Teil 1 - 24

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Teil 25

 

Irgendwann kehrte Ruhe ein.

Vivian hatte aufgehört zu weinen, aber wir saßen noch immer auf dem steinigen Boden und sie lehnte an mir, als würde sie den Halt brauchen.

 Qualm durchzog die Höhle und ich konnte kaum etwas erkennen. Durch den Nebel sah ich Trevor und Thunder, die sich zwischen den Leichen der Whoogals hindurch bewegten. Trevor ging zu den zusammengebrochenen Säulen und beugte sich über den regungslos daliegenden Sheldon. Währenddessen kam Thunder auf uns zu und steckte das Schwert weg.

„Schön, dich lebend wieder zu sehen“, sagte er leise, als er uns erreicht hatte. Er klang so müde, wie auch ich mich fühlte.

„Lebt Sheldon?“, fragte ich erstickt. All unser Aufwand wäre umsonst gewesen, wenn wir es nicht geschafft hatten, den Vampir zu retten.

Dann bemerkte ich, wie Trevor Sheldon aufhalf, und obwohl der Vampir sich kaum auf den Beinen halten konnte und sich ohne Trevors Hilfe auch nicht hätte fortbewegen können, stieg in mir eine unbändige Freude auf. Er lebte. Egal, wie es uns ging. Egal, welche Verletzungen wir davon getragen hatten. Wir lebten. Und das war alles, was zählte.

Trevor und Sheldon taumelten auf uns zu. Ein Lächeln huschte über Trevors Gesicht, als sich unsere Blicke trafen.

„Hallo, Annie.“

Ich lächelte ebenfalls. „Gutes Timing…“

Er nickte und Sheldon hob den Kopf. Seine hellen Augen huschten durch die Höhle, wanderten zu Vivian, die mit geschlossenen Augen an meiner Schulter lehnte, und dann zu mir.

„Wir müssen hier weg“, brachte er krächzend hervor. „Schnellstens.“

Ich atmete tief durch. Dann hob ich vorsichtig meine Hand und strich über Vivians dunkle Locken.

„Vivi?“, fragte ich leise. „Bist du okay?“

Sie nickte, ohne die Augen zu öffnen.

„Wir verschwinden jetzt hier“, flüsterte ich, stemmte mich mühsam hoch und zog sie mit mir. „Ich erschaffe ein Portal und dann verschwinden wir alle.“

Vivian umklammerte noch immer meinen Arm, als hätte sie Angst, sonst zu fallen. Von der dunklen Schminke in ihrem Gesicht war kaum noch etwas übrig. Dunkle Streifen verschmierten ihre Wangen und hoben sich von der Blässe ihres Gesichtes ab.

Trotzdem schaffte sie es, schief zu grinsen und zu sagen: „Ich helfe dir.“ Allerdings klang ihre Stimme mehr kläglich als zuversichtlich.

Ich hob den Kopf und schaute Trevor an. „Sie haben das Cyana.“

Sheldon hustete. „Wir“, begann er dann mühsam. „Wir…dürfen es nicht…in ihren Händen lassen. Nicht hier…“ Wieder schüttelte der Husten seinen Körper und Trevor musste fester zugreifen, damit er auf den Beinen blieb.

„Es ist weggeschlossen“, mischte sich Vivian leise ein. „Keiner von ihnen konnte es berühren…Ich…ich habe es…“ Sie wich unseren Blicken aus.

„Zuerst verschwinden wir jetzt hier“, sagte Trevor hart. „Wir kommen wieder und holen es. Wir müssen uns auch um die anderen noch kümmern. Aber das Wichtigste ist jetzt erst einmal, dass wir unsere Kräfte regenerieren können.“

„Du weißt, wo es ist?“, fragte ich das junge Mädchen leise. Sie nickte, noch immer, ohne mich anzusehen.

„Es wird bewacht“, flüsterte sie.

Ich fühlte mich nicht in der Lage, einen weiteren Kampf durchzustehen. Keiner von uns sah so aus. Vielleicht war es wirklich das Beste, erst neue Kräfte zu sammeln und dann noch einmal wieder zu kommen.

Plötzlich schoss Vivians Kopf in die Höhe. „Es kommen neue Whoogals“, stieß sie hervor. „Cyto hat eine neue Armee organisiert…“

Trevor und Thunder fuhren herum, aber noch waren die Tore der Höhle geschlossen.

„Weg hier!“, sagte er kurz. „Annie, das Portal.“

Ich nickte krampfhaft und wollte mich konzentrieren, als Vivian meinen Arm losließ und sich suchend umsah.

„Raven?“, rief sie leise.

Ich wechselte einen fragenden Blick mit Trevor und Thunder und zuckte mit den Schultern. Das Mädchen stürzte zu den zusammengebrochenen Säulen, ohne dass wir sie daran hindern konnten.

„Verflucht“, knurrte Trevor. „Fang mit dem Portal an, Annie. Wir müssen weg.“

Ich nickte, während mein Augen verfolgten, dass Vivian zwischen den Steintrümmern verschwand. Diesmal fiel es mir leichter, den Zugang zu dem magischen Raum herzustellen. Aber ich spürte die Schwäche in meinem Körper.

„Wie erkenne ich die Erde?“, fragte ich hilflos.

„Blau…“, krächzte Sheldon.

Magie fuhr in meinen Körper und ließ mich taumeln. Es war bedeutend schwerer, den Zugang zu finden und zu öffnen. Wieder brach mir der Schweiß aus und ich kämpfte verzweifelt gegen die Schwäche in mir. Jetzt wusste ich, wie man sich fühlte, wenn man mehr Magie brauchte als man zur Verfügung hatte.

Dann flammte das Portal auf und gleichzeitig öffneten sich mit einem Donnern die Tore der Höhle. Diesmal ging zuerst Trevor durch das Tor und nahm Sheldon mit. Thunder wartete kampfbereit neben dem Portal, das Schwert gezogen und starrte den heranstürmenden Whoogals entgegen.

„Geh!“, schrie ich.

Im gleichen Moment tauchte Vivian neben mir auf. Fassungslos erkannte ich neben ihr den Jungen, den Cyto-Dentaar an seiner Leine geführt hatte. Er humpelte und sein gesamter Körper war mit neuen Verletzungen, diesmal sicherlich durch die herumfliegenden Steine verursacht, bedeckt. Vivians Gesicht war ausdruckslos. Sie griff nach meiner Hand. Obwohl auch sie geschwächt war, half mir die Magie, die sie mir zur Verfügung stellte, um das Portal zu stabilisieren.

Thunder sprang in das Tor, dann winkte Vivian dem Jungen, Thunder zu folgen. Danach wollte Vivian, dass ich ging, doch ich schüttelte den Kopf, hielt ihre Hand fest und zog sie mit mir.

Die Kälte Mitte Dezembers traf uns, als wir in der stockdunklen Nacht auf dem Hügel materialisierten, auf dem wir vor einigen Tagen die Erde verlassen hatten. Im gleichen Moment brach hinter uns das Portal zusammen und meine Beine gaben unter mir nach.

„Was zum Teufel…“, entfuhr es Trevor, als er bemerkte, wer vor uns das Portal verlassen hatte. „Bist du eigentlich…“

Vivians eisiger Blick brachte ihn zum Verstummen. „Das ist Raven“, sagte sie, als würde das alles erklären.

Der Junge begann in der Kälte zu zittern, denn er trug noch immer nichts weiter als diesen komischen Lendenschurz. Thunder zog wortlos seine Jacke aus und reichte sie dem Jungen. Doch dieser nahm sie nicht, sondern wich mit angstvoll geweiteten Augen zurück. Vivian griff nach der Jacke und legte sie Raven um die Schultern. Erstaunt beobachtete ich, dass sie ihre Hand hob, ihm sanft über die Haare strich und einen Teil der Angst aus seinem Blick verschwinden ließ.

Er war nicht größer als sie, vielleicht sogar kleiner und bewegte sich nicht aus ihrer Nähe weg, als würde er bei ihr Schutz suchen. Im Moment war jedoch keine Zeit, um Fragen zu stellen. Deshalb mischte ich mich ein, ehe Trevors Temperament wieder mit ihm durchging.

„Wir müssen jetzt aus der Kälte raus“, sagte ich laut.

Thunder nickte ebenfalls. Wir stolperten den Hang hinab zum Fluss, dorthin, wo noch immer Thunders Jeep stand. Thunder und Trevor stützten Sheldon, während Raven nicht von Vivians Seite wich. Er lief barfuß und ich zitterte allein bei dem Anblick vor Kälte. Mir war schon in meinem Pullover hundekalt, aber mein Rucksack mit meiner Jacke war auf Whoorin verblieben. Erst jetzt fiel mir ein, dass auch Vivians Laptop auf der fremden Welt verloren gegangen war.

Dann hatten wir das Auto erreicht und stiegen ein. Diesmal wurde es eng, da zwei Personen mehr Platz finden mussten. Sheldon bekam den Beifahrersitz. Vivian zog Raven an ihre Seite und ich wurde immer erstaunter, als ich sah, dass sie ihre Arme um ihn schlang und er seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. Zum ersten Mal erlebte ich, dass Vivian der Nähe zu einer anderen Person nicht auswich, sondern dass sie sie regelrecht anbot. Langsam wurde auch ich neugierig zu erfahren, was da auf Whoorin passiert war.

Trevor kletterte neben Vivian. „Du wirst dich wohl auf meinen Schoß setzen müssen, Annie“, murmelte er und zog mich ins Auto, ehe ich protestieren konnte.

Ich hätte auch nicht protestiert. Ich war müde und mir war vollkommen klar, dass ich nicht neben ihm Platz finden konnte. Deshalb gab ich einfach nach, ließ sogar zu, dass er mich an sich zog und schloss die Augen. Wahrscheinlich würde ich vierundzwanzig Stunden durchschlafen, sobald ich in mein Bett fallen konnte.

Niemand redete im Auto. Thunder fuhr schnell und glücklicherweise waren die Straßen auch so gut wie leer. So schafften wir die Fahrt zurück zu meinem Haus innerhalb von fünfundzwanzig Minuten.

Es brauchte beide Männer, Trevor und Thunder, um dem verletzten Vampir ins Haus zu helfen. Ich war mehr als froh, dass sich nichts verändert hatte und dass vor allem die magischen Amulette noch immer funktionierten. Das bedeutete, dass wir vorerst in meinem Haus sicher waren.

Allerdings hatten wir noch keine Zeit zum Schlafen. Es galt, einen verletzten Vampir zu versorgen und den ganzen Dreck, der an uns klebte, von unseren Körpern zu waschen. Da Sheldon sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, überließ ich den Männern das Bad zuerst. Sheldon war nicht in der Lage, seine Verletzungen allein zu versorgen, aber Trevor stellte gar keine Fragen, sondern griff nach dem Erste-Hilfe-Koffer und folgte Sheldon ins Bad.

Thunder sank auf die Couch, lehnte sich an und schloss die Augen. Vivian hatte Ravens Hand ergriffen und zog ihn mit sich in die Küche. Ich folgte ihr, denn ich wollte nachsehen, was sich in unserem Kühlschrank noch Essbares befand.

„Setz dich“, wies Vivian den Jungen an und er sank auf den Stuhl. Sie verschwand noch einmal in Richtung ihres Zimmers.

Zum ersten Mal hatte ich Gelegenheit, Raven im Licht zu sehen. Er saß am Tisch und schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen. Die halblangen, dunklen Haare fielen ihm ins Gesicht, da er den Blick nicht hob, sondern auf die Tischplatte starrte. Thunders Jacke war ihm viel zu groß und er sah darin wie ein kleiner Junge aus.

„Hast du Hunger?“, fragte ich leise.

Er zuckte zusammen, schaute aber endlich hoch und einen Moment vergaß ich zu atmen. Helle, große Augen sahen mich aus einem feinen, fast mädchenhaft schön zu nennendem Gesicht an. Es waren aber weniger die Züge, die mich überraschten, sondern es war die Farbe der Augen. Hell gelb, eine Farbe, die ich noch nie bei einem Menschen gesehen hatte und in ihnen stand eine längliche schwarze Pupille, ähnlich wie man es von Katzen her kannte. Ich hatte ihn sehr jung eingeschätzt, aber nachdem ich jetzt sein Gesicht gesehen hatte, korrigierte ich sein Alter noch einmal nach unten. Er war höchstens so alt wie Vivian. Und er war kein Mensch.

In diesem Moment kam Vivian zurück und hielt ihr eigenes Wundversorgungspaket in der Hand. Sie hatte auch ein T-Shirt und eine Freizeithose von sich selbst mitgebracht. Vorsichtig half sie Raven aus Thunders Jacke. Er gab keinen Laut von sich, zog nur einmal scharf die Luft ein, als der raue Stoff der Jacke eine Verletzung streifte. Er hatte den Kopf wieder gesenkt und ließ einfach zu, dass Vivian sich um seine Verletzungen kümmerte.

„Kann ich dir helfen?“, erkundigte ich mich einfach.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte schwach. „Es muss nichts genäht werden.“ Sanft fuhr ihre Hand wieder durch Ravens Haare und er lehnte sich einen Moment in ihre Berührung. „Es wird heilen.“

„Ich mache etwas zu essen“, sagte ich nur und begann, meinen Kühlschrank auszupacken.

Raven beobachtete mit großen Augen, was ich alles auf den Tisch stellte. Währenddessen desinfizierte Vivian seine Verletzungen und entfernte das Halsband von seinem Hals. Überrascht griff er an seinen Hals, als könne er nicht fassen, was sie getan hatte. Entsetzt erkannte ich, dass die gesamte Haut unter dem Band rot und entzündet war.

„Darf ich die Badewanne benutzen?“, fragte Vivian schüchtern.

„Sicher.“ Ich lächelte.

„Ich meine für ihn“, setzte sie hinzu.

„Lass ihn erst essen, ja? Er verträgt doch unser Essen?“ Ich schob das Brot und die Wurst in Richtung des Jungen, als Vivian nickte. „Iss soviel du willst, Raven.“

Vivian, die bisher hinter ihm gestanden hatte, setzte sich neben ihn an den Tisch. Sein unsicherer Blick wanderte von dem Essen zu mir und dann zu Vivian.

„Hau rein“, ermunterte sie ihn und griff selbst nach dem Brot.

Ich setzte mich ebenfalls. Mit Erleichterung sah ich, dass Raven begann zu essen. Besser gesagt, er stopfte alles in sich hinein, als hätte er seit Tagen nichts Ordentliches bekommen. Jetzt als ich einen Blick auf seine Zähne erhaschen konnte, sah ich, dass er ebenfalls so schöne Reißzähne hatte wie Sheldon und Thunder. Vivian lächelte traurig und schaute mich dann an.

„Ich hätte dich nicht töten können, Annie.“

Übergangslos war der Kloß in meiner Kehle wieder da. Ich schluckte mehrmals, ehe ich hervorbrachte. „Du hast mir das Leben gerettet.“

„Ohne dich hätte ich es nicht geschafft“, erwiderte sie leise.

Ich blickte kurz auf den das Brot und die Wurst verschlingenden Raven. „Magst du erzählen, was es mit ihm auf sich hat? Versteht er uns? Kann er reden?“

Ihr Lächeln wurde noch eine Spur trauriger. „Ich weiß nicht, ob er reden kann. Ich habe ihn nicht sprechen hören. Aber er versteht uns.“ Dann zögerte sie einen Moment. „Er…er kann doch hier bleiben?“

Wenn es so weiter ging, musste ich mir bald ein neues Haus suchen. Aber ich würde es nie übers Herz bringen, den Jungen zur Tür hinaus zu werfen. „Sicher. Wir werden schon einen Platz finden, wo er schlafen kann.“

Sein Kopf schoss hoch und plötzlich war die Angst wieder in seinen Augen zu lesen. Vivian legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

„Er schläft bei mir“, sagte sie ruhig, aber bestimmt. Raven senkte den Kopf und ich fiel bald aus allen Wolken, als er mit der Zunge über Vivians Hand leckte. Sie lächelte wieder traurig, streichelte kurz seine Wange und zog die Hand dann zurück.

Ehe ich weiter fragen konnte, hörte ich von oben Geräusche und sah dann Trevor, der Sheldon die Treppe hinab half. Zusammen mit Thunder legte er den Vampir auf der Couch ab. Dann verschwand Thunder im Obergeschoss, während Trevor begann, Sheldons Verletzungen zu verbinden.

Ich schaute wieder Raven an. „Wer oder was ist er?“ Die Frage ging in Vivians Richtung und sie war es auch, die antwortete.

„Seine Eltern stammten von der Welt D’arjo, aber er hat sie nie gesehen. Er ist auf Whoorin geboren und im Rahmen von Cytos Zuchtprogramm zum Sklaven ausgebildet worden.“

Mitleid mit dem Jungen stieg in mir auf. „Mein Gott…“, flüsterte ich fassungslos.

„Raven ist eines der besten Zuchtergebnisse“, fuhr Vivian bitter fort. „Cyto kreuzte extra Wesen, die seinem Schönheitsideal entsprachen.“ Dann senkte sie den Kopf. „Ich weiß, es dürfte mich nichts angehen, aber…“ Ihr Kopf hob sich wieder und sie sah mich an. „Ich habe dir erzählt, dass ich schon auf Whoorin gewesen bin und auch weshalb.“

Ich nickte, ohne ein Wort hervor zu bringen, denn in meinem Magen bildete sich ein Knoten.

„Damals war Ravens Vater Cytos Spielzeug und er war derjenige, der…“ Ihre Stimme verklang, aber sie musste auch nicht weiter reden. Ich wusste auch so, was sie sagen wollte. „Rooscan ist tot. Schon eine Weile. Er war zu alt geworden, um Cytos Ansprüchen gerecht zu werden. Cyto hat ihn im Alter von fünfundzwanzig Jahren getötet, weil er keinen Nutzen mehr aus ihm ziehen konnte. Das letzte, was er tun durfte, war, einer jungen Hexe die Jungfräulichkeit zu nehmen.“ Jetzt schwang leichter Zorn in ihrer Stimme mit. „Raven hat Rooscans Augen“, sagte sie dann. „Ich habe ihn sofort erkannt und Cyto hat mir meine Fragen beantwortet. Er ist sehr stolz auf das Zuchtergebnis. Raven ist schön, kann sehr viel Schmerz aushalten und sehr gut erzogen.“

„Wie alt ist er?“, fragte ich flüsternd.

Vivian verzog den Mund. „In menschlichen Jahren gemessen? Zirka fünfzehn. Aber er hat vor drei Jahren die Stelle seines Vaters als Cytos Lieblingssklave übernommen.“

„Mein Gott“, war alles, was ich herausbringen konnte.

Vivian senkte den Kopf. „Ich konnte ihn nicht dort lassen. Endriel würde es schwach nennen. Meine Mutter…meine Mutter würde ihn töten und mich bestrafen. Aber… ich konnte es nicht. Rooscan war…er hat…“ Sie holte tief Luft. „Er hat sich viel Mühe gegeben. Damals. Obwohl er wusste, dass er danach sterben wird…ich konnte seinen Sohn nicht dort lassen. Mit dem gleichen Schicksal vor Augen…“

Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was es für einen Zwölfjährigen bedeutet hatte, der Lieblingssklave eines Whoogalkönigs zu werden. Raven schlang noch immer Essen in sich hinein, vielleicht weil er Angst hatte, es würde wieder geraume Zeit vergehen, ehe er das nächste erhielt. Allerdings sah er nicht unterernährt aus.

Sicherlich hatte Cyto darauf geachtet, dass sein Sklave ordentlich versorgt wurde, damit er ihn auch eine Weile für seine Spiele nutzen konnte.

Wieder ging die Badtür und Vivian sah mich an. „Willst du zuerst?“

Ich nickte. „Lass ihn essen, soviel er will.“

Teil 26

Ich stand eine ganze Weile unter dem heißen Wasser und schrubbte den Dreck von zwei Tagen von meinem Körper. In der gesamten Zeit war mir der Gedanke an Sauberkeit gar nicht gekommen, weil ich ganz andere Sorgen gehabt hatte, aber jetzt fühlte ich mich so schmutzig wie noch nie in meinem Leben. Meine Haare wusch ich zwei Mal, ehe ich mich einigermaßen sauber fühlte. 

Während ich mich abtrocknete, drehte ich das Wasser der Badewanne auf, damit diese schon voll laufen konnte. Danach zog ich ein paar legere, saubere Sachen über und verließ das Bad wieder. Trevor war noch immer damit beschäftigt, Sheldon zu verarzten und ich starrte einen Moment entsetzt auf seine Finger, die eine Nadel hielten und immer wieder Stiche in Sheldons Haut machten. Ehe mir übel werden konnte, wandte ich mich ab und schaute in die Küche. 

„Das Badewasser läuft schon.“ 

Vivian schnappte sich die Sachen, die sie für Raven geholt hatte und winkte ihm. „Komm mit.“ 

Trevor hob den Kopf, als Vivian mit Raven zusammen die Treppe nach oben stieg. „Ich glaube das nicht“, sagte er leise und sah mich ernst an. „Annie, sag bitte, dass sie jetzt nicht mit ihm zusammen duschen will.“ 

„Du hältst dich da jetzt einfach raus“, entgegnete ich scharf.  

Ich ging an ihm vorbei, die Treppen hinauf  ins Schlafzimmer und suchte nach meinen letzten verbleibenden Decken. Heute würde einer der Männer auf dem Fußboden schlafen müssen, das konnte ich nicht ändern. Ich würde morgen losfahren und noch ein Klappbett besorgen gehen. 

Als ich wieder herunter kam, richtete sich Trevor gerade auf und verschloss den letzten Verband über Sheldons Arm. Der Vampir hatte die Augen geschlossen und atmete sehr flach. Obwohl er noch recht blass war, sah er aber bedeutend besser aus als dort unten in der Höhle.

 

Ich legte die Decken auf den Tisch. „Es wird jetzt ein wenig eng in meiner Wohnung.“ 

„Ich schlafe auf dem Fußboden“, mischte sich Thunder ein. „Außerdem vertrage ich genauso wenig wie Sheldon die Sonne, also ist das nur richtig, da wir hier die Jalousien unten lassen müssen.“ 

Ich nickte. „Trevor kann wieder mit im Schlafzimmer schlafen.“ 

Er lächelte schwach und deutete mit dem Kopf in Richtung Obergeschoss. „Unser neuer junger Freund?“ 

Ich antwortete nicht und seine Lippen pressten sich zusammen. 

„Nein“, stieß er hervor. „Ich lasse das nicht zu.“ 

„Halt dich bitte raus“, bat ich ihn leise. 

„Weißt du, wofür Cyto ihn benutzt hat?“, fragte er zornig. „Weißt du das wirklich? Whoogals baden in der Angst und Qual anderer Wesen. Es putscht sie auf, es macht sie stark und es macht sie an.“ 

„Ich will das nicht hören!“ 

„Er quält ihn, er schlägt ihn und danach benutzt er ihn, um seine sexuellen Fantasien an ihm auszuleben!“, fuhr mich Trevor an. „Er tut ihm weh, wieder und wieder, weil es ihm Spaß macht!“ 

„Sei still!“, schrie ich zurück. 

„Ich lasse nicht zu, dass Vivian in dieser Wohnung ein Sexspielzeug hält!“ 

In diesem Moment ging oben die Badezimmertür und ehe ich reagieren konnte, war Trevor an mir vorbei die Treppe hinauf gestürzt. Ich rannte ihm nach. 

Vivian hatte, gefolgt von Raven, das Bad verlassen und blieb in dem engen Flur stehen, als sich Trevor vor ihr aufbaute. Mit großen traurigen Augen sah sie den Mann an, der ihr den Weg versperrte, sagte aber keinen Ton. 

Natürlich schwieg Trevor nicht. „Der Junge schläft bei uns im Zimmer.“ 

Raven zuckte zusammen und kroch hinter Vivians Rücken. Sie griff nach seiner Hand. „Nein“, war alles, was sie antwortete. Ohne Trevor weiter zu beachten, zog sie Raven an ihm vorbei in Richtung ihres Zimmers. 

„Vivian!“ Trevor hatte die Hand schon gehoben, um sie zu stoppen, doch diesmal griff ich nach seinem Arm. 

„Es reicht jetzt“, sagte ich leise, aber scharf. 

Vivian fuhr herum und ihre Augen glühten schwarz auf. „Ich lasse nicht zu, dass ihn jemand verletzt. Er steht unter meinem Schutz und ich lasse es nicht zu! Er bleibt bei mir!“ 

„Wir verletzten ihn?“ Trevor schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist die schwarze Hexe unter uns!“ 

Das Glühen in Vivians Augen erlosch. Plötzlich war die Traurigkeit in ihren Augen wieder da und sie sah einfach nur noch wie ein junges Mädchen aus. Wie ein junges Mädchen, das gleich anfangen würde zu weinen. 

Verflucht. Ich schob Trevor zur Seite. „Das war gemein, Trev“, sagte ich ruhig. „Sie hat heute sehr deutlich gezeigt, dass sie etwas anderes als eine schwarze Hexe ist.“ 

„Sie hat einen Sexsklaven mitgebracht!“, brüllte Trevor aufgebracht. 

Vivians Lippen zitterten, dann brachte sie hervor. „Vielleicht…vielleicht habe ich einen Fehler gemacht.“ Dann fingen die Tränen an zu laufen und sie schrie: „Vielleicht hätte ich Endriels Macht annehmen sollen! Vielleicht hätte ich euch alle töten sollen! Vielleicht würde es mir dann endlich besser gehen, ohne all die Gefühle und Gewissensbisse in mir!“ Damit schnappte sie wieder Ravens Hand und zerrte ihn in ihr Zimmer. 

„Du Idiot!“, fluchte ich zornig. 

Trevor fing meinen Arm. „Du weißt nicht, was schwarze Magie alles vermag.“ 

Ich riss mich los. „Vivian hat mir heute das Leben gerettet“, fuhr ich ihn an. „Sie sollte mich töten. Endriel übergab ihr den Dolch und sie sollte mich töten. Sie hat es nicht getan. Sie hat ihre Magie gegen Endriels eingesetzt und mich gebeten, sie zu töten. Ich konnte es genauso wenig. Du hast nicht immer Recht, Trevor. Du magst älter und erfahrener sein als ich, aber manchmal ist es vielleicht richtiger, auf sein Gefühl zu hören.“ 

Ich ließ ihn stehen und folgte Vivian. Natürlich war ich hundemüde und genervt und sehnte mich nur nach Schlaf. Aber nach dem, was heute geschehen war, würde ich mir nicht verzeihen, wenn ich sie jetzt allein in ihrem Zimmer weinen lassen würde. 

Trevor hielt mich nicht auf. Er sagte auch nichts mehr, vielleicht, weil er über meine Worte nachdachte. Sollte er. Mit ihm würde ich mich auch noch auseinandersetzen. Später. 

Zuerst einmal klopfte ich an Vivians Zimmertür und erhielt wieder einmal keine Antwort. Ich öffnete die Tür und betrat das Zimmer. Nur die kleine Lampe auf dem Nachtschrank neben ihrem Bett erhellte den Raum. Sie saß auf dem Bett, hatte sich an die Wand gelehnt, ihre Arme um die angezogenen Knie geschlungen und die Tränen liefen über ihre Wangen. Raven kniete auf dem Fußboden vor dem Bett und sah sie mit einem so verzweifelten Blick an, dass mir ganz anders wurde. Ich wunderte mich etwas, dass er sich nicht einfach neben sie setzte, aber irgendetwas sagte mir, dass er es nicht wagte, so lange sie es nicht erlaubte. 

Ich lächelte den Jungen beruhigend an, setzte mich dann auf die Bettkante neben Vivian. „Niemand wird ihm wehtun, Vivian.“ 

Sie schluchzte nicht, sie schaute mich einfach an, während die Tränen aus ihren Augen kullerten. Ich hatte sie noch nie so verletzlich gesehen. 

„Ich werde nicht mit ihm schlafen“, sagte sie kläglich. „Ich will einfach nur, dass ihm niemand mehr wehtut. Ist das falsch?“ 

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. 

„Es tut weh, um jemanden Angst zu haben und nicht zu wissen, ob man ihn retten kann“, stieß sie hervor. „Vielleicht ist es wirklich falsch zuzulassen, dass mir andere Menschen etwas bedeuten. Es macht schwach. Ich will nicht schwach sein.“ 

„Wer sagt das? Endriel?“, erkundigte ich mich leise. 

„Meine Mom schon damals…“ Ihre Stimme verklang. Sie hob den Kopf und starrte in die Luft, als sie in der Erinnerung aufging. „Ich wollte es nicht wieder zulassen. Ich wollte nicht, dass man mir wieder wehtun kann. Ich konnte es nicht. Ich konnte dich nicht sterben lassen und ich konnte Raven nicht dort lassen.“ Ihre Stirn sank auf ihre Knie und sie murmelte. „Ich kann nichts richtig machen. Mit deinem Opfer wäre die letzte Menschlichkeit in mir gestorben und ich wäre frei.“ 

So einfach? Ich bezweifelte das. In ihr steckte mehr Menschlichkeit als sie sich selbst zugeben wollte. „Bereust du es?“ 

Vivian hob den Kopf und schaute mich verzweifelt an. „Nein“, flüsterte sie erstickt. „Nein, verflucht, nein.“ 

„Trevor ist ein voreiliger Dummkopf“, sagte ich leise. „Er weiß nicht, was passiert ist. Du hast dein eigenes Leben riskiert, um mir zu helfen und das ist etwas, was ich dir nie vergessen werde.“ 

Wieder liefen Tränen über ihre Wangen. Sie liefen einfach, ohne dass sie laut weinte oder aufschluchzte. „Ich will das nicht noch einmal erleben. Ich will nicht noch einmal zusehen, wie ein Mensch getötet wird, den ich mag. Es tat so weh…“ 

Ich wusste nicht, ob ich weiter fragen sollte. Aber ich tat es. „Was war passiert?“ 

„Er hieß Dorean. Ich war fünfzehn und Mom schickte mich wieder einmal in eine Schule. Es sollte der hundertste Versuch werden, meine Allgemeinbildung etwas aufzufrischen. Er ging in meine Klasse.“ Sie schwieg eine Weile, als würde sie überlegen, was sie erzählen konnte und was nicht. „Ich war verknallt in ihn. Aber so richtig. Plötzlich waren meine Tage mit anderen Gedanken erfüllt als mit dem Lernen neuer magischer Tricks. Ich dachte länger darüber nach, was ich anziehen sollte als darüber, wie wichtig es war, meinen magischen Schild aufrechtzuerhalten. Ich wollte mit ihm ins Kino gehen und keine Zaubertränke mit Mom brauen. Ich wollte mit ihm Händchen halten und mir seine lapidaren menschlichen Sorgen anhören und nicht vom Kampf zwischen gut und böse lesen.“ 

Sie schwieg wieder, doch ich sagte nichts. Ich wollte erst den Rest der Geschichte hören. 

„Mom schaute sich das vierzehn Tage an. Dann sagte sie, kein schwarzer Magier würde sich derart lächerlich benehmen wie ich.“ Wieder quollen Tränen aus ihren Augen. „Ich habe mich zum ersten Mal menschlich gefühlt…Sie sagte, ich wäre eine Schande. Sie war schon damals, als sie mich nach Whoorin geschleppt hatte, mit mir nicht zufrieden gewesen. Alles, was ich über Sex wusste, hatte ich von ihr, aber das, was mir Ravens Vater gezeigt hatte, war etwas völlig anderes gewesen. Meine Begeisterung darüber war ihr die ganze Zeit ein Dorn im Auge gewesen. Und jetzt gab es Dorean.“ Sie seufzte. „Plötzlich fing ich an, Liebesromane zu lesen und in den Tag hineinzuträumen. Ich dachte ununterbrochen an ihn, bis mir Mom verbot, ihn zu sehen.“ 

Ich bezweifelte, dass sie sich an dieses Verbot gehalten hatte. 

„Hätte ich es doch nur getan“, flüsterte sie erstickt. „Dann würde er noch leben.“ Jetzt schniefte sie und fuhr sich mit der Hand über das tränennasse Gesicht. „Ich habe mit ihm geschlafen und Mom hat uns erwischt.“ 

Ich wagte kaum zu atmen. „Sie hat ihn getötet?“ 

Vivian schluchzte auf. „Wenn es nur so einfach gewesen wäre. Nein, sie wollte mir eine Lektion erteilen…Sie sagte wortwörtlich: Du musst lernen, dass Liebe eine Schwäche ist, die wir uns nicht leisten können. Gegenüber niemandem und schon gar nicht gegenüber einem Mann. Sie hat ihn als Opfer benutzt. Er hat gebettelt, er hat mich angefleht, ihm zu helfen…Ich habe zugeschaut“, weinte sie leise. „Ich hatte Angst und ich hatte teilweise geglaubt, Mom hatte Recht. Aber es tat so weh. Er ist mit meinem Namen auf den Lippen gestorben und es tat so verflucht weh. Mom hat gesagt, jetzt würde ich mir hoffentlich zehnmal überlegen, ehe ich das nächste Mal Gefühle an jemanden verschwende und endlich das werden, was sie von mir erwartete.“ 

Ich konnte nicht anders. Ich rutschte neben sie und zog sie in meine Arme. Ich konnte ihr nicht einmal einen Vorwurf machen, jemand, der fünfzehn Jahre von einer Frau erzogen wurde, die sich der schwarzen Magie verschrieben hatte, konnte vielleicht gar nicht anders handeln. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt so etwas wie Liebe gefühlt hatte. Ein Wunder, dass sie jetzt noch zu Gefühlen fähig war. 

„Was ist dann passiert?“, fragte ich flüsternd. Tränen stiegen in meine Augen. Ich wollte nicht mitweinen, aber was sie erzählte, was sie erlebt hatte, ging mir verdammt nah. 

„Ich konnte ihn nicht vergessen“, schniefte sie, ohne den Kopf zu heben und ohne sich aus meiner Umarmung zu lösen. „Ich habe es wieder und wieder gesehen, seinen Blick, seine Bitten, die Angst in seinen Augen und die Fassungslosigkeit, dass ich einfach zusah. Ich habe mich selbst gehasst. Plötzlich sah ich meine Mutter mit anderen Augen. Sie würde mich genauso opfern wie Dorean, wenn es in ihre Pläne gepasst hätte. So wollte ich nicht werden…“ 

„Da bist du ausgerissen?“ 

Vivian nickte. „Ich konnte mich noch genau an ihre Erklärungen in Bezug auf das Opfer erinnern. Jedes Opfer macht dich stärker und mächtiger. Ich wollte nicht stärker und mächtiger werden. Den ersten Selbstmordversuch verhinderte Mom und damals habe ich sie wirklich zornig erlebt. Sie hat ihre Magie gegen mich eingesetzt, aber die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den ich gefühlt habe, als Dorean gestorben ist. Dann bin ich geflohen. Sie hatte mich gut genug ausgebildet, um mich verbergen und durchschlagen zu können.“ 

Gedankenverloren strich ich über ihre Haare. Sie tat mir so leid und ich wusste, nach dem, was sie jetzt erzählt hatte, würde ich alles, was sie tat, mit anderen Augen sehen. 

„Zwei Monate später traf sie auf Amdalon“, fuhr Vivian fort. „Ich habe nichts gefühlt, als ich von ihrem Tod erfuhr. Nichts. Nichts anderes als Erleichterung.“ 

Konnte man sie dafür verurteilen? Ich würde es nicht tun.  

Vivian hob endlich den Kopf und sah mich an. „Ich habe nicht gewusst, dass es einen anderen Weg für mich geben kann. Ich wollte sterben, weil ich nicht so werden wollte wie meine Mutter. Aber ich wusste nicht, wie ich das verhindern sollte. Ich habe getötet. Tiere, aber ich habe getötet und ich habe bei Menschenopfern zugesehen. Ich habe nicht gewusst, dass all diese Verbrechen verziehen werden können.“ Wieder kullerten Tränen aus ihren Augen. „Erst als ich dich getroffen habe und…und das Cyana mich nicht bekämpft hat…Aber ich wollte es nicht wahrhaben…“ 

„Nein, Vivian“, sagte ich sanft. „Du bist schon lange nicht mehr das Monster, das deine Mutter erschaffen wollte. Vielleicht warst du es nie und sie wollte es nur nicht sehen.“ 

„Meine Magie wird nie so rein sein wie deine“, flüsterte sie erstickt. 

Ich strich ihr eine der dunklen Locken, die in ihr Gesicht gefallen war, hinters Ohr. „Was du heute getan hast, war sehr, sehr mutig. Und niemand von uns ist fehlerfrei. Was zählt, ist der Wille, sich zu verändern und ich denke, den hast du deutlicher gezeigt als jemals zuvor.“ 

„Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe“, piepste sie leise. 

Ich zog sie wieder an mich und drückte sie. „Du bist nicht allein. Niemand von uns ist allein. Das ist das, was uns von der anderen Seite unterscheidet und was unsere Stärke ausmacht. Es wird immer jemanden geben, auf den du dich verlassen und auf den du im Notfall bauen kannst.“  Dann löste ich mich von ihr und sah sie an. „Du solltest jetzt schlafen. Wir haben den Schlaf alle verdammt nötig.“ 

Sie nickte und kramte auf ihrem Bett nach einem Taschentuch. „Komm endlich hoch ins Bett, Raven“, murmelte sie.  

Ich hatte den Jungen fast vergessen. Er war so still gewesen, hatte sich nicht gerührt und uns doch mit diesen wachen, gelben Augen die ganze Zeit beobachtet. Jetzt zeichnete sich deutlich Überraschung in seinen Zügen ab. Wahrscheinlich hatte er mit dieser Einladung nicht gerechnet. 

Ich stand auf. Vivian schlug ihre Decke zurück und ließ Raven an die Seite zur Wand klettern. Die Liege war nicht breit, da sie eigentlich nur für eine Person gedacht war, aber ich nahm an, dass ich mir darum die wenigsten Sorgen machen musste. 

„Schlaft gut, ihr zwei“, sagte ich leise und musste trotz des Kloßes in meiner Kehle lächeln, als ich sah, wie sich Raven an Vivians Rücken kuschelte. 

„Du auch, Annie“, antwortete Vivian genauso leise, griff nach der Lampe und löschte das Licht. 

Ich wollte gerade die Tür schließen, als sie noch einmal fragte: „Annie?“ 

„Ja?“ 

„Danke.“ 

„Keine Ursache“, murmelte ich, ehe ich die Tür hinter mir schloss und kurz die Augen schloss, um mich selbst wieder zu fangen.

 

Teil 27

Im Haus war es totenstill und dunkel. Wahrscheinlich war Trevor ebenfalls schon schlafen gegangen. Leise schlich ich noch einmal die Treppen hinunter und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Sheldon schlief ruhig auf der Couch und Thunder davor auf dem Fußboden. Beruhigt und auf Zehenspitzen, um keinen der beiden zu wecken, ging ich die Treppe wieder nach oben.

 

Trevor schlief noch nicht. Auch in meinem Schlafzimmer brannte nur die Nachttischlampe und er lehnte an der Kommode neben dem Kleiderschrank. Das letzte, was ich jetzt wollte, war eine Diskussion über richtiges oder falsches Verhalten. Fahrig strich ich über meine Augen, um die Tränen zu verbergen, die sich darin bilden wollten, weil ich nicht wollte, dass er mich weinen sah.

 

Allerdings schaute er nicht so, als wolle er mir eine Standpauke halten. Er sah eher sehr betreten, ja fast schockiert aus. Ich blieb mitten im Zimmer stehen und schaute ihn an. Das erste Mal, seit ich ihn kannte, hielt er meinem Blick nur kurze Zeit stand und blickte dann zur Seite.

 

„Es tut mir leid, Annie“, sagte er leise.

 

Es war das letzte, was ich erwartet hatte. Er drehte den Kopf wieder und lächelte schwach, als er die Verwunderung in meinem Gesicht bemerkte.

 

„Ich weiß, dass es nicht richtig war“, fuhr er genauso leise fort. „Aber ich habe zugehört.“

 

Ich sank auf die Bettkante, weil ich nicht mehr stehen konnte. „Wie das?“

 

Wieder wich er meinem Blick aus. „Ich kann weder dir noch Vivian lauschen, aber Raven ist eine magische Null.“

 

Es dauerte eine Weile, ehe ich so richtig begriff, was er gesagt hatte. Überrascht schüttelte ich den Kopf. „D-du willst sagen, du hast das Gespräch über Ravens Gedanken mitgehört?“, erkundigte ich mich fassungslos.

 

Er nickte und sah mich wieder an. „Es tut mir leid, Annie. Ich habe das alles nicht gewusst“, sagte er dann leise. „Vielleicht habe ich sie wirklich falsch eingeschätzt. Aber ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben noch keinen schwarzen Magier getroffen, der die Seiten gewechselt hat oder wechseln wollte.“

 

„Sie tut mir so leid“, flüsterte ich erstickt und fühlte wieder, wie Tränen in meine Augen stiegen. Ich wollte es nicht, wollte nicht weinen, sondern nur schlafen und vergessen, dass wir alle fast gestorben wären.

 

Trevor stieß sich vom Schrank ab, setzte sich neben mich und zog mich wortlos in seine Arme. Ich ließ es geschehen. Wir hatten soviel durchgemacht, jetzt war der Zeitpunkt, an dem man auch einmal Schwäche zeigen durfte. Mein Kopf sank an seine Schulter, fühlte wie seine Finger über meine Haare strichen und war froh über den Trost, den er versuchte mir zu geben.

 

Ich war nicht einmal böse, dass er das Gespräch belauscht hatte, im Gegenteil, ich fühlte Erleichterung, dass es noch jemanden gab, der es wusste und mit dem ich darüber reden konnte. Im Moment wollte ich das nicht. Im Moment wollte ich nur, dass er mich festhielt und mir das Gefühl gab, nicht allein zu sein. Ich schloss die Augen und ließ die Tränen laufen.

 

Trevor sagte nichts, sondern hielt mich einfach fest. Vielleicht ging es ihm ähnlich, auch wenn er sicherlich schon mehr als einmal in einer solchen Situation gewesen war. Ich kannte es nicht. Bis heute hatte ich nicht gewusst, wie ich mich fühlen würde, wenn ich dem Tod ins Auge sah. Ich hatte damit gerechnet, sterben zu müssen und hatte es doch überlebt. Ich weiß nicht, wie man mit dem Gedanken leben kann, dass so etwas jederzeit wieder passieren kann und bekam immer mehr Angst vor meiner Zukunft. War es nicht besser, gleich zu sterben?

 

Aber die Erleichterung darüber, dass ich doch noch lebte, die ich in mir fühlte, sagte mir, dass ich nicht sterben wollte.

 

Irgendwann viel später hob ich den Kopf und fuhr mir über die Augen, um die Tränen wegzuwischen. Trevor hatte sich nicht gerührt, aber jetzt hob er seine Hand und strich mir sanft eine Haarsträhne hinters Ohr.

 

„Wir sind in Sicherheit“, sagte er leise. „Morgen kann es wieder anders aussehen, aber jetzt im Moment sind wir in Sicherheit.“

 

Ich nickte, ohne ein Wort hervorzubringen. Ein wehmütiger Zug war in sein Gesicht getreten.

 

„Solche Momente sind selten…“ Seine Stimme wurde leiser und verklang. Dann holte er tief Luft. „Wir sollten schlafen, Annie. Wir haben es alle verdammt nötig.“

 

„Ich fühle mich schrecklich“, flüsterte ich. „Ich hatte solche Angst. Ich will nie wieder solche Angst haben…“

 

„Das kann ich dir leider nicht versprechen“, erwiderte er sanft. „So gern ich es auch möchte.“

 

Natürlich war mir das vollkommen klar. Er hatte recht, wir sollten schlafen. Ich war so übermüdet und ausgelaugt, in solch einem Zustand konnte man keinen klaren Gedanken fassen und sah die Welt sowieso nur in düsteren Farben. Morgen würde mich mein Optimismus wieder eingeholt haben. Heute Nacht hatte ich ihn irgendwo auf Whoorin verloren, verständlich, in meinen Augen.

 

Trevor lächelte schwach, als würde er meine Gedanken lesen können. Sicher sah er sie meinem Gesicht wieder an, etwas, woran ich unbedingt arbeiten musste.

 

„Du hast allen Grund, stolz auf dich zu sein“, sagte er.

 

Hatte ich das? Ich fühlte mich nicht stolz, sondern nur elend. Zu meiner eigenen Stimmung kam dazu, dass mir Vivians Schicksal verdammt nah ging. Aber gerade dieser Gedanke war es, der mich wieder etwas klarer denken ließ. Vivian war so jung und hatte so viel mehr durchgemacht als ich. Saß sie noch herum und bemitleidete sich selbst? Nein. Sie schlief. Also warum war ich so ein Häufchen Elend?

 

„Annie?“

 

Trevors Stimme unterbrach meine trübseligen Gedanken. Ich hob den Kopf und sah ihn an. Seine eigenartigen grauen Augen schillerten ein wenig im Schein der Nachttischlampe. Er besaß nicht die Stärke unserer Magie, aber es reichte, um ihn zu schützen und auch, um die Sicht seiner Augen zu ändern. „Du kannst an deinem Schicksal nichts ändern, du musst es akzeptieren. So wie wir alle.“

 

So wie sie alle. Seine Worte rührten etwas in mir, denn sie sagten mir, dass ich nicht allein war. Im Moment mochte ich mich einsam und verzweifelt fühlen, aber Vivian gegenüber hatte ich genau die gleichen Worte benutzt. Wir waren nicht allein und der Gedanke ließ ein warmes Gefühl in meinem Körper entstehen. Plötzlich wusste ich auch, dass mir Trevors Freundschaft eine Menge bedeutete.

 

„Danke“, flüsterte ich erstickt.

 

Er lächelte und das Lächeln veränderte sein Gesicht. Es ließ die harten Züge verschwinden und ihn jungenhaft und unschuldig aussehen. In dieses Gesicht hatte sich die junge Laurell damals vor über sechzig Jahren verliebt und ich konnte es ihr nicht verdenken. Von dem unschuldigen und unerfahrenen Trevor von damals war nicht mehr viel übrig und ich fragte mich, wie ich in sechzig Jahren aussehen würde. Wenn ich bis dahin überlebte.

 

„Also los, Annie“, setzte er dann gespielt munter hinzu. „Ab ins Bett.“

 

Ich nickte wieder, beugte mich dann, einer Eingebung folgend, nach vorn und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Danke, du Jäger“, murmelte ich und stand auf. Ich trug noch immer die bequemen Sachen, die ich nach dem Duschen angezogen hatte, aber umziehen würde ich mich jetzt in Trevors Gegenwart nicht.

 

Er zog seine Jeans aus und kroch unter die Bettdecke auf der anderen Seite des Bettes. Ich löschte das Licht und drehte mich zu ihm um. Mit meinen magischen Sinnen hatte ich keine Probleme, ihn trotz der Dunkelheit anzuschauen.

 

„Ich bin froh, dich kennen gelernt zu haben“, sagte ich leise und mein Herz machte einen Satz, als er wieder lächelte.

 

„Ich auch, Annie.“

 

„Schlaf gut.“

 

„Du auch.“

 

~*~*~*~*~*~*~*~

 

Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich wieder erwachte, aber die Sonne kitzelte mein Gesicht und drängte durch meine geschlossenen Lider. Seufzend öffnete ich die Augen und spürte im gleichen Moment einen Arm, der sich um meinen Körper geschlungen hatte. Obwohl auch jetzt die Erinnerung an die Schrecken der vergangen Tage in mir hochstieg, fühlte ich mich nicht mehr ganz so elend wie in der Nacht.

Grinsend drehte ich mich um. Ich hatte die Bewegung jedoch noch nicht zu Ende geführt, als ich merkte, dass Trevor sich rührte, seinen Arm von mir wegzog und zurück auf seine Seite des Bettes rutschte. Ich wusste, dass ich noch sehr verschlafen dreinschaute, weil ich immer eine geraume Zeit brauchte, um richtig munter zu werden. Trevor nicht und sicher war das auch eine Eigenschaft, die auf sein Leben als Jäger zurückzuführen war. Jetzt schaute er mich mit einem wachen und gleichzeitig amüsierten Ausdruck in den Augen an.

 

„Also“, begann ich langsam. „Eigentlich hatten wir ja ausgemacht, dass du schön auf deiner Seite des Bettes bleibst.“

 

„Hatten wir das?“, fragte er und sein Grinsen verstärkte sich noch.

 

Ich nickte, rührte mich aber nicht, als er wieder näher kam und sich zu mir lehnte.

 

„Dabei hatte ich doch tatsächlich das Gefühl, dir würde es gefallen, in meinen Armen zu schlafen“, sagte er leise und plötzlich hatte seine Stimme einen ganz anderen Klang. Sie weckte etwas in mir, das ich seit Larrys Auszug nicht mehr gespürt hatte und verursachte ein nettes Kribbeln in meinem Bauch. Vielleicht war es, weil ich mich plötzlich viel lebendiger fühlte als am Vorabend, was mich auf sein Spiel eingehen ließ. Außerdem, verlegen machen konnte er mich durch seine Anspielungen gar nicht. Die Zeiten, wo ich bei zweideutigen Bemerkungen rot wurde, waren lange vorbei.

 

Möglicherweise hatte es mir gefallen in seinen Armen zu schlafen. Ich hatte auch kein Problem, das zuzugeben.

 

„Kann sein“, erwiderte ich ebenso leise und lehnte mich zu ihm. „Hat es dir gefallen?“

 

Trevor bewegte sich nicht. „Flirtest du mit mir?“

 

Ich lachte ihm ins Gesicht. „Du hast angefangen, Jäger. Wer von uns spielt dieses Spiel besser?“, erkundigte ich mich mit schief gelegtem Kopf.

 

Er lächelte und wieder war es dieses Lächeln, das ich in der Nacht zum ersten Mal an ihm gesehen hatte und das mich doch etwas aus der Bahn warf. Er hob seine Hand und für einen Moment wagte ich nicht zu atmen, als er sie mir um den Hals legte und mich näher an sich heranzog.

 

„Ein Jäger spielt nie“, hauchte er mit den Lippen über meinem Mund und im nächsten Moment berührten seine Lippen meine.

 

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er das tun würde. Er hatte sich nie anmerken lassen, dass er mich küssen wollte und ich hatte erst einmal die Tatsache zu verdauen, dass sich seine Lippen toll anfühlten.

 

Dann aber spürte ich etwas anderes. Es war, als würde sich ein Prickeln zwischen unseren Körpern bilden und das warme vertraute Gefühl, das ein Ansteigen der Magie in mir ankündigte, stieg in mir hoch. Es war nicht unangenehm, sondern fast so, als würde meine Magie ihn willkommen heißen und alles, was ich wollte, war, mich näher an ihn pressen, um das Gefühl zu verlängern.

 

Er musste es ebenfalls gespürt haben, denn er riss seinen Kopf von mir los und starrte mich verblüfft an.

 

„Verdammt“, stieß er hervor.

 

Ich fühlte mich einen Moment, als hätte man mich aus einem schönen Traum gerissen und schüttelte den Kopf, um wieder zur Besinnung zu kommen.

 

„Annie?“, fragte er besorgt, ohne mich loszulassen. „Es tut mir leid.“

 

„Was?“, murmelte ich noch immer durcheinander.

 

„Ich habe noch nie einen Magier geküsst, aber Sheldon sagte, die Magie würde während sexueller Erregung reagieren. Ich wollte das nicht“, erklärte er mit einem zerknirschten Unterton.

 

„Die Magie?“ Ich verstand gar nichts mehr. Wer war hier sexuell erregt? Er vielleicht.

 

„Magie reagiert auf Magie. Frag mich nicht, was weiter passieren würde.“ Wieder war das verschmitzte Grinsen da. „Aber ich habe fast das Gefühl, Wesen, die behaupten, Sex mit einem Magier zu haben, wäre eine gänzlich neue Erfahrung, haben recht.“

 

Zögernd hob er seine Hand und strich mir sanft über die Wange. „Lass uns aufstehen, ehe wir wirklich auf dumme Gedanken kommen, die wir später bereuen.“

 

Ich stellte erschrocken fest, dass ich absolut nichts dagegen hatte,  einfach liegen zu bleiben. Mit ihm natürlich. Verdammt. Reagierte die Magie in solch einem Fall wie eine Droge? Ich würde Sheldon fragen müssen.

 

Trevor setzte sich auf und zog mich mit hoch. „Wusstest du, dass deine Augen heller werden, wenn die Magie in dir beginnt zu erwachen?“

 

Ich fuhr mir durch die Haare und fragte mich, wo ich meine Sprache gelassen hatte. Irritiert sah ich ihn an. „Das ist gruselig“, flüsterte ich dann. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass ich jedem Magier um den Hals falle, dem ich begegne.“

 

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Sicher nur, wenn dich die Person an sich schon sexuell anspricht.“

 

„Du sprichst mich überhaupt nicht…!“ Ich verstummte, als ich seinen Blick sah und wusste im gleichen Moment, dass ich mich selbst belog. Ehe es mir aber nun wirklich richtig peinlich werden konnte, fiel mir ein, dass er genauso reagiert hatte. Ein breites Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich fing übergangslos an zu kichern. Trevor sah mich stirnrunzelnd an.

 

„Wir sollten uns dann wohl nicht mehr zu nah kommen“, brachte ich hervor. „Ehe wir übereinander herfallen.“

 

„So schlimm ist es ja nun auch nicht“, knurrte er missmutig.

 

Ich sprang vergnügt aus dem Bett und wühlte im Schrank nach neuen Sachen. „Ich gehe jetzt duschen“, verkündete ich vergnügt und drehte mich an der Schlafzimmertür noch einmal um. „Ohne dich.“

 

Lachend schloss ich die Tür hinter mir und das Kissen, das er mir nachgeworfen hatte, traf nur das Holz. Unten hörte ich Geräusche und nahm an, dass Vivian schon damit beschäftigt war, Frühstück zu machen. Ob sie auch an Kaffee dachte? Sicherlich nicht.

Als ich wieder aus dem Bad kam, öffnete ich noch einmal meine Schlafzimmertür, immer darauf gefasst, dem nächsten Kissen aus dem Weg zu gehen.

 

„Das Bad ist frei.“

 

Ich erntete nur ein weiteres Knurren. Keine Ahnung, warum mir der Gedanke, dass Trevor mich anziehend fand, so gefiel. Mit irgendwelcher Logik war das nicht zu erklären.

 

Immer noch blendend gelaunt schlenderte ich in die Küche. Vivian war gerade dabei, sich selbst und Raven Milch einzuschenken. Ein schüchternes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie mich sah.

 

„Morgen, Anne.“

 

Raven, der am Tisch saß, schaute ebenfalls auf.

 

„Guten Morgen, ihr zwei.“ Überrascht schaute ich zu der Kaffeemaschine, in der der Kaffee noch vor sich hin blubberte.

 

Vivian fuhr sich verlegen durch die Haare. „Ich hab gehört, dass ihr aufgestanden seid und gedacht, du magst vielleicht Kaffee.“

 

Ich strahlte sie an. „Danke.“

 

Sie nickte nur. „Raven möchte, dass du weißt, dass er sich sehr freut, hier wohnen zu dürfen.“

 

Überrascht schaute ich den Jungen an. „Ich denke, er redet nicht?“

 

Vivian setzte sich neben ihn und lehnte sich an ihn. Raven drehte den Kopf, schmiegte für einen Moment seine Wange an ihre Haare und atmete tief ein.

 

„Ich lese seine Gedanken“, meinte sie dann nur.

 

Toll. Konnte das eigentlicher jeder außer mir? Ich goss mir Kaffee ein und setzte mich ebenfalls an den Tisch. „Es ist kein Problem. Sagst du ihm das? Wie redest du mit ihm?“

 

„Du kannst es ihm selbst sagen. Er versteht dich. Er antwortet nur nicht.“

 

Ich setzte mich mit an den Tisch, lächelte den Jungen an und freute mich, als er mein Lächeln ganz schüchtern erwiderte und bemerkte dann erstaunt die frischen Brötchen, die auf dem Tisch standen. „Wo kommen die her?“ Ich sah Vivian an. „Wie lange waren wir überhaupt dort drüben?“

 

„Auf der Erde sind drei Tage vergangen“, erklärte sie. „Der Zeitablauf auf Whoorin und der Erde ist ziemlich gleich. Und ja…“ Sie grinste. „Ich habe die Brötchen besorgt. Und ich habe den Anrufbeantworter nicht abgehört. Aber er blinkt wie verrückt.“

 

Ich unterdrückte ein Aufstöhnen. Sicherlich war einer der Anrufer mein Chef. Ich hatte auch Susan in Verdacht. Bevor ich einen der Anrufe beantwortete, musste ich mir eine gute Ausrede einfallen lassen, warum ich mich nicht in meiner Wohnung aufgehalten hatte.

 

Während ich das Brötchen mit Butter und Marmelade belegte, gingen mir eine Menge Sachen durch den Kopf. Ich wusste nicht, wie ich mein Leben weiterführen sollte, ohne dass jemandem auffiel, dass etwas nicht stimmte. Eigentlich war es unmöglich, alles so zu organisieren, dass es niemand bemerkte. Ja, eigentlich war es unmöglich, einem Volltagsjob nachzugehen und nebenbei mit Vampiren zu verkehren, die nachts lebten und am Tag schliefen.

 

Dann fiel mein Blick auf den jungen Raven und ich stellte fest, dass es noch viel, viel mehr Probleme gab.

 

„Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, was mit ihm geschehen soll?“, fragte ich Vivian. „Er kann nicht einmal aus dem Haus gehen, ohne dass er auffällt.“

 

Sie verzog den Mund. „Wenn er mit mir rausgeht, kann meine Magie verbergen, was er ist.“

 

„Es wird auffallen. Ich lebe hier in einer Eigenheimsiedlung, in der jeder jeden kennt. Es wird auffallen, wenn plötzlich immer wieder neue Leute in meinem Haus ein- und ausgehen und vor allem, wenn es sich um Jugendliche handelt.“ Ich seufzte. „Wie zum Teufel kann man das Problem lösen?“

 

Vivian grinste. „Mit Magie.“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Es kann nicht richtig sein, die Erinnerung von allen Menschen zu manipulieren, die dir über den Weg laufen. Es ist ein Eingriff in deren Privatsphäre.“

„Sie wissen es doch nicht“, entgegnete Vivian trocken. „Außerdem verändere ich nur die Erinnerung an mich. Nichts anderes. Ich könnte ganz andere Dinge tun.“

 

Das glaubte ich ihr aufs Wort und wieder einmal wurde mir bewusst, über wie viel Macht ein Magier verfügte und welche Verantwortung mit dieser Macht einherging. Immer und überall in der Geschichte war es um Macht gegangen. Wie konnte man verlangen, dass ein Mensch oder irgendein Wesen von einer dieser anderen Welten, diese Macht ignorieren und nicht ausnutzen sollte? Gab es überhaupt Wesen, die moralisch so unfehlbar waren? Ich bezweifelte es.

 

Aber dieses Problem würde ich jetzt und auch in der nächsten Zeit nicht lösen können. Es standen ganz andere Dinge auf dem Plan und ich sollte wohl anfangen, Prioritäten zu setzen, ehe ich wirklich durchdrehte.

 

Nummer eins: Da waren noch immer Leute auf Whoorin gefangen. Nummer zwei: Mein Cyana befand sich noch dort. Nummer drei… Okay, sollte ich Nummer eins und zwei überleben, würde ich über Nummer drei nachdenken.

 

„Annie?“, unterbrach Vivian leise meine Überlegungen.

 

Ich drehte den Kopf und sah sie an. Wieder einmal stand in ihren Augen eine Traurigkeit, die sie in ihrem Alter einfach noch nicht fühlen sollte.

 

„Es ist illusorisch zu glauben, du könntest dein normales Leben weiterführen.“

 

Das war das letzte, was ich jetzt hören wollte. Wortlos schob ich meine leere Kaffeetasse von mir, stand auf und ging ins Wohnzimmer. Ich wollte mein Leben nicht aufgeben. Ich wollte es einfach nicht.

 

Die beiden Vampire rührten sich nicht, als ich zum Anrufbeantworter ging und die Wiedergabetaste drückte. Es waren sieben Nachrichten auf dem Band. Zwei davon von Marlene, die in Steels Auftrag wissen wollte, wann ich wieder zur Arbeit kommen würde. Zwei waren von Larry. Das überraschte mich etwas, da ich ihn fast aus meinem Leben gestrichen hatte. Beide Nachrichten klangen sehr dringend und sagten eigentlich nur, dass er unbedingt mit mir sprechen wolle. Die restlichen waren von Susan und klangen von Mal zu Mal besorgter. Sie sagte sogar, sie wolle vorbeikommen, und es wäre ihr egal, ob ich damit einverstanden wäre oder nicht. Ich hoffte, diese Aufnahme war schon ein bisschen älter, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte, wenn Susan jetzt vor der Tür stehen würde.

 

Das Band schaltete sich ab und ich starrte eine ganze Weile auf den schwarzen Apparat. Ich überhörte, dass jemand die Treppe herunterkam und schreckte zusammen, als Trevor plötzlich hinter mir fragte:

„Alles klar, Annie?“

 

Ich nickte stumm, ohne mich umzudrehen. Es war eine Lüge und er wusste es genauso wie ich. Wortlos legte er mir seinen Arm um die Schultern und drehte mich zu sich um. Seine Lippen streiften meine Stirn, dann flüsterte er leise:

„Wir werden eine Lösung finden.“

 

Es war das „wir“, das mich beruhigte und verhinderte, dass ich wieder einmal in Tränen ausbrach. Irgendetwas schien mit mir in den letzten Wochen geschehen zu sein, denn ich konnte mich nicht entsinnen, jemals so oft das Bedürfnis gehabt zu haben zu weinen.

 

Allerdings schaffte ich es nicht, etwas zu sagen, sondern nickte nur wieder und folgte ihm dann in die Küche, wo noch immer mein angefangenes Brötchen darauf wartete, gegessen zu werden.

 

Teil 28

 

Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen, als die beiden Vampire erwachten. Wir hatten sie nicht gestört. Vivian und Raven waren den ganzen Tag in ihrem Zimmer verschwunden geblieben, während ich zusammen mit Trevor erst einmal ein Klappbett für Thunder besorgt hatte. Ich wollte nicht, dass der Mann noch eine Nacht – oder besser einen Tag – auf dem Fußboden schlafen musste.

 

Wir hatten gerade das Klappbett erst einmal in die Abstellkammer geschoben und Trevor wollte sich noch einmal Sheldons Verletzungen ansehen, als es klingelte. Ich zuckte wieder zusammen und fluchte leise. Sheldon, noch immer unwahrscheinlich blass, lächelte mich müde an.

 

„Es ist deine Freundin Susan.“

 

Scheiße. „Ich will nicht, dass schon wieder jemand an ihren Erinnerungen rumpfuscht!“, stieß ich hervor. „Und ich will auch nicht, dass Susan etwas passiert.“

 

Ich stürzte zur Tür, ehe jemand antworten konnte. Ich hatte sie kaum geöffnet, als mir Susan auch schon um den Hals fiel. „Ich lasse mich nicht wieder abschieben“, stellte sie dann klar. „Du weißt gar nicht, was ich mir in den letzten Tagen für Sorgen gemacht habe! Du bist nicht im Büro, du gehst nicht an dein Telefon! Krank siehst du auch nicht aus. Was ist mit dir los?“

 

Ich holte tief Luft und ging ein Stück zur Seite, damit sie einen Blick in mein Wohnzimmer werfen konnte. Ihre Augen wurden kugelrund, als sie die drei Männer am Tisch sitzen sah, die sie freundlich anlächelten. Jedenfalls Sheldon und Thunder taten das. Trevor schaute sehr distanziert.

 

„Oh“, machte sie verblüfft. „Du hast Besuch.“

 

Ich schloss die Wohnungstür hinter ihr und winkte ihr, mir zu folgen. „Besuch ist der falsche Ausdruck“, murmelte ich dann. „Neue Mitbewohner trifft die Sache besser.“

 

Susans Kopf schoss zu mir. „Du hast, glaub ich, eine Menge zu erzählen“, flüsterte sie so, dass nur ich es hören könnte.

 

Sie hätte nicht flüstern brauchen, aber sie wusste ja nicht, dass all diese Männer ihre Gedanken lesen konnten. Susan reichte den drei Männern die Hand und ich blieb mit trotzigem Gesichtsausdruck vor Sheldon stehen.

 

„Gibt es eine Möglichkeit, sie einzuweihen?“

 

„Mich einweihen?“, echote Susan.

 

Sheldon sah mich ernst an. „Vielleicht bringst du sie damit in eine viel größere Gefahr.“

 

Sollte ich dieses Risiko eingehen? Hatte er Recht? War Susan sicherer, wenn sie nichts wusste?

 

„Kann sie es selbst entscheiden?“, fragte ich, noch immer mit einem recht mürrischen Ton in der Stimme.

 

Trevor wollte ansetzen und etwas sagen, doch Sheldon brachte ihn mit einer kurzen Handbewegung dazu zu schweigen. „Wir müssen unsere Erfahrungen alle selbst sammeln“, erklärte er leise und sah dabei mich an. „Wenn deine Freundin durch ihr Wissen in Gefahr gerät und ihr etwas passiert, musst du mit der Verantwortung leben, Annie. Denn du kannst nicht immer da sein, um sie zu schützen.“ Dann drehte er den Kopf, schaute kurz Susan an, die mit großen Augen zurückblickte, und dann wieder zu mir. „Ich soll die blockierten Erinnerungen wieder freigeben?“

 

Ich nickte wortlos. Trevor schnaubte, aber ich ignorierte ihn. „Setz dich, Susan“, sagte ich leise und Susan sank vorsichtig in die Polster des freien Sessels. Ich setzte mich neben Trevor und Thunder auf die Couch.

 

„Anne“, meinte Susan dann in meine Richtung. „Ich weiß nicht, was hier abgeht, aber es gefällt mir nicht.“

 

„Vertrau mir“, flüsterte ich.

 

Sheldon lächelte und urplötzlich stand seine Magie im Raum. Es war, als würde uns Wärme umgeben und durchfließen. Ich konnte die Macht fühlen, die von ihm ausging und das, obwohl er noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte war.

 

Auch Susan schnappte nach Luft, denn sie schien ebenfalls zu spüren, dass etwas in der Luft lag, auch wenn die Magie selbst ihr verborgen blieb. Ich schloss die Augen, weil ich erkennen wollte, was Sheldon tat. Buntes Licht umtanzte uns, unterbrochen durch die Bilder aus Susans Erinnerungen. Kurz blitzen Bilder von Menschen auf, die ich nicht kannte, dann sah ich mich selbst aus Susans Augen, sah den Tag, an dem wir joggen waren und Endriel getroffen hatten, sah Vivian, als sie das erste Mal in dem Heim vor Susan stand und fühlte Susans instinktive Abneigung. Die Bilder endeten an dem Tag, als wir Vivian aus dem Heim holten und mit dem Blick in das chaotische Zimmer des jungen Mädchens, in dem allerdings das viele Blut schon verschwunden war.

 

Schlagartig verschwanden die Bilder und ich öffnete die Augen wieder. Susan starrte mit kreidebleichem Gesicht auf den Vampir, öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, schloss ihn dann jedoch wieder. Ich rutschte auf der Couch weiter in ihre Richtung und griff nach ihrer Hand.

 

„Es tut mir leid, Susi“, sagte ich leise. „Ich wollte es nicht. Sie haben gesagt, wir müssten alle Spuren beseitigen.“

 

„Ihr…“, brachte sie nach einer ganzen Weile hervor. „Sie haben meine Erinnerungen manipuliert. Wie ist so etwas möglich?“

 

Ich verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, Susan alles zu erzählen. Alles. Ich ließ nichts aus und ich verschönerte nichts. Wir öffneten eine der Flaschen Wein aus meiner Vorratskammer, weil Susans immer blasser werdende Gesichtsfarbe mir anfing Angst zu machen. Ich hatte lange nicht so viel und hintereinander weg gesprochen. Meine Kehle fühlte sich rau und ausgedörrt an und der dunkle Rotwein half mir genauso wie Susan.

 

Trevor und Thunder hörten einfach nur zu. Sheldon warf ab und zu eine Erklärung ein, wenn mir noch gewisse Dinge fehlten.

 

Susan schüttelte immer wieder den Kopf. „Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein…“

 

„Ich wünschte, es wäre so“, flüsterte ich verzweifelt. „Aber ich habe Dinge gesehen, Susi, und Dinge getan, die nicht anders erklärbar sind.“

 

Susans hellbraune Augen schauten noch immer ungläubig. „Zeig es mir“, bat sie dann leise. „Wenn ich es glauben soll, zeig es mir.“

 

Ich warf Sheldon einen Blick zu und dieser nickte. Ich hob die Hand, mit der Handinnenfläche nach oben und übergangslos bildete sich das weiße Licht.

 

„Ich kann noch nicht sonderlich viel mehr“, sagte ich traurig, aber Susan reichte allein diese Demonstration.

 

Sie hatte ihre Hand vor ihren Mund gehoben und ich konnte die Tränen in ihren Augen erkennen. „Mein Gott“, flüsterte sie fassungslos. „Oh mein Gott…“

 

„Schauen Sie mich an“, mischte sich dann Sheldon ein und Susan drehte den Kopf.

Ich wusste nicht, was er tat, aber als Susan scharf die Luft einzog, als Sheldon so breit lächelte, dass man seine Reißzähne sehr gut erkennen konnte, ahnte ich, dass er die Magie, die sein wahres Aussehen verbarg, abgeschwächt hatte.

 

„Es gibt keine Vampire“, stieß Susan kläglich hervor. „Das ist Aberglaube.“

 

Sheldon lächelte schwach. Ich setzte mich auf die Lehne von Susans Sessel und zog meine Freundin in meine Arme.

 

„Ich habe das auch gesagt. Immer und immer wieder“, gab ich bedrückt zu. „Es hat nichts geholfen. Sie bleiben einfach da und es kommt laufend etwas Neues hinzu. Ich habe andere Monster gesehen. Ich habe ein Portal erschaffen. Ich habe eine andere Welt gesehen. Ich muss es langsam glauben.“

 

Susan löste sich von mir und ich setzte mich wieder zurück auf die Couch, während Susan in ihrer Handtasche nach Taschentüchern kramte.

 

„Was ist mit dem Mädchen?“, fragte sie dann.

 

„Sie lebt jetzt auch hier“, antwortete ich leise.

 

Susan schüttelte den Kopf. „Das kannst du nicht machen, Anne“, sagte sie kläglich. „Da gibt es rechtliche Vorschriften. Sie muss in die Schule, sie braucht einen Erziehungsberechtigten, sie…“ Sie verstummte, wahrscheinlich, weil sie meinem Gesichtsausdruck entnahm, dass all diese Argumente nicht zählten.

 

Aber es war Sheldon, der antwortete. „Sie dürfen eine junge Hexe nicht mit den Maßstäben messen, die Sie bei den Jugendlichen in Ihrem Heim anwenden“, erklärte er. „Vivian braucht eine Ausbildung, aber die kann ihr eine menschliche Schule nicht geben.“

 

Susans Blick irrte zwischen uns hin und her. „Wer dann?“

 

Ich zuckte nur unbestimmt mit den Schultern.

 

„Wir besitzen Schulen“, sagte wieder Sheldon. „Schulen für Kinder mit magischen Fähigkeiten.“

 

Susan verzog den Mund zu einem missglückten Grinsen. „So was wie Hogwarts in Harry Potter?“

 

Sheldon lächelte und nickte. „So ähnlich.“

 

„Kein Wunder, dass du nicht zu einem Psychiater wolltest“, meinte Susan dann in meine Richtung.

 

Ich sah sie ernst an. „Wir können dir all diese Erinnerungen wieder nehmen, wenn du es möchtest.“

 

Susan lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte traurig. „Ich weiß nicht, was besser wäre. Jetzt habe ich Angst, im Dunkeln das Haus zu verlassen. Aber der Gedanke, gar nicht zu wissen, dass es da draußen Gefahren gibt, ist noch viel schlimmer.“

 

„Wir können Ihnen ein Schutzamulett zur Verfügung stellen“, mischte sich Sheldon ein. „Ein Amulett, das Sie vor magisch begabten Wesen warnt und das Ihre Wohnung schützt, so dass niemand ihre Schwelle übertreten kann. Zumindest kein Vampir, und auch kein Magier.“

 

„Also ist an dem Mythos etwas dran?“, erkundigte sich Susan ungläubig.

 

Sheldon nickte. „Magie vermag vieles.“

 

Ich zog meine Beine auf die Couch und lehnte mich an, um es bequemer zu haben. „Was mich wieder zu der Frage bringt, die mir schon lange durch den Kopf geht. Ihr wolltet mir von der Heimatwelt der Vampire erzählen.“

 

Jetzt musste sogar Thunder lächeln. Einzig und allein Trevor, der neben mir saß, schaute noch immer so, als würde ihm Susans Anwesenheit gar nicht gefallen.

 

„Über wie viel Wissen in Astronomie verfügst du?“, stellte Sheldon die Gegenfrage.

Ich grinste ihn an. „Ich lese gern Science-Fiction-Romane.“

 

Er lächelte breiter. „Fairlon ist eine sehr, sehr alte Welt. Schon vor langer Zeit ist die große, rote Sonne ausgeglüht, weil ihr gesamter Brennstoff verbraucht war. Es hätte im Normalfall die Auslöschung allen Lebens auf Fairlon zur Folge gehabt, wenn die Welt nicht eine andere Besonderheit besessen hätte.“ Er machte eine kurze Pause, aber niemand warf ein Wort ein. „Fairlon besitzt einen Mond, Sajo, keinen Mond im eigentlichen Sinne, sondern eine kleine magische Sonne, die die ganze Welt in ein magisches Licht taucht. Da die eigentliche Sonne im Laufe von Jahrmillionen immer mehr abkühlte und dunkler wurde, begannen sich die Lebewesen an die neuen Lebensgewohnheiten anzupassen. Überleben konnte, wer die Kraft des Mondes Sajo nutzen konnte. Jahrtausende vergingen und man vergaß das Licht der Sonne. Man brauchte es nicht mehr, denn wir konnten allein im Licht des Mondes sehr gut zurechtkommen. Dass wir eine extreme Überempfindlichkeit gegen das normale Sonnenlicht entwickelt hatten, wurde uns erst bewusst, als die ersten Wesen unserer Welt andere Welten besuchten. Bald wurden kaum noch Wesen ohne magische Fähigkeiten geboren. Wir nennen sie Najoor, aber ihre Überlebenschancen sind sehr gering. Fairlon ist extrem kalt, weil das magische Licht Sajos nicht mit den wärmenden Strahlen der Sonne zu vergleichen ist. Wir können mit Hilfe der Magie und natürlich durch die Umwandlung der Energie in der Nahrung unsere Körpertemperatur konstant halten. Wer die Magie nicht nutzen kann, ist allein auf die Aufnahme von Nahrung angewiesen. Najoori brauchen sehr viel Blut, Unmengen, am besten täglich. Im Rausch des Blutes können sie vergessen, dass sie keine magischen Kräfte besitzen. Sie sind stark und fast so mächtig wie Sajoori. Aber die Macht des Blutes ist vergänglich…“ Sheldons Stimme verklang. Er schien in Gedanken versunken, als hätte ihn die Erinnerung übermannt. Vielleicht war es tatsächlich so.

 

Susan starrte ihn noch immer mit großen Augen an, während ich über das Gehörte nachdachte.

 

„Das bedeutet, diese blutrünstigen Geschichten über Vampire gehen alle auf Najoori zurück?“

 

Sheldon zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Sicher nicht nur. Wir sind stark und langlebig. Und die Versuchung, Macht über andere auszuüben, den Rausch des Blutes zu kosten ist immens hoch. Aber es stimmt, Najoori sind bei weitem unbeherrschter.“

 

„Ihre Existenz hängt vom Blut ab“, mischte sich Trevor ein. „Ein Sajoor kann eine lange Zeit ohne Nahrung auskommen, weil er die Energie der Magie nutzen kann, um seine Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. Ein Najoor schafft das nur wenige Tage.“

 

Ich runzelte die Stirn. „Was ist mit dieser Reaktion auf Silber?“

 

Ein feines Lächeln huschte über Sheldons Lippen. „Zufall“, sagte er leise. „Silber ist ein äußerst seltenes Metall im Universum.“ Sein Lächeln wurde breiter, als er meinen verblüfften Gesichtsausdruck bemerkte. „Auf dieser Welt ausnahmsweise nicht, aber man findet dieses Metall auf kaum einer anderen Welt. Vielleicht reagieren aus diesem Grund fast alle mythischen Kreaturen darauf so allergisch. Vor allem wir, von der Welt Fairlon, und Wesen, die auf Lykon beheimatet sind.“

 

„Lykon?“, fragte diesmal Susan.

 

„Werwölfe “, kam es trocken von Trevor. „Gestaltwandler.“

 

Susans Kopf schoss zu ihm herum und ihre Lippen zitterten, als sie hervorbrachte: „Werwölfe?“

 

Trevor nickte. „Gestaltwandler. Wesen, die eine humanoide und eine animalische Form besitzen. Werwölfe sind die bekannteste Spezies, die es auch auf die Erde verschlagen hat. Sie sind auch am aggressivsten und besitzen einen ausgeprägten Expansionsdrang. Und – das macht ihre Stärke aus – sie jagen in Rudeln.“

 

„Werwölfe sind selten geworden“, fuhr Sheldon fort. „Sie verraten sich leicht, da der Wechsel der Gestalt an den Mond gebunden ist und sie den Wandel nicht verhindern können. Sie reagieren auf den irdischen Mond stärker und aggressiver als auf den von Lykon. Gerade deshalb wurden und werden sie gejagt und das nicht von Jägern, sondern von Menschen.“

 

Susan griff wieder nach ihrem Weinglas und ich stand auf, um eine neue Flasche zu holen. Meine Freundin war noch immer unwahrscheinlich blass und ich hatte kein gutes Gefühl bei dem Gedanken, sie heute Nacht wieder heimzuschicken. War es ein Fehler gewesen, sie einzuweihen?

 

Meinen Vorrat an Wein musste ich auch unbedingt wieder auffüllen. Aber vielleicht war es gar keine so gute Idee, laufend zu Alkohol zu greifen, wenn ich ein paar Schocks in meinem Leben zu verdauen hatte. Denn irgendwie nahmen die Schocks in letzter Zeit überhand.

 

Jetzt allerdings spielte es keine Rolle, denn es war Susan, die die beruhigende Wirkung des Alkohols benötigte.

 

Als ich die Vorratskammer wieder verließ, öffnete sich im Obergeschoss Vivians Zimmertür und das junge Mädchen kam, gefolgt von Raven, die Treppe herab. Sie warf einen scheelen Blick auf die überfüllte Couchecke.

 

„Das werden ja immer mehr Leute“, murrte sie missmutig.

 

Ich grinste schief. „Susan kennst du ja noch, oder? Willst du dich mit setzen?“

 

Vivians Blick glitt über die Männer und blieb dann an Susan hängen. „Nicht wirklich.“

 

„Hallo, Vivian“, sagte Susan freundlich, aber ich kannte meine Freundin und hörte den eigenartigen Unterton in ihrer Stimme.

 

Ich erinnerte mich noch genau, dass Susan erzählt hatte, das Mädchen wäre ihr unheimlich und genau das hörte ich jetzt noch immer in ihren Worten. Es war ein Hauch von Abneigung, den ich bei Susan noch niemals in Gegenwart von Kindern aus ihrem Heim gehört hatte.

 

Ein Blick in Vivians Gesicht reichte, um zu sehen, dass sie es auch hörte. Mit einem trotzigen Gesichtsausdruck griff sie nach Ravens Hand und zog ihn neben sich ans andere Ende der Couch.

 

„Warum eigentlich nicht?“, sagte sie dann mit einem Funkeln in Susans Richtung.

 

Jetzt wurde es wirklich etwas eng. Vielleicht sollte ich auch noch über neue Möbel nachdenken. Da ich mich nicht um einen Platz auf der Couch streiten wollte, stellte ich die geöffnete Weinflasche auf den Tisch und ging in die Küche, um mir einen Stuhl zu holen.

 

In der Zwischenzeit hatte Trevor die Weingläser wieder voll geschenkt und Vivians Mitteilung, sie wolle auch ein Glas Wein trinken, einfach ignoriert. Das trug nicht dazu bei, die Laune des Mädchens anzuheben und ich hatte den argen Verdacht, dass sie sich nur auf die Couch gesetzt hatte, um Streit zu beginnen.

 

Susan währenddessen starrte jetzt Raven unverhohlen an. „Wer ist das?“, flüsterte sie, als ich mich auf dem Stuhl neben ihr niederließ.

 

„Das ist Raven“, stellte ich den Jungen vor. „Er stammt von der Welt D’arjo.“

 

„Das ist…unvorstellbar“, hauchte Susan und griff nach ihrem Glas. „Wie wollt ihr das verbergen? Wie wollt ihr verbergen, dass hier zwei Teenager wohnen, die in eine Schule gehören, die keine Erziehungsberechtigte haben…“

 

„Das ist nicht Ihr Problem“, giftete Vivian, ehe jemand anders etwas sagen konnte. „Es hat im Heim auch niemanden gekümmert, was ich den ganzen Tag anstelle. Ich komme allein klar und ich kümmere mich um Raven.“

 

„Vivian!“, fuhr Trevor sie von der Seite her an. „Verschwinde einfach wieder in dein Zimmer, wenn du nicht in der Lage bist, dich normal zu unterhalten.“

 

Susan hob ihre Hand, um ihn zu beruhigen. Plötzlich war jede Unsicherheit aus ihrer Haltung verschwunden und ich konnte auch ihrem Gesicht nicht mehr ansehen, was sie dachte. Es war die Heimerzieherin Susan, die jetzt sprach.

 

„Wir wollen jetzt hier keinen Streit anfangen und uns gegenseitig mit Vorwürfen überschütten, bringt auch nichts. Wir hatten nicht genug Zeit, uns kennen zu lernen, Vivian.“

 

Vivian beugte sich nach vorn und sagte genauso ruhig. „Sie wollten es nie. Sie hatten Angst und Sie wollten mich am liebsten sofort in ein anderes Heim abschieben.“

 

„Nun“, antwortete Susan leise. „Wenn ich bedenke, was ich jetzt gehört habe, spricht das für ein ausgesprochen gutes Menschengefühl. Denn du warst eine Gefahr für die anderen Kinder.“

 

Vivian verzog das Gesicht zu einem eisigen Lächeln. „Stimmt. Ich hätte alle töten können.“

 

„Aber du hättest es nicht getan“, mischte ich mich ein, ehe die Situation eskalieren konnte.

 

Ihre dunklen Augen richteten sich auf mich und für einen Moment fühlte ich einen Schauer, der meinen Rücken hinab kroch. Ich war mir hundert Prozent sicher, dass sie es nicht getan hätte und dass sie nicht einfach grundlos töten würde. Egal, was sie von sich selbst behauptete. Trotzdem war da eine Gefährlichkeit, die sie umgab und die auch Susan zu spüren schien.

 

Vivian antwortete nicht, sondern schaute mich einfach nur an. Plötzlich erinnerte ich mich an das weinende junge Mädchen aus der vergangenen Nacht und in diesem Augenblick verschwand jeder Zweifel in mir. Sie hätte es nicht getan. Etwas davon musste in meinem Gesicht zu lesen sein, denn der Ausdruck in Vivians Augen wurde eine Spur weicher. Ich glaube nicht, dass es einer der anderen Anwesenden bemerkte, aber in genau diesem Augenblick, für einen kurzen Moment, verstanden wir uns wortlos.

 

Es war Sheldon, der das Schweigen brach. „Unsere vordringlichste Aufgabe ist es jetzt erst einmal, das Cyana zurückzuholen. Und zu retten, wen wir noch retten können.“

 

„Morgen Nacht“, sagte Trevor leise. „Du brauchst die Zeit, um zu Kräften zu kommen, denn wir brauchen dich da drüben.“ 

„Du willst noch einmal dahin?“, flüsterte Susan neben mir entsetzt. 

Ich nickte düster. Ich wusste, dass meine Kräfte ebenfalls benötigt wurden und ja, ich gab es mir gegenüber selbst zu, ich wollte es. Ich wollte zurück nach Whoorin und diese verdammten Kreaturen für das in den Hintern treten, was sie Sheldon und den anderen Vampiren angetan hatten. Obwohl ich Barth und die anderen nicht allzu gut kannte, wollte ich ihnen helfen. Noch vor wenigen Wochen wäre mir so etwas nicht im Traum eingefallen und der Gedanke, mein Leben für einen Kampf zu riskieren, dessen Hintergründe ich noch nicht ganz verstand, wäre mir sehr suspekt erschienen.

Heute nicht mehr. Jetzt, nachdem ich Whoorin gesehen hatte und nachdem ich erlebt hatte, was man Sheldon angetan hatte und was man mir hatte antun wollen, sah die Welt anders aus. Vor allem aber wollte ich mein verdammtes Cyana wiederhaben. Es hatte mir in den letzten Wochen mehr Sicherheit gegeben als jedes Wort Sheldons oder Trevors.

 

Diese Kreaturen hatten kein Recht, es mir zu stehlen. Es gehörte mir.

Teil 29

Irgendwann im Laufe des Abends aktivierte Sheldon ein Amulett für Susan. Es war ein filigranes Schmuckstück, eine Kette mit einem Kreuz als Anhänger, das mit einem Rubin besetzt war. Sie sah aus wie eine Kette, die man in jedem Schmuckgeschäft kaufen konnte.

 

Susan schaute genauso ungläubig wie ich in den ersten Tagen, als man mir das Cyana präsentiert hatte. Zögernd nahm sie die Kette aus Sheldons behandschuhten Händen.

„Wie funktioniert es?“

 

Vivian, die noch immer ziemlich missmutig, aber recht still an Raven auf der Couch gekuschelt saß, lachte kurz und hart auf. „So.“

 

Ich wusste nicht, was sie tat, aber im nächsten Moment jagte ein heißer Strom Magie durch meinen Körper. Es überraschte mich so, dass ich nur nach Luft schnappen konnte, weil der Schmerz bis in meinen Kopf schoss. Das Kreuz in Susans Händen glühte auf und der Rest passierte gleichzeitig.

 

Sheldon hob reflexartig die Hand, um die dunkle Magie abzuwehren, Susan ließ das Kreuz mit einem Aufschrei fallen und Trevor hob schneller seine Hand als ich denken konnte. Ich weiß nicht, ob er wirklich zuschlagen wollte, zornig genug sah er aus, aber er kam nicht dazu, denn im nächsten Moment fauchte der sonst so ruhige Raven auf wie eine wild gewordene Raubkatze und warf sich vor Vivian.

 

„Nicht!“, schrie ich und sprang auf.

 

Raven knurrte mit angelegten Ohren Trevor an, der jetzt mehr verblüfft als zornig schaute und die Hand langsam sinken ließ. Erst jetzt konnte ich sehen, dass an Ravens Fingern Krallen ausgefahren waren, die sich in die Polster der Couch bohrten.

 

„Hört auf!“, sagte ich wieder laut, langte nach der Kette, die auf den Tisch geflogen war und reichte sie Susan zurück.

 

Vivian zog Raven mit einem breiten Grinsen zurück an ihre Seite und strich ihm beruhigend über die Wange. „Hey, das war cool, Raven.“

 

Der D’arjo knurrte noch immer leise und ließ Trevor nicht aus den Augen. Dessen Augen hatten sich wieder verengt.

 

„Irgendwann versohl ich dir wirklich den Hintern“, sagte er gefährlich leise und an Vivian gerichtet. „Treib es nicht auf die Spitze.“

 

Obwohl ich wusste, dass Vivian Susan hatte erschrecken oder ärgern wollen, musste ich mich bei dem amüsierten Ausdruck im Gesicht des jungen Mädchens zusammenreißen, um nicht ebenfalls zu lachen. Meine Freundin hätte es mir nie verziehen, aber es fiel mir verdammt schwer, eine ernste Miene zu bewahren.

 

Zum Glück hielt Vivian ihren Mund und antwortete nicht noch irgendetwas Freches. Sie sah aus als würde ihr im Moment eine Menge durch den Kopf gehen. Aber wahrscheinlich ahnte sie, dass Trevor kurz vor dem Explodieren stand.

 

„Keine Panik“, sagte ich leise zu Susan. „Sie macht gern solche Späße.“

 

„Späße?“, echote Susan, noch immer ziemlich blass.

 

Auch um Sheldons Lippen huschte ein leises Lächeln. „Unsere junge Freundin muss noch eine Menge lernen. Nehmen Sie es ihr nicht übel, Susan. Sie ist noch ein Kind und manchmal recht unbeherrscht.“

 

Vivians Gesichtsausdruck verdüsterte sich, während Sheldon sie sehr freundlich anlächelte. „Es war kein Angriff“, erklärte er dann Susan.

 

Susan sah nicht aus, als würde sie das glauben. Ich glaubte es, aber ich wusste hundertprozentig, dass Vivian Susan einen Schreck einjagen wollte. Mir war der Grund noch nicht ganz klar, denn es schien fast so als wäre die Abneigung zwischen den beiden beidseitig. Vivian war kein besonders kontaktfreudiger Mensch, und dass sie sich eine persönliche Abneigung so anmerken ließ, war mir nicht einmal Trevor gegenüber aufgefallen. Normalerweise ignorierte sie, wen sie nicht mochte.

 

„Ich muss gehen“, sagte Susan dann mit einem Blick zur Uhr. Sicherlich wollte sie einfach aus der Gegenwart dieser unheimlichen Menschen verschwinden. Verstehen konnte ich sie. Damals, an diesem ersten Tag im Dark Night, wollte ich auch einfach nur verschwinden.

 

Sheldon nickte. „Thunder wird Sie heimbringen und Ihnen helfen, die Schutzamulette zu justieren. Tragen Sie die Kette und gehen Sie, sobald die Kette ein Zeichen von sich gibt. Flüchten Sie so schnell wie möglich, gehen Sie kein Risiko ein.“

 

Ich erhob mich zusammen mit Susan.

 

„Ruf mich an“, flüsterte meine Freundin in mein Ohr, als sie mich zum Abschied drückte. „Lass mich um Gottes Willen nicht allein mit diesem Wissen.“

 

Ich konnte das nicht versprechen, deshalb sagte ich nur: „Ich versuche es.“

 

Ich hoffte für Susan, dass sie niemals eine Reaktion des Amuletts spüren würde, denn sie war wehrlos. Sie hatte weder die Fähigkeiten, eines dieser anderen Wesen zu erkennen noch die Macht, sich zu verteidigen. Plötzlich hatte ich Angst, weil mir aufging, dass kaum einer dieser normalen Menschen da draußen im Ernstfall eine Chance hatte. Aber wie groß war die Gefahr eigentlich?

 

So wie es aussah hatte es Vampire, Dämonen und Hexen schon immer gegeben. Und zwar immer dann, wenn es irgendjemandem gelungen war, ein Portal zu schaffen und ein paar dieser Wesen aus welchen Gründen auch immer hindurchzuschicken. Es war nie zu einer Versklavung oder Unterdrückung der Menschheit gekommen.

Nachdem ich mich wieder gesetzt hatte, diesmal in dem Sessel, den vorher Susan belegt hatte, stellte ich Sheldon diese Frage.

 

„Das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse“, erklärte er ernsthaft, „ist ausgewogen. Es gibt Welten, die vollständig in der Hand der dunklen Macht stehen, Welten des weißen Lichts und solche, die zu den beschützten Welten einer von beiden Seiten gehören. Über der Erde liegt die Schutzherrschaft des weißen Lichts. Aber das bedeutet nicht, dass die andere Seite nicht versucht, den Schutz zu beseitigen und die Oberhand zu gewinnen. Aber die Erde ist eine kleinere, unwichtige Welt.“

 

„Deshalb kann diese gesamte Magiesache auch vor den restlichen Menschen verborgen werden“, fuhr Trevor fort. „Auf vielen Welten ist das gar nicht möglich.“

 

„Aber meist, weil es kaum Welten gibt“, unterbrach ihn Sheldon wieder, „auf denen die Wesen von Natur aus völlig magielos sind. Die Erde ist eine Ausnahme. Aber trotzdem passiert es gerade hier immer wieder, dass dann Kinder geboren werden, die extrem begabt sind. So wie du, Annie.“

 

So wie ich. Ich musste ein Seufzen unterdrücken, weil ich eigentlich gar nicht so magiebegabt sein wollte. Ich würde eine Menge dafür geben, wieder in mein altes Leben zurückkehren zu können.

 

„Was ist mit Vivian?“, fragte ich.

 

„Nur mein Vater war ein Mensch“, antwortete Vivian selbst. „Mom stammt genau wie Endriel und viele hochbegabte schwarze Magier von der Welt Saduun. Saduun ist von Terra aus nicht direkt zu erreichen, sondern die Portalkette läuft über Eloban und Pollux.“

 

Sheldon lächelte fein. „Anastasia hat dich mit einem reichlichen Wissen ausgestattet.“

 

„Das war nicht sie. Ich lese sehr viel und ich interessiere mich für die Geschichte der Magie und Weltenkunde.“

 

„Diese Bücher sind nicht einfach zu bekommen.“

 

Vivian verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Doch alles, was sie daraufhin sagte, war: „Ganz sicher nicht.“

 

Mir fiel wieder einmal ein, dass ich noch sehr viel lernen musste. Es reichte nicht zu wissen, wie man mit der Macht der Magie umging, nein, es war viel wichtiger, auch die Zusammenhänge zu begreifen. Alle waren mir so weit voraus, dass es mich immer wieder aufs Neue deprimierte.

 

Thunder kam vielleicht eine Stunde später wieder. Vivian war in der Zwischenzeit zusammen mit Raven wieder in ihrem Zimmer verschwunden, während Sheldon, Trevor und ich darüber beratschlagten, wie wir am besten vorgehen konnten. Mich beruhigte etwas, dass wir diesmal Sheldon an unserer Seite hatten. Er würde das Portal direkt in der Festung Faumorn entstehen lassen.

 

Mein zweites Problem, und zwar das meines Arbeitgebers, konnte ich nicht klären. Ich hatte zwar im Laufe des Tages im Büro angerufen und mitgeteilt, dass ich noch länger zu Hause bleiben müsste, es aber diesmal nicht geschafft, Marlene davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich krank war. Sie hatte sehr skeptisch gefragt, wo ich die letzten Tage gesteckt hätte, da sie mich mehrfach versucht hatte anzurufen. Was sollte ich sagen? Ich hatte die blöde Ausrede gebraucht, der Arzt hätte mir frische Luft verschrieben und ich wusste selbst, dass es wie eine Ausrede klang. Entsprechend verschnupft klang Marlenes Antwort. Ich konnte es nicht ändern und ich musste mir selbst gestehen, dass es mir reichlich egal war. Es gab jetzt wichtigere Dinge als meinen Arbeitsplatz, ich würde mir zu gegebener Zeit darüber wieder den Kopf zerbrechen.

 

Larry hatte ich nicht angerufen. Einerseits, weil ich seine Stimme nicht hören wollte und andererseits, weil ich einfach nicht wusste, was ich zu ihm sagen sollte. Es waren jetzt fast vier Wochen vergangen, seit er ausgezogen war und mir erschien es, als wären es vier Jahre, so viel hatte sich in meinem Leben verändert.

 

„Wenn wir wieder zurück sind von Whoorin“, sagte Sheldon gerade, „müssen wir uns um diesen Marquardt kümmern. Seine Rolle in dem Spiel ist mir noch ziemlich unklar.“

Mir war die Rolle des Mannes sowieso unklar. Aber er musste eine bedeutende spielen, wenn wir ihn dort auf Whoorin angetroffen hatten. Ich konnte jetzt nicht einmal sagen, ob der Mann überlebt hatte oder was mit ihm geschehen war. Das ganze Chaos in der unterirdischen Halle war zuviel für mich gewesen.

 

Mittlerweile stellte ich fest, dass mir viele Dinge in meinem Leben gleichgültig wurden oder ich eine Problembeseitigung auf später verschob. Möglicherweise war es eine völlig normale Reaktion eines überforderten Verstandes. Zu viel stürmte auf mich ein, ich würde wahnsinnig werden, wenn ich versuchte, jedes Problem sofort zu lösen.

Ich hatte immer geplant, zumindest ein wenig. Jetzt dachte ich bis morgen und nicht weiter. Denn es konnte durchaus sein, dass ich das Morgen nicht überlebte.

 

~*~*~*~*~*~*~*~

 

Raven ließen wir auf der Erde zurück. Wir hatten genug Lebensmittel in den Kühlschrank gepackt, dass er ein paar Tage auskommen konnte und ihn angewiesen, das Haus nicht zu verlassen. Ohne Vivians Magie würde er zu sehr auffallen und wir hatten Angst, was passieren würde, wenn er in die Hände der Behörden fiel.

Im Inneren hoffte ich, dass zumindest einer von uns überleben und zu ihm zurückkehren konnte. Wenn nicht, würde ein hartes Leben für den Jungen beginnen. Obwohl, wenn ich genauer darüber nachdachte, härter als sein Leben auf Whoorin konnte es nicht werden. Im schlimmsten Fall steckte man ihn in ein medizinisches Labor zur Untersuchung.

 

Als ich diese Überlegungen Sheldon mitteilte, schüttelte dieser den Kopf. „Man wird nicht zulassen, dass normale Menschen von der Existenz anderer Welten erfahren.“

 

„Wer ist ‚man’?“

 

„Eine von beiden Seiten wird reagieren“, erklärte er ernsthaft. „Ich selbst habe gewisse Informationen über unser Vorhaben weitergeleitet. Der Ring der Magier muss wissen, was hier passiert. Schließlich gehört die Erde zu den beschützten Welten. Sollten wir nicht zurückkommen, wird man sich um Raven kümmern.“

 

Ah ja…

 

Wir fuhren wieder mit Thunders Jeep, nur dass ich diesmal neben Trevor und nicht auf seinem Schoß sitzen musste. Nicht dass es unbequem auf seinem Schoß gewesen war, aber ich wollte doch die Beziehung, die es zwischen uns zweifellos gab, bei dem belassen, was es war: eine Art Freundschaft.

 

Egal wie eigenartig die Magie in mir und auch ihm reagiert hatte und egal, ob es da eine sexuelle Anziehung gab oder nicht. Trevor hatte es mit keinem Wort wieder erwähnt und ich war froh darüber, weil ich mir selbst nicht klar darüber war, ob ich dem ganzen eine Bedeutung zumessen sollte oder nicht. Ich war auch noch nicht dazu gekommen, mit Sheldon darüber zu sprechen, aber wenn ich ehrlich mir selbst gegenüber war, es war mir peinlich. Dann würde ich doch lieber Vivian fragen. Ich ahnte irgendwie, dass sie die Antwort auf meine Fragen diesbezüglich wissen würde. Trevor gegenüber war es wohl am besten, so zu tun, als wäre nichts passiert. Er verhielt sich ja ähnlich.

 

Thunder bog wieder in den Feldweg ein, den ich schon vom letzten Mal kannte. Diesmal veränderte sich meine Sicht automatisch, so dass ich im Dunkeln etwas erkennen konnte. Vivian, neben mir, hatte den Kopf gegen die Scheibe des Fensters gelehnt und starrte ebenfalls hinaus in die Dunkelheit. Wir waren alle recht schweigsam, sicherlich weil jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.

 

Ein eigenartiges Gefühl stieg in mir auf. Diese Leute, die jetzt mit mir zusammen im Auto saßen, waren mir in den letzten Wochen vertrauter geworden als viele andere Menschen davor. Susan einmal ausgenommen. Warum das so war, konnte ich nicht sagen. Aber ich wusste genau, sollte ich einen dieser Menschen verlieren, würde es mich sehr hart treffen. Ich ahnte auch, dass es den anderen ebenfalls so gehen würde.

Thunder stoppte den Jeep und wir stiegen aus. Diesmal hatten wir wenig Gepäck bei uns. Eigentlich nichts außer Waffen. Meine nützte mir sowieso gar nichts, denn ich hatte bei unserem letzten Besuch gesehen, wie sinnlos es war, sie zu benutzen und mit einem Schwert umgehen konnte ich nicht. Vivian hatte es abgelehnt, eine Schusswaffe zu tragen. Sie besaß zwei Dolche, bei deren Anblick ich mir einen sehr skeptischen Blick in ihre Richtung nicht hatte verkneifen können. Sie war auf die Frage, die in meinen Augen gestanden hatte, nicht eingegangen und eigentlich wollte ich auch nicht wissen, wofür sie die Dolche bisher verwendet hatte.

 

Die beiden Vampire und Trevor trugen Schwerter und Maschinengewehre.

Hinter Sheldon stiegen wir den kleinen Hügel hinauf. Wieder konnte ich das Flimmern, das einen einfachen Übergang zwischen den Welten anzeigte, erkennen und mein Magen zog sich zusammen. Niemand sprach, als wir den höchsten Punkt des Hügels erreichten, aber wir schauten auf Sheldon, dessen Augen konzentriert von uns weg, genau in das Flimmern blickten.

 

Im nächsten Moment jagte ein warmer Wind durch meinen Körper, wie immer, wenn in meiner Gegenwart weiße Magie verwendet wurde. Vivian neben mir holte tief Luft, fast als müsse sie sich selbst beruhigen und ich ahnte, dass sie den Strom der Magie nicht als so angenehm empfand wie ich.

 

Vor uns hatte sich ein Portal geöffnet und ich konnte auf der anderen Seite das Innere der Festung Faumorn erkennen. Natürlich war die Errichtung des Portals aufgefallen und wir konnten Dutzende von Whoogals sehen, die durcheinander rannten.

 

Trevor war der erste, der durch das Tor ging, dicht gefolgt von Thunder. Sheldon winkte mit dem Kopf in meine und Vivians Richtung. Es hatte eine kleine Diskussion gegeben, ob Vivian mitgehen sollte oder nicht, aber das junge Mädchen hatte sich strikt geweigert, auf der Erde zu bleiben. Davon abgesehen, war sie die einzige, die wusste, wo sich das Cyana befand und die wahrscheinlich den Code brechen konnte, der darüber lag.

 

Wir sprangen durch das Tor und im nächsten Moment flimmerten unsere magischen Schutzschirme auf. Es war fantastisch, wie schnell sich mein Unterbewusstsein daran gewöhnt hatte, so zu reagieren. Allerdings kam ich nicht dazu, mich lange darüber zu freuen, denn die ersten Whoogals drangen auf uns ein.

 

Hinter uns kam Sheldon durch das Portal und es fiel in sich zusammen. „Wir teilen uns“, rief der Vampir. „Du suchst mit Vivian das Cyana, Annie. Lasst euch nicht ablenken!“

 

Vivian rannte auf den rechten Ausgang der Halle zu. „Hier entlang, Annie!“

 

Die Whoogals waren sich ein wenig uneinig, wem sie mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Nur ein paar folgten uns und es fiel uns nicht schwer, diese mit ein paar gezielten magischen Bällen zu vernichten. Komischerweise brauchte es diesmal nicht sehr viel Kraft, die riesigen Körper zu Asche verbrennen zu lassen. Ich verdrängte den Gedanken, dass es Lebewesen waren. Ich sah die Schwerter und wusste, dass keins der Wesen zögern würde, mich zu töten, wenn es die Chance dazu bekam. Trotzdem war es eigenartig, wie wenig Kraft nötig war, sie zu töten. Ich konnte mich noch genau an das letzte Mal erinnern und an die Macht, die ich hatte aufwenden müssen.

 

Vivian rannte durch die Tür und wandte sich nach links, die Treppen hinauf. „Es ist kein Magier in der Festung“, rief sie im Laufen. „Das ist gut für uns!“

 

Ich drehte mich um, sah einen Whoogal hinter uns auf der Treppe und hob meine Hand. Mit einem zischenden Knall puffte meine Magie in seinen Körper und ließ ihn aufschreien. Nur ein schwarzer Aschehaufen zeugte danach noch von seiner ehemaligen Existenz.

 

„Es ist zu einfach!“, schrie ich Vivian zu.

 

Das Mädchen schüttelte den Kopf, ohne langsamer zu werden. „Sie zehren von Angst und Panik. Niemand von uns empfindet im Augenblick welche. Und es ist kein Magier da, der ihnen Rückendeckung gibt.“

 

Das klang logisch. Angst hatte ich im Moment wirklich keine. Es war eher eine kühle Routine, die von mir Besitz ergriffen hatte. Ich fixierte die Umgebung, sah einen Feind, reagierte und rannte weiter. Vielleicht empfanden Soldaten im Kampf ähnlich. Man vergisst, dass das eigene Leben auf dem Spiel steht und reagiert nur noch wie ein Automat. Ich kam mir nicht einmal mehr hilflos vor, so wie beim letzten Mal. Diesmal wusste ich, dass ich die Kraft hatte, es mit einigen Whoogals aufzunehmen. Und mit jedem erfolgreichen Schlag gegen eines der Wesen wurde dieses Wissen in mir stärker.

 

Ohne Vivian hätte ich den Weg nicht gefunden. Es waren eine Menge Treppen, die wir hinauf und dann wieder hinab stiegen. Einmal bog sie ab und meinte, sie wolle auch ihren Laptop wieder haben. Es war nur ein kurzer Umweg und ich war recht erstaunt, als ich in dem kleinen Raum meinen eigenen Rucksack wieder erkannte, in den ich Vivians Computer gepackt hatte. Ich hatte fast vergessen, dass dieser mir von den Whoogals ebenfalls abgenommen worden war, als man mir das Cyana stahl. Wir mussten die beiden Wachen vor dem Zimmer töten, aber ich zwang mich gewaltsam, nicht darüber nachzudenken.

 

Auch Vivian sprach wenig. Mit einer schnellen Bewegung schnappte sie sich den Rucksack mit dem Laptop, in dem sich auch mein Anorak befand. Wir hätten den Anorak auspacken und liegen lassen können, aber wir wollten keine Zeit verschwenden.

 

So hetzten wir weiter und ich hoffte, dass wir durch diesen kleinen Umweg nicht zuviel Zeit verloren hatten. Wahrscheinlich durchquerten wir die halbe Festung und langsam begann mein Atem keuchend zu gehen. Auch auf Vivians Stirn hatte sich Schweiß gebildet und sie atmete schneller als sonst. Ihren Körper umgab das gleiche Flimmern wie meinen eigenen.

 

Irgendwann – ich hatte völlig die Orientierung verloren – blieb sie vor einer verschlossenen Holztür stehen und hob ihre Hand.

 

„Gib mir Rückendeckung“, sagte sie leise und schloss die Augen.

 

Meine Augen irrten den Gang hinab. Noch schien es recht still, ich hörte nur irgendwo im Hintergrund Kampfgeräusche oder das Krachen, wenn irgendetwas in sich zusammenbrach. Ich hoffte, dass Trevor und die beiden Vampire zurechtkamen, denn darum kümmern konnte ich mich im Moment nicht.

 

Diesmal war es Vivians Magie, die ich spürte. Ich schielte in ihre Richtung, ohne den Gang aus den Augen zu verlieren und beobachtete, dass sie versuchte, Verbindung zu der Tür aufzunehmen. Es war ein Zauber, der über dem Schloss lag und von dem drückenden Gefühl her, das mich befiel, nahm ich an, dass es sich um dunkle Magie handelte. Plötzlich fiel mir das Atmen schwerer und eine Last schien sich auf meinen Körper zu legen. Dunkles Licht bildete sich an Vivians Fingerspitzen, strahlte in Richtung der Tür und kroch über das Holz. Dann rastete mit einem metallischen Klick irgendetwas ein und die Tür sprang auf.

 

Vivian öffnete die Augen und die dunkle Magie leuchtete noch immer in ihrem Blick. In dem Moment, wo sie die Magie anwandte, wurden ihre Augen im Gegensatz zu meinen rabenschwarz und abgrundtief und es dauerte eine Weile, ehe sie wieder ihre natürliche Farbe, das helle braun, annahmen.

 

Sie nickte nur und stieß dann die Tür auf. Ich folgte ihr wortlos.

 

Hinter der Tür ging es eine schmale Wendeltreppe nach unten. Es herrschte Dunkelheit, aber wie üblich in letzter Zeit hatte meine Sicht sich sofort verändert. Die schwere Holztür rastete mit einem Knall wieder ein und ich zuckte zusammen.

 

„Hierher folgt uns kein Whoogal“, flüsterte Vivian. „Das magische Gefängnis macht ihnen Angst.“

 

Magisches Gefängnis? Ich schaute mich vorsichtig um, während wir die Treppe hinab stiegen. Plötzlich schienen die Wände dunkler zu werden und auf mich zuzukommen.

 

„Besteht eine Gefahr für uns?“, fragte ich genauso leise zurück.

 

„Für dich schon“, entgegnete sie mit einem schiefen Lächeln. „Wenn du allein wärst…“ Sie zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Keine Ahnung, inwieweit die dunkle Magie merkt, dass ich zu ihren Feinden gehöre.“

 

Das klang gar nicht gut. Unbehaglich musterte ich die Umgebung. Wir hatten das Fußende der Treppe erreicht und betraten ein Kellergewölbe. Noch immer war es finster und drückend und auch das Gefühl, von unsichtbaren Augen verfolgt zu werden, wurde nicht besser.

 

Vivian schien keinerlei Probleme zu haben, denn sie durchquerte den kleinen Raum, ohne zu zögern. Mit einer kurzen Handbewegung entzündete sie die Fackeln an den Wänden und das flackernde Licht verstärkte den unheimlichen Eindruck noch.

Jetzt konnte ich auch mit meinen normalen Augen sehen, dass wir vor einer Steinplatte standen, über der dunkles Licht wallte. Die Gefahr, die davon ausging, stand plötzlich so greifbar in der Luft, dass ich stockte.

 

Vivian drehte kurz den Kopf und sah mich an. „Bleib stehen.“

 

Ich nickte, ich glaube auch nicht, dass ich fähig gewesen wäre, weiter an den Stein heranzugehen. Dann beobachtete ich, was das junge Mädchen tat.

 

Sie hob ihre Hände und stellte eine Verbindung zu dem dunklen Licht her. Erst jetzt wurde mir wieder einmal bewusst, dass es im Moment wirklich so aussah als würde sie die Vorteile beider Seiten gleichzeitig nutzen können. Sie arbeitete definitiv mit dunkler Magie. Und trotzdem war es ihr möglich, in unserer Gegenwart zu bleiben und es war ihr möglich, weißmagische Gegenstände zu berühren. Das Beispiel der Schutzamulette hatte uns sogar gezeigt, dass diese sie nicht als Feind anerkannten. Schwarzmagische dann sicher ebenso nicht. Auf welcher Seite also stand sie?

 

Ich kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn die Steinplatte bewegte sich mit einem knirschenden Geräusch zur Seite. Von dem Hohlraum, der darunter zum Vorschein kam, konnte ich nicht viel erkennen, denn eine Spirale aus giftgrünem Licht bildete sich über dem Loch. Das drückende Gefühl wurde stärker und mir fiel es immer schwerer, normal zu atmen.

 

„Bleib dort“, sagte Vivian leise.

 

Ich hätte mich sowieso nicht weiter bewegen können. Mir wäre es sicherlich auch nicht möglich gewesen, den Zauber, der über dem Versteck lag, zu brechen. Hätte ich dazu in der Lage sein müssen?

 

Vivian griff einfach durch das grüne Licht hindurch und hatte einen kurzen Moment später die silberne Kette mit dem Cyana in den Händen. Übergangslos verschwand das Licht und nur noch die Fackeln an den Wänden erhellten den Raum.

 

Sie hätte das Cyana genauso wenig berühren können dürfen wie es mir unmöglich war, in die Nähe des Steinsarkophags zu kommen. Aber das war nicht der Fall. Sie drehte sich zu mir um und reichte mir das Amulett. Ein eigenartiger Ausdruck lag in ihrem Gesicht, Unsicherheit, Zweifel und jede Menge Fragen. Ich wusste, was sie fragen wollte, aber ich kannte die Antwort darauf genauso wenig wie sie, weil ich die Hintergründe, die hinter der Magie steckten, nicht verstand.

 

Dann griff ich nach dem Cyana, legte es mir um den Hals und verschloss die Kette im Nacken. Im nächsten Moment traf es mich wie ein Schlag. Es war, als wäre plötzlich etwas erwacht. Das Cyana glühte grell auf und der Raum um uns herum erwachte zum Leben.

Teil 30

„Scheiße!“, fluchte Vivian erschrocken. „Raus hier!“ 

Ich fragte nicht weiter, sondern stürzte ihr nach. Schmerz tobte durch meinen Körper, peitschte wie elektrische Schläge durch meine Adern und benebelte meinen Verstand. Wahrscheinlich hatte ich gestockt, denn Vivian griff nach meinem Arm und schüttelte mich.

 

„Das Cyana hat sich aktiviert und der Raum erkennt es als Feind!“, stieß sie hervor. „Es war ein Fehler. Wir müssen weg hier!“

 

Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und meine Beine drohten unter mir nachzugeben.

 

„Annie!“ Sie schüttelte mich wieder. „Konzentrier dich, Annie!“

 

Ich taumelte ihr nach, als sie mich die Treppe zur Holztür hinaufzerrte. Grelles Licht bildete sich auf meiner Haut und strahlte funkelnd in den dunklen Raum. Etwas raste auf uns zu, explodierte mit einem Krachen in unseren Abwehrschirmen und ließ sie grell aufleuchten. Vivian stieß ihre Hände gegen die Holztür und schloss die Augen.

 

 „Verdammt“, murmelte sie und feine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. „Ich bin so eine Idiotin…“

 

„Kann ich etwas tun?“, brachte ich hervor, dann warf mich etwas gegen die Tür. Ich stöhnte auf, als der Schmerz meinen Körper traf.

 

„Jetzt bin ich ebenfalls Feind“, war alles, was sie antwortete.

 

Ich drehte mich und ließ Lichtbälle in den Raum auf den unsichtbaren Gegner sausen. Ich sah niemanden und das war zum Verzweifeln.

 

„Es ist die Magie des Raums“, murmelte Vivian verzweifelt. „Du kannst sie nicht vernichten. Wir müssen die Tür aufbekommen.“

 

Ich zog sie zur Seite. „Dann los!“ Diesmal krachte der Blitz, der meine Hände verließ, in das Holz der Tür. Mit einem Lichtgewitter breitete er sich über dem Holz aus und setzte sich an den Wänden fort. Ich hatte erwartet, ein Loch in der Tür zu sehen, aber weit gefehlt. Der gesamte Raum schien von einem magischen Schirm eingeschlossen zu sein.

 

„Was ist mit einem Portal?“, schrie ich, um das Knallen der Blitze zu übertönen.

Vivian schüttelte wild den Kopf. „Nicht hier drin!“ Dann griff sie nach meiner Hand.

„Gib mir deine Kraft“, stieß sie mit funkelnden Augen hervor. „Und wenn ich es sage, jag alles, was du hast, auf die Tür.“

 

Ich nickte und im nächsten Moment glühten ihre Augen schwarz. Ich fühlte die Kraft, die sie aus meinem Körper zog und schnappte nach Luft. Gleichzeitig aber war plötzlich wieder diese Verbindung da, die ich schon einmal gespürt hatte. Ich „sah“, was sie tat, auch wenn ich es nicht begreifen könnte. Mit meiner magischen Sicht konnte ich verfolgen, wie sie den Schirm, der den Raum umgab, schwächte. Ein feines Netz magischer Energielinien umgab das Zimmer, in das sie eingriff. Wieder und wieder bäumte sich der Raum auf, als wäre er ein lebendes Wesen, schlug mit Energien nach uns, die ich nicht begreifen könnte und jeden Schlag spürte ich deutlicher. Mein Körper zitterte und ich fühlte auch das junge Mädchen zittern. Eine eigenartige Schwäche hatte von mir Besitz ergriffen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich noch auf den Beinen stehen konnte, wenn sie mir weiterhin Kraft entzog.

 

„Jetzt!“, schrie sie plötzlich und ich reagierte instinktiv.

 

Mit dem letzten Rest Macht, der sich noch in mir befand, holte ich aus und schlug auf die massive Holztür zu. Diesmal traf ich das Holz. Explosionsartig breitete sich das Licht über der Tür aus, verursachte ein Glühen im Holz, das sich an den Wänden fortsetzte.

 

„Auf den Boden!“, schrie Vivian wieder und ich warf mich neben sie.

 

Im nächsten Moment explodierte die Tür und ich umschlang meinen Kopf, um ihn vor herumfliegenden Trümmern zu schützen. Ich konnte nicht verhindern, dass ein paar der Holzsplitter, die durch den Raum flogen, auf unseren Körpern landeten. Vivian neben mir stöhnte auf, kämpfte sich aber im nächsten Augenblick hoch.

 

„Raus hier, Annie! Wir müssen raus hier!“

 

Ich sprang ebenfalls auf. Die Panik, die von mir Besitz ergriffen hatte, verdrängte einen Teil des Schmerzes. Ich war sogar erstaunt, als ich auf meine Hand schaute und Blut sah, denn ich hatte nicht bemerkt, dass mich etwas verletzt hatte. Vivian sprang durch die halb zerstörte Tür und landete auf der anderen Seite auf dem Steinfußboden. Ich folgte ihr, ohne nachzudenken. Ein Stück der Trümmer, ob es nun das Holz oder Steine gewesen waren, musste sie an der Stirn getroffen haben, denn ich konnte sehen, wie sie das Blut, das ihr ins Gesicht lief, zur Seite wischte.

 

Hinter uns brach donnernd der Raum in sich zusammen und Risse zogen sich über den Boden zu unseren Füßen. Wie eine Kettenreaktion ausgehend von dem magischen Gefängnis rasten Blitze über die Wände und griffen nach uns.

 

Vivian schrie auf, als erneut Licht in ihren Schirm traf und ihn zum Leuchten brachte. Wie blind rannte ich hinter ihr her die Treppen hinauf. Wir hatten keine Zeit, einen Gedanken zu verschwenden, erst als wir schwer atmend am Ende der Treppe ankamen, blieb sie kurz stehen.

 

„Whoogals“, keuchte sie und wischte sich mit dem Ärmel wieder das Blut aus dem Gesicht.

 

Ich sah sicherlich nicht besser aus, aber einen Schmerz verspürte ich noch immer nicht. Schöne Sache, das mit den Endorphinen, die in Extremsituationen freigesetzt wurden.

 

„Whoogals auf der anderen Seite“, setzte sie hinzu.

 

Ich nickte und holte tief Luft. „Können wir nicht hier ein Portal erschaffen?“

 

Sie schüttelte den Kopf. „Der Einfluss des magischen Gefängnisses ist noch zu groß.“

Ich holte tief Luft, stieß dann die Tür auf und sprang hindurch. Gleichzeitig rollte ich über den Boden ab und schoss eine der Lichtkugeln auf den nächsten Whoogal.

Diesmal verpuffte er nicht sofort und ich erinnerte mich an Vivians Worte. Ich hatte Angst und ich empfand Panik und damit stärkte ich ihn. Die Erkenntnis nutzte mir gar nichts.

 

Neben mir raste Vivians in die Halle. „Hier entlang, Annie!“, schrie sie und ich sprang auf.

 

Mehrere Whoogals nahmen die Verfolgung auf. Wir konnten sie nur notdürftig auf Abstand halten, weil es zu viele waren. Wären wir stehen geblieben, sie hätten uns überrannt. Ohne Vivian wäre ich verloren gewesen. Ich hätte aus der Festung nicht wieder herausgefunden, aber das junge Mädchen kannte sich hier besser aus und besaß wahrscheinlich auch eine bessere Orientierung als ich.

 

Langsam aber sicher verließen mich meine Kräfte. Ich wusste nicht, wie es Vivian ging. Wieder und wieder schossen wir automatisch auf heranstürmende Whoogals. Und mit jedem Mal wurde es schwerer, sie zu töten. Ich machte mir nicht einmal mehr Gedanken darüber, dass es Lebewesen waren, die ich tötete.

 

Mir kam es vor, als wären Stunden vergangen, die ich halb blind hinter Vivian her stürzte. Dann erreichten wir eine größere Halle, die mir bekannt vorkam.

 

Übergangslos blieb Vivian stehen. Es kam so überraschend, dass ich gegen sie lief, ehe ich mich orientieren konnte. Um uns herum tobten Whoogals. Wieder und wieder versuchte eines der Wesen zu uns durchzudringen, aber sie schafften es nicht, den magischen Kreis unserer Macht zu durchdringen.

 

„Was ist?“, fragte ich und stöhnte auf, als im nächsten Moment das Schwert eines Whoogals in meinem Schirm glühte. Ich spürte ihn. Natürlich konnte er mir im Moment noch keinen körperlichen Schaden zufügen, aber ich spürte jeden Schlag in meinem Körper.

 

„Magie“, flüsterte das Mädchen. „Ich spüre Magie…“

 

„Ja, und?“ Meine Stimme klang verzweifelt.

 

„Dies ist ein Portalpunkt“, sagte sie wieder und ihr Blick irrte durch die Halle. Immer mehr Whoogals stürmten durch die offenen Tore.

 

Ich konnte mich gar nicht konzentrieren, um nachvollziehen zu können, was sie meinte, weil ich mehr damit zu tun hatte, die Whoogals auf Abstand zu halten. Langsam aber sicher wurde die Situation brenzlig.

 

„Du kannst später darüber nachdenken! Hilf mir!“, schrie ich durch den Lärm der sich entladenden Energien.

 

Urplötzlich glühte neben uns ein kleines Portal auf und mein Herz machte einen Sprung, als ich erkannte, dass es Trevor war, der hindurch sprang.

 

„Verflucht, was habt ihr getan?“, schrie er durch den Lärm und trennte mit einem Schlag seines Schwertes den Kopf eines Whoogals von dessen Schultern. „Wir haben alle noch lebenden Gefangenen befreit, Sheldon hat ihnen den Weg zur Erde zurück geöffnet. Verschwindet jetzt endlich von hier!“

 

„Das magische Gefängnis ist erwacht und hat um Hilfe gerufen“, antwortete Vivian. Ihre Augen hatte wieder die Schwärze angenommen, wie immer, wenn die Magie in ihr stark war.

 

„Verdammt“, fluchte Trevor wieder, während er gleichzeitig zwei Whoogals abwehrte. „Schaff ein Portal, Annie! Oder du, Vivian!“

 

Im gleichen Moment ging eine Bewegung durch die angreifenden Whoogals. Ein Schauer fuhr durch meinen Körper und hinterließ einen Schmerz, der nicht fassbar war. Taumelnd sanken meine Hände an meine Seiten, als sich meine Sicht trübte.

 

„Scheiße!“, schrie Vivian. „Magier kommen!“

 

Trevor stieß sein Schwert einem Whoogal in den Bauch. „Tut etwas! Ein Portal!“

 

Das Cyana um meinen Hals glühte auf. Ich sah nicht mehr, was in der Halle um mich herum passierte, aber ich konnte deutlich die Gefahr spüren, die auf dem Weg zu uns war. Und urplötzlich bäumte sich etwas in mir auf.

 

„Annie“, rief Vivian neben mir. „Nicht! Lass nicht zu, dass das Cyana handelt!“

Es war zu spät. Ich hatte nicht gemerkt, was passierte, ich spürte es erst, als es zu spät war. Ein Portal glühte auf und schwarzer Nebel bildete sich über den Whoogals. Einige stießen ein Siegesgeschrei aus und stürzten sich mit erneutem Tatendrang in den magischen Schild, der uns umgab.

 

Zwei Gestalten schwebten aus dem neuen Portal, Wesen, die ich nicht kannte, aber ich fühlte die Gefahr, die von ihnen ausging. Ich fühlte auch, dass sie stark waren, aber bei weitem nicht so stark wie Endriel. Dann raste der erste magische Angriff auf uns zu und ich explodierte in der Macht des weißen Lichts. Vivian schrie schmerzgepeinigt auf und brach auf ihre Knie zusammen, als das Licht mich umtobte. Plötzlich fühlte ich die gesamte Halle und in ihr jedes einzelne Lebewesen. Die Macht wurde so stark, dass ich glaubte in Einzelteile zu zerspringen.

 

Ich spürte den Schmerz und ich spürte den Triumph der Whoogals und ich fühlte die Macht der beiden Magier. Sie lachten, weil sie glaubten, ein leichtes Spiel mit uns zu haben, doch als sie ihre Arme hoben, um auf uns zu feuern, bäumte sich mein Körper auf.

 

Wie Strahlen schossen Lichtblitze aus meinen Fingerspitzen, knallten in die Decke, in die Wände und mitten in die Körper der Whoogals hinein. Es war wie schon einmal. Ich verlor die Kontrolle, und die Macht reagierte allein. Ich sollte mich hilflos fühlen, aber in diesem Moment putschte es mich einfach nur auf.

 

Jetzt waren es Schmerzensschreie der Whoogals, die den Raum erfüllten. Steine polterten zu Boden und ein Teil der Außenmauern brach zusammen. Die beiden Magier versuchten gegenzuhalten, es war aussichtslos. Wie ein Sturm toste meine Magie durch den Raum und wirbelte Lebewesen und Steine durcheinander.

 

Vivian hatte sich wieder hoch gekämpft und kroch auf mich zu. „Ein Portal, Annie“, stieß sie erstickt hervor.

 

Ihre Worte gingen im Lärm unter, der meinen Kopf füllte. Schmerzenschreie, Blitze, Lichterkaskaden, all das tobte durch mein Hirn, brach daraus hervor und setzte sich explodierend in meiner Umgebung fort.

 

Um uns herum tobte das Chaos. Ich hatte keinerlei Gewalt mehr über die Macht, die ich freisetzte. Vivian schrie, aber ich verstand nicht, was sie sagte. Meine Knie hatten nachgegeben und ich war zu Boden gesunken. Ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, was um mich herum passierte. Whoogals starben im Feuer meiner Magie, Explosionen setzten sich in meinem Kopf fort, aber ich hatte keine Chance, es aufzuhalten. Donnernd krachten die steinernen Wände zu Boden. Fast schien es, als würde die Gegend von einem Erdbeben heimgesucht. Immer wieder gab der Boden irgendwo nach, einige der Kreaturen wurden in den Abgrund gerissen, starben beim Sturz oder in den Flammen, die meine Magie verursachte. Blitze tobten durch den Raum. Sie verließen meine Fingerspitzen, ohne dass ich darauf einen Einfluss hatte. Krachend schlugen sie in Wände oder in die Körper der Wesen, die daraufhin schreiend zu schwarzen Aschehaufen verkohlten.

 

Irgendwann vor langer Zeit hatte Trevor mir erzählt, wie schwer Whoogals zu töten waren. Davon merkte ich jetzt nichts. Ich tötete sie, ohne nachzudenken und ohne dass ich darauf einen Einfluss hatte. Es sollte mir Angst machen, doch das tat es nicht, weil ich nicht fähig war, aufzuhalten, was ich tat.

 

„Annie!“

 

Diesmal war es Trevors Stimme, die ganz schwach an meine Ohren drang. Er kämpfte sich durch den Sturm, der um mich tobte, fluchte, als ihn herumfliegende Steinsplitter trafen und sank irgendwann neben mir auf die Knie.

 

Ich konnte nicht reagieren, obwohl ich ihn genauso fühlte wie all die anderen Wesen in der Festung.

 

„Annie!“, schrie er wieder in mein Ohr und schlang seine Arme um mich, um nicht davon gestoßen zu werden. „Hör auf! Hör verdammt noch mal auf! Du bringst uns alle um!“

 

Mit dem Rest meines Verstandes, der funktionierte, wusste ich das. Aber die Magie in mir reagierte ohne mein Dazutun.

 

Auch Vivian hatte es geschafft, sich bis an meine Seite durchzukämpfen. „Sie wird sterben, wenn sie nicht aufhört!“, versuchte das Mädchen, den Lärm zu durchdringen. „Die Magie wird erst erlöschen, wenn ihre Reserven aufgebraucht sind. Und sie wird sterben!“

 

Es war, als würden die beiden sich über jemanden Fremdes unterhalten. Ich hörte es und ich hörte es nicht. Schmerz zog durch meinen Körper, brannte sich in jede Zelle und tobte durch meine Adern.

 

„Die verdammte Festung wird zusammenbrechen und uns alle begraben“, fluchte Trevor und schüttelte mich. „Annie! Wir müssen hier weg!“

Das Cyana, das jetzt wieder um meinen Hals lag, glühte immer stärker. Ich wollte es stoppen, ich wollte es wirklich, aber ich wusste nicht wie. Tränen traten in meine Augen, weil ich mich einfach hilflos fühlte. Die Macht beherrschte mich und nicht andersherum.

 

„Annie!“, brüllte jetzt Vivian neben meinem Ohr. „Kämpfe, Annie!“

 

Sie griff nach meiner Hand und einem Stromstoß gleich jagte neue Kraft durch meinen Körper. Vivian schrie schmerzgepeinigt auf, denn gleich einem Parasiten griff meine Magie auf ihre zu und schmiss sie hinaus, um das Chaos noch zu vergrößern.

 

Wimmernd brach sie neben mir zusammen, ohne dass ich etwas tun konnte.

 

Urplötzlich gab das Dach der Festung nach und krachte auf den Hallenboden. Es war reiner Zufall, dass es uns verfehlte, vielleicht war es aber auch die Magie, die mich zwar zerstörte, aber im gleichen Moment auch schützte.

 

Ächzend richtete sich Vivian wieder auf und kroch auf mich zu. Trevor hielt mich noch immer fest, aber er hatte keine Möglichkeit, zu verhindern, was ich tat.

 

„Kannst du ein Portal schaffen?“, hörte ich ihn fragen. Die Frage galt nicht mir, denn er wusste, dass ich nicht reagieren konnte.

 

Ich konnte auch Vivians Reaktion nicht sehen, aber ich bezweifelte, dass sie im Moment dazu in der Lage war. Ich hatte ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen und der gesamte Tag hatte uns alle an den Rand der Erschöpfung getrieben. Umso erstaunter war ich, als sich vor mir ein Portal aufbaute. Die Magie in mir tobte erbost, als würde sie spüren, dass man sie daran hindern wollte, ihr Werk zu vollenden.

Im nächsten Moment spürte ich einen mentalen Schlag von Vivians Seite, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich hatte keine Ahnung, woher sie die Kraft nahm, aber der Schmerz nahm mir erst einmal den Atem. Für einen kurzen Augenblick übertrumpfte er alles bisher da gewesene und ließ schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen. Ich hörte mich selbst schreien, während sich mein Körper schmerzgepeinigt krümmte.

 

„Durch!“, brüllte Vivian. „Ich hab keine Kraft mehr! Durch!“

 

Ich wurde hochgerissen, in das Portal geworfen und im gleichen Moment versank die Welt um mich herum in Schwärze.

 

Teil 31

 

Das erste, was ich spürte, als mein Bewusstsein langsam wiederkehrte, war ein warmer Körper, an dem ich lehnte. Das zweite war Schmerz und unwillkürlich drang ein Stöhnen von meinen Lippen. 

„Sie kommt zu sich“, flüsterte eine Stimme. 

Jemand strich über meine Stirn. Ich wollte einfach nur wieder in der Schwärze der Bewusstlosigkeit versinken. Oder schlafen. Ich wollte mich der Realität und dem Schmerz, der in jede Pore meines Körpers zu dringen schien, nicht stellen. Leider war mir das nicht vergönnt. 

„Es war verdammt knapp“, sagte eine andere, dunklere Stimme. Im Moment war es mir einfach nicht möglich, den Stimmen Namen zuzuordnen. 

Mühsam kämpfte ich und öffnete meine Augen und blinzelte in die nur von Flammen erhellte Nacht. Vielleicht konnte ich froh sein, dass es dunkel war, denn so schaffte ich es, die Augen offen zu halten. 

„Verflucht“, murmelte ich ächzend. 

Einen Meter neben mir saß Vivian. Sie sah schrecklich aus. Dreck und Blut klebte an ihrer Kleidung, die an vielen Stellen eingerissen oder komplett zerfetzt war. Auch die Haare waren verfilzt, stellenweise blutverkrustet und hingen ihr wirr ins Gesicht, in dem es kaum einen Flecken mit sauberer Haut gab. Ich nahm an, dass ich nicht viel besser aussah. Einzig und allein ihre dunklen Augen schauten mich zwar müde, aber auch besorgt an. 

Mühsam versuchte ich mich aufzurichten, um festzustellen, an wem ich eigentlich lehnte. Starke Hände hielten mich fest. 

„Ruh dich aus, Annie“, sagte Trevor. „Ein paar Minuten haben wir.“ 

„Ich glaube nicht, dass wir sehr viel mehr haben“, meinte Vivian und ihre Stimme klang so zerschlagen wie sie aussah. 

„Was…?“, brachte ich krächzend hervor. Dann fiel mein Blick auf die Umgebung und ich schnappte nach Luft.  

Wir waren wieder auf der Erde. Ich erkannte es nicht am Sternenhimmel oder an der Luft oder daran, dass plötzlich Sirenen in der Ferne aufheulten. Nein, ich wusste es, weil ich sah, wo wir uns befanden. 

Es war Newbury. Und es war Marquardts Heim zur Förderung behinderter Kinder. Der Prunkbau, den er mit den Geldern all seiner Sponsoren fertig stellen wollte.

Nun ja, von dem Prunkbau war nicht mehr sonderlich viel übrig. Ich kämpfte mich aus Trevors Umarmung hoch und versuchte, mehr zu erkennen. Der Bau lag in Schutt und Asche und Flammen stiegen an vielen Stellen daraus empor. Es sah aus, als hätte jemand eine riesige Bombe in das Gebäude geworfen. Nicht einmal mehr die Außenwände standen noch und ich bezweifelte, dass eine einzige Person in dem Haus überlebt hatte. 

„Oh, mein Gott“, flüsterte ich fassungslos. 

„Ganz Arbeit, Annie“, kam es trocken von Trevor. 

„Was?“ Ich fuhr herum und allein die Bewegung verursachte wieder einen stechenden Schmerz in meinem Körper. 

Vivian nickte langsam und ernst. „Es war eine Wechselwirkung zwischen den Welten. Ich weiß auch nicht, wie viel du auf Whoorin zerstört hast, aber von der Festung war nicht mehr viel übrig, als wir verschwunden sind. Es besteht ein direkter Zusammenhang mit der Erde. Mit diesem Gebäude.“ Sie deutete auf den Schuttberg vor uns. „Hast du eine Ahnung, was das war?“ 

Ich nickte, noch immer fassungslos, denn ich konnte nicht glauben, was sie erzählte. Ich sollte diese Zerstörung verursacht haben?  

„Das ist Marquardts Heim für vernachlässigte und behinderte Kinder. Oder besser, das war es…“ Meine Stimme verklang und Entsetzen stieg in mir hoch. Ich hatte dieses Gebäude zerstört und mit ihm wahrscheinlich all die Menschen, die sich darin befanden. „Mein Gott“, flüsterte ich und jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht. „Ich habe sie alle getötet… Kinder…“ 

Trevor legte mir den Arm um die Schultern und musterte über meinem Kopf hinweg die Zerstörung mit einem düsteren Blick. „Wenn es eine direkte Verbindung zwischen Whoorin und diesem Gebäude gab, bezweifle ich, dass es schlimm ist, wenn da drin niemand mehr lebt.“ 

Ich schüttelte wild den Kopf, aber sprechen konnte ich nicht, da meine Kehle wie zugeschnürt war. Dass ich auf Whoorin intelligente Wesen getötet hatte, war mir zwar nicht als normal erschienen, aber notwendig, da ich mein eigenes Leben verteidigt hatte. Meine Macht war entgleist, das war an sich schon schlimm genug, denn es bedeutete, dass ich unfähig war, mit dem umzugehen, was mir zur Verfügung stand. Ich bezweifelte plötzlich auch, dass es je anders werden würde. Wenn es aber auch noch so ausartete, dass ich unschuldige Kinder tötete, wollte ich lieber selbst sterben als so eine Gefahr zu sein. 

„Es waren keine Kinder, die uns Marquardt damals gezeigt hat“, erinnerte mich Trevor an den Abend unserer ersten Begegnung. „Es waren Monster, wobei ich noch immer nicht weiß, worum es sich gehandelt hat. Aber ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, hier in diesem Haus sind Dinge geschehen, die gefährlich waren und...“ 

Er verstummte und ich spürte es gleichzeitig. Ein mächtiger Druck legte sich auf meinen Kopf. Trevor neben mir schnappte nach Luft und Vivian fuhr mit einem entsetzten Aufschrei in Richtung des zerstörten Gebäudes herum. 

Die Luft flimmerte in einer Entfernung von vielleicht zehn Metern und im nächsten Moment materialisierte eine Gestalt, die mir nur allzu bekannt war. Der schwarze Mantel umwehte seine Figur, während der Wind, den sein Auftauchen verursachte, auch seine Haare in Bewegung brachte. Er stand wie der Rächer der Geächteten vor dem Schlachtfeld und seine Augen glühten in einem Furcht erregenden Schwarz. 

Endriel. 

Aber nicht das war es, was mich vor Entsetzen sprachlos werden ließ. Auch nicht der Druck der Angst, die er in meinem Kopf versuchte auszulösen. Nein, es war die menschliche Gestalt, die mit ihm materialisiert war und die er mit einem Griff in den blonden, langen Haaren neben sich festhielt und deren Augen von Tränen verschleiert waren. Es war Susan. 

„Du wirst mir langsam unbequem, Lucyana“, donnerte seine Stimme zu uns herüber. „Ich habe es satt, deine schwachsinnigen Versuche, uns zu bekämpfen, auszubügeln.“  

„Nein“, flüsterte ich, als Susan den Kopf hob und mich flehend ansah. Das durfte nicht sein. Nicht Susan. Wie hatte er Susan gefunden? 

„Nein“, flüsterte ich wieder und die wenige Macht, die noch in mir schlummerte, drängte hoch. 

Endriel zerrte an Susans Haaren und zog sie an seine Seite. „Hast du wirklich geglaubt, deine kleine Freundin hier schützen zu können?“, höhnte er. „Du Närrin!“ 

„Nein!“, schrie ich gellend, sprang auf und stürzte nach vorn. 

Susan schrie im gleichen Moment, als Endriels schwarzes Licht sie einhüllte und schweben ließ. Ihr Körper wurde von ekstatischen Schauern geschüttelt und ihre Schreie bohrten sich in meinen Kopf. 

„Ich werde alle töten, die sich mir in den Weg stellen“, sagte Endriel eisig. „Was du heute getan hast, Lucyana, werde ich nie verzeihen.“ 

Ich kam nicht weit, denn im nächsten Augenblick schoss ein Ball aus schwarzem Licht auf mich zu und donnerte in meinen reflexartig errichteten Abwehrschirm. Er glühte auf, aber die Macht des Aufpralls warf mich zurück auf den Boden. Schmerz zog durch meinen geschundenen Körper und raubte mir einen Moment den Atem. 

Susan schrie noch immer, während das dunkle Licht sie umtobte.  

„Ich schmecke ihre Angst und ihre Qual“, drang Endriels Stimme zu mir durch. „Ich liebe es, aber ich habe jetzt keine Zeit zu spielen.“ 

Trevor zog sein Schwert, doch mit einer lässigen Bewegung warf ihn Endriel zur Seite.

„Du bist jetzt unwichtig, Jäger. Es ist die Lucyana, die sterben muss. Ich vergeude meine Kraft nicht an dir.“ 

Ich sah kaum noch etwas durch den Schleier des Schmerzes, der mein Bewusstsein zu rauben drohte. Aber der Wille zu überleben in mir war stärker. Ich kämpfte mich hoch. Die letzten Stunden hatten mich mehr als geschwächt, ich wusste, dass ich keine Chance hatte, aber zu sehen, wie er Susan quälte, war zu viel. 

„Nein“, schrie ich wieder, doch im gleichen Moment glühte Susans Körper schwarz auf. Mein Verstand weigerte sich zu begreifen, was es bedeutete. Er weigerte sich auch, zu verstehen, was es hieß, dass Susans Körper verschwand und nur noch schwarze Asche zu Boden rieselte. Zorn tobte durch meine Adern, so großer Zorn, dass ich für alles andere blind wurde. Unwillkürlich bildete sich aus den Resten der Magie, die in mir schlummerte, weißes Licht und drang an meinen Fingerspitzen nach außen. 

Endriel warf den Kopf in den Nacken und lachte. In diesem Moment war mir nicht klar, um wie vieles er stärker war als ich. Ich wollte es nicht hören und ich wollte es nicht begreifen. Ein einziger Gedanke beherrschte meinen Kopf. Ich wollte ihn töten. Ich nahm nicht wahr, dass Trevor auf mich zu stürzte, auch nicht, dass Vivian: „Nein, Annie!“ schrie. 

Endriel lachte lauter, als mein Feuerball wirkungslos in seinem Schirm verpuffte und dieser nicht einmal aufglühte. Im nächsten Augenblick raste sein dunkles Licht auf mich zu. Mein Schirm war zu schwach und ich hatte auch keine Kraft mehr, ihn zu stärken. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht mehr, denn eine sonderbare Ruhe breitete sich in meinem Körper aus, als ich dem dunklen magischen Ball entgegenblicke. 

Doch ehe er mich treffen konnte, warf sich Vivians schlanker Körper vor mich und Endriels Ball knallte mit voller Wucht in Vivians Schirm. Mit einer grellen Entladung explodierte der Schirm und warf mich wieder von den Beinen. Dann war Trevor heran, riss das junge Mädchen zur Seite und stieß sie in meine Richtung. Ich fing ihren wie leblos wirkenden Körper auf und versuchte mich krampfhaft soweit zu konzentrieren, um wenigstens eine geringen neuen Schirm für uns beide zu schaffen. Es funktionierte nicht, denn ich war einfach nicht fähig, das Chaos in meinem Kopf zu beseitigen. Tränen rollten meine Wangen hinab, weil immer wieder Susans Körper, der zu schwarzer Asche verbrannte, vor meinem inneren Auge auftauchte. 

Trevors Körper umhüllte eisiges hellblaues Licht, als er sich vor uns aufbaute. „Ich habe keine Chance im direkten Kampf gegen ihn, Annie“, stieß er hervor. „Bring das Mädchen und dich in Sicherheit.“

Ich schluchzte und versuchte, auf die Beine zu kommen. Nichts funktionierte. Nicht einmal meine Beine wollten mir gehorchen. Und ich schaffte es schon gleich gar nicht, Vivians Körper mit mir hochzuziehen, geschweige denn, mit ihr von hier zu verschwinden. Ich fühlte mich einfach nur so zerschlagen, dass ich am liebsten alles aufgegeben hätte. Sollte er mich töten. Dann war diese Qual endlich vorbei.  

Obwohl sich dieser Gedanke in meinem Kopf bildete, kämpfte ich mich weiter hoch. Ich hatte noch nie einfach aufgegeben, warum sollte ich jetzt damit anfangen. Weil ich Schuld an Susans Tod war? Ich schluchzte wieder auf und biss die Zähne zusammen. Meine Arme umklammerten die bewusstlose Vivian. Sie hatte mir durch ihr Handeln das Leben gerettet. Allein für sie musste ich jetzt kämpften. 

Trevor stand wie ein Fels in der Brandung. Endriel kam nicht näher, wahrscheinlich fürchtete er den Jäger, wenn er in dessen greifbare Nähe kam. Aber ein dunkler Ball nach dem anderen donnerte in Trevors Schutzschirm. Es wunderte mich etwas, woher Trevor die Kraft für den Schirm hatte, soviel ich wusste, besaß er nur wenige magische Kräfte, dann sah ich, dass sein Schwert eine große Rolle bei der Abwehr spielte. Es glühte genauso wie der Schirm und manchmal fing er einen der Bälle mit dem Schwert ab und warf ihn zur Seite. 

„Verschwinde endlich, Annie!“, schrie Trevor. „Verschwinde endlich!“ 

Ich gab mir wirklich alle Mühe. Panisch kämpfte ich mich vorwärts und zog Vivian mit mir. Wieder krachte hinter uns Endriels Magie in die Erde, ließ sie beben und ich stöhnte, weil ich stolperte und wieder den Boden unter den Füßen verlor. Ich konnte mich gerade noch drehen, so dass nicht Vivian zuerst auf der Erde landete, dann stöhnte ich auf, als der Schmerz meinen Körper durchzuckte. 

Endriels Lachen dröhnte durch die Luft bis an meine Ohren und ich schluchzte wieder auf. Verzweifelt wischte ich mir über die Augen, versuchte die Tränen zu verdrängen, die ungehindert über meine Wangen liefen. Dann hörte ich Trevor aufschreien und jegliche Hoffnung verging zu nichts. Ich drehte den Kopf, während ich Vivian noch immer festhielt, und das Blut gefror mir fast in den Adern. Trevor war auf die Knie gesunken, das Schwert noch immer in den Händen, aber von seinem Schutzschirm sah ich keine Spur mehr. 

Und Endriel hob mit einem siegessicheren Lächeln im Gesicht den Arm mit dem nächsten Feuerball. 

Ich vergrub mein Gesicht in Vivians Haaren und einen kurzen Augenblick ging mir durch den Kopf, dass es das junge Mädchen gut hatte. Sie würde nicht merken, wenn sie starb. 

Ich aber wollte auch nicht sehen, wie Trevor im dunklen Feuer von Endriels Magie verbrannte und ich wollte auch nicht sehen, wann Endriels Magie auf mich zuraste.

Allerdings passierte gar nichts von beidem, sondern urplötzlich änderte sich etwas. Ich riss den Kopf hoch, als das drückende Gefühl, das Endriels Macht in meinem Kopf auslöste, verschwand und ein warmer Strom belebender Magie durch meinen Körper raste. Plötzlich war die ganze Gegend in ein goldenes Licht getaucht und im gleichen Atemzug materialisierten zwei Gestalten zwischen Trevor und Endriel. Eine davon kannte ich nur zu gut, während die andere mir völlig unbekannt war. Sheldon sah sich nicht um und auch die Frau an seiner Seite hatte nur Augen für den dunklen Magier, der zorneserfüllt fluchte, als sein Feuerball wirkungslos im Schild der beiden materialisierten Personen verpuffte.  

„Diese Welt steht unter unserem Schutz“, sagte die unbekannte Frau mit einer hellen, klaren Stimme.  

Endriel lachte, doch sein Lachen klang bei weitem nicht mehr siegessicher. „Die Lucyana ist zu schwach, sie zu schützen!“ 

Ich konnte nur fassungslos zusehen, wie die Frau eine kurze Handbewegung machte und ein Sturm heller Magie auf den Magier zufegte. Wie ein Windstoß fuhr sie durch seinen Körper, brachte ihn zum schwanken. Im nächsten Moment mischte sich Sheldon ein und Endriel schrie schmerzgepeinigt auf. 

„Ihr seid zu schwach, um mich zu töten!“, brüllte er, taumelte jedoch rückwärts. „Ich komme wieder und werde vollenden, was ich begonnen habe!“ 

Und wieder konnte ich beobachten, wie dunkles Licht seinen Körper einhüllte, ein Portal öffnete und den Mann verschluckte. Urplötzlich war das drückende Gefühl völlig verschwunden und ich sackte zusammen. Vielleicht war die Anspannung das einzige, was mich noch aufrecht gehalten hatte, mit ihrem Wegfall verließ mich alles und ich fühlte mich einfach nur noch zerschlagen. So zerschlagen, dass ich am liebsten die Augen zugemacht hätte und auf der Stelle eingeschlafen wäre. 

Sheldon und die unbekannte Frau drehten sich um und kamen auf uns zu. Sheldon blieb vor Trevor stehen und half ihm auf die Füße. Ich konnte nicht erkennen, inwieweit Trevor verletzt war, aber Sheldon musste ihn stützen. 

Ich hielt Vivian noch immer umschlungen, spürte jetzt jedoch, dass sich das Mädchen regte. Über ihren Kopf hinweg beobachtete ich die Frau, die weiter auf uns zukam und einen Moment verschlug es mir den Atem.  

Sie war schön, aber nicht in der Art von Schönheit, wie ich es bisher auf der Erde gesehen hatte. Es passierte selten, dass ich eine Frau ansah und in diesem Zusammenhang an Schönheit dachte. Meine Vorlieben gingen eindeutig in Richtung Männer, aber jetzt und hier registrierte ich es. Vielleicht weil es eine Art Schönheit war, die mir vorher noch nicht begegnet war. 

Sie war groß, sicherlich größer als ich und auch größer als Vivian und sehr schlank. In dem feinen Gesicht dominierten die grünen, schmalen Augen, die genau wie die Augenbrauen leicht nach oben geschwungen waren. Auch ihre Gesichtsfarbe war hell, soweit ich das in diesem Licht erkennen konnte. Perfekt geformte Lippen, auf denen jetzt ein leises Lächeln lag, vollendeten die Perfektion ihrer Gesichtszüge. Helle, lange, fast farblose Haare fielen über ihren Rücken bis hinab zu ihrem Po und glänzten im Licht der Flammen und der wenigen Straßenlaternen. Ich ahnte, dass sie im Sonnenlicht noch grandioser anzusehen waren. Da die Haare hinter ihre Ohren gestrichen waren, konnte ich erkennen, dass diese spitz ausliefen. Sie trug eine overallähnliche Kombination in einem dunklen Grün, das perfekt zur Farbe ihrer Augen passte und die ihren Körper wie eine zweite Haut umschmiegte. Alles an ihr schien perfekt und so unwirklich, als wäre sie aus einem Märchen entstiegen. 

Dann war sie vor uns angekommen und Vivian hob etwas orientierungslos ihren Kopf. Ihr Blick fiel auf die Frau und sie zog scharf die Luft ein. Im gleichen Moment drängte sie sich noch näher an mich als würde sie Schutz suchen und flüsterte:

„Niira.“ 

Die Frau senkte lächelnd den Kopf. „Du hast Recht, Vivian“, sagte sie mit einer sanften Stimme, die Sheldons so ähnlich war. Es war kein Vergleich mehr zu dem Tonfall, mit dem sie vorher Endriel angesprochen hatte. 

Ich versuchte krampfhaft, mein Gedächtnis zu durchkämmen, wo ich den Namen schon gehört hatte. Dass Vivian nun noch anfing zu zittern, irritierte mich etwas, denn das Gefühl, das ich mit der Frau verband, war keine Gefahr. 

Dann traf der Blick der grünen Augen mich. „Ich freue mich sehr, dich lebend wieder zu sehen, Lucyana. Wenn auch die Umstände nicht gerade vorteilhaft sind.“  

Wieder zu sehen? Ich konnte mich nicht entsinnen, sie jemals gesehen zu haben.

Sie streckte mir ihre wie makellos wirkende, schmale Hand entgegen, um mir aufzuhelfen, doch ich hatte mehr damit zu tun, Vivian festzuhalten, die sonst wahrscheinlich davon geschossen wäre. 

Niira zog ihre Hand zurück. „Das dunkle Kind fürchtet mich“, erklärte sie leise. „Zu Recht, aber heute sind Dinge geschehen, die die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen lassen.“ 

Ich kämpfte mich hoch, ohne Vivian loszulassen. Das Mädchen zitterte immer noch und schien sich fast hinter meinem Rücken verkriechen zu wollen. So kannte ich sie nicht und es irritierte mich etwas. 

„Mein Name ist Niira“, stellte Niira sich dann selbst noch einmal vor. „Ich gehöre zum Rat der Fünf, dem die fünf mächtigsten weißen Magier angehören.“ 

Urplötzlich war die Erinnerung wieder da und ich entsann mich an jenen Tag, als mir Vivian ein wenig über die Geschichte der Magie erzählt hatte. Jetzt verstand ich auch die Angst des Mädchens. 

Niira winkte. „Folgt mir. Wir müssen als erstes hier weg an einen ruhigen Ort. Ich denke, wir haben eine Menge zu bereden.“ 

Hatten wir das? Ich war mir gar nicht so sicher, wie ich diese Frau einschätzen sollte. Mein Blick fiel auf Trevor, der zusammen mit Sheldon neben uns getreten war. Er konnte wieder selbständig stehen, aber er sah scheußlich aus. Sicherlich genauso scheußlich wie ich und Vivian, doch der Anblick schnürte mir die Kehle zu. Ich musste ihn genauso angesehen haben wie er mich, denn er streckte wortlos die Arme aus. Keine Ahnung, was ich in dem Moment dachte. Sicherlich gar nichts. Ich ließ Vivian los, fiel Trevor um den Hals und fing an zu weinen.  

„Es tut mir leid“, flüsterte er verzweifelt. „Es tut mir so leid…“ 

Erst in diesem Augenblick registrierte ich so richtig, was passiert war und schlagartig war da wieder Susans Bild in meinem Kopf. Ich schluchzte noch heftiger auf und klammerte mich an Trevor fest als wolle ich ihn nie wieder loslassen. Alles stürzte auf mich ein. Susans Blick, ihre Verzweiflung, die Bitte um Hilfe in ihren Augen und die Schuldgefühle drohten mich zu überwältigen. 

Ich bekam nicht einmal mit, dass Niira neben uns ein Portal öffnete. Erst als Trevor mich mitzog und Sheldon die widerstrebende Vivian hindurch schob, blinzelte ich durch die Tränen in meinen Augen und erkannte, dass wir vor meinem Haus materialisiert waren. Es interessierte mich im Moment nicht einmal, woher diese Niira wusste, wo ich wohnte. Trevors Arm lag noch immer um meine Schultern. Schniefend wischte ich über meine Augen, doch die Tränen liefen unvermindert weiter. Es dauerte ewig, ehe wir es geschafft hatten, die Haustür zu öffnen. Ich sah auch nicht mehr viel. Ich bemerkte, dass Raven aus Vivians Zimmer gestürzt kam, dem Mädchen um den Hals fiel und sie sich schluchzend an ihn klammerte.  

Trevor hielt mich noch immer fest, aber ich konnte das jetzt nicht mehr ertragen. Ich löste mich aus seinen Armen, stürzte die Treppe hinauf in Richtung meines Schlafzimmers, schlug die Tür hinter mir zu und fiel auf das Bett. Mochten die da unten machen, was sie wollten. Ich wollte meine Ruhe haben, mich irgendwo verkriechen und weinen.

 

Teil 32

 

Ich konnte nicht schlafen, weil ich weiter weinte. Dabei fühlte ich mich so übermüdet, eigentlich hätte ich sofort wie eine Tote in den Schlaf sinken müssen. Aber es funktionierte nicht. 

Irgendwann öffnete sich die Tür und ich zog mir ein Kissen über den Kopf, weil ich niemanden sehen wollte. Ich wollte auch nicht reden.  

Trevor nahm mir das Kissen weg, setzte sich neben mich auf das Bett, lehnte sich ans Kopfende und zog mich in seine Arme. Er hatte geduscht, ich roch die Seife und das Shampoo an ihm und mir fiel ein, dass ich mitsamt meiner schmutzigen Kleidung auf das Bett gefallen war. Es war mir trotzdem egal. 

„Es ist nicht deine Schuld, Annie“, sagte er Ewigkeiten später. 

Ich antwortete nicht, aber neue Tränen liefen über meine Wangen.  

„Es hat nichts damit zu tun, dass du Susan eingeweiht hast“, fuhr er leise fort und strich beruhigend über meine Haare. „Er hätte sie auch so gefunden, aus dem einzigen Grund, weil sie dir etwas bedeutet und er dich damit verletzen konnte. Menschenleben zählen für einen dunklen Magier nichts. Sie sind nur potentielle Kraftspender.“ 

Schluchzend vergrub ich mein Gesicht an seiner Brust. Eigentlich hatte ich geglaubt, keine Tränen mehr zu haben. Es war ein Irrtum. 

Trevor presste seine Lippen gegen meine Haare. „Es gibt nichts, was ich sagen kann, was deinen Schmerz lindert, aber ich weiß, wie du dich fühlst.“ 

Susan war wegen mir gestorben. Weil sie meine Freundin war und ich diese verfluchten Kräfte besaß, die ich nie haben wollte. Ich hasste mich selbst dafür. Alles in mir wünschte sich, die vergangen Stunden rückgängig machen zu können und es zu verändern, so dass ich an Susans Stelle sterben konnte. 

„Du musst schlafen, Annie“, hauchte Trevor in meine Haare. „Wenigstens ein paar Stunden. Niira wird bleiben, sie hat eine Menge mit Sheldon zu besprechen, aber sie möchte auch mit dir reden…“ Er stockte kurz. “Und mit Vivian.“ 

In meiner Verzweiflung hatte ich die Frau völlig vergessen. Aber im Moment interessierte sie mich auch nicht wirklich.  

„Was ist mit Vivian?“, fragte ich, ohne den Kopf zu heben. 

„Sie schläft genauso wenig wie du. Allerdings aus einem anderen Grund. Sie hat eine Heidenangst vor Niira.“ Gedankenverloren streichelten Trevors Hände über meine Haare. „Ich habe gesehen, was sie heute getan hat, Annie. Sie braucht keine Angst vor Niira zu haben.“ Seine Hände hoben mein Gesicht zu seinem. „Sag ihr das, okay? Mir glaubt sie nicht. Ihr braucht beide Schlaf.“ 

Ich nickte müde. „Wo ist sie?“ 

„Vor der Tür. Sie wollte nicht reingehen, wenn du so offensichtlich allein sein wolltest.“ 

Ich schniefte leise. „Dich hat das nicht gestört.“ 

„Ich bin ein wenig älter als sie“, antwortete er ernst. „Man lernt erst viel später, dass jemand, der sich verkriecht, nicht unbedingt allein sein will. Manchmal schon. Aber nicht immer.“ 

Ich schloss kurz die Augen und wieder traten neue Tränen hinter meinen Lidern hervor. „Ich fühle mich so verdammt schuldig“, flüsterte ich verzweifelt. 

Er senkte kurz den Kopf und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen. „Ich weiß“, war alles, was er sagte und es klang so traurig, dass ich wusste, er hatte ähnliches erlebt.

Dann löste er sich von mir und stand auf. An der Tür drehte er sich noch einmal um. 

„Ich hatte verfluchte Angst um dich, Annie.“ 

Er erwartete keine Antwort und ich hatte auch keine. Einzig und allein die Tränen flossen unvermindert weiter und ich suchte krampfhaft nach einem Taschentuch neben meinem Bett. Als ich wieder hochsah, hatte er das Zimmer verlassen, und Vivian war hereingekommen. Sie hatte ebenfalls geduscht und ihre dunklen Haare waren noch nass. Ihr Gesicht wirkte noch blasser als sonst und dunkle Ringe langen unter ihren Augen. Zögernd, als wäre sie unsicher, kam sie näher.  

Ich schluchzte erneut auf, hob meine Arme und im nächsten Moment fiel sie mir um den Hals und fing ebenfalls an zu weinen. 

„Was du getan hast, war verrückt, Vivi“, schniefte ich, während ich sie festhielt. „Du hättest sterben können.“ 

„Du wärst tot, wenn ich es nicht getan hätte“, brachte sie hervor. 

Das stimmte. 

Ich weiß nicht, wie lange wir weinten und uns gegenseitig festhielten. Irgendwann versiegten die Tränen, weil es einfach keine mehr gab und ich fühlte mich noch müder. Vivian löste sich aus meiner Umarmung, griff nach dem Taschentuch, das ich ihr hinhielt und wischte sich verlegen über die Augen. 

„Ich bin gewöhnlich nicht so eine Heulsuse.“ 

„Ich auch nicht“, gab ich seufzend zu. Dann hob ich meine Hand und strich ihr sanft über die Wange. „Ich will nicht, dass du noch einmal dein Leben riskierst, um meins zu retten.“ 

Ihre großen dunklen Augen schauten mich einfach nur traurig an. „Ich weiß, wie du dich gefühlt hast“, flüsterte sie stockend. „Du hast dich aufgegeben, als du gesehen hast, wie Susan starb. Du hättest dich töten lassen, ohne etwas zu tun.“ 

Ich starrte sie an, ohne einen Ton hervorbringen zu können und neue Tränen rollten meine Wangen hinab. 

„Ich habe das gleiche gefühlt, als Dorean gestorben ist…“, hauchte sie dann kaum hörbar. 

Noch immer konnte ich nichts sagen, weil der Kloß in meiner Kehle immer größer wurde. Sie klang, als wäre sie um einiges älter als ich, sie klang, als müsste sie mir Trost zusprechen und ich wusste genau, dass es das war, was sie versuchte. Mit sechzehn musste man solch eine Erfahrung noch nicht gemacht haben. Aber sie hatte es. Und damals war niemand da gewesen, der ihr ein wenig des Schmerzes hätte abnehmen können. 

„Verflucht“, murmelte ich verzweifelt. „Ich bin so eine Idiotin.“ 

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Bist du nicht.“ 

Dann sah ich sie ernst an. „Du brauchst keine Angst vor Niira zu haben. Ich habe keine Ahnung, warum sie hier ist. Aber ich verspreche dir, ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas antut.“ 

Vivian verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Niira ist eine der fünf mächtigsten weißen Hexen. Du hast nicht den Hauch einer Chance gegen sie.“ 

„Egal“, entgegnete ich überzeugt. Was sie dazu bracht, noch kläglicher zu grinsen.

„Magst du hier schlafen?“, fragte ich dann vorsichtig. „Wir brauchen wenigstens ein paar Stunden Ruhe.“ 

Sie nickte schüchtern. 

„Ich geh noch fix duschen“, sagte ich dann mit einem schwachen Lächeln. 

Vivian nickte und überraschte mich dann, indem sie sich vorbeugte, mir einen schnellen Kuss auf die Wange gab und flüsterte. „Danke, Annie.“ 

Diese Geste rührte mich mehr als alles andere. Ehe ich jedoch in die Versuchung kommen konnte, weiterzuflennen, war sie aufgestanden und um das breite Bett herumgegangen. Ich seufzte, denn es kostete mich eine Menge Überwindung aufzustehen und ins Bad zu schlurfen.  

Es war mir egal, was Sheldon und diese Niira unten in meinem Wohnzimmer taten. In gewisser Art und Weise war mir die Frau unheimlich, aber ich vertraute Sheldons und Trevors Urteilsvermögen in dieser Hinsicht völlig. Zu mehr Denken war ich einfach nicht mehr in der Lage. Ich sah auch Trevor nicht, nahm aber an, dass er sich denken konnte, dass ich Vivian nicht wieder aus meinem Zimmer schicken würde. Er war alt genug, um selbst entscheiden zu können, wo er ein paar Stunden in Ruhe schlafen konnte. 

Als ich wieder zurück ins Schlafzimmer kam, hatte sich Vivian schon unter der Decke zusammengerollt und schlief. Ich fiel auf meine Seite und war keine Minute später ebenfalls eingeschlafen.

 

~*~*~*~*~*~*~*~

 

Trevor hatte auf dem neuen Klappbett in Vivians Zimmer geschlafen. Ich wusste nicht, wie er Raven davon überzeugt hatte, dass er keine Angst haben musste, aber als ich nach fünf Stunden Schlaf mein Zimmer verließ, saß Raven zusammen mit Trevor in der Küche und frühstückte. 

Vivian schlief noch und ich wollte sie auch nicht wecken. Erst einmal wollte ich diese Frau, die so stark sein sollte, kennen lernen. 

Niira war noch immer in ein Gespräch mit Sheldon vertieft. Den beiden merkte ich keine Müdigkeit an, und das, obwohl auch Sheldon am Kampf auf Whoorin beteiligt gewesen war. Vielleicht gab es auch noch eine geheime Möglichkeit, seine Kräfte wieder zu erneuern, die man noch nicht für wichtig genug gehalten hatte, mir gegenüber zu erwähnen. 

Niira schaute mich mit diesem überirdisch schönen Gesicht an, als ich mich auf die Couch setzte und lächelte. 

„Ich freue mich, dich zu sehen, Annie.“ 

Ich konnte sie nicht einschätzen, deshalb brachte ich das: „Gleichfalls“, auch nicht hervor. Meine Schwäche. Heucheln und etwas sagen, was ich nicht meinte, war noch nie mein Ding gewesen. Vielleicht sah sie mir meine Skepsis auch überdeutlich an, denn ihr Lächeln wurde breiter. 

„Ich nehme an, du hast eine Menge Fragen. Warum stellst du sie nicht?“ 

Ehe ich dazu kam, hörte ich jemanden die Treppe heruntergekommen und Vivian schlurfte ins Wohnzimmer. Schlurfte war der richtige Ausdruck, denn sie sah aus wie ich, wenn man mich zu zeitig weckte und ich mich aus dem Bett quälen musste. Wortlos verschwand sie erst einmal in der Küche. 

„Vielleicht warten wir noch auf das dunkle Kind“, sagte Niira mit ihrer weichen Stimme. 

Wie sie wollte. Ich zuckte mit den Schultern. Wer war ich denn, etwas dagegen zu sagen? „Dann fangen wir doch einfach mit der Sache an, die Vivian weiß, aber ich nicht. Wer sind Sie?“ 

Niira lächelte wieder. „Mein Name ist Niira Elkamor. Ursprünglich stamme ich von der Welt Avalon. Die Menschen deiner Welt, Annie, würden mich als eine Elfe bezeichnen.“ 

Ah ja. Das würde passen. Ich starrte sie stumm an, ohne etwas zu sagen. 

„Ich wurde vor siebenhundertdreizehn Menschenjahren geboren und gehöre seit sechshundertvierzehn Jahren zum Rat der Fünf, dem außer mir noch Amdalon, Keerin, Saumorn, und Lorraine angehören“, fuhr Niira fort. „Meine Aufgabe ist es, die Welten, die unter unserem Schutz stehen, im Auge zu behalten.“ 

„Die Erde?“ 

Sie nickte. „Seit einiger Zeit geschehen auf der Erde Dinge, die nicht verborgen bleiben. Menschen streben nach Macht, andere Welten streben nach Macht. Und es werden Menschen geboren, denen es bestimmt ist, das Schicksal zu beeinflussen.“

Für einen Moment fiel es mir schwer zu atmen. Sie meinte nicht mich, oder? Als ich diese Frage stellte, lächelte sie wieder fein. „Du bist eine von ihnen, Annie. Aber bis gestern war mir nicht bewusst, dass du nicht die Einzige bist.“ 

Es dauerte eine Weile, ehe richtig durchsickerte, was sie sagte und mir fehlten einen Moment die Worte. Es war zu ungewöhnlich, ja zu unmöglich, wenn man bedachte, welche Differenzen zwischen dunkler und heller Seite herrschten. 

„Vivian?“, flüsterte ich deshalb fassungslos und völlig ungläubig. 

Niira neigte den Kopf. „Das dunkle Kind hat etwas getan, was in unseren Augen etwas sehr Außergewöhnliches darstellt.“

In diesem Augenblick kam Vivian, mit einen großer Becher Kakao in der Hand, wieder aus der Küche. Mit einem noch immer sehr mürrischen Gesichtsausdruck fiel sie neben mich auf die Couch, in größtmöglicher Entfernung zu Niira, stellte den Becher auf den Tisch und murmelte: „Redet ihr über mich?“ 

Die Elfe nickte. Dann hob sie ihre Hand in Vivians Richtung und ließ das weiße, magische Licht auf ihrer Handfläche tanzen. Vivian setzte sich übergangslos kerzengerade auf und musterte Niira mit einem wachsamen und zugleich fluchtbereiten Ausdruck im Gesicht. 

Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie beruhigend. Ich konnte förmlich spüren, dass Vivian nur darauf wartete, aufzuspringen und zu flüchten. Das wollte ich verhindern, denn Vivian sollte hören, was Niira zu sagen hatte. Mittlerweile bezweifelte ich ebenfalls, dass Niira eine Gefahr für das junge Mädchen darstellte. 

Das weiße Licht wurde zu einem Nebel, der von Niiras Hand aufstieg und in Vivians Richtung schwebte. Das junge Mädchen hielt den Atem an, während ihre Augen verfolgten, wie das Licht näher kam. Sicherlich unbewusst hob sie ihre Hand ebenfalls und diesmal entfuhr mir ein:

„Wow…“ 

Vivians Licht war nicht mehr schwarz. Jedenfalls nicht mehr die dunkle Schwärze, die ich damals im Heim für schwererziehbare Jugendliche kennen gelernt hatte. Es war auch nicht rein und weiß wie mein eigenes, aber allein, dass sich die Farbe des Lichtes verändert hatte, überraschte mich mehr als alles andere. 

Vivian schien es genauso zu gehen, denn sie starrte auf ihre Hand und hatte Niira völlig vergessen. Jetzt war es Hilflosigkeit, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelte. Fragen standen in ihren Augen und ich wusste, dass Niira die Einzige war, die sie beantworten konnte. 

Mit einer kurzen Handbewegung ließ die Elfe ihr eigenes magisches Licht verschwinden. 

„Du wolltest das Höchste opfern, das ein lebendes Wesen opfern kann“, erklärte sie weich. „Dein Leben.“ 

Mein Kopf schoss zu Vivian. „Was?“, brachte ich hervor.  

Verlegen senkte das Mädchen den Kopf und Niira antwortete an ihrer Stelle. „Sie wollte ihr Leben opfern, um deins zu retten, Annie.“ 

Ich hatte keine Augen mehr für die Elfe, sondern schaute nur Vivian an. „Warum?“, flüsterte ich erstickt. 

„Weil sie glaubt, dein Leben wäre mehr Wert als ihr eigenes“, kam es wieder von Niira. 

„Vivi?“, fragte ich verzweifelt. 

Sie schüttelte stumm den Kopf, ohne mich anzusehen. Ich ließ ihre Hand los, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an mich. Es bedurfte keiner Worte. Mir war vollkommen klar, dass Niira mit dem, was sie gesagt hatte, richtig lag. 

„Ich habe dich damals gebeten, mich zu töten“, sagte Vivian plötzlich leise und noch immer mit gesenktem Kopf. „Du wolltest es nicht. Wenn ich gestorben wäre, um dein Leben zu retten, hätte ich einen Teil der Dinge, die ich getan habe, wieder gut machen können.“ 

Wieder stiegen Tränen in meine Augen. „Du Dummkopf“, hauchte ich fassungslos und lehnte einen Moment meine Stirn gegen ihre Haare. „Du Dummkopf. Das machst du nie wieder, hörst du? Nie wieder…“ 

„Es ist einmalig in der Geschichte der Magie“, mischte sich Niira ein, „dass ein dunkles Kind solche Gefühle entwickelt. Noch dazu, wenn es sich um die Tochter Anastasias handelt.“ 

Ich hob den Kopf und sah die Elfe an. Vivian blieb stumm, aber sie lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter und schaute zu Niira. 

Niira beugte sich nach vorn und hob die Hand. Ich fühlte, wie sich Vivian verspannte, aber sie rührte sich nicht, als Niiras Finger sanft über ihre Wangen strichen. 

„Du stehst ab heute unter dem Schutz der weißen Magie, kleine Vivian“, erklärte sie ernst. „Ich hoffe, du bist dir der Verantwortung, die wir dir damit übertragen, bewusst.“ 

Vivian schluckte und brauchte eine Weile, ehe sie fähig war zu antworten. „Ich weiß nicht, was es heißt.“ 

„Ich auch nicht, Vivi“, gab ich trocken zu. „Ich hoffe, sie erklärt es noch.“ 

Niira lachte glockenhell und Sheldon, den ich bis jetzt gar nicht beachtet hatte, schmunzelte ebenfalls. Ich fand das gar nicht toll, denn wenn sie schon lachten, wollte ich mitlachen. 

„Ihr seid noch sehr jung, alle beide“, erklärte Niira. 

Darüber konnte man streiten, aber ich ließ das einfach mal im Raum stehen. Jemand, der über siebenhundert Jahre alt war, durfte mich ruhig als jung bezeichnen. 

„Das Wichtigste ist eine Ausbildung“, fuhr die Elfe fort. „Die Universitätswelten Haastard und Avalon stehen euch offen.“  

„Mir auch?“, fragte Vivian fassungslos und richtete sich auf. 

Die Elfe nickte. „Natürlich auch dir. Wir nehmen die Verantwortung, die wir für unsere Schützlinge tragen, sehr ernst. Es wird nicht leicht für dich werden und möglicherweise wirst du auf Misstrauen und vielleicht auch Abneigung stoßen, aber ich denke, eine Ausbildung ist sehr wichtig für dich.“ 

„Ich kann mit Misstrauen und Abneigung umgehen“, entgegnete Vivian ruhig. „Mir wurde in den letzten Monaten kaum etwas anderes entgegen gebracht. Was ich allerdings nicht will, ist genau das gleiche zu erleben wie in den Jahren meiner Kindheit. Ich will nicht wieder in Schranken gepresst werden, mich Regeln unterwerfen, die andere für mich aufstellen, weil sie glauben, dass es zu meinem besten ist. Ich weiß genauer, was für mich am besten ist.“ 

Ich persönlich konnte das von mir nicht behaupten. Eigentlich fand ich es am besten, die letzten Wochen aus meinem Kopf zu streichen, die Kräfte abgeben und ein normales Leben führen. Vivian musterte Niira aus schmalen Augen und jegliche Angst, die sie noch vor wenigen Minuten vor der Elfe empfunden hatte, war verschwunden. 

„Ich ziehe den Tod vor“, sagte sie leise, „wenn Leben bedeutet, mich selbst aufzugeben. Wenn Leben bedeutet, Befehlen zu gehorchen, deren Sinn ich nicht verstehe. Und wenn Leben bedeutet, vorzuspielen jemand zu sein, der ich nicht bin.“ 

Niira senkte bestätigend den Kopf. „Kluge Worte, vor allem, wenn man dein Alter bedenkt. Ich schätze deine Ehrlichkeit sehr, Vivian. Ich rate dir trotzdem, eine der Universitäten zu besuchen. Die Macht, die uns gegeben wurde, ist stark und gefährlich. Du weißt schon sehr viel, aber bei weitem nicht alles.“ 

Vivian hielt Niiras Blick stand. „Ich weiß das.“ 

Ein Lächeln umspielte die Lippen der Elfe. „Es wird sehr interessant für mich sein zu beobachten, wie ihr euch entwickelt und was aus euch wird. Natürlich werde ich nicht immer erreichbar sein, aber wenn etwas ist, kontaktiert Sheldon. Er steht in Verbindung zu mir. Und ich weiß…“ Sie drehte den Kopf und lächelte den Vampir an. „Ich weiß, dass Sheldon sehr viel daran liegt, euch in sicheren Händen zu wissen. Das Kräfteverhältnis ist zu schwach verteilt, als dass wir es uns leisten können, solch starke potentielle Magier zu verlieren.“ 

Bevor ich eine solche Entscheidung fällte, musste ich mir selbst darüber klar werden, was ich wollte. Denn es hieß, alles aufzugeben, was ich bisher erreicht hatte. Okay, mein Job? Wie lange ich den noch haben würde, stand in den Sternen. Larry war schon lange Vergangenheit. Susan war tot. Es gab nicht viele Menschen auf dieser Welt, die mir wichtig waren oder denen ich wichtig war. Was also hielt mich noch auf dieser Welt? Die Menschen, die mir ans Herz gewachsen waren, gehörten meinem neuen Leben an. Trotzdem würde es ein endgültiger Schritt sein und ich musste mir gründlich überlegen, ob ich ihn gehen wollte. 

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich den Zwängen einer weißmagischen Universität unterwerfen will“, erklärte Vivian neben mir. 

Sie wusste besser, was sie wollte als ich. Beschämend. 

„Du hast dir Feinde gemacht, Vivian“, erklärte Niira sanft. „Sie werden dich jagen. Sie werden keine Ruhe geben, bis sie dich getötet oder gebrochen haben. Auf Haastard oder Avalon bist du vorerst sicher.“ 

„Ich habe keine Angst vor dem Tod“, antwortete Vivian lakonisch. 

Die Elfe nickte. „Niemand, der so alt ist wie ich, fürchtet den Tod. Wir wissen, dass das Leben bedeutend schlimmere Dinge bereithalten kann.“ 

Mein Blick wanderte von Niira, die Vivian offen anschaute, zu dem jungen Mädchen. Verschwunden war die unterschwellige Angst, die sie noch vor wenigen Minuten dazu gebracht hatte, Schutz suchend an meine Seite zu rutschen. Jetzt erwiderte sie den Blick eher mit einem gewissen Trotz.  

Niira lächelte fein. „Wir befinden uns im Krieg. Wir müssen die Welten schützen, die unter unserer Obhut stehen.“ Sie machte eine Handbewegung, die die Erde einzuschließen schien. „Wer mit der Macht geboren wurde, dem wurde eine hohe Verantwortung in die Wiege gelegt. Entweder man kann moralisch damit umgehen oder nicht. Aber wir versuchen alles, um diesen Wesen die Verantwortung begreiflich zu machen. Es gibt immer wieder Rückfälle, das ist einfach nicht zu verhindern, aber zu erleben, dass es auch anders herum sein kann, dass ein dunkles Kind die Seite des Lichts entdeckt und Gefühle entwickelt, die sie nicht fühlen dürfte, stimmt mich glücklich. Ich musste über siebenhundert Jahre alt werden, um das zu erleben.“ 

„Mum nannte es schwach“, entgegnete Vivian trocken. „Sie nannte es den Fehler meiner menschlichen Gene.“ 

„In meinen Augen bist du sehr, sehr stark“, sagte Niira. „Das Leben ist etwas unschätzbar Wertvolles…“ 

„Meins nicht“, unterbrach das Mädchen die Elfe. 

Ich stieß sie mit dem Ellenbogen in die Seite. 

„Dies zu erkennen und entsprechend zu handeln“, fuhr Niira unbeirrt fort, „macht wahre Stärke aus.“ 

„Wenn ich solches philosophisches Geschwafel auf Haastard oder Avalon höre, gehe ich wieder“, brummte Vivian missmutig und ich musste grinsen. 

„Ich auch. Heißt das, wir gehen da zusammen hin?“ 

Vivian steigerte sich gerade in ihre mürrische Laune hinein. „Hab ich nicht gesagt. Ich weiß es noch nicht. Ich muss vorher noch eine Menge klären.“ 

Jetzt drehte Niira ihren Kopf und ihre klaren, grünen Augen trafen meine. „Du musst deine Vergangenheit kennen lernen, Annie. Sheldon kann dir helfen. Es ist sehr wichtig für dich zu erfahren, was in deinem Leben passiert ist.“ 

Übergangslos war ein Knoten in meinem Magen da. „Was weißt du, was ich nicht weiß?“, fragte ich schwach. 

„Die Erinnerungen sind in deinem Kopf, aber du hast keinen Zugang zu ihnen. Ich werde sie dir nicht erzählen, du musst sie sehen und erleben.“ 

Plötzlich hatte ich Angst und ein eisiger Schauer lief meinen Rücken hinab. Da mir wirklich Erinnerungen an meine Kindheit fehlten, hatte ich eine Menge Abhandlungen über dieses Thema gelesen. Der menschliche Geist hatte einen Grund, solche Erinnerungen auszublenden und wenn ich bedachte, was da bei manchen Menschen ans Licht kam, wollte ich meine eigenen gar nicht kennen lernen. Mir reichten die Alpträume, die ich jahrelang gehabt hatte, ich brauchte nicht noch Stoff für neue. Aber vielleicht hatte die Elfe recht? Vielleicht musste ich meine Vergangenheit kennen lernen, um mit mir selbst zurechtzukommen? 

„Fehlen dir die Erinnerungen eigentlich, weil sie jemand blockiert hat oder weil du es selbst getan hast?“, fragte Vivian neugierig. 

„Woher soll ich das wissen“, knurrte ich gereizt.  

„Verdrängte Erinnerungen sind gefährlich.“ 

Verdammt! Ich sprang auf, verschränkte die Arme vor meiner Brust und lief im Zimmer auf und ab. Na und? Wieso überhaupt gefährlich? Was ich nicht wusste, konnte mich auch nicht belasten, oder? Außerdem, woher wollte sie das wissen? 

Vivian schaute mich mit großen Augen an. „Du hast Angst vor deiner eigenen Vergangenheit?“, fragte sie vollkommen verblüfft. „Schlimmer als meine kann sie kaum gewesen sein.“ 

„Vivian.“ Es war nur das eine Wort, das Niira sagte. Aber das junge Mädchen fragte nicht weiter, obwohl ich ihr ansehen konnte, dass ihr eine Menge durch den Kopf ging. Ihr Glück. Sie war nicht die Einzige, die schlechte Laune kriegen konnte und wenn es um das Thema fehlende Erinnerungen ging, reagierte ich sehr empfindlich. Das hatte schon Larry zu spüren bekommen und auch die Männer vor ihm. 

In diesem Moment verließen Trevor und Raven die Küche und setzten sich zu uns. Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass die beiden bis zu diesem Zeitpunkt gemütlich zusammen gefrühstückt hatten. Vivian zog Raven an ihre Seite und flüsterte etwas in sein Ohr, das ich nicht verstehen konnte. 

Trevor ließ sich in den noch freien Sessel fallen. Sein Blick glitt über uns und blieb an Niira hängen. „Was verschafft uns eigentlich die Ehre deines Besuchs, Elfe?“

Es war nicht nur die Anrede, sondern auch der Tonfall, der mich überraschte. Sein Auftreten Sheldon gegenüber war immer freundschaftlich, ja fast respektvoll gewesen. Gegenüber Niira, die meiner Meinung nach um einiges mächtiger als Sheldon war, zeigte er genau das Gegenteil. Selbst Vivian drehte überrascht den Kopf.

Über Niiras Lippen huschte ein feines Lächeln. „Das Weltengefüge wurde erschüttert.“

„Es sind in den letzten Jahren so viele Menschen gestorben, ohne dass sich einer von euch verpflichtet gefühlt hat, hier aufzukreuzen“, sagte Trevor kühl. 

Sie legte den Kopf schief und ihre grünen Augen schienen von innen heraus zu glühen. „Ich höre den Vorwurf in deinen Worten, Jäger. Aber auch wir sind nicht allmächtig. Auf anderen Welten geschehen schlimmere Dinge. Wir müssen Prioritäten setzen.“

Trevors Augen verengten sich. „Prioritäten setzen bedeutet, den Tod „unwichtiger“ Menschen in Kauf zu nehmen?“ 

Die Elfe erwiderte seinen Blick und nickte langsam. „Manchmal bedeutet es das, Jäger. Das ist richtig.“ Ehe er zu einer erbosten Antwort ansetzen konnte, hob sie ihre Hand und stoppte ihn. „Urteile nie, wenn du die Gesamtheit nicht überblicken kannst. Du hast noch nie die Verantwortung für alle Welten tragen müssen.“ 

Ich selbst würde so eine Verantwortung nie tragen wollen. Allein der Gedanke, entscheiden zu müssen, wo man im Notfall hineilte und wen man sterben ließ, war grausam. Trevor allerdings sah nicht so aus, als würde er Verständnis für Niiras Haltung haben. 

„Annes Macht ist sehr groß. Größer als es im Moment scheint und auch wir haben es unterschätzt. Was sie getan hat, hätte ihr eigentlich nicht möglich sein dürfen, und es hat das gesamte Weltengefüge erschüttert. Whoogal war zu unwichtig für Endriel geworden, er war davon ausgegangen, dass zwei schwächere Magier reichen, um seine Interessen zu vertreten. Ein Fehler, den er jetzt zu verantworten hat, weil er Anne unterschätzt hat. Und die Rolle des dunklen Kindes haben wir alle übersehen.“ Niira lächelte wieder in Vivians Richtung. „In den nächsten Jahren wird sich einiges ändern.“ Sie wurde wieder ernst. „Wir haben Krieg und seit dem gestrigen Tag wird die Erde einbezogen sein. Die Menschen werden das zu spüren bekommen. Und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Folgen so gering wie möglich bleiben.“ 

„Was bedeutet das?“, fragte ich unbehaglich. Ich wollte nicht Schuld sein, dass noch mehr Menschen starben.

„Die dunkle Seite wird versuchen, hier Fuß zu fassen“, erklärte Niira einfach. „Der angestrebte Pakt mit Whoogal ist gescheitert. Der Mensch, der im Namen Whoogals die Erde regieren sollte, ist tot.“ 

Das erstaunte mich jetzt etwas. „Welcher Mensch?“ 

„Ich kenne seinen Namen nicht“, antwortete Niira. „Aber er ist in den Erschütterungen des Weltengefüges gestorben. Er besaß schon Macht, aber nicht genug, um sich zu schützen und er war zu unwichtig, als dass ihn ein dunkler Magier geschützt hätte. Endriels Plan ist gescheitert und daran hast du einen nicht zu unterschätzenden Anteil.“ 

Es war nicht so, dass ich mich nach dieser Ehre gerissen hatte. 

„Du, und das dunkle Kind“, fuhr die Elfe fort. „Denn hätte Vivian damals nicht so gehandelt, wie sie gehandelt hat und dich getötet, wäre die Erde nun in den Händen Whoorins.“ 

„Und ihr hättet keinen Finger gerührt“, knurrte Trevor bissig dazwischen. 

Vivian zuckte mit keiner Wimper, obwohl ich bezweifelte, dass ihr das so bewusst gewesen war, mir jedoch lief ein eisiger Schauer über den Rücken. 

„Du bist eine Heldin, Vivi“, versuchte ich zu witzeln, obwohl sich mein Magen noch mehr zusammenzog. 

Sie verzog nur den Mund. 

Niira erhob sich. „Ich muss jetzt gehen. Ich war lange genug hier. Eigentlich viel zu lange. Alle weiteren Informationen kann euch Sheldon geben, aber ich hoffe, dass wir uns noch einmal wieder sehen.“ Die Elfe nickte uns freundlich zu und Sheldon folgte ihr, als sie zur Tür ging, um draußen ein Portal zu schaffen, durch das sie, wohin auch immer, zurückkehren konnte. 

Schweigen legte sich über uns restliche verbliebene Vier. Trevor starrte mit düsterem Gesichtsausdruck vor sich hin, Vivian schien mit ihren Gedanken sonst wo zu sein und Raven hatte seinen Kopf an die Schulter des jungen Mädchens gelehnt. Ihn interessierte die ganze Angelegenheit sicherlich überhaupt nicht. 

Ich brach die Stille, indem ich einfach das fragte, was ich schon lange wissen wollte. „Wen konntet ihr retten?“ 

Trevor drehte den Kopf und sah mich an. „Die meisten, die du kennst. Das Wichtigste ist jetzt erst einmal, eine neue Unterkunft zu finden. Das Dark Night steht nicht mehr zur Verfügung.“ 

„Wo befinden sie sich alle jetzt? Ist Thunder bei ihnen?“ 

„In der Kanalisation“, sagte Trevor leise. „Dort sind sie zumindest erst einmal vor dem Tagesanbruch geschützt. Und ja, Thunder versucht, das Leben im Untergrund so zu organisieren, dass die Menschen nichts von unserer Existenz erfahren. Dort sind sie zumindest erst einmal vor dem Tagesanbruch geschützt.“ 

Der Gedanke, dass sich Menschen, oder eben Vampire, in der Kanalisation aufhielten, gefiel mir gar nicht. Ich verband damit immer einen ekelhaften Gestank, Schmutz und Ratten. Ein Teil dieser Gedanken musste sich in meinem Gesicht gezeigt haben, denn Trevor lächelte schwach. „Es ist nicht das erste und wird auch nicht das letzte Mal sein, dass wir uns verbergen müssen.“ 

„Die Kanalisation durchzieht den gesamten Untergrund der Stadt“, mischte sich Vivian trocken ein. „Man kann sich bequem von einer Stelle zur anderen bewegen.“ 

Mein Kopf schoss zu ihr herum und sie grinste vergnügt. „Ja“, antwortete sie auf meine ungestellte Frage. „Ich habe mich auch zeitweise da aufgehalten. Und die Ratten sind das kleinste Übel, glaub mir.“ 

Darüber konnte man sicherlich geteilter Meinung sein. Aber Vivian hatten ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung gestanden. Ich wettete mit mir selbst, dass sie es sich mit Hilfe ihrer Magie so bequem wie möglich gemacht hatte. 

„Schon eine Idee?“, fragte ich Trevor dann. 

Er schüttelte den Kopf. „In den nächsten Jahren werden einige Schwierigkeiten auf uns zu kommen. Die Erde wird im Brennpunkt stehen und ich bin mir nicht sicher, dass wir unsere Existenz vor den Menschen geheim halten können.“ 

Ich verzog den Mund. „Vielleicht wäre es sowieso besser, alle aufzuklären.“ 

In diesem Moment kam Sheldon zurück. Er hatte meine letzten Worten gehört und schüttelte den Kopf. 

„Nein, Annie. Die Menschheit ist nicht reif genug, mit diesem Wissen umzugehen. Es existieren zu gefährliche Waffen und sie sind im gesamten Gedankengut zu intolerant. Ein Krieg, und glaub mir, Annie, es würde in einem Krieg enden, ein Krieg würde die Vernichtung der Erde nach sich ziehen und ich bezweifle, dass es die dunkle Seite der Magie ist, die die Vernichtung verursacht.“ 

Ich musste etwas zweifelnd geschaut haben, denn er lächelte schwach. 

„Kein Magier und auch kein anderer Dämon wird potentielle Energiespender, und das sind die Menschen  nun einmal, sofort vollständig vernichten. Aber menschliche Waffen, eingesetzt gegen Dämonen, schaffen das sehr schnell und gründlich.“ Seine Stimme klang sehr ruhig und sanft, so wie immer. „Die Menschheit hat keine andere Möglichkeit, sich zu wehren. Aber Massenvernichtungswaffen vernichten nicht nur Dämonen, wenn überhaupt. Es wird wohl eher so sein, dass diese sich mit Hilfe ihrer Magie schützen, während es alles andere herum vernichtet.“ 

Zorn stieg in mir hoch. Ich wusste genau, er hatte Recht. Ich hatte die Macht dieser Wesen kennen gelernt und im Ernstfall würden sie ein Portal schaffen, verschwinden und es wäre die Erde, die untergehen würde. Niemand sonst. 

„Was tun wir also?“, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass sich der Zorn in meiner Stimme widerspiegelte. 

„Du gar nichts, Annie“, entgegnete er ernst. „Du gehst nach Avalon oder Haastard und lernst mit den Kräften umzugehen, die dir zur Verfügung stehen.“ 

Der Gedanke gefiel mir nicht. Noch hatte ich ein Leben auf der Erde, das ich nicht so einfach aufgeben wollte. Vielleicht weil ich bisher immer davor zurückgeschreckt war, mein Leben völlig umzukrempeln und zu verändern. Aber ich würde darüber nachdenken müssen. Früher oder später. 

Teil 33

 

Dass ich es mit dem Leben, das ich hatte, nicht mehr soweit her war, ging mir am nächsten Tag auf, als ich meinen Briefkasten leerte und sich darin ein Brief von Steel & Partner befand. Ich starrte eine ganze Weile auf den Umschlag, die restlichen Werbebriefe in der anderen Hand, und ein unangenehmes Gefühl bildete sich in meinem Magen. 

Ich wusste nicht, wie lange ich auf den Umschlag geschaut hatte, dann riss mich eine spöttische Stimme aus meinen Gedanken. 

„Du musst ihn schon aufmachen, um zu wissen, was darin steht.“ 

Müde drehte ich den Kopf und schaute in Trevors graue Augen. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass er hinter mich getreten war. Sehr gefährlich. Und sehr leichtsinnig. Aber es war schließlich helllichter Tag. 

„Wird die Kündigung sein“, murmelte ich leise. Keine Ahnung, warum ich mich fühlte als müsste ich mich gleich übergeben. 

Trevor zuckte mit den Schultern und streckte die Hand aus. „Soll ich ihn für dich öffnen?“, bot er an. 

Ich schüttelte den Kopf, packte all die Briefe zusammen und lief vor ihm die Treppe hinauf. Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass Steel mir einfach so, nach ein paar Tagen Krankheit, die Kündigung schickte, schließlich arbeitete ich seit Jahren bei der Firma, aber das komische Gefühl war da. 

Ohne den Vampir an meinem Wohnzimmertisch zu beachten, der im Cyangolom blätterte, stieg ich die Treppen hinauf, verschwand in meinem Schlafzimmer und schloss die Tür. Hier war es heller, weil das Tageslicht das Zimmer erhellte und ich die Jalousien geöffnet lassen konnte. 

Seufzend setzte ich mich und warf die Post, die sowieso nur aus Werbung bestand, auf den Tisch. Erst dann gab ich mir einen Ruck und öffnete den anderen Brief.

Es war keine Kündigung, aber etwas Ähnliches und weil ich gar nicht damit gerechnet hatte, wich erst einmal jegliches Blut aus meinem Gesicht. Ich musste den Brief zweimal lesen, ehe ich alles begriff. 

Wir bedauern zutiefst, erfahren zu müssen, dass Sie der extremen psychischen Belastung des Arbeitsalltags nicht mehr in einem Vollzeitjob gewachsen sind.

In Rücksprache mit Ihrem zuständigen Psychologen Dr. Alban – Ihre Einverständniserklärung über das geführte Gespräch lag vor – stimmen wir mit ihm überein und beurlauben Sie zunächst auf unbefristete Zeit von Ihrer Arbeit.

Ihr Gehalt wird noch bis zum Ende des Monats gezahlt. Den Vertrag über die Aufhebung Ihres Arbeitsverhältnisses werden wir Ihnen in den nächsten Tagen zusenden, da wir wissen, dass Ihnen ein Vorsprechen in unserer Kanzlei in Ihrem derzeitigen Zustand nicht möglich ist.

Wir haben dafür vollstes Verständnis, möchten Ihnen hiermit noch einmal für die geleistete Arbeit in unserer Kanzlei danken und wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute. 

Davon einmal abgesehen, dass es meinen Psychologen – wenn ich denn einen hätte – nicht zugestanden hätte, sich mit meinem Arbeitgeber in Verbindung zu setzen, war Dr. Alban nicht mein Arzt. Ich konnte es nicht fassen.  

Ich war mir hundertprozentig sicher, dass diese Einverständniserklärung vorlag. Wie schnell ein Krankenschein gezaubert werden konnte, hatte ich erlebt. So eine Erklärung war sicherlich ebenso einfach. 

Mit dem Brief in der Hand sprang ich auf und stürzte wieder zur Tür hinaus und die Treppen hinunter. Sheldon, der noch immer in dem Buch las, schaute verblüfft hoch. 

„Ich will jetzt endlich wissen, wer dieser Dr. Alban ist“, stieß ich hervor und wedelte mit dem Zettel vor Sheldons Nase. „Ich mache dem Typen die Hölle heiß!“ 

Ohne zu antworten, nahm mir der Vampir den Brief aus der Hand und überflog den Inhalt. „Seltsam“, sagte er dann leise und reichte ihn an Trevor weiter. „Du kennst den Mann überhaupt nicht?“ 

Ich schüttelte den Kopf. „Larry hatte ihn erwähnt. Er muss ihn kennen. Vielleicht sollte ich auch einmal mit Larry ein ernstes Wort reden!“ 

Sheldon sah mich ernst an. „Wenn er die Möglichkeit hat, solch eine Erklärung zu bekommen und solche Gespräche mit deinem Chef zu führen, der ja bei weitem nicht dumm und leicht zu beeindrucken ist, ist er kein normaler Mensch oder er hat keine normalen Helfer. Allein gehst du da nicht hin.“ 

„Ich gehe mit“, meinte Trevor lakonisch. 

„Nehmt Vivian mit, sie ist ein verdammt guter Spürer und wird jede parapsychische Tätigkeit in euerer Umgebung wahrnehmen.“ 

Ich sah mich suchend um. „Wo steckt sie denn?“ 

Die gestrige Nacht hatte das Mädchen wieder in ihrem eigenen Zimmer verbracht, gemeinsam mit Raven, und Trevor hatte in dem Bett neben mir geschlafen. Es war eigenartig, dass mir das so gar nicht unangenehm war. Es war eher ein Gefühl der Beruhigung, das mich befallen hatte, als er sich neben mich legte. Ich wusste nicht, ob es ihm ähnlich ging, gesprochen hatten wir darüber jedenfalls nicht, aber vielleicht sollten wir das einmal tun. 

 „Sie wird in ihrem Zimmer sein“, vermutete Sheldon. 

Ich stand auf und nahm das Telefon mit mir. „Ich werde Larry anrufen. Er hat immer noch meinen Schlüssel und…“ Meine Stimme verklang, denn es war egal, was ich weiter sagen wollte. Außerdem war ich niemandem Rechenschaft schuldig. 

Wieder zurück im Schlafzimmer schloss ich die Tür erneut und wählte die Nummer von Larrys Freund Patrick, bei dem er unterkommen wollte. Ob er dort noch war, wusste ich nicht. Da heute ein Samstag war, erschien mir die Chance, ihn zu erreichen, recht groß. 

Patrick nahm nach dem vierten Klingeln ab. „Devon.“ 

„Hi Patrick. Hier ist Anne.“ Es herrschte Stille am anderen Ende, sicherlich war er überrascht, gerade mich am Apparat zu haben. „Wohnt Larry zufällig noch bei dir?“ 

„Anne…“, sagte er dann langsam. „Also…nein, er hat sich ein eigenes Haus genommen. Ich kann dir die Nummer geben.“ Seine Stimme klang eigenartig zögernd, fast unsicher. 

„Das wäre lieb von dir.“ Ich mochte Patrick und eigentlich bedauerte ich es, ihn jetzt wahrscheinlich nicht mehr zu treffen, da er Larrys bester Freund war. 

Patrick gab mir die Nummer und die Adresse durch. „Ist alles okay mit dir, Anne?“, fragte er dann. 

„Sicher“, entgegnete ich munter. „Larry hat bloß den Schlüssel zur Wohnung noch und ich wollte ihn gern wiederhaben.“ 

„Ah ja.“ Wieder eine Pause. „Tut mir leid, dass ihr euch getrennt habt.“ 

Ich zuckte mit den Schultern, dann fiel mir ein, dass er das ja nicht sehen konnte. „Ist schon okay so, Pat.“ 

„Anne, ich…“, begann Patrick wieder. „Also es geht mich ja nichts an…aber…Larry war nicht lange hier. Vielleicht drei Tage…“ 

„Dann hat er ja schnell ein neues Haus gefunden. Na ja, er sitzt an der Quelle. Die Bank besitzt sicherlich einige gute Miethäuser. Oder hat er es gar gekauft?“ 

„Larry arbeitet nicht mehr auf der Bank.“ 

Ich starrte einen Moment verdutzt auf das Telefon. „Was?“ Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte. Das war Larrys Traumjob gewesen, mit traumhaften Aufstiegsmöglichkeiten. 

„Er hat gekündigt, kurz nachdem er in die neue Wohnung eingezogen ist”, fuhr Patrick fort. „Sagte, er bräuchte eine Veränderung.“ 

Mein Stirnrunzeln verstärkte sich. Das sah Larry so gar nicht ähnlich. „Was macht er jetzt?“ 

„Ich weiß es nicht“, entgegnete Patrick leise. „Er war…anders.“ 

Das komische Gefühl in meinem Magen war urplötzlich wieder da. „Sagt dir der Name Alban etwas?“, fragte ich zögernd. 

Wieder Stille am anderen Ende und es war nur Patricks Atmen, das mir verriet, dass er noch nicht aufgelegt hatte. „Leonard Alban?“ 

„Psychiater?“ 

Jetzt holte Patrick tief Luft. „Volltreffer.“ 

Ich ließ mich auf das Bett sinken. „Erzähl.“ 

„Ich weiß nicht viel“, gab Patrick zu. „Dieser Leonard war einmal hier, als Larry seine Sachen gepackt hat und er war mir auf den ersten Blick unsympathisch. Ich habe keine Ahnung, woher Larry ihn kennt und weshalb sie plötzlich die besten Freunde sind. Ich weiß nur, dass Leonard etwas mit dem neuen Job zu tun hat, den Larry jetzt angenommen hat.“ 

„Das ist so untypisch für Larry“, murmelte ich gedankenverloren. 

„Eben“, meinte auch Patrick. „Er war Feuer und Flamme für etwas, was er mir nicht einmal genau erklären konnte.“ 

„Hast du noch Kontakt zu ihm?“ 

„Wenig. Wir haben drei-, viermal telefoniert, aber es waren eigenartige Gespräche. Nicht wie früher… Es war, als hätten wir uns nichts mehr zu sagen, als würde ich den Larry nicht mehr kennen.“ 

Ich schluckte, ehe ich wieder etwas sagen konnte. „Hat er…etwas über mich gesagt?“

Patrick seufzte. „Nicht viel. Nur das mit dem Termin bei Alban, den du nicht wahrgenommen hast. Larry war recht sauer darüber, aber jetzt, nachdem ich Alban kennen gelernt habe, kann ich dich verstehen. Ich wäre da auch nicht hingegangen.“

Ich lächelte schwach. „Ich kenne ihn nicht einmal, aber trotzdem danke.“ 

„Anne…“ Wieder klang seine Stimme eigenartig zögernd. „Wenn du zu Larry hingehen solltest…sei vorsichtig. Frag mich nicht, warum…“ 

„Ich weiß“, sagte ich ernst. „Ich weiß das besser als du denkst.“ 

„Soll…soll ich mitgehen?“ 

„Nein!“, entfuhr es mir, ehe ich mir auf die Zunge beißen konnte. „Nein, Pat“, wiederholte ich dann ruhiger. Ich konnte ja schlecht sagen: Es ist zu gefährlich für dich. „Ich gehe nicht allein hin. Ich…ich habe jemanden.“ 

„Okay.“ Er klang erleichtert und darüber war ich froh. „Du kannst mich ja anrufen.“ 

„Werde ich.“ Dann ließ ich mir Nummer und Adresse geben und verabschiedete mich schnell. „Vielen Dank, Pat.“ 

„Keine Ursache. Hat mich gefreut, von dir zu hören.“ 

„Mich auch. Mach’s gut.“ 

„Bye.“ 

Ich trennte die Verbindung und starrte eine Weile einfach nur in die Luft. Alles wurde immer komplizierter. Dann gab ich mir einen Ruck. Vom Herumsitzen und Grübeln bekam ich keine Antworten auf meine Fragen. Die konnte mir nur Larry – oder der mysteriöse Leonard – geben. 

Kurz entschlossen wählte ich die Nummer, die mir Patrick gegeben hatte. Auch nach dem zehnten Klingeln meldete sich niemand. Einen Anrufbeantworter schien Larry ebenfalls nicht zu besitzen. Toll. 

Ich warf das Telefon frustriert auf das Bett. Patrick hatte Waller Drive gesagt. Das bedeutete am anderen Ende der Stadt, aber ich würde die Straße innerhalb einer halben Stunde erreichen. Auch, wenn im Moment niemand da war, es interessierte mich jetzt einfach zu erfahren, wo Larry wohnte. Keine Ahnung, was ich mir davon versprach. Aber ich hatte in den letzten Wochen erfahren, dass man nicht immer nur seinen Augen und Ohren vertrauen sollte.

 

Teil 34

 

Trevor saß auf dem Beifahrersitz und Vivian hinter mir auf der Rücksitzbank meines kleinen Fiats. Es war Samstag und man merkte am Straßenverkehr, dass viele Leute nicht arbeiten mussten, denn sie hatten Zeit, meinen Weg zu blockieren. Ich frage mich immer wieder, was die eigentlich alles einkaufen. So viele neue Sachen konnte man doch gar nicht benötigen. Ich persönlich hasste Einkaufsbummel, allein der ganze Stress des Anprobierens ging mir tierisch auf die Nerven. Deshalb bestellte ich, was ich haben wollte, im Katalog, probierte es daheim in aller Ruhe an und schickte weg, was mir nicht gefiel. Ich wusste, dass ich da eine Ausnahme darstellte, vor allem, wenn ich heute wieder das Chaos auf der Straße beobachtete und fluchte leise, als der Verkehr wieder zum Stocken kam. 

Meine Finger trommelten nervös auf dem Lenkrad, während ich am liebsten geknurrt hätte. Könnte es nicht einen Zauber geben, der all die nervenden Autofahrer aus meinem Weg verschwinden ließ? 

„So eilig haben wir es gar nicht, Annie“, murmelte Trevor neben mir amüsiert.

Ich warf ihm einen giftigen Blick zu. 

„Ich könnte uns nur grüne Ampeln schaffen“, mischte sich Vivian ein und ich hörte das Grinsen in ihrer Stimme. 

Ich war wirklich versucht: ‚Ja, tue das’, zu sagen, aber ich wusste, dass es Unsinn wäre, wegen meiner Ungeduld das Risiko aufzunehmen, durch einen Spürer entdeckt zu werden. Vivian wusste das ebenso. Seufzend schüttelte ich deshalb den Kopf.

Es dauerte fast fünfundvierzig Minuten, ehe ich endlich in den Waller Drive einbog. Neugierig musterte ich die Villen, die den Straßenrand säumten. Dieses Viertel war eins der teuersten der Stadt und ich war selten hier gewesen. Wer etwas auf sich hielt, mietete oder kaufte hier ein Haus, besser gesagt, ein Prestigeobjekt, denn ob man wirklich ein Gebäude benötigte, das mehr Zimmer besaß als man jemals nutzen konnte, stand in den Sternen. Aber wer andere nach der Größe seines Hauses beurteilte, brauchte auch solch einen Prunkbau. 

Vor dem Haus mit der Nummer 13 stoppte ich mein Auto. Der Fiat fiel richtig auf zwischen all den Limousinen, aber das störte mich nicht weiter. 

Als ich ausstieg, zog ich meine dicke Jacke enger um meine Schultern. Wir hatte noch immer Dezember und heute schaffte es die Sonne nicht einmal, die dicke Wolkenschicht zu vertreiben. Vivian hatte sich einen Schal um den Hals geschlungen und fröstelte genauso wie ich. Einzig und allein Trevor – wie üblich in schwarzer Lederjacke, die er nicht einmal geschlossen hatte – schaute sich wachsam um, sicherlich ohne einen Gedanken an die eisige Temperatur zu verschwenden. 

„Und?“, wandte ich mich an das junge Mädchen. 

Vivian, die ihre Hände tief in den warmen Taschen ihres Anoraks vergraben hatte, musterte das vor uns liegende Haus aus schmalen Augen. „Nichts auffälliges“, sagte sie dann nur leise. 

Ich nickte, trat an das große Tor heran und betätigte die Klingel. Erwartet, dass jemand öffnete, hatte ich nicht. 

Umso erstaunter war ich, als die Sprechanlage summte und Larrys Stimme: „Ja bitte?“ fragte. 

Ich warf Trevor einen skeptischen Blick zu, ehe ich antworte: „Larry, hier ist Anne.“ 

„Anne?“ Er klang so verblüfft, dass sich ein leises Lächeln auf meine Lippen stahl. 

„Du hast noch immer den Schlüssel zu meiner Wohnung“, sagte ich einfach direkt. „Nun, ich würde den gern haben.“ Vielleicht hätte ich all die Klamotten von ihm gleich auch mitbringen sollen. 

„Ähm…ja…Komm rein.“ 

Der Summer ertönte und ich öffnete das Tor. Wortlos schlossen sich Trevor und Vivian mir an. Möglich, dass das Larry gar nicht gefiel, mir war es egal. Allein würde ich das riesige Grundstück nicht betreten. 

Bis zur Haustür waren es vielleicht fünfzig Meter. Wunderschön arrangierte Blumen und Bäumchen säumten die gepflasterte Straße, die an der Garage endete. Direkt neben dem Garagentor ging es ein paar Stufen zur überdachten Eingangstür hinauf.

Larry öffnete, ehe ich klopfen konnte. Überrascht huschten seine Augen zu meinen beiden Begleitern, aber er verlor kein Wort darüber. 

„Hallo, Anne“, murmelte er nervös. 

Ich hatte Larry selten nervös erlebt und das komische Gefühl in meinem Magen verstärkte sich. Erst dann schaute ich ihn genauer an und runzelte die Stirn. Larry war immer ein Perfektionist gewesen, wenn es um die Ausstattung der Wohnung, um die Qualität seines Autos oder um seine Kleidung ging. Der Larry, der jetzt vor mir stand, hatte mit all dem nichts mehr gemein. Seine kurzen blonden Haare standen wirr in alle Richtungen auf seinem Kopf herum, fast so als hätte er geschlafen oder vergessen, sich zu kämmen. Er trug legere Freizeithosen, an sich nichts schlimmes, aber ich kannte ihn als einen Mann, der selbst zu Hause Designerjeans trug. Der Rollkragenpullover hatte auch schon bessere Tage gesehen und dessen graue Farbe hob die Blässe seines Gesichtes auf erschreckende Weise hervor. 

Ich wettete sogar mit mir selbst, dass Larry ein paar Kilo weniger als noch vor einigen Wochen wog. 

„Hier ist der Schlüssel“, murmelte er und streckte mir seine Hand entgegen.  

Das jetzt allerdings schockierte mich. Larry ließ sich niemals – aber auch wirklich niemals – anmerken, wenn er jemanden loswerden wollte. Ich hatte immer den Eindruck gewonnen, dass er das sowieso niemals wollte, weil er viele Leute um sich herum mochte. Im Gegensatz zu mir. Und selbst in den stressigsten Situationen und selbst, wenn er unter Zeitdruck gestanden hatte, hatte er Leute zur Tür hereingebeten. 

„Was ist denn mit dir los?“, fragte ich misstrauisch, nahm ihm aber den Schlüssel aus der Hand. Besser, wenn ich ihn hatte. 

„Was? Wieso?“, entfuhr es ihm und ein Hauch von Angst schwang in seiner Stimme mit. 

Das machte mich noch misstrauischer. „Was zum Teufel ist mit dir los?“ Ich versuchte, den Kopf zu recken, um etwas hinter ihm im dunklen Flur erkennen zu können, aber das war aussichtslos. „Ein schönes Haus hast du“, wechselte ich dann das Thema.

Das brachte mir einen stirnrunzelnden Blick Vivians ein, aber ich wollte einfach noch ein bisschen Zeit schinden. 

„Ja…ähm…“, stotterte Larry. „Ich hab zu tun.“ 

Er wollte mir die Tür vor der Nase zuwerfen, doch ich reagierte geistesgegenwärtig und stellte meinen Fuß dazwischen. 

„Okay, Larry“, sagte ich scharf. „Reden wir Klartext. Wer ist dieser Dr. Alban? Oder sollte ich sagen Leonard?“ 

Larry wurde noch eine Idee bleicher. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“ 

Ich piekste ihm wütend den Finger in die Brust. „Du kennst ihn, du hattest mir einen Termin bei dem Mann besorgt und jetzt führt genau dieser Mensch – ist es überhaupt einer? – Gespräche mit Steel! Was soll ich davon halten?“ 

Ein Zittern lief durch Larrys Körper und im nächsten Moment fiel jegliche Anspannung von ihm ab. Es war als hätte man einen Schalter umgelegt, denn ein ruhiger fast gelassener Ausdruck war in sein vorher so nervöses Gesicht getreten. 

„Larry?“, fragte eine männliche, sehr angenehm klingende, Stimme hinter ihm. „Möchtest du unseren Besuch nicht hereinbitten?“ 

Eine schlanke, hochgewachsene Gestalt schob sich neben Larry und lächelte uns entgegen. Der Mann war schätzungsweise vierzig Jahre alt, vielleicht ein paar mehr oder weniger, ich konnte so etwas schlecht schätzen. Dunkle Augen aus einem schmalen, scharfkantigen Gesicht schauten uns prüfend entgegen. Seine Nase war etwas zu groß geraten, aber sie machte sein Gesicht deshalb nicht hässlich. Die dunklen Haare waren an den Schläfen leicht angegraut, etwas, das ihn fast interessant erscheinen ließ. 

„Hallo, Anne“, sagte er mit dieser weichen melodischen Stimme. „Sie erkennen mich doch, ja? Leonard Alban?“ 

Er hätte es nicht sagen brauchen, mir war vollkommen klar, dass ich genau diesen Mann vor mir hatte. 

„Wie schön“, knurrte ich zwischen den Zähnen hindurch. „Da Sie ja mein Psychiater sein sollen, müssten Sie mich eigentlich kennen.“ 

„Ich *bin* Ihr Psychiater, Anne“, antwortete er weich. „Und wir haben uns erst vorgestern zu unserer letzten Sitzung getroffen. Kommen Sie doch bitte herein. Sie scheinen mir etwas verwirrt. Haben Sie Ihre Tabletten nicht genommen?“ 

Mein Mund war bei seiner Behauptung aufgeklappt und mir fehlten einen Moment die Worte. Trevor sagte ebenfalls nichts, aber ich spürte Vivian, die unbemerkt an meine Seite getreten war und den Psychiater aufmerksam musterte. Leonards Blick wanderte kurz zu Vivian und ein Schatten huschte über sein Gesicht. 

„Möchten Sie mir Ihre Freunde vorstellen, Anne?“, erkundigte er sich dann freundlich. 

„Nein“, entgegnete ich kurz und eisig. „Ich will Antworten auf ein paar Fragen.“ 

„Und Sie denken nicht, dass die Beantwortung der Fragen Zeit bis zu unserer nächsten Sitzung hat?“ 

Ich machte einen Schritt auf den Mann zu und sah ihn kühl an. „Nein, und zwar aus einem einzigen Grund: Weil es keine Sitzungen gibt.“ 

„Anne, Sie sind verwirrt“, sagte er wieder in diesem sanften Ton und wollte nach meinem Arm greifen, als Vivian schrie:

„Nein!“ 

Übergangslos glühte das Cyana um meinen Hals auf und Leonard riss die Hände hoch vor sein Gesicht. Larry starrte uns aus weit aufgerissenen, jetzt wieder angstvollen, Augen an. Vivian hatte die Hand gehoben und ein Vorhang aus dunklem Licht bildete sich zwischen uns und Leonard. 

„Er ist ein Mensch“, sagte sie zynisch. „Nur ein Mensch, dem man ein paar Kräfte gegeben hat. Hypnosuggestion, aber sehr gut verborgen.“ 

Leonard schirmte sein Gesicht vor dem Licht des Cyanas ab. „Wer bist du?“, hauchte er atemlos. 

„Hat man dir das nicht gesagt?“, fragte Vivian spöttisch und die Schleier dunklen Lichts tanzten über ihre Haut. „Ich bin das Böse, das verdammt wurde, nicht böse zu sein.“ Sie lachte bitter. 

Leonard schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was hier für ein Trick gespielt wird. Aber du bist krank, Anne. Ich werde dich einweisen müssen, wenn du eine Gefahr für deine Umgebung darstellst. Wenn du deine Tabletten nicht nimmst, werden die Wahnvorstellungen schlimmer.“ 

„Anne, bitte“, mischte sich Larry flehend ein. „Leo hat erzählt, welche guten Fortschritte du gemacht hast und dass es möglich ist, dass du bald wieder ein normales Leben führen kannst. Bitte hör auf ihn.“ 

„Kommen Sie herein und lassen Sie uns reden, Anne“, sagte Leonard weich und streckte seine zweite Hand nach mir aus, während er mit der anderen noch immer sein Gesicht schützte. 

„Pass auf, dass er dich nicht berührt“, warnte mich Vivian. „Seine Macht wird durch Berühren stärker.“ 

Ich griff in meinen Pullover und holte das Cyana ans Tageslicht. Es leuchtete, nicht so grell wie damals als Endriel aufgetaucht war, aber immerhin so sehr, dass es den dunklen Hausflur etwas erhellte. 

„Ist das auch eine Wahnvorstellung?“, fragte ich leise, hob meine Hand und ließ eine Flamme weißen Lichtes auf der Handinnenfläche tanzen. „Und das?“ 

Jegliche Farbe war aus Leonards Gesicht verschwunden. „Sie haben nicht gesagt…“, begann er und wich zurück. „Nicht gesagt, dass sie so stark ist…nicht gesagt…“ 

Ich trat gegen die Tür, so dass sie sich ganz öffnete. Larry lehnte zitternd an der gegenüberliegenden Wand. „Was wird hier gespielt, ‚Doktor’ Alban? Wer sind ‚sie’?“ 

Leonard schüttelte wild den Kopf, während er weiter rückwärts ging. Vivian blieb an meiner Seite als hätte man sie an mir festgebunden.  

„Das Haus ist mit schwachen Schutzamuletten gesichert“, rief Trevor von der Eingangstür her. „Allerdings dürften sie keine große Gefahr darstellen.“ 

„Sie scheinen nicht sonderlich wichtig zu sein, Leonard“, meinte ich mit einem honigsüßen Grinsen. 

Er drehte sich um und wollte davonrennen, doch Vivian hob nur ihre Hand und sein Lauf stoppte mitten in der Luft. „Nein!“, schrie er panisch. „Ihr habt nicht gesagt, dass sie eine Lucyana ist! Ihr habt nicht gesagt, dass sie nicht allein ist!“ 

Vivians Kraft warf ihn herum und gegen die Wand, presste ihn fest und ließ ihn bewegungslos verharren. 

„Wer sind „sie“?“, fragte ich wieder und machte noch einen Schritt auf ihn zu.

Plötzlich glühten die Augen des Mannes rot auf und übergangslos war die Luft um uns herum von fremder, starker Magie erfüllt, die uns das Atmen schwer fallen ließ. Ein dunkles Flimmern lag über der Haut des Psychiaters.  

„Hallo, Anne“, sagte er, plötzlich mit dunkler, völlig fremder Stimme. „Es war ein Fehler, dich so lange leben zu lassen. Nun muss er den Preis dafür bezahlen.“ 

„Welchen Preis?“ 

Eine Hand schob sich in meine und ich registrierte erstaunt, dass ein Teil von Vivians Magie in meinen Körper floss. Ich wagte jedoch nicht, in ihre Richtung zu schauen, weil ich den Mann an der Wand nicht aus den Augen lassen wollte. 

Der Mann, der ehemals Leonard war, lachte in einem grausigen Ton. „Er hat seinen Zweck erfüllt. Wir brauchen ihn nicht mehr und ehe er Geheimnisse von sich gibt, die er besser für sich behalten hätte, muss er sterben.“ Er lachte wieder. 

„Schilde hoch“, stieß Vivian hervor und im nächsten Moment baute sich vor uns eine magische Wand auf.  

Keinen Augenblick zu früh, denn Leonards Körper begann aus der Mitte heraus zu glühen. Plötzlich hatten seine Augen wieder die normale braune Farbe angenommen und panische Angst sprach aus seinem Gesicht. Erst dann schien er zu registrieren, was mit seinem Körper passierte und begann zu schreien. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, wollte fliehen, wollte nicht sehen, wie erneut ein Mensch vor meinen Augen starb, aber Vivians Hand und ihre Schutzmagie bannten mich an diesen Platz.

Von innen heraus setzte sich das Glühen fort, fraß sich in seinem Körper vorwärts, seine Beine hinab und hinauf zu seinem Kopf. Noch immer blieb der Körper aufrecht stehen, verpuffte nicht und fiel auch nicht in sich zusammen. Plötzlich verstummte das Schreien und Leonard riss den Kopf hoch:

„Geh in die Vergangenheit!“ 

Es war das letzte, was seinen Mund verließ, dann explodierte er. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Sturm raste gegen unseren magischen Schild, ließ ihn aufglühen und schwanken, aber in genau diesem Moment fiel jegliche Anspannung von mir ab. Urplötzlich fühlte ich eine eisige Leere im Inneren, und all mein Denken konnte sich auf das konzentrieren, was wichtig war: Überleben. 

Kein ablenkender Gedanke stahl sich in mein Hirn, keine Nebensächlichkeit interessierte. Plötzlich wusste ich, dass es genau das war, was mir bisher gefehlt hatte. 

Meine Magie mischte sich in Vivians, floss jetzt in ihren Körper und hinein in den magischen Schild. Dieser stabilisierte sich augenblicklich, hörte auf zu leuchten und die letzten Reste Leonards verpufften als wären es Staubkörnchen. Dann kehrte Ruhe ein und Stille senkte sich über den jetzt wieder dunklen Korridor. 

Vivian drehte den Kopf, ohne meine Hand loszulassen und obwohl ihre Augen noch immer schwarz glühten, sah ich das Leuchten in ihrem Blick. „Hast du den Unterschied gespürt?“ 

Eigentlich war es keine Frage, aber ich nickte wortlos. 

Trevor war hinter uns getreten und musterte mit schmalen Augen die schwarzen Überreste auf dem Boden. „Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt.“ 

Ein Schluchzen hinter uns ließ uns herumfahren. Larry war an der Wand zusammengesunken und zitterte am ganzen Körper. Mit Augen, in denen sich der Wahnsinn spiegelte, blickte er uns entgegen. Vorsichtig, als hätte ich ein verängstigtes Tier vor mir, ging ich auf ihn zu und hockte mich neben ihn. 

Es schien als wolle er sich noch weiter gegen die Wand verkriechen. 

„Larry?“, fragte ich leise. Ich empfand keine Liebe mehr für diesen Mann, aber zu sehen, was aus ihm geworden war, tat mir weh. 

Als ich die Hand hob, um sie ihm beruhigend auf den Arm zu legen, fuhr er zischend zurück und bleckte die Zähne.  

„Nicht, Annie“, sagte Trevor hinter mir sanft. „Ich rufe einen Krankenwagen. Du kannst jetzt nichts tun…“ 

„…außer ihm die Erinnerung nehmen“, mischte sich Vivian trocken ein. „Dazu müsstest du aber erstmal in seinen Kopf schauen, was überhaupt los war.“ 

Ohne die Augen von dem sabbernden Häufchen Elend zu nehmen, das einmal mein Freund gewesen war, erkundigte ich mich: „Du kannst das?“ 

„Wenn sie ihm keinen Block verpasst haben, sicher“, entgegnete sie leichthin. 

Jetzt drehte ich den Kopf. „Wer sind „sie“?“ 

Das Mädchen zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Die dunkle Seite. Meine Seite.“ 

„Es ist nicht mehr deine Seite!“, entgegnete ich scharf. „Egal wie du dir das einreden willst. Du entfernst dich immer weiter von ihr.“ 

Vivian presste die Lippen aufeinander und ein trotziger Zug trat in ihr Gesicht. „Möglich, aber ob ich mich mit der anderen Seite anfreunden kann, weiß ich auch nicht.“ 

Trevor, der kurz im Wohnzimmer gewesen war, schob sich zwischen uns. „Diskutiert später darüber. Der Krankenwagen ist in zehn Minuten da. Und lass seine Erinnerungen in Ruhe, Vivian. Wenn sie ihm einen Block verpasst haben, explodiert er genauso wie der da.“ Er wies auf den Aschehaufen an der gegenüberliegenden Wand. 

„Komm, steh auf, Larry“, sagte ich sanft. 

Ich weiß nicht, ob er überhaupt verstand, was ich sagte. Als ich erneut nach ihm greifen wollte, knurrte er und schnappte wie ein wild gewordenes Tier nach meiner Hand. 

In diesem Moment heulten draußen die Sirenen des Krankenwagens, den Trevor gerufen hatte. Erleichtert stand ich auf und wich ein paar Schritte zurück. Sollten sich professionelle Kräfte mit Larry auseinandersetzen. Ich wollte nur noch hier weg und vergessen, wie vor meinen Augen ein Mensch von einem inneren Feuer verzehrt worden war.

Teil 35

 

Larry wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die beiden Sanitäter. Erst der mit hinzu geeilte Arzt, der ihm eine Spritze gab, konnte den tobenden Mann beruhigen. Es war kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen. Alles, was er wieder und wieder stammelte war: 

„Nein…nein…sie kommen…nein…töten…“ 

Der Arzt, der sich uns mit dem Namen Thieman vorstellte, wollte genaue Angaben über das, was passiert war. Was sollte ich ihm sagen?  

Exfreundin holt Schlüssel und der Exfreund dreht durch? Keine Ahnung, ob er mir glaubte, aber ich hatte keine andere Version auf Lager. Außer dem schwarzen Aschehäufchen in der Ecke deutete nichts darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches passiert war. Die Frage, warum ich in Begleitung gekommen war, beantwortete ich einfach damit, dass ich Angst gehabt hatte, Larry würde mir eine Szene machen oder mich tätlich angreifen. Ich bin nicht sonderlich groß und auch zierlich gebaut, der Arzt nahm mir die Rolle der ängstlichen Frau ohne weiteres ab. Schließlich passierten immer wieder schreckliche Dinge, vor allem Frauen, wer also wollte mir einen Vorwurf machen, wenn ich auf Nummer sicher ging? 

Trotzdem dauerte es fast eine halbe Stunde, ehe der Krankenwagen fuhr und mit ihm der Notarzt. 

Wir blieben im Garten stehen und erst in diesem Moment fiel mir ein, dass es jetzt niemanden gab, der das Haus abschließen konnte. Ehe ich etwas sagen konnte, hatte Trevor die Haustür wieder geöffnet und war in den Flur getreten. 

„Ich sehe mich jetzt erst einmal um“, erklärte er. 

„Gute Idee“, pflichtete Vivian ihm bei und war keine Sekunde später an seiner Seite.

Ich konnte es mir nicht so einfach machen. „Hört mal“, begann ich. „Das ist nicht unser Haus und…“ 

„Annie“, unterbrach mich Vivian und zog mich hinter sich her. „Das Erste, was Mum mir beigebracht hat, war, dass es gut ist, seine Feinde zu kennen.“ 

„Kluge Frau“, kommentierte Trevor mit einem spöttischen Verziehen der Lippen.  

Ich wusste nicht, wonach wir suchten oder was die beiden zu finden glaubten. Mich interessierte eigentlich erst einmal, wie Larry zu dieser ganzen Sache kam. Mir war nie aufgefallen, dass er Kontakt zu Personen pflegte, von denen er nichts erzählte oder die er mir nicht vorstellte. Larry war ein Typ, der offen und kontaktfreudig in die Welt schaute, im Gegensatz zu mir. Er konnte auch sehr schlecht lügen und gerade das war es, was Zweifel in mir aufstiegen ließ. 

Entweder hatte dieser Alban ihm verboten, mit mir über ihn zu sprechen oder man hatte seine Erinnerungen manipuliert. Ich tippte auf letzteres. 

Trevor lief jetzt vor uns und sicherte jedes Zimmer, ehe wir es betreten durften. Natürlich hätte Vivian und auch ich eine magische Falle eher entdeckt, aber Trevor wollte sicher gehen, dass es nicht irgendwo einen versteckten Bodyguard gab, der über uns herfiel. 

Das Haus schien auffällig normal. Wir stiegen bis in die oberste Etage hinauf und ich wunderte mich wieder einmal darüber, warum man ein Haus kaufen musste, wenn man so viele Zimmer gar nicht nutzen konnte. Es sah nicht aus, als wäre einer der beiden Männer schon einmal hier oben gewesen. 

Die Zimmer waren sauber und ordentlich eingeräumt. Sicherlich existierte eine Putzfrau, die einmal pro Woche hier entlang wienerte. Aber sie sahen nicht aus als würde hier jemand wohnen. All die kleinen Dinge, ein Blumenstrauß, ein Bild, ein herumliegender Kugelschreiber oder einfach ein Wäschestück, nichts dergleichen war zu entdecken. 

Vivian warf nur einen kurzen prüfenden Blick in jedes Zimmer und schüttelte immer wieder den Kopf. Wenn sie mit ihren viel feiner ausgebildeten Sinnen nichts entdecken konnte, fiel mir schon gleich gar nichts auf. 

„Wir müssen schauen, ob das Haus einen Keller hat“, sagte sie dann, als wir die Treppe wieder hinab stiegen. 

In einen dunklen muffigen Keller wollte ich gleich gar nicht. Eigentlich wollte ich hinaus ins Tageslicht, auch wenn keine Sonne schien, aber die beiden schienen meine Abneigung entweder nicht zu spüren oder zu ignorieren. 

Missmutig folgte ich ihnen zur Kellertreppe und plötzlich blieb Vivian stehen.

„Wartet“, stoppte sie uns leise und schloss halb die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. 

Mein Magen zog sich zusammen, als ich den warmen Hauch einer fremden Magie spürte, der über meine Haut kroch. Nicht unangenehm, aber fühlbar. 

„Es ist niemand im Keller“, sagte das junge Mädchen dann, „aber die Magie ist noch da. Sie sitzt in den Wänden und der Decke.“ 

„Ich spüre es auch“, antworte Trevor leise. 

Ich verzog nur den Mund. Warum ich plötzlich so schlechte Laune hatte, konnte ich mir selbst nicht erklären. Vielleicht weil ich all das satt hatte und es mir reichte, dass ein Mensch vor meiner Nase explodiert war. Mein Bedarf an gefährlichen Situationen war für heute gedeckt. 

Meine beiden Begleiter interessierte das überhaupt nicht. Sie schienen eher von einem plötzlichen Entdeckungsdrang befallen worden zu sein, denn sie stiegen beide vorsichtig die Treppe hinab. 

 „Wie wäre es denn mit Licht?“, fragte ich mürrisch und betätigte den Lichtschalter. Wenn da unten eine Gefahr war, wollte ich sie wenigstens sehen. 

Trevor und Vivian fuhren zurück und Trevor funkelte mich böse an. Ich antwortete mit einem schiefen Grinsen und zuckte mit den Schultern. Im Keller regte sich nichts, obwohl er jetzt durch das wenige Licht einer einzelnen Glühbirne diffus ausgeleuchtet wurde. 

„Das hätte ins Auge gehen können“, schimpfte Trevor dann. „Wir sehen auch ohne Licht sehr gut. Das war leichtsinnig.“ 

„Ich weiß gar nicht, was wir da unten wollen“, meckerte ich weiter. 

Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich mich in diesem Haus nicht wohl fühlte. Und dieses Gefühl verstärkte sich noch, je tiefer wir in den Keller hinab stiegen. 

Vivian drehte sich um und musterte mich aus ihren dunklen Augen mit einem Stirnrunzeln. „Du reagierst auf die Magie im Haus, Annie“, sagte sie dann leise.

„Entweder, weil die Magie dich erkennt oder…“ 

„Oder?“ Jetzt klang ich auch noch aggressiv. 

„Oder weil du die Magie erkennst“, beendete sie ihren Satz und lächelte leicht. „Das werden wir noch erfahren.“ 

Ich wollte das nicht erfahren. Wie oft musste ich das noch erwähnen? „Ich gehe jetzt“, verkündete ich, wollte mich umdrehen und die Treppen wieder hinaussteigen, aber Trevors Hand schoss vor und sein Griff um meinen Arm stoppte mich. 

„Kämpf dagegen an, Annie“, sagte er sanft. „Du bleibst jetzt hier.“ 

Der Zorn über ihn putschte die Magie in mir selbst hoch. Ich kannte die ersten Anzeichen jetzt sehr gut und wusste, was es bedeutet, wenn sich das warme Gefühl in meinem Körper verstärkte und das Kribbeln über meine Haut lief. 

Trevor reagierte darauf genau wie Vivian. Während jedoch das junge Mädchen einfach blockte und einen mentalen Schirm um sich selbst errichtete, spürte ich Trevors Verärgerung darüber fast körperlich. Allerdings ließ er mich nicht los, sondern legte mir noch einen Arm um die Schultern und schob mich hinter Vivian die Treppe hinab.

Das Gefühl der Beklemmung wurde stärker, als wir den Boden des Kellers erreichten. Trotz meiner Abneigung schaute ich mich neugierig um und erkannte eine Vielzahl von Regalen an den Wänden. Sie waren fast leer. Außer ein paar verstaubten uralten Gefäßen oder Einweckgläsern, die darauf standen, konnte ich nichts Interessantes entdecken. 

In der Mitte des Raumes stand ein schwerer hölzerner Tisch. Er war vollständig leer, aber ich beobachtete mit Erstaunen, dass Vivian an den Tisch herantrat und die Hand eine Weile über der Oberfläche schweben ließ. Dunkles Licht bildete sich auf ihrer Haut, verließ ihre Hand und verteilte sich über der Platte des Tisches. Als sie das Gesicht hob und uns ansah, leuchteten ihre Augen in diesem abgrundtiefen Schwarz, wie immer, wenn sie Magie einsetzte. 

„Hier wurde etwas geopfert. Etwas großes und eigenartig vertrautes…“ Ihre Stimme verklang, während sie in sich hineinzulauschen schien. „Möglicherweise ein Mensch. Aber ich weiß es nicht genau.“ 

Kälte breitete sich in meinem Körper aus. Nur Trevors Arm, der noch immer um meine Schulter lag, sandte etwas Wärme durch meine Glieder. 

Zögernd trat ich an den Tisch heran. „Wie erkennst du das?“ 

„Der Tisch redet mit mir“, erklärte sie mit einem Hauch von Belustigung in der Stimme. 

Ich tat es ihr gleich und hob meine Hand. Es fiel mir nicht mehr schwer, das magische Licht zu erzeugen. Ich spürte die Verbindung zu dem Tisch, als wäre er ein Lebewesen und kein toter Gegenstand. Allerdings konnte ich nicht sagen, ob das allgemein bei Dingen so war, auf denen etwas geopfert worden war. 

Dann jedoch traf es mich wie ein Hammer. Vivian fuhr zurück als hätte sie sich verbrannt und der Tisch erstrahlte in einem grellen Licht. Weiß, aber nicht reinweiß, und im gleichen Moment fuhr die Magie in meinen Körper. Ein Stöhnen entrang sich meinen Lippen, weil sich der Schmerz in jeder Zelle festsetzte, dann verschleierte sich mein Blick. 

Ich nahm nicht mehr wahr, dass Trevor vorspringen und mich von dem Tisch wegzerren wollte, auch nicht, dass Vivian laut: „Nicht!“ schrie und ihn mit einer kurzen Handbewegung ein paar Meter zurückschleuderte. 

Meine Hände waren auf die Tischplatte gesunken. Schmerzen tobten durch meinen Körper und dann verschwamm alles um mich herum.

 

~*~*~*~

 

„Ich grüße Sie, Lydia“, sagte der Mann mit den fast weißen Haaren, die ein hageres Gesicht umrahmten. 

Die Frau, die er mit Lydia angesprochen hatte, sah sich ängstlich in dem düsteren Keller um. Ihre Hände umkrampften eine winzige Ampulle, in der eine dunkelrote Flüssigkeit schimmerte. 

„Mir wurde gesagt, Sie können mir helfen“, stieß Lydia mit zitternder Stimme hervor. „Sind Sie Endriel?“ 

Der Mann nickte langsam. „Haben Sie, was man Ihnen gesagt hat?“, fragte er dann kühl. 

Lydia nickte schnell und heftig. Ihr Atem ging stoßweise vor Aufregung und sie musste mehrmals schlucken, ehe sie den Mut fasste, einen Schritt vorwärts zu machen und die Hand mit der Ampulle zu heben. 

Endriel lächelte auf eine Art und Weise, die Lydia fast das Blut in den Adern gefrieren ließ, als er ihr die Ampulle aus der Hand nahm. 

„Mir wurde gesagt“, brachte sie dann heraus, „Sie können meine Tochter heilen.“ 

Endriel senkte den Kopf. „Das kann ich, Lydia. Das kann ich.“ Dann griff er neben den Tisch und hatte im nächsten Moment ein schwarzes Huhn in der Hand. 

Komischerweise gab dieses keinen Ton von sich. 

Lydia wagte nicht, sich zu rühren. Sie zuckte nur kurz zusammen, als Endriel dem Huhn mit einer schnellen Bewegung den Hals umdrehte. Das Blut des Tieres lief über die hölzerne Platte des Tisches und bildete innerhalb kürzester Zeit eine rote Lache. 

„Kommen Sie näher, Lydia“, befahl Endriel. 

Das Zittern verstärkte sich, aber Lydia tat, wie ihr geheißen. Noch vor zwei Minuten war sie sich sicher gewesen, dass der weißhaarige Mann helle grüne Augen gehabt hatte. Als er jetzt den Kopf hob, leuchteten diese schwarz. Mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen öffnete er die kleine Ampulle. 

„Unreines Blut zu unreinem Blut“, murmelte er und ließ das Blut aus der Ampulle auf den Tisch tropfen. Zischend vermischte es sich mit dem Blut des Huhns und dunkler Rauch stieg von dem Tisch auf. „Lass das Kind schlafen“, fuhr er fort. „Lass es ruhen, bis die Zeit des Erwachens gekommen ist.“ 

„Zeit des Erwachens?“, störte ihn Lydia erschrocken, verstummte aber, als er ihr einen zornigen Blick zuwarf. 

„Lass es den richtigen Weg erkennen“, nuschelte er, hob seine Hand und ließ sie vorsichtig über dem toten Huhn kreisen. 

„Sie soll gesund werden.“ Lydia wusste nicht, woher sie den Mut nahm, den Magier noch einmal zu stören. Möglicherweise war es der Instinkt  einer Mutter, die um ihr Kind kämpft. 

„Still!“, zischte Endriel, hob seine Hand und warf dunkle Magie gegen die Frau auf der anderen Seite des Tisches. Wimmernd sank sie in sich zusammen. 

Erst dann konnte er sich wieder auf sein Ritual konzentrieren und fluchte leise. Neben dem dunklen Licht, das er auf dem Tisch erschaffen hatte, leuchteten die Bluttropfen aus der Ampulle hell und weiß. 

„Unrein“, murmelte er zornig. „So unrein.“ Jetzt, da die Mutter bewusstlos war, konnte er andere Worte verwenden. Das Blut des Kindes gab ihm Macht über es. Nur magieunwissende, dumme Menschen gaben diese Macht in die Hände Fremder. 

„Du wirst uns anerkennen oder sterben. Töte die Unreinen, die dich geboren haben und entwickle die Kraft zu erkennen, dass du zu uns gehörst! Verberge dich, bis die Zeit gekommen ist.“ 

Dunkles Licht, ausgehend vom Blut des geopferten Huhns mischte sich mit dem hellen Licht, in das das Blut aus der Ampulle gehüllt war. Es verging nicht, sondern bildete kleine Wirbel, die sich in der Schwärze drehten und weiß leuchteten, über der hölzernen Tischplatte. 

Endriel starrte eine ganze Weile auf die Magie vor ihm und ein Stirnrunzeln erschien in seinem Gesicht. 

„Du bist stark“, murmelte er und hob seine Hand. „Aber du hast keine Chance.“ Die Bewegung seiner Hand entfachte den Lichterwirbel aus heller und dunkler Magie von neuem. Schwarzes Licht mischte sich mit weißen und wurde zu einem Nebel, der sich weder für schwarz noch für weiß entscheiden konnte. Endriel unterdrückte ein Knurren und seine Augen glühten auf. Vielleicht war etwas anderes besser. Ein siegessicheres Lächeln huschte über seine Lippen, als er seine Worte von vor wenigen Minuten änderte: 

„Schlafe, Annie.“

 

~*~*~*~

 

„Annie!? Annie?!“ 

Es dauerte eine Weile, ehe die Schreie zu mir durchdrangen. Blinzelnd öffnete ich die Augen und schloss sie sofort wieder, weil die Grelle des Sonnenlichts meinen Augen wehtat. 

„Sie ist wach“, sagte eine andere, diesmal weibliche, Stimme. „Annie, mach die Augen auf. Komm schon.“ 

Ich wollte meine Ruhe haben. Aber die beiden gaben die mir nicht. Ich wurde wieder geschüttelt und gab ein unwilliges Knurren von mir. Mühsam kämpfte ich meine Lider wieder hoch und blinzelte. Jetzt schien das Licht erträglicher, aber ich wusste noch immer nicht, wo ich mich befand. 

Zwei Gesichter beugten sich über mich. Beide schauten sehr besorgt, aber zum Glück schien mich mein Gedächtnis nicht vollständig verlassen zu haben, denn ich kannte beide. Trevor und Vivian. 

„Na siehst du, geht doch.“ Vivian lächelte eins ihrer seltenen Lächeln. „Wird Zeit, dass du aufwachst.“ 

Trevor, an dem ich lehnte, half mir, als ich mich aufrechter hinsetzen wollte. „Wie lange war ich weg?“ Jetzt bemerkte ich auch, dass wir uns im Vorgarten zu Larrys neuem Wohnhaus befanden.

 

„Eine halbe Stunde“, antwortete Trevor und klang noch immer besorgt. 

„Trevor hat dich rausgetragen“, fuhr Vivian fort. „Wir haben angenommen, dass du im Tageslicht eher wieder zu dir kommst.“ 

Mir war elend und ich fühlte mich, als hätte ich in der Nacht vorher gezecht und mehr getrunken als ich vertragen konnte.  

„Vivian sagt, der Tisch hat dich mit Bildern überschwemmt und deshalb bist du weggetreten.“ Trevor, dessen Arm mich noch immer stützte, schaute mir besorgt ins Gesicht. „Du bist scheußlich blass, Annie.“ 

Vivian dagegen sah mich unbeschreiblich neugierig an. „Was hast du gesehen?“ 

Urplötzlich war die Erinnerung wieder da und ich wurde sicherlich noch eine Nuance weißer. „Meine Mutter…“, hauchte ich tonlos. 

Übergangslos verschwand das Lächeln auf Vivians Gesicht und die ernsthafte Miene, die so gar nicht zu ihrem Alter passte, erschien. „Deine Mutter?“ 

Ich nickte und schloss kurz die Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Dann erzählte ich die Szene, an die ich mich erinnerte als wäre ich dabei gewesen. Vielleicht war es auch so, nur dass nicht ich der Zeuge war, sondern der Tisch. 

Als ich geendet hatte, war nicht nur ich blass, sondern auch Trevor und das Mädchen. 

„So was dummes“, stieß Vivian hervor. „Das erste, was ein Magier lernt, ist, niemals eigenes Blut in fremde Hände gelangen zu lassen.“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie alt warst du damals?“ 

„Woher soll ich das denn wissen?“, schimpfte ich. 

„Er wollte, dass du deine Eltern tötest“, führte sie die Überlegungen fort. „Aber du hast es nicht getan. Es war ein Autounfall, oder doch nicht?“ 

Mein Magen zog sich bei diesem ‚oder doch nicht?’ zusammen. „Ich weiß es nicht“, flüsterte ich erstickt. 

„Schluss mit den Spekulationen“, beendete Trevor die Diskussion, stand auf und zog mich mit hoch. „Wir verschwinden jetzt hier und reden mit Sheldon. Wenn Annie ihre Eltern getötet hätte, wäre ihr magisches Licht niemals reinweiß. Und das ist es.“ 

Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, als er das sagte, aber ich hatte Mühe auf den Beinen zu stehen und wäre sicherlich wieder zusammengebrochen, wenn er mich nicht gestützt hätte. 

Vivian verzog den Mund. „In allen magischen Abstammungsbüchern wird jede Geburt eines Magiers registriert. Warum hat sich niemand von euch um sie gekümmert?“ 

Trevor schaute sie eine Weile an. „Ich weiß es nicht“, gab er dann zu. „Ich habe von ihrer Existenz erst vor ein paar Jahren erfahren.“ 

Vivian nickte düster. „Wäre sie in einer schwarzmagischen Familie geboren worden, wäre sie nie allein gewesen!“, sagte sie dann scharf in Trevors Richtung. 

„Sie ist in einer nullmagischen Familie geboren worden!“ 

„Umso schlimmer!“ 

Ich seufzte. Wenn die beiden sich noch länger anschreien wollten, musste ich einen Sitzplatz finden. „Mir ist schlecht“, unterbrach ich sie, ehe Trevor zu einer zornigen Erwiderung ansetzen konnte.  

Das lenkte die Aufmerksamkeit der beiden Streithähne wieder auf mich. Trevor funkelte Vivian noch einmal böse an, führte mich aber dann in Richtung des Autos. 

„Habt ihr die Tür abgeschlossen?“, fragte ich, als ich endlich auf dem Beifahrersitz saß. 

„Ja.“ Trevor startete den Wagen. „Und ja, ich habe den Schlüssel an mich genommen. Es ist mir egal, ob das richtig ist oder nicht. Ich denke, Sheldon möchte auch noch einmal hierher zurückkommen.“ 

Ich schloss die Augen. Mein Bedarf an geweckten Erinnerungen war gedeckt. Ich hatte kein Verlangen nach mehr, aber ich bezweifelte, dass irgendjemand meine Meinung teilen würde.

 

Teil 36

 

Sheldons Gesicht wurde noch besorgter als das von Trevor – wenn so etwas möglich war, nachdem er meine Geschichte gehört hatte. 

Da er aufgrund des Tageslichtes mein Haus nicht verlassen konnte, hatte er sich in den vergangen Stunden intensiv mit Cyangolom beschäftigt.  

Verblüfft hatte ich bemerkt, dass Raven neben ihm auf der Couch saß und gespannt zuzuhören schien, was Sheldon erklärte. Vivian, der die Verärgerung noch immer anzusehen war, setzte sich in den freien Sessel. Ich saß in dem zweiten, die Beine angezogen und meine Arme um meine Knie geschlungen. Langsam ging es mir wieder besser, wenn ich mich auch etwas matt fühlte. Vivian hatte erklärt, dass es normal war, wenn magische Kräfte eingesetzt wurden und vor allem jetzt, da der Tisch an meinem magischen Potential gezehrt hatte. Ich sollte essen, um meinem Körper wieder etwas Energie zuzuführen. Aber Appetit auf irgendetwas wollte sich einfach nicht einstellen. 

Nachdenklich trommelten Sheldons Finger auf der Tischplatte, nachdem ich geendet hatte. Trevor, der meiner Version noch hinzugefügt hatte, was sich während meiner Bewusstlosigkeit abgespielt hatte, lehnte sich zurück und beobachtete mich aus schmalen Augen. 

„Mir war nicht bekannt, dass Lydia Endriel aufgesucht hat“, begann Sheldon dann leise. „Das wirft ein völlig anderes Licht auf die ganze Sache.“ 

„Hörst du bitte auf, in Rätseln zu reden“, brummte ich missmutig. 

Sheldons helle Augen sahen mich offen an. „Endriel wollte, dass du deine Eltern tötest und daraus Macht gewinnst. Er wollte, dass du ein Opfer wählst, vielleicht spielte es nicht einmal eine Rolle, was das sein sollte“, erklärte er dann. „Du hast es nicht getan, sondern – und das ist jetzt nur meine Vermutung -  dicht gemacht.“ 

Ich runzelte die Stirn. „Dicht gemacht?“ 

„Magisch dicht“, fuhr er fort. „Genaueres werden wir nur erfahren, wenn du dich erinnerst. Aber vielleicht…“ Seine Augen wanderten von mir zu Vivian, die seinen Blick ungerührt erwiderte. „Durch das Blut, das Endriel von Annie in die Hände bekam, konnte er auf sie Einfluss nehmen. Endriel hat einen Zauber gesprochen, wobei ich denke, dass er nicht funktioniert hat, oder nicht ganz. Aber durch den Zauber wurde in Annie eine Verbindung zwischen heller und dunkler Magie hergestellt. Vielleicht war es das, was deine Magie gespürt hat, Vivian. Den Hauch von Dunkelheit in Annies Macht.“

Mein Mund klappte auf. „Aber… aber das Licht ist weiß.“ 

Sheldon zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Diese neueste Erkenntnis ist für mich genauso überraschend wie für euch. Mich wundert auch, weshalb Endriel durch das Blut nicht mehr Macht über dich besaß, Annie.“ 

„Mir ist völlig unverständlich“, mischte sich jetzt Vivian ein, „weshalb sich niemand um sie kümmerte. Ihre Geburt war sicherlich jedem Magier bekannt.“ 

„Im Gegensatz zu dir, standen Annie bei ihrer Geburt alle Wege offen. Die Entscheidung, welchen Weg sie wählt, musste sie selbst treffen.“ 

Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass Anastasia Vivians Vater getötet hatte, um dem Kind mehr Macht zu geben. Schon vor ihrer Geburt hatte Vivian die Macht eines Opfers kennen und nutzen gelernt. Ihr Weg stand fest. 

„Wären meine Eltern weiße Magier gewesen, wäre auch mein Weg vorherbestimmt gewesen“, wagte ich einzuwerfen. 

Sheldon nickte. „Aber sie waren es nicht. Du warst eines der wenigen Kinder, das in einer völlig magielosen Familie geboren wurde. Solche Kinder müssen ihren eigenen Weg finden.“ 

„Schwachsinn“, knurrte Vivian. 

Der Vampir lächelte fein. „Deine Seite hat auch nichts getan.“ 

„So eine Dummheit würde ich nicht begehen, wenn ich etwas zu sagen hätte“, erklärte Vivian selbstbewusst. 

„Zum Glück hast du nichts zu sagen“, kam es von Trevor. 

Ich konnte in diesem Fall nur Vivian recht geben, weil ich es auch nicht verstand. Ich hätte tatsächlich verrückt werden können. Wenn ich mir überlegte, wie lange ich diese Träume schon hatte und was sich vielleicht in meinem Kopf befand und von dem ich nur nichts wusste. 

 Verärgerung stieg in mir hoch. Zorn auf diese Wesen, die mich allein gelassen hatten und die mir schon damals hätten helfen können. Sie hätten verhindern können, dass meine Mutter zu Endriel ging. Sie hätten sie warnen können, mein Blut an einem mächtigen dunklen Magier zu geben. 

„In Annies Fall kam noch etwas anderes hinzu“, setzte dann Sheldon seine Erklärungen fort. „Das magische Buch zeigte zwar ihre Geburt an, aber Annie selbst zeigte keinerlei Anzeichen, dass sie tatsächlich die Kräfte besaß, die sie besitzen sollte. Manchmal bilden sie sich nicht in der Stärke aus, die das Buch verspricht. Manchmal sehr spät. Wir wollten Annie Zeit geben und sie beobachten.“ 

„Beobachten?“, fuhr ich erbost hoch. 

„Soviel ich weiß, haben deine Eltern jeglichen sanften Kontakt abgelehnt“, sagte Sheldon dann leise. „Allerdings führe ich das jetzt auf den Einfluss Endriels zurück. Und dann kam der Unfall. Etwas, was niemand vorhersehen konnte.“ 

„Spätestens dann hättet ihr handeln können“, sagte Vivian und klang noch immer sehr angriffslustig. 

„Man steckte Annie in ein Waisenhaus und wir nahmen an, sie wäre dort erst einmal sicher.“ 

Bilder stiegen plötzlich in mir hoch. Bilder von den dunklen, kleinen Zimmern, von strengen Erziehern und den Kindern, die mich mieden als wüssten sie, dass ich anders war. Ich hatte mich einsam gefühlt und verloren und festgestellt, dass ich mir nur selbst helfen konnte. Vielleicht war auch das der Grund, warum ich in meinem Leben nie jemanden zu nah an mich heran ließ. 

„Oh klar!“, stieß Vivian hervor. „In einem Waisenhaus ist man sehr gut aufgehoben, genauso gut wie in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche!“ 

Raven, der bisher sehr ruhig neben Sheldon gesessen hatte, schien auf Vivians aggressive Stimmung zu reagieren. Er rutschte in ihre Richtung, sank neben ihrem Sessel zu Boden und lehnte seine Wange gegen ihre Knie. Es war, als würde er versuchen, das Mädchen zu beruhigen und komischerweise funktionierte es auch. Ich hatte ihn noch immer keinen Ton reden hören, vielleicht war er wirklich stumm, aber als er jetzt leise schnurrte und seine Wange an Vivians Knie rieb, veränderte sich der Ausdruck im Gesicht des Mädchens. Mit einem fast weichen Lächeln hob sie ihre Hand und strich ihm sanft durch die Haare. 

Ich war einen Moment so verblüfft, dass ich die beiden nur beobachten konnte. Raven schaute hoch, lächelte Vivian an und sie senkte den Kopf und küsste ihn sanft auf die Stirn. Es lag eine Art Nähe in dieser Geste, die ich dem jungen Mädchen nicht zugetraut hätte. 

Ich musste kurz blinzeln, ehe ich mich wieder konzentrieren konnte. Komischerweise war auch meine Verärgerung etwas abgeflaut. „Was tun wir jetzt?“, stellte ich die Frage, die mir schon lange auf der Zunge lag. 

Sheldon holte tief Luft. „In deine Vergangenheit gehen, Annie.“

 

~*~*~*~*~

 

Ich wollte nicht in meine Vergangenheit. Und ich wollte mich am liebsten mit Händen und Füßen dagegen wehren. Es musste einen Grund geben, aus dem ich all das verdrängt hatte und den wollte ich einfach nicht wissen. 

Sheldon und auch Vivian erklärten mir dann, dass man wissen musste, wie viel Macht in Endriels Händen durch mein Blut lag. Sie mussten erfahren, ob man etwas dagegen tun konnte, wenn das noch der Fall sein sollte. Das war ja alles gut und schön, aber ich war bisher sehr gut ohne dieses Wissen zurechtgekommen. Warum sollte ich das jetzt ändern? 

Nicht sofort, war meine Bedingung gewesen und Sheldon hatte genickt. Vivian hatte mich komisch angesehen und Trevor schaute wie üblich undefinierbar. Ehe noch einer von ihnen ein Wort hatte sagen können, war ich aufgesprungen und in die Küche verschwunden. Mochten sie da draußen diskutieren wie sie wollten, ich musste meine Nerven beruhigen und was war dazu besser geeignet als eine Tasse Kaffee? 

Ich versuchte an gar nichts zu denken, während ich Wasser in die Maschine füllte und die Filtertüte einlegte. Ich maß gerade den Kaffee ab, als ich hinter mir die Tür hörte und schloss die Augen. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Trevor war, der die Küche betreten hatte. 

Wortlos drückte er den Filter zurück in die Halterung, betätigte den Einschaltknopf und nahm die Kaffeedose aus meinen Händen. Ich öffnete meine Augen wieder, als er die Dose auf dem Schrank absetzte, drehte mich um und schaute genau in seine grauen Augen. 

„Wovor hast du Angst?“, fragte er leise. 

Verzweiflung stieg in mir hoch, weil ich keine Antwort auf diese Frage wusste. Etwas davon musste in meinem Blick zu lesen gewesen sein, denn er hob seine Hand und strich sanft über meine Wange. Plötzlich kämpfte ich gegen das Bedürfnis, mich einfach in seine Arme zu werfen und für einen kurzen Moment den Rest der Welt zu vergessen. Einfach nur dadurch, dass mich jemand festhielt, dass es jemanden gab, an den ich mich anlehnen konnte. Der Gedanke erschreckte mich etwas und ich drehte mich schnell zum Küchentisch um, ehe ich dieser dummen Regung nachgeben konnte. 

„Annie?“ 

Ich schüttelte den Kopf, doch Trevor folgte mir, griff nach meinem Arm und zog mich auf den Küchenstuhl, während er selbst auf dem zweiten Platz nahm. 

„Red mit mir“, bat er wieder. „Vielleicht kann ich dir einen Teil deiner Bedenken nehmen.“ 

Ich zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, gab ich dann zu. „Ich… ich habe in den letzten Wochen keinen einzigen dieser Alpträume gehabt, die mich geplagt haben, bevor ich euch getroffen habe. Das ist schön, Trev… du kannst dir vielleicht gar nicht vorstellen, wie schön… Ich will nicht wieder welche haben. Ich will endlich in Ruhe schlafen…“ 

„Es muss nichts schlimmes passiert sein“, sagte er ruhig, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Vielleicht schläfst du ruhiger, wenn du alles weißt.“ 

„Vielleicht aber auch nicht…“ Da waren Erinnerungsfetzen in meinem Kopf, solche wie damals, als ich Vivian das erste Mal gegenüber gestanden hatte. Düstere Erinnerungen. Ich bezweifelte stark, dass ich besser schlafen würde, wenn ich alles wusste. 

„Wenn Endriel wirklich noch Macht über dich hat, Annie, dann stärkst du ihn mit deinem Nichtwissen noch.“ 

Ich schüttelte den Kopf und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Wenn er Macht hätte, dann hätte er sie mir gegenüber angewandt.“ 

Trevor zog mir die Hände mit einer sanften aber bestimmten Bewegung weg. „So einfach ist es nicht, Annie. Sheldon hat es nicht ausgesprochen, aber wir denken beide, dass deine Vergangenheit der Schlüssel zu deiner Reaktion auf Vivian ist.“ 

Jetzt musste ich wohl sehr erstaunt geschaut haben, denn er lächelte kurz und fuhr fort. 

„Ein weißer Magier reagiert extrem auf dunkle Magie. Dein magisches Licht ist reinweiß, weil es noch keine Gelegenheit hatte, die Farbe zu verändern. Das geschieht erst mit dem ersten Opfer. Aber der Wunsch nach mehr Macht, oder nennen wir es die latente Veranlagung, die schlummert in jedem. Möglicherweise hat das Tun deiner Mutter und damit Endriels Handeln etwas in dir geweckt, das nie geweckt worden wäre. Und Vivians Magie hat diesen dunklen Kern gespürt.“ 

Ich sagte eine Weile gar nichts, weil ich erst wirken lassen musste, was er da von sich gegeben hatte. „Aber das Cyana hat mich erkannt“, gab ich dann zu bedenken. „Und es hat Vivian nicht abgewehrt.“ 

„Natürlich erkennt das Cyana seinen Träger und bis zum jetzigen Augenblick bist du auch der rechtmäßige Besitzer. Du wirst es immer bleiben, aber kein dunkler Magier kann die Nähe des Cyanas ertragen. Er wendet sich freiwillig davon ab.“ 

„Es gibt Lucyana, die zur dunklen Seite gewechselt sind?“ 

Er nickte. 

„Und keinen einzigen Fall, dass es auch andersherum möglich ist?“, vergewisserte ich mich noch einmal. 

„Nein.“ 

„Dann hat meine Magie vielleicht erkannt, dass in Vivian dieser weiße Kern schlummert?“ Ich klang selbst in meinen eigenen Ohren unsicher, aber der Gedanke gefiel mir besser als der, dass es in mir etwas schrecklich Dunkles geben könnte, das nur darauf wartete, hervorzubrechen. 

„Sheldon kann dir helfen zurückzureisen. Und wir sind da, um dich aufzufangen.“

Er lächelte wieder und ein warmes Gefühl stieg in mir hoch. Manchmal mochte er ein ärgerlicher arroganter Mistkerl sein. Aber ich konnte mit Bestimmtheit sagen, dass ich mich auf ihn verlassen konnte. Es gab wenige Menschen, von denen ich das behaupten würde. Trevor gehörte dazu. Und Sheldon auch. Mit einem Seufzen gestand ich mir ein, dass ich es bei Vivian nicht hundertprozentig sagen würde. 

Ich musste geseufzt haben, denn Trevor schaute mich fragend an. „Nichts“, antwortete ich mit einem schiefen Grinsen. „Mir ging gerade durch den Kopf, dass ich froh bin, dich zu kennen.“ 

Er sah nicht so aus, als hätte er diese Worte erwartet. Wahrscheinlich war er es auch nicht gewohnt, dass jemand sagte, dass er ihn mochte. 

„Verflucht“, murmelte ich dann fast verzweifelt. „Ich habe verdammte Angst davor. Warum nur?“ 

Er verzog den Mund. „Weil es nicht immer angenehm ist, sich selbst kennen zu lernen.“ 

„Was ist, wenn ich nicht mag, was ich erfahre?“ 

„Glaubst du, ich mag alles, was ich getan habe?“, fragte er und ein Hauch von Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit. „Ab wann beginnen deine Erinnerungen wieder?“ 

Ich überlegte einen Moment. „Bis zum Unfall meiner Eltern sind sie eigentlich normal wie die eines jeden Kindes, nicht unbedingt überdeutlich, aber zumindest ist etwas da. Danach ist Schluss, das einzige, was ich manchmal sehe, sind diffuse Erinnerungsfetzen, kurze Bilder oder etwas in der Art. Exakt erinnern kann ich mich eigentlich erst an alles, was nach meinem fünfzehnten Lebensjahr liegt. Schätzungsweise.“ 

„Du weißt aber, in welchem Waisenhaus du warst?“ 

„Nein“, knurrte ich. „Und ich will es auch nicht wissen.“ 

„Annie“, witzelte er und ein Teil seines spöttischen Ichs war wieder da. „Du kleiner Feigling.“ 

Ich war versucht, ihm die Zunge herauszustrecken, schaffte es aber gerade noch, diesen kindischen Impuls zu unterdrücken. Dann erinnerte ich mich an seine Worte und wurde wieder ernst. „Was in deiner Erinnerung magst du nicht?“ 

Er sah mich eine ganze Weile an und ich rechnete schon damit, dass er mir gar nicht antworten würde. 

„Dass ich Laurell geheiratet habe“, sagte er dann. „Und dass ich nicht auf ihrer Beerdigung war.“ 

„Du…“, begann ich zögernd. „Du könntest deine Kinder jederzeit besuchen.“ 

Er ging nicht darauf ein. „Ich habe Dinge getan, weil sie von mir erwartet wurden und nicht weil ich es selbst wollte. Ich habe mich selbst verleugnet, um meinem Vater zu gefallen. Deshalb habe ich Laurell geheiratet und habe damit ihr Leben zerstört.“ 

„Das ist nicht wahr“, sagte ich leise. „Du hast es nicht zerstört. Sie hat zwei Kinder groß gezogen…“ 

„Allein. Ohne noch einmal zu heiraten“, fiel er mir ins Wort. „Sie hatte am Ende Angst vor mir und die beiden Mädchen auch. Wenn ich könnte, würde ich diesen Teil meines Lebens streichen.“ Dann sah er mich ruhig an. „Aber das geht nicht, Annie. Es gehört zu meinem Leben dazu, so schwer es auch ist, daran zurückzudenken. Als ich zusammen mit Sheldon gegangen bin, hat mein Vater gesagt, er würde vergessen, dass ich sein Sohn bin. Das tat verdammt weh. Laurell hat sich nicht einmal verabschiedet und die beiden Mädchen auch nicht.“ 

„Das tut mir leid“, flüsterte ich erstickt. Plötzlich fühlte ich meine eigenen Bedenken lächerlich werden. Was konnte schon schlimmes in den paar Jahren passiert sein? 

Trevor sah aus als wäre er mit seinen Gedanken noch immer in weiter Ferne. „Ich wollte, dass er stolz auf mich ist“, sagte er dann bitter. „Aber er hat gesagt, ich solle aus seinen Augen verschwinden, er würde sich für mich schämen.“ 

Etwas in mir zog sich zusammen. Manchmal war auch ich etwas sentimental veranlagt. Wortlos schlang ich meinen Arm um ihn und drückte ihn kurz. Was sollte ich auch sagen? In solchen Situationen fiel es mir schwer, mit Worten umzugehen. Trevor drehte den Kopf, lächelte schwach und presste kurz seine Lippen gegen meine Haare. 

„Eigentlich wollte ich nur eins damit sagen, Annie. Egal, was deine Erinnerungen dir erzählen werden, sie gehören zu deinem Leben. Und so sehr ich meine verfluche, manchmal, so sehr hänge ich auch daran.“ 

Ich hob den Kopf, schaute in seine so eigenartig grauen Augen und etwas wie Beruhigung breitete sich in mir aus.  

„Heute“, fuhr er fort, „bin ich stolz auf mich selbst und meine Fähigkeiten. Heute weiß ich, dass ich nur mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss und niemandem sonst. Und selbst wenn ich Fehler gemacht habe, so habe ich aus ihnen gelernt. Genauso wird es dir gehen, Annie. Falls es denn da Fehler gab…“ 

„Ich müsste ein netter, lebenslustiger Mensch sein, wenn es da keine Fehler geben würde…“ 

Er lachte leise und diesmal senkte er den Kopf und küsste mich kurz auf den Mund. Ich war zu überrascht, um zu reagieren, aber wenn ich ehrlich mir selbst gegenüber war, eigentlich hatte ich auch nichts dagegen. 

„Bereit, es herauszufinden?“, fragte er, mit dem Gesicht noch immer in beängstigender Nähe zu meinem. 

Dummerweise irritierte mich das etwas und löste eine eigenartige Spannung in meinem Körper aus, die nicht einmal unangenehm war. Überdeutlich erinnerte ich mich wieder an jenen Tag, an dem er mich geküsst und die Magie in uns reagiert hatte.  

„Hm“, murmelte ich undeutlich. 

Trevor griff nach meiner Hand, stand auf und zog mich mit hoch. „Dein Kaffee ist fertig.“ 

Ich starrte auf seine Hand, die meine noch immer festhielt und wunderte mich, dass es sich nicht falsch anfühlte. Ich bin nicht der Typ Frau, der auf Händchenhalten und Kuscheln steht, aber Trevors Hand in meiner fühlte sich richtig an, obwohl ich nicht beschreiben konnte, weswegen. Es irritierte mich. 

Trevor hob die andere Hand zu meinem Kinn und drehte mein Gesicht in seine Richtung. „Es ist die Magie, Annie“, sagte er leise, als würde er meine Gedanken ahnen. „Du spürst die Magie in dem anderen und reagierst darauf. Entweder ist es Sympathie oder Antipathie. Du spürst es vom ersten Moment an, in dem du einen anderen Menschen berührst.“ 

„Bei dir ist es Sympathie“, murmelte ich wie zu mir selbst und sah ihn nicken. „Aber als ich dich damals das erste Mal gesehen habe, konnte ich dich nicht leiden.“ 

Er lachte wieder leise und sein Lachen berührte ebenfalls einen Punkt in mir. „Du hast mich nicht berührt und meine mentale Abwehr stand voll. Deine Magie konnte mich nicht einmal erkennen, selbst wenn du gewusst hättest, wie du damit umzugehen hast.“ 

Neugierig legte ich den Kopf schief. „Jetzt steht dein mentaler Schirm nicht mehr?“ 

„Ach Annie“, seufzte er. 

„Ich versteh es nicht“, entschuldigte ich mich. „Erklär es mir.“ 

Er schaute eine Weile überlegend in die Luft. „Hast du dich manchmal gefragt, warum dir ein Mensch vom ersten Augenblick an unsympathisch ist und ein anderer nicht?“ 

Ich nickte. Das war mir oft genug so gegangen. 

„Die Magie kommuniziert. Und in jedem steckt eine gewisse Aura, selbst in Menschen, die nicht fähig sind, sie zu benutzen. Je mehr du natürlich damit umgehen kannst, umso sensibler reagierst du.“ Er lächelte mich an. „Ich kann nicht sagen, dass du mir unsympathisch warst. Ich konnte einfach nur nicht glauben, dass du tatsächlich die Frau mit den Fähigkeiten einer Lucyana sein sollst.“ 

„Du hast mich schon teilweise genervt“, gab ich zurück. „Und du tust es jetzt noch oft genug. Wie ist es bei dir und Vivian?“, erkundigte ich mich dann neugierig. 

„Das Komische ist“, antwortete er nachdenklich, „sie ist mir nicht unsympathisch, aber ich traue ihr nicht. Mein Gefühl sagt etwas anderes als mein Verstand, vielleicht auch, weil dieser nicht einsehen will, dass ein Wesen mit schwarzmagischen Fähigkeiten zu uns gehört. Dazu kommt, dass sie erst sechzehn ist.“ Er grinste. „Mädchen in dem Alter sind nie einfach. Auf keiner Welt des Universums.“ 

Ich verzog den Mund. „Keine Ahnung. Ich habe nicht viele Erinnerungen an mich als ich so alt war.“ 

Trevors Finger, die noch immer mein Kinn umfingen, strichen gedankenverloren an der Linie meines Kiefers entlang. „Ich wette, du warst extrem kompliziert“, grinste er dann und hob seine Augen vom Spiel seiner Finger zu meinen.  

Übergangslos spürte ich wieder seine Nähe und mein Herz hämmerte gegen meinen Willen um einige Takte schneller. 

„Glaub ich kaum“, stieß ich hervor und hoffte, dass ich nicht so klang wie ich mich fühlte. Nämlich etwas atemlos. Ich wollte nicht, dass er merkte, welche Wirkung seine Nähe auf mich hatte, weil ich mir nicht einmal selbst eingestehen wollte, dass er solch eine Wirkung hatte. 

„Manchmal“, fuhr er fort, „lässt uns die Magie auf den anderen extremer reagieren.“

Extremer? 

„Vielleicht sollte ich dich davor warnen, Annie. Manchmal fühlst du dich zu einem Menschen hingezogen, nur weil er ein Magier ist.“ 

„Redest du jetzt von mir oder von dir?“, fragte ich misstrauisch. 

Er lächelte schwach und ließ mich los. „Beides. Ich habe es erlebt. Du erwachst am nächsten Morgen mit dem schalen Geschmack im Mund, etwas getan zu haben, was du gar nicht wolltest.“ 

Ich hatte kurz damit zu tun, gegen das Gefühl von Enttäuschung zu kämpfen, weil er mich losgelassen hatte. „Ich kann nur von mir sprechen und ich kenne das Gefühl nicht.“ 

„Wie schön für dich“, grinste er recht jungenhaft. „Aber du wirst es noch kennen lernen.“ 

„Hör auf, mir so pessimistischen Mist zu erzählen“, brummte ich missmutig. „Es reicht, wenn ich irgendwas Pessimistisches in meiner Erinnerung sehe.“ Dann drehte ich mich um und öffnete die Schranktür. „Auch Kaffee?“ 

Er nickte. Zum Glück schwieg er, während ich die Kaffeetassen fühlte und meinen mit Zucker und Milch versah. Trotzdem spürte ich seinen Blick und er machte mich nervös. Um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken, drückte ich ihm seine Tasse in die Hand. 

„Alles klar?“, fragte er ruhig. 

Ich holte tief Luft. „Ja. Ich hoffe es.“ 

Er lächelte und ließ mich an sich vorbei zurück ins Wohnzimmer gehen.

 

Teil 37

 

Vergangenheit

 

„Dieses verdammte Wetter.“ 

Ich schreckte hoch, als mein Vater leise fluchte und blinzelte zwischen den Sitzen meiner Eltern hindurch. Es regnete nicht nur, es schüttete mit allem, was der Himmel zur Verfügung hatte. Die Lichter der entgegenkommenden Autos brachen sich in den Regentropfen und sorgten dafür, dass man kaum zwanzig Meter sehen konnte.

Meine Mutter drehte den Kopf und lächelte mich an. „Du bist aufgewacht, Annie?“, fragte sie sanft. „Wir haben es gleich geschafft.“ 

„Wenn es weiter so regnet, müssen wir anhalten und warten“, brummte mein Vater, während seine Finger das Lenkrad fester umfassten.  

Mir war es egal. Ich war noch immer in den Fetzen des Traumes gefangen, aus dem mich seine Stimme geweckt hatte, und wollte am liebsten weiterschlafen. Der Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe und das eintönige Geräusch wirkte einschläfernd. Ich fühlte mich müde und lehnte meinen Kopf gegen die Seitenscheibe des Fahrzeugs. 

Wir waren auf einer Geburtstagsfeier von Freunden meiner Eltern, den Hastings,  gewesen. Diese hatten keine Kinder, aber da meine Eltern mich nicht allein zu Hause lassen wollten, musste ich notgedrungen mit. Warum sie mich nicht allein lassen wollten, war mir unverständlich. Schließlich war ich sieben Jahre alt und kein Baby mehr. Der Abend war so langweilig gewesen, wie ich es mir vorgestellt hatte und zum Schluss hatte ich mir immer übellauniger anmerken lassen, dass ich nach Hause wollte. Meine Laune hatte sich allerdings noch nicht wieder gebessert und so schwieg ich einfach. 

„Verdammt“, schimpfte mein Vater wieder. „Das ist doch kein Unwetter, das ist eine verdammte Sintflut!“ 

„Fahr langsamer, Schatz“, bat meine Mutter.  

Der Regen hatte eingesetzt, als wir die Haustür der Hastings hinter uns geschlossen hatten. Wir waren zum Auto gerannt, um nicht bis auf die Haut durchweicht zu werden und froh gewesen, im Inneren des Fahrzeugs wenigstens einigermaßen trocken zu sitzen. 

Wir fuhren wieder eine ganze Weile, ohne dass meine Eltern sprachen, bis meine Mutter sich nach vorn beugte. „Jetzt scheinen wir die einzigen geworden zu sein, die bei dem Wetter noch unterwegs sind.“ 

Da ich geschlafen hatte, wusste ich nicht, ob uns bis jetzt viele Fahrzeuge entgegengekommen waren. Kein Wunder, dachte ich böse. Alle anderen fahren beizeiten heim und warten nicht so ein blödes Unwetter ab. Normalerweise hatte ich nichts gegen späte Zeiten, aber wenn ich allein am Tisch mit Erwachsenen saß, war das einfach öde. Ich steigerte mich gerade in meine missmutige Stimmung hinein, als meine Mutter erschrocken aufschrie und es vor uns auf der Straße grell aufleuchtete. Im nächsten Moment wurde ich in meinen Gurt gedrückt und die Bremsen quietschten ohrenbetäubend. 

„Was ist das?“, schrie meine Mutter durch den Lärm der Bremsen. 

Panik hüllte mich ein. Etwas, was ich nicht beschreiben konnte, lag in der Luft und schnürte mir den Atem ab. Sicherlich geschah all das nur in Sekunden, aber mir erschien es, als würden Stunden vergehen. Ich hörte die Schreie meiner Eltern, sah das grelle Licht und plötzlich in dessen Mitte eine dunkle Gestalt, die die Arme gehoben hatte. Das Auto schlingerte, als es auf der nassen Fahrbahn den Halt verlor und mein Vater riss am Lenkrad, um es in der Spur zu halten. Wir waren nicht so schnell unterwegs gewesen und eigentlich hätte es ihm möglich sein müssen. 

„Das Auto reagiert nicht!“, schrie er und meine Mutter umklammerte mit angstvoll geweiteten Augen die Griffe an der Tür. 

Urplötzlich war alles um uns herum taghell erleuchtet und mir blieb fast das Herz stehen, als ich die Gestalt auf der Straße überdeutlich erkennen konnte. Es war ein Mann in einem schwarzen Ledermantel und seine hellen, fast weißen Haare wehten im Wind. Der Regen machte um ihn einen Bogen, ja ich hatte fast den Eindruck, er würde dafür sorgen, dass ihn kein Tropfen berührte. 

Etwas fuhr durch meinen Körper, etwas Fremdes, Unheimliches und es tat für einen Moment so weh, dass ich aufschrie. Dann geschah alles gleichzeitig. Etwas in mir erwachte und ich bekam solche Angst, weil ich es kannte und wusste, dass immer, wenn es geschah, etwas Schreckliches passierte. Wimmernd sackte ich in meinem Gurt zusammen. Etwas Schreckliches würde passieren und man würde mir wieder die Schuld dafür geben. Das war alles, was mir durch den Kopf ging. Ich hatte Angst, ich wollte nicht Schuld sein, dass komische Dinge passierten, und schloss weinend die Augen. Dann explodierte das Ding in mir, für einen Moment verlor ich die Orientierung, als der Schmerz in meinem Körper zu mächtig wurde und im nächsten Augenblick krachte es ohrenbetäubend neben mir, als das Auto gegen den Baum knallte. Regen trommelte auf meinen Körper, durchweichte meine Kleidung im Nu bis auf die Haut, doch ich spürte es nicht, weil ein reines weißes Licht meinen Körper einhüllte und mich von innen wärmte. 

Dann war der Mann in dem schwarzen Mantel da, beugte sich über mich und wich sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück. Der Hass in seinen hellen, grünen Augen war das letzte, was ich sah, ehe mich die Bewusstlosigkeit übermannte.

 

~*~*~*~

 

Gegenwart

 

Ich zuckte zusammen, als ich abrupt aus den Bildern meiner Vergangenheit gerissen wurde und schaute in die Gesichter von vier anderen Menschen. Trevor und Sheldon sahen mich fragend an, Vivian recht misstrauisch und Raven einfach nur neugierig. Ob er verstand, was wir hier gerade taten, konnte ich nicht abschätzen. 

Mit zitternden Fingern griff ich nach meiner Kaffeetasse und führte das Gefäß an meine Lippen. 

„Du bist ganz blass, Annie“, meinte Vivian zögernd und rutschte neben mich. „Was hast du gesehen?“ 

„Vivian“, sagte Sheldon sanft. „Lass sie erst einmal zur Besinnung kommen. Es ist nicht immer einfach, mit Bildern klarzukommen, die man vorher nie gesehen hat.“ 

Ich setzte die Tasse wieder ab und strich mir über die Augen. Ich wusste, wer der Mann damals gewesen war und die Angst setzte sich mit einem festen Klumpen in meinem Magen fest. Dass er eine solch große Rolle in meiner Vergangenheit gespielt hatte, hatte ich nicht ahnen können. 

„Es war die Nacht, als meine Eltern starben“, flüsterte ich erstickt. „Verdammt, ich war sauer auf sie in diesen letzten Minuten. Ich habe nicht mit ihnen geredet, weil ich ein bockiges dämliches Kleinkind war…“ Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen.

Neben mir senkte sich die Couch, weil sich jemand setzte und dann fühlte ich Trevors Arme, die mich umschlangen und an seine Brust zogen. 

„Na ja“, sagte Vivian trocken. „Ist schlecht möglich zu sagen, ich hab euch lieb und möchte, dass ihr das jetzt wisst. Bevor ihr gleich…“ 

„Vivian!“ Sheldon funkelte das junge Mädchen eisig an. „Halt den Mund.“ 

Sie erwiderte den Blick ungerührt.  

Vivian verstand meine Gefühle jetzt nicht und ich konnte ihr nicht einmal einen Vorwurf machen. Vielleicht konnte es niemand verstehen, der nicht in derselben Situation gewesen war. Und Vivian, deren Mutter den Jungen zu Tode gequält hatte, den sie geliebt hatte, schon gleich gar nicht.  Aber der Gedanke, dass meine Eltern mit dem Wissen gestorben waren, dass ich böse auf sie gewesen war, lastete schwer auf mir. Und ja, kindischer Weise wünschte ich mir, zurückreisen und ihnen sagen zu können: „Macht euch keine Gedanken, ich habe euch lieb.“ 

Trevor strich beruhigend über meine Haare. „Wie bist du aus dem Auto rausgekommen?“ 

„Die Magie hat reagiert“, flüsterte ich erstickt. „Und es war kein Unfall…“ Ich hob den Kopf und schaute Sheldon an. „Endriel war da und auch dieses Unwetter… Kann Magie ein Unwetter schaffen?“ 

Der Vampir nickte. „Sicher.“ 

„Ich denke, er wollte mich noch töten, als er sah, dass ich aus dem Auto herausgekommen war, aber er kam nicht an mich heran. Da war weißes Licht, das mich einhüllte.“ 

„Die instinktive Reaktion der weißen Magie auf die dunkle“, erklärte Sheldon dann. „Endriel hat wohl damit gerechnet, es umgehen zu können, indem er das Auto handeln lässt.“ 

„Verdammt“, wisperte ich hilflos. „Ich bin Schuld an ihrem Tod. Genauso wie an Susans.“ 

„Nein“, sagte Trevor und der Griff seiner Arme wurde fester. „Das kann niemand wissen. Deine Mutter ist zu Endriel gegangen. Auch das kann die Ursache sein, dass er erst auf euch aufmerksam geworden ist.“ 

„Mütter tun meist die dämlichsten Sachen…“ 

„Vivian!“, schrie jetzt Trevor zornig. „Es reicht!“ 

„Es ist besser, wenn du in dein Zimmer gehst, Vivian“, sagte Sheldon ruhig. „Vielleicht musst du erst noch lernen, wie weh Worte tun können.“ 

Vivian zuckte mit den Schultern und stand auf. „Ich wollte nur nicht, dass sich Anne Vorwürfe macht. Ich kann nichts dafür, wenn ihr das falsch versteht.“ Damit griff sie nach Ravens Hand und zog den D’arjo hinter sich her. 

Es tat weh, sie solche herzlosen Worte sagen zu hören, aber ich wusste, dass sie mich nicht hatte verletzten wollen. Vielleicht hatte Sheldon recht und sie war noch zu jung, um es zu verstehen. Aber ich bezweifelte das. Es war einfach so, dass sie nicht verstehen konnte, welche Gefühle zwischen Eltern und Kindern existierten, weil sie keine solchen erlebt hatte. Und dieser Gedanke wiederum tat mir unwahrscheinlich leid. Ich bezweifelte auch, dass ihre Mutter sie jemals in den Arm genommen und gedrückt hatte und noch weniger konnte ich mir vorstellen, dass Anastasia ihr irgendwann mal gesagt hatte, wie lieb sie sie hatte. Mit ihrem nüchternen gefühllosen Verstand hatte sie völlig recht. Ich trug keine Schuld. Mein Gewissen sagte etwas anderes und machte mir Vorwürfe. 

„Ich muss dir noch etwas sagen, Annie“, sagte Sheldon leise. „Mit der Lösung der Blockaden in deinem Kopf werden Erinnerungen geweckt. Ich weiß nicht immer, wann sie auf dich einstürmen. Möglicherweise tauchen sie überraschend auf, wenn ein Auslöser im Jetzt entsteht oder du träumst davon.“ 

„Na toll“, brummte ich missmutig. „Hättest du das nicht vorher sagen können?“ 

„Wir werden versuchen, die meisten unter Aufsicht entstehen zu lassen“, versprach er mir, aber das ungute Gefühl in meinem Magen blieb. 

Der Gedanke war unheimlich. Ich würde Bilder aus meinem Leben sehen, das ich gelebt hatte, aber an das ich keine Erinnerung besaß, oder zumindest nur diffuse undeutliche Bilder. Die Angst hockte immer noch in mir wie ein Tier, das sich im Inneren versteckte und wartete loszubrechen. Und noch immer fragte ich mich selbst, ob es nicht besser wäre, mit dem Nichtwissen zu leben.  

Sheldon sagte nein und Trevor war der gleichen Meinung. Vielleicht würde ich ihnen in einigen Wochen recht geben, im Moment fühlte ich mich einfach nur elend. Ich lehnte mich in Trevors Umarmung und genoss es, jemanden zu haben, an den ich mich anlehnen konnte. Es war nicht oft in meinem Leben passiert, dass ich das Bedürfnis danach verspürte, aber im Augenblick fühlte es sich gut an. 

Vielleicht spürte er es, denn er ließ mich nicht los und die Wärme seines Körpers, die ich durch meine Kleidung spürte, gab mir ein Gefühl von Heimat, so lächerlich wie das auch klang.

 

~*~*~*~

 

Vergangenheit

 

„Ich war das nicht.“ Ich schüttelte wild den Kopf, obwohl mich Miss Letitia mit solch einem zornigen Gesichtsausdruck musterte, dass mir hätte Angst und Bange werden müssen. 

„Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich mit dir tun soll, Anne“, sagte sie mit einem eisigen Tonfall. „Und ich habe es satt, am Morgen das Chaos beseitigen zu lassen, das du verursacht hast.“ 

„Ich war das nicht“, stieß ich verzweifelt hervor, während meine Augen in meinem Zimmer herumhuschten. Bücher lagen auf dem Fußboden herum, das Regal, auf dem sie gestanden hatten, war aus der Verankerung gerissen und auch das Fenster hing nur noch an einem Scharnier. Ich war durch das Krachen aufgewacht, mit dem die Bücher auf den Boden gedonnert waren und zu erschrocken gewesen, um irgendetwas zu machen. Der Lärm war auch im Gang zu hören gewesen und es war keine halbe Stunde vergangen, bis jemand Miss Letitia, die Heimleiterin, informiert hatte. 

„Anne“, fuhr die Frau fort. „Die anderen Kinder haben Angst vor dir, niemand will mit dir in einem Zimmer schlafen, weil du nur Unsinn im Kopf hast.“ 

Jetzt traten Tränen in meine Augen. „Ich mache doch gar nichts“, murmelte ich und wischte mir schnell über die Augen, um die Tränen zu verbergen. 

Die anderen Kinder ärgerten mich oft genug. Versteckten Schulbücher, bemalten meine Tür oder stahlen mir meine Stifte. Manchmal freute ich mich, wenn ihnen dann ein Missgeschick passierte. Warum auch nicht, so ein bisschen war ich schon sauer, wenn sie mich laufend piesackten. Aber ich hatte wirklich nie jemandem etwas absichtlich getan. Was konnte ich dafür, wenn plötzlich ein Buch durch die Luft flog und eins der anderen Kinder traf? Oder wenn die Lampe sich aus ihrer Halterung löste. 

„Das hier muss aufhören“, erklärte Miss Letitia streng. „Ich werde einen Psychologen konsultieren und für dich einen Termin vereinbaren. Bis dahin bist du vom Unterricht suspendiert und wirst allein Strafarbeiten erledigen.“ 

Außer dass mich dieser Termin nervte, war ich nicht sauer darüber, den anderen Kindern nicht zu begegnen. Es war sowieso jeden Morgen ein Spießrutenlauf, wenn ich ins Klassenzimmer kam und mir dumme Bemerkungen an den Kopf flogen, von denen „Hexe“ noch die harmloseste war.  

„Du wirst das Zimmer nicht verlassen und räumst hier auf“, wies mich Miss Letitia an und rauschte aus dem Zimmer. „Ich werde dich holen kommen, wenn der Psychologe da ist.“

 

~*~*~*~*~

 

Gegenwart 

Meine Erinnerungen verschwammen und für einen kurzen Moment klärte sich meine Sicht. Es war jedes Mal so, dass ich vollkommen in die Vergangenheit abdriftete, wenn Sheldon einen Teil meiner versteckten Erinnerungen aktivierte.  

Vierzehn Tage waren jetzt vergangen. Und außer der Erinnerung an den Tag des Todes meiner Eltern hatte ich nicht so sehr viel Neues erfahren. Meine Jugend in dem Waisenheim war nicht sonderlich berauschend gewesen. Es gab mehrere solcher Ereignisse, dass Dinge passiert waren, die ich mir nicht erklären konnte, aber für die man mich verantwortlich machte. Meist am Morgen, wenn ich erwachte oder es geschah wirklich, wenn mich ein anderes Kind ärgerte und Gegenstände durch den Raum flogen. Mir wurde immer vorgehalten, ich hätte sie geworfen, aber ich wusste jetzt mit absoluter Sicherheit, dass ich nichts dergleichen getan hatte. 

Sheldon erklärte es mir sehr viel einfacher. Ich hatte keinerlei Macht über die Magie besessen, die in mir schlummerte. Aber sie erwachte und sie suchte nach einem Ventil. Wenn ich träumte, verarbeitete ich die Geschehnisse des Tages, die Auseinandersetzungen, den Streit und auch meine Verzweiflung. In mir gab es genug Magie, die auf dieses Gefühlschaos reagierte und sich entlud, ohne dass ich etwas dazu tun musste. Es war das, was man unter dem klassischen Phänomen des Poltergeistes verstand. 

Die anderen Kinder mieden mich und im Nachhinein erschien es mir kein Wunder, dass ich mich zu einem ziemlichen Einzelgänger entwickelt hatte. Ich hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen und wenn, dann nur, um mich mit ihnen zu streiten. In der Schule war ich recht gut, aber ich ging nicht gern hin, eben weil ich nur ein Außenseiter war. 

Jetzt musterte mich Sheldon mit einem besorgten Gesichtsausdruck. „Geht es dir gut, Annie?“ 

Ich nickte. „Es war nichts neues, ich grübele einfach darüber nach, wie entsetzlich meine Kindheit war“, meinte ich dann mit einem schiefen Grinsen. 

Er nickte langsam. „Du hättest eine Schule auf Haastard oder Avalon besuchen müssen. Dort wären all diese Dinge nicht passiert.“ 

„Es hat keinen Sinn über ‚wäre’ und ‚hätte’ zu diskutieren. Ich war dort, aber ich weiß noch immer nicht, warum ich mich an all das nicht mehr erinnern kann. Bei der letzten Erinnerung war ich vielleicht zehn oder elf. Ob ich noch erfahre, wie dieses Gespräch mit dem Psychologen war? Der muss mich doch für völlig verrückt gehalten haben.“ 

„Machen wir weiter?“ 

Ich holte tief Luft, ehe ich nickte.

 

Teil 38

 

Vergangenheit

 

Er hieß Random, wurde aber von allen nur Ranny genannt. Alle Mädchen starrten ihm hinterher und kicherten hinter verschämt vor den Mund gehaltenen Händen. Ich wusste nicht, ob es überhaupt ein Mädchen gab, das nicht für ihn schwärmte. 

Ich gab das natürlich nicht zu und mich schaute er sowieso nie an, aber insgeheim musterte ich ihn schon. Er war groß, bestimmt einen Kopf größer als ich, und hatte dunkle lockige Haare. Er trug sie halblang, so dass sie ihm immer wieder ins Gesicht fielen und er sie sich zurück hinter die Ohren streichen musste. Die Geste war niedlich und er tat es völlig unbewusst. Seine Augen waren dunkelblau, dieses dunkle Blau, das der Ozean hat, wenn das Wasser sehr tief ist. Okay, ich träumte von ihm genauso wie all die anderen kichernden Mädchen im Heim. Ich war gerade dreizehn geworden und dieser Junge war das erste männliche Wesen, bei dem ich nicht nur Verärgerung empfand, wenn ich ihn sah, sondern bei dem sich so komische Schmetterlinge in meinem Bauch bildeten. Ich wünschte mir, er würde mich einmal ansprechen, aber hatte im gleichen Moment Angst davor.  

Er schien keine solchen Probleme zu haben, denn ich sah ihn oft mit anderen Mädchen stehen und reden. Manchmal versuchte ich, ein Wort zu erhaschen und fand, dass seine Stimme auch himmlisch klang. 

An diesem Tag, es war ein trüber nebliger Tag im November, sollte sich das ändern. Ich saß wie üblich allein mit einem Buch im Gemeinschaftsraum des Heims, weit entfernt von den anderen. Bücher lenkten mich von der Einsamkeit ab und wenn ich einmal begann zu lesen, verschwamm die Welt um mich herum. So war es nicht sonderlich überraschend, dass ich erst zusammenzuckte, als mich eins der Papierknöllchen tatsächlich traf. 

Genervt schaute ich hoch und sah am Nachbartisch drei der Jungs, die ich am meisten hasste, weil sie mich pausenlos ärgerten. Sie lachten nur, als ich so böse schaute. 

„Hast du auch noch Sachen in einer anderen Farbe?“, fragte der ganz rechte, der Tom hieß.


„Dann würden wir sie gar nicht erkennen“, kicherte Dennis, der neben ihm stand. 

Ich ignorierte sie und senkte meine Augen wieder in das Buch. Manchmal half das. Heute allerdings nicht. Das wurde mir klar, als sich Dennis auf den Tisch vor mich setzte und mir das Buch aus den Händen zog. 

„Was liest du eigentlich?“, fragte er und schaute auf den Titel. „’Das andere Leben’?“, fragte er ungläubig und wieherte los. „So was brauchst du tatsächlich, Anne.“ 

„Gib das Buch her“, sagte ich, noch immer ruhig. 

„Verzauberst du mich, wenn ich das nicht tue?“, lachte er weiter. 

„In ein kleines stacheliges Schwein und dann landest du auf dem Abendbrottisch“, knurrte ich zornig. 

Er lachte nur weiter, sprang auf und rannte mit meinem Buch in Richtung Tür. Ihn zu verfolgen, erschien mir dann doch etwas dämlich. Aber er kam nicht weit, sondern rannte genau in die Person, die zur Tür hereinkam, in Ranny. Mein Herz machte einen Satz, als Ranny stolperte und ein erbostes: „Pass doch auf, du Depp“ schrie.  

Dann erst sah er, was Dennis in der Hand hielt. „Seit wann liest du?“ 

„Das gehört der Hexe.“ Dennis deutete mit der Hand in meine Richtung und das Blut schoss mir ins Gesicht. 

Ich wurde nie rot, wirklich nie, aber sobald dieser Ranny ins Spiel kam, war ich nicht mehr ich selbst. Zum ersten Mal schaute mich Ranny an und meine Knie wurden weich. Er sah wirklich toll aus und ich hoffte, ihn nicht so verträumt anzuschauen wie der Rest der kichernden Weibsbilder, die sich noch im Raum befanden. 

Doch dann bemerkte ich, dass Rannys Blick keineswegs freundlich war, sondern er mich mit einer Art Reserviertheit musterte, so wie man vielleicht ein exotisches Tier ansah. 

„Ah ja“, sagte er langsam. 

Im gleichen Moment verpuffte meine Schwärmerei und Ärger stieg in mir hoch. „Ja, genau, die Hexe“, stieß ich hervor, sprang auf und lief durch den Raum auf sie zu. 

Plötzlich herrschte Totenstille im Zimmer und Dennis starrte mich verdutzt an, als könne er nicht fassen, dass ich das tat. Mit einer zornigen Bewegung riss ich ihm mein Buch aus den Händen. „Das gehört mir, du Idiot!“, fauchte ich ihn an. „Und ich will dich nie wieder in der Nähe von meinem Eigentum sehen!“ 

„Immer langsam“, sagte plötzlich hinter mir eine Stimme, die ich als Toms identifizierte. „Von dir lassen wir uns gar nichts sagen.“ 

Ich fuhr herum und der Zorn in mir überspielte jegliche Bedenken. „Dann lasst mich einfach in Ruhe!“ 

Dennis griff wieder nach meinem Buch, aber diesmal reagierte ich rechtzeitig und schlug ihm damit gegen die Hand. Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen und die ganze Situation hätte sich beruhigt. So aber weckte es auch seinen Zorn. 

„Du dämliche Ziege!“, schrie er erbost. „Was bildest du dir eigentlich ein?“ 

Es war ungerecht, aber in diesem Augenblick dachte daran niemand. Und es fiel auch niemandem ein, wer den Streit begonnen hatte. Stärkere nutzten gern die Macht, die sie hatten und liebten es, zu beweisen, wie stark sie waren. Es musste nicht einmal einen Grund geben, sondern es reichte das Gefühl, der Stärkere zu sein. 

Dennis machte einen Schritt auf mich zu und im gleichen Moment schlangen sich Toms Arme um mich, um mich festzuhalten. 

„Du hast eine Lektion verdient“, flüsterte Thomas neben meinem Ohr und neben dem Zorn spürte ich so etwas wie Angst, weil ich mich plötzlich bedrängt fühlte. Außerdem war mir die Nähe des Jungen unangenehm und seinen heißen Atem an meinem Hals zu spüren, ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Seine Finger krallten sich in meine dunklen Locken und rissen meinen Kopf nach hinten. 

In diesem Moment spürte ich es zum ersten Mal bewusst. Etwas, das in mir lauerte und wartete. Meine Kehle schnürte sich zu und diesmal war es echte Angst, aber nicht vor den beiden Jungs, sondern vor dem, was sich in mir aufbaute. 

„Nicht“, stieß ich hervor. Ich hatte keine Angst vor dem, was sie vorhaben könnten, sondern weil ich ahnte, dass gleich etwas passieren würde. 

„Wir schneiden ihre Haare ab“, lachte Dennis und diesmal war es Ranny, der in seinem Rucksack nach einer Schere kramte. 

Das war es, was den Ausschlag gab. Ranny, mein Schwarm und die Hauptfigur in unzähligen Träumen, tat nichts, um mir zu helfen, weil ich auch in seinen Augen nur die Hexe war, auf der man mit Füßen herumtrampeln musste. Alles, was ich noch für ihn fühlen konnte, war Enttäuschung. 

„Hier“, meinte er dann begeistert, als er die Schere gefunden hatte. 

Ich hörte auf, mich zu wehren und eine eisige Ruhe machte sich in meinem Körper breit. Es war, als hätte sich der Zorn in etwas verwandelt, was viel stärker war als Hass. Dennis nahm die Schere aus Rannys Händen entgegen, hob den Blick mit einem selbstgefälligen Grinsen zu meinem Gesicht und wurde kreidebleich. 

„Oh mein Gott“, hauchte er und wich zurück, während die Schere mit einem Scheppern auf dem Boden landete. 

Etwas in mir explodierte. Ich hatte keine Gewalt mehr. Tom schrie auf, als sich gleißendes Licht  auf meiner Haut bildete, seine Finger traf und in seinen Körper schoss. Er gab mich frei und taumelte rückwärts, fassungslos auf seine Hände starrend, in deren Innenfläche sich die Haut rötete und Blasen schlug. Tom hatte die Hände vor sein Gesicht geschlagen und war kreischend zusammengebrochen. 

„Es reicht!“, schrie ich und fuhr herum. „Ich hasse euch alle! Lasst mich einfach in Ruhe!“ 

Das Licht hüllte mich ein und Blitze zuckten über meine Haut. Plötzlich schrieen alle durcheinander, einige stürzten zur Tür, andere kletterten aus dem Fenster. Ranny wich zurück, die Hände erhoben, als würde ihn das Licht blenden. 

„Du Monster“, kreischte er und die Angst in seiner Stimme löste in mir ein wahnsinniges Hochgefühl aus. „Du Hexe…“ 

„Na und?!“, schleuderte ich ihm ins Gesicht und im nächsten Moment griff das Licht um sich, raste in die Wände, in die Bilder und riss Regale vom Haken. Ich tat nichts, sondern stand in der Mitte des Raumes wie im Auge eines Wirbelsturms, während um mich herum das Chaos wütete…

 

~*~*~*~*~

 

Gegenwart

 

„Annie!“ 

Ich schnappte nach Luft und riss die Augen auf, als ich fühlte, dass mich jemand schüttelte. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Trevor ins Zimmer gekommen war, doch er war es jetzt, der seinen Arm um mich gelegt hatte und schüttelte. Sheldon saß noch immer im Sessel gegenüber und schaute mich aus seinen hellen blauen Augen fragend an. 

Ich zitterte noch immer und strich mir über die schweißnasse Stirn. „Puh“, murmelte ich verstört, während die Bilder noch immer durch meinen Kopf geisterten. 

Jetzt konnte ich mich auch an den Rest erinnern. Ranny war mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus gebracht worden, Tom musste mit Brandwunden zweiten Grades an den Händen behandelt werden und Dennis war zwei Tage blind gewesen. Er hatte geschrieen und getobt, mich eine Hexe und schlimmeres geschimpft, aber geglaubt hatte keiner der Erzieher, was sie erzählt hatten. Niemand glaubte an Licht und ein dreizehnjähriges Mädchen, das mit Feuerbällen wirft. Ich hatte keine Ahnung, was die Erzieher sich eingeredet hatten. Es waren vielleicht zehn Jugendliche in dem Raum gewesen und alle hatten das gleiche ausgesagt. Sie hatten es nicht geglaubt, sondern alle wurden zu Strafarbeiten verdonnert. Natürlich wollte niemand mit mir zusammen zu solch einer verurteilt werden. 

Ab diesem Tag hatte ich zumindest vor den öffentlichen Angriffen Ruhe. Ranny mied mich wie die Pest und auch die anderen drei hüteten sich, mich öffentlich anzugreifen. Ingeheim schmiedeten sie Pläne, das war mir auch damals klar gewesen, aber soweit ich mich jetzt erinnern konnte, schienen sie nie dazu gekommen zu sein, diese zu verwirklichen. 

„Magst du es erzählen?“, fragte Trevor. 

Ich wischte mir noch einmal über die Augen. „Es hat noch immer nichts mit dem Hauptauslöser zu tun. Es sind alles nur Sachen, wo die Magie ohne mein Dazutun reagierte.“ 

Dann erzählte ich ihnen aber trotzdem kurz, was ich gerade gesehen hatte.

 Ich hatte schon damals keine Kontrolle über die Macht in mir gehabt. Diese ganze Szene, die ich gerade gesehen hatte, erinnerte mich verflucht sehr an meine Unfähigkeit, die Magie zu beherrschen und an das Chaos, das ich damals auf Whoorin angerichtet hatte, als ich den gesamten Palast zum Einstürzen gebracht hatte.

Sheldon hörte mir schweigend zu und ein nachdenklicher Ausdruck war in sein Gesicht getreten. 

„Jemand war dort“, sagte er dann leise. „Jemand hat den Erziehern entweder manipulierte Erinnerungen gegeben oder ihnen eingeredet, die Sache einfach abzutun. Selbst wenn es noch so unglaubwürdig klingt, hier haben ein Dutzend Jugendliche das Gleiche ausgesagt. Dass ihnen niemand auch nur zuhört, ist unverständlich und untypisch.“ 

„Du denkst, ein Magier war dort?“, fragte Trevor. 

Schmerz schoss in meinen Kopf und ich schloss stöhnend die Augen. Automatisch fuhren meine Hände nach oben und pressten sich gegen meine Schläfen. Grüne, schmale Augen aus einem fein geschnittenen Gesicht schauten mit ruhig an. Nur für einen kurzen Moment huschte das Bild durch meinen Kopf, dann war es wieder verschwunden. 

„Was ist los, Annie?“, hörte ich Trevors besorgte Stimme, doch ich schüttelte nur den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. 

„Ich hasse das“, stieß ich hervor. Sein Arm lag noch immer um meine Schulter und ich war gegen ihn gesunken, obwohl ich es nicht einmal wollte. 

„Was hast du gesehen?“, erkundigte sich Sheldon leise. 

„Eine Frau“, murmelte ich. „Ich kenne sie…verflucht, ich kenne sie…“ Der Name zu dem Gesicht lag mir auf der Zunge, wollte mir aber einfach nicht einfallen. So viele exotisch aussehende Frauen kannte ich gar nicht, warum also ließ mich mein Gedächtnis jetzt im Stich? 

 „Wie sah sie aus?“, bohrte Sheldon weiter. 

Trevor rührte sich und zog mich näher an sich. „Lass sie sich doch erstmal beruhigen“, murmelte er. 

„Grüne Augen, sehr hübsch… aber fremd…“ 

„Niira?“ Sheldon klang überrascht. 

Im gleichen Moment brach die Erinnerung über mir zusammen und die Gegenwart verschwamm.

 

~*~*~*~*~

 

Vergangenheit 

„Mein Name ist Niira“, sagte die fremde Frau mit dieser melodisch klingenden Stimme.

Sie mochte sympathisch aussehen wie sie wollte, die Angst schnürte mir die Kehle zu, nachdem ich gesehen hatte, wie die Jugendlichen um mich herum verstummten, auf ihren Plätzen saßen und mit leeren Augen vor sich hin starrten. Niemand rührte sich und eine eisige Stille hatte sich über das Heim gesenkt. 

Die Frau, die sich Niira nannte, war kurz nach dem Zwischenfall in der Bibliothek erschienen. Ich war bereits zum dritten Mal zu Miss Letitia gerufen und nach den Ereignissen gefragt worden. Beim letzten Mal war Miss Letitia richtig laut geworden und hatte mir mit einer Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt gedroht. Ich konnte aber nichts anderes sagen als das, was ich schon die ganze Zeit erzählt hatte. Es klang selbst in meinen Ohren unglaubwürdig. 

Jetzt hatte mich diese Niira in eines der leeren Zimmer gewunken und meine Panik war noch gestiegen, als sie die Tür hinter uns schloss. Gerade jetzt, wenn man sich mal einen der Erzieher hereinwünschte, dann war keiner in der Nähe. Obwohl, wenn ich es mir genauer überlegte, dann saßen die Erzieher sicherlich mit den gleichen leeren Gesichtsausdrücken herum wie die Kinder. 

Aber warum ich nicht? 

„Was geschehen ist, Anne“, fuhr Niira fort, „ist niemandem unserer Art verborgen geblieben.“ 

Sie kannte meinen Namen?! Erst dann ging mir auf, was sie gesagt hatte. „Was ist denn geschehen?“, brachte ich hervor und meine Stimme klang, als würde ich jeden Moment ohnmächtig werden. 

„In dir schlummern immense Kräfte, Kind“, erklärte sie sanft. „Du hast sie nicht unter Kontrolle und deshalb handeln sie eigenmächtig.“ 

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, erklärte ich steif. 

„Du schwebst in Gefahr“, fuhr sie ungerührt fort. Im gleichen Moment hob sie ihre Hand und machte eine vage Bewegung in meine Richtung. Wärme, nicht unbedingt unangenehm, hüllte plötzlich meinen Körper ein. „Etwas an dir ist anders als es sein sollte, und der Grund dafür liegt in deiner Vergangenheit. Deine Magie ist rein, aber dich umgibt ein Hauch von Dunkelheit.“ 

In meinen Ohren klang sie noch verrückter als ich.  

„Deine Eltern haben es abgelehnt, dich in die Hände eines Ausbilders zu geben“, sagte sie dann und mein Mund klappte auf. „Es stand und steht nicht in unserer Macht, etwas gegen diesen Willen tun, weil sie etwas getan haben, was wir nicht für möglich gehalten hatten.“ 

„Wovon reden Sie?“, fragte ich piepsend, denn ich kam mir wirklich vor wie in einem falschen Film. 

„Über dich, Anne“, sagte sie ernst. „Die Bücher haben deine Geburt angekündigt, aber du bist im Kreise nullmagischer Eltern geboren worden, etwas, was sehr selten passiert, vor allem, wenn man die Stärke bedenkt, die in dir schlummert.“ 

Wovon zum Teufel redete sie? 

„Es gibt eine dunkle und eine helle Seite der Macht und irgendwann wirst du dich für eine entscheiden müssen.“ Sie schaute mich aus diesen so fremd anmutenden Augen fast bedauernd an. „Ich würde mir eine andere Möglichkeit wünschen, aber deine Mutter hat dich mit einem Schutzzauber versehen, den nur du brechen kannst.“ 

Was hatte meine Mutter?! Ich musste sehr ungläubig geschaut haben, denn Niira lächelte jetzt leicht. 

„Es tut mir leid, aber sie hatte Angst um dich. Sie wollte dich vor den bösen Mächten schützen und hat genau das falsche getan.“ 

Was denn nun eigentlich? 

„Über dir liegt ein dunkler Schutzzauber, der es anderen Magiern unmöglich macht, auf dich Einfluss zu nehmen. Und unter all dem ist deine Magie weiß und rein. Ich weiß nicht, wie sie es getan hat und wer ihr geholfen hat, aber weder ich noch ein anderer Magier kann ihn brechen. Das kannst nur du.“ 

„Wer sind Sie?“, flüsterte ich, obwohl ich die Worte kaum hervorbrachte, weil meine Kehle wie zugeschnürt war. 

„Niira, eine Elfe von der Welt Avalon, eine der mächtigsten fünf weißen Magier, die im Moment existieren“, erklärte sie mir und lächelte wieder. 

Die Frau war eindeutig verrückt.  

„Ich werde all den Menschen hier die Erinnerung an das Geschehene nehmen“, fuhr sie dann fort. „Normalsterbliche Menschen dürfen von der Existenz der Magie nichts wissen, es wäre zu gefährlich. Du musst deinen Weg finden, Annie.“ Ihre Stimme wurde eindringlich. „Bis zum ersten Opfer bleibt deine Magie rein, vergiss das nie. Doch jedes Opfer, das dir Stärke gibt, zieht dich auf die Seite der dunklen Macht, und mit jedem Opfer verlierst du einen Teil deiner Menschlichkeit. Denk an meine Worte…“

 

Teil 39

 

Gegenwart

 

Ich schreckte hoch, als die Traumsequenzen abebbten. Langsam aber sicher verlor ich den Überblick, lebte mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart und das zehrte an meinen Nerven. 

Diesmal musste ich mehrmals blinzeln, ehe ich wieder so klar schauen konnte, dass ich meine Umgebung exakt wahrnahm. Ich lag auf der Couch und jemand hatte mich mit einer leichten Decke zugedeckt. Wahrscheinlich war eine geraume Zeit vergangen, seit ich in der Erinnerung versunken war. Mir kam es nur wie Minuten vor, aber ich wusste, dass ich hier auf mein eigenes Zeitempfinden nicht vertrauen konnte. 

„Sie ist wach.“ 

Diesmal war es Vivians Stimme und im nächsten Moment war das Mädchen aus dem Sessel aufgesprungen und neben der Couch auf den Boden gesunken. 

„Wie geht’s dir?“ Sie drehte den Kopf zu Sheldon. „Sie sieht scheußlich aus, du musst verhindern, dass sie so oft träumt.“ 

„Danke, Vivi“, krächzte ich  missmutig und stemmte mich hoch. „Mir geht es blendend.“ 

„Du siehst aber nicht blendend aus“, stellte sie klar. 

Sheldon beugte sich nach vorn und drückte mir ein Glas mit einer milchigweißen Flüssigkeit in die Hand. Es erinnerte mich an das Getränk, das ich damals im Dark Night zu mir genommen hatte, als die Magie mich so von den Beinen gerissen hatte. 

„Es ist ein starkes Aufputschmittel“, beantwortete der Vampir meine ungestellte Frage. „Hast du mehr erfahren können?“ 

„Niira war da“, sagte ich leise und trank dann die Flüssigkeit in kleinen Schlucken. „Sie sagte, meine Mutter hätte mich mit einem Schutzzauber versehen. Mit einem dunklen Schutzzauber…“ 

„Einem dunklen?“, echote Vivian verblüfft. „Wie geht das, wenn ihre Magie weiß ist?“, fragte sie dann Sheldon. 

Sheldon runzelte die Stirn. „Es war mir nicht bewusst, dass so etwas möglich ist. Aber vielleicht ist genau das der Grund, aus dem sie auch auf dich anders reagiert hat als jeder weiße Magier.“ 

Vivian schaute wieder mich an und diesmal lag echte Neugier in ihrem Blick. „Hast du jemals was geopfert, Annie?“ 

Ich schüttelte den Kopf. „Nicht dass ich wüsste.“ 

Sie sprang auf und ließ sich wieder in den Sessel fallen. „Würde so ein kleines Opfer, eine Eidechse oder ein Küken, das magische Licht schon verändern?“, erkundigte sie sich dann. 

Mein Kopf dröhnte von den vielen Dingen, die in den letzten Tagen und Wochen auf mich eingestürmt waren. Ich hörte nur noch entfernt, dass Sheldon sich in Bezug auf diese Frage auch nicht ganz sicher war. Toll. Wer weiß, was ich noch alles getan hatte und was nun nach und nach ans Tageslicht kam. Bei dem Gedanken, dass ich vielleicht ein Tier geopfert haben könnte, weil ich mit Kräften spielen wollte, die ich nicht verstand, wurde mir wieder schlecht. Ich war allein gewesen, hatte mich niemandem anvertrauen können und niemanden, den ich hätte fragen können. 

Warum hatte Niira mich nicht mitgenommen? Warum hatte sie mich nicht gefragt, ob ich Hilfe wollte? 

Ich seufzte unbewusst. Vielleicht hatte sie mir angemerkt, dass ich noch nicht soweit war, irgendeiner Person zu vertrauen. Vielleicht hatte sie mein unbewusstes Abblocken gespürt. Diese Frage würde mir nur Niira beantworten können und ich verfluchte sie im Stillen, dass sie mir nichts davon erzählt hatte. Natürlich erinnerte ich mich noch an ihre Worte: „Du musst deine Vergangenheit kennen lernen, Annie. Sheldon kann dir helfen. Es ist sehr wichtig für dich zu erfahren, was in deinem Leben passiert ist.“ 

 Hätte ich aus diesen Worten heraus ahnen sollen, dass Niira meine Erinnerungen kannte? Hätte ich ahnen sollen, dass Niira eine Rolle darin gespielt hatte? Ich verurteilte im Stillen die Geheimnistuerei dieser ach so mächtigen Magier. Sie hätte mir helfen können. Dass sie mit keiner Silbe erwähnt hatte, dass es eine gemeinsame Erinnerung zwischen uns gab, machte sie mir nicht unbedingt sympathischer. 

Vivian diskutierte weiterhin mit Sheldon über die Möglichkeit, einen weißen Magier mit einem dunklen Schutzzauber zu versehen. 

„Ich denke“, sagte der Vampir gerade, „es hat etwas mit dem Blut zu tun, das Endriel in die Hände bekommen hat. Wie wir wissen, hat er damals schon versucht, die junge Anne zu beeinflussen. Annes Magie war schon sehr stark, aber wahrscheinlich hat er den Hauch Dunkelheit in ihrem Körper geschaffen, den der dunkle Schutzzauber brauchte. Vielleicht hat auch die Magie in Anne den Schutz selbst erschaffen. Damals in jener Nacht, als Endriel das Huhn opferte und auf sie Einfluss nahm.“ 

Mir wurde schlecht und plötzlich schoss ein Gedanke in meinen Kopf. „Kann es sein, dass Endriel nach all den Jahren immer noch etwas von meinem Blut besitzt?“ 

„Dann hätte er mehr Macht über dich, Annie“, antwortete Vivian. „Ich wundere mich sogar, wer deiner Mutter bei dem Schutzzauber geholfen hat. Wenn es wirklich der Zauber war, den Endriel ausgesprochen hat, dann hat er sich aber ein tolles Eigentor geschossen.“ 

„Wir werden das wohl nie erfahren.“ Sheldon seufzte. „Ich glaube auch nicht, dass es Endriel war, aber ich denke, dass sein Zauber den Grundstein gelegt hat. Für Geld kann man eine Menge kaufen und wenn Lydia Kontakt zu Endriel aufnehmen konnte, dann hat sie auch andere Magier gefunden.“ 

„Verdammt“, murmelte ich. „Wenn sie das alles wusste, warum hat sie abgelehnt, mich in eine Ausbildung zu geben?“ 

„Ich weiß es nicht“, sagte Sheldon bedauernd. „Ich bedauere jetzt auch, mich nicht näher mit deinem Fall beschäftigt zu haben. Ich hätte Niira mehr Fragen stellen sollen, aber deine Überwachung sah nach nichts anderem als einem Routineauftrag aus.“ 

Ich konnte ihm ansehen, dass er sich wirklich darüber ärgerte. Aber wem nützte das jetzt? Mit einer kurzen Handbewegung schob er die dunklen langen Haare aus seinem Gesicht zurück und schaute mich offen an. Einen kurzen Moment stieg in mir der belustigte Gedanke auf, dass ich mir überhaupt keinen Kopf mehr um das Aussehen seiner Zähne machte, ja, dass es für mich normal geworden schien. Beängstigend, oder? 

„Schreib alles auf, was du weißt, Annie“, bat er mich dann. „Ich weiß, wie schnell die Zeit vergessen lässt. All die Kleinigkeiten, die dir jetzt noch klar im Gedächtnis sind, wirst du in einigen Jahren wieder vergessen haben. Und vielleicht sind es diese Kleinigkeiten, die wichtig sind und die deinen Lehrern auf Haastard oder Avalon helfen, dich auszubilden.“ 

Wieder zog sich mein Magen zusammen. Ich würde gehen müssen. Entweder nach Avalon oder nach Haastard. Ich würde es müssen, wenn ich überleben wollte, aber so richtig anfreunden konnte ich mich mit dem Gedanken noch immer nicht. 

„Wo ist Trevor überhaupt hin?“, wechselte ich das Thema, denn ich hatte keine Lust, mich noch näher mit meinem Verlassen der Erde auseinanderzusetzen. 

Vivian griff nach dem Glas Cola, das vor ihr auf dem Tisch stand. „Er trainiert mit Raven.“ 

Mein Kopf schoss zu ihr herum. „Er tut was?“ 

Sie verzog den Mund. „Er bildet sich ein, Raven ausbilden zu müssen.“ 

Sheldon, der wieder nach dem Cyangolom gegriffen und darin gelesen hatte, hob den Kopf und lächelte fein. „Es gab eine kurze Diskussion, während du geschlafen hast, Annie. Unsere junge Freundin war der Meinung, dass es ihre Aufgabe wäre, für Raven zu sorgen.“ 

„Wenn es nach euch gegangen wäre, hätte ich Raven auf Whoorin lassen sollen!“, fuhr Vivian auf. „Ich trage die Verantwortung für ihn und ich nehme das ernst!“ 

Ich blickte gar nicht mehr durch. So lange hatte ich doch weiß Gott nicht geschlafen. „Wo trainieren sie?“ 

„Was weiß ich“, knurrte Vivian. „Irgendwo draußen, wo sie niemand sieht. Wenn Raven etwas passiert, kann Trevor was erleben.“ 

In dieser Hinsicht hatte ich sehr großes Vertrauen zu Trevor. Er würde nicht zulassen, dass Raven etwas passierte. 

„Du wirst nicht ewig an Ravens Seite bleiben können, Vivian“, sagte Sheldon sanft. „Solltest du dich entscheiden, mit nach Avalon oder Haastard zu gehen, kannst du ihn nicht mitnehmen.“ 

Wieder dieses Thema… da hatte ich nun gedacht, es wäre abgeschlossen. 

Übergangslos war der Kloß in meiner Kehle wieder da. „Du hast dich noch nicht entschieden, Vi?“, fragte ich traurig. „Was willst du denn sonst machen?“ 

Sie schüttelte den Kopf und wich meinem Blick aus. „Ich komme auch so klar und ich will Raven nicht allein lassen.“ 

„Ihr zwei könnt doch nicht allein durch die Gegend ziehen“, murmelte ich bedrückt. Ich hätte am liebsten gesagt: ‚Das lasse ich nicht zu’, aber mir war vollkommen klar, dass man Vivian zu nichts zwingen konnte. 

Sie zuckte nur mit den Schultern. Es sollte gleichgültig aussehen, aber sie wirkte bei weitem nicht so gleichgültig wie sie tat. Ich würde sie nicht drängen, aber ich würde bedauern, sie gehen zu lassen. 

„Warum nicht?“, meinte sie nur. 

„Weil die anderen stärker sind als du“, entgegnete Sheldon ruhig. „Sie werden dich finden und du bist bei weitem nicht stark genug, um der dunklen Macht zu widerstehen. Du kannst es nicht sein, weil du zu jung bist.“ 

„Vielleicht will ich gar nicht widerstehen“, gab Vivian trotzig zurück.  

Das weckte allerdings wieder meinen Ärger. „Hör auf, so was zu sagen. Du bist meilenweit davon entfernt! Vielleicht solltest du dir wenigstens selbst eingestehen, dass du eigentlich auf die helle Seite der Macht möchtest.“ 

Sie kniff kurz die Lippen zusammen und sagte dann: „Ich habe gelernt, dass ich mich nur auf mich selbst verlassen kann und auf niemanden sonst.“ 

Ich wusste nicht, wie lange es dauern würde, ehe sie begriff, dass sie uns nicht mit den Maßstäben ihrer Vergangenheit messen konnte. Aber so bedauerlich es war, es brachte nichts, es ihr zu sagen, sie musste es selbst verstehen. Deshalb lächelte ich nur traurig und sagte auch nichts, als sie die Arme vor ihrer Brust verschränkte und vor sich hin starrte. 

Sheldon schaute wieder in das Buch, doch ich konnte das feine Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, sehen. Dass Vivian es auch sah, wurde mir erst klar, als sie ihn böse anfuhr: 

„Du brauchst gar nicht so zu tun als bist du so unendlich viel klüger als ich!“ 

Der Vampir hob den Kopf wieder, ohne dass der belustigte Ausdruck in seinem Gesicht verschwand. „Klugheit hat nichts mit weisem Handeln zu tun. Manchmal tun die intelligentesten Leute die dümmsten Sachen. Ich maße mir auch nicht an, dir dein Leben vorzuschreiben. Das Einzige, was ich tun kann, ist dir einen Rat geben und es liegt an dir, ihn zu beherzigen oder nicht. Meine Lebenserfahrung kannst du mir nicht abstreiten und genau deshalb weiß ich, wie ungern man in deinem Alter den Rat einer Person, die über mehr Lebenserfahrung verfügt, annimmt. Ich weiß nicht, weshalb, aber vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass jeder seine Fehler selbst machen muss, um aus ihnen zu lernen.“ 

Vivians Augen verengten sich. „Du denkst aber, ich mache einen Fehler, wenn ich nicht nach Haastard oder Avalon gehe.“ 

Er nickte und sagte einfach: „Ja.“ 

Ich war der gleichen Meinung, aber ich würde mich jetzt nicht auch noch einmischen. Mir gefiel es viel zu gut zu beobachten, wie Sheldons gelassene Art Vivians Trotz allen Wind aus den Segeln nahm. Hätte er anders reagiert, sie mehr gedrängt, sie wäre garantiert schon aufgesprungen und in ihrem Zimmer verschwunden. So aber blieb sie sitzen und schien sogar über seine Worte nachzudenken. 

„Was sollen die mich lehren können, was ich nicht schon weiß?“ 

Sheldon holte tief Luft. „Mit jedem Opfer ist ein Stück Menschlichkeit in dir gestorben. Ich kann nicht einschätzen, was dir die Worte Verständnis, Verlass, Selbstlosigkeit, Freundschaft und Liebe bedeuten. Du hast Mut und du hast einen starken Willen, aber dir fehlt ein gewisser Teil Verantwortungsbereitschaft und menschliches Gefühl. Mit der Magie besitzt du eine große Macht, die du leicht missbrauchen kannst. In den Universitäten wird nicht nur der Gebrauch der Magie unterrichtet, sondern auch das ethische Verständnis dafür. In dieser Hinsicht musst du noch eine Menge lernen.“ 

Autsch. Das klang hart. Selbst ich musste schlucken. 

„Je größer die Macht, umso größer die Verantwortung. Es wird auf Dauer nicht funktionieren, mit dieser Macht umzugehen, wenn man gewisse ethische Regeln nicht versteht.“ Sein Blick ruhte auf Vivian, die ihn plötzlich stumm und mit großen Augen anstarrte. „Ich glaube, im Moment ist es dir gar nicht möglich, bestimmte ethische Grundsätze zu verstehen und nein, Vivian, das ist kein Vorwurf. Du bist mit einer komplett anderen Weltauffassung aufgewachsen und kannst es im Augenblick nicht anders wissen oder fühlen.“ 

Ich spürte bei seinen Worten schon wieder einen Kloß in der Kehle. Vivians Augen schimmerten verdächtig und sie blinzelte, wahrscheinlich, um die Tränen zu verdrängen, die Sheldons Worte auslösten. 

„Aber du hast eine Menge erreicht“, fuhr der Vampir fort. „Allein, muss ich dazu betonen. Du hast allein entschieden, eine gänzlich andere magische Richtung einzuschlagen. Gegen den Willen der Wesen, die für dich verantwortlich waren. Das ist unfassbar, Vivian.“ Er schwieg als wolle er die Worte noch einmal wirken lassen. „Ich würde es unwahrscheinlich bedauern, wenn all das, was du erreicht hast, verloren geht.“ 

Ich auch. 

Vivian schluckte mehrmals, ehe sie herausbrachte: „Warum sollte es verloren gehen?“ 

„Du kannst dich im Moment verbergen, flüchten, unsichtbar werden. Du bist auch stark genug, um mit einem Magier der unteren Kategorien fertig zu werden. Sollte sich die Aufmerksamkeit der dunklen Seite auf dich konzentrieren, kannst du nur flüchten und sie werden dich jagen. Irgendwann werden sie dich finden und diesen Kampf wirst du verlieren.“ Er lehnte sich nach vorn und sah sie eindringlich an. „Du musst ihn verlieren, weil du noch nicht die Zeit hattest, die Stärke zu erreichen, die du irgendwann einmal erreichen kannst.“ 

Vivians Unterlippe zitterte, aber außer dem konnte ich ihr keine Regung anmerken. 

„Wer sagt mir“, fragte sie dann leise und kaum hörbar, „dass euer Weg der Richtige ist? Wer sagt mir, dass all dieses so tolle Potential, das in mir steckt, nicht auf der dunklen Seite viel besser angelegt wäre?“ 

„Niemand, Vivian“, antwortete Sheldon genauso leise. „Niemand. Aber du würdest nicht hier sitzen, wenn es da nicht Zweifel in dir geben würde und wenn du nicht wenigstens ein bisschen glauben würdest, dass dein bisheriger Weg nicht das ist, was du dir vom Leben vorstellst.“ 

Die Diskussion wurde unterbrochen, weil die Wohnungstür aufging und Trevor zusammen mit Raven hereinkam. Sie sahen beide etwas durchgeschwitzt aus, was ich bei den Temperaturen, die draußen herrschten, bemerkenswert fand. Ich musste schon sehr viel Sport treiben, um zu schwitzen, aber wenn Minusgrade herrschten, war das fast unmöglich. Trevors Haare waren sogar leicht feucht und Ravens Wangen von der kalten Luft gerötet. 

Vivian schien die beiden gar nicht zu registrieren, sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht einmal aufschaute. Sie sah irgendwie verloren aus und wieder unwahrscheinlich jung. Es war schon eigenartig, wie schnell sich der Eindruck, den das junge Mädchen auf Außenstehende machte, ändern konnte. Sie zeigte selten eine derartige Verletzlichkeit und mir ging durch den Kopf, dass sie uns sehr vertrauen musste, wenn man es ihr jetzt so deutlich ansah und sie es nicht einmal zu registrieren schien. 

Dann sank Raven neben ihrem Sessel auf die Knie, beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf die Wange. Als wäre sie aus einem Traum gerissen worden, hob sie den Kopf und lächelte. Aber das Lächeln verdrängte den Zug der Nachdenklichkeit in ihrem Gesicht nicht. 

„Hi Raven, habt ihr euch ausgetobt?“ 

Der Junge nickte mit leuchtenden gelben Augen. 

Es war bewundernswert, wie die beiden sich verständigen konnten, ohne dass Raven sprach. Dann runzelte ich die Stirn. Trevor war mit ihm draußen gewesen und musste schließlich auch mit ihm geredet haben. Dann fiel mir wieder ein, dass Trevor ja auch die Gedanken von nicht magisch begabten Wesen erkennen konnte. 

„Warum bin ich die einzige, die ihn nicht versteht?“, fragte ich missmutig. 

Trevor, der sich schon auf dem Weg in Richtung Treppe befand, drehte sich noch einmal um. „Du kannst das auch, Annie.“ 

Ja, klar doch. Er lachte, weil er meinen Blick bemerkt hatte, und stieg dann die Treppe hinauf. 

„Er hat recht“, sagte Vivian ernst. „Du musst ihm nur zuhören. Er ist wunderbar leicht zu verstehen.“ 

Raven drehte seinen Kopf und sah mich mit diesen eigenartigen gelben Augen an. Heute trug er die halblangen Haare zu einem Zopf gebunden, wahrscheinlich damit sie ihn beim Training nicht störten. 

Ich wusste nicht, was ich überhaupt tun sollte, wenn ich die Gedanken von anderen lesen wollte.  

„Konzentrier dich auf die Magie“, erklärte Sheldon. „Später wird es so sein, dass du willentlich blocken musst, um die Gedanken von Nichtmagiern auszuschalten, weil sie sonst permanent auf dich einströmen.“ 

Das vertraute warme Gefühl, das die Magie auslöste, stieg in mir hoch. Es wurde immer einfacher, auf diese Kraft zuzugreifen. Schon jetzt reichte die kurze Konzentration darauf und ich fühlte, dass nur ein einziger Gedankenbefehl nötig wäre, um diese Energie zu entfalten. 

Es begeisterte mich jedes Mal aufs Neue, wie sich die Umgebung änderte, wenn ich sie mit dem magischen Blick betrachtete. Vivian und Sheldon nahm ich so gut wie gar nicht wahr, weil sie sich verbargen, aber ich sah und spürte den magischen Schild, der meine Wohnung umgab, fühlte die feinen Energielinien, die die Räume durchzogen und plötzlich sah ich auch Raven in einem anderen Licht. 

‚Verstehst du mich jetzt?’, summte es plötzlich durch meinen Kopf. 

„Wow“, flüsterte ich begeistert und ein Lächeln bildete sich auf seinen Zügen. „Ja.“ 

Die Worte bildeten sich einfach in meinem Kopf, ohne dass ich etwas anderes dazu tun musste. 

„Jeder Nichtmagier ist so einfach zu lesen“, sagte Vivian melancholisch und strich mit den Fingern gedankenverloren durch Ravens Haare. „Und er kann nicht einmal etwas dagegen tun.“ 

„Ist das nicht gefährlich? Wenn er in die Hände der anderen fällt, können sie in seinem Kopf alles erfahren.“ 

Sheldon nickte. „Im Normalfall ja, aber Vivian hat Raven mit einem Block versehen, der es verhindert, in seinem Kopf etwas zu erfahren, das im Zusammenhang mit uns steht.“ 

‚Ich habe Vivian mein Leben zu verdanken’, hörte ich wieder Ravens helle Stimme. ‚Ich möchte niemals dafür verantwortlich sein, dass sie in Gefahr gerät.’ 

Das junge Mädchen lächelte. „Mach dir keinen Kopf, das wirst du nicht. Außerdem habe ich versprochen, auf dich aufzupassen. Sie werden dich nicht in ihre Hände bekommen.“ 

Nun, wenn sie dieses Versprechen gegeben hatte, dann durfte sie sich auf keinem Fall der dunklen Seite anschließen. Denn die würden nicht dulden, dass sie sich einer so gefährlichen Gefühlsregung hingab und den Jungen wie eine Löwin verteidigte.

Raven war neben ihrem Sessel sitzen geblieben und lehnte den Kopf gegen ihre Knie. Mir war schon vorher aufgefallen, dass er den Körperkontakt, den Vivian eigentlich so ablehnte, geradewegs suchte. Und er schien ihr damit zu zeigen, dass es gar nicht schlimm war, jemanden zu umarmen oder ihm zu zeigen, dass man ihn gern hatte.

Eigentlich ging es mir ja ähnlich. Ich verspürte nur in Momenten, wo ich verzweifelt war, das Bedürfnis, jemanden zu haben, der mich einfach in den Arm nahm. In solchen Momenten ließ sie es auch zu, das hatte ich ja selbst erlebt, aber Raven suchte die Nähe einfach so, auf eine so natürliche Weise, dass es einfach nur niedlich wirkte. 

„Wie kommt es, dass du unsere Sprache verstehst, Raven?“, erkundigte ich mich neugierig. 

‚Cyto-Dentaar bekam oft Besuch von Vertretern fremder Welten, seltener allerdings von der Erde. D’arjos lernen fremde Sprachen sehr schnell. Eigentlich innerhalb weniger Wochen, wenn sie Gelegenheit haben, die fremde Sprache zu hören.‘ 

Es war unheimlich, seine Stimme direkt in meinem Kopf zu hören. Aber ich war mir sicher, ich würde mich daran genauso schnell gewöhnen wie an all die anderen unheimlichen Sachen. Seine telepathische Stimme zu hören war bei weitem nicht so gruselig wie der Rest. 

‚Ich verstehe Whoorin, Lykon und den Dialekt der Elfen von Avalon’, hörte ich weiter. ‚Englisch hatte ich das erste Mal gehört, als Marquardt Whoorin besuchte und ein paar Worte lernen können. Durch Vivian verstehe ich die Sprache jetzt sehr gut.‘ 

„Oh Gott“, fiel es mir plötzlich ein. „Wie sprechen sie auf Haastard und Avalon?“ 

Sheldon lächelte. „Lucaani, die Sprache der Magier.“ 

Verdammt. Und das mir mit meinem verflucht schrecklichem Gedächtnis für Sprachen. Ich musste recht entsetzt geschaut haben, denn sein Lächeln wurde breiter. „Keine Angst, Annie, es ist kein Problem, dir das Verständnis der Sprache über Hypnose beizubringen.“ 

„Hypnose?“ 

„Klar“, sagte Vivian lakonisch. „So habe ich sie auch gelernt. Ich spreche außer den terranischen Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch allerdings nur die Sprache der Magier und Saduun, die Heimatsprache meiner Mutter.“ 

Mein Mund klappte auf, als sie so nebenbei erwähnte, sie würde fünf Sprachen sprechen und mein Kopf schwirrte wieder einmal von all diesen Erklärungen. Manchmal kam es mir wirklich wie Zauberei vor, obwohl all diese magischen Dinge durch irgendein naturwissenschaftliches Gesetz erklärt werden konnten, allerdings ein Gesetz, von dem man auf der Erde noch nichts gehört hatte. 

In diesem Moment hörten wir im Obergeschoss die Tür und im nächsten Moment kam ein frisch geduschter Trevor die Treppe herab. Jetzt waren seine Haare richtig nass und wuselten wirr auf seinem Kopf herum. Er fuhr sich mit den Fingern hindurch, als wolle er mehr Ordnung schaffen, doch er verwuselte sie nur noch mehr. 

„Du kannst ins Bad, Raven.“ 

Der junge D’arjo erhob sich geschmeidig und beugte sich noch einmal zu Vivian. ‚Es gibt da einen tollen Platz, den ich dir unbedingt zeigen muss’, hauchte seine Stimme durch den Raum. 

Vivian grinste verschmitzt. „Erst die Dusche.“ 

Er grinste genauso jungenhaft zurück. ‚Ich beeile mich.’ Dann küsste er sie wieder, diesmal auf den Mund. ‚Bis gleich.’ Damit sprang er auf und stürzte zur Treppe in Richtung Bad. 

„Wo zum Teufel wart ihr?“, fragte ich Trevor neugierig. 

„An den Teichen. Er hat sich wie ein kleines Kind über das Eis gefreut. Ich glaube, er hat noch nie welches gesehen“, antwortete er belustigt. Es wurde selten so kalt, dass Seen zufroren, aber dies schien ein besonders harter Winter zu werden. Ich wettete sogar, dass es irgendwann noch schneien würde. 

„Er hat auch noch nie einen See gesehen“, mischte sich Vivian ein. „Er hat gar nichts gesehen außer der Festung.“ 

Unsere Köpfe drehten sich in ihre Richtung und jegliche Belustigung war aus Trevors Gesicht verschwunden. 

„Er ist auf Whoorin geboren worden und hat die Festung nie verlassen“, fuhr das Mädchen fort.  

„Mein Gott“, murmelte ich fassungslos und entsetzt. Es war ein Wunder, dass er sich trotz seiner Vergangenheit relativ normal verhielt. Fast normaler als Vivian, die für ihr Alter viel zu ernst und ruhig war. Vielleicht war es ganz gut, dass sie den Jungen um sich hatte und er sie manchmal von ihren düsteren Gedanken ablenkte. 

„Ich habe versprochen, ihm die ganze Stadt zu zeigen und alles, was er sehen will.“

Und ja, vielleicht war es ganz gut, wenn sie sich einfach einmal wie eine normale Sechzehnjährige benehmen konnte. Natürlich konnte ich mir eine Vivian nicht schnatternd und kichernd mit anderen Mädchen vorstellen, aber wenn sie ihre freie Zeit nutzte, um mit Raven durch die Stadt zu ziehen, dann würde ich das begrüßen. 

„Er ist vernarrt in dich“, sagte Trevor dann jedoch. 

Ein Teil der Melancholie, der in Vivians Gesicht erschienen war, verschwand. „Na und?“ 

„Du solltest dir überlegen, was du empfindest, denn du könntest ihm damit sehr wehtun.“ 

„Verdammt!“, stieß sie hervor und sprang auf. „Ich hab es satt, mir von euch vorschreiben zu lassen, wie ich mich verhalten soll!“ 

Und damit war es erreicht. Sie drehte sich um, verschwand in ihrem Zimmer und knallte die Tür zu. 

Seufzend schaute ich in die Runde. „Ich habe jetzt auch die Nase voll von den Erinnerungen, die ich nicht kenne. Ich gehe spazieren.“

 

Teil 40

 

Trevor ging mit, obwohl ich es nicht wollte. Aber nachdem er mir erklärt hatte, dass es draußen dunkel war und er mich allein nicht gehen lassen würde, gab ich nach. Ich war etwas erschrocken gewesen, dass soviel Zeit vergangen war, denn als ich in die Erinnerung versunken war, hatte die Uhr gerade mal Mittag angezeigt. 

Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinander in Richtung des Victoria Parks. Ich hatte die Hände in den Taschen meines Anoraks vergraben und kuschelte mich in den dicken Schal, den ich um meinen Hals geschlungen hatte. Es hatte noch nicht geschneit und nur die Straßenlaternen erhellten die dunkle Nacht. Der Druck, der in den vergangenen Wochen über der Stadt gelegen und sie in eine düstere Dunstglocke gehüllt hatte, war abgeflaut. Ein wenig stolz war ich schon darauf, dass ich einen nicht zu geringen Anteil daran hatte. 

Trevor trug seine gewöhnliche Kleidung, dunkle Hosen, Stiefel und seine Lederjacke, in deren Innentasche sicherlich noch immer die Waffe steckte. 

„Hast du heute etwas Neues erfahren können?“, brach er plötzlich die Stille. 

Ich schüttelte den Kopf und seufzte. „Nicht viel.“ Dann erzählte ich ihm kurz, was ich gesehen hatte und auch von meiner damaligen Begegnung mit Niira. Bei der Erwähnung des Namens der Magierin verzog er ironisch den Mund. 

„Das ist so typisch. Sie denken, sie müssen für uns Entscheidungen fällen. Dabei wäre es manchmal richtiger, mit uns zu reden, auch wenn wir *nur* Handlanger sind.“ 

Ich blieb stehen und schaute ihn neugierig an. „Mir war aufgefallen, dass du Sheldon viel respektvoller behandelst als sie.“ 

Trevor schien eine Weile zu überlegen, ehe er antwortete. „Sheldon ist mein Freund“, sagte er dann. „Mein wahrer Freund und glaub mir, Annie, ich verwende diese Bezeichnung nicht leichtfertig. Ich würde ohne zu zögern mein Leben riskieren, um seins zu retten und er würde das Gleiche für mich tun. Ich glaube, man trifft nur selten Menschen, von denen man das behaupten kann. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber ich finde, das gehört auch zu einer guten Freundschaft dazu. Ich respektiere seine Ansichten, auch wenn ich nicht immer mit ihnen einverstanden bin. Und sein bedingungsloser Glaube an den Bund der magischen Fünf ist eine davon. Auch Magier sind nur Menschen und keine Götter. Auch sie machen Fehler.“ 

„Aber du hast dich für diese Seite entschieden“, warf ich ein. 

„Ja“, nickte er. „Weil ich an ihre Ideale glaube. Aber manchmal hinterfrage ich Entscheidungen, die die Fünf getroffen haben und kann mich mit diesen nicht anfreunden. Die Entscheidung, dich dir selbst zu überlassen, ist eine davon. Hätte ich es eher gewusst, ich hätte gehandelt.“ 

Das überraschte mich jetzt. „Wie meinst du das?“ 

„Wie kann es richtig sein, eine Person mit deinen magischen Begabungen sich selbst zu überlassen und zu riskieren, dass du in die Hände der dunklen Magie fällst?“ 

Das verstand ich allerdings auch nicht. „Niira sagte etwas von einem schwarzmagischen Schutzzauber, mit dem mich meine Mutter versehen hatte.“ 

Er schüttelte nur den Kopf. „Ich spreche auch nicht davon, dass man dich zu etwas hätte zwingen sollen. Aber reden, reden hätte man können. Du warst eine Gefahr für dich selbst und deine Umwelt und du hättest leicht durch einen Unfall sterben können.“ 

Wie wahr. „Aber warum habt ihr nicht eher  Kontakt zu mir aufgenommen? Ich lebe jetzt fast fünf Jahre in Newbury.“ 

Er seufzte und wandte sich dann wieder zum Gehen. Ich folgte ihm einfach.  

„Du warst magisch so unsichtbar. Vielleicht hat es wirklich mit diesem schwarzen Schutzzauber zu tun“, überlegte er dann laut. „Wir wollten warten, bis sich ein besserer Zeitpunkt ergibt oder vielleicht bis du dir anfängst selbst Fragen zu stellen. Wir wollten dich niemals mit den Informationen so überfallen, so wie wir es dann getan haben.“ 

Ich konnte es noch immer nicht fassen. Ich hatte so lange unter Beobachtung in einer Stadt gelebt und nichts davon mitbekommen. 

„Weshalb habe ich von dir geträumt?“ 

Jetzt grinste er richtig breit. „Also, ich würde mir ja gern etwas darauf einbilden, aber du kanntest mich nicht einmal. Ich habe mich mit Sheldon darüber unterhalten und er meinte, dass dein Unterbewusstsein schon registriert hat, dass du beobachtet wurdest. Vielleicht deshalb mein Gesicht. Er denkt aber auch, dass es etwas damit zu tun haben muss, dass du ab einem bestimmten Zeitpunkt keine spontanen Unfälle mehr hervorgerufen hast. So war es doch, oder? In den letzten Jahren waren außer deinen Träumen keine ungewöhnlichen Sachen passiert?“ 

„Nein.“ Ich schüttelte wieder den Kopf. „Nur die Träume, aber ich konnte mich sowieso an keine ungewöhnlichen Vorfälle erinnern.“ 

„Du hast deine Bestimmung geträumt“, sagte er sanft und warf mir einen kurzen Seitenblick zu. „Manchmal tut Magie solche Dinge, wenn man sie gewaltsam unterdrückt.“ 

„Monster zu töten ist meine Bestimmung?“, fragte ich bitter. „Darauf verzichte ich gern. Ich habe diese Bestimmung nie gewollt.“ 

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist deine Bestimmung, deine Kräfte im Kampf der Magier einzusetzen. Die Frage ist nur, auf welcher Seite. Und deshalb verstehe ich nicht, wie die magischen Fünf das Risiko eingehen konnten, dich zu verlieren.“ 

„Na ja“, brummte ich verlegen. „So wichtig bin ich ja nun auch nicht.“ 

Er lachte leise und dieses Lachen berührte eine Seite in mir. „Doch, Annie. Jeder Mensch mit magischen Fähigkeiten ist immens wichtig.“ Er legte mir den Arm um die Schultern, drückte mich kurz und sein mir so vertrauter Geruch, unterlegt vom Leder seiner Kleidung, stieg mir in die Nase. 

„Ich habe Angst“, sagte ich leise, ohne ihn anzusehen und ohne mich von ihm zu lösen. Vielleicht weil ich es schön fand, jemanden zu haben, dem ich das sagen konnte. 

„Allgemein oder vor etwas bestimmten?“ 

Ich seufzte. „Vor allem. Vor meiner Zukunft, die so völlig unbestimmt ist, vor allem…Ich habe nicht einmal mehr einen Job. Irgendwann ist mein Geld alle. Ich weiß gar nicht, wie ich auf so eine Universitätswelt gehen soll, ohne Geld zu haben.“ 

„Dein menschliches Geld ist auf Haastard oder Avalon sowieso nichts wert“, erklärte er mir dann. „Der magische Bund unterstützt alle magiebegabten Wesen. Um Geld brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“ 

Ich hob den Kopf und sah ihn an. Seine Augen schimmerten wieder in der Dunkelheit, weil sie sich auf das Nachtsehen eingestellt hatten. „Ich verstehe das alles nicht.“ 

„Jeder Student bekommt einen Betreuer oder eine Betreuerin, an die er sich wenden kann, wenn er etwas braucht. Nach Beendigung der Ausbildung wirst du dich entscheiden können, was du machen oder wo du arbeiten willst und bekommst eine Art Lohn vom magischen Bund.“ 

„Ihr auch?“, fragte ich neugierig.  

„Nicht nur“, gab er zu. „Im Laufe der Jahre haben wir unser Geld in allen möglichen Anteilen angelegt, die Gewinne abwerfen. Außerdem  besitzen unsere Familien auf unseren Heimatwelten Firmen, an denen wir bedingt durch Erbschaft beteiligt sind und gewisse Summen werden von dort auf unsere Konten überwiesen. Ich wäre auch unabhängig, wenn ich nicht im Auftrag des magischen Bundes arbeiten könnte und ich nehme an, Sheldon auch.“ 

„Ich habe gar nichts…“ 

Er lachte wieder leise. „Du bist auch noch verflucht jung, Annie.“ 

Das brachte selbst mich zum Schmunzeln, denn mir fiel wieder ein, dass er vierundfünfzig Jahre älter war als ich. Was er in seinem Leben alles gesehen und erlebt hatte, vermochte ich mir nicht vorzustellen. Vielleicht würde ich eines Tages auch auf solch eine Erfahrung zurückblicken können, doch das bedeutete, dass ich die nächsten Jahre überleben musste. 

Dann ließ er mich los, griff allerdings nach meiner Hand und hielt sie fest. Wir schlenderten durch den dunklen Park als wären wir ein normales Liebespaar, das einen Abendspaziergang machte. Aber wir waren keines von beiden, weder normal noch ein Liebespaar. Ich musste bei dem Gedanken leise gekichert haben, denn er drehte den Kopf und sah mich fragend an. 

Ich hob seine Hand in meiner an. „Warum halten wir Händchen?“ 

Trevor schaute eine Weile auf unsere Hände und lächelte fast verlegen. „Keine Ahnung. Stört es dich?“ 

„Nein“, gab ich zu und zog ihn mit mir weiter. „Mir ging gerade durch den Kopf, dass ein Außenstehender uns für ein normales Liebespaar hält, das ein stilles, ungestörtes Plätzchen zum Kuscheln sucht.“ 

Er ließ seine Blicke durch die Bäume und Hecken, die uns umgaben, schweifen. „Hier gibt es nicht mal ein ungestörtes Plätzchen, aber ein normales Liebespaar würde das gar nicht merken.“ 

Ich blieb verblüfft stehen und schaute mich um. 

„Schau mit den magischen Sinnen“, sagte er leise. 

Er stand jetzt so nah neben mir, dass ich seinen Atem an meinem Ohr spüren konnte.

„Es ist nichts Gefährliches. Geister und ein paar Kobolde, nichts, was es wagen würde, einen Magier zu belästigen.“ 

Geister? Meine Sicht wechselte übergangslos ins magische Sehen. Ich sollte mir wohl angewöhnen, das automatisch zu tun, wenn ich im Dunkeln unterwegs war. Aber irgendwie hatte ich mich in Trevors Gegenwart sicher gefühlt.  

„Da hinten sind zwei Kobolde.“ Er wies mit der Hand zur rechten Seite in Richtung des Gestrüpps. 

Ich folgte seinem Hinweis und tatsächlich sah ich mit meinen magischen Sinnen zwei kleine zwergenhafte Gestalten, die sich mit Astknüppeln bewarfen. Ab und zu blitzte es, wenn die Äste aufeinander trafen. 

„Kobolde sind ungefährlich, aber sie haben nur Blödsinn im Kopf“, erklärte Trevor. „Manchmal machen sie sich einen Spaß daraus, Menschen zu erschrecken, indem sie sie anrempeln oder mit irgendetwas bewerfen. Normale Menschen sehen sie nur, wenn die Kobolde das wollen und meist wollen sie das nicht. Sie stehlen auch, aber sie tun im seltensten Fall jemandem etwas zuleide.“ 

Ich konnte noch immer nicht fassen, dass sich in diesem Stadtpark Kobolde tummelten. Ich war gern in den Abendstunden hier spazieren gegangen. Jetzt würde ich das wahrscheinlich nie wieder tun. 

„Und dort“, fuhr Trevor fort und zeigte in die entgegengesetzte Richtung, „siehst du Geister. Ich kann allerdings auf diese Entfernung nicht feststellen, um welche es sich handelt.“ 

Mir reichte es zu wissen, dass dort Geister waren. Dass es Unterschiede zwischen Geistern gab, wollte ich eigentlich nicht einmal hören, geschweige denn begreifen. Ich würde noch eine Menge lernen müssen. 

„Was gibt es denn für welche?“, fragte ich trotzdem kläglich. 

„Ach, Annie.“ Er lachte wieder leise, zog mich dann aber weiter mit sich. „Du wirst all das in einer Ausbildung auf Haastard oder Avalon lernen. Gespenster sind nichtstoffliche magische Erscheinungen. Sie können durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden“, erklärte er dann. „Einmal natürlich, wenn es ein Magier wissentlich tut, wenn er einen Geist sozusagen als seinen magischen Spion auf die Reise schickt. Dann gibt es die Krisengeister, die auch nichtmagisch begabte Menschen unbewusst hervorrufen können. Wie man am Namen erkennt, geschieht das meist in Krisensituationen, zum Beispiel, wenn die Geister Verwandten erscheinen, denen ein furchtbares Schicksal droht. Dann natürlich die echten Geister Verstorbener, die noch nicht den Weg in die andere Welt, aus welchen Gründen auch immer, gefunden haben. Manchmal sind sie an einen Ort gebunden, manchmal auch nicht. Diese Geister kann jeder sehen und sie können noch Jahrhunderte nach dem Tod der jeweiligen Person erscheinen.“ 

Ich war wieder stehen geblieben und starrte ihn an als wäre er jetzt ein Geist. „Das ist jetzt kein Witz, oder?“ 

„Nein, Annie.“ Er schüttelte, belustigt über meinen Gesichtsausdruck, den Kopf. „England ist voll von Geschichten über Spukschlösser. Jeder Mensch, auch Magieunbegabte, besitzt eine schwache magische Aura, gemeinhin auch als die Seele bezeichnet. Diese Seele kann sich manifestieren.“ 

Ein Schauer lief meinen Rücken hinab. „Ich krieg gerade Angst, Trevor“, sagte ich leise. „Ich glaube nicht an all den kirchlichen Quatsch von Seele und Himmel und Hölle. Und ich glaube auch nicht an ein Leben nach dem Tod, also hör auf, mir etwas von Seelen und der Unsterblichkeit zu erklären.“ 

„Es hat nichts mit Glauben oder Religion zu tun. Magische Energie ist eine sehr starke Energie und manchmal verbindet sich das Bewusstsein mit der Magie, wenn ein Mensch stirbt. Dann kann er nicht gehen.“ 

„Wohin denn?“, piepste ich geknickt. Ich konnte mir nicht einmal ein Bewusstsein vorstellen, ich konnte mir gar nichts vorstellen, denn wenn ein Mensch tot war, dann war er tot. Aus. Basta. 

Er legte den Kopf schief und lächelte. „Ich weiß es nicht. Diese Frage wirst du erst beantwortet bekommen, wenn du stirbst. Geister sind Seelen, die hier bleiben müssen, weil sie sich an die magische Energie gebunden haben. Manche, die, die gehen wollen, schreien um Hilfe und es gibt Magier, die sich nur damit beschäftigen, solche Seelen zu befreien. Andere wollen bleiben und ein bisschen spuken.“ 

Langsam bekam ich wirklich den Verdacht, dass er mich veralbern wollte. Aber er schaute zu ernst. 

„Poltergeister sind auch eine Art Geister, aber sie werden von lebenden Personen unbewusst ausgelöst, so wie damals in deiner Kindheit von dir. Meist von magischen Personen, die mit der Magie nicht umgehen können oder nichts davon wissen. Und im Gegensatz zu den normalen Gespenstern, können Poltergeister richtig Schaden anrichten.“ 

Eigentlich hätte mich nichts mehr so einfach überraschen dürfen, nicht nach dem, was ich in den letzten Wochen alles gehört hatte, aber über die Existenz von Gespenstern hatte ich tatsächlich noch nie nachgedacht. Was würde noch alles auf mich zukommen? Oder anders gefragt: Was gab es alles, was ich noch nicht wusste? 

Trevor legte seinen Arm um meine Schultern und zog mich mit sich zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. „Du wirst Jahre Zeit bekommen, Annie. Jahre, in denen du in Büchern lesen wirst, in denen du lernen wirst, solche Wesen zu sehen und auch zu verstehen, warum einige ungefährlich und andere wiederum gefährlich sind. Du wirst jede Zeit bekommen, die du brauchst.“ 

„Und wenn ich es nicht schaffe?“, fragte ich kläglich. 

Er warf mir einen abschätzenden Blick zu. „Das wird nicht passieren, du schaffst es.“ 

„Man wird über mich lachen. Vivian ist elf Jahre jünger als ich und sie kann so vieles, von dem ich nicht einmal träume.“ 

„Niemand wird lachen, denn das Potential, das in dir steckt, ist größer als das der meisten Magier, die auf den Universitätswelten landen. Man wird sich verdammte Mühe geben, dir zu helfen, dieses Potential zu beherrschen.“ 

Wir gingen eine Weile schweigend und hingen unseren Gedanken nach. Ab und zu schweifte mein Blick umher und ich konnte hier und da in der Dunkelheit die weißen Schleier anderer Geister erkennen. Jetzt, da ich wusste, wonach ich suchen sollte, war es einfach. Dann erreichten wir wieder die beleuchtete Straße und ließen den Park hinter uns. Die Geister schienen die Dunkelheit zu mögen, denn jetzt konnte ich in unserem Umfeld nichts erkennen. 

„Was werdet ihr eigentlich tun, wenn ihr nicht mehr auf mich aufpassen müsst?“, fragte ich dann. 

„Ich weiß es noch nicht“, gab Trevor zu. „Der Schutz der Erde muss neu organisiert werden. Viele sind auf sie aufmerksam geworden und solche Dinge sprechen sich in magischen Kreisen schnell herum. Die Erde ist ein leichtes Angriffsziel, weil ihre Bewohner keinerlei magische Fähigkeiten besitzen. Ich denke, wir werden noch eine Weile hier bleiben.“ 

„Denkst du, dass wir uns noch einmal wieder sehen?“ 

Er drehte den Kopf und lächelte mich an. „Das werden wir, Annie. Vielleicht wird es ein paar Jahre dauern, aber das kann ich dir versprechen. Wir werden uns wieder sehen.“ 

Ich lächelte zurück und wusste selbst nicht, warum ich den Gedanken so mochte. Aber es war so. Obwohl ich diese Menschen erst seit gar nicht allzu langer Zeit kannte, waren sie mir ans Herz gewachsen und ich würde bedauern, sie völlig aus meinem Leben verschwinden zu sehen. 

„Ich wünschte, ich könnte Vivian zwingen, mich zu begleiten“, sagte ich dann traurig. 

Er nickte. „Ich auch.“ 

Das erstaunte mich etwas, denn ich war davon ausgegangen, dass das Mädchen Trevor ziemlich egal war. Ich stieß ihm freundschaftlich in die Seite. „Nein, oder? Ich bin eher davon ausgegangen, dass du froh wärst, sie so schnell wie möglich loszuwerden.“ 

„Hm“, machte er überlegend. „Das ist nicht richtig. Natürlich ist sie ein ziemliches Ärgernis…“ 

Ich lachte auf. 

„Aber“, fuhr er fort, ohne mich zu beachten, „sie ist ein Rebell und ich mag Rebellen. Wäre ich in ihrem Alter so gewesen, wer weiß, vielleicht hätte ich Laurell nie geheiratet…“ Seine Stimme war am Ende leiser geworden und als er jetzt den Kopf drehte, war ein trauriger Zug in seinem Gesicht zu erkennen. „Aber vielleicht auch nicht. Manchmal kann zuviel Rebellion dich das Leben kosten. Sie hat eine Menge erreicht, es wäre schade, zuzusehen, wie all das verloren geht.“ 

Ich starrte ihn eine ganze Weile fassungslos an. „Du magst sie“, sagte ich irgendwann völlig verblüfft. 

Trevor verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Und wehe, du sagst ihr das.“ Er wandte sich wieder zum Gehen. „Sie hat viel durchgemacht und sie erscheint älter als sie ist. Ihr Wesen, ihre Reden, all das täuscht darüber hinweg, dass sie noch verflucht jung ist. Aber sie ist es und es erinnert mich daran, dass ich auch zwei Töchter hatte. Ich habe sie nie erlebt, als sie in diesem Alter waren.“ 

Ich schlang meinen Arm um ihn und sagte leise: „Vivian kannst du nicht adoptieren.“ 

„Nein.“ Er schaute gedankenverloren geradeaus. „Aber man fängt an, sich für sie verantwortlich zu fühlen. Erzähl mir nicht, dass es dir nicht ähnlich geht.“ 

Ich nickte langsam. „Manchmal schon, vor allem, wenn sie so unwahrscheinlich traurig ist. Aber manchmal kommt sie mir älter vor als ich selbst, mit all ihrem Wissen und ihrer Erfahrung und ich komme mir wie das Kind vor.“ 

„Und der Junge ist noch schlimmer“, sagte Trevor düster. „Er ist hilflos. Ohne sie ist er hilflos und verloren. Er ist das typische Opfer, glaub mir, lass ihn in eine Gruppe von Menschen und er ist derjenige, den man mit Füßen tritt.“ 

„Es sei denn, er findet sofort eine Person wie Vivian, die stark genug ist, ihn zu schützen.“ Ich seufzte. „Trainierst du deshalb mit ihm?“ 

Trevor nickte wieder. „Wenn Vivian mit dir geht, bleibt er bei mir und Sheldon. Nenn mich verrückt, aber nicht einmal Sheldon wüsste jemanden, den wir ihn anvertrauen können.“ 

Ich runzelte die Stirn. „Hältst du das für eine gute Idee? Euer Leben ist recht gefährlich.“ 

„Ist mir egal. Der Gedanke, dass Vivian mit ihm verschwindet, gefällt mir noch weniger. Sie mag stark sein, aber sie hat keine Chance, ihn immer zu schützen.“ 

Mir gefiel der Gedanke sowieso nicht, dass Vivian ging. Über Raven hatte ich noch gar nicht so genau nachgedacht, aber auch Sheldon hatte gesagt, sie würde ihn nicht nach Haastard oder Avalon mitnehmen können.  

„Einen Krieger kannst du aus ihm aber auch nicht machen.“ 

„Seine Vorfahren waren Raubtiere. Ich weiß nicht, was Cyto-Dentaar für Zuchtprogramme gewählt hat, um aus Raubtieren solche unterwürfigen Wesen zu machen. Wenn ich einen Teil seiner Raubtierdominanz wieder wecken kann, dann werde ich das tun.“ 

Vielleicht war es für Raven auch tatsächlich das Beste. Vivian war selbst noch ein Kind, sie konnte die Verantwortung für einen Menschen noch nicht tragen. Obwohl vielleicht gerade das auch gut für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit war. Denn von ihrer Mutter hatte sie sicher nicht gelernt, sich um andere Menschen zu kümmern, sondern eher das Gegenteil. 

Wir hatten mein Haus erreicht und ich öffnete die Eingangstür. Es musste jetzt weit nach Mitternacht sein und eigentlich war es ziemlich dumm gewesen, um diese Zeit spazieren gehen zu wollen. Aber auch ich hatte genügend kindische Momente. 

Das erste, was uns entgegenschlug, als wir die Haustür öffneten, war Gekicher. Ich drehte den Kopf und sah in Trevors Gesicht das gleiche Erstaunen wie sicher in meinem zu lesen war. Ich wusste nicht, ob in den letzten Wochen in meinem Haus jemals jemand gekichert hatte. 

Der Fernseher lief und auch das war ungewöhnlich. Und noch erstaunter war ich, als ich erkannte, dass es nur Vivian und Raven waren, die auf der Couch saßen. Raven hatte eine riesige Tüte Popcorn im Schoß und versuchte sie gerade vor Vivian zu verstecken, die das natürlich nicht wollte. Und sie kicherten. Alle beide. 

Ich wechselte noch einen verblüfften Blick mit Trevor, doch in diesem Moment hatten uns die beiden schon bemerkt und verstummten.  

„Hi“, begrüßte uns Vivian. „Ziemlich langer Spaziergang.“ Dann griff sie schnell in die Popcorntüte, ehe Raven reagieren konnte. „Sheldon ist von Thunder abgeholt worden und ich soll euch sagen, dass ihr nicht warten und euch keine Sorgen machen sollt.“

Nun, das war nicht weiter verwunderlich. Sheldon hatte öfter während der Nacht die verschiedensten Dinge zu erledigen.  

 „Ihr schaut fern?“, konnte ich mir dann trotzdem nicht verkneifen zu fragen. Ich konnte mich nicht entsinnen, Vivian jemals vor dem Fernseher gesehen zu haben.

Sie nickte vergnügt. „Wir haben überlegt, ins Kino zu gehen, aber da hätte ich Raven wieder die ganze Zeit vor den anderen verbergen müssen und da Sheldon sowieso verschwunden ist, war es hier gemütlicher.“ 

Wahrscheinlich drückte mein Gesichtsausdruck noch immer ziemliche Zweifel aus, denn Vivian grinste breit. „Bist du nie ins Kino gegangen oder hast einen Fernsehabend veranstaltet, Annie?“ 

„Doch“, gab ich trocken zurück. „Aber du nicht.“ 

Ein Teil ihrer Belustigung verschwand. „Raven kennt keinen Fernseher oder Filme.“

Plötzlich summte auch seine helle Stimme durch meinen Kopf. ‚Ich finde das absolut fantastisch. Ich würde am liebsten nur noch fernsehen.’ 

Das brachte auch mich dann endgültig zum Lächeln. Natürlich war eine Vivian, die Stunden vor dem Fernseher verbrachte, noch immer etwas, was ich mir nicht vorstellen konnte, aber ich mochte den Gedanken, dass die beiden kichernd auf meiner Couch saßen. Raven tat Vivian gut, so absurd das auch klang. 

„Viel Spaß euch beiden“, sagte ich deshalb nur lächelnd und wandte mich in Richtung der Treppe zum Obergeschoss. „Macht nicht mehr so lange.“ 

„Ja, Mama“, rief mir Vivian vergnügt hinterher. „Euch auch noch viel Spaß!“ Und wieder lachten alle beide. 

Auf meinem Gesicht lag ein Grinsen und als ich einen Blick in Trevors Richtung warf, konnte ich sehen, dass es auch um seine Mundwinkel zuckte. 

„Nicht antworten“, flüsterte er mir zu. „Sie hat noch ganz andere Bemerkungen auf Lager.“ 

Das war mir natürlich absolut klar, aber ich war auch weit davon entfernt, zu reagieren. Trevor war mir gefolgt, so wie jeden Abend, da er ja, bedingt durch mein plötzlich mit Menschen überfülltes Haus, das Zimmer mit mir teilte. Ich hatte nie wieder weiter darüber nachgedacht, denn die letzten Tage und Wochen waren zu nervenaufreibend gewesen. Ich war in mein Bett gefallen, irgendwann gegen Morgen, und eingeschlafen. Es hatte mich nicht im Mindesten interessiert, dass da neben mir noch jemand schlief. Meist war Trevor sowieso nach mir gekommen und ich hatte sein Kommen gar nicht bemerkt. Es wohnten jetzt so viele Leute in meinem Haus, ich kam mir sowieso vor wie in einem Hotel. Als Teenager wollte ich nie mein Zimmer mit jemandem teilen und ich wollte auch nie in eine Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen ziehen. In den letzten Wochen hatte mich all das gar nicht gestört, ja es war eher so, dass ich froh gewesen war, nicht allein zu sein. 

Trevor grinste mich schief an. „Dumme Kinder und ihre dummen Bemerkungen.“ 

Ich zuckte mit den Schultern und versuchte zu witzeln: „Hey, wir haben schon einen romantischen Abendspaziergang gemacht. Warum sollen sie uns dann nicht noch weitere romantische Gedanken unterstellen.“ Ich setzte mich auf das Bett, zog meine Knie an und schlang meine Arme um meine Beine. „Hast du eigentlich jemals wieder mit jemandem zusammen gelebt?“, fragte ich neugierig. 

„Du meinst mit einer Frau?“ 

Ich nickte. 

„Nein.“ Er setzte sich ebenfalls. „Wir befanden uns nie lange an einem Ort, so dass sich nicht einmal die Gelegenheit ergab, eine längerfristige Beziehung aufzubauen. Ich glaube auch nicht, dass ich das Bedürfnis danach habe. Mein Leben ist zu gefährlich, ich würde keine Frau da mit hineinziehen wollen.“ 

„Eigentlich traurig, oder?“ Ein melancholischer Ton hatte sich in meine Stimme geschlichen. „Ich habe keine sonderlich toll familiäre Kindheit gehabt, irgendwo habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir all das erfüllen zu können, wenn ich älter bin.“ Dann zuckte ich mit den Schultern. „Obwohl das ja bisher auch nie geklappt hat. Vielleicht bin ich auch für eine Beziehung nicht geschaffen.“ 

Trevor fuhr sich nachdenklich durch die Haare. „Es gibt kaum Magier, die Partner haben oder so etwas wie eine Beziehung führen. Vielleicht weil der Einsatz von Magie zu viel Nähe mit sich bringt und Magier diese Nähe automatisch ablehnen, weil sie angreifbar macht. Und natürlich, weil die Magie, wenn sie miteinander kommuniziert, auch sehr ablenken kann.“ 

„Nun ja.“ Seufzend streckte ich mich auf dem Bett aus und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Jetzt habe ich zwar keine Beziehung mehr…“ Ich grinste in seine Richtung. „Aber dafür eine Menge neuer Freunde.“ 

Trevor stützte sich auf seine Hand und schaute auf mich hinab. „Wann warst du glücklicher? Jetzt oder damals?“ 

„Das ist eine Fangfrage.“ Ich starrte überlegend zur Decke. „Vor einigen Wochen hätte ich noch gesagt damals und mir krampfhaft versucht, mein altes Leben zurückzuwünschen. Nein.“ Ich drehte den Kopf und sah ihn wieder an. „Ich habe Larry nicht wirklich geliebt. Ich denke, ich bin jetzt…nun vielleicht nicht glücklicher…aber ich fühle mich wohler. Freier, unabhängiger.“ Plötzlich war der Kloß in meiner Kehle wieder da.

„Stärker.“ 

Er lächelte schwach. „Du beginnst zu akzeptieren, was du bist.“ 

„Aber ich habe mehr Zukunftsängste.“ 

„Das ist wohl wahr.“ 

Ich verschwand noch einmal im Bad, um Zähne zu putzen und mich umzuziehen. Trevor tat es mir gleich. Es war eigenartig, wie schnell man sich daran gewöhnte, mit jemandem zusammenzuleben, obwohl man mit demjenigen keine Beziehung hatte. Ich mochte Trevor. Mir hatte es gefallen, mit ihm Hand in Hand durch die Straßen zu laufen und ja, irgendwo tief in mir drin spürte ich auch diesen Hauch von sexueller Zuneigung, bei dem ich nicht einschätzen konnte, ob er allein auf die Magie in uns zurückzuführen war oder auch so existiert hätte. Aber ich wusste, dass es zusammen mit ihm keine Zukunft geben würde. Er war mein Freund. Einer der wenigen echten Freunde, die ich jemals hatte. Man schlief nicht mit seinem besten Freund, weil es danach keine beste Freundschaft mehr geben konnte.  

Er schien es ähnlich zu sehen, denn er kroch neben mir unter seine Bettdecke und sagte nur leise:

„Schlaf gut, Annie.“ 

Ich mochte ihn umso mehr, weil er eben nur das tat und nichts mehr. „Schlaf gut.“

 

Teil 41

 

Vergangenheit

 

Es war eine dunkelhaarige Frau, die durch die Tür trat und mein erster Gedanke war: ‚Wieder so eine Tussi, die glaubt, ihre Barmherzigkeit ausleben zu müssen, indem sie ein Waisenkind adoptiert.’ 

Als ich sah, dass die fremde Frau ein kleines Kind an der Hand hielt, das mit einem wachen, aber recht misstrauischen Ausdruck das Zimmer von Miss Letitia musterte, revidierte ich meine Meinung.  Dann schloss sich die Tür hinter der Frau und dem Kind und schlagartig spürte ich eine eigenartige Beklemmung. Hatte ich vorher wenigstens halbwegs interessiert geschaut, war jetzt davon sicherlich nichts mehr zu sehen. Miss Letitia würde später schimpfen und mir irgendeine Strafarbeit aufbrummen, aber mein Misstrauen war größer als meine Angst vor Strafe. 

Miss Letitia war aufgesprungen und der Frau entgegen geeilt. „Ich grüße Sie, Mrs. Levon“, sprudelte sie hervor und ich verzog das Gesicht. 

Mrs. Levon schaute auch nicht sonderlich begeistert. Es kam mir sogar vor, als bereite es ihr Widerwillen, den Handschlag der Heimleiterin zu erwidern. Das machte sie mir fast sympathisch. 

„Und wen haben wir denn da?“, gluckerte Miss Letitia weiter und beugte sich zu dem kleinen Kind an der Seite der Frau.  

Ich schätzte die Kleine auf vier oder fünf. Dunkle Augen, wie die ihrer Mutter, schauten der Heimleiterin mit einem abweisenden Gesichtsausdruck entgegen. 

„Meine Tochter Vivian“, stellte Mrs. Levon ihr Kind vor. „Sie mag Fremde nicht.“ 

„Ich sehe schon“, lachte Miss Letitia und winkte in meine Richtung. „Anne? Ich möchte dir Mrs. Anastasia Levon vorstellen.“ 

 „Hallo“, brummte ich von meinem Stuhl und mein ungutes Gefühl zwang mich, entgegen jedem besseren Wissen, sitzen zu bleiben. 

Miss Letitia funkelte mich zornig an und lächelte im nächsten Moment entschuldigend in Anastasias Richtung. „Es tut mir leid. Mädchen in diesem Alter sind ziemlich schwierig.“ 

Anastasia lächelte zurück, aber das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Ich weiß, worauf ich mich einlasse“, entgegnete sie ruhig. „Ich würde Anne trotzdem gern etwas kennen lernen. Würden Sie mich vielleicht mit ihr ein paar Minuten allein lassen?“ 

„Sicher, sicher“, beeilte sich Miss Letitia zuzustimmen und ging zur Tür. „Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen.“ 

Mein ungutes Gefühl verstärkte sich noch, als ich plötzlich allein im Raum mit dieser Anastasia und dem kleinen Kind war. Anastasia setzte sich auf den zweiten Besucherstuhl. Sie hatte Vivian losgelassen, die schon dabei war, den Rest des Zimmers zu erkunden. Etwas an der Frau war unheimlich und ich konnte nicht sagen, was es war. Dabei sah sie nicht einmal unsympathisch aus. Lange schwarze Haare fielen in lockeren Wellen über ihren Rücken. Ihre Haut war sehr weiß, fast als würde sie die Sonne meiden und die dunklen Augen wirkten dadurch noch schwärzer. Sie gab mir nicht die Hand und es überraschte mich nicht. Sicherlich hatte Miss Letitia sie vorgewarnt und von meiner Abneigung gegen Berührungen gepetzt. 

Ich sagte nichts, auch nicht, als ich Anastasias prüfenden Blick spürte. 

„Du bist also Anne“, begann sie nach einer Weile. 

Ich hatte schon eine Menge potentieller Adoptiveltern kommen und gehen sehen. Alle hatten mich voll geplappert und mir erzählt, wie glücklich sie wären, wenn sie mich mitnehmen könnten. Zweimal war ich zu Familien geschickt worden, aber die wollten mich nach spätestens drei Wochen wieder loswerden. Verständlich aus meiner Sicht. 

„Hm“, brummte ich als Antwort. 

„Du bist fünfzehn?“ 

„Hm.“ 

Anastasia ließ sich durch meine Einsilbigkeit nicht aus der Ruhe bringen. „Ich bin etwas überrascht“, fuhr sie fort.  

„Wieso?“ Eigentlich wollte ich gar nicht mit ihr reden, aber wieso sie überrascht war, konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären. 

Anastasia lächelte fein. „Ein Kind mit deinen Fähigkeiten sollte auffälliger sein.“ 

Jetzt riss ich die Augen aber wirklich auf. „Huh?“ 

„Es wird dich jetzt überraschen, Anne. Aber sind in deiner Gegenwart schon Dinge passiert, die du dir nicht erklären konntest?“ 

Das passierte pausenlos, aber das musste ich ihr ja nicht auf die Nase binden. Miss Letitia hatte strikt verboten, so etwas zu behaupten, weil es eine Lüge war. 

„Nein“, log ich unverfroren. 

„Sind Sachen passiert, für die man dich verantwortlich macht, obwohl du es nicht getan hast?“, fragte die fremde Frau weiter. 

„Sicher.“ Ich grinste schief. Die meisten hier im Heim gaben niemals zu, etwas getan zu haben, obwohl ich genau wusste, dass sie es getan hatten. Wenn ich es behauptete, glaubte man mir genauso wenig wie dem Rest der Jugendlichen hier. 

„Hast du schon einmal etwas von außersinnlichen Wahrnehmungen gehört?“ 

Ob diese Frau verrückt war? Aber potentielle Eltern wurden genauestens geprüft. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 

„Ja“, sagte ich langsam, denn gehört hatte ich davon schließlich. 

„Du hast eine schwere Zeit hinter dir, Anne“, sagte sie freundlich. „Ich kann dir eine angenehmere Zukunft bieten.“ 

„Das sagen alle.“ 

Anastasia lächelte. „Eine Zukunft, die dich nicht zwingt, deine Fähigkeiten zu verbergen, sondern die dir hilft, sie zu entwickeln.“ 

Ah ja. Klar. 

Plötzlich stand die kleine Vivian neben mir und schaute zu mir hoch. Ich konnte noch nie gut mit Kindern umgehen und fühlte mich sofort etwas unbehaglich. Sie hatte die dunklen Augen ihrer Mutter, aber die Haare waren eine Idee heller. 

„Vivian, komm her“, sagte Anastasia überraschend scharf. 

Vivian beachtete sie nicht, sondern hob ihre Hand zu meiner. Erschrocken wich ich zurück, eine Reaktion, die mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen war, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken musste. 

„Vivian!“ 

Leider war mein Stuhl zu kurz, um ganz auszuweichen und Vivians Hand berührte meine. Es traf mich wie ein Schlag, doch diesmal schrie ich nicht, sondern erstarrte, weil der Strom, der plötzlich durch meinen Körper schoss, nicht nur unangenehm war. 

Ich konnte den Blick aus den dunklen Augen des Kindes nicht mehr lösen und ein warmes Gefühl stieg in mir hoch. Ich fühlte nicht einmal Angst, als sich Vivians Augen verdunkelten und fast schwarz wurden, sondern spürte, wie sich dieses Etwas, vor dem ich bisher Angst gehabt hatte, in mir bildete und es sich nun fast vertraut anfühlte. Es war die gleiche Macht und doch hatte ich diesmal keine Angst, dass sie explodieren und irgendetwas zerstören konnte. Es war fast so, als würde eine Art Beruhigung von ihr ausgehen. 

Im nächsten Moment wurde die Kleine von mir weggerissen und ich schnappte nach Luft, als der Kontakt plötzlich brach. Bunte Lichter tanzten vor meinen Augen und ich benötigte ein paar Augenblicke, um wieder klar denken zu können. In diesen Augenblicken hatte Anastasia Vivian eine schallende Ohrfeige versetzt. 

„Ich habe gesagt, fass niemanden an!“, fauchte sie scharf und gar nicht mehr so freundlich, wie sie vor ein paar Minuten noch geklungen hatte. „Wirst du das irgendwann begreifen?“ 

Vivian weinte nicht. Sie starrte ihre Mutter trotzig an und ich sah fassungslos, dass dunkle Energieschleier ihren kleinen Körper umtanzten. Erst dann bemerkte ich, dass meine Hände ähnlich aussahen, nur dass das Licht, das mich umspielte, nicht dunkel war, sondern reinweiß. 

„Schau sie dir an!“, fuhr Anastasia das Kind an und deutete auf mich. „Wenn sie wüsste, wer sie ist, hätte sie dich töten können!“ 

Ich war aufgestanden und noch etwas zurückgewichen. Plötzlich bezweifelte ich, dass diese Frau jemals gekommen war, um mich zu adoptieren. Vivian schaute mich noch immer an und in ihrem Blick lag etwas, was ich nicht deuten konnte, was aber bei weitem über ihr kindliches Alter hinausging. 

„Wer sind Sie?“, stieß ich hervor.  

„Du bist unwissend, Annie“, sagte Anastasia ruhig. „Weil du allein bist. Du wirst sterben, wenn du niemanden findest, der dich ausbildet. Ich und meinesgleichen können dir diese Ausbildung geben.“ 

„Wer sind Sie?“, wiederholte ich. 

„Anastasia Levon von der Welt Saduun. In dir schlummern die Kräfte einer Lucyana, aber es gibt niemanden, der dir beibringt, sie zu nutzen.“ 

Ich verstand gar nichts, aber tief in mir drinnen begann ich zu begreifen, dass diese Frau Antworten auf viele meiner Fragen hatte. Mein Gefühl warnte mich davor, aber ich hatte zu oft in meinem Leben erlebt, dass Dinge geschahen, die ich nicht verstand, dass Menschen verletzt worden, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war, aber alle mich anklagend anschauten. Wenn mir diese Frau all die Fragen beantworten konnte, dann wollte ich jedes Risiko eingehen. 

„Was heißt das?“ 

„Begleite mich“, sagte sie einfach. „Du wirst zusammen mit Vivian eine Ausbildung erhalten und lass dich von ihrem Alter nicht irritieren. In spätestens zwanzig Jahren wird man keinen Unterschied mehr in eurem Alter sehen. Wesen unserer Art werden sehr, sehr alt.“ 

Alles in mir schrie: Ja, aber ich zögerte. Noch immer hatte sich die Beklemmung, die mich befallen hatte, seitdem Anastasia in das Zimmer getreten war, nicht gelöst.

Anastasia griff in ihre Tasche und holte eine kleine Schachtel hervor. Sie winkte mich heran und stellte die Schachtel auf den Fußboden. 

Neugierig geworden trat ich näher und zuckte zusammen, als sie den Deckel anhob und ich im Inneren eine riesige Kröte sitzen sah. Nicht, dass ich Angst vor Fröschen oder Kröten hatte, aber ich hatte nicht damit gerechnet. Ich musste auch Anastasia angesehen haben, als würde ich an ihrem Verstand zweifeln, denn sie lächelte fast freundlich. 

„Ein Tier zu opfern, bedeutet deine Macht auszubreiten“, erklärte sie und winkte Vivian ebenfalls heran. 

Sie hatte jetzt nicht vor, die Kröte vor meinen Augen zu töten, oder? Die kleine Vivian trat ohne zu zögern neben ihre Mutter und schaute auf die Kröte. Ihre Wange war von der Ohrfeige noch immer gerötet, aber kein Laut hatte ihre Lippen verlassen. 

Anastasia zog aus ihrer Tasche noch einen kleinen Dolch und mein Herz machte einen Satz. 

Ich überlegte, ob ich nach Miss Letitia rufen sollte, denn langsam aber sicher zweifelte ich wirklich an Anastasias Verstand. 

Als Anastasia wieder hoch schaute, glühten ihre Augen schwarz. „Nimm das Opfer an, Anne, und spüre, dass du die Macht in dir beherrschen kannst.“ 

Ich fuhr zusammen, als sie mit einem schnellen Schnitt den Kopf der Kröte von ihrem Körper trennte und Übelkeit stieg in mir beim Anblick des Blutes hoch, das plötzlich aus dem Leib quoll und den Boden der Schachtel bedeckte.  

Vivian beobachtete mit interessierten Augen, wie der Körper noch einen Moment zuckte und dann leblos liegen blieb. 

Und plötzlich summte der Raum vor Energie. Anders konnte ich es nicht ausdrücken. Sie umgab mich greifbar wie ein Mantel, aber es fühlte sich nicht angenehm an. Es war eher so, dass sie mir die Luft abzuschnüren schien und jeder Atemzug in meiner Kehle brannte. 

Abwehrend hob ich die Hände und wich weiter zurück. „Nein…“ 

Anastasias Augen loderten auf. „Greif auf die Macht zu und es wird besser.“ 

Ich schüttelte wild den Kopf und merkte erst dann, dass mich die Wand im Rücken stoppte. Mir war schwindlig und übel und ich zwang mich mühsam zu atmen, um den Brechreiz unter Kontrolle zu bekommen. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen. 

„Nimm das Opfer an“, hörte ich wie aus weiter Ferne Anastasias Worte. 

Panik stieg in mir hoch und mit der Panik kam die Angst, dass alles, wie so üblich, eskalieren würde. Irgendetwas passierte immer, wenn ich Panik verspürte. Noch vor zwei Minuten, als Vivian mich berührt hatte, war das Etwas in mir friedlich gewesen, hatte sich friedlich und beruhigend angefühlt. Auch mächtig, aber gleichzeitig beherrschbar. Jetzt nicht mehr. Jetzt tobte es in meinem Inneren, rebellierte und ich wusste, würde es hervorbrechen, es würde wieder schlimmes passieren. 

„Nein!“, schrie ich, sank an der Wand zusammen und vergrub meinen Kopf in meinen Armen. „Ich will nicht, dass etwas passiert. Ich will nicht, dass etwas passiert.“ 

„Du musst keine Angst haben, du kannst es kontrollieren“, sagte Anastasia und kam auf mich zu. 

Ich riss den Kopf hoch und im nächsten Augenblick reagierte das Ding. Grelles Licht hüllte mich ein und ich begann zu schreien, als sich der Raum in eine Chaoshölle verwandelte. 

Dann passierte alles gleichzeitig. Die Tür wurde aufgerissen, Miss Letitia stürzte in den Raum und Anastasia musste sich ihr zuwenden. Diesmal „sah“ ich, was sie tat. Mit einer kurzen Handbewegung griff sie in die Energie, die uns umgab und leitete sie in Miss Letitia. Die Heimleiterin verstummte mit einem leeren Ausdruck in den Augen und kurz darauf verpufften die Reste der Kröte samt Karton zu Asche. 

Noch immer war ich von reinem, weißem Licht umgeben, doch durch das Licht konnte ich die kleine Vivian erkennen, die vielleicht zwei Meter entfernt stand und mich mit großen Kinderaugen anschaute. 

„Das Licht ist schön“, sagte sie leise und ich hörte Anastasia im nächsten Moment fluchen. 

„Scher dich her!“ Eine Flamme dunklen Lichts schoss aus Anastasias Händen in Vivians Körper, hüllte ihn ein und ließ das Mädchen bewusstlos zu Boden sinken. Die Frau trat auf sie zu, hob das Kind auf ihre Arme und schaute dann mich aus jetzt eisigen Augen an. 

„Du wirst niemals die Kraft haben zu überleben, Lucyana. Niemals.“ 

Dann raste das dunkle Licht auf mich zu, gleißender Schmerz toste durch meinen Körper und alles wurde schwarz.

 

~*~*~*~

 

Gegenwart

 

Schweißgebadet fuhr ich hoch und starrte zitternd in die Dunkelheit meines Schlafzimmers. Oh mein Gott, war mein erster Gedanke, ehe ich mein Gesicht in meinen Händen vergrub und versuchte, ruhig zu atmen. 

Ich konnte mich noch an diesen Tag im Waisenhaus erinnern. Ich konnte mich haargenau an diesen Tag erinnern. Denn es war ungefähr dieser Tag gewesen, an dem ich vergessen hatte, wie mein Leben vorher ausgesehen hatte.

Damals war Miss Letitia wutentbrannt zurück ins Zimmer gekommen und hatte verkündet, ab dem heutigen Tag werde sie sich keine Mühe mehr geben, mich zu vermitteln, da ich den potentiellen Eltern immer wieder vorspielen würde, eine Verrückte zu sein. Wie ich auf den Gedanken käme, Mrs. Levon mit Büchern zu bewerfen? Wer würde solch ein Kind adoptieren wollen? Ich hatte damals begonnen zu weinen, weil ich mich an nichts mehr erinnern konnte und auch hinzu gezogenen Psychologen keine anderen Worte aus mir herausbrachten außer: Ich weiß es nicht mehr. 

Dieses Bild, meine Hilflosigkeit, weil ich all die Fragen nicht beantworten konnte, stand jetzt genau vor meinem Auge. Die gesamten vergangenen Jahre waren in einem Augenblick ausgelöscht worden. Und jetzt wusste ich, warum. Und ich wusste von wem. 

„Was ist los?“, murmelte es verschlafen neben mir.

Ich fing an zu schluchzen und das weckte Trevor endgültig. Ich fühlte ihn sich aufrichten und dann seine Arme, die meinen Körper umschlangen. 

„Ist ja gut, Annie“, flüsterte er beruhigend. „Was hast du geträumt?“ 

Ich vergrub mein Gesicht an seiner Brust und weinte weiter. Vielleicht war es die Verzweiflung, all das bisher nicht gewusst zu haben, die mich reagieren ließ. Ich hatte so viel Neues erfahren in den letzten Tagen, doch diese Erinnerung setzte dem ganzen eine Krone auf. 

„Anastasia war im Waisenhaus“, schluchzte ich. „Mit Vivian…“ 

„Was?!“ Übergangslos war er hellwach. „Was hast du geträumt, Annie? Erzähl mir den Traum.“ 

Ich schüttelte wild den Kopf, löste mich aus seinen Armen und strampelte die Bettdecke von meinen Beinen. „Ich muss zu Vivian“, schniefte ich. „Ich will wissen, ob sie das die ganze Zeit wusste. Ich will verdammt noch mal wissen, ob sie das wusste…“ 

Ich hörte es hinter mir rascheln, weil er seine Bettdecke ebenfalls zur Seite warf und mir folgte, aber ich hatte schon den Flur durchquert und war vor Vivians Zimmertür angelangt. Natürlich war mir klar, dass sie schlafen würde, aber mit diesem Wissen würde es für mich keine Minute Schlaf mehr geben. 

Ich klopfte nur kurz. „Vivian?“ Und öffnete die Tür. 

Raven, der an Vivian gekuschelt schlief, fuhr genauso hoch wie das junge Mädchen und beide blinzelten verstört in das durch die Tür scheinende Licht aus dem Flur. 

„Wie spät ist es?“, fragte Vivian verschlafen. 

Ich sank auf die Bettkante, während Trevor das unbenutzte Gästebett mit einem missbilligenden Blick musterte, und wischte mir mit der Hand über die Augen. „Ich habe geträumt, Vi“, stieß ich hervor. „Ich habe eine Erinnerung geträumt…“ 

Vivian löste sich aus Ravens Umarmung und rutschte an den Bettrand. „Hast du geweint, Annie?“, fragte sie schüchtern. 

„Anastasia war im Waisenhaus“, murmelte ich verzweifelt. „Mit dir.“ 

Ein Blick in ihr Gesicht reichte, um zu wissen, dass sie nichts wusste. Es geschah selten, dass sie so völlig fassungslos dreinschaute und die Anspannung fiel wie ein riesiger Stein von meinen Schultern. Ich wäre grenzenlos enttäuscht gewesen, wenn sie es gewusst und mir nicht erzählt hätte. Mit der Erleichterung kamen wieder die Tränen und diesmal war es Vivian, die ihre Arme um mich schlang und piepste: 

„Mit mir?“ Sie klang auch fassungslos und irgendwie entsetzt. 

Hätte mir vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass ich mich an der Schulter einer Sechzehnjährigen ausweinen würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Ich brauchte eine Weile, ehe ich mich wieder soweit beruhigt hatte und den Kopf heben konnte. Es flackerte sogar etwas wie Angst in ihren Augen. 

„Du warst noch sehr klein. Ich war fünfzehn und sie kam als ein potentieller Adoptivelternteil.“ 

„Kann ich“, fragte sie zögernd, „kann ich die Erinnerungen sehen?“ 

Diesmal war es an mir, überrascht zu schauen. „Wie das?“ 

Sie sah kurz zu Trevor und schaute dann wieder mich an. „Indem du mich in deinen Kopf lässt. Telepathie, du weißt schon…“ 

Plötzlich erinnerte ich mich wieder daran, was Trevor mir erklärt hatte: Eine telepathische Verbindung zwischen zwei Magiern zulassen, bedeutet ein immenses Maß an Nähe…Ich hatte es damals abgelehnt und er hatte nie wieder danach gefragt. 

Nachdenklich schaute ich zu Trevor. „Wäre es die gleiche Sache wie die, von der du damals gesprochen hast?“ 

Er nickte. Wortlos. 

Ich holte tief Luft und drehte den Kopf wieder zu Vivian. „Okay.“

Hinter mir drehte sich Trevor um und verließ den Raum. Vivian runzelte die Stirn und ich lächelte schwach. „Er hatte mich danach gefragt und ich habe abgelehnt. Das war vor all dem…“ Meine Stimme verklang. 

„Du hattest Bedenken?“, fragte sie ernst. „Hast du sie jetzt noch?“ 

„Ich bin mir nicht sicher“, gab ich ehrlich zu. „Aber ich denke, du hast das Recht, all das zu sehen, was ich gesehen habe.“ 

Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht und ließ ihre Augen aufleuchten. „Du vertraust mir“, stellte sie dann fest und das Lächeln wurde breiter. 

„Ich hoffe, das ist kein Fehler“, murmelte ich trocken. 

„Nein.“ Vivian richtete sich fast begeistert auf und griff nach meinen Händen. 

„Niemals, Annie. Niemals. Und jetzt schau mich an.“ 

Ich tat, was sie sagte und fühlte im gleichen Moment den Strom ihrer Magie meine Arme hinauf fließen. Warm prickelte es durch meine Adern, summte durch meinen Körper und erreichte irgendwann auch meinen Kopf. Es war nicht unangenehm, sondern einfach fremd. 

„Senke langsam deine mentale Blockade“, sagte Vivian. „Ich achte darauf, dass niemand da draußen es bemerkt.“ 

Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte, aber als ich tat, was sie sagte, fühlte ich es. Plötzlich fühlte ich sie und im gleichen Moment den magischen Schild, der jetzt uns beide umgab. Sie lächelte wieder. 

„Schließ die Augen und denke an die Erinnerung.“ 

Ich atmete tief ein und dann wieder aus, ehe ich genau das tat. Wieder sah ich Anastasia das Zimmer betreten mit dem kleinen Mädchen an ihrer Seite. Diesmal spürte ich Vivians Erstaunen deutlicher als jemals zuvor, fast so als wären es meine eigenen Gefühle. Ich hörte die Worte erneut, die sie zu mir sprach und ich zuckte mit Vivian zusammen, als Anastasia das Kind ohrfeigte. Vivians Hände verkrampften sich in meinen und ich spürte, dass sie begann zu zittern. Ich hätte sie gern beruhigt, wusste aber nicht, ob Worte meinerseits all das stören würden. Dann verschwamm wieder alles im Schwarz der Bewusstlosigkeit und ich riss meine Augen wieder auf. 

In Vivians Augen schimmerten Tränen. „Ich habe keinerlei Erinnerungen daran“, flüsterte sie erstickt. „Ich muss vier gewesen sein und ich weiß nichts davon. Rein gar nichts. Sie hat meine Erinnerungen ebenfalls manipuliert.“ 

Ich wusste darauf nichts zu antworten, weil ich genauso entsetzt war wie sie. Auch wenn es nicht die erste und einzige neue Erinnerung in meinem Kopf war, es war die, die mich am meisten schockiert hatte. 

Plötzlich spürte ich ein zaghaftes Tasten in meinem Kopf. Du wirst jetzt mit mir reden können, Annie, auch wenn wir uns nicht sehen, wisperte eine leise Stimme, die ich als Vivians erkannte und meine Augen wurden groß. Ich werde spüren, wenn du versuchst, mich zu erreichen und du wirst es spüren, wenn ich eine Verbindung herstellen möchte. 

Meine Augen weiteten sich, als sich die klaren Worte in meinem Kopf bildeten, obwohl sich die Lippen des Mädchens nicht bewegten. 

Du musst nur denken und ich werde dich verstehen. 

Fantastisch…, dachte ich fasziniert und sie lächelte.  

Dann beugte sie sich nach vorn und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen. Danke, Annie. 

Wofür?, fragte ich erstaunt.

Sie wich meinem Blick aus und musterte angestrengt die Bettdecke. Es dauerte eine Weile, ehe sie mit schief gelegtem Kopf wieder hoch schaute und schüchtern antwortete: Für dein Vertrauen. Es bedeutet mir eine Menge. 

Ich lächelte ebenfalls, breitete meine Arme aus und drückte sie. „Du Dummkopf“, flüsterte ich neben ihrem Ohr. Sie hatte, indem sie mir diese telepathische Verbindung anbot, das gleiche Vertrauen in mich gesetzt. Aber das ging mir erst in diesem Moment auf. „Es bedeutet mir auch eine Menge“, setzte ich noch hinzu. 

Dann löste ich mich von ihr und stand auf. „Und nun schlaft weiter. Wir reden morgen.“ 

Vivian nickte, jetzt wieder so ernst, wie ich sie kannte, sank auf ihr Bett zurück und schmiegte sich an Raven. Es war ein süßes Bild und ich musste lächeln. „Schlaft gut.“ 

Du auch, antwortete Vivians Stimme in meinem Kopf und ich schloss leise die Tür hinter mir.

 

Teil 42

 

Trevor lag auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, als ich das Schlafzimmer wieder betrat. Er hatte kein Licht gemacht, aber meine Sicht schaltete neuerdings sowieso automatisch auf Nachtsehen um.

Ich musste lächeln, als ich bemerkte, wie ausdruckslos seine Miene war und ahnte, dass er nicht wollte, dass ich etwas von seinen Gefühlen erkennen konnte. Seine in der Dunkelheit schimmernden Augen folgten meinen Bewegungen, als ich mich auf meiner Seite des Bettes niederließ. Er schwieg, doch ich wusste, dass er etwas zu sagen hatte. Er würde es mir nicht sagen, dazu kannte ich ihn mittlerweile zu gut.

„Als du damals davon gesprochen hast, Trev“, begann ich, ehe das Schweigen unangenehm werden konnte, „habe ich abgelehnt, weil ich nicht wollte, dass dich irgendein dummes Pflichtgefühl veranlasst, mir diese Verbindung anzubieten.“

„Du bist mir keine Rechenschaft schuldig, Annie“, sagte er sanft.

„Ich kannte dich nicht gut genug, um entscheiden zu können, ob ich diese Art Nähe möchte“, fuhr ich unbeirrt fort. „Ich bin mir auch jetzt noch nicht sicher, ob ich diese Nähe wünsche.“ Ich stoppte ihn, als er den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, mit einer Handbewegung. „Lass mich ausreden. Ich scheue zuviel Nähe, aber die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass es Menschen gibt, denen man bedingungslos vertrauen kann. Und du gehörst dazu.“

Jetzt konnte ich das Erstaunen in seinen Augen deutlich sehen.

„Steht dein Angebot noch?“, fragte ich, während ich mich auf meiner Hand abstützte und auf ihn hinabschaute.

Trevor sah mich eine ganze Weile an. Ich konnte noch immer nicht erkennen, was in ihm vorging. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich die Gedanken, die ihm im Moment durch den Kopf gingen, wissen wollte. Aber wenn ich Vivian richtig verstanden hatte, wäre es niemals so, dass ich einfach in ihren oder seinen Kopf hineinsehen konnte, sondern sie mussten mir dazu eine Art Genehmigung geben. Würde es mir dann leichter fallen, die Gedanken von anderen Menschen zu lesen? Nun, das würde sich zeigen. Bei Raven funktionierte es ja auch ganz gut.

„Ich scheue zuviel Nähe auch“, sagte Trevor dann plötzlich. „Ich kenne dich noch nicht sehr gut, Annie, aber es ist lange her, dass ich so viel Zeit mit einem anderen Menschen außer Sheldon verbracht habe.“

Jetzt war es an mir, ungläubig zu schauen.

„Und ja, ich bin etwas enttäuscht, dass du die Verbindung zu Vivian zugelassen hast, während du mich abgelehnt hast.“ Er lächelte leicht und eine Spur Traurigkeit lag auf seinem Gesicht. Dann setzte er sich auf. „Solch eine Verbindung kann stärken, aber auch schwächen“, erklärte er leise. „Aus diesem Grund zögere ich selbst, sie einzugehen. Sie macht dich stark, wenn der andere bedingungslos auf deiner Seite steht, aber wenn der leiseste Zweifel daran besteht…“

Seine Stimme verklang, aber ich wusste genau, dass er in diesem Moment nicht von ihm und mir sprach. „Du denkst, es war ein Fehler, es mit Vivian zuzulassen?“

Er holte tief Luft. „Ich weiß es nicht. Selbst Niira stand ihr positiv gegenüber, aber ich musste mich zu oft auf mein Gefühl verlassen und egal, ob ich sie so als Mensch mag oder nicht, sie war – und ist - eine schwarze Hexe.“

In gewisser Weise verstand ich ihn. Aber genauso wie sein Gefühl Vivian instinktiv ablehnte, vertraute meins ihr.

„Erzähl mir die Erinnerung“, bat er dann.

Ich schüttelte den Kopf und beugte mich zu ihm. „Schau sie dir an“, sagte ich einfach. „Ich kenne dich inzwischen gut genug, um entscheiden zu können, dass ich dir vertraue. Ich habe das in meinem Leben noch nicht sonderlich oft gesagt, wenn ich es mir genau überlege, eigentlich noch gar nicht. Aber ich weiß, dass ich wahrscheinlich nicht mehr leben würde, wenn es dich nicht gäbe. Dich und Sheldon.“

Seine eigenartig grauen Augen bohrten sich in meine. Plötzlich war mir mit aller Deutlichkeit bewusst, dass wir uns in meinem Schlafzimmer befanden und auf meinem Bett saßen. Ohne dass ich es wollte, stiegen Erinnerungen an seinen Kuss in mir hoch und das Gefühl, das er in meinem Körper ausgelöst hatte. Ich hatte das dumme Gefühl, dass es Trevor genauso ging, denn seine Augen verdunkelten sich etwas.

„Wovor hast du Angst?“, fragte ich jetzt leise.

Er lächelte als hätte ich ihn ertappt. Das Lächeln ließ sein Gesicht weicher erscheinen, mehr jungenhaft und ein Teil der Erfahrung, die sein Alter mitbrachte, verschwand. Es war der Mann aus meinen Träumen und für einen Moment konnte ich ihn nur anstarren. Dann nickte er langsam, hob seine Hände und ergriff meine.

„Tue es.“

Mein Mund klappte auf. „Ich?“

Er nickte, jetzt mit einem fast vergnügten Ausdruck im Gesicht. „Du bist der Magier, Annie.“

Autsch.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, gab ich dann zu.

„Das, was Vivian getan hat.“

Wieder einmal wurde mir klar, wie wenig ich wusste. Und wie sehr ich das hasste. Trotzdem nickte ich tapfer und schloss die Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Über meine Hände spürte ich die Verbindung zu Trevors magischer Aura. Sie war nicht stark, aber sie reichte, um ihn vor anderen Magiern zu verbergen und um einen gar nicht zu schwachen Schild zu errichten.

Ähnlich wie Vivian es getan hatte, versuchte ich, meinen magischen Schirm zu erweitern und ihn mit einzuschließen. Ich spürte, dass er reagierte und seine Magie in einem warmen Strom meine Arme hinauf  floss. Es fühlte sich beruhigend an, so als wäre es etwas völlig natürliches. Und im gleichen Moment sah ich ihn auch. Nicht mit meinen Augen, sondern mit diesem komischen Blick in mir drin, den ich mein ganzes bisheriges Leben verleugnet hatte. Unverwechselbar, so wie ich auch Vivian gesehen hatte, erkannte ich seine magische Aura und ich wusste plötzlich, ich würde ihn jederzeit aus hunderten anderen Auras herausfiltern können. Das war es, was diese Verbindung ausmachte.

Ich öffnete meine Augen und jetzt sah ich beides. Ich sah ihn mit meiner normalen, weltlichen Sicht und gleichzeitig die Magie, die ihn umgab. Er lächelte wieder und plötzlich spürte ich seine Stimme in meinem Kopf.

Ich wusste, du kannst es.

Ich musste auch lächeln, denn mit seiner Stimme umgab mich ein Gefühl von Geborgenheit, so als wäre nichts richtiger als das, was wir gerade taten. Langsam öffnete ich meinen Geist und ließ die Erinnerung an den Traum meine Gedanken beherrschen. Sein Lächeln verschwand, weil er sich auf die Bilder konzentrierte und urplötzlich spürte ich seine Anspannung. Fast so als wären es meine eigenen Gefühle.

Und dann geschah noch etwas anderes. Irgendwo weit entfernt erwachten zwei weitere Magier. Doch erst, als uns deren Erstaunen umwirbelte, begriff ich, worum es sich handelte. Auch Trevor war überrascht und blinzelte kurz, um sich wieder auf meine Erinnerungen zu konzentrieren. Das leise fremde Erstaunen blieb, aber ich wusste, dass Sheldon und Vivian gespürt hatten, was wir taten. Dass es diese Wechselwirkung gab, war wahrscheinlich nicht einmal Trevor bekannt gewesen, aber eigentlich hätten wir uns denken können, dass der andere Teil der Verbindung eine neue spürte. Wir würden es morgen erklären.

Jetzt war ich erst einmal damit beschäftigt, Trevor zu zeigen, was ich geträumt hatte. Es dauerte auch nicht lange und er ließ meine Hände los.

„Interessant“, sagte er nachdenklich. „Es stellt sich fast die Frage, ob Anastasia in Vivians Kopf nicht auch noch ein paar Erinnerungen geblockt oder verändert hat, Erinnerungen, die direkten Einfluss auf Vivians Verhalten jetzt haben.“

„Du meinst, dass sie irgendetwas getan hat, was sie weniger böse hat aussehen lassen und Anastasia hat die Erinnerungen verändert?“

Er nickte. „So was in der Art. Allerdings war ich bisher der Meinung, ein starker Magier würde sich dagegen wehren.“

Plötzlich bekam ich wieder Angst. Wem sollte man glauben oder was sollte man glauben in einer Welt, in der es so einfach war, die Gedanken anderer zu manipulieren? Wie einfach war mein Leben doch gewesen, als ich von all dem noch nichts gewusst hatte.

Trevor schien meine Gedanken zu spüren, denn er lächelte wieder traurig. Aber er sagte nichts. Wortlos zog er mich in seine Arme und sank mit mir auf das Bett zurück. Er hielt mich nur fest und ich schmiegte mich an seine Seite als wäre er den Halt, den ich plötzlich brauchte. Ein Teil der Verbindung war noch immer vorhanden und es fühlte sich gut an. Es geschah selten, dass ich mich einsam und verlassen fühlte, aber in genau diesem Moment mit dem Wissen, dass nichts so sein musste wie es den Anschein gab, fühlte ich mich verloren. Und ich war mehr als froh, dass es jemanden gab, an dem ich mich festhalten konnte.

„Wir sollten schlafen“, flüsterte er irgendwann in meine Haare und ich nickte, mein Gesicht noch immer an seiner Brust vergraben. „Soll ich dich loslassen?“

Ich schüttelte den Kopf und fühlte sein Lächeln fast körperlich.

„Schlaf gut, Annie.“ Er hauchte einen Kuss auf meine Haare und ich schlang meinen Arm um seinen Bauch.

Ich würde morgen darüber nachdenken, warum ich plötzlich zum Kuscheltier mutiert war, heute und jetzt genoss ich seine Nähe, weil sie mich all die Angst vor der realen Welt vergessen ließ.

 

~*~*~*~

 

„Das ist nicht euer Ernst?!“

Vivian starrte uns so geschockt aus einem so kreidebleichen Gesicht an, dass ich schon Angst bekam, sie würde umkippen. Aber Vivian kippte nicht um, sondern sie lief im Wohnzimmer auf und ab und der sich aufbauende Zorn umgab sie wie eine dunkle Wolke. Sheldon saß in einem der Sessel, im zweiten Trevor und ich hatte auf der Couch Platz genommen.

Wir hatten erst Sheldon von dem Traum erzählt und dann die Bedenken angesprochen, die wir in Bezug auf manipulierte Erinnerungen Vivians hatten. Das junge Mädchen hatte uns mit offenem Mund völlig perplex zugehört und war dann aufgesprungen.

Plötzlich blieb sie stehen und sah uns an. „Das kann sie nicht getan haben“, stellte sie dann klar. „Das kann sie einfach nicht getan haben!“

Sheldon beugte sich nach vorn. „Setz dich, Vivian“, bat er ruhig.

Sie schüttelte wild den Kopf und die dunklen, langen Haare flogen um ihren Kopf. „Das kann nicht möglich sein! Ich besitze genug Magie, um das zu verhindern! Das kann sie nicht getan haben!“

„Ich denke das auch“, beruhigte Sheldon sie. „Im Alter von vier Jahren erscheint es mir möglich, später nicht mehr.“

Noch immer flackerten Zweifel in ihren Augen, aber sie setzte sich neben mich auf die Couch. Trotzdem sah sie weder beruhigt noch entspannt aus.

„Es gibt nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob sie deine Erinnerungen manipuliert hat“, fuhr der Vampir fort.

Vivian nickte, obwohl ich ihre Panik fast körperlich spüren konnte. Ob das auch eine Folge dieser Verbindung war, die wir jetzt eingegangen waren? Ich wusste es nicht, aber ich würde es noch erfahren. Jetzt war es erst einmal wichtiger, sich mit Vivians Erinnerungen zu beschäftigen.

„Ich will das nicht“, fluchte sie leise. „Annie wusste zumindest, dass ihr Erinnerungen fehlen.“

„Ich bezweifle, dass dir welche fehlen“, erwiderte Sheldon. „Ich denke eher, sie sind verfälscht. Es kann auch nicht viel sein, denn sonst würdest du es spüren. Du bist stark genug dazu.“

„Toll“, knurrte sie missmutig. „Also los, fang an.“

Sie war noch immer unwahrscheinlich blass, aber bedeutend mutiger als ich. Wenn ich daran dachte, wie lange ich mich geweigert hatte, mich mit meiner Vergangenheit zu befassen, es war mir jetzt noch peinlich. Jetzt, da ich so einiges wusste, erschien mir meine eigene Angst ziemlich lächerlich. Vivian hatte keine Angst, sie war entsetzt, dass so etwas möglich war und sehr, sehr zornig.

„Beruhige dich, Vivian“, sagte Sheldon leise. „Ich werde nur scannen und nichts von dem sehen, was du siehst, aber ich kann eine geänderte oder blockierte Erinnerung erkennen und deaktivieren. Möchtest du das?“

„Ja“, stieß sie hervor.

„Dann entspann dich.“

Sie stieß die Luft zwischen den Zähnen hindurch, aber sie versuchte es. Ich saß direkt neben ihr und spürte die Vibrationen ihrer magischen Aura wie einen feinen Hauch.

Ich fühlte auch Sheldons Magie, die den Raum durchwebte und das junge Mädchen einschloss. Mehr nicht, denn genauso wenig wie Sheldon in Vivians Kopf schauen konnte, war es mir jetzt möglich. Aber ich spürte, dass ihre Nervosität zunahm.

Es würde eine Weile dauern, aber ich wollte mich nicht von ihrer Seite wegrühren. Auch Trevor bewegte sich nicht, aber er hatte sich zurückgelehnt und beobachtete mit wachen Augen, was Sheldon tat. Natürlich konnten wir nichts von dem mit unseren normalen Augen sehen, aber der gesamte Raum summte in Magie. Ich versank für eine ganze Weile einfach in dem Gefühl, das diese Wärme in mir auslöste. Es war, als würde ich etwas Vertrautes spüren oder benutzen und als wäre ich genau in diesem Medium heimisch. Noch vor Wochen hätte mich dieser Gedanke entsetzt. Heute fühlte es sich richtig an.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Vivian neben mir nach Luft schnappte und nach meiner Hand griff. Damit hatte ich nicht gerechnet und deshalb traf mich das, was plötzlich auf mich einstürmte, völlig unvorbereitet.

Übergangslos stand ich in Vivians Erinnerungen und meine normale Sicht verabschiedete sich. Die Welt verschwamm und alles, was ich sehen konnte, war der düstere Raum in Vivians Kopf und die schlanke Gestalt eines Jungen, der an die Wand gekettet war. Mir wurde schlecht, weil ich ahnte, um welche Erinnerung es sich handelte und ich mit dem, was ich selbst in meinem Kopf hatte, genug Traumata verband. Ich wollte nicht sehen, was mir Vivian erzählt hatte, aber ich besaß nicht die Kraft, meine Hand aus ihrer zu lösen.

„Vivi?“, fragte der Junge, von dem ich annahm, dass es sich um Dorean handelte, mit schriller, angstvoller Stimme. „Was geht hier vor, Vivi? Das ist ein Scherz, ja?“

Eine andere Stimme lachte ein eisig kaltes Lachen, das eine Gänsehaut meinen Rücken hinauflaufen ließ. Da ich im Augenblick Vivians Erinnerungen sah, konnte ich sie selbst nicht erkennen, aber sie drehte in diesem Moment den Kopf zu der dunkelhaarigen Frau, die den Raum betreten hatte.

Es war Anastasia, aber sie sah völlig anders aus als die Frau, die damals das Waisenhaus besucht hatte. Natürlich war es dieselbe, die langen schwarzen Haare, die weiße Haut und die dunklen Augen. Aber die Aura, die sie diesmal umgab, war völlig anders. Sie trug ein tiefschwarzes Kleid und war so schwarz geschminkt wie Vivian am ersten Tag unserer Begegnung. Ich konnte die Gefahr, die jetzt von ihr ausging, fast körperlich spüren und sicherlich fühlte es Vivian genauso.

„Vivi?“, fragte Dorean wieder, doch diesmal überschlug sich seine Stimme vor Angst fast.

Anastasia lachte, ging einen Schritt auf den Jungen zu und legte ihre Hand unter sein Kinn. „Du dummer Junge“, sagte sie eisig. „Glaubst du wirklich, ich würde erlauben, dass du mir meine Tochter wegnimmst?“

„Mom, bitte“, mischte sich jetzt Vivian ein und auch in ihren Worten schwang Furcht mit.

Ich hatte es noch nie in ihrer Stimme gehört, deshalb war ich einfach überrascht.

„Still!“, zischte Anastasia und machte eine abweisende Handbewegung in meine – also Vivians – Richtung. Gleichzeitig tobte Schmerz durch ihren Körper und ich krümmte mich, weil ich ihn genauso spürte. „Du hast genug Unheil angerichtet! Es wird Zeit, dass du lernst, wie sich meine Tochter zu verhalten hat!“

„Es tut mir leid, Mom“, flüsterte Vivian verzweifelt. „Bitte lass ihn gehen, es wird nie wieder passieren.“

Anastasias Finger krallten sich in Doreans Kehle und dieser schrie erstickt auf. „Diese kleine Lügnerin“, sagte Anastasia mit einem kalten Lächeln auf den Lippen. „Sie bettelt um dein Leben, Menschenjunge. Aber das ist eine Schwäche, die wir uns nicht leisten können!“

Im nächsten Moment schrie Dorean wieder auf. Anastasias Fingernagel hatte sich in die Haut seines Halses gebohrt und zog eine blutende Spur seine Brust hinab. Fassungslos starrte er auf den Riss, der seine Brust überzog und jegliches Blut wich aus seinem Gesicht.

„Vivi!“, schrie er panisch. „Sie ist verrückt. Hilf mir, Vivi!“

Anastasia schlug ihm ins Gesicht. „Komm her, Vivian!“

Dunkles Licht tanzte auf der Haut des Jungen und er stöhnte schmerzerfüllt auf. Ich konnte erkennen, dass sich die Haut stellenweise rötete und Blasen schlug.

„Mom, bitte“, weinte Vivian und ich konnte ihre Hilflosigkeit fast körperlich spüren. Sie musste fünfzehn gewesen sein, als das geschehen war. „Lass ihn gegen, Mom, bitte…“

„Du dumme, schwache Göre!“, fauchte Anastasia, langte zur Seite, griff in Vivians lange Haare und zerrte sie nach vorn. „Männer sind nur Opfer, nichts weiter! Ich will endlich, dass du begreifst, dass du niemals Gefühle zulassen darfst! Nie!“

Vivian weinte weiter und klammerte sich an Anastasias Arm fest. „Ich liebe ihn nicht. Bitte glaub mir…Lass ihn gehen…“

Diesmal schlug Anastasia Vivian ins Gesicht und wieder spürte ich den Schmerz als hätte sie mich geschlagen. „Du lügst!“ Im gleichen Moment hatte sie ein Messer gezogen und Dorean schrie wieder panisch auf.

„Seine Angst und seine Qual macht uns stark“, erklärte Anastasia und ihre Augen glühten schwarz. „Du wirst es dir ansehen und du wirst dich an der Macht laben.“

„Oh Gott“, jammerte Dorean auf und zerrte an den Ketten, die ihn hielten. „Ich will nicht sterben. Vivi, tue etwas. Bitte hilf mir… ich will nicht sterben…“

Anastasia zog mit dem Messer zwei Schnitte quer über seine Brust und lachte, als jetzt Tränen über seine Wangen liefen. „Sein Blut gibt dir Macht, Vivian“, erklärte sie eisig.

Ich spürte die Macht, die sie beide umtobte und ich fühlte ein wenig von der Stärke, die in ihr steckte. Sie war fast zu groß, um sie zu begreifen und ich ahnte, welche Verlockung sie darstellte.

„Es wird Stunden dauern, ehe ich ihn sterben lasse“, lachte Anastasia. „Das Gefühl, seine Angst zu schmecken, ist wie eine Droge.“

Der Junge bettelte um sein Leben und ich fühlte mich hilfloser denn je. Natürlich lag all das Monate in der Vergangenheit, ich konnte es nicht ändern, aber es war Vivians Verzweiflung und Vivians Hilflosigkeit, die jetzt durch meinen Körper tobten. Gegen Anastasias Macht hatte die junge Vivian keine Chance. Blut tropfte aus Doreans Körper auf den Boden und seine Schreie gellten in ihren Ohren. Längst hatte sie keine Tränen mehr und auch ihre Stimme gehorchte ihr nicht mehr. Ich wollte es nicht mehr sehen, ich wollte meine Hand aus ihrem Griff lösen und wollte es nicht mehr sehen, doch ihre Finger umklammerten meine wie ein Schraubstock.

„Ich tue es“, sagte sie plötzlich und mein Herz machte einen Satz.

Anastasia drehte sich mit einem so siegessicheren Lächeln im Gesicht um, dass ich am liebsten geschrieen hätte. Tränen verschleierten Vivians Blick, als sie auf den Jungen zutaumelte und das Messer entgegennahm, das ihr Anastasia entgegenstreckte.

„Töte ihn“, befahl sie. „Nimm seine Macht in dich auf.“

Dorean war kaum noch bei Bewusstsein. Er hing in den Ketten und sein Körper zuckte nur noch, wenn der Schmerz ihn erneut überwältigte. Jetzt hob er mit aller Mühe den Kopf und schaute Vivian an. Ich konnte die Bitte in seinem Blick lesen und ich wollte am liebsten weinen. Erlöse mich, sagten seine Augen. Ich spürte, was Vivian spürte und alles in mir schrie: Nein!

Vivian blieb vor ihm stehen und die Tränen liefen über ihre Wangen. Ihre Mutter war ein paar Schritte zurückgetreten, wahrscheinlich, um sie nicht zu stören, aber das dunkle Licht umtoste den Jungen und jetzt auch Vivian.

„Es tut mir so leid“, flüsterte Vivian. „Ich liebe dich.“

Dann stach sie zu. Es war ein exakt geführter Stich, mitten ins Herz. Dorean zog noch einmal scharf die Luft ein und erschlaffte dann in den Ketten. Und plötzlich rauschte die Macht, die sein toter Körper von sich stieß, in den Raum. Anastasia schrie triumphierend auf, doch Vivian hob ihre Arme, brach auf den Knien zusammen und blockte jegliche Energie, die auf sie einströmte, durch einen magischen Schild.

„Neeeinnnn!“, schrie Anastasia jetzt wie eine Furie, aber sie hatte keine Chance mehr zu verhindern, dass alle Macht Doreans, die Vivian so stark machen sollte, wirkungslos im Raum verpuffte, weil Vivian das Opfer ablehnte.

Dann sprang sie nach vorn, riss das Mädchen an den Haaren zurück und alles wurde schwarz.

 

~*~*~*~

 

Ich kam wieder zu mir und spürte die Tränen, die meine Wangen hinab liefen. Vivian klammerte an mir und weinte genauso hemmungslos.

Ich hatte nicht mitbekommen, dass Trevor hatte vorspringen wollen, aber Sheldon nach seinem Handgelenk gegriffen und ihn zurückgehalten hatte. Jetzt schauten uns beide Männer fragend an, aber weder Vivian noch ich waren fähig zu reagieren.

Ich konnte mich noch genau erinnern, was Vivian mir damals in der Nacht, als wir von Whoorin zurückgekehrt waren, erzählt hatte. Und es war ein klein wenig anders gewesen als das, was ich jetzt gesehen hatte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich soweit beruhigt hatte, dass sie den Kopf heben konnte. Noch immer verschleierten Tränen ihren Blick und ihre Wangen waren nass, aber in ihren Augen glühte ein Hass, der mich überraschte. Ich hatte Verzweiflung erwartet und möglicherweise auch Entsetzen, aber nicht diesen Zorn.

„Wenn sie nicht schon tot wäre, würde ich sie eigenhändig töten“, stieß sie hervor.

Mein Herz zog sich zusammen. Niemand sollte so über einen anderen Menschen sprechen, niemand sollte so empfinden und schon gleich gar nicht in Bezug auf seine Mutter.

„Ich habe mir Vorwürfe gemacht“, fuhr Vivian mit bebender Stimme fort. „Ich hatte Alpträume und ich habe mich mit dem Gedanken gequält, was für ein grausames Wesen ich bin, dass ich einfach zugesehen habe, wie sie ihn zu Tode quälte. Es gab Nächte, in denen ich kein Auge zugemacht habe, weil ich immer wieder die Bilder seines verzweifelten Blickes sah und wie er mich gebeten hat, ihm zu helfen.“ Sie schloss kurz die Augen und neue Tränen quollen unter ihren Lidern hervor. „Sie wollte es. Sie wollte, dass ich mich damit quälte! Es war ihre Strafe für meine Unfähigkeit so zu sein wie sie. Sie wollte, dass ich mir mein Leben lang Vorwürfe mache, ihm nicht helfen zu können!“ Sie war immer lauter geworden, bis sie zum Ende fast schrie. „Aber ich habe ihm geholfen!“

Sie wollte aufspringen, doch ich hielt sie fest und zog sie wieder in meine Arme. Ich erwartete fast, sie würde mich von sich stoßen, aber dann sackte sie zusammen und schluchzte auf. „Ich habe ihn erlöst. Ich habe das Opfer abgelehnt und sie hat mir die Erinnerung daran genommen. Ich hasse sie. Ich hasse sie.“

Mir fehlten die Worte. Ich konnte nichts anderes tun als sie festhalten, während sie immer wieder: „Ich hasse sie“ murmelte. Meine Hände strichen beruhigend über ihre Haare, während Tränen meinen Blick verschleierten und ich auch nicht bemerkte, dass Trevor und Sheldon uns noch immer beunruhigt ansahen.

Vivian hatte Dorean getötet. Ich fand diesen Gedanken sehr grausam, aber in diesem Moment hatte sie verstanden, dass es keine Möglichkeit gab, ihn zu retten. Das einzige, was sie tun konnte, war, seine Qual zu beenden und sie hatte es getan. Ich weiß nicht, ob ich den Mut oder die Kraft dazu aufgebracht hätte. Und das Wissen, ihn erlöst zu haben, ließ sich sehr viel leichter verarbeiten als der Gedanke zugesehen zu haben, wie Anastasia ihn zu Tode quälte. Die Frau hatte genau gewusst, wie die manipulierte Erinnerung Vivian zu schaffen machen würde. Allein eine Fünfzehnjährige mit dem Foltern des Jungen zu konfrontieren, den sie liebte, war eine Entsetzlichkeit ohnegleichen. Es war ein Wunder, dass Vivian nicht anderen geistigen Schaden davon getragen hatte. Aber vielleicht hatte sie es auch, denn die unzähligen verhinderten Selbstmordversuche sprachen ihre eigene Sprache.  Wie konnte ein Mensch so grausam sein? Und wie sollte ein junges Mädchen mit dieser Erinnerung leben können? Ich war froh, dass Anastasia tot war, denn ich konnte Vivian verstehen. Nur für diese eine Handlung hat sie auch in meinen Augen den Tod verdient. Und es war sicher nicht die einzige Grausamkeit, die sie begangen hatte.

Vivians Schultern bebten  noch immer. „Ich musste ihn töten, Annie“, weinte sie leise. „Sie hätte noch viel schlimmere Sachen mit ihm gemacht.“

Ich schloss die Augen und lehnte meine Wange gegen ihre Haare. „Ich weiß“, sagte ich traurig. „Ich weiß…“

„Ich habe so viele Fehler gemacht“, schluchzte sie. „So viele Fehler… Ich sollte auch tot sein. Das ist so ungerecht. Warum haben sie mich nicht sterben lassen?“

„Shhh.“ Meine Hände umfassten ihren Kopf und hoben ihr Gesicht zu mir an. All das, was sie in den letzten Wochen verdrängt hatte, war nun wieder hochgestiegen und die Last des Gewissens war schwerer als ich es mir vorstellen konnte. Sie sollte so eine Last nicht tragen müssen. Aber niemand konnte ihr das abnehmen.

„Es ist vorbei, Vivi“, sagte ich leise. „Du bist nicht mehr das Mädchen von damals. Und du kannst dich auch nicht verdammen, weil du dich verliebt hast. Das war kein Fehler. Es war deine Mutter, die die Schuld an allem trug, niemand sonst.“

„Er würde noch leben, wenn es mich nicht gegeben hätte“, stieß sie hervor.

Ich nickte traurig. Mit diesem Wissen würde sie leben müssen. Susan würde auch noch leben, wenn sie nicht meine Freundin gewesen wäre. Meine Eltern würden noch leben. Larry wäre nicht in der geschlossenen Psychiatrie.

„Ich hasse sie“, sagte sie wieder. „Sie hat mir die Erinnerung genommen, die mir geholfen hätte, besser mit seinem Tod fertig zu werden. Sie wollte, dass mich Alpträume quälen. Sie wollte mich quälen! Hat sie wirklich geglaubt, mich damit stärker zu machen?“

„Sie wollte dir deine Menschlichkeit nehmen“, erklärte plötzlich Sheldon leise und wir drehten beiden den Kopf, um den Vampir anzusehen. „Sie wollte Gefühle, die an Menschlichkeit erinnern, in dir vernichten. Bis nur noch Hass und Kälte übrig bleibt.“

Mein Herz zog sich zusammen. Vivians Lippen zitterten, als ich meinen Kopf an ihren lehnte und flüsterte: „Sie ist gescheitert, Vivi. Das ist alles, was zählt. Das muss sie unwahrscheinlich geärgert haben.“

Sheldon nickte und selbst in Trevors Augen konnte ich einen Hauch von Mitleid erkennen. „Wahrscheinlich hatte sie längst bereut, ein Kind mit einem Menschen gezeugt zu haben.“

„Warum hat sie mich dann nicht sterben lassen?“

Der Vampir lächelte traurig. „In dir steckt eine sehr große Macht, Vivian. Diese Macht, eingesetzt auf der dunklen Seite, bedeutet eine unwahrscheinliche Bereicherung. Sie konnte nicht zulassen, dass du diese Macht wegwirfst.“

„Ich hasse sie“, murmelte Vivian düster. „Ich wünschte, sie würde noch leben, damit ich sie töten kann.“

„Nein, Vivi“, sagte ich ruhig. „Es wird genug getötet. Du musst es dir nicht auch noch wünschen.“

„Wieso war sie dazu fähig?“, fragte das Mädchen dann den Vampir.

„Ich weiß es nicht“, gab dieser unumwunden zu. „Ich habe die Erinnerung nicht gesehen, kann also nicht einschätzen, inwieweit sie Einfluss auf deinen Geist nehmen konnte. Ich nehme an, du willst es nicht erzählen?“

Vivian schüttelte den Kopf und ich konnte es ihr nicht verdenken.

„Du warst bewusstlos am Ende“, sagte ich dann nachdenklich. „Vielleicht bekam sie dadurch Macht über dich?“

„Das ist möglich.“ Sheldon nickte. „Obwohl ein starker Magier selbst im bewusstlosen Zustand unangreifbar ist. Möglicherweise spielte es eine Rolle, dass sie deine Mutter war.“

„Pfff“, machte Vivian abfällig, löste sich von mir und stand auf.

Noch immer sah man die Tränenspuren auf ihren Wangen, aber der Ausdruck in ihren Augen hatte sich verändert. Mit vor der Brust verschränkten Armen nahm sie ihre Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Sie schaute nicht in unsere Richtung und schien völlig in sich gekehrt als wäre sie mit ihren Gedanken weit, weit entfernt. Vielleicht war sie das auch und noch immer vibrierte der Raum durch die angestaute magische Energie, die der Zorn in ihr ausgelöst hatte und die sie umgab.

Sheldon blätterte wieder in seinem dicken Buch, aber Trevor sah mich von der anderen Seite der Couch her nachdenklich an. Sicherlich hätte er zu gern gefragt, was ich gesehen hatte, aber ich war weit davon entfernt, es ihm zu erzählen. Es war Vivians Erinnerung und die einzige Person, die das Recht hatte, darüber zu sprechen, war das junge Mädchen.

„Ich will es verstehen“, sagte sie plötzlich. „Ich will es verstehen und ich will verdammt noch einmal wissen, was ich tun muss, damit so etwas nie wieder geschieht.“

Ich musste nicht fragen, was sie meinte, denn ich wollte genau dasselbe. Niemand sollte die Macht haben, in meine Erinnerungen eingreifen und sie verändern zu können. Niemand. Ich verstand diesen Wunsch wie kein anderer, weil ich genauso betroffen war. 

„Ich werde mit dir gehen, Annie“, sagte sie dann und jetzt war ihrem Gesicht keine Regung mehr anzumerken. Es schien wie eine Maske aus Stein und die Kälte, die in ihren Augen stand, ließ ein Frösteln über meine Haut laufen.

Sheldon hob den Kopf und seine Miene war plötzlich genauso nachdenklich wie Trevors. „Es wird dich Kraft kosten und du musst bedenken, dass du keine der Universitätswelten bei dem kleinsten Rückschlag verlassen kannst. Die Elfen von Avalon und Haastard sind sehr streng, aber auch sehr gerecht.“

Vivians Augen verengten sich und dunkles Licht tanzte über ihre Haut. „Ich bin niemand, der schnell aufgibt“, stieß sie hervor.

Manchmal bewunderte ich sie wirklich für ihren starken Willen und ihr Selbstbewusstsein. Ich wünschte, meins wäre genauso ausgeprägt.

Sheldon lächelte fein. „Das freut mich zu hören.“

Sie antwortete nicht mehr, sondern durchquerte das Zimmer, stieg die Treppen hinauf und wir hörten, wie sie ihre Tür mit einem lauten Knall hinter sich zufallen ließ. Keine Ahnung, was sie jetzt in ihrem Zimmer tat. Möglicherweise weinte sie wieder, aber in diesem Augenblick würde niemand von uns die Einsamkeit, die sie suchte, stören. Nicht einmal ich.

 

Epilog

 

Trevor  würde mit Sheldon vorerst auf der Erde bleiben und da mein Haus sowieso einmal da war, würden die beiden es weiterhin bewohnen. Sheldon stellte klar, dass er nicht zulassen würde, dass Vivian sich gegen die Gesetze der Universitätswelten stellte und einen nichtmagischen D’arjo mitbrachte.  

Sie würde nicht die Zeit haben, auf ihn in einem Campus, inmitten magisch hochbegabter Studenten, aufzupassen. Der Vampir erklärte ihr mit einer Seelenruhe, für die ich ihn bewunderte, dass sie allein durch ihre Vergangenheit genug Probleme haben würde, sich zu integrieren. Es wäre weder für sie noch für Raven gut, schon in den ersten Tagen mehr Aufmerksamkeit zu erregen als sie sowieso schon erregen würde. 

Zu unser aller Erstaunen hatte Raven absolut nichts dagegen, bei den beiden Männern zu bleiben. 

Vivian gab natürlich nicht nach der ersten Diskussion auf. Sie hielt Sheldon vor, dass es ihr noch nie daran gelegen hatte, irgendwo integriert zu werden und dass es ihr scheißegal wäre, was andere von ihr dachten, doch es war Raven, der sie letztendlich zur Vernunft brachte. 

Er nahm sie in den Arm und all der Zorn in Vivian verpuffte von einem Moment auf den nächsten. 

Keiner von uns erfuhr, was er in diesem Augenblick zu ihr sagte, aber es musste mehr zu ihr durchgedrungen sein als alle Worte Sheldons oder meine. Als er sie losließ, glitzerten ungeweinte Tränen in ihren Augen, aber der D’arjo lächelte sein wunderschönes Reißzahnlächeln, ehe er sich noch einmal zu ihr beugte und ihr einen Kuss auf die Lippen hauchte. 

‚Wir werden uns wieder sehen, Vi’, sagte er dann. ‚Ich verspreche es.’ 

Sie stürzte davon, hinaus aus der Wohnungstür, ehe jemand von uns reagieren konnte. Raven sah ihr nach, aber im Gegensatz zu mir schaute er nicht erschrocken, sondern sehr ernst. Ernster als ich ihn jemals hatte schauen sehen. 

Er schien meine Bedrückung zu spüren, denn er drehte den Kopf und lächelte mich an. ‚Sie kommt wieder. Manchmal braucht sie Zeit, um nachzudenken. Und das kann sie nur allein tun.“ 

Ich nickte stumm, während meine Kehle wie zugeschnürt war. Ich wusste, dass er recht hatte. Es war oft genug passiert, dass Vivian im Zorn davon gestürzt war, nur um Stunden später völlig ausgewechselt wieder zu erscheinen. Beim ersten Mal war ich entsetzt, ja auch enttäuscht gewesen, weil sie mich mitten in einer Diskussion einfach hatte sitzen lassen. Irgendwann hatte sie mir dann erklärt, dass sie lieber ging, ehe sie etwas sagte, was ihr später leid tun würde. Früher hätte sie das nicht getan, erklärte sie auch, weil es ihr egal gewesen war, was andere von ihr dachten. Eigentlich sagte sie damit, dass es ihr jetzt nicht mehr egal war, auch wenn ihr diese Worte nicht über die Lippen kamen. 

Und obwohl ich das wusste, war es trotzdem schwer zu begreifen, dass sie in solchen Momenten wie diesen einfach davon rennen konnte. 

Aber dann war es Trevor, der sagte: „Sie ist noch zu jung, um zu verstehen, dass Wegrennen nicht immer die bessere Lösung ist.“ 

Ich lächelte schwach. „Besser als eine Beleidigung an den Kopf geworfen zu bekommen, bestimmt.“ 

„Nein, Annie“, erwiderte er daraufhin fast vergnügt. „Aber du bist noch zu jung, um zu verstehen, dass ein böses Wort, das im Zorn ausgesprochen wird, nicht immer eine Beleidigung ist.“ 

Ich steckte ihm die Zunge heraus. Kindisch, das wusste ich. Aber da ich fast sechzig Jahre jünger war als er, durfte ich auch einmal kindisch sein.

 

~*~*~*~*~

 

Vivian hatte fünf Stunden gebraucht, um mit sich selbst auszudiskutieren, ob sie Raven wirklich auf der Erde lassen oder sich gegen alle stellen sollte. Vielleicht hatte es tatsächlich den Ausschlag gegeben, dass Raven bleiben wollte. Hätte es nur den kleinsten Zweifel daran gegeben, ich wettete so für mich, dass sie alle Regeln, die auf Avalon herrschen sollten, über den Haufen geworfen hätte. 

Ja, wir hatten uns entschieden, nach Avalon zu gehen. Da ich keine von beiden Welten kannte, gab es den Ausschlag, dass Sheldon meinte, die Elfen von Avalon wären in mancher Hinsicht toleranter. Vivian würde jede Toleranz benötigen, die sie kriegen konnte, also sagten wir: Avalon. 

Wir verbrachten die nächsten Tage und Wochen damit, alle Sachen zusammenzupacken, die wir benötigen würden, während Sheldon schon Bücher besorgte, von denen er wusste, dass wir sie auch brauchten. Natürlich würde uns auf Avalon auch eine Bibliothek zur Verfügung stehen und wir würden andere Bücher erhalten, aber es war besser, schon ein wenig vorgerüstet zu sein.  

Weihnachten ging vorbei und es war das erste Weihnachten, das ich verbrachte, ohne groß über Weihnachten nachzudenken. In all den Jahren vorher hatte ich mir die Mühe gemacht, wenigstens ein klein wenig weihnachtliche Stimmung in meine Wohnung zu bringen. Keine Ahnung, für wen ich das getan hatte. Für mich selbst bestimmt nicht, vielleicht weil ich geglaubt hatte, es würde mir helfen, mich an die Normalität des Lebens anzupassen. In diesem Jahr verschwendete ich keinen einzigen Gedanken daran. Ich hatte mehr damit zu tun, mich auf all die Sachen zu konzentrieren, die mir Sheldon zeigte, die mir Vivian mit Leichtigkeit vorführte und verbrachte mehr Zeit damit, mich in magischen Büchern zu vergraben. 

Vivian fragte mich einmal nach dem Grund all des Schmucks auf der Straße und das war das einzige Mal, dass wir Weihnachten erwähnten. Sie hatte die Augen verdreht, als ich ihr versuchte, den Hintergrund des Festes zu erklären und gemeint, sie sei froh, dass ich nicht auf den Gedanken gekommen war, das Haus genauso verkitscht zu schmücken wie andere die Straßen. Sie verstand auch den Grund der Geschenke nicht und obwohl ich in ihrem und Ravens Fall darüber nachgedacht hatte, ließ ich es nach diesem Gespräch. Ich glaube, sie hätte mich ausgelacht. 

Einzig und allein an Silvester, als wir zu fünft auf dem Balkon standen und um Mitternacht den von Raketen beleuchteten Himmel betrachten, überfiel mich eine Art Melancholie. Es würde der letzte Jahreswechsel sein, den ich auf der Erde erlebte.

Ich wusste nicht, wie andere Wesen feierten, oder ob es etwas dem Jahreswechsel vergleichbares bei ihnen gab. Aber plötzlich stimmte es mich traurig, von hier fortgehen zu müssen. Vivians Reaktion auf Weihnachten hatte mir gezeigt, dass sich wohl noch sehr viel mehr in meinem Leben ändern würde als einfach nur die Umgebung.  

Ich hatte auch mehr Bedenken und Zweifel als sie. Vielleicht grübelte ich aber auch zuviel. Manche Tage, wenn ich abends im Bett lag, fiel es mir schwer einzuschlafen, weil ich immer wieder darüber nachdachte, wie meine Zukunft aussehen sollte. Manchmal redete ich stundenlang mit Trevor und auch mit Sheldon, aber wenn ich dann nachts aufwachte, weil ich mich im Traum auf Avalon nicht zurechtfand, war ich allein und einsam. 

Und so war ich auch an diesem Abend an einem ungewöhnlich kalten Januartag recht blass, als wir die Taschen  in Thunders Jeep verstauten, der uns zu der Anhöhe bringen sollte, von der wir damals nach Whoorin gestartet waren. Nur würde Sheldon diesmal das Portal nach Avalon öffnen. 

Trevor lächelte mich beruhigend an. „Keine Bange, Annie, du hast dich schneller eingewöhnt als du denkst.“ 

Ich seufzte und starrte nachdenklich auf meine beiden Koffer, in denen meine Kleidung für die nächsten Jahre verstaut war. Sie sahen ziemlich armselig aus. 

„Ich würde gern noch mal zum Grab meiner Eltern“, sagte ich leise. 

Er nickte. „Kein Problem, wir fahren einfach am Friedhof vorbei.“ 

Vivian war schon auf der Rücksitzbank eingestiegen und rutschte neben Raven. Sie sah genauso blass aus wie ich, aber bei ihr wurde es durch die schwarze Schminke noch betont. Als wolle sie sich schon bei ihrem ersten Eindruck als Rebell ausweisen, hatte sie auch ihre Fingernägel wieder schwarz angemalt. Niemand von uns hatte ein Wort darüber verloren. Was auch? Sheldon saß neben Trevor auf dem Beifahrersitz und ich setzte mich neben die beiden Jugendlichen. 

Schweigend fuhren wir durch die Straßen, bis Trevor vor dem Eingang des Friedhofs stoppte. Es hatte begonnen zu schneien, ebenfalls sehr ungewöhnlich für das Klima, und ich kuschelte mich in meinen warmen Anorak, ehe ich ausstieg und zu dem großen eisernen Tor ging. Natürlich war der Friedhof um diese Zeit geschlossen, aber es kostete mich nur eine kurze Konzentration, um das Schloss zu entriegeln. Die Benutzung der Magie für solche Zwecke war mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Langsam lief ich durch die Reihen der Gräber.  

Ich war seit Ewigkeiten nicht hier gewesen, weil ich mich einfach gescheut hatte, das Grab zu besuchen. Ich hatte meine Kindheit verflucht und vielleicht im Unterbewusstsein meine Eltern dafür verantwortlich gemacht, dass ich so war, wie ich war. Weil sie gestorben waren. Weil sie mir mit ihrem Tod meine schöne Kindheit genommen hatten. Jetzt verfluchte ich mich selbst dafür. 

Aus den Augenwinkeln sah ich einige der gespenstischen Gestalten durch die Dunkelheit schweben. Sie machten mir keine Angst mehr. Ich hatte in den letzten Wochen genug gelesen, um zu wissen, dass von Geistern keine Gefahr drohte. Es waren die Lebenden, vor denen man sich fürchten musste, nicht die Toten. Die Geister wichen mir auch, denn auch sie wollten meinen Weg nicht kreuzen. 

Ich hatte den schmalen Seitenweg erreicht, der zum Grab meiner Eltern führte und bog ab. Es waren nur noch ein paar Schritte, dann hatte ich es erreicht. Nachdenklich blieb ich vor dem sehr schön bepflanzten Grab stehen. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, hatte ich eine Gärtnerei damit beauftragt, das Grab zu pflegen. Sie schien ihre Arbeit gut zu machen, denn trotz der weißen Flocken, die jetzt darauf liegen blieben, erkannte ich die liebevoll dekorierte Winterbepflanzung. 

„Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Ich habe lange gebraucht, um hier stehen zu können.“ Seufzend vergrub ich meine Hände in den Taschen meines Anoraks. „Und es wird noch mal eine Weile vergehen, ehe ich wieder hier stehen kann. Ich gehe weg, wisst ihr…“ 

Natürlich würden sie mich nicht hören können. Leider. Aber manchmal tat es gut, die Worte auszusprechen. „Ich kann meine Bestimmung nicht verleugnen, egal, was ich tue… ihr wart nicht ganz unschuldig daran, dass ich so lange brauchte, um sie zu erkennen…“ Ich seufzte wieder. „Aber ich bin euch nicht böse. Es ist so schwer zu verstehen und wie soll es ein Mensch ohne magische Fähigkeiten? Ich habe ja schon Probleme damit.“ 

Ich holte tief Luft. „Ich wünschte, ihr würdet hier sein und mir sagen, dass ich die richtige Entscheidung gefällt habe…“ 

In Filmen erschien in solchen Augenblicken der tote Geist der Verstorbenen, aber leider war das hier kein Film. Und leider erschienen Geister nicht auf Kommando. Auch das hatte ich lernen müssen. Es sei denn, man besaß die seltene Gabe, Geister zu rufen. Tja, ich konnte eine Menge mit meiner Magie anfangen, aber die Magie der Toten würde mir immer verschlossen bleiben. 

Ich hockte mich vor die Grabplatte und strich mit den Fingern über die goldene Inschrift. 

„Egal, wo ihr jetzt seid…“, sagte ich leise. „Ich möchte, dass ihr wisst, dass ich euch sehr, sehr lieb habe.“  

Tränen traten in meine Augen und verschleierten meinen Blick. Ich erhob mich, blieb aber stehen und starrte hinunter auf das kleine Grab. „Ich hätte euch retten können“, seufzte ich. „Wenn ich all das damals schon gewusst hätte, hätte ich euch retten können…“ 

Die Vergangenheit konnte man nicht ändern. Nicht einmal Magie vermochte die Zeit zu besiegen, egal wie mächtig sie war. Einzelne letzte Schneeflocken fielen vom Himmel und landeten als weiße Punkte auf dem schon weiß getünchten Boden. Es war noch sehr kalt, aber es würde nicht lange dauern und der Frühling würde ins Land ziehen. Ich würde den Frühling hier nicht mehr sehen. Ich würde auf Avalon sein und der Teufel mochte wissen, ob es dort einen Frühling gab. Obwohl ich in der letzten Zeit so vieles gelesen hatte, über die Jahreszeiten und ob es überhaupt welche auf Avalon gab, hatte ich mich nicht informiert. 

Eine Bewegung neben mir ließ mich zusammenzucken. Ich hatte Vivian nicht kommen hören, ja, ich hatte nicht einmal gemerkt, dass sie mit aus dem Auto ausgestiegen war. Mit in den Taschen vergrabenen Händen blieb sie neben mir stehen und starrte hinunter auf das Grab. Die langen dunklen Haare fielen über ihre Schultern in ihr Gesicht und das dunkle Make-up ließ ihr Gesicht im Licht des Mondes fast weiß erscheinen.  

 „Ich habe Dorean geliebt“, sagte sie plötzlich. „Und ich habe mir geschworen, nie wieder etwas ähnliches für einen anderen Menschen zu empfinden.“ 

Ich schwieg und wartete, was sie noch sagen wollte. 

„Ich hatte den Glauben an Liebe und Vertrauen verloren.“ Ein Hauch von Bitterkeit war in ihre Stimme getreten. „Keine Ahnung, ob ich ihn jemals hatte… damals habe ich es mir eingebildet.“ Sie seufzte. „Die letzten Monate haben meine Welt durcheinander gebracht und du hast daran einen großen Anteil, Annie.“ 

Ich sagte auch jetzt nichts, weil ich sie erst ausreden lassen wollte. 

„Jemanden gern haben, macht verletzlich“, fuhr sie fort, noch immer, ohne mich anzusehen. „Ich wollte nie wieder verletzlich sein. Ich habe Angst, dass es ein Fehler ist, es doch wieder zu sein.“ Jetzt drehte sie den Kopf und sah mich mit diesen dunklen Augen, die so viel älter wirkten als sie tatsächlich war, offen an. „Ich würde dich vermissen, wenn dir etwas passieren würde“, sagte sie dann. 

Plötzlich war meine Kehle wie zugeschnürt. Der Gedanke, dass sie Angst davor hatte, einen anderen Menschen gern zu haben, tat weh. Und noch weher tat, dass ich wusste, wie schwer es ihr fiel, solche Worte zu formulieren. 

Sie lächelte schief. „Ich wollte, dass du das weißt.“ Dann drehte sie sich um und ging den schmalen Weg zurück in Richtung des Friedhofausgangs. 

„Vivi?“ 

Sie blieb stehen und drehte den Kopf. 

„Jemanden gern haben, bedeutet fähig sein zu fühlen. Es bedeutet, Menschlichkeit zu besitzen.“ 

„Was ist, wenn das falsch ist?“, fragte sie. „Was ist, wenn genau das die Schwäche ist, die die anderen siegen lässt?“ 

„Wenn Liebe und Zuneigung ein Fehler sind, möchte ich in dieser Welt nicht mehr leben.“ 

Ihre Lippen zitterten. „Ist es schlimm, wenn ich das nicht so sicher behaupten kann?“ Ihre Stimme war nur ein Hauch, kaum hörbar, trotz der Stille des Friedhofs. 

Mit ein paar Schritten schloss ich den Abstand zwischen uns und nahm sie in die Arme. Ich schloss die Augen, lehnte meine Wange gegen ihre dunklen Haare und flüsterte: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass du dir eines Tages sicher sein wirst, Vi. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen. Aber du hast die Fähigkeit zu fühlen nicht verloren und das ist ein riesengroßer Schatz, den du dir bewahren solltest.“ Sie rührte sich nicht, löste sich aber auch nicht von mir. „Ich habe auch Angst“, fuhr ich leise fort. „Aus anderen Gründen als du, weil ich Angst habe zu versagen, Angst, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, aber ich werde es versuchen.“ 

Jetzt hob sie den Kopf und sah mich an. „Du wirst nicht versagen, du bist stark.“ 

Ich lächelte und ließ sie los. „Du auch, Vivi. Ich glaube an dich.“ 

Ihre Hand schob sich in meine, als wir zurück zum Ausgang des Friedhofs gingen und ich fühlte mich plötzlich stärker, so als würde sie mir einen Teil ihres Selbstbewusstseins abgeben. Kurz bevor wir den Ausgang erreicht hatten, drehte ich noch einmal den Kopf und sah sie an. 

„Ich möchte auch, dass du etwas weißt.“ 

Sie hob fragend die Augenbrauen und ich grinste verschmitzt. 

„Ich habe dich sehr gern“, erklärte ich dann in ihr verblüfftes Gesicht und zog sie lächelnd mit mir weiter. Über die feine mentale Verbindung, die jetzt zwischen uns herrschte, fühlte ich einerseits Verlegenheit, aber andererseits auch eine unterschwellige Freude, die sie nicht wagte, an die Oberfläche dringen zu lassen. 

Jahrelang hatte sie ihre Gefühle verborgen, es würde ihr nicht möglich sein, das von heute auf morgen abzulegen. Aber es war, wie ich es schon gesagt hatte. Ich glaubte daran, dass sie fähig war, ihr Leben zu meistern. 

Dummerweise hatte ich an meinen eigenen Fähigkeiten dazu Zweifel, aber sie machte mutig diesen Schritt. Ich wäre ein Riesenfeigling, würde ich jetzt etwas anderes tun.

 

~*~*~*~*~*~*~

 

Grell leuchtete das Portal neben uns auf, in dessen Mitte wir die Welt Avalons sehen konnten, die auf uns wartete. Sie leuchtete hell und einladend und ich konnte auf der anderen Seite mehrere Gestalten in den weißen Gewändern der Universitätsmagier erkennen. 

Sheldon hatte uns darauf vorbereitet, dass man uns erwartete. Ein letztes Mal schloss ich den Vampir in meine Arme. 

„Ich danke dir“, flüsterte ich und meine Stimme klang ein wenig atemlos. „Für alles, auch wenn ich am Anfang etwas unkooperativ war.“ 

Sheldon lächelte und der warme Hauch seiner Magie hüllte mich ein. „Auf Wiedersehen, Annie. Ich wünsche dir viel Glück.“ 

Ich löste mich von ihm und schaute zur Seite, wo Vivian in Ravens Armen lag. Sie weinte nicht und er auch nicht, aber seine Augen leuchteten in der Dunkelheit, die auf der Erde herrschte, und ich ahnte, dass es ihm jetzt trotz allem schwer fiel, sie gehen zu lassen. 

‚Ich liebe dich, Vivi’, summte seine Stimme durch die Luft.  

Vivian nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände, hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und sagte leise: „Wir werden uns wieder sehen, Rav. Das verspreche ich dir. Mach keine Dummheiten.“ Dann schlang sie ihre Arme noch einmal um ihn und drückte ihn, während sie noch einmal flüsterte: „Ich verspreche es.“ 

Mir war wieder einmal zum Weinen zumute, als ich die beiden beobachtete. Der Kloß in meiner Kehle wurde immer größer und ich verfluchte mich selbst dafür. Ehe ich wirklich anfangen konnte zu weinen, drehte ich mich zu Trevor um. Er schaute mich aus seinen so eigenartig grauen Augen ruhig und abwartend an. Erst jetzt wurde mir mit aller Deutlichkeit bewusst, dass es das letzte Mal für eine lange Zeit sein würde, dass ich ihn und all die anderen, die mir in der letzten Zeit so ans Herz gewachsen waren, sah. Irgendwie tat es weh und alles in mir schrie danach, dass ich nicht gehen wollte. Ich wollte hier bleiben, nicht dahin, wo ich nicht wusste, was mich erwartete. 

Trevor breitete seine Arme aus und ich fiel ihm um den Hals. Zum letzten Mal für lange Zeit fühlte ich die schützende Wärme seines Körpers, roch seinen vertrauten Duft und wollte weinen. Jetzt war er es, der sich von mir löste, seinen Kopf zu mir lehnte und mich küsste. Es war keine Liebe, die uns verband, aber etwas anderes, das vielleicht genauso stark war: Das Gefühl, in der Nähe des anderen daheim zu sein. 

„Auf Wiedersehen“, flüsterte Trevor mit den Lippen über meinem Mund und ich nickte verzweifelt. Ich brachte kein Wort mehr hervor, denn ich wusste, ich würde wirklich weinen, wenn ich einen Ton von mir gab. 

Dann löste ich mich von ihm und schaute ein letztes Mal in sein Gesicht, so als wollte ich es mir für alle Ewigkeiten einprägen. Seine grauen Augen brannten sich in meine und ich wäre am liebsten stehen geblieben und hätte all meine Entscheidungen rückgängig gemacht. Aber ich durfte es nicht. Wenn ich überleben wollte, musste ich lernen, meine Kräfte zu beherrschen. Und ich wollte überleben. Mehr als alles in der Welt. 

Und eins wusste ich mit absoluter Gewissheit: Ich würde ihn wieder sehen. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. 

Langsam ging ich rückwärts, auf das Portal zu, neben dem schon Vivian stand und wartete. Einen Augenblick schaute sie Trevor an. „Pass auf ihn auf“, sagte sie leise und ernst. 

Wir wussten, wen sie meinte und Trevor nickte feierlich. „Versprochen.“ 

Ein undefinierbarer Ausdruck lag in ihrem Gesicht und in den dunklen Augen, fast schien es mir, als würde sie es jetzt ebenfalls bedauern, diese Entscheidung getroffen zu haben. „Auf Wiedersehen, Jäger.“  

Trevor lächelte, vergrub seine Hand in der Tasche seiner Hose und wiederholte Vivians Worte: „Passt auf euch auch auf.“  

Ich blinzelte, um gegen die Tränen zu kämpfen, die immer noch drohten, in meine Augen zu steigen. Wenn ich noch lange hier verharrte, würde ich den Kampf verlieren.  

„Versprochen“, flüsterte ich erstickt. 

Vivian trat an meine Seite. Sie sagte auch nichts mehr, sondern wartete, bis ich es schaffte, mich von Trevors Anblick loszureißen. Ein Blick in ihr Gesicht reichte, um zu wissen, dass sie das ebenfalls nicht kalt ließ und dass es ihr am Ende genauso ging wie mir. Nur dass sie sich ein wenig besser unter Kontrolle hatte. 

Gemeinsam drehten wir uns um, in Richtung des Portals und blinzelten, weil das strahlende Licht unsere Augen blendete. 

Vivian drehte den Kopf, schaute zur Seite und das seltene Lächeln, das sie so jung und unschuldig aussehen ließ, huschte über ihre Lippen. Wortlos griff sie nach meiner Hand. Meine Finger schlossen sich um ihre und gemeinsam traten wir hinein in das leuchtende Tor, das Sheldon für uns stabilisierte - unserer Zukunft entgegen.

 

E n d e