch immer nicht, vielleicht weil ich einen Schock
hatte. Plötzlich war es wieder da, das Gefühl, das mich auch in Sheldons Nähe
befallen hatte und jegliche Farbe verließ mein Gesicht.
„Nein“, stieß ich hervor und wollte mich losreißen, doch der Griff an meinem
Arm war stärker.
„Ich möchte Ihnen nicht wehtun, Ms. Stelter“, sagte er, diesmal sehr sanft.
„Ich verspreche, dass Ihnen nichts passiert. Bitte folgen Sie mir.“
Er konnte mir viel erzählen. „Lassen Sie mich sofort los!“, fuhr ich ihn an.
„Ich schreie!“
Als ob mich hier in dieser Einöde jemand hören würde. Wieso war ich nur so dumm
gewesen und hatte Larry nicht wenigstens per Handy über mein Vorhaben
informiert?
„Mein Name ist Thunder“, fuhr der blonde Mann fort. „Es besteht kein Grund zur
Unruhe.“
„Ich gehe nirgends hin“, kreischte ich, nun langsam hysterisch. Zu Recht, fand
ich. Ich war allein im Wald in der Nähe eines Geisterhauses mit einem Typen,
der Reißzähne hatte. Das musste einfach ein Traum sein. Ich hatte solche Träume
und ich wollte aufwachen. Oder ich musste an das Pfefferspray kommen.
Thunder hatte mich in der Zwischenzeit trotz meiner Gegenwehr bis zum Eingang
des Hauses gezogen. Seine Hand um meinen Arm glich einem Schraubstock und jetzt
bekam ich wirklich Panik. Ich wollte da nicht rein, da drinnen würde mich
niemand schreien hören. Ich holte aus und versuchte ihn mit der Hand ins
Gesicht zu schlagen. Ich hätte vielleicht die Faust nehmen sollen, denn es
beeindruckte ihn gar nicht. Auch nicht, dass ich anfing, nach ihm zu treten.
Ich konnte zur Furie werden, wenn ich wütend war. Im Moment hatte ich eine
Scheißangst und die verleiht bekanntlich Riesenkräfte.
Gegen Thunder nützten sie gar nichts. Er schlang einfach seinen Arm um mich,
warf mich wie einen Sack über seine Schulter und stieß die Tür des Hauses auf.
Ich kam mir vor wie ein Fliegengewicht, so lässig trug er mich durch den
Vorraum. Auch im Haus war es düster und ich konnte nicht viel erkennen. Was
mich nicht davon abhielt, weiter zu kreischen und wie wild um mich zu treten.
Thunder trug mich einfach durch einen Flur, in einen schwach beleuchteten Raum,
der mich nun doch an eine Bar erinnerte, an einem Tresen vorbei zu einer
Seitentür. Es verursachte nicht einmal einen Aufstand, dass ich auf so
ungewöhnliche Weise und doch so offensichtlich gegen meinen Willen durch den
Raum getragen wurde. Ich konnte es nicht fassen. Als ich dann noch den
Barkeeper rufen hörte: „Hi, Thunder. Bringst du das Frühstück?“, und Gelächter
an der Bar losbrach, wurde mir wirklich elend.
„Verflucht“, schimpfte ich und trat dem Mann das Knie in den Bauch. „Ich will
hier weg! Lass mich runter, du…du Kreatur!“
Thunder tat es natürlich nicht. Er
durchquerte mit mir den nächsten Raum und stieß dann die Tür zum Hinterzimmer
auf. Ich hätte am liebsten geweint, weil ich mich so hilflos fühlte und schwor
mir, sollte ich das hier überleben, würde ich einen Selbstverteidigungskurs
buchen. Im Moment sah es allerdings nicht so aus, als würde ich diese
Gelegenheit jemals bekommen.
Meine Kehle tat mir vom Schreien schon weh und ich schaffte es, den Kopf zu
heben, um etwas im Raum zu erkennen. Er hatte keine Fenster, aber an den Wänden
hingen dekorative dunkelgrüne Samtvorhänge. Sie erinnerten mich etwas an
Marquardts Saal, aber das war auch schon alles. Auf der rechten Seite stand ein
breites Sofa, auf dem bequem vier Leute Platz gefunden hätten, sowie zwei
Sessel und ein kleiner Tisch davor. Die linke Seite nahm ein Bücherschrank ein,
in dem ich jede Menge uralter Bücher erkennen konnte. Davor stand ein runder
Tisch mit vier Stühlen.
Zwei Männer saßen an diesem Tisch. Zwei Männer, die ich kannte. Sheldon mit
einem amüsierten Lächeln im Gesicht. Der andere mit einem Ausdruck
offensichtlicher Missbilligung.
„Thunder“, murmelte dieser und klang auch sehr verärgert. „Wäre es nicht ein
wenig unauffälliger gegangen?“
„Sie hat sich geweigert, das Haus zu betreten“, verteidigte Thunder sich und
setzte mich ab.
Vor lauter Wut über diese Behandlung dachte ich gar nicht nach, als ich
ausholte und ihm mit der Schuhspitze gegen das Schienbein trat. Diesmal hatte
ich ihm wehgetan, denn er fluchte laut auf und wich sogar zurück.
Es war Sheldons leises Lachen, das meine Aufmerksamkeit wieder auf die beiden
Männer am Tisch lenkte. Sheldon war elegant gekleidet. Er trug eine schwarze
Hose, die wie Seide glänzte, darüber ein weißes Hemd, dessen oberste Knöpfe
offen standen und einen Blick auf seine nackte Brust freigaben. Eine schwarze
Weste vervollständigte die Kleidung.
Der Dunkelhaarige lachte nicht, ja, er musterte mich sogar ziemlich skeptisch.
„Sicher, dass es die richtige Person ist?“, fragte er Sheldon.
Im Gegensatz zu Sheldon trug er nur schwarz. Und seine Kleidung war alles, aber
nicht elegant. Allerdings sah er aus, als wäre er darin geboren. Enge schwarze
Hosen, wahrscheinlich Leder, ein enges, schwarzes, weit ausgeschnittenes Shirt,
ich konnte nicht erkennen, ob es ärmellos war oder nicht, denn darüber trug er
eine kurze, ebenfalls schwarze Jacke. Ich schätzte, aus dem gleichen Material
wie die Hose. Seine Handgelenke umschlossen breite Lederbänder, die ich jedoch
nicht genau erkennen konnte, da sie in den Ärmeln der Jacke verschwanden. Erst
jetzt bemerkte ich die Ketten um seinen Hals, mehrere und an ihrem Ende befand
sich ein kreuzförmiger Anhänger.
„Fühlst du es nicht?“ Sheldon lächelte wieder, diesmal richtig breit und ich
bekam den nächsten Schock, als ich in seinem Mund die gleichen Fangzähne wie in
Thunders entdeckte.
„Sie scheint es nicht zu wissen“, fuhr der andere Mann fort. „Thunder hat Glück
gehabt, dass sie die Macht nicht kennt, die sie angeblich besitzen soll.“
Ich verstand nur Bahnhof und ich hatte das satt. Es sah nicht so aus, als
wollten die drei mich demnächst umbringen. Die Nacht war ja auch noch lang und
wer wusste, was sie sonst so vorhatten, aber im Moment verdrängte ich diese
Gedanken.
„Kann mir mal irgendjemand erklären, was hier abgeht? Ist das versteckte Kamera
oder was?“
Der Dunkelhaarige verdrehte die Augen, während Sheldon wieder lächelte. „Setzen
Sie sich, Annie.“ Er hob den Kopf und sah Thunder an. „Lass uns allein. Und sag
Barth, dass er unserem Gast etwas zu trinken bringen möchte. Was möchten Sie
trinken, Annie?“
Eine Flasche Whiskey. Vielleicht würde der Rausch, der danach unweigerlich
einsetzte, meinen Verstand klären. Allerdings sagte ich das nicht. Ich setze
mich artig an den Tisch und brummte: „Wasser.“
Sheldon schien sehr gerne zu lächeln, denn er tat es wieder. So, dass ich einen
wunderschönen Blick auf seine Zähne hatte. „Für uns bitte eine Flasche Rotwein,
eine der guten. Und bring drei Gläser, vielleicht entscheidet sich unsere
Freundin hier ja noch, ein Glas mitzutrinken.“
Jetzt war ich schon seine Freundin. Das wurde ja immer interessanter. „Sind die
echt?“, fragte ich und deutete an meine Zähne mit einem Blick auf seine.
Jetzt lachte der Dunkelhaarige. Hart und ironisch. „Das glaubt uns niemand,
Shelly. Niemand. Sie kann es unmöglich sein.“
Ich war versucht, ihm die Zunge heraus zu strecken, tat es aber nicht. Es hätte
ihn sicherlich wieder zum Lachen gereizt.
„Ja, das sind sie“, erwiderte Sheldon höflich.
„Mach den Test“, mischte sich der andere Mann wieder ein. „Und dann sieh zu,
dass du ihr die Erinnerung wieder nimmst.“
Sheldon zog Handschuhe an, griff in seine Jackentasche und holte etwas hervor.
Er hob seine Hand und ich erkannte eine feine filigrane Kette, an deren Ende
ein amulettähnlicher Anhänger glitzerte. „Nehmen Sie sie, Annie“, sagte er
leise.
„Warum tragen Sie Handschuhe?“, erkundigte ich mich misstrauisch.
„Es ist Silber“, erklärte er liebenswürdig. Seine Stimme hatte einen rauchigen
Klang, der mir tief unter die Haut ging.
Allerdings nützte mir die Erklärung gar nichts. Wortlos griff ich nach der
Kette und nahm sie aus seiner Hand. Ich hatte das Silber kaum berührt, als ein
Glühen durch die Kette ging, das sich bis hin zum Anhänger fortsetzte. Der rote
Stein in der Mitte leuchtete so grell auf, dass sein Strahlen das Zimmer in ein
unwirkliches Licht hüllte.
„Verflucht“, murmelte der Dunkelhaarige und zum ersten Mal hörte ich Erstaunen
in seiner Stimme.
Sheldons Augen leuchteten in einem fast magischen, hellblauen Licht.
„Willkommen, Lucyana“, sagte er leise und neigte den Kopf.
Ich starrte auf die Kette, fühlte eine nicht unangenehme Wärme, die von ihr
ausgehend meinen Körper durchzog und konnte mich nicht rühren. Was war das für
ein Trick? Meine Augen hoben sich und trafen den Blick des Dunkelhaarigen,
dessen Gesicht wieder diesen nichts sagenden Ausdruck angenommen hatte. In
meinen Träumen war er mir immer sehr sympathisch gewesen. Das konnte ich jetzt
nicht behaupten.
„Ich bin Trevor“, stellte er sich mit diesem spöttischen Klang in der Stimme
vor, den ich nun schon kannte. „Der Jäger.“
Aha. Er hatte keine Reißzähne. Das beruhigte
mich aber keineswegs. Denn ich verstand gar nichts.
Ich schaute wieder Sheldon an, der mir trotz der seltsamen Zähne bedeutend
sympathischer war. „Was zum Teufel soll das Ganze?“
Die Tür öffnete sich und der Mann, der hinter der Bar gestanden und die
komische Bemerkung gemacht hatte, trat ein. Ich nahm an, dass es sich um diesen
Barth handelte, denn er balancierte auf einem Tablett eine Flasche Wein und
drei Gläser.
„Das wird eine lange Nacht, Annie“, fuhr Sheldon fort. „Ich hoffe, Sie haben
Zeit.“
Nein, die hatte ich nicht. Ich wollte zu Hause sein, ehe Larry heimkam und ihm
nicht erklären müssen, dass ich mich mit Leuten getroffen hatte, die Reißzähne
im Mund hatten.
Barth stellte die Flasche auf den Tisch, goss die drei Gläser ein, ohne mich
noch einmal zu fragen, ob ich überhaupt etwas wollte und lächelte mich
schelmisch an. Der Nächste mit Reißzähnen. Ich hätte am liebsten geweint.
„Sie scheinen doch nicht das Frühstück zu sein?“
„Sie versteht den Witz nicht“, kam es trocken von Trevor.
Ich funkelte ihn böse an. „Vielleicht erklären Sie ihn mir endlich mal?“
Trevor grinste spöttisch. „Er ist ein Vampir.“
„Trevor.“
Es war nur der eine Name, der Sheldons Lippen verließ, aber Trevors Grinsen
verschwand und er wurde wieder ernst. „Ich weiß nicht, wie lange du noch um den
heißen Brei herum reden willst, Shelly.“
Vielleicht war das hier eine Nervenheilanstalt? Irgend so eine alternative
Variante, wo die Verrückten ihr Verrücktsein ausleben konnten?
Barth hatte den Raum wieder verlassen und ich blieb mit den beiden Männern
allein. „Ein Vampir, soso“, antwortete ich ironisch. „Sollten wir dann nicht
Blut servieren?“
„Wir wollten Sie nicht erschrecken, Annie.“ Sheldons Stimme hatte wieder diesen
samtweichen Klang angenommen, den ich mochte.
Ich sah Trevor an. „Sie auch? Haben Sie vergessen, die Zahnprothese anzulegen?“
Belustigung blitzte in seinen grauen Augen auf. „Ich bin menschlich.“
Mir reichte es. Ich wollte aufstehen, doch Sheldons Hand schoss vor und
umschloss meinen Arm. „Bleiben Sie, Annie. Ihr Leben ist in Gefahr und solange
Sie nicht wissen, was all das bedeutet, ist es sehr einfach, Sie zu töten.“
Mir war vollkommen klar, dass mein Leben in Gefahr war. Seit ich diese
verfluchte Bar betreten hatte. „Ich habe keine Lust, mir diesen Irrsinn länger
anzuhören!“, sagte ich scharf. „Wenn Sie es lieben, andere Leute zu
erschrecken, ihnen Märchen zu erzählen, dann bitte schön. Verschonen Sie mich
damit!“ Ich zerrte an meinem Arm, konnte
Sheldons Griff allerdings nicht lösen. „Es reicht jetzt! Ich werde Sie
anzeigen!“
Sheldon blieb noch immer ruhig, während Trevor einen frustrierten Ton von sich
gab. „Dieses Amulett“, erklärte Sheldon und deutete auf die Kette, die ich noch
immer in der Hand hielt, „ist ein magisches Amulett.“
Ich ließ das Ding fallen, als hätte ich mich verbrannt und das Leuchten
verringerte sich zu einem sanften Glühen.
„Es reagiert auf Wesen mit magischen Fähigkeiten. Für jedes Amulett einen
Träger“, fuhr Sheldon fort. „Es gehört Ihnen, Annie. Es hat Sie als seinen
Besitzer erkannt.“
Er erklärte diesen Irrsinn mit einer Stimme, in der ich keinen Spott erkennen
konnte. Glaubte er wirklich daran?
„Wir freuen uns, endlich Kontakt zu Ihnen aufnehmen zu können, ehe es die
andere Seite versucht“, sagte er. „Sie hätten Sie getötet, oder Sie auf die
dunkle Seite gezogen.“
Und wo war ich jetzt? Sollte das die helle Seite sein? Welche Seite von was
denn?
„Magie ist eine Gabe, Annie. Sie wurden damit geboren und Sie können dieser
Bestimmung nicht entfliehen. Sie müssen lernen, sich damit auseinander zu
setzen.“
Na klar doch. Und sicherlich endete die ganze Sache gleich damit, dass Männer
in weißen Kitteln herein stürmten, die Spritzen in den Händen hielten und
Zwangsjacken dabei hatten.
„Ich will hier weg“, sagte ich leise und todernst. „Und ich will nie wieder
etwas von Ihnen hören oder sehen.“
Trevor lachte hart auf. „Was muss geschehen, damit Sie uns glauben? Muss erst
jemand sterben? Es sind schon genug Menschen gestorben, Annie. Unter anderem
Ihre Eltern…“
Ich ließ ihn nicht weiter sprechen, weil übergangslos Wut in mir hochschoss.
„Lassen Sie meine Eltern aus dem Spiel!“, schrie ich unbeherrscht.
Sheldon mischte sich ein, indem er sich nach vorn beugte. „Wir können Ihnen
Antworten auf all Ihre Fragen geben, aber Sie müssen uns vertrauen.“
Ich hätte am liebsten hysterisch gelacht. „Ich kenne Sie jetzt seit
vierundzwanzig Stunden. Sie glauben nicht im Ernst, dass ich Ihnen vertraue?
Dieses ganze Ambiente…“ Meine Hand machte eine vage Bewegung im Umkreis. „Ihre
absurden Behauptungen. Ihr Aussehen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nicht
sonderlich vertrauenswürdig, wenn Sie mich fragen.“
„Das Amulett hat Sie erkannt, Annie“, fuhr Sheldon fort, ohne seine Stimme zu
heben und ohne ungeduldig zu werden. Er schien weit mehr Selbstbeherrschung zu
besitzen als Trevor. „Wir beobachten Sie schon eine ganze Weile, aber wir
konnten keinen Kontakt aufnehmen. Sie mussten von sich aus auf uns aufmerksam
werden, aber Sie verschlossen sich vor uns. Erst gestern Nacht…“ Seine Stimme
verklang. Mir schien es, als wolle er noch etwas anderes sagen, aber dann fuhr
er fort: „Es passiert nicht oft, dass ein Kind geboren wird, das magische
Fähigkeiten besitzt, ohne dass bei den Eltern auch nur ein Funken existiert.
Wir wünschten, wir hätten schon eher Kontakt aufnehmen können, aber Sie waren
so unauffällig, so unmagisch und so…unerreichbar. Sie hätten uns noch vor
vierundzwanzig Stunden gar nicht geglaubt.“
Ich glaubte ihm auch jetzt nicht. Erst dann sickerte durch, was er gerade
gesagt hatte und ich brachte hervor: „Wollen Sie damit sagen, Sie beschatten
mich schon länger?!“ Meine Stimme hatte schon wieder diesen hysterischen Klang
angenommen, den ich hasste.
„Ihre Geburt ist angekündigt worden“, erklärte Sheldon leise. „Aber niemand
konnte Sie erreichen. Wir wissen noch immer nicht warum. Ich bin beauftragt
worden, nach Ihnen zu sehen. Leider habe ich Sie erst gefunden, nachdem schon
so viel in Ihrem Leben passiert war. Ich kann es nicht rückgängig machen, aber
es wird Zeit, dass Sie erfahren, wer Sie sind und was Ihre Bestimmung ist.“
Mein Kopf schwirrte und als er jetzt noch anfing, von Bestimmung zu reden,
wurde es mir zuviel. „Wieso denken Sie, dass ich Ihnen jetzt glaube?“
„Weil Sie gestern etwas gesehen haben, was Sie nicht verstehen und etwas
gefühlt haben, was Sie noch nie gefühlt haben“, sagte Sheldon leise.
„Was denken Sie, warum Sie den Unfall Ihrer Eltern überlebt haben?“, stellte
jetzt Trevor die Frage, bei der es mir eiskalt den Rücken hinunter floss.
Woher wusste er überhaupt vom Unfall meiner Eltern? Mir fiel auch keine Antwort
auf seine Frage ein. Das einzige, was ich tun konnte, war ihn anstarren.
„Die Magie in Ihnen hat reagiert“, beantwortete Sheldon die Frage. „Ihr Leben
war in Gefahr und Ihr Unterbewusstsein hat Ihnen Ihr Leben gerettet.“
Na klar. So einfach.
„Sie benötigen jemanden, der Sie ausbildet, Annie. Sie wissen nicht, zu welchen
Dingen Sie fähig sind. Es ist gefährlich, für Sie selbst und für Ihre Umwelt.
Es wird nicht ewig bei Alpträumen bleiben.“
Jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht, als er Alpträume sagte. Alles in meinem
Kopf drehte sich. Ich wusste nicht, was ich glauben sollte und was nicht. Mein
logischer Verstand sträubte sich gegen die Vorstellung, dass er Recht haben
konnte, während ein Teil von mir sich genau das wünschte. Weil es erklären
würde, dass ich nicht verrückt war.
Trevor griff nach seinem Glas und hob es in meine Richtung. „Trinken Sie einen
Schluck, Annie. Sie sehen nicht gut aus.“
Ich sah ihn an, blickte in seine grauen Augen, sah sein mir so vertrautes
Gesicht und fragte mich, ob es irgendjemanden gab, der mir sagen konnte, was
ich glauben sollte. Wortlos griff ich nach meinem Glas und leerte es in einem
Zug.
„Ich glaube Ihnen nicht“, piepste ich dann mit einer Stimme, die nicht mir zu
gehören schien.
Trevor machte eine kurze Armbewegung und plötzlich lag ein Messer in seiner
Hand. Es war nicht groß, vielleicht fünfzehn Zentimeter lang und silbrig
glänzend. Ich hatte nicht verfolgen können, wo es herkam, wahrscheinlich hatte
er es in seinem Jackenärmel verborgen, aber ich zuckte vollkommen erschrocken
zusammen. Er reichte mir das Messer mit dem Griff zuerst. „Silber“, erklärte er
einfach. „Sheldon ist sicherlich dazu bereit, Ihnen eine kleine Demonstration
zu bieten.“
Es dauerte ein, zwei Sekunden, ehe ich mich überwinden konnte, nach dem Messer
zu greifen. Erst dann schaute ich Sheldon an und wusste nicht, was ich davon
halten sollte.
Er lächelte, streckte seine Hand aus und legte sie auf den Tisch. „Berühren Sie
mich mit dem Messer.“
Ich kam mir vor wie im falschen Film. Aber
irgendetwas zwang mich zu tun, was er sagte. Langsam bewegte ich das Messer auf
seine Hand zu. Ich wusste, er meinte nicht, ich solle ihn mit dem Messer
schneiden, schließlich gab es einige Vampirfilme, die ich gesehen hatte.
Allerdings konnte ich nicht glauben, dass ich jetzt wirklich mit dem Gedanken
spielte, zu überprüfen, ob dieser Mann ein Vampir war. Und selbst wenn es jetzt
irgendeine Reaktion gab, wer sagte mir, dass diese beiden die Wahrheit
sprachen?
Denn in keinem der Filme hatte ich je gesehen, dass Vampire allergisch auf
Silber reagierten. Wenn sie die Wahrheit sprachen, waren sie dann eine andere
Rasse Vampire oder waren die Filme Blödsinn, die ich bisher gesehen hatte? Oder
war das alles hier einfach Blödsinn?
Dann hatte das Messer seine Hand erreicht und ich legte einfach die flache
Seite der Klinge gegen seinen Handrücken. Keine Ahnung, was ich erwartete
hatte. Wenn ich es mir recht überlege, gar nichts.
Vielleicht zuckte ich deshalb so entsetzt und erschrocken zusammen, als ein
ekliges Zischen ertönte und Qualm von der Stelle aufstieg, an der das Messer
die Haut berührt hatte. Ich fuhr zurück, riss das Messer an mich und starrte
fassungslos in Sheldons amüsiert lächelndes Gesicht. Leichte Brandblasen hatten
sich auf seiner Hand gebildet und der Gestank von verbranntem Fleisch lag in
der Luft. Mir wurde erneut schlecht.
„Sehen Sie hin, Annie“, sagte er leise und etwas zwang mich, die Augen wieder
auf die verletzte Hand zu lenken.
Jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht, als ich zusehen konnte, wie die Haut
vor meinen Augen begann sich zu regenerieren. Die Blasen verschwanden, machten
einer leichten Röte Platz, die in wenigen Augenblicken verblich. Es waren keine
fünf Minuten vergangen und nichts erinnerte mehr an die Verletzung. Nichts außer
dem leichten Geruch nach verbrannter Haut, der noch immer in der Luft schwebte.
„Vampire sind nicht unsterblich“, erklärte Sheldon. „Aber wir heilen sehr
schnell.“
Ich schluckte mehrmals, ehe ich meine Stimme wieder verwenden konnte. „Das ist
irgendein Trick.“
Trevor verdrehte die Augen, nahm das Messer wieder aus meiner Hand und ließ es
in seinem Ärmel verschwinden. „Wachen Sie auf, Annie.“
Das würde ich wirklich sehr gern.
„Dies hier ist kein Spaß mehr. Wir versuchen, Ihr Leben zu retten.“
Aber sicher doch. Mit irgendwelchen Taschenspielertricks. Ich wollte einfach
nicht. Allein der Gedanke, dass es tatsächlich geben konnte, was ich gerade
gesehen hatte, machte mir mehr Angst, als ich mir eingestehen wollte.
„Was…“, schaffte ich dann hervorzubringen. „Was hat das mit mir zu tun?“
Trevor gab dem Amulett einen Schubs, so dass es über den Tisch rutschte, mir in
den Schoß fiel und wieder anfing zu glühen. Verdammtes Ding. Tränen traten in
meine Augen, als ich den Blick auf die Kette senkte.
„Ein Cyana lügt niemals“, fuhr Trevor fort und ein Hauch Bissigkeit lag in
seiner Stimme. „Sie besitzen die Macht. Sie ist eine Gabe und sie ist ein
Fluch. Und Sie können tun, was Sie wollen, Annie, Sie werden sie nicht los.“
„Die Macht ist stärker, als Sie sich vorstellen können“, mischte sich Sheldon
leise ein. „Sie müssen lernen, sie zu beherrschen, sonst wird sie Sie
vernichten.“
„Wenn die anderen Sie nicht vorher erwischen.“ Das war wieder Trevor.
Ich hob den Kopf und blinzelte, um die Tränen zu verdrängen. Meine Finger
umklammerten das warme Metall und gegen meinen Willen fühlte ich eine Art
Beruhigung von dem Gegenstand ausgehen.
„Es gibt keine Magie und es gibt keine Vampire“, sagte ich fest. „Ich weiß
nicht, was das für Psychospielchen sind, aber bei mir ziehen sie nicht. Ist das
klar?“
Sheldon blickte mich ruhig an, Trevor mit einem leicht ironischen Lächeln um
die Mundwinkel.
„Ich gehe jetzt.“ Ich stand auf und wollte das Amulett auf den Tisch legen,
doch Sheldon war schneller. Seine Hand schloss sich um meine Finger und legte
sie um das Schmuckstück.
„Es gehört Ihnen, Annie. Nehmen Sie es mit und tragen Sie es“, bat er leise.
Hätte es Trevor gesagt, mein Trotz hätte sich gemeldet und ich hätte ihm das
Ding ins Gesicht geworfen. Sheldon sah mich einfach mit diesen hellen, fast
weiß erscheinenden Augen an und etwas, das ich nicht beschreiben konnte,
rieselte durch meinen Körper.
Würde ich daran glauben, ich hätte gesagt, es wäre Magie. Aber ich glaubte
nicht daran.
Ich riss mich los und taumelte rückwärts,
während meine Hände das Amulett umklammerten. Es war noch immer warm, doch das
Glühen hatte etwas nachgelassen. Mein logischer Menschenverstand sagte mir,
dass es das Beste wäre, dieses Ding von mir zu werfen, davon zu rennen und den
ganzen Abend zu vergessen. Ich brachte es nicht fertig.
Ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen, ging ich rückwärts in Richtung
Tür. Das Zittern, das meinen Körper befallen hatte, als dieser Thunder mich in
die Bar geschleppt hatte, war verschwunden. Ich zweifelte nicht mehr daran,
dass ich den Abend überleben würde. Aber ich wollte nur noch weg von hier.
Heim, in mein Bett, mir die Decke über den Kopf ziehen und mir einreden, das
alles wäre nur ein Traum gewesen.
Weder Sheldon noch Trevor hinderten mich daran, als ich die Tür öffnete und
hinaus in den Gastraum stürzte.
„Nett, Sie kennen gelernt zu haben!“, rief mir Barth nach, als ich am Tresen
vorbei hetzte. „Finden Sie den Ausgang allein?“
Zorn kochte in mir hoch. Ich hob die Hand mit einer obszönen Geste, für die
sich Larry wieder geschämt hätte, in seine Richtung, doch es war nur ein
Lachen, das ich erntete.
Das ärgerte mich noch mehr, denn was nützt die schönste Wut, wenn sie den
anderen so komplett kalt lässt? Wurde mir nicht gerade gesagt, ich besäße *solche*
Macht? Ich wünschte mir gerade wirklich sehr, dass dem blöden Kerl, der mich
mit seinen Reißzähnen anblitzte, eine der Flaschen auf den Kopf fiel. Und?
Nichts passierte.
Voller Zorn kam ich im düsteren Vorraum an und erkannte Thunder, der wahrscheinlich
Türsteher oder was auch immer war.
„Bleib mir bloß vom Leib!“, giftete ich den überraschten Mann an, als er mir
höflich die Tür öffnete.
„Ich habe darauf geachtet, dass Ihrem Auto
nichts passiert“, erklärte er ruhig und ohne zu lächeln. „Wir wären erfreut,
Sie bald wieder zu sehen, Ms Stelter.“
Nur über meine Leiche. Ich hatte genug mit meinen eigenen Macken zu tun. Ich
musste mich nicht noch mit denen von Psychopathen beschäftigen, die sich
einbildeten, Vampire zu sein.
„Wo warst du?“
Ich hätte am liebsten gestöhnt, als ich unsere Haustür aufgeschlossen hatte und
Licht brennen sah. Larry stand mit verschränkten Armen gegen den halbhohen
Schrank neben der Terrassentür gelehnt und schaute mich anklagend an.
Wieso zum Teufel war er so zeitig wieder da? Ich sah schnell zur Uhr und
stellte fest, dass es fast elf war. Ungewöhnlich zeitig für Larry.
„War wohl nicht so toll im El Cubano?“, startete ich erst einmal ein
Ablenkungsmanöver.
„Ich habe morgen acht Uhr einen wichtigen Termin“, erklärte er pikiert. „Aber
ich war sehr erstaunt, heimzukommen und dich gar nicht vorzufinden.“
„Kam was dazwischen“, nuschelte ich und wollte in die Küche gehen, um mir einen
Saft aus dem Kühlschrank zu holen. So ein Abend in Gegenwart von
Reißzahnleutchen machte durstig.
Larry stieß sich vom Schrank ab und folgte mir. „Wo warst du, Anne?“
Ich seufzte und schloss kurz die Augen. „Geschäftsessen. Ich bin müde, Larry.
Und genervt. Ich erzähl dir morgen alles, ja?“
„Mit Hummer?“ Jetzt schwang eindeutig Eifersucht in seiner Stimme mit.
„Nein, nicht mit Hummer!“, fuhr ich ihn lauter an als beabsichtigt. „Steels
Frau ist krank und manchmal benötigt Steel einfach eine Begleitung zum Essen.
Mach bitte kein Drama draus.“
Er sah nicht aus, als würde er mir glauben, aber es war mir egal. Im Moment war
mir alles egal, das Einzige, was zählte, war Saft, eine heiße Dusche und mein
Bett. In genau der Reihenfolge.
„Wir müssen mal wieder schön zusammen ausgehen“, versuchte er, den sich
anbahnenden Streit abzuschwächen und lächelte verkrampft.
Aber nicht mit Robert und Elvira ins El Cubano! Ich nickte genauso
verkrampft, öffnete die Kühlschranktür und griff nach dem Plastikbehälter mit
Orangensaft. Larrys anklagender Blick nervte mich und so trank ich nur schnell
ein paar Schlucke und verstaute den Saft wieder im Kühlschrank. Ich ignorierte
die Fragen in seinem Blick, drückte mich an ihm vorbei und stürmte die Treppe
hinauf in die erste Etage, in der sich das Bad befand.
Zum ersten Mal seit langer Zeit verschloss ich die Tür, stützte meine Hände auf
das Waschbecken und schloss die Augen. Erinnerungen blitzten vor meinem inneren
Auge auf. Sheldons sanfte Miene, Trevors spöttisches Lächeln und die im Licht
blitzenden Reißzähne.
Ich hatte das Amulett in meine Hosentasche gesteckt. Jetzt holte ich es hervor,
sank auf den Rand der Badewanne und starrte auf das Schmuckstück.
Das Cyana hat dich als seinen Besitzer erkannt.
Mein Kopf bestand nur noch aus Chaos. Wahrscheinlich brauchte ich wirklich mehr
als dringend Schlaf. Der Stein in der Mitte glühte nur noch ganz sanft und ich
fuhr zögernd mit dem Daumen über den Kristall. Ein eigenartiges Kribbeln zog
sich durch meinen Finger und setzte sich in meiner Hand fort. Seit wann
leuchteten Kristalle?
Vorsichtig legte ich die Kette auf den Waschbeckenrand. Ich würde jetzt duschen
und dann schlafen und wenn ich morgen aufwachte, sah die Welt garantiert wieder
normaler aus.
Während das heiße Wasser meinen Körper hinab ran, stiegen jedoch immer wieder
Fragen in meinen Kopf, die ich gern verdrängt hätte.
Würde ich dieses Haus am helllichten Tag wieder finden? Was würde ich sehen,
wenn ich hineinging, während die Mittagssonne am Himmel stand? Ich würde
lachen, Sheldon dann plötzlich im Sonnenlicht zu sehen. Und wenn nicht?
Nein, wies ich mich selbst zurecht. Es gibt keine Vampire.
Und die entstellten Kinder? Die Monsterkinder?
Ich schloss die Augen und ließ das Wasser über mein Gesicht strömen. Ich hatte
die Kälte und das bedrückende Gefühl gespürt – im Gegensatz zu all den anderen
Menschen. Trevor und Sheldon ebenfalls. War ich genauso verrückt wie die
beiden? War ich nicht verrückt? Wenn ich nicht verrückt war, dann musste ich
mir eingestehen, dass in den Worten der beiden ein Fünkchen Wahrheit stecken
konnte. Das wollte ich aber auf gar keinen Fall. Ich würde wohl eher wahnsinnig
werden, wenn ich darüber weiter nachdachte.
Seufzend drehte ich das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Vielleicht war es
für heute wirklich besser, das Denken sein zu lassen.
~*~*~*~*~*~*~
Das Bellinis war ein Restaurant, in das ich wirklich äußerst selten ging. Ich
liebte die Gemütlichkeit, ich liebte Ungezwungenheit und ich mochte es weniger,
mir beim Essen überlegen zu müssen, ob ich das Besteck richtig verwendete.
Aber ich sagte nichts, als Larry vorschlug, den Abend bei einem exquisiten
Abendessen und teurem Wein ausklingen zu lassen. Vor allem klang es in meinen
Ohren gut, dass keiner seiner tollen Volleyballfreunde anwesend sein sollte.
Allerdings schaffte er es nicht, mich zu einem Kleid zu überreden. Ich ging
einen Kompromiss ein und zog keine Jeans an, weil mir vollkommen klar war, dass
ich sonst den ganzen Abend die pikierten Blicke der Kellner würde ertragen
müssen. Nicht dass mich das gestört hätte. Aber es hätte Larry gestört und ich
wollte ihm den Traum von einer fantastischen Beziehung gönnen.
Als ich ihm dann allerdings gegenüber saß, die Karte studierte und seinen
ausschweifenden Reden über die Arbeit in der Bank folgte, ging mir durch den
Kopf, dass er mir bei weitem nicht mehr so nah stand wie noch vor vier Wochen.
Warum eigentlich? Was war mit mir los, dass ich jedes Mal nach so kurzer Zeit
feststellte, wie meine Gefühle für den Mann an meiner Seite abflauten? Nicht
einmal der Sex riss mich noch vom Hocker. Okay, der Sex hatte mich nie vom
Hocker gerissen, aber es war nett gewesen. Jetzt war es nur noch…normal.
Ich erwischte mich dabei, dass ich Larry musterte, während er mir von
irgendwelchen Kunden der Bank erzählte, und mich fragte, was ich an ihm
eigentlich gefunden hatte. Larry war blond und hatte lustige, grüne Augen. Es
war die Lebensfreude in diesen Augen, die mich angezogen hatte. Manchmal, vor
allem nach Nächten, in denen ich von diesen Alpträumen heimgesucht wurde,
schaffte es Larry durch seinen sprühenden Optimismus, mich alles andere
vergessen zu lassen. Er war nicht viel größer als ich selbst, vielleicht eins
siebzig oder eins zweiundsiebzig mit sportlicher Figur. Wenn ich ihn jetzt mit
Männern wie Sheldon oder Trevor verglich, schnitt er jedoch einfach nur
durchschnittlich ab.
Ich hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt, als meine Gedanken wieder in
diese Richtung wanderten. Larry war wunderschön normal. Der perfekte Mann an
meiner Seite, er träumte von einem Haus und eigenen Kindern. Perfekt, oder?
„Hörst du mir überhaupt zu, Anne?“, riss mich seine Stimme aus meinen
Überlegungen und ich zwang ein Lächeln auf meine Lippen.
„Sicher.“
Er runzelte die Stirn. „Übrigens habe ich diesen Marquardt kennen gelernt, bei
dem ihr vorgestern wart.“
Schlagartig hatte er meine ungeteilte Aufmerksamkeit. „Ach ja?“, fragte ich und
versuchte, unbeteiligt zu klingen. „Was wollte er denn?“
„Anne“, schimpfte Larry. „Du weißt, dass ich über Bankgeschäfte mit niemandem
reden darf.“
Ich verdrehte im Geist die Augen.
„Ich muss aber sagen, er ist ein ausgesprochen sympathischer Mann.“
Bei dieser Aussage musste ich mich allerdings zusammenreißen, um nicht
loszuprusten. Sympathisch fand ihn nicht einmal Hummer. Larry mochte es
überhaupt nicht, wenn man ihn auslachte, deshalb sagte ich nur:
„Das muss ein anderer Marquardt sein“, und hoffte, dass Larry das Lachen in
meiner Stimme nicht hörte.
„Hast du eigentlich jemals gesagt, dass du jemanden sympathisch findest?“
Ich seufzte. Er hatte es meiner Stimme angehört. „Manchmal schon.“
„Du findest prinzipiell Leute unsympathisch, die ich mag“, war das nächste, was
er mir vorhielt und es begann, mich zu nerven.
Ich ließ die Karte sinken und sah ihn an. „Was wird das?“
Larry wollte gerade ansetzen, etwas zu sagen, als uns eine Stimme ablenkte.
„Ms. Stelter. Das ist aber eine Überraschung,
Sie hier wieder zu sehen.“
Jegliches Blut wich aus meinem Gesicht, als ich den Kopf drehte und den blonden
Mann anstarrte, der mit einem Lächeln auf unseren Tisch zusteuerte. Ich war
sonst eigentlich recht schlagfertig, aber in diesem Moment brachte ich kein
Wort hervor, weil ich wieder einmal nur auf seine Reißzähne starren konnte.
„Anne?“, erkundigte sich Larry fragend, weil ich noch immer bewegungslos dasaß
und mich nicht rührte.
Erst dann besann ich mich auf das nächstliegende und reichte Thunder die Hand.
„Hallo, Mr. … Mr. Thunder?“
Thunder strahlte mich an und ich überlegte, wieso Larry noch immer einfach nur
fragend und nicht entsetzt schaute. „Richtig.“
Er reichte Larry die Hand und ich stotterte: „Larry…d-das ist Mr. Thunder,
ein…ähm…ein Geschäftspartner.”
„Erfreut, Sie kennen zu lernen“, antwortete Larry höflich. „Mein Name ist Larry
Arlant.“ Sein Blick irrte zwischen mir und Thunder hin und her. „Dann waren Sie
wohl zu der Besprechung gestern Abend mit?“
Thunder reagierte, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir wurden einander gestern
Abend vorgestellt, das ist richtig. Ihre Frau ist wirklich eine sehr angenehme
Verhandlungspartnerin.“
Jetzt schaute Larry sehr überrascht und ich zuckte nur unbestimmt mit den
Schultern, während es in mir begann zu kochen. Angenehme Verhandlungspartnerin!
Wenn Larry wüsste, dass dieser blöde Reißzahn mich einfach über die Schulter
geworfen und gegen meinen Willen in dieses gruselige Haus getragen hatte, würde
er sofort die Polizei rufen. Weshalb redete er überhaupt so normal mit ihm?
„Was machen Sie denn hier, Th…Mr. Thunder?“, fragte ich, einfach um dem
unangenehmen Schweigen ein Ende zu bereiten.
„Essen“, lächelte Thunder verschmitzt. „Ich bin zum Essen verabredet.“
Er sagte das mit einem so zweideutigen Tonfall, dass in mir die Erinnerung an
den gestrigen Abend hochstieg. Hast du das Abendessen mitgebracht?
„Na toll“, murmelte ich sarkastisch. „Dann lassen Sie Ihre Verabredung mal
nicht warten.“
Larry warf mir einen entsetzten Blick zu und lächelte Thunder entschuldigend
an. „Das Bellinis ist wirklich eines der besten Restaurants, von denen, die ich
kenne. Sind Sie zum ersten Mal hier?“
Ich hätte am liebsten mit den Zähnen geknirscht. Larry sollte seinen Mund halten
und Thunder verschwinden lassen.
„Nein.“ Thunder schüttelte den Kopf. „Ich weiß die Qualität des Hauses auch zu
schätzen.“
„Was machen Sie denn beruflich, Mr. Thunder?“, bohrte Larry weiter und hielt
sich sicherlich für höflich.
Verdammt. Obwohl, es würde mich auch mal interessieren.
„Immobilien“, sagte Thunder leise. „Ich handle mit Immobilien.“
Und ich war der Weihnachtsmann.
Aber Larry hatte Lunte gerochen und begann, Thunder auszufragen. Ich wollte es
gar nicht glauben, aber der blonde Mann antwortete, als würde er tatsächlich
etwas von Immobilien verstehen. Vielleicht war Rausschmeißer im Dark Night nur
ein Nebenjob, weil das Immobiliengeschäft so schlecht lief?
Als Larry dann jedoch anfing, seine Bank anzupreisen, trat ich ihm unter dem Tisch
gegen das Bein und funkelte ihn warnend an. Ich erntete einen
Du-bist-unhöflich-Anne-Blick, aber das war mir vollkommen egal.
Thunder grinste verschmitzt, als hätte er es bemerkt und verabschiedete sich
dann schnell. „Es hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen“, sagte er zu Larry
und reichte dann mir die Hand. „Ich denke, wir werden uns in naher Zukunft
wieder sehen, Ms. Stelter.“
Garantiert nicht.
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“
„Gleichfalls“, presste ich hervor und Larry flötete: „Das wünschen wir Ihnen
auch, Mr. Thunder.“
Thunder hatte kaum unseren Tisch verlassen, als Larry zu mir herumfuhr und mich
anzischte: „Ich möchte wirklich mal wissen, weshalb Steel eine so unhöfliche
Person wie dich zu einem geschäftlichen Essen mitnimmt! Du vergraulst doch
Mandanten eher, als dass sie sich in eurer Nähe gut beraten fühlen.“
„Du riechst nur eine fette Provision, wenn du Immobilien hörst!“, fauchte ich
zurück.
„Man kann nie genug geschäftliche Kontakte knüpfen“, erklärte er pikiert. „Wenn
du schon nicht soweit denkst, einer von uns sollte es.“
„Warst du kein bisschen über seine komischen Zähne entsetzt?“
Larry starrte mich plötzlich einfach nur an. „Wie bitte?“
„Seine Zähne“, wiederholte ich und verdrehte die Augen. „Das ist doch
idiotisch. Solche Leute kann man doch nicht ernst nehmen.“
Er runzelte die Stirn und sein Blick wurde noch ein wenig fragender. „Ich weiß
nicht, wovon du redest, Anne. Ich habe aber Menschen noch nie anhand ihrer
Zähne beurteilt.“
„Du willst jetzt allen ernstes sagen, dass du nicht gesehen hast…“ Ich stockte,
weil er mich plötzlich anschaute, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf.
„Er hatte vollkommen normale Zähne“, sagte Larry ruhig. „Anne, was zum Teufel
ist mit dir los?“
Normale Zähne? Seine Eckzähne waren mindestens doppelt so lang wie die anderen
und ich konnte sie nicht anders als Reißzähne bezeichnen.
„Er hat richtige Reißzähne“, stieß ich hervor und hätte Larry am liebsten
geschüttelt. „Wie ein… wie ein Vampir!“
„Anne, du machst mir Angst.“ Larry hatte das Essen und seine Menükarte
vergessen. „Nicht nur, dass du diese Träume hast…Jetzt fängst du schon an,
Monster zu sehen. Du solltest wirklich jemanden aufsuchen, der dir helfen
kann.“
Ich starrte zurück. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Obwohl, wenn Larry
die Zähne tatsächlich so wie ich gesehen hätte, er wäre niemals so ruhig
geblieben. Wer von uns beiden war verrückt? Langsam aber sicher bekam ich auch
Angst.
Larry legte mir die Hand auf den Arm. „Vielleicht wäre es besser, Anne. Du
schläfst so schlecht. Ich könnte mich umhören. Es gibt sicherlich eine Menge
guter Therapeuten.“
Zornig zog ich meinen Arm unter seiner Hand hervor. Ich würde garantiert nicht
zu einem Psychiater gehen, den Larry vorschlug. „Ich weiß, was ich sehe!“
„Nein“, sagte er ruhig als spräche er mit einem Kind. „Bei Wahnvorstellungen
weiß die betroffene Person das eben nicht.“
„Jetzt habe ich schon Wahnvorstellungen?“
„Ich habe mich ein bisschen kundig gemacht, Anne. Weil ich mir Sorgen um dich
mache…“
Ich ließ ihn nicht aussprechen. „Stopp!“ Mit einer zornigen Bewegung stand ich
auf. „Ich will davon nichts hören!“
Vielleicht war es ungerecht. Vielleicht machte er sich tatsächlich Sorgen, aber
der Zorn hatte mich in seiner Gewalt und in solchen Augenblicken war eine
sachliche Diskussion meist nicht möglich.
„Setz dich bitte, Anne, und mach keine Szene.“
Ich beugte mich zu ihm und sagte leise: „Ich werde jetzt gehen. Und wenn du
versuchst, mich aufzuhalten, wirst du erleben, wie es ist, wenn ich eine Szene
mache.“
Er hielt mich nicht auf.
Ich sah in seinen Augen etwas, das mich verdammt an Mitleid erinnerte und
allein dafür hätte ich ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Ich brauchte
kein Mitleid. Ich brauchte verdammt noch mal jemandem, mit dem ich über diese
Sachen reden konnte, jemanden, der mich nicht gleich zum Psychiater schicken
wollte.
Vor dem Restaurant traf ein Schwall kühler Luft mein erhitztes Gesicht und ich
blieb kurz stehen. Ich würde den Bus nehmen oder laufen müssen, um nach Hause
zu kommen, aber im Moment hatte ich absolut keine Lust, das Haus zu betreten,
in dem mich alles an Larry erinnerte.
Hatte er womöglich Recht? Leise Zweifel krochen in mir hoch. Wie hätte ich an
seiner Stelle reagiert?
Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Ich war nicht verrückt. Aber waren
mir nicht am gestrigen Abend ähnliche Gedanken gekommen?
„Er hat nicht dasselbe gesehen wie Sie.“
Ich fuhr dermaßen zusammen, als ich die leise Stimme plötzlich neben mir hörte,
dass ich einen Satz zur Seite machte. Mein Herz hämmerte in meiner Brust und
meine Hände zitterten, als ich mich umdrehte und in Trevors graue Augen
blickte.
Ich hatte keine Ahnung, wo er plötzlich hergekommen war und wie er unbemerkt
hinter mich treten konnte. Ich stand noch immer vor dem Restaurant, auf dem
hell erleuchteten Gehweg. Eigentlich eine Unmöglichkeit.
„Sie sind nicht verrückt“, fuhr er fort, ohne sich zu rühren. Er trug ähnliche
Sachen wie am Vorabend, schwarz und Leder, und hatte die Hände in den Taschen
der engen Hose vergraben. Vor dem schicken Restaurant sah er einfach fehl am
Platz aus, doch ich wettete, wenn er das Lokal betreten hätte, ihn würde
niemand eigenartig ansehen. Da war etwas in seinen Augen und in seiner Haltung,
eine Art Selbstbewusstsein, die jegliche Kritik im Keim erstickte.
Mein Zorn auf Larry verflüchtigte sich zu nichts. Ich fühlte mich plötzlich
einfach nur noch müde. „Was wollen Sie?“
„Gehen Sie ein Stück mit mir.“ Er machte eine einladende Geste mit dem Kopf und
deutete die Straße hinunter.
Mir stand ohnehin nicht der Sinn nach einer Heimfahrt. Es war früher Abend, die
Straße belebt. Ich zuckte mit den Schultern. Warum eigentlich nicht?
Schweigend liefen wir eine ganze Weile nebeneinander her. Zeit genug, um mir
den Abend noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und ich begann, mich elend
zu fühlen, weil ich Larry so angefahren und allein sitzen gelassen hatte.
Vielleicht wollte er mir nur helfen und vielleicht war der Besuch eines
Therapeuten wirklich nötig.
Ich seufzte. Dann fielen mir die ersten Worte ein, die Trevor zu mir gesagt
hatte und ich drehte den Kopf. Er schaute die Straße starr geradeaus, so als
wäre er ebenfalls in Gedanken versunken und ich konnte sein markantes Profil im
Licht der Straßenlampen bewundern.
Yeah, Anne, dachte ich im gleichen Moment ironisch. Hast du keine anderen
Sorgen?
„Was meinten Sie vorhin?“, fragte ich gleichzeitig, „mit den Worten: ‚Er hat
nicht dasselbe gesehen’?“
Trevor lächelte leicht und sah mich an. „Sie können Thunders wahres Aussehen
sehen, er nicht.“
Aha.
„Thunders Magie verbirgt seine Andersartigkeit vor normalen Menschen“, fuhr er
fort. „Sie kann er nicht täuschen, weil Ihre Magie stärker ist als seine.“
Eine tolle Erklärung. Wie in einem Science-Fiction-Film. „Woher wissen Sie von
meinem Streit mit Larry?“
„Sie müssen noch so viel lernen, Annie“, sagte er sanft und in diesem Moment
erinnerte er mich an Sheldon. Der Spott des vergangenen Abends war verschwunden
und ihn umgab die gleiche Ruhe und Gelassenheit wie den anderen Mann. „Ich besitze
nicht ganz die Kräfte eines Sajoor, aber meine Macht ist stark genug, um einem
Gespräch zu folgen, das ein Mensch in dieser geringen Entfernung führt.“
Ich blieb stehen und starrte ihn an. „Sie haben das Gespräch belauscht?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „So gut sind meine Ohren nicht. Ich habe seine
Gedanken verfolgt.“
„Sie haben…Was?“ Ich sagte das letzte Wort unbeabsichtigt lauter.
„Bei Ihnen ist das natürlich nicht möglich, weil Ihre Magie es verhindert“,
fuhr er fort und der Hauch des spöttischen Grinsens stahl sich um seine
Mundwinkel.
„Was haben Sie vor dem Bellinis gemacht?“
„Ich sollte ein Auge auf Sie haben…“
„Wie bitte??“ Ich schüttelte den Kopf, weil ich nicht fassen konnte, was er
sagte. Das war doch wohl die Höhe. Was bildeten sich diese Psychopathen
eigentlich ein?
Ohne es zu wollen, war ich stehen geblieben und starrte ihn an. „Wenn Sie
anfangen, mich zu verfolgen, gehe ich zur Polizei.“
Trevors Miene blieb ausdruckslos. „Wenn Sie nicht einen Funken von dem glauben
würden, Anne, würden Sie jetzt nicht mit mir zusammen hier stehen.“
Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Mir selbst gegenüber konnte ich das ja schon
mal eingestehen.
„Sie tragen das Cyana nicht“, fuhr er fort.
Mit einem schiefen Grinsen griff ich in meine Jackentasche und ließ die Kette
in meiner Hand baumeln. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das mich
etwas aus der Bahn warf. Plötzlich war jeglicher Spott verschwunden, geblieben
war ein jungenhaftes, verschmitztes Grinsen, das mein Herz einen Satz machen
ließ. Weil ich mich wieder an meine Träume erinnerte, in denen er solch eine
große Rolle gespielt hatte.
„Sehr schön, Annie“, sagte er leise. „Tragen Sie es um den Hals, am besten
jedoch unter der Kleidung. Es ist unauffälliger, da es auf Magie reagiert und
Sie vielleicht mit Fragen konfrontiert werden, wenn es beginnt zu leuchten.“
„Es leuchtet doch andauernd“, murmelte ich und schloss mich ihm an, als er
weiter ging.
„Je länger Sie es tragen, umso weniger wird es leuchten, weil es sich beginnt
auf Sie einzustellen“, erklärte er. „Später werden Sie die Reaktion nur spüren,
weil es sich an Ihrer Haut erwärmt oder zu leuchten beginnt. Es kommt auf das
Ausmaß der Magie an, von der Sie umgeben sind.“
Ich erwischte mich dabei, dass ich ihm tatsächlich zuhörte. „Erklären Sie das
genauer.“
„Befindet sich ein Vampir in Ihrer Nähe, wird es wohl nur wärmer werden. Sind
es andere Wesen, insbesondere Magier der anderen Seite, wird es grell
leuchten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Ich bin kein
Magier.“
„Sie sind der Jäger“, entgegnete ich trocken. Es sollte spöttisch klingen.
Trevor nickte nur. „Ich besitze ein wenig Magie. Nicht viel, aber es reicht, um
Nichtmenschen zu erkennen und es reicht für einige andere Dinge. Aber das ist
unwichtig. Im Moment bin ich Der Jäger und ich bin für Ihren Schutz zuständig.
Solange bis Sie auf sich selbst aufpassen können.“
Ich blieb stehen, als wäre ich gegen eine Wand gerannt. „Im Moment kann ich das
wohl nicht?“, erkundigte ich mich bissig.
„Nein, Annie“, antwortete er sanft. „Sie sind zu jung und zu unerfahren.“
Ich lachte hart auf. „Sie sind ja wohl kaum älter als ich!“
Sein Lächeln wurde breiter. „Ich bin einundachtzig Jahre alt.“
Mein Mund klappte auf und ich starrte ihn an wie einen Geist. „Sicher doch“,
brachte ich dann hervor und versuchte zu klingen, als hätte er einen Witz
gemacht.
„Die Magie, die uns umgibt und die wir beherrschen, verlängert unser Leben,
Annie“, sagte er ernst. „Natürlich sind wir nicht unsterblich und auch nicht so
langlebig wie Vampire, aber wir leben länger.“
Es musste ein Witz sein. Mein Geist weigerte sich, all das zu verarbeiten, was
ich in den letzten Tagen gesehen und erlebt hatte. Ich wollte es verdrängen, es
ungeschehen machen. Hatte ich wirklich geglaubt, nur meine Träume wären mein
Problem? Ich hätte am liebsten bitter gelacht. Wie sollte ich verstehen, was
real war und was meine eigene Wahnvorstellung?
Ich hatte all das so satt. Wahrscheinlich würde ich den Rest meines Lebens
damit zubringen, mich in mein Bett verkriechen zu wollen. Obwohl das überhaupt
nicht meine Art war, fühlte ich schon wieder Tränen in meine Augen steigen.
„Verflucht“, murmelte ich, mehr wütend auf mich selbst als auf Trevor. „Das ist
alles so krank.“
Er grinste schief. „Sheldon könnte Ihnen mehr zeigen, Annie. Er ist ein Sajoor.
Er sagt, Sie würden seine Macht erreichen, wenn nicht gar mehr. Ich kann es mir
ehrlich gesagt im Augenblick nicht vorstellen, aber wenn es um Magie geht, ist
er der Experte. Ich bin der Krieger und er der Geist.“ Seine Augen schimmerten
in einem eigenartigen Grau und spiegelten das Licht der Straßenlaternen. Für
einen Moment war ich gefangen darin, denn ich konnte mich nicht entsinnen, dass
menschliche Augen im Dunkeln so aussahen.
„Warten Sie nicht, bis es zu spät ist.“
Meine Zähne gruben sich in meine Unterlippe und ich musste ein Zittern
unterdrücken. „Womit?“, fragte ich leise, kaum hörbar.
„Lernen Sie, mit der Macht umzugehen.“
„Ich glaube nicht mal daran, dass ich sie habe“, flüsterte ich.
Trevor erwiderte meinen Blick eine ganze Weile, ehe er antwortete: „Sie leben,
Annie. Entgegen jeder vernünftigen Erklärung haben Sie den Autounfall damals
überlebt. Wie glauben Sie, sind Sie aus dem Fahrzeug heraus gekommen?“
Eisige Kälte kroch meinen Rücken hinauf.
„Haben Sie sich schon einmal mit den Dingen beschäftigt, die die Menschheit
unter die Kategorie paranormale Phänomene einreiht?“
Ich schüttelte wortlos den Kopf. Wenn ich überhaupt schon einmal darüber
nachgedacht hatte, dann gingen diese Gedanken eindeutig in Richtung
Spinnereien.
„Telepathie, Telekinese… Teleportation…“, fuhr er ruhig fort. „Sie schwebten in
Lebensgefahr. Ihr Geist hat instinktiv reagiert und nach der Macht gegriffen,
die ihm zur Verfügung stand.“ Als ich nicht antwortete, sondern ihn nur
weiterhin anstarrte und mit den Tränen kämpfte, setzte er noch hinzu. „Es ist
nur ein kurzer Schritt von der Kontrolle der Macht in den Wahnsinn. Zögern Sie
nicht zu lange, Annie. Das Dark Night ist für Sie jederzeit offen.“ Dann
lächelte er fein. „Tagsüber werden Sie es allerdings nicht erreichen.“
Irgendetwas hatte mir die Sprache verschlagen. Eigentlich hatte ich so viele
Fragen. Aber ich hatte Angst vor den Antworten. Angst, dass sie logisch klingen
könnten, Angst, dass ich anfangen würde, sie zu glauben.
Aber hatte ich damit nicht schon längst begonnen?
Trevor schien meine innere Zerrissenheit zu spüren. Wenn er wirklich so alt
war, wie er gesagt hatte, dann verfügte er über weitaus mehr Lebenserfahrung
als ich.
„Möchten Sie, dass ich Sie nach Hause bringe?“, erkundigte er sich nur.
Ich schüttelte den Kopf. Ich würde zwar eine Weile laufen, aber ich brauchte
die Zeit, um mich zu beruhigen, ehe ich Larry wieder gegenüber trat. Im Moment
verschwendete ich auch keinen einzigen Gedanken daran, dass ich es ablehnte,
von diesem fantastisch aussehenden Mann, der seit Jahren durch meine Träume
geisterte, begleitet zu werden.
Es schien zur Gewohnheit zu werden, dass ich einfach nur allein sein wollte.
~*~*~*~*~*~*~*~
„Du bist tatsächlich einfach aus dem Restaurant gestürzt?“
Ich hatte Susan abgeholt und nachdem wir wieder in Richtung Thatcham gefahren
waren, das Auto auf dem großen Parkplatz am Lower Way abgestellt. Von hier aus
war es nicht weit bis zum Naturschutzgebiet mit den vielen Seen, um die
gemütliche Joggingstrecken führten.
Ich joggte neben Susan auf dem schmalen Pfad direkt am See. Es war noch sehr
früh am Morgen, noch nicht einmal halb acht, und sehr kalt, aber die Sonne
stand schon an einem wolkenlosen blauen Himmel. Es würde ein fantastischer Tag
werden, und auch, wenn es mir sehr schwer gefallen war, so zeitig aufzustehen,
als ich jetzt das leise Zwitschern der erwachenden Vögel hörte, bereute ich es
nicht.
„Ja“, gab ich seufzend zu. Susan hatte ein paar Männer an meiner Seite
auftauchen und verschwinden sehen. Ich hatte ihr von dem Gespräch am Vorabend
erzählt, allerdings ohne Thunders Zähne zu erwähnen. Ich scheute mich auch, ihr
von dem Besuch der Vampirbar zu beichten. Ich hatte einfach Angst, sie würde
wie Larry reagieren.
Susan lief erst einmal eine Weile weiter, ehe sie sagte. „Das war ganz schön
extrem.“
„Ich weiß“, murmelte ich nur.
„Schläfst du immer noch so schlecht?“
Ich hatte Susan auch von den Träumen erzählt. Aber die letzten Tage hatte ich
ihr gegenüber trotzdem verschwiegen. Susan arbeitete oft genug mit Psychologen
zusammen und hatte mehr als ein paar Semester Sozialpädagogik studiert. Genau
gesagt hatte sie einen Abschluss mit Diplom. Deshalb nickte ich nur, obwohl ich
ahnte, was jetzt kommen würde.
„Vielleicht hat Larry recht“, sagte sie vorsichtig. „Du weißt, ich kenne ein
paar sehr gute Therapeuten. Wenn du einfach mal mit einem...“
„Nein“, schnitt ich ihr das Wort ab. „Ich bin einfach übermüdet.“
Sie warf mir einen Blick zu, der mir genau sagte, dass sie mir nicht glaubte.
Konnte ich es ihr verübeln?
Wir joggten erst einmal weiter und ich hoffte, sie würde das Thema fallen
lassen. Seit ich die Läufe mit ihr koordinierte, war meine Fitness immens
gestiegen. Susan legte sehr viel Wert auf körperliche Ertüchtigung. Sie hatte
auch ein paar Kurse in Karate belegt, was mich wieder daran erinnerte, dass ich
mich auch um Selbstverteidigung kümmern wollte.
Susan jedenfalls war diese Fähigkeit in ihrem Beruf oft genug zu Gute gekommen.
Mittlerweile rannten wir ungefähr acht Kilometer, das entsprach einer Runde um
die gesamten Teiche. Man könnte auch abkürzen, aber heute hatten wir uns wegen
des schönen Wetters für die größte Runde entschieden. Wir hatten gerade die
Hälfte geschafft, als sie das Thema wieder aufgriff.
„Anne, du weißt, ich mache mir nur Sorgen, ja?“, begann sie langsam. „Du hast
mir nie alles erzählt, aber ich kann mir vorstellen, dass es in deiner Kindheit
Dinge gibt, die unverarbeitet in dir wühlen. Vielleicht…“
Ich stoppte abrupt. „Susan, ich brauche nicht noch jemanden, der denkt, ich
wäre verrückt!“
Sie war ebenfalls stehen geblieben. „Ich denke nicht, dass du verrückt bist.
Ich denke, du solltest mal mit jemandem reden. Vielleicht hilft es, die Träume
zu erklären? Wäre es nicht einen Versuch wert?“
Wenn sie von all den anderen Dingen wüsste, sie hätte ihren ersten Satz
garantiert gestrichen. Da ich aber selbst nicht wusste, was ich wollte oder
nicht wollte, seufzte ich nur und begann wieder zu laufen. „Vielleicht.“
Sie lächelte mich recht erleichtert an. Ich hasste es, wenn sich andere Leute
um mich Sorgen machten. „Wenn du magst, suche ich dir ein paar Adressen heraus.
Ich habe heute Mittelschicht und bin dann im Heim zu erreichen.“
Es war Samstag und ich stellte wieder einmal fest, dass ich mit meiner
geregelten Fünf-Tage-Woche sehr gut dran war. Das Wetter versprach fantastisch
zu werden und wer weiß, vielleicht hatte ich sogar die Nerven, mich noch einmal
mit Larry zusammenzusetzen und zu reden. Er würde sich garantiert über Susans Angebot
freuen.
Obwohl wir wirklich regelmäßig trainierten, merkte ich gegen Ende der Strecke,
dass meine Luft knapp wurde. Eigentlich hielt ich nur noch durch, weil Susan
neben mir so lässig joggte, als könnte sie die Runde noch einmal laufen.
Sicherlich könnte sie das auch. Mein Stolz ließ nicht zu, mir anmerken zu
lassen, dass ich dazu nicht in der Lage war.
„Wir haben gestern einen Zugang bekommen“, unterbrach sie plötzlich meine
Überlegungen. „Ein junges Mädchen, sechzehn.“ Sie schüttelte den Kopf, wie um
schreckliche Gedanken zu verbannen. „Ich mache den Job jetzt fast fünfzehn
Jahre, aber mir war noch nie ein Kind so unheimlich.“
Unheimlich. Das Wort setzte sich in meinem Kopf fest und bildete einen Knoten
in meinem Magen. „Inwiefern?“, fragte ich und versuchte, unbeteiligt zu
klingen.
Susan zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Sie redet nicht. Das einzige, was
wir über sie haben, steht in der Akte der Polizei. Nachbarn hatten die Polizei
verständigt, weil man weder die Mutter noch sie seit Wochen gesehen hatte. Dann
war sie wieder aufgetaucht, aber von der Mutter keine Spur. Die Kleine sagt
keinen Ton, aber es sah wohl so aus, als hatte sie tatsächlich seit Wochen
allein in der Wohnung gelebt. Die Mutter ist nicht auffindbar und geht
scheinbar auch keiner Arbeit nach. Wir haben auch noch nicht heraus bekommen,
wovon das Mädchen wochenlang gelebt hat. Sicherlich irgendwelche illegalen
Geschäfte, obwohl wir keinen Hinweis auf Drogen gefunden hatten.“
„Ist nicht ungewöhnlich für die Jugendlichen, die bei euch eingeliefert
werden“, entgegnete ich stirnrunzelnd. „Inwiefern ist sie unheimlich?“
„Sie ist blass, trägt nur schwarze Sachen, schwarzes Make-up und dann diese
Verletzungen…“ Susans Stimme verklang. „Menschen, die selbstverletzendes
Verhalten zeigen, verbergen die Narben und Wunden. Das Mädchen nicht. Ich tippe
mehr auf irgendetwas in Richtung Schwarze Magie, Satanismus… keine Ahnung. Sie
zeigt sie mit einem Selbstbewusstsein, als wäre sie stolz drauf.“
Der Knoten in meinem Magen wurde größer. Drehte sich denn alles nur noch um
Magie?
Susan lächelte schief in meine Richtung. „Vergiss, was ich gesagt habe, Anne.
Ich dürfte das nicht mal erwähnen. Es ist nur… Ich habe noch nie erlebt, dass
mir ein Kind von Anfang an so…“ Sie seufzte wieder. „So wenig sympathisch ist.
Und ich habe genug Kinder kennen gelernt. Gewalttätige, missbrauchte…Die
anderen Jugendlichen meiden sie. Es ist, als hätten sie Angst.“
„Hat…hat sie einen Namen?“, erkundigte ich mich zögernd.
„Ich darf ihn dir nicht sagen.“
Ja, klar. Eigentlich dürfte sie mir gar nichts erzählen. Sie tat es auch im
Normalfall nicht, also musste tatsächlich etwas sehr Unheimliches an dem
Mädchen sein, wenn es Susan so beschäftigte. Vielleicht hatte es ja Reißzähne…
„Dann meidet sie wohl auch das Tageslicht?“, fragte ich und versuchte zu
klingen, als würde ich mich darüber ein wenig lustig machen.
„Nein, nein.“ Susan schüttelte den Kopf. „Sie macht auch keine Probleme, wenn
man davon absieht, dass sie nicht spricht. Es ist einfach…Ich kann’s nicht erklären,
ein eigenartiges Gefühl.“
Darüber konnte ich mich ja schlecht aufregen. Mit komischen Gefühlen kannte ich
mich neuerdings bestens aus.
Wir hatten das Ende unserer Runde fast erreicht. Schon drang der Lärm der
befahrenen Straße wieder an unsere Ohren, obwohl wir sie noch nicht sehen
konnten. Ich schwitzte trotz der Kälte und das dünne, graue T-Shirt, das ich
über der schwarzen Jogginghose trug, klebte an meinem Rücken. Dass Susan
ähnlich aussah, beruhigte mich etwas. Aber im Gegensatz zu mir, trug sie nur
kurze Shorts. Ihr war sicherlich nicht ganz so warm.
Ich sah den Mann, der auf der Parkbank am letzten Teich saß, im gleichen
Moment, in dem mich etwas traf, das ich unmöglich beschreiben konnte. Mit einem
erstickten Aufschrei blieb ich stehen, sank auf die Knie und schnappte nach
Luft wie eine Ertrinkende.
Es hatte sich nichts verändert. Die Vögel zwitscherten weiterhin im
Sonnenschein, doch ich sah davon nichts mehr. Schwindel drohte mich zu
übermannen, ein stechender Schmerz zog sich durch mein Bewusstsein und ich
presste aufwimmernd die Hände an meinen Schädel.
„Anne?!“
Weit entfernt nahm ich die Stimme wahr, die ich als Susans identifizierte. Ich
konnte nicht reagieren, denn alles, was ich fühlte, war der entsetzliche
Schmerz.
„Anne? Um Gottes Willen, Anne?“
Etwas schüttelte mich, versuchte zu mir durchzudringen, doch ich wollte mich
nur noch zusammen rollen und verkriechen. Schwärze, die eine beginnende
Ohnmacht ankündigte, flimmerte vor meinen Augen, als der Schmerz noch
unerträglicher wurde.
„Anne, bitte, sag was!“ Susans Stimme klang, als würde sie gleich weinen.
„Hallo, Sie da! Könnten Sie mir vielleicht helfen?“
Panik schnürte mir die Kehle zu. Ich hatte so etwas noch nie erlebt, ich wollte
schreien, konnte es nicht. Ich fühlte mich, als würde ich ersticken, als würde
mir etwas die Kehle zuzuschnüren und meine Lungen daran hindern, ihrer
Tätigkeit nachzugehen.
„Anne, mach die Augen auf, bitte…“
Es war nicht Susans Stimme, die durch den Nebel zu mir durchdrang, obwohl sie
immer panischer auf mich einredete. Nein, es war etwas anderes. Ein warmes
Gefühl bildete sich auf meiner Brust, eine Wärme, die sich angenehm in meinem
Körper verteilte, in meinen Kopf vordrang und einen Teil der Schmerzen nahm.
Meine verkrampften Finger lösten sich von meinem Kopf, wanderten zu meiner
Brust und umklammerten den metallenen Gegenstand, den ich unter dem T-Shirt
trug. Er glühte. Es war keine Hitze, die von ihm ausging, es war etwas anderes,
eine Kraft, die meinen Körper durchzog und mit dem Schwinden des Schmerzes kam
etwas Anderes, Mächtigeres.
Ich hob den Kopf, öffnete die Augen und schaute genau auf den Mann, der sich
von der Parkbank erhoben hatte und auf uns zukam. Im Augenwinkel bemerkte ich
Susan, die ihm winkte, da sicherlich er es war, den sie um Hilfe gerufen hatte.
Das Amulett glühte stärker und als meine Augen sich mit denen des Mannes
trafen, blieb dieser wie erstarrt stehen.
„Würden Sie mir helfen, meine Freundin zum Auto zu führen“, bat Susan
verzweifelt. „Sie…sie hat wahrscheinlich einen Kreislaufzusammenbruch.“
Der Mann antwortete nicht, sondern schaute mich unverwandt an. Ich hatte ihn
noch nie gesehen, da war ich mir sicher. Helle, grüne Augen in einem hageren,
nicht hässlichen Gesicht musterten mich mit einem Ausdruck, den ich nur sehr
schwer einschätzen konnte: Abneigung, Zorn…und Angst. Er trug einen schwarzen
Ledermantel, schwarze Hosen und ein dunkles Hemd. Ein auffälliger Gegensatz zu
den fast weißen, kurzen Haaren.
Die Luft um ihn herum flimmerte wie manchmal die Luft über dem Asphalt an
heißen Tagen. Heute war es hundekalt und es gab keinen Grund für die Luft, das
genau um ihn herum zu tun.
„Sir?“, fragte Susan und klang unsicher.
Es sah aus, als müsse er mit sich kämpfen, näher zu kommen. Als er es dann doch
tat und es war nur ein Schritt, glühte das Amulett dermaßen hell auf, dass ich
es erschrocken losließ. Der Mann taumelte zurück und riss mit einem entsetzten
Schrei die Hände vor das Gesicht. Das Licht des Amuletts breitete sich aus,
umstrahlte meinen Körper und schloss Susans mit ein.
Susan war kreidebleich geworden, wollte zur Seite springen, doch meine Hand
schoss vor und bannte sie an ihren Platz. „Was ist das?“, quietschte sie und
klang, als würde sie jetzt gleich ohnmächtig werden.
„Nicht bewegen“, flüsterte ich heiser. Keine Ahnung, woher ich die Gewissheit
nahm, aber ich wusste es: Sollte sie den Kreis des Lichtes verlassen, wäre sie
dem Mann ausgeliefert.
Der Mann war weiter zurückgewichen, noch immer schützte er sein Gesicht mit
seiner Hand und jetzt glühte in seinen Augen etwas anderes: Hass.
Ohne Susans Hand loszulassen, stemmte ich mich hoch und kam auf wackeligen
Beinen zum Stehen.
„Wir müssen weg hier“, flüsterte ich und sah sie krampfhaft nicken.
Wir stolperten vorwärts, immer bedacht, auch Susan im Lichtkreis zu halten und
ohne die dunkle Gestalt des Fremden aus den Augen zu lassen.
„Wer ist das?“, wisperte Susan neben meinem Ohr.
„Ich weiß es nicht“, flüsterte ich genauso leise zurück.
Je weiter wir uns von ihm entfernten, umso schwächer wurde das Licht des
Amuletts und der Mann senkte seine Hand.
„Wir werden uns wieder sehen, Lucyana“, sagte er plötzlich und ich dachte, mein
Herz würde stehen bleiben, als er den Namen verwendete, den auch Sheldon gesagt
hatte.
Mir war plötzlich so schlecht, dass ich glaubte, mich übergeben zu müssen. Es
war Susan, die mir den Arm um die Schultern legte, mich stützte und
verhinderte, dass meine Beine wieder unter mir nachgaben.
Seine Stimme hallte in meinem Kopf nach, verursachte ein Zittern meines Körpers,
das ich kaum kontrollieren konnte, während die Angst mir die Kehle zuschnürte.
Susan zerrte mich weiter. Ich weiß nicht, ob ich allein dazu in der Lage
gewesen wäre. „Anne, bitte“, flüsterte sie und ihre Stimme klang genauso
panisch wie ich mich fühlte. „Ich will hier weg.“
Ich auch, wollte ich krächzen, aber ich brachte keinen Ton hervor. Etwas
Drohendes baute sich hinter uns auf. Weder Susan noch ich hatte den Kopf
gedreht und ich wusste auch nicht, ob sie es fühlte, aber schlagartig erfüllte
meinen Geist eine Todesangst, die ich noch nie gespürt hatte.
Das Amulett glühte erneut und hüllte uns in ein gleißendes Licht. Susan stieß
einen erstickten Schrei aus, ließ mich los und brach zusammen. Ich stürzte zu
ihr, weil ich verhindern wollte, dass sie den Lichtkegel des Amuletts verließ,
hob den Kopf und meine Augen weiteten sich entsetzt, als ich den Fremden
erblickte. Dunkles Licht – ich hatte keine andere Beschreibung dafür – strömte
aus den Spitzen seiner Finger, bildete eine Art Ball, den er mit einer lässigen
Bewegung in unsere Richtung schleuderte.
„Erinnere dich an mich, Lucyana“, sagte er, ohne die Stimme zu heben und doch
verstand ich ihn, selbst auf diese Entfernung, glasklar. „Merk dir meinen
Namen. Erinnere dich an Endriel.“
„Nein!“, schrie ich und hob instinktiv meine Hand, als der dunkle Ball auf uns
zuraste.
Ich hatte nichts getan, nichts gedacht, aber grelles, weißes Licht strömte
meinen Arm entlang, hinauf in meine Finger, bildete einen Ball, der dem
Endriels ähnlich war. Der Ball handelte von selbst und schoss seinem dunklen
Gegenstück entgegen.
Ich warf mich über Susan, die am Boden lag, als die beiden Bälle aufeinander
prallten und in einer Explosion vergingen, die über unsere Köpfe fegte.
Endriels Lachen übertönte den Knall mit einem so hohlen Effekt, dass sich mir
die Nackenhaare sträubten.
Ich wagte endlich, den Kopf wieder zu heben, als Ruhe einkehrte. Eine
Totenstille, denn auch die Vögel waren verstummt. Nur ein winziger schwarzer
Fleck in zirka zehn Metern Entfernung erinnerte an das gerade Geschehene. Der
Mann war verschwunden, das Amulett hatte aufgehört zu glühen und ich fragte
mich, ob ich all das nur geträumt hatte.
Susan begann sich unter mir zu regen und ich kämpfte mich mühsam hoch. Meine
Beine fühlten sich wie Pudding an, ja mein ganzer Körper schien so erschlagen,
als wäre ich nicht acht Kilometer gelaufen, sondern vierzig.
Susan zitterte genauso wie ich. Was bedeutete, dass ich nicht geträumt hatte.
„Was war das, Anne?“, flüsterte sie panisch. „Anne, bitte sag mir, was das
war.“
Ich wäre verflucht froh, wenn ich es selbst wüsste. Tränen liefen über ihre
Wangen und diesmal war ich es, die ihr hoch half. Ich wäre auch sehr froh
gewesen, wenn ich hätte mitweinen können, aber das Entsetzen hatte mich noch
immer im Griff.
„Ich weiß es wirklich nicht“, hauchte ich verzweifelt. „Lass uns hier
verschwinden.“
Sie nickte hektisch, während ihre Augen die Umgebung musterten. „Wo ist er
hin?“
Ich zuckte unbestimmt mit den Schultern. Schließlich wusste ich es wirklich
nicht. Und ich war mehr als froh, dass Susan diese Energiebälle nicht gesehen
hatte.
„Ich hatte so fürchterliche Angst“, fuhr sie dann fort. „Er hat gar nichts
getan und ich hatte solche Angst. Weshalb denn?“
„Keine Ahnung…“
Sie sah mich mit einem Entsetzen in den Augen an, das mir noch mehr Angst
machte. „Ich hatte noch nie Panikattacken, Anne. Aber ich habe Beschreibungen
davon gehört. Das hier war haargenau so.“ Umständlich begann sie, nach einem
Taschentuch zu suchen und schniefte dann geräuschvoll hinein, als sie es
gefunden hatte. „Verflucht. Er hat nichts getan…“
Ich würde nicht sagen, er hat nichts getan. Mit einem düsteren Blick musterte
ich den verbrannten Fleck auf dem Rasen. Wäre nicht mein Lichtblitz gewesen,
der dunkle Ball hätte uns getroffen und wir hätten jetzt sicherlich ein
ähnliches Aussehen wie dieses Stück Rasen dort. Schlagartig wurde mir klar, was
das zu bedeuten hatte und meine Kehle schnürte sich zu. Hätte es uns getötet?
Oder nur verletzt?
Es gab nur zwei Personen, die mir auf diese Fragen eine Antwort geben konnten.
Teil 7
Susan war nicht davon zu überzeugen gewesen, im Heim anzurufen und sich einen
Tag frei zu nehmen. Obwohl sie noch immer bleich war, bestand sie darauf, dass
ich sie zu Hause absetzte, weil sie noch kurz duschen wollte, ehe sie zur
Arbeit ging. Sie bestand sogar darauf, dass ich sie wegen diesem blöden
Psychologennamen anrief. Nach dem Ereignis heute Morgen war ich mir auf einmal
sehr sicher, dass ich weniger verrückt war als ich angenommen hatte.
Aber ich versprach es ihr. Ich würde anrufen, schon allein, weil ich wissen
wollte, ob mit ihr alles okay war.
Larry empfing mich mit einem sehr skeptischen Blick. „Was habt ihr denn
gemacht? Im Gras gebalgt?“
Erst jetzt bemerkte ich die Schmutzflecken an meiner Kleidung und den
eingerissenen Ärmel des T-Shirts. Zum Glück verbarg der Kragen den Verschluss
des Amuletts, denn ich hatte keine Ahnung, wie ich Larry erklären sollte, woher
das Schmuckstück stammte. Aber ich schwor mir, es nie wieder abzulegen.
„Kleines Wettrennen“, murmelte ich mit einem schiefen Grinsen. „Und ein dummes
Loch im Weg…“
Larry lächelte nicht. „Wir müssen reden, Anne.“
Ich hatte es geahnt. Es war auch schwer vorstellbar, dass er nach dem gestrigen
Abend schweigend darüber hinweggehen würde. Seufzend nickte ich. „Vor oder nach
dem Duschen?“
Eigentlich hätte ich lieber gefragt: ‚Nächste Woche?’ Aber ich sah schon, dass
Larry absolut nicht zu Scherzen aufgelegt war.
„Vorher.“
Oh, das klang ernst. Ich sank auf den Küchenstuhl und schaute ihn einfach an.
„Du hast mich gestern einfach in dem Restaurant sitzen lassen“, begann er
ruhig.
„Hm“, murmelte ich. Das war ja nicht abzustreiten. „Ich weiß, dass es ein
Fehler gewesen ist, Larry, und es tut mir leid.“
„Anne, irgendetwas ist mit dir und es macht mir Sorgen. Du bedeutest mir eine
Menge und ich möchte die Beziehung, die wir haben, nicht aufs Spiel setzen…“
Er setzte sie gerade aufs Spiel. Aber egal, irgend so etwas musste ja kommen.
„Ich habe mit Dr. Alban gesprochen und für dich einen Termin am Montagabend
achtzehn Uhr vereinbart. Ich möchte, dass du hingehst, Anne.“
Wer war Dr. Alban? Kälte, gepaart mit Zorn stieg in mir auf. Ich wunderte mich
etwas, warum es mir nicht mehr wehtat, diese Worte zu hören. Vielleicht weil
ich doch nicht das Gleiche empfand wie er. Ich weiß nicht genau, aber wenn ich
so verliebt in ihn gewesen wäre, möglicherweise hätte mich dieses über meinen
Kopf hinweg entscheiden mehr getroffen.
Mit einem ernsten Gesichtsausdruck verschränkte ich die Arme vor der Brust.
„Larry, ich bin siebenundzwanzig Jahre alt. Ich brauche niemanden, der für mich
Entscheidungen fällt. Du hast kein dummes Kind vor dir.“
Schmerz trat in seine Augen, aber ich bereute die Worte nicht. Er glaubte, mir
helfen zu müssen. Wäre dieser Zwischenfall vorhin nicht passiert, wer weiß,
vielleicht hätte ich es in Erwägung gezogen, den Arzt aufzusuchen. Im Moment
jedoch war ich zu enttäuscht über sein eigenmächtiges Handeln, egal wie gut er
es gemeint hatte.
„Ich liebe dich, Anne“, sagte er leise. „Es tut mir weh zu sehen, dass dich
etwas verändert und du dir nicht helfen lassen willst.“
„Vielleicht brauche ich keine Hilfe?“ Zumindest keine Hilfe von seitens eines
Psychologen. Ich brauchte Hilfe, das war mir klar, aber im Augenblick dachte
ich mehr an gewisse Leute mit Fangzähnen, die mir ein paar Fragen beantworten
mussten.
Larry sprang auf. „Schau dich doch einmal an! Ich weiß nicht, was du getan
hast, Anne. Aber von einem simplen Sturz auf dem Rasen sieht man nicht aus wie
du! Ich sehe die Panik in deinen Augen und ich finde es traurig, dass du mit
mir nicht darüber reden möchtest. Das ist es, was meiner Meinung nach eine gute
Partnerschaft ausmacht. Dass man seinem Partner vertraut.“
Meine Lippen pressten sich aufeinander, während ich darum kämpfte, die
Beherrschung nicht zu verlieren. Was sollte ich sagen? Man hat versucht, mich
umzubringen? Larry würde entweder wollen, dass ich zur Polizei ging oder er
würde mich sofort zu diesem Alban schleppen und es als Verfolgungswahn
bezeichnen.
„Es tut mir leid, Larry“, brachte ich hervor. „Ich kann dir nichts anderes
sagen.“
„Wenn du es wenigstens versuchen würdest…“
„Du hältst mich jetzt schon für verrückt! Glaubst du wirklich, ich würde dir
noch mehr erzählen?“
Er schaute mich eine ganze Weile schweigend an. „Ich denke, es ist besser, wenn
ich für ein paar Tage zu Patrick ziehe.“
Vielleicht war das tatsächlich besser. Patrick war sein bester Freund, jemand,
den ich eigentlich auch mochte und sicherlich war er dort gut aufgehoben.
Ich nickte langsam. Aber obwohl ich es geahnt hatte, zog sich mein Herz
zusammen, als er, ohne ein weiteres Wort, aufstand und die Treppen hinauf in
Richtung unseres Schlafzimmers ging und ich hörte, wie er im Schrank ein paar
Sachen zusammenpackte.
Manchmal zweifelte ich daran, dass ich jemals für einen Mann das Gleiche
empfinden würde wie er für mich. Ich mochte Larry, aber wenn er sagte, er würde
mich lieben, schaffte ich es nicht, ihm mit den gleichen Worten zu antworten.
Ich verfluchte mich dafür, aber ich konnte es nicht, weil ich instinktiv
fühlte, dass es eine Lüge gewesen wäre.
Vielleicht war es tatsächlich besser, er ging, ehe ich ihm noch mehr wehtun
konnte.
Ich hatte mich nicht gerührt, bis er wieder herunter kam und die kleine
Reisetasche über seine Schulter warf.
„Der Termin steht, Anne. Bitte geh hin, gib unserer Beziehung eine Chance.“
Ich antwortete nicht. Was auch? Mit einer Lüge? Ich bezweifelte, dass ich
hingehen würde. Er seufzte, schenkte mir noch einen letzten Blick und ging zur
Tür.
Es verging bestimmt noch einmal eine Viertelstunde, in der ich einfach nur die
Tür anstarrte, ehe ich es schaffte, mich endlich aufzuraffen und ins Bad zu
gehen.
Ich wusste nicht, ob ich in diesem Moment schon begriff, dass es ein
Schlussstrich war, aber ich ahnte es zumindest. Tränen hatte ich keine.
~*~*~*~*~*~
Ich wollte den ganzen restlichen Samstag nicht allein verbringen. Deshalb
kochte ich mir nur schnell ein paar Spaghettis und redete mir ein, dass ich
Susan ja nicht anrufen musste, sondern mal bei ihr vorbeischauen konnte.
Schließlich wollte ich an einem Tag nicht gleich zwei Menschen enttäuschen.
Obwohl, Susans Therapeutennamen würden mir sicherlich genauso wenig gefallen.
Aber ich wollte mich von der fixen Idee, heute Abend das Dark Night aufzusuchen,
ablenken. Keine Ahnung, wie lange das funktionieren würde, aber einen Versuch
war es wert. Vielleicht hatte ja Susan Lust, heute Abend auszugehen?
Ich schlüpfte in ein Paar dunkle Jeans und zog einen meiner warmen,
dunkelgrünen Pullover über. Obwohl die Sonne noch immer wunderschön schien, war
es noch genauso kalt wie am Morgen. Wir hatten fast Ende Oktober, völlig normal
also. Das Amulett lag noch immer um meinen Hals, wurde durch den Pullover
verdeckt, aber das Gefühl des Metalls auf meiner Haut beruhigte mich ungemein.
Wie Trevor gesagt hatte, war das Glühen des Steins zu einem sanften Glimmen
geworden. Es würde ganz verschwinden, wenn er nicht gelogen hatte. Seit dem
heutigen Vormittag glaubte ich nicht mehr an eine Lüge. Ich wollte Antworten
und ich würde sie irgendwie bekommen. Vielleicht müsste ich auch dieses
Schmuckstück untersuchen lassen? Möglicherweise steckte eine ausgeklügelte
Technik in seinem Inneren, die mir diesen ganzen Magiequatsch vorgaukelte?
Ich nahm meinen schwarzen Anorak vom Garderobenhaken, schnappte den
Wohnungsschlüssel und ging zur Tür. Es war ein eigenartiges Gefühl zu wissen,
dass das Haus leer sein würde, wenn ich wieder heimkam. Aber es störte mich
nicht so sehr wie ich erst angenommen hatte. Es war eher so, dass sich eine
gewisse Erleichterung in mir breit machte, weil ich niemandem Rechenschaft
ablegen musste.
Susans Arbeitsstätte lag außerhalb der Stadt. Deshalb nahm ich meinen Fiat.
Obwohl es Samstag war, waren jede Menge Leute mit dem Auto unterwegs und ich
benötigte fast eine halbe Stunde, um das Heim zu erreichen. Ich kämpfte mich
durch die Innenstadt und bog dann in Richtung Grove Road ab. Rechts neben mir
konnte ich die Schlossruine sehen, ein Grund, warum viele Touristen Newbury
besuchten. Nachdem ich unter der Autobahn hindurch gefahren war, bog ich rechts
in den schmalen Weg nach Bagnor.
Das Kinderheim, eine riesige Villa, die sicher früher einmal einem reichen Earl
gehört hatte, lag verlassen inmitten von grünen Hügeln und Wäldchen sehr
idyllisch gelegen.
Susan würde mir sicher sagen können, wer dieses Gebäude für städtische Zwecke
gestiftet hatte, aber ich war noch nie auf den Gedanken gekommen, danach zu
fragen.
Ich war schon ein paar Mal hier gewesen und wusste deshalb, dass es kein
Problem war, Susan während ihrer Arbeitszeit aufzusuchen. Manchmal freuten sich
die Jugendlichen sogar, ein anderes Gesicht als das ihrer Betreuer zu sehen.
„Hi, Ms Stelter!“, begrüßte mich ein dunkelhaariger Lockenkopf, der im Garten
die Hecke verschnitt.
Ich glaubte mich entfernt zu erinnern, dass er René hieß. „Hallo“, rief ich
zurück. „Wo finde ich Susan?“
„Ist bald Kaffeezeit. Schätze, sie ist in der Küche“, antwortete er mit einem
Grinsen. „Leisten Sie uns Gesellschaft beim Kaffee?“
Ich lachte. „Mal sehen.“
Er ließ die Heckenschere fallen, wischte sich die Hände an der schon
schmutzigen Hose ab und kam auf mich zu gerannt. „Ich zeig Ihnen den Weg,
okay?“, fragte er eifrig.
Seine blauen Augen funkelten dabei so, dass ich ihm das unmöglich abschlagen
konnte.
„Dein Name war René, ja?“
Er nickte und strahlte mich an. „Wow, dass Sie sich das gemerkt haben. Ich
würd’ Ihnen ja die Hand geben, Susan sagt, das gehört sich so…“ Er feixte und
hob seine immer noch schmutzigen Hände. „Wär’ aber jetzt nicht so gut.“
„Schon okay“, murmelte ich nur belustigt. Wenn man es nicht gerade mit einer
gewalttätigen Person zu tun hatte, konnte ich mir vorstellen, dass die Arbeit
mit diesen Jugendlichen Spaß machte. Zumindest mit den Jungs. Von Susan wusste
ich, dass die Mädchen manchmal weitaus zickiger waren, vor allem in diesem
Alter. Ich schätzte René auf fünfzehn oder sechzehn, genau sagen konnte ich es
aber nicht. „Ich weiß aber, wo die Küche ist.“
Er grinste wieder breit. „Besser, ich zeig’s Ihnen, damit Sie sich nicht
verlaufen.“
Natürlich hätte ich die Küche ohne Probleme gefunden. Aber hey, wer war ich,
dass ich die Begleitung eines fünfzehnjährigen Gentlemans ablehnen würde?
Susan hob überrascht den Kopf und verdrehte die Augen, als sie René an meiner
Seite erblickte. „Sag bloß, du bist mit der Hecke fertig?“
„Fast“, beeilte er sich zu sagen. „Schaff ich auf alle Fälle noch.“
„Sei nicht so hart“, nahm ich ihn in Schutz. „Er wollte nicht, dass ich durchs
Haus irre und dich ewig nicht finde.“
René warf mir ein lautloses: „Thanks“ zu, griente wieder bis über beide Ohren
und verschwand zur Tür hinaus. Außer Susan befanden sich noch zwei junge
Mädchen, beide vielleicht zwölf, und ein Junge im selben Alter in der Küche.
Ich kannte sie nicht, sondern grüßte nur kurz in ihre Richtung, als sie hallo
sagten und mich misstrauisch musterten.
Susan lächelte freundlich. „Ich habe nicht erwartet, dich heute hier zu sehen.“
„Wie geht’s dir?“
Sie warf den drei Kindern einen kurzen Blick zu. „Kommt ihr klar? Ich bin
gleich zurück.“
Die Drei nickten und Susan führte mich hinaus, über den Gang in ihr
Arbeitszimmer. Sie setzte sich mit mir zusammen in die kleine Couchecke unter
dem Fenster. „Mir geht’s ganz gut, wenn man mal davon absieht, dass ich absolut
nicht begreife, was geschehen ist.“
Ich seufzte. „Ich weiß es auch nicht, Susan. Aber ich will es herausfinden.“
„Und wie?“
„Indem ich die richtigen Leute frage.“
„Die du kennst?“ Sie klang skeptisch.
„Ich weiß es wirklich nicht. Du hältst mich für verrückt, ich habe es auch…“
Ich verstummte, weil ich überlegen musste, wie ich es am besten formulieren
könnte. „Aber das heute früh…ich weiß nicht… Langsam bezweifle ich, dass
Verrücktsein die richtige Bezeichnung für mich ist.“
Susan musterte mich eine Weile schweigend. „Dann bist du nicht wegen den
Therapeuten hier?“
„Eigentlich schon, aber…“ Ich machte eine vage Geste mit der Hand. „Larry ist
ausgezogen“, sagte ich dann.
Sie hob bloß die Augenbrauen. Fragend.
„Er hat einen Termin gemacht, beim Psychologen“, versuchte ich zu erklären. „Ohne
mich zu fragen. Über meinen Kopf hinweg.“
Sie schwieg noch immer.
„Verdammt, Susan“, murmelte ich. „Wenn ich mir das alles nur einbilde, warum
hast du es dann auch gesehen? Du hast es gesehen, ja?“
„Das Licht?“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern und ich nickte kläglich.
„Ich hab Angst, Susan, und ich weiß nicht, wem ich glauben soll.“
„Der Mann hatte Angst vor dem Licht“, hauchte sie und ein Teil des Entsetzens
vom Morgen stand wieder in ihrem Gesicht. „Woher kam das Licht?“
Ich schluckte. Dann griff ich in meinen Pullover und holte das Amulett ans
Tageslicht.
Erstaunen war in Susans Augen getreten und Ungläubigkeit. „Was ist das?“,
flüsterte sie und beugte sich über das Schmuckstück.
„Ich weiß es nicht“, gab ich geknickt zu.
„Wo hast du es her?“
Ich schloss kurz die Augen. „Wenn ich dir das erzähle, wirst du mir all deine
Psychiater auf den Hals hetzen. Ich habe es bekommen und ich denke, die Leute,
die es mir gegeben haben, können mir auch meine Fragen beantworten. Ich wollte
es nicht glauben, aber mir wurde gesagt, dass es so reagiert…wenn…wenn…“
„Wenn?“ Jetzt klang sie fast atemlos.
Ich hob die Augen von dem Amulett und sah sie an. „Wenn ein Magier in seine
Nähe kommt…oder ein anderes Wesen mit magischen Fähigkeiten.“
Susan starrte mich an wie einen Geist. Sicherlich hatte ich ähnlich geschaut,
als Trevor diese Worte gesagt hatte. „D-du meinst das ernst?“, stotterte sie
verdutzt.
Ich verzog das Gesicht zu einer kläglichen Grimasse. „Ich weiß nicht, was ich
glauben soll. Aber als das Ding heute früh anfing zu leuchten und… ich weiß es
nicht, Susan. Und ich werde fast wahnsinnig deswegen. Aber wenn ich das einem
Psychiater erzähle, was glaubst du passiert dann?“ Verzweiflung schwang in
meiner Stimme mit. „Ich habe Angst, dass ich verrückt bin und ich habe Angst,
dass ich es nicht bin, denn es würde bedeuten…“
Ich ließ es im Raum stehen, ich sah auch so, dass Susan mich verstand.
„Was willst du tun?“, flüsterte sie kaum hörbar.
„Ich geh dorthin und hole mir die Antworten.“ Es sollte sehr selbstsicher
klingen, ich glaube aber, ich machte mir selbst etwas vor.
„Ist es gefährlich?“
„Keine Ahnung.“
„Ich komme mit.“
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich werde dich da nicht mit reinziehen,
Susan. Aber für den Fall, dass…ich meine, falls ich mich nicht wieder melde…“
Sie nickte krampfhaft und plötzlich standen Tränen in ihren Augen. „Larry weiß
es nicht, oder?“
Ich seufzte wieder. „Nein.“
„Ich habe auch Angst, Anne. Wenn ich das heute früh nicht gesehen hätte…Ich
weiß nicht, ob ich dich tun lassen würde, was du tun willst. Der Mann war
gefährlich, oder?“
„Ich denke schon.“
„Hast du eine Waffe?“
„Was?“ Susan verblüffte mich immer wieder.
„Eine Pistole? Revolver?“
„Nein!“ Allein der Gedanke, eine Waffe zu tragen, geschweige denn, sie zu benutzen,
jagte mir einen gehörigen Schrecken ein.
„Du solltest dich darum kümmern. Wenn von dem Mann wirklich eine Gefahr
ausgeht, solltest du dich wehren können.“ Jetzt hörte sie sich gar nicht mehr
wie die ängstliche Susan an, eher sehr fest und rigoros. Das war die
Sozialarbeiterin Susan.
Ich hatte mich gewehrt. Aber auf ganz andere Art, als sich Susan sicherlich
jemals vorstellen konnte. Auszusprechen wagte ich das jetzt nicht. „Ich denke
darüber nach“, murmelte ich deshalb nur.
„Du wirst mich morgen anrufen oder hier vorbeikommen.“
Das würde ich und konnte es auch versprechen, ohne ein schlechtes Gewissen zu
haben.
„Sicher mache ich das.“ Ich schaffte es sogar, ein beruhigendes Lächeln auf
meine Lippen zu zaubern.
„Bleibst du zum Kaffee?“, fragte sie dann. „Die Kinder würden sich bestimmt
freuen.“
Ich verdrehte die Augen. „Einen großen Teil von ihnen kann man längst nicht
mehr als Kinder bezeichnen.“
Susan lachte und stand auf. „Für mich sind’s meine Kinder. Kommst du?“
~*~*~*~*~*~
René ergatterte den Platz neben mir. Auf der anderen Seite saß eine schüchterne
Rothaarige, die mir Susan als Nadine vorstellte. Mir gegenüber zwei Mädchen in
Renés Alter, die mehr kicherten als sie sprachen.
Susan legte Wert auf einen geregelten Tagesablauf und der schloss gemeinsame
Mahlzeiten mit ein. Obwohl die meisten Tee oder Kakao tranken, und nur Susan
und ich, sowie einige der älteren Mädchen Kaffee, wurde diese Stunde als
Kaffeezeit bezeichnet. Selbst Susans beide Sorgenkinder, zwei Jungs im Alter
von vierzehn und fünfzehn, die mit missmutigen Gesichtern erschienen und sofort
einige der Jüngeren anschnauzten, setzten sich irgendwann artig mit an den
Tisch, nachdem Susan ihnen nur einen kurzen Blick zugeworfen hatte.
Jetzt saß auch Steven, der Mann, der zusammen mit Susan Dienst hatte, am Tisch.
Er war älter, vielleicht fünfzig oder fünfundfünfzig, aber die Jugendlichen
schienen sich mit ihm genauso gut zu verstehen wie mit Susan. Ich bewunderte
sie für die Arbeit, die sie hier leistete. Sie setzte sich für die Kinder ein,
bemühte sich, ihnen so etwas wie ein familiäres Leben zu geben, obwohl sie
genau wusste, dass das Heim kein Elternhaus ersetzen konnte.
In so einem Heim hätte ich mir auch gewünscht aufzuwachsen, aber das wenige,
das ich manchmal sah, wenn ein Erinnerungsfetzen in mir hochstieg, war dunkel,
düster und ungastlich.
Soweit ich erfahren hatte, schwankte die Zahl der Jugendlichen hier im Heim
meist zwischen zwanzig und dreißig und das Alter lag zwischen zwölf und
achtzehn. Sie kamen aus Elternhäusern, in denen sie vernachlässigt, geschlagen
oder missbraucht worden waren. Einige hatten auf der Straße gelebt und waren
von der Polizei aufgegriffen worden. Keines dieser Kinder konnte auf eine
glückliche Kindheit zurückblicken und dass sie jetzt wieder lachten, war zu
einem Großteil Susan und den anderen Betreuern zu verdanken. Eben dafür
bewunderte ich sie.
„Kommen Sie jetzt öfter, Ms Stelter?“, fragte der neugierige René an meiner
Seite.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich musste mit Susan sprechen.“
„Schade“, murmelte er und grinste ein gar nicht jugendfreies Grinsen. „Hätt’
mich gefreut, Sie öfter zu sehen.“
Die beiden Mädchen mir gegenüber kicherten wieder und warfen mir
bedeutungsvolle Blicke zu. Ich lächelte nur. Hätte Hummer solch eine Anspielung
von sich gegeben, ich hätte ihm die Hölle heiß gemacht. Bei René fand ich es
einfach nur niedlich. Er wäre sicherlich beleidigt, wenn er diesen Gedanken
kennen würde. Ich drehte den Kopf und sah ihn an.
„Nun, irgendwann bin ich bestimmt mal wieder da und ich verspreche dir, dann
sage ich dir auch hallo.“
Er wurde sogar noch rot. Einfach süß. Hätte ich bei dem anzüglichen Grinsen von
vorhin gar nicht erwartet.
„Bist du mit der Hecke fertig geworden?“
Er nickte, sicherlich sehr froh, dass ich auf seine geröteten Wangen nicht
einging. „Jap. Zum Glück, ich mag Gartenarbeit nicht.“
„Ich auch nicht. Glücklicherweise ist mein Garten nicht sonderlich groß.“
Ich genoss es, einfach mal eine Stunde auszuspannen, mit Susan und den
Jugendlichen zu reden, so als wäre in meinem Leben alles in Ordnung. Ich
verdrängte den Gedanken an die leere Wohnung und den Plan, heute Abend das Dark
Night aufzusuchen.
Man sollte solche Stunden genießen, man wusste nie, wann sich die nächste
Gelegenheit dazu ergeben würde.
„Ruf mich an, ja?“,
vergewisserte sich Susan noch einmal und umarmte mich kurz. „Ich werde die
Polizei alarmieren, wenn du dich bis morgen Abend nicht gemeldet hast.“
Ich nickte, winkte ihr kurz
zu und verließ das Arbeitszimmer, in das wir uns nach dem Kaffee noch einmal
kurz zurückgezogen hatten.
Diesmal hatte ich niemanden,
der mir den Weg nach draußen zeigte, aber obwohl die Villa so groß war, dass
man sich darin verlaufen konnte, würde mir das nicht passieren, da ich über ein
gutes Ortsgedächtnis verfügte und schon oft genug hier gewesen war. Ich
schlenderte den langen Gang in Richtung der Treppen entlang, warf ab und an
einen Blick aus dem Fenster und stellte noch einmal fest, wie idyllisch gelegen
sich dieses Heim befand.
Lärm und Gelächter drang aus
den Zimmern und aus dem Garten durch die geöffneten Fenster zu mir hinauf.
Eigentlich war solch eine Arbeit viel angenehmer als der tagtägliche Bürokram
in unserer Kanzlei. Wenn man von den Schichten und dem Wochenenddienst einmal
absah.
In diesem Moment öffnete sich
eine der Türen und ich blieb kurz stehen. Es war ein junges Mädchen und in dem
Augenblick, in dem ich sie sah, wusste ich, wen ich vor mir hatte. Erst jetzt
fiel mir auf, dass sie beim Kaffee gefehlt hatte.
Große, dunkle, mit schwarzen
Kajalstift umrahmte Augen schauten mich aus einem bleichen Gesicht an. Die
dunkelbraunen Locken hatte sie im Nacken zusammen gebunden. Eine vorwitzige
Strähne fiel ihr in die Stirn, doch sie tat nichts, um sie zur Seite zu
streichen, sondern starrte mich an. Ihre Haare erinnerten mich an meine
eigenen, ich hatte auch oft genug damit zu kämpfen, dass sie das taten, was ich
wollte. Schwarze Jeans und ein schwarzer, eng anliegender Pullover
vervollständigten das Outfit und betonten die Blässe ihres Gesichtes noch.
„Hallo“, begrüßte ich sie
freundlich. In diesem Moment spürte ich das Amulett an meiner Haut. Es glühte
nicht, nein, aber eine sanfte Wärme breitete sich von der Mitte meiner Brust
aus.
Die Augen des Mädchens
weiteten sich. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, schloss ihn
dann jedoch wieder.
Im Gegensatz zum heutigen
Morgen, als die Reaktion des Amuletts mir wirklich Angst gemacht hatte, war es
diesmal etwas völlig anderes. Vielleicht klang es verrückt, aber es schien, als
würde mich der warme Strom beruhigen und mir sagen wollen, alles wäre okay.
„Ich habe dich gar nicht beim
Kaffee gesehen“, redete ich weiter, einfach, weil meine Neugier geweckt war.
Soviel wusste ich jetzt. Es musste einen Grund geben, dass das Ding reagierte.
Und der Grund war eindeutig das junge Mädchen. Ich wollte wissen, warum. „Du
hattest wohl keinen Hunger?“
Sie machte einen Schritt auf
mich zu, eine Vorsicht und ein Misstrauen im Blick, wie ich es bei noch
niemandem in ihrem Alter gesehen hatte. Gleichzeitig hob sie ihre Hand. Etwas
wie ein warmer Wind fuhr durch die Luft und umhüllte meinen Körper. Das Amulett
glühte stärker, aber noch immer verspürte ich weder Panik noch Angst.
„Ein Cyana“, flüsterte sie
und diesmal war es eindeutig Überraschung in ihren Augen. „Wer sind Sie?“
Ich musste erst einmal
verarbeiten, dass sie den Begriff Cyana kannte. „Mein Name ist Anne Stelter.
Ich bin eine Freundin von Susan.“
Sie kam noch näher, die Hand
noch immer erhoben und ich konnte erkennen, dass ihre Fingernägel schwarz
lackiert waren. Sie war größer als ich, nicht viel, aber etwas, obwohl sie
flache Turnschuhe trug. Ihre Hand verharrte zirka zehn Zentimeter über der
Stelle meiner Brust, unter der das Amulett lag.
„Es tut nicht weh“, flüsterte
sie fassungslos und hob den Blick von ihrer Hand zu meinen Augen.
Ich hatte mich nicht gerührt,
sondern erwiderte ihren Blick ruhig. Ihre Augen waren ein wenig heller als
meine eigenen, aber durch die schwarze Schminke wirkten sie dunkler.
„Sollte es das?“, fragte ich
genauso leise.
Sie senkte die Hand und trat
einen Schritt zurück, ohne zu antworten.
„Woher weißt du, was ein
Cyana ist?“, erkundigte ich mich noch immer sehr leise.
„Wer sind Sie?“
Ich hatte keine Ahnung, was
sie hören wollte.
„Eine Lucyana?“ Sie runzelte
die Stirn und schien mit sich selbst zu reden. „Nein, Sie sind nicht mächtig
genug.“ Wieder hob sie die Hand und schloss die Augen halb, als könnte sie
etwas fühlen, was mir verborgen blieb.
Ein Prickeln bildete sich auf
meiner Haut, während ich gleichzeitig spürte, dass etwas in mir erwachte. Und
im gleichen Moment stiegen Bilder in mir hoch: Ein junges Mädchen mit
widerspenstigen dunklen Locken, das einen düsteren Saal durchquerte und eine
Stimme, die ihr hinterher rief: „Verschwinde, du Hexe!“ Ich konnte nicht
einschätzen, ob es meine eigene Erinnerung war oder etwas anderes, aber ich
hatte keinen Einfluss darauf. Ehe das Kribbeln unangenehm werden konnte, riss
das Mädchen die Augen auf und machte einen Satz rückwärts. Ich taumelte, als
die Bilder urplötzlich erloschen.
„Wow“, flüsterte sie wieder
und strich sich endlich die widerspenstige Strähne aus der Stirn. „Warum tut es
nicht weh?“
Ich kämpfte noch immer mit
einem Teil der Benommenheit, den die Bilder hervorgerufen hatten, aber ich
verlor langsam die Geduld. „Was zum Teufel meinst du?“
Sie hob den Kopf und ein
dunkles Funkeln trat in ihre Augen. „Du weißt es nicht“, hauchte sie
fasziniert. „Du weißt es nicht und trotzdem kann ich dich nicht erreichen. Und
obwohl ich es versucht habe, bekämpfte das Cyana mich nicht. Warum nicht?“
Ich bekam nur am Rande mit,
dass sie mich plötzlich einfach duzte. „Warum sollte es?“
Diesmal hob sie die Hand mit
der Handfläche nach oben. Ein Flimmern bildete sich über ihrer Haut und ich zog
erschrocken die Luft ein, als ich das dunkle Licht sah, das dem Endriels so
ähnlich war.
„Ich bin böse“, sagte sie.
Das Amulett wurde wärmer,
aber noch immer verspürte ich keine Angst. Fast wie in Zeitlupe hob ich meine
Hand und hielt sie neben ihre. Übergangslos war das weiße Licht über meiner
Handfläche da. Ein Zittern ging durch den Körper des Mädchens, doch sie bewegte
ihre Hand nicht. Dunkle Lichtfinger krochen von ihrer Hand in Richtung meine,
trafen auf das weiße Licht und diesmal gab es keine Explosion. Irgendwie hatte
ich es geahnt. Das Licht vermischte sich, wurde rötlich, dann wieder heller und
verschwand in einem weißen Nebel.
Kleine Schweißperlen standen
auf der Stirn des Mädchens. Ich sah es, als ich den Blick hob und sie
anschaute.
„Ich glaube nicht, dass du
böse bist.“
Nur kurz flackerte
Unsicherheit in ihren Augen auf, dann presste sie die Lippen zusammen. „Was
weißt du schon!“
„Wie heißt du?“
Sie zögerte, als hätte sie
Angst, noch mehr preiszugeben. „Vivian“, antwortete sie dann jedoch.
„Du hast recht, Vivian“, fuhr
ich fort. „Ich weiß sehr wenig. Und wie mir scheint, weißt du eine Menge mehr.
Magst du dich ein wenig mit mir unterhalten?“
„Nein!“, fuhr sie auf und ehe
ich reagieren konnte, hatte sie sich umgedreht, war in das Zimmer zurück
verschwunden und hatte die Tür zugeknallt.
Ich stand noch eine ganze
Weile dort und starrte die Tür an. Jetzt wusste ich mit absoluter Gewissheit,
dass ich nicht verrückt war. Und ich wusste auch mit absoluter Gewissheit, dass
das Gespräch zwischen mir und der jungen Vivian noch nicht beendet war.
~*~*~*~*~*~*~*~
Es war fast neun, als ich
meinen Fiat auf dem verlassenen Platz vor dem Dark Night parkte. Ich hatte den gesamten Nachmittag genutzt, um
mir selbst die ganzen Geschehnisse noch einmal ins Gedächtnis zu rufen und mich
in meine Wut hineinzusteigern, weil ich eigentlich gar nichts wusste und alle
anderen mehr.
Mit diesem Zorn hatte ich mich
ins Auto gesetzt und mit diesem Zorn stürzte ich jetzt in Richtung des Eingangs
des Hauses. Eigentlich müsste ich das Gebäude als Bruchbude bezeichnen und ich
bezweifelte, dass irgendeine Person mit gesundem Menschenverstand durch diese
Tür treten würde.
„Annie!“, begrüßte mich
Thunder mit einem reizenden Reißzahnlächeln, als ich die Tür aufstieß. „Wie
schön, Sie zu sehen.“
Ich stieß den Finger gegen
seine Brust, ehe er noch auf die dumme Idee kam, mich umarmen zu müssen.
„Sheldon da? Trevor?“
Er nickte lachend. „Sie
wissen den Weg noch?“
„Sicher“, giftete ich böse.
„Mr. Immobilienmakler!“
Ich durchquerte die fast
leere Bar, erwiderte Barths Gruß mit einem kurzen Nicken und fegte ins
Hinterzimmer.
Trevor und Sheldon, die sich
über irgendein uralt aussehendes Buch gebeugt hatten, sahen überrascht hoch.
„Annie.“
Ha, die Verblüfftheit in den
Gesichtern der beiden zu sehen, reichte, um meine Laune beträchtlich zu heben.
Sheldon lächelte dann jedoch, während Trevor nach dem Glas Wein auf dem Tisch
griff und einen Schluck trank.
Ich ließ mich in einen der
freien Stühle fallen. „Wer ist Endriel?“
Mit einem Knall zerbarst das
Weinglas auf dem Fußboden. Der Schock, mit dem mich beide jetzt ansahen, gefiel
mir noch besser als die Verblüffung. Vorsichtig schloss Sheldon das Buch und
Trevor bückte sich fluchend, um das zerbrochene Glas aufzuheben.
„Woher haben Sie den Namen,
Annie?“, fragte Sheldon ernst.
Meine Augen verengten sich.
„Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, seine Bekanntschaft zu machen.“
Trevor lachte hart auf. „Dann
würden Sie nicht mehr hier sitzen, Süße. Endriel trifft man nicht und geht
seiner Wege.“
Ich drehte den Kopf und
musterte ihn mit einem eisigen Blick. „Wenn Sie mich noch einmal Süße nennen,
passiert ein Unglück.“
Sheldon schüttelte den Kopf,
als Trevor zu einer zornigen Erwiderung ansetzen wollte. „Erzählen Sie, was
passiert ist, Anne. Von Anfang an.“
Ich verschränkte die Arme vor
der Brust und lehnte mich zurück. Trevor war endlich damit fertig, die Scherben
vom Boden aufzulesen, ging zur Tür und rief in Richtung Tresen nach einem neuen
Glas. Er bestellte sogar eins für mich mit, ohne dass ich etwas gesagt hatte.
Sheldon sah mich auf diese
ruhige, gelassene Art an, die mir irgendwie Vertrauen einflößte und ich
seufzte, ehe ich anfing zu erzählen.
Auch Trevor hatte sich wieder
gesetzt und hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Allerdings sah ich in seinem
Gesicht Unglauben, während Sheldon ausdruckslos in meine Richtung blickte.
Zwischendurch betrat Barth den Raum, stellte eine neue Flasche Wein und zwei
Gläser auf den Tisch und verschwand wieder.
„Ich will jetzt Antworten“,
beendete ich meine Rede, die bestimmt eine Viertelstunde gedauert hatte. „Ich
habe den argen Verdacht, dass ich heute Morgen hätte sterben können. Und Susan
auch. Was zum Teufel passiert hier?“
„Verflucht, Shelly“,
schimpfte Trevor los. „Du hättest nicht sagen sollen, lass ihr Freiraum! Sie
hätte sterben können!“
Sheldon nickte langsam. „Ich
habe nicht erwartet, dass Endriel sich einmischt. Sie ist noch nicht stark
genug. Keine ernsthafte Bedrohung.“
„Haha“, machte Trevor
sarkastisch. „Dann hätte er sie mit einer einzigen Handbewegung weggewischt.“
„Hallo“, mischte ich mich
ein. „Ich bin auch noch hier. Würden Sie sich vielleicht nicht so unterhalten, als
wäre ich Luft?“
„Es war eine Warnung“, sagte
Sheldon leise. „Vielleicht wird Endriel auf seine alten Tage hin etwas
sentimental. Er hätte sie töten können. Er hat es nicht getan, weil er es nicht
wollte. Dafür muss es einen Grund geben.“
„Wer ist dieser Endriel?“ Ich
hatte es langsam satt, keine Antworten zu bekommen.
Sheldon sah mich an und etwas
wie Traurigkeit bildete sich in seinen hellen Augen. „Er ist ein Magier der
anderen Seite, ein Antacyan. Einer der Stärksten, die ich kenne. Stärker als
die meisten Lucyana.“
„Es gibt viele Lucyana?“,
erkundigte ich mich überrascht. „Das ist das, was ich sein soll?“
„Nicht, was Sie sein sollen,
Annie. Sie sind es.“
„Klar“, murmelte ich
ironisch. „War toll, diese Lichterbälle durch die Gegend zu werfen! Und hey, es
gab eine nette Explosion!“ Ich redete mich langsam aber sicher in Rage. „Ich
habe nur absolut keine Ahnung, wie ich das gemacht habe!!“ Die letzten Worte
schrie ich fast und lehnte mich über den Tisch. „Ich habe den ganzen Mist jetzt
schon satt! Mein Freund zieht aus, weil er denkt, ich bin verrückt! Wenn ich es
schon bin, dann will ich diese Verrücktheit auch verstehen!“
„Wenn ich gewusst hätte, dass
Endriel auf dieser Welt weilt, hätte ich Trevor nicht von Ihrer Seite weichen
lassen.“
Ach, jetzt gab es schon
mehrere Welten, auf denen man ‚weilen’ konnte?
Ihn nicht von meiner Seite weichen lassen? Mein Kopf schoss zu Trevor,
der mich jetzt recht amüsiert angrinste.
„Tut mir leid wegen Ihrem
Freund“, sagte er und selbst in seinen Worten schwang Belustigung mit. „Er
könnte ein Problem darstellen, falls es nötig wird, dass wir uns in Ihrem Haus
aufhalten.“
„Was?“, fauchte ich
unbeherrscht. „Vergessen Sie auch jeden einzigen Gedanken an mein Haus!“
„Annie“, mischte sich Sheldon
sanft ein. „Es wird nötig sein, Ihr Haus magiesicher zu machen.“
„Ich will keinen einzigen von
euch Reißzähnen in der Nähe meines Hauses sehen! Ist das klar?“
„Wenn Endriel seine Hände im
Spiel hat, wäre es sowieso sicherer, ich würde mich gleich in dem Haus mit
einquartieren“, sagte Trevor und ich explodierte endgültig.
„Hört mir eigentlich
überhaupt jemand zu?! Ich sagte: ‚Nein’. Und wenn ich ‚nein’ sage, dann meine
ich das auch! Ich habe mich nicht darum gerissen, mich in diesen ganzen Quatsch
mit hinein ziehen zu lassen. Ich will, dass das alles aus meinem Leben
verschwindet! Ich habe es jetzt schon satt!“
„Sie sind ein Teil des
Ganzen, Annie.“ Sheldon blieb noch immer ruhig. „Die Magie steckt in Ihnen. Sie
können nur sterben, um sie loszuwerden.“
Ein Kloß bildete sich in
meiner Kehle, denn seine Worte klangen so leidenschaftslos und endgültig. „Das
ist nicht wahr“, flüsterte ich und wusste doch im gleichen Moment, dass er
nicht log.
Ich wollte nicht sterben.
Nie. Und ich wollte es auch jetzt noch nicht. Tränen bildeten sich in meinen
Augen, als die Worte sich in meinem Kopf setzten.
„Ich will die Hintergründe
wissen. Ich will wissen, in was ich jetzt hineingezogen werde“, stieß ich
hervor und kämpfte krampfhaft dagegen an, nicht zu weinen. „Ich will wissen, ob
es besser ist zu sterben.“
Sheldon nickte. „Ich verstehe
Sie, Annie. Sie glauben, es wäre nicht Ihr Kampf. Es geht um Macht. Es geht
immer um Macht. Das gesamte Universum, so wie wir es kennen, besteht aus vielen
unterschiedlichen Welten. Welten, zwischen denen es keinerlei Verbindungen
geben dürfte. Vor vielen, vielen hundert Jahren jedoch entstanden die ersten
Magier. Sie experimentierten mit den Kräften, die ihnen zur Verfügung standen
und sie schafften, was eigentlich niemand hätte schaffen dürfen – sie erschufen
Portale. Übergänge zwischen den Welten. Und plötzlich regierte das Chaos. Macht
besaß, wer Macht über die Portale hatte. Friedliche Welten sahen sich plötzlich
Gegnern gegenüber, gegen die sie keine Chance hatten. Kriegerische Welten
feierten Siege, weil sie ihren Expansionsdrang ausleben konnten.“
Ich starrte ihn an, während
ich den Worten lauschte, die aus einem Fantasyroman hätten stammen können.
„Weder Vampire, noch Hexen,
noch Werwölfe oder andere Dämonen gehören auf diese Welt. Aber sie sind hier.
Sie sind es, weil die festen Portale unbewacht waren, es auch jetzt teilweise
noch sind und weil es für jeden Magier so leicht ist, Portale zu schaffen. Ein
wirklich starker Magier kann es an jedem x-beliebigen Punkt des Universums.
Fremde Wesen betreten Welten, auf denen sie nicht leben können oder Welten, in
denen sie die absolute Macht besitzen.“ Sheldon lächelte schwach. „Wir können
nicht verhindern, dass ein Austausch über die Portale stattfindet, aber wir
versuchen zu verhindern, dass die Welten im Chaos versinken. Es gibt Wesen, die
sich von Angst und Entsetzen ernähren. Wesen, die von Blut leben und Wesen, die
ihren primitiven, grausamen Instinkten nachgeben, um das zu bekommen, was sie
wollen: Macht und Nahrung. Ich habe solche Chaoswelten gesehen. Menschliche
Wesen, die sich auf der permanenten Flucht vor Dämonen befinden. Ich habe
Grausamkeiten gesehen, die Sie sich nicht vorstellen können, Annie. Dämonen,
die andere Wesen um des Vergnügens Willen quälten, weil deren Entsetzen und
deren Schmerz sie ernährte. Ich habe Freunde sterben sehen.“
Sheldon schloss einen Moment
die Augen, vielleicht weil ihn die Erinnerung übermannte. „Ich habe Welten
untergehen sehen. Ehemals blühende Kulturen, die jetzt unter der Herrschaft des
Schreckens stehen. Und ich habe mich der Organisation angeschlossen, die gegen
das Schrecken kämpfte. Ich wünsche, die festen Portale schließen zu können oder
zu verhindern, dass jemand Portale erschafft, aber das ist nicht möglich, weil
es für einen Magier so einfach ist. Zuviel Magie existiert im ganzen Universum.
Aber ich versuche zu verhindern, dass auch die Welten im Chaos versinken, die
im Moment noch unberührt sind.“
Er öffnete die Augen wieder
und seine hellen Augen bohrten sich in meine. „Die Grenze zwischen weißer und
schwarzer Magie ist fließend. Die Macht, die schwarze Magie verspricht, ist
immens und viele erliegen ihrem Ruf. Ihre Vorfahren, Annie, kamen durch ein
Portal auf diese Welt. Sie vererbten die Magie an ihre Kinder und Kindeskinder,
verteilten sie auf der Welt. Nur ab und zu wird ein Kind geboren, das die
Stärke der Fähigkeiten einer reinen Lucyana besitzt. Wir versuchen, sie zu
finden, weil wir jede Unterstützung im Kampf gegen das Chaos brauchen können.
Aber wir verlieren ständig viele von ihnen an die andere Seite der Macht.“
„Sie locken“, mischte sich
Trevor ein. „Sie locken mit Reichtum, mit den
magischen Fähigkeiten der Urahnen und mit der Unsterblichkeit. Und alles, was
Sie dafür aufgeben müssen, sind Ihre Ideale, Ihr Menschsein und Ihre Seele.“
Es war zuviel. Ich hörte die
Worte und hörte sie doch nicht. Sie schienen an meinem Kopf vorbeizurauschen.
„Und wenn ich gar nichts davon will?“, fragte ich erstickt.
„Diese Wahl haben Sie nicht“,
erwiderte Sheldon leise. „Sie besitzen die Macht. Endriel hat Sie nicht
getötet, weil er glaubt, Sie auf seine Seite ziehen zu können. Er hat Ihnen
seine Macht gezeigt und Sie mit dem Wissen zurückgelassen, dass er Sie
jederzeit mit einem Fingerschnipsen töten könnte. Er wird es tun, sobald ihm
klar ist, dass Sie sich für die andere Seite entschieden haben.“
Jegliche Farbe wich aus
meinem Gesicht. „Und wenn ich mich ihm anschließe…“
Trevor nickte. „Dann werden
wir Sie jagen. *Ich* werde Sie jagen…“
Ohne dass ich etwas dagegen
tun konnte, stiegen jetzt Tränen in meine Augen. „Ich hasse Sie“, flüsterte ich
hilflos.
Er senkte den Blick kurz auf
das Glas in seinen Händen und schaute mich dann wieder an. „Ich glaube nicht,
dass Sie sich ihm anschließen, Annie. Sie sind zu menschlich.“ Er lächelte
fein. „Wenn wir nicht an Sie glauben würden, wären Sie jetzt nicht hier.“
Ich konnte nicht mehr
antworten, weil ich dann wahrscheinlich richtig geheult hätte. Mein ganzes
bisheriges Leben wurde in diesem einen einzigen Augenblick zerstört.
Trevor hatte Recht. Sollte
nur ein Funken Wahrheit in Sheldons Worten stecken, ich würde nie zusehen
können, wie andere Menschen gequält wurden.
„Sie müssen lernen, sich
verteidigen zu können“, sprach Trevor weiter. „Je eher, desto besser. Sie
werden sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, sich wehren und eventuell auch
töten zu müssen.“
„Trev!“, fuhr Sheldon auf,
doch es war zu spät.
„Was unterscheidet mich dann von
den Monstern, von denen Sie gesprochen haben?“, schrie ich unbeherrscht und
sprang auf. Jetzt rannen Tränen über meine Wangen und ich versuchte, sie
notdürftig zur Seite zu wischen. Aussichtslos. „Wer sagt mir, dass nicht Sie
die Monster sind? Monster, die mit schönen Worten umgehen können?!“
Ich sank auf die Couch am
anderen Ende des Raums und schlug die Hände vor das Gesicht. Ich wollte nicht
weinen, ich konnte mich auch nicht entsinnen, wann ich es das letzte Mal getan
hatte, aber die jetzige Situation zehrte an meinen Nerven. Mehr als ich es mir
eingestehen wollte. Und mir war auch so ziemlich egal, was die beiden Männer
von mir dachten.
Ich wusste nicht, wie viel
Zeit vergangen war, ich schreckte hoch, als ich spürte, dass jemand neben mir
Platz nahm und sich ein Arm um meine Schulter legte. Alles, was ich wollte, war
ihn wegstoßen, doch nicht einmal mehr dazu hatte ich die Kraft. Schlimmer noch,
ich, der Inbegriff der Emanzipation, drehte mich um, vergrub mein Gesicht an
der nach Leder riechenden Brust und weinte. Es musste Trevor sein, und nach
seiner Bemerkung vorhin wollte ich ihn wirklich einfach hassen. Dummerweise
fühlte ich mich in seinen Armen seltsam geborgen.
„Weinen Sie, Annie“,
flüsterte er in meine Haare. Es war das erste Mal, dass etwas anderes als Spott
in seiner Stimme mitschwang. „Glauben Sie mir, ich weiß, wie Sie sich fühlen.“
Ich schniefte nur. Er ließ
mich auch nicht los, als Sheldon sich an meiner anderen Seite setzte und ich
den Kopf hob, um ihn anzusehen. Ich musste scheußlich aussehen, so verweint,
aber der Vampir lächelte nur und reichte mir ein gefülltes Glas Wein.
Ich nahm es und beobachtete
dann mit großen Augen, dass er seine Hand drehte, so dass die Handinnenfläche
nach oben zeigte. Die junge Vivian fiel mir ein und mein Herz schlug bis zum
Hals, als sich über seiner Hand flimmerndes weißes Licht bildete.
„Jeder Magier ist von Geburt
an rein“, erklärte er leise und das Licht bildete einen winzigen hellen Ball.
„Weiß ist die Farbe der Reinheit. Jedes Opfer, ob Tier oder Mensch zieht dich
in Richtung der dunklen Macht, weil du in diesem Moment die Kräfte von anderen
Lebewesen nutzt, die diese dir nicht freiwillig zur Verfügung stellen.
Schwarzes Licht ist genauso stark wie weißes,
aber es bezieht seine Energie aus einer anderen Quelle. Je mehr Macht du haben
willst, umso mehr musst du opfern.“
Trevor hatte mich losgelassen
und hob seine Hand neben Sheldons. Auch dort bildete das weiße Licht einen
hellen Schimmer über seiner Haut. Ich zitterte, als ich meine Hand ebenfalls
hob und mein grelles Licht unsere drei Hände verband. Ein eigenartiges Gefühl
breitete sich in meinem Inneren aus. Ich hatte mich verloren gefühlt. Und
einsam.
Jetzt fühlte ich mich, als
wäre ich heimgekehrt.
Ich hatte das Glas Rotwein
getrunken und die Tränen waren getrocknet. Noch immer konnte ich nicht daran
glauben, dass ich mich mit dem heutigen Tag in einen Kampf einmischen würde,
den ich eigentlich nicht richtig verstand.
Eigentlich spielte das auch
keine Rolle. Soviel hatte ich jetzt begriffen: Ich hatte darauf keinen
Einfluss. Schon der Vorfall am Morgen hätte mir dies sagen müssen.
Trevor war ein Stück von mir
weggerutscht, saß aber noch immer mit auf der Couch, während Sheldon es sich in
einem der Sessel bequem gemacht hatte.
„Ist schwarzes Licht immer
böse?“, fragte ich irgendwann leise.
Sheldon seufzte. „Es ist
schwer, eine Grenze zwischen gut und böse zu ziehen. Sicherlich gibt es
Grauzonen.“
„Ich…“ Ich zögerte. „Ich habe
heute ein Mädchen getroffen. Vivian. Sie…“ Ich holte tief Luft, weil sich
Sheldons Blick plötzlich in mein Gesicht brannte. „Sie hat das Cyana gefühlt.
Sie hat ihre Hand genauso gehoben wie Sie vorhin, Sheldon, aber es war
schwarzes Licht…“
Trevor beugte sich überrascht
vor. „Und dann?“
Mein Blick wanderte unsicher
von einem Mann zum anderen. „Ich habe es auch getan. Die Hand gehoben und
dann…dann hat sich das Licht vermischt und ist verschwunden…“
Grenzenlose Verblüffung
zeichnete sich in Sheldons Gesicht ab. „Unmöglich“, stieß er hervor. „Sie hätte
es in Ihrer Nähe nicht aushalten dürfen, Annie. Keine schwarze Hexe kann in
direkte Nähe eines Cyanas kommen.“
„Sie hat mich gefragt, warum
es nicht wehtut“, flüsterte ich.
„Vivian?“, überlegte Trevor.
„Ich kenne keine Vivian.“
Sheldon stand auf und trat an
den großen alten Bücherschrank. Suchend glitten seine Augen über die Bücher,
bis er gefunden hatte, was er wollte und einen dicken abgenutzten Band aus dem
Schrank zog.
„Ich glaube mich zu erinnern“,
murmelte er grübelnd. „Aber nicht Vivian…Ich weiß nicht genau…“ Er setzte sich
und blätterte in dem Buch.
„Was ist das für ein Buch?“,
fragte ich Trevor leise.
„Ein ‚Buch der Magier’“, gab
er zurück. „Es schreibt sich selbst. Jedes Mal, wenn auf einer Welt ein Magier
geboren wird, verewigt sich sein oder ihr Name in dem Buch.“
Das klang in meinen Ohren
schon wieder wie ein Märchen. Ich musste auch so geschaut haben, denn er lachte
leise. „Das ist eins der netten Dinge der Magie, Annie.“
„Ich hab’s“, rief Sheldon vom
Tisch her. „Anastasias Tochter heißt Vivian. Sie müsste jetzt sechzehn sein.“
„Das würde passen.“ Ich stand
auf und Trevor folgte mir.
„Anastasia ist tot“, sagte er
stirnrunzelnd und setzte sich neben Sheldon. „Seit Monaten schon.“
„Wer war Anastasia?“,
erkundigte ich mich, da es nicht so aussah, als würden die beiden etwas
erklären. Das nervte mich schon wieder tierisch.
„Vivian ist die Tochter von
Anastasia und dem Menschen Clark Hemon. Wenn sie nur den Bruchteil der Kräfte
ihrer Mutter geerbt hat, ist sie gefährlicher als wir es uns vorstellen können.
Anastasia hat Hemon getötet, als sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie hat
ihn als Opfer benutzt, um dem Kind mehr Kräfte zu geben, als es von Natur aus
bekommen hätte“, las Sheldon weiter.
„Das steht alles in dem
Buch?“, entfuhr es mir ungläubig und ich linste über Sheldons Schulter.
„Der Grundstein für Vivians
Magie wurde im Mutterleib gelegt. Sie besaß nie die Chance, mit weißer Magie zu
arbeiten, denn die Energie ihres Vaters ging bei dem Opfer auf sie über.“
Sheldon schloss das Buch und drehte den Kopf zu mir. „Ich kann mir nicht
vorstellen, dass man eine Hexe mit dem Potential Anastasias ohne Aufsicht
lässt. Wo haben Sie sie getroffen, Annie?“
„Im…in einem Heim für schwer
erziehbare Jugendliche.“
Die Mienen der beiden Männer
wurden immer ungläubiger. Sie diskutierten eine Weile hitzig darüber, dass ich
mich irren musste, es sich um eine andere Vivian handelte oder dass es sich um
eine Falle handelte. Ich hörte eine Weile zu, dann wurde es mir zu bunt.
„Weshalb ist Anastasia tot?“
„Verflucht“, schimpfte
Trevor. „Wenn diese Vivian hier herumläuft, haben wir in kürzester Zeit jeden
Schwarzmagier in der Stadt, der sich zurzeit auf dieser Welt befindet!“
Ich hatte es wirklich langsam
satt, ignoriert zu werden.
„Ich werde mich darum
kümmern, Shelly.“ Trevor hatte schon seine Jacke geschnappt, als ich nach
seinem Arm griff und ihn stoppte.
„Was heißt das?“, fragte ich
alarmiert.
„Das geht Sie nichts an,
Annie“, sagte er leise und wollte meine Hand von seinem Arm lösen.
Ich erwiderte den Blick, ohne
mit der Wimper zu zucken. „Haben Sie Anastasia getötet?“
„Nein“, antwortete er ernst.
„Aber ich hätte es getan. Jemand kam mir zuvor.“
„Was haben Sie mit Vivian
vor?“
Er musste nicht antworten.
Entsetzen stieg in mir hoch und ich stieß ihn von mir. „Das ist nicht wahr“,
flüsterte ich fassungslos. „Sag, dass das nicht wahr ist!“
„Annie…“
„Nein!“, schrie ich und der
Zorn brodelte in mir hoch. Ich bekam nicht mit, dass das Cyana begann zu
glühen. „Sie ist ein Kind! Du willst ein unschuldiges Kind töten?!“ Ich merkte
nicht einmal, dass ich ihn plötzlich duzte. Lichter tanzen über meine Haut,
verursachten ein Kribbeln, das in meine Fingerspitzen wanderte. Ohne dass es
mir jemand sagen musste, spürte ich die Macht, die sich in meinem Körper
bildete. „Ich werde es nicht zulassen.“
Sheldon war aufgestanden,
sagte aber nichts, sondern beobachtete ruhig, was passierte.
„Ihr sagt, die Monster sind
die anderen? Und trotzdem fällt ihr eine Entscheidung, die das Leben eines
Menschen kosten soll? Einfach so?“
Auch Trevor rührte sich
nicht, aber seine Hand hatte sich gehoben, so als würde er mich allein mit
einer Handbewegung aufhalten können. „Vivian wurde fünfzehn Jahre von ihrer Mutter,
einer der mächtigsten Schwarzhexen der Welten, erzogen. Wenn wir sie nicht
aufhalten, wird sie in wenigen Jahren vielleicht dich töten.“
Blitze zuckten aus meinen
Fingerspitzen, knallten in den Boden und hinterließen dunkle Flecken, die nach
verbranntem Teppich stanken. Das Gefühl, die Macht, die in mir tobte,
freizulassen, wurde so mächtig, dass ich begann zu zittern.
„Konzentriere dich, Annie“,
hörte ich plötzlich Sheldons leise Stimme. „Leite die Macht in deine Arme. Lass
nicht zu, dass die Magie dich leitet.“
Schauer schüttelten meinen
Körper. Ich schloss die Augen, weil das Gefühl, das in mir tobte, plötzlich so
schmerzhaft wurde, dass ich es kaum aushielt. Meine Beine gaben nach und ich
sank auf die Knie. Jeder Blitz, der aus meinen Fingern trat, hinterließ einen
tosenden Schmerz in meinem Kopf. Plötzlich sah ich den Raum, obwohl ich die
Augen zu hatte, sah einen Vorhang aus Energie, der sich vor Trevor gebildet
hatte und an dem meine Lichterblitze verpufften, sah die flimmernde Aura, die Sheldon
umgab und dann wurde alles schwarz.
~*~*~*~*~*~*~
Das erste, was ich fühlte,
als ich wieder erwachte, war ein fürchterlicher Schmerz. Mein ganzer Körper
schien wie zerschlagen und durch die Mangel gedreht. Erst dann bemerkte ich,
dass ich nicht auf dem Fußboden lag, sondern auf der Couch und eine dünne Decke
meinen Körper einhüllte.
Suchend sah ich mich um und
allein diese Bewegung verursachte einen solchen Schmerz in meinem Kopf, dass
ich am liebsten geschrieen hätte. Ich war allein und schlagartig erschien die
Erinnerung in meinem Kopf.
Verdammt, verdammt, verdammt…
Mühsam kämpfte ich mich hoch.
Ich blieb kurz sitzen, weil der Schmerz in meinem Kopf Übelkeit in meinem Magen
verursachte und ich ein paar Minuten brauchte, um nicht wieder ohnmächtig zu
werden. Da ich nicht wusste, wie lange ich bewusstlos gewesen war und auch
keine Uhr bei mir hatte, bekam ich Panik. Mein kleiner Anfall würde Trevor
nicht von dem Plan abbringen, das junge Mädchen aufzusuchen. Ich wollte nicht
daran denken, dass er sie töten könnte, es erschien mir in meinem unschuldigen
Verstand so abwegig, dass ich es mir nicht einmal vorstellen konnte.
Ächzend kämpfte ich mich
hoch. Ich bereute, überhaupt die Sprache auf Vivian gebracht zu haben. So war
ich verantwortlich für das, was auch immer mit ihr jetzt passieren würde. Ich
taumelte mehr zur Tür, als dass ich lief, stieß sie auf und starrte hinaus in
eine halbleere Bar. Barth stand noch immer hinter dem Tresen, bediente gerade
ein paar Gestalten, die ich beim besten Willen nicht als Menschen bezeichnen
konnte und winkte mir zu.
Ich wankte auf ihn zu und
umklammerte den Tresen, um nicht zusammenzubrechen. „Wo ist Trevor?“
„Hatte was zu erledigen“,
bekam ich zur Antwort. „Sie sollten sich ausruhen, Anne. Sheldon sagte, Sie
würden etwas geschafft sein, wenn Sie wach werden.“
„Verdammt“, fluchte ich
lautlos. „Wie spät ist es?“
„Drei Uhr am Morgen.“
Verdammt. Verdammt. Verdammt.
Ich fühlte mich, als könnte
ich keinen Schritt mehr gehen und doch wusste ich, dass ich es musste. Ehe ich
mich aufraffen und zum Ausgang taumeln konnte, hatte Barth ein Glas mit einer
milchigweißen Flüssigkeit vor mich gestellt.
„Trinken Sie, Anne. Ich werde
Sie nicht davon abhalten können zu gehen, aber ich möchte nicht verantwortlich
sein, wenn Sie draußen irgendwo zusammenbrechen.“
Ich beäugte das Glas
misstrauisch. „Was ist das?“
Er grinste nur und seine
Reißzähne funkelten im Licht.
Egal, in diesem Zustand würde
ich wirklich nicht weit kommen. Entweder das Zeug half oder es kickte mich
gleich wieder weg. Es schmeckte eigenartig nach etwas, das ich weder kannte
noch zuordnen konnte, aber nicht unangenehm. Und es hatte kaum meinen Magen
erreicht, als sich eine wohltuende Wärme in meinem Körper ausbreitete. Der
Schmerz verschwand, klärte meinen Kopf und meinen Verstand.
„Wow“, murmelte ich
fasziniert.
„Versprechen Sie mir, morgen
den ganzen Tag zu schlafen“, rief mir Barth nach, als ich zum Ausgang stürzte.
Ich drehte mich kurz um und
winkte. „Danke!“
Mein Auto stand noch an der
gleichen Stelle, an der ich es abgestellt hatte. Ich fiel auf den Sitz, startete
den Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen los. Hier in dieser Einöde würde
sich sowieso niemand darüber aufregen.
Die Straßen waren herrlich
leer, das war die Zeit, wo wirklich alle normalen Leute tief und fest in ihren
Betten schliefen. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich ja wohl zu dieser Stunde
nicht einfach in das Heim hereinspazieren konnte.
Verflucht, wenn ich nur genau
wüsste, was Trevor vorhatte. Diesmal schaffte ich den Weg zum Heim in weniger
als zwanzig Minuten. Ich übertrat so ziemlich jede
Geschwindigkeitsbeschränkung, aber ich hatte Glück. Die Polizei schien auch
schon schlafen gegangen zu sein.
Ich parkte das Auto ein paar
Meter von der Villa entfernt. Hätte ich schon ein wenig mehr Erfahrung in
magischen Dingen, ich hätte gewusst, dass es für einen Magier keine Rolle
spielte. Er spürte mein Kommen, da ich nichts tat, um es zu verbergen. Aber
wenigstens bekam im Heim niemand mit, dass ich den Garten betrat.
Das Haus war dunkel. Einzig
und allein in einem Zimmer brannte Licht und ich erkannte aus der Lage, dass es
der Raum sein musste, in dem sich die Nachtschicht aufhielt. Zögernd
durchquerte ich den Garten und überlegte, was ich tun sollte.
Ich hätte ahnen müssen, dass
man mir die Entscheidung abnahm. Wäre es die andere Seite gewesen, nun, dann
hätte meine Karriere als Lucyana wohl nie begonnen.
„Du bist wirklich verdammt
hartnäckig“, knurrte eine Stimme in mein Ohr und im nächsten Moment schlang
sich ein Arm um meinen Körper und zog mich in den Schatten einer Linde.
Ich hatte ihn weder kommen
hören, noch eine Bewegung gespürt, doch mein Zorn war größer als mein
Erschrecken. Ohne nachzudenken, stieß ich ihm den Ellenbogen zwischen die
Rippen und hörte ihn wieder fluchen.
„Shelly hat gesagt, du bist
den Rest der Nacht k. o.“, murmelte er, ohne mich loszulassen. „Annie, misch
dich nicht in Dinge ein, die du nicht verstehst.“
Ich trat ihm rückwärts gegen
das Schienbein und diesmal gab er mich frei. Jegliche Angst vor ihm war
verschwunden, einzig und allein der Zorn beherrschte meinen Körper. Ich fuhr
herum. „Ich werde nicht zulassen, dass du ein unschuldiges Kind tötest!“
Seine Augen bohrten sich in
meine. „Ich kann die Schwingungen spüren, die über dem Haus liegen und in deren
Zentrum die Hexe liegt. Sie ist keineswegs so unschuldig wie du sie
darstellst.“
„Das Cyana hat sie nicht
abgewehrt“, flüsterte ich eindringlich. „Endriel konnte gar nicht in seine Nähe
kommen. Das muss einen Grund haben.“
Er schüttelte den Kopf.
„Entgegen Sheldons Meinung glaube ich nicht an eine Grauzone. Ich habe zu viele
Grausamkeiten gesehen. Entweder gut oder böse. Es gibt kein mittendrin. Wieso
geht es dir überhaupt so gut?“
Ehe ich antworten konnte,
lenkte etwas anderes seine Aufmerksamkeit von mir ab. Mit schief gelegtem Kopf
lauschte er auf etwas, das mir völlig entging. Das ärgerte mich schon wieder,
weil ich doch angeblich *solche* Macht besitzen sollte.
„Was ist?“, zischte ich
leise.
„Sie verbirgt sich“, flüsterte
er zurück. „Das heißt, sie weiß, dass wir hier sind.“ Er verzog den Mund. „Nun,
kein Wunder. Du bist ja wohl kaum zu übersehen.“
„Ist das vielleicht meine
Schuld?“, knurrte ich zurück.
„Ja“, fuhr er mich an. „Du
solltest gar nicht hier sein.“ Er schob mich einfach zur Seite, trat hinaus in
den Garten und starrte mit düsteren Augen auf die Villa. „Ich werde sie jetzt
nicht mehr finden können“, murmelte er.
„Sehr schön.“ Ich musste ein
Grinsen unterdrücken.
Er konnte also einen Magier
anhand einer charakteristischen Ausstrahlung orten. Eine sehr schöne Fähigkeit
für einen Jäger. Ich wettete mit mir selbst, dass ich dazu auch in der Lage
war, ich musste es nur lernen. Doch wie? Vivian schien eine Menge mehr zu
wissen als ich selbst und das, obwohl sie um einiges jünger war. Wie schön,
wenn man seit seiner Jugend mit dem Gedanken aufwachsen konnte, über
Fähigkeiten zu verfügen, die andere nicht hatten. Und wenn man jemanden hatte,
der einen ausbildete. Ich wurde einfach ins kalte Wasser geworfen und ob ich
überlebte, das stand in den Sternen.
Plötzlich bekam ich Angst,
denn wenn jeder meine magische Aura spüren konnte, dann natürlich in erster
Linie jemand mit den Fähigkeiten Endriels. Was wiederum bedeutete, dass ich in
akuter Lebensgefahr schwebte. Oder nahm ich mich jetzt selbst zu wichtig?
Im nächsten Augenblick hörte
ich ein Geräusch und alles geschah gleichzeitig. Trevor sprang mich an, riss
mich zu Boden und über unsere Köpfe hinweg sauste ein dunkler Ball, der mit
einem Zischen im Stamm der Linde verpuffte. Flimmerndes Licht hüllte uns wie
einen Schleier ein und das Amulett um meinen Hals begann sich zu erwärmen.
„Verdammt“, fluchte Trevor
zwischen den Zähnen hindurch, hob den Kopf und musterte die Dunkelheit.
Mir taten der Arm weh und die
Hüfte, weil ich damit auf den Boden aufgeschlagen war, doch ich konnte mich
nicht rühren, weil sein Gewicht mich unter ihm festpinnte.
Ein zweiter Ball landete
genau in dem Energieschleier, der uns umgab, und ließ ihn grell aufleuchten.
Trevor ging in die Hocke und zog ein Schwert.
„Hoch mit dir, Annie und
hinter den Baum.“
Er hatte tatsächlich ein
Schwert in der Hand. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Keine Ahnung, wo er
das Ding versteckt hatte. Ich kroch durch die Dunkelheit in Richtung der Linde
und presste mich zitternd gegen ihren Stamm. Erst dann wagte ich einen Blick
zurück zu Trevor, der aufgestanden war und den noch immer flimmerndes Licht
einhüllte.
Und plötzlich sah ich auch
die schmale, schlanke Gestalt im Kies vor dem Haupteingang des Heims. Sie
verschwamm fast mit dem Hintergrund, weil sie komplett in Schwarz gekleidet
war, aber ich erkannte die dunklen, langen Haare, die jetzt offen über ihre Schultern
fielen.
Vivian.
Mühsam stemmte ich mich hoch,
ächzte kurz, als der Schmerz von dem Sturz in meine Hüfte fuhr und rannte zu
Trevor.
Wenn ich nicht genau gewusst
hätte, wie gefährlich die Situation war, ich wäre fasziniert gewesen. Er
erschien mir wie ein Ritter in schimmernder Rüstung, das Schwert, über dessen
Klinge Lichter tanzten, in der rechten Hand und auf der Gegenseite das junge
Mädchen, regungslos und in eine Aura waberndes dunkles Licht gehüllt.
„Nein!“, schrie ich entsetzt.
Trevor drehte sich nicht um,
aber seine Stimme klang so zornig wie ich ihn noch nie erlebt hatte.
„Verschwinde, Anne!“
Ich dachte gar nicht daran.
Und es war mir egal. Ich sollte mein Leben für einen Kampf zwischen Gut und
Böse riskieren, für einen Kampf um das Leben von Unschuldigen, die ich gar
nicht kannte. Und ich sollte jetzt zuschauen, wie er ein junges Mädchen tötete?
Niemals.
Sollte ich deswegen sterben,
dann wusste ich wenigstens, warum.
„Nein!“, stieß ich hervor,
hatte ihn erreicht und versperrt ihm den Weg.
Seine Miene allein war eine
Menge Wert. Fassungslosigkeit, Unglauben und Zorn, alles in einem. Ich würde
mich später damit beschäftigen, ob ich damit umgehen wollte.
„Ich lasse nicht zu, dass du
sie verletzt.“ Ich wandte den Kopf und schaute Vivian an.
Diesmal trug sie keine
Schminke. Ihr blasses Gesicht schimmerte im fahlen Licht der Sterne. Sie sah
jung aus, so viel jünger als am Tag mit all dem schwarzen Make-up und in ihren
großen, dunklen Augen lag ein Ausdruck, der mir das Herz zusammenzog. Hoffnungslosigkeit
und Trauer.
„Geh aus dem Weg“, sagte sie
leise.
Ich schüttelte den Kopf. Ihre
Augen wanderten von mir zu Trevors Gestalt, die meine überragte.
„Der Jäger“, sagte sie sanft.
„Geh aus dem Weg, Anne, und lass ihn tun, was er tun muss. Ich habe auf ihn
gewartet.“
„Seid ihr denn nur alle
verrückt?“, stieß ich verbittert aus. „Einen Scheißdreck werde ich tun.“
Vivian lächelte
melancholisch. „Wenn ich sterbe, endet all das hier.“ Sie machte eine vage
Bewegung, die die Umgebung einschloss. „Ich wäre frei.“
Dunkles Licht bildete sich in
ihrer Hand und mein Amulett wurde wärmer.
„Annie!“, schrie Trevor und
wollte mich zur Seite stoßen, doch ich war schneller.
Ich machte einen Schritt auf
Vivian zu, spürte, wie sich die jetzt langsam vertraute Magie in mir bildete
und griff nach ihrer Hand. Weißes Licht hüllte meinen Körper ein, umschlang
ihre Hand und ein Stöhnen kam von ihren Lippen.
„Nein“, flüsterte ich,
spürte, wie ihr Körper erzitterte, sie sich losreißen wollte und plötzlich
nicht mehr die Kraft dazu hatte. Übergangslos schoss der Schmerz auch in meinen
Kopf, doch ich ließ ihre Hand nicht los. Sie krümmte sich zusammen, Panik und
Angst flackerten in ihren dunklen Augen, als ihre andere Hand sich unbewusst
und Halt suchend an den Ärmel meiner Jacke krallte. Es war, als würden
Entladungen zwischen unseren Körpern toben, Blitze zuckten über meine Haut,
trafen auf ihre und verpufften in der Dunkelheit ihres Lichts.
Sie wimmerte auf. Sie schrie
nicht, nein, aber sie hatte die Augen geschlossen und wäre zusammengebrochen,
wenn ich nicht meinen Arm um sie geschlungen und sie gehalten hätte.
Jemand stöhnte und ich
begriff erst später, dass ich es war, als ich mit Vivian zusammen zu Boden
sank, ohne sie loszulassen. Totenstille umgab uns, nur unterbrochen durch die
knisternden Entladungen mir völlig unverständlicher Energien.
„Verdammt, Annie!“, drang
Trevors zorniger Schrei wie durch Watte zu mir durch. „Lass sie los! Du tötest
dich selbst mit!“
Ich konnte nicht, selbst,
wenn ich es gewollt hätte. Sie klammerte an mir, ihr Körper wurde von
ekstatischen Schauern geschüttelt und ihr Schluchzen ließ meinen Körper mit
erbeben. Schwärze benebelte meinen Blick, Lichterkaskaden tobten hinter meinen
Augen, in meinem Kopf, drohten, mich zu verbrennen und auszulöschen. Und alles,
was ich spürte, war Schmerz. Mein eigener und ihrer…
„Ich komme nicht durch,
Anne!“, schrie Trevor wieder. „Lass sie los!“
Etwas explodierte direkt
neben uns und entfernt nahm ich wahr, dass es Trevors Schwert war, das den
Energieschirm, der uns umgab, getroffen hatte. Es war, als hätte mich das
Schwert getroffen, ein schneidender Schmerz schoss durch meinen Körper und ich
schrie genauso auf wie Vivian im gleichen Moment. Gleißendes Licht fegte einem
Wind gleich durch unsere Körper, wirbelte Laub auf und verpuffte schlagartig zu
absoluter Dunkelheit.
Dann senkte sich Stille über
den Garten.
Ich wunderte mich, dass
bisher noch niemand aufgetaucht war, der Lärm konnte doch unmöglich zu
überhören gewesen sein. Eine unendliche Müdigkeit zog sich durch meinen Körper
und legte sich auf meinen Geist. Ich kniete im Garten, umklammerte Vivian noch
genauso wie sie mich und wollte am liebsten umfallen und schlafen. Es kostete
mich eine unglaubliche Mühe, den Kopf zu heben. Die Bewegung stoppte Trevor,
der das Schwert schon gehoben hatte.
„Nein“, sagte ich wieder und
etwas hatte sich verändert.
Grenzenloses Erstaunen
bildete sich in seinem Gesicht und die Hand mit dem Schwert sank auf den Boden.
„Mein Gott“, flüsterte er fast ehrfürchtig und dann sah ich es auch.
Das Amulett glühte, aber es
verbrannte das junge Mädchen nicht, obwohl sie direkt an ihm lehnte. Es glühte
und das warme Licht setzte sich auf ihrer Haut fort. Nur für einen kurzen
Moment, dann verglomm es auch und die Dunkelheit, die uns einhüllte, war wieder
die natürliche Nacht.
„Es dürfte nicht sein“, stieß
Trevor hervor. „Sie ist ein Kind der schwarzen Magie. Sie dürfte nicht in der
Lage sein, das Cyana zu berühren.“
Ich sagte dazu gar nichts.
Vorsichtig strich ich über Vivians dunkle Locken und lehnte mich etwas zurück.
„Vivian?“, fragte ich
flüsternd. Ich wusste nicht, ob sie bewusstlos war oder einfach nur zu
geschockt, um sich zu rühren.
Sie zitterte noch immer. Als
sie den Kopf hob und mich ansah, war der Ausdruck in ihren Augen noch ein wenig
verlorener geworden. „Warum hast du das getan?“
Was sollte ich darauf
antworten?
Sie löste sich von mir und
erhob sich auf wackeligen Beinen. Mit einer fast verzweifelt wirkenden Geste
warf sie die langen Haare zurück und sah Trevor an. „Töte mich, Jäger.“
Er hob sein Schwert nicht
wieder. Sein Glück. Er schüttelte sogar langsam den Kopf, obwohl der verblüffte
Ausdruck in seinem Gesicht jetzt verschwunden war und Misstrauen Platz gemacht
hatte.
„Ich weiß nicht, was hier
geschieht“, sagte er ruhig. „Aber ich werde es herausfinden.“
Vivian lachte hart auf.
„Dummkopf“, warf sie ihm entgegen und drehte sich um. Der Blick, der mich
streifte, war weniger hart, eher wieder mit einer Spur Traurigkeit. „Es war ein
Fehler. Ich gehöre zur anderen Seite.“
Dann ging sie. Ohne sich noch
einmal umzudrehen, wandte sie uns den Rücken zu und ging zum Haus zurück.
Vielleicht hoffte sie, dass
Trevor es sich noch einmal anders überlegte. Er tat es nicht. Aber ich ahnte,
dass sie ihn dafür verfluchte.
Es war fast sechs, als ich in mein Bett fiel. Und das im
wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühlte mich so kaputt und zerschlagen, dass ich
glaubte, die nächste Woche durchschlafen zu können.
Ich machte mir nicht einmal mehr Gedanken um den Mann, der sich von meinem
Gezeter nicht hatte abschrecken lassen und nun draußen im Wohnzimmer schlief.
Mit dem Schwert neben sich auf dem Fußboden. Ich hatte ihn angeschrieen, ich
hatte getobt. Ohne Erfolg. Er hatte gesagt, entweder ich ließe ihn auf der Couch
schlafen oder er würde mich mit zurück ins Dark Night nehmen.
Keine Ahnung, ob meine Entscheidung richtig war. Ich wollte in mein eigenes
Bett, in meine eigenen vier Wände und wenn es einen Jäger in meinem Wohnzimmer
mit einschloss, tja, mir stand nicht mehr der Sinn danach, mich um diese Uhrzeit
damit auseinander zu setzen.
Ich hatte ihn angegiftet, dass ich die erste wäre im Bad, hatte ihm trotzdem
eine Decke und ein Kissen auf die Couch geknallt und war ins Schlafzimmer
verschwunden. Und hatte demonstrativ den Schlüssel umgedreht.
Er hatte draußen gelacht und etwas von: „Keine Panik, mein Interesse an dir ist
nicht persönlich“ gerufen.
Blödmann. Ich verfluchte meine Träume, in denen mein Interesse an ihm schon
etwas persönlich gewesen war, aber ich glaube, nachdem ich ihn jetzt kannte,
würde mein Unterbewusstsein sich solche Sachen sicherlich zweimal überlegen. Im
Moment jedenfalls interessierte mich gar nichts mehr außer Schlaf.
Ich erwachte irgendwann durch ein ekelhaftes, nervendes Geräusch. Es dauerte
eine Weile, ehe es bis zu meinem Verstand durchdrang und ich registrierte, dass
es das Klingeln des Telefons war. Stöhnend wälzte ich mich zur Seite, wollte
gerade nach dem Mobilteil greifen, das auf meinem Nachtschrank lag, als ich
Trevors Stimme im Wohnzimmer hörte.
„Hallo?“
Schlagartig war ich hellwach. Dieser verfluchte Jäger! Ich dachte nicht einmal
darüber nach, dass ich meinen Schlafanzug trug – ich hatte den doch tatsächlich
angezogen – sprang aus dem Bett und stürzte die Treppe hinab ins Wohnzimmer. Ich
kam gerade dazu, als er ins Telefon sagte:
„Sie schläft noch.“
In diesem Moment bekam er mich mit und ein Grinsen huschte über sein Gesicht.
Mit einer zornigen Bewegung riss ich ihm das Telefon aus der Hand und fauchte:
„Spinnst du eigentlich?“
„Nettes Outfit“, antwortete er mit einem belustigten Glucksen in der Stimme, für
das ich ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte.
So aber machte ich nur diese Handbewegung, die bedeutete, dass ich ihm am
liebsten die Kehle durchschneiden wollte und fragte dann unterdrückt in den
Hörer.
„Ja?“
„Anne?“
Zum Glück, es war Susan. „Ja“, murmelte ich, noch immer zornig.
„Ich mache Kaffee“, rief Trevor und war schon auf dem Weg in die Küche, ehe ich
antworten konnte.
Ein Blick auf die Wanduhr sagte mir, dass es fast zwei war. Ich hatte sieben
Stunden wie eine Tote geschlafen.
„Anne?“, fragte Susan noch einmal und setzte dann vorsichtig hinzu: „Das war
nicht Larry.“
„Nein“, brummte ich missmutig.
„Du wolltest anrufen. War er der Grund, aus dem du bisher keine Zeit hattest?“
Jetzt klang sie eindeutig neugierig.
„Ich bin erst gegen sechs ins Bett und…“ Ich seufzte. „Frag nicht. Es ist
jedenfalls nicht das, was du dir jetzt gerade denkst.“
„Nein?“ Susan kicherte. „Anne, was denke ich denn? Er geht an dein Telefon.“
Ich fuhr mir durch die wirren Haare, wanderte samt Telefon wieder hinauf in die
erste Etage, zurück ins Schlafzimmer und setzte mich auf das Bett. „Er ist einer
der beiden Männer, die ich treffen wollte. Und… Susan, ich kann dir das nicht
alles erzählen…es ist zu verrückt. Ich weiß gar nichts mehr und…Verflucht.“ Ich
schloss kurz die Augen. „Ich komme vorbei, Susi. Du hast heute auch
Mittelschicht, ja?“
„Das wollte ich dir auch vorschlagen. Allerdings aus einem anderen Grund.“
Ich riss die Augen wieder auf, weil sie plötzlich sehr distanziert klang.
„Du hast mit Vivian gesprochen?“
Es hörte sich nicht wie eine Frage an. „Ähm…ja.“
„Warum hast du mir das nicht erzählt, Anne?“
„Ich kam noch nicht dazu. Als ich gestern aus deinem Büro heraus bin, lief sie
mir über den Weg.“
„Ich hatte dir gesagt, dass sie mit niemandem spricht“, sagte Susan leise. „Du
hättest mich sofort anrufen müssen.“
Ich runzelte die Stirn. „Tut mir leid, Susan. Ich habe überhaupt nicht daran
gedacht.“
„Komm bitte her, Anne. Sie will mit dir reden.“
„Was?“ Das brachte mich jetzt doch etwas durcheinander. „Du klingst komisch. Was
ist passiert?“
„Komm her und bitte beeil dich, ja?“
Das klang aber überhaupt nicht gut. Ehe Susan etwas in Panik versetzte, musste
eine Menge geschehen. Zum Beispiel ein Mann, der dunkle Feuerbälle warf…
„Ist etwas mit ihr?“, fragte ich erschrocken.
„Wir haben keine Ahnung. Das einzige, was sie gesagt hat, war: ‚Ich will mit
Anne reden’“, antwortete Susan und ich hörte den Vorwurf in ihrer Stimme genau.
Ich konnte es jetzt nicht ändern. Außerdem dachte ich noch immer, dass es nicht
die gestrige Begegnung war, die Vivian veranlasste, nach mir zu fragen, sondern
das, was in der Nacht geschehen war. Das allerdings konnte ich Susan nicht
sagen.
„Ich bin in einer halben Stunde da“, verabschiedete ich mich schnell. „Bis
gleich.“
Ich warf das Telefon auf das Bett und stürzte zum Kleiderschrank. Zum Glück
hatte ich vor dem Schlafengehen noch geduscht, so entledigte ich mich nur
schnell meines Schlafanzugs und schlüpfte in frische Sachen. Es war auch heute
nicht wärmer als gestern, deshalb entschied ich mich für meinen schwarzen, eng
anliegenden Strickpullover und stieg in ein Paar dunkle Jeans.
Im Wohnzimmer begrüßte mich schon der herrliche Duft nach Kaffee, aber ich
wusste, dass ich keine Zeit haben würde, ihn zu genießen.
„Schwarz oder mit Milch?“, fragte Trevor aus der Küche.
„Milch und ein Stück Zucker“, antwortete ich und setzte hinzu: „Fühl dich bloß
nicht zu wohl hier.“
Trevor lachte nur, doch den Rest, den er sagte, hörte ich nicht mehr, weil ich
die Küche erst einmal verließ und mich ins Bad begab. Meine Haare sahen
chaotisch aus. Viele Leute beneideten mich um die Locken, aber an manchen Tagen
hasste ich sie. So wie heute. Ich band sie schnell mit einem Gummi zusammen,
putzte Zähne und hetzte wieder aus dem Bad.
„Ich muss weg.“
Keine Ahnung, warum ich mich verpflichtet fühlte, ihm das zu sagen. Vielleicht
weil er mir Kaffee gekocht hatte. Ich nahm die Tasse mit der dunklen, duftenden
Flüssigkeit entgegen und musterte Trevor, der am Küchentisch saß und seinen
Kaffee schlürfte, aus schmalen Augen.
„Kein Problem“, grinste er wieder. „Ich habe nichts Besseres vor.“
„Ich will, dass du verschwindest.“
Er verdrehte die Augen. „Annie, du leuchtest wie ein magisches Feuer. Solange du
das nicht unter Kontrolle kriegst, brauchst du jemanden, der dich im Notfall
schützt.“
„Ich habe doch bisher nicht geleuchtet, daran seid nur ihr und das dumme Cyana
schuld! Wen brauche ich? Dich?“, fragte ich spitz.
Trevor nickte. „Sobald die Sonne untergegangen ist, fahren wir ins Dark Night
und Sheldon wird beginnen, dich auszubilden.“
„Ach richtig.“ Meine Stimme troff vor Sarkasmus. „Ich vergaß, er hat eine
Sonnenallergie.“
Trevor trank seinen Kaffee aus und stellte die Tasse in die Spüle. „Ich würde
damit keine Scherze machen.“
„Ich mache keine Scherze, ich habe jetzt schon die Nase voll.“ Meine Laune
verschlechterte sich zusehend. Wenn ich noch länger mit ihm sprach, würde ich
bestimmt beginnen, ihn anzuschreien. „Ich fahre jetzt zu Susan.“
„Ich komme mit.“
„Nein!“
Ich hätte auch mit der Küchenwand reden können. Trevor folgte mir ins
Wohnzimmer. Dort lag noch immer das Schwert auf dem Tisch und ich verdrehte die
Augen.
„Nimm bloß das Ding mit“, murmelte ich genervt. „Aber so, dass es niemand sieht.
Ich habe keine Lust, von meinen Nachbarn jetzt für völlig verrückt erklärt zu
werden, wenn sie einen Möchtegernritter an meiner Seite sehen.“
Trevor schüttelte den Kopf. „Ich lasse es hier. Es ist jetzt zu auffällig.“
Endlich waren wir mal einer Meinung. Aber halt, bedeutete das, er wollte meine
Wohnung noch einmal betreten? Ich stellte die Frage und er holte tief Luft, fast
so, als müsse er sich zusammenreißen, um nicht laut zu werden.
„Ich sage das nicht noch hundert Mal, Anne. Dein Leben ist in Gefahr und du
kannst dich im Moment nicht selbst schützen!“
Ich stemmte die Hände in die Hüften. „Du kannst sofort vergessen, dass du in
diese Wohnung einziehst. Wo wohnst du überhaupt?“
Trevor sah mich an und grinste. „Ich habe ein Zimmer im Dark Night. Möchtest du
für die nächsten Wochen dort mit einziehen? Es hat allerdings nur ein
Doppelbett.“
Ganz sicher nicht. Wortlos drehte ich mich um und stiefelte zur Tür. „Ich will
nicht, dass du in Vivians Nähe kommst!“
„Kann ich nicht versprechen.“
Ich fuhr herum, sah, dass er seine Lederjacke überzog und traute meinen Augen
nicht. „Was ist das in der Innentasche?“, stieß ich hervor und merkte selbst,
dass meine Stimme hysterisch klang.
Trevor griff wortlos in die Tasche und ließ eine Waffe vor meinem Gesicht
baumeln. Ich hatte keine Ahnung von diesen Dingern. Sie war groß, schwarz und
sah sehr schwer aus. Sicherlich war ich kreidebleich geworden und schaute auf
die Pistole wie ein aufgeschrecktes Kaninchen.
Seufzend ließ er sie wieder in der Innentasche verschwinden. „Eine Browning,
Annie, wenn ich sage, ich lasse das Schwert hier, bedeutet das nicht, dass ich
unbewaffnet aus dem Haus gehe. Sie ist mit Silberkugeln geladen und dürfte die
meisten Dämonen erst einmal aufhalten. Wir werden dafür sorgen, dass du auch
eine bekommst. Eine kleinere, handlichere.“
Mir war schon wieder, als müsste ich gleich schreien. „Ich hasse mein Leben,
seit ich euch kennen gelernt habe.“
Er grinste schief. „Ich liebe meins auch nicht immer.“ Dann drehte er mich um
und schob mich in Richtung Tür. „Deine Susan wartet sicherlich schon.“
~*~*~*~*~*~*~
Es war nicht nur Susan, die wartete.
Vor dem Heim stand ein Krankenwagen und mein Herz drohte einen Moment
auszusetzen. Ich hatte Trevor im Auto kurz erzählt, was mir Susan am Telefon
gesagt hatte und deshalb sah ich ihn jetzt auch die Stirn runzeln. Im Nachhinein
war ich froh, dass Susan die Polizei noch nicht gerufen zu haben schien. Was
auch immer da drin passiert war, die Polizei war das Letzte, was wir gebrauchen
konnten.
Trevor folgte mir, als ich den Weg ins Heim mehr rannte als lief. „Tot ist sie
nicht“, sagte er nur in dem Augenblick, in dem wir das Haus betraten.
Hektik empfing uns. Und Lärm. Jugendliche standen in jeder Ecke und redeten
durcheinander. Ich hatte hier noch nie ein solches Chaos erlebt, es war eher
immer so gewesen, dass ich mich gewundert hatte, wie es die Betreuer schafften,
die vielen Teenager ruhig zu halten. Jedenfalls war es nie chaotisch gewesen,
wenn ich mal hier war. Natürlich hatte Susan von der einen oder anderen Prügelei
berichtet. Vielleicht war etwas Ähnliches heute passiert.
„Wo ist Susan?“, fragte ich das erstbeste Mädchen, das mir über den Weg lief.
„Bei der Verrückten“, erhielt ich zur Antwort und die anderen lachten. Aber das
Lachen klang weniger belustigt. Es hatte einen Unterton, in dem ich Angst hörte.
Da ich mich erinnerte, wo ich Vivian das letzte Mal getroffen hatte, nahm ich
diesen Weg und sprintete die Treppen hinauf. Trevor folgte mir wie ein Schatten.
Wir fanden Susan vor Vivians Zimmertür, in ein hitziges Gespräch mit zwei
Sanitätern verwickelt.
„…Polizei“, verstand ich nur.
„Sie wird gleich kommen“, antwortete Susan daraufhin. „Solange warten…Annie!“
Sie umarmte mich kurz und zischte in mein Ohr: „Was hat so lange gedauert?“ Erst
dann bemerkte sie Trevor und ihre Augen wurden kugelrund.
„Darf ich vorstellen“, sagte ich gelangweilt. „Susan, das ist Trevor.
Trevor…meine Freundin Susan. Und jetzt will ich wissen, was los ist.“
Einer der Sanitäter, oder war es gar ein Arzt, schob sich vor. „Ich hoffe, Sie
bringen die Kleine dazu, die Tür zu öffnen, sonst werde ich nämlich Ihre
Freundin anzeigen, weil sie mich daran gehindert hat, die Polizei zu rufen.“
Ich warf Susan einen erstaunten Blick zu, aber da war etwas in ihren Augen, das
mich nicht weiter fragen ließ. Ich würde später erfahren, was sie mir sagen
wollte, da war ich mir sicher.
„Sie dreht durch, wenn jemand versucht, an die Tür zu gehen. Das einzige, was
sie gesagt hat, ist, dass sie dich sprechen will. Sonst tobt sie nur. Es ist
eine Menge Blut da drin“, erklärte sie leise. „Aber ich dachte, wenn sie so
tobt, kann es nicht lebensgefährlich sein…“
„Das sollten Sie weiß Gott uns überlassen“, mischte sich der Arzt wieder ein.
„Und ich verliere langsam die Geduld.“
„Versuch es“, bat Susan leise. „Wenn ich die Polizei rufe, nehmen sie sie mit
und ich weiß nicht, ob das richtig ist.“
Der Arzt konnte seinen Mund nicht halten. „Sie können darauf wetten, dass ich
eine Einweisung in die Psychiatrie schreibe!“
Ich ignorierte ihn erst einmal. Mit ihm konnte ich mich auseinandersetzen, wenn
ich wusste, was mit Vivian los war. Es überraschte mich sowieso, dass sie nach
mir verlangt hatte. Und ich wusste auch, wäre da nicht dieser Vorfall am
gestrigen Morgen gewesen, Susan hätte die Polizei gerufen und das junge Mädchen
wäre sicherlich schon mit Pharmadrogen ruhig gestellt.
Ich ging auf die Tür zu und klopfte. „Vivian? Kann ich reinkommen?“
Es machte klick, als würde drinnen jemand das Schloss entriegeln. Ich deutete
das mal als ein ja. Zögernd drückte ich die Klinke.
„Der Jäger kann mit rein.“
Trevor war schneller an meiner Seite, als ich etwas sagen konnte. Susan sagte
gar nichts und auch die beiden Mediziner hielten glücklicherweise den Mund.
Keine Ahnung, wie viel Zeit sie uns geben würden, ich hoffte mal, wenigstens ein
paar Minuten, um die Lage abzuchecken.
Die Tür schloss sich hinter uns und verriegelte sich von selbst. Ich zuckte
zusammen, doch da sich Trevor keine Regung anmerken ließ, blieb ich auch erst
einmal ruhig.
Vivian saß im Schneidersitz auf dem Bett an der gegenüber liegenden Seite des
Zimmers. Es war ein Einbettzimmer und es sah aus, als wäre eine Bombe
explodiert. Jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht, als ich Vivian ansah. Sie
war wieder ganz in schwarz gekleidet und so geschminkt wie am gestrigen Tag.
Doch diesmal trug sie ein kurzärmliges T-Shirt.
Sie hatte die Arme auf ihren Knien abgelegt und das Blut tropfte aus den
unzähligen Schnittwunden auf ihren Unterarmen hinab auf die Bettdecke. Ich hatte
mir noch nie vorgestellt, wie viel Blut in einem Menschenkörper steckt und wie
viel es ist, wenn dieses herausläuft. Das Bett sah aus, als würde sich in dem
Mädchen kein Tropfen mehr befinden, aber sie blickte uns aus ihren dunklen Augen
recht munter an.
Auch im restlichen Zimmer war überall Blut und sie hatte mit ihrem eigenen Blut
eine Art Muster auf ihren Wangen gezeichnet. Direkt vor dem Bett hatte sie mit
schwarzer Kreide ein Zeichen auf den Boden gemalt. Ich nahm jedenfalls an, dass
es Vivian gewesen war.
Es war ein magisches Symbol, eine Art Pentagramm, aber sicher war ich mir nicht,
da ich mich bisher nicht mit diesen Dingen beschäftigt hatte. Über dem Symbol
waberte dunkles Licht, schien es zu verbergen und erweckte den Eindruck als
könnte man weiter sehen als bis zum Fußboden. Ja, ich hatte sogar das Gefühl,
ich würde in einen Tunnel schauen.
Mein Amulett wurde wieder wärmer, aber es verströmte nicht dieses Gefühl von
Gefahr wie damals, als wir Endriel begegnet waren. Ich wollte einen Schritt nach
vorn machen, auf das Mädchen zu, aber Trevor griff nach meinem Arm.
„Betritt das Portal nicht.“
Vivian verzog den Mund zu einem mitleidigen Lächeln. „Lernt ihr euren Hexen denn
rein gar nichts?“
Ich ging nicht darauf ein, sondern umkreiste das Symbol und verharrte dann vor
dem Bett. Da war zu viel Blut, ich würde meine Kleidung ruinieren, wenn ich mich
setzte.
„Was hast du getan, Vivian?“, fragte ich leise.
„Sie verhindern, dass ich mich töte“, antwortete sie bitter. Ihr Blick wanderte
zu meiner Brust, dorthin, wo das Cyana unter dem Pullover verborgen war. „Es
bekämpft mich noch immer nicht.“ Dann drehte sie den Kopf und schaute Trevor an.
„Ich will, dass du mich tötest, Jäger.“
Er verzog den Mund. „Keine Chance, Kleine. Nicht mit einem Portal mitten im
Zimmer.“ Er deutete mit den Augen auf das Symbol am Boden.
Ich verstand mal wieder nur Bahnhof. „Du wirst sie überhaupt nicht töten“, fuhr
ich ihn an. „Vielleicht sollten wir uns erstmal auf das nächstliegende
konzentrieren und Vivians Verletzungen versorgen?“
„Das Portal muss erst geschlossen werden“, antwortete er sanft. „Sie verhindern,
dass sie stirbt, aber sie verhindern auch, dass sich die Wunden schließen.“
„Sehr gut, Jäger“, bestätigte Vivian sarkastisch.
Ich konnte mich dem nicht anschließen. „Wer sind ‚sie’?“
„Die andere Seite“, sagte diesmal Vivian. „Meine Seite. Eure Feinde. Sie wollen,
dass ich lebe. Ich bin ein Potential. Eine Gefahr für euch. Die Erbin Anastasias.“
„Schließ das Portal, Vivian“, mischte sich Trevor ein.
„Ich?“ Sie lachte laut auf. „Wenn ich es könnte, hätte ich es längst getan.“
„Verflucht“, murmelte er genervt. „Sheldon ist jetzt nicht verfügbar. Annie, du
musst das Portal schließen. Meine Macht reicht dazu nicht aus.“
Na aber sicher doch. Ich konnte nicht einmal ein Portal sehen, wie sollte ich es
denn schließen?
„Es ist genug Blut da, um hundert Portale zu schließen“, mischte sich Vivian ein
und klang fast vergnügt, so als würde sie nicht auf dem Bett sitzen und vor sich
hinbluten und als wäre das Ganze nur ein Spiel. „Ich könnte auch noch ein paar
öffnen.“ Jetzt kam etwas hinzu, das in Richtung Hysterie ging. „Sie lassen mich
genug Portale öffnen, um eine Stadt zu vernichten!“, schrie sie übergangslos.
„Ein Gedanke von mir, eine Handbewegung und dieses Haus zerfällt zu Asche! Aber
mich selbst töten darf ich nicht?!“
Ihre Augen glühten plötzlich dunkel auf und der Schauer der Magie summte durch
den Raum. Dunkles Licht legte sich über die Schnittwunden ihrer Arme, wanderte
ihre Arme hinauf und schickte Blitze in den Raum. Auch das Pentagramm glühte.
Inmitten des Symbols bildete sich ein dunkler Kreis, der langsam wuchs.
„Jetzt, Annie“, sagte Trevor leise. „Du darfst das Blut nicht als Opfer
benutzen. Benutze nie ein Opfer. Nie.“
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte.
„Töte mich endlich, Jäger!“, schrie Vivian.
„Ohne das Portal im Raum, würde ich es tun“, sagte er eisig. „Aber ich riskiere
die Vernichtung des gesamten Hauses, wenn ich es tue.“
„Hört endlich auf, vom Töten zu reden!“ Jetzt wurde ich langsam wütend. Susan
wartete auf eine Entscheidung. Keine Ahnung, wie lange sie es schaffen würde,
den Arzt da draußen davon abzuhalten, die Polizei zu holen.
Kribbelnd bildete sich die Macht in meinem Körper. Vielleicht reagierte sie auf
ihr dunkles Gegenpol im Raum und das Cyana wurde wärmer.
„Ein so kleines Portal zu schließen, gehört zu den einfachsten Aufgaben eines
Magiers“, erklärte Trevor.
„Dann mach es doch selbst!“, giftete ich zurück.
Vivians Körper umhüllte dunkles, waberndes Licht. Noch immer glühten ihre Augen
unnatürlich dunkel und der Wind ihrer dunklen Kraft fuhr durch meinen Körper. Es
war beklemmend. Meine Kehle schnürte sich zu, während sich Angst in mir
ausbreitete. Ich hatte von nichts eine Ahnung, ich wusste mit den Kräften, die
ich angeblich beherrschen konnte, nichts anzufangen.
„Vivian?“, flüsterte ich, schob die blutdurchtränkte Bettdecke zur Seite und
setzte mich. „Was muss ich tun, Vivian?“
Sie richtete ihren Blick zur Decke. „Ich will sterben. Versprich mir, dass ich
dann sterben kann.“
Ich schüttelte den Kopf und Tränen traten in meine Augen. „Das kann ich nicht.
Ich gebe keine Versprechen, die ich nicht halten kann.“
„Ich kann dir das Versprechen geben“, mischte sich Trevor sarkastisch ein.
Zorn kochte in mir hoch. „Still!“ Ich winkte abweisend in seine Richtung. Es war
eine instinktive Geste, wie um jemanden zur Ruhe zu bringen, doch übergangslos
schoss weißes Licht aus meinen Fingern, traf auf den Mann und ließ ihn gegen die
Wand fliegen. Er hatte damit nicht gerechnet. Ich noch weniger.
„Verdammt“, fluchte er ächzend und blieb gegen die Wand gelehnt stehen.
Plötzlich sah er genau so bleich aus wie Vivian.
„Wow“, stieß Vivian abgehackt hervor und lachte gequält.
„Hilf mir“, bat ich sie leise.
In diesem Moment klopfte es. „Anne? Alles klar?“ Stimmen wurden laut und ich
konnte verstehen, wie der Arzt wieder zornig mit Susan über einen Polizeieinsatz
diskutierte.
„Ja!“, rief ich laut und schaute dann das junge Mädchen an. „Hilf mir. Wenn sie
die Polizei holen, wird es eine Zwangseinweisung in die psychiatrische Anstalt
für dich geben. Möchtest du das?“
„Gegen meinen Willen kann mich niemand irgendwo einsperren.“
Es sollte selbstbewusst klingen, aber ich hörte die Zweifel in ihren Worten.
Natürlich war sie stark, magisch stark, aber sie wusste sicherlich, dass man mit
Pharmadrogen so ziemlich jeden völlig kalt stellen konnte – wenn die Dosis hoch
genug war. Einen kurzen Augenblick blitzte es trotzig in ihrem Gesicht auf, dann
wurde das dunkle Licht, das sie umgab, weniger, bis es ganz verschwand.
„Tu es“, murmelte sie mürrisch. „Ich werde dich nicht daran hindern.“
„Du könntest es?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Sicher. Du bist nicht ausgebildet genug, um
richtig gegen meine Kraft zu kämpfen.“
Es störte mich tierisch, dass dies eine Sechzehnjährige sagte, aber ich ließ es
mir nicht anmerken. „Was muss ich tun?“
„Setz deine Magie gegen diese ein“, war alles, was sie antwortete und deutete
auf das magische Symbol, über dem noch immer dunkles Licht waberte. „Vernichte
die Dunkelheit. Frag mich nicht, woher du die Macht dafür beziehst. Das Blut
willst du ja nicht verwenden.“
Ich hob meine Hand in Richtung des Pentagramms. Als würde das Cyana spüren, was
ich vorhatte, wurde es wieder wärmer. Weißes Licht strahlte durch meinen dunklen
Pullover. Blitze zitterten über meine Arme hinab in meine Fingerspitzen.
Und plötzlich spürte ich das Portal. Ich konnte die Augen schließen und sah es.
Dunkelheit, abgrundtiefe Schwärze und dahinter lauerte etwas, das nur darauf
wartete, befreit und auf unsere Welt losgelassen zu werden. Obwohl es massiver
Fußboden war, konnte ich erkennen, dass die Substanz bröckelte. Sie war nur noch
ein Hauch und es war nur eine winzige Kleinigkeit nötig, um den Wesen, die da
drüben warteten, den Übergang zu ermöglichen. Ich spürte aber genauso, dass sie
im Moment nicht machtvoll genug waren. Entweder hatte Vivian nicht vorgehabt,
ihnen den Weg zu öffnen oder sie hatte doch nicht so viel Kraft, wie sie
behauptet hatte.
Licht schoss aus meinen Fingerspitzen in Richtung des Symbols. Vivian schrie
auf, als es gegen die Dunkelheit prallte und einem Wind gleich die Energie durch
unsere Körper fuhr. Ich spürte es auch. Sie kämpften. Sie wollte nicht klein
beigeben, wollten den Sieg, den sie errungen hatten, nicht aufgeben. Es war
Schmerz, in ihrem Körper sicherlich mehr, denn sie sackte mit einem gequälten
Ächzen zusammen, während ich darum kämpfte, meine Hand aufrecht zu halten, damit
der Strom weißer Energie nicht abflaute.
Ein Wimmern und Jaulen wisperte durch meinen Kopf, als würden die Wesen von der
anderen Seite weinen, weil ich gegen sie kämpfte. Nein, flüsterten sie. Wir
sterben. Hilf uns… lass uns nicht sterben…
Panik hüllte mich ein. Ich verstand es nicht und wollte meine Hand sinken
lassen, als Vivian hochfuhr und ihre Finger sich um mein Handgelenk schlossen.
„Sie lügen!“, keuchte sie. „Vernichte das Portal!“
Ein neuer Strom von Kraft schoss in meinen Körper. Es war zuviel, ich hatte es
nicht mehr unter Kontrolle. Ich schrie auf, als es aus mir herausexplodierte und
sich in den Boden rammte. Mit einem Knall verpuffte es und Rauch stieg von der
Stelle auf.
„Anne?!“, rief es angsterfüllt von draußen und jemand rüttelte an der Tür.
Ich konnte mich nicht rühren. Noch immer umschlossen Vivians Finger mein Gelenk
und wir starrten gemeinsam auf den rußgeschwärzten Fleck, der durch den Nebel
schimmerte. Als er sich senkte, zerbarst die Tür mit einem Krachen und die
beiden Sanitäter stürzten in den Raum.
Der Rauch war verschwunden. Natürlich sah das Zimmer aus wie in einem
Schlachthof, aber alles, was mich an Magie erinnert hatte, war verschwunden. Es
war ein chaotisches Zimmer, mehr nicht.
Ein düsteres Lächeln umspielte Vivians Lippen. „Glückwunsch, Lucyana.“
„Was ist denn hier passiert?“, stieß der Mann, den ich für den Arzt hielt,
hervor und schaute sich entsetzt um.
„Ich will nicht, dass er mich anfasst“, sagte Vivian so leise, dass nur ich es
hören konnte. „Wenn er mich anfasst, töte ich ihn.“
Ehe ich etwas antworten konnte, war der zweite Mann nach vorn, auf das junge
Mädchen zu, gestürzt. Ich wollte aufspringen, obwohl ich nicht wusste, was ich
tun sollte, doch im gleichen Moment erstarrten beide Männer mitten im Raum. Mit
leeren, blicklosen Augen blieben sie stehen, ohne sich zu rühren. Ich drehte den
Kopf, sah Vivian an und es lief mir eiskalt den Rücken hinab. Ihr Gesicht war
eine Maske mit glühenden, dunklen Augen.
„Geht.“
Selbst ihre Stimme klang anders. Ich spürte die Macht, die dahinter stand und
sie war so groß, dass mir zum ersten Mal Zweifel kamen, ob mein Handeln richtig
war, oder ob ich es nicht Trevor hätte überlassen sollen, die Angelegenheit zu
regeln.
Wie Marionetten drehte sich die beiden Männer um.
„Deine Verletzungen müssen versorgt werden“, flüsterte ich.
„Ich kann es selbst“, hauchte sie zurück. „Ich konnte es immer selbst. Ich habe
eine Menge Erfahrungen damit.“
„Oh mein Gott“, quietschte Susan auf, die in dem Augenblick zur Tür herein trat.
„Was ist hier passiert?“
Die beiden Männer verharrten, wahrscheinlich, weil sich Vivians Konzentration
plötzlich auch auf Susan richten musste. Ehe sie jedoch die Hand heben und
irgendetwas gegen meine Freundin unternehmen konnte, hatte ich reagiert.
„Nein!“, zischte ich und klang zum ersten Mal ihr gegenüber zornig. Meine Finger
schlossen sich um ihr Handgelenk und drückten den Arm auf das Bett zurück.
„Nein, Vivian. Hier ist jetzt genug geschehen! Lass es uns beenden, ehe hier
noch mehr Schaden angerichtet wird.“
Sie verzog die Lippen zu einem ironischen Grinsen. Ohne etwas zu sagen.
„Anne?“, fragte Susan und kam zögernd näher. „Was ist hier los?“
Macht rollte durch meinen Körper, umspülte ihn und traf auf die dunkle Energie,
die in Vivian schlummerte. Das Cyana erwärmte sich wieder und Vivian lächelte
ein wenig mehr. Es war kein freundliches Lächeln, es lag eine Spur Kälte darin,
die mir Angst machte.
„Lass zu, dass es mich tötet“, wisperte sie kaum hörbar.
„Ich werde es nicht zulassen!“, fuhr ich sie an, ließ sie los und stand auf.
Mein Blick fiel auf Trevor, der mit verschränkten Armen an der
gegenüberliegenden Wand lehnte und uns beobachtete. „Was nun?“, fragte ich
herausfordernd.
Draußen im Gang wurde es lauter. Wahrscheinlich hatte der Krach der
zerbrechenden Tür jede Menge neugierige Kids angelockt. Trevor fluchte
ungehalten, hob dann die Tür auf und lehnte sie gegen die leere Fassung, um das
Zimmer vor den Blicken zu schützen.
„Wir brauchen Sheldon, um all das hier zu vertuschen.“
Susans Blick irrte zwischen uns hin und her. Die beiden Sanitäter standen noch
immer im Zimmer, ohne sich zu rühren. Ich ging auf Susan zu, umfasste ihre Hände
und sah sie eindringlich an.
„Ich werde dir alles erklären, Susan“, sagte ich ernst. „Geh jetzt bitte raus,
kümmere dich darum, dass niemand etwas so dummes tut und die Polizei ruft. Sieh
zu, dass sie vor dem Zimmer hier verschwinden, ja?“
Susan schaute mich kurz aus großen Augen an. Dann nickte sie zögernd. „Ihr…ihr
seid okay?“
„Ja“, bestätigte ich und nickte ebenfalls. „Mach dir keine Gedanken. Wir kümmern
uns um das hier.“
Vivian, die noch immer auf dem blutigen Bett saß, lachte hart auf. Ich funkelte
sie böse an und sie verstummte. Trevor schaute ebenfalls nicht sonderlich
überzeugt, hob jedoch die Tür noch einmal zur Seite, damit Susan den Raum
verlassen konnte.
„Schick die beiden mit raus“, sagte er dann zu dem jungen Mädchen. „Ich nehme
an, du willst nicht, dass sie deine Verletzungen versorgen?“
Sie antwortete nicht, aber die beiden Männer setzten sich in Bewegung und
folgten Susan. Wir hörten keine Sekunde später, dass Susan draußen mit lauter
und befehlsgewohnter Stimme Anweisungen gab und der Lärm abflaute, als sich die
Jugendlichen unter Murren und Beschwerden vor der Tür wegbewegten.
„Ich bin mir nicht sicher, ob sie all den Ärger wert ist“, sagte Trevor wieder
und sein kühler Blick streifte das junge Mädchen. „Aber hier kann sie nicht
bleiben.“
„Dann töte mich doch endlich, Jäger“, kam es von Vivian. „Ich habe es satt zu
hören, dass ich nichts wert bin.“
„Schluss jetzt!“ Meine Geduld hing wirklich nur noch an einem seidenen Faden.
„Ich will von Töten und Umbringen nichts mehr hören! Hoch jetzt von dem Bett,
Vivian. Wo hast du Verbandmaterial und Desinfektionsmittel?“
In dem Augenblick, als das Portal erloschen war, hatte sich auch die Blutung aus
den vielen Schnittwunden an ihren Armen verringert. Noch immer tropfte Blut auf
das Bett, aber bei weitem nicht mehr so viel wie vorher.
„Im Schrank“, gab sie mürrisch zu, tat aber, was ich sagte und stand auf.
„Setz dich auf den Stuhl. Trevor wird sich darum kümmern, all das blutige Zeug
auf einen Haufen zu räumen.“
„Werd ich das?“, fragte er spöttisch und ich fuhr herum.
„Wirst du!“
„Oh oh“, machte Vivian ironisch und setzte sich auf den Stuhl. „Sehe ich da den
Frieden auf der guten Seite schwinden?“
Sie betonte das ‚Guten’ mit einem sehr sarkastischen Unterton, aber ich hatte im
Moment keine Lust, darauf einzugehen. Ich öffnete den Schrank, auf den sie
gedeutet hatte und entdeckte zwischen den ganzen zwar ordentlich
zusammengelegten, aber völlig chaotisch geordneten Sachen Verbandmull und auch
eine Flasche mit Wunddesinfektion.
Ich wollte lieber nicht wissen, wo sie das ganze Zeug her bekommen hatte, ohne
Aufmerksamkeit zu erregen. So wie sie die beiden Sanitäter kraft eines
Gedankenbefehls hinaus geschickte hatte… Es war nicht schwer sich vorzustellen,
dass sie einfach in ein Krankenhaus marschierte und sich nahm, was sie brauchte.
Ich schnappte mir die Utensilien, stellte sie neben sie auf den Tisch und
fragte: „Was dagegen, wenn ich dir helfe?“
„Ja“, brummte sie mürrisch.
Wie sie wollte. Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um. Es brachte nichts,
sie zu irgendetwas zu drängen, was sie sowieso nicht wollte. Es würde nur noch
mehr Widerstand herausfordern.
Das Zimmer besaß kein eigenes Bad, ich nahm an, dass die Jugendlichen einen
gemeinsamen Duschraum benutzten, sondern nur ein kleines Waschbecken an der
rechten Seite, gegenüber vom Fenster.
„Wir nehmen dich mit“, sagte Trevor plötzlich. „Also zieh dir was anderes an.“
Er verzog keine Miene, sondern hob nur eine Augenbraue. „Etwas weniger
blutiges.“
Vivian starrte ihn kurz böse an. „Du kannst vergessen, dass ich mich umziehe,
während du im Zimmer bist.“
Ich hatte endlich einen Lappen gefunden und füllte das Waschbecken mit Wasser.
Schließlich musste das Blut auf dem Fußboden auch verschwinden.
„Außerdem geh ich nicht mit. Mir gefällt es hier!“
Seufzend drehte ich mich um. „Ich habe keine Ahnung, wie wir diese ganze Sauerei
hier beseitigen wollen. Könntet ihr wenigstens aufhören zu streiten.“
Trevor hatte die Bettdecke und die Laken von der Matratze entfernt und auf den
Boden geworfen, während ich begann, das Gestell des Bettes abzuwischen. Aus den
Augenwinkeln beobachtete ich Vivian, die sich ihren Armen zugewandt hatte und
diese fachmännisch abtupfte. Ich konnte nicht erkennen, wie tief die Schnitte
waren und ob es eventuell nötig war, sie zu nähen.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, in der Vivian ihre Arme verbunden, ich alles,
was sich an Blut im Zimmer befand, weggewischt hatte und nur noch der Berg an
blutiger Bettwäsche an das Chaos erinnerte.
„Was machen wir jetzt damit?“ Ich sah Trevor fragend an und deutete auf den
Haufen.
„Vernichten“, antwortete er nur lakonisch. „Sheldon würde es innerhalb von zwei
Sekunden zerstören können. Kriegst du es hin?“
Meine Augen verengten sich böse. „Ich habe es langsam satt, mit Dingen
konfrontiert zu werden, von denen ich keine Ahnung habe.“
Vivian stand auf. „Ich wundere mich wirklich, dass du noch lebst.“ Sie hob ihre
Hand in Richtung des Berges schmutziger Wäsche und für einen kurzen Moment sah
ich das dunkle Licht, das sich über den Laken bildete. Es flimmerte und der
Geruch von etwas Scharfem, Undefinierbarem lag in der Luft.
Ich konnte nur dirthin starren. Das flimmernde, dunkle Licht umhüllte den Berg
und im nächsten Moment brach er in sich zusammen. Alles was übrig blieb, war ein
winziges Häufchen Asche auf dem Fußboden.
Vivian hob den Kopf, begegnete meinem fassungslosen Blick und zuckte mit den
Schultern. „Kinderleicht.“
Trevor verzog den Mund. „Du hast den Rest des Blutes benutzt. Jedes Opfer zieht
dich weiter hinüber auf die dunkle Seite.“
„Na und?“, fragte sie herausfordernd. „Ich bin sowieso dort. Vielleicht schaffst
du es irgendwann zu tun, was du schon längst hättest tun müssen! Ich habe nicht
geahnt, dass der Jäger so feige ist.“
„Vivian!“, entfuhr es mir erschrocken, als ich bemerkte, wie es in Trevors Augen
blitzte.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten, aber er hatte sich unter Kontrolle.
„Vielleicht sollte ich eher mal etwas tun, das in deinem bisherigen Leben jemand
versäumt hat. Nämlich, dir den Hintern versohlen.“
„Versuch es doch“, sagte sie leise, ohne die Augen von ihm abzuwenden.
„Reiz mich nicht“, antwortete er genauso leise. Dann sah er mich an. „Ich warte
vor der Tür. Sie soll sich umziehen, damit wir verschwinden können. Sobald die
Sonne untergegangen ist, wird Sheldon hierher kommen und dafür sorgen, dass
jeder Anwesende vergisst, was er gesehen hat.“ Er drehte den Kopf noch einmal zu
Vivian. „Was ist mit den beiden Sanitätern? Kannst du sie so lange hier
festhalten?“
„Sicher.“ Vivian verschränkte die Arme vor der Brust.
Trevor nickte kurz und wandte sich dann zur Tür. Ich folgte ihm, ehe er das
Zimmer verlassen konnte und griff nach seinem Arm. „Was heißt jeder? Was ist mit
Susan?“
Da war plötzlich ein Schmerz in seinen Augen, der mir die Kehle zuschnürte.
„Jeder, Annie. Jeder.“
„Susan ist meine Freundin“, piepste ich leise.
„Wir hatten alle Freunde, die wir zurücklassen mussten“, antwortete er leise.
„Vor denen wir Geheimnisse haben mussten.“
„Ich nicht“, kam es böse von Vivian. „Mom hat alle getötet, die anfingen, mir
etwas zu bedeuten. Ich hab’s mir abgewöhnt. Solltest du auch tun, Anne.“
„Halt deinen verdammten Mund!“, schrie ich übergangslos zurück und fuhr zu ihr
herum.
Auch Trevor musterte das Mädchen mit einem eisigen Blick. Dann sah er mich an
und zum ersten Mal bemerkte ich eine Art Wehmut in seinen Augen. Er hob seine
Hand, strich mir sanft über die Wange und seufzte. „Es ist besser für sie. Je
weniger sie wissen, umso weniger sind sie gefährdet.“
Der Kloß in meinem Hals wurde größer. Da war nichts Aufdringliches in seiner
Geste, sondern ich empfand es einfach als das, was es sein sollte: Beistand. Ich
ahnte, dass er ähnliches durchgemacht hatte. Wenn sein Alter stimmte, dann hatte
er nicht nur Freunde zugelassen, nein, er hatte sie auch altern und sterben
sehen.
Plötzlich bekam ich Angst vor dem, was mich noch erwartete.
Es war
fast sechs, als wir wieder mein Haus betraten. Die Sonne war seit einer Stunde
untergegangen. Wir hatten nicht gewartet, bis Sheldon im Heim auftauchte. Es
hatte mich jede Menge Überredungskünste gekostet, Susan dazu zu bringen, Vivian
mit uns gehen zu lassen. Ich hatte auch mit Susan gesprochen, ihr alles erklärt,
doch obwohl ich ihr ansah, dass sie mir kaum glauben wollte, wurde das gesamte
Gespräch von meinem Gefühl des Verrats überdeckt. Ich wusste, Sheldon würde ihr
all die Erinnerungen daran wieder nehmen. Es war schrecklich, dass es ein Wesen
gab, das zu solchen Dingen fähig war. Wenn man sich nicht einmal mehr auf seine
Erinnerungen verlassen konnte, worauf dann?
Trevor
erklärte es vollkommen sachlich. Man würde Vivians Existenz aus dem Computer des
Heims und aus den Polizeiakten löschen. Sie würde verschwinden, für die reale
Welt würde sie verschwinden und ich bekam immer mehr Angst, dass es mir
irgendwann einmal genauso gehen sollte.
Vivian
hatte sich wieder in ihr Schweigehaus zurückgezogen. Mit einem mürrischen
Gesichtsausdruck war sie uns gefolgt, hatte auf die gehässigen Bemerkungen, die
ihr andere Jugendliche hinterher warfen, gar nicht reagiert und war ins Auto
eingestiegen.
Sie
hatte nicht gefragt, wohin wir sie brachten. Erst als wir vor meinem Haus
parkten und ausstiegen, bemerkte ich kurz Verwunderung in ihrem Blick. Aber sie
sagte noch immer nichts.
Trevor
hatte auf meine Frage bezüglich ihrer Unterbringung nur die Schultern gezuckt.
„Ich hätte sie lieber im Dark Night
unter Kontrolle, am besten in einem magischen Gefängnis. Aber es würde jetzt
zuviel Ärger verursachen.“
Keine
Ahnung, welchen Ärger er meinte. Jenen, den Vivian machen würde, wenn man
versuchte, sie einzusperren oder anderen. Vielleicht den Ärger, den die andere
Seite machen würde, wenn sie erfuhr, dass wir Vivian einsperrten? Ich wollte mir
lieber gar nicht vorstellen, wie solcher Ärger aussah.
Mein
Anrufbeantworter blinkte und ich betätigte erst einmal die Taste, ehe ich Lust
hatte, mich damit auseinanderzusetzen, was ich mit den beiden Menschen in meiner
Wohnung anstellen sollte. Es war Larry und ich wünschte mir einen Moment, den
Anrufbeantworter ignoriert zu haben. Er erinnerte mich noch einmal an den Termin
am Montag, bat mich, Dr. Alban aufzusuchen und versprach, mich danach anzurufen.
Ich hatte den Termin schon wieder vergessen, aber ich wusste, ich würde mich in
der nächsten Zeit auch mit dem Thema Larry auseinandersetzen müssen. Langsam
aber sicher wuchs mir das alles hier über den Kopf.
Zu
seinem Glück reagierte Trevor auf die Bandaufnahme gar nicht und Vivian warf mir
nur einen eigenartigen Blick zu. Wenn mir vor zwei Tagen jemand gesagt hätte,
ich würde bald zwei Untermieter haben, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Jetzt
sah es so aus, als wäre das Gefühl von Einsamkeit nach Larrys Auszug das
Kleinste meiner Probleme.
„Vivian
kriegt das Gästezimmer“, begann ich erst einmal zu organisieren, um mich von den
Gedanken, wie es weiter gehen sollte, abzulenken. „Wenn du immer noch darauf
bestehst, hier zu bleiben, musst du mit der Couch vorlieb nehmen, Trevor.“
Vivian
schlenderte mit einem sehr missmutigen Gesichtsausdruck durch das Wohnzimmer,
warf einen Blick in die Küche und drehte sich dann wieder um. „Ich würde ihn
auch nicht mit ins Schlafzimmer nehmen.“
Darauf
ging ich gleich mal gar nicht ein. Trevor auch nicht.
„Ich
kapiere nicht, was ihr euch davon versprecht, dass ich hier bin“, fuhr sie fort.
„Ich
will Sheldons Meinung über die Reaktion des Cyanas auf dich wissen“, antwortete
Trevor, setzte sich endlich auf die Couch und lehnte sich zurück. „Es müsste
dich ablehnen und es müsste gegen dich kämpfen, aber es tut es nicht. Ich will
wissen, warum.“
Vivian
verzog den Mund. „Vielleicht ist das Ding ja kaputt“, murmelte sie spöttisch.
„Wenn
ich den Verdacht hätte, wärst du nicht hier, Kleine.“
„Pff.“
Ehe das
Ganze in einen Streit ausarten konnte, mischte ich mich ein. „Komm mit, Vivian,
ich zeig dir dein Zimmer.“
Sie
folgte mir widerwillig hinauf in die erste Etage. „Es hat sowieso keinen Sinn,
ich bleibe garantiert nicht lange hier.“
Hatte es
Sinn, darauf etwas zu antworten? Ich hatte ja selbst keine Ahnung, was auf mich
noch zukam und wie mein Leben weiterging. „Warten wir erst einmal ab“, sagte ich
diplomatisch und öffnete die Tür zum Gästezimmer, die sich genau gegenüber der
Treppe befand.
Es war
nicht viel größer als ihr Zimmer im Heim und außer einem Bett unter dem Fenster
und einer kleinen Schrankwand an der linken Wand, stand neben der Schrankwand
gegenüber vom Fenster nur ein Schreibtisch mit einem Stuhl davor. Larry hatte
hier an seinem Laptop gearbeitet, diesen aber mitgenommen, als er am gestrigen
Tag gegangen war. War das tatsächlich erst gestern gewesen? Es kam mir
Ewigkeiten länger vor.
„In der
Schrankwand befinden sich nur ein paar Bücher und alte Gläser. Schaff dir erst
einmal ein bisschen Platz für deine Sachen. Wir werden sehen, ob wir noch
irgendwo einen Kleiderschrank für dich auftreiben“, meinte ich, als Vivian
einfach mitten im Zimmer stehen blieb. „Die Tür zum Balkon klemmt ein wenig“,
setzte ich noch hinzu, obwohl ich bezweifelte, dass sie Lust hatte, sich auf den
Balkon zu setzen.
„Und
wenn möglich, keine Portale erschaffen“, versuchte ich zu witzeln, als sie sich
immer noch nicht rührte. „Vivian?“, fragte ich dann vorsichtig. „Alles in
Ordnung?“
Sie
drehte den Kopf und für einen kurzen Moment war wieder der Schmerz in ihren
Augen zu sehen, der mir schon einmal aufgefallen war. Er war schneller weg, als
ich einatmen konnte. „Mach dir keine Umstände. Ich bleibe nicht lange hier. Ich
komme allein klar.“
„Soll
ich dir beim Einräumen helfen?“, wechselte ich das Thema, weil ich wirklich
nicht wusste, was ich auf ihre Aussage hin sagen sollte.
Erst mit Sheldon reden, sagte ich mir
selbst, und dann weiter denken.
Das war etwas, was ich sehr gut konnte. Probleme verbannen und sich erst damit
auseinandersetzen, wenn es nötig war. Jetzt über Vivians Zukunft zu grübeln,
brachte gar nichts - außer wirren Gedanken meinerseits.
„Nein“,
brummte das junge Mädchen mürrisch und bückte sich nach ihrer kleinen
Sporttasche.
Ich
beließ es dabei. Ich hatte keine Ahnung von Kindererziehung, aber mein gesunder
Menschenverstand sagte mir, ich sollte sie jetzt einfach in Ruhe lassen. Und
warum sollte sie mit dem Auspacken nicht allein klar kommen? Sie war schließlich
alt genug.
~*~*~*~*~*~*~*~
„Hast du
eigentlich Kinder?“, fragte ich Trevor, als ich wieder im Wohnzimmer ankam und
ließ mich in einen der Sessel fallen.
Seine
Miene verdüsterte sich. „Nicht auf dieser Welt.“
Ich riss
die Augen auf. „Wie viele?“
„Zwei.“
Es klang
nicht so, als würde er ohne weitere Fragen meinerseits noch etwas sagen. Aber
hallo, ich war gezwungen, zwei mir erst seit ein paar Tagen bekannte Menschen in
meine Wohnung aufzunehmen. Es war mein gutes Recht, Fragen zu stellen. „Auf
welcher Welt dann?“
„Auf
Gemlandor.“
Aha. Das
sagte mir natürlich eine Menge mehr. „Und wo ist das?“
„Annie,
ich habe keine Lust, Fragen zu meinem persönlichen Leben zu beantworten.“
„Ach
nein?!“ Ich sprang auf, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn
wütend an. „Mein ganzes persönliches Leben wird innerhalb von einer Woche
komplett über den Haufen geworfen und ich soll dir keine persönlichen Fragen
stellen?“
„Es geht
dich nichts an“, sagte er leise.
„Oh
entschuldige“, giftete ich zorniger als beabsichtigt. „Du drohst ständig damit,
eine Sechzehnjährige umzubringen, wie konnte ich nur die dumme Frage stellen, ob
du selbst Kinder hast!“
Ohne ein
weiteres Wort drehte ich mich um und stürmte in die Küche. Kaffee. Ein schöner
starker Kaffee würde mich bestimmt auf andere Gedanken bringen. Zorn brodelte in
mir, während ich die Kaffeemaschine mit Wasser auffüllte und die Filtertüte
einsetzte. Der Duft von Kaffee erfüllte den Raum. Ich stützte die Hände auf der
Arbeitsplatte ab, beobachtete, wie das Wasser durch den Filter blubberte und
stellte mir ein paar vergnügliche Szenen vor, wie ich Trevor aus der Wohnung
vertreiben konnte.
Ich
hatte mich so in meine Fantasien hinein gesteigert, dass ich gar nicht merkte,
dass er aufgestanden und mir gefolgt war.
„Zwei
Mädchen, Elinor und Lavianna. Sie sind jetzt sechzig und neunundfünfzig Jahre
alt. Ich war vier Jahre verheiratet. Laurell, die Mutter der Kinder, ist seit
fünfundzwanzig Jahren tot.“
Ich fuhr
herum und sah ihn am Türrahmen lehnen.
„Ich
habe keinen der drei seit fast fünfzig Jahren gesehen. Sie sind alt geworden. In
ein paar Jahren werden auch meine Töchter nicht mehr leben. Ich war nicht auf
der Beerdigung von Laurell und ich werde auch die meiner Kinder nicht besuchen.“
Er hatte
ruhig gesprochen und doch hörte ich in seinen Worten etwas mit, das mich
verdammt an Melancholie erinnerte. Mein Zorn verrauchte übergangslos.
„Ich
hätte nicht fragen sollen“, sagte ich leise.
Er
seufzte. „Irgendwann hättest du gefragt, Annie. Irgendwann fragt jeder.
Spätestens, wenn du beobachten musst, wie die Menschen an deiner Seite altern
und sterben, während du selbst jung bleibst.“
„Wie
alt…“ Ich stockte, weil ich plötzlich Angst hatte, die Frage zu stellen.
Trevor
lächelte schwach. „Wie alt ich werden kann? Wie alt du werden wirst? Ich weiß es
nicht, Annie. Ich bin einundachtzig Jahre und sehe noch immer genauso aus wie
vor fünfzig Jahren. Sheldon ist einhundertfünf.“
„Ich bin
bis jetzt gealtert, warum sollte es jetzt nicht weitergehen?“
„Du
könntest locker für dreiundzwanzig oder vierundzwanzig durchgehen. Es gibt auch
keine Erklärung dafür. Du beginnst, die Magie zu nutzen und es wird Einfluss auf
dein Altern haben“, erklärte er.
Ich
verzog den Mund, drehte mich dann zum Schrank und entnahm ihm zwei Tassen.
„Kaffee?“
Er
nickte, setzte sich dann neben mich an den Küchentisch und nahm die Tasse
entgegen. „Liebst du ihn?“
Ich
schluckte, begegnete dem Blick seiner grauen Augen und der Kloß in meiner Kehle
war wieder da. „Ich weiß es nicht…“
Trevor
nahm einen Schluck aus seiner Tasse. „Jeder von uns muss seine eigenen
Erfahrungen machen. Es ist verdammt schwer, einen Normalsterblichen zu lieben.“
„Hast
du…“, begann ich zögernd. „Hast du dann wieder geheiratet?“
Er
schüttelte den Kopf. „Nein. Ich werde es auch nie wieder tun. Mögen
Normalsterbliche an Liebe glauben, sie macht verletzlich, angreifbar und
schwach. Ich kann mir das nicht leisten.“
Mir lag
ein: „Dann bist du ganz schön arm dran“, auf der Zunge, aber ich sprach
es nicht aus. Vielleicht hatte er Recht. Ich hatte seine Frage nicht ehrlich
beantwortet. Ich liebte Larry nicht, mir selbst gegenüber gab ich das zu. Wenn
ich es tun würde, ich wusste nicht, ob ich mit dem Gedanken umgehen könnte, ihm
all diese Dinge zu verheimlichen.
Und der
Gedanke, einen Menschen, den man liebt, altern und sterben zu sehen, der war
noch um einiges schlimmer. Vielleicht war es besser, so in die Welt zu schauen
wie Trevor.
Ich
hasste diese trübseligen Gedanken. Besser war es, sich etwas abzulenken. „Was?“,
fragte ich und versuchte, belustigt zu klingen. „Keine Freundin in all den
Jahren?“
Er
stützte sein Kinn auf seine Hand und grinste mich an. „Was willst du jetzt
wissen, Annie?“
Ich war
doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Warum also machte mich sein Grinsen
jetzt verlegen? Und ich hasste mich noch mehr dafür, weil ich bemerkte, wie
Hitze in mein Gesicht stieg. Er lächelte wieder, diesmal sehr amüsiert.
„Natürlich habe ich Bedürfnisse wie jeder andere Mann auch“, erklärte er und der
spöttische Unterton in seiner Stimme war wieder da. „Aber ich gehe einer
Beziehung aus dem Weg.“
Bestand
eigentlich die ganze Männerwelt nur aus Idioten?
„Toll“,
gab ich zurück und war froh, meine Fassung wieder gewonnen zu haben. „Du würdest
dich blendend mit meinem zweiten Chef verstehen. Ihr solltet mal zusammen
ausgehen.“
„Du hast
gefragt, Annie“, sagte er lächelnd. „Ich kann nichts dafür, dass dir die Antwort
nicht gefällt.“
Er
nippte wieder an seinem Kaffee, mit diesem belustigten Funkeln in den Augen und
ich starrte böse zurück. Weshalb eigentlich machte mich seine Antwort sauer? Nur
weil ich ein paar dumme Träume über ihn gehabt hatte? Davon wusste er
schließlich nichts.
Unser
Gespräch wurde unterbrochen, weil es klingelte.
„Es ist
Sheldon“, sagte Trevor, als ich aufstand und zur Tür ging.
Es *war*
Sheldon, der einen kleinen Rucksack über der Schulter trug, und ich merkte mir
wieder einmal vor zu fragen, woher Trevor das gewusst hatte. Und es war noch
toller zu sehen, wie genau die beiden über mein Leben informiert waren, wenn er
so einfach wusste, wo ich wohnte. Sheldon blieb vor der Tür stehen, als ich
diese wortlos öffnete und zur Seite trat.
„Hallo,
Anne“, sagte er lächelnd. „Darf ich reinkommen?“
Ich hob
skeptisch die Augenbraue. „Wenn ich
nein sage, kannst du es
nicht?“
Er
lächelte dieses sanfte Lächeln, bei dem ich ihm unmöglich böse sein konnte.
„Doch.“
„Toll.“
Ich verdrehte die Augen. „Da denkt man nun, wenn man ein paar Vampirfilme
gesehen hat, weiß man alles. Und jetzt sagt ihr mir, ihr könnt einfach so in
meine Wohnung spazieren? Das ist nicht fair.“
„Das
Leben ist nie fair“, rief Trevor aus dem Wohnzimmer.
„Komm
rein“, winkte ich Sheldon dann und schloss hinter ihm die Tür.
Der
Vampir hatte gewartet, bis ich ihn hereingebeten hatte. Er war bedeutend
höflicher als Trevor. „Woher kommt der Mythos dann?“
„Wenn du
deine Wohnung mit einem Schutzzauber versiehst, kann ich die Schwelle nicht
übertreten“, erklärte Sheldon. „Aber das kann dann niemand mit Magie. Es gab zu
jeder Zeit Hexen und Magier, die solche Schutzzauber oder Schutzamulette
verkauften. Viele Vampire oder andere Dämonen wurden so aus den Häusern normaler
Menschen verbannt.“
„Wovon
ernährst du dich eigentlich?“, fragte ich neugierig.
Sheldon
war im Wohnzimmer stehen geblieben und sah sich um. „Von Blut“, meinte er nur,
schlenderte dann zur Küche und warf einen Blick hinein.
„Menschenblut?“
„Manchmal.“
Ich
brauchte einen dieser Schutzzauber. Ganz dringend. Dann runzelte ich die Stirn,
als ich beobachtete, wie Sheldon den Rucksack neben die Couch legte, weiterging,
die Tür zur Terrasse öffnete und hinausschaute. Dann drehte er sich um, ging zur
Treppe und stieg die Stufen hinauf. Ich rannte ihm hinterher.
Vor der
Tür zum Gästezimmer verharrte er kurz, ging dann aber weiter auf meine
Schlafzimmertür zu.
„Wage es
ja nicht!“
Sheldon
verharrte und drehte sich zu mir um. „Diese Wohnung besitzt nicht den geringsten
Schutz. Ich versuche nur abzuschätzen, was wir tun müssen, um sie sicherer zu
machen.“
„Das
heißt nicht, dass ich dich durch mein Schlafzimmer spazieren lassen muss!“
Trevor,
der mit seiner Kaffeetasse die Küche verlassen und es sich wieder auf der Couch
bequem gemacht hatte, lachte glucksend und rief durch das Haus. „Sie ist etwas
eigen, wenn es um das Schlafzimmer geht.“
„Das ist
mein Zimmer!“, fauchte ich böse. „Mein Haus wurde praktisch beschlagnahmt! Ich
will keinen von euch in meinem Schlafzimmer sehen! Ich brauche eine
Privatsphäre!“
„Die
möchte ich auf keinen Fall verletzten, Annie“, sagte Sheldon sanft. „Aber du
brauchst einen Schutzzauber für die Fenster.“
Wahrscheinlich schaute ich in diesem Moment genauso trotzig wie Vivian, als ich
die Hände vor meiner Brust verschränkte und Sheldon anstarrte. „Verschwinde aus
der Nähe meines Schlafzimmers!“
Im
Gegensatz zu Trevor stritt Sheldon nicht mit mir. Er lächelte nur wieder dieses
sanfte Lächeln, das ich mochte, das mir aber diesmal das Gefühl gab, er amüsiere
sich innerlich über mich. „Wir reden später noch einmal darüber.“
„Werden
wir garantiert nicht!“
Dann
ging er zur nächsten Tür, warf einen Blick in das große, geräumige Bad und
seufzte. „Es wird eine Menge Arbeit kosten.“ Dann folgte er mir wieder die
Treppe hinab ins Wohnzimmer. „Die junge Hexe befindet sich oben in dem dritten
Zimmer?“
Der
abrupte Themenwechsel brachte mich völlig aus dem Konzept und ein Teil meines
Zorns verrauchte. Er hatte genau das garantiert beabsichtigt, aber ich konnte
mich nicht einmal darüber aufregen. Ich nickte. „Sie packt aus.“
„Schon
eine ganze Weile“, mischte sich Trevor ein, legte die Füße auf den Tisch und
schien sich wie zu Hause zu fühlen. „Ich wette, sie steigert sich gerade in ihre
schlechte Laune rein.“
„Da ist
sie nicht die Einzige!“, schrie ich zornig. Ich wollte wirklich einmal wissen,
was er für einen Grund hatte, hier mit solch einer guten Laune zu sitzen und
sich über alles lustig zu machen. Allein dafür konnte ich ihn noch weniger
leiden.
„Ich
würde sie gern kennen lernen“, unterbrach uns Sheldon, ehe die Situation
eskalieren konnte.
„Ich hol
sie“, knurrte ich zwar ruhiger, aber noch lange nicht beruhigt, funkelte Trevor
noch einmal böse an und
stieg wieder die Stufen zur oberen Etage hinauf.
Dabei musste ich an der Abstellkammer vorbei, die sich direkt neben der
Hauseingangstür befand, und mir kam kurz der erfreuliche Gedanke, dass ich
Trevor ja da drin einquartieren könnte. Da würde er gut reinpassen.
Vor der
Tür blieb ich stehen und klopfte. „Vivian? Kommst du mal, hier ist jemand, der
dich kennen lernen möchte.“
Ich
hatte keine Antwort erwartet und ich bekam auch keine. Seufzend drückte ich die
Klinke hinunter. Eigentlich übertrat ich damit genau die Privatsphäre, die ich
für mich selbst verlangte, aber ich hatte in diesem Moment überhaupt nicht
darüber nachgedacht. Tja, ich behaupte nicht, dass ich fehlerfrei bin.
Plötzlich geschah alles gleichzeitig. Ich hatte kaum die Tür geöffnet, als ein
brennender Schmerz durch meine Brust fuhr, genau da, wo ich das Cyana hängen
hatte. Ich konnte gerade noch sehen, dass die völlig erschrockene Vivian, die es
sich mit einem Laptop auf dem Bett bequem gemacht hatte, hochfuhr, sich
instinktiv zur Seite warf und auf den Boden krachte, dann explodierte etwas in
dem Fenster direkt über dem Bett.
Die
Scheibe zersprang mit einem Knall und die Splitter flogen über das Bett,
hinunter bis auf den Fußboden. Meine Beine hatten unter mir nachgegeben, weil
mir einen Moment schwarz vor den Augen geworden war. Ich kam wieder zu mir, weil
es hinter mir polterte, als die beiden Männer auftauchten und stellte fest, dass
ich auf meinen Knien gelandet war.
Vivian
starrte mich mit einem so geschockten Ausdruck im Gesicht an, dass ich
vielleicht gelacht hätte, wenn sich meine Brust und mein Kopf nicht immer noch
anfühlen würden, als hätte jemand mit einem glühenden Eisen darin gebohrt.
„Dieses
dumme Kind!“, fluchte Trevor übergangslos, schob sich an Sheldon vorbei und
betrat das Zimmer. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die Scherben des
Fensters und den kleinen Aschehaufen auf dem Fensterbrett. „Wie kann man nur so
dumm sein!“
Vivian
hatte ihre Erstarrung endlich abgeschüttelt und kroch auf mich zu. „Bist du
okay, Anne?“, fragte sie so schüchtern, wie ich sie noch nie gehört hatte.
Ich
nickte, doch selbst diese Bewegung tat weh. Dann irrten ihre Augen an mir vorbei
zu dem Vampir, der noch immer in der Tür stand. Sie schien noch näher an mich
heran zu rutschen, fast so, als würde sie Schutz suchen.
„Dieses
dumme Kind hat ein Schutzamulett ins Fenster gestellt!“, fluchte Trevor weiter.
„Ein schwarzmagischen Schutzamulett!“, brüllte er das Mädchen an, das ihn jetzt
mit großen Augen anschaute. Es war das erste Mal, das jeglicher Trotz aus ihrem
Blick verschwunden war und ich nur noch Hilflosigkeit und Unsicherheit erkennen
konnte.
„Was
hast du eigentlich erwartet, was passiert, wenn einer von uns das Zimmer
betritt? Jedes deiner verrückten Amulette erkennt uns als Feinde! Du hättest
Anne ernsthaft verletzten können!“
„Ich
habe kein anderes“, piepste Vivian.
„Wo sind
deine Sachen?“, tobte Trevor, wandte sich zu dem kleinen Schrank und riss die
Türen auf. „Bevor du die Dinger aktivierst, werde ich sie vernichten. Wie viele
hast du?“
Vivian
war schneller auf den Beinen, als ich reagieren konnte. „Lass meine Sachen in
Ruhe“, kreischte sie und hechtete auf Trevors Rücken.
Mein
Leben war so einfach gewesen, bevor ich diese Leute kennen gelernt hatte. Mein
Schädel summte, als würde sich darin ein Bienenschwarm aufhalten. Ich fühlte
mich so elend, dass ich fürchtete, erbrechen zu müssen und musste mit ansehen,
wie Vivian Trevor mit ihren kleinen Fäusten traktierte. Wahrscheinlich wagte sie
im Moment nicht, Magie einzusetzen. Trevor schienen ihre Faustschläge nichts
auszumachen, neben ihr schien er wie ein Stein in der Brandung, der ungerührt
von ihren Protesten und ihrem Gezeter all die Sachen, die sie in den Schrank
geräumt hatte, auf dem Boden verteilte.
Ich
hatte mich gerade ächzend hochgestemmt, als ein warmer Strom fremder Magie durch
das Zimmer floss und Sheldon nur einen Satz sagte:
„Hört
sofort damit auf.“
Vivian
verstummte übergangslos und ein Zittern lief über ihren Körper. Trevor schaute
noch immer recht zornig, aber er hörte auf, das Chaos in dem Zimmer noch zu
vergrößern.
„Shelly,
ich…“
„Komm
ins Wohnzimmer“, unterbrach ihn Sheldon. „Vivian wird Anne alle deaktivierten
Schwarzamulette geben. Wirst du das, Vivian?“
Sie
öffnete den Mund und ich erwartete fast ein Protestieren, doch dann schloss sie
ihn wieder und nickte.
Sheldon
schaute in Richtung des jetzt scheibenlosen Fensters und seufzte. „Du kannst in
Gegenwart von weißen Magiern keine schwarzen Schutzzauber aufstellen, Vivian. Es
ist gefährlich.“
Vivian
musste mehrfach schlucken, ehe sie es schaffte, ein Wort hervorzubringen. „Ich
habe einen Nicht-Sichtbar-Schild entstehen lassen. Es wirkt auch
gegen Schwarzmagier. Es…es sollte nicht gegen die Personen in der Wohnung
wirken…“
„Das
Amulett bezieht seine Kraft aus dunkler Magie. Es entsteht sofort eine
Wechselwirkung, wenn ein weißer Magier in seine Nähe kommt. Wir werden uns für
dein Fenster etwas anderes einfallen lassen. Obwohl…“ Ein nachdenklicher
Ausdruck trat in sein Gesicht, als er wieder das junge Mädchen musterte.
„Vielleicht reagiert ein weißer Zauber auf dich nicht so extrem. Es wäre zwar
eigenartig, aber so wie es scheint…“
„Erstmal
brauchen wir einen Glaser“, knurrte Trevor, schob Vivian zur Seite und stiefelte
an Sheldon vorbei hinaus in den Flur. „Vielleicht sollten wir ihm eine
Dauerstellung geben. Ich kann mir vorstellen, dass jetzt hier öfter was kaputt
geht.“
Sheldon
lächelte fein. „Er ist manchmal etwas undiplomatisch“, sagte er nur, ehe er sich
umdrehte und dem Jäger folgte. „Bringt die restlichen Amulette mit ins
Wohnzimmer.“
Leise
schloss sich die Tür hinter ihm und Vivian und ich waren allein. Ich fühlte mich
noch immer, als hätte man mich mit einem Vorschlaghammer bearbeitet, aber ein
Blick in Vivians Gesicht ließ mich alles andere vergessen. Ich hatte sie noch
nie so durcheinander gesehen. Gut, ich kannte sie auch noch nicht lange, aber im
Moment sah sie einfach wie ein unglücklicher Teenager aus.
„Ich
wollte das nicht“, sagte sie kläglich.
Das
glaubte ich ihr aufs Wort. „Ich weiß“, antwortete ich deshalb nur leise und
lächelte schief. „Jetzt warst du gerade mit Aufräumen fertig. Nun müssen wir
wohl von vorn anfangen.“
„Der
Zauber sollte nur nach außen wirken.“ Sie fuhr sich nervös durch die Haare,
deren widerspenstige Strähnen ihr immer wieder ins Gesicht fielen. „Ich schlafe
nie ohne… ich stelle ihn immer auf…es wäre zu gefährlich. Mir hat niemand
gesagt, dass… dass es passieren kann…“
Ich sank
ungeachtet der vielen Glasscherben auf das Bett, weil mir irgendwie die Kraft
zum Stehen fehlte. „Es ist nichts passiert. Nichts Ernsthaftes. Mach dir keinen
Kopf. Ich habe nicht mal eine Ahnung, was geschehen ist.“ Seufzend vergrub ich
mein Gesicht in meinen Händen. Wahrscheinlich würde ich in den nächsten Jahren
unter Dauerkopfschmerzen leiden, wenn das so weiter ging. Alles um mich herum
geschah, ohne dass ich einen Einfluss darauf hatte. Und es machte mich fertig.
Neben mir senkte sich die Matratze, als sich Vivian ebenfalls setzte. Zögernd hob sie ihre Hand und berührte mich am Arm. „Ich…ich kann dir helfen.“
Ich
drehte nur den Kopf, ohne ihn von meinen Händen zu heben, doch sie zog schnell
ihre Hand zurück, als hätte ich sie bei etwas Verbotenem erwischt. „Ich glaube,
ich kann jede Hilfe brauchen, die ich kriegen kann“, murmelte ich genauso
kläglich wie sie. „Ich kann wahrscheinlich froh sein, dass ich bis jetzt einfach
Glück hatte.“
Sie
schüttelte den Kopf. „Du bist stark. Die Magie in dir reagiert instinktiv, wenn
du in Lebensgefahr bist. Natürlich wäre sie um einiges stärker, wenn du sie
beeinflussen könntest.“
„Du
willst mir helfen?“, fragte ich vorsichtshalber noch einmal.
„Ähm…“
Sie kratzte sich verlegen am Kopf und wich meinem Blick aus. „Hm…“
„Kann
eine Weile dauern“, sagte ich und unterdrückte mühsam ein Lächeln. „Vorhin
wolltest du noch so bald wie möglich wieder ausziehen.“
„Ja
schon“, murmelte sie und sah mich noch immer nicht an. „Aber im Moment weiß ich
sowieso nicht wohin…und man sucht mich…und na ja, ich muss ohnehin untertauchen
und… na ja…“
Ich
lachte leise und stieß sie in die Seite. „Also dann, ich wollte schon immer mal
wissen, wie es ist, einen Teenager im Haus zu haben.“ Ich lachte lauter, als ihr
Gesicht zu mir herum schoss und sie mich ungläubig anschaute. „Sehen wir mal zu,
dass wir dieses Zimmer wieder bewohnbar machen. Und nebenbei sagst du mir noch,
wie ich diese Schwarzamulette überhaupt erkenne.“
„Okay.“
Sie sprang auf, plötzlich sehr erleichtert.
Vielleicht hatte sie wirklich erwartet, ich würde sie sofort wieder wegschicken?
Keine Ahnung. Ich war froh, dass sie da war. Denn der Gedanke, allein mit dem
griesgrämigen Trevor in der Wohnung zu sein, behagte mir überhaupt nicht.
Es dauerte eine Stunde, ehe
wir wieder Ordnung in dem Zimmer und alle Glasscherben entfernt hatten. Dann
kostete es mich noch einmal eine halbe Stunde, bis ich einen Glaser gefunden
hatte, der sich für ein kleines Vermögen bereit erklärte, sofort zu kommen.
Vivian hatte mir weitere
fünf Amulette ausgehändigt. Ich konnte nur darauf vertrauen, dass es alle waren,
die sie besaß. Sie erklärte mir auch, dass sie im deaktivierten Zustand
keinerlei Schaden anrichten würde, aber da Sheldon darauf bestand, sie zu
bekommen, wollte ich mich nicht einmischen.
Jetzt saß sie mit einem
genauso bedrückten Gesichtsausdruck wie vorher in ihrem Zimmer in dem zweiten
Sessel des Wohnzimmers, während sich Sheldon zu Trevor auf die große Eckcouch
gesetzt hatte. Ich legte das Telefon zur Seite und griff nach meinem
mittlerweile kalt gewordenen Kaffee.
„In einer halben Stunde ist
der Glaser da.“
„Wir übernehmen die Kosten“,
sagte Sheldon und stellte das letzte von Vivians Amuletten zurück zu den anderen
auf den Tisch.
Sollte ich dagegen
protestieren? Larry war ausgezogen, also fehlte mir jemand, der sich an den
Kosten des Hauses beteiligte. Ich hielt meinen Mund. Ich verdiente zwar gut bei
Steel und Partner, aber wer wusste, wie lange ich den Job noch hatte und
außerdem, mit Geld um mich werfen, das war mir noch nie möglich gewesen.
„Anastasia ist sei neun
Monaten tot“, sagte Sheldon gerade und schaute Vivian an. „Was hast du seitdem
gemacht?“
„Bin rumgezogen“, murmelte
das junge Mädchen einsilbig.
„Jeder Schwarzmagier hätte
dich sofort aufgenommen, hätte dich weiter ausgebildet. Ich bin mir sicher, du
kennst genug Adressen, an die du dich hättest wenden können“, fuhr er fort.
„Hm…“
Trevor fluchte schon wieder
zwischen seinen Zähnen hindurch. Ich fragte mich wirklich, wie er mit dieser
Unbeherrschtheit so alt werden konnte. „Ist es vielleicht zu viel verlangt, mal
zu antworten?“
Vivian funkelte ihn böse an.
Es war interessant zu beobachten, wie sie sich den beiden Männern gegenüber
verhielt. Sheldon schien ihr einen Heidenrespekt einzuflößen, während
Trevor einfach nur ihren Widerstand herausforderte. Wahrscheinlich spürte
sie instinktiv, dass Sheldons Kräfte ihren haushoch überlegen waren.
„Wenn du dich nicht
beherrschen kannst, Trev“, sagte Sheldon amüsiert, „geh eine Runde spazieren.“
„Wird wahrscheinlich die
beste Idee sein“, knurrte dieser. „Gehst du mit, Annie?“
„Nein!“, fuhr ich ihn an,
doch er lachte nur.
„Hab ich auch nicht
erwartet.“
Vivians dunkle Augen
schienen von innen heraus zu glühen, als sie verfolgte, wie er aufstand und nach
seiner Jacke griff. „Vielleicht hatte Mom doch Recht, als sie sagte, Männer
wären nur als Opfer zu gebrauchen.“
Ich spuckte den Kaffee über
den halben Tisch und fing an zu husten. Trevor sah aus, als wolle er Vivian an
die Kehle springen, besann sich dann jedoch rechtzeitig und stürmte in Richtung
Tür. Nur Sheldon verzog keine Miene. Er reichte mir eine der Servietten vom
Tisch und sagte leise:
„Anastasia war für ihre
Vorliebe für speziell männliche Opfer bekannt. Ich habe ein wenig recherchiert.
Vivians Vater war nicht der einzige Sterbliche.“
Jegliche Farbe wich aus
meinem Gesicht. „Mehrere?“, brachte ich schwach hervor.
„Sie war genau
einhundertvierundfünfzig Jahre alt, als sie getötet wurde. Sie war eine der
stärksten schwarzen Hexen, die ich kannte.“
Mein Blick irrte zu Vivian,
deren Augen wieder ihr normales Aussehen angenommen hatten. Allerdings verriet
ihre Miene jetzt nicht mehr, was in ihr vorging.
Sheldon lenkte mich wieder
ab. „Ich verstehe nicht, warum das Cyana nicht gegen dich kämpft, Vivian. Du
dürftest dich nicht einmal im gleichen Raum wie das Amulett aufhalten können.“
Er musterte das junge Mädchen jetzt ziemlich neugierig. „Möchtest du nicht doch
erzählen, was du die letzten neun Monate gemacht hast?“
Vivian schüttelte den Kopf.
Der Vampir lächelte fein.
„Wie du willst. Ich bin sowieso vorrangig hier, um Annie auszubilden.“
„Hast du Hunger, Vivian?“,
fragte ich zwischenhinein.
Wieder ein Kopfschütteln.
„Aber ich. Weißt du was?“
Ich schob das Telefon in ihre Richtung. „Ich fange mit Sheldon an, was auch
immer zu tun, und du bestellst uns Pizza. Die Nummer ist gespeichert. Wir rufen
da öfter an.“ Ich grinste. „Ich nehme eine Pizza Hawai. Bestell eine für Trevor
mit. Sag meinen Namen, Stelter, die haben die Adresse gespeichert.“
Sheldon schmunzelte genau
wie ich, als Vivian erst geschockt auf das Telefon starrte, dann mich anschaute
und dann wieder auf das Telefon sah. Ich wettete mit mir selbst, dass sie noch
nie Pizza bestellt hatte. Wahrscheinlich war es eher in der Art abgelaufen, dass
sie in die Pizzeria hineingegangen war, dem Pizzabäcker ihren Willen
aufgezwungen hatte und gegangen war. Natürlich ohne zu bezahlen.
„Magst du Pizza?“
Sie nickte.
„Na also, alles klar. Und
was machen wir jetzt?“, wandte ich mich an Sheldon.
Der Vampir stand auf und
winkte mich mit sich in die Mitte des Wohnzimmers. Mein Wohnzimmer war sehr
groß, fast dreißig Quadratmeter und es gab keine Wand zur Haustür hin. Genug
Platz also, um alles Mögliche zu tun. Er setzte sich im Schneidersitz auf den
Fußboden und bedeutete mir dasselbe zu tun. Zum Glück lag auf dem Boden der
sündhaft teure Teppich, den Larry bezahlt hatte, und in dem man einsank wie in
Plüsch.
„Das Wichtigste“, erklärte
er, als ich saß, „ist erst einmal, dass du lernst, die Kraft, die in dir steckt,
zu fühlen. Du musst sie fühlen, um sie nutzen zu können.“
Das klang logisch.
„Schließ die Augen und
versuche, dich auf das Amulett zu konzentrieren. Es wird dir helfen.“
Ich tat, was er gesagt
hatte. Ich gab wirklich mein Bestes, um mich zu entspannen, aber in meinem Kopf
kreisten jede Menge Gedanken. Das ganze Verwirrende der letzten Tage kam wieder
hoch, das Durcheinander meines Lebens und die Ungewissheit der Zukunft. Alles in
allem keine gute Grundlage, um sich entspannend auf etwas zu konzentrieren.
Und doch spürte ich
plötzlich etwas. Meine Augen waren geschlossen und meine Hände hatte ich, genau
wie Sheldon, auf meinen Knien abgelegt. Es war wie eine winzige Flamme in meinem
Inneren und es schien mir, als würde es nur eines winzigen Anstoßes benötigen,
um diese Flamme auflodern zu lassen. Und als hätte diese Flamme nur auf ein
Registrieren meinerseits gewartet. In dem Augenblick, wo ich mich ihrer bewusst
wurde, wuchs sie.
Hinter mir schnappte Vivian,
die das Telefon sicherlich noch immer wie ein hypnotisiertes Eichhörnchen
anstarrte, nach Luft und ich fühlte, wie sich das Cyana um meinen Hals erwärmte.
„Das ist richtig“, hauchte
Sheldon. „Öffne jetzt die Augen.“
Ich tat, was er sagte und
hätte im gleichen Moment fast vor Schreck aufgeschrieen. Lichter tanzten über
die nackte Haut meiner Arme, bildeten eine flackernde Aura, die mich einhüllte.
„Fühlst du die Kraft?“
Ich fühlte irgendetwas, aber
ich hatte keine Ahnung, was ich damit anstellen sollte. Meine Überlegungen
brachten Bewegung in das Lichtermeer über meiner Haut und diesmal spürte ich,
wie diese Veränderung Einfluss auf mein Fühlen hatte. Fasziniert beobachtete ich
das Spiel der Farben, konnte mich kaum daran satt sehen und bekam nicht einmal
Sheldons amüsierte Miene mit.
„Nimm die Kraft wieder in
dich auf“, wies er mich kurze Zeit später an. „Stell dir vor, wie du sie in dich
hinein saugst.“
Na ja, Fantasie hatte ich
genug. Warum also sollte ich mir nicht auch einmal so etwas vorstellen? Ich
wollte es nicht glauben, aber es funktionierte. Die Lichter tauchten in meine
Haut und in meinem Inneren spürte ich, wie sich etwas unwahrscheinlich
Machtvolles zusammenballte. Es wartete nur darauf, dass ich danach griff, um
mich davon zu bedienen.
„Schließ die Augen wieder.“
Sheldons Stimme klang, als würde er von weit her sprechen. „Schließ die Augen
und versuche, in deiner Umgebung solche Magieansammlungen zu finden.“
Zuerst war alles nur dunkel
und das einzige, was ich spüren konnte, war die Energie in mir selbst, die
danach drängte, freigelassen zu werden. Doch dann war da ein vertrautes Wispern
und ich atmete tief ein, um mich selbst zu beruhigen. Ein warmer Schein tauchte
vor meinem inneren Auge auf. Ein leuchtender Schimmer, aber diffus und kaum
erkennbar. Und dann, von einem Moment zum anderen, fiel dieser Schimmer in sich
zusammen und verschwand.
„Hast du gesehen, was ich
getan habe?“, drang Sheldons Stimme wie durch Watte zu mir durch.
„Ja“, flüsterte ich.
„Es wird dir mit der Zeit in
Fleisch und Blut übergehen, wenn du einmal weißt, wie es geht. Versuch es.“
Plötzlich wusste ich, was
Trevor gemeint hatte, als er sagte, ich wäre eine magische Leuchtfackel. In
diesem Raum, den wir nur mit unseren magischen Sinnen greifen konnten, war ich
wirklich nicht übersehbar. Ich versuchte, das Licht abzuschwächen, zog es weiter
zusammen und es reagierte tatsächlich. Natürlich wurde ich nicht unsichtbar. Das
wäre zu schön gewesen, aber die Ausstrahlung wurde schwächer.
„So ist es richtig“, machte
Sheldon mir Mut. „Leg einen Schleier um dich selbst. Stell ihn dir vor.“
Es verlangte eine immense
Konzentration und mir brummte jetzt schon der Schädel. Wie ich diesen so
genannten Schleier dann immer aufrechterhalten sollte, wusste ich wirklich
nicht.
„Ich seh sie noch“, störte
Vivian meine Konzentration.
Sie sollte sich mal lieber
um die Pizza kümmern. Ich hatte allerdings keine Zeit, das auch zu sagen, denn
sie war aufgestanden und neben uns getreten.
„Geh zur Seite“, sagte
Sheldon und diesmal klang eine gewisse Schärfe in seiner Stimme mit.
Ich wusste, sie war da, aber
ich konnte in diesem magischen Raum nicht den kleinsten Funken ihrer Existenz
ausmachen. Das ärgerte mich tierisch.
Vivian ignorierte den Vampir
und ließ sich neben mir nieder.
„Vivian“, sagte Sheldon
wieder. „Verschwinde.“
Sie reagierte nicht, aber
eine Sekunde später zuckte ich zusammen, weil sie nach meiner Hand griff. Meine
gesamte Konzentration brach zusammen, die Kraft in mir, so plötzlich
freigegeben, verursachte eine Übelkeit in meinem Magen, die drohte, meine Kehle
hinauf zu steigen.
„Es reicht jetzt!“, fuhr
Sheldon zornig auf. „Verschwinde in dein Zimmer!“
Ich hatte die Augen wieder
geöffnet, weil der Schwindel drohte, mich zu übermannen. So konnte ich sehen,
wie Vivian Sheldon, ohne eine Regung zu zeigen, anblickte. Dann drehte sie den
Kopf und sah mich an.
„Ich werde dich führen. Fang
noch einmal an.“
Sheldon wollte auffahren,
doch diesmal schüttelte ich den Kopf. Ich ahnte plötzlich, dass sie wieder gut
machen wollte, dass sie mich vorhin fast verletzt hatte.
„Es ist falsch“, mischte
sich Sheldon noch einmal ein. „Sie benutzt dunkle Magie.“
„Es ist die gleiche Kraft“,
antwortete Vivian ungerührt. „Und ich opfere seit Monaten nur noch mich selbst.“
Ich wollte fragen, was sie
damit meinte, aber in diesem Augenblick spürte ich, wie sie eine Verbindung zu
mir aufnahm. Es war unheimlich und irgendwie unrealistisch, aber ich spürte sie
neben mir mit anderen Sinnen als dem Gefühl, das entstand, weil sie meine Hand
hielt. Ich schloss die Augen und konnte beobachten, wie sie einen Teil des
Tarnmantels um sich herum aufgab. Sie leuchtete nicht so warm und freundlich wie
Sheldon. Es war ein düsteres Licht, aber keins, das mir Angst machte.
Komischerweise.
Und dann geschah etwas
Eigenartiges. Es war, als wäre eine Verbindung zu ihren Gedanken entstanden,
denn ich konnte nachvollziehen, was sie tat, um den Schleier wieder um sich
selbst zu legen. Wie von selbst zog sie sich in sich zurück, ihre Existenz
verschwand aus dem Kontinuum, das nur wir mit unseren magischen Sinnen erkennen
konnten.
„Tu es auch“, sagte sie
leise.
Mit einem Mal fiel es mir
leichter. Als hätte man einen Schalter umgelegt, oder als hätte ich begriffen,
was ich tun musste. Es war ganz einfach. Ich stellte mir vor, wie ich einen
unsichtbaren Schleier um mich legte, wie ich mich verkleinerte und all die
Energie, die mir zur Verfügung stand, auf kleinstem Raum verdichtete. Bis ich
verschwand.
„Yeah.“ Vivian ließ meine
Hand los und stand auf. „Geht doch“, meinte sie achselzuckend und ging zurück
zum Tisch. „Ich ruf dann mal den Pizzaservice an.“
Ich starrte Sheldon an und
er starrte zurück. Keiner von uns sagte einen Ton. Was auch?
~*~*~*~*~*~*~*~
Vor dem Pizzaservice kam der
Glaser und er brauchte fast eine Stunde, um eine neue Scheibe in Vivians Fenster
einzusetzen. Währenddessen wurde die Pizza geliefert und wir setzten uns
gemütlich an den Couchtisch.
Irgendwann tauchte auch
Trevor wieder auf. Er hatte eine Reisetasche bei sich, in der er, wie ich
vermutete, ein paar Sachen aus dem Dark
Night geholt hatte. Naja, von mir konnte er sich schließlich nichts borgen
und so wie es aussah, würde er wohl eine Weile hier wohnen wollen.
Seine Laune hatte sich nicht
sonderlich gebessert, sie schien eher noch schlechter geworden zu sein. Er
stellte die Reisetasche in die Ecke und ließ sich dann neben Sheldon auf die
Couch fallen.
„Mir gefällt die Stimmung in
der Stadt nicht“, sagte er leise zu dem Vampir. „Die Konzentration an dunkler
Magie ist eindeutig gestiegen.“
Sheldon nickte düster.
„Etwas passiert. Etwas, das in direktem Zusammenhang zu Marquardt steht.“
Erst jetzt fiel mir wieder
ein, dass ich Nachforschungen über unseren Mandanten anstellen wollte. Ich hatte
es in der vergangenen Woche völlig vergessen. Nun ja, schließlich hatte ich ganz
andere Sorgen gehabt. In den vergangenen Tagen hatte meine Arbeit ein wenig
unter den Ereignissen meines Privatlebens gelitten. Nicht, dass ich Fehler
gemacht hätte, nein, aber die hundertzwanzigprozentige Einsatzbereitschaft, die
Steel von mir gewöhnt war, die hatte nicht existiert.
Ich tat, was ich tun musste,
und machte keinen einzigen Handschlag mehr. Eigentlich verständlich, wenn meine
Gedanken unaufhörlich um Vampire und Magie kreisten. Aber ich konnte Steel
schlecht um Urlaub bitten, weil ich mein magisches Ich kennen lernen wollte.
Seufzend dachte ich daran, dass ich morgen, am Montag, wieder im Büro erscheinen
musste. Alles schien im Moment durcheinander zu sein und ich wusste nicht,
worauf ich zuerst meine Aufmerksamkeit richten sollte.
Larry würde garantiert am
Abend anrufen und wissen wollen, ob ich zu dem Psychologen gegangen war. Sollte
ich ihm sagen, dass aus meiner Wohnung plötzlich eine Wohngemeinschaft geworden
war? Eigentlich wollte ich mich mit Larry gar nicht auseinandersetzen.
Dann war da Vivian, über die
ich genauso wenig wusste. Eigentlich müsste sie doch auch eine Schule besuchen,
oder? Wie hatte sie sich in den letzten Monaten vor den Behörden verborgen? Oder
besser, aus welchem Grund hatte sie zugelassen, dass man sie fand und in das
Heim steckte?
Ja, und dann war da
natürlich noch Trevor. Ich warf einen kurzen Blick in seine Richtung und zuckte
zusammen, als er genau im gleichen Moment aufschaute und sich unsere Blicke
trafen. Der Anflug eines Lächelns huschte über seine Lippen. „Du bist schon viel
weniger sichtbar, Annie“, sagte er leise.
Ich verzog den Mund, ohne zu
antworten. Zum Glück kam der Glaser endlich aus Vivians Zimmer und gab Sheldon
die Rechnung, die dieser sofort beglich. Ich fiel fast aus allen Wolken, als der
Vampir die vielen Scheine aus seinem Portmonee zog. Geld schien für diese Leute
tatsächlich keine Rolle zu spielen. Gut zu wissen.
Vivian, die ihre Pizza schon
verschlungen und wahrscheinlich nur darauf gewartet hatte, dass der Glaser ihr
Zimmer verließ, stand auf. Aber erst als der Mann die Wohnung verlassen hatte,
sagte sie:
„Wer stellt jetzt den
Schutzzauber in mein Fenster?“
Sheldon erhob sich
geschmeidig. „Wir benötigen für alle Fenster und auch für die Tür magische
Schilde.“
„Was genau bewirken die?“,
wollte ich wissen.
„Sie verhindern, dass jemand
von draußen erkennen kann, was hier geschieht und wer sich hier aufhält und sie
verhindern, dass jemand die Wohnung betreten kann.“
Das war es doch, was ich
wollte. „Na dann nichts wie los“, grinste ich abenteuerlustig. „Ich möchte heute
Nacht ruhig schlafen.“
Ich folgte Sheldon, der in
dem kleinen Rucksack, den er mitgebracht hatte, wühlte und ein paar Gegenstände
zum Vorschein brachte.
Es sah nicht unbedingt
spektakulär aus, was er da in der Hand hielt. Es waren irgendwelche Gegenstände.
Wie erkannte man eigentlich diese Dinger, die man aktivieren konnte?
Vivian schaute genau so
skeptisch wie ich. Allerdings aus einem anderen Grund. „Wer sagt, dass die
Amulette auf mich nicht genauso reagieren wie meins auf Anne?“
„Niemand“, sagte Sheldon
leise. „Es kommt auf einen Versuch an. Und da das Cyana auf dich nicht reagiert,
ist es diesen Versuch wert.“
Vivians Laptop lag auf dem
Bett und sie räumte ihn schnell zur Seite auf den Schreibtisch, ehe Sheldon das
Amulett in das Fenster stellte. Eigentlich war es dumm gewesen, den Glaser erst
zu bestellen. Sollte es jetzt wieder eine Explosion geben, würde der gute Mann
uns für durchgeknallt halten.
„Es wäre mir lieb, wenn du
erst einmal das Zimmer verlässt, Vivian“, bat der Vampir das junge Mädchen.
Ich blieb, denn ich war viel
zu neugierig, was er tun würde. Sicherlich sollte ich so etwas auch können und
sicherlich würde man mir gleich wieder sagen, wie einfach es doch war.
„Komm her, Annie“, meinte er
dann und ich trat neben ihn.
Es war ein Würfel, den er
ins Fenster gestellt hatte, auf dem ich mehrere unverständliche Zeichen
eingeritzt erkennen konnte. Keine Ahnung, um welches Material es sich handelte.
Es sah aus wie Marmor oder Quarz, aber wie gesagt, von solchen Dingen verstand
ich nichts.
„Greife auf die Kraft zu,
die ich dir vorhin gezeigt habe“, sagte er ruhig. „Und sag mir, was du siehst.“
Ich runzelte die Stirn, tat
aber, worum er gebeten hatte. Erst einmal sah ich gar nichts. Aber ich stellte
fest, dass meine magische Aura immer noch sehr schön gering war und das stimmte
mich fröhlich. Doch dann spürte ich eine Verbindung. Ich tastete mich weiter vor
und mein Erstaunen wurde immer größer. Der Rest des Zimmers war magisch tot, es
waren normale menschliche Gebrauchsgegenstände, die sich eigentlich vom Aussehen
her von dem Würfel nicht unterschieden. Und doch war er anders. Hier, in dieser
Sphäre spürte ich die Andersartigkeit mehr als deutlich.
„Was ist das?“, hauchte ich
fasziniert.
„Wir nennen die Steine
Cyarinos. Es ist das einzige Gestein im bekannten Universum, in dem wir Magie
speichern können. Dunkle und helle, es spielt keine Rolle. Die Edelsteine im
Zentrum des Cyanas bestehen teilweise aus Cyarinos“, erklärte Sheldon weiter.
„Um das Amulett zu aktivieren, muss ich die Energie teilweise freisetzen und ihr
eine Aufgabe geben.“
Es klang wie im Märchen,
aber ich verkniff mir ein Grinsen. Mit meinen neu erwachten Sinnen verfolgte
ich, was Sheldon tat. Er öffnete – ich hatte keinen anderen Begriff dafür – eine
Tür zu dem Stein und Lichterfunken entstiegen aus dem Amulett. Sie verteilten
sich in dem Raum und bildeten einen schimmernden Vorhang aus funkelndem Licht.
Das Licht wurde schwächer, aber ich konnte trotzdem mit meinen Sinnen spüren,
dass der Vorhang vorhanden blieb.
„Wow“, flüsterte ich wieder
und riss die Augen auf. Mit meinen normalen, menschlichen Augen sah ich gar
nichts, doch etwas in mir spürte den Schleier unbekannter Energie noch immer. Er
hatte sich über das Fenster gelegt und wanderte die Außenwand entlang, so weit
bis ich ihn auf der gesamten Seite spüren konnte. „Das ist…toll.“
Sheldon nickte lächelnd und
rief: „Vivian?“
Mit einem gelangweilten
Gesichtsausdruck spazierte Vivian wieder ins Zimmer. Sie hatte die Hände in den
Taschen ihrer Jeans vergraben, musterte das Fenster mit einem skeptischen Blick
und meinte dann: „Geht schon.“
Fand ich auch, denn meine
neue Fensterscheibe blieb heil. Allerdings war da eine leichte Wechselwirkung
zwischen Vivian und dem Amulett spürbar, nicht so, dass es explodierte, aber ich
hatte das eigenartige Gefühl, dass Vivian sich in seiner Nähe nicht unbedingt
wohl fühlte.
Damit allerdings würde sie
leben müssen.
„Sehr eigenartig“, meinte
Sheldon langsam. „Es reagiert fast gar nicht.“
„Hab ich doch gesagt“,
brummte Vivian, setzte sich an den Schreibtisch und öffnete ihren Laptop. „Kann
ich jetzt allein sein?“
Ich hatte gar nichts
mitbekommen, als sie auch schon den Laptop zuknallte, herumfuhr und Sheldon
anschrie: „Hör auf damit!“
Mein Blick irrte zwischen
den beiden hin und her und ich verstand wie üblich gar nichts.
Der Blick des Vampirs war
todernst geworden. „Ich will nicht wissen, was auf diesem Computer gespeichert
ist. Aber du wirst in diesen Räumen keine externe magische Verbindung zum
Internet herstellen.“
Sie schluckte. „Warum
nicht?“
Externe magische Verbindung…
was auch immer das war. Meine neue Welt wurde immer interessanter.
„Weil sie kinderleicht
zurückzuverfolgen ist“, sagte Sheldon nur. „Für einen Magier.“
„Ich verberge sie. Ich kann
sie unsichtbar machen.“
„Nein.“ Es war ein einzelnes
Wort und trotzdem hörte ich die absolute Unnachgiebigkeit darin. Vivian
scheinbar auch, denn sie antwortete nicht mehr.
„Ich habe einen Computer mit
Internetanschluss in meinem Schlafzimmer“, mischte ich mich ein. „Wenn du magst,
kannst du ihn benutzen.“
„Nein“, fauchte sie leise,
drehte sich um und machte den Laptop wieder auf.
Sheldon bedeutete mir, ihm
zur Tür hinaus zu folgen. Dort drehte er sich noch einmal um. „Solltest du uns
durch dein Handeln in Gefahr bringen, werden wir einen magischen Käfig errichten
müssen. Weißt du, was das heißt?“, fragte er mit dieser wieder sehr sanften
Stimme.
Vivian drehte den Kopf und
antwortete eisig: „Natürlich. Ich frage mich nur, warum ihr nicht längst getan
habt, was ihr tun müsst. Meine Seite hätte nicht gezögert und euch schon lange
getötet!“
Sheldon lächelte fein. „Das
eben unterscheidet unsere beiden Seiten.“
Ehe sie antworten konnte,
hatte er die Tür geschlossen. Ich folgte ihm, denn ich wusste, wir mussten auch
an den restlichen Fenstern seine komischen Amulette noch aktivieren.
Die ganze Angelegenheit
dauerte fast zwei Stunden. Ich hatte es zum Schluss sogar geschafft, das letzte
Amulett, das über der Tür, selbst zu aktivieren. Selbst Trevor lächelte über
meine Begeisterung. Danach allerdings wurde es wieder anstrengend, denn Sheldon
wollte nicht aufhören, sondern versuchte mir mehr darüber zu zeigen, was es
hieß, mit Magie umzugehen. Es war fast zwei, als es mir reichte. Schließlich
schlief dieser Vampir morgen den ganzen Tag, während ich mich in meinem Büro
konzentrieren musste. Das würde sowieso schwer werden, denn ich war eigentlich
ein Mensch, der viel Schlaf benötigte.
Trevor war ebenfalls noch
wach, nur von Vivian hörten wir nicht mehr viel. Gegen elf hatte sie sich nach
dem Bad erkundigt und war dann wieder in ihrem Zimmer verschwunden. Ich hoffte,
dass sie sich an Sheldons Anweisung hielt, denn ich wollte gar nicht wissen, was
es mit diesem magischen Käfig auf sich hatte.
Ich war
am frühen Morgen schon mit Kopfschmerzen erwacht. Nicht verwunderlich nach nur
fünf Stunden Schlaf. Ich kam auch eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit, was mir
eine dumme Bemerkung von Hummer und einen pikierten Blick von Steel einbrachte.
In diesem Moment interessierte es mich herzlich wenig, ich war viel zu sehr
damit beschäftigt, mich selbst munter zu halten.
Zwischendurch, wenn ich allein im Zimmer war, rief ich mir die Daten und Zahlen
Marquardts auf, die wir auf unserem Rechner hatten. Ich konnte daran nichts
Ungewöhnliches entdecken. Der Mann besaß mehrere Firmen, eine Einzelfirma, mit
der er in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Abrechnungen für
Hauseigentümer vornahm und mehrere Firmen, die mit Immobilien handelten. Die
Geschäfte liefen fantastisch, soweit ich das erkennen konnte und ich konnte mich
auch an die stundenlangen Gespräche erinnern, die Marquardt mit Steel geführt
hatte, wenn es am Jahresende darum ging, die Steuerzahlungen so ging wie möglich
zu halten.
Der Tag
zog sich endlos hin. In der Mittagspause wollte ich eigentlich ein wenig hinaus
in die Sonne gehen, schaute dann jedoch aus dem Fenster und bemerkte eine mir
sehr wohl bekannte Gestalt auf der Bank im Park gegenüber unserer Büroräume. Ich
wäre am liebsten hinunter gegangen und hätte Trevor ein paar sehr deutliche
Worte gesagt.
Natürlich wusste ich, er würde mir nur wieder erklären, es wäre zu meinem
Schutz, aber ich fühlte mich beobachtet und verfolgt. Und das nervte mich
tierisch.
Es war
fast fünf, als ich das Büro verließ, und die Sonne mittlerweile untergegangen.
Diesmal stand Sheldon vor dem Büro und ich verdrehte genervt die Augen.
„Das ist
nicht wahr, oder?“, fragte ich aufgebracht und rauschte an ihm vorbei. „Wo hast
du denn meinen persönlichen Wachhund gelassen.“
„Er hat
etwas Streit mit der jungen Hexe“, erklärte Sheldon mit einem feinen Lächeln und
folgte mir.
Solange
er lächelte, konnte der Streit wohl nicht sonderlich bedeutungsvoll sein.
„Toll“,
knurrte ich. „Ich finde den Weg heim trotzdem allein, ich brauche euch nicht. Es
sind kaum zehn Minuten Fahrt.“
„Wenn
Endriel in der Stadt ist, dürfen wir kein Risiko eingehen“, erklärte Sheldon.
„Solange
du dich nicht richtig verteidigen kannst, wirst du nicht allein aus dem Haus
gehen.“
Ich
öffnete mein Auto und Sheldon ging zur Beifahrertür. „Wie bist du hergekommen?“,
fragte ich misstrauisch.
Sheldon
lächelte wieder, diesmal ohne mir zu antworten. Ich tat es mit einem
Achselzucken ab. Wenn er nicht antworten wollte, dann eben nicht.
Erst in
diesem Moment bemerkte ich den zweiten Mann auf dem Parkplatz und stöhnte
unterdrückt auf, als Hummer winkte und rief: „Schönen Feierabend, Anne! Machen
Sie keine Dummheiten.“ Und lachte.
Ich
ahnte, was ich mir morgen für zweideutige Bemerkungen anhören konnte und
verfluchte Sheldon ein weiteres Mal. „Steig endlich ein“, fuhr ich ihn lauter
als beabsichtigt an.
Der
Vampir sank in den Sitz und schnallte sich vorschriftsmäßig an. Ich dachte erst
einmal: Wow, ehe ich den Kopf drehte.
„Wie ist
das eigentlich? Unsterblich seid ihr dann wohl nicht? Und tot auch nicht?“
„Es ist
sehr schwer, uns zu töten“, bestätigte er mit einem Nicken. „Die Sonne tötet
uns, nicht sofort, aber nach zehn bis zwanzig Minuten bleibt tatsächlich nur
noch ein Aschehaufen von uns übrig. Ebenso tötet uns ein Stich ins Herz, oder in
das, was Menschen bei uns als Herz bezeichnen.“ Er lächelte. „Allerdings muss es
kein Holz sein, wie landläufig behauptet wird. Alles, was das Herz zerstört,
tötet uns. Ja, und eine Enthauptung ist auch sehr tödlich.“ Sein Lächeln
vertiefte sich. „Wir sind Lebewesen, Annie, aber unser Metabolismus
unterscheidet sich von dem der Menschen. Wir haben ein dem Herz vergleichbares
Organ, aber es pumpt das Blut nicht durch unseren Körper, so wie es das
menschliche tut. Vielleicht glaubten die Menschen deshalb immer, wir wären tot,
weil wir keinen Herzschlag oder Puls haben.“
Das war
interessant. „Ihr atmet aber.“
Er
nickte. „Wenngleich ich auch meine Körperfunktionen soweit herunterfahren kann,
dass ich es eine ganze Weile nicht tue. Aber meine Lebensfunktionen sind auf
Sauerstoff angewiesen. Ab und zu.“
„Aha“,
machte ich nur und startete das Auto. „Und Trevor? Was genau ist er?“
„Diese
Frage solltest du Trevor vielleicht selbst stellen.“
Das
würde ich mir reiflich überlegen. „Ein Vampir ist er nicht. Er ist anders als
du. Ist er so etwas wie ich?“
Sheldon
schüttelte den Kopf. „Frag ihn selbst, Annie.“
„Wie
lange kennt ihr euch?“
„Vierundsechzig Jahre.“
Oh.
Mein Kopf schoss wieder zu ihm herum. „Wie alt warst du gleich noch mal?“ Ich
hatte Trevor gefragt, die genaue Zahl aber vergessen.
„Einhundertfünf.
Schau auf die Straße, Annie.“
„Wow“,
entfuhr es mir, aber ich tat, was er sagte. „Ist das alt für einen Vampir?“
„Nein.
Wir können fast siebenhundert Jahre alt werden. Wenn man es von diesem Punkt
aussieht, bin ich ziemlich jung.“
„Wie alt
ist dieser Endriel?“
„Über
vierhundert.“
„Oh“,
war wieder alles, was mir dazu einfiel. Leider konnte ich meine Befragung nicht
fortsetzen, da wir meine Wohnung erreicht hatten und ich das Auto auf den
schmalen Platz im Garten lenken musste. Dort hatte Larrys BMW immer gestanden,
während ich mein Auto auf der Straße abgestellt hatte, und er hatte oft genug
über die Enge geflucht. Mich störte es nicht, der kleine Fiat passte da super
rein. Die Erinnerung daran schien schon Ewigkeiten her zu sein, obwohl es erst
ein paar Tage waren, seit Larry ausgezogen war. Mein ganzes Zeitempfinden schien
sich verschoben zu haben.
Ich
winkte Hanna zu, die wieder einmal neugierig den Kopf über den Gartenzaun
streckte, aber ich dachte nicht daran stehen zu bleiben und ihr zu erklären,
dass der Mann an meiner Seite nicht Larrys Nachfolger war.
Kaum
hatte ich die Haustür geöffnet, da empfingen uns auch schon die lauten Stimmen
von Trevor und Vivian. Mein Kopf brummte noch immer und eigentlich sehnte ich
mich nur danach, mal ein paar Stunden zu schlafen. Ich bezweifelte, dass das
möglich war.
„Ich bin
keine Haushälterin!“, schrie Vivian zornig. „Und ich lasse mir von dir nicht
vorschreiben, wann ich das Haus verlassen kann und wann nicht!“
„Ich
habe nur erwähnt, dass Annie nicht für den Saustall verantwortlich ist, den du
hinterlässt! Sie hat andere Sorgen als hinter dir herzuräumen.“
Ui…Ich
wechselte mit Sheldon einen Blick, den dieser nur amüsiert erwiderte.
„Es ist
nicht zuviel verlangt, das schmutzige Geschirr in die Geschirrspülmaschine zu
räumen! Du musst nicht für jede Kleinigkeit Magie einsetzen!“
Es war
wirklich interessant festzustellen, dass Trevor sich anscheinend über völlig
andere Dinge Gedanken machte als ich. Ich hatte nicht einmal im Entferntesten
daran gedacht, dass mehr Personen in meiner Wohnung auch für mehr Unordnung
sorgten.
Genervt
durchquerte ich das Wohnzimmer und warf einen Blick in die Küche. Es sah nicht
sonderlich viel schlimmer aus als wenn ich allein war. Ich hatte nie zu den
Personen gehört, die ihre gesamte Freizeit damit verbrachten, ihr Haus sauber zu
machen.
„Und ich
dachte, ich habe jetzt mal Ruhe“, murmelte ich missmutig. „Ich habe einen
stressigen Tag hinter mir und es wäre wirklich schön, jetzt mal ein bisschen zu
entspannen.“
Vivian
warf Trevor noch einen bösen Blick zu, ehe sie sich an mir vorbeidrückte und die
Küche verlassen wollte. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Steht
das Angebot noch, deinen Internetanschluss zu benutzen?“, fragte sie, jetzt
bedeutend ruhiger.
„Sie saß
den ganzen Tag schon vor ihrem Rechner“, mischte sich Trevor schon wieder ein.
„Wird Zeit, dass sie mal was Sinnvolles tut.“
„Du
gehst mir auf die Nerven!“, schrie Vivian erbost auf.
Ehe sie
sich jedoch auf Trevor stürzen könnte, hatte ich ihren Arm geschnappt, drehte
sie um und schob sie in Richtung Treppe.
„Vielleicht ist es besser, euch beide in getrennten Zimmern einzusperren, ehe
ihr euch gegenseitig die Augen auskratzt“, murmelte ich sarkastisch.
„Ich
werde ihm nicht die Augen auskratzen“, knurrte Vivian leise. „Ich werde ihn
wegpusten.“
Trevor
hatte sie trotzdem gehört. „Pass auf, dass ich dich nicht wegpuste, du
Rotzgöre.“
„Es
reicht jetzt!“ Irgendwann war auch mein Maß voll. Wenn Vivian vielleicht nicht
die Beherrschung besaß, mit ihrem Zorn umzugehen, Trevor war alt genug, um sich
ein wenig zusammenzureißen.
Vivian
blieb am Schreibtisch in meinem Schlafzimmer stehen, verschränkte die Arme vor
der Brust und schaute mich trotzig an. „Ich besuche keine Schule. Ich habe keine
andere Möglichkeit zu lernen außer über das Internet.“
„Du
lernst übers Internet?“, fragte ich erstaunt.
Sie
nickte. „Ab und zu habe ich eine Schule besucht, aber es ging nie lange gut. Wir
mussten umziehen und dann kamen wieder andere Sachen dazwischen.“
Obwohl
es mich sehr interessierte, was das für andere Sachen waren, stellte ich die
Frage nicht. Sie sah ihm Moment nicht so aus als wäre sie gewillt, mich in
irgendwelche persönlichen Informationen ihrer Vergangenheit einzuweihen.
„Ich
muss Hausaufgaben machen, Klausuren schreiben“, fuhr sie fort. „Das kostet
Zeit.“
„Wie war
denn das im Heim geregelt?“
„Ich
sollte ab heute die Schule besuchen“, antwortete sie. „Das hat sich ja nun zum
Glück zerschlagen. Also mache ich so weiter. Ist sowieso besser so. Es hätte nur
wieder Ärger gegeben.“
„Du hast
Susan gegenüber nicht erwähnt, dass du übers Internet lernst?“
„Nö.“
Erst da
fiel mir ein, dass Susan gesagt hatte, Vivian würde mit niemandem sprechen. Wenn
sie sich in der Schule genauso benommen hatte, war mir vollkommen klar, dass das
weder bei den Lehrern noch bei Mitschülern unbedingt auf Gegenliebe gestoßen
war. Wahrscheinlich war es jetzt schon gleich gar nicht mehr möglich, Vivian auf
eine normale Schule zu schicken.
Ich fuhr
den Rechner hoch, zeigte Vivian, wie sie ins Internet kam und ließ sie dann
allein. Ich wusste bisher sehr wenig über ihr Leben, aber sie schien sehr viel
Zeit allein mit sich selbst verbracht zu haben. Kein Wunder, wenn Probleme
auftraten, sobald sie sich mit anderen Menschen arrangieren musste.
Ich war
kaum wieder im Wohnzimmer, als das Telefon klingelte. Erst jetzt fiel mir ein,
dass Larry heute diesen dämlichen Psychologentermin vereinbart hatte. Es war
gerade mal zehn nach sechs, es konnte also doch unmöglich Larry sein, der sich
schon erkundigen wollte, wie das Gespräch verlaufen war.
Trevor
und Sheldon reagierten zum Glück nicht. Es wäre auch eine Frechheit gewesen, an
mein Telefon zu gehen.
„Ja?“,
fragte ich in den Hörer.
„Anne?“
Ich
hätte am liebsten sofort wieder aufgelegt. Es war Larry und der Teufel mochte
wissen, warum er jetzt schon anrief.
„Du bist
nicht bei Dr. Alban.“
Ich
holte tief Luft. Natürlich war ich das nicht, sonst hätte ich ja den Hörer nicht
abnehmen können. „Ich habe nicht gesagt, dass ich hin gehe.“
„Anne,
ich will dich nicht drängen“, fuhr er fort. „Dr. Alban hat mich angerufen, weil
du bis jetzt nicht erschienen bist und er sich Sorgen macht.“
Huh?
Der
Mann kannte mich doch gar nicht.
„Er
sagte, es ist nicht ungewöhnlich, wenn Personen, die unter psychischen Stress
stehen unter gewissen…ähm…ja…Vorstellungen leiden, die mit der Realität nichts
zu tun haben. Es ist wichtig, diese zu behandeln.“
Vorstellungen?
Was zum Teufel hatte Larry dem Mann erzählt?
„Larry,
jetzt hör mir einmal zu“, sagte ich gefährlich ruhig. „Ich bin nicht krank. Und
ich werde keinen Klapsdoktor aufsuchen, der mir einredet, dass ich es doch bin.
Ich habe mir einen Partner gewünscht, der an meiner Seite steht, keinen, der
mich in die Irrenanstalt einliefern will.“
„Psychisch Kranke können selbst nicht erkennen, dass sie krank sind, Anne“,
redete er weiter. „Hör dir doch einfach an, was der Mann zu sagen hat. Du bist
nicht die einzige Person, die eigenartige Gestalten sieht und Alpträume hat.“
Für
einen Moment setzte mein Denken völlig aus. Ich hatte Larry von den Alpträumen
erzählt. Komische Gestalten hatte ich nie erwähnt.
„Was für
Gestalten?“, fragte ich leise, obwohl mein Herz wie wahnsinnig hämmerte.
„Nun…ich
meine…“, begann er zu stottern. „Dr. Alban sagte, es gibt viele Menschen, die
Dinge sehen, die so nicht existieren. Du…du hast bestimmt erwähnt…“
„Ich
habe nichts dergleichen erwähnt“, unterbrach ich ihn scharf.
„Doch,
hast du bestimmt“, erwiderte er. „Dr. Alban sagt auch…“
„Ich
will nicht wissen, was dieser dämliche Dr. Alban sagt!“, fuhr ich ihn an.
„Vielleicht hättest du den Termin wahrnehmen sollen!“
„Anne,
ich denke, wir stecken in einer Sackgasse. Dr. Alban ist Spezialist für
stressinduzierte Wahnvorstellungen und du solltest…“
Ich
legte auf. Ich wollte nicht hören, was ich sollte und mit Wahnvorstellungen
musste ich mich jetzt wirklich nicht beschäftigen. Denn dann würden wir vier
Personen hier in der Wohnung jetzt unter kollektiven Wahnvorstellungen leiden.
Ich war mir fast sicher, Dr. Alban würde auch das behaupten.
Als ich
mich umdrehte, begegnete ich den fragenden Blicken von Sheldon und Trevor. Ich
hatte keine Lust, den beiden das Gespräch wiederzugeben. Es ging sie schließlich
nichts an, es war eine Sache, die einzig und allein Larry und mich betraf.
„Sagt
euch der Name Alban etwas?“, fragte ich dennoch. „Dr. Alban? Psychiater?“
Trevor
schüttelte den Kopf. Sheldon überlegte etwas länger, doch dann meinte auch er:
„Nein. Ich kenne den Namen nicht. Ich müsste den Mann sehen, um es beurteilen zu
können.“
Ich
zuckte nur mit den Schultern. „Ich habe nicht vor, einen Psychiater
aufzusuchen.“
Das
hatte ich tatsächlich nicht vor. Vielleicht hatte ich mich vor einer Woche noch
für ziemlich durchgeknallt gehalten, heute wusste ich, dass mehr dahinter
steckte und ich wollte wissen, was. Die Nacht würde wieder lang werden und es
wurde Zeit, mich mit den wichtigen Dingen meiner Selbstverteidigung zu
beschäftigen. Für Larrys Psychospiele hatte ich keine Zeit.
Die
nächsten Tage vergingen wie im Flug. Obwohl ich jeden Tag müder wurde, weil
meine Nächte einfach zu kurz waren, gab ich nicht auf. Manchmal fühlte ich mich
der Verzweiflung nahe, vor allem in solchen Situationen, wo ich keinerlei
Kontrolle über das hatte, was in mir schlummerte. Ich sah, wie spielerisch
Sheldon und sogar Vivian mit Magie umgingen und ich hätte am liebsten geweint.
Sheldon erklärte mir, dass es Vivian viel einfacher gehabt hatte, weil sie mit
dem Wissen aufgewachsen und von Kindesbeinen an daran gewöhnt war, Magie zu
benutzen. Das nützte mir gar nichts. Weshalb hatten meine Eltern von meiner
Begabung nichts gespürt? Waren nicht ab und an sonderbare Dinge passiert?
Ich
konnte mich nicht mehr erinnern und fand das schrecklich. Es gab wenige Dinge
aus meiner Kindheit in meinem Kopf, viel zu wenige, wenn ich es mir jetzt genau
überlegte, und ich bekam Angst, dass sich irgendetwas in meinem Unterbewusstsein
verbarg, das mich erschrecken würde. Da waren einige Sachen, die sich vor dem
Tod meiner Eltern abgespielt hatten, normale Dinge, wie der Besuch des
Kindergartens oder ein kleiner Streit. Mit dem
Autounfall war Schluss und die gesamte Zeit bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr
war ein diffuses graues Loch, einzig und allein durchbrochen von vereinzelten
Bildern, die ich nie zuordnen konnte: düstere Räume, Gesichter von fremden
Kindern, denen ich keinen Namen geben konnte oder eben diese kurze Sache, als
mich die Heimleiterin, Miss Letitia, zwang Schlaftabletten zu nehmen. Meine
Erinnerungen setzten mit dem Verlassen des Heims und dem Beginn meiner Lehre
bruchstückhaft wieder ein und ich wusste weder den Grund für das Verschwinden
noch den für das plötzliche Wiedereinsetzen.
Sheldon
hatte mir angeboten, eine Reise in mein Unterbewusstsein zu unternehmen, aber
ich hatte abgelehnt. Ich war noch nicht so weit, dass ich es erfahren wollte.
Vivian
hatte mit den Schultern gezuckt und lakonisch gemeint, schlimmer als ihre
Kindheit könne meine nicht gewesen sein. Jede weitere Frage danach hatte sie
allerdings nicht beantwortet, sondern war wieder in ihr Zimmer und an den
Computer verschwunden.
Wir
hatten jetzt auch einen Internetanschluss in ihr Zimmer gelegt. Sogar Trevor sah
es ein, nachdem ich ihm erklärt hatte, warum Vivian so viel Zeit im Internet
verbrachte. Die beiden blieben weiterhin wie Hund und Katze, bemühten sich aber
die meiste Zeit sich zu ignorieren.
Ich
dagegen kam mit der jungen Vivian ziemlich gut aus. Sie redete nicht viel und
manchmal sahen wir sie den ganzen Abend nicht. Mir war vollkommen klar, dass das
nicht das normale Verhalten einer Sechzehnjährigen war, aber ich war nicht ihre
Mutter und was sollte ich tun? Ein Familienleben konnten wir ihr weiß Gott nicht
bieten und im Moment hatte ich mit den Dingen, die auf mich einstürmten, mehr
als genug zu tun. Vivian hatte die letzten Monate allein verbracht und wie ihr
Leben davor ausgesehen hatte, mochte ich mir gar nicht vorstellen. Ein normales
Teenagerleben war es jedenfalls garantiert nicht gewesen.
Im Laufe
der nächsten Wochen begann mir der ganze Stress langsam aber sicher über den
Kopf zu wachsen. Larry rief noch drei Mal an und irgendwann sagte ich ihm, er
solle endlich seine Sachen holen, damit wir die Angelegenheit beenden konnten.
Er legte beleidigt auf, aber zu diesem Zeitpunkt war es mir herzlich egal.
Ich bin
kein Mensch, der mit drei Stunden Schlaf auskommt.
Es fiel sogar Steel auf, dass ich nur noch Kaffee trank. Schlimmer war
allerdings, dass ich Fehler machte. Ich war eigentlich ein sehr gewissenhafter
Mensch, aber wenn mir den ganzen Tag nur im Kopf herumging, was daheim
passierte, ich mich an Sheldons Anweisungen versuchte zu erinnern und an meinem
Büroschreibtisch geistige Meditation versuchte, um meinen mentalen Schirm
aufrechtzuerhalten, dann musste meine Arbeit darunter leiden.
Hummer
war der erste, der mit einem ernsten aber anzüglichen Grinsen meinte, mein
Privatleben sollte keinen Einfluss auf meine Arbeit haben, ich solle doch nachts
endlich mal wieder schlafen. Mir war vollkommen klar, dass seine Vorstellungen
über das, was ich nachts tat, keineswegs mit dem überein stimmten, was ich
tatsächlich machte, aber es war egal. Eine
Woche später rief mich Steel in sein Büro und erklärte mir dasselbe noch einmal.
„Ich
kenne Sie nur als eine sehr exakte Frau, Ms Stelter“, sagte er ernst. „Aber in
den letzten Wochen haben Sie sich verändert. Sie sind zerstreut, nicht bei der
Sache, vergesslich…“
„Es tut
mir leid“, gab ich zerknirscht zu. „Ich habe ein paar…ähm…private Probleme.“
Steel
nickte. „Stanley sagte, Sie hätten sich von Ihrem Freund getrennt. Es darf
keinen Einfluss auf die Qualität Ihrer Arbeit haben, Ms Stelter.“
„Ich
weiß. Es ist nur alles im Moment etwas…durcheinander.“
„Ich
würde Ihnen Urlaub anbieten, aber ich habe im Augenblick keine Ersatzkraft für
Sie“, fuhr er fort. „Ich kann mir nicht leisten, all Ihre Arbeit zu
kontrollieren. Sollte sich an Ihrer Arbeit in den nächsten Tagen nichts ändern,
bin ich gezwungen, über einen permanenten Ersatz für Sie nachzudenken.“
Ob mir
das nun gefiel oder nicht, ich konnte ihn verstehen.
„Vielleicht sollten Sie mit einem Arzt reden, wenn Sie es nicht selbst schaffen,
Ihre Probleme zu bewältigen.“
Wollte
mich denn nur jeder in die Klapsmühle stecken? Benahm ich mich tatsächlich
verrückt? Ich setzte ein freundliches, wenn auch gezwungenes Lächeln auf. „Ich
denke, ich werde es allein schaffen.“
Steels
Miene sah nicht so aus, als würde er mir glauben, aber er nickte. „Ich möchte
Sie ungern verlieren, Ms Stelter. Aber ich werde dieses Gespräch nicht noch
einmal führen, sondern die Konsequenzen ziehen.“
Wieder
an meinem Platz vergrub ich für einen kurzen Moment mein Gesicht in meinen
Händen und atmete tief durch. Sollte ich den Job verlieren, hatte ich keine
Ahnung, wie ich mein weiteres Leben finanzieren sollte.
„Hat er
mit Ihrer Kündigung gedroht, Anne?“, störte mich keine Minute später Hummers
Stimme.
Schlagartig und völlig ohne mein Dazutun erwachte die Magie in mir zum Leben.
Ich hob den Kopf und sah ihn an. „Tun Sie bitte nicht so, als wüssten Sie nicht,
worüber Mr. Steel mit mir gesprochen hat.“
Hummer
grinste wie ein Schuljunge, goss sich Kaffee in eine große Tasse, setzte sich
auf meinen Schreibtisch und meinte: „Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, Sie
sollen nachts endlich mal wieder schlafen.“
Ich
hatte mehr damit zu tun, gegen das zu kämpfen, was in mir zu explodieren drohte.
„Es geht Sie einen Dreck an, was ich nachts tue“, sagte ich leise. „Und jetzt
gehen Sie von meinem Schreibtisch runter. Ich muss arbeiten.“
Mein
Schädel summte und urplötzlich wechselte auch meine Sicht. Ich hatte es bei den
Übungen mit Sheldon ebenfalls erlebt, denn in diesem Moment genügte ein winziger
Gedanke von mir, um in den Raum einzugreifen und etwas zu bewirken. Hummer
schien von funkelndem Licht umgeben zu sein und
selbst die Tasse in seiner Hand leuchtete grell.
Er
ignorierte meine Warnung und beugte sich zu mir. „Sie wissen, Anne, dass Sie mir
ans Herz gewachsen sind. Ich würde Sie ungern gehen lassen. Ich könnte ein gutes
Wort für Sie einlegen, wenn Sie möchten?“ Er lächelte wieder. „Vielleicht reden
wir bei einem gemütlichen Abendessen mal…“
Er kam
nicht dazu, den Satz zu vollenden, weil sich in diesem Augenblick meine
Beherrschung verabschiedete. Das einzige, was ich noch tun konnte, war, die
Magie nicht direkt in diesen arroganten Mann zu leiten. Mit einem Knall
explodierte die Kaffeetasse in seiner Hand und die dunkle Flüssigkeit spritzte
über ihn, meinen Schreibtisch und mich.
Hummer
schrie erschrocken auf und starrte dann geschockt auf den Henkel der Tasse, den
er noch immer zwischen seinen Fingern festhielt. Die Splitter der Tasse hatten
sich genauso über den Akten verteilt wie der Kaffee und ich fragte mich kurz,
wie ich unseren Mandanten erklären sollte, woher die dunklen Flecken auf ihren
Papieren kamen.
Dann
öffnete sich die Tür zu Steels Büro und mein Chef steckte den Kopf zur Tür
heraus.
„Was zum
Teufel ist hier los?“
Hummer
lachte unsicher und hob die Hand mit dem verbliebenen Henkel. „Unsere
Kaffeetassen explodieren“, sagte er und versuchte, belustigt zu klingen.
Für mich
hörte er sich einfach erschrocken an und der Blick, mit dem er mich musterte,
gefiel mir gar nicht. Ich erwiderte ihn ungerührt und sicherlich wunderte er
sich noch mehr, dass ich nicht hysterisch aufsprang und mich über den Vorfall
entsetzte. Aber ich hatte absolut keine Lust dazu. Mochte er denken, was er
wollte.
„So eine
Sauerei aber auch“, schimpfte Steel und kam näher. „Was hast du auch mit der
Tasse über Ms Stelters Schreibtisch zu suchen!“
Hummer
antwortete nicht. Was auch?
Ich
stand endlich auf und ging in die an mein Büro angrenzende kleine Küche, um nach
einem Lappen und Servietten zu suchen. Nebenan hörte ich die beiden Männer
diskutieren.
„Die ist
einfach in meiner Hand zersprungen“, zischte Hummer. „Wie geht denn so was?“
„Materialermüdung. Zu heißer Kaffee.“ Steels Antwort klang genervt. „Sieh jetzt
endlich zu, dass du in dein Büro kommst und lass Ms Stelter hier für Ordnung
sorgen.“
Hummer
verschwand endlich, allerdings nicht, ohne mir vorher noch einen misstrauischen
Blick zuzuwerfen. Steel schüttelte weiterhin ungläubig den Kopf, als er das
Chaos auf meinem Schreibtisch sah.
„Schreiben Sie alle Dokumente neu“, wies er mich dann an.
Als ob
ich das nicht sowieso getan hätte. Er verschwand wieder in seinem Büro und ich
machte mich seufzend daran, die Scherben aufzulesen. Ich war etwas entsetzt über
mich selbst, denn zum ersten Mal begriff ich, dass meine Gabe durchaus in der
Lage war, andere Menschen zu verletzen. Mit dem Zellstoff der Küchenrolle
versuchte ich notdürftig, den Kaffee zu beseitigen. Die Hälfte der Akten war
ruiniert. Darunter befanden sich auch Originaldokumente von Mandanten, die ich
nicht ersetzen konnte. Steel würde sich eine schöne Ausrede einfallen lassen
müssen, um die Flecken zu erklären.
In
diesem Moment öffnete sich die Eingangstür und ich schaute überrascht hoch.
Weder Steels noch Hummers Terminkalender wiesen zu dieser Uhrzeit Termine auf.
Es waren zwei Männer in dunklen Anzügen, die den Raum betraten. Übergangslos
erschien es mir, als sinke die Temperatur um einige Grade und mein Herz fing an
zu hämmern.
„Guten
Tag“, begrüßte mich der Größere von beiden höflich und ohne sich anmerken zu
lassen, ob er mein Erschrecken bemerkt hatte. „Mein Name ist Narvin. Und das ist
mein Mitarbeiter Dreman“, stellte er sich selbst und den anderen Mann vor.
Ich war
froh, dass er mir die Hand nicht reichte. Mit allem, was mir Sheldon in den
letzten Wochen beigebracht hatte, versuchte ich mich zu beruhigen und das kleine
Licht der Magie in meinem Inneren so winzig wie möglich zu halten. Allerdings
konnte ich nicht verhindern, dass sich das Cyana erwärmte, das ich unter meiner
Bluse verborgen trug.
„Wie
kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte ich mich mit einer Stimme, die nicht wie
meine eigene klang.
„Wir
würden gern mit Armin Steel sprechen.“
Ich tat
so, als müsse ich in Steels Terminkalender nachschauen. „Oh, das tut mir leid,
heute ist es mir leider nicht möglich, Sie dazwischen zu schieben. Ich könnte
Ihnen einen Termin nächste Woche…“
„Jetzt
sofort“, unterbrach mich Narvin ruhig, aber mit einer gewissen Schärfe in der
Stimme.
„Das
geht nicht, Mr. Narvin“, antwortete ich höflich und blätterte im Kalender.
„Sehen
Sie mich an, Ms“, sagte er leise und ich hob überrascht den Kopf.
Hätte
ich es lieber mal nicht getan. Mir entfuhr ein erschrockener Aufschrei, als ich
in sein jetzt verändertes Gesicht schaute. Seine Augen glühten in einem düsteren
Rot und im gleichen Moment, in dem sich unsere Blicke begegneten, traf es mich
wie ein Hammer. Ich schnappte nach Luft und kämpfte im gleichen Atemzug dagegen
an, aufzustehen und die Männer zu Steels Büro zu begleiten.
„Wir
bitten Sie, uns bei Mr. Steel anzumelden“, sagte Narvin liebenswürdig.
Ich
wettete plötzlich mit mir selbst, dass eine andere Person an meiner Stelle, ein
normaler Mensch, genau das sofort getan hätte. Ein unwahrscheinlicher Druck
bildete sich in meinem Kopf, legte sich auf mein Hirn und schien mein ganzes
Denken zu beeinflussen. Ganz leise murmelte eine Stimme im Hintergrund:
Melden Sie uns an…
Ich
wollte es tun, ich wollte es wirklich tun und das entsetzte mich. Krampfhaft
blinzelte ich, als könnte ich mich dadurch aus dem Bann seiner eigenartigen
Augen befreien. Meine Finger umklammerten Steels Terminkalender und ich fühlte
die Schweißperlen, die sich auf meiner Stirn bildeten.
„Das
geht jetzt nicht“, krächzte ich. „Mr. Steel hat ein Mandantengespräch.“
Ich
betete, dass mein Chef nicht in genau dem Moment wieder aus seinem Büro
herauskam. Der Druck in meinem Kopf wurde stärker. Übelkeit stieg in mir hoch
und Steels Kalender fiel aus meinen Händen auf den Schreibtisch. Ich kämpfte
verzweifelt gegen den Bann der Augen, doch ich schaffte es nicht, meinen Blick
von ihnen zu lösen. Es schien, als wären nur noch die
Augen wichtig, die Umgebung verschwamm zur Bedeutungslosigkeit und mir
war es, als würde ich in die rote Tiefe fallen, um mich darin zu verlieren.
Nur
unbewusst spürte ich die Wärme des Cyanas auf meiner Haut, aber vielleicht war
das der Auslöser. Mit dem letzten Funken Selbständigkeit riss ich meine Hände
hoch zu meinem Hals, zerrte an der Kette das Amulett zum Vorschein.
Im
gleichen Moment schrieen beide Männer auf und der Bann brach. Meine Hände
umklammerten das jetzt grell leuchtende Schmuckstück, während ich auf wackeligen
Beinen stehen blieb. Noch immer leuchteten die Augen Narvins rot, doch jetzt
hatte sich sein Gesicht hasserfüllt verzerrt. Auch die Augen des anderen Mannes
glühten in dieser düsteren Farbe.
Ich
hielt das Amulett wie einen Schutzschild vor meinen Körper und die beiden Männer
wichen weiter zurück.
„Raus“, stieß ich hervor und hoffte, meine Stimme würde wenigstens ein bisschen überzeugend klingen. „Sofort raus hier!“
„Cyana“,
zischte Narvin. „Ein Cyana.“
Ich
hatte keine Ahnung, was er war. Außer den roten Augen konnte ich keine
Veränderungen an den beiden erkennen. Auch jetzt, nachdem das Amulett zum Leben
erwacht war, reagierten die beiden, außer dass sie zurückwichen, nicht. Es gab
nicht dieses Erwachen dunkler Magie und sie schienen auch keine Waffen bei sich
zu haben.
Ich
wusste nicht, was ich hätte tun sollen, wenn sie eine gezogen hätten.
Narvin
neigte mit einer spöttischen Bewegung leicht den Kopf. „Wir kommen wieder,
Lucyana. Ihr könnt nicht immer da sein, um ihn zu schützen.“
Dreman
lächelte ein genauso hinterhältiges Grinsen. „Ihr seid schwach, Lucyana.“
Keine
Ahnung, was er meinte, aber ich fühlte mich eindeutig schwach. Schwach und
hilflos. Und ich hasste das. Niemand hatte mir erklärt, wie ich mich in solch
einer Situation verhalten sollte. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wer da vor
mir stand.
Allerdings ließ ich mir das nicht anmerken. „Verschwindet. Alle beide! Sofort!“
Beide
Männer fingen an zu lachen, gingen aber weiter rückwärts zur Tür. „Wenn Ihr
alles seid, was wir fürchten müssen…“
Mit
einem Klick rastete die Tür ein, als sie sie hinter sich schlossen und ich sank
auf meinen Stuhl zurück. Fassungslos und entsetzt.
~*~*~*~*~*~
Mein
Herz wollte sich gar nicht wieder beruhigen und ich fühlte mich, als müsste ich
gleich losheulen.
Was
wollten sie von Steel? Wer waren sie? In welcher Gefahr schwebte ich jetzt?
Denn
dass diese Wesen die ganze Sache jetzt auf sich beruhen lassen würden, das
bezweifelte ich stark. Ich musste eine ganze Weile auf meinem Platz gesessen und
blicklos vor mich hin gestarrt haben.
Als sich
die Eingangstür wieder öffnete, hüpfte ich in meinem Stuhl hoch, darauf gefasst,
erneut irgendwelchen unheimlichen Gestalten gegenüberzustehen. Diesmal jedoch
war es Vivian, die zur Tür hereinstürmte, dicht gefolgt von Trevor. Ich konnte
nicht behaupten, dass mich diese Tatsache irgendwie beruhigte.
Vivian
blieb mitten im Zimmer stehen und ihr Blick huschte über meinen Tisch und dann
durch den Raum. Trevor hatte die Hände in den Taschen seiner dunklen Jeans
vergraben und seufzte.
„Tut mir
leid, Annie. Sie gab keine Ruhe. Sie faselte irgendwas von einem Leuchtfeuer,
das du losgelassen hast…“ Er verdrehte die Augen. „So groß kann das Feuer nicht
gewesen sein, sonst hätte ich es auch gespürt. Was ist passiert?“
Ehe ich
antworten konnte, hauchte Vivian: „Hier waren Hypnos…“
Trevors
gelangweilte Miene verschwand von einem Augenblick zum anderen. „Was sagst du
da?“
Das
junge Mädchen sah mich nachdenklich an. Sie war wieder so dunkel geschminkt,
dass sie noch bleicher wirkte als sie tatsächlich war. Ich konnte nicht
behaupten, dass es ihr nicht stand, aber es gab ihr einen Hauch von Melancholie
und Dunkelheit. „Die Hypnos können deine Magie nicht spüren. Sie waren nicht
wegen dir hier.“
Ich
würde wirklich gleich heulen, wenn sie nicht aufhörten, mir laufend neue Dinge
zu erzählen.
„Bist du
okay, Anne?“, fragte Vivian dann vorsichtig.
Ich
schüttelte wortlos den Kopf.
Trevor
kam ebenfalls näher und ließ seinen Blick über meinen chaotischen Schreibtisch
gleiten. „Was ist denn hier passiert?“
„Das,
was ich gespürt habe“, antwortete Vivian an meiner Stelle. „Soll ich dir
aufräumen helfen, Anne?“
Trevor
grinste schief. „Sieht aus als ist Kaffee explodiert. Hat dich jemand geärgert?“
Ich
vergrub meinen Kopf auf dem Tisch in meinen Armen und nuschelte: „Ich will mein
altes Leben zurück.“
Übergangslos spürte ich einen warmen Strom Magie durch meinen Körper fließen und
mein Kopf schoss hoch. Vivian hatte ihre Hand gehoben und bewegte sie mit einem
leichten Lächeln um die Mundwinkel über meinen Schreibtisch.
Ich
starrte mit offenem Mund, mehr fasziniert als entsetzt, auf die durchweichten
Blätter und Akten. Die dunklen Kaffeeflecke schrumpften, feuchtes Papier
glättete sich und trocknete wie von Zauberhand.
„Verdammt!“, schrie Trevor erbost und riss das junge Mädchen zur Seite. „Hast du
denn nur überhaupt keinen Verstand im Kopf?“
Vivians
Augen blitzten zornig auf, sie fuhr herum und hob die Hand diesmal gegen Trevor,
der geistesgegenwärtig zurückwich und den mir schon bekannten Energieschirm
aufbaute. Ich sprang auf, doch ich konnte nicht mehr verhindern, dass dunkles
Licht in Trevors Schirm krachte und ihn aufglühen ließ.
„Aufhören!“ Meine Stimme kam kaum gegen das Zischen an, mit dem sich der magische Schirm wieder beruhigte.
Im
gleichen Augenblick meldete sich die Sprechanlage aus Steels Zimmer mit einem
Blinken. Ich fluchte unterdrückt, stürzte aber dann zu meinem Schreibtisch
zurück und nahm das Gespräch entgegen.
„Was ist
bei Ihnen da draußen los, Ms Stelter?“, fragte mein Chef ungehalten.
Ich
suchte einen Moment nach Worten. „N-nichts, Mr. Steel“, stotterte ich. „Es sind
keine Mandanten anwesend.“
„Klären
Sie Ihre Privatangelegenheiten zu Hause, Ms Stelter! Das ist mein letztes Wort
in dieser Angelegenheit. Haben wir uns verstanden?“
„Ja, Mr.
Steel“, knirschte ich zwischen den Zähnen hindurch und legte wieder auf.
Dann
bedachte ich Trevor mit einem eisigen Blick. „Raus jetzt! Wir reden heute Abend
weiter. Wäre schön, wenn ihr euch bis dahin nicht gegenseitig umgebracht habt.“
„Ich
fahre nicht mit ihm heim“, verkündete Vivian und wandte sich zur Tür.
„Und ob
du das wirst!“, fauchte Trevor, wollte ihr folgen, doch im selben Moment hatte
sie sich wieder umgedreht und er stoppte, als wäre er gegen eine Wand gelaufen.
„Gib mir
nie Befehle“, sagte sie leise und todernst. Selbst ich konnte die Macht spüren,
die hinter ihren Worten stand. Plötzlich sank die Temperatur im Zimmer wieder um
ein paar Grad und dunkles Licht umspielte Vivians schlanken Körper. „Droh mir
nie und gib mir nie Befehle.“
Trevor
bewegte sich nicht, aber seine grauen Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Unterschätz mich nicht, kleine Hexe. Ich bin ein paar Jahre länger auf der Welt
als du und ich lebe noch. Was glaubst du, warum?“
Ihre
dunklen Augen begannen zu glühen. „Es interessiert mich nicht, Jäger. Für mein
Leben bin nur ich selbst verantwortlich.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um
und stürmte zur Tür hinaus.
„Sehr
diplomatisch“, kommentierte ich den Dialog ironisch.
„Irgendjemand hat vergessen, ihr mal ordentlich den Hintern zu versohlen“, knurrte er böse. „Ich werde mich nicht darum kümmern, was sie jetzt treibt. Meinetwegen kann sie von der halben schwarzen Magierschaft gejagt werden.“
Ich
runzelte die Stirn. „Besteht die Gefahr?“
Er
zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Sie hat dich gespürt, Annie. Sie scheint
ein verdammt guter Magiespürer zu sein, wenn sie solche Kleinigkeiten
registriert.“ Er deutete auf meinen nun gar nicht mehr so chaotischen
Schreibtisch. „Es gibt solche Wesen, manchmal menschlich, manchmal nicht. Jede
Seite verfügt über sie und setzt sie zu ihren Zwecken ein. Und so wie sie dich
gespürt hat, hätte dich jeder andere Magiespürer entdecken können. Sie hat jetzt
das Gleiche getan und wenn jemand sie sucht, hat sie ihm gerade eine ordentliche
Spur gegeben.“ Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Na ja, so groß ist
die Gefahr nicht. Es muss wirklich jemand speziell auf sie gezielt horchen und
ob das der Fall ist…“ Seine Stimme verklang und er zuckte mit den Schultern. „Es
interessiert mich wirklich nicht. Soll sie machen, was sie will. Wir sehen uns
heute Abend, Annie.“
Damit
hob er kurz grüßend die Hand und verließ den Raum ebenfalls.
Ich
starrte eine ganze Weile auf die geschlossene Tür, ehe ich mich wieder meinem
Schreibtisch zuwandte. Nichts erinnerte mehr an das Kaffeechaos von vor noch
wenigen Minuten.
Meine
Nerven waren im Moment wirklich nicht die besten. Zum einen wegen des Gesprächs
mit Steel und der Gefahr einer Kündigung und zum anderen durch das Auftauchen
dieser so genannten Hypnos. Ich hatte jetzt einfach nicht die Nerven, mich auch
noch mit einem Streit zwischen Vivian und Trevor zu beschäftigen.
Aber als
ich meinen jetzt sauberen Tisch betrachtete, stiegen Schuldgefühle in mir auf.
Ich hätte Vivian verteidigen sollen. Sie hatte mir einen Gefallen tun, mir
helfen wollen. Vielleicht hatte sie die Folgen nicht bedacht oder einfach keinen
Gedanken daran verschwendet. Davon einmal abgesehen, dass die mir selbst noch
nicht allzu klar waren. Wer wusste, ob sie in ihrem bisherigen Leben sehr vielen
Menschen geholfen hatte. Ich bezweifelte das irgendwie. Und jetzt tat sie es und
was bekam sie dafür?
Seufzend
sank ich auf meinen Platz und wünschte mir, die Zeit zurückzudrehen. Oder
vorzudrehen, damit ich endlich Feierabend machen konnte. Eigentlich war es
fantastisch, wie einfach Vivian das Chaos beseitigt hatte. Ich müsste eigentlich
dazu ebenfalls in der Lage sein. Nach Trevors Gemecker wagte ich es jedoch
nicht, es einfach einmal zu versuchen.
Aber was
war die ganze Magie wert, wenn ich sie nicht benutzen konnte?
Steel
hatte angenommen, ich hätte all die Briefe neu geschrieben. Vielleicht nahm er
auch an, ich hätte irgendeine wahnsinnig grandiose Idee parat gehabt, die
Kaffeeflecken aus den Belegen der Mandanten herauszubekommen. Ich hoffte
jedenfalls, dass er daran glaubte, da ich keine Ahnung hatte, wie ich ihm das
sonst erklären sollte.
Diesmal
allerdings fuhr ich mit einem unguten Gefühl nach Hause. Es war schon wieder
dunkel und komischerweise verursachte das Einbrechen der Nacht neuerdings bei
mir ein Gefühl, das ich einfach nur Angst nennen konnte. Ich hatte keine Ahnung
warum, aber es war, als würde sich eine dunkle Last auf mein Bewusstsein legen,
sobald ich das Haus verließ.
Jetzt
kamen natürlich die Geschehnisse vom Nachmittag noch dazu.
In
meiner Wohnung war es verdächtig still. Eigentlich grenzte es schon fast an ein
Wunder, dass Trevor mich nicht abgeholt hatte. Wie oft hatte er in den letzten
Wochen abends vor meinem Büro gestanden und auf mein genervtes Augenrollen nur
mit einem müden Lächeln geantwortet. Dass er heute nicht gekommen war, fiel mir
erst jetzt so richtig auf und mein ungutes Gefühl verstärkte sich noch.
Trevor
zog gerade seine Jacke über, als ich die Tür hinter mir schloss. „Ich muss weg,
Annie. Tu mir einen Gefallen und verlass die Wohnung nicht.“
Ich
runzelte die Stirn und fragte erschrocken: „Ist etwas passiert? Wo ist Vivian?“
„Keine
Ahnung, die ist noch nicht wieder aufgekreuzt. Sheldon hat mich gerufen, ich
weiß nicht, wie lange es dauert, aber hier in der Wohnung bist du vorerst
sicher.“ Er blieb vor mir stehen und sah mich ernst an. „Versprich mir, dass du
hier bleibst. Es reicht, dass ich mir um Shelly Sorgen mache.“
Mein
Magen zog sich zusammen. „Was ist mit ihm?“
„Irgendetwas passiert in der Stadt“, murmelte er nur. „Und wir wissen nicht, was
es ist. Bleib heute Nacht hier, okay?“
Ich
nickte langsam. Er hatte mich noch nie um etwas gebeten und die Sorgen, die in
seinen Worten mitschwangen, machten mir noch mehr Angst. Wenn da draußen etwas
war, das ihm einen Schrecken einjagte, dann wollte ich gleich gar nicht damit
konfrontiert werden.
Trevor
lächelte schwach. „Bis später.“
Meine
Augen folgten ihm und als die Tür mit einem Klicken hinter ihm zufiel, zuckte
ich zusammen. So toll war die Idee, allein in der Wohnung auszuharren, nun auch
wieder nicht.
Seufzend schlenderte ich in die Küche und überlegte, was ich zum Abendbrot essen
könnte. Ich hatte mich daran gewöhnt, nicht allein zu essen und jetzt die
plötzliche Stille zu fühlen, bedrückte mich. Selbst Trevors griesgrämige Miene
oder die schweigsame Vivian waren besser als gar keine Gesellschaft. Wo zum
Teufel steckte das Mädchen nur?
Ich
machte mir ein paar Brote, setzte mich vor den Fernseher und zappte durch die
Programme. Von Ruhe und Entspannung allerdings konnte keine Rede sein, da ich
ständig darüber nachgrübelte, was Trevor gerade machte oder was mit Vivian war.
Außerdem horchte ich auf jedes kleinste Geräusch in der Wohnung. Ich konnte mich
gar nicht entsinnen, jemals so schreckhaft gewesen zu sein. Ich hatte die Abende
immer genossen, die ich manchmal allein vor dem Fernseher, mit einem Buch in der
Hand oder vor dem Computer verbracht hatte. Heute benahm ich mich wie ein Kind,
das Angst im Dunkeln hatte.
So fuhr
ich auch wie von der Tarantel gestochen hoch, als ich hörte, wie meine Haustür
aufgeschlossen wurde. Sicher, es konnte nur jemand sein, der einen Schlüssel
hatte und eigentlich waren das nur Trevor und Vivian. Und Larry, um genau zu
sein, ebenfalls noch. Was mich wieder daran erinnerte, dass ich den Schlüssel
noch zurückfordern musste.
Ich
sprang auf und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ich nicht einmal eine
Waffe besaß. Das erschreckte mich mehr als alles andere. Ich war eigentlich ein
sehr friedfertiger Mensch und nun dachte ich darüber nach, meine Wohnung und
mich selbst mit einer Waffe zu verteidigen?
Es war
Vivian und ich zog erschrocken die Luft ein, als ich sie sah. Sie schaute mich
stumm an, ein Ausdruck in ihren dunklen Augen, den ich unmöglich beschreiben
konnte. Es war eine Art Wehmut, Traurigkeit und Resignation, die mir die Kehle
zuschnürte. Er traf mich mehr als der Rest ihres Aussehens. Die schwarze
Schminke war verschmiert, die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und an ihrer
gesamten Kleidung konnte ich dunkle Flecken erkennen, die ich für Blut hielt.
Ich konnte ihre Arme nicht sehen, aber ich hatte den Verdacht, auch dort neue
Verletzungen zu entdecken. Mir waren in den letzten Wochen keine neuen
Wunden an ihr aufgefallen und das hatte mich
beruhigt.
Ich
öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie ging wortlos an mir vorbei die
Treppe hinauf und ich hörte, wie sie die Tür ihres Zimmers hinter sich schloss.
Hinter mir lief der Fernseher weiter, während ich ebenfalls die Treppe
hinaufstieg und vor ihrer Tür stehen blieb. Ich war noch nie dafür bekannt
gewesen, meinen Mund halten zu können. Ich platzte selbst in unpassenden
Situationen mit dem heraus, was ich dachte. Die letzten Tage und Wochen jedoch
hatten meinem vorlauten Mundwerk einen gehörigen Dämpfer versetzt. Vielleicht
war das der Grund, aus dem mir gerade in diesem Moment nichts einfiel und ich
einen Augenblick benötigte, ehe ich reagierte.
Dann
jedoch machte ich einen Schritt auf ihre Tür zu und klopfte. „Vivian?“
„Nein“,
kam es von drinnen.
Also
das konnte sie jetzt voll vergessen. Ich drückte die Klinke herunter und öffnete
die Tür. Vivians Kopf schoss hoch und sie starrte mich böse an.
„Ich
will allein sein.“
Ich
holte erst einmal tief Luft, als ich bemerkte, dass sie ihre Jacke ausgezogen
und über den Stuhl gehängt hatte. Darunter trug sie nur ein kurzärmeliges
T-Shirt, das natürlich ihre Arme freiließ. Es waren jeweils drei neue Schnitte
auf ihren Unterarmen, auf denen das Blut schon wieder getrocknet war. Ich hatte
in den letzten Wochen wenig Gelegenheit gehabt, die Narben an ihren Armen zu
sehen. Entweder hatte sie einen langärmeligen Pullover getragen oder ich hatte
sie gar nicht zu Gesicht bekommen.
Langsam
zog ich mir einen Stuhl heran und setzte mich. Sie hatte das Desinfektionsmittel
schon auf dem Tisch stehen und war dabei, die Verletzungen zu versorgen. Es
waren viele Narben auf ihren Armen, meist auf den Unterarmen, aber auch in der
Nähe des Ellenbogens und die Oberarme hinauf. Einige schienen so tief gewesen zu
sein, dass sie genäht werden mussten, andere sahen nur oberflächlich aus.
Vivian
warf mir noch einen trotzigen Blick zu, dann begann sie, die neuen Wunden zu
reinigen als wäre ich nicht vorhanden.
„Ich
weiß, dass du mir heute helfen wolltest“, sagte ich leise. „Dort im Büro, als du
all das Chaos auf meinem Schreibtisch beseitigt hast.“
Es kam
keine Antwort und wenn ich ehrlich war, ich hatte auch keine erwartet.
„Ich
bin etwas überfordert mit meiner derzeitigen Situation“, fuhr ich fort. „Ich
verstehe so vieles nicht und es macht mich krank. Um mich herum passieren Dinge,
die meine Vorstellung überschreiten.“
Diesmal
erntete ich ein ironisches Verziehen ihrer Lippen, jedoch ohne dass sie von
ihrer Tätigkeit aufsah.
„Ich
hätte nicht zulassen dürfen, dass Trevor dich so anfährt. Vielleicht hast du
einen Fehler gemacht, aber du hast ihn nicht wissentlich begangen und mit einem
sehr lieben Hintergedanken.“
Jetzt
hatte sie aufgehört, die Schnitte zu versorgen und den Kopf gehoben.
„Es tut
mir leid, Vivian“, setzte ich noch hinzu. „Ich möchte nicht, dass du bereust,
mir geholfen zu haben.“
Der
Ausdruck in ihren Augen hatte sich verwandelt. Wo ich vorher Ablehnung und Trotz
gesehen hatte, stand jetzt einfach nur noch Unglaube. Sie öffnete den Mund, als
wolle sie etwas sagen, schloss ihn dann jedoch wieder. Ich lächelte schwach.
„Trevor
kann manchmal ein richtiges Trampeltier sein. Ich hätte ihm das mal sagen
sollen.“
Vivian
schluckte, ehe sie hervorbrachte: „Du…du entschuldigst dich bei mir?“ Es klang
nicht so als würde sie mir glauben.
Ich
nickte. Eine ganze Weile schaute sie mich einfach nur an. Dann begann sie
wieder, ihre Verletzungen abzutupfen.
„Bei
mir hat sich noch nie jemand entschuldigt“, murmelte sie Ewigkeiten später so
leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.
Was
sollte ich daraufhin sagen? Ich beobachtete einen Moment lang, was sie tat, dann
erkundigte ich mich vorsichtig: „Es muss nicht genäht werden?“
Vivian
schüttelte den Kopf. „Mir ist egal, was du denkst“, sagte sie dann und der Trotz
in ihrer Stimme war wieder da.
„Woher
willst du wissen, was ich denke?“
Sie
legte den Zellstoff zur Seite und hob den Kopf. „Alle denken dasselbe. Sie
schauen mich an, sehen die Narben und verabscheuen mich. Ich sehe es in ihren
Augen, in der Art, wie sie mich mustern, ich höre es in ihren Gedanken. Und es
ist mir egal. Es ist mir schon lange egal, was andere Menschen von mir denken.“
Ich
kannte sie nicht lange genug, um das zu beurteilen. Nachdenklich stützte ich
mein Kinn auf meine Hand und sagte: „Ich verabscheue dich nicht. Ich stelle mir
mehr die Frage nach dem Warum.“
„Es
geht dich nichts an“, kam es sofort, aber weniger gereizt als ich erwartet
hatte.
Vielleicht ging es das tatsächlich nicht. Ich nickte langsam. „Möglich. Aber du
wohnst jetzt hier, Vivian. Es ist ganz normal, dass ich mir Fragen stelle und
auch, dass ich mir Sorgen mache. Einige dieser Verletzungen“, ich deutete auf
ihre Arme, „mussten genäht werden. Hat da niemand Fragen gestellt?“
Sie
verzog den Mund. „Mom hat sie genäht oder ich selbst.“
„Oh“,
machte ich nur überrascht. Das hatte ich jetzt zuallerletzt erwartet.
„Und
keine Bange, ich kann es. Es besteht nie die Gefahr, dass ich deswegen einen
Arzt aufsuchen muss.“ Sie packte das Desinfektionsmittel und die Zellstoffpads
wieder zusammen und stellte sie zurück in ihren Schrank. Ich blieb sitzen.
Erstens, weil ich keine Lust hatte, mich wieder allein im Wohnzimmer aufzuhalten
und zweitens, weil ich eigentlich noch eine Menge Fragen hatte.
Vivian
drehte sich am Schrank um und sah mich an. „Ich geh duschen.“
„Wo
warst du heute den ganzen Tag?“, erkundigte ich mich leise, ohne auf ihre
Aussage einzugehen.
Sie
nahm ein Handtuch aus dem Schrank und griff nach ihrem Schlafanzug. „Ich geh
jetzt duschen“, sagte sie wieder und ging an mir vorbei zur Zimmertür.
Hm, zum
Reden zwingen konnte ich sie ja schlecht. Seufzend stand ich auf und folgte ihr
aus dem Zimmer hinaus. Ich würde Trevor noch einmal genauer nach dieser
Anastasia ausfragen. Selbst wenn ich Vivian noch nicht allzu lange kannte, ich
hätte gern ein paar Antworten auf meine Fragen. Vor allem, weil sie mir ähnlich
war. Sie war das, was ich einmal werden konnte, mit dem einzigen Unterschied,
dass sie bisher auf der anderen Seite gestanden hatte. Ob sie da jetzt noch
immer stand, oder aus welchen Gründen sie das nicht tat, das war eine andere
Sache und über die wollte ich jetzt gleich gar nicht nachdenken.
Ich
setzte mich wieder auf die Couch und machte den Fernseher aus. Ich war sowieso
nie ein Fan dieses Gerätes gewesen, sondern hatte ihn heute nur eingeschaltet,
um die Stille in der Wohnung zu ertragen, und griff nach dem Buch, das ich vor
einiger Zeit angefangen hatte und das noch immer auf meinem Couchtisch lag.
Allerdings war es genauso utopisch anzunehmen, ich könnte mich auf das Buch
konzentrieren. Ich las die Zeilen und meine Gedanken schweiften zu einem
verletzten jungen Mädchen und zu einem Mann, der wollte, dass ich in der Wohnung
blieb, weil da draußen eine Gefahr lauerte. Und ich wusste von gar nichts. Es
war einfach frustrierend.
Es
dauerte zirka zwanzig Minuten, dann hörte ich wieder die Badezimmertür im
Obergeschoss auf und zu gehen. Kurz darauf vernahm ich, wie jemand die Treppe
herunterkam, aber ich schaute in mein Buch, als wäre ich darin vertieft und
würde gar nichts um mich herum mitbekommen. Vivians Schritte stockten in der
Mitte des Wohnzimmers, so als müsse sie überlegen, dann kam sie auf mich zu und
ich hob den Kopf, als sie sich auf die andere Seite der Eckcouch niederließ.
Ich
würde jetzt keine Fragen stellen. Wenn sie etwas sagen wollte, dann sollte sie
es gefälligst tun. Jetzt, ohne die schwarze Schminke und in ihrem Schlafanzug,
sah sie wieder sehr jung aus, jünger als sie war und verdammt unschuldig.
Es
dauerte eine Weile, in der keiner von uns beiden einen Ton sagte, ehe sie tief
Luft holte. „Ich habe versucht herauszufinden, warum die Hypnos in der Stadt
sind.“
Das
überraschte mich mehr als alles andere. „Und…hast du…hast du etwas
herausgefunden?“
Sie
schüttelte langsam den Kopf. „Sie hatten Spürer dabei“, gab sie dann zerknirscht
zu. „Ich habe sie auf meine Fährte gelockt und dann einiges damit zu tun gehabt,
sie wieder loszuwerden.“
Ich
seufzte. „Erklär es mir. Ich weiß weder, was Hypnos sind noch Spürer.“
Vivian
lächelte schwach und traurig. „Es ist wirklich eine Schande, dass sie dich so
unwissend gelassen haben. Hypnos sind Wesen von der Welt Zylomor. Sie sehen
Menschen sehr ähnlich und sie können sich auch mit Menschen paaren. Sie vererben
ihre Gabe aber niemals in der gleichen Stärke an ihre Nachkommen. Nur echte,
reinrassige Zylomer werden als Hilfskräfte angeheuert. Sie zwingen anderen ihren
Willen auf, machen sie zu Marionetten, ohne dass diese sich dagegen wehren
können.“
Da war
sie wieder, die Angst, die meinen Magen zusammenzog. „Bei mir hat es nicht
funktioniert.“
„Nein.“
Vivian schüttelte den Kopf. „Einen Magier können sie nicht versklaven. Seine
Magie schützt ihn. Hypnos sind nicht in der Lage, Magie zu spüren, aber sie
wissen, was es bedeutet, wenn ein Mensch gegen ihren Einfluss immun ist.“
„Und
Spürer?“
„Spürer
gibt es auf so ziemlich jeder Welt“, erklärte Vivian lakonisch. „Die Gabe ist
mal mehr, mal weniger ausgebildet. Spürer können Magie orten. Sie erkennen und
merken sich die magische Komponente eines jeden einzelnen und können diesen
gezielt in einer Menge finden. Meist arbeiten Spürer und Jäger zusammen.“
„Dann gibt es mehrere Jäger?“, erkundigte ich mich überrascht.
Sie
lächelte wieder schwach. „Es gibt viele Jäger, aber nur einen, der den Titel
Der Jäger trägt.“
„Trevor…“ Ich holte tief Luft. „Dann waren heute auch Jäger auf deinen Fersen?“
Vivian
nickte. „Stümper“, sagte sie dann mit einem abfälligen Unterton in der Stimme.
„Aber sie hatten Spürer dabei und das machte es schwerer.“ Dann verzog sie den
Mund. „Doch sie hatten nicht den Auftrag, mich zu töten. Sie wollten mich
lebend.“
„Es war
deine Seite?“
„Natürlich. Ich bin Anastasias Nachfolgerin, ich trage ihr Potential in mir,
auch wenn ich von ihrer Macht noch weit entfernt bin.“ Ein dunkles Feuer glühte
in ihren Augen und plötzlich erschien sie mir wieder sehr viel älter als ich.
„Ich will es nicht, Anne“, sagte sie hart. „Aber ich kann gegen meine Bestimmung
nicht ewig kämpfen. Es ist ein Fehler, mich am Leben zu lassen. Trevor kann das
tun, was ich selbst nicht vermag.“
Ich schüttelte stumm den Kopf.
„Sie
lassen nicht zu, dass ich mich selbst töte. Dafür bin ich zu wichtig für sie.“
Vivian beugte sich nach vorn und sagte eindringlich. „Ich weiß, was Anastasias
Macht vermag. Ich habe es gesehen.“
„Nein“,
stieß ich hervor. „Ist es das, was du versucht hast?“, fragte ich dann mit einer
Handbewegung zu ihren Armen. „Dich selbst töten?“
Sie
lachte hart auf. „Nein, Anne. Ich weiß schon lange, dass es auf diese Art und
Weise nicht funktioniert.“
Dann
hob sie ihre Hände mit den Handgelenken nach oben. Der warme Strom von Magie
floss durch meinen Körper und ich konnte sehen, dass die Narben in einem
unwirklichen dunklen Licht glühten
„Es ist
mein Blut, das mir meine Macht gibt.“
Plötzlich verstand ich ihre Worte von vor einiger Zeit:
Ich opfere schon seit Monaten nur noch
mich selbst. Ich hatte damals nicht gewusst, was sie gemeint hatte, ja
eigentlich hatte ich gar nicht richtig darüber nachgedacht. Sie musste töten, um
das Blut eines Opfers zu nutzen. Indem sie ihre Arme aufschnitt, um ihr eigenes
Blut laufen zu lassen und aus diesem die Kraft zu ziehen, die sie brauchte,
umging sie das Töten. War die Kraft, die man aus dem eigenen Blut zog, die
gleiche, die ein schwarzer Magier aus dem Blut von Opfern zog?
Zögernd
hob ich meine Hand ebenfalls. „Woher beziehe ich meine Kraft?“, fragte ich, als
ich sah, wie sich automatisch weißes Licht über meiner Handfläche bildete.
„Aus
dir selbst. Aber ich weiß nicht wie“, gab Vivian zu. „Ich kann nur die Energie
des Blutes nutzen, wenn es aus meinem Körper fließt. Natürlich ist da immer ein
gewisses Potential in mir, auf das ich zugreifen kann. Aber es ist gering. Wenn
ich sehr viel Kraft brauche, dann ist Blut nötig. Mein eigenes oder…“ Sie senkte
den Kopf. „Oder das eines Opfers. Je größer das Opfer, desto größer die Macht.
Ein Menschenopfer verleiht die größte Macht.“
Ich
schnappte erschrocken nach Luft. „Du…du hast…“ Ich brachte das Wort
getötet nicht heraus.
Vivian
hob ihr Gesicht wieder und sah mich mit einem gleichgültigen Ausdruck in den
Augen an. „Ich bin die Tochter eines Schwarzmagiers. Ich habe nie gesagt, dass
ich ein Engel bin.“
Sie
wollte aufstehen, doch meine Hand schoss vor und schloss sich um ihr Gelenk.
„Warte.“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich gehe jetzt schlafen.“
„Du
bist nicht böse, Vivian“, sagte ich eindringlich.
Mit
einer zornigen Bewegung riss sie ihre Hand los. „Du weißt gar nichts! Ich habe
die Macht von Menschenopfern kennen gelernt! Ich habe für die Macht getötet. Du
weißt gar nichts!“
Ich sprang ebenfalls auf. „Warum dann bekämpft das Cyana dich nicht? Warum kannst du hier in dieser Wohnung, umgeben von weißmagischen Amuletten, leben?“
Für
einen Moment flackerte etwas in ihrem Blick, das ich nicht deuten konnte. Dann
drehte sie sich um und stürzte in Richtung ihres Zimmers. Ich folgte ihr nicht,
aber ich zitterte am ganzen Körper. Allein der Gedanke, dass sie jemanden
getötet hatte, um mächtiger zu werden, entsetzte mich. Ich konnte es nicht mit
dem Bild des jungen Mädchens vereinbaren, das hier in meiner Wohnung lebte. War
es möglicherweise doch ein Fehler, sie hier aufzunehmen?
Fragen
über Fragen, und es war niemand da, der sie mir beantworten konnte.
Ich musste auf der Couch
eingeschlafen sein, denn es war weit nach Mitternacht, als ich hoch schreckte,
weil wieder einmal meine Haustür ging. Allerdings war ich sofort hellwach. Wie
erwartet, war es Trevor. Aber er war nicht allein.
„Ach du lieber Gott“, stieß ich
hervor, als ich den blutüberströmten blonden Mann erkannte, den Trevor
hereinschleppte. Trevor sah nicht viel besser aus, aber ich konnte im Moment
nicht einschätzen, ob es sein Blut war oder das des Vampirs Thunder. „Was ist
passiert?“
„Später, Annie“, stieß Trevor
hervor. „Wo kann ich mit ihm hin?“
„K-küche“, stotterte ich noch
immer erschrocken, weil es der einzige Raum war, dessen Boden nicht mit einem
Teppich bedeckt war und den man wischen konnte. „Wo ist Sheldon?“
„Später“, sagte er wieder und half
dem stöhnenden Thunder auf den Küchenstuhl.
Zumindest war der Vampir bei
Bewusstsein. Sein Gesicht war eine blutige Maske und seine Kleidung hing in
Fetzen an ihm herab. Ich konnte mehrere Schnitte an seinem Hals und an seinen
Armen entdecken. Da auch das Hemd, oder das, was einmal ein Hemd gewesen war,
völlig blutverschmiert war, nahm ich an, dass er auch Verletzungen am Oberkörper
davon getragen hatte.
„Es sieht schlimmer aus als es
ist“, meinte Trevor und half Thunder, das Hemd über den Kopf zu ziehen. Darunter
kam ein nett anzusehender nackter Oberkörper zum Vorschein. Trotz der vielen
dunklen Verfärbungen und trotz des vielen Blutes konnte ich erkennen, dass
Thunder eine verdammt fantastische Figur hatte. Ich verabscheute mich selbst für
den Gedanken in genau dieser Situation.
„Wir brauchen etwas zum
Desinfizieren“, brachte Trevor mich wieder auf vernünftige Ideen. „Er beginnt
schon zu heilen, aber wir müssen die Verletzungen säubern.“
Thunder sah aus als hätte man ihn
zusammengeschlagen. Sein rechtes Auge war zu geschwollen, die Augenbraue
aufgeplatzt und die rechte Seite seines Gesichtes wies dunkelblaue Verfärbungen
auf. Aber das war das Geringste. Riesige Schnitte zogen sich kreuz und quer über
seine Brust. Sie waren tief, hatten aber aufgehört zu bluten. Neben den
Schnitten konnte ich mehrere Muster erkennen,
die ich mit meinem naiven Verstand für Brandwunden hielt. Vielleicht war er
gefoltert worden? Eigentlich war es ein Wunder, dass er überhaupt noch bei
Bewusstsein war. All das musste höllisch schmerzen.
Ich stürzte ins Bad und kam keine
fünf Minuten später mit Desinfektionsmittel und einer Schüssel mit heißem Wasser
wieder. Notdürftig wuschen wir das Blut aus seinem Gesicht und von seinem
Oberkörper. Thunder stöhnte ab und zu, rührte sich aber nicht weiter. Mit einer
gewissen Faszination konnte ich erkennen, dass die tiefen Schnittwunden
begannen, sich zu schließen. Es war nicht so, dass man zusehen konnte, aber ich
bildete mir ein, sie wären jetzt schon weniger tief als noch vor zehn Minuten.
Es dauerte fast eine halbe Stunde,
ehe wir alle Wunden desinfiziert, gereinigt und einen Verband angelegt hatten.
„Er braucht Ruhe“, sagte Trevor
leise. „Und einen Platz, wo er den morgigen Tag verbringen kann, ohne der Sonne
ausgesetzt zu sein.“
„Was ist mit dem
Dark Night?“, fragte ich flüsternd zurück.
„Da kommen wir gerade her.“
Oh. Ich hätte am liebsten
hysterisch gelacht. „Das hier ist kein Hotel. Du kennst die Räumlichkeiten des
Hauses.“
„Wir legen ihn erst einmal auf die
Couch. Wenn wir die Jalousien herunterlassen, kann er in dem Zimmer den morgigen
Tag verbringen.“
Zusammen halfen wir dem Vampir
wieder hinaus ins Wohnzimmer. Ich zog die Couch aus und holte die Decke, die
Trevor die letzten Nächte benutzt hatte. Trevor ließ die Jalousien herab,
während ich Thunder, der sich wie ein kleines Kind zusammengerollt hatte,
zudeckte.
„Wie schwer bist du verletzt?“,
fragte ich Trevor dann leise.
„Nur ein paar Kratzer“, gab er
zurück. „Ich geh duschen, Annie. Dann beantworte ich alle deine Fragen.“
Toll. Heute schien mich jeder eine
Weile warten zu lassen. Aber ich konnte ja schlecht von ihm verlangen, mir erst
alles zu erzählen. Nicht so wie er aussah. Ich wollte erst einmal wissen, ob er
wirklich nicht sehr schwer verletzt war und das konnte ich erst sehen, wenn all
das fremde Blut von seinem Körper verschwunden war. Mein Blick folgte ihm
skeptisch. Entgegen seiner Behauptung ging er recht langsam und ich hatte auch
das Gefühl, dass er seine rechte Schulter schonte.
Während er duschte, kochte ich
Kaffee. Ich nahm an, dass dies wieder eine Nacht werden würde, in der ich nicht
zu sonderlich viel Schlaf kam.
Es dauerte auch keine
Viertelstunde, bis er wieder auftauchte. Er trug eine neue Jeans und nur ein
schwarzes, frisches T-Shirt. An seinen Armen konnte ich dunkle Blutergüsse und
Kratzer erkennen, die er jedoch alle gesäubert und desinfiziert zu haben schien.
Ich musste ihn trotzdem sehr
skeptisch gemustert haben, denn er grinste schief. „Glaub mir, ich hab am
wenigsten abbekommen.“
Er setzte sich sehr vorsichtig und
langsam. Mein Stirnrunzeln verstärkte sich. „Hör auf, mich anzulügen.“
Trevor seufzte. „Es ist nichts
Lebensgefährliches und ich verfüge über sehr gute Selbstheilungskräfte. Nicht so
gut wie die der Vampire, aber es reicht, um bis morgen wieder fit zu sein. Mach
dir keinen Kopf, Annie.“
„Nichts gebrochen?“
Er grinste schief. „Weiß nicht.
Vielleicht eine Rippe, aber das ist bis morgen auch wieder okay.“
Ich musste ihn ziemlich entsetzt
angeschaut haben, denn sein Grinsen wurde eine Spur weniger ironisch.
„Es ist nichts gebrochen. Es muss
nichts genäht werden. Es sind nur Blutergüsse, Prellungen und ein paar
Abschürfungen. Zufrieden?“
„Nein“, brummte ich missmutig.
„Ich habe Salbe im Bad. Willst du welche drauf machen?“
„Nein, ich…“
„Hör zu“, unterbrach ich ihn
scharf. „Thunder liegt halbtot in meinem Wohnzimmer. Du bewegst dich als würdest
du dich lieber nie wieder bewegen. Ich glaube nicht, dass du morgen wieder fit
bist. Ich will mich entweder selbst davon überzeugen oder ich schleppe dich zu
einem Arzt.“
Mit diesen Worten verschwand ich
aus der Küche, stürmte die Treppen hinauf ins Bad, durchwühlte meinen
Medizinschrank und fand schließlich, was ich suchte. Heparin-Salbe, die ich
irgendwann mal gekauft hatte, um bei Sportverletzungen gewappnet zu sein. Ich
hatte sie nicht gebraucht. Keine Ahnung, ob sie überhaupt half, aber besser sein
Gewissen beruhigen als gar nichts tun. Mit der Salbe in der Hand betrat ich
wieder die Küche.
„Zieh das T-Shirt aus.“
„Annie, ich glaube nicht, dass das
eine gute Idee ist“, warf Trevor ein.
„Lass das mal meine Sorge sein.“
„Ich gehe zu keinem Arzt“, warnte
er mich noch einmal, ehe er das T-Shirt über den Kopf zog.
Ich warf einen Blick auf seinen
Oberkörper und jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht. Es gab kaum noch eine
Stelle seiner Haut, die heil war. Blaue und schwarze Verfärbungen zogen sich
über seinen Rücken und seine Brust. Hier und da war die Haut aufgerissen und das
rote Fleisch schimmerte durch. Es hatte aufgehört zu bluten, aber allein der
Anblick machte, dass sich meine Beine weich wie Pudding anfühlten. Es musste
schrecklich wehtun.
„Was zum Teufel hast du gemacht?“,
piepste ich fassungslos. „Dich unter einen Zug gelegt?“
„Whoogals“, sagte er leise. „Sie
haben Sheldon.“
Ich sank entsetzt auf den Stuhl
neben ihm am Tisch. „Was?“
Trevor vergrub sein Gesicht in
seinen Händen. „Ich kam zu spät. Sie haben Sheldon und Barth und noch einige aus
dem Dark Night. Schwarze Jäger und
Spürhunde“, setzt er bitter hinzu und
hob den Kopf. „Von dem Haus ist nicht mehr viel übrig. Thunder und ich
haben den halben Abend damit verbracht, wenigstens die wichtigsten Bücher an
einen sicheren Ort zu bringen. Dabei hat es Thunder auch fast erwischt.“
Entsetzen griff nach mir. Wenn
diese in meinen Augen so mächtigen Wesen es nicht schafften, gegen die dunklen
Magier zu bestehen, wie sollte ich mich jemals wieder aus meiner Wohnung wagen.
Ja, wer sagte mir überhaupt, dass meine Wohnung sicher war?
„Lebt…lebt Sheldon noch?“, brachte
ich dann hervor.
Trevor seufzte wieder und fuhr
sich durch die Haare. „Ich weiß es nicht. Er ist nicht mehr auf dieser Welt.“
Ein ungutes Gefühl machte sich in
meinem Magen breit. „Was… was bedeutet das?“
Trevor holte tief Luft. „Wir
brauchen ein Portal.“
„Wir?“, piepste ich schwach.
Er nickte langsam. „Ich bin nicht
stark genug, um ein Portal zu erschaffen.“
„D-du denkst jetzt nicht, was ich
denke?“, brachte ich hervor.
„Doch, Annie“, sagte er leise.
„Ich brauche dich, um das Portal zu erschaffen.“
Meine Hand krampfte sich um die
Salbe, die ich noch immer zwischen den Fingern hielt. „Das ist ein Witz, ja?
Sag, dass es ein Witz ist.“
Ich hatte ihn noch nie so müde
gesehen. Es war, als würde eine Last auf seinen Schultern liegen, die ihn
erdrückte. Natürlich war es kein Witz und er musste mir das auch nicht sagen.
Langsam holte ich tief Luft. „Wie zum Teufel stellst du dir das vor?“
„Kann ich das T-Shirt wieder
anziehen?“, lenkte er erst einmal ab.
„Nein“, fuhr ich ihn böse an. „Das
muss verbunden werden. Und behandelt…und…“
„Ich habe alles desinfiziert“,
erklärte er leise. „Es sieht schlimmer aus als es ist.“
„Ich…kann ich die Salbe
auftragen?“, erkundigte ich mich zögernd. Ich wollte wenigstens etwas tun.
Er sah mich mit einem Ausdruck
ähnlich wie Tu-was-du-nicht-lassen-kannst an und zuckte mit den Schultern.
Ich stand wieder auf und ging um
ihn herum. Sein Rücken sah fast noch schlimmer aus als seine Brust. Ein sehr
schöner Rücken, wenn man von den Verletzungen absah. Ich liebte schöne Körper
und es war eines der ersten Dinge, die mir an einem Mann auffielen. Zum Glück
konnte Trevor nicht sehen, dass mir das Blut ins Gesicht schoss, als ich die
Salbe öffnete und ich verfluchte mich selbst für meine Gedanken.
Vorsichtig,
um ihm nicht noch mehr wehzutun, verteilte ich die Salbe auf den dunklen
Blutergüssen. Trevor zuckte nicht, ich hörte nur, wie er einmal tief Luft holte
und dann sagte:
„Ich hätte nie für möglich
gehalten, dass da eine Krankenschwester in dir steckt, Annie.“
Wenn er Witze machen konnte,
konnte es ihm nicht allzu schlecht gehen. Allerdings verdiente dieser Kommentar
keine Antwort. „Umdrehen“, kommandierte ich nur.
Trevor tat, was ich verlangte und
grinste mich an. „Du hast nette Hände.“
Wieder schoss mir das Blut ins
Gesicht und ich zwang mich gewaltsam, mich auf das Verteilen der Salbe zu
konzentrieren. Was sehr schwer war, wo ich doch seinen Blick spürte, als würde
er mich berühren. Trotzdem brachte ich es fertig, die Salbe sanft und vorsichtig
in seine Haut einzumassieren. Einzig und allein sein Atem, der sich
beschleunigte, verriet mir, dass er Schmerzen empfinden musste.
„Fertig“, brummte ich Ewigkeiten
später und schaute endlich hoch in sein Gesicht. Ich hätte es mal besser nicht
tun sollen. Und mit einem Schlag wurde mir klar, dass sein beschleunigter Atem
keineswegs durch den Schmerz verursacht worden war. Da war ein Ausdruck in
seinen Augen, den ich lange nicht im Gesicht eines Mannes gesehen hatte. Nicht
einmal bei Larry und das, obwohl ich wusste, dass Larry auf den Sex mit mir
stand. Es war auch weniger Verlangen, was in Trevors Augen stand. Eher noch
etwas mehr. Ich wusste, er empfand für mich nichts, das mit dem vergleichbar
war, was Larry für mich empfunden hatte, vielleicht war es deshalb reiner und
unverfälschter. Es war Hunger und
dieser Hunger in der jetzigen Situation ließ mich einfach einen Moment nur
zurückstarren.
Trevor war es, der den
Blickkontakt abbrach und Luft holte. „Annie, Annie“, murmelte er und in seiner
Stimme schwang etwas mit, das mir ein Kribbeln durch den Körper jagte. „Die
Hände einer Krankenschwester habe ich mir immer…ähm…weniger zärtlich
vorgestellt.“
Ich schlug ihm wütend mit der Hand
gegen die Stirn. „Blödmann.“
Lachend fing er meine Hand, zog
sie an seine Lippen und hauchte einen Kuss auf die Innenfläche. „Danke“, sagte
er leise, ohne dass seine Augen mein Gesicht losließen.
Jeglicher Zorn in mir verrauchte
zu nichts. „K-kein Problem“, brachte ich stotternd hervor.
Er ließ meine Hand los und griff
nach seinem T-Shirt. „Wie sieht es mit Kaffee aus? Fällt eine Tasse für mich
ab?“
„Sicher.“ Ich stand auf, nahm zwei
Kaffeetassen aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch. Während ich den
Kaffee eingoss, ging mir wieder durch den Kopf, was er vor einigen Minuten
gesagt hatte. „Wie stellst du dir das mit dem Portal vor?“
Trevor griff nach seiner Tasse und
trank einen Schluck. „Du erschaffst das Portal, ich geh durch und fertig.“
So einfach. Er grinste schief und
ich fühlte den Ärger wieder in mir hochsteigen. „Dir ist klar, dass ich keine
Ahnung habe, wie ich das anstellen soll?“
Trevor seufzte. „Sicher, Annie.
Ich hole morgen ein paar der Bücher, die uns weiterhelfen sollten. Gegen Abend
wird Thunder erwachen und soweit wieder hergestellt sein, dass er mich begleiten
kann.“ Einen Moment lang starrte er in seinen schwarzen Kaffee. „Ich muss
Sheldon da rausholen. Sie werden nach seiner Macht greifen. Sie werden ihn
foltern und am Ende töten. Ich lasse das nicht zu.“
Als er den Kopf hob und sich
unsere Augen trafen, sah ich darin einen Schmerz, den ich bei seinem sonst so
spöttischen und herablassenden Wesen nicht erwartet hatte. Ich kannte
Sheldon noch nicht lange, aber plötzlich wusste ich, dass ich alles tun
würde, um dieses doofe Portal zu erschaffen und ihm zu helfen.
„Vielleicht erfahre ich auch etwas
über die Dinge, die zur Zeit hier in der Stadt geschehen“, fuhr er fort.
„Was ist, wenn…wenn ihr…wenn du
nicht wieder kommst?“, fragte ich zögernd.
„Ohne Sheldon finde ich keinen
Rückweg. Dann ist es möglich, dass wir uns eine ganze Weile nicht sehen.
Möglicherweise nie wieder.“
Vor einigen Tagen wäre mir dieser
Gedanke noch sehr verlockend erschienen. Jetzt wusste ich, dass diese Männer
meine einzige Möglichkeit waren, mehr über mich selbst zu erfahren und vor allem
meine einzige Möglichkeit, etwas zu lernen. Mit meinem derzeitigen beschränkten
Ausbildungsstand hätte ich im Ernstfall keine Chance.
„Ich will mit“, stieß ich hervor.
Trevor schüttelte den Kopf. „Ich
kann mich dort nicht um dich kümmern, Annie. Du wärst mehr eine Last als eine
Hilfe.“
Ich wollte keine Last sein. „Wenn
ich es fertig bringen sollte, so ein Portal zu erschaffen, dann kann ich es im
Notfall auch für den Rückweg tun. Falls Sheldon…also falls er…“
„Falls er tot ist“, beendete
Trevor meinen Satz. „Ich will nicht, dass du dich in Gefahr begibst. Nicht,
solange du kaum eine Chance hast, dich zu verteidigen.“
„Was glaubst du, was hier
passiert?“, fuhr ich ihn an. „Ich weiß gerade einmal einen Bruchteil von dem,
was ich wissen müsste! Hier schwebe ich genauso in Gefahr!“
Dagegen konnte er schlecht etwas
sagen. „Ich wünschte, du hättest mehr Zeit“,
meinte er leise.
„Dann hättet ihr mal eher
aufkreuzen müssen“, brummte ich missmutig. „In meinen Träumen tust du das ja
schließlich auch schon länger.“
Trevors Augen wurden groß. „In
deinen Träumen?“
Ich hätte mir am liebsten auf die
Zunge gebissen. Dazu kam, dass ich feuerrot anlief. Wieder einmal. Dabei war es
wirklich äußerst selten passiert, dass mein Traum in eine Richtung ging, die
Anlass gab, rot zu werden. In den meisten Nächten waren es wirkliche Alpträume,
die mich schweißgebadet aufwachen ließen.
„Alpträume“, stieß ich hervor und
hoffte, er würde meine Gesichtsfarbe übersehen. „Alpträume, in denen ich gegen
Wesen kämpfe, die ich noch nie gesehen habe. Gegen Monster, die wie Tiere
aussehen und Waffen tragen. Alpträume, in denen ich an deiner Seite kämpfe.“
„An meiner?“, echote er nun
vollends verblüfft. „Du willst sagen, du hast mich in deinen Träumen gesehen?
Ohne mich vorher jemals getroffen zu haben?“
„Ja doch. Hörst du mir nicht zu?“
Ich verdrehte die Augen. „Deshalb war ich damals auf der Party so überrascht,
dich zu sehen. Ich konnte nicht fassen, dass es dich tatsächlich geben sollte.“
„Sheldon hat erzählt, dass manche
Magier von visionären Träumen heimgesucht werden. Vor allem, wenn man sie lange
Zeit über sich selbst im Ungewissen lässt. Es passiert selten, dass ein magisch
begabtes Kind in einer völlig magielosen Familie entsteht. Und noch seltener hat
dieses Kind deine Gaben, Annie.“
Ich verzog den Mund. „Ich bemerke
von den tollen Gaben noch nicht sonderlich viel.“
Er lächelte gequält. „Hoffen wir,
dass du noch die Chance erhältst, all das kennen zu lernen, wozu du fähig bist.“
Das hoffte ich auch. Nachdenklich
rührte ich in meinem Kaffee und wieder einmal ging mir die ganze verfahrene
Situation durch den Kopf. „Wann wollen wir denn das mit dem Portal versuchen?“
„Morgen Abend. Sobald die Sonne
untergegangen und Thunder aufgewacht ist.“
Yeah. Das bedeutete, ich hatte
einen Tag lang Zeit, herauszubekommen, wie man so ein Portal erschuf? Großartig.
Das hieß, ich würde morgen im Büro anrufen und mich
krankmelden müssen. Steel würde begeistert sein. Nach dem heutigen
Gespräch sah das verdammt nach Blaumachen aus. Da ich Trevor ja begleiten
wollte, würde ich sogar länger krank machen müssen. Solche Dinge lagen mir
überhaupt nicht.
Aber was blieb mir anderes übrig?
Ich hatte Angst. Mit aller
Deutlichkeit wurde mir jetzt klar, dass mein Leben über kurz oder lang beendet
sein könnte. Solche Gedanken waren mir noch nie gekommen. Es war eher so, dass
meine Zukunft mir bisher in gemütlichen Farben erschienen war. Vielleicht würde
ich irgendwann mal heiraten, Kinder haben, ein Haus? All das war jetzt in weite
Ferne gerückt. Im Moment sah es eher aus als würde ich sterben, ehe ich die
Chance hatte, ein Haus zu bauen. Nicht dass ich das in nächster Zeit vorgehabt
hätte. Wie gesagt, Beziehungen und ich, wir standen auf Kriegsfuß, aber
irgendwann…
Seufzend nippte ich an meinem
Kaffee. „Was sind das für Leute, die Sheldon und die anderen haben?“
„Whoogals“, antwortete Trevor
leise. „Dämonische Wesen von der Welt Whoorin. Sie besitzen nur wenige magische
Kräfte, um sich zu verteidigen oder anzugreifen, aber sie sind physisch sehr
stark und schwer zu töten. Sie beziehen ihre immensen Selbstheilungskräfte aus
den Emotionen ihrer Gegner. Sie saugen sie aus ihnen heraus und vor allem
Schmerz, Angst und Entsetzen machen sie unheimlich stark. Je emotionsgeladener
die Umgebung ist, umso stärker werden sie.“
Klang nach einem sehr netten,
ruhigen Trip in diese Welt. „Und gegen die willst du kämpfen?“
Er nickte langsam. „Sie werden
Sheldon foltern, um von ihm zu zehren. Aber ich glaube nicht, dass die Whoogals
Drahtzieher des Ganzen sind. Sie sind nicht intelligent genug. Ich denke eher,
dass es jemanden gibt, der im Hintergrund steht und an Sheldons Macht will. An
seine Magie. Wenn es ein Magier ist, kommt er da ran, indem er Sheldon tötet.
Vielleicht wollen sie auch etwas völlig anderes. Die dunkle Magie, die im Moment
in dieser Stadt immer mehr um sich greift, lässt das vermuten.“
Wirklich tolle Aussichten. Ich
stellte die Tasse wieder auf den Tisch. „Ich muss unbedingt schlafen. Wer weiß,
wann ich das nächste Mal dazu komme.“
„Kaffee zu trinken, war dann die
falsche Entscheidung“, meinte Trevor und lächelte.
„Wie stehen die Chancen zu
überleben?“
Er verzog den Mund. „Nicht gut.
Woorin ist keine einladende Welt für Menschen und weiße Magier.“
Und ich wollte da mit hin? Welcher
Teufel hatte mich eigentlich geritten? Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich
das Vorhandensein verschiedener Welten einfach als gegeben hinnahm. Vor einigen
Wochen noch hätte ich jedem ins Gesicht gelacht, wenn er solch eine Bemerkung
gemacht hätte.
„Vivian ist auch wieder da“, sagte
ich dann leise und starrte in meinen Kaffee. „Sie hat versucht, herauszufinden,
warum die Hypnos in der Stadt sind und sieht nicht ganz so schlimm aus wie du.“
Trevor hob nur fragend seine
rechte Augenbraue.
„Es waren Späher auf ihrer Fährte
und sie musste sie abhängen. Frag mich nicht nach Einzelheiten. Sie hat neue
Verletzungen an den Armen. Schnittwunden…“
Er nickte langsam. „Sie benutzt
ihr eigenes Blut, um ihre Magie wirken zu lassen. Ich habe nicht gewusst, dass
so etwas möglich ist.“
Ich sah ihn eine Weile schweigend
an. „Woher beziehe ich die Macht für meine Magie? Oder Sheldon?“
„Ebenfalls aus euch selbst“, sagte
er leise.
„Dann…“ Ich runzelte die Stirn.
„Dann tut Vivian das gleiche wie wir?“
„Sie verletzte sich selbst, weil
sie das Blut braucht.“
„Braucht sie es?“
„Ich weiß es nicht.“ Trevor zuckte
unbestimmt mit den Schultern. „Es muss einen Unterschied zu anderen Opfern
geben, sonst würde das Cyana sie als Feindin erkennen und bekämpfen. Es dürfte
ihr nicht möglich sein, in die Nähe des Amuletts zu kommen.“
Jede Menge Fragen und keine
Antworten. Wieder einmal. Ob es jemals einfacher werden würde? Ich hatte
akzeptiert, dass es auf der Welt Dinge gab, die mein Vorstellungsvermögen
überschritten. Langsam, aber sicher passte sich mein Vorstellungsvermögen an
diese Dinge an. Wie weit konnte das gehen, ohne dass ich nicht tatsächlich
verrückt wurde?
Ein Blick auf die Uhr sagte mir,
dass es schon wieder weit nach eins war. Seufzend stand ich auf, räumte die
Kaffeetassen in die Geschirrspülmaschine und wischte den Tisch ab. Trevor sagte
gar nichts, aber die Art und Weise, wie er am Tisch saß, machte mir deutlich,
dass er sich nicht unbedingt wohl fühlte.
„Hast du Schmerzmittel genommen?“,
erkundigte ich mich zögernd.
Er schüttelte den Kopf. „Sie
betäuben auch die magischen Fähigkeiten. Ich habe nicht genug, um mir das
leisten zu können. Solange ich die Schmerzen aushalte, vermeide ich es.“
„Hm.“ Ich nickte langsam und sah
ihn dann an. „Es sieht heute ein wenig schlecht mit Schlafgelegenheiten aus…“
Er grinste schief. „Wenn du noch
eine Decke hast, schlafe ich neben Thunder auf dem Fußboden. Wäre nicht das
erste Mal.“
Ich holte tief Luft. „Trevor, ich
bin vielleicht manchmal ein wenig unfreundlich, aber ich bin nicht grausam und
du kannst vergessen, dass ich dich in deinem jetzigen Zustand auf dem Fußboden
schlafen lasse. Du kannst mein Bett haben und ich schlafe auf…“
„Vergiss es, Annie“, unterbrach er
mich und stand auf. „Ich werde nicht im Bett schlafen, während du auf dem
Fußboden liegst.“
„Sei kein Dummkopf…“
Er stoppte, was ich sagen wollte,
indem er seinen Finger unter mein Kinn legte und meinen Kopf zu sich anhob. Er
war ein ganzes Stück größer als ich, aber erst in diesem Moment wurde mir das so
richtig bewusst.
„Nein“, sagte er wieder. „Gib mir
eine Decke und verschwinde im Bett. Wir brauchen morgen alle Kräfte, die wir
haben.“
Ich verdrehte die Augen, schob
seine Hand zur Seite und holte tief Luft. „Es ist ein sehr breites Doppelbett.
Also, wenn du mir verspricht, ganz lieb auf deiner Seite zu bleiben…“
Er sah mich eine ganze Weile
schweigend an und ich hätte eine Menge dafür gegeben, seine Gedanken zu lesen.
„Hätte ich jetzt nicht erwartet“, sagte er dann und ein leises Lächeln zog über
seine Lippen.
„Bild dir bloß nichts darauf ein“,
warnte ich ihn vorsorglich. „Eine dumme Bemerkung und du fliegst aus dem
Zimmer.“
Es kam keine und das sagte mir,
dass es ihm schlechter gehen musste als er mir weismachen wollte. Er schüttelte
nur den Kopf, und wenn ich mich nicht täuschte, dann war es wirklich
Erleichterung, die ich auf seinem Gesicht lesen konnte. Und ich war froh, ihm
das Angebot gemacht zu haben, obwohl er manchmal solch ein Ärgernis war. Aber er
war einer der wenigen Menschen, die verstehen konnten, was auf mich zukam und
was ich im Moment durchmachte.
Trevor stieg aus seinen Jeans und
kroch unter die Bettdecke auf Larrys ehemaliger Seite. Ich löschte das Licht,
ehe ich meinen Schlafanzug anzog. Ich hatte noch nie neben einem Mann
geschlafen, mit dem ich nicht liiert war und einen kurzen Moment stieg ein
eigenartiges Gefühl in mir auf.
Vielleicht war all das, die ganze
Situation, Teil meines neuen Lebens. Niemand wusste, was mich drüben in dieser
fremden Welt erwarten würde und möglicherweise fand ich mich in ganz anderen
Situationen wieder. Neben einem Freund einzuschlafen, war da vielleicht gar
nicht mal das schlechteste.
„Gute Nacht, Trevor“, sagte ich
leise und eigenartigerweise wurde das Gefühl stärker. Ich hatte
Freund gedacht. Diese Bezeichnung hatte nichts Sexuelles an sich, es
war einfach eine Feststellung und ich war plötzlich mehr als froh, ihn zum
Freund zu haben.
„Schlaf gut, Annie“, kam es
genauso leise zurück und ich schloss beruhigt die Augen.
Es war gegen neun, wie mir ein
Blinzeln in Richtung Wecker sagte, als ich wach wurde. Ein leises schlechtes
Gewissen meldete sich, weil ich daran dachte, dass ich eigentlich im Büro sein
müsste.
Trevor schlief noch und ich hatte
auch nicht vor, ihn schon zu wecken. Seine Verletzungen brauchten jede Ruhe, die
sie bekommen konnten.
Leise stand ich auf und schlich
zur Tür hinaus. Es war still in der Wohnung und dunkel, denn die Jalousien
waren, auf Grund des Vampirs in meinem Wohnzimmer, noch immer geschlossen.
Ich ging in die Küche und setzte
Kaffee an und legte ein paar Brötchen zum Aufbacken in den Herd. Eigentlich gab
es keinen Grund, das Telefonat mit meinem Chef noch hinauszuzögern, aber ich
beobachtete erst eine ganze Weile, wie der Kaffee in die Kanne tropfte, ehe ich
zum Telefon griff.
Es war Marlene, Hummers
Sekretärin, die sich meldete. Wer sonst? Mit meiner schönsten, als krank
verstellten Stimme entschuldigte ich mein Fehlen. Bei Marlene kam es genauso an.
Sie bekam richtig Angst um mich und empfahl mir, schnellstens einen Arzt
aufzusuchen und mich richtig auszukurieren, sie würde meine Arbeit schon mit
erledigen.
Mein schlechtes Gewissen wurde
noch größer. Ich konnte mich nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal blau
gemacht hatte. Erst als ich den Knopf zur Beendigung des Gesprächs gedrückt
hatte, bemerkte ich die schlanke Gestalt, die im Türrahmen der Küche stand.
„Du hast gelogen“, sagte Vivian
mit einem belustigten Lächeln.
Sie lächelte so selten, deshalb
konnte ich sie einen Moment einfach nur anschauen. Das Lächeln veränderte ihr
Gesicht, ließ sie weniger unnahbar, mehr menschlich wirken. Dazu kam, dass sie
die schwarze Schminke noch nicht aufgetragen hatte und einfach wie ein normaler
Teenager aussah. Der sie natürlich nicht war.
Ich nickte bekümmert. „Und ich
hasse mich dafür.“
Sie zuckte nur mit den Schultern,
trat an den Kühlschrank und entnahm den Plastikbehälter mit Milch. „Da liegt ein
Vampir auf der Couch“, sagte sie dann. „Es ist nicht Sheldon.“
„Nein.“ Ich seufzte, nahm die
fertigen, knusprig gebackenen Brötchen aus dem Herd und goss mir Kaffee ein.
„Magst du mitessen?“
Sie verrührte Kakao in ihre Milch
und nickte. „Wo ist Trevor?“
„Schläft noch“, murmelte ich nur.
Sie sah mich mit hochgezogenen
Brauen an und fing an zu lachen. „In deinem Bett?“
Ich konnte mich nicht entsinnen,
sie jemals lachen gehört zu haben. Der Tag begann ja recht angenehm. Dass er
auch so enden würde, bezweifelte ich.
„Ja“, antwortete ich. „Aber es ist
nicht das, was du denkst.“
„Ist es nie“, grinste Vivian breit
und beugte sich über den Tisch. „Eigentlich war das zu erwarten gewesen.“
„Vivian“, sagte ich warnend, aber
sie lachte wieder.
„Komm schon, Anne. Er ist zwar
nicht mein Typ, aber er hat so ein gewisses Etwas.“
Sie grinste so breit, dass ich ihr
unmöglich böse sein konnte. Ich seufzte trotzdem noch einmal. „Trevor ist
verletzt. Nicht so schwer wie Thunder, der Vampir da draußen, aber verletzt.
Sheldon wurde von irgendwelchen Hoogels geschnappt.“
Vivians Lächeln verschwand von
einer Sekunde auf die andere. „Whoogals?“
Ich nickte. „Dann hießen sie halt
Whoogals.“
„Wo ist er? Auf Whoorin?“
„Trevor sagte so etwas. Ja. Wieso
weißt du immer mehr als ich?“, fragte ich dann kläglich.
Vivian schaute mich ernst an.
„Weil ich sechzehn Jahre lang eine Ausbildung in Magiegeschichte und
Magieanwendung genossen habe.“
Yeah, da hatte sie wohl recht. Es
deprimierte mich trotzdem.
„Was…“, erkundigte sie sich dann
zögernd. „Was habt ihr vor?“
Ich schmierte Butter auf mein
Brötchen und Marmelade. „Ein Portal schaffen und ihn zurückholen.“
„Du kannst kein Portal
erschaffen“, sagte Vivian leise.
Ich warf ihr einen giftigen Blick
zu. „Danke.“
Diesmal lächelte sie nicht,
sondern sagte nur: „Ich kann es.“
„Vergiss es“, tönte es von der Tür
und wir zuckten zusammen. Ein Trevor, mit vom Schlaf noch total zerwuselten
Haaren, schob sich zur Tür herein und ließ sich auf den freien Stuhl neben mir
fallen. „Vergiss es, Kleine. Ich nehme dich nicht mit.“
Vivian musterte ihn mit einem sehr
zornigen Blick. „Ich hasse es, wenn du mich Kleine nennst!“
„Ich bin fünfundsechzig Jahre
älter als du. Ich darf das“, grinste er sie an.
Das war eindeutig ein Punkt für
ihn. Auf meine Lippen stahl sich unbewusst ein schmales Lächeln. Erst dann fiel
mir der Ernst der Situation wieder ein und ich ließ es schnell verschwinden.
„Sie hat Recht, Trevor. Sie kann es. Ich nicht“, sagte ich leise.
„Ich werde Sheldons Leben nicht in
die Hände der Tochter Anastasias legen.“
Vivian schmiss ihr Messer auf den
Tisch, sprang auf und stürzte zur Tür hinaus. Ich fluchte leise und schlug ihm
gegen den Arm. „Du Riesentrampel!“
Er fing meinen Arm, als ich
aufsprang, um Vivian zu folgen. „Es ist mein Ernst, Annie“, betonte er noch
einmal. „Ich traue ihr nicht. Egal, was das Cyana sagt. Ich traue ihr nicht.“
„Es sind nicht mehr viele Leute
übrig, auf die du bauen kannst“, erwiderte ich bitter. „Vielleicht ist die
Tochter Anastasias das Gewicht, das die Waage zum Kippen bringt. Sie mag nicht
so stark wie Sheldon sein, aber sie ist bei weitem stärker als ich.“
„Vielleicht aber ist sie die
Person, die dir da drüben das Messer in den Rücken jagt, wenn du nicht damit
rechnest.“
Ich zog meine Hand aus seinem
Griff und folgte dem jungen Mädchen. Sie war wieder in ihrem Zimmer, hatte den
Laptop aufgeklappt und tippte. Diesmal schaute sie gar nicht hoch, obwohl ich
geklopft, aber keine Antwort erhalten und das Zimmer betreten hatte.
„Ich bin nicht Anastasia“, stieß
sie hervor, ohne die Augen vom Bildschirm zu lösen und während sie schrieb.
„Ich habe das nie gesagt und auch
nicht gedacht“, erwiderte ich leise. „Ich denke, dass es Irrsinn ist, zu
glauben, ich würde es schaffen, ein Portal zu öffnen. Ich würde mich sicherer
fühlen, wenn du dabei bist.“
Sie drehte den Kopf und funkelte
mich aus diesen dunklen Augen an. „Trevor hat schon irgendwo recht. Ich *bin*
böse. Ich weiß nicht, wie ich reagiere oder wie meine Magie reagiert, wenn ich
einem starken Schwarzmagier gegenüber stehe. Ich bin die Tochter meiner Mutter.“
„Du willst es aber nicht sein.“ Es
sollte wie eine Frage klingen, aber es kam wie eine Feststellung aus meinem
Mund. „Was ist passiert? Warum nicht?“
Vivians Gesicht verschloss sich
und wurde noch unnahbarer. „Es geht dich nichts an. Es geht niemanden etwas an.“
Ich nickte langsam, denn in
gewisser Weise konnte ich sie verstehen. Sie kannte mich nicht lange und gut
genug, um mir zu vertrauen. Vielleicht ging es mir ähnlich. „Wirst du mir
helfen, das Portal zu öffnen?“
Vivian starrte wieder auf ihren
Bildschirm, obwohl ich bezweifelte, dass sie sah, was dort stand. Dann drehte
sie den Kopf. „Ja.“
Ich lächelte schwach. „Danke.“
„Keine Ursache.“
Ich wollte gehen, doch sie nahm
ein Blatt Papier von dem Stapel auf dem Schreibtisch neben dem Laptop. Sie legte
es auf den Tisch vor sich, hob kurz ihre Hand und ein Schwall warmer Magie zog
sich durch meinen Körper. Das Cyana um meinen Hals erwärmte sich und ich hatte
einen Moment zu tun, um die Benommenheit in meinem Kopf abzuschütteln. Es war
dunkles Licht, das sich über dem Papier bildete, aber ich hatte den Eindruck als
wäre es nicht mehr ganz so schwarz wie noch vor wenigen Wochen. Möglicherweise
Einbildung.
Als das Licht verschwand, starrte
ich fassungslos auf den Tisch. Vivian lächelte schwach und reichte mir das
verkleinerte Stück Papier.
„Ich glaube, du brauchst es“,
murmelte sie, ohne mich anzusehen. „Wenn was falsch drauf steht, sag es, ich
ändere es ab.“
Ich griff zu und konnte noch immer
nicht glauben, was ich sah. Denn ich hielt einen perfekten Krankenschein in den
Händen.
Vivian hämmerte schon wieder auf
ihrer Tastatur herum und schien mich gar nicht mehr wahrzunehmen. Aber ich stand
da und die Rührung schnürte mir die Kehle zu.
„Danke“, brachte ich irgendwann
hervor.
Sie nickte nur. Ich hätte sie gern
gedrückt, einfach, weil ich mich wirklich freute, dass sie mir geholfen hatte,
aber ich wagte es nicht. Sie würde zurückschrecken und das würde mich
enttäuschen.
Sicherlich wäre ich selbst dazu in
der Lage gewesen, doch nicht einmal das wusste ich. Wieder einmal wurde mir mit
aller Deutlichkeit klar, dass ich eigentlich gar nichts wusste.
Trevor wetterte noch eine ganze
Weile länger. Dann akzeptierte er, dass Vivian mitkam, um mir bei der Errichtung
des Portals zu helfen. Aber er weigerte sich strikt, das Mädchen mit auf die
Welt Whoorin zu nehmen. Damit konnte ich leben. Plötzlich fühlte ich mich gleich
ein wenig zuversichtlicher, was den Ausgang unseres abendlichen Vorhabens
anging.
Wie Trevor gesagt hatte, ging es
ihm schon bedeutend besser. Ich bestand trotzdem darauf, die Verletzungen und
Blutergüsse noch einmal zu behandeln und war mehr als erstaunt zu sehen, dass
ein Großteil davon verschwunden oder zu hellen, fast verheilten Flecken geworden
war. Er lachte über mein Erstaunen, nannte mein Verhalten rührend besorgt, wofür
ich ihm gern ein paar Takte erzählt hätte, es aber nicht tat, weil ich ein
netter Mensch war. Bei diesem Gedanken musste ich selbst lachen.
Trevor verschwand gegen Mittag, um
die Bücher zu besorgen, von denen er gesprochen hatte und ich ließ mir von
Vivian eine Unterrichtsstunde über Portale erteilen. Da noch immer ein Vampir in
unserem Wohnzimmer schlief, setzten wir uns in ihr Zimmer.
„Mom nannte es Weltenkunde“,
erklärte Vivian, die es sich auf ihrem Bett gemütlich gemacht hatte, während ich
in dem Sessel lümmelte, den wir in ihr Zimmer gestellt hatten. „Man muss das
Universum als Ganzes sehen. Es besteht aus Millionen verschiedener Welten, die
wir natürlich niemals alle kennen lernen oder besuchen können. Wir können auch
nicht zu jeder Welt ein Portal erschaffen, manche sind zu fremdartig, manche
zu…ähm…“ Sie überlegte. „Zu weit entfernt. Die
Entfernung ist jedoch nicht mit Kilometern oder Lichtjahren zu bemessen. Man
kann innerhalb des Weltengefüges keine Entfernungsangaben machen. Fakt ist, dass
die Erschaffung eines Portals nur zu den uns am nächsten liegenden Welten
möglich ist. Um die weiter entfernten zu erreichen, ist eine Portalkette nötig.“
Es klang sehr nach
Science-Fiction, aber ich wollte es einfach einmal als gegeben hinnehmen.
Schließlich hatte ich viele wissenschaftliche Abhandlungen und auch viele
Science-Fiction-Romane gelesen, die dieses Thema behandelten. Nein, falsch,
nicht dieses Thema, sondern eigentlich nur die Reise durch unser Universum und
die Existenz von Paralelluniversen. Ich runzelte die Stirn.
„Dann befinden sich diese anderen
Welten nicht in…“ Ja, wo eigentlich? „In unserer Milchstraße? In einer anderen
Milchstraße?“
Vivian lächelte schwach.
„Astronomie war nie mein Lieblingsfach. Mom hat gesagt, dies hier…“ Sie machte
eine Geste, die alles einschließen konnte. „Ist die Erde. Oder Terra, wie andere
Wesen sie nennen. Und die, die wir durch die Portale besuchen, sind andere.
Welten, die mit dieser hier nichts gemeinsam haben.“
Das konnte vieles bedeuten. Ich
würde Sheldon – wenn wir ihn je lebend wieder sahen – danach fragen müssen.
„Bist du hier geboren?“, fragte
ich neugierig.
„Nein.“ Vivian nahm ihren Laptop,
den sie neben sich auf das Bett gelegt hatte und klappte ihn auf. „Ich habe
keine Bücher. Alles, was ich weiß, habe ich hier drin gespeichert.“
„Wo bist du geboren?“, bohrte ich
weiter.
„Auf Saduun.“ Sie tippte eine
Weile auf der Tastatur herum, schien mit ihren Gedanken gar nicht bei meiner
Frage, sondern ganz woanders zu sein. Ich würde wohl später weiter fragen
müssen. „Die von hier aus am einfachsten zu erreichenden Welten sind Whoorin,
Lykon, Eloban, Gemlandor, Damaron, Fairlon, Nekomarin, Avalon und Haastard. Über
die Welt Fairlon gelangt man nach Cyarn, die Welt, aus der die Cyarinos stammen.
Über Whoorin ist Zylomor, die Heimat der Hypnos zu erreichen. Whoorin, Eloban
und Nekomarin befinden sich in den Händen der Schwarzmagier. Fairlon ist die
Heimat der Vampire. Von Lykon stammen die Wesen, die ihr Werwölfe nennt, aber es
sind nicht die einzigen Gestaltwandler, die es dort gibt, nur die bekanntesten.
Gemlandor ist eine Söldnerwelt, Avalon und Haastard sind Welten der Elfen. Auf
Avalon und Haastard befinden sich auch Ausbildungsstätten für weiße Magier.“
Vivian hob den Kopf und sah mich an. „Vielleicht solltest du dorthin gehen. Auf
Nekomarin werden Schwarzmagier ausgebildet.“
Mein Kopf schwirrte allein von den
ganzen Dingen, die sie mir hier erzählte.
Sollte ich jetzt wirklich darüber nachdenken, dass es möglich sein
sollte, eine Ausbildung auf irgendeiner Welt im Irgendwo zu erhalten? Aber
darüber konnte ich nachdenken, wenn ich die nächsten Tage überleben sollte.
Dann fiel mir wieder ein, dass ich
zumindest einen Namen bereits gehört hatte. „Trevor hat Gemlandor erwähnt“,
murmelte ich gedankenverloren.
Vivian nickte. „Die meisten Jäger
stammen von der Söldnerwelt. Sie werden angeheuert, aber keiner besitzt Trevors
magische Kräfte. Er ist ein Mutant und Mom hat mal erwähnt, dass man ihn auf
Grund seiner Fähigkeiten sicherlich von Gemlandor verstoßen hat. Aber vielleicht
sind diese der Grund, aus dem er sich den Ruf,
Der Jäger zu sein, eingehandelt hat. Und natürlich deswegen, weil er
kein Söldner ist.“
Verflucht, warum wusste sie immer
mehr als ich? „Du weißt etwas über Trevors Vergangenheit?“
Vivian grinste schelmisch. Obwohl
sie die schwarze Schminke wieder aufgetragen hatte, erschien sie mir nicht mehr
so unnahbar wie sonst. „Sicher. Man muss seine Feinde kennen. Interessiert?“
Ich war mir nicht sicher, ob es
eine Missachtung seiner Privatsphäre war, wenn ich hinter seinem Rücken
Erkundigungen über ihn einzog.
Vivian grinste noch breiter. „Mom
fand ihn so als Mann auch recht heiß. Sie sagte, sie würde ihn erst flachlegen,
ehe sie ihn töten würde. Naja, ist dann wohl anders gekommen als sie dachte.“
Auch?
Wer fand ihn noch heiß? Ich nicht!
Erst dann wurde mir bewusst, was Vivian da gerade gesagt hatte und ich starrte
sie schockiert an.
„Das hat sie zu dir gesagt?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Hab
ganz andere Dinge mitbekommen. Ist doch nichts dabei.“
So wie sie es sagte, schien ihr
die ganze Angelegenheit nicht sonderlich nah zu gehen. Das wunderte mich etwas,
denn soweit ich es mitbekommen hatte, war ihre Mutter sehr bemüht
gewesen, sie im Sinne der schwarzen Magie zu erziehen. Sie schien auch
eine Menge geleistet zu haben, wenn ich mir Vivians kinderleichten Umgang mit
der Magie betrachtete.
„Warst du dabei als… also als
Anastasia…ich meine als sie…“
„Als sie getötet wurde?“,
unterbrach Vivian mein Gestotter. „Nein. Ich bin vorher abgehauen. Ich glaube
auch nicht, dass ich hätte so lange untertauchen können, wenn sie noch leben
würde.“
Ich nickte langsam. „Weißt du, wer
es war?“
„Amdalon.“
Sagte mir wie üblich nichts.
Vivian seufzte, wahrscheinlich
weil ein Blick in mein Gesicht ihr dasselbe gesagt hatte.
„Amdalon gehört zu den fünf mächtigsten weißen Magiern, die im Moment
leben. Er ist fünfhundertelf Jahre alt. Die anderen vier sind Keerin, Saumorn,
Niira und Lorraine.“
Sie schwieg eine Weile, vielleicht
erwartete sie auch eine Antwort. Bloß welche?
„Auf der anderen, meiner, Seite
stehen fünf mächtige schwarze Magier: Endriel, Maron, Kapello, Lilith und Syrona.
Anastasia hätte eine von ihnen werden können.“ Vivian zuckte mit den Schultern.
„Jetzt wollen sie mich. Theoretisch ist es nur noch eine Frage der Zeit. Im
Moment bin ich noch zu unwichtig, aber immerhin wichtig genug, dass sie
verhindern, dass ich mich selbst töte.“
„Wer sind „sie“? Diese fünf
Magier?“
Sie nickte. „Und ihre Helfer. Jede
Seite verfügt über Unmengen von Helfern. Weniger stark, aber immer noch stark
genug. Ich bin erst sechzehn.“ Plötzlich klang sie bitter. „In Menschenjahren
bin ich vielleicht fast erwachsen, aber magisch gesehen bin ich ein Kind.“
Was war ich dann? Mir war
plötzlich wie Weinen zumute. „Das deprimiert mich jetzt ganz schön“, murmelte
ich bedrückt. „Ich bin dann magisch gesehen ein Neugeborenes.“
Sie lachte kurz auf, aber es war
kein freudiges Lachen, eher mit einem Hauch Sarkasmus. „Nun, dann lassen wir mal
die ganze Weltenkunde und gehen zum wichtigeren Teil über. Die Erschaffung eines
Portals.“
Ich seufzte. „Ja.“
„Ich weiß natürlich jetzt nicht,
ob weiße Magier ein Portal auf die gleiche Art und Weise erschaffen wie schwarze
Magier.“
Toll. Hatte ich schon erwähnt,
dass ich es hasste, so eine Art Auserwählte zu sein?
„Trevor bringt ja auch noch ein
paar Bücher. Vielleicht wird darin etwas erwähnt.“
Sie nickte und tippte auf ihrer
Tastatur. „Ich kann es dir jetzt nicht zeigen, weil wir im Inneren der Wohnung
bedingt durch die Schutzzauber keinen Zugang zum Weltengefüge herstellen können.
Ich kann es nur erklären.“ Sie winkte mich zu sich auf das Bett und ich setzte
mich neben sie, so dass ich auf den Bildschirm sehen konnte. Es war eine Grafik
zu sehen, mehrere Kreise nebeneinander, die sich an einigen Punkten berührten
oder durchdrangen.
„Dies ist die Erde“, erklärte
Vivian und tippte auf den Kreis, in dessen Mitte ich einen gelben Punkt erkennen
konnte. „Es handelt sich hierbei nur um die zweidimensionale Abbildung einer
dreidimensionalen Welt. Die verschiedenen Welten existieren nebeneinander und
zugleich. Überall auf der Welt gibt es Orte, an denen das Raum-Zeitgefüge
durchlässiger und leichter zu beeinflussen ist, aber theoretisch ist die
Schaffung eines Portals überall möglich. An einigen von diesen bestimmten Orten
gab es offene Portale und dort war es zu früheren Zeiten sogar für
Normalsterbliche möglich, die Welt zu wechseln. Einer dieser Orte lag hier in
England, in Glastonbury. Er trägt heute noch die Zeichen der Vergangenheit,
einer Zeit, wo es möglich war, mit recht wenig Magiebegabung in die Welt Avalon
zu wechseln.“ Sie lächelte verträumt. Etwas, was noch seltener geschah als ein
Lächeln an sich. Vielleicht hatte sie aber auch heute nur einen besonders guten
Tag. „Avalon ist eine sehr schöne Welt. Aber Schwarzmagier sind dort nicht
willkommen. Mom fand die Welt langweilig und Magier haben das offene Portal
geschlossen.“ Plötzlich war die Bissigkeit in ihrer Stimme wieder da. „Jetzt ist
Glastonbury einfach nur ein Portalpunkt, an dem es einfach ist, eines zu
schaffen und diese Punkte sind nicht selten. Aber normalen Menschen ist ein
Übergang in eine andere Welt nicht mehr möglich. Als Magier greifst du hinaus in
diesen Raum, der nur uns offen steht, und musst das Gefüge zwischen den Welten
sehen. Du erkennst an der charakteristischen Ausstrahlung,
um welche Welt es sich handelt und du öffnest ein Tor, so ähnlich als
würdest du eine Tür öffnen. Wenn es geöffnet ist, musst du es offen halten, bis
alle anderen Personen hindurch gegangen sind. Dann folgst du und es schließt
sich hinter dir.“
Das klang erst einmal verdammt
einfach.
Vivians Finger tippten auf weitere
Kreise. „Mit ein wenig Übung wirst du vielleicht die Farben unterscheiden
können. Whoorin erscheint in einem rötlichen Ton, Fairlon eher ins helle Blau.
Avalon grün. Die anderen sind meist Zwischenstufen dieser Farben, aber das
braucht dich jetzt nicht zu interessieren. Du musst als erstes die Welt erkennen
und dann den Durchgang öffnen.“
„Keine magische Formel? Keine
anderen Rituale?“
Vivian verzog den Mund. „Manche
tun es, weil es ihnen hilft. Du kannst dir deine eigene Formel ausdenken und du
kannst sie auch laut aussprechen. Ich tue es nie, weil es verrät, was ich
vorhabe.“
Ich hob den Kopf vom Bildschirm
und sah sie an. „Aber du würdest deine Arme wieder verletzen.“
„Ja“, sagte sie einfach und ohne
den Blick abzuwenden. „Ich könnte auch ein Tier töten, oder einen Menschen. Mit
dem Laufen des Blutes steigt in mir die Magie machtvoller auf als du es dir
vorstellen kannst. Es kostet nur einen winzigen Anstoß und das Portal entsteht.
Wie du auf diese Magie zugreifen willst, weiß ich nicht.“
Wir wurden unterbrochen, weil wir
die Haustür hörten und kurz darauf Trevor seinen Kopf in Vivians Zimmer steckte.
„Ich habe das Buch“, meinte er und
musterte uns erstaunt. „Wie schön, dass ihr euch vertragt.“
„Ich bin nicht du“, gab ich spitz
zurück. „Ich muss mich nicht mit jedem streiten.“
Trevor grinste mich an. „Soll ich
euch hier Gesellschaft leisten oder kommt ihr ins Wohnzimmer?“
„Da schläft Thunder.“
Er zuckte mit den Schultern,
betrat aber dann das Zimmer und legte das Buch mit dem dicken, ledernen Einband
auf Vivians Schreibtisch. Alles, was ich auf dem Buch sehen konnte, waren
irgendwelche Zeichen, vielleicht Runen, ich wusste es nicht.
Vivian allerdings erkannte es
sofort. Sie warf den Laptop zur Seite und sprang auf.
„Ein Cyangolom“, stieß sie hervor
und blieb einen Meter vor dem Tisch stehen. „Es gibt nur sehr wenige Exemplare
davon. Sieben, soweit ich weiß…“
Trevor nickte. „Stimmt. Sieben.“
Zögernd und vorsichtig streckte
sie ihre Hand aus. „Ich dürfte es ebenfalls nicht berühren können.“
Trevor trat zur Seite und
verschränkte die Arme vor der Brust. „Versuch es.“
Ich war ebenfalls aufgestanden und
beobachtete neugierig, was geschah. Vivian trat an den Tisch und ließ ihre Hand
über dem Buch schweben.
„Ich spüre nichts“, flüsterte sie
fassungslos.
Mein Blick wanderte zu Trevor und
ich hob fragend die Augenbrauen.
„Ein Schwarzmagier kann das Buch
nicht berühren“, beantwortete er die ungestellte Frage.
Vivians Hand senkte sich auf das
Buch, bis sie den Einband berührte. Vorsichtig strichen ihre Finger über die
runenartigen Symbole, ehe sie tief Luft holte und den Einband aufschlug.
„Ich habe das Anticyangolom
gelesen“, hauchte sie dann, während sie Seite für Seite umlegte. „Mom hatte
gesagt, ein Magier, der beide Bücher lesen kann, würde unbesiegbar sein…“ Ihre
Stimme verklang. Im nächsten Moment hatte sie das Buch zugeschlagen und fuhr zu
mir herum. „Ich will das nicht!“, stieß sie
hervor. „Ich will das Buch nicht berühren können! Das hier ist nicht meine Welt!
Ich gehöre auf die dunkle Seite!“
„Ich glaube das nicht“, sagte ich
sanft.
Schwarzes Licht löste sich aus
ihren Fingerspitzen und zischte in Richtung Zimmerecke, als sie wütend die Hand
durch die Luft bewegte. „Was weißt du schon? Ihr weißen Magier glaubt doch
immer, dass ihr alle Menschen vor ihren Verfehlungen retten könnt. Ihr seid
Narren!“
Sie rauschte an mir vorbei, sprang
auf ihr Bett und griff wieder nach ihrem Laptop. Ich spürte das Prickeln der
Magie, das den Raum und mich durchzog, aber es war nicht unangenehm.
„Ich würde jetzt gern allein
sein“, sagte Vivian bissig und starrte auf ihren Bildschirm.
Trevor griff nach dem Cyangolom
und nahm es an sich. „Ich denke, meine Entscheidung, dich nicht mit nach Whoorin
zu nehmen, war goldrichtig. Wenn du dich laufend so kindisch benimmst, bist du
eine Gefahr für alle.“
„Raus!“, schrie Vivian zornig.
Ich folgte Trevor, blieb aber an
der Tür noch einmal stehen und sah sie an. „Ich hätte es jetzt nicht mit diesen
Worten formuliert, aber du solltest den Tatsachen ins Auge sehen. Du stehst
schon eine Weile nicht mehr komplett auf der anderen Seite. Auf unserer
allerdings auch nicht. Du musst irgendwann eine Entscheidung fällen.“
Ich schloss die Tür, ehe sie
antworten konnte. Vielleicht, weil ich einfach keine Bemerkung hören wollte, die
mir am Ende wehtat. Denn in solch einer Stimmung schien sie jetzt zu sein.
Trevor erwartete mich mit einem
schiefen Grinsen im Flur vor Vivians Zimmer. „Eigentlich bin ich froh, dass ich
nie erlebt habe, wie meine Töchter in die Pubertät kamen.“
„Lügner“, sagte ich leise und ging
an ihm vorbei in Richtung meines Schlafzimmers.
Davon abgesehen, dass ich nicht
wusste, ob man einen Vampir während des Tages wecken konnte, war es mir einfach
unangenehm, mich an den Tisch im Wohnzimmer zu setzen, wenn Thunder nur einen
Meter neben dem Tisch schlief.
Also blieb nur noch mein
Schlafzimmer. Da sich darin auch ein Schreibtisch befand, an den wir uns setzen
konnten, war das an sich nicht schlimm. Trevor folgte mir, ohne dass ich etwas
sagte. Er legte das Buch auf den Tisch und schlug es auf.
Die nächste Stunde verging damit,
dass er mir die Hieroglyphen vorlas, die eine Schrift sein sollten. Für mich sah
es ähnlich wie Arabisch aus und ich verzog den Mund, als er meinte, ich würde
diese Schrift lesen lernen müssen. Es war Lucaani, die Sprache der Magie, und
jeder Magier konnte sie lesen.
„Öffne deinen Geist und lasse die
Gestalt des Weltengefüges auf dich wirken“, zitierte Trevor gerade. „Die dir am
nächsten liegenden Welten erscheinen dir näher. Du wirst sehen, was hinter den
Türen liegt, ehe du sie öffnest.“
„Vivian hat gesagt, sie bezieht
die Macht aus dem Blut“, unterbrach ich ihn. „Woher, verdammt, ziehe ich sie?
Hab ich genug?“
Trevor sah mich einen Moment lang
an. „Nach einem starken Zauber war Sheldon oft geschwächt und es dauerte eine
Weile, ehe er wieder voll zu Kräften gekommen war. Ich denke, du beziehst die
Macht aus dir selbst.“
„Dann sollte ich ausgiebig zu
Abend essen, hm?“, versuchte ich zu spotten. Es misslang völlig.
Trevor blätterte weiter. „Sheldon
wüsste das sicherlich alles aus dem Kopf“, meinte er seufzend. „Magie ist ein
magisches Potential“, las er dann vor. „Je älter und erfahrener ein Magier ist,
umso mehr Magiepotential kann er speichern und darauf zugreifen. Er darf jedoch
nie in die Versuchung gelangen, sich der Kräfte anderer zu bedienen, denn der
Machtrausch, der einem kurzen Nutzen fremder Kräfte folgt, wird ihn nie wieder
loslassen.“
Ich stützte mein Kinn auf meine
Hand. „Die Versuchung ist sicherlich groß.“
Wir wurden unterbrochen, weil das
Telefon klingelte. Das Zweitgerät lag auf meinem Nachtschrank. Ich nahm das
Gespräch entgegen und setzte mich auf das Bett.
„Hi, Anne“, sprudelte Susan am
anderen Ende los. „Ich habe im Büro angerufen. Dir geht es nicht gut?“
Da war es wieder, mein schlechtes
Gewissen. „Nein“, murmelte ich und bemühte mich, verschnupft zu klingen. „Mich
hat eine böse Erkältung erwischt. Fieber, Husten, Schnupfen, das volle
Programm.“
„Du Ärmste. Dann wirst du nicht
mit mir heute Abend joggen?“
„Nein, tut mir leid“, gab ich
zerknirscht zu. Ich hasste es, Susan anzulügen. Ich hätte ihr auch am liebsten
abgeraten, im Dunkeln zu joggen, aber wie sollte ich das begründen?
„Na ja, macht nichts. Da werde ich
allein gehen.“ Sie schwieg eine Weile, in der ich noch immer überlegte, wie ich
sie davon abhalten könnte. „Larry hat mich angerufen“, sagt sie dann leise. „Er
klang sehr besorgt. Ist alles okay mit dir?“
„Verdammt“, fluchte ich
unbeherrscht los. „So ein…“ Ich verkniff mir das Schimpfwort. „Es ist alles
okay, Susan. Mach dir keinen Kopf.“
Sheldon hatte ihr all die
Erinnerungen an die Begegnung mit Endriel, die Geschehnisse im Heim und Vivian
genommen. Jegliches Protestieren meinerseits hatte überhaupt nichts gebracht und
jetzt zog sich meine Kehle zu, weil ich mir wünschte, Susan einfach die Wahrheit
sagen zu können. Es geschah sehr selten, wirklich gute Freunde zu treffen und
sie belügen zu müssen tat weh.
„Es ist alles okay. Ich war ein
wenig durcheinander, vor allem wegen der Beziehung und so… Ich denke, es ist
besser, dass wir uns getrennt haben.“ Ich wollte mit ihr nicht über Larry
sprechen. Dieses Kapitel meines Lebens war beendet. Ich hätte mit ihr lieber
über meine derzeitige Scheißsituation gesprochen, aber ich durfte es nicht. Das
Leben war wirklich nicht fair.
„Wenn du magst, schau ich morgen
mal bei dir vorbei.“ Ich konnte das Lächeln in Susans Stimme hören.
„Krankenbesuch und so.“
Ich brachte ein krächzendes Lachen
hervor. „Du holst dir nur ein paar aggressive Viren ab und liegst dann auch
flach. Ich melde mich bei dir, wenn es mir besser geht, ja?“
„Wie du willst“, antwortete sie
nur und klang ein wenig enttäuscht. „Ich wünsche dir gute Besserung.“
„Danke und viel Spaß im Heim.“
„Bye.“
Sie hatte kaum die Verbindung
beendet, da knallte ich das Telefon auf das Bett. „Ich hasse dieses Leben!“
Trevor sah mich nur schweigend an.
Mir wäre es lieber gewesen, er hätte irgendeine dumme Bemerkung von sich
gegeben, irgendetwas, so dass ich meinen Zorn an ihm auslassen konnte.
„Ich bräuchte jemandem, mit dem
ich reden kann“, stieß ich hervor und all der Frust, der sich in den letzten
Tagen in mir angesammelt hatte, stieg in mir hoch. „Ich vermisse die Gespräche
mit Susan. Es staut sich alles in mir auf. All die Zweifel, all die Angst und
all die Bedenken. Die einzigen Menschen, die ich noch um mich habe, sind du, ein
Vampir und ein Teenager! Das reicht mir nicht!
Ich will mein Leben zurück!“
Er hörte sich meinen Ausbruch an
als wäre es nicht das erste Mal, dass er einen solchen hörte.
„Magier sind meistens ziemlich
einsam“, sagte er dann leise. „Genau wie Jäger.“
Verzweiflung stieg in mir hoch. Da
war etwas in seinem Blick, das ich unmöglich beschreiben konnte, aber ich ahnte,
dass er meine Verzweiflung verstand.
„Auf Gemlandor wird selten ein
Kind mit magischen Fähigkeiten geboren“, begann er dann. „Sobald es die Eltern
bemerken, wird das Kind getötet. Meine Mutter hat es bemerkt, als ich drei Jahre
alt war, aber sie verbarg es vor meinem Vater. Sie tat alles, um mich zu
schützen, aber es hatte zur Folge, dass ich wenig Kontakt zu anderen Menschen
und auch wenig Kontakt zu Gleichaltrigen bekam.
Als ich siebzehn wurde, verheiratete man mich mit Laurell, die zum damaligen
Zeitpunkt sechzehn war. Niemand hat die Magie in mir ausgebildet, niemand hat
mir gesagt, was es bedeutet, sie zu haben. Meine Mutter verbot mir, auch nur den
kleinsten Hinweis in dieser Richtung zu erwähnen, aus Angst, man würde kommen
und mich töten. Ich habe Laurell geliebt. Sie war die erste Frau in meinem
Leben, wunderschön und sanftmütig, aber…“ Er verstummte und starrte einen Moment
gedankenverloren in die Luft. „Die Magie lässt sich nicht verdrängen. Ich
besitze nicht viel, aber genug, um etwas aufzubauen, das zwischen uns stand. Sie
bemerkte es. Sie wusste, dass ich ihr nicht voll vertraute und es hat mich krank
gemacht.“
Ich hörte ihm mit großen Augen zu
und fühlte, wie sich ein erneuter Kloß in meiner Kehle bildete.
„Gemlandor ist eine Söldnerwelt“,
fuhr er fort. „Der größte Stolz eines jeden Vaters ist, wenn sein Sohn ein guter
Kämpfer wird. Ich bekam schon von Kindesbeinen an Kampfunterricht und, bedingt
durch die instinktive Reaktion meiner Magie, siegte ich in vielen Kämpfen. Man
fragte nach mir, man wollte meine Dienste, doch ich lehnte ab, sobald ich
denjenigen sah, der mich bezahlen wollte. Heute weiß ich, dass es die Magie in
mir war, die mich so handeln ließ.“
Ich musste schlucken und hatte
plötzlich Angst, den Rest zu hören.
„Dann kam Sheldon. Ich war zu
diesem Zeitpunkt drei Jahre verheiratet und Elinor und Lavianna waren ein und
zwei Jahre alt.“ Ein wehmütiger Ausdruck war in sein Gesicht getreten. „Ein Jahr
später habe ich Laurell verlassen. Ich war einundzwanzig Jahre alt und habe die
Liebe meines Lebens verlassen, weil ich nicht mehr mit ansehen konnte, dass sie
meinetwegen krank wurde.“
„Krank?“, flüsterte ich.
Er nickte. „Seelisch krank. Ich
glaube, sie ahnte, was mit mir war und konnte den Gedanken daran nicht ertragen.
Irgendwann hätte sie mich den Behörden gemeldet und man hätte die Ehe
annulliert. Vielleicht hätte man kein Todesurteil mehr vollstreckt, aber ein
magiebegabter Söldner hat keine Rechte auf Gemlandor. Ich wollte ihr die Schande
ersparen.“ Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Ich bin mit Sheldon
gegangen und er war das erste Wesen, das mich so akzeptierte, wie ich war. Er
akzeptierte, was ich war und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.
Dem Jäger.“
„Warst du jemals wieder auf
Gemlandor?“
Er nickte. „Ja, aber ich habe
Laurell nie wieder besucht. Mein Name ist heute, so viele Jahre später,
niemandem mehr unbekannt und heute wagt es auch niemand mehr, ihn zu
verunglimpfen. Aber damals, damals war ich eine Schande für meine Familie.“
„Das tut mir leid“, flüsterte ich
wieder.
Trevor schüttelte den Kopf. „Nein,
muss es nicht. Ich wollte dir damit nur sagen, dass du es besser hast, Annie.
Möglich, dass du dich im Moment allein fühlst, aber es gibt genug Menschen, die
an deiner Seite stehen. Selbst Susan, aber sie wird deinen Weg nicht lange
begleiten. Du wirst andere Wesen kennen lernen. Wesen, die sind wie du.“
Tränen traten in meine Augen. „Ich
würde lieber ein normaler Mensch sein.“
„Leider können wir uns nicht
aussuchen, was wir sind“, sagte er leise.
Ich nickte langsam und traurig.
„Es tut trotzdem weh.“
„Ich würde dir gern etwas anderes
sagen können, aber ich kann es nicht. Es wäre eine Lüge.“
„Ich habe Angst, dass ich es nicht
schaffe“, murmelte ich und wischte mir schnell über die Augen. Ich wollte nicht
weinen, in seiner Gegenwart schon gleich gar nicht. „Ich fühle mich jetzt schon
überfordert. Was, wenn wegen meiner Unfähigkeit Sheldon etwas passiert…“
Trevor schüttelte den Kopf, stand
auf und setzte sich neben mich auf das Bett. „Red dir so etwas nicht ein. Mir
ist vollkommen klar, dass wir etwas fast Unmögliches versuchen. Es wäre kein
Versagen, selbst wenn es nicht klappt. Aber wenn wir es nicht tun, wäre es eine
vergeudete Chance.“
Sicher hatte er recht. Trotzdem
gab es tief in meinem Inneren dieses Gefühl, das mir sagte, dass ich nicht
bereit war. Zweifel an sich selbst konnten ein Vorhaben eher vereiteln als
jegliches Nichtkönnen. Wenn man an sich selbst glaubt, schafft man manchmal auch
Dinge, die eigentlich unmöglich waren. Aber wenn nicht…
„Du wirst es schaffen, Annie“,
sagte Trevor wieder und in seiner Stimme hörte ich mehr Zuversicht als ich
selbst besaß. „Sheldon sagte immer, es gibt viel schwerere Dinge als ein Portal
zu öffnen.“
„Das baut mich jetzt nicht
wirklich auf“, brummte ich missmutig. „Mich beruhigt mehr der Gedanke, dass
Vivian dabei ist.“
Er sagte darauf nichts, aber ich
sah ihm an, dass er nicht so dachte. Seufzend lehnte ich mich über das Bett,
angelte nach dem Telefon, das ich auf die andere Seite geworfen hatte und legte
es wieder auf den Nachtschrank.
„Tut mir leid, dass ich manchmal
so überreagiere“, murmelte ich.
Trevor schien in Gedanken
versunken, als würde er über etwas nachdenken. Dann drehte er den Kopf und sah
mich aus diesen seltsamen, grauen Augen an. Es lag ein Zögern und eine Art
Unsicherheit in seinem Blick, die ich vorher noch nie an ihm entdeckt hatte.
„Wenn wir da drüben sind, Annie“,
begann er langsam, „kann es sein, dass gefährliche Situationen auftreten. Es
kann sein, dass du in Gefahr gerätst…“
„Ich weiß.“ Ich runzelte die
Stirn, weil ich keine Ahnung hatte, worauf er hinaus wollte.
„Ich bin zwar kein Magier, aber
ich besitze geringe magische Kräfte. Es ist möglich, dass wir…“ Er holte tief
Luft, als müsse er sich zwingen, die Worte auszusprechen. „Dass wir auch über
größere Entfernungen kommunizieren. Dass du mich um Hilfe rufst, wenn es nötig
wird.“
Meine Augen wurden groß. „Ja?“
Er nickte, aber noch immer lag
dieses Zögern in seinem Blick.
„Und wie?“, fragte ich, weil er
nicht weiter sprach.
„Indem du mich in deinen Kopf
lässt“, sagte er leise.
Ich starrte ihn an wie einen
Geist.
Trevor wandte den Blick ab und
schaute wieder gedankenverloren in die Luft. „Ich tue es nicht gern, aber
Sheldon hat gesagt, es ist lange her, dass ein Magier mit deinem Potential
geboren wurde. Wir sollten das Risiko, dass dir etwas passiert, so gering wie
möglich halten.“ Er schien wie zu sich selbst zu sprechen. „Ich habe dir schon
einmal erzählt, dass es uns möglich ist, die Gedanken anderer Menschen zu lesen.
Du tust es noch nicht bewusst, aber die Fähigkeit steckt in dir und sie ist bei
weitem größer als meine. Bei einem anderen Magier ist das nicht möglich, da
seine Magie es verhindert. Eine telepathische Verbindung zwischen zwei Magiern
zulassen, bedeutet ein immenses Maß an Nähe, das ich eigentlich ablehne. Es hat
Jahre gedauert, ehe Sheldon und ich dieses Vertrauen zueinander entwickelt
hatten.“
„Du kannst dann meine Gedanken
lesen?“, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme entsetzt
klang. „Vergiss es.“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.
„Jeder Magier bildet unbewusst eine Blockade, um es anderen zu verwehren, in
seinen Geist zu dringen. Wenn wir es zulassen, gehen wir eine Art Verbindung
ein. Ich spüre es dann, wenn du mit mir reden willst und kann die mentale
Blockade partiell senken, so dass wir uns unterhalten können, ohne laut zu
sprechen. Und dir wird es genauso gehen.“
„Aber du willst das gar nicht? Und
du bietest es jetzt trotzdem an, weil…?“ Ich ließ das Ende offen, damit er
antworten konnte.
„Manchmal sind unsere persönlichen
Interessen einfach zweitrangig“, war alles, was ich als Antwort bekam.
Keine Ahnung, warum ich
Enttäuschung fühlte. Vielleicht wäre es mir doch lieber gewesen, er hätte
gesagt, er wolle nicht, dass mir etwas passiert. So wie es schien, war ich ihm
als Person gleichgültig, alles, was er wollte, war, mein Magiepotential zu
erhalten.
Verärgert stand ich auf und
verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein.“
„Annie, ich…“
„Nein“, fiel ich ihm wieder ins
Wort. „Du hast selbst gesagt, dir ist diese Nähe unangenehm. Ich weiß zwar
nicht, was das für eine Nähe ist, aber mit dir will ich sie nicht!“
Mit diesen Worten rauschte ich an
ihm vorbei und knallte die Tür des Schlafzimmers hinter mir zu. Vielleicht saß
er jetzt da drin und starrte mir nach. Es war mir egal. Sollte er darüber
nachdenken, warum mich seine Worte verletzt hatten.
Die Sonne ging gegen siebzehn Uhr
unter und Thunder erwachte.
Es war eigenartig, aber Trevor,
mit dem ich notgedrungen wieder reden musste, erklärte mir, dass es sich bei
Vampiren und ihrem Schlafrhythmus ähnlich verhielt wie bei Menschen, nur dass
hier auf der Erde, bedingt durch das Sonnenlicht, der Tag und die Nacht
vertauscht waren. Genauso wie Menschen mal eine Nacht nicht schlafen konnten,
war das auch bei Vampiren möglich, sie durften dann nur nicht hinaus in die
Sonne gehen.
Thunder allerdings hatte tief und
fest geschlafen, weil der Schlaf seine Selbstheilung förderte. Jetzt erhob er
sich zwar noch etwas steif und bewegte sich langsam, aber der Großteil der
Blessuren war verschwunden. Noch immer zeigte sein Gesicht ein paar Schwellungen
und auch an der geplatzten Augenbraue konnte man noch immer die Verletzung
sehen, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis alles verheilt war.
Thunder und Trevor begannen, ein
paar Sachen zusammenzupacken, die wir mitnehmen wollten. Vor allem Waffen und
meine Augen wurden immer größer, als ich sah, was die beiden alles angeschleppt
hatten. Trevor überreichte mir zwei Messer, die mit Hilfe von
Lederarmbändern an meinen Unterarmen und Handgelenken befestigt wurden.
Durch eine kurze Bewegung der Arme rutschen die Messer hinein und konnten von
mir verwendet werden. Ich hatte ernsthafte Zweifel daran, sie je benutzen zu
können. Er gab mir auch eine Pistole, nur eine kleine, und ich ließ sie einfach
in meiner Tasche verschwinden. Dass ich eine Schusswaffe benutzen würde, daran
zweifelte ich noch mehr.
Vivian bekam keine Waffe. Sie
sollte uns ja auch nicht durch das Tor begleiten, aber ich nahm an, dass Trevor
ihr auch so keine gegeben hätte. Das junge Mädchen sprach kein Wort mit Trevor
und sie sah ihn auch nicht an. Ich hoffte nur, sie würde ihr Angebot, mir zu
helfen, nicht zurückziehen, denn dann sah ich ziemlich alt aus.
Da wir nicht wussten, wie lange
wir uns in der anderen Welt aufhalten würden, packte auch ich ein paar Sachen
zum Wechseln sowie eine Notverpflegung und Wasser in einen der Wanderrucksäcke,
die ich noch von Ausflügen mit irgendeinem meiner Exfreunde besaß.
Es war gegen sechs, als wir
aufbrachen. Wir hatten kaum das Haus und damit den Schutz der Amulette
verlassen, da spürte ich wieder, was Trevor gesagt hatte. Ein drückendes Gefühl
lag über der Stadt, so als wäre alles um uns herum dunkler geworden. Es dauerte
nur einen kurzen Moment, dann hatte ich mich daran gewöhnt, aber das
unterschwellige Gefühl einer drohenden Gefahr blieb.
Wir nahmen Thunders Auto. Bis
jetzt hatte ich nicht einmal gewusst, dass er eins besaß, aber es war ein Jeep
Cherokee, sehr groß, bedeutend komfortabler als mein Fiat und er würde uns auch
in unwegsames Gelände bringen. Ich glaubte mich sogar entfernt zu erinnern, dass
es das Fahrzeug war, das ich bei meinem ersten Besuch im
Dark Night hatte auf dem Parkplatz vor dem Haus stehen sehen.
Wortlos kletterte Vivian neben
mich auf die Rücksitzbank. Sie hatte ebenfalls einen kleinen Rucksack über ihrer
rechten Schulter, aber ich fragte nicht nach, was sich darin befand.
Erst jetzt fiel mir ein, dass sie nach unserer Aktion irgendwie in die
Stadt zurückkommen musste. Ein Blick in ihr verschlossenes Gesicht sagte mir,
dass ich sicherlich keine Antwort auf eine diesbezügliche Frage erhalten würde.
Ich stellte sie trotzdem.
„Habt ihr darüber gesprochen, wie
du zurückkommst?“
Es dauerte eine Weile, aber sie
antwortete. „Ich komme von überall zurück.“
Was auch immer das heißen mochte.
Mehr würde ich aber nicht aus ihr herausbekommen. Soviel wusste ich mittlerweile
schon. Wenn sie keine Lust hatte zu reden, dann redete sie auch nicht.
Vielleicht war in dem Rucksack alles, was man für ein Übernachten in der freien
Natur benötigte? Ich verschob den Gedanken ganz schnell, denn wir hatten Mitte
Dezember und es war wie üblich kalt. Allein der Gedanken, im Freien zu
übernachten, jagte mir eine Gänsehaut über den Körper. Vielleicht fuhren wir ja
auch gar nicht so weit und sie konnte zurücklaufen?
Die beiden Männer auf den vorderen
Plätzen des Jeeps schwiegen ebenfalls. Wir fuhren erst einmal ins Stadtzentrum
und verließen es wieder in Richtung Enborne. Wir hatten allerdings die Autobahn
noch nicht erreicht als Thunder schon wieder rechts abbog. Es war dunkel und als
wir die Schienen der Bahn hinter uns gelassen hatten und einen Weg mitten durch
Wiesen befuhren, gab ich es auf, draußen etwas zu erkennen. Irgendjemand würde
es mir schon sagen, wenn wir unseren Zielpunkt erreicht hatten.
„Versuche mit deinen Sinnen hinaus
zu lauschen“, sagte Vivian neben mir plötzlich.
Mein Kopf schoss überrascht zu ihr
hinüber, doch sie schaute völlig unbeteiligt aus dem Fenster und sah mich nicht
an.
„Warum?“
„Sag mir, was du siehst.“
Ich schloss die Augen, weil es so
immer noch am besten ging, sich zu konzentrieren. Mittlerweile schaffte ich es
recht gut, meine magische Existenz vor anderen zu verbergen. Wenn ich vielleicht
nicht sonderlich viele andere Sachen tun konnte, aber wie ein magisches
Leuchtfeuer lief ich nicht mehr herum.
Zuerst war der Raum nur dunkel.
Dann erkannte ich irgendwo in der Ferne verschwommene Lichter, die ich
allerdings weder interpretieren noch zuordnen konnte.
„Mach die Augen auf“, störte
Vivian meine Konzentration. „Schau dir die Umgebung mit den magischen Sinnen
an.“
Ich tat, was sie sagte, doch im
ersten Moment sah ich nichts anderes als unsere normale Welt. Besser gesagt, ich
sah nicht viel, da es so dunkel war. Wir holperten über den nur von den
Scheinwerfern des Jeeps beleuchteten Weg und an der rechten Seite, da wo ich
saß, erstreckte sich die Wiese bis zum Waldrand hinauf.
Als ich dies registrierte, machte
mein Herz einen Satz und ich kurbelte die Scheibe des Jeeps herunter. Das
brachte mir ein Schimpfen Trevors ein, doch ich ignorierte ihn. Da draußen war
es stockdunkel. Weshalb konnte ich bis zum Waldrand schauen?
Ich blinzelte mehrmals, ehe mir
aufging, dass sich meine Sicht mit meiner Konzentration veränderte. Gab ich mir
keine Mühe, war da draußen alles schwarz. Ein warmes Gefühl stieg in mir hoch,
wie immer, wenn ich spürte, wie die Magie in mir erwachte. Übergangslos
veränderte sich die Umgebung. Es war, als hätte ich ein Nachtsichtgerät
aufgesetzt. Nicht dass ich jemals eins aufgehabt hatte, aber so stellte ich es
mir vor.
Plötzlich erkannte ich sogar die
einzelnen Bäume und sah den Weg, auf dem Thunder fuhr und der jetzt zwischen die
Bäume hinein führte. Im Wald war es noch finsterer, aber ich war mehr damit
beschäftigt, begeistert zu sehen, dass die Nacht für mich in ein grünliches
Licht getaucht war.
„Ich sehe die Bäume“, flüsterte
ich fassungslos.
„Was noch?“
Ich ließ meinen Blick schweifen.
Thunder fuhr eine ganze Weile durch den Wald und ich beobachtete diese für mich
neue Welt neugierig. Dann verließ er den Wald wieder, nachdem wir die kleine
Brücke über einem Flüsschen, irgendeinem Ausläufer des Kennet, überquert hatten
und lenkte den Jeep vom Weg ab auf die Weide zu unserer rechten Seite. Das
Holpern verstärkte sich, da er jetzt den wenigstens einigermaßen befestigten Weg
verlassen hatte. Der Waldrand, vor dem sich der Fluss durch die Wiese
schlängelte, lag jetzt rechts neben uns und leuchtete blass. Ich sah die Grenze
zwischen dem Wald, der Wiese und dem Fluss deutlich und in der Ferne konnte ich
die funkelnden Lichter der Stadt ausmachen.
„Ich sehe die Umgebung. Blass,
aber ich sehe alles als wäre es nicht dunkel“, sagte ich leise.
Vivian hatte sich jetzt endlich
umgedreht, beugte sich zu mir und wies aus dem Fenster auf die Anhöhe, auf die
wir uns jetzt zu bewegten. „Konzentrier dich auf diesen Punkt. Was siehst du?“
Ich folgte mit dem Blick ihrem
Finger und runzelte die Stirn. Die Wiese stieg etwas an
und es war der höchste Punkt, auf den Vivian deutete, aber mehr konnte
ich erst einmal nicht erkennen. Thunder parkte den Jeep unter einem Baum direkt
neben dem Fluss.
Wir stiegen aus und ich zog meinen
Anorak enger um meinen Hals, als mich die kalte Nachtluft traf. Meine Augen
huschten wieder hinauf zu dem Hügel und diesmal erstarrte ich einen Moment
erstaunt. Etwas war anders. Ich konnte es nicht genau erklären, aber die Spitze
des Hügels wurde in ein anderes Licht, in ein unwirklicheres Licht gehüllt. Es
war, als würde ich verschwommen durch Wasser schauen oder durch eine Linse.
Vivian war neben mich getreten.
„Hier sind sich die Welten näher als an einem anderen Punkt in der Umgebung“,
erklärte sie. „Manchmal kann man Dinge aus der anderen Welt ähnlich einer Fata
Morgana sehen.“
Ich blinzelte wieder, aber etwas
anderes, als dass es verschwommen wirkte und dass ich alles in ein unwirkliches
Licht getaucht sah, konnte ich nicht erkennen.
„Hier ist es leichter, ein Portal
zu erschaffen“, meinte Vivian nur, ehe sie ihren Rucksack schulterte und den
Hügel hinaufmarschierte.
Thunder verriegelte das Auto, dann
griffen wir unser Gepäck und folgten dem jungen Mädchen.
„Du wusstest das?“, erkundigte ich
mich bei Trevor.
Er nickte. „Ich kann es nicht
sehen, aber wir kennen all die Punkte im Umkreis, an denen sich die Welten
kreuzen. Dies ist einer der Schwächeren. Aber der nächste Starke liegt erst in
der Nähe von Stonehenge.“
Dann hatten wir die Anhöhe
erreicht. Vivian war stehen geblieben und schaute in Richtung der Stadt, die in
ein Lichtermeer gebadet vor uns lag. Ich trat neben sie.
„Es wird nur noch wenige Wochen
dauern, dann befindet sich die Stadt in den Händen der dunklen Seite“, sagte sie
gleichgültig. „Es wird der Beginn der Übernahme der Erde sein.“
„Wenn wir das nicht verhindern“,
entgegnete Trevor.
Vivian warf ihm einen Blick zu,
den man fast mitleidig nennen konnte. „Mit deiner Armee hier?“, fragte sie
spöttisch und machte eine Kopfbewegung, die mich und Thunder einschloss.
Trevor reagierte darauf nicht.
„Fangen wir an“, meinte er nur. „Ich weiß nicht, wie lange Sheldon noch Zeit
hat.“
Ich bekam plötzlich ein ganz
flaues Gefühl im Magen, aber ich holte tief Luft, um mich selbst zu beruhigen.
Allerdings wusste ich gar nicht, wie ich beginnen wollte.
Vivian trat neben mich. „Okay,
Anne?“
Ich nickte langsam.
„Schließ die Augen und tue das
gleiche wie vorhin im Auto. Schau dich um. Whoorin erscheint in rötlicher
Farbe.“
Ich schloss die Augen und
konzentrierte mich. Übergangslos traf mich das Chaos aus dem Raum, in den ich
schaute, mit aller Macht und ich hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben.
Wahrscheinlich hatte ich
erschrocken nach Luft geschnappt, denn Vivian lachte leise.
„Dies hier ist ein Punkt, an dem
sich die Welten kreuzen. Da herrscht schon ein bisschen Chaos.“
Wie ich mich in dem Chaos
zurechtfinden sollte, sagte sie allerdings nicht. Ich kämpfte gegen den Druck in
meinem Kopf und versuchte, irgendetwas zu erkennen. Lichter wirbelten
durcheinander, alle möglichen Farben tobten um mich herum. Wenn dies ein
schwacher Punkt war, wollte ich die starken gar nicht kennen lernen.
„Rot“, sagte Vivian leise.
„Orientiere dich am Rot.“
Rot? Wo war hier etwas rot?
Verzweiflung stieg in mir auf. Es waren so viele Farben, die auf mich
einstürmten. Wie sollte ich da ein rot herausfiltern? Trotzdem versuchte ich,
mich zu orientieren. Mein Kopf dröhnte von all dem Chaos, aber ich drehte den
Kopf, um mehr von dem rot zu entdecken. Obwohl die Farben nur wild durcheinander
zu wirbeln schienen, fiel mir auf, dass die „linke“ Seite eine Idee rötlicher
war als der Rest, also konzentrierte ich meine Bemühungen darauf.
„Das ist richtig“, hörte ich
wieder Vivians Stimme. „Bleib ruhig, du hast Zeit.“
Hatte ich die? Weder Trevor noch
Thunder widersprachen. Sicherlich wussten sie, dass ich unter Druck völlig
versagen würde.
Übergangslos veränderte sich das
Durcheinander, als ich mit den mir unbegreiflichen Sinnen weiter hinausgriff. Es
wurde ruhiger und plötzlich schien es mir, als würde ich etwas erkennen können.
Eine Landschaft, bizarr und steinig und von einem düsteren roten Schimmer
überzogen. Und schlagartig begriff ich. Etwas in mir wusste haargenau, was ich
tun musste, um dorthin zu gelangen. Ein Schritt und ich wäre da.
„Öffne das Tor“, sagte Vivian
neben mir.
Da fiel mir wieder ein, dass ich
zwei andere Menschen mitnehmen wollte, aber ich wusste genau, für mich selbst
würde ich das Tor nicht benötigen, ich müsste einfach nur einen Schritt tun und
konnte Whoorin betreten.
„Wie?“, flüsterte ich heiser.
Eine Hand schob sich in meine. Es
überraschte mich, denn soweit ich jetzt wusste, ging Vivian jeglichem engeren
Körperkontakt möglichst aus dem Weg.
Das Cyana um meinen Hals erwärmte
sich, als ich spürte, wie sich die Magie in ihr aufbaute und über die Verbindung
unserer Hände zu mir vordrang.
„Nein“, zischte Trevor hinter mir.
Er wollte einen Schritt nach vorn machen, doch im gleichen Augenblick schoss
Vivians Magie in ihr hoch und stieß ihn zurück.
Ich hörte, dass er das Schwert
zog, aber ich konzentrierte mich weiterhin auf die Welt, die wir betreten
wollten. Es war, als hätte sich meine Sicht durch Vivians Magie geschärft. Mit
einem Gedankenbefehl stellte ich mir ein Tor vor und übergangslos flammte vor
uns ein Bogen auf. Ich spürte es nur, denn ich hatte die Augen noch immer
geschlossen, aber ich hörte hinter mir das überraschte Aufkeuchen der beiden
Männer. Jetzt öffnete auch ich meine Augen und schaute auf das von einem
leuchtenden Kreis umgebene ovale Portal.
„Wow“, hauchte ich fasziniert. Das
Tor war vielleicht zwei Meter hoch und einen halben Meter breit. In der Mitte
konnte ich die Landschaft Whoorins sehen, so wie ich sie bereits mit
geschlossenen Augen dort draußen in dem komischen magischen Raum erkannt hatte.
Vivian hielt noch immer meine Hand
und lächelte schwach. „Jetzt halte es aufrecht, damit die beiden Männer
hindurchgehen können.“
Ich nickte.
Trevor hatte das Schwert noch
immer in der Hand, etwas, worüber ich nicht sonderlich froh war und machte einen
Schritt auf das Tor zu. „Ich gehe zuerst. Folgt mir, so schnell wie möglich.“
Im nächsten Moment trat er in die
Öffnung, flimmerte einen Augenblick und stand dann inmitten der Felsenwelt. Ich
konnte erkennen, wie er sich umsah, die Umgebung sondierte und dann winkte.
Thunder folgte ihm kurz darauf.
Ich blicke noch einmal das junge
Mädchen an. Im Licht des leuchtenden Portals schienen ihre Augen größer und
dunkler und in ihnen flimmerte die Magie, die sie im Moment anwandte.
„Danke“, sagte ich leise.
Sie antwortete nicht, ließ meine
Hand los und winkte mit dem Kopf in Richtung des Tores. Ich holte tief Luft,
ging dann auf das Portal zu und machte einen Schritt hinein. Es waren nur
Sekundenbruchteile, aber es war das eigenartigste Gefühl, das ich je erlebt
hatte. Ein Ziehen, als würde mich etwas in all meine Einzelteile zerreißen und
durch den Raum schleudern. Nur einen winzigen
Augenblick und dann kam ich taumelnd neben den beiden Männern zum Stehen.
„Verflucht“, murmelte ich etwas
orientierungslos und fuhr im nächsten Moment zusammen, als Vivian neben mir
auftauchte und das Portal im gleichen Augenblick zusammenbrach.
„Mach, dass du zurückkommst!“,
schrie Trevor so zornig, wie ich ihn lange nicht erlebt hatte.
Vivian beachtete ihn gar nicht,
sondern sah nur mich an. „Ich habe über deine Worte nachgedacht. Ich kann nicht
ewig flüchten. Ich werde die Entscheidung fällen oder man wird sie für mich
fällen. Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, aber ich möchte es versuchen.“
„Du bist eine verdammte Gefahr für
uns alle!“, fauchte Trevor, machte einen Schritt auf das Mädchen zu, doch sie
hob nur die Hand und er lief gegen eine unsichtbare Wand. „Kleine, ich jage dich
bis ans Ende der Welt, wenn Sheldon wegen dir etwas passiert.“
Jetzt reichte es mir. „Halt die
Klappe!“, fuhr ich ihn an, ehe ich mich wieder Vivian zuwandte, die bei Trevors
Ausbruch nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte.
Ein leises Lächeln huschte über
meine Lippen. „Willkommen im Team.“
Trevor knurrte böse, aber etwas in
Vivians Gesicht leuchtete, ehe sie verlegen den Blick abwandte.
Aber egal, was Trevor sagte oder
dachte, mein Gefühl sagte etwas anderes. Und deshalb sah ich plötzlich ein wenig
optimistischer in die Zukunft.
Erst jetzt kam ich dazu, meiner
Umgebung ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wie ich schon vorher durch
das Portal gesehen hatte, umgaben uns hauptsächlich Steine, Felsen und
Felsgruppen. Nur hier und da konnte ich im fahlen, rötlichen Licht winzige,
karge Pflanzen, Kakteen vergleichbar, erkennen. Ein Blick in den Himmel zeigte
ein völlig anderes Sternenbild als ich es von der Erde gewöhnt war. Ich konnte
keine einzige bekannte Konstellation entdecken, was mehrere Ursachen haben
konnte. Entweder wir befanden uns in einem völlig anderen Teil unseres
Universums oder unserer Milchstraße, oder wir befanden uns eben nicht mehr in
unserem Universum. Ich hatte einmal eine Theorie über das so genannte
Multiversum gelesen, aber sie erschien mir so utopisch, dass ich es gar nicht in
Betracht ziehen wollte.
Aber ich hatte auch nie an Magie
und alles Mögliche in diesem Zusammenhang geglaubt und nun geriet mein gesamtes
Weltbild aus den Fugen. Es würde sich sicherlich in den nächsten Tagen oder
Wochen klären, woran ich noch glauben konnte und woran nicht. Wenn ich sie
überlebte.
„Wir sind nicht mehr auf der
Erde“, sagte Trevor neben mir überflüssigerweise.
Jetzt stellte ich auch fest, dass
mir verdammt warm war. Ich öffnete meinen Anorak. „Ist es hier immer so düster
oder haben wir jetzt Nacht?“
Thunder, der bis jetzt geschwiegen
hatte, sah sich misstrauisch um. „Nacht“, meinte er dann. „Ich vertrage die
Sonne Whoorins genauso wenig wie die der Erde.“
Mein Blick wanderte zu dem Vampir.
„Warum eigentlich nicht?“
Er lächelte fein. „Wenn du Fairlon
kennen würdest, wäre es dir klar.“
„Wir haben jetzt keine Zeit für
irgendwelche Geschichten“, mischte sich Trevor ein. „Wir müssen hier weg.
Irgendjemandem ist sicherlich aufgefallen, dass hier ein Portal erschaffen
wurde.“
Mir lag eine bissige Bemerkung auf
der Zunge, dann aber wurde mir klar, dass Trevor einfach nur besorgt war. Vivian
hatte ihre Jacke ausgezogen und in ihren Rucksack gestopft. Jetzt wusste ich
auch, dass sie von Anfang an geplant hatte, mit durch das Portal zu gehen. Mir
war immer noch so verflucht warm, deshalb tat ich es ihr gleich und stopfte den
Anorak zu meinen anderen Sachen. Natürlich war der Rucksack jetzt gleich um
einiges schwerer. Seufzend hob ich das Teil auf
meinen Rücken und folgte Trevor, der einen Weg durch die Steinwüste hindurch
eingeschlagen hatte. Thunder bildete den Abschluss unserer kleinen Gruppe.
Schweigend marschierten wir durch
die trostlose Gegend. Ein eigenartiger Geruch lag in der Luft, ein Geruch nach
Rauch und Asche, aber auch etwas anderem, das ich nicht zuordnen konnte.
„Warst du schon einmal hier?“,
fragte ich flüsternd die neben mir gehende Vivian. Warum ich flüsterte, wusste
ich selbst nicht.
Sie nickte düster. „Mehr als
einmal.“
Trevor marschierte sehr
zielstrebig, was mich zu der Annahme verleitete, dass er auch nicht das erste
Mal hier war und den Weg kannte. Aber welchen Weg eigentlich?
„Wohin gehen wir?“, flüsterte ich
wieder.
Diesmal lachte Vivian leise. „Dich
hört hier niemand, Anne. Wir müssen aus der Todeswüste heraus.“
„Ah ja.“ Ich schaute mich mit
einem unguten Gefühl um. Todeswüste war eine sehr zutreffende Bezeichnung. Ich
wollte nur hoffen, dass ich nicht zu einem der Opfer dieser Wüste wurde. Es
strengte an, bei diesem komischen Licht etwas zu erkennen. Langsam aber sicher
begann mich das zu nerven.
Trevor hatte ein recht zügiges
Tempo vorgelegt. Es dauerte nur eine halbe Stunde und mein Pullover wurde mir
auch noch zu warm. Die beiden Männer hatte sich ebenfalls ihrer Jacken entledigt
und mittlerweile redete niemand mehr, weil wir alle mehr damit zu tun hatten,
uns auf dem steinigen Gelände zurecht zu finden.
Vivian hielt erstaunlich gut
durch. Nicht einmal ihr Atem hatte sich beschleunigt, während meiner schon recht
stoßweise ging. Vielleicht lag es aber auch an der Luft, denn ich empfand den
Geruch einfach lästig.
„Es wäre einfacher zu
teleportieren“, sagte Vivian plötzlich neben mir. „Aber ein Teleport ist
leichter festzustellen.“
„Wir teleportieren nur im
Notfall“, meldete sich Trevor von vorn.
Wir hatten einen Felsvorsprung
erreicht, von dessen Ende aus wir einen wunderschönen Blick in ein rötlich
beleuchtetes Tal hatten. Trevor war stehen geblieben und musterte das Tal eine
ganze Weile aus schmalen Augen. Thunder trat neben ihn.
„Aquarina“, meinte er leise. „Wir
befinden uns im Gebiet der Fauroons.“
„Was heißt das?“, erkundigte ich
mich neugierig. „Ist das gut oder schlecht?“
„Wie man es nimmt“, antwortete mir
Trevor. „Whoorin ist in mehrere Herrschaftsgebiete geteilt. Die Fauroons gehören
zu den treuesten Ergebenen der dunklen Magier.“
Mein Gesicht fiel in sich zusammen
und Trevor lächelte schief.
„Aber es bedeutet, dass wir uns im
haargenau richtigen Gebiet aufhalten. Wenn man Sheldon irgendwo festhält, dann
hier im Verlies der Festung Faumorn.“
„Und genau da wollen wir hin?“,
fragte ich ungläubig. Festung klang sehr nach…Festung. Ich verband den Begriff
mit „bewacht“, „Kampf“ und „Gefahr“. Sicherlich nicht zu Unrecht.
Trevor nickte. „Es ist nicht
leicht, aber es ist möglich. Ich bin schon einmal durch die Untergrundtunnel bis
in die Festung vorgedrungen. Aber ich war allein.“ Sein Blick schweifte über uns
und blieb an Vivian hängen.
Diese hob trotzig das Kinn. „Ich
würde auch so in die Festung kommen.“
„Ich traue dir nicht, kleine
Hexe“, sagte er ernst. „Natürlich würdest du so in die Festung kommen. Als
schwarzmagische Tochter Anastasias steht dir so ziemlich jedes dunkle Haus
offen. Und es wäre ein leichtes, uns zu verraten. Ich hätte dich lieber an
meiner Seite, wo ich dich im Blick habe.“
Sie erwiderte seinen Blick ernst.
„Du vergibst eine Chance.“
Ich schaute von Trevor zu ihr und
wieder zu Trevor. „Noch mal für mich. Was könnte sie tun, wenn sie einfach so in
die Festung geht?“
„Uns verraten“, war seine einfache
Antwort.
Vivian dagegen sagte etwas
anderes. „Ich könnte herausbekommen, ob und wo Sheldon festgehalten wird. Ich
könnte dafür sorgen, dass der Weg durch den Untergrund wenig bewacht wird. Ich
könnte euch darüber informieren, wie er bewacht wird. Ich könnte…“
„Nein“, unterbrach Trevor sie
hart. „Ich gehe dieses Risiko nicht ein.“
Ich runzelte die Stirn. „Wenn sie
uns hätte verraten wollen, dann hätte sie nicht mit uns gehen müssen. Sie hätte
allein gehen können. Sie hätte uns schon auf der Erde verraten können.“
„Ich habe ein verdammtes Problem
damit, eine schwarzmagische Hexe in meiner Gruppe zu haben“, stieß Trevor
hervor. „Ich werde nicht noch meinen Plan auf das Vertrauen zu ihr aufbauen!“
Vivian zuckte mit den Schultern.
„Ich lege keinen Wert auf dein Vertrauen.“
Plötzlich wurden wir durch ein
Geräusch hinter uns aufgeschreckt. Wir fuhren herum. Trevor und Thunder hatten
schneller ihre Schwerter in den Händen als ich denken konnte und über Vivians
Haut bildete sich dunkles Licht.
„Verdammt“, fluchte Trevor, als er
erkannte, dass sich hinter uns ein Portal aufbaute.
„Jäger“, sagte Vivian.
Das Cyana um meinen Hals erwärmte
sich. Noch stand der Torbogen nicht, durch den was auch immer kommen konnte. Mir
würde garantiert nicht gefallen, was da durch kam.
„Was jetzt?“, piepste ich und
hasste meine Stimme, die so fürchterlich nach Angst klang.
„Kämpfen“, sagte Trevor und hob
das Schwert.
„Das Portal zerstören“, sagte
Vivian und ihr erster Feuerball sauste zischend in das halb geöffnete Tor.
Trevors Kopf schoss in ihre
Richtung, doch er verkniff sich jedes weitere Wort.
Vivians Augen glühten in diesem
dunklen Schwarz, wie ich es schon mehr als einmal gesehen hatte.
„Annie“, stieß sie hervor. „Mach
mit!“ Dunkle Blitze zuckten über ihre Haut, wanderten hinab in ihre
Fingerspitzen und bildeten einen neuen, dunklen Ball. „Ziel genau hinein. Du
tötest, was durch kommen will und überlastest das Portal.“
Ich kämpfte gegen meine eigene
Angst. Zitternd hob ich meine Hände und hoffte, die Konzentration aufbringen zu
können, die nötig war, um das weiße Licht zu rufen.
Thunder und Trevor waren etwas zur
Seite gewichen, um nicht in unserem Schussfeld zu stehen, aber um bereit zu
sein, falls doch ein Wesen das Portal verlassen sollte. Das geschah auch in
genau dem Moment, wo mein magischer Ball meine Hand verließ. Knurrend sprang
eine Kreatur aus dem Tor, und für einen Moment drohte mein Herz auszusetzen.
Das Ding duckte sich, so dass mein
Ball über es hinweg rauschte und im Portal landete, dann riss es das eigene
Schwert nach oben und stürzte nach vorn. Kleine rote Augen blitzen uns aus einem
flachen, breiten Gesicht entgegen. Allein die Größe der Gestalt des Wesens war
Furcht einflößend. Mit bestimmt zwei Metern Höhe und fast siebzig Zentimetern in
der Schulterbreite wirkte es wie ein Felsklotz. Krallenbewehrte, wuchtige Hände
hielten ein Schwert, das bestimmt doppelt so breit war wie Trevors. Als es den
Mund – oder besser das Maul – öffnete, konnte ich die spitzen, scharfen Zähne
erkennen.
Sofort griffen Trevor und Thunder
an. Metall klirrte gegen Metall, während im Hintergrund das Portal zischte und
blitzte, weil es die Energie meines Balls absorbieren musste.
„Hierher!“, schrie Vivian und
sprang zur Seite, um wieder ein freies Schussfeld zu bekommen. „Kümmere dich
nicht um den Whoogal! Das Portal ist wichtiger!“
Erschrocken bemerkte ich, dass
erneut ein Whoogal durch das Portal treten wollte und meine Hand schoss hoch.
Ich rannte an Vivians Seite und warf den nächsten Feuerball im Laufen. Zusammen
mit dem Dunklen, der ihre Hand verlassen hatte krachten sie in das Portal und
ein markerschütternder Schrei verließ den Mund des Wesens, das gerade hindurch
kommen wollte. Entsetzt erkannte ich, dass sich die Energie der Bälle in seine
Haut fraß und es verkohlte, bis es zu einem schwarzen Klumpen schrumpfte und
zusammenbrach.
„Oh mein Gott“, flüsterte ich
fassungslos und für einen Moment erstarrt.
Vivian hatte diese Probleme nicht.
Ich ahnte, dass es nicht der erste Kampf war, den sie führte. In schneller Folge
verließen die dunklen Bälle ihre Hand, rasten zischend durch die Luft und
landeten in dem immer mehr aufglühenden Portal. Schweiß hatte sich auf ihrer
Stirn gebildet, doch ich merkte ihr keine Müdigkeit an.
„Mach mit, Anne“, stieß sie
hervor. „Ich kann ein Portal allein nicht
zerstören. Da ist ein mächtiger Magier auf der anderen Seite, der es offen
hält.“
Das riss mich aus meiner
Erstarrung. Neben uns stieß der durch das Tor gekommene Whoogal einen gellenden
Schrei aus, ich hörte dumpfe Schläge und mein Herz setzte fast aus, als
plötzlich der abgeschlagene Kopf des Wesens in mein Blickfeld rollte. Übelkeit
stieg in mir hoch, doch ich zwang mich gewaltsam, all meine Kraft in den Ball zu
legen, der sich in meiner Hand bildete. Jetzt war es wieder da, das Gefühl zu
explodieren, das Gefühl, über mehr Macht zu verfügen als ich beherrschen konnte
und ich hörte mich selbst schreien, als der Ball einem funkelnden Blitz gleich
aus meiner Hand ins das Portal schoss.
Mit einem gigantischen Lichtblitz
explodierte das Tor und im nächsten Augenblick riss mich Trevors Körper zu
Boden. Vivian hatte rechtzeitig reagiert, aber hätte mich Trevor nicht zu Boden
geworfen, ich hätte die volle energetische Entladung abbekommen. So rauschte der
magische Sturm über uns hinweg, jagte durch unsere Körper und ließ mich
aufschreien.
Ich kam wieder zu mir, weil mein
Schädel summte und ich keine Luft mehr bekam, weil mein Gesicht in den rötlichen
Dreck gepresst wurde. Noch immer lag Trevors Gewicht auf mir und ich fing an zu
husten. Er rollte zur Seite, aber nur ein Stück, so dass er mich ansehen konnte.
„Alles klar, Annie?“, fragte er
vorsichtig, während ich noch immer nach Luft rang. Seine Haare sahen noch wüster
aus als sonst und seine Augen musterten mich besorgt.
Ich nickte krampfhaft und hob den
Kopf zu der Stelle, wo vor kurzem noch das Portal geleuchtet hatte. Ein Krater
von vielleicht zwei Metern Durchmesser gähnte an der Stelle. Mein Blick fiel auf
Vivian, die neben mir im Sand lag und mich mit einem breiten Grinsen anschaute.
„Wow, Annie“, sagte sie belustigt.
„Ich wusste, du kannst es. Das war klasse.“
Trevor erhob sich und streckte mir
die Hand hin. Meine Beine zitterten, als ich mich mühsam hoch kämpfte. Auch
Thunder, der in einiger Entfernung zu Boden gegangen war, stand auf und klopfte
seine Sachen ab.
„Das nächste Mal“, meinte er und
grinste genauso breit wie Vivian, „warnst du uns vorher, ehe du ein Portal
wegpustest.“
Langsam flaute das Entsetzen ab
und ein anderes Gefühl breitete sich in mir aus. Erleichterung. Und Stolz.
Plötzlich wollte ich mich wie ein kleines Kind freuen. Ich hatte ein Portal
zerstört. Und das, obwohl Vivian gesagt hatte, es wäre von einem mächtigen
Magier erschaffen worden. Wahrscheinlich bildete sich ein reichlich dämliches
Grinsen auf meinem Gesicht, denn Trevor lachte leise.
„Langsam beginne ich die Idee zu
mögen, dich mit hier zu haben.“
„Langsam?!“ Ich fuhr herum und
stemmte die Hände in die Hüften. „Pass bloß auf, du Jäger, was du sagst. Ich
habe gerade ein Portal zerstört.“
Trevor machte einen Schritt auf
mich zu und grinste mir ins Gesicht. „Ohne mich hätte es dich aber samt deinem
Portal hinweg gepustet.“
Da hatte er dummerweise Recht. Was
natürlich nicht bedeutete, dass ich das auch zugeben musste. Ehe ich jedoch dazu
kam zu antworten, hatte er seine Hand gehoben. Ein leises Lächeln spielte um
seinen Mund, als er mir ein paar Steinchen und Staub aus den Haaren entfernte
und ich konnte ihn einfach nur anstarren.
„Ich bin stolz auf dich, Annie“,
sagte er leise.
Das eigenartige Grau seiner Augen
schien in diesem Licht dunkler und seine Gesichtszüge wirkten ausgeprägter. Ein
komisches Gefühl stieg in mir hoch, Wärme, verbunden natürlich mit einem
gewissen Stolz über das Lob ausgerechnet aus seinem Mund. Verlegen wich ich
seinem Blick aus und murmelte: „Ist schon okay…“
Hinter uns rührte sich Vivian und
unterbrach damit alles, was er oder ich eventuell noch sagen wollte.
„Ehe das jetzt hier wie ein
verkitschter Liebesroman endet, könntet ihr bitte darüber nachdenken, dass der
fremde Magier diesen Fehlschlag nicht auf sich sitzen lassen wird?“, fragte sie
spöttisch.
Trevor ließ seine Hand sinken und
sah das junge Mädchen an. „Wir müssen weg hier“, bestätigte er.
Ich drehte mich ebenfalls um und
begegnete Vivians belustigtem Blick. Trotz dieses Blickes sah sie müde aus und
auch das rötliche Licht dieser komischen Welt konnte über die fahle Blässe ihres
Gesichts nicht hinwegtäuschen.
„Teleport?“, erkundigte sie sich
einfach.
Trevor nickte. „Hinunter zur
Stadt. Von dort aus kommen wir einfach in die Kanalisation und über
unterirdische Gänge in Richtung Festung.“
Vivian schaute wieder mich an.
„Ich nehme Thunder mit und du Trevor. Du machst das Gleiche wie bei der
Erschaffung eines Portals, nur dass du eben kein Portal erschaffst. Ich zeig es
dir.“ Sie winkte Thunder zu sich und griff nach seinem Arm. „Versuche zu
verfolgen, was ich tue.“
Jetzt, da ich wusste, was auf mich
zukam, war es einfacher, die Verbindung zu dem „Raum“ herzustellen, in dem
unsere Magie wirkte. Ich „sah“, wie sich Vivian orientierte, einen bestimmten
Punkt ausmachte, im nächsten Augenblick ihre Energie um sich herum zusammenzog
und mit Thunder einen Schritt machte. Urplötzlich waren die beiden verschwunden
und nur noch die Unruhe im magischen Raum verkündete von dem, was geschehen war.
„Wow“, flüsterte ich fasziniert.
Trevor lächelte wieder und nahm
meine Hand. „Na dann los.“
Er hatte mehr Vertrauen in mich
als ich selbst. Trotzdem lächelte ich zurück und konzentrierte mich. Ähnlich wie
Vivian zuvor suchte ich nach der Stelle, an der sie den Raum wieder verlassen
hatte und „sah“ die beiden dort warten. Ich holte tief Luft und gab die Energie,
die mir zur Verfügung stand, frei. Etwas presste mir die Luft aus den Lungen und
für einen Augenblick schien ich die Orientierung zu verlieren, doch im nächsten
Moment stolperte ich auf anderem Boden auf die wartenden anderen beiden Menschen
zu.
Trevor hustete keuchend. „Etwas
schmerzhafter als mit Sheldon, aber du lernst das schon noch.“
Vivian lächelte schwach. „Gut
gemacht.“
Sie wirkte noch blasser und ich
machte einen Schritt auf sie zu. „Geht es dir gut, Vivian?“, fragte ich leise.
Sie nickte. „Es war ein wenig viel
Kraft, die ich brauchte“, erklärte sie nur.
Erst jetzt fiel mir auf, dass sie
sich diesmal nicht selbst verletzt hatte. Entweder war die Zeit dazu zu kurz
gewesen oder es gab andere Gründe.
Trevor winkte uns weiter und
während wir hinter ihm her in Richtung der ersten Häuser rannten, fragte ich:
„Wäre es mit einem Opfer anders
gewesen?“
„Sicher“, antwortete sie bitter.
„Ich hatte aber keins. Je mehr Opfer, desto unbegrenzter die Macht.“
Trevor legte eine recht hohe
Geschwindigkeit vor. Plötzlich war ich froh über meine gelegentlichen
Joggingrunden mit Susan.
„Gilt dasselbe, wenn du dein
eigenes Blut nimmst?“, bohrte ich weiter, obwohl mein Atem langsam keuchend
wurde.
„Nicht ganz.“
„Wie, nicht ganz?“
„Die Kraft, die ich aus meinem
Blut ziehe, ist begrenzt.“ Sie sah mich nicht an, während sie sprach. „Wenn ich
zuviel ziehe, bin ich nicht mehr in der Lage zu handeln, weil ich zu schwach
werde.“
Die Bereitwilligkeit, auf ein
Opfer zuzugreifen, bekam in meinen Augen mit einem Mal eine völlig neue
Bedeutung. Ich musste unbedingt noch einmal die Gelegenheit bekommen, mit
Sheldon darüber zu sprechen. Wenn es so war, wie ich jetzt dachte, dann
versprach die Macht aus einem Opfer unbegrenzte Kraft – wenn genügend Opfer zur
Verfügung standen. Wie war das bei mir? Im Moment fühlte ich mich nicht
sonderlich geschwächt, obwohl ich das Portal zerstört und diese Teleportation
gemacht hatte. Vivian hatte bedeutend mehr Energie dazu verwendet, das Portal zu
bombardieren. Woher bezog ich meine Magie und wie groß war die Menge, die mir
zur Verfügung stand? Wie regenerierte sie sich?
Wir hatten die ersten Häuser
erreicht und Trevor duckte sich in den Schatten der Fassade. Mit Hilfe meiner
neu entdeckten Nachtsicht konnte ich jede Menge Einzelheiten ausmachen. Zum
Glück schienen auch die Fauroons nachts zu schlafen, denn ich konnte keine
Menschenseele entdecken. Die Bauweise der Häuser erinnerte mich irgendwie an das
Mittelalter, obwohl ich nicht wusste, warum. Die Häuser bestanden teilweise aus
Stein und teilweise aus etwas ähnlichem wie Holz, manche waren eingeschossig,
manche zweigeschossig und sie sahen alt, einige regelrecht zerfallen aus.
Straßenbeleuchtung schien es keine zu geben, vielleicht hatte man den
elektrischen Strom noch nicht erfunden und das, was ich von der Straße sehen
konnte, sah auch mehr wie ein fest gefahrener Feldweg als eine Straße aus.
Vorsichtig schlichen wir im
Schatten der eng aneinander stehenden Häuser weiter. Es war ein beklemmendes
Gefühl, so durch die Straßen zu laufen. Ich hielt mich hinter Trevors Rücken auf
und war sehr froh über den, wenn auch nur moralischen, Schutz, den seine
Schultern boten. Er hielt wieder das Schwert in der Hand, genau wie Thunder, der
den Abschluss bildete.
Ich hatte keine Ahnung, wie sich
Trevor orientierte, aber er bewegte sich sehr zielstrebig.
„Eine Teleportation ist ebenfalls
zu lokalisieren“, flüsterte Vivian neben mir. „Nicht so leicht und so haargenau
wie ein Portal, aber ein guter Spürer kann den Punkt bis auf ein paar hundert
Meter genau ausmachen.“
Nicht sehr Vertrauen erweckend.
Ich nickte stumm und lief dann gegen Trevor, der abrupt stehen geblieben war.
Mit einer Handbewegung deutete er uns zu schweigen und wies nach vorn.
Ich linste über seine Schulter und
zog scharf die Luft ein. Zwei Reiter kamen die Straße herauf und allein ein
Blick reichte, um den Wunsch aufkommen zu lassen, diesen Wesen nie direkt zu
begegnen.
Es waren zwei Whoogals und selbst
auf diese Entfernung konnte ich erkennen, dass sie eine Rüstung trugen. Den Kopf
schützte ein Helm, der mit einem Nackenschutz versehen war. Auf den Pferden
erschienen die Wesen noch wuchtiger und stärker. Erst dann sah ich mir die
Reittiere genauer an und korrigierte meine vorherige Einschätzung. Pferde waren
das keine. Groß, schwarz und wuchtig, also genau
richtig, um das sicher immense Gewicht der Whoogals zu tragen, bewegten sie sich
auf vier krallenbesetzten Pfoten. Der Kopf endete in einem breiten Maul mit
großen Nüstern. Ab und zu öffnete eins der Tiere das Maul, um keuchend Luft zu
holen und ich konnte einen Blick auf die gigantischen Reißzähne werfen.
„Jelos“, erklärte Trevor leise.
„Eine Patrouille und sie reiten Jelos, extra zum Angriff gezüchtete, extrem
aggressive Raubtiere. Wenn man solch einem Reiterpaar begegnet, muss man sich
ernsthaft überlegen, wen man zuerst tötet, das Jelo oder den Reiter.“
„Den Whoogal“, hauchte Vivian.
„Das Jelo kannst du mit deiner Magie in Schach halten. Den Whoogal nicht.“
Trevor warf ihr einen
nachdenklichen Blick zu. „Anastasia hat dich eine Menge gelehrt.“
Vivian erwiderte seinen Blick aus
schmalen Augen. „Sie war nicht mein einziger Lehrer“, sagte sie jedoch nur.
Auf samtigen Pfoten und fast
unhörbar hatte sich die Patrouille an uns vorbei bewegt. Erst als sie kaum noch
zu sehen waren, winkte uns Trevor weiter. Wir huschten zwischen den Häusern
hindurch, bis wir ein verfallenes Gut erreichten.
„Ihr wartet hier“, wies er mich
und Vivian an.
Thunder folgte ihm in den Hof
hinein. Ich blieb neben Vivian stehen und kam erst einmal dazu, meinen Atem zu
beruhigen. Sie sah noch immer blass aus, keuchte aber bei weitem nicht so sehr
wie ich.
„Was macht er da drin?“, fragte
ich flüsternd.
Sie musterte die Dunkelheit des
Hofes. „Die Wächter ausschalten, nehme ich an.“
Wächter?
Ich musste recht fragend geschaut
haben, denn sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin noch nie durch den Untergrund
gegangen. Ich nehme mal an, hier irgendwo gibt es einen Zugang.“
„Warst du schon auf der Festung
Faumorn?“
„Ein paar Mal.“
Sie sah wieder hinaus in den Hof
und schien nicht gewillt, mehr preiszugeben. Manchmal war eine Unterhaltung mit
ihr wirklich kompliziert.
„Du hast das gar nicht erwähnt.
Ist es schon lange her?“
Fast dachte ich, sie wolle gar
nicht antworten, so lange dauerte es, bis sie sagte: „Ich war dreizehn.“
Ich schaute sie neugierig an.
„Dann kennst du dich ja in der Festung aus.“
Erst jetzt drehte sie den Kopf.
Allerdings war ihre Miene vollkommen ausdruckslos. „Cyto-Dentaar, der König der
Fauroons, ist für seine Vorliebe für vor allem männliche Sklaven bekannt. Er
holt sie sich aus allen Gegenden der bekannten Welten und er hat einen sehr
speziellen Sinn für Schönheit. Mom war der Meinung, es wäre an der Zeit, dass
ich mal das andere Geschlecht kennen lerne und wer wäre besser dafür geeignet
als ein gut ausgebildeter Lustsklave?“
Ich sah sie an als hätte sie einen
Witz gemacht und mein Mund klappte auf. „D-du w-willst sagen, du…“, stotterte
ich fassungslos.
Vivian verzog den Mund und meinte
trocken. „War ganz nett. Cyto steht auf hübsche Jungs, je jünger desto besser.“
Das musste ich erstmal verdauen.
Doch sie setzte noch einen drauf.
„Ich durfte mir jedes Mal einen
anderen aussuchen.“
Leider wurde das Gespräch
unterbrochen, weil Trevor und Sheldon zurückkamen.
„Die Luft ist rein“, sagte Thunder
und wir schlossen uns den beiden Männern an.
Vivian grinste mich an, als sie an
mir vorüberging. „Schau nicht so entsetzt, Anne. Ich habe nie gesagt, dass ich
ein Engel bin.“
Als ob ich das jemals gedacht
hatte. Außerdem dachte ich im Moment eher darüber nach, was für einen seltsamen
Sinn für Erziehung Anastasia gehabt hatte, als dass ich darüber sinnierte, ob
man Vivian verurteilen konnte oder nicht.
Wir folgten Trevor und Thunder in
den Hof und Trevor öffnete eine Seitentür. Diesmal übernahm Thunder die Führung
und wir kletterten hinter ihm die Stufen hinab.
„Woher kennst du den Weg?“, fragte
ich Trevor, der jetzt hinter mir ging, leise.
„Ich bin nicht umsonst der Jäger,
Annie“, antwortete er belustigt. „Ich habe schon eine Menge Wesen hier im
Untergrund gejagt. Und nicht nur auf dieser Welt. Ich habe einen fantastischen
Orientierungssinn und ein fotographisches Gedächtnis.“
Thunder verharrte kurz am Fuß der
Treppe und lauschte in die Dunkelheit. „Licht zu machen, wäre zu gefährlich.“
„Wir sehen alle recht gut im
Dunkeln“, meinte Trevor nur. „Wir verlassen jetzt den künstlichen Bereich“,
erklärte er dann für mich und Vivian. „Ab jetzt geht es weiter in einem
natürlichen Höhlensystem, dessen Gänge bis unter die Festung reichen. Es ist ein
Stück. Ich denke, wir werden die ersten Stunden
laufen und dann eine Rast einlegen, ehe wir uns in die Festung wagen.“
Dagegen hatte niemand etwas
einzuwenden. Wir akzeptierten stillschweigend, dass Trevor die Führung
übernommen hatte. Und dann machten wir uns auf den Weg.
Das Höhlensystem zog sich endlos
hin. Ich hatte schon nach einer halben Stunde die Orientierung verloren und
hoffte nur, dass uns Trevor hier wieder hinausführen würde. Außerdem zehrte die
Dunkelheit an meinen Nerven. Natürlich konnte ich auf Grund meiner neu erwachten
magischen Kräfte alles recht gut erkennen, aber es verlangte eine permanente
Konzentration.
Wir legten eine kurze Rast ein, um
uns ein wenig zu stärken und etwas zu trinken, dann wanderten wir weiter. Noch
waren wir niemandem begegnet, aber ich bezweifelte, dass unser Glück ewig halten
würde, denn Trevor hatte erwähnt, dass auch das unterirdische Labyrinth von
Patrouillen durchkämmt wurde.
Ein Blick auf meine Uhr sagte mir,
dass wir uns mittlerweile sechs Stunden hier unten aufhielten und langsam aber
sicher verließen mich meine Kräfte. Den beiden Männern merkten wir gar nichts
an, aber Vivian neben mir war noch schweigsamer als sonst. Um es genauer zu
sagen, sie redete überhaupt nicht mehr. Das gab mir zu denken, aber ich nahm an,
dass Trevor erfahren genug war, um das einschätzen zu können.
Es dauerte auch gar nicht mehr
lange, dann blieb er stehen und sah sich um. „Ich denke, wir können riskieren,
hier eine Pause zu machen.“
Ich wusste nicht, was sich bei
diesem Platz von all den anderen, an denen wir vorbeigelaufen waren,
unterschied, aber in diesem Punkt diskutierte ich nicht mit ihm. Ich fühlte mich
nämlich auch langsam so, als würde ich gleich im Stehen einschlafen.
„Ich übernehme die erste Wache“,
fuhr Trevor fort. „Zwei Stunden, dann Thunder. Das muss reichen.“
„Ich nicht?“, fragte ich
verblüfft, wenn auch irgendwie froh. Ich hatte den Rucksack auf dem Boden
abgesetzt und bewegte meine schmerzenden Schultern.
Trevor lächelte schwach. „Nein,
Annie, schlaf. Wir brauchen all deine Kräfte sicherlich später noch. Und vor
allem, esst euch ordentlich satt.“
Vivian war auf ihren Rucksack
gesunken. „Was ist mit dem Vampir?“, erkundigte sie sich, während sie nach ihrer
Wasserflasche suchte.
Meine Augen schossen zu Thunder
und erst jetzt ging mir auf, dass ich darüber überhaupt noch nicht nachgedacht
hatte. Thunder lächelte mich mit einem wunderschönen Reißzahnlächeln an.
„Keine Angst, Annie. Obwohl ich
dein Blut natürlich vorziehen würde…“
Jegliche Farbe wich aus meinem
Gesicht. „Was?“, brachte ich schwach hervor.
„Trevor hat sich bereit erklärt,
für meine Ernährung zu sorgen“, sagte er, noch immer lächelnd.
Vivian hob skeptisch die
Augenbrauen und musterte Trevor. „Stehst du auf Männer?“
Ich hatte gerade die Wasserflasche
angesetzt, als sie damit herausplatzte. Ich spuckte das Wasser über meinen
Rucksack und fing an zu husten.
Vivian runzelte die Stirn, warf
mir erst einen Blick zu und sah dann wieder Trevor an. „Mom hat gesagt, für
Vampire ist es eine Art Vorspiel, jemanden auszusaugen.“
Trevor verzog keine Miene, während
ich noch immer mit meinem Husten kämpfte. „Blut ist Nahrung. Wenn du etwas isst,
flirtest du doch auch nicht mit deiner Nahrung.“
„Meine Nahrung atmet nicht und hat
keinen Herzschlag“, konterte Vivian. „Außerdem habe ich gesehen, dass ein Vampir
sein Opfer erst flachgelegt und dann ausgesaugt hat.“
Mit dem Segen ihrer Mutter? Ich
wettete fast darauf.
Trevor verzog den Mund. „Dann wäre
es kein Vorspiel mehr, oder?“
Vivian runzelte wieder die Stirn
und schaute dann Thunder an. Sie schien sich nicht einmal einen Kopf zu machen,
ob ihre Frage oder ihre Aussage zu persönlich oder unhöflich war. Sie sah eher
eindeutig neugierig aus.
Ich hatte endlich meinen
Hustenanfall unter Kontrolle. Ein Blick in Thunders Gesicht sagte mir, dass ihm
die Frage keineswegs peinlich war.
„Trevor hat recht. Blut ist
Nahrung, aber ich gebe gern zu“, jetzt huschte ein zweideutiges Lächeln über
seine Lippen, „dass Sex mit einem Vampir ein bisschen Beißen einschließt.“
Vivian grinste breit, doch Trevor
mischte sich sarkastisch ein. „Heute geht es nur um Nahrung“, stellte er klar.
„Keine Unterrichtsstunden in Vampirsex.“
Sie grinste noch breiter.
„Schade“, wandte sich dann jedoch ihrem Rucksack zu und wühlte in den
Essenspaketen.
Ich war jedoch noch nicht darüber
hinweg, dass Thunder Trevors Blut trinken wollte. Vielleicht weil ich zwar jetzt
laufend an Vampire gedacht, aber mir wirklich noch nie Gedanken darüber gemacht
hatte, dass die tatsächlich Blut tranken. Allein die Vorstellung, dass Thunder
seine Zähne in Trevors Hals schlagen könnte, jagte einen Schauer mein Rückrad
hinab.
„Du lässt dich beißen?“, fragte
ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme entsetzt klang.
Vivian kicherte, hielt aber
wohlweislich ihren Mund. Thunder war, noch immer lächelnd, näher gekommen. Ich
machte vorsichtshalber einen Schritt zur Seite und sagte mit einer gewissen
Schärfe in der Stimme.
„Bleib auf Abstand! Ich bin nichts
zu essen!“
Ehe ich reagieren konnte, hatte
der blonde Mann nach meiner Hand gegriffen.
„Dafür würde ich dich niemals
halten, Annie“, sagte er sanft und zog meine Hand an seine Lippen.
Ich musste ihn ziemlich entsetzt
angesehen haben, denn er lächelte, ehe er die Hand drehte und mit den Lippen
über die Innenfläche strich. Ein Zittern lief über meinen Körper, aber ich
konnte mich nicht rühren, sondern nur zusehen, wie er mit den Lippen mein
Handgelenk erreichte.
„Ich rieche den Pulsschlag“,
hauchte er mit einer Stimme, die ich noch nie an ihm gehört hatte. Mein Mund
öffnete sich, doch kein Laut verließ meine Lippen. Dann strich seine Zunge über
die sensible Haut meines Gelenkes und ich musste mich zusammenreißen, um meine
wackeligen Knie unter Kontrolle zu halten.
„Lass sie los!“, brach Trevor den
Bann und ich riss meine Hand aus Thunders Griff.
„Kein Vorspiel?“, machte Vivian
spöttisch.
Thunder lachte in Trevors zorniges
Gesicht. „Spielverderber.“
Meine Knie fühlten sich noch immer
wie Pudding an, als ich meinen Rucksack nahm, ihn etwas weiter an die Felswand
neben Vivian räumte und ebenfalls nach meinem Essen suchte.
Vivian war schon fertig. Sie
verkniff sich sogar eine weitere belustigte Bemerkung, die ich eigentlich schon
erwartet hatte, stopfte sich ihre Jacke als Kissen unter den Kopf und rollte
sich auf dem steinigen Boden zusammen.
Ich hatte gerade in mein belegtes
Brot gebissen, als ich sah, dass Trevor sein Messer herausgeholt hatte, einen
Schnitt an sein Handgelenk setzte und das Blut in den Becher tropfte, den
Thunder darunter hielt. Was hatte ich erwartet? Übelkeit stieg in mir auf. Wäre
es mir lieber gewesen zu beobachten, wie Thunder seine Zähne in Trevors Gelenk
schlug? Nein, dann doch lieber diese Blutspendeaktion.
Allerdings wurde das Brot in
meinem Mund immer mehr. Erst dann fiel mir ein, dass ich ja einfach meine durch
die Magie verschärfte Sicht ausschalten konnte. Ich hatte den Gedanken kaum zu
Ende gedacht, da herrschte Dunkelheit um mich herum und ich schnappte
erschrocken nach Luft.
„Was ist, Annie?“, fragte Trevor
sofort.
„Nichts“, beeilte ich mich zu
sagen. „Ich wollte nur nicht mehr sehen, was ihr macht und nun sehe ich gar
nichts mehr.“
Vivian gab einen Laut von sich,
der verdächtig nach unterdrücktem Lachen klang. Schnell stellte ich meine
veränderte Sicht wieder her und beruhigte mich etwas, als die vertrauten blassen
Farben vor meinen Augen verschienen. Trevor verband sein Handgelenk und Thunder
trank aus dem Becher. Mir wurde wieder übel, als ich mir vorstellte, was sich in
dem Becher befand. Dann ließ sich der Vampir auf der anderen Seite nieder und
legte sich auf den steinigen Boden, ähnlich wie Vivian. Irgendwie hatte ich das
Gefühl, dass es für diese Leute nicht das erste Mal war, auf der Erde zu
schlafen. Sie benahmen sich, als würde das tagtäglich geschehen.
Trevor setzte sich neben mich und
packte seine Brote ebenfalls aus. „In der Festung können wir uns mit neuen
Vorräten eindecken. Ich weiß, dass die Vorratskammern immer gut gefüllt sind.“
„Wie oft warst du hier?“,
erkundigte ich mich neugierig.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich
weiß es nicht. Dutzende Male.“
Komischerweise beruhigte mich das
etwas. Obwohl wir uns in einem Höhlensystem unter der Erde befanden, machte mir
der Gedanke, jetzt hier einzuschlafen, nichts aus. Natürlich war ich nervös, und
ob ich einschlafen konnte, stand in den Sternen, aber es war mehr wegen dem, was
noch auf uns zukam.
„Versuch zu schlafen, Annie“,
sagte Trevor leise.
Ich seufzte. „Wird schwierig.“
Er lächelte leicht. „Man kann es
lernen.“ Sein Kopf deutete in Richtung Vivian und des Vampirs. „Manchmal ist es
wichtig, die Zeit auszunutzen, in der man weiß, dass man sicher ist.“
„Sicher?“ Ich klang skeptisch.
„Niemand kann dich im Schlaf
überfallen, weil ich Wache halte. Das ist eine Sicherheit“, bestätigte er.
„Hm.“ Stirnrunzeln betrachtete ich
das junge Mädchen und den Vampir. „Du denkst, sie sind schon eingeschlafen? Ich
schlafe nie so schnell ein. Ich brauche ewig.“
Trevor lachte leise. „Sie sind es.
Thunder auf alle Fälle, er war oft genug mit mir und Sheldon unterwegs und die
Kleine schätze ich eigentlich auch so ein, dass sie gelernt hat, solche
Situationen zu nutzen.“
„Hast du gewusst, dass der König
dieser Fauroons menschliche Sklaven hält?“, erkundigte ich mich flüsternd.
Trevors Augen verengten sich. „Ja.
Nicht nur menschliche. Cyto-Dentaar steht auf junge Männer. Hat Vivian das
erzählt?“
Ich nickte.
„Whoogals besitzen nur wenige
magische Kräfte“, erklärte er leise. „Eigentlich können sie die Magie nur
benutzen, um ihren Körper fast unverwundbar zu machen. Aber dieses bisschen
Magie füttern sie aus den Emotionen anderer Lebewesen. Angst und Schmerz machen
sie fast unverletzlich.“
Ich drehte den Kopf und sah ihn
entsetzt an. „Angst und Schmerz?“
Er nickte düster. „Cyto-Dentaar
hält seine Sklaven hauptsächlich, um von ihnen zu zehren. Von ihrer Angst, von
ihrer Verzweiflung und von ihrem Schmerz…“
Ein eisiger Klumpen bildete sich
in meinem Magen.
„Und natürlich für seine sexuellen
Bedürfnisse, die genau diese drei Sachen einschließen“, fuhr er fort.
Der eisige Klumpen wurde noch
größer. „Anastasia hat Vivian hierher gebracht, damit sie ein paar Erfahrungen
mit diesen Sklaven sammelt.“
Trevor verzog den Mund. „Ich
wette, Anastasias und Cytos Interessen in der Behandlung von Männern lagen sehr
nah beieinander. Wenn es nicht gerade ein Magier war, mit dem Anastasia ins Bett
gegangen ist, hat der Mann die Nacht im seltensten Fall überlebt.“
Jegliches Blut wich aus meinem
Gesicht, als ich einen Blick auf die schlafende Vivian warf. Ich wollte gar
nicht genauer darüber nachdenken, was sie damals auf diesem Planeten erlebt und
ob es ihr nicht sogar gefallen hatte.
„Versuch jetzt zu schlafen,
Annie“, sagte Trevor wieder.
Als ob mir das nach dieser
Mitteilung leichter fallen würde. Ich musste ihn auch so angeschaut haben, denn
er lächelte schwach.
„Du musst unbedingt daran
arbeiten, dass man dir nicht all deine Gedanken ansieht“, meinte er trocken.
Das war mir schon immer sehr
schwer gefallen und ich wusste, dass das einer meiner größten Fehler war. Im
Büro bekam ich das mittlerweile ganz gut hin, aber hier, wo stündlich neue
Sachen auf mich einstürmten, war das etwas anderes. Seufzend kramte ich in
meinem Rucksack nach meinem Anorak, um ihn ebenfalls als Kopfkissen zu benutzen.
Eine Viertelstunde später musste
ich feststellen, dass ich unmöglich eine bequeme Position auf der Erde finden
konnte. Entweder pieksten Steine durch meine Kleidung oder ich fand es einfach
scheußlich hart. Immer wieder drehte ich mich oder rutschte auf dem Boden hin
und her, aber Schlaf konnte ich nicht finden. Mich würde wirklich einmal
interessieren, wie die anderen beiden das machten, denn deren ruhige Atemzüge
sagten mir, dass sie schon lange die verdiente Ruhe genossen.
„So wird das nie etwas, Annie“,
sagte Trevor plötzlich leise. „Komm her.“
Ich hob den Kopf und brauchte
einen kurzen Moment, um meine Sicht wieder so einzustellen, dass ich in der
Dunkelheit sehen konnte. Er lehnte mit dem Rücken an der Felswand und musterte
mit wachen Augen die Umgebung.
„Was?“
„Komm her“, winkte er und da ich
ja eh nicht schlafen konnte, krabbelte ich an seine Seite. „Du wirst nie
schlafen, wenn du nur damit beschäftigt bist, bequem zu liegen.“
Na toll. Ohne dass ich bequem lag,
konnte ich aber nicht schlafen. Basta.
Trevor legte mir den Arm um die
Schultern und zog mich an seine Seite. Es überraschte mich etwas, da er noch nie
irgendwelche Annäherungsversuche in meine Richtung gemacht hatte. Mir war klar,
dass dies jetzt auch keiner war, sondern dass er mich einfach nur beruhigen
wollte. Schlafen würde ich trotzdem nicht können, da war ich mir sicher. Ich
hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht,
da spürte ich es. Es war schwache Magie und vielleicht wollte er deshalb, dass
ich mich an seine Seite setzte, aber sie glitt wie ein warmer Strom über seinen
Arm und seine Schulter in meinen Körper. Ruhe breitete sich in mir aus und mit
der Ruhe kam die Müdigkeit.
„Was ist das?“, flüsterte ich,
konnte aber nicht verhindern, dass mein Kopf wie von selbst an seine Schulter
sank. Plötzlich hatte ich Mühe, meine Augen noch offen zu halten.
„Wehr dich nicht“, hauchte er.
„Und schlaf endlich. Du brauchst es.“
Es gab keinen Grund sich zu
wehren. Vielleicht war ich unbewusst doch so müde, dass ich es gar nicht
versuchte. Meine Augen schlossen sich und ich kuschelte mich näher an seine
Seite, um eine bequeme Position zu finden. Seine Schulter war eindeutig besser
als der harte Boden. Das letzte, was ich spürte, ehe ich in den Schlaf driftete,
waren seine Lippen, die sanft meine Stirn berührten und seine leise Stimme:
„Schlaf gut, Annie.“
Ich erwachte, weil jemand mich an
der Schulter rüttelte und knurrte unwillig, weil ich Leute, die mich wecken
wollten, einfach hasste. Derjenige gab allerdings nicht auf.
„Annie, wach auf.“
Es war eine männliche Stimme und
mit dem Erkennen dieser schoss die gesamte Erinnerung wieder in meinen Kopf.
Augenblicklich war ich hellwach und fuhr hoch. Jedenfalls wollte ich es, bis ich
bemerkte, dass Trevors Arm um meine Hüfte lag und er mich daran hinderte. Etwas
orientierungslos schaute ich mich um und stellte fest, dass ich irgendwie wieder
auf dem steinigen Boden gelandet war, Trevor an meiner Seite geschlafen hatte
und ich mich dummerweise noch immer an ihn kuschelte. Es sollte mir vielleicht
peinlich sein, war es aber nicht. Einfach weil ich fantastisch geschlafen hatte.
Leider viel zu kurz.
Thunder hatte die zweite Wache
übernommen und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Ich hatte geschlafen wie ein
Murmeltier.
Trevor lachte in mein verdutztes
Gesicht. „Gut geschlafen?“, fragte er belustigt.
Wenn ich nicht richtig munter bin,
fällt es mir besonders schwer, zusammenhängende Gedanken zu fassen. Verschlafen
fuhr ich mir über die Augen, murmelte irgendetwas, das ein „ja“ sein sollte und
löste mich von ihm.
Vivian war schon wach und gerade
damit beschäftigt, ihre Haare zu bändigen und zu einem Zopf zusammenzubinden.
Sie sah erholter aus als noch vor vier Stunden und das beruhigte mich etwas. Ich
jedenfalls fühlte mich, wenn man einmal davon absah, dass ich noch ein wenig
hätte schlafen können, ausgeruht und voller Tatendrang. Eigentlich erklärte sich
damit schon eine meiner Fragen von selbst. Meine Magie regenerierte sich
zusammen mit meinem restlichen Körper, während ich schlief oder mich ausruhte.
Wir packten schweigend unsere
Sachen zusammen, schulterten die Rucksäcke und machten uns auf den Weg. Es war
kaum eine Stunde vergangen, als uns Trevor mitteilte, dass wir nun das Gebiet
unter der Festung erreicht hatten. Wir mussten jetzt vorsichtiger vorgehen, da
wir ab nun mit einer Bewachung rechnen konnten. Die Umgebung hatte sich wenig
verändert. Noch immer bewegten wir uns inmitten
höhlenartiger Gänge, die sich immer wieder verzweigten und ab und zu in größere
Höhlen mündeten. Nach wie vor herrschte größtenteils Dunkelheit. Manchmal
leuchteten winzige Pflanzen oder Tiere an den Wänden und tauchten die Gänge in
ein unheimliches Licht. Ich erwischte mich dabei, dass ich mich wieder und
wieder umsah, weil ich mich von unsichtbaren Augen beobachtete fühlte, aber ich
konnte nichts erkennen.
„Stopp“, zischte Trevor, der wie
üblich die Spitze bildete und zog sein Schwert. Thunder war keine Sekunde später
an seiner Seite. „Kein unkontrollierter Einsatz von Magie, Annie. Die Gänge
brechen sehr schnell ein.“
Das hätte er mal lieber nicht
sagen sollen. Ein klaustrophobisches Gefühl bildete sich in meinem Magen. Mit
großen Augen verfolgte ich, wie die beiden Männer nach vorn schlichen.
„Whoogals“, flüsterte Vivian an
meiner Seite. Sie setzte ihren Rucksack ab. „Er behindert meine
Bewegungsfreiheit“, erklärte sie leise, weil ich sie verwundert anschaute. „Lass
uns schauen, wie viele es sind und ob wir etwas tun können.“
Im gleichen Moment tobte vor uns
der Tumult los. Schwerter klirrten aufeinander und ich hörte die unverkennbaren
Knurrlaute der angreifenden oder sich verteidigenden Whoogals. Ich ließ meinen
Rucksack neben den Vivians gleiten und huschte hinter dem jungen Mädchen her.
Es waren vier Whoogals und mein
Herz drohte fast auszusetzen, als ich sah, mit welcher Vehemenz jeweils zwei der
riesigen Wesen gegen Trevor und Thunder kämpften. Immer wieder sah ich den
magischen Schirm, den Trevor um sich gebildet hatte, aufglühen, wenn ein Schwert
darin landete. Auch Thunder verfügte über solch einen Schirm, was bedeutete,
auch er konnte auf ein wenig Magie zugreifen. Das war mir bisher noch nicht
bewusst gewesen.
„Jetzt heißt es gut zielen, Anne“,
sagte Vivian und im nächsten Moment traf es mich wie ein Sturm, als sie die
Macht in sich selbst aufbaute. „Geh näher ran, wenn du denkst, du triffst sonst
vielleicht den falschen.“
Ihre Magie war so stark, dass ich
einen Moment mit meiner eigenen Orientierung kämpfen musste. Doch sie
konzentrierte sich bereits darauf, in das Kampfgeschehen einzugreifen. Thunder
schien mehr Schwierigkeiten mit den beiden Gegnern zu haben als Trevor. Einer
von den beiden brüllte getroffen auf, als Vivians magischer Ball in seinem
Rücken explodierte. Allerdings störte es ihn weniger als ich angenommen hatte.
Mit einem Knurren fuhr er herum, überließ seinem Kollegen den Kampf gegen
Thunder allein und stürzte auf uns zu.
In schneller Folge schossen
Vivians Bälle auf ihn los und brannten sich zischend in seine Haut. Ich ahnte,
dass ein einziger von ihnen einen Menschen sofort getötet hätte. Mit donnernden
Schritten raste das Wesen in unsere Richtung und endlich löste sich meine
Erstarrung. Ich hob die Hände und weißes Licht flackerte über meine Haut.
Schon sah ich die roten,
bösartigen Augen der Kreatur, sah sie ihr Schwert heben, als Vivian meine Hand
griff und wir übergangslos zehn Meter im Rücken des Wesens materialisierten. Sie
ließ mich los und schoss erneut. Diesmal reagierte ich richtig und ein weißer
Blitz krachte in den Körper der Kreatur. Er brüllte wieder und die Luft begann
nach verbrannter Haut zu stinken. Ich wollte nie töten, aber in diesem Moment,
als ich mein eigenes Leben bedroht fühlte, vergaß ich das.
Das Wesen hechtete in unsere
Richtung, im gleichen Augenblick traf unsere Magie gemeinsam und es erstarrte
mitten in der Luft, gebremst durch die Wucht unserer Magie. Mit einem Knall
landete es auf dem Boden und wieder sah ich, dass es schwärzer und schwärzer
wurde, bis nur noch ein Aschehäufchen von seiner ehemaligen Existenz kündete.
Vivian beachtete ihn gar nicht
weiter, sondern wandte sich dem nächsten Wesen zu. Thunder hatte seinen Gegner
getötet, und drang jetzt auf die beiden ein, die Trevor attackierten. Gerade als
Trevors Schwert einem der beiden den Kopf vom Körper trennte, schrie Vivian
neben mir auf und sackte in die Knie.
Ich schrak dermaßen zusammen, dass
ich einen Moment vergaß, meinen Magieball zu konzentrieren und dieser knallte in
die gegenüberliegende Wand. Mit einem Donnern brach die Wand in sich zusammen
und auch von der Decke rieselte Schmutz und Dreck.
„Verflucht, Annie!“, schrie
Trevor, der jetzt zusammen mit Thunder den letzten Whoogal in die Ecke drängte.
Ich stürzte auf Vivian zu, die mit
geschlossenen Augen im Staub kniete und über deren Armen dunkles Licht
pulsierte.
„Vivian?“, fragte ich angstvoll.
Ich hatte keine Ahnung, was los war, aber sie sah nicht aus als würde es ihr gut
gehen.
Sie holte keuchend Luft und
öffnete die Augen.
„Oh Gott“, entfuhr es mir, als ich
erkennen konnte, dass ihre Augen kohlrabenschwarz glühten. „Was ist mit dir?“
Schweiß perlte auf ihrer Stirn und
ihre Lippen zitterten, während sich ihre Brust stoßweise hob und senke, weil sie
nach Atem rang.
„Endriel“, stieß sie hervor und
ich konnte hören, wie schwer es ihr fiel, das Wort zu formen. Plötzlich war der
unwahrscheinliche Druck in meinem Kopf, den ich schon einmal gespürt hatte,
wieder da. Angst drohte alles andere zu überlagern, drohte mir die Luft
abzuschnüren. Dunkle Flammen tanzten über Vivians Haut, fraßen sich ihre Arme
hinauf und öffneten die alten Schnittwunden erneut. Plötzlich tropfte wieder
Blut aus den Wunden hinab auf den staubigen Boden.
„Annie“, hauchte Vivian
verzweifelt. „Geh…“
„Nein!“, schrie ich entsetzt,
wollte einen Schritt auf sie zumachen, doch ein Sturm magischer Energie warf
mich zurück und von den Beinen. Ich fand mich auf dem Boden wieder und musste
mich gegen den magischen Sturm, der Vivian umtoste, hoch kämpfen.
„Was bedeutet das?“, rief ich
durch das Chaos, das plötzlich das junge Mädchen umgab, und versuchte, wieder in
ihre Richtung zu kriechen.
Ein Arm schlang sich um meinen
Körper und riss mich zurück. Ich begann zu toben, schrie, trat nach dem Körper
hinter mir, konnte mich aber nicht losreißen.
„Er übernimmt die Kontrolle über
sie“, brüllte Trevor in mein Ohr.
„Nein!“, kreischte ich verzweifelt
und wehrte mich gegen seinen festen Griff. „Ich muss ihr helfen!“ Ich schlug
nach ihm, aber ich erreichte nichts weiter, als dass er mich noch fester
umfasste und zur Seite, weiter weg von Vivian, zerrte.
„Du kannst ihr nicht helfen. Sie
wird dich töten, wenn er ihren Willen gebrochen hat!“
Um Vivian herum toste
aufgewirbelter Staub und Steine. „Verschwindet!“, schrie sie gellend.
„Verschwindet, ehe ich die Kontrolle verliere!“
Trevor zerrte mich gegen meinen
Willen mit sich. Ich verfluchte ihn, ich tobte wie eine Irre und ich schrie nach
dem Mädchen. Aussichtslos. Irgendwann griff Thunder mit zu und die beiden trugen
mich mehr, als dass ich lief, einen der langen Gänge entlang. Tränen liefen über
mein Gesicht, Verzweiflung übermannte mich, als ich an die einsame, dunkle
Gestalt dort in der Höhle dachte, deren Körper sich im Kampf gegen die schwarze
Macht Endriels krümmte. Aber die beiden Männer ließen nicht locker. Irgendwann
gab ich auf, sackte zusammen und ließ mich davon schleifen. Vielleicht hatte ich
gehofft, das würde sie ein wenig aufhalten und mir Gelegenheit geben, umzudrehen
und Vivian zu retten.
Ich spürte die Tränen, die meine
Wangen hinab liefen, nicht. Ich wollte nicht wahr haben, dass wir flüchten
mussten, um eine Sechzehnjährige der dunklen Seite zu überlassen und ich wollte
nicht akzeptieren, dass es keine andere Möglichkeit gab. In diesem Augenblick
hasste ich beide Männer, aber ich hatte nicht mehr die Kraft, meine Magie zu
rufen, um sie daran zu hindern, mit mir immer tiefer in das unterirdische
Labyrinth zu flüchten. Irgendwann weinte ich nur noch, während mein Körper von
Schluchzern geschüttelt wurde, weil ich mich fühlte als hätte ich Vivian
verraten.
Nur im Unterbewusstsein nahm ich
wahr, dass wir irgendwann nicht mehr davon rannten, sondern uns an eine Seite
setzten, Trevor mich in seine Arme zog und weiter weinen ließ. Ich konnte mich
nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal so geweint hatte. Seine Hände strichen
über meinen Rücken, über meine Haare, gaben mir ein Gefühl der Beruhigung, das
ich eigentlich nicht fühlen wollte. Aber jedes Weinen endet irgendwann einmal,
spätestens dann, wenn keine Tränen mehr übrig sind.
Trevor ließ mich nicht los, auch
nicht, als die Schluchzer abebbten. Ich wollte mich losreißen, wollte wieder
anfangen, auf ihn einzuschlagen, doch ich tat es nicht.
„Wir konnten ihr in diesem Moment
nicht helfen“, sagte er irgendwann leise in meine Haare. „Sie ist zu stark. Wenn
sie unter seiner Kontrolle steht, kann sie uns töten. Wird sie uns töten.“
Ich schniefte mit geschlossenen
Augen gegen seine Brust, ehe ich zu fragen wagte: „Sie ist nicht tot, oder?“
Trevors Hände umschlangen meinen
Kopf und hoben mein Gesicht zu seinem an. „Ich glaube nicht, dass sie tot ist,
aber…“ Er holte tief Luft, ehe er weiter sprach. „Aber solltest du sie ein
nächstes Mal sehen, dann verlass dich nicht darauf, dass es noch die Vivian ist,
die du kennst.“
„Hatte er es speziell auf sie
abgesehen?“, brachte ich hervor.
„Ich weiß es nicht“, gab er zu.
„Wenn ich geahnt hätte, dass Endriel hier ist…“ Seine Stimme klang belegt. „Ich
hätte ahnen müssen, dass er nicht zuschaut, wie Vivian auf unserer Seite
kämpft.“
„Sie hat mich gewarnt…“ Ich hatte
den Satz kaum vollendet, da begannen die Tränen wieder zu laufen. Und ich hatte
geglaubt, ich hätte keine mehr. „Sie hat gesagt, ich soll gehen… ich wollte
nicht, doch sie hat mich…von sich gestoßen…mit Magie…“
Trevor zog mich wieder an sich,
während seine Hände gedankenverloren über meine Haare strichen. „Sie war immer
ein Risikofaktor.“
Ich schüttelte den Kopf, obwohl
ich wusste, dass er recht hatte. Sie war und blieb die Tochter Anastasias und
niemand konnte vorher sagen, was geschehen würde, wenn sie einem mächtigen
schwarzen Magier gegenüber stand. Sie war in den letzten Monaten geflüchtet, war
einer Begegnung aus dem Weg gegangen und sie hatte mir bis jetzt den Grund noch
nicht verraten. So wie es jetzt aussah, würde ich den auch nie erfahren.
Trotzdem, vielleicht gerade wegen
ihrer Einsamkeit war da etwas, das mich für sie einnahm. Möglicherweise glaubte
ich auch einfach an das Gute im Menschen. Oder vielleicht hatte mir etwas in
ihrem Blick verraten, dass sie sich wünschte, nicht das zu sein, was sie war.
Und vielleicht war ihr in genau diesem Augenblick jegliche Chance auf ein
anderes Leben genommen worden. Hätte ich es verhindern können? Nein, da musste
ich ehrlich mir selbst gegenüber sein. Ich war einfach nicht stark genug, um
gegen einen Magier von Endriels Format zu bestehen.
„Was jetzt?“, flüsterte ich
irgendwann, noch immer an Trevors Brust gelehnt.
Er seufzte, ehe er antwortete. „Es
wird schwerer als ich angenommen hatte“, sagte er dann. „Wir müssen versuchen,
mit so wenig Magie wie möglich auszukommen. Endriel wird sie spüren.“
„Aber…“ Ich hob den Kopf und sah
in seine so eigenartig grauen Augen. „Ihr seid nur zu zweit. Es ist Irrsinn zu
glauben, ihr hättet eine Chance…“
„Wir waren schon in auswegsloseren
Situationen“, mischte sich Thunder ein.
Mein Gesicht wandte sich zu dem
Vampir und ich musste ihn sehr zweifelnd angesehen haben, denn er lächelte
beruhigend.
„Es ist in einem Kampf sehr
schwer, uns zu besiegen, selbst gegen eine Überzahl haben wir eine gute Chance.“
Er konnte erzählen, was er wollte,
es beruhigte mich keineswegs. Ich hatte diese Whoogals gesehen, ihre Art zu
kämpfen, die Stärke ihrer Körper. Ich glaubte nicht daran, dass ein einzelner
Mensch oder Vampir gegen mehrere dieser Wesen siegen würde.
„Wie denn?“, fragte ich deshalb
hilflos und kramte in den Taschen meiner Hose nach einem Taschentuch. Es dauerte
ewig, bis ich feststellte, dass ich keins hatte.
Mit einem schiefen Grinsen ließ
mich Trevor los und reichte mir ein Taschentuch.
„Manchmal kommt es nicht auf die
Körperstärke an, Annie“, erklärte er leise, während ich in das Taschentuch
schnäuzte und meine Augen trocknete. „Whoogals sind nicht sonderlich
intelligent.“
„Toll“, brummte ich missmutig.
„Das nützt dir gar nichts, wenn eine Horde von denen auf dich zustürmt.“
Er lächelte wehmütig, hob seine
Hand und strich mir eine der verwirrten Strähnen meiner Locken hinters Ohr. Es
war eine sanfte, fast gedankenverlorene Geste und gerade das war es, was mich
berührte.
„Versuche, keine Magie anzuwenden,
Annie. Gegen Endriel haben wir keine Chance. Gegen eine Horde Whoogals sehr
wohl.“
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich
fast auf seinem Schoß saß und ich löste mich verlegen von ihm. „Ich versuch’s“,
war das Beste, was ich versprechen konnte.
Trevor griff nach meinem Arm, als
ich aufstehen wollte. „Nicht versuchen, Annie. Du darfst es nicht tun. Du
riskierst unser aller Leben, wenn du unseren Standort durch das Benutzen von
Magie verrätst.“
Sollte ich lieber zusehen, wie
diese Whoogals die beiden abschlachteten? Oder war das besser als in die Hände
Endriels zu gelangen? Schweren Herzens nickte ich und hoffte, ich würde mich in
einem entsprechenden Moment auch wirklich so verhalten können.
„Was hat er mit Vivian vor?“,
fragte ich dann leise.
Trevor stand auf und klopfte sich
den Staub aus den Sachen. Auch Thunder hatte sein Schwert weggesteckt.
„Ich weiß es nicht. Gehirnwäsche.
Sie wieder auf den rechten Weg der schwarzen Magie führen. Ihre Ausbildung
fortsetzen…“
„Sie wird das nicht wollen.“
Seine Augen trafen meine und der
wehmütige Ausdruck in ihnen legte sich wie eine eisige Klammer um mein Herz.
„Sei dir nicht so sicher. Die Macht hat schon viele angezogen. Vivian hat sie
bereits kennen gelernt, sie hat sie genutzt.“
Ich schüttelte vehement den Kopf.
„Das Cyana erkennt sie an. Das Cyangolom bekämpft sie nicht. Das kannst du nicht
ignorieren.“
Er seufzte. „Warten wir ab. Am
Wichtigsten ist jetzt Sheldon. Ich weiß nicht, wie viel Zeit er noch hat.“
Ich musste ihm recht geben, aber
trotzdem erwischte ich mich in den folgenden Stunden dabei, dass meine Gedanken
immer wieder zu dem jungen Mädchen wanderten. Wir waren noch einmal
zurückgegangen, um nach unserer Ausrüstung zu suchen. Die Höhle, in der der
Kampf stattgefunden hatte, glich einem Chaos. Teilweise war die Decke
eingestürzt und ein paar Ausgänge waren verschüttet.
Unter den Steinen sah ich noch
immer die Leichen der Whoogals liegen, es schien niemanden zu stören oder zu
kümmern. Vielleicht kannten diese Wesen auch keine Beerdigungszeremonien, wie
das bei uns der Fall war. Vielleicht interessierte sie nicht, was aus ihren
Toten wurde. Es stand mir nicht zu, darüber zu urteilen.
Wir fanden unsere Rucksäcke an den
Stellen, wo wir sie abgelegt hatten. Wieder schnürte sich meine Kehle zusammen,
als ich Vivians Rucksack neben meinem entdeckte. Sollte ich ihn liegen lassen?
Würde sie ihn vermissen?
Zwei Rucksäcke konnte ich nicht
auf meinen Rücken schnallen, deshalb kam mir die Idee, Vivians Sachen in meinen
Rucksack zu packen. Es war nicht viel, ihre Jacke und ein paar Sachen zum
wechseln. Das einzige, was mich erstaunte, war, dass sie ihren Laptop mit
eingepackt hatte. Wehmütig ging mir durch den Kopf, dass sie damit gerechnet
haben musste, nicht mit uns zurückzukehren, wenn sie den Computer mitnahm. Nun
hatte ihr Endriel einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Sachen würde sie
sicherlich nicht vermissen, aber ich erinnerte mich, dass sie erwähnt hatte, all
die Dinge, die sie wusste und gelernt hatte, waren in dem Laptop gespeichert.
Und das gab den Ausschlag. Sollte ich das junge Mädchen nicht wieder sehen und
dies all hier überleben, dann würde ich den Computer anschalten und mir ansehen,
was sie darauf gespeichert hatte.
Möglicherweise konnte ich daraus
auch noch eine Menge lernen. Aber ich musste erst einmal diese Mission
überleben.
~*~*~*~
Trevor nahm die Führung wieder
auf. Jetzt bewegte er sich vorsichtiger voran. Immer öfter kam es vor, dass wir
verharrten, eine Patrouille vorüber ließen und erst weitergingen, wenn die Luft
rein war.
Manchmal machten die beiden Männer
auch kurzen Prozess, nämlich dann, wenn wir auf einen einzelnen Whoogal trafen,
oder wenn die Patrouille nur aus zwei dieser Wesen bestand. Ich musste mich in
solchen Situationen im Hintergrund halten und Trevor verbot mir strikt, mich
einzumischen. Ich kam auch nie in Versuchung, denn ich musste gestehen, dass die
beiden Männer wirklich keine Schwierigkeiten hatten, die Whoogals auszuschalten.
Ich hatte es nicht glauben wollen, aber beide
kämpften mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, die von jahrelangem Training
kündete und die mir Vertrauen einflößte.
Trotzdem zehrte die Situation an
meinen Nerven. Wir standen permanent unter Stress, ich mehr als die Männer, weil
ich so etwas nicht gewöhnt war. Ich hatte Angst, ich schrak laufend zusammen und
die Anspannung versetzte mich in einen extrem wachen Zustand. Ich spürte die
Magie in mir, die nur darauf wartete, hervorzubrechen. Auch dagegen musste ich
kämpfen, weil ich nicht zeigen durfte, welche Fähigkeiten in mir schlummerten.
Da wir größtenteils durch die
Gänge hetzten, dauerte es nicht lange, und Schweiß überzog meinen Körper. Ich
war bei weitem nicht so trainiert wie die beiden Männer und das zusätzliche
Gewicht von Vivians Laptop machte sich bemerkbar. Einmal stolperte ich und nur
Trevors schnell zugreifende Hand verhinderte, dass ich fiel.
Ich hatte vollkommen die
Orientierung verloren. Für mich sah hier unten alles gleich aus, düster,
höhlenartige Gänge und ein eigenartiger Geruch, wie er manchmal in alten Kellern
auftrat. Ich war nie gern in alten Kellern gewesen, kein Wunder also, dass ich
mich alles andere als wohl fühlte.
„In Deckung!“, schrie Trevor plötzlich und riss mich aus meinen Tagträumen.
Thunder riss diesmal seine
Schusswaffe hoch und zum ersten Mal hörte ich das Geräusch, wenn
Maschinengewehrsalven durch eine Höhle donnerten. Ich hechtete mich in einer
Ecke hinter einen Felsvorsprung. Auch Trevor hatte jetzt seine Schusswaffe in
den Händen. Ich nahm an, dass es einfach daran lag, dass die Anzahl der Gegner
diesmal zu hoch war, um sie allein mit dem Schwert zu besiegen.
„Anne!“, rief Trevor durch den
allgegenwärtigen Lärm. „Nimm deine Waffe in die Hand und schieß, wenn dir jemand
zu nah kommt!“
Ich?! Mein Herz machte einen Satz
und mit zitternden Fingern durchsuchte ich meine Tasche nach der Pistole, die er
mir gegeben hatte.
Die Whoogals schienen keine
Schusswaffen zu besitzen, denn ein kurzer Blick um die Ecke sagte mir, dass die
Wesen mit Schwertern auf die beiden Männer eindrangen. Trevor sprang zur Seite,
wechselte blitzschnell das Magazin der Waffe und schoss erneut. Ich konnte den
Strom der Whoogals kaum überblicken, die in die Höhle gestürmt waren. Trotzdem
blieben Trevor und auch Thunder auf den Beinen, vermieden eine direkte Begegnung
und schossen. Nur das Brüllen der getroffenen Wesen und das permanente Donnern
der Maschinengewehre erfüllten den Raum.
Meine Ohren dröhnten. Ich
hantierte an der Pistole herum und hatte endlich den Hebel gefunden, der sie
entsicherte. Vielleicht hätte ich mir doch erst einmal zeigen lassen sollen, wie
man damit umging? Ich konnte meine Hände kaum still halten, so sehr zitterte
mein Körper und ich fragte mich, ob ich jemals die Kraft haben und abdrücken
würde können.
„Scheiße, scheiße, scheiße“,
murmelte ich verzweifelt vor mich hin, während ich immer wieder um die Ecke
linste und mit ansehen musste, dass neue Whoogals in die Höhle stürmten.
Wahrscheinlich hatte die
angegriffene Gruppe Verstärkung angefordert.
Sollte ich schießen? Ich würde
ohnehin nicht treffen. Würde so ein Whoogal von einem Schuss überhaupt sterben?
Panik wallte in mir hoch und erst als sich einer der Whoogals, nämlich
derjenige, der mir am nächsten kämpfte, umwandte, fiel mir ein, dass diese Wesen
meine Angst spüren und davon stärker werden könnten.
Der Gedanke half mir aber nicht
weiter. Eher das Gegenteil, meine Panik wurde noch größer. Weder Trevor noch
Thunder hatten Zeit, sich um mich zu kümmern, sie hatte alle Hände voll zu tun,
sich die Übermacht mit den Schusswaffen vom Hals zu halten. Meine Zuversicht
wurde immer kleiner, vor allem, weil der Whoogal fast witternd den Kopf hob und
in meine Richtung ortete. Sein Nachbar, der bisher zusammen mit fünf anderen
versucht hatte, auf Thunder einzudringen, bemerkte dessen eigenartiges Verhalten
und schien etwas zu ihm zu sagen.
Plötzlich sah ich mich mit zwei
riesigen Wesen konfrontiert, die auf mich zu schlichen und mich mit ihren roten
Augen anfunkelten.
„Scheiße“, stieß ich hervor und
umklammerte die Pistole mit meinen schweißnassen Händen. „Scheiße.“
Drück ab,
schrie es in meinem Kopf. Drück ab,
verdammt noch mal.
Die Whoogals kamen näher. Bald
konnte ich die mächtigen Schwerter in den klobigen, krallenbewehrten Händen
erkennen und hörte ihren keuchenden Atem. Panisch riss ich die Waffe hoch.
Ich hatte keine Chance, das wurde
mir im gleichen Augenblick klar. Mühsam kämpfte ich gegen die Magie, die sich
wie von selbst in mir aufbaute.
„Verschwindet!“, schrie ich, mehr
um mir selbst Mut zu machen, als um sie einzuschüchtern.
Etwas, das sicherlich ein Lachen
sein sollte, war alles, was ich als Antwort bekam. Als der rechte Whoogal sein
Schwert hob, drückte ich ab. Ich wusste nicht, woher ich den Mut nahm.
Vielleicht war es auch nur die Panik in mir, die reagierte. Der Rückstoß der
Waffe warf mich gegen die Wand und brachte mich einen Moment aus dem
Gleichgewicht. In Filmen sah das so cool aus. Die schossen wie wild durch die
Gegend und auch nicht bei der zierlichsten Schauspielerin hatte ich jemals etwas
gesehen, das mich vermuten ließe, der Schuss würde mich nach hinten werfen.
Der Whoogal brüllte, diesmal
zornig, auf. Eine weitere Reaktion erzielte meine Kugel nicht. Es war eher so,
dass die beiden jetzt auf mich zu rannten, wahrscheinlich weil sie annahmen, ich
würde weiter feuern.
Ich tat es auch und schrie dabei
wie am Spieß. Plötzlich merkte ich nicht mehr, wie mir der Rückstoß in den Arm
fuhr und ihn fast taub werden ließ. Ich betätigte den Drücker wieder und wieder,
während der Knall in meinen Ohren dröhnte. Dann machte es nur noch ‚Klick’, weil
das Magazin leer war und im gleichen Augenblick waren die beiden Whoogals heran.
Ich werde sterben,
war mein ungläubiger Gedanke, als der Whoogal mit einem gehässigen Auflachen
sein Schwert hob.
Es berührte mich nicht.
Übergangslos wallte die Magie in mir hoch. Diesmal brach sie aus, aber in einer
Stärke, die ich vorher noch nie erlebt hatte. Gleißendes Licht hüllte mich ein
und tauchte die Höhle in strahlendes Licht.
Die beiden Whoogals brüllten
schmerzerfüllt auf und die Schwerter landeten mit einem Klirren auf dem
steinernen Boden. Ich sah nicht mehr, dass auch die restlichen Wesen in der
Höhle zu uns herumfuhren und auch nicht, dass meine Magie gleich Blitzen
hinausgriff, um im nächsten Moment in die massigen Körper der Kreaturen
einzuschlagen.
Um mich herum wurde es schwarz,
ein Ziehen zog durch meinen Körper und im nächsten Augenblick stolperte ich im
hellen Tageslicht über den steinernen Fußboden einer riesigen Halle.
Sofort brach Chaos aus. Um mich
herum wurden Schwerter gezogen, Stiefel donnerten über den Boden auf mich zu,
während ich mehr damit zu tun hatte, den Schmerz, der in meinem Kopf herrschte,
zu bekämpfen. Noch immer war mein Körper in strahlendes Licht gehüllt und die
Whoogals, die mich einkreisten, wagten den Kreis des Lichtes nicht zu betreten.
Ich war auf die Knie gesunken,
hielt die leere Pistole noch immer in den Händen und fragte mich, ob es nicht
besser gewesen wäre, da unten in der Höhle zu sterben.
„Scheiße“, flüsterte ich wieder,
doch die Magie in mir war noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Sie tobte wie ein
gefangenes Tier, das in die Freiheit drängte. Aber sie war zu mächtig, um sie zu
beherrschen. Ich hatte keinen Einfluss auf die Blitze, die aus meinem Körper in
die Whoogals schossen, sie verbrennen und in sich selbst zusammenfallen ließ.
Ich sah gar nichts mehr, außer dem Chaos in meinem Kopf und der Schmerz wurde
mit jedem Blitz, der mich verließ, stärker.
In einer unbekannten Sprache
schrieen die Whoogals auf mich ein, wieder und wieder hob einer von ihnen das
Schwert, drang auf mich ein und wurde zurückgeworfen. Und jeder Tod stieß wie
ein glühender Pfeil in meinen Körper. Wimmernd brach ich zusammen, versuchte,
die Magie zurückzudrängen und wünschte mir, einfach nur sterben zu können.
Es geschah nicht. Sondern etwas
anderes, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Übergangslos trat Stille ein und
der Kreis der Whoogals öffnete sich. Schwärze senkte sich auf meinen Geist und
ein Gefühl, das ich bisher erst zweimal in meinem Leben gespürt hatte, erfasste
meinen Körper.
Todesangst.
Sie stieg meine Kehle hinauf,
umschloss mein Herz und brachte es zum Rasen. Ich musste nicht lange nachdenken,
um zu wissen, wer den Kreis der Whoogals betreten hatte. Krampfhaft versuchte
ich, die Augen zu öffnen, schaute hinauf zu der dunklen Gestalt, die in ein paar
Metern Entfernung stehen geblieben war.
Helle, blaue Augen in dem scharf
geschnittenen Gesicht schauten mit einem befriedigten Lächeln auf mich hinab. Er
hob die Hand und im gleichen Augenblick wurde mein Körper in die Höhe gerissen.
Ich konnte nichts tun, aber ich schrie wieder, weil der Schmerz in jede Zelle zu
dringen schien.
„Willkommen auf Whoorin, Lucyana“,
sagte Endriel, dann wurde alles um mich herum schwarz.
Mein Bewusstsein kam mit
brennendem Schmerz zurück. Ich konnte nicht sagen, was mir zuerst wehtat und ich
konnte auch die Augen nicht öffnen, weil der Schmerz alles überschritt, was ich
jemals gefühlt hatte.
Ich war in meinem Leben selten
krank gewesen. Außer einmal im Monat, wenn ich mich, wie die meisten Frauen, am
liebsten irgendwo eingegraben hätte, hatte ich mich nie richtig elend gefühlt.
Jetzt fühlte ich mich nicht nur elend, denn alles, was ich bisher erlebt hatte,
war nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt fühlte.
Schmerz. Grausamer Schmerz. Ich
hätte am liebsten geschrieen, aber nicht einmal das war mir vergönnt. Wieder und
wieder holte ich krampfhaft Luft, kämpfte gegen das Gefühl, gleich wieder in
Bewusstlosigkeit zu versinken, und wünschte mir im gleichen Atemzug die Schwärze
in meinem Kopf zurück.
Dieses Glück hatte ich leider
nicht. Aber entweder gewöhnte ich mich langsam an den Schmerz oder er wurde
schwächer und ich schaffte es, die Augen zu öffnen. Ich hätte sie am liebsten
wieder geschlossen, denn was ich sah, trug nicht dazu bei, mich zu beruhigen.
Ich lag in einem Käfig. Und ich
lag auf dem blanken Erdboden. Mir war nicht kalt, denn die gesamte Höhle – ja,
ich schien mich wieder unter der Erde zu befinden – war in eine drückende Hitze
getaucht. Soweit ich blicken konnte, herrschte ziemlicher Trubel. Ich konnte
Whoogals erkennen, die sich hin und her bewegten, die Höhle durchquerten oder
irgendwelche Dinge durch die Gegend schleppten. Nicht nur Whoogals, auch andere
Wesen, die ich jedoch nicht kannte.
Dann lenkte etwas anderes meine
Aufmerksamkeit auf sich. Mühsam stemmte ich mich hoch und kroch zu dem Gitter,
das mein kleines Gefängnis begrenzte. Mein Körper fühlte sich noch immer so an,
als wäre ich unter einen Zug gekommen und ich musste kurz verschnaufen, als ich
das Gitter erreicht und mich aufgesetzt hatte.
In der Mitte der Höhle, vielleicht
zwanzig Meter von mir entfernt und etwas tiefer gelegen, befand sich etwas, das
mich an einen steinernen Altartisch erinnerte. Dieser war von ebenfalls
steinernen Säulen umgeben, auf denen Feuer brannten. Überhaupt wurde die ganze
Höhle allein durch das Licht von Flammen erhellt, die überall brannten. Aber das
war es nicht, was meine Blicke wie magisch anzog.
Es war die Gestalt, die dort unten
zwischen zwei der steinernen Säulen fest gekettet war. Selbst auf diese
Entfernung erkannte ich ihn, obwohl die langen dunklen Haare über sein
Gesicht fielen und es verdeckten. Ketten fesselten seine Hand- und
Fußgelenke an den jeweils getrennt stehenden Säulen fest, spreizten seine Arme
und Beine. Auf diese Entfernung konnte ich nicht sehen, ob er bei Bewusstsein
war, seine Haltung, die Art, wie er in den Ketten hing, deutete eher darauf hin,
dass das nicht der Fall war. Ich konnte auch nicht erkennen, ob er verletzt war,
obwohl er dort mit nacktem Oberkörper angekettet war.
Es war Sheldon und mein gesamter
Mut sank ins Bodenlose. Am liebsten hätte ich mich in eine Ecke verkrochen und
geweint, weil die ganze Lage einfach nur noch hoffnungslos schien.
Dann versuchte ich, meine Sicht
ein wenig zu verschärfen, weil ich wissen wollte, ob der Vampir überhaupt noch
lebte, doch in dem Moment, wo ich auf den magischen Raum zugreifen wollte,
glühten die Gitterstäbe meines Gefängnisses dunkel auf und ein derartiger
Schmerz jagte durch meinen Kopf, dass ich schreiend zusammenbrach.
Es dauerte lange, ehe die
Übelkeit, die mit dem Schmerz einher kam und das Pochen in meinem Kopf
abflauten. Doch es war nicht das Abklingen des Schmerzes, das mich veranlasste,
wieder die Augen zu öffnen, sondern eine spöttische Stimme.
„Du befindest dich in einem
magischen Käfig, Lucyana.“
Es war Endriel, der vor mein
Gefängnis getreten war und auf mich herabblickte. Allein das ärgerte mich, aber
erstens war mein Käfig so klein, dass ich gar nicht darin stehen konnte und
zweitens bezweifelte ich, dass ich im Moment in der Lage dazu gewesen wäre.
Endriel sah genauso aus wie ich
ihn in Erinnerung hatte. Im Gegensatz zu den Whoogals, deren Kleidung mich an
eine Rüstung oder einen Panzer erinnerte, war er fast elegant gekleidet. Wie
schon das letzte Mal trug er schwarz und dieses schwarz bildete einen
eigenartigen Gegensatz zu den fast weißen Haaren. Enge schwarze Hosen, ein
elegantes Hemd, das wie Seide glänzte und darüber einen ebenfalls schwarzen
Mantel.
Neben ihm stand ein Whoogal, der
zwar sehr kriegerisch, aber ebenfalls prunkvoll gekleidet war. Dessen rote Augen
musterten mich stechend und einen kurzen Moment öffnete er den Mund und fuhr
sich mit der Zunge über die Reißzähne.
„Eine nette Menschenfrau“, sagte
er plötzlich mit knarrender Stimme, aber in meiner Sprache. „Sicher, dass ich
nicht erst einmal ein wenig mit ihr spielen darf?“
Endriel lächelte kühl. „Du hast
genug Spielzeuge, Cyto-Dentaar.“
Mir wurde schon wieder ganz flau
im Magen, als ich daran dachte, was mir Trevor und auch Vivian über die
Spielvorlieben des Königs der Fauroons erzählt hatten. Lieber wollte ich gleich
sterben.
„Stimmt.“ Cyto-Dentaar lachte
schallend und bewegte seine Hand.
Erst jetzt bemerkte ich, dass er
eine Leine in der Hand hielt und meine Augen weiteten sich entsetzt, als ich
zusah, wie er einen Jungen an der Leine hinter seinem Rücken hervorzerrte. Die
Leine endete an einem Halsband, das den Hals des Jungen umschloss. Er schaute
nicht hoch, sondern sank sofort wieder neben Cyto-Dentaar auf die Knie.
Cyto-Dentaars klobige Hand
tätschelte den Kopf des Jungen, der daraufhin in sich zusammensank, als wolle er
der Berührung ausweichen.
Ich konnte es ihm nicht verdenken,
denn ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was Cyto mit ihm alles anstellte.
„Ich habe dir eine Menge
Spielzeuge zur Verfügung gestellt“, sprach Endriel weiter. „Diese eine hier
gehört mir und dient meinen Zwecken.“
„Was ist mit dem Sajoor?“, knurrte
Cyto und zerrte wieder an dem Halsband.
Der Junge hatte Mühe, auf den
Knien zu bleiben und trotz meiner misslichen Lage stieg eine Welle Mitleid in
mir hoch. Er war nicht groß, sicherlich nicht größer als ich und sah sehr jung
aus. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, da er den Blick nicht vom Boden hob
und die halblangen, dunklen Haare es bedeckten. Er trug nichts weiter als eine
knapp sitzende kurze Hose, einem Lendenschnurz vergleichbar, und selbst in
diesem Licht konnte ich die Narben auf seiner nackten, unbehaarten Brust
erkennen.
„Er ist ein Opfer, genau wie die
Lucyana“, erklärte Endriel und seine Stimme wurde noch eisiger.
Ich war ein Opfer. Toll. Aber
immer noch besser als das Sexspielzeug eines perversen Whoogals. Man sollte
immer die guten Seiten sehen.
„Heute Nacht werden wir den Preis
bezahlen, der uns den Weg nach Terra öffnet“, fuhr Endriel fort und lenkte damit
meine Aufmerksamkeit von dem Jungen wieder ab. Plötzlich glühten seine Augen
dunkel, als sie sich in meine bohrten. „Das Machtgleichgewicht wird sich
verschieben, Lucyana. Und niemand kann uns daran hindern.“
Es sah tatsächlich nicht so aus,
als würde das jemand verhindern können. Aber das musste ich ihm ja nicht sagen,
oder?
„Du wirst Teil des Ganzen sein.“
Jetzt lächelte er fast sanft und das Lächeln veränderte sein Gesicht. Es wurde
weniger hart, bekam einen Hauch von Schönheit, obwohl er an sich nicht hübsch zu
nennen war, aber ich ahnte, dass er mit diesem Lächeln viele Menschen auf seine
Seite ziehen konnte.
„Was ist mit Sheldon?“, konnte ich
mir nicht verkneifen zu fragen.
Endriel verzog keine Miene, aber
in seinen Augen leuchtete ein fanatisches Licht. „Seine Macht wird auf uns
übergehen. Heute Nacht.“
Was auch immer das heißen mochte.
Wenn das ganze heute Nacht passieren sollte, waren wir wohl gerade noch
rechtzeitig gekommen. Obwohl, falsch, wir waren zwar da, aber verhindern konnten
wir wohl nichts mehr. Aber ich lebte noch. Also konnte ich Fragen stellen.
„Wo ist Vivian?“, stieß ich
hervor.
Erstaunen bildete sich in seinem
Gesicht, dann lächelte er wieder. „Wie naiv“, flüsterte er amüsiert. „Sie fragt
nach der Tochter Anastasias.“
Ich ließ mich von seinem Spott
nicht ablenken. „Lebt sie?“
„Natürlich lebt sie, Lucyana“,
erwiderte er. „Und mit deiner Hilfe werden wir der Tochter Anastasias neue Kraft
geben. Sie wird stärker werden als ihre Mutter, eine der mächtigsten Hexen, die
es je gegeben hat. Sie wird die Lücke füllen, die Anastasias Tod gerissen hat.“
Mit meiner Hilfe? Irgendetwas
gefiel mir an der Formulierung überhaupt nicht, denn ich bezweifelte, dass ich
diese Aktion überleben sollte.
„Wir sehen uns in wenigen
Stunden“, erklärte Endriel sanft. „Vergeude deine Kraft nicht in dem magischen
Käfig. Es ist sowieso zwecklos.“
Cyto-Dentaar lachte wieder sein
fast wie ein Knurren klingendes Lachen. „Wir werden feiern heute Nacht. Meine
Männer warten regelrecht auf die nächste Schlacht. Sie ist nicht mehr weit!“
Grob zerrte er den Jungen hoch. „Beweg dich.“
Meine Augen folgten dem ungleichen
Paar und einen kurzen Moment wünschte ich mir, bitte zu sterben, ehe ich so
enden musste wie der Junge. Mit gesenktem Kopf schlich er hinter dem Whoogal her
und jetzt bemerkte ich, dass sein Rücken noch schlimmer aussah als seine Brust.
Manchmal war sterben die bessere Lösung.
Endriel war dem Herrscher nicht
gefolgt, sondern vor meinem Käfig stehen geblieben. Seine Augen hatten wieder
den hellen, fast farblosen Ton angenommen, den ich schon kannte. Er hockte sich
vor meinen Käfig, lächelte wieder und sagte:
„Sehr schade, dass ein Talent wie
deines durch zuviel Menschlichkeit verdorben ist. Du könntest es weit bringen.“
„Was wird das?“, fragte ich
sarkastisch. „Ein Angebot, mir mein Leben mit
dem Tod anderer zu erkaufen?“
Er lachte und dieses Lachen jagte
mir einen Schauer über den Rücken. „Nein, Lucyana, dir steht dieser Weg nicht
mehr offen. Dein Schicksal endet heute Nacht.“
Mit einer geschmeidigen Bewegung
erhob er sich und schritt davon, während sein langer Mantel um seine Beine
wehte.
Ich hätte ihm gern hinterher
gerufen: Freu dich mal nicht zu früh!
Aber ich ahnte, dass er Recht hatte. Seufzend setzte ich mich etwas bequemer auf
die Steine und beobachtete durch die Gitterstäbe das Treiben in der Höhle.
Komischerweise fühlte ich im Moment weniger Angst.
Eine Art Resignation hatte sich in
mir ausgebreitet, eine Art Gleichgültigkeit und das kannte ich von mir nicht.
Meine Gedanken schweiften zu den beiden Männern, die sicherlich noch immer unten
durch das Labyrinth liefen. Vielleicht waren sie auch ganz in der Nähe, aber
gegen diese Übermacht an Whoogals und gegen Endriels Macht hatten sie keine
Chance. Es sah tatsächlich so aus, als würde ich heute Nacht sterben.
Ich hatte noch nie über den Tod,
am allerwenigsten über meinen eigenen nachgedacht. Da ich nie ernsthaft krank
gewesen war, war der Gedanke, irgendwann sterben zu müssen, in weite Ferne
gerückt. Schließlich hatte der größere Abschnitt meines Lebens noch vor mir
gelegen.
Das hatte sich jetzt schlagartig
geändert.
Plötzlich fiel mir ein, was ich
alles noch hätte tun können und wie wenig ich bisher getan hatte. Würde mich
jemand vermissen? Mir fiel Susan ein, mein Chef, Hummer und sicherlich auch
Marlene. Larry? Niemand würde erfahren, was mit mir passiert war. Man würde mich
als vermisst melden. Das würde natürlich Larry in seiner Meinung bestärken, dass
ich verrückt war.
Ich seufzte, schlang meine Arme um
meine angezogenen Knie und kämpfte gegen den Kloß in meiner Kehle. Ich würde
jetzt nicht weinen. Diese Genugtuung wollte ich diesen Kreaturen nicht geben.
Würde mich Trevor vermissen?
Ich würde es nie erfahren.
Mein Blick schweifte durch den
kleinen Käfig. Er war vielleicht zwei mal zwei Meter breit, vielleicht einen
Meter hoch und leer. Erst jetzt fiel mir auf, dass meine gesamten Sachen, also
auch meine Verpflegung und mein Wasser, verschwunden waren. Musste ich mir
darüber den Kopf zerbrechen?
Ja, verflucht noch mal. Ich hatte
keine Lust zu hungern und dann sterben zu müssen. Ich wollte verdammt noch mal
satt sterben.
Ein hysterisches Kichern bildete
sich bei diesem Gedanken in meiner Kehle. Was hatte ich verbrochen, dass ich mit
diesen Gaben bestraft wurde? Als normaler Menschen wäre ich nie in diese
Situation gekommen.
Noch entsetzter war ich, als ich
unbewusst an meinen Hals griff und ich begreifen musste, dass das Cyana
verschwunden war. Zornig trat ich gegen die Gitterstäbe des Käfigs. Diesmal
passierte gar nichts, außer dass es ein normales Geräusch gab, wie man es
erwartet, wenn jemand gegen Metall tritt. Mein Fuß tat weh, aber der Schmerz
putschte meine Wut in die Höhe. Leider war ich nicht stark genug, um das Metall
kaputt zu treten und Magie anzuwenden wagte ich nicht noch einmal.
Was hatte Trevor am letzten Abend
vor unserem Aufbruch über diese telepathische Verbindung gesagt? Jetzt bereute
ich, nicht auf sein Angebot eingegangen zu sein. Vielleicht hätte ich ihm einen
kleinen Hinweis darauf geben können, wo ich war und was man vorhatte.
Aber leider konnte ich die
Vergangenheit nicht ändern. Ich würde hier hocken bleiben und darauf warten
müssen, dass man… ja, was eigentlich?
Sie wollten mich töten. Aber wie?
Urplötzlich wurde mir richtig schlecht, weil mir einfiel, was Trevor über
Foltern und ähnliche Dinge erzählt hatte. Whoogals labten sich an Schmerz und
Angst. Wie lange konnte es dauern, bis ein Mensch starb? Würde ich um mein Leben
betteln?
Meine Zähne gruben sich in meine
Unterlippe. Nein, schwor ich mir.
Das würde ich nicht.
Aber ob ich dies einhalten konnte,
stand in den Sternen. Mein unschuldiger Verstand konnte sich sicherlich nicht
all das vorstellen, was grausame Wesen tun konnten. Besser gesagt, ich wollte
mir das gar nicht vorstellen.
Plötzlich war die Angst wieder da
und ich fing an zu zittern. Ich wollte nicht sterben, aber wenn es darauf ankam,
würde ich meine Magie verwenden können, um mich selbst zu töten. Seufzend sank
meine Stirn auf meine Knie und ich fragte mich, wie lange es dauern würde, ehe
die Panik von mir Besitz ergriff.
Es dauerte nicht lange, bis es
soweit war.
Die Halle füllte sich mit immer
mehr Whoogals und irgendwann fing Sheldon an zu schreien. Ich konnte nicht
erkennen, was sie ihm antaten, aber ich hörte seine Schreie und meine Panik
stieg ins Unermessliche. Da mir auch meine Uhr abgenommen worden war, konnte ich
nicht einmal nachvollziehen, wie lange ich schon in meinem kleinen Käfig saß.
Ich verspürte weder Hunger und
noch Durst, obwohl ich in der Hitze der Höhle schwitzte. Sheldons Schreie
zehrten an meinen Nerven. Ich schreckte jedes Mal zusammen, wenn einer der
Whoogals in meine Nähe kam, und war erleichtert, wenn er vorüber schritt.
Irgendwann später bemerkte ich
einen Tumult am Eingang der Höhle und sah Endriels hochgewachsene Gestalt, die
durch eine der riesigen Portaltüren hereinkam. Cyto-Dentaar befand sich an
seiner Seite und mein Herz setzte fast aus, als ich die dritte, schlanke Gestalt
an seiner Seite erkannte. Vivian. Sie waren zu weit weg, als dass ich ihre
Gesichter hätte sehen können, aber ich wusste, jetzt würde eine Entscheidung
fallen und mein Schicksal besiegelt werden.
Verzweiflung erfasste mich. Ich
kam mir hilflos, verlassen und verraten vor und ich konnte einfach nichts tun.
Aber ich würde nicht kampflos aufgeben. Sollten sie den Käfig öffnen, würde ich
all meine Magie einsetzen, um mich zu wehren. Dann würde ich halt gleich
sterben, es war mir egal. Besser, ein schnelles Ende, als abzuwarten, was
Endriel mit mir vorhatte.
Die drei kamen auf mich zu, Cyto
wieder mit seinem jungen Sklaven an der Leine. Ich schaute nur Vivian an. Sie
trug eine schwarze, enge Hose, die wie Seide glänzte und eine schwarze Bluse.
Ich hatte sie noch nie in solchen Sachen gesehen, eigentlich bevorzugte sie
bequeme, legere Kleidung und nahm an, dass Endriel für die Auswahl der Garderobe
zuständig gewesen war. Die Haare waren offen und fielen in dunklen Wellen über
ihre Schultern. Wie üblich hatte sie die schwarze Schminke aufgetragen, die ihr
Gesicht veränderte. Völlig ausdruckslos blickte sie in meine Richtung und ich
konnte nicht erkennen, ob sie mich überhaupt wahrnahm.
Ich erinnerte mich an Trevors
Worte, ich solle nicht damit rechnen, der gleichen Vivian gegenüber zu stehen,
die ich kannte. Möglicherweise hatte ich das nicht glauben wollen, denn die
Kälte in ihrem Gesicht traf mich verdammt hart.
Auf Endriels Lippen lag ein
siegessicheres Lächeln. Er winkte zwei weitere Whoogalkrieger heran und machte
dann eine Handbewegung in meine Richtung. Mit einem Knall zersprang der Käfig um
mich herum und im gleichen Moment traf mich ein erneuter Schmerz mit derartiger
Wucht, dass ich all meine Kampfvorsätze vergaß. Es war, als hätte man eine
glühende Lanze in meinen Kopf gestoßen. Für einen Moment sah ich nichts mehr,
fühlte auch nicht, dass ich mich stöhnend am Boden wälzte, während sich mein
Körper krampfartig schüttelte. Dunkles Licht hüllte meinen Körper ein,
stach mit tausend Nadeln in meine Haut und bohrte sich in meinen Kopf.
Grobe Hände rissen mich hoch auf
meine Knie und ich fühlte, wie man mir metallene Gegenstände um den Hals und die
Handgelenke legte. Erst dann flaute der Schmerz ab und meine Wahrnehmung kehrte
wieder. Die gleichen Hände – es waren die der beiden Whoogalkrieger – zerrten
mich hoch und ich kam taumelnd auf die Füße. Alles drehte sich um mich herum und
wenn mich diese komischen Wesen nicht gehalten hätten, ich wäre wieder zusammen
gebrochen. So viel zu meinem Vorsatz, ich würde all meine Magie einsetzen und
kämpfen.
„Magische Fesseln“, erklärte
Endriel mit seinem nicht verlöschenden Lächeln. „Sie wirken genauso wie der
magische Käfig.“
Scheiße…
Ich tat es trotzdem, weil es mir egal war. Doch in dem Augenblick, in dem ich
auf meine Magie zugriff, schoss der Schmerz ausgehend von dem Metallring um
meinen Hals und den Fesseln an den Händen in meinen Körper. Hatte ich gedacht,
vorher wäre es schlimm gewesen, dann war es jetzt um einiges schlimmer.
Diesmal brach ich zusammen, doch
die beiden Whoogals zogen mich wieder hoch. Meine Beine gehorchten mir nicht
mehr, ich wurde über die Steine geschleift, aber diesen Schmerz spürte ich
nicht, denn die dunkle Magie brannte wie Feuer durch meinen ganzen Körper und
ich wünschte mir verzweifelt, wieder ohnmächtig zu werden. Leider nützte mein
ganzes lautloses Bitten nicht, ich blieb bei Bewusstsein, aber wie die beiden
mich hinunter zu diesem komischen Altar geschleppt hatten, wusste ich später
nicht mehr zu sagen.
Sheldon hatte aufgehört zu
schreien. Er hatte den Kopf gehoben, als ich den Kreis der Säulen betrat und die
Hoffnungslosigkeit in seinen Augen tat mir mehr weh als alles andere.
Annie…, formten seine Lippen lautlos.
Er sah schlimm aus. Abgemagert,
mit verfilzten Haaren, aber das war das wenigste. Es schien kaum eine Stelle an
seinem Körper zu geben, die noch heil war. Und ich konnte das sehr gut erkennen,
da er bis auf eine kurze Hose nackt war. Schnitte überzogen seine Haut, die
gesamte Brust und seine Beine. Das aus den Schnitten laufende Blut war teilweise
schon wieder getrocknet. Sein linkes Auge war zu geschwollen, die Lippe
aufgeplatzt und auch das gesamte Gesicht blutverschmiert.
Die beiden Whoogals zerrten mich
an Sheldon vorbei zu einer zweiten Säule. Jetzt traten wirklich Tränen in meine
Augen und die Angst griff mit aller Macht zu. Ich wehrte mich, aber was sollte
ich gegen zwei Riesen mit der Kraft von Elefanten ausrichten. Einer von beiden
lachte nur, schlug mir lässig ins Gesicht und knurrte:
„Mach weiter, Kleine, und wir
haben erst ein wenig Spaß mit dir.“
Der Schlag hatte gereicht, um
wieder schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen zu lassen. Ich schmeckte Blut in
meinem Mund, dort wo meine Zähne mein Zahnfleisch verletzt hatten und wünschte
mir wieder einmal, sofort zu sterben.
Die Whoogals ketteten mich an die
Säule, die Arme von mir gestreckt und die Beine gespreizt. Ich hatte mal einen
Film gesehen, in dem Indianer einen Weißen an einen Marterpfahl banden und mich
damals gefragt, was man wohl in solch einem Moment fühlen musste. Der Weiße
hatte damals noch eine Menge dummer Sprüche auf Lager gehabt. Mir fiel kein
einziger ein. Ich hatte einfach nur eine Scheißangst.
Nachdem sie mich bewegungslos
verschnürt hatten, stellten sich die beiden an meine Seiten und verharrten. Mein
Blick wanderte zurück zu Endriel, der gerade etwas zu Cyto-Dentaar sagte. Dieser
drückte Vivian die Leine seines Sklaven in die Hand und folgte Endriel, der sich
auf Sheldon zu bewegte.
Fassungslos sah ich den Jungen
neben Vivian auf die Knie sinken. Es lenkte mich sogar von dem ab, was Endriel
tat, denn einen kurzen Moment bemerkte ich eine Regung in Vivians Gesicht. Sie
schaute auf den Kopf des Jungen hinab, hob leicht ihre Hand und berührte seine
Haare. Ich wollte es nicht für möglich halten, aber der Junge rutschte etwas
näher an sie heran, als würde er Schutz suchen. Dann war der Augenblick vorbei
und das junge Mädchen hob wieder ihr ausdrucksloses Gesicht zu dem Geschehen
zwischen den Säulen.
Im gleichen Moment stöhnte Sheldon
neben mir auf und mir wurde schlecht, als ich bemerkte, dass Endriel einen Dolch
aus seiner Kleidung gezogen hatte. Sheldon hatte den Kopf gehoben und trotz des
Stöhnens, das seine Lippen verlassen hatte, schaute er den beiden vor ihm
stehenden Männern fest in die Augen.
Endriel hob den Dolch zu Sheldons
Arm und schnitt mit einer schnellen Bewegung in die Haut. Sheldon verzog keine
Miene, aber er zuckte zusammen. Im gleichen Moment hatte Cyto-Dentaar seine
metallenen Becher unter den Schnitt gehalten und fing das Blut auf.
Mir wurde schon wieder schlecht
und langsam aber sicher nahm die Panik zu. Bald würde ich anfangen zu schreien
und nicht wieder aufhören.
„Du gibst ihnen Kraft durch deine
Angst, Annie“, sagte Sheldon plötzlich laut und deutlich.
Cyto-Dentaar holte aus und schlug
zu. Sheldons Kopf wurde zur Seite gerissen und erneut tropfte Blut von seiner
Lippe, aber der Ausdruck in seinen Augen war ungebrochen.
Eigentlich war mir scheißegal, wem
ich Kraft gab. Ich würde sowieso sterben. Aber wenn Sheldon mich nach all diesen
Tagen noch warnen und reden konnte, wollte ich nicht wie ein Jammerlappen
dastehen.
Jetzt lenkte etwas anderes meine
Aufmerksamkeit auf sich. Ein weiterer Mann kam die Stufen zu dem Altar
hinab und diesmal klappte mein Mund vor Überraschung auf, als ich ihn erkannte.
Auch er war sehr prunkvoll gekleidet und in einem Stil, den ich noch nie an ihm
gesehen hatte. Aber nichtsdestotrotz handelte es sich um einen Mann, den ich oft
genug gesehen und die Hand geschüttelt hatte, weil er Mandant bei Steel und
Partner war.
Marquardt.
Marquardts Blick streifte mich und
jetzt sah ich in seinen Augen die gleiche Überraschung wie sicherlich in meinen
ebenfalls zu lesen war. Aber er hatte sich schnell gefangen und trat an die
beiden anderen Männer heran.
Endriel hob die Hand und sprach
eine Formel, die ich nicht verstand. Dunkles Licht hüllte den Becher in Cytos
Hand ein. Der Whoogal hob ihn an seine wulstigen Lippen, trank ein paar Schlucke
und reichte ihn an Marquardt weiter.
Ekel stieg in mir auf, als ich
zusah, wie der Mensch den Becher ansetzte und austrank. Es war Sheldons Blut und
kaum, dass er den Becher geleert hatte, fühlte ich, dass sich etwas veränderte.
Plötzlich schien es dunkler und beklemmender zu werden, als würde sich eine
dunkle Macht über die Höhle legen.
Marquardt und Cyto-Dentaar gingen
zu dem Altar und knieten sich vor die Steinplatte auf den Boden. Endriel trat
hinter sie, hob die Arme und dunkles Licht bildete sich an seinen Fingerspitzen.
„Wir haben heute zwei Opfer zu
begrüßen“, sagte er laut und die Whoogals in der Höhle jaulten zustimmend. „Eine
Lucyana“, er deutete auf mich, „für die Tochter Anastasias. Und einen Sajoor“,
er wies auf Sheldon, „für den Menschen, der uns den Weg auf die Welt Terra
öffnen wird.“
Mir wurde eiskalt, als Endriel
Vivian heranwinkte.
„Das Blut des Sajoor wird den Weg
in die Adern des Menschen finden. Erst dann können wir die Macht des Sajoor an
den Menschen übertragen.“
Vivian hatte die Leine des Jungen
losgelassen und war langsam in die Mitte des Steinkreises gekommen. Endriel
lächelte sein teuflisches Lächeln und reichte Vivian das Messer.
„Die Lucyana gehört dir“, sagte er
leise. „Töte sie und bade in ihrer Macht.“
Vivians Miene war noch immer
ausdruckslos. Sie nahm das Messer entgegen und rührte sich auch nicht, als
Endriel seine Hand hob und ihr mit einer fast zärtlichen Geste über die Wange
strich. Übergangslos begannen ihre Augen kohlrabenschwarz zu glühen.
„Töte sie“, sagte der Magier
wieder.
Mein Herz schlug bis zum Hals, als
Vivian sich umdrehte und auf mich zukam. Nichts erinnerte mehr an das junge
Mädchen, das in meiner Wohnung gewohnt hatte. Ihr Gesicht war eine Maske und sie
schaute auch nicht so, als würde sie mich erkennen.
„Vivian?“, fragte ich erstickt,
als sie näher kam. Ich konnte mich nicht rühren, weil die Ketten jede meiner
Bewegungen einschränkten und mein Magen zog sich zusammen.
„Sprich die Formel“, sagte Endriel
hinter ihr. „Nutze ihr Blut und sprich die Formel.“
Ein Zittern lief durch Vivians
Körper. Erst jetzt erkannte ich die Schweißperlen, die sich auf ihrer Stirn
gebildet hatten. Sie hob das Messer, aber sie kam nicht weiter auf mich zu.
„Vivian?“, fragte ich wieder
flüsternd.
Es war eine einzige Handbewegung
und ein neuer Schnitt klaffte auf ihrem linken Unterarm. Im gleichen Moment traf
mich ihre Magie wie ein warmer, belebender Strom.
„Nein!“, schrie Endriel zornig
auf, doch Vivian hatte den zweiten Schnitt an ihrem anderen Arm schon gesetzt.
Er stürzte nach vorn, doch er
prallte gegen die unsichtbare Wand, die Vivians Magie errichtet hatte.
„Töte sie!“, brüllte er und dunkle
Blitze zischten aus seinen Händen, nur um in Vivians Abwehrschirm zu verpuffen.
Erst jetzt rührten sich die beiden
Wachen an meiner Seite. Wahrscheinlich hatten sie eine Heidenangst vor Magie,
denn sie zögerten ein paar Minuten zu lange. Ich weiß nicht, woher Vivian
plötzlich die Kraft zog, aber mit einer einzigen kurzen Handbewegung ließ sie
den Dolch durch die Luft fliegen und trennte den Kopf des ersten Whoogals von
dessen Schultern. Schwarzes Licht umtoste plötzlich ihren Körper und ich fühlte
den Strom der Magie noch stärker werden. Vielleicht war es ein Instinkt, der mir
erklärte, dass sie Kraft aus dem Opfer des Whoogals zog. Der zweite wollte
fliehen, doch der fliegende Dolch war stärker und auch sein Kopf rollte über den
steinernen Boden.
Endriel fluchte und tobte hinter
der magischen Barriere, die Vivian erschaffen hatte. Noch immer glühten die
Augen des Mädchens schwarz, als sie mit einer schnellen Bewegung die Ketten, die
meinen Körper fesselten, zerspringen ließ.
„Versprich mir, dass ich sterben
kann, Annie“, bat sie leise, als ich nach vorn auf sie zu taumelte.
Der Dolch schwebte auf mich zu und
landete in meinen Händen.
„Töte mich, Annie“, bat sie
wieder. „Bitte töte mich.“
„Nein!“, schrie Endriel und sein
Zorn tobte durch die Höhle. Ein paar der Whoogals flogen durch die Luft und
mehrere Feuer loderten auf. Ich bekam nichts von alledem mit, weil ich einfach
nur das junge Mädchen anstarren konnte, das mich bat, sie zu töten.
Vivian bemerkte mein Zögern und
machte einen Schritt auf mich zu. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er die
Barriere einreißt. Ich will so nicht leben, Annie“, sagte sie und plötzlich war
der Schmerz in ihrem Gesicht wieder da. Ich konnte ihn trotz der noch immer
dunkel glühenden Augen erkennen.
Aber ich schüttelte den Kopf, ohne
ein Wort hervorzubringen.
In Vivians Augen traten Tränen.
Sie hob die Hände und das schwarze Licht wirbelte über ihre Haut. „Ich töte. Ich
nutze die Kraft meiner Opfer und sie macht mich von Mal zu Mal stärker. Bitte
töte mich, Annie.“
Hinter uns explodierten die ersten
Steinsäulen. Sicherlich unbewusst traf es auch die Säulen, an die Sheldon
gekettet war. Sheldon jedoch hatte nicht mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu
halten und brach zusammen. Krachend toste die aufgewirbelte Magie Endriels durch
die Höhle.
„Du bist eine Schande für unser
Geschlecht!“, kreischte der Magier zornerfüllt. „Ich werde die Lucyana töten und
dich zwingen, die Macht anzunehmen!“
Vivian fuhr herum und ihre Magie
raste gegen Endriel. Der Sturm warf den überraschten Mann von den Beinen.
„Ich habe ein Mal zugeschaut, wie
ein Mensch getötet wurde, den ich mochte!“, schrie Vivian und ihr Zorn gesellte
sich zu dem Sturm, den Endriel entfacht hatte. „Ich werde es kein zweites Mal
tun!“
Endriel fing sich selbst, ehe er
über den Boden rollte und gleißendes, dunkles Licht umwirbelte seine
hochgewachsene Gestalt.
„Gefühle machen dich schwach. Du
bist es nicht wert, die Tochter Anastasias zu sein!“
Vivian hatte das Kinn gehoben und
stemmte sich selbst gegen den Sturm, der, ausgehend von Endriel, auf sie zu
tobte. Ihr schlanker Körper schwankte und ich ahnte, dass es nicht lange dauern
würde, bis Endriels Macht sie hinwegfegte. Die langen, dunklen Haare wehten im
Wind und noch immer wirbelte dunkles Licht über ihren Körper, aber es war
schwächer geworden.
Endriel begann, die ersten
Whoogals zu töten, um deren Kraft in sich aufzusaugen. Mit Entsetzen beobachtete
ich, wie die Körper der Wesen in sich zusammenfielen, sie fast verwelkten,
während er sich ihrer einfach bediente.
„Ich schaffe es nicht“, flüsterte
Vivian verzweifelt.
Auch ich kämpfte gegen die Magie,
die völlig unkontrolliert wurde. Vivian war nur wenige Meter von mir entfernt,
aber es kam mir vor wie das Laufen durch zähen Brei, als ich mich zu ihr
vorarbeitete. Noch stand die Barriere, die Vivian geschaffen hatte, aber lange
würde sie nicht mehr halten.
Ich sah Sheldon auf uns zu
kriechen und dann den Kopf heben.
„Hilf ihr“, krächzte er. „Gib ihr
einen Teil deiner Magie. Hilf ihr.“
„Nein!“, schrie Endriel und ein
dunkler Blitz zischte auf Sheldon zu. Der Körper des Vampirs wurde hochgerissen
und zur Seite geschleudert. Ich konnte nicht erkennen, ob er noch lebte, aber
ich hatte das helle Licht gesehen, das Sheldons Körper eingehüllt hatte, bevor
Endriels Magie ihn getroffen hatte.
Möglicherweise war nicht alles verloren.
Dann hatte ich Vivian erreicht.
Ich wusste nicht, was ich tun musste, um ihr zu helfen, deshalb griff ich
einfach nach ihrer Hand. Sie hatte es einmal getan, um mir zu helfen und ich
konnte mich noch genau an das Gefühl erinnern, weil ich damals über die
Berührung unserer Hände ihre Magie gespürt hatte.
Jetzt traf es mich wie ein Schlag.
Vivian drehte überrascht den Kopf und trotz der Fassungslosigkeit in ihrem Blick
schaffte ich es, ein klägliches Lächeln auf meine Lippen zu bringen.
„Benutz meine Magie“, stieß ich
hervor und der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde noch ein klein wenig
fassungsloser.
Sie schüttelte den Kopf, wollte
mir ihre Hand entziehen, doch ich umfasste sie fester. „Tue es! Ich will noch
nicht sterben und du auch nicht!“
Vielleicht hatte sie in meinem
Gesicht den Willen gesehen, vielleicht war es auch eine Art Trotz, denn ich
wollte nicht, dass sie jetzt einfach aufgab. Sie holte tief Luft und dunkle
Funken schienen aus ihren Augen zu treten. Dann drehte sie wieder den Kopf und
schaute Endriel an.
„Es ist dein Todesurteil“, sagte
dieser hart und seine Stimme hallte mit einem hohlen, gespenstigen Klang durch
die Höhle. Um ihn herum lagen die sterblichen Hüllen der Whoogals, deren Kraft
er in sich aufgesogen hatte. „Du besiegelst hiermit dein Schicksal.“
Vivian hob das Kinn. „Vielleicht
lasst ihr mich dann endlich sterben, wenn ich es will.“
Und dann entfachte sie das Chaos.
Ich tat nichts, aber ich fühlte, wie die Stärke ihrer Magie anschwoll, wie sie
sie hoch peitschte und in Richtung des schwarzen Magiers schickte. Ein paar der
Whoogals versuchten, zu ihr vorzudringen, doch sobald sie die magische Wand
berührten, gingen sie in Flammen auf. Es war heiß geworden und der Schweiß lief
über unsere Gesichter, doch wir spürten von dem Sturm, der durch die Halle
tobte, kaum etwas.
Endriel wehrte sich. Wieder und
wieder griff er hinaus, zog das nächste Opfer in seinen Bann und ließ es als
leere Hülle auf den Boden fallen.
Vielleicht hätte irgendwann auch
meine Kraft nicht mehr gereicht, aber plötzlich öffneten sich wieder die großen
Tore und diesmal war es keine Verstärkung für die Whoogals, die hindurchstürmte.
Ein strahlendes Lächeln huschte
über mein Gesicht und die Verzweiflung verschwand schlagartig, als ich Trevor
und Thunder mit gezogenen Schwertern in die Höhle stürmen sah. Auch Endriel
hatte die beiden bemerkt und schrie wieder zornerfüllt auf.
Plötzlich musste er sich auf zwei
Angreifer konzentrieren. Wahrscheinlich konnte er sich nicht entscheiden, wer
gefährlicher war. Der Jäger oder das magische Kind. Aber in dem Augenblick, als
er seine Aufmerksamkeit von Vivian ab und dem Jäger zuwandte, traf ihn Vivians
Magie mit aller Wucht. Es riss ihn von den Beinen und der Schirm, den er um sich
selbst errichtet hatte, glühte dunkel auf.
Diesmal war es sein
schmerzerfüllter Schrei, der durch die Höhle hallte, und die Whoogals mit
aufschreien ließ. Ehe jedoch Vivian dem Ganzen ein Ende setzen konnte, hatte
auch Endriel eingesehen, dass er im Begriff war zu verlieren. Plötzlich glühten
die vier ihm am nächsten stehenden Whoogals auf wie lebende Fackeln und im
nächsten Moment baute sich ein Portal direkt neben dem Magier auf.
Vivians magischer Ball verpuffte
wirkungslos in dem Portal und Trevor erreichte es in genau dem Moment, in dem es
sich wieder schloss. Schlagartig kehrte Ruhe ein und selbst die noch lebenden
Whoogals waren einen Moment zu verblüfft, um sofort weiterzukämpfen.
Neben mir schluchzte Vivian auf.
Ihre Beine gaben nach und sicherlich wäre sie zusammengebrochen, wenn ich nicht
zugegriffen hätte. Sie fiel mir um den Hals und fing an zu weinen. Ich sank mit
ihr zu Boden, weil mich meine Beine ebenfalls nicht mehr trugen, und hielt sie
einfach nur fest.
Noch immer leuchtete das magische
Licht und hüllte unsere Körper ein, doch es war bei weitem nicht mehr schwarz.
Kein Whoogal wagte sich in unsere Nähe.
Aber ich hatte auch nicht mehr die
Kraft, mich zu wehren. Ich konnte nur zusehen, wie Thunder und Trevor auf die
verbliebenen Krieger eindrangen, sie zurückdrängten und töteten. Ich sah einige
flüchten, aber schon Endriels Tun hatte die Hälfte dieser Wesen das Leben
gekostet. Andere waren durch die freigelassene Magie verletzt worden. Die
wenigen Verbliebenen wehrten sich verzweifelt gegen den Jäger und den Vampir.
Sie hatten keine Chance.
Vivian weinte noch immer. Ich
konnte nur ahnen, wie viel Kraft es sie gekostet hatte, das zu tun, was sie
getan hatte. Wenn sie jetzt die Nerven verlor, war das nur verständlich. Die
Anspannung der letzten Stunden war auch für mich zuviel gewesen und ich wünschte
mir, einfach mitweinen zu können. Aber ich tat es nicht. Ich hielt sie fest,
während um uns herum Schwerter aufeinander klirrten und ein Whoogal nach dem
anderen zu Boden ging.