Teil 25 Teil 26 Teil 27 Teil 28 Teil 29 Teil 30 Teil 31 Teil 32 Teil 33 Teil 34 Teil 35 Teil 36 Teil 37 Teil 38 Teil 39 Teil 40 Teil 41 Teil 42 Teil 43-Epilog
Teil 25
Irgendwann kehrte Ruhe ein.
Vivian hatte aufgehört zu weinen, aber wir saßen noch immer auf dem steinigen
Boden und sie lehnte an mir, als würde sie den Halt brauchen.
„Schön, dich lebend wieder zu sehen“, sagte er leise, als er uns erreicht hatte.
Er klang so müde, wie auch ich mich fühlte.
„Lebt Sheldon?“, fragte ich erstickt. All unser Aufwand wäre umsonst gewesen,
wenn wir es nicht geschafft hatten, den Vampir zu retten.
Dann bemerkte ich, wie Trevor Sheldon aufhalf, und obwohl der Vampir sich kaum
auf den Beinen halten konnte und sich ohne Trevors Hilfe auch nicht hätte
fortbewegen können, stieg in mir eine unbändige Freude auf. Er lebte. Egal, wie
es uns ging. Egal, welche Verletzungen wir davon getragen hatten. Wir lebten.
Und das war alles, was zählte.
Trevor und Sheldon taumelten auf uns zu. Ein Lächeln huschte über Trevors
Gesicht, als sich unsere Blicke trafen.
„Hallo, Annie.“
Ich lächelte ebenfalls. „Gutes Timing…“
Er nickte und Sheldon hob den Kopf. Seine hellen Augen huschten durch die Höhle,
wanderten zu Vivian, die mit geschlossenen Augen an meiner Schulter lehnte, und
dann zu mir.
„Wir müssen hier weg“, brachte er krächzend hervor. „Schnellstens.“
Ich atmete tief durch. Dann hob ich vorsichtig meine Hand und strich über
Vivians dunkle Locken.
„Vivi?“, fragte ich leise. „Bist du okay?“
Sie nickte, ohne die Augen zu öffnen.
„Wir verschwinden jetzt hier“, flüsterte ich, stemmte mich mühsam hoch und zog
sie mit mir. „Ich erschaffe ein Portal und dann verschwinden wir alle.“
Vivian umklammerte noch immer meinen Arm, als hätte sie Angst, sonst zu fallen.
Von der dunklen Schminke in ihrem Gesicht war kaum noch etwas übrig. Dunkle
Streifen verschmierten ihre Wangen und hoben sich von der Blässe ihres Gesichtes
ab.
Trotzdem schaffte sie es, schief zu grinsen und zu sagen: „Ich helfe dir.“
Allerdings klang ihre Stimme mehr kläglich als zuversichtlich.
Ich hob den Kopf und schaute Trevor an. „Sie haben das Cyana.“
Sheldon hustete. „Wir“, begann er dann mühsam. „Wir…dürfen es nicht…in ihren
Händen lassen. Nicht hier…“ Wieder schüttelte der Husten seinen Körper und
Trevor musste fester zugreifen, damit er auf den Beinen blieb.
„Es ist weggeschlossen“, mischte sich Vivian leise ein. „Keiner von ihnen konnte
es berühren…Ich…ich habe es…“ Sie wich unseren Blicken aus.
„Zuerst verschwinden wir jetzt hier“, sagte Trevor hart. „Wir kommen wieder und
holen es. Wir müssen uns auch um die anderen noch kümmern. Aber das Wichtigste
ist jetzt erst einmal, dass wir unsere Kräfte regenerieren können.“
„Du weißt, wo es ist?“, fragte ich das junge Mädchen leise. Sie nickte, noch
immer, ohne mich anzusehen.
„Es wird bewacht“, flüsterte sie.
Ich fühlte mich nicht in der Lage, einen weiteren Kampf durchzustehen. Keiner
von uns sah so aus. Vielleicht war es wirklich das Beste, erst neue Kräfte zu
sammeln und dann noch einmal wieder zu kommen.
Plötzlich schoss Vivians Kopf in die Höhe. „Es kommen neue Whoogals“, stieß sie
hervor. „Cyto hat eine neue Armee organisiert…“
Trevor und Thunder fuhren herum, aber noch waren die Tore der Höhle geschlossen.
„Weg hier!“, sagte er kurz. „Annie, das Portal.“
Ich nickte krampfhaft und wollte mich konzentrieren, als Vivian meinen Arm
losließ und sich suchend umsah.
„Raven?“, rief sie leise.
Ich wechselte einen fragenden Blick mit Trevor und Thunder und zuckte mit den
Schultern. Das Mädchen stürzte zu den zusammengebrochenen Säulen, ohne dass wir
sie daran hindern konnten.
„Verflucht“, knurrte Trevor. „Fang mit dem Portal an, Annie. Wir müssen weg.“
Ich nickte, während mein Augen verfolgten, dass Vivian zwischen den
Steintrümmern verschwand. Diesmal fiel es mir leichter, den Zugang zu dem
magischen Raum herzustellen. Aber ich spürte die Schwäche in meinem Körper.
„Wie erkenne ich die Erde?“, fragte ich hilflos.
„Blau…“, krächzte Sheldon.
Magie fuhr in meinen Körper und ließ mich taumeln. Es war bedeutend schwerer,
den Zugang zu finden und zu öffnen. Wieder brach mir der Schweiß aus und ich
kämpfte verzweifelt gegen die Schwäche in mir. Jetzt wusste ich, wie man sich
fühlte, wenn man mehr Magie brauchte als man zur Verfügung hatte.
Dann flammte das Portal auf und gleichzeitig öffneten sich mit einem Donnern die
Tore der Höhle. Diesmal ging zuerst Trevor durch das Tor und nahm Sheldon mit.
Thunder wartete kampfbereit neben dem Portal, das Schwert gezogen und starrte
den heranstürmenden Whoogals entgegen.
„Geh!“, schrie ich.
Im gleichen Moment tauchte Vivian neben mir auf. Fassungslos erkannte ich neben
ihr den Jungen, den Cyto-Dentaar an seiner Leine geführt hatte. Er humpelte und
sein gesamter Körper war mit neuen Verletzungen, diesmal sicherlich durch die
herumfliegenden Steine verursacht, bedeckt. Vivians Gesicht war ausdruckslos.
Sie griff nach meiner Hand. Obwohl auch sie geschwächt war, half mir die Magie,
die sie mir zur Verfügung stellte, um das Portal zu stabilisieren.
Thunder sprang in das Tor, dann winkte Vivian dem Jungen, Thunder zu folgen.
Danach wollte Vivian, dass ich ging, doch ich schüttelte den Kopf, hielt ihre
Hand fest und zog sie mit mir.
Die Kälte Mitte Dezembers traf uns, als wir in der stockdunklen Nacht auf dem
Hügel materialisierten, auf dem wir vor einigen Tagen die Erde verlassen hatten.
Im gleichen Moment brach hinter uns das Portal zusammen und meine Beine gaben
unter mir nach.
„Was zum Teufel…“, entfuhr es Trevor, als er bemerkte, wer vor uns das Portal
verlassen hatte. „Bist du eigentlich…“
Vivians eisiger Blick brachte ihn zum Verstummen. „Das ist Raven“, sagte sie,
als würde das alles erklären.
Der Junge begann in der Kälte zu zittern, denn er trug noch immer nichts weiter
als diesen komischen Lendenschurz. Thunder zog wortlos seine Jacke aus und
reichte sie dem Jungen. Doch dieser nahm sie nicht, sondern wich mit angstvoll
geweiteten Augen zurück. Vivian griff nach der Jacke und legte sie Raven um die
Schultern. Erstaunt beobachtete ich, dass sie ihre Hand hob, ihm sanft über die
Haare strich und einen Teil der Angst aus seinem Blick verschwinden ließ.
Er war nicht größer als sie, vielleicht sogar kleiner und bewegte sich nicht aus
ihrer Nähe weg, als würde er bei ihr Schutz suchen. Im Moment war jedoch keine
Zeit, um Fragen zu stellen. Deshalb mischte ich mich ein, ehe Trevors
Temperament wieder mit ihm durchging.
„Wir müssen jetzt aus der Kälte raus“, sagte ich laut.
Thunder nickte ebenfalls. Wir stolperten den Hang hinab zum Fluss, dorthin, wo
noch immer Thunders Jeep stand. Thunder und Trevor stützten Sheldon, während
Raven nicht von Vivians Seite wich. Er lief barfuß und ich zitterte allein bei
dem Anblick vor Kälte. Mir war schon in meinem Pullover hundekalt, aber mein
Rucksack mit meiner Jacke war auf Whoorin verblieben. Erst jetzt fiel mir ein,
dass auch Vivians Laptop auf der fremden Welt verloren gegangen war.
Dann hatten wir das Auto erreicht und stiegen ein. Diesmal wurde es eng, da zwei
Personen mehr Platz finden mussten. Sheldon bekam den Beifahrersitz. Vivian zog
Raven an ihre Seite und ich wurde immer erstaunter, als ich sah, dass sie ihre
Arme um ihn schlang und er seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. Zum ersten Mal
erlebte ich, dass Vivian der Nähe zu einer anderen Person nicht auswich, sondern
dass sie sie regelrecht anbot. Langsam wurde auch ich neugierig zu erfahren, was
da auf Whoorin passiert war.
Trevor kletterte neben Vivian. „Du wirst dich wohl auf meinen Schoß setzen
müssen, Annie“, murmelte er und zog mich ins Auto, ehe ich protestieren konnte.
Ich hätte auch nicht protestiert. Ich war müde und mir war vollkommen klar, dass
ich nicht neben ihm Platz finden konnte. Deshalb gab ich einfach nach, ließ
sogar zu, dass er mich an sich zog und schloss die Augen. Wahrscheinlich würde
ich vierundzwanzig Stunden durchschlafen, sobald ich in mein Bett fallen konnte.
Niemand redete im Auto. Thunder fuhr schnell und glücklicherweise waren die
Straßen auch so gut wie leer. So schafften wir die Fahrt zurück zu meinem Haus
innerhalb von fünfundzwanzig Minuten.
Es brauchte beide Männer, Trevor und Thunder, um dem verletzten Vampir ins Haus
zu helfen. Ich war mehr als froh, dass sich nichts verändert hatte und dass vor
allem die magischen Amulette noch immer funktionierten. Das bedeutete, dass wir
vorerst in meinem Haus sicher waren.
Allerdings hatten wir noch keine Zeit zum Schlafen. Es galt, einen verletzten
Vampir zu versorgen und den ganzen Dreck, der an uns klebte, von unseren Körpern
zu waschen. Da Sheldon sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, überließ ich
den Männern das Bad zuerst. Sheldon war nicht in der Lage, seine Verletzungen
allein zu versorgen, aber Trevor stellte gar keine Fragen, sondern griff nach
dem Erste-Hilfe-Koffer und folgte Sheldon ins Bad.
Thunder sank auf die Couch, lehnte sich an und schloss die Augen. Vivian hatte
Ravens Hand ergriffen und zog ihn mit sich in die Küche. Ich folgte ihr, denn
ich wollte nachsehen, was sich in unserem Kühlschrank noch Essbares befand.
„Setz dich“, wies Vivian den Jungen an und er sank auf den Stuhl. Sie verschwand
noch einmal in Richtung ihres Zimmers.
Zum ersten Mal hatte ich Gelegenheit, Raven im Licht zu sehen. Er saß am Tisch
und schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen. Die halblangen, dunklen Haare
fielen ihm ins Gesicht, da er den Blick nicht hob, sondern auf die Tischplatte
starrte. Thunders Jacke war ihm viel zu groß und er sah darin wie ein kleiner
Junge aus.
„Hast du Hunger?“, fragte ich leise.
Er zuckte zusammen, schaute aber endlich hoch und einen Moment vergaß ich zu
atmen. Helle, große Augen sahen mich aus einem feinen, fast mädchenhaft schön zu
nennendem Gesicht an. Es waren aber weniger die Züge, die mich überraschten,
sondern es war die Farbe der Augen. Hell gelb, eine Farbe, die ich noch nie bei
einem Menschen gesehen hatte und in ihnen stand eine längliche schwarze Pupille,
ähnlich wie man es von Katzen her kannte. Ich hatte ihn sehr jung eingeschätzt,
aber nachdem ich jetzt sein Gesicht gesehen hatte, korrigierte ich sein Alter
noch einmal nach unten. Er war höchstens so alt wie Vivian. Und er war kein
Mensch.
In diesem Moment kam Vivian zurück und hielt ihr eigenes Wundversorgungspaket in
der Hand. Sie hatte auch ein T-Shirt und eine Freizeithose von sich selbst
mitgebracht. Vorsichtig half sie Raven aus Thunders Jacke. Er gab keinen Laut
von sich, zog nur einmal scharf die Luft ein, als der raue Stoff der Jacke eine
Verletzung streifte. Er hatte den Kopf wieder gesenkt und ließ einfach zu, dass
Vivian sich um seine Verletzungen kümmerte.
„Kann ich dir helfen?“, erkundigte ich mich einfach.
Sie schüttelte den Kopf und lächelte schwach. „Es muss nichts genäht werden.“
Sanft fuhr ihre Hand wieder durch Ravens Haare und er lehnte sich einen Moment
in ihre Berührung. „Es wird heilen.“
„Ich mache etwas zu essen“, sagte ich nur und begann, meinen Kühlschrank
auszupacken.
Raven beobachtete mit großen Augen, was ich alles auf den Tisch stellte.
Währenddessen desinfizierte Vivian seine Verletzungen und entfernte das Halsband
von seinem Hals. Überrascht griff er an seinen Hals, als könne er nicht fassen,
was sie getan hatte. Entsetzt erkannte ich, dass die gesamte Haut unter dem Band
rot und entzündet war.
„Darf ich die Badewanne benutzen?“, fragte Vivian schüchtern.
„Sicher.“ Ich lächelte.
„Ich meine für ihn“, setzte sie hinzu.
„Lass ihn erst essen, ja? Er verträgt doch unser Essen?“ Ich schob das Brot und
die Wurst in Richtung des Jungen, als Vivian nickte. „Iss soviel du willst,
Raven.“
Vivian, die bisher hinter ihm gestanden hatte, setzte sich neben ihn an den
Tisch. Sein unsicherer Blick wanderte von dem Essen zu mir und dann zu Vivian.
„Hau rein“, ermunterte sie ihn und griff selbst nach dem Brot.
Ich setzte mich ebenfalls. Mit Erleichterung sah ich, dass Raven begann zu
essen. Besser gesagt, er stopfte alles in sich hinein, als hätte er seit Tagen
nichts Ordentliches bekommen. Jetzt als ich einen Blick auf seine Zähne
erhaschen konnte, sah ich, dass er ebenfalls so schöne Reißzähne hatte wie
Sheldon und Thunder. Vivian lächelte traurig und schaute mich dann an.
„Ich hätte dich nicht töten können, Annie.“
Übergangslos war der Kloß in meiner Kehle wieder da. Ich schluckte mehrmals, ehe
ich hervorbrachte. „Du hast mir das Leben gerettet.“
„Ohne dich hätte ich es nicht geschafft“, erwiderte sie leise.
Ich blickte kurz auf den das Brot und die Wurst verschlingenden Raven. „Magst du
erzählen, was es mit ihm auf sich hat? Versteht er uns? Kann er reden?“
Ihr Lächeln wurde noch eine Spur trauriger. „Ich weiß nicht, ob er reden kann.
Ich habe ihn nicht sprechen hören. Aber er versteht uns.“ Dann zögerte sie einen
Moment. „Er…er kann doch hier bleiben?“
Wenn es so weiter ging, musste ich mir bald ein neues Haus suchen. Aber ich
würde es nie übers Herz bringen, den Jungen zur Tür hinaus zu werfen. „Sicher.
Wir werden schon einen Platz finden, wo er schlafen kann.“
Sein Kopf schoss hoch und plötzlich war die Angst wieder in seinen Augen zu
lesen. Vivian legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.
„Er schläft bei mir“, sagte sie ruhig, aber bestimmt. Raven senkte den Kopf und
ich fiel bald aus allen Wolken, als er mit der Zunge über Vivians Hand leckte.
Sie lächelte wieder traurig, streichelte kurz seine Wange und zog die Hand dann
zurück.
Ehe ich weiter fragen konnte, hörte ich von oben Geräusche und sah dann Trevor,
der Sheldon die Treppe hinab half. Zusammen mit Thunder legte er den Vampir auf
der Couch ab. Dann verschwand Thunder im Obergeschoss, während Trevor begann,
Sheldons Verletzungen zu verbinden.
Ich schaute wieder Raven an. „Wer oder was ist er?“ Die Frage ging in Vivians
Richtung und sie war es auch, die antwortete.
„Seine Eltern stammten von der Welt D’arjo, aber er hat sie nie gesehen. Er ist
auf Whoorin geboren und im Rahmen von Cytos Zuchtprogramm zum Sklaven
ausgebildet worden.“
Mitleid mit dem Jungen stieg in mir auf. „Mein Gott…“, flüsterte ich
fassungslos.
„Raven ist eines der besten Zuchtergebnisse“, fuhr Vivian bitter fort. „Cyto
kreuzte extra Wesen, die seinem Schönheitsideal entsprachen.“ Dann senkte sie
den Kopf. „Ich weiß, es dürfte mich nichts angehen, aber…“ Ihr Kopf hob sich
wieder und sie sah mich an. „Ich habe dir
erzählt, dass ich schon auf Whoorin gewesen bin und auch weshalb.“
Ich nickte, ohne ein Wort hervor zu bringen, denn in meinem Magen bildete sich
ein Knoten.
„Damals war Ravens Vater Cytos Spielzeug und er war derjenige, der…“ Ihre Stimme
verklang, aber sie musste auch nicht weiter reden. Ich wusste auch so, was sie
sagen wollte. „Rooscan ist tot. Schon eine Weile. Er war zu alt geworden, um
Cytos Ansprüchen gerecht zu werden. Cyto hat ihn im Alter von fünfundzwanzig
Jahren getötet, weil er keinen Nutzen mehr aus ihm ziehen konnte. Das letzte,
was er tun durfte, war, einer jungen Hexe die Jungfräulichkeit zu nehmen.“ Jetzt
schwang leichter Zorn in ihrer Stimme mit. „Raven hat Rooscans Augen“, sagte sie
dann. „Ich habe ihn sofort erkannt und Cyto hat mir meine Fragen beantwortet. Er
ist sehr stolz auf das Zuchtergebnis. Raven ist schön, kann sehr viel Schmerz
aushalten und sehr gut erzogen.“
„Wie alt ist er?“, fragte ich flüsternd.
Vivian verzog den Mund. „In menschlichen Jahren gemessen? Zirka fünfzehn. Aber
er hat vor drei Jahren die Stelle seines Vaters als Cytos Lieblingssklave
übernommen.“
„Mein Gott“, war alles, was ich herausbringen konnte.
Vivian senkte den Kopf. „Ich konnte ihn nicht dort lassen. Endriel würde es
schwach nennen. Meine Mutter…meine Mutter würde ihn töten und mich bestrafen.
Aber… ich konnte es nicht. Rooscan war…er hat…“ Sie holte tief Luft. „Er hat
sich viel Mühe gegeben. Damals. Obwohl er wusste, dass er danach sterben
wird…ich konnte seinen Sohn nicht dort lassen. Mit dem gleichen Schicksal vor
Augen…“
Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was es für einen Zwölfjährigen bedeutet
hatte, der Lieblingssklave eines Whoogalkönigs zu werden. Raven schlang noch
immer Essen in sich hinein, vielleicht weil er Angst hatte, es würde wieder
geraume Zeit vergehen, ehe er das nächste erhielt. Allerdings sah er nicht
unterernährt aus.
Sicherlich hatte Cyto darauf geachtet, dass sein Sklave ordentlich versorgt
wurde, damit er ihn auch eine Weile für seine Spiele nutzen konnte.
Wieder ging die Badtür und Vivian sah mich an. „Willst du zuerst?“
Ich nickte. „Lass ihn essen, soviel er will.“
Ich stand eine ganze Weile unter
dem heißen Wasser und schrubbte den Dreck von zwei Tagen von meinem Körper. In
der gesamten Zeit war mir der Gedanke an Sauberkeit gar nicht gekommen, weil ich
ganz andere Sorgen gehabt hatte, aber jetzt fühlte ich mich so schmutzig wie
noch nie in meinem Leben. Meine Haare wusch ich zwei Mal, ehe ich mich
einigermaßen sauber fühlte.
Während ich mich abtrocknete,
drehte ich das Wasser der Badewanne auf, damit diese schon voll laufen konnte.
Danach zog ich ein paar legere, saubere Sachen über und verließ das Bad wieder.
Trevor war noch immer damit beschäftigt, Sheldon zu verarzten und ich starrte
einen Moment entsetzt auf seine Finger, die eine Nadel hielten und immer wieder
Stiche in Sheldons Haut machten. Ehe mir übel werden konnte, wandte ich mich ab
und schaute in die Küche.
„Das Badewasser läuft schon.“
Vivian schnappte sich die Sachen,
die sie für Raven geholt hatte und winkte ihm. „Komm mit.“
Trevor hob den Kopf, als Vivian
mit Raven zusammen die Treppe nach oben stieg. „Ich glaube das nicht“, sagte er
leise und sah mich ernst an. „Annie, sag bitte, dass sie jetzt nicht mit ihm
zusammen duschen will.“
„Du hältst dich da jetzt einfach
raus“, entgegnete ich scharf.
Ich ging an ihm vorbei, die
Treppen hinauf ins Schlafzimmer und
suchte nach meinen letzten verbleibenden Decken. Heute würde einer der Männer
auf dem Fußboden schlafen müssen, das konnte ich nicht ändern. Ich würde morgen
losfahren und noch ein Klappbett besorgen gehen.
Als ich wieder herunter kam,
richtete sich Trevor gerade auf und verschloss den letzten Verband über Sheldons
Arm. Der Vampir hatte die Augen geschlossen und atmete sehr flach. Obwohl er
noch recht blass war, sah er aber bedeutend besser aus als dort unten in der
Höhle.
Ich legte die Decken auf den
Tisch. „Es wird jetzt ein wenig eng in meiner Wohnung.“
„Ich schlafe auf dem Fußboden“,
mischte sich Thunder ein. „Außerdem vertrage ich genauso wenig wie Sheldon die
Sonne, also ist das nur richtig, da wir hier die Jalousien unten lassen müssen.“
Ich nickte. „Trevor kann wieder
mit im Schlafzimmer schlafen.“
Er lächelte schwach und deutete
mit dem Kopf in Richtung Obergeschoss. „Unser neuer junger Freund?“
Ich antwortete nicht und seine
Lippen pressten sich zusammen.
„Nein“, stieß er hervor. „Ich
lasse das nicht zu.“
„Halt dich bitte raus“, bat ich
ihn leise.
„Weißt du, wofür Cyto ihn benutzt
hat?“, fragte er zornig. „Weißt du das wirklich? Whoogals baden in der Angst und
Qual anderer Wesen. Es putscht sie auf, es macht sie stark und es macht sie an.“
„Ich will das nicht hören!“
„Er quält ihn, er schlägt ihn und
danach benutzt er ihn, um seine sexuellen Fantasien an ihm auszuleben!“, fuhr
mich Trevor an. „Er tut ihm weh, wieder und wieder, weil es ihm Spaß macht!“
„Sei still!“, schrie ich zurück.
„Ich lasse nicht zu, dass Vivian
in dieser Wohnung ein Sexspielzeug hält!“
In diesem Moment ging oben die
Badezimmertür und ehe ich reagieren konnte, war Trevor an mir vorbei die Treppe
hinauf gestürzt. Ich rannte ihm nach.
Vivian hatte, gefolgt von Raven,
das Bad verlassen und blieb in dem engen Flur stehen, als sich Trevor vor ihr
aufbaute. Mit großen traurigen Augen sah sie den Mann an, der ihr den Weg
versperrte, sagte aber keinen Ton.
Natürlich schwieg Trevor nicht.
„Der Junge schläft bei uns im Zimmer.“
Raven zuckte zusammen und kroch
hinter Vivians Rücken. Sie griff nach seiner Hand. „Nein“, war alles, was sie
antwortete. Ohne Trevor weiter zu beachten, zog sie Raven an ihm vorbei in
Richtung ihres Zimmers.
„Vivian!“ Trevor hatte die Hand
schon gehoben, um sie zu stoppen, doch diesmal griff ich nach seinem Arm.
„Es reicht jetzt“, sagte ich
leise, aber scharf.
Vivian fuhr herum und ihre Augen
glühten schwarz auf. „Ich lasse nicht zu, dass ihn jemand verletzt. Er steht
unter meinem Schutz und ich lasse es nicht zu! Er bleibt bei mir!“
„Wir verletzten ihn?“ Trevor
schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist die schwarze Hexe unter uns!“
Das Glühen in Vivians Augen
erlosch. Plötzlich war die Traurigkeit in ihren Augen wieder da und sie sah
einfach nur noch wie ein junges Mädchen aus. Wie ein junges Mädchen, das gleich
anfangen würde zu weinen.
Verflucht. Ich schob Trevor zur
Seite. „Das war gemein, Trev“, sagte ich ruhig. „Sie hat heute sehr deutlich
gezeigt, dass sie etwas anderes als eine schwarze Hexe ist.“
„Sie hat einen Sexsklaven
mitgebracht!“, brüllte Trevor aufgebracht.
Vivians Lippen zitterten, dann
brachte sie hervor. „Vielleicht…vielleicht habe ich einen Fehler gemacht.“ Dann
fingen die Tränen an zu laufen und sie schrie: „Vielleicht hätte ich Endriels
Macht annehmen sollen! Vielleicht hätte ich euch alle töten sollen! Vielleicht
würde es mir dann endlich besser gehen, ohne all die Gefühle und Gewissensbisse
in mir!“ Damit schnappte sie wieder Ravens Hand und zerrte ihn in ihr Zimmer.
„Du Idiot!“, fluchte ich zornig.
Trevor fing meinen Arm. „Du weißt
nicht, was schwarze Magie alles vermag.“
Ich riss mich los. „Vivian hat mir
heute das Leben gerettet“, fuhr ich ihn an. „Sie sollte mich töten. Endriel
übergab ihr den Dolch und sie sollte mich töten. Sie hat es nicht getan. Sie hat
ihre Magie gegen Endriels eingesetzt und mich gebeten, sie zu töten. Ich konnte
es genauso wenig. Du hast nicht immer Recht, Trevor. Du magst älter und
erfahrener sein als ich, aber manchmal ist es vielleicht richtiger, auf sein
Gefühl zu hören.“
Ich ließ ihn stehen und folgte
Vivian. Natürlich war ich hundemüde und genervt und sehnte mich nur nach Schlaf.
Aber nach dem, was heute geschehen war, würde ich mir nicht verzeihen, wenn ich
sie jetzt allein in ihrem Zimmer weinen lassen würde.
Trevor hielt mich nicht auf. Er
sagte auch nichts mehr, vielleicht, weil er über meine Worte nachdachte. Sollte
er. Mit ihm würde ich mich auch noch auseinandersetzen. Später.
Zuerst einmal klopfte ich an
Vivians Zimmertür und erhielt wieder einmal keine Antwort. Ich öffnete die Tür
und betrat das Zimmer. Nur die kleine Lampe auf dem Nachtschrank neben ihrem
Bett erhellte den Raum. Sie saß auf dem Bett, hatte sich an die Wand gelehnt,
ihre Arme um die angezogenen Knie geschlungen
und die Tränen liefen über ihre Wangen. Raven kniete auf dem Fußboden vor dem
Bett und sah sie mit einem so verzweifelten Blick an, dass mir ganz anders
wurde. Ich wunderte mich etwas, dass er sich nicht einfach neben sie setzte,
aber irgendetwas sagte mir, dass er es nicht wagte, so lange sie es nicht
erlaubte.
Ich lächelte den Jungen beruhigend
an, setzte mich dann auf die Bettkante neben Vivian. „Niemand wird ihm wehtun,
Vivian.“
Sie schluchzte nicht, sie schaute
mich einfach an, während die Tränen aus ihren Augen kullerten. Ich hatte sie
noch nie so verletzlich gesehen.
„Ich werde nicht mit ihm
schlafen“, sagte sie kläglich. „Ich will einfach nur, dass ihm niemand mehr
wehtut. Ist das falsch?“
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf.
„Es tut weh, um jemanden Angst zu
haben und nicht zu wissen, ob man ihn retten kann“, stieß sie hervor.
„Vielleicht ist es wirklich falsch zuzulassen, dass mir andere Menschen etwas
bedeuten. Es macht schwach. Ich will nicht schwach sein.“
„Wer sagt das? Endriel?“,
erkundigte ich mich leise.
„Meine Mom schon damals…“ Ihre
Stimme verklang. Sie hob den Kopf und starrte in die Luft, als sie in der
Erinnerung aufging. „Ich wollte es nicht wieder zulassen. Ich wollte nicht, dass
man mir wieder wehtun kann. Ich konnte es nicht. Ich konnte dich nicht sterben
lassen und ich konnte Raven nicht dort lassen.“ Ihre Stirn sank auf ihre Knie
und sie murmelte. „Ich kann nichts richtig machen. Mit deinem Opfer wäre die
letzte Menschlichkeit in mir gestorben und ich wäre frei.“
So einfach? Ich bezweifelte das.
In ihr steckte mehr Menschlichkeit als sie sich selbst zugeben wollte. „Bereust
du es?“
Vivian hob den Kopf und schaute
mich verzweifelt an. „Nein“, flüsterte sie erstickt. „Nein, verflucht, nein.“
„Trevor ist ein voreiliger
Dummkopf“, sagte ich leise. „Er weiß nicht, was passiert ist. Du hast dein
eigenes Leben riskiert, um mir zu helfen und das ist etwas, was ich dir nie
vergessen werde.“
Wieder liefen Tränen über ihre
Wangen. Sie liefen einfach, ohne dass sie laut weinte oder aufschluchzte. „Ich
will das nicht noch einmal erleben. Ich will nicht noch einmal zusehen, wie ein
Mensch getötet wird, den ich mag. Es tat so weh…“
Ich wusste nicht, ob ich weiter
fragen sollte. Aber ich tat es. „Was war passiert?“
„Er hieß Dorean. Ich war fünfzehn
und Mom schickte mich wieder einmal in eine Schule. Es sollte der hundertste
Versuch werden, meine Allgemeinbildung etwas aufzufrischen. Er ging in meine
Klasse.“ Sie schwieg eine Weile, als würde sie überlegen, was sie erzählen
konnte und was nicht. „Ich war verknallt in ihn. Aber so richtig. Plötzlich
waren meine Tage mit anderen Gedanken erfüllt als mit dem Lernen neuer magischer
Tricks. Ich dachte länger darüber nach, was ich anziehen sollte als darüber, wie
wichtig es war, meinen magischen Schild aufrechtzuerhalten. Ich wollte mit ihm
ins Kino gehen und keine Zaubertränke mit Mom brauen. Ich wollte mit ihm
Händchen halten und mir seine lapidaren menschlichen Sorgen anhören und nicht
vom Kampf zwischen gut und böse lesen.“
Sie schwieg wieder, doch ich sagte
nichts. Ich wollte erst den Rest der Geschichte hören.
„Mom schaute sich das vierzehn
Tage an. Dann sagte sie, kein schwarzer Magier würde sich derart lächerlich
benehmen wie ich.“ Wieder quollen Tränen aus ihren Augen. „Ich habe mich zum
ersten Mal menschlich gefühlt…Sie sagte, ich wäre eine Schande. Sie war schon
damals, als sie mich nach Whoorin geschleppt hatte, mit mir nicht zufrieden
gewesen. Alles, was ich über Sex wusste, hatte ich von ihr, aber das, was mir
Ravens Vater gezeigt hatte, war etwas völlig anderes gewesen. Meine Begeisterung
darüber war ihr die ganze Zeit ein Dorn im Auge gewesen. Und jetzt gab es Dorean.“
Sie seufzte. „Plötzlich fing ich an, Liebesromane zu lesen und in den Tag
hineinzuträumen. Ich dachte ununterbrochen an ihn, bis mir Mom verbot, ihn zu
sehen.“
Ich bezweifelte, dass sie sich an
dieses Verbot gehalten hatte.
„Hätte ich es doch nur getan“,
flüsterte sie erstickt. „Dann würde er noch leben.“ Jetzt schniefte sie und fuhr
sich mit der Hand über das tränennasse Gesicht. „Ich habe mit ihm geschlafen und
Mom hat uns erwischt.“
Ich wagte kaum zu atmen. „Sie hat
ihn getötet?“
Vivian schluchzte auf. „Wenn es
nur so einfach gewesen wäre. Nein, sie wollte mir eine Lektion erteilen…Sie
sagte wortwörtlich: Du musst lernen, dass
Liebe eine Schwäche ist, die wir uns nicht leisten können. Gegenüber niemandem
und schon gar nicht gegenüber einem Mann. Sie hat ihn als Opfer benutzt. Er
hat gebettelt, er hat mich angefleht, ihm zu helfen…Ich habe zugeschaut“, weinte
sie leise. „Ich hatte Angst und ich hatte teilweise geglaubt, Mom hatte Recht.
Aber es tat so weh. Er ist mit meinem Namen auf den Lippen gestorben und es tat
so verflucht weh. Mom hat gesagt, jetzt würde ich mir hoffentlich zehnmal
überlegen, ehe ich das nächste Mal Gefühle an jemanden verschwende und endlich
das werden, was sie von mir erwartete.“
Ich konnte nicht anders. Ich
rutschte neben sie und zog sie in meine Arme. Ich konnte ihr nicht einmal einen
Vorwurf machen, jemand, der fünfzehn Jahre von einer Frau erzogen wurde, die
sich der schwarzen Magie verschrieben hatte, konnte vielleicht gar nicht anders
handeln. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt so etwas wie Liebe gefühlt hatte.
Ein Wunder, dass sie jetzt noch zu Gefühlen fähig war.
„Was ist dann passiert?“, fragte
ich flüsternd. Tränen stiegen in meine Augen. Ich wollte nicht mitweinen, aber
was sie erzählte, was sie erlebt hatte, ging mir verdammt nah.
„Ich konnte ihn nicht vergessen“,
schniefte sie, ohne den Kopf zu heben und ohne sich aus meiner Umarmung zu
lösen. „Ich habe es wieder und wieder gesehen, seinen Blick, seine Bitten, die
Angst in seinen Augen und die Fassungslosigkeit, dass ich einfach zusah. Ich
habe mich selbst gehasst. Plötzlich sah ich meine Mutter mit anderen Augen. Sie
würde mich genauso opfern wie Dorean, wenn es in ihre Pläne gepasst hätte. So
wollte ich nicht werden…“
„Da bist du ausgerissen?“
Vivian nickte. „Ich konnte mich
noch genau an ihre Erklärungen in Bezug auf das Opfer erinnern.
Jedes Opfer macht dich stärker und mächtiger. Ich wollte nicht
stärker und mächtiger werden. Den ersten Selbstmordversuch verhinderte Mom und
damals habe ich sie wirklich zornig erlebt. Sie hat ihre Magie gegen mich
eingesetzt, aber die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den ich
gefühlt habe, als Dorean gestorben ist. Dann bin ich geflohen. Sie hatte mich
gut genug ausgebildet, um mich verbergen und durchschlagen zu können.“
Gedankenverloren strich ich über
ihre Haare. Sie tat mir so leid und ich wusste, nach dem, was sie jetzt erzählt
hatte, würde ich alles, was sie tat, mit anderen Augen sehen.
„Zwei Monate später traf sie auf
Amdalon“, fuhr Vivian fort. „Ich habe nichts gefühlt, als ich von ihrem Tod
erfuhr. Nichts. Nichts anderes als Erleichterung.“
Konnte man sie dafür verurteilen?
Ich würde es nicht tun.
Vivian hob endlich den Kopf und
sah mich an. „Ich habe nicht gewusst, dass es einen anderen Weg für mich geben
kann. Ich wollte sterben, weil ich nicht so werden wollte wie meine Mutter. Aber
ich wusste nicht, wie ich das verhindern sollte. Ich habe getötet. Tiere, aber
ich habe getötet und ich habe bei Menschenopfern zugesehen. Ich habe nicht
gewusst, dass all diese Verbrechen verziehen werden können.“ Wieder kullerten
Tränen aus ihren Augen. „Erst als ich dich getroffen habe und…und das Cyana mich
nicht bekämpft hat…Aber ich wollte es nicht wahrhaben…“
„Nein, Vivian“, sagte ich sanft.
„Du bist schon lange nicht mehr das Monster, das deine Mutter erschaffen wollte.
Vielleicht warst du es nie und sie wollte es nur nicht sehen.“
„Meine Magie wird nie so rein sein
wie deine“, flüsterte sie erstickt.
Ich strich ihr eine der dunklen
Locken, die in ihr Gesicht gefallen war, hinters Ohr. „Was du heute getan hast,
war sehr, sehr mutig. Und niemand von uns ist fehlerfrei. Was zählt, ist der
Wille, sich zu verändern und ich denke, den hast du deutlicher gezeigt als
jemals zuvor.“
„Ich habe Angst, dass ich es nicht
schaffe“, piepste sie leise.
Ich zog sie wieder an mich und
drückte sie. „Du bist nicht allein. Niemand von uns ist allein. Das ist das, was
uns von der anderen Seite unterscheidet und was unsere Stärke ausmacht. Es wird
immer jemanden geben, auf den du dich verlassen und auf den du im Notfall bauen
kannst.“ Dann löste ich mich von ihr
und sah sie an. „Du solltest jetzt schlafen. Wir haben den Schlaf alle verdammt
nötig.“
Sie nickte und kramte auf ihrem
Bett nach einem Taschentuch. „Komm endlich hoch ins Bett, Raven“, murmelte sie.
Ich hatte den Jungen fast
vergessen. Er war so still gewesen, hatte sich nicht gerührt und uns doch mit
diesen wachen, gelben Augen die ganze Zeit beobachtet. Jetzt zeichnete sich
deutlich Überraschung in seinen Zügen ab. Wahrscheinlich hatte er mit dieser
Einladung nicht gerechnet.
Ich stand auf. Vivian schlug ihre
Decke zurück und ließ Raven an die Seite zur Wand klettern. Die Liege war nicht
breit, da sie eigentlich nur für eine Person gedacht war, aber ich nahm an, dass
ich mir darum die wenigsten Sorgen machen musste.
„Schlaft gut, ihr zwei“, sagte ich
leise und musste trotz des Kloßes in meiner Kehle lächeln, als ich sah, wie sich
Raven an Vivians Rücken kuschelte.
„Du auch, Annie“, antwortete
Vivian genauso leise, griff nach der Lampe und löschte das Licht.
Ich wollte gerade die Tür
schließen, als sie noch einmal fragte: „Annie?“
„Ja?“
„Danke.“
„Keine Ursache“, murmelte ich, ehe
ich die Tür hinter mir schloss und kurz die Augen schloss, um mich selbst wieder
zu fangen.
Im Haus war es totenstill und
dunkel. Wahrscheinlich war Trevor ebenfalls schon schlafen gegangen. Leise
schlich ich noch einmal die Treppen hinunter und warf einen Blick ins
Wohnzimmer. Sheldon schlief ruhig auf der Couch und Thunder davor auf dem
Fußboden. Beruhigt und auf Zehenspitzen, um keinen der beiden zu wecken, ging
ich die Treppe wieder nach oben.
Trevor schlief noch nicht. Auch in
meinem Schlafzimmer brannte nur die Nachttischlampe und er lehnte an der Kommode
neben dem Kleiderschrank. Das letzte, was ich jetzt wollte, war eine Diskussion
über richtiges oder falsches Verhalten. Fahrig strich ich über meine Augen, um
die Tränen zu verbergen, die sich darin bilden wollten, weil ich nicht wollte,
dass er mich weinen sah.
Allerdings schaute er nicht so,
als wolle er mir eine Standpauke halten. Er sah eher sehr betreten, ja fast
schockiert aus. Ich blieb mitten im Zimmer stehen und schaute ihn an. Das erste
Mal, seit ich ihn kannte, hielt er meinem Blick nur kurze Zeit stand und blickte
dann zur Seite.
„Es tut mir leid, Annie“, sagte er
leise.
Es war das letzte, was ich
erwartet hatte. Er drehte den Kopf wieder und lächelte schwach, als er die
Verwunderung in meinem Gesicht bemerkte.
„Ich weiß, dass es nicht richtig
war“, fuhr er genauso leise fort. „Aber ich habe zugehört.“
Ich sank auf die Bettkante, weil
ich nicht mehr stehen konnte. „Wie das?“
Wieder wich er meinem Blick aus.
„Ich kann weder dir noch Vivian lauschen, aber Raven ist eine magische Null.“
Es dauerte eine Weile, ehe ich so
richtig begriff, was er gesagt hatte. Überrascht schüttelte ich den Kopf. „D-du
willst sagen, du hast das Gespräch über Ravens Gedanken mitgehört?“, erkundigte
ich mich fassungslos.
Er nickte und sah mich wieder an.
„Es tut mir leid, Annie. Ich habe das alles nicht gewusst“, sagte er dann leise.
„Vielleicht habe ich sie wirklich falsch eingeschätzt. Aber ich habe in meinem
ganzen bisherigen Leben noch keinen schwarzen Magier getroffen, der die Seiten
gewechselt hat oder wechseln wollte.“
„Sie tut mir so leid“, flüsterte
ich erstickt und fühlte wieder, wie Tränen in meine Augen stiegen. Ich wollte es
nicht, wollte nicht weinen, sondern nur schlafen und vergessen, dass wir alle
fast gestorben wären.
Trevor stieß sich vom Schrank ab,
setzte sich neben mich und zog mich wortlos in seine Arme. Ich ließ es
geschehen. Wir hatten soviel durchgemacht, jetzt war der Zeitpunkt, an dem man
auch einmal Schwäche zeigen durfte. Mein Kopf sank an seine Schulter, fühlte wie
seine Finger über meine Haare strichen und war froh über den Trost, den er
versuchte mir zu geben.
Ich war nicht einmal böse, dass er
das Gespräch belauscht hatte, im Gegenteil, ich fühlte Erleichterung, dass es
noch jemanden gab, der es wusste und mit dem ich darüber reden konnte. Im Moment
wollte ich das nicht. Im Moment wollte ich nur, dass er mich festhielt und mir
das Gefühl gab, nicht allein zu sein. Ich schloss die Augen und ließ die Tränen
laufen.
Trevor sagte nichts, sondern hielt
mich einfach fest. Vielleicht ging es ihm ähnlich, auch wenn er sicherlich schon
mehr als einmal in einer solchen Situation gewesen war. Ich kannte es nicht. Bis
heute hatte ich nicht gewusst, wie ich mich fühlen würde, wenn ich dem Tod ins
Auge sah. Ich hatte damit gerechnet, sterben zu müssen und hatte es doch
überlebt. Ich weiß nicht, wie man mit dem Gedanken leben kann, dass so etwas
jederzeit wieder passieren kann und bekam immer mehr Angst vor meiner Zukunft.
War es nicht besser, gleich zu sterben?
Aber die Erleichterung darüber,
dass ich doch noch lebte, die ich in mir fühlte, sagte mir, dass ich nicht
sterben wollte.
Irgendwann viel später hob ich den
Kopf und fuhr mir über die Augen, um die Tränen wegzuwischen. Trevor hatte sich
nicht gerührt, aber jetzt hob er seine Hand und strich mir sanft eine
Haarsträhne hinters Ohr.
„Wir sind in Sicherheit“, sagte er
leise. „Morgen kann es wieder anders aussehen, aber jetzt im Moment sind wir in
Sicherheit.“
Ich nickte, ohne ein Wort
hervorzubringen. Ein wehmütiger Zug war in sein Gesicht getreten.
„Solche Momente sind selten…“
Seine Stimme wurde leiser und verklang. Dann holte er tief Luft. „Wir sollten
schlafen, Annie. Wir haben es alle verdammt nötig.“
„Ich fühle mich schrecklich“,
flüsterte ich. „Ich hatte solche Angst. Ich will nie wieder solche Angst haben…“
„Das kann ich dir leider nicht
versprechen“, erwiderte er sanft. „So gern ich es auch möchte.“
Natürlich war mir das vollkommen
klar. Er hatte recht, wir sollten schlafen. Ich war so übermüdet und ausgelaugt,
in solch einem Zustand konnte man keinen klaren Gedanken fassen und sah die Welt
sowieso nur in düsteren Farben. Morgen würde mich mein Optimismus wieder
eingeholt haben. Heute Nacht hatte ich ihn irgendwo auf Whoorin verloren,
verständlich, in meinen Augen.
Trevor lächelte schwach, als würde
er meine Gedanken lesen können. Sicher sah er sie meinem Gesicht wieder an,
etwas, woran ich unbedingt arbeiten musste.
„Du hast allen Grund, stolz auf
dich zu sein“, sagte er.
Hatte ich das? Ich fühlte mich
nicht stolz, sondern nur elend. Zu meiner eigenen Stimmung kam dazu, dass mir
Vivians Schicksal verdammt nah ging. Aber gerade dieser Gedanke war es, der mich
wieder etwas klarer denken ließ. Vivian war so jung und hatte so viel mehr
durchgemacht als ich. Saß sie noch herum und bemitleidete sich selbst? Nein. Sie
schlief. Also warum war ich so ein Häufchen Elend?
„Annie?“
Trevors Stimme unterbrach meine
trübseligen Gedanken. Ich hob den Kopf und sah ihn an. Seine eigenartigen grauen
Augen schillerten ein wenig im Schein der Nachttischlampe. Er besaß nicht die
Stärke unserer Magie, aber es reichte, um ihn zu schützen und auch, um die Sicht
seiner Augen zu ändern. „Du kannst an deinem Schicksal nichts ändern, du musst
es akzeptieren. So wie wir alle.“
So wie sie alle. Seine Worte
rührten etwas in mir, denn sie sagten mir, dass ich nicht allein war. Im Moment
mochte ich mich einsam und verzweifelt fühlen, aber Vivian gegenüber hatte ich
genau die gleichen Worte benutzt. Wir waren nicht allein und der Gedanke ließ
ein warmes Gefühl in meinem Körper entstehen. Plötzlich wusste ich auch, dass
mir Trevors Freundschaft eine Menge bedeutete.
„Danke“, flüsterte ich erstickt.
Er lächelte und das Lächeln
veränderte sein Gesicht. Es ließ die harten Züge verschwinden und ihn jungenhaft
und unschuldig aussehen. In dieses Gesicht hatte sich die junge Laurell damals
vor über sechzig Jahren verliebt und ich konnte es ihr nicht verdenken. Von dem
unschuldigen und unerfahrenen Trevor von damals war nicht mehr viel übrig und
ich fragte mich, wie ich in sechzig Jahren aussehen würde. Wenn ich bis dahin
überlebte.
„Also los, Annie“, setzte er dann
gespielt munter hinzu. „Ab ins Bett.“
Ich nickte wieder, beugte mich
dann, einer Eingebung folgend, nach vorn und hauchte ihm einen Kuss auf die
Lippen. „Danke, du Jäger“, murmelte ich und stand auf. Ich trug noch immer die
bequemen Sachen, die ich nach dem Duschen angezogen hatte, aber umziehen würde
ich mich jetzt in Trevors Gegenwart nicht.
Er zog seine Jeans aus und kroch
unter die Bettdecke auf der anderen Seite des Bettes. Ich löschte das Licht und
drehte mich zu ihm um. Mit meinen magischen Sinnen hatte ich keine Probleme, ihn
trotz der Dunkelheit anzuschauen.
„Ich bin froh, dich kennen gelernt
zu haben“, sagte ich leise und mein Herz machte einen Satz, als er wieder
lächelte.
„Ich auch, Annie.“
„Schlaf gut.“
„Du auch.“
~*~*~*~*~*~*~*~
Ich wusste nicht, wie spät es war,
als ich wieder erwachte, aber die Sonne kitzelte mein Gesicht und drängte durch
meine geschlossenen Lider. Seufzend öffnete ich die Augen und spürte im gleichen
Moment einen Arm, der sich um meinen Körper geschlungen hatte. Obwohl auch jetzt
die Erinnerung an die Schrecken der vergangen Tage in mir hochstieg, fühlte ich
mich nicht mehr ganz so elend wie in der Nacht.
Grinsend drehte ich mich um. Ich
hatte die Bewegung jedoch noch nicht zu Ende geführt, als ich merkte, dass
Trevor sich rührte, seinen Arm von mir wegzog und zurück auf seine Seite des
Bettes rutschte. Ich wusste, dass ich noch sehr verschlafen dreinschaute, weil
ich immer eine geraume Zeit brauchte, um richtig munter zu werden. Trevor nicht
und sicher war das auch eine Eigenschaft, die auf sein Leben als Jäger
zurückzuführen war. Jetzt schaute er mich mit einem wachen und gleichzeitig
amüsierten Ausdruck in den Augen an.
„Also“, begann ich langsam.
„Eigentlich hatten wir ja ausgemacht, dass du schön auf deiner Seite des Bettes
bleibst.“
„Hatten wir das?“, fragte er und
sein Grinsen verstärkte sich noch.
Ich nickte, rührte mich aber
nicht, als er wieder näher kam und sich zu mir lehnte.
„Dabei hatte ich doch tatsächlich
das Gefühl, dir würde es gefallen, in meinen Armen zu schlafen“, sagte er leise
und plötzlich hatte seine Stimme einen ganz anderen Klang. Sie weckte etwas in
mir, das ich seit Larrys Auszug nicht mehr gespürt hatte und verursachte ein
nettes Kribbeln in meinem Bauch. Vielleicht war es, weil ich mich plötzlich viel
lebendiger fühlte als am Vorabend, was mich auf sein Spiel eingehen ließ.
Außerdem, verlegen machen konnte er mich durch seine Anspielungen gar nicht. Die
Zeiten, wo ich bei zweideutigen Bemerkungen rot wurde, waren lange vorbei.
Möglicherweise hatte es mir
gefallen in seinen Armen zu schlafen. Ich hatte auch kein Problem, das
zuzugeben.
„Kann sein“, erwiderte ich ebenso
leise und lehnte mich zu ihm. „Hat es dir gefallen?“
Trevor bewegte sich nicht.
„Flirtest du mit mir?“
Ich lachte ihm ins Gesicht. „Du
hast angefangen, Jäger. Wer von uns spielt dieses Spiel besser?“, erkundigte ich
mich mit schief gelegtem Kopf.
Er lächelte und wieder war es
dieses Lächeln, das ich in der Nacht zum ersten Mal an ihm gesehen hatte und das
mich doch etwas aus der Bahn warf. Er hob seine Hand und für einen Moment wagte
ich nicht zu atmen, als er sie mir um den Hals legte und mich näher an sich
heranzog.
„Ein Jäger spielt nie“, hauchte er
mit den Lippen über meinem Mund und im nächsten Moment berührten seine Lippen
meine.
Ich hatte nicht damit gerechnet,
dass er das tun würde. Er hatte sich nie anmerken lassen, dass er mich küssen
wollte und ich hatte erst einmal die Tatsache zu verdauen, dass sich seine
Lippen toll anfühlten.
Dann aber spürte ich etwas
anderes. Es war, als würde sich ein Prickeln zwischen unseren Körpern bilden und
das warme vertraute Gefühl, das ein Ansteigen der Magie in mir ankündigte, stieg
in mir hoch. Es war nicht unangenehm, sondern fast so, als würde meine Magie ihn
willkommen heißen und alles, was ich wollte, war, mich näher an ihn pressen, um
das Gefühl zu verlängern.
Er musste es ebenfalls gespürt
haben, denn er riss seinen Kopf von mir los und starrte mich verblüfft an.
„Verdammt“, stieß er hervor.
Ich fühlte mich einen Moment, als
hätte man mich aus einem schönen Traum gerissen und schüttelte den Kopf, um
wieder zur Besinnung zu kommen.
„Annie?“, fragte er besorgt, ohne
mich loszulassen. „Es tut mir leid.“
„Was?“, murmelte ich noch immer
durcheinander.
„Ich habe noch nie einen Magier
geküsst, aber Sheldon sagte, die Magie würde während sexueller Erregung
reagieren. Ich wollte das nicht“, erklärte er mit einem zerknirschten Unterton.
„Die Magie?“ Ich verstand gar
nichts mehr. Wer war hier sexuell erregt? Er vielleicht.
„Magie reagiert auf Magie. Frag
mich nicht, was weiter passieren würde.“ Wieder war das verschmitzte Grinsen da.
„Aber ich habe fast das Gefühl, Wesen, die behaupten, Sex mit einem Magier zu
haben, wäre eine gänzlich neue Erfahrung, haben recht.“
Zögernd hob er seine Hand und
strich mir sanft über die Wange. „Lass uns aufstehen, ehe wir wirklich auf dumme
Gedanken kommen, die wir später bereuen.“
Ich stellte erschrocken fest, dass
ich absolut nichts dagegen hatte,
einfach liegen zu bleiben. Mit ihm natürlich. Verdammt. Reagierte die Magie in
solch einem Fall wie eine Droge? Ich würde Sheldon fragen müssen.
Trevor setzte sich auf und zog
mich mit hoch. „Wusstest du, dass deine Augen heller werden, wenn die Magie in
dir beginnt zu erwachen?“
Ich fuhr mir durch die Haare und
fragte mich, wo ich meine Sprache gelassen hatte. Irritiert sah ich ihn an. „Das
ist gruselig“, flüsterte ich dann. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass ich jedem
Magier um den Hals falle, dem ich begegne.“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.
„Sicher nur, wenn dich die Person an sich schon sexuell anspricht.“
„Du sprichst mich überhaupt
nicht…!“ Ich verstummte, als ich seinen Blick sah und wusste im gleichen Moment,
dass ich mich selbst belog. Ehe es mir aber nun wirklich richtig peinlich werden
konnte, fiel mir ein, dass er genauso reagiert hatte. Ein breites Grinsen
breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich fing übergangslos an zu kichern.
Trevor sah mich stirnrunzelnd an.
„Wir sollten uns dann wohl nicht
mehr zu nah kommen“, brachte ich hervor. „Ehe wir übereinander herfallen.“
„So schlimm ist es ja nun auch
nicht“, knurrte er missmutig.
Ich sprang vergnügt aus dem Bett
und wühlte im Schrank nach neuen Sachen. „Ich gehe jetzt duschen“, verkündete
ich vergnügt und drehte mich an der Schlafzimmertür noch einmal um. „Ohne dich.“
Lachend schloss ich die Tür hinter
mir und das Kissen, das er mir nachgeworfen hatte, traf nur das Holz. Unten
hörte ich Geräusche und nahm an, dass Vivian schon damit beschäftigt war,
Frühstück zu machen. Ob sie auch an Kaffee dachte? Sicherlich nicht.
Als ich wieder aus dem Bad kam,
öffnete ich noch einmal meine Schlafzimmertür, immer darauf gefasst, dem
nächsten Kissen aus dem Weg zu gehen.
„Das Bad ist frei.“
Ich erntete nur ein weiteres
Knurren. Keine Ahnung, warum mir der Gedanke, dass Trevor mich anziehend fand,
so gefiel. Mit irgendwelcher Logik war das nicht zu erklären.
Immer noch blendend gelaunt
schlenderte ich in die Küche. Vivian war gerade dabei, sich selbst und Raven
Milch einzuschenken. Ein schüchternes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie
mich sah.
„Morgen, Anne.“
Raven, der am Tisch saß, schaute
ebenfalls auf.
„Guten Morgen, ihr zwei.“
Überrascht schaute ich zu der Kaffeemaschine, in der der Kaffee noch vor sich
hin blubberte.
Vivian fuhr sich verlegen durch
die Haare. „Ich hab gehört, dass ihr aufgestanden seid und gedacht, du magst
vielleicht Kaffee.“
Ich strahlte sie an. „Danke.“
Sie nickte nur. „Raven möchte,
dass du weißt, dass er sich sehr freut, hier wohnen zu dürfen.“
Überrascht schaute ich den Jungen
an. „Ich denke, er redet nicht?“
Vivian setzte sich neben ihn und
lehnte sich an ihn. Raven drehte den Kopf, schmiegte für einen Moment seine
Wange an ihre Haare und atmete tief ein.
„Ich lese seine Gedanken“, meinte
sie dann nur.
Toll. Konnte das eigentlicher
jeder außer mir? Ich goss mir Kaffee ein und setzte mich ebenfalls an den Tisch.
„Es ist kein Problem. Sagst du ihm das? Wie redest du mit ihm?“
„Du kannst es ihm selbst sagen. Er
versteht dich. Er antwortet nur nicht.“
Ich setzte mich mit an den Tisch,
lächelte den Jungen an und freute mich, als er mein Lächeln ganz schüchtern
erwiderte und bemerkte dann erstaunt die frischen Brötchen, die auf dem Tisch
standen. „Wo kommen die her?“ Ich sah Vivian an. „Wie lange waren wir überhaupt
dort drüben?“
„Auf der Erde sind drei Tage
vergangen“, erklärte sie. „Der Zeitablauf auf Whoorin und der Erde ist ziemlich
gleich. Und ja…“ Sie grinste. „Ich habe die Brötchen besorgt. Und ich habe den
Anrufbeantworter nicht abgehört. Aber er blinkt wie verrückt.“
Ich unterdrückte ein Aufstöhnen.
Sicherlich war einer der Anrufer mein Chef. Ich hatte auch Susan in Verdacht.
Bevor ich einen der Anrufe beantwortete, musste ich mir eine gute Ausrede
einfallen lassen, warum ich mich nicht in meiner Wohnung aufgehalten hatte.
Während ich das Brötchen mit
Butter und Marmelade belegte, gingen mir eine Menge Sachen durch den Kopf. Ich
wusste nicht, wie ich mein Leben weiterführen sollte, ohne dass jemandem
auffiel, dass etwas nicht stimmte. Eigentlich war es unmöglich, alles so zu
organisieren, dass es niemand bemerkte. Ja, eigentlich war es unmöglich, einem
Volltagsjob nachzugehen und nebenbei mit Vampiren zu verkehren, die nachts
lebten und am Tag schliefen.
Dann fiel mein Blick auf den
jungen Raven und ich stellte fest, dass es noch viel, viel mehr Probleme gab.
„Hast du dir schon einmal Gedanken
gemacht, was mit ihm geschehen soll?“, fragte ich Vivian. „Er kann nicht einmal
aus dem Haus gehen, ohne dass er auffällt.“
Sie verzog den Mund. „Wenn er mit
mir rausgeht, kann meine Magie verbergen, was er ist.“
„Es wird auffallen. Ich lebe hier
in einer Eigenheimsiedlung, in der jeder jeden kennt. Es wird auffallen, wenn
plötzlich immer wieder neue Leute in meinem Haus ein- und ausgehen und vor
allem, wenn es sich um Jugendliche handelt.“ Ich seufzte. „Wie zum Teufel kann
man das Problem lösen?“
Vivian grinste. „Mit Magie.“
Ich schüttelte den Kopf. „Es kann
nicht richtig sein, die Erinnerung von allen Menschen zu manipulieren, die dir
über den Weg laufen. Es ist ein Eingriff in deren Privatsphäre.“
„Sie wissen es doch nicht“,
entgegnete Vivian trocken. „Außerdem verändere ich nur die Erinnerung an mich.
Nichts anderes. Ich könnte ganz andere Dinge tun.“
Das glaubte ich ihr aufs Wort und
wieder einmal wurde mir bewusst, über wie viel Macht ein Magier verfügte und
welche Verantwortung mit dieser Macht einherging. Immer und überall in der
Geschichte war es um Macht gegangen. Wie konnte man verlangen, dass ein Mensch
oder irgendein Wesen von einer dieser anderen Welten, diese Macht ignorieren und
nicht ausnutzen sollte? Gab es überhaupt Wesen, die moralisch so unfehlbar
waren? Ich bezweifelte es.
Aber dieses Problem würde ich
jetzt und auch in der nächsten Zeit nicht lösen können. Es standen ganz andere
Dinge auf dem Plan und ich sollte wohl anfangen, Prioritäten zu setzen, ehe ich
wirklich durchdrehte.
Nummer eins: Da waren noch immer
Leute auf Whoorin gefangen. Nummer zwei: Mein Cyana befand sich noch dort.
Nummer drei… Okay, sollte ich Nummer eins und zwei überleben, würde ich über
Nummer drei nachdenken.
„Annie?“, unterbrach Vivian leise
meine Überlegungen.
Ich drehte den Kopf und sah sie
an. Wieder einmal stand in ihren Augen eine Traurigkeit, die sie in ihrem Alter
einfach noch nicht fühlen sollte.
„Es ist illusorisch zu glauben, du
könntest dein normales Leben weiterführen.“
Das war das letzte, was ich jetzt
hören wollte. Wortlos schob ich meine leere Kaffeetasse von mir, stand auf und
ging ins Wohnzimmer. Ich wollte mein Leben nicht aufgeben. Ich wollte es einfach
nicht.
Die beiden Vampire rührten sich
nicht, als ich zum Anrufbeantworter ging und die Wiedergabetaste drückte. Es
waren sieben Nachrichten auf dem Band. Zwei davon von Marlene, die in Steels
Auftrag wissen wollte, wann ich wieder zur Arbeit kommen würde. Zwei waren von
Larry. Das überraschte mich etwas, da ich ihn fast aus meinem Leben gestrichen
hatte. Beide Nachrichten klangen sehr dringend und sagten eigentlich nur, dass
er unbedingt mit mir sprechen wolle. Die restlichen waren von Susan und klangen
von Mal zu Mal besorgter. Sie sagte sogar, sie wolle vorbeikommen, und es wäre
ihr egal, ob ich damit einverstanden wäre oder nicht. Ich hoffte, diese Aufnahme
war schon ein bisschen älter, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte, wenn
Susan jetzt vor der Tür stehen würde.
Das Band schaltete sich ab und ich
starrte eine ganze Weile auf den schwarzen Apparat. Ich überhörte, dass jemand
die Treppe herunterkam und schreckte zusammen, als Trevor plötzlich hinter mir
fragte:
„Alles klar, Annie?“
Ich nickte stumm, ohne mich
umzudrehen. Es war eine Lüge und er wusste es genauso wie ich. Wortlos legte er
mir seinen Arm um die Schultern und drehte mich zu sich um. Seine Lippen
streiften meine Stirn, dann flüsterte er leise:
„Wir werden eine Lösung finden.“
Es war das „wir“, das mich
beruhigte und verhinderte, dass ich wieder einmal in Tränen ausbrach.
Irgendetwas schien mit mir in den letzten Wochen geschehen zu sein, denn ich
konnte mich nicht entsinnen, jemals so oft das Bedürfnis gehabt zu haben zu
weinen.
Allerdings schaffte ich es nicht,
etwas zu sagen, sondern nickte nur wieder und folgte ihm dann in die Küche, wo
noch immer mein angefangenes Brötchen darauf wartete, gegessen zu werden.
Die Sonne war noch nicht ganz
untergegangen, als die beiden Vampire erwachten. Wir hatten sie nicht gestört.
Vivian und Raven waren den ganzen Tag in ihrem Zimmer verschwunden geblieben,
während ich zusammen mit Trevor erst einmal ein Klappbett für Thunder besorgt
hatte. Ich wollte nicht, dass der Mann noch eine Nacht – oder besser einen Tag –
auf dem Fußboden schlafen musste.
Wir hatten gerade das Klappbett
erst einmal in die Abstellkammer geschoben und Trevor wollte sich noch einmal
Sheldons Verletzungen ansehen, als es klingelte. Ich zuckte wieder zusammen und
fluchte leise. Sheldon, noch immer unwahrscheinlich blass, lächelte mich müde
an.
„Es ist deine Freundin Susan.“
Scheiße. „Ich will nicht, dass
schon wieder jemand an ihren Erinnerungen rumpfuscht!“, stieß ich hervor. „Und
ich will auch nicht, dass Susan etwas passiert.“
Ich stürzte zur Tür, ehe jemand
antworten konnte. Ich hatte sie kaum geöffnet, als mir Susan auch schon um den
Hals fiel. „Ich lasse mich nicht wieder abschieben“, stellte sie dann klar. „Du
weißt gar nicht, was ich mir in den letzten Tagen für Sorgen gemacht habe! Du
bist nicht im Büro, du gehst nicht an dein Telefon! Krank siehst du auch nicht
aus. Was ist mit dir los?“
Ich holte tief Luft und ging ein
Stück zur Seite, damit sie einen Blick in mein Wohnzimmer werfen konnte. Ihre
Augen wurden kugelrund, als sie die drei Männer am Tisch sitzen sah, die sie
freundlich anlächelten. Jedenfalls Sheldon und Thunder taten das. Trevor schaute
sehr distanziert.
„Oh“, machte sie verblüfft. „Du
hast Besuch.“
Ich schloss die Wohnungstür hinter
ihr und winkte ihr, mir zu folgen. „Besuch ist der falsche Ausdruck“, murmelte
ich dann. „Neue Mitbewohner trifft die Sache besser.“
Susans Kopf schoss zu mir. „Du
hast, glaub ich, eine Menge zu erzählen“, flüsterte sie so, dass nur ich es
hören könnte.
Sie hätte nicht flüstern brauchen,
aber sie wusste ja nicht, dass all diese Männer ihre Gedanken lesen konnten.
Susan reichte den drei Männern die Hand und ich blieb mit trotzigem
Gesichtsausdruck vor Sheldon stehen.
„Gibt es eine Möglichkeit, sie
einzuweihen?“
„Mich einweihen?“, echote Susan.
Sheldon sah mich ernst an.
„Vielleicht bringst du sie damit in eine viel größere Gefahr.“
Sollte ich dieses Risiko eingehen?
Hatte er Recht? War Susan sicherer, wenn sie nichts wusste?
„Kann sie es selbst entscheiden?“,
fragte ich, noch immer mit einem recht mürrischen Ton in der Stimme.
Trevor wollte ansetzen und etwas
sagen, doch Sheldon brachte ihn mit einer kurzen Handbewegung dazu zu schweigen.
„Wir müssen unsere Erfahrungen alle selbst sammeln“, erklärte er leise und sah
dabei mich an. „Wenn deine Freundin durch ihr Wissen in Gefahr gerät und ihr
etwas passiert, musst du mit der Verantwortung leben, Annie. Denn du kannst
nicht immer da sein, um sie zu schützen.“ Dann drehte er den Kopf, schaute kurz
Susan an, die mit großen Augen zurückblickte, und dann wieder zu mir. „Ich soll
die blockierten Erinnerungen wieder freigeben?“
Ich nickte wortlos. Trevor
schnaubte, aber ich ignorierte ihn. „Setz dich, Susan“, sagte ich leise und
Susan sank vorsichtig in die Polster des freien Sessels. Ich setzte mich neben
Trevor und Thunder auf die Couch.
„Anne“, meinte Susan dann in meine
Richtung. „Ich weiß nicht, was hier abgeht, aber es gefällt mir nicht.“
„Vertrau mir“, flüsterte ich.
Sheldon lächelte und urplötzlich
stand seine Magie im Raum. Es war, als würde uns Wärme umgeben und durchfließen.
Ich konnte die Macht fühlen, die von ihm ausging und das, obwohl er noch nicht
wieder im Vollbesitz seiner Kräfte war.
Auch Susan schnappte nach Luft,
denn sie schien ebenfalls zu spüren, dass etwas in der Luft lag, auch wenn die
Magie selbst ihr verborgen blieb. Ich schloss die Augen, weil ich erkennen
wollte, was Sheldon tat. Buntes Licht umtanzte uns, unterbrochen durch die
Bilder aus Susans Erinnerungen. Kurz blitzen Bilder von Menschen auf, die ich
nicht kannte, dann sah ich mich selbst aus Susans Augen, sah den Tag, an dem wir
joggen waren und Endriel getroffen hatten, sah Vivian, als sie das erste Mal in
dem Heim vor Susan stand und fühlte Susans instinktive Abneigung. Die Bilder
endeten an dem Tag, als wir Vivian aus dem Heim holten und mit dem Blick in das
chaotische Zimmer des jungen Mädchens, in dem allerdings das viele Blut schon
verschwunden war.
Schlagartig verschwanden die
Bilder und ich öffnete die Augen wieder. Susan starrte mit kreidebleichem
Gesicht auf den Vampir, öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, schloss
ihn dann jedoch wieder. Ich rutschte auf der Couch weiter in ihre Richtung und
griff nach ihrer Hand.
„Es tut mir leid, Susi“, sagte ich
leise. „Ich wollte es nicht. Sie haben gesagt, wir müssten alle Spuren
beseitigen.“
„Ihr…“, brachte sie nach einer
ganzen Weile hervor. „Sie haben meine Erinnerungen manipuliert. Wie ist so etwas
möglich?“
Ich verbrachte die nächsten zwei
Stunden damit, Susan alles zu erzählen. Alles. Ich ließ nichts aus und ich
verschönerte nichts. Wir öffneten eine der Flaschen Wein aus meiner
Vorratskammer, weil Susans immer blasser werdende Gesichtsfarbe mir anfing Angst
zu machen. Ich hatte lange nicht so viel und hintereinander weg gesprochen.
Meine Kehle fühlte sich rau und ausgedörrt an und der dunkle Rotwein half mir
genauso wie Susan.
Trevor und Thunder hörten einfach
nur zu. Sheldon warf ab und zu eine Erklärung ein, wenn mir noch gewisse Dinge
fehlten.
Susan schüttelte immer wieder den
Kopf. „Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein…“
„Ich wünschte, es wäre so“,
flüsterte ich verzweifelt. „Aber ich habe Dinge gesehen, Susi, und Dinge getan,
die nicht anders erklärbar sind.“
Susans hellbraune Augen schauten
noch immer ungläubig. „Zeig es mir“, bat sie dann leise. „Wenn ich es glauben
soll, zeig es mir.“
Ich warf Sheldon einen Blick zu
und dieser nickte. Ich hob die Hand, mit der Handinnenfläche nach oben und
übergangslos bildete sich das weiße Licht.
„Ich kann noch nicht sonderlich
viel mehr“, sagte ich traurig, aber Susan reichte allein diese Demonstration.
Sie hatte ihre Hand vor ihren Mund
gehoben und ich konnte die Tränen in ihren Augen erkennen. „Mein Gott“,
flüsterte sie fassungslos. „Oh mein Gott…“
„Schauen Sie mich an“, mischte
sich dann Sheldon ein und Susan drehte den Kopf.
Ich wusste nicht, was er tat, aber
als Susan scharf die Luft einzog, als Sheldon so breit lächelte, dass man seine
Reißzähne sehr gut erkennen konnte, ahnte ich, dass er die Magie, die sein
wahres Aussehen verbarg, abgeschwächt hatte.
„Es gibt keine Vampire“, stieß
Susan kläglich hervor. „Das ist Aberglaube.“
Sheldon lächelte schwach. Ich
setzte mich auf die Lehne von Susans Sessel und zog meine Freundin in meine
Arme.
„Ich habe das auch gesagt. Immer
und immer wieder“, gab ich bedrückt zu. „Es hat nichts geholfen. Sie bleiben
einfach da und es kommt laufend etwas Neues hinzu. Ich habe andere Monster
gesehen. Ich habe ein Portal erschaffen. Ich habe eine andere Welt gesehen. Ich
muss es langsam glauben.“
Susan löste sich von mir und ich
setzte mich wieder zurück auf die Couch, während Susan in ihrer Handtasche nach
Taschentüchern kramte.
„Was ist mit dem Mädchen?“, fragte
sie dann.
„Sie lebt jetzt auch hier“,
antwortete ich leise.
Susan schüttelte den Kopf. „Das
kannst du nicht machen, Anne“, sagte sie kläglich. „Da gibt es rechtliche
Vorschriften. Sie muss in die Schule, sie braucht einen Erziehungsberechtigten,
sie…“ Sie verstummte, wahrscheinlich, weil sie meinem Gesichtsausdruck entnahm,
dass all diese Argumente nicht zählten.
Aber es war Sheldon, der
antwortete. „Sie dürfen eine junge Hexe nicht mit den Maßstäben messen, die Sie
bei den Jugendlichen in Ihrem Heim anwenden“, erklärte er. „Vivian braucht eine
Ausbildung, aber die kann ihr eine menschliche Schule nicht geben.“
Susans Blick irrte zwischen uns
hin und her. „Wer dann?“
Ich zuckte nur unbestimmt mit den
Schultern.
„Wir besitzen Schulen“, sagte
wieder Sheldon. „Schulen für Kinder mit magischen Fähigkeiten.“
Susan verzog den Mund zu einem
missglückten Grinsen. „So was wie Hogwarts in Harry Potter?“
Sheldon lächelte und nickte. „So
ähnlich.“
„Kein Wunder, dass du nicht zu
einem Psychiater wolltest“, meinte Susan dann in meine Richtung.
Ich sah sie ernst an. „Wir können
dir all diese Erinnerungen wieder nehmen, wenn du es möchtest.“
Susan lehnte sich zurück,
verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte traurig. „Ich weiß nicht, was
besser wäre. Jetzt habe ich Angst, im Dunkeln das Haus zu verlassen. Aber der
Gedanke, gar nicht zu wissen, dass es da draußen Gefahren gibt, ist noch viel
schlimmer.“
„Wir können Ihnen ein
Schutzamulett zur Verfügung stellen“, mischte sich Sheldon ein. „Ein Amulett,
das Sie vor magisch begabten Wesen warnt und das Ihre Wohnung schützt, so dass
niemand ihre Schwelle übertreten kann. Zumindest kein Vampir, und auch kein
Magier.“
„Also ist an dem Mythos etwas
dran?“, erkundigte sich Susan ungläubig.
Sheldon nickte. „Magie vermag
vieles.“
Ich zog meine Beine auf die Couch
und lehnte mich an, um es bequemer zu haben. „Was mich wieder zu der Frage
bringt, die mir schon lange durch den Kopf geht. Ihr wolltet mir von der
Heimatwelt der Vampire erzählen.“
Jetzt musste sogar Thunder
lächeln. Einzig und allein Trevor, der neben mir saß, schaute noch immer so, als
würde ihm Susans Anwesenheit gar nicht gefallen.
„Über wie viel Wissen in
Astronomie verfügst du?“, stellte Sheldon die Gegenfrage.
Ich grinste ihn an. „Ich lese gern
Science-Fiction-Romane.“
Er lächelte breiter. „Fairlon ist
eine sehr, sehr alte Welt. Schon vor langer Zeit ist die große, rote Sonne
ausgeglüht, weil ihr gesamter Brennstoff verbraucht war. Es hätte im Normalfall
die Auslöschung allen Lebens auf Fairlon zur Folge gehabt, wenn die Welt nicht
eine andere Besonderheit besessen hätte.“ Er machte eine kurze Pause, aber
niemand warf ein Wort ein. „Fairlon besitzt einen Mond, Sajo, keinen Mond im
eigentlichen Sinne, sondern eine kleine magische Sonne, die die ganze Welt in
ein magisches Licht taucht. Da die eigentliche Sonne im Laufe von Jahrmillionen
immer mehr abkühlte und dunkler wurde, begannen sich die Lebewesen an die neuen
Lebensgewohnheiten anzupassen. Überleben konnte, wer die Kraft des Mondes Sajo
nutzen konnte. Jahrtausende vergingen und man vergaß das Licht der Sonne. Man
brauchte es nicht mehr, denn wir konnten allein im Licht des Mondes sehr gut
zurechtkommen. Dass wir eine extreme Überempfindlichkeit gegen das normale
Sonnenlicht entwickelt hatten, wurde uns erst bewusst, als die ersten Wesen
unserer Welt andere Welten besuchten. Bald wurden kaum noch Wesen ohne magische
Fähigkeiten geboren. Wir nennen sie Najoor, aber ihre Überlebenschancen sind
sehr gering. Fairlon ist extrem kalt, weil das magische Licht Sajos nicht mit
den wärmenden Strahlen der Sonne zu vergleichen ist. Wir können mit Hilfe der
Magie und natürlich durch die Umwandlung der Energie in der Nahrung unsere
Körpertemperatur konstant halten. Wer die Magie nicht nutzen kann, ist allein
auf die Aufnahme von Nahrung angewiesen. Najoori brauchen sehr viel Blut,
Unmengen, am besten täglich. Im Rausch des Blutes können sie vergessen, dass sie
keine magischen Kräfte besitzen. Sie sind stark und fast so mächtig wie Sajoori.
Aber die Macht des Blutes ist vergänglich…“
Sheldons Stimme verklang. Er schien in Gedanken versunken, als hätte ihn die
Erinnerung übermannt. Vielleicht war es tatsächlich so.
Susan starrte ihn noch immer mit
großen Augen an, während ich über das Gehörte nachdachte.
„Das bedeutet, diese blutrünstigen
Geschichten über Vampire gehen alle auf Najoori zurück?“
Sheldon zuckte unbestimmt mit den
Schultern. „Sicher nicht nur. Wir sind stark und langlebig. Und die Versuchung,
Macht über andere auszuüben, den Rausch des Blutes zu kosten ist immens hoch.
Aber es stimmt, Najoori sind bei weitem unbeherrschter.“
„Ihre Existenz hängt vom Blut ab“,
mischte sich Trevor ein. „Ein Sajoor kann eine lange Zeit ohne Nahrung
auskommen, weil er die Energie der Magie nutzen kann, um seine Lebensfunktionen
aufrechtzuerhalten. Ein Najoor schafft das nur wenige Tage.“
Ich runzelte die Stirn. „Was ist
mit dieser Reaktion auf Silber?“
Ein feines Lächeln huschte über
Sheldons Lippen. „Zufall“, sagte er leise. „Silber ist ein äußerst seltenes
Metall im Universum.“ Sein Lächeln wurde breiter, als er meinen verblüfften
Gesichtsausdruck bemerkte. „Auf dieser Welt ausnahmsweise nicht, aber man findet
dieses Metall auf kaum einer anderen Welt. Vielleicht reagieren aus diesem Grund
fast alle mythischen Kreaturen darauf so allergisch. Vor allem wir, von der Welt
Fairlon, und Wesen, die auf Lykon beheimatet sind.“
„Lykon?“, fragte diesmal Susan.
„Werwölfe “, kam es trocken von
Trevor. „Gestaltwandler.“
Susans Kopf schoss zu ihm herum
und ihre Lippen zitterten, als sie hervorbrachte: „Werwölfe?“
Trevor nickte. „Gestaltwandler.
Wesen, die eine humanoide und eine animalische Form besitzen. Werwölfe sind die
bekannteste Spezies, die es auch auf die Erde verschlagen hat. Sie sind auch am
aggressivsten und besitzen einen ausgeprägten Expansionsdrang. Und – das macht
ihre Stärke aus – sie jagen in Rudeln.“
„Werwölfe sind selten geworden“,
fuhr Sheldon fort. „Sie verraten sich leicht, da der Wechsel der Gestalt an den
Mond gebunden ist und sie den Wandel nicht verhindern können. Sie reagieren auf
den irdischen Mond stärker und aggressiver als auf den von Lykon. Gerade deshalb
wurden und werden sie gejagt und das nicht von Jägern, sondern von Menschen.“
Susan griff wieder nach ihrem
Weinglas und ich stand auf, um eine neue Flasche zu holen. Meine Freundin war
noch immer unwahrscheinlich blass und ich hatte kein gutes Gefühl bei
dem Gedanken, sie heute Nacht wieder heimzuschicken. War es ein Fehler
gewesen, sie einzuweihen?
Meinen Vorrat an Wein musste ich
auch unbedingt wieder auffüllen. Aber vielleicht war es gar keine so gute Idee,
laufend zu Alkohol zu greifen, wenn ich ein paar Schocks in meinem Leben zu
verdauen hatte. Denn irgendwie nahmen die Schocks in letzter Zeit überhand.
Jetzt allerdings spielte es keine
Rolle, denn es war Susan, die die beruhigende Wirkung des Alkohols benötigte.
Als ich die Vorratskammer wieder
verließ, öffnete sich im Obergeschoss Vivians Zimmertür und das junge Mädchen
kam, gefolgt von Raven, die Treppe herab. Sie warf einen scheelen Blick auf die
überfüllte Couchecke.
„Das werden ja immer mehr Leute“,
murrte sie missmutig.
Ich grinste schief. „Susan kennst
du ja noch, oder? Willst du dich mit setzen?“
Vivians Blick glitt über die
Männer und blieb dann an Susan hängen. „Nicht wirklich.“
„Hallo, Vivian“, sagte Susan
freundlich, aber ich kannte meine Freundin und hörte den eigenartigen Unterton
in ihrer Stimme.
Ich erinnerte mich noch genau,
dass Susan erzählt hatte, das Mädchen wäre ihr unheimlich und genau das hörte
ich jetzt noch immer in ihren Worten. Es war ein Hauch von Abneigung, den ich
bei Susan noch niemals in Gegenwart von Kindern aus ihrem Heim gehört hatte.
Ein Blick in Vivians Gesicht
reichte, um zu sehen, dass sie es auch hörte. Mit einem trotzigen
Gesichtsausdruck griff sie nach Ravens Hand und zog ihn neben sich ans andere
Ende der Couch.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte
sie dann mit einem Funkeln in Susans Richtung.
Jetzt wurde es wirklich etwas eng.
Vielleicht sollte ich auch noch über neue Möbel nachdenken. Da ich mich nicht um
einen Platz auf der Couch streiten wollte, stellte ich die geöffnete Weinflasche
auf den Tisch und ging in die Küche, um mir einen Stuhl zu holen.
In der Zwischenzeit hatte Trevor
die Weingläser wieder voll geschenkt und Vivians Mitteilung, sie wolle auch ein
Glas Wein trinken, einfach ignoriert. Das trug nicht dazu bei, die Laune des
Mädchens anzuheben und ich hatte den argen Verdacht, dass sie sich nur auf die
Couch gesetzt hatte, um Streit zu beginnen.
Susan währenddessen starrte jetzt
Raven unverhohlen an. „Wer ist das?“, flüsterte sie, als ich mich auf dem Stuhl
neben ihr niederließ.
„Das ist Raven“, stellte ich den
Jungen vor. „Er stammt von der Welt D’arjo.“
„Das ist…unvorstellbar“, hauchte
Susan und griff nach ihrem Glas. „Wie wollt ihr das verbergen? Wie wollt ihr
verbergen, dass hier zwei Teenager wohnen, die in eine Schule gehören, die keine
Erziehungsberechtigte haben…“
„Das ist nicht Ihr Problem“,
giftete Vivian, ehe jemand anders etwas sagen konnte. „Es hat im Heim auch
niemanden gekümmert, was ich den ganzen Tag anstelle. Ich komme allein klar und
ich kümmere mich um Raven.“
„Vivian!“, fuhr Trevor sie von der
Seite her an. „Verschwinde einfach wieder in dein Zimmer, wenn du nicht in der
Lage bist, dich normal zu unterhalten.“
Susan hob ihre Hand, um ihn zu
beruhigen. Plötzlich war jede Unsicherheit aus ihrer Haltung verschwunden und
ich konnte auch ihrem Gesicht nicht mehr ansehen, was sie dachte. Es war die
Heimerzieherin Susan, die jetzt sprach.
„Wir wollen jetzt hier keinen
Streit anfangen und uns gegenseitig mit Vorwürfen überschütten, bringt auch
nichts. Wir hatten nicht genug Zeit, uns kennen zu lernen, Vivian.“
Vivian beugte sich nach vorn und
sagte genauso ruhig. „Sie wollten es nie. Sie hatten Angst und Sie wollten mich
am liebsten sofort in ein anderes Heim abschieben.“
„Nun“, antwortete Susan leise.
„Wenn ich bedenke, was ich jetzt gehört habe, spricht das für ein ausgesprochen
gutes Menschengefühl. Denn du warst eine Gefahr für die anderen Kinder.“
Vivian verzog das Gesicht zu einem
eisigen Lächeln. „Stimmt. Ich hätte alle töten können.“
„Aber du hättest es nicht getan“,
mischte ich mich ein, ehe die Situation eskalieren konnte.
Ihre dunklen Augen richteten sich
auf mich und für einen Moment fühlte ich einen Schauer, der meinen Rücken hinab
kroch. Ich war mir hundert Prozent sicher, dass sie es nicht getan hätte und
dass sie nicht einfach grundlos töten würde. Egal, was sie von sich selbst
behauptete. Trotzdem war da eine Gefährlichkeit, die sie umgab und die auch
Susan zu spüren schien.
Vivian antwortete nicht, sondern
schaute mich einfach nur an. Plötzlich erinnerte ich mich an das weinende junge
Mädchen aus der vergangenen Nacht und in diesem Augenblick verschwand jeder
Zweifel in mir. Sie hätte es nicht getan. Etwas davon musste in meinem Gesicht
zu lesen sein, denn der Ausdruck in Vivians Augen wurde eine Spur weicher. Ich
glaube nicht, dass es einer der anderen Anwesenden bemerkte, aber in genau
diesem Augenblick, für einen kurzen Moment, verstanden wir uns wortlos.
Es war Sheldon, der das Schweigen
brach. „Unsere vordringlichste Aufgabe ist es jetzt erst einmal, das Cyana
zurückzuholen. Und zu retten, wen wir noch retten können.“
„Morgen Nacht“, sagte Trevor
leise. „Du brauchst die Zeit, um zu Kräften zu kommen, denn wir brauchen dich da
drüben.“
„Du willst noch einmal dahin?“,
flüsterte Susan neben mir entsetzt.
Ich nickte düster. Ich wusste,
dass meine Kräfte ebenfalls benötigt wurden und ja, ich gab es mir gegenüber
selbst zu, ich wollte es. Ich wollte zurück nach Whoorin und diese verdammten
Kreaturen für das in den Hintern treten, was sie Sheldon und den anderen
Vampiren angetan hatten. Obwohl ich Barth und die anderen nicht allzu gut
kannte, wollte ich ihnen helfen. Noch vor wenigen Wochen wäre mir so etwas nicht
im Traum eingefallen und der Gedanke, mein Leben für einen Kampf zu riskieren,
dessen Hintergründe ich noch nicht ganz verstand, wäre mir sehr suspekt
erschienen.
Heute nicht mehr. Jetzt, nachdem
ich Whoorin gesehen hatte und nachdem ich erlebt hatte, was man Sheldon angetan
hatte und was man mir hatte antun wollen, sah die Welt anders aus. Vor allem
aber wollte ich mein verdammtes Cyana wiederhaben. Es hatte mir in den letzten
Wochen mehr Sicherheit gegeben als jedes Wort Sheldons oder Trevors.
Diese Kreaturen hatten kein Recht,
es mir zu stehlen. Es gehörte mir.
Irgendwann im Laufe des Abends
aktivierte Sheldon ein Amulett für Susan. Es war ein filigranes Schmuckstück,
eine Kette mit einem Kreuz als Anhänger, das mit einem Rubin besetzt war. Sie
sah aus wie eine Kette, die man in jedem Schmuckgeschäft kaufen konnte.
Susan schaute genauso ungläubig
wie ich in den ersten Tagen, als man mir das Cyana präsentiert hatte. Zögernd
nahm sie die Kette aus Sheldons behandschuhten Händen.
„Wie funktioniert es?“
Vivian, die noch immer ziemlich
missmutig, aber recht still an Raven auf der Couch gekuschelt saß, lachte kurz
und hart auf. „So.“
Ich wusste nicht, was sie tat,
aber im nächsten Moment jagte ein heißer Strom Magie durch meinen Körper. Es
überraschte mich so, dass ich nur nach Luft schnappen konnte, weil der Schmerz
bis in meinen Kopf schoss. Das Kreuz in Susans Händen glühte auf und der Rest
passierte gleichzeitig.
Sheldon hob reflexartig die Hand,
um die dunkle Magie abzuwehren, Susan ließ das Kreuz mit einem Aufschrei fallen
und Trevor hob schneller seine Hand als ich denken konnte. Ich weiß nicht, ob er
wirklich zuschlagen wollte, zornig genug sah er aus, aber er kam nicht dazu,
denn im nächsten Moment fauchte der sonst so ruhige Raven auf wie eine wild
gewordene Raubkatze und warf sich vor Vivian.
„Nicht!“, schrie ich und sprang
auf.
Raven knurrte mit angelegten Ohren
Trevor an, der jetzt mehr verblüfft als zornig schaute und die Hand langsam
sinken ließ. Erst jetzt konnte ich sehen, dass an Ravens Fingern Krallen
ausgefahren waren, die sich in die Polster der Couch bohrten.
„Hört auf!“, sagte ich wieder
laut, langte nach der Kette, die auf den Tisch geflogen war und reichte sie
Susan zurück.
Vivian zog Raven mit einem breiten
Grinsen zurück an ihre Seite und strich ihm beruhigend über die Wange. „Hey, das
war cool, Raven.“
Der D’arjo knurrte noch immer
leise und ließ Trevor nicht aus den Augen. Dessen Augen hatten sich wieder
verengt.
„Irgendwann versohl ich dir
wirklich den Hintern“, sagte er gefährlich leise und an Vivian gerichtet. „Treib
es nicht auf die Spitze.“
Obwohl ich wusste, dass Vivian
Susan hatte erschrecken oder ärgern wollen, musste ich mich bei dem amüsierten
Ausdruck im Gesicht des jungen Mädchens zusammenreißen, um nicht ebenfalls zu
lachen. Meine Freundin hätte es mir nie verziehen, aber es fiel mir verdammt
schwer, eine ernste Miene zu bewahren.
Zum Glück hielt Vivian ihren Mund
und antwortete nicht noch irgendetwas Freches. Sie sah aus als würde ihr im
Moment eine Menge durch den Kopf gehen. Aber wahrscheinlich ahnte sie, dass
Trevor kurz vor dem Explodieren stand.
„Keine Panik“, sagte ich leise zu
Susan. „Sie macht gern solche Späße.“
„Späße?“, echote Susan, noch immer
ziemlich blass.
Auch um Sheldons Lippen huschte
ein leises Lächeln. „Unsere junge Freundin muss noch eine Menge lernen. Nehmen
Sie es ihr nicht übel, Susan. Sie ist noch ein Kind und manchmal recht
unbeherrscht.“
Vivians Gesichtsausdruck
verdüsterte sich, während Sheldon sie sehr freundlich anlächelte. „Es war kein
Angriff“, erklärte er dann Susan.
Susan sah nicht aus, als würde sie
das glauben. Ich glaubte es, aber ich wusste hundertprozentig, dass Vivian Susan
einen Schreck einjagen wollte. Mir war der Grund noch nicht ganz klar, denn es
schien fast so als wäre die Abneigung zwischen den beiden beidseitig. Vivian war
kein besonders kontaktfreudiger Mensch, und dass sie sich eine persönliche
Abneigung so anmerken ließ, war mir nicht einmal Trevor gegenüber aufgefallen.
Normalerweise ignorierte sie, wen sie nicht mochte.
„Ich muss gehen“, sagte Susan dann
mit einem Blick zur Uhr. Sicherlich wollte sie einfach aus der Gegenwart dieser
unheimlichen Menschen verschwinden. Verstehen konnte ich sie. Damals, an diesem
ersten Tag im Dark Night, wollte ich
auch einfach nur verschwinden.
Sheldon nickte. „Thunder wird Sie
heimbringen und Ihnen helfen, die Schutzamulette zu justieren. Tragen Sie die
Kette und gehen Sie, sobald die Kette ein Zeichen von sich gibt. Flüchten Sie so
schnell wie möglich, gehen Sie kein Risiko ein.“
Ich erhob mich zusammen mit Susan.
„Ruf mich an“, flüsterte meine
Freundin in mein Ohr, als sie mich zum Abschied drückte. „Lass mich um Gottes
Willen nicht allein mit diesem Wissen.“
Ich konnte das nicht versprechen,
deshalb sagte ich nur: „Ich versuche es.“
Ich hoffte für Susan, dass sie
niemals eine Reaktion des Amuletts spüren würde, denn sie war wehrlos. Sie hatte
weder die Fähigkeiten, eines dieser anderen Wesen zu erkennen noch die Macht,
sich zu verteidigen. Plötzlich hatte ich Angst, weil mir aufging, dass kaum
einer dieser normalen Menschen da draußen im Ernstfall eine Chance hatte. Aber
wie groß war die Gefahr eigentlich?
So wie es aussah hatte es Vampire,
Dämonen und Hexen schon immer gegeben. Und zwar immer dann, wenn es
irgendjemandem gelungen war, ein Portal zu schaffen und ein paar
dieser Wesen aus welchen Gründen auch immer hindurchzuschicken. Es war
nie zu einer Versklavung oder Unterdrückung der Menschheit gekommen.
Nachdem ich mich wieder gesetzt
hatte, diesmal in dem Sessel, den vorher Susan belegt hatte, stellte ich Sheldon
diese Frage.
„Das Gleichgewicht zwischen Gut
und Böse“, erklärte er ernsthaft, „ist ausgewogen. Es gibt Welten, die
vollständig in der Hand der dunklen Macht stehen, Welten des weißen Lichts und
solche, die zu den beschützten Welten einer von beiden Seiten gehören. Über der
Erde liegt die Schutzherrschaft des weißen Lichts. Aber das bedeutet nicht, dass
die andere Seite nicht versucht, den Schutz zu beseitigen und die Oberhand zu
gewinnen. Aber die Erde ist eine kleinere, unwichtige Welt.“
„Deshalb kann diese gesamte
Magiesache auch vor den restlichen Menschen verborgen werden“, fuhr Trevor fort.
„Auf vielen Welten ist das gar nicht möglich.“
„Aber meist, weil es kaum Welten
gibt“, unterbrach ihn Sheldon wieder, „auf denen die Wesen von Natur aus völlig
magielos sind. Die Erde ist eine Ausnahme. Aber trotzdem passiert es gerade hier
immer wieder, dass dann Kinder geboren werden, die extrem begabt sind. So wie
du, Annie.“
So wie ich. Ich musste ein Seufzen
unterdrücken, weil ich eigentlich gar nicht so magiebegabt sein wollte. Ich
würde eine Menge dafür geben, wieder in mein altes Leben zurückkehren zu können.
„Was ist mit Vivian?“, fragte ich.
„Nur mein Vater war ein Mensch“,
antwortete Vivian selbst. „Mom stammt genau wie Endriel und viele hochbegabte
schwarze Magier von der Welt Saduun. Saduun ist von Terra aus nicht direkt zu
erreichen, sondern die Portalkette läuft über Eloban und Pollux.“
Sheldon lächelte fein. „Anastasia
hat dich mit einem reichlichen Wissen ausgestattet.“
„Das war nicht sie. Ich lese sehr
viel und ich interessiere mich für die Geschichte der Magie und Weltenkunde.“
„Diese Bücher sind nicht einfach
zu bekommen.“
Vivian verzog den Mund zu einem
schiefen Grinsen. Doch alles, was sie daraufhin sagte, war: „Ganz sicher nicht.“
Mir fiel wieder einmal ein, dass
ich noch sehr viel lernen musste. Es reichte nicht zu wissen, wie man mit der
Macht der Magie umging, nein, es war viel wichtiger, auch die Zusammenhänge zu
begreifen. Alle waren mir so weit voraus, dass es mich immer wieder aufs Neue
deprimierte.
Thunder kam vielleicht eine Stunde
später wieder. Vivian war in der Zwischenzeit zusammen mit Raven wieder in ihrem
Zimmer verschwunden, während Sheldon, Trevor und ich darüber beratschlagten, wie
wir am besten vorgehen konnten. Mich beruhigte etwas, dass wir diesmal Sheldon
an unserer Seite hatten. Er würde das Portal direkt in der Festung Faumorn
entstehen lassen.
Mein zweites Problem, und zwar das
meines Arbeitgebers, konnte ich nicht klären. Ich hatte zwar im Laufe des Tages
im Büro angerufen und mitgeteilt, dass ich noch länger zu Hause bleiben müsste,
es aber diesmal nicht geschafft, Marlene davon zu überzeugen, dass ich
tatsächlich krank war. Sie hatte sehr skeptisch gefragt, wo ich die letzten Tage
gesteckt hätte, da sie mich mehrfach versucht hatte anzurufen. Was sollte ich
sagen? Ich hatte die blöde Ausrede gebraucht, der Arzt hätte mir frische Luft
verschrieben und ich wusste selbst, dass es wie eine Ausrede klang. Entsprechend
verschnupft klang Marlenes Antwort. Ich konnte es nicht ändern und ich musste
mir selbst gestehen, dass es mir reichlich egal war. Es gab jetzt wichtigere
Dinge als meinen Arbeitsplatz, ich würde mir zu gegebener Zeit darüber wieder
den Kopf zerbrechen.
Larry hatte ich nicht angerufen.
Einerseits, weil ich seine Stimme nicht hören wollte und andererseits, weil ich
einfach nicht wusste, was ich zu ihm sagen sollte. Es waren jetzt fast vier
Wochen vergangen, seit er ausgezogen war und mir erschien es, als wären es vier
Jahre, so viel hatte sich in meinem Leben verändert.
„Wenn wir wieder zurück sind von
Whoorin“, sagte Sheldon gerade, „müssen wir uns um diesen Marquardt kümmern.
Seine Rolle in dem Spiel ist mir noch ziemlich unklar.“
Mir war die Rolle des Mannes
sowieso unklar. Aber er musste eine bedeutende spielen, wenn wir ihn dort auf
Whoorin angetroffen hatten. Ich konnte jetzt nicht einmal sagen, ob der Mann
überlebt hatte oder was mit ihm geschehen war. Das ganze Chaos in der
unterirdischen Halle war zuviel für mich gewesen.
Mittlerweile stellte ich fest,
dass mir viele Dinge in meinem Leben gleichgültig wurden oder ich eine
Problembeseitigung auf später verschob. Möglicherweise war es eine völlig
normale Reaktion eines überforderten Verstandes. Zu viel stürmte auf mich ein,
ich würde wahnsinnig werden, wenn ich versuchte, jedes Problem sofort zu lösen.
Ich hatte immer geplant, zumindest
ein wenig. Jetzt dachte ich bis morgen und nicht weiter. Denn es konnte durchaus
sein, dass ich das Morgen nicht überlebte.
~*~*~*~*~*~*~*~
Raven ließen wir auf der Erde
zurück. Wir hatten genug Lebensmittel in den Kühlschrank gepackt, dass er ein
paar Tage auskommen konnte und ihn angewiesen, das Haus nicht zu verlassen. Ohne
Vivians Magie würde er zu sehr auffallen und wir hatten Angst, was passieren
würde, wenn er in die Hände der Behörden fiel.
Im Inneren hoffte ich, dass
zumindest einer von uns überleben und zu ihm zurückkehren konnte. Wenn nicht,
würde ein hartes Leben für den Jungen beginnen. Obwohl, wenn ich genauer darüber
nachdachte, härter als sein Leben auf Whoorin konnte es nicht werden. Im
schlimmsten Fall steckte man ihn in ein medizinisches Labor zur Untersuchung.
Als ich diese Überlegungen Sheldon
mitteilte, schüttelte dieser den Kopf. „Man wird nicht zulassen, dass normale
Menschen von der Existenz anderer Welten erfahren.“
„Wer ist ‚man’?“
„Eine von beiden Seiten wird
reagieren“, erklärte er ernsthaft. „Ich selbst habe gewisse Informationen über
unser Vorhaben weitergeleitet. Der Ring
der Magier muss wissen, was hier passiert. Schließlich gehört die Erde zu
den beschützten Welten. Sollten wir nicht zurückkommen, wird man sich um Raven
kümmern.“
Ah ja…
Wir fuhren wieder mit Thunders
Jeep, nur dass ich diesmal neben Trevor und nicht auf seinem Schoß sitzen
musste. Nicht dass es unbequem auf seinem Schoß gewesen war, aber ich wollte
doch die Beziehung, die es zwischen uns zweifellos gab, bei dem belassen, was es
war: eine Art Freundschaft.
Egal wie eigenartig die Magie in
mir und auch ihm reagiert hatte und egal, ob es da eine sexuelle Anziehung gab
oder nicht. Trevor hatte es mit keinem Wort wieder erwähnt und ich war froh
darüber, weil ich mir selbst nicht klar darüber war, ob ich dem ganzen eine
Bedeutung zumessen sollte oder nicht. Ich war auch noch nicht dazu gekommen, mit
Sheldon darüber zu sprechen, aber wenn ich ehrlich mir selbst gegenüber war, es
war mir peinlich. Dann würde ich doch lieber Vivian fragen. Ich ahnte irgendwie,
dass sie die Antwort auf meine Fragen diesbezüglich wissen würde. Trevor
gegenüber war es wohl am besten, so zu tun, als wäre nichts passiert. Er
verhielt sich ja ähnlich.
Thunder bog wieder in den Feldweg
ein, den ich schon vom letzten Mal kannte. Diesmal veränderte sich meine Sicht
automatisch, so dass ich im Dunkeln etwas erkennen konnte. Vivian, neben mir,
hatte den Kopf gegen die Scheibe des Fensters gelehnt und starrte ebenfalls
hinaus in die Dunkelheit. Wir waren alle recht schweigsam, sicherlich weil jeder
seinen eigenen Gedanken nachhing.
Ein eigenartiges Gefühl stieg in
mir auf. Diese Leute, die jetzt mit mir zusammen im Auto saßen, waren mir in den
letzten Wochen vertrauter geworden als viele andere Menschen davor. Susan einmal
ausgenommen. Warum das so war, konnte ich nicht sagen. Aber ich wusste genau,
sollte ich einen dieser Menschen verlieren, würde es mich sehr hart treffen. Ich
ahnte auch, dass es den anderen ebenfalls so gehen würde.
Thunder stoppte den Jeep und wir
stiegen aus. Diesmal hatten wir wenig Gepäck bei uns. Eigentlich nichts außer
Waffen. Meine nützte mir sowieso gar nichts, denn ich hatte bei unserem letzten
Besuch gesehen, wie sinnlos es war, sie zu benutzen und mit einem Schwert
umgehen konnte ich nicht. Vivian hatte es abgelehnt, eine Schusswaffe zu tragen.
Sie besaß zwei Dolche, bei deren Anblick ich mir einen sehr skeptischen Blick in
ihre Richtung nicht hatte verkneifen können. Sie war auf die Frage, die in
meinen Augen gestanden hatte, nicht eingegangen und eigentlich wollte ich auch
nicht wissen, wofür sie die Dolche bisher verwendet hatte.
Die beiden Vampire und Trevor
trugen Schwerter und Maschinengewehre.
Hinter Sheldon stiegen wir den
kleinen Hügel hinauf. Wieder konnte ich das Flimmern, das einen einfachen
Übergang zwischen den Welten anzeigte, erkennen und mein Magen zog sich
zusammen. Niemand sprach, als wir den höchsten Punkt des Hügels erreichten, aber
wir schauten auf Sheldon, dessen Augen konzentriert von uns weg, genau in das
Flimmern blickten.
Im nächsten Moment jagte ein
warmer Wind durch meinen Körper, wie immer, wenn in meiner Gegenwart weiße Magie
verwendet wurde. Vivian neben mir holte tief Luft, fast als müsse sie sich
selbst beruhigen und ich ahnte, dass sie den Strom der Magie nicht als so
angenehm empfand wie ich.
Vor uns hatte sich ein Portal
geöffnet und ich konnte auf der anderen Seite das Innere der Festung Faumorn
erkennen. Natürlich war die Errichtung des Portals aufgefallen und wir konnten
Dutzende von Whoogals sehen, die durcheinander rannten.
Trevor war der erste, der durch
das Tor ging, dicht gefolgt von Thunder. Sheldon winkte mit dem Kopf in meine
und Vivians Richtung. Es hatte eine kleine Diskussion gegeben, ob Vivian
mitgehen sollte oder nicht, aber das junge Mädchen hatte sich strikt geweigert,
auf der Erde zu bleiben. Davon abgesehen, war sie die einzige, die wusste, wo
sich das Cyana befand und die wahrscheinlich den Code brechen konnte, der
darüber lag.
Wir sprangen durch das Tor und im
nächsten Moment flimmerten unsere magischen Schutzschirme auf. Es war
fantastisch, wie schnell sich mein Unterbewusstsein daran gewöhnt hatte, so zu
reagieren. Allerdings kam ich nicht dazu, mich lange darüber zu freuen, denn die
ersten Whoogals drangen auf uns ein.
Hinter uns kam Sheldon durch das
Portal und es fiel in sich zusammen. „Wir teilen uns“, rief der Vampir. „Du
suchst mit Vivian das Cyana, Annie. Lasst euch nicht ablenken!“
Vivian rannte auf den rechten
Ausgang der Halle zu. „Hier entlang, Annie!“
Die Whoogals waren sich ein wenig
uneinig, wem sie mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Nur ein paar folgten uns
und es fiel uns nicht schwer, diese mit ein paar gezielten magischen Bällen zu
vernichten. Komischerweise brauchte es diesmal nicht sehr viel Kraft, die
riesigen Körper zu Asche verbrennen zu lassen. Ich verdrängte den Gedanken, dass
es Lebewesen waren. Ich sah die Schwerter und wusste, dass keins der Wesen
zögern würde, mich zu töten, wenn es die Chance dazu bekam. Trotzdem war es
eigenartig, wie wenig Kraft nötig war, sie zu töten. Ich konnte mich noch genau
an das letzte Mal erinnern und an die Macht, die ich hatte aufwenden müssen.
Vivian rannte durch die Tür und
wandte sich nach links, die Treppen hinauf. „Es ist kein Magier in der Festung“,
rief sie im Laufen. „Das ist gut für uns!“
Ich drehte mich um, sah einen
Whoogal hinter uns auf der Treppe und hob meine Hand. Mit einem zischenden Knall
puffte meine Magie in seinen Körper und ließ ihn aufschreien. Nur ein schwarzer
Aschehaufen zeugte danach noch von seiner ehemaligen Existenz.
„Es ist zu einfach!“, schrie ich
Vivian zu.
Das Mädchen schüttelte den Kopf,
ohne langsamer zu werden. „Sie zehren von Angst und Panik. Niemand von uns
empfindet im Augenblick welche. Und es ist kein Magier da, der ihnen
Rückendeckung gibt.“
Das klang logisch. Angst hatte ich
im Moment wirklich keine. Es war eher eine kühle Routine, die von mir Besitz
ergriffen hatte. Ich fixierte die Umgebung, sah einen Feind, reagierte und
rannte weiter. Vielleicht empfanden Soldaten im Kampf ähnlich. Man vergisst,
dass das eigene Leben auf dem Spiel steht und reagiert nur noch wie ein Automat.
Ich kam mir nicht einmal mehr hilflos vor, so wie beim letzten Mal. Diesmal
wusste ich, dass ich die Kraft hatte, es mit einigen Whoogals aufzunehmen. Und
mit jedem erfolgreichen Schlag gegen eines der Wesen wurde dieses Wissen in mir
stärker.
Ohne Vivian hätte ich den Weg
nicht gefunden. Es waren eine Menge Treppen, die wir hinauf und dann wieder
hinab stiegen. Einmal bog sie ab und meinte, sie wolle auch ihren Laptop wieder
haben. Es war nur ein kurzer Umweg und ich war recht erstaunt, als ich in dem
kleinen Raum meinen eigenen Rucksack wieder erkannte, in den ich Vivians
Computer gepackt hatte. Ich hatte fast vergessen, dass dieser mir von den
Whoogals ebenfalls abgenommen worden war, als man mir das Cyana stahl. Wir
mussten die beiden Wachen vor dem Zimmer töten, aber ich zwang mich gewaltsam,
nicht darüber nachzudenken.
Auch Vivian sprach wenig. Mit
einer schnellen Bewegung schnappte sie sich den Rucksack mit dem Laptop, in dem
sich auch mein Anorak befand. Wir hätten den Anorak auspacken und liegen lassen
können, aber wir wollten keine Zeit verschwenden.
So hetzten wir weiter und ich
hoffte, dass wir durch diesen kleinen Umweg nicht zuviel Zeit verloren hatten.
Wahrscheinlich durchquerten wir die halbe Festung und langsam begann mein Atem
keuchend zu gehen. Auch auf Vivians Stirn hatte sich Schweiß gebildet und sie
atmete schneller als sonst. Ihren Körper umgab das gleiche Flimmern wie meinen
eigenen.
Irgendwann – ich hatte völlig die
Orientierung verloren – blieb sie vor einer verschlossenen Holztür stehen und
hob ihre Hand.
„Gib mir Rückendeckung“, sagte sie
leise und schloss die Augen.
Meine Augen irrten den Gang hinab.
Noch schien es recht still, ich hörte nur irgendwo im Hintergrund Kampfgeräusche
oder das Krachen, wenn irgendetwas in sich zusammenbrach. Ich hoffte, dass
Trevor und die beiden Vampire zurechtkamen, denn darum kümmern konnte ich mich
im Moment nicht.
Diesmal war es Vivians Magie, die
ich spürte. Ich schielte in ihre Richtung, ohne den Gang aus den Augen zu
verlieren und beobachtete, dass sie versuchte, Verbindung zu der Tür
aufzunehmen. Es war ein Zauber, der über dem Schloss lag und von dem drückenden
Gefühl her, das mich befiel, nahm ich an, dass es sich um dunkle Magie handelte.
Plötzlich fiel mir das Atmen schwerer und eine Last schien sich auf meinen
Körper zu legen. Dunkles Licht bildete sich an Vivians Fingerspitzen, strahlte
in Richtung der Tür und kroch über das Holz. Dann rastete mit einem metallischen
Klick irgendetwas ein und die Tür sprang auf.
Vivian öffnete die Augen und die
dunkle Magie leuchtete noch immer in ihrem Blick. In dem Moment, wo sie die
Magie anwandte, wurden ihre Augen im Gegensatz zu meinen rabenschwarz und
abgrundtief und es dauerte eine Weile, ehe sie wieder ihre natürliche Farbe, das
helle braun, annahmen.
Sie nickte nur und stieß dann die
Tür auf. Ich folgte ihr wortlos.
Hinter der Tür ging es eine
schmale Wendeltreppe nach unten. Es herrschte Dunkelheit, aber wie üblich in
letzter Zeit hatte meine Sicht sich sofort verändert. Die schwere Holztür
rastete mit einem Knall wieder ein und ich zuckte zusammen.
„Hierher folgt uns kein Whoogal“,
flüsterte Vivian. „Das magische Gefängnis macht ihnen Angst.“
Magisches Gefängnis?
Ich schaute mich vorsichtig um, während wir die Treppe hinab stiegen. Plötzlich
schienen die Wände dunkler zu werden und auf mich zuzukommen.
„Besteht eine Gefahr für uns?“,
fragte ich genauso leise zurück.
„Für dich schon“, entgegnete sie
mit einem schiefen Lächeln. „Wenn du allein wärst…“ Sie zuckte unbestimmt mit
den Schultern. „Keine Ahnung, inwieweit die dunkle Magie merkt, dass ich zu
ihren Feinden gehöre.“
Das klang gar nicht gut.
Unbehaglich musterte ich die Umgebung. Wir hatten das Fußende der Treppe
erreicht und betraten ein Kellergewölbe. Noch immer war es finster und drückend
und auch das Gefühl, von unsichtbaren Augen verfolgt zu werden, wurde nicht
besser.
Vivian schien keinerlei Probleme
zu haben, denn sie durchquerte den kleinen Raum, ohne zu zögern. Mit einer
kurzen Handbewegung entzündete sie die Fackeln an den Wänden und das flackernde
Licht verstärkte den unheimlichen Eindruck noch.
Jetzt konnte ich auch mit meinen
normalen Augen sehen, dass wir vor einer Steinplatte standen, über der dunkles
Licht wallte. Die Gefahr, die davon ausging, stand plötzlich so greifbar in der
Luft, dass ich stockte.
Vivian drehte kurz den Kopf und
sah mich an. „Bleib stehen.“
Ich nickte, ich glaube auch nicht, dass ich
fähig gewesen wäre, weiter an den Stein heranzugehen. Dann beobachtete ich, was
das junge Mädchen tat.
Sie hob ihre Hände und stellte
eine Verbindung zu dem dunklen Licht her. Erst jetzt wurde mir wieder einmal
bewusst, dass es im Moment wirklich so aussah als würde sie die Vorteile beider
Seiten gleichzeitig nutzen können. Sie arbeitete definitiv mit dunkler Magie.
Und trotzdem war es ihr möglich, in unserer Gegenwart zu bleiben und es war ihr
möglich, weißmagische Gegenstände zu berühren. Das Beispiel der Schutzamulette
hatte uns sogar gezeigt, dass diese sie nicht als Feind anerkannten.
Schwarzmagische dann sicher ebenso nicht. Auf welcher Seite also stand sie?
Ich kam nicht dazu, weiter darüber
nachzudenken, denn die Steinplatte bewegte sich mit einem knirschenden Geräusch
zur Seite. Von dem Hohlraum, der darunter zum Vorschein kam, konnte ich nicht
viel erkennen, denn eine Spirale aus giftgrünem Licht bildete sich über dem
Loch. Das drückende Gefühl wurde stärker und mir fiel es immer schwerer, normal
zu atmen.
„Bleib dort“, sagte Vivian leise.
Ich hätte mich sowieso nicht
weiter bewegen können. Mir wäre es sicherlich auch nicht möglich gewesen, den
Zauber, der über dem Versteck lag, zu brechen. Hätte ich dazu in der Lage sein
müssen?
Vivian griff einfach durch das
grüne Licht hindurch und hatte einen kurzen Moment später die silberne Kette mit
dem Cyana in den Händen. Übergangslos verschwand das Licht und nur noch die
Fackeln an den Wänden erhellten den Raum.
Sie hätte das Cyana genauso wenig
berühren können dürfen wie es mir unmöglich war, in die Nähe des Steinsarkophags
zu kommen. Aber das war nicht der Fall. Sie drehte sich zu mir um und reichte
mir das Amulett. Ein eigenartiger Ausdruck lag in ihrem Gesicht, Unsicherheit,
Zweifel und jede Menge Fragen. Ich wusste, was sie fragen wollte, aber ich
kannte die Antwort darauf genauso wenig wie sie, weil ich die Hintergründe, die
hinter der Magie steckten, nicht verstand.
Dann griff ich nach dem Cyana,
legte es mir um den Hals und verschloss die Kette im Nacken. Im nächsten Moment
traf es mich wie ein Schlag. Es war, als wäre plötzlich etwas erwacht. Das Cyana
glühte grell auf und der Raum um uns herum erwachte zum Leben.
„Scheiße!“, fluchte Vivian
erschrocken. „Raus hier!“
Ich fragte nicht weiter, sondern
stürzte ihr nach. Schmerz tobte durch meinen Körper, peitschte wie elektrische
Schläge durch meine Adern und benebelte meinen Verstand. Wahrscheinlich hatte
ich gestockt, denn Vivian griff nach meinem Arm und schüttelte mich.
„Das Cyana hat sich aktiviert und
der Raum erkennt es als Feind!“, stieß sie hervor. „Es war ein Fehler. Wir
müssen weg hier!“
Schwarze Punkte tanzten vor meinen
Augen und meine Beine drohten unter mir nachzugeben.
„Annie!“ Sie schüttelte mich
wieder. „Konzentrier dich, Annie!“
Ich taumelte ihr nach, als sie
mich die Treppe zur Holztür hinaufzerrte. Grelles Licht bildete sich auf meiner
Haut und strahlte funkelnd in den dunklen Raum. Etwas raste auf uns zu,
explodierte mit einem Krachen in unseren Abwehrschirmen und ließ sie grell
aufleuchten. Vivian stieß ihre Hände gegen die Holztür und schloss die Augen.
„Verdammt“,
murmelte sie und feine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. „Ich bin so
eine Idiotin…“
„Kann ich etwas tun?“, brachte ich
hervor, dann warf mich etwas gegen die Tür. Ich stöhnte auf, als der Schmerz
meinen Körper traf.
„Jetzt bin ich ebenfalls Feind“,
war alles, was sie antwortete.
Ich drehte mich und ließ
Lichtbälle in den Raum auf den unsichtbaren Gegner sausen. Ich sah niemanden und
das war zum Verzweifeln.
„Es ist die Magie des Raums“,
murmelte Vivian verzweifelt. „Du kannst sie nicht vernichten. Wir müssen die Tür
aufbekommen.“
Ich zog sie zur Seite. „Dann los!“
Diesmal krachte der Blitz, der meine Hände verließ, in das Holz der Tür. Mit
einem Lichtgewitter breitete er sich über dem Holz aus und setzte sich an den
Wänden fort. Ich hatte erwartet, ein Loch in der Tür zu sehen, aber weit
gefehlt. Der gesamte Raum schien von einem magischen Schirm eingeschlossen zu
sein.
„Was ist mit einem Portal?“,
schrie ich, um das Knallen der Blitze zu übertönen.
Vivian schüttelte wild den Kopf.
„Nicht hier drin!“ Dann griff sie nach meiner Hand.
„Gib mir deine Kraft“, stieß sie
mit funkelnden Augen hervor. „Und wenn ich es sage, jag alles, was du hast, auf
die Tür.“
Ich nickte und im nächsten Moment
glühten ihre Augen schwarz. Ich fühlte die Kraft, die sie aus meinem Körper zog
und schnappte nach Luft. Gleichzeitig aber war plötzlich wieder diese Verbindung
da, die ich schon einmal gespürt hatte. Ich „sah“, was sie tat, auch wenn ich es
nicht begreifen könnte. Mit meiner magischen Sicht konnte ich verfolgen, wie sie
den Schirm, der den Raum umgab, schwächte. Ein feines Netz magischer
Energielinien umgab das Zimmer, in das sie eingriff. Wieder und wieder bäumte
sich der Raum auf, als wäre er ein lebendes Wesen, schlug mit Energien nach uns,
die ich nicht begreifen könnte und jeden Schlag spürte ich deutlicher. Mein
Körper zitterte und ich fühlte auch das junge Mädchen zittern. Eine eigenartige
Schwäche hatte von mir Besitz ergriffen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich
noch auf den Beinen stehen konnte, wenn sie mir weiterhin Kraft entzog.
„Jetzt!“, schrie sie plötzlich und
ich reagierte instinktiv.
Mit dem letzten Rest Macht, der
sich noch in mir befand, holte ich aus und schlug auf die massive Holztür zu.
Diesmal traf ich das Holz. Explosionsartig breitete sich das Licht über der Tür
aus, verursachte ein Glühen im Holz, das sich an den Wänden fortsetzte.
„Auf den Boden!“, schrie Vivian
wieder und ich warf mich neben sie.
Im nächsten Moment explodierte die
Tür und ich umschlang meinen Kopf, um ihn vor herumfliegenden Trümmern zu
schützen. Ich konnte nicht verhindern, dass ein paar der Holzsplitter, die durch
den Raum flogen, auf unseren Körpern landeten. Vivian neben mir stöhnte auf,
kämpfte sich aber im nächsten Augenblick hoch.
„Raus hier, Annie! Wir müssen raus
hier!“
Ich sprang ebenfalls auf. Die
Panik, die von mir Besitz ergriffen hatte, verdrängte einen Teil des Schmerzes.
Ich war sogar erstaunt, als ich auf meine Hand schaute und Blut sah, denn ich
hatte nicht bemerkt, dass mich etwas verletzt hatte. Vivian sprang durch die
halb zerstörte Tür und landete auf der anderen Seite auf dem Steinfußboden. Ich
folgte ihr, ohne nachzudenken. Ein Stück der Trümmer, ob es nun das Holz oder
Steine gewesen waren, musste sie an der Stirn getroffen haben, denn ich konnte
sehen, wie sie das Blut, das ihr ins Gesicht lief, zur Seite wischte.
Hinter uns brach donnernd der Raum
in sich zusammen und Risse zogen sich über den Boden zu unseren Füßen. Wie eine
Kettenreaktion ausgehend von dem magischen Gefängnis rasten Blitze über die
Wände und griffen nach uns.
Vivian schrie auf, als erneut
Licht in ihren Schirm traf und ihn zum Leuchten brachte. Wie blind rannte ich
hinter ihr her die Treppen hinauf. Wir hatten keine Zeit, einen Gedanken zu
verschwenden, erst als wir schwer atmend am Ende der Treppe ankamen, blieb sie
kurz stehen.
„Whoogals“, keuchte sie und
wischte sich mit dem Ärmel wieder das Blut aus dem Gesicht.
Ich sah sicherlich nicht besser
aus, aber einen Schmerz verspürte ich noch immer nicht. Schöne Sache, das mit
den Endorphinen, die in Extremsituationen freigesetzt wurden.
„Whoogals auf der anderen Seite“,
setzte sie hinzu.
Ich nickte und holte tief Luft.
„Können wir nicht hier ein Portal erschaffen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Der
Einfluss des magischen Gefängnisses ist noch zu groß.“
Ich holte tief Luft, stieß dann
die Tür auf und sprang hindurch. Gleichzeitig rollte ich über den Boden ab und
schoss eine der Lichtkugeln auf den nächsten Whoogal.
Diesmal verpuffte er nicht sofort
und ich erinnerte mich an Vivians Worte. Ich hatte Angst und ich empfand Panik
und damit stärkte ich ihn. Die Erkenntnis nutzte mir gar nichts.
Neben mir raste Vivians in die
Halle. „Hier entlang, Annie!“, schrie sie und ich sprang auf.
Mehrere Whoogals nahmen die
Verfolgung auf. Wir konnten sie nur notdürftig auf Abstand halten, weil es zu
viele waren. Wären wir stehen geblieben, sie hätten uns überrannt. Ohne Vivian
wäre ich verloren gewesen. Ich hätte aus der Festung nicht wieder
herausgefunden, aber das junge Mädchen kannte sich hier besser aus und besaß
wahrscheinlich auch eine bessere Orientierung als ich.
Langsam aber sicher verließen mich
meine Kräfte. Ich wusste nicht, wie es Vivian ging. Wieder und wieder schossen
wir automatisch auf heranstürmende Whoogals. Und mit jedem Mal wurde es
schwerer, sie zu töten. Ich machte mir nicht einmal mehr Gedanken darüber, dass
es Lebewesen waren, die ich tötete.
Mir kam es vor, als wären Stunden
vergangen, die ich halb blind hinter Vivian her stürzte. Dann erreichten wir
eine größere Halle, die mir bekannt vorkam.
Übergangslos blieb Vivian stehen.
Es kam so überraschend, dass ich gegen sie lief, ehe ich mich orientieren
konnte. Um uns herum tobten Whoogals. Wieder und wieder versuchte eines der
Wesen zu uns durchzudringen, aber sie schafften es nicht, den magischen Kreis
unserer Macht zu durchdringen.
„Was ist?“, fragte ich und stöhnte
auf, als im nächsten Moment das Schwert eines Whoogals in meinem Schirm glühte.
Ich spürte ihn. Natürlich konnte er mir im Moment noch keinen körperlichen
Schaden zufügen, aber ich spürte jeden Schlag in meinem Körper.
„Magie“, flüsterte das Mädchen.
„Ich spüre Magie…“
„Ja, und?“ Meine Stimme klang
verzweifelt.
„Dies ist ein Portalpunkt“, sagte
sie wieder und ihr Blick irrte durch die Halle. Immer mehr Whoogals stürmten
durch die offenen Tore.
Ich konnte mich gar nicht
konzentrieren, um nachvollziehen zu können, was sie meinte, weil ich mehr damit
zu tun hatte, die Whoogals auf Abstand zu halten. Langsam aber sicher wurde die
Situation brenzlig.
„Du kannst später darüber
nachdenken! Hilf mir!“, schrie ich durch den Lärm der sich entladenden Energien.
Urplötzlich glühte neben uns ein
kleines Portal auf und mein Herz machte einen Sprung,
als ich erkannte, dass es Trevor war, der hindurch sprang.
„Verflucht, was habt ihr getan?“,
schrie er durch den Lärm und trennte mit einem Schlag seines Schwertes den Kopf
eines Whoogals von dessen Schultern. „Wir haben alle noch lebenden Gefangenen
befreit, Sheldon hat ihnen den Weg zur Erde zurück geöffnet. Verschwindet jetzt
endlich von hier!“
„Das magische Gefängnis ist
erwacht und hat um Hilfe gerufen“, antwortete Vivian. Ihre Augen hatte wieder
die Schwärze angenommen, wie immer, wenn die Magie in ihr stark war.
„Verdammt“, fluchte Trevor wieder,
während er gleichzeitig zwei Whoogals abwehrte. „Schaff ein Portal, Annie! Oder
du, Vivian!“
Im gleichen Moment ging eine
Bewegung durch die angreifenden Whoogals. Ein Schauer fuhr durch meinen Körper
und hinterließ einen Schmerz, der nicht fassbar war. Taumelnd sanken meine Hände
an meine Seiten, als sich meine Sicht trübte.
„Scheiße!“, schrie Vivian. „Magier
kommen!“
Trevor stieß sein Schwert einem
Whoogal in den Bauch. „Tut etwas! Ein Portal!“
Das Cyana um meinen Hals glühte
auf. Ich sah nicht mehr, was in der Halle um mich herum passierte, aber ich
konnte deutlich die Gefahr spüren, die auf dem Weg zu uns war. Und urplötzlich
bäumte sich etwas in mir auf.
„Annie“, rief Vivian neben mir.
„Nicht! Lass nicht zu, dass das Cyana handelt!“
Es war zu spät. Ich hatte nicht
gemerkt, was passierte, ich spürte es erst, als es zu spät war. Ein Portal
glühte auf und schwarzer Nebel bildete sich über den Whoogals. Einige stießen
ein Siegesgeschrei aus und stürzten sich mit erneutem Tatendrang in den
magischen Schild, der uns umgab.
Zwei Gestalten schwebten aus dem
neuen Portal, Wesen, die ich nicht kannte, aber ich fühlte die Gefahr, die von
ihnen ausging. Ich fühlte auch, dass sie stark waren, aber bei weitem nicht so
stark wie Endriel. Dann raste der erste magische Angriff auf uns zu und ich
explodierte in der Macht des weißen Lichts. Vivian schrie schmerzgepeinigt auf
und brach auf ihre Knie zusammen, als das Licht mich umtobte. Plötzlich fühlte
ich die gesamte Halle und in ihr jedes einzelne Lebewesen. Die Macht wurde so
stark, dass ich glaubte in Einzelteile zu zerspringen.
Ich spürte den Schmerz und ich
spürte den Triumph der Whoogals und ich fühlte die Macht der beiden Magier. Sie
lachten, weil sie glaubten, ein leichtes Spiel mit uns zu haben, doch als sie
ihre Arme hoben, um auf uns zu feuern, bäumte sich mein Körper auf.
Wie Strahlen schossen Lichtblitze
aus meinen Fingerspitzen, knallten in die Decke, in die Wände und mitten in die
Körper der Whoogals hinein. Es war wie schon einmal. Ich verlor die Kontrolle,
und die Macht reagierte allein. Ich sollte mich hilflos fühlen, aber in diesem
Moment putschte es mich einfach nur auf.
Jetzt waren es Schmerzensschreie
der Whoogals, die den Raum erfüllten. Steine polterten zu Boden und ein Teil der
Außenmauern brach zusammen. Die beiden Magier versuchten gegenzuhalten, es war
aussichtslos. Wie ein Sturm toste meine Magie durch den Raum und wirbelte
Lebewesen und Steine durcheinander.
Vivian hatte sich wieder hoch
gekämpft und kroch auf mich zu. „Ein Portal, Annie“, stieß sie erstickt hervor.
Ihre Worte gingen im Lärm unter,
der meinen Kopf füllte. Schmerzenschreie, Blitze, Lichterkaskaden, all das tobte
durch mein Hirn, brach daraus hervor und setzte sich explodierend in meiner
Umgebung fort.
Um uns herum tobte das Chaos. Ich
hatte keinerlei Gewalt mehr über die Macht, die ich freisetzte. Vivian schrie,
aber ich verstand nicht, was sie sagte. Meine Knie hatten nachgegeben und ich
war zu Boden gesunken. Ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, was um mich
herum passierte. Whoogals starben im Feuer meiner Magie, Explosionen setzten
sich in meinem Kopf fort, aber ich hatte keine Chance, es aufzuhalten. Donnernd
krachten die steinernen Wände zu Boden. Fast schien es, als würde die Gegend von
einem Erdbeben heimgesucht. Immer wieder gab der Boden irgendwo nach, einige der
Kreaturen wurden in den Abgrund gerissen, starben beim Sturz oder in den
Flammen, die meine Magie verursachte. Blitze tobten durch den Raum. Sie
verließen meine Fingerspitzen, ohne dass ich darauf einen Einfluss hatte.
Krachend schlugen sie in Wände oder in die Körper der Wesen, die daraufhin
schreiend zu schwarzen Aschehaufen verkohlten.
Irgendwann vor langer Zeit hatte
Trevor mir erzählt, wie schwer Whoogals zu töten waren. Davon merkte ich jetzt
nichts. Ich tötete sie, ohne nachzudenken und ohne dass ich darauf einen
Einfluss hatte. Es sollte mir Angst machen, doch das tat es nicht, weil ich
nicht fähig war, aufzuhalten, was ich tat.
„Annie!“
Diesmal war es Trevors Stimme, die
ganz schwach an meine Ohren drang. Er kämpfte sich durch den Sturm, der um mich
tobte, fluchte, als ihn herumfliegende Steinsplitter trafen und sank irgendwann
neben mir auf die Knie.
Ich konnte nicht reagieren, obwohl
ich ihn genauso fühlte wie all die anderen Wesen in der Festung.
„Annie!“, schrie er wieder in mein
Ohr und schlang seine Arme um mich, um nicht davon gestoßen zu werden. „Hör auf!
Hör verdammt noch mal auf! Du bringst uns alle um!“
Mit dem Rest meines Verstandes,
der funktionierte, wusste ich das. Aber die Magie in mir reagierte ohne mein
Dazutun.
Auch Vivian hatte es geschafft,
sich bis an meine Seite durchzukämpfen. „Sie wird sterben, wenn sie nicht
aufhört!“, versuchte das Mädchen, den Lärm zu durchdringen. „Die Magie wird erst
erlöschen, wenn ihre Reserven aufgebraucht sind. Und sie wird sterben!“
Es war, als würden die beiden sich
über jemanden Fremdes unterhalten. Ich hörte es und ich hörte es nicht. Schmerz
zog durch meinen Körper, brannte sich in jede Zelle und tobte durch meine Adern.
„Die verdammte Festung wird
zusammenbrechen und uns alle begraben“, fluchte Trevor und schüttelte mich.
„Annie! Wir müssen hier weg!“
Das Cyana, das jetzt wieder um
meinen Hals lag, glühte immer stärker. Ich wollte es stoppen, ich wollte es
wirklich, aber ich wusste nicht wie. Tränen traten in meine Augen, weil ich mich
einfach hilflos fühlte. Die Macht beherrschte mich und nicht andersherum.
„Annie!“, brüllte jetzt Vivian
neben meinem Ohr. „Kämpfe, Annie!“
Sie griff nach meiner Hand und
einem Stromstoß gleich jagte neue Kraft durch meinen Körper. Vivian schrie
schmerzgepeinigt auf, denn gleich einem Parasiten griff meine Magie auf ihre zu
und schmiss sie hinaus, um das Chaos noch zu vergrößern.
Wimmernd brach sie neben mir
zusammen, ohne dass ich etwas tun konnte.
Urplötzlich gab das Dach der
Festung nach und krachte auf den Hallenboden. Es war reiner Zufall, dass es uns
verfehlte, vielleicht war es aber auch die Magie, die mich zwar zerstörte, aber
im gleichen Moment auch schützte.
Ächzend richtete sich Vivian
wieder auf und kroch auf mich zu. Trevor hielt mich noch immer fest, aber er
hatte keine Möglichkeit, zu verhindern, was ich tat.
„Kannst du ein Portal schaffen?“,
hörte ich ihn fragen. Die Frage galt nicht mir, denn er wusste, dass ich nicht
reagieren konnte.
Ich konnte auch Vivians Reaktion
nicht sehen, aber ich bezweifelte, dass sie im Moment dazu in der Lage war. Ich
hatte ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen und der gesamte Tag hatte uns alle
an den Rand der Erschöpfung getrieben. Umso erstaunter war ich, als sich vor mir
ein Portal aufbaute. Die Magie in mir tobte erbost, als würde sie spüren, dass
man sie daran hindern wollte, ihr Werk zu vollenden.
Im nächsten Moment spürte ich
einen mentalen Schlag von Vivians Seite, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich
hatte keine Ahnung, woher sie die Kraft nahm, aber der Schmerz nahm mir erst
einmal den Atem. Für einen kurzen Augenblick übertrumpfte er alles bisher da
gewesene und ließ schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen. Ich hörte mich selbst
schreien, während sich mein Körper schmerzgepeinigt krümmte.
„Durch!“, brüllte Vivian. „Ich hab
keine Kraft mehr! Durch!“
Ich wurde hochgerissen, in das
Portal geworfen und im gleichen Moment versank die Welt um mich herum in
Schwärze.
Das erste, was ich spürte, als
mein Bewusstsein langsam wiederkehrte, war ein warmer Körper, an dem ich lehnte.
Das zweite war Schmerz und unwillkürlich drang ein Stöhnen von meinen Lippen.
„Sie kommt zu sich“, flüsterte
eine Stimme.
Jemand strich über meine Stirn.
Ich wollte einfach nur wieder in der Schwärze der Bewusstlosigkeit versinken.
Oder schlafen. Ich wollte mich der Realität und dem Schmerz, der in jede Pore
meines Körpers zu dringen schien, nicht stellen. Leider war mir das nicht
vergönnt.
„Es war verdammt knapp“, sagte
eine andere, dunklere Stimme. Im Moment war es mir einfach nicht möglich, den
Stimmen Namen zuzuordnen.
Mühsam kämpfte ich und öffnete
meine Augen und blinzelte in die nur von Flammen erhellte Nacht. Vielleicht
konnte ich froh sein, dass es dunkel war, denn so schaffte ich es, die Augen
offen zu halten.
„Verflucht“, murmelte ich ächzend.
Einen Meter neben mir saß Vivian.
Sie sah schrecklich aus. Dreck und Blut klebte an ihrer Kleidung, die an vielen
Stellen eingerissen oder komplett zerfetzt war. Auch die Haare waren verfilzt,
stellenweise blutverkrustet und hingen ihr wirr ins Gesicht, in dem es kaum
einen Flecken mit sauberer Haut gab. Ich nahm an, dass ich nicht viel besser
aussah. Einzig und allein ihre dunklen Augen schauten mich zwar müde, aber auch
besorgt an.
Mühsam versuchte ich mich
aufzurichten, um festzustellen, an wem ich eigentlich lehnte. Starke Hände
hielten mich fest.
„Ruh dich aus, Annie“, sagte
Trevor. „Ein paar Minuten haben wir.“
„Ich glaube nicht, dass wir sehr
viel mehr haben“, meinte Vivian und ihre Stimme klang so zerschlagen wie sie
aussah.
„Was…?“, brachte ich krächzend
hervor. Dann fiel mein Blick auf die Umgebung und ich schnappte nach Luft.
Wir waren wieder auf der Erde. Ich
erkannte es nicht am Sternenhimmel oder an der Luft oder daran, dass plötzlich
Sirenen in der Ferne aufheulten. Nein, ich wusste es, weil ich sah, wo wir uns
befanden.
Es war Newbury. Und es war
Marquardts Heim zur Förderung behinderter Kinder. Der Prunkbau, den er mit den
Geldern all seiner Sponsoren fertig stellen wollte.
Nun ja, von dem Prunkbau war nicht
mehr sonderlich viel übrig. Ich kämpfte mich aus Trevors Umarmung hoch und
versuchte, mehr zu erkennen. Der Bau lag in Schutt und Asche und Flammen stiegen
an vielen Stellen daraus empor. Es sah aus, als hätte jemand eine riesige Bombe
in das Gebäude geworfen. Nicht einmal mehr die Außenwände standen noch und ich
bezweifelte, dass eine einzige Person in dem Haus überlebt hatte.
„Oh, mein Gott“, flüsterte ich
fassungslos.
„Ganz Arbeit, Annie“, kam es
trocken von Trevor.
„Was?“ Ich fuhr herum und allein
die Bewegung verursachte wieder einen stechenden Schmerz in meinem Körper.
Vivian nickte langsam und ernst.
„Es war eine Wechselwirkung zwischen den Welten. Ich weiß auch nicht, wie viel
du auf Whoorin zerstört hast, aber von der Festung war nicht mehr viel übrig,
als wir verschwunden sind. Es besteht ein direkter Zusammenhang mit der Erde.
Mit diesem Gebäude.“ Sie deutete auf den Schuttberg vor uns. „Hast du eine
Ahnung, was das war?“
Ich nickte, noch immer
fassungslos, denn ich konnte nicht glauben, was sie erzählte. Ich sollte diese
Zerstörung verursacht haben?
„Das ist Marquardts Heim für
vernachlässigte und behinderte Kinder. Oder besser, das war es…“ Meine Stimme
verklang und Entsetzen stieg in mir hoch. Ich hatte dieses Gebäude zerstört und
mit ihm wahrscheinlich all die Menschen, die sich darin befanden. „Mein Gott“,
flüsterte ich und jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht. „Ich habe sie alle
getötet… Kinder…“
Trevor legte mir den Arm um die
Schultern und musterte über meinem Kopf hinweg die Zerstörung mit einem düsteren
Blick. „Wenn es eine direkte Verbindung zwischen Whoorin
und diesem Gebäude gab, bezweifle ich, dass es schlimm ist, wenn da drin
niemand mehr lebt.“
Ich schüttelte wild den Kopf, aber
sprechen konnte ich nicht, da meine Kehle wie zugeschnürt war. Dass ich auf
Whoorin intelligente Wesen getötet hatte, war mir zwar nicht als normal
erschienen, aber notwendig, da ich mein eigenes Leben verteidigt hatte. Meine
Macht war entgleist, das war an sich schon schlimm genug, denn es bedeutete,
dass ich unfähig war, mit dem umzugehen, was mir zur Verfügung stand. Ich
bezweifelte plötzlich auch, dass es je anders werden würde. Wenn es aber auch
noch so ausartete, dass ich unschuldige Kinder tötete, wollte ich lieber selbst
sterben als so eine Gefahr zu sein.
„Es waren keine Kinder, die uns
Marquardt damals gezeigt hat“, erinnerte mich Trevor an den Abend unserer ersten
Begegnung. „Es waren Monster, wobei ich noch immer nicht weiß, worum es sich
gehandelt hat. Aber ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, hier in diesem
Haus sind Dinge geschehen, die gefährlich waren und...“
Er verstummte und ich spürte es
gleichzeitig. Ein mächtiger Druck legte sich auf meinen Kopf. Trevor neben mir
schnappte nach Luft und Vivian fuhr mit einem entsetzten Aufschrei in Richtung
des zerstörten Gebäudes herum.
Die Luft flimmerte in einer
Entfernung von vielleicht zehn Metern und im nächsten Moment materialisierte
eine Gestalt, die mir nur allzu bekannt war. Der schwarze Mantel umwehte seine
Figur, während der Wind, den sein Auftauchen verursachte, auch seine Haare in
Bewegung brachte. Er stand wie der Rächer der Geächteten vor dem Schlachtfeld
und seine Augen glühten in einem Furcht erregenden Schwarz.
Endriel.
Aber nicht das war es, was mich
vor Entsetzen sprachlos werden ließ. Auch nicht der Druck der Angst, die er in
meinem Kopf versuchte auszulösen. Nein, es war die menschliche Gestalt, die mit
ihm materialisiert war und die er mit einem Griff in den blonden, langen Haaren
neben sich festhielt und deren Augen von Tränen verschleiert waren. Es war
Susan.
„Du wirst mir langsam unbequem,
Lucyana“, donnerte seine Stimme zu uns herüber. „Ich habe es satt, deine
schwachsinnigen Versuche, uns zu bekämpfen, auszubügeln.“
„Nein“, flüsterte ich, als Susan
den Kopf hob und mich flehend ansah. Das durfte nicht sein. Nicht Susan. Wie
hatte er Susan gefunden?
„Nein“, flüsterte ich wieder und
die wenige Macht, die noch in mir schlummerte, drängte hoch.
Endriel zerrte an Susans Haaren
und zog sie an seine Seite. „Hast du wirklich geglaubt, deine kleine Freundin
hier schützen zu können?“, höhnte er. „Du Närrin!“
„Nein!“, schrie ich gellend,
sprang auf und stürzte nach vorn.
Susan schrie im gleichen Moment,
als Endriels schwarzes Licht sie einhüllte und schweben ließ. Ihr Körper wurde
von ekstatischen Schauern geschüttelt und ihre Schreie bohrten sich in meinen
Kopf.
„Ich werde alle töten, die sich
mir in den Weg stellen“, sagte Endriel eisig. „Was du heute getan hast, Lucyana,
werde ich nie verzeihen.“
Ich kam nicht weit, denn im
nächsten Augenblick schoss ein Ball aus schwarzem Licht auf mich zu und donnerte
in meinen reflexartig errichteten Abwehrschirm. Er glühte auf, aber die Macht
des Aufpralls warf mich zurück auf den Boden. Schmerz zog durch meinen
geschundenen Körper und raubte mir einen Moment den Atem.
Susan schrie noch immer, während
das dunkle Licht sie umtobte.
„Ich schmecke ihre Angst und ihre
Qual“, drang Endriels Stimme zu mir durch. „Ich liebe es, aber ich habe jetzt
keine Zeit zu spielen.“
Trevor zog sein Schwert, doch mit
einer lässigen Bewegung warf ihn Endriel zur Seite.
„Du bist jetzt unwichtig, Jäger.
Es ist die Lucyana, die sterben muss. Ich vergeude meine Kraft nicht an dir.“
Ich sah kaum noch etwas durch den
Schleier des Schmerzes, der mein Bewusstsein zu rauben
drohte. Aber der Wille zu überleben in mir war
stärker. Ich kämpfte mich hoch. Die letzten
Stunden hatten mich mehr als geschwächt, ich wusste, dass ich keine Chance
hatte, aber zu sehen, wie er Susan quälte, war zu viel.
„Nein“, schrie ich wieder, doch im
gleichen Moment glühte Susans Körper schwarz auf. Mein Verstand weigerte sich zu
begreifen, was es bedeutete. Er weigerte sich auch, zu verstehen, was es hieß,
dass Susans Körper verschwand und nur noch schwarze Asche zu Boden rieselte.
Zorn tobte durch meine Adern, so großer Zorn, dass ich für alles andere blind
wurde. Unwillkürlich bildete sich aus den Resten der Magie, die in mir
schlummerte, weißes Licht und drang an meinen Fingerspitzen nach außen.
Endriel warf den Kopf in den
Nacken und lachte. In diesem Moment war mir nicht klar, um wie vieles er stärker
war als ich. Ich wollte es nicht hören und ich wollte es nicht begreifen. Ein
einziger Gedanke beherrschte meinen Kopf. Ich wollte ihn töten. Ich nahm nicht
wahr, dass Trevor auf mich zu stürzte, auch nicht, dass Vivian: „Nein, Annie!“
schrie.
Endriel lachte lauter, als mein
Feuerball wirkungslos in seinem Schirm verpuffte und dieser nicht einmal
aufglühte. Im nächsten Augenblick raste sein dunkles Licht auf mich zu. Mein
Schirm war zu schwach und ich hatte auch keine Kraft mehr, ihn zu stärken.
Vielleicht wollte ich es auch gar nicht mehr, denn eine sonderbare Ruhe breitete
sich in meinem Körper aus, als ich dem dunklen magischen Ball entgegenblicke.
Doch ehe er mich treffen konnte,
warf sich Vivians schlanker Körper vor mich und Endriels Ball knallte mit voller
Wucht in Vivians Schirm. Mit einer grellen Entladung explodierte der Schirm und
warf mich wieder von den Beinen. Dann war Trevor heran, riss das junge Mädchen
zur Seite und stieß sie in meine Richtung. Ich fing ihren wie leblos wirkenden
Körper auf und versuchte mich krampfhaft soweit zu konzentrieren, um wenigstens
eine geringen neuen Schirm für uns beide zu schaffen. Es funktionierte nicht,
denn ich war einfach nicht fähig, das Chaos in meinem Kopf zu beseitigen. Tränen
rollten meine Wangen hinab, weil immer wieder Susans Körper, der zu schwarzer
Asche verbrannte, vor meinem inneren Auge auftauchte.
Trevors Körper umhüllte eisiges
hellblaues Licht, als er sich vor uns aufbaute. „Ich habe keine Chance im
direkten Kampf gegen ihn, Annie“, stieß er hervor. „Bring das Mädchen und dich
in Sicherheit.“
Ich schluchzte und versuchte, auf
die Beine zu kommen. Nichts funktionierte. Nicht einmal meine Beine wollten mir
gehorchen. Und ich schaffte es schon gleich gar nicht, Vivians Körper mit mir
hochzuziehen, geschweige denn, mit ihr von hier zu verschwinden. Ich fühlte mich
einfach nur so zerschlagen, dass ich am liebsten alles aufgegeben hätte. Sollte
er mich töten. Dann war diese Qual endlich vorbei.
Obwohl sich dieser Gedanke in
meinem Kopf bildete, kämpfte ich mich weiter hoch. Ich hatte noch nie einfach
aufgegeben, warum sollte ich jetzt damit anfangen. Weil ich Schuld an Susans Tod
war? Ich schluchzte wieder auf und biss die Zähne zusammen. Meine Arme
umklammerten die bewusstlose Vivian. Sie hatte mir durch ihr Handeln das Leben
gerettet. Allein für sie musste ich jetzt kämpften.
Trevor stand wie ein Fels in der
Brandung. Endriel kam nicht näher, wahrscheinlich fürchtete er den Jäger, wenn
er in dessen greifbare Nähe kam. Aber ein dunkler Ball nach dem anderen donnerte
in Trevors Schutzschirm. Es wunderte mich etwas, woher Trevor die Kraft für den
Schirm hatte, soviel ich wusste, besaß er nur wenige magische Kräfte, dann sah
ich, dass sein Schwert eine große Rolle bei der Abwehr spielte. Es glühte
genauso wie der Schirm und manchmal fing er einen der Bälle mit dem Schwert ab
und warf ihn zur Seite.
„Verschwinde endlich, Annie!“,
schrie Trevor. „Verschwinde endlich!“
Ich gab mir wirklich alle Mühe.
Panisch kämpfte ich mich vorwärts und zog Vivian mit mir. Wieder krachte hinter
uns Endriels Magie in die Erde, ließ sie beben und ich stöhnte, weil ich
stolperte und wieder den Boden unter den Füßen verlor. Ich konnte mich gerade
noch drehen, so dass nicht Vivian zuerst auf der Erde landete, dann stöhnte ich
auf, als der Schmerz meinen Körper durchzuckte.
Endriels Lachen dröhnte durch die
Luft bis an meine Ohren und ich schluchzte wieder auf. Verzweifelt wischte ich
mir über die Augen, versuchte die Tränen zu verdrängen, die ungehindert über
meine Wangen liefen. Dann hörte ich Trevor aufschreien und jegliche Hoffnung
verging zu nichts. Ich drehte den Kopf, während ich Vivian noch immer festhielt,
und das Blut gefror mir fast in den Adern. Trevor war auf die Knie gesunken, das
Schwert noch immer in den Händen, aber von seinem Schutzschirm sah ich keine
Spur mehr.
Und Endriel hob mit einem
siegessicheren Lächeln im Gesicht den Arm mit dem nächsten Feuerball.
Ich vergrub mein Gesicht in
Vivians Haaren und einen kurzen Augenblick ging mir durch den Kopf, dass es das
junge Mädchen gut hatte. Sie würde nicht merken, wenn sie starb.
Ich aber wollte auch nicht sehen,
wie Trevor im dunklen Feuer von Endriels Magie verbrannte und ich wollte auch
nicht sehen, wann Endriels Magie auf mich zuraste.
Allerdings passierte gar nichts
von beidem, sondern urplötzlich änderte sich etwas. Ich riss den Kopf hoch, als
das drückende Gefühl, das Endriels Macht in meinem Kopf auslöste, verschwand und
ein warmer Strom belebender Magie durch meinen Körper raste. Plötzlich war die
ganze Gegend in ein goldenes Licht getaucht und im gleichen Atemzug
materialisierten zwei Gestalten zwischen Trevor und Endriel. Eine davon kannte
ich nur zu gut, während die andere mir völlig unbekannt war. Sheldon sah sich
nicht um und auch die Frau an seiner Seite hatte nur Augen für den dunklen
Magier, der zorneserfüllt fluchte, als sein Feuerball wirkungslos im Schild der
beiden materialisierten Personen verpuffte.
„Diese Welt steht unter unserem
Schutz“, sagte die unbekannte Frau mit einer hellen, klaren Stimme.
Endriel lachte, doch sein Lachen
klang bei weitem nicht mehr siegessicher. „Die Lucyana ist zu schwach, sie zu
schützen!“
Ich konnte nur fassungslos
zusehen, wie die Frau eine kurze Handbewegung machte und ein Sturm heller Magie
auf den Magier zufegte. Wie ein Windstoß fuhr sie durch seinen Körper, brachte
ihn zum schwanken. Im nächsten Moment mischte sich Sheldon ein und Endriel
schrie schmerzgepeinigt auf.
„Ihr seid zu schwach, um mich zu
töten!“, brüllte er, taumelte jedoch rückwärts. „Ich komme wieder und werde
vollenden, was ich begonnen habe!“
Und wieder konnte ich beobachten,
wie dunkles Licht seinen Körper einhüllte, ein Portal öffnete und den Mann
verschluckte. Urplötzlich war das drückende Gefühl völlig verschwunden und ich
sackte zusammen. Vielleicht war die Anspannung das einzige, was mich noch
aufrecht gehalten hatte, mit ihrem Wegfall verließ mich alles und ich fühlte
mich einfach nur noch zerschlagen. So zerschlagen, dass ich am liebsten die
Augen zugemacht hätte und auf der Stelle eingeschlafen wäre.
Sheldon und die unbekannte Frau
drehten sich um und kamen auf uns zu. Sheldon blieb vor Trevor stehen und half
ihm auf die Füße. Ich konnte nicht erkennen, inwieweit Trevor verletzt war, aber
Sheldon musste ihn stützen.
Ich hielt Vivian noch immer
umschlungen, spürte jetzt jedoch, dass sich das Mädchen regte. Über ihren Kopf
hinweg beobachtete ich die Frau, die weiter auf uns zukam und einen Moment
verschlug es mir den Atem.
Sie war schön, aber nicht in der
Art von Schönheit, wie ich es bisher auf der Erde gesehen hatte. Es passierte
selten, dass ich eine Frau ansah und in diesem Zusammenhang an Schönheit dachte.
Meine Vorlieben gingen eindeutig in Richtung Männer, aber jetzt und hier
registrierte ich es. Vielleicht weil es eine Art Schönheit war, die mir vorher
noch nicht begegnet war.
Sie war groß, sicherlich größer
als ich und auch größer als Vivian und sehr schlank. In dem feinen Gesicht
dominierten die grünen, schmalen Augen, die genau wie die Augenbrauen leicht
nach oben geschwungen waren. Auch ihre Gesichtsfarbe war hell, soweit ich das in
diesem Licht erkennen konnte. Perfekt geformte Lippen, auf denen jetzt ein
leises Lächeln lag, vollendeten die Perfektion ihrer Gesichtszüge. Helle, lange,
fast farblose Haare fielen über ihren Rücken bis
hinab zu ihrem Po und glänzten im Licht der Flammen und der wenigen
Straßenlaternen. Ich ahnte, dass sie im Sonnenlicht noch grandioser anzusehen
waren. Da die Haare hinter ihre Ohren gestrichen waren, konnte ich erkennen,
dass diese spitz ausliefen. Sie trug eine overallähnliche Kombination in einem
dunklen Grün, das perfekt zur Farbe ihrer Augen passte und die ihren Körper wie
eine zweite Haut umschmiegte. Alles an ihr schien perfekt und so unwirklich, als
wäre sie aus einem Märchen entstiegen.
Dann war sie vor uns angekommen
und Vivian hob etwas orientierungslos ihren Kopf. Ihr Blick fiel auf die Frau
und sie zog scharf die Luft ein. Im gleichen Moment drängte sie sich noch näher
an mich als würde sie Schutz suchen und flüsterte:
„Niira.“
Die Frau senkte lächelnd den Kopf.
„Du hast Recht, Vivian“, sagte sie mit einer sanften Stimme, die Sheldons so
ähnlich war. Es war kein Vergleich mehr zu dem Tonfall, mit dem sie vorher
Endriel angesprochen hatte.
Ich versuchte krampfhaft, mein
Gedächtnis zu durchkämmen, wo ich den Namen schon gehört hatte. Dass Vivian nun
noch anfing zu zittern, irritierte mich etwas, denn das Gefühl, das ich mit der
Frau verband, war keine Gefahr.
Dann traf der Blick der grünen
Augen mich. „Ich freue mich sehr, dich lebend wieder zu sehen, Lucyana. Wenn
auch die Umstände nicht gerade vorteilhaft sind.“
Wieder zu sehen? Ich konnte mich
nicht entsinnen, sie jemals gesehen zu haben.
Sie streckte mir ihre wie makellos
wirkende, schmale Hand entgegen, um mir aufzuhelfen, doch ich hatte mehr damit
zu tun, Vivian festzuhalten, die sonst wahrscheinlich davon geschossen wäre.
Niira zog ihre Hand zurück. „Das
dunkle Kind fürchtet mich“, erklärte sie leise. „Zu Recht, aber heute sind Dinge
geschehen, die die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen lassen.“
Ich kämpfte mich hoch, ohne Vivian
loszulassen. Das Mädchen zitterte immer noch und schien sich fast hinter meinem
Rücken verkriechen zu wollen. So kannte ich sie nicht und es irritierte mich
etwas.
„Mein Name ist Niira“, stellte
Niira sich dann selbst noch einmal vor. „Ich gehöre zum Rat der Fünf, dem die
fünf mächtigsten weißen Magier angehören.“
Urplötzlich war die Erinnerung
wieder da und ich entsann mich an jenen Tag, als mir Vivian ein wenig über die
Geschichte der Magie erzählt hatte. Jetzt verstand ich auch die Angst des
Mädchens.
Niira winkte. „Folgt mir. Wir
müssen als erstes hier weg an einen ruhigen Ort. Ich denke, wir haben eine Menge
zu bereden.“
Hatten wir das? Ich war mir gar
nicht so sicher, wie ich diese Frau einschätzen sollte. Mein Blick fiel auf
Trevor, der zusammen mit Sheldon neben uns getreten war. Er konnte wieder
selbständig stehen, aber er sah scheußlich aus. Sicherlich genauso scheußlich
wie ich und Vivian, doch der Anblick schnürte mir die Kehle zu. Ich musste ihn
genauso angesehen haben wie er mich, denn er streckte wortlos die Arme aus.
Keine Ahnung, was ich in dem Moment dachte. Sicherlich gar nichts. Ich ließ
Vivian los, fiel Trevor um den Hals und fing an zu weinen.
„Es tut mir leid“, flüsterte er
verzweifelt. „Es tut mir so leid…“
Erst in diesem Augenblick
registrierte ich so richtig, was passiert war und schlagartig war da wieder
Susans Bild in meinem Kopf. Ich schluchzte noch heftiger auf und klammerte mich
an Trevor fest als wolle ich ihn nie wieder loslassen. Alles stürzte auf mich
ein. Susans Blick, ihre Verzweiflung, die Bitte um Hilfe in ihren Augen und die
Schuldgefühle drohten mich zu überwältigen.
Ich bekam nicht einmal mit, dass
Niira neben uns ein Portal öffnete. Erst als Trevor mich mitzog und Sheldon die
widerstrebende Vivian hindurch schob, blinzelte ich durch die Tränen in meinen
Augen und erkannte, dass wir vor meinem Haus materialisiert waren. Es
interessierte mich im Moment nicht einmal, woher diese Niira wusste, wo
ich wohnte. Trevors Arm lag noch immer um meine Schultern. Schniefend wischte
ich über meine Augen, doch die Tränen liefen unvermindert weiter. Es dauerte
ewig, ehe wir es geschafft hatten, die Haustür zu öffnen. Ich sah auch nicht
mehr viel. Ich bemerkte, dass Raven aus Vivians Zimmer gestürzt kam, dem Mädchen
um den Hals fiel und sie sich schluchzend an ihn klammerte.
Trevor hielt mich noch immer fest,
aber ich konnte das jetzt nicht mehr ertragen. Ich löste mich aus seinen Armen,
stürzte die Treppe hinauf in Richtung meines Schlafzimmers, schlug die Tür
hinter mir zu und fiel auf das Bett. Mochten die da unten machen, was sie
wollten. Ich wollte meine Ruhe haben, mich irgendwo verkriechen und weinen.
Ich konnte nicht schlafen, weil
ich weiter weinte. Dabei fühlte ich mich so übermüdet, eigentlich hätte ich
sofort wie eine Tote in den Schlaf sinken müssen. Aber es funktionierte nicht.
Irgendwann öffnete sich die Tür
und ich zog mir ein Kissen über den Kopf, weil ich niemanden sehen wollte. Ich
wollte auch nicht reden.
Trevor nahm mir das Kissen weg,
setzte sich neben mich auf das Bett, lehnte sich ans Kopfende und zog mich in
seine Arme. Er hatte geduscht, ich roch die Seife und das Shampoo an ihm und mir
fiel ein, dass ich mitsamt meiner schmutzigen Kleidung auf das Bett gefallen
war. Es war mir trotzdem egal.
„Es ist nicht deine Schuld,
Annie“, sagte er Ewigkeiten später.
Ich antwortete nicht, aber neue
Tränen liefen über meine Wangen.
„Es hat nichts damit zu tun, dass
du Susan eingeweiht hast“, fuhr er leise fort und strich beruhigend über meine
Haare. „Er hätte sie auch so gefunden, aus dem einzigen Grund, weil sie dir
etwas bedeutet und er dich damit verletzen konnte. Menschenleben zählen für
einen dunklen Magier nichts. Sie sind nur potentielle Kraftspender.“
Schluchzend vergrub ich mein
Gesicht an seiner Brust. Eigentlich hatte ich geglaubt, keine Tränen mehr zu
haben. Es war ein Irrtum.
Trevor presste seine Lippen gegen
meine Haare. „Es gibt nichts, was ich sagen kann, was deinen Schmerz lindert,
aber ich weiß, wie du dich fühlst.“
Susan war wegen mir gestorben.
Weil sie meine Freundin war und ich diese verfluchten Kräfte besaß, die ich nie
haben wollte. Ich hasste mich selbst dafür. Alles in mir wünschte sich, die
vergangen Stunden rückgängig machen zu können und es zu verändern, so dass ich
an Susans Stelle sterben konnte.
„Du musst schlafen, Annie“,
hauchte Trevor in meine Haare. „Wenigstens ein paar Stunden. Niira wird bleiben,
sie hat eine Menge mit Sheldon zu besprechen, aber sie möchte auch mit dir
reden…“ Er stockte kurz. “Und mit Vivian.“
In meiner Verzweiflung hatte ich
die Frau völlig vergessen. Aber im Moment interessierte sie mich auch nicht
wirklich.
„Was ist mit Vivian?“, fragte ich,
ohne den Kopf zu heben.
„Sie schläft genauso wenig wie du.
Allerdings aus einem anderen Grund. Sie hat eine Heidenangst vor Niira.“
Gedankenverloren streichelten Trevors Hände über meine Haare. „Ich habe gesehen,
was sie heute getan hat, Annie. Sie braucht keine Angst vor Niira zu haben.“
Seine Hände hoben mein Gesicht zu seinem. „Sag ihr das, okay? Mir glaubt sie
nicht. Ihr braucht beide Schlaf.“
Ich nickte müde. „Wo ist sie?“
„Vor der Tür. Sie wollte nicht
reingehen, wenn du so offensichtlich allein sein wolltest.“
Ich schniefte leise. „Dich hat das
nicht gestört.“
„Ich bin ein wenig älter als sie“,
antwortete er ernst. „Man lernt erst viel später, dass jemand, der sich
verkriecht, nicht unbedingt allein sein will. Manchmal schon. Aber nicht immer.“
Ich schloss kurz die Augen und
wieder traten neue Tränen hinter meinen Lidern hervor. „Ich fühle mich so
verdammt schuldig“, flüsterte ich verzweifelt.
Er senkte kurz den Kopf und
hauchte mir einen Kuss auf die Lippen. „Ich weiß“, war alles, was er sagte und
es klang so traurig, dass ich wusste, er hatte ähnliches erlebt.
Dann löste er sich von mir und
stand auf. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Ich hatte verfluchte Angst um
dich, Annie.“
Er erwartete keine Antwort und ich
hatte auch keine. Einzig und allein die Tränen flossen unvermindert weiter und
ich suchte krampfhaft nach einem Taschentuch neben meinem Bett. Als ich wieder
hochsah, hatte er das Zimmer verlassen, und Vivian war hereingekommen. Sie hatte
ebenfalls geduscht und ihre dunklen Haare waren noch nass. Ihr Gesicht wirkte
noch blasser als sonst und dunkle Ringe langen unter ihren Augen. Zögernd, als
wäre sie unsicher, kam sie näher.
Ich schluchzte erneut auf, hob
meine Arme und im nächsten Moment fiel sie mir um den Hals und fing ebenfalls an
zu weinen.
„Was du getan hast, war verrückt,
Vivi“, schniefte ich, während ich sie festhielt. „Du hättest sterben können.“
„Du wärst tot, wenn ich es nicht
getan hätte“, brachte sie hervor.
Das stimmte.
Ich weiß nicht, wie lange wir
weinten und uns gegenseitig festhielten. Irgendwann versiegten die Tränen, weil
es einfach keine mehr gab und ich fühlte mich noch müder. Vivian löste sich aus
meiner Umarmung, griff nach dem Taschentuch, das ich ihr hinhielt und wischte
sich verlegen über die Augen.
„Ich bin gewöhnlich nicht so eine
Heulsuse.“
„Ich auch nicht“, gab ich seufzend
zu. Dann hob ich meine Hand und strich ihr sanft über die Wange. „Ich will
nicht, dass du noch einmal dein Leben riskierst, um meins zu retten.“
Ihre großen dunklen Augen schauten
mich einfach nur traurig an. „Ich weiß, wie du dich gefühlt hast“, flüsterte sie
stockend. „Du hast dich aufgegeben, als du gesehen hast, wie Susan starb. Du
hättest dich töten lassen, ohne etwas zu tun.“
Ich starrte sie an, ohne einen Ton
hervorbringen zu können und neue Tränen rollten meine Wangen hinab.
„Ich habe das gleiche gefühlt, als
Dorean gestorben ist…“, hauchte sie dann kaum hörbar.
Noch immer konnte ich nichts
sagen, weil der Kloß in meiner Kehle immer größer wurde. Sie klang, als wäre sie
um einiges älter als ich, sie klang, als müsste sie mir Trost zusprechen und ich
wusste genau, dass es das war, was sie versuchte. Mit sechzehn musste man solch
eine Erfahrung noch nicht gemacht haben. Aber sie hatte es. Und damals war
niemand da gewesen, der ihr ein wenig des Schmerzes hätte abnehmen können.
„Verflucht“, murmelte ich
verzweifelt. „Ich bin so eine Idiotin.“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Bist du nicht.“
Dann sah ich sie ernst an. „Du
brauchst keine Angst vor Niira zu haben. Ich habe keine Ahnung, warum sie hier
ist. Aber ich verspreche dir, ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas antut.“
Vivian verzog den Mund zu einem
schiefen Grinsen. „Niira ist eine der fünf mächtigsten weißen Hexen. Du hast
nicht den Hauch einer Chance gegen sie.“
„Egal“, entgegnete ich überzeugt.
Was sie dazu bracht, noch kläglicher zu grinsen.
„Magst du hier schlafen?“, fragte
ich dann vorsichtig. „Wir brauchen wenigstens ein paar Stunden Ruhe.“
Sie nickte schüchtern.
„Ich geh noch fix duschen“, sagte
ich dann mit einem schwachen Lächeln.
Vivian nickte und überraschte mich
dann, indem sie sich vorbeugte, mir einen schnellen Kuss auf die Wange gab und
flüsterte. „Danke, Annie.“
Diese Geste rührte mich mehr als
alles andere. Ehe ich jedoch in die Versuchung kommen konnte, weiterzuflennen,
war sie aufgestanden und um das breite Bett herumgegangen. Ich seufzte, denn es
kostete mich eine Menge Überwindung aufzustehen und ins Bad zu schlurfen.
Es war mir egal, was Sheldon und
diese Niira unten in meinem Wohnzimmer taten. In gewisser Art und Weise war mir
die Frau unheimlich, aber ich vertraute Sheldons und Trevors Urteilsvermögen in
dieser Hinsicht völlig. Zu mehr Denken war ich einfach nicht mehr in der Lage.
Ich sah auch Trevor nicht, nahm aber an, dass er sich denken konnte, dass ich
Vivian nicht wieder aus meinem Zimmer schicken würde. Er war alt genug, um
selbst entscheiden zu können, wo er ein paar Stunden in Ruhe schlafen konnte.
Als ich wieder zurück ins
Schlafzimmer kam, hatte sich Vivian schon unter der Decke zusammengerollt und
schlief. Ich fiel auf meine Seite und war keine Minute später ebenfalls
eingeschlafen.
~*~*~*~*~*~*~*~
Trevor hatte auf dem neuen
Klappbett in Vivians Zimmer geschlafen. Ich wusste nicht, wie er Raven davon
überzeugt hatte, dass er keine Angst haben musste, aber als ich nach fünf
Stunden Schlaf mein Zimmer verließ, saß Raven zusammen mit Trevor in der Küche
und frühstückte.
Vivian schlief noch und ich wollte
sie auch nicht wecken. Erst einmal wollte ich diese Frau, die so stark sein
sollte, kennen lernen.
Niira war noch immer in ein
Gespräch mit Sheldon vertieft. Den beiden merkte ich keine Müdigkeit an, und
das, obwohl auch Sheldon am
Kampf auf Whoorin beteiligt gewesen war. Vielleicht gab es auch noch eine
geheime Möglichkeit, seine Kräfte wieder zu erneuern, die man noch nicht für
wichtig genug gehalten hatte, mir gegenüber zu erwähnen.
Niira schaute mich mit diesem
überirdisch schönen Gesicht an, als ich mich auf die Couch setzte und lächelte.
„Ich freue mich, dich zu sehen,
Annie.“
Ich konnte sie nicht einschätzen,
deshalb brachte ich das: „Gleichfalls“, auch nicht hervor. Meine Schwäche.
Heucheln und etwas sagen, was ich nicht meinte, war noch nie mein Ding gewesen.
Vielleicht sah sie mir meine Skepsis auch überdeutlich an, denn ihr Lächeln
wurde breiter.
„Ich nehme an, du hast eine Menge
Fragen. Warum stellst du sie nicht?“
Ehe ich dazu kam, hörte ich
jemanden die Treppe heruntergekommen und Vivian schlurfte ins Wohnzimmer.
Schlurfte war der richtige Ausdruck, denn sie sah aus wie ich, wenn man mich zu
zeitig weckte und ich mich aus dem Bett quälen musste. Wortlos verschwand sie
erst einmal in der Küche.
„Vielleicht warten wir noch auf
das dunkle Kind“, sagte Niira mit ihrer weichen Stimme.
Wie sie wollte. Ich zuckte mit den
Schultern. Wer war ich denn, etwas dagegen zu sagen? „Dann fangen wir doch
einfach mit der Sache an, die Vivian weiß, aber ich nicht. Wer sind Sie?“
Niira lächelte wieder. „Mein Name
ist Niira Elkamor. Ursprünglich stamme ich von der Welt Avalon. Die Menschen
deiner Welt, Annie, würden mich als eine Elfe bezeichnen.“
Ah ja. Das würde passen. Ich
starrte sie stumm an, ohne etwas zu sagen.
„Ich wurde vor
siebenhundertdreizehn Menschenjahren geboren und gehöre seit
sechshundertvierzehn Jahren zum Rat der Fünf, dem außer mir noch Amdalon, Keerin,
Saumorn, und Lorraine angehören“, fuhr Niira fort. „Meine Aufgabe ist es, die
Welten, die unter unserem Schutz stehen, im Auge zu behalten.“
„Die Erde?“
Sie nickte. „Seit einiger Zeit
geschehen auf der Erde Dinge, die nicht verborgen bleiben. Menschen streben nach
Macht, andere Welten streben nach Macht. Und es werden Menschen geboren, denen
es bestimmt ist, das Schicksal zu beeinflussen.“
Für einen Moment fiel es mir
schwer zu atmen. Sie meinte nicht mich, oder? Als ich diese Frage stellte,
lächelte sie wieder fein. „Du bist eine von ihnen, Annie. Aber bis gestern war
mir nicht bewusst, dass du nicht die Einzige bist.“
Es dauerte eine Weile, ehe richtig
durchsickerte, was sie sagte und mir fehlten einen Moment die Worte. Es war zu
ungewöhnlich, ja zu unmöglich, wenn man bedachte, welche Differenzen zwischen
dunkler und heller Seite herrschten.
„Vivian?“, flüsterte ich deshalb
fassungslos und völlig ungläubig.
Niira neigte den Kopf. „Das dunkle
Kind hat etwas getan, was in unseren Augen etwas sehr Außergewöhnliches
darstellt.“
In diesem Augenblick kam Vivian,
mit einen großer Becher Kakao in der Hand, wieder aus der Küche. Mit einem noch
immer sehr mürrischen Gesichtsausdruck fiel sie neben mich auf die Couch, in
größtmöglicher Entfernung zu Niira, stellte den Becher auf den Tisch und
murmelte: „Redet ihr über mich?“
Die Elfe nickte. Dann hob sie ihre
Hand in Vivians Richtung und ließ das weiße, magische Licht auf ihrer Handfläche
tanzen. Vivian setzte sich übergangslos kerzengerade auf und musterte Niira mit
einem wachsamen und zugleich fluchtbereiten Ausdruck im Gesicht.
Ich griff nach ihrer Hand und
drückte sie beruhigend. Ich konnte förmlich spüren, dass Vivian nur darauf
wartete, aufzuspringen und zu flüchten. Das wollte ich verhindern, denn Vivian
sollte hören, was Niira zu sagen hatte. Mittlerweile bezweifelte ich ebenfalls,
dass Niira eine Gefahr für das junge Mädchen darstellte.
Das weiße Licht wurde zu einem
Nebel, der von Niiras Hand aufstieg und in Vivians Richtung schwebte. Das junge
Mädchen hielt den Atem an, während ihre Augen verfolgten, wie das Licht näher
kam. Sicherlich unbewusst hob sie ihre Hand ebenfalls und diesmal entfuhr mir
ein:
„Wow…“
Vivians Licht war nicht mehr
schwarz. Jedenfalls nicht mehr die dunkle Schwärze, die ich damals im Heim für
schwererziehbare Jugendliche kennen gelernt hatte. Es war auch nicht rein und
weiß wie mein eigenes, aber allein, dass sich die Farbe des Lichtes verändert
hatte, überraschte mich mehr als alles andere.
Vivian schien es genauso zu gehen,
denn sie starrte auf ihre Hand und hatte Niira völlig vergessen. Jetzt war es
Hilflosigkeit, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelte. Fragen standen in ihren
Augen und ich wusste, dass Niira die Einzige war, die sie beantworten konnte.
Mit einer kurzen Handbewegung ließ
die Elfe ihr eigenes magisches Licht verschwinden.
„Du wolltest das Höchste opfern,
das ein lebendes Wesen opfern kann“, erklärte sie weich. „Dein Leben.“
Mein Kopf schoss zu Vivian.
„Was?“, brachte ich hervor.
Verlegen senkte das Mädchen den
Kopf und Niira antwortete an ihrer Stelle. „Sie wollte ihr Leben opfern, um
deins zu retten, Annie.“
Ich hatte keine Augen mehr für die
Elfe, sondern schaute nur Vivian an. „Warum?“, flüsterte ich erstickt.
„Weil sie glaubt, dein Leben wäre
mehr Wert als ihr eigenes“, kam es wieder von Niira.
„Vivi?“, fragte ich verzweifelt.
Sie schüttelte stumm den Kopf,
ohne mich anzusehen. Ich ließ ihre Hand los, legte ihr den Arm um die Schultern
und zog sie an mich. Es bedurfte keiner Worte. Mir war vollkommen klar, dass
Niira mit dem, was sie gesagt hatte, richtig lag.
„Ich habe dich damals gebeten,
mich zu töten“, sagte Vivian plötzlich leise und noch immer mit gesenktem Kopf.
„Du wolltest es nicht. Wenn ich gestorben wäre, um dein Leben zu retten, hätte
ich einen Teil der Dinge, die ich getan habe, wieder gut machen können.“
Wieder stiegen Tränen in meine
Augen. „Du Dummkopf“, hauchte ich fassungslos und lehnte einen Moment meine
Stirn gegen ihre Haare. „Du Dummkopf. Das machst du nie wieder, hörst du? Nie
wieder…“
„Es ist einmalig in der Geschichte
der Magie“, mischte sich Niira ein, „dass ein dunkles Kind solche Gefühle
entwickelt. Noch dazu, wenn es sich um die Tochter Anastasias handelt.“
Ich hob den Kopf und sah die Elfe
an. Vivian blieb stumm, aber sie lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter und
schaute zu Niira.
Niira beugte sich nach vorn und
hob die Hand. Ich fühlte, wie sich Vivian verspannte, aber sie rührte sich
nicht, als Niiras Finger sanft über ihre Wangen strichen.
„Du stehst ab heute unter dem
Schutz der weißen Magie, kleine Vivian“, erklärte sie ernst. „Ich hoffe, du bist
dir der Verantwortung, die wir dir damit übertragen, bewusst.“
Vivian schluckte und brauchte eine
Weile, ehe sie fähig war zu antworten. „Ich weiß nicht, was es heißt.“
„Ich auch nicht, Vivi“, gab ich
trocken zu. „Ich hoffe, sie erklärt es noch.“
Niira lachte glockenhell und
Sheldon, den ich bis jetzt gar nicht beachtet hatte, schmunzelte ebenfalls. Ich
fand das gar nicht toll, denn wenn sie schon lachten, wollte ich mitlachen.
„Ihr seid noch sehr jung, alle
beide“, erklärte Niira.
Darüber konnte man streiten, aber
ich ließ das einfach mal im Raum stehen. Jemand, der über siebenhundert Jahre
alt war, durfte mich ruhig als jung bezeichnen.
„Das Wichtigste ist eine
Ausbildung“, fuhr die Elfe fort. „Die Universitätswelten Haastard und Avalon
stehen euch offen.“
„Mir auch?“, fragte Vivian
fassungslos und richtete sich auf.
Die Elfe nickte. „Natürlich auch
dir. Wir nehmen die Verantwortung, die wir für unsere Schützlinge tragen, sehr
ernst. Es wird nicht leicht für dich werden und möglicherweise wirst du auf
Misstrauen und vielleicht auch Abneigung stoßen, aber ich denke, eine Ausbildung
ist sehr wichtig für dich.“
„Ich kann mit Misstrauen und
Abneigung umgehen“, entgegnete Vivian ruhig. „Mir wurde in den letzten Monaten
kaum etwas anderes entgegen gebracht. Was ich allerdings nicht will, ist genau
das gleiche zu erleben wie in den Jahren meiner Kindheit. Ich will nicht wieder
in Schranken gepresst werden, mich Regeln unterwerfen, die andere für mich
aufstellen, weil sie glauben, dass es zu meinem besten ist. Ich weiß genauer,
was für mich am besten ist.“
Ich persönlich konnte das von mir
nicht behaupten. Eigentlich fand ich es am besten, die letzten Wochen aus meinem
Kopf zu streichen, die Kräfte abgeben und ein normales Leben führen. Vivian
musterte Niira aus schmalen Augen und jegliche Angst, die sie noch vor wenigen
Minuten vor der Elfe empfunden hatte, war verschwunden.
„Ich ziehe den Tod vor“, sagte sie
leise, „wenn Leben bedeutet, mich selbst aufzugeben. Wenn Leben bedeutet,
Befehlen zu gehorchen, deren Sinn ich nicht verstehe. Und wenn Leben bedeutet,
vorzuspielen jemand zu sein, der ich nicht bin.“
Niira senkte bestätigend den Kopf.
„Kluge Worte, vor allem, wenn man dein Alter bedenkt. Ich schätze deine
Ehrlichkeit sehr, Vivian. Ich rate dir trotzdem, eine der Universitäten zu
besuchen. Die Macht, die uns gegeben wurde, ist stark und gefährlich. Du weißt
schon sehr viel, aber bei weitem nicht alles.“
Vivian hielt Niiras Blick stand.
„Ich weiß das.“
Ein Lächeln umspielte die Lippen
der Elfe. „Es wird sehr interessant für mich sein zu beobachten, wie ihr euch
entwickelt und was aus euch wird. Natürlich werde ich nicht immer erreichbar
sein, aber wenn etwas ist, kontaktiert Sheldon. Er steht in Verbindung zu mir.
Und ich weiß…“ Sie drehte den Kopf und lächelte den Vampir an. „Ich weiß, dass
Sheldon sehr viel daran liegt, euch in sicheren
Händen zu wissen. Das Kräfteverhältnis ist zu schwach verteilt, als dass wir es
uns leisten können, solch starke potentielle Magier zu verlieren.“
Bevor ich eine solche Entscheidung
fällte, musste ich mir selbst darüber klar werden, was ich wollte. Denn es hieß,
alles aufzugeben, was ich bisher erreicht hatte. Okay, mein Job? Wie lange ich
den noch haben würde, stand in den Sternen. Larry war schon lange Vergangenheit.
Susan war tot. Es gab nicht viele Menschen auf dieser Welt, die mir wichtig
waren oder denen ich wichtig war. Was also hielt mich noch auf dieser Welt? Die
Menschen, die mir ans Herz gewachsen waren, gehörten meinem neuen Leben an.
Trotzdem würde es ein endgültiger Schritt sein und ich musste mir gründlich
überlegen, ob ich ihn gehen wollte.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich
mich den Zwängen einer weißmagischen Universität unterwerfen will“, erklärte
Vivian neben mir.
Sie wusste besser, was sie wollte
als ich. Beschämend.
„Du hast dir Feinde gemacht,
Vivian“, erklärte Niira sanft. „Sie werden dich jagen. Sie werden keine Ruhe
geben, bis sie dich getötet oder gebrochen haben. Auf Haastard oder Avalon bist
du vorerst sicher.“
„Ich habe keine Angst vor dem
Tod“, antwortete Vivian lakonisch.
Die Elfe nickte. „Niemand, der so
alt ist wie ich, fürchtet den Tod. Wir wissen, dass das Leben bedeutend
schlimmere Dinge bereithalten kann.“
Mein Blick wanderte von Niira, die
Vivian offen anschaute, zu dem jungen Mädchen. Verschwunden war die
unterschwellige Angst, die sie noch vor wenigen Minuten dazu gebracht hatte,
Schutz suchend an meine Seite zu rutschen. Jetzt erwiderte sie den Blick eher
mit einem gewissen Trotz.
Niira lächelte fein. „Wir befinden
uns im Krieg. Wir müssen die Welten schützen, die unter unserer Obhut stehen.“
Sie machte eine Handbewegung, die die Erde einzuschließen schien. „Wer mit der
Macht geboren wurde, dem wurde eine hohe Verantwortung in die Wiege gelegt.
Entweder man kann moralisch damit umgehen oder nicht. Aber wir versuchen alles,
um diesen Wesen die Verantwortung begreiflich zu machen. Es gibt immer wieder
Rückfälle, das ist einfach nicht zu verhindern, aber zu erleben, dass es auch
anders herum sein kann, dass ein dunkles Kind die Seite des Lichts entdeckt und
Gefühle entwickelt, die sie nicht fühlen dürfte, stimmt mich glücklich. Ich
musste über siebenhundert Jahre alt werden, um das zu erleben.“
„Mum nannte es schwach“,
entgegnete Vivian trocken. „Sie nannte es den Fehler meiner menschlichen Gene.“
„In meinen Augen bist du sehr,
sehr stark“, sagte Niira. „Das Leben ist etwas unschätzbar Wertvolles…“
„Meins nicht“, unterbrach das
Mädchen die Elfe.
Ich stieß sie mit dem Ellenbogen
in die Seite.
„Dies zu erkennen und entsprechend
zu handeln“, fuhr Niira unbeirrt fort, „macht wahre Stärke aus.“
„Wenn ich solches philosophisches
Geschwafel auf Haastard oder Avalon höre, gehe ich wieder“, brummte Vivian
missmutig und ich musste grinsen.
„Ich auch. Heißt das, wir gehen da
zusammen hin?“
Vivian steigerte sich gerade in
ihre mürrische Laune hinein. „Hab ich nicht gesagt. Ich weiß es noch nicht. Ich
muss vorher noch eine Menge klären.“
Jetzt drehte Niira ihren Kopf und
ihre klaren, grünen Augen trafen meine. „Du musst deine Vergangenheit kennen
lernen, Annie. Sheldon kann dir helfen. Es ist sehr wichtig für dich zu
erfahren, was in deinem Leben passiert ist.“
Übergangslos war ein Knoten in
meinem Magen da. „Was weißt du, was ich nicht weiß?“, fragte ich schwach.
„Die Erinnerungen sind in deinem
Kopf, aber du hast keinen Zugang zu ihnen. Ich werde sie dir nicht erzählen, du
musst sie sehen und erleben.“
Plötzlich hatte ich Angst und ein
eisiger Schauer lief meinen Rücken hinab. Da mir wirklich Erinnerungen an meine
Kindheit fehlten, hatte ich eine Menge Abhandlungen über dieses Thema gelesen.
Der menschliche Geist hatte einen Grund, solche Erinnerungen auszublenden und
wenn ich bedachte, was da bei manchen Menschen ans Licht kam, wollte ich meine
eigenen gar nicht kennen lernen. Mir reichten die Alpträume, die ich jahrelang
gehabt hatte, ich brauchte nicht noch Stoff für neue. Aber vielleicht hatte die
Elfe recht? Vielleicht musste ich meine Vergangenheit kennen lernen, um mit mir
selbst zurechtzukommen?
„Fehlen dir die Erinnerungen
eigentlich, weil sie jemand blockiert hat oder weil du es selbst getan hast?“,
fragte Vivian neugierig.
„Woher soll ich das wissen“,
knurrte ich gereizt.
„Verdrängte Erinnerungen sind
gefährlich.“
Verdammt! Ich sprang auf,
verschränkte die Arme vor meiner Brust und lief im Zimmer auf und ab. Na und?
Wieso überhaupt gefährlich? Was ich nicht wusste, konnte mich auch nicht
belasten, oder? Außerdem, woher wollte sie das wissen?
Vivian schaute mich mit großen
Augen an. „Du hast Angst vor deiner eigenen Vergangenheit?“, fragte sie
vollkommen verblüfft. „Schlimmer als meine kann sie kaum gewesen sein.“
„Vivian.“ Es war nur das eine
Wort, das Niira sagte. Aber das junge Mädchen fragte nicht weiter, obwohl ich
ihr ansehen konnte, dass ihr eine Menge durch den Kopf ging. Ihr Glück. Sie war
nicht die Einzige, die schlechte Laune kriegen konnte und wenn es um das Thema
fehlende Erinnerungen ging, reagierte ich sehr empfindlich. Das hatte schon
Larry zu spüren bekommen und auch die Männer vor ihm.
In diesem Moment verließen Trevor
und Raven die Küche und setzten sich zu uns. Erst jetzt fiel mir wieder ein,
dass die beiden bis zu diesem Zeitpunkt gemütlich zusammen gefrühstückt hatten.
Vivian zog Raven an ihre Seite und flüsterte etwas in sein Ohr, das ich nicht
verstehen konnte.
Trevor ließ sich in den noch
freien Sessel fallen. Sein Blick glitt über uns und blieb an Niira hängen. „Was
verschafft uns eigentlich die Ehre deines Besuchs, Elfe?“
Es war nicht nur die Anrede,
sondern auch der Tonfall, der mich überraschte. Sein Auftreten Sheldon gegenüber
war immer freundschaftlich, ja fast respektvoll gewesen. Gegenüber Niira, die
meiner Meinung nach um einiges mächtiger als Sheldon war, zeigte er genau das
Gegenteil. Selbst Vivian drehte überrascht den Kopf.
Über Niiras Lippen huschte ein
feines Lächeln. „Das Weltengefüge wurde erschüttert.“
„Es sind in den letzten Jahren so
viele Menschen gestorben, ohne dass sich einer von euch verpflichtet gefühlt
hat, hier aufzukreuzen“, sagte Trevor kühl.
Sie legte den Kopf schief und ihre
grünen Augen schienen von innen heraus zu glühen. „Ich höre den Vorwurf in
deinen Worten, Jäger. Aber auch wir sind nicht allmächtig. Auf anderen Welten
geschehen schlimmere Dinge. Wir müssen Prioritäten setzen.“
Trevors Augen verengten sich.
„Prioritäten setzen bedeutet, den Tod „unwichtiger“ Menschen in Kauf zu nehmen?“
Die Elfe erwiderte seinen Blick
und nickte langsam. „Manchmal bedeutet es das, Jäger. Das ist richtig.“ Ehe er
zu einer erbosten Antwort ansetzen konnte, hob sie ihre Hand und stoppte ihn.
„Urteile nie, wenn du die Gesamtheit nicht überblicken kannst. Du hast noch nie
die Verantwortung für alle Welten tragen müssen.“
Ich selbst würde so eine
Verantwortung nie tragen wollen. Allein der Gedanke, entscheiden zu müssen, wo
man im Notfall hineilte und wen man sterben ließ, war grausam. Trevor allerdings
sah nicht so aus, als würde er Verständnis für Niiras Haltung haben.
„Annes Macht ist sehr groß. Größer
als es im Moment scheint und auch wir haben es unterschätzt. Was sie getan hat,
hätte ihr eigentlich nicht möglich sein dürfen, und es hat das gesamte
Weltengefüge erschüttert. Whoogal war zu unwichtig für Endriel geworden, er war
davon ausgegangen, dass zwei schwächere Magier reichen, um seine Interessen zu
vertreten. Ein Fehler, den er jetzt zu
verantworten hat, weil er Anne unterschätzt hat. Und die Rolle des dunklen
Kindes haben wir alle übersehen.“ Niira lächelte wieder in Vivians Richtung. „In
den nächsten Jahren wird sich einiges ändern.“ Sie wurde wieder ernst. „Wir
haben Krieg und seit dem gestrigen Tag wird die Erde einbezogen sein. Die
Menschen werden das zu spüren bekommen. Und es ist unsere Aufgabe, dafür zu
sorgen, dass die Folgen so gering wie möglich bleiben.“
„Was bedeutet das?“, fragte ich
unbehaglich. Ich wollte nicht Schuld sein, dass noch mehr Menschen starben.
„Die dunkle Seite wird versuchen,
hier Fuß zu fassen“, erklärte Niira einfach. „Der angestrebte Pakt mit Whoogal
ist gescheitert. Der Mensch, der im Namen Whoogals die Erde regieren sollte, ist
tot.“
Das erstaunte mich jetzt etwas.
„Welcher Mensch?“
„Ich kenne seinen Namen nicht“,
antwortete Niira. „Aber er ist in den Erschütterungen des Weltengefüges
gestorben. Er besaß schon Macht, aber nicht genug, um sich zu schützen und er
war zu unwichtig, als dass ihn ein dunkler Magier geschützt hätte. Endriels Plan
ist gescheitert und daran hast du einen nicht zu unterschätzenden Anteil.“
Es war nicht so, dass ich mich
nach dieser Ehre gerissen hatte.
„Du, und das dunkle Kind“, fuhr
die Elfe fort. „Denn hätte Vivian damals nicht so gehandelt, wie sie gehandelt
hat und dich getötet, wäre die Erde nun in den Händen Whoorins.“
„Und ihr hättet keinen Finger
gerührt“, knurrte Trevor bissig dazwischen.
Vivian zuckte mit keiner Wimper,
obwohl ich bezweifelte, dass ihr das so bewusst gewesen war, mir jedoch lief ein
eisiger Schauer über den Rücken.
„Du bist eine Heldin, Vivi“,
versuchte ich zu witzeln, obwohl sich mein Magen noch mehr zusammenzog.
Sie verzog nur den Mund.
Niira erhob sich. „Ich muss jetzt
gehen. Ich war lange genug hier. Eigentlich viel zu lange. Alle weiteren
Informationen kann euch Sheldon geben, aber ich hoffe, dass wir uns noch einmal
wieder sehen.“ Die Elfe nickte uns freundlich zu und Sheldon folgte ihr, als sie
zur Tür ging, um draußen ein Portal zu schaffen, durch das sie, wohin auch
immer, zurückkehren konnte.
Schweigen legte sich über uns
restliche verbliebene Vier. Trevor starrte mit düsterem Gesichtsausdruck vor
sich hin, Vivian schien mit ihren Gedanken sonst wo zu sein und Raven hatte
seinen Kopf an die Schulter des jungen Mädchens gelehnt. Ihn interessierte die
ganze Angelegenheit sicherlich überhaupt nicht.
Ich brach die Stille, indem ich
einfach das fragte, was ich schon lange wissen wollte. „Wen konntet ihr retten?“
Trevor drehte den Kopf und sah
mich an. „Die meisten, die du kennst. Das Wichtigste ist jetzt erst einmal, eine
neue Unterkunft zu finden. Das Dark Night
steht nicht mehr zur Verfügung.“
„Wo befinden sie sich alle jetzt?
Ist Thunder bei ihnen?“
„In der Kanalisation“, sagte
Trevor leise. „Dort sind sie zumindest erst einmal vor dem Tagesanbruch
geschützt. Und ja, Thunder versucht, das Leben im Untergrund so zu organisieren,
dass die Menschen nichts von unserer Existenz erfahren. Dort sind sie zumindest
erst einmal vor dem Tagesanbruch geschützt.“
Der Gedanke, dass sich Menschen,
oder eben Vampire, in der Kanalisation aufhielten, gefiel mir gar nicht. Ich
verband damit immer einen ekelhaften Gestank, Schmutz und Ratten. Ein Teil
dieser Gedanken musste sich in meinem Gesicht gezeigt haben, denn Trevor
lächelte schwach. „Es ist nicht das erste und wird auch nicht das letzte Mal
sein, dass wir uns verbergen müssen.“
„Die Kanalisation durchzieht den
gesamten Untergrund der Stadt“, mischte sich Vivian trocken ein. „Man kann sich
bequem von einer Stelle zur anderen bewegen.“
Mein Kopf schoss zu ihr herum und
sie grinste vergnügt. „Ja“, antwortete sie auf meine ungestellte Frage. „Ich
habe mich auch zeitweise da aufgehalten. Und die Ratten sind das kleinste Übel,
glaub mir.“
Darüber konnte man sicherlich
geteilter Meinung sein. Aber Vivian hatten ganz andere Möglichkeiten zur
Verfügung gestanden. Ich wettete mit mir selbst, dass sie es sich mit Hilfe
ihrer Magie so bequem wie möglich gemacht hatte.
„Schon eine Idee?“, fragte ich
Trevor dann.
Er schüttelte den Kopf. „In den
nächsten Jahren werden einige Schwierigkeiten auf uns zu kommen. Die Erde wird
im Brennpunkt stehen und ich bin mir nicht sicher, dass wir unsere Existenz vor
den Menschen geheim halten können.“
Ich verzog den Mund. „Vielleicht
wäre es sowieso besser, alle aufzuklären.“
In diesem Moment kam Sheldon
zurück. Er hatte meine letzten Worten gehört und schüttelte den Kopf.
„Nein, Annie. Die Menschheit ist
nicht reif genug, mit diesem Wissen umzugehen. Es existieren zu gefährliche
Waffen und sie sind im gesamten Gedankengut zu intolerant. Ein Krieg, und glaub
mir, Annie, es würde in einem Krieg enden, ein Krieg würde die Vernichtung der
Erde nach sich ziehen und ich bezweifle, dass es die dunkle Seite der Magie ist,
die die Vernichtung verursacht.“
Ich musste etwas zweifelnd
geschaut haben, denn er lächelte schwach.
„Kein Magier und auch kein anderer
Dämon wird potentielle Energiespender, und das sind die Menschen
nun einmal, sofort vollständig vernichten. Aber menschliche Waffen,
eingesetzt gegen Dämonen, schaffen das sehr schnell und gründlich.“ Seine Stimme
klang sehr ruhig und sanft, so wie immer. „Die Menschheit hat keine andere
Möglichkeit, sich zu wehren. Aber Massenvernichtungswaffen vernichten nicht nur
Dämonen, wenn überhaupt. Es wird wohl eher so sein, dass diese sich mit Hilfe
ihrer Magie schützen, während es alles andere herum vernichtet.“
Zorn stieg in mir hoch. Ich wusste
genau, er hatte Recht. Ich hatte die Macht dieser Wesen kennen gelernt und im
Ernstfall würden sie ein Portal schaffen, verschwinden und es wäre die Erde, die
untergehen würde. Niemand sonst.
„Was tun wir also?“, fragte ich
und konnte nicht verhindern, dass sich der Zorn in meiner Stimme widerspiegelte.
„Du gar nichts, Annie“, entgegnete
er ernst. „Du gehst nach Avalon oder Haastard und lernst mit den Kräften
umzugehen, die dir zur Verfügung stehen.“
Der Gedanke gefiel mir nicht. Noch
hatte ich ein Leben auf der Erde, das ich nicht so einfach aufgeben wollte.
Vielleicht weil ich bisher immer davor zurückgeschreckt war, mein Leben völlig
umzukrempeln und zu verändern. Aber ich würde darüber nachdenken müssen. Früher
oder später.
Dass ich es mit dem Leben, das ich
hatte, nicht mehr soweit her war, ging mir am nächsten Tag auf, als ich meinen
Briefkasten leerte und sich darin ein Brief von Steel & Partner befand. Ich
starrte eine ganze Weile auf den Umschlag, die restlichen Werbebriefe in der
anderen Hand, und ein unangenehmes Gefühl bildete sich in meinem Magen.
Ich wusste nicht, wie lange ich
auf den Umschlag geschaut hatte, dann riss mich eine spöttische Stimme aus
meinen Gedanken.
„Du musst ihn schon aufmachen, um
zu wissen, was darin steht.“
Müde drehte ich den Kopf und
schaute in Trevors graue Augen. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass er
hinter mich getreten war. Sehr gefährlich. Und sehr leichtsinnig. Aber es war
schließlich helllichter Tag.
„Wird die Kündigung sein“,
murmelte ich leise. Keine Ahnung, warum ich mich fühlte als müsste ich mich
gleich übergeben.
Trevor zuckte mit den Schultern
und streckte die Hand aus. „Soll ich ihn für dich öffnen?“, bot er an.
Ich schüttelte den Kopf, packte
all die Briefe zusammen und lief vor ihm die Treppe hinauf. Eigentlich konnte
ich mir nicht vorstellen, dass Steel mir einfach so, nach ein paar Tagen
Krankheit, die Kündigung schickte, schließlich arbeitete ich seit Jahren bei der
Firma, aber das komische Gefühl war da.
Ohne den Vampir an meinem
Wohnzimmertisch zu beachten, der im Cyangolom blätterte, stieg ich die Treppen
hinauf, verschwand in meinem Schlafzimmer und schloss die Tür. Hier war es
heller, weil das Tageslicht das Zimmer erhellte und ich die Jalousien geöffnet
lassen konnte.
Seufzend setzte ich mich und warf
die Post, die sowieso nur aus Werbung bestand, auf den Tisch. Erst dann gab ich
mir einen Ruck und öffnete den anderen Brief.
Es war keine Kündigung, aber etwas
Ähnliches und weil ich gar nicht damit gerechnet hatte, wich erst einmal
jegliches Blut aus meinem Gesicht. Ich musste den Brief zweimal lesen, ehe ich
alles begriff.
Wir bedauern zutiefst, erfahren zu müssen, dass Sie der
extremen psychischen Belastung des Arbeitsalltags nicht mehr in einem
Vollzeitjob gewachsen sind.
In Rücksprache mit Ihrem zuständigen Psychologen Dr.
Alban – Ihre Einverständniserklärung über das geführte Gespräch lag vor –
stimmen wir mit ihm überein und beurlauben Sie zunächst auf unbefristete Zeit
von Ihrer Arbeit.
Ihr Gehalt wird noch bis zum Ende des Monats gezahlt.
Den Vertrag über die Aufhebung Ihres Arbeitsverhältnisses werden wir Ihnen in
den nächsten Tagen zusenden, da wir wissen, dass Ihnen ein Vorsprechen in
unserer Kanzlei in Ihrem derzeitigen Zustand nicht möglich ist.
Wir haben dafür vollstes Verständnis, möchten Ihnen
hiermit noch einmal für die geleistete Arbeit in unserer Kanzlei danken und
wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.
Davon einmal abgesehen, dass es
meinen Psychologen – wenn ich denn einen hätte – nicht zugestanden hätte, sich
mit meinem Arbeitgeber in Verbindung zu setzen, war Dr. Alban nicht mein Arzt.
Ich konnte es nicht fassen.
Ich war mir hundertprozentig
sicher, dass diese Einverständniserklärung vorlag. Wie schnell ein Krankenschein
gezaubert werden konnte, hatte ich erlebt. So eine Erklärung war sicherlich
ebenso einfach.
Mit dem Brief in der Hand sprang
ich auf und stürzte wieder zur Tür hinaus und die Treppen hinunter. Sheldon, der
noch immer in dem Buch las, schaute verblüfft hoch.
„Ich will jetzt endlich wissen,
wer dieser Dr. Alban ist“, stieß ich hervor und wedelte mit dem Zettel vor
Sheldons Nase. „Ich mache dem Typen die Hölle heiß!“
Ohne zu antworten, nahm mir der
Vampir den Brief aus der Hand und überflog den Inhalt. „Seltsam“, sagte er dann
leise und reichte ihn an Trevor weiter. „Du kennst den Mann überhaupt nicht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Larry
hatte ihn erwähnt. Er muss ihn kennen. Vielleicht sollte ich auch einmal mit
Larry ein ernstes Wort reden!“
Sheldon sah mich ernst an. „Wenn
er die Möglichkeit hat, solch eine Erklärung zu bekommen und solche Gespräche
mit deinem Chef zu führen, der ja bei weitem nicht dumm und leicht zu
beeindrucken ist, ist er kein normaler Mensch oder er hat keine normalen Helfer.
Allein gehst du da nicht hin.“
„Ich gehe mit“, meinte Trevor
lakonisch.
„Nehmt Vivian mit, sie ist ein
verdammt guter Spürer und wird jede parapsychische Tätigkeit in euerer Umgebung
wahrnehmen.“
Ich sah mich suchend um. „Wo
steckt sie denn?“
Die gestrige Nacht hatte das
Mädchen wieder in ihrem eigenen Zimmer verbracht, gemeinsam mit Raven, und
Trevor hatte in dem Bett neben mir geschlafen. Es war eigenartig, dass mir das
so gar nicht unangenehm war. Es war eher ein Gefühl der Beruhigung, das mich
befallen hatte, als er sich neben mich legte. Ich wusste nicht, ob es ihm
ähnlich ging, gesprochen hatten wir darüber jedenfalls nicht, aber vielleicht
sollten wir das einmal tun.
„Sie
wird in ihrem Zimmer sein“, vermutete Sheldon.
Ich stand auf und nahm das Telefon
mit mir. „Ich werde Larry anrufen. Er hat immer noch meinen Schlüssel und…“
Meine Stimme verklang, denn es war egal, was ich weiter sagen wollte. Außerdem
war ich niemandem Rechenschaft schuldig.
Wieder zurück im Schlafzimmer
schloss ich die Tür erneut und wählte die Nummer von Larrys Freund Patrick, bei
dem er unterkommen wollte. Ob er dort noch war, wusste ich nicht. Da heute ein
Samstag war, erschien mir die Chance, ihn zu erreichen, recht groß.
Patrick nahm nach dem vierten
Klingeln ab. „Devon.“
„Hi Patrick. Hier ist Anne.“ Es
herrschte Stille am anderen Ende, sicherlich war er überrascht, gerade mich am
Apparat zu haben. „Wohnt Larry zufällig noch bei dir?“
„Anne…“, sagte er dann langsam.
„Also…nein, er hat sich ein eigenes Haus genommen. Ich kann dir die Nummer
geben.“ Seine Stimme klang eigenartig zögernd, fast unsicher.
„Das wäre lieb von dir.“ Ich
mochte Patrick und eigentlich bedauerte ich es, ihn jetzt wahrscheinlich nicht
mehr zu treffen, da er Larrys bester Freund war.
Patrick gab mir die Nummer und die
Adresse durch. „Ist alles okay mit dir, Anne?“, fragte er dann.
„Sicher“, entgegnete ich munter.
„Larry hat bloß den Schlüssel zur Wohnung noch und ich wollte ihn gern
wiederhaben.“
„Ah ja.“ Wieder eine Pause. „Tut
mir leid, dass ihr euch getrennt habt.“
Ich zuckte mit den Schultern, dann
fiel mir ein, dass er das ja nicht sehen konnte. „Ist schon okay so, Pat.“
„Anne, ich…“, begann Patrick
wieder. „Also es geht mich ja nichts an…aber…Larry war nicht lange hier.
Vielleicht drei Tage…“
„Dann hat er ja schnell ein neues
Haus gefunden. Na ja, er sitzt an der Quelle. Die Bank besitzt sicherlich einige
gute Miethäuser. Oder hat er es gar gekauft?“
„Larry arbeitet nicht mehr auf der
Bank.“
Ich starrte einen Moment verdutzt
auf das Telefon. „Was?“ Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte. Das war
Larrys Traumjob gewesen, mit traumhaften Aufstiegsmöglichkeiten.
„Er hat gekündigt, kurz nachdem er
in die neue Wohnung eingezogen ist”, fuhr Patrick fort. „Sagte, er bräuchte eine
Veränderung.“
Mein Stirnrunzeln verstärkte sich.
Das sah Larry so gar nicht ähnlich. „Was macht er jetzt?“
„Ich weiß es nicht“, entgegnete
Patrick leise. „Er war…anders.“
Das komische Gefühl in meinem
Magen war urplötzlich wieder da. „Sagt dir der Name Alban etwas?“, fragte ich
zögernd.
Wieder Stille am anderen Ende und
es war nur Patricks Atmen, das mir verriet, dass er noch nicht aufgelegt hatte.
„Leonard Alban?“
„Psychiater?“
Jetzt holte Patrick tief Luft.
„Volltreffer.“
Ich ließ mich auf das Bett sinken.
„Erzähl.“
„Ich weiß nicht viel“, gab Patrick
zu. „Dieser Leonard war einmal hier, als Larry seine Sachen gepackt hat und er
war mir auf den ersten Blick unsympathisch. Ich habe keine Ahnung, woher Larry
ihn kennt und weshalb sie plötzlich die besten Freunde sind. Ich weiß nur, dass
Leonard etwas mit dem neuen Job zu tun hat, den Larry jetzt angenommen hat.“
„Das ist so untypisch für Larry“,
murmelte ich gedankenverloren.
„Eben“, meinte auch Patrick. „Er
war Feuer und Flamme für etwas, was er mir nicht einmal genau erklären konnte.“
„Hast du noch Kontakt zu ihm?“
„Wenig. Wir haben drei-, viermal
telefoniert, aber es waren eigenartige Gespräche. Nicht wie früher… Es war, als
hätten wir uns nichts mehr zu sagen, als würde ich den Larry nicht mehr kennen.“
Ich schluckte, ehe ich wieder
etwas sagen konnte. „Hat er…etwas über mich gesagt?“
Patrick seufzte. „Nicht viel. Nur
das mit dem Termin bei Alban, den du nicht wahrgenommen hast. Larry war recht
sauer darüber, aber jetzt, nachdem ich Alban kennen gelernt habe, kann ich dich
verstehen. Ich wäre da auch nicht hingegangen.“
Ich lächelte schwach. „Ich kenne
ihn nicht einmal, aber trotzdem danke.“
„Anne…“ Wieder klang seine Stimme
eigenartig zögernd. „Wenn du zu Larry hingehen solltest…sei vorsichtig. Frag
mich nicht, warum…“
„Ich weiß“, sagte ich ernst. „Ich
weiß das besser als du denkst.“
„Soll…soll ich mitgehen?“
„Nein!“, entfuhr es mir, ehe ich
mir auf die Zunge beißen konnte. „Nein, Pat“, wiederholte ich dann ruhiger. Ich
konnte ja schlecht sagen: Es ist zu gefährlich für dich. „Ich gehe nicht allein
hin. Ich…ich habe jemanden.“
„Okay.“ Er klang erleichtert und
darüber war ich froh. „Du kannst mich ja anrufen.“
„Werde ich.“ Dann ließ ich mir
Nummer und Adresse geben und verabschiedete mich schnell. „Vielen Dank, Pat.“
„Keine Ursache. Hat mich gefreut,
von dir zu hören.“
„Mich auch. Mach’s gut.“
„Bye.“
Ich trennte die Verbindung und
starrte eine Weile einfach nur in die Luft. Alles wurde immer komplizierter.
Dann gab ich mir einen Ruck. Vom Herumsitzen und Grübeln bekam ich keine
Antworten auf meine Fragen. Die konnte mir nur Larry – oder der mysteriöse
Leonard – geben.
Kurz entschlossen wählte ich die
Nummer, die mir Patrick gegeben hatte. Auch nach dem zehnten Klingeln meldete
sich niemand. Einen Anrufbeantworter schien Larry ebenfalls nicht zu besitzen.
Toll.
Ich warf das Telefon frustriert auf das Bett. Patrick hatte Waller Drive gesagt. Das bedeutete am anderen Ende der Stadt, aber ich würde die Straße innerhalb einer halben Stunde erreichen. Auch, wenn im Moment niemand da war, es interessierte mich jetzt einfach zu erfahren, wo Larry wohnte. Keine Ahnung, was ich mir davon versprach. Aber ich hatte in den letzten Wochen erfahren, dass man nicht immer nur seinen Augen und Ohren vertrauen sollte.
Trevor saß auf dem Beifahrersitz
und Vivian hinter mir auf der Rücksitzbank meines kleinen Fiats. Es war Samstag
und man merkte am Straßenverkehr, dass viele Leute nicht arbeiten mussten, denn
sie hatten Zeit, meinen Weg zu blockieren. Ich frage mich immer wieder, was die
eigentlich alles einkaufen. So viele neue Sachen konnte man doch gar nicht
benötigen. Ich persönlich hasste Einkaufsbummel, allein der ganze Stress des
Anprobierens ging mir tierisch auf die Nerven. Deshalb bestellte ich, was ich
haben wollte, im Katalog, probierte es daheim in aller Ruhe an und schickte weg,
was mir nicht gefiel. Ich wusste, dass ich da eine Ausnahme darstellte, vor
allem, wenn ich heute wieder das Chaos auf der Straße beobachtete und fluchte
leise, als der Verkehr wieder zum Stocken kam.
Meine Finger trommelten nervös auf
dem Lenkrad, während ich am liebsten geknurrt hätte. Könnte es nicht einen
Zauber geben, der all die nervenden Autofahrer aus meinem Weg verschwinden ließ?
„So eilig haben wir es gar nicht,
Annie“, murmelte Trevor neben mir amüsiert.
Ich warf ihm einen giftigen Blick
zu.
„Ich könnte uns nur grüne Ampeln
schaffen“, mischte sich Vivian ein und ich hörte das Grinsen in ihrer Stimme.
Ich war wirklich versucht: ‚Ja,
tue das’, zu sagen, aber ich wusste, dass es Unsinn wäre, wegen meiner Ungeduld
das Risiko aufzunehmen, durch einen Spürer entdeckt zu werden. Vivian wusste das
ebenso. Seufzend schüttelte ich deshalb den Kopf.
Es dauerte fast fünfundvierzig
Minuten, ehe ich endlich in den Waller Drive
einbog. Neugierig musterte ich die
Villen, die den Straßenrand säumten. Dieses Viertel war eins der teuersten der
Stadt und ich war selten hier gewesen. Wer etwas auf sich hielt, mietete oder
kaufte hier ein Haus, besser gesagt, ein Prestigeobjekt, denn ob man wirklich
ein Gebäude benötigte, das mehr Zimmer besaß als man jemals nutzen konnte, stand
in den Sternen. Aber wer andere nach der Größe seines Hauses beurteilte,
brauchte auch solch einen Prunkbau.
Vor dem Haus mit der Nummer 13
stoppte ich mein Auto. Der Fiat fiel richtig auf zwischen all den Limousinen,
aber das störte mich nicht weiter.
Als ich ausstieg, zog ich meine
dicke Jacke enger um meine Schultern. Wir hatte noch immer Dezember und heute
schaffte es die Sonne nicht einmal, die dicke Wolkenschicht zu vertreiben.
Vivian hatte sich einen Schal um den Hals geschlungen und fröstelte genauso wie
ich. Einzig und allein Trevor – wie üblich in schwarzer Lederjacke, die er nicht
einmal geschlossen hatte – schaute sich wachsam um, sicherlich ohne einen
Gedanken an die eisige Temperatur zu verschwenden.
„Und?“, wandte ich mich an das
junge Mädchen.
Vivian, die ihre Hände tief in den
warmen Taschen ihres Anoraks vergraben hatte, musterte das vor uns liegende Haus
aus schmalen Augen. „Nichts auffälliges“, sagte sie dann nur leise.
Ich nickte, trat an das große Tor
heran und betätigte die Klingel. Erwartet, dass jemand öffnete, hatte ich nicht.
Umso erstaunter war ich, als die
Sprechanlage summte und Larrys Stimme: „Ja bitte?“ fragte.
Ich warf Trevor einen skeptischen
Blick zu, ehe ich antworte: „Larry, hier ist Anne.“
„Anne?“ Er klang so verblüfft,
dass sich ein leises Lächeln auf meine Lippen stahl.
„Du hast noch immer den Schlüssel
zu meiner Wohnung“, sagte ich einfach direkt. „Nun, ich würde den gern haben.“
Vielleicht hätte ich all die Klamotten von ihm gleich auch mitbringen sollen.
„Ähm…ja…Komm rein.“
Der Summer ertönte und ich öffnete
das Tor. Wortlos schlossen sich Trevor und Vivian mir an. Möglich, dass das
Larry gar nicht gefiel, mir war es egal. Allein würde ich das riesige Grundstück
nicht betreten.
Bis zur Haustür waren es
vielleicht fünfzig Meter. Wunderschön arrangierte Blumen und Bäumchen säumten
die gepflasterte Straße, die an der Garage endete. Direkt neben dem Garagentor
ging es ein paar Stufen zur überdachten Eingangstür hinauf.
Larry öffnete, ehe ich klopfen
konnte. Überrascht huschten seine Augen zu meinen beiden Begleitern, aber er
verlor kein Wort darüber.
„Hallo, Anne“, murmelte er nervös.
Ich hatte Larry selten nervös
erlebt und das komische Gefühl in meinem Magen verstärkte sich. Erst dann
schaute ich ihn genauer an und runzelte die Stirn. Larry war immer ein
Perfektionist gewesen, wenn es um die Ausstattung der Wohnung, um die Qualität
seines Autos oder um seine Kleidung ging. Der Larry, der jetzt vor mir stand,
hatte mit all dem nichts mehr gemein. Seine kurzen blonden Haare standen wirr in
alle Richtungen auf seinem Kopf herum, fast so als hätte er geschlafen oder
vergessen, sich zu kämmen. Er trug legere Freizeithosen, an sich nichts
schlimmes, aber ich kannte ihn als einen Mann, der selbst zu Hause Designerjeans
trug. Der Rollkragenpullover hatte auch schon bessere Tage gesehen und dessen
graue Farbe hob die Blässe seines Gesichtes auf erschreckende Weise hervor.
Ich wettete sogar mit mir selbst,
dass Larry ein paar Kilo weniger als noch vor einigen Wochen wog.
„Hier ist der Schlüssel“, murmelte
er und streckte mir seine Hand entgegen.
Das jetzt allerdings schockierte
mich. Larry ließ sich niemals – aber auch wirklich niemals – anmerken, wenn er
jemanden loswerden wollte. Ich hatte immer den Eindruck gewonnen, dass er das
sowieso niemals wollte, weil er viele Leute um sich herum mochte. Im Gegensatz
zu mir. Und selbst in den stressigsten Situationen und selbst, wenn er unter
Zeitdruck gestanden hatte, hatte er Leute zur Tür hereingebeten.
„Was ist denn mit dir los?“,
fragte ich misstrauisch, nahm ihm aber den Schlüssel aus der Hand. Besser, wenn
ich ihn hatte.
„Was? Wieso?“, entfuhr es ihm und
ein Hauch von Angst schwang in seiner Stimme mit.
Das machte mich noch
misstrauischer. „Was zum Teufel ist mit dir los?“ Ich versuchte, den Kopf zu
recken, um etwas hinter ihm im dunklen Flur erkennen zu können, aber das war
aussichtslos. „Ein schönes Haus hast du“, wechselte ich dann das Thema.
Das brachte mir einen
stirnrunzelnden Blick Vivians ein, aber ich wollte einfach noch ein bisschen
Zeit schinden.
„Ja…ähm…“, stotterte Larry. „Ich
hab zu tun.“
Er wollte mir die Tür vor der Nase
zuwerfen, doch ich reagierte geistesgegenwärtig und stellte meinen Fuß
dazwischen.
„Okay, Larry“, sagte ich scharf.
„Reden wir Klartext. Wer ist dieser Dr. Alban? Oder sollte ich sagen Leonard?“
Larry wurde noch eine Idee
bleicher. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“
Ich piekste ihm wütend den Finger
in die Brust. „Du kennst ihn, du hattest mir einen Termin bei dem Mann besorgt
und jetzt führt genau dieser Mensch – ist es überhaupt einer? – Gespräche mit
Steel! Was soll ich davon halten?“
Ein Zittern lief durch Larrys
Körper und im nächsten Moment fiel jegliche Anspannung von ihm ab. Es war als
hätte man einen Schalter umgelegt, denn ein ruhiger fast gelassener Ausdruck war
in sein vorher so nervöses Gesicht getreten.
„Larry?“, fragte eine männliche,
sehr angenehm klingende, Stimme hinter ihm. „Möchtest du unseren Besuch nicht
hereinbitten?“
Eine schlanke, hochgewachsene
Gestalt schob sich neben Larry und lächelte uns entgegen. Der Mann war
schätzungsweise vierzig Jahre alt, vielleicht ein paar mehr oder weniger, ich
konnte so etwas schlecht schätzen. Dunkle Augen aus einem schmalen,
scharfkantigen Gesicht schauten uns prüfend entgegen. Seine Nase war etwas zu
groß geraten, aber sie machte sein Gesicht deshalb nicht hässlich. Die dunklen
Haare waren an den Schläfen leicht angegraut, etwas, das ihn fast interessant
erscheinen ließ.
„Hallo, Anne“, sagte er mit dieser
weichen melodischen Stimme. „Sie erkennen mich doch, ja? Leonard Alban?“
Er hätte es nicht sagen brauchen,
mir war vollkommen klar, dass ich genau diesen Mann vor mir hatte.
„Wie schön“, knurrte ich zwischen
den Zähnen hindurch. „Da Sie ja mein Psychiater sein sollen, müssten Sie mich
eigentlich kennen.“
„Ich *bin* Ihr Psychiater, Anne“,
antwortete er weich. „Und wir haben uns erst vorgestern zu unserer letzten
Sitzung getroffen. Kommen Sie doch bitte herein. Sie scheinen mir etwas
verwirrt. Haben Sie Ihre Tabletten nicht genommen?“
Mein Mund war bei seiner
Behauptung aufgeklappt und mir fehlten einen Moment die Worte. Trevor sagte
ebenfalls nichts, aber ich spürte Vivian, die unbemerkt an meine Seite getreten
war und den Psychiater aufmerksam musterte. Leonards Blick wanderte kurz zu
Vivian und ein Schatten huschte über sein Gesicht.
„Möchten Sie mir Ihre Freunde
vorstellen, Anne?“, erkundigte er sich dann freundlich.
„Nein“, entgegnete ich kurz und
eisig. „Ich will Antworten auf ein paar Fragen.“
„Und Sie denken nicht, dass die
Beantwortung der Fragen Zeit bis zu unserer nächsten Sitzung hat?“
Ich machte einen Schritt auf den
Mann zu und sah ihn kühl an. „Nein, und zwar aus einem einzigen Grund: Weil es
keine Sitzungen gibt.“
„Anne, Sie sind verwirrt“, sagte
er wieder in diesem sanften Ton und wollte nach meinem Arm greifen, als Vivian
schrie:
„Nein!“
Übergangslos glühte das Cyana um
meinen Hals auf und Leonard riss die Hände hoch vor sein Gesicht. Larry starrte
uns aus weit aufgerissenen, jetzt wieder angstvollen, Augen an. Vivian hatte die
Hand gehoben und ein Vorhang aus dunklem Licht bildete sich zwischen uns und
Leonard.
„Er ist ein Mensch“, sagte sie
zynisch. „Nur ein Mensch, dem man ein paar Kräfte gegeben hat. Hypnosuggestion,
aber sehr gut verborgen.“
Leonard schirmte sein Gesicht vor
dem Licht des Cyanas ab. „Wer bist du?“, hauchte er atemlos.
„Hat man dir das nicht gesagt?“,
fragte Vivian spöttisch und die Schleier dunklen Lichts tanzten über ihre Haut.
„Ich bin das Böse, das verdammt wurde, nicht böse zu sein.“ Sie lachte bitter.
Leonard schüttelte den Kopf. „Ich
weiß nicht, was hier für ein Trick gespielt wird. Aber du bist krank, Anne. Ich
werde dich einweisen müssen, wenn du eine Gefahr für deine Umgebung darstellst.
Wenn du deine Tabletten nicht nimmst, werden die Wahnvorstellungen schlimmer.“
„Anne, bitte“, mischte sich Larry
flehend ein. „Leo hat erzählt, welche guten Fortschritte du gemacht hast und
dass es möglich ist, dass du bald wieder ein normales Leben führen kannst. Bitte
hör auf ihn.“
„Kommen Sie herein und lassen Sie
uns reden, Anne“, sagte Leonard weich und streckte seine zweite Hand nach mir
aus, während er mit der anderen noch immer sein Gesicht schützte.
„Pass auf, dass er dich nicht
berührt“, warnte mich Vivian. „Seine Macht wird durch Berühren stärker.“
Ich griff in meinen Pullover und
holte das Cyana ans Tageslicht. Es leuchtete, nicht so grell wie damals als
Endriel aufgetaucht war, aber immerhin so sehr, dass es den dunklen Hausflur
etwas erhellte.
„Ist das auch eine
Wahnvorstellung?“, fragte ich leise, hob meine Hand und ließ eine Flamme weißen
Lichtes auf der Handinnenfläche tanzen. „Und das?“
Jegliche Farbe war aus Leonards
Gesicht verschwunden. „Sie haben nicht gesagt…“, begann er und wich zurück.
„Nicht gesagt, dass sie so stark ist…nicht gesagt…“
Ich trat gegen die Tür, so dass
sie sich ganz öffnete. Larry lehnte zitternd an der gegenüberliegenden Wand.
„Was wird hier gespielt, ‚Doktor’ Alban? Wer sind ‚sie’?“
Leonard schüttelte wild den Kopf,
während er weiter rückwärts ging. Vivian blieb an meiner Seite als hätte man sie
an mir festgebunden.
„Das Haus ist mit schwachen
Schutzamuletten gesichert“, rief Trevor von der Eingangstür her. „Allerdings
dürften sie keine große Gefahr darstellen.“
„Sie scheinen nicht sonderlich
wichtig zu sein, Leonard“, meinte ich mit einem honigsüßen Grinsen.
Er drehte sich um und wollte
davonrennen, doch Vivian hob nur ihre Hand und sein Lauf stoppte mitten in der
Luft. „Nein!“, schrie er panisch. „Ihr habt nicht gesagt, dass sie eine Lucyana
ist! Ihr habt nicht gesagt, dass sie nicht allein ist!“
Vivians Kraft warf ihn herum und
gegen die Wand, presste ihn fest und ließ ihn bewegungslos verharren.
„Wer sind „sie“?“, fragte ich
wieder und machte noch einen Schritt auf ihn zu.
Plötzlich glühten die Augen des
Mannes rot auf und übergangslos war die Luft um uns herum von fremder, starker
Magie erfüllt, die uns das Atmen schwer fallen ließ. Ein dunkles Flimmern lag
über der Haut des Psychiaters.
„Hallo, Anne“, sagte er, plötzlich
mit dunkler, völlig fremder Stimme. „Es war ein Fehler, dich so lange leben zu
lassen. Nun muss er den Preis dafür bezahlen.“
„Welchen Preis?“
Eine Hand schob sich in meine und
ich registrierte erstaunt, dass ein Teil von Vivians Magie in meinen Körper
floss. Ich wagte jedoch nicht, in ihre Richtung zu schauen, weil ich den Mann an
der Wand nicht aus den Augen lassen wollte.
Der Mann, der ehemals Leonard war,
lachte in einem grausigen Ton. „Er hat seinen Zweck erfüllt. Wir brauchen ihn
nicht mehr und ehe er Geheimnisse von sich gibt, die er besser für sich behalten
hätte, muss er sterben.“ Er lachte wieder.
„Schilde hoch“, stieß Vivian
hervor und im nächsten Moment baute sich vor uns eine magische Wand auf.
Keinen Augenblick zu früh, denn
Leonards Körper begann aus der Mitte heraus zu glühen. Plötzlich hatten seine
Augen wieder die normale braune Farbe angenommen und panische Angst sprach aus
seinem Gesicht. Erst dann schien er zu registrieren, was mit seinem Körper
passierte und begann zu schreien. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, wollte
fliehen, wollte nicht sehen, wie erneut ein Mensch vor meinen Augen starb, aber
Vivians Hand und ihre Schutzmagie bannten mich an diesen Platz.
Von innen heraus setzte sich das
Glühen fort, fraß sich in seinem Körper vorwärts, seine Beine hinab und hinauf
zu seinem Kopf. Noch immer blieb der Körper aufrecht stehen, verpuffte nicht und
fiel auch nicht in sich zusammen. Plötzlich verstummte das Schreien und Leonard
riss den Kopf hoch:
„Geh in die Vergangenheit!“
Es war das letzte, was seinen Mund
verließ, dann explodierte er. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Sturm raste
gegen unseren magischen Schild, ließ ihn aufglühen und schwanken, aber in genau
diesem Moment fiel jegliche Anspannung von mir ab. Urplötzlich fühlte ich eine
eisige Leere im Inneren, und all mein Denken konnte sich auf das konzentrieren,
was wichtig war: Überleben.
Kein ablenkender Gedanke stahl
sich in mein Hirn, keine Nebensächlichkeit interessierte. Plötzlich wusste ich,
dass es genau das war, was mir bisher gefehlt hatte.
Meine Magie mischte sich in
Vivians, floss jetzt in ihren Körper und hinein in den magischen Schild. Dieser
stabilisierte sich augenblicklich, hörte auf zu leuchten und die letzten Reste
Leonards verpufften als wären es Staubkörnchen. Dann kehrte Ruhe ein und Stille
senkte sich über den jetzt wieder dunklen Korridor.
Vivian drehte den Kopf, ohne meine
Hand loszulassen und obwohl ihre Augen noch immer schwarz glühten, sah ich das
Leuchten in ihrem Blick. „Hast du den Unterschied gespürt?“
Eigentlich war es keine Frage,
aber ich nickte wortlos.
Trevor war hinter uns getreten und
musterte mit schmalen Augen die schwarzen Überreste auf dem Boden. „Ich habe
keine Ahnung, wer dahinter steckt.“
Ein Schluchzen hinter uns ließ uns
herumfahren. Larry war an der Wand zusammengesunken und zitterte am ganzen
Körper. Mit Augen, in denen sich der Wahnsinn spiegelte, blickte er uns
entgegen. Vorsichtig, als hätte ich ein verängstigtes Tier vor mir, ging ich auf
ihn zu und hockte mich neben ihn.
Es schien als wolle er sich noch
weiter gegen die Wand verkriechen.
„Larry?“, fragte ich leise. Ich
empfand keine Liebe mehr für diesen Mann, aber zu sehen, was aus ihm geworden
war, tat mir weh.
Als ich die Hand hob, um sie ihm
beruhigend auf den Arm zu legen, fuhr er zischend zurück und bleckte die Zähne.
„Nicht, Annie“, sagte Trevor
hinter mir sanft. „Ich rufe einen Krankenwagen. Du kannst jetzt nichts tun…“
„…außer ihm die Erinnerung
nehmen“, mischte sich Vivian trocken ein. „Dazu müsstest du aber erstmal in
seinen Kopf schauen, was überhaupt los war.“
Ohne die Augen von dem sabbernden
Häufchen Elend zu nehmen, das einmal mein Freund gewesen war, erkundigte ich
mich: „Du kannst das?“
„Wenn sie ihm keinen Block
verpasst haben, sicher“, entgegnete sie leichthin.
Jetzt drehte ich den Kopf. „Wer
sind „sie“?“
Das Mädchen zuckte unbestimmt mit
den Schultern. „Die dunkle Seite. Meine Seite.“
„Es ist nicht mehr deine Seite!“,
entgegnete ich scharf. „Egal wie du dir das einreden willst. Du entfernst dich
immer weiter von ihr.“
Vivian presste die Lippen
aufeinander und ein trotziger Zug trat in ihr Gesicht. „Möglich, aber ob ich
mich mit der anderen Seite anfreunden kann, weiß ich auch nicht.“
Trevor, der kurz im Wohnzimmer
gewesen war, schob sich zwischen uns. „Diskutiert später darüber. Der
Krankenwagen ist in zehn Minuten da. Und lass seine Erinnerungen in Ruhe,
Vivian. Wenn sie ihm einen Block verpasst haben, explodiert er genauso wie der
da.“ Er wies auf den Aschehaufen an der gegenüberliegenden Wand.
„Komm, steh auf, Larry“, sagte ich
sanft.
Ich weiß nicht, ob er überhaupt
verstand, was ich sagte. Als ich erneut nach ihm greifen wollte, knurrte er und
schnappte wie ein wild gewordenes Tier nach meiner Hand.
In diesem Moment heulten draußen
die Sirenen des Krankenwagens, den Trevor gerufen hatte. Erleichtert stand ich
auf und wich ein paar Schritte zurück. Sollten sich professionelle Kräfte mit
Larry auseinandersetzen. Ich wollte nur noch hier weg und vergessen, wie vor
meinen Augen ein Mensch von einem inneren Feuer verzehrt worden war.
Larry wehrte sich mit Händen und
Füßen gegen die beiden Sanitäter. Erst der mit hinzu geeilte Arzt, der ihm eine
Spritze gab, konnte den tobenden Mann beruhigen. Es war kein vernünftiges Wort
aus ihm herauszubringen. Alles, was er wieder und wieder stammelte war:
„Nein…nein…sie kommen…nein…töten…“
Der Arzt, der sich uns mit dem
Namen Thieman vorstellte, wollte genaue Angaben über das, was passiert war. Was
sollte ich ihm sagen?
Exfreundin holt Schlüssel und der
Exfreund dreht durch? Keine Ahnung, ob er mir glaubte, aber ich hatte keine
andere Version auf Lager. Außer dem schwarzen Aschehäufchen in der Ecke deutete
nichts darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches passiert war. Die Frage, warum ich
in Begleitung gekommen war, beantwortete ich einfach damit, dass ich Angst
gehabt hatte, Larry würde mir eine Szene machen oder mich tätlich angreifen. Ich
bin nicht sonderlich groß und auch zierlich gebaut, der Arzt nahm mir die Rolle
der ängstlichen Frau ohne weiteres ab. Schließlich passierten immer wieder
schreckliche Dinge, vor allem Frauen, wer also wollte mir einen Vorwurf machen,
wenn ich auf Nummer sicher ging?
Trotzdem dauerte es fast eine
halbe Stunde, ehe der Krankenwagen fuhr und mit ihm der Notarzt.
Wir blieben im Garten stehen und
erst in diesem Moment fiel mir ein, dass es jetzt niemanden gab, der das Haus
abschließen konnte. Ehe ich etwas sagen konnte, hatte Trevor die Haustür wieder
geöffnet und war in den Flur getreten.
„Ich sehe mich jetzt erst einmal
um“, erklärte er.
„Gute Idee“, pflichtete Vivian ihm
bei und war keine Sekunde später an seiner Seite.
Ich konnte es mir nicht so einfach
machen. „Hört mal“, begann ich. „Das ist nicht unser Haus und…“
„Annie“, unterbrach mich Vivian
und zog mich hinter sich her. „Das Erste, was Mum mir beigebracht hat, war, dass
es gut ist, seine Feinde zu kennen.“
„Kluge Frau“, kommentierte Trevor
mit einem spöttischen Verziehen der Lippen.
Ich wusste nicht, wonach wir
suchten oder was die beiden zu finden glaubten. Mich interessierte eigentlich
erst einmal, wie Larry zu dieser ganzen Sache kam. Mir war nie aufgefallen, dass
er Kontakt zu Personen pflegte, von denen er nichts erzählte oder die er mir
nicht vorstellte. Larry war ein Typ, der offen und kontaktfreudig in die Welt
schaute, im Gegensatz zu mir. Er konnte auch sehr schlecht lügen und gerade das
war es, was Zweifel in mir aufstiegen ließ.
Entweder hatte dieser Alban ihm
verboten, mit mir über ihn zu sprechen oder man hatte seine Erinnerungen
manipuliert. Ich tippte auf letzteres.
Trevor lief jetzt vor uns und
sicherte jedes Zimmer, ehe wir es betreten durften. Natürlich hätte Vivian und
auch ich eine magische Falle eher entdeckt, aber Trevor wollte sicher gehen,
dass es nicht irgendwo einen versteckten Bodyguard gab, der über uns herfiel.
Das Haus schien auffällig normal.
Wir stiegen bis in die oberste Etage hinauf und ich wunderte mich wieder einmal
darüber, warum man ein Haus kaufen musste, wenn man so viele Zimmer gar nicht
nutzen konnte. Es sah nicht aus, als wäre einer der beiden Männer schon einmal
hier oben gewesen.
Die Zimmer waren sauber und
ordentlich eingeräumt. Sicherlich existierte eine Putzfrau, die einmal pro Woche
hier entlang wienerte. Aber sie sahen nicht aus als würde hier jemand wohnen.
All die kleinen Dinge, ein Blumenstrauß, ein Bild, ein herumliegender
Kugelschreiber oder einfach ein Wäschestück, nichts dergleichen war zu
entdecken.
Vivian warf nur einen kurzen
prüfenden Blick in jedes Zimmer und schüttelte immer wieder den Kopf. Wenn sie
mit ihren viel feiner ausgebildeten Sinnen nichts entdecken konnte, fiel mir
schon gleich gar nichts auf.
„Wir müssen schauen, ob das Haus
einen Keller hat“, sagte sie dann, als wir die Treppe wieder hinab stiegen.
In einen dunklen muffigen Keller
wollte ich gleich gar nicht. Eigentlich wollte ich hinaus ins Tageslicht, auch
wenn keine Sonne schien, aber die beiden schienen meine Abneigung entweder nicht
zu spüren oder zu ignorieren.
Missmutig folgte ich ihnen zur
Kellertreppe und plötzlich blieb Vivian stehen.
„Wartet“, stoppte sie uns leise
und schloss halb die Augen, um sich besser konzentrieren zu können.
Mein Magen zog sich zusammen, als
ich den warmen Hauch einer fremden Magie spürte, der über meine Haut kroch.
Nicht unangenehm, aber fühlbar.
„Es ist niemand im Keller“, sagte
das junge Mädchen dann, „aber die Magie ist noch da. Sie sitzt in den Wänden und
der Decke.“
„Ich spüre es auch“, antworte
Trevor leise.
Ich verzog nur den Mund. Warum ich
plötzlich so schlechte Laune hatte, konnte ich mir selbst nicht erklären.
Vielleicht weil ich all das satt hatte und es mir reichte, dass ein Mensch vor
meiner Nase explodiert war. Mein Bedarf an gefährlichen Situationen war für
heute gedeckt.
Meine beiden Begleiter
interessierte das überhaupt nicht. Sie schienen eher von einem plötzlichen
Entdeckungsdrang befallen worden zu sein, denn sie stiegen beide vorsichtig die
Treppe hinab.
„Wie
wäre es denn mit Licht?“, fragte ich mürrisch und betätigte den Lichtschalter.
Wenn da unten eine Gefahr war, wollte ich sie wenigstens sehen.
Trevor und Vivian fuhren zurück
und Trevor funkelte mich böse an. Ich antwortete mit einem schiefen Grinsen und
zuckte mit den Schultern. Im Keller regte sich nichts, obwohl er jetzt durch das
wenige Licht einer einzelnen Glühbirne diffus ausgeleuchtet wurde.
„Das hätte ins Auge gehen können“,
schimpfte Trevor dann. „Wir sehen auch ohne Licht sehr gut. Das war
leichtsinnig.“
„Ich weiß gar nicht, was wir da
unten wollen“, meckerte ich weiter.
Vielleicht lag es auch einfach
daran, dass ich mich in diesem Haus nicht wohl fühlte. Und dieses Gefühl
verstärkte sich noch, je tiefer wir in den Keller hinab stiegen.
Vivian drehte sich um und musterte
mich aus ihren dunklen Augen mit einem Stirnrunzeln. „Du reagierst auf die Magie
im Haus, Annie“, sagte sie dann leise.
„Entweder, weil die Magie dich
erkennt oder…“
„Oder?“ Jetzt klang ich auch noch
aggressiv.
„Oder weil du die Magie erkennst“,
beendete sie ihren Satz und lächelte leicht. „Das werden wir noch erfahren.“
Ich wollte das nicht erfahren. Wie
oft musste ich das noch erwähnen? „Ich gehe jetzt“, verkündete ich, wollte mich
umdrehen und die Treppen wieder hinaussteigen, aber Trevors Hand schoss vor und
sein Griff um meinen Arm stoppte mich.
„Kämpf dagegen an, Annie“, sagte
er sanft. „Du bleibst jetzt hier.“
Der Zorn über ihn putschte die
Magie in mir selbst hoch. Ich kannte die ersten Anzeichen jetzt sehr gut und
wusste, was es bedeutet, wenn sich das warme Gefühl in meinem Körper verstärkte
und das Kribbeln über meine Haut lief.
Trevor reagierte darauf genau wie
Vivian. Während jedoch das junge Mädchen einfach blockte und einen mentalen
Schirm um sich selbst errichtete, spürte ich Trevors Verärgerung darüber fast
körperlich. Allerdings ließ er mich nicht los, sondern legte mir noch einen Arm
um die Schultern und schob mich hinter Vivian die Treppe hinab.
Das Gefühl der Beklemmung wurde
stärker, als wir den Boden des Kellers erreichten. Trotz meiner Abneigung
schaute ich mich neugierig um und erkannte eine Vielzahl von Regalen an den
Wänden. Sie waren fast leer. Außer ein paar verstaubten uralten Gefäßen oder
Einweckgläsern, die darauf standen, konnte ich nichts Interessantes entdecken.
In der Mitte des Raumes stand ein
schwerer hölzerner Tisch. Er war vollständig leer, aber ich beobachtete mit
Erstaunen, dass Vivian an den Tisch herantrat und die Hand eine Weile über der
Oberfläche schweben ließ. Dunkles Licht bildete sich auf ihrer Haut, verließ
ihre Hand und verteilte sich über der Platte des Tisches. Als sie das Gesicht
hob und uns ansah, leuchteten ihre Augen in diesem abgrundtiefen Schwarz, wie
immer, wenn sie Magie einsetzte.
„Hier wurde etwas geopfert. Etwas
großes und eigenartig vertrautes…“ Ihre Stimme verklang, während sie in sich
hineinzulauschen schien. „Möglicherweise ein Mensch. Aber ich weiß es nicht
genau.“
Kälte breitete sich in meinem
Körper aus. Nur Trevors Arm, der noch immer um meine Schulter lag, sandte etwas
Wärme durch meine Glieder.
Zögernd trat ich an den Tisch
heran. „Wie erkennst du das?“
„Der Tisch redet mit mir“,
erklärte sie mit einem Hauch von Belustigung in der Stimme.
Ich tat es ihr gleich und hob
meine Hand. Es fiel mir nicht mehr schwer, das magische Licht zu erzeugen. Ich
spürte die Verbindung zu dem Tisch, als wäre er ein Lebewesen und kein toter
Gegenstand. Allerdings konnte ich nicht sagen, ob das allgemein bei Dingen so
war, auf denen etwas geopfert worden war.
Dann jedoch traf es mich wie ein
Hammer. Vivian fuhr zurück als hätte sie sich verbrannt und der Tisch erstrahlte
in einem grellen Licht. Weiß, aber nicht reinweiß, und im gleichen Moment fuhr
die Magie in meinen Körper. Ein Stöhnen entrang sich meinen Lippen, weil sich
der Schmerz in jeder Zelle festsetzte, dann verschleierte sich mein Blick.
Ich nahm nicht mehr wahr, dass
Trevor vorspringen und mich von dem Tisch wegzerren wollte, auch nicht, dass
Vivian laut: „Nicht!“ schrie und ihn mit einer kurzen Handbewegung ein paar
Meter zurückschleuderte.
Meine Hände waren auf die
Tischplatte gesunken. Schmerzen tobten durch meinen Körper und dann verschwamm
alles um mich herum.
~*~*~*~
„Ich grüße Sie, Lydia“, sagte der Mann mit den fast
weißen Haaren, die ein hageres Gesicht umrahmten.
Die Frau, die er mit Lydia angesprochen hatte, sah sich
ängstlich in dem düsteren Keller um. Ihre Hände umkrampften eine winzige
Ampulle, in der eine dunkelrote Flüssigkeit schimmerte.
„Mir wurde gesagt, Sie können mir helfen“, stieß Lydia
mit zitternder Stimme hervor. „Sind Sie Endriel?“
Der Mann nickte langsam. „Haben Sie, was man Ihnen
gesagt hat?“, fragte er dann kühl.
Lydia nickte schnell und heftig. Ihr Atem ging
stoßweise vor Aufregung und sie musste mehrmals schlucken, ehe sie den Mut
fasste, einen Schritt vorwärts zu machen und die Hand mit der Ampulle zu heben.
Endriel lächelte auf eine Art und Weise, die Lydia fast
das Blut in den Adern gefrieren ließ, als er ihr die Ampulle aus der Hand nahm.
„Mir wurde gesagt“, brachte sie dann heraus, „Sie
können meine Tochter heilen.“
Endriel senkte den Kopf. „Das kann ich, Lydia. Das kann
ich.“ Dann griff er neben den Tisch und hatte im nächsten Moment ein schwarzes
Huhn in der Hand.
Komischerweise gab dieses keinen Ton von sich.
Lydia wagte nicht, sich zu rühren. Sie zuckte nur kurz
zusammen, als Endriel dem Huhn mit einer schnellen Bewegung den Hals umdrehte.
Das Blut des Tieres lief über die hölzerne Platte des Tisches und bildete
innerhalb kürzester Zeit eine rote Lache.
„Kommen Sie näher, Lydia“, befahl Endriel.
Das Zittern verstärkte sich, aber Lydia tat, wie ihr
geheißen. Noch vor zwei Minuten war sie sich sicher gewesen, dass der
weißhaarige Mann helle grüne Augen gehabt hatte. Als er jetzt den Kopf hob,
leuchteten diese schwarz. Mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen öffnete er
die kleine Ampulle.
„Unreines Blut zu unreinem Blut“, murmelte er und ließ
das Blut aus der Ampulle auf den Tisch tropfen. Zischend vermischte es sich mit
dem Blut des Huhns und dunkler Rauch stieg von dem Tisch auf. „Lass das Kind
schlafen“, fuhr er fort. „Lass es ruhen, bis die Zeit des Erwachens gekommen
ist.“
„Zeit des Erwachens?“, störte ihn Lydia erschrocken,
verstummte aber, als er ihr einen zornigen Blick zuwarf.
„Lass es den richtigen Weg erkennen“, nuschelte er, hob
seine Hand und ließ sie vorsichtig über dem toten Huhn kreisen.
„Sie soll gesund werden.“ Lydia wusste nicht, woher sie
den Mut nahm, den Magier noch einmal zu stören. Möglicherweise war es der
Instinkt einer Mutter, die um ihr
Kind kämpft.
„Still!“, zischte Endriel, hob seine Hand und warf
dunkle Magie gegen die Frau auf der anderen Seite des Tisches. Wimmernd sank sie
in sich zusammen.
Erst dann konnte er sich wieder auf sein Ritual
konzentrieren und fluchte leise. Neben dem dunklen Licht, das er auf dem Tisch
erschaffen hatte, leuchteten die Bluttropfen aus der Ampulle hell und weiß.
„Unrein“, murmelte er zornig. „So unrein.“ Jetzt, da
die Mutter bewusstlos war, konnte er andere Worte verwenden. Das Blut des Kindes
gab ihm Macht über es. Nur magieunwissende, dumme Menschen gaben diese Macht in
die Hände Fremder.
„Du wirst uns anerkennen oder sterben. Töte die
Unreinen, die dich geboren haben und entwickle die Kraft zu erkennen, dass du zu
uns gehörst! Verberge dich, bis die Zeit gekommen ist.“
Dunkles Licht, ausgehend vom Blut des geopferten Huhns
mischte sich mit dem hellen Licht, in das das Blut aus der Ampulle gehüllt war.
Es verging nicht, sondern bildete kleine Wirbel, die sich in der Schwärze
drehten und weiß leuchteten, über der hölzernen Tischplatte.
Endriel starrte eine ganze Weile auf die Magie vor ihm
und ein Stirnrunzeln erschien in seinem Gesicht.
„Du bist stark“, murmelte er und hob seine Hand. „Aber
du hast keine Chance.“ Die Bewegung seiner Hand entfachte den Lichterwirbel aus
heller und dunkler Magie von neuem. Schwarzes Licht mischte sich mit weißen und
wurde zu einem Nebel, der sich weder für schwarz noch für weiß entscheiden
konnte. Endriel unterdrückte ein Knurren und seine Augen glühten auf. Vielleicht
war etwas anderes besser. Ein siegessicheres Lächeln huschte über seine Lippen,
als er seine Worte von vor wenigen Minuten änderte:
„Schlafe, Annie.“
~*~*~*~
„Annie!? Annie?!“
Es dauerte eine Weile, ehe die
Schreie zu mir durchdrangen. Blinzelnd öffnete ich die Augen und schloss sie
sofort wieder, weil die Grelle des Sonnenlichts meinen Augen wehtat.
„Sie ist wach“, sagte eine andere,
diesmal weibliche, Stimme. „Annie, mach die Augen auf. Komm schon.“
Ich wollte meine Ruhe haben. Aber
die beiden gaben die mir nicht. Ich wurde wieder geschüttelt und gab ein
unwilliges Knurren von mir. Mühsam kämpfte ich meine Lider wieder hoch und
blinzelte. Jetzt schien das Licht erträglicher, aber ich wusste noch immer
nicht, wo ich mich befand.
Zwei Gesichter beugten sich über
mich. Beide schauten sehr besorgt, aber zum Glück schien mich mein Gedächtnis
nicht vollständig verlassen zu haben, denn ich kannte beide. Trevor und Vivian.
„Na siehst du, geht doch.“ Vivian
lächelte eins ihrer seltenen Lächeln. „Wird Zeit, dass du aufwachst.“
Trevor, an dem ich lehnte, half
mir, als ich mich aufrechter hinsetzen wollte. „Wie lange war ich weg?“ Jetzt
bemerkte ich auch, dass wir uns im Vorgarten zu Larrys neuem Wohnhaus befanden.
„Eine halbe Stunde“, antwortete
Trevor und klang noch immer besorgt.
„Trevor hat dich rausgetragen“,
fuhr Vivian fort. „Wir haben angenommen, dass du im Tageslicht eher wieder zu
dir kommst.“
Mir war elend und ich fühlte mich,
als hätte ich in der Nacht vorher gezecht und mehr getrunken als ich vertragen
konnte.
„Vivian sagt, der Tisch hat dich
mit Bildern überschwemmt und deshalb bist du weggetreten.“ Trevor, dessen Arm
mich noch immer stützte, schaute mir besorgt ins Gesicht. „Du bist scheußlich
blass, Annie.“
Vivian dagegen sah mich
unbeschreiblich neugierig an. „Was hast du gesehen?“
Urplötzlich war die Erinnerung
wieder da und ich wurde sicherlich noch eine Nuance weißer. „Meine Mutter…“,
hauchte ich tonlos.
Übergangslos verschwand das
Lächeln auf Vivians Gesicht und die ernsthafte Miene, die so gar nicht zu ihrem
Alter passte, erschien. „Deine Mutter?“
Ich nickte und schloss kurz die
Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Dann erzählte ich die Szene, an
die ich mich erinnerte als wäre ich dabei gewesen. Vielleicht war es auch so,
nur dass nicht ich der Zeuge war, sondern der Tisch.
Als ich geendet hatte, war nicht
nur ich blass, sondern auch Trevor und das Mädchen.
„So was dummes“, stieß Vivian
hervor. „Das erste, was ein Magier lernt, ist, niemals eigenes Blut in fremde
Hände gelangen zu lassen.“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie alt warst
du damals?“
„Woher soll ich das denn wissen?“,
schimpfte ich.
„Er wollte, dass du deine Eltern
tötest“, führte sie die Überlegungen fort. „Aber du hast es nicht getan. Es war
ein Autounfall, oder doch nicht?“
Mein Magen zog sich bei diesem
‚oder doch nicht?’ zusammen. „Ich weiß es nicht“, flüsterte ich erstickt.
„Schluss mit den Spekulationen“,
beendete Trevor die Diskussion, stand auf und zog mich mit hoch. „Wir
verschwinden jetzt hier und reden mit Sheldon. Wenn Annie ihre Eltern getötet
hätte, wäre ihr magisches Licht niemals reinweiß. Und das ist es.“
Ich wäre ihm am liebsten um den
Hals gefallen, als er das sagte, aber ich hatte Mühe auf den Beinen zu stehen
und wäre sicherlich wieder zusammengebrochen, wenn er mich nicht gestützt hätte.
Vivian verzog den Mund. „In allen
magischen Abstammungsbüchern wird jede Geburt eines Magiers registriert. Warum
hat sich niemand von euch um sie gekümmert?“
Trevor schaute sie eine Weile an.
„Ich weiß es nicht“, gab er dann zu. „Ich habe von ihrer Existenz erst vor ein
paar Jahren erfahren.“
Vivian nickte düster. „Wäre sie in
einer schwarzmagischen Familie geboren worden, wäre sie nie allein gewesen!“,
sagte sie dann scharf in Trevors Richtung.
„Sie ist in einer nullmagischen
Familie geboren worden!“
„Umso schlimmer!“
Ich seufzte. Wenn die beiden sich
noch länger anschreien wollten, musste ich einen Sitzplatz finden. „Mir ist
schlecht“, unterbrach ich sie, ehe Trevor zu einer zornigen Erwiderung ansetzen
konnte.
Das lenkte die Aufmerksamkeit der
beiden Streithähne wieder auf mich. Trevor funkelte Vivian noch einmal böse an,
führte mich aber dann in Richtung des Autos.
„Habt ihr die Tür abgeschlossen?“,
fragte ich, als ich endlich auf dem Beifahrersitz saß.
„Ja.“ Trevor startete den Wagen.
„Und ja, ich habe den Schlüssel an mich genommen. Es ist mir egal, ob das
richtig ist oder nicht. Ich denke, Sheldon möchte auch noch einmal hierher
zurückkommen.“
Ich schloss die Augen. Mein Bedarf an geweckten Erinnerungen war gedeckt. Ich hatte kein Verlangen nach mehr, aber ich bezweifelte, dass irgendjemand meine Meinung teilen würde.
Sheldons Gesicht wurde noch
besorgter als das von Trevor – wenn so etwas möglich war, nachdem er meine
Geschichte gehört hatte.
Da er aufgrund des Tageslichtes
mein Haus nicht verlassen konnte, hatte er sich in den vergangen Stunden
intensiv mit Cyangolom beschäftigt.
Verblüfft hatte ich bemerkt, dass
Raven neben ihm auf der Couch saß und gespannt zuzuhören schien, was Sheldon
erklärte. Vivian, der die Verärgerung noch immer anzusehen war, setzte sich in
den freien Sessel. Ich saß in dem zweiten, die Beine angezogen und meine
Arme um meine Knie geschlungen. Langsam ging es mir wieder besser, wenn
ich mich auch etwas matt fühlte. Vivian hatte erklärt, dass es normal war, wenn
magische Kräfte eingesetzt wurden und vor allem jetzt, da der Tisch an meinem
magischen Potential gezehrt hatte. Ich sollte essen, um meinem Körper wieder
etwas Energie zuzuführen. Aber Appetit auf irgendetwas wollte sich einfach nicht
einstellen.
Nachdenklich trommelten Sheldons
Finger auf der Tischplatte, nachdem ich geendet hatte. Trevor, der meiner
Version noch hinzugefügt hatte, was sich während meiner Bewusstlosigkeit
abgespielt hatte, lehnte sich zurück und beobachtete mich aus schmalen Augen.
„Mir war nicht bekannt, dass Lydia
Endriel aufgesucht hat“, begann Sheldon dann leise. „Das wirft ein völlig
anderes Licht auf die ganze Sache.“
„Hörst du bitte auf, in Rätseln zu
reden“, brummte ich missmutig.
Sheldons helle Augen sahen mich
offen an. „Endriel wollte, dass du deine Eltern tötest und daraus Macht
gewinnst. Er wollte, dass du ein Opfer wählst, vielleicht spielte es nicht
einmal eine Rolle, was das sein sollte“, erklärte er dann. „Du hast es nicht
getan, sondern – und das ist jetzt nur meine Vermutung -
dicht gemacht.“
Ich runzelte die Stirn. „Dicht
gemacht?“
„Magisch dicht“, fuhr er fort.
„Genaueres werden wir nur erfahren, wenn du dich erinnerst. Aber vielleicht…“
Seine Augen wanderten von mir zu Vivian, die seinen Blick ungerührt erwiderte.
„Durch das Blut, das Endriel von Annie in die Hände bekam, konnte er auf sie
Einfluss nehmen. Endriel hat einen Zauber gesprochen, wobei ich denke, dass er
nicht funktioniert hat, oder nicht ganz. Aber durch den Zauber wurde in Annie
eine Verbindung zwischen heller und dunkler Magie hergestellt. Vielleicht war es
das, was deine Magie gespürt hat, Vivian. Den Hauch von Dunkelheit in Annies
Macht.“
Mein Mund klappte auf. „Aber… aber
das Licht ist weiß.“
Sheldon zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Diese neueste Erkenntnis ist für mich genauso überraschend
wie für euch. Mich wundert auch, weshalb Endriel durch das Blut nicht mehr Macht
über dich besaß, Annie.“
„Mir ist völlig unverständlich“,
mischte sich jetzt Vivian ein, „weshalb sich niemand um sie kümmerte. Ihre
Geburt war sicherlich jedem Magier bekannt.“
„Im Gegensatz zu dir, standen
Annie bei ihrer Geburt alle Wege offen. Die Entscheidung, welchen Weg sie wählt,
musste sie selbst treffen.“
Erst jetzt fiel mir wieder ein,
dass Anastasia Vivians Vater getötet hatte, um dem Kind mehr Macht zu geben.
Schon vor ihrer Geburt hatte Vivian die Macht eines Opfers kennen und nutzen
gelernt. Ihr Weg stand fest.
„Wären meine Eltern weiße Magier
gewesen, wäre auch mein Weg vorherbestimmt gewesen“, wagte ich einzuwerfen.
Sheldon nickte. „Aber sie waren es
nicht. Du warst eines der wenigen Kinder, das in einer völlig magielosen Familie
geboren wurde. Solche Kinder müssen ihren eigenen Weg finden.“
„Schwachsinn“, knurrte Vivian.
Der Vampir lächelte fein. „Deine
Seite hat auch nichts getan.“
„So eine Dummheit würde ich nicht
begehen, wenn ich etwas zu sagen hätte“, erklärte Vivian selbstbewusst.
„Zum Glück hast du nichts zu
sagen“, kam es von Trevor.
Ich konnte in diesem Fall nur
Vivian recht geben, weil ich es auch nicht verstand. Ich hätte tatsächlich
verrückt werden können. Wenn ich mir überlegte, wie lange ich diese Träume schon
hatte und was sich vielleicht in meinem Kopf befand und von dem ich nur nichts
wusste.
Verärgerung
stieg in mir hoch. Zorn auf diese Wesen, die mich allein gelassen hatten und die
mir schon damals hätten helfen können. Sie hätten verhindern können, dass meine
Mutter zu Endriel ging. Sie hätten sie warnen
können, mein Blut an einem mächtigen dunklen Magier zu geben.
„In Annies Fall kam noch etwas
anderes hinzu“, setzte dann Sheldon seine Erklärungen fort. „Das magische Buch
zeigte zwar ihre Geburt an, aber Annie selbst zeigte keinerlei Anzeichen, dass
sie tatsächlich die Kräfte besaß, die sie besitzen sollte. Manchmal bilden sie
sich nicht in der Stärke aus, die das Buch verspricht. Manchmal sehr spät. Wir
wollten Annie Zeit geben und sie beobachten.“
„Beobachten?“, fuhr ich erbost
hoch.
„Soviel ich weiß, haben deine
Eltern jeglichen sanften Kontakt abgelehnt“, sagte Sheldon dann leise.
„Allerdings führe ich das jetzt auf den Einfluss Endriels zurück. Und dann kam
der Unfall. Etwas, was niemand vorhersehen konnte.“
„Spätestens dann hättet ihr
handeln können“, sagte Vivian und klang noch immer sehr angriffslustig.
„Man steckte Annie in ein
Waisenhaus und wir nahmen an, sie wäre dort erst einmal sicher.“
Bilder stiegen plötzlich in mir
hoch. Bilder von den dunklen, kleinen Zimmern, von strengen Erziehern und den
Kindern, die mich mieden als wüssten sie, dass ich anders war. Ich hatte mich
einsam gefühlt und verloren und festgestellt, dass ich mir nur selbst helfen
konnte. Vielleicht war auch das der Grund, warum ich in meinem Leben nie
jemanden zu nah an mich heran ließ.
„Oh klar!“, stieß Vivian hervor.
„In einem Waisenhaus ist man sehr gut aufgehoben, genauso gut wie in einem Heim
für schwer erziehbare Jugendliche!“
Raven, der bisher sehr ruhig neben
Sheldon gesessen hatte, schien auf Vivians aggressive Stimmung zu reagieren. Er
rutschte in ihre Richtung, sank neben ihrem Sessel zu Boden und lehnte seine
Wange gegen ihre Knie. Es war, als würde er versuchen, das Mädchen zu beruhigen
und komischerweise funktionierte es auch. Ich hatte ihn noch immer keinen Ton
reden hören, vielleicht war er wirklich stumm, aber als er jetzt leise schnurrte
und seine Wange an Vivians Knie rieb, veränderte sich der Ausdruck im Gesicht
des Mädchens. Mit einem fast weichen Lächeln hob sie ihre Hand und strich ihm
sanft durch die Haare.
Ich war einen Moment so verblüfft,
dass ich die beiden nur beobachten konnte. Raven schaute hoch, lächelte Vivian
an und sie senkte den Kopf und küsste ihn sanft auf die Stirn. Es lag eine Art
Nähe in dieser Geste, die ich dem jungen Mädchen nicht zugetraut hätte.
Ich musste kurz blinzeln, ehe ich
mich wieder konzentrieren konnte. Komischerweise war auch meine Verärgerung
etwas abgeflaut. „Was tun wir jetzt?“, stellte ich die Frage, die mir schon
lange auf der Zunge lag.
Sheldon holte tief Luft. „In deine
Vergangenheit gehen, Annie.“
~*~*~*~*~
Ich wollte nicht in meine
Vergangenheit. Und ich wollte mich am liebsten mit Händen und Füßen dagegen
wehren. Es musste einen Grund geben, aus dem ich all das verdrängt hatte und den
wollte ich einfach nicht wissen.
Sheldon und auch Vivian erklärten
mir dann, dass man wissen musste, wie viel Macht in Endriels Händen durch mein
Blut lag. Sie mussten erfahren, ob man etwas dagegen tun konnte, wenn das noch
der Fall sein sollte. Das war ja alles gut und schön, aber ich war bisher sehr
gut ohne dieses Wissen zurechtgekommen. Warum sollte ich das jetzt ändern?
Nicht sofort, war meine Bedingung
gewesen und Sheldon hatte genickt. Vivian hatte mich komisch angesehen und
Trevor schaute wie üblich undefinierbar. Ehe noch einer von ihnen ein Wort hatte
sagen können, war ich aufgesprungen und in die Küche verschwunden. Mochten sie
da draußen diskutieren wie sie wollten, ich musste meine Nerven beruhigen und
was war dazu besser geeignet als eine Tasse Kaffee?
Ich versuchte an gar nichts zu
denken, während ich Wasser in die Maschine füllte und die Filtertüte einlegte.
Ich maß gerade den Kaffee ab, als ich hinter mir die Tür hörte und schloss die
Augen. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Trevor war, der die
Küche betreten hatte.
Wortlos drückte er den Filter
zurück in die Halterung, betätigte den Einschaltknopf und nahm die Kaffeedose
aus meinen Händen. Ich öffnete meine Augen wieder, als er die Dose auf dem
Schrank absetzte, drehte mich um und schaute genau in seine grauen Augen.
„Wovor hast du Angst?“, fragte er
leise.
Verzweiflung stieg in mir hoch,
weil ich keine Antwort auf diese Frage wusste. Etwas davon musste in meinem
Blick zu lesen gewesen sein, denn er hob seine Hand und strich sanft über meine
Wange. Plötzlich kämpfte ich gegen das Bedürfnis, mich einfach in seine Arme zu
werfen und für einen kurzen Moment den Rest der Welt zu vergessen. Einfach nur
dadurch, dass mich jemand festhielt, dass es jemanden gab, an den ich mich
anlehnen konnte. Der Gedanke erschreckte mich etwas und ich drehte mich schnell
zum Küchentisch um, ehe ich dieser dummen Regung nachgeben konnte.
„Annie?“
Ich schüttelte den Kopf, doch
Trevor folgte mir, griff nach meinem Arm und zog mich auf den Küchenstuhl,
während er selbst auf dem zweiten Platz nahm.
„Red mit mir“, bat er wieder.
„Vielleicht kann ich dir einen Teil deiner Bedenken nehmen.“
Ich zuckte unbestimmt mit den
Schultern. „Ich weiß es nicht“, gab ich dann zu. „Ich… ich habe in den letzten
Wochen keinen einzigen dieser Alpträume gehabt, die mich geplagt haben, bevor
ich euch getroffen habe. Das ist schön, Trev… du kannst dir vielleicht gar nicht
vorstellen, wie schön… Ich will nicht wieder welche haben. Ich will endlich in
Ruhe schlafen…“
„Es muss nichts schlimmes passiert
sein“, sagte er ruhig, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Vielleicht schläfst
du ruhiger, wenn du alles weißt.“
„Vielleicht aber auch nicht…“ Da
waren Erinnerungsfetzen in meinem Kopf, solche wie damals, als ich Vivian das
erste Mal gegenüber gestanden hatte. Düstere Erinnerungen. Ich bezweifelte
stark, dass ich besser schlafen würde, wenn ich alles wusste.
„Wenn Endriel wirklich noch Macht
über dich hat, Annie, dann stärkst du ihn mit deinem Nichtwissen noch.“
Ich schüttelte den Kopf und
vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Wenn er Macht hätte, dann hätte er sie
mir gegenüber angewandt.“
Trevor zog mir die Hände mit einer
sanften aber bestimmten Bewegung weg. „So einfach ist es nicht, Annie. Sheldon
hat es nicht ausgesprochen, aber wir denken beide, dass deine Vergangenheit der
Schlüssel zu deiner Reaktion auf Vivian ist.“
Jetzt musste ich wohl sehr
erstaunt geschaut haben, denn er lächelte kurz und fuhr fort.
„Ein weißer Magier reagiert extrem
auf dunkle Magie. Dein magisches Licht ist reinweiß, weil es noch keine
Gelegenheit hatte, die Farbe zu verändern. Das geschieht erst mit dem ersten
Opfer. Aber der Wunsch nach mehr Macht, oder nennen wir es die latente
Veranlagung, die schlummert in jedem. Möglicherweise hat das Tun deiner Mutter
und damit Endriels Handeln etwas in dir geweckt, das nie geweckt worden wäre.
Und Vivians Magie hat diesen dunklen Kern gespürt.“
Ich sagte eine Weile gar nichts,
weil ich erst wirken lassen musste, was er da von sich gegeben hatte. „Aber das
Cyana hat mich erkannt“, gab ich dann zu bedenken. „Und es hat Vivian nicht
abgewehrt.“
„Natürlich erkennt das Cyana
seinen Träger und bis zum jetzigen Augenblick bist du auch der rechtmäßige
Besitzer. Du wirst es immer bleiben, aber kein dunkler Magier kann die Nähe des
Cyanas ertragen. Er wendet sich freiwillig davon ab.“
„Es gibt Lucyana, die zur dunklen
Seite gewechselt sind?“
Er nickte.
„Und keinen einzigen Fall, dass es
auch andersherum möglich ist?“, vergewisserte ich mich noch einmal.
„Nein.“
„Dann hat meine Magie vielleicht
erkannt, dass in Vivian dieser weiße Kern schlummert?“ Ich klang selbst in
meinen eigenen Ohren unsicher, aber der Gedanke gefiel mir besser als der, dass
es in mir etwas schrecklich Dunkles geben könnte, das nur darauf wartete,
hervorzubrechen.
„Sheldon kann dir helfen
zurückzureisen. Und wir sind da, um dich aufzufangen.“
Er lächelte wieder und ein warmes
Gefühl stieg in mir hoch. Manchmal mochte er ein ärgerlicher arroganter Mistkerl
sein. Aber ich konnte mit Bestimmtheit sagen, dass ich mich auf ihn verlassen
konnte. Es gab wenige Menschen, von denen ich das behaupten würde. Trevor
gehörte dazu. Und Sheldon auch. Mit einem Seufzen gestand ich mir ein, dass ich
es bei Vivian nicht hundertprozentig sagen würde.
Ich musste geseufzt haben, denn
Trevor schaute mich fragend an. „Nichts“, antwortete ich mit einem schiefen
Grinsen. „Mir ging gerade durch den Kopf, dass ich froh bin, dich zu kennen.“
Er sah nicht so aus, als hätte er
diese Worte erwartet. Wahrscheinlich war er es auch nicht gewohnt, dass jemand
sagte, dass er ihn mochte.
„Verflucht“, murmelte ich dann
fast verzweifelt. „Ich habe verdammte Angst davor. Warum nur?“
Er verzog den Mund. „Weil es nicht
immer angenehm ist, sich selbst kennen zu lernen.“
„Was ist, wenn ich nicht mag, was
ich erfahre?“
„Glaubst du, ich mag alles, was
ich getan habe?“, fragte er und ein Hauch von Bitterkeit schwang in seiner
Stimme mit. „Ab wann beginnen deine Erinnerungen wieder?“
Ich überlegte einen Moment. „Bis
zum Unfall meiner Eltern sind sie eigentlich normal wie die eines jeden Kindes,
nicht unbedingt überdeutlich, aber zumindest ist etwas da. Danach ist Schluss,
das einzige, was ich manchmal sehe, sind diffuse Erinnerungsfetzen, kurze Bilder
oder etwas in der Art. Exakt erinnern kann ich mich eigentlich erst an alles,
was nach meinem fünfzehnten Lebensjahr liegt. Schätzungsweise.“
„Du weißt aber, in welchem
Waisenhaus du warst?“
„Nein“, knurrte ich. „Und ich will
es auch nicht wissen.“
„Annie“, witzelte er und ein Teil
seines spöttischen Ichs war wieder da. „Du kleiner Feigling.“
Ich war versucht, ihm die Zunge
herauszustrecken, schaffte es aber gerade noch, diesen kindischen Impuls zu
unterdrücken. Dann erinnerte ich mich an seine Worte und wurde wieder ernst.
„Was in deiner Erinnerung magst du nicht?“
Er sah mich eine ganze Weile an
und ich rechnete schon damit, dass er mir gar nicht antworten würde.
„Dass ich Laurell geheiratet
habe“, sagte er dann. „Und dass ich nicht auf ihrer Beerdigung war.“
„Du…“, begann ich zögernd. „Du
könntest deine Kinder jederzeit besuchen.“
Er ging nicht darauf ein. „Ich
habe Dinge getan, weil sie von mir erwartet wurden und nicht weil ich es selbst
wollte. Ich habe mich selbst verleugnet, um meinem Vater zu gefallen. Deshalb
habe ich Laurell geheiratet und habe damit ihr Leben zerstört.“
„Das ist nicht wahr“, sagte ich
leise. „Du hast es nicht zerstört. Sie hat zwei Kinder groß gezogen…“
„Allein. Ohne noch einmal zu
heiraten“, fiel er mir ins Wort. „Sie hatte am Ende Angst vor mir und die beiden
Mädchen auch. Wenn ich könnte, würde ich diesen Teil meines Lebens streichen.“
Dann sah er mich ruhig an. „Aber das geht nicht, Annie. Es gehört zu meinem
Leben dazu, so schwer es auch ist, daran zurückzudenken. Als ich zusammen mit
Sheldon gegangen bin, hat mein Vater gesagt, er würde vergessen, dass ich sein
Sohn bin. Das tat verdammt weh. Laurell hat sich
nicht einmal verabschiedet und die beiden Mädchen auch nicht.“
„Das tut mir leid“, flüsterte ich
erstickt. Plötzlich fühlte ich meine eigenen Bedenken lächerlich werden. Was
konnte schon schlimmes in den paar Jahren passiert sein?
Trevor sah aus als wäre er mit
seinen Gedanken noch immer in weiter Ferne. „Ich wollte, dass er stolz auf mich
ist“, sagte er dann bitter. „Aber er hat gesagt, ich solle aus seinen Augen
verschwinden, er würde sich für mich schämen.“
Etwas in mir zog sich zusammen.
Manchmal war auch ich etwas sentimental veranlagt. Wortlos schlang ich meinen
Arm um ihn und drückte ihn kurz. Was sollte ich auch sagen? In solchen
Situationen fiel es mir schwer, mit Worten umzugehen. Trevor drehte den Kopf,
lächelte schwach und presste kurz seine Lippen gegen meine Haare.
„Eigentlich wollte ich nur eins
damit sagen, Annie. Egal, was deine Erinnerungen dir erzählen werden, sie
gehören zu deinem Leben. Und so sehr ich meine verfluche, manchmal, so sehr
hänge ich auch daran.“
Ich hob den Kopf, schaute in seine
so eigenartig grauen Augen und etwas wie Beruhigung breitete sich in mir aus.
„Heute“, fuhr er fort, „bin ich
stolz auf mich selbst und meine Fähigkeiten. Heute weiß ich, dass ich nur mir
selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss und niemandem sonst. Und selbst wenn
ich Fehler gemacht habe, so habe ich aus ihnen gelernt. Genauso wird es dir
gehen, Annie. Falls es denn da Fehler gab…“
„Ich müsste ein netter,
lebenslustiger Mensch sein, wenn es da keine Fehler geben würde…“
Er lachte leise und diesmal senkte
er den Kopf und küsste mich kurz auf den Mund. Ich war zu überrascht, um zu
reagieren, aber wenn ich ehrlich mir selbst gegenüber war, eigentlich hatte ich
auch nichts dagegen.
„Bereit, es herauszufinden?“,
fragte er, mit dem Gesicht noch immer in beängstigender Nähe zu meinem.
Dummerweise irritierte mich das
etwas und löste eine eigenartige Spannung in meinem Körper aus, die nicht einmal
unangenehm war. Überdeutlich erinnerte ich mich wieder an jenen Tag, an dem er
mich geküsst und die Magie in uns reagiert hatte.
„Hm“, murmelte ich undeutlich.
Trevor griff nach meiner Hand,
stand auf und zog mich mit hoch. „Dein Kaffee ist fertig.“
Ich starrte auf seine Hand, die
meine noch immer festhielt und wunderte mich, dass es sich nicht falsch
anfühlte. Ich bin nicht der Typ Frau, der auf Händchenhalten und Kuscheln steht,
aber Trevors Hand in meiner fühlte sich richtig an, obwohl ich nicht beschreiben
konnte, weswegen. Es irritierte mich.
Trevor hob die andere Hand zu
meinem Kinn und drehte mein Gesicht in seine Richtung. „Es ist die Magie,
Annie“, sagte er leise, als würde er meine Gedanken ahnen. „Du spürst die Magie
in dem anderen und reagierst darauf. Entweder ist es Sympathie oder Antipathie.
Du spürst es vom ersten Moment an, in dem du einen anderen Menschen berührst.“
„Bei dir ist es Sympathie“,
murmelte ich wie zu mir selbst und sah ihn nicken. „Aber als ich dich damals das
erste Mal gesehen habe, konnte ich dich nicht leiden.“
Er lachte wieder leise und sein
Lachen berührte ebenfalls einen Punkt in mir. „Du hast mich nicht berührt und
meine mentale Abwehr stand voll. Deine Magie konnte mich nicht einmal erkennen,
selbst wenn du gewusst hättest, wie du damit umzugehen hast.“
Neugierig legte ich den Kopf
schief. „Jetzt steht dein mentaler Schirm nicht mehr?“
„Ach Annie“, seufzte er.
„Ich versteh es nicht“,
entschuldigte ich mich. „Erklär es mir.“
Er schaute eine Weile überlegend
in die Luft. „Hast du dich manchmal gefragt, warum dir ein Mensch vom ersten
Augenblick an unsympathisch ist und ein anderer nicht?“
Ich nickte. Das war mir oft genug
so gegangen.
„Die Magie kommuniziert. Und in
jedem steckt eine gewisse Aura, selbst in Menschen, die nicht fähig sind, sie zu
benutzen. Je mehr du natürlich damit umgehen kannst, umso sensibler reagierst
du.“ Er lächelte mich an. „Ich kann nicht sagen, dass du mir unsympathisch
warst. Ich konnte einfach nur nicht glauben, dass du tatsächlich die Frau mit
den Fähigkeiten einer Lucyana sein sollst.“
„Du hast mich schon teilweise
genervt“, gab ich zurück. „Und du tust es jetzt noch oft genug. Wie ist es bei
dir und Vivian?“, erkundigte ich mich dann neugierig.
„Das Komische ist“, antwortete er
nachdenklich, „sie ist mir nicht unsympathisch, aber ich traue ihr nicht. Mein
Gefühl sagt etwas anderes als mein Verstand, vielleicht auch, weil dieser nicht
einsehen will, dass ein Wesen mit schwarzmagischen Fähigkeiten zu uns gehört.
Dazu kommt, dass sie erst sechzehn ist.“ Er grinste. „Mädchen in dem Alter sind
nie einfach. Auf keiner Welt des Universums.“
Ich verzog den Mund. „Keine
Ahnung. Ich habe nicht viele Erinnerungen an mich als ich so alt war.“
Trevors Finger, die noch immer
mein Kinn umfingen, strichen gedankenverloren an der Linie meines Kiefers
entlang. „Ich wette, du warst extrem kompliziert“, grinste er dann und hob seine
Augen vom Spiel seiner Finger zu meinen.
Übergangslos spürte ich wieder
seine Nähe und mein Herz hämmerte gegen meinen Willen um einige Takte schneller.
„Glaub ich kaum“, stieß ich hervor
und hoffte, dass ich nicht so klang wie ich mich fühlte. Nämlich etwas atemlos.
Ich wollte nicht, dass er merkte, welche Wirkung seine Nähe auf mich hatte, weil
ich mir nicht einmal selbst eingestehen wollte, dass er solch eine Wirkung
hatte.
„Manchmal“, fuhr er fort, „lässt
uns die Magie auf den anderen extremer reagieren.“
Extremer?
„Vielleicht sollte ich dich davor
warnen, Annie. Manchmal fühlst du dich zu einem Menschen hingezogen, nur weil er
ein Magier ist.“
„Redest du jetzt von mir oder von
dir?“, fragte ich misstrauisch.
Er lächelte schwach und ließ mich
los. „Beides. Ich habe es erlebt. Du erwachst am nächsten Morgen mit dem schalen
Geschmack im Mund, etwas getan zu haben, was du gar nicht wolltest.“
Ich hatte kurz damit zu tun, gegen
das Gefühl von Enttäuschung zu kämpfen, weil er mich losgelassen hatte. „Ich
kann nur von mir sprechen und ich kenne das Gefühl nicht.“
„Wie schön für dich“, grinste er
recht jungenhaft. „Aber du wirst es noch kennen lernen.“
„Hör auf, mir so pessimistischen
Mist zu erzählen“, brummte ich missmutig. „Es reicht, wenn ich irgendwas
Pessimistisches in meiner Erinnerung sehe.“ Dann drehte ich mich um und öffnete
die Schranktür. „Auch Kaffee?“
Er nickte. Zum Glück schwieg er,
während ich die Kaffeetassen fühlte und meinen mit Zucker und Milch versah.
Trotzdem spürte ich seinen Blick und er machte mich nervös. Um mich von meinen
eigenen Gedanken abzulenken, drückte ich ihm seine Tasse in die Hand.
„Alles klar?“, fragte er ruhig.
Ich holte tief Luft. „Ja. Ich
hoffe es.“
Er lächelte und ließ mich an sich
vorbei zurück ins Wohnzimmer gehen.
Vergangenheit
„Dieses verdammte Wetter.“
Ich schreckte hoch, als mein Vater
leise fluchte und blinzelte zwischen den Sitzen meiner Eltern hindurch. Es
regnete nicht nur, es schüttete mit allem, was der Himmel zur Verfügung
hatte. Die Lichter der entgegenkommenden Autos brachen sich in den
Regentropfen und sorgten dafür, dass man kaum zwanzig Meter sehen konnte.
Meine Mutter drehte den Kopf und
lächelte mich an. „Du bist aufgewacht, Annie?“, fragte sie sanft. „Wir haben es
gleich geschafft.“
„Wenn es weiter so regnet, müssen
wir anhalten und warten“, brummte mein Vater, während seine Finger das Lenkrad
fester umfassten.
Mir war es egal. Ich war noch
immer in den Fetzen des Traumes gefangen, aus dem mich seine Stimme geweckt
hatte, und wollte am liebsten weiterschlafen. Der Regen trommelte gegen die
Windschutzscheibe und das eintönige Geräusch wirkte einschläfernd. Ich fühlte
mich müde und lehnte meinen Kopf gegen die Seitenscheibe des Fahrzeugs.
Wir waren auf einer
Geburtstagsfeier von Freunden meiner Eltern, den Hastings,
gewesen. Diese hatten keine Kinder, aber da meine Eltern mich nicht
allein zu Hause lassen wollten, musste ich notgedrungen mit. Warum sie mich
nicht allein lassen wollten, war mir unverständlich. Schließlich war ich sieben
Jahre alt und kein Baby mehr. Der Abend war so langweilig gewesen, wie ich es
mir vorgestellt hatte und zum Schluss hatte ich mir immer übellauniger anmerken
lassen, dass ich nach Hause wollte. Meine Laune hatte sich allerdings noch nicht
wieder gebessert und so schwieg ich einfach.
„Verdammt“, schimpfte mein Vater
wieder. „Das ist doch kein Unwetter, das ist eine verdammte Sintflut!“
„Fahr langsamer, Schatz“, bat
meine Mutter.
Der Regen hatte eingesetzt, als
wir die Haustür der Hastings hinter uns geschlossen hatten. Wir waren zum Auto
gerannt, um nicht bis auf die Haut durchweicht zu werden und froh gewesen, im
Inneren des Fahrzeugs wenigstens einigermaßen trocken zu sitzen.
Wir fuhren wieder eine ganze
Weile, ohne dass meine Eltern sprachen, bis meine Mutter sich nach vorn beugte.
„Jetzt scheinen wir die einzigen geworden zu sein, die bei dem Wetter noch
unterwegs sind.“
Da ich geschlafen hatte, wusste
ich nicht, ob uns bis jetzt viele Fahrzeuge entgegengekommen waren.
Kein Wunder, dachte ich böse.
Alle anderen fahren beizeiten heim und warten nicht so ein blödes Unwetter ab.
Normalerweise hatte ich nichts gegen späte Zeiten, aber wenn ich allein am Tisch
mit Erwachsenen saß, war das einfach öde. Ich steigerte mich gerade in meine
missmutige Stimmung hinein, als meine Mutter erschrocken aufschrie und es vor
uns auf der Straße grell aufleuchtete. Im nächsten Moment wurde ich in meinen
Gurt gedrückt und die Bremsen quietschten ohrenbetäubend.
„Was ist das?“, schrie meine
Mutter durch den Lärm der Bremsen.
Panik hüllte mich ein. Etwas, was
ich nicht beschreiben konnte, lag in der Luft und schnürte mir
den Atem ab. Sicherlich geschah all das nur in
Sekunden, aber mir erschien es, als würden Stunden vergehen. Ich hörte die
Schreie meiner Eltern, sah das grelle Licht und plötzlich in dessen Mitte eine
dunkle Gestalt, die die Arme gehoben hatte. Das Auto schlingerte, als es auf der
nassen Fahrbahn den Halt verlor und mein Vater riss am Lenkrad, um es in der
Spur zu halten. Wir waren nicht so schnell unterwegs gewesen und eigentlich
hätte es ihm möglich sein müssen.
„Das Auto reagiert nicht!“, schrie
er und meine Mutter umklammerte mit angstvoll geweiteten Augen die Griffe an der
Tür.
Urplötzlich war alles um uns herum
taghell erleuchtet und mir blieb fast das Herz stehen, als ich die Gestalt auf
der Straße überdeutlich erkennen konnte. Es war ein Mann in einem schwarzen
Ledermantel und seine hellen, fast weißen Haare wehten im Wind. Der Regen machte
um ihn einen Bogen, ja ich hatte fast den Eindruck, er würde dafür sorgen, dass
ihn kein Tropfen berührte.
Etwas fuhr durch meinen Körper,
etwas Fremdes, Unheimliches und es tat für einen Moment so weh, dass ich
aufschrie. Dann geschah alles gleichzeitig. Etwas in mir erwachte und ich bekam
solche Angst, weil ich es kannte und wusste, dass immer, wenn es geschah, etwas
Schreckliches passierte. Wimmernd sackte ich in meinem Gurt zusammen.
Etwas Schreckliches würde passieren und man würde mir wieder die Schuld dafür
geben. Das war alles, was mir durch den Kopf ging. Ich hatte Angst, ich wollte
nicht Schuld sein, dass komische Dinge passierten, und schloss weinend die
Augen. Dann explodierte das Ding in mir, für einen Moment verlor ich die
Orientierung, als der Schmerz in meinem Körper zu mächtig wurde und im nächsten
Augenblick krachte es ohrenbetäubend neben mir, als das Auto gegen den Baum
knallte. Regen trommelte auf meinen Körper, durchweichte meine Kleidung im Nu
bis auf die Haut, doch ich spürte es nicht, weil ein reines weißes Licht meinen
Körper einhüllte und mich von innen wärmte.
Dann war der Mann in dem schwarzen
Mantel da, beugte sich über mich und wich sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht
zurück. Der Hass in seinen hellen, grünen Augen war das letzte, was ich sah, ehe
mich die Bewusstlosigkeit übermannte.
~*~*~*~
Gegenwart
Ich zuckte zusammen, als ich
abrupt aus den Bildern meiner Vergangenheit gerissen wurde und schaute in die
Gesichter von vier anderen Menschen. Trevor und Sheldon sahen mich fragend an,
Vivian recht misstrauisch und Raven einfach nur neugierig. Ob er verstand, was
wir hier gerade taten, konnte ich nicht abschätzen.
Mit zitternden Fingern griff ich
nach meiner Kaffeetasse und führte das Gefäß an meine Lippen.
„Du bist ganz blass, Annie“,
meinte Vivian zögernd und rutschte neben mich. „Was hast du gesehen?“
„Vivian“, sagte Sheldon sanft.
„Lass sie erst einmal zur Besinnung kommen. Es ist nicht immer einfach, mit
Bildern klarzukommen, die man vorher nie gesehen hat.“
Ich setzte die Tasse wieder ab und
strich mir über die Augen. Ich wusste, wer der Mann damals gewesen war und die
Angst setzte sich mit einem festen Klumpen in meinem Magen fest. Dass er eine
solch große Rolle in meiner Vergangenheit gespielt hatte, hatte ich nicht ahnen
können.
„Es war die Nacht, als meine
Eltern starben“, flüsterte ich erstickt. „Verdammt, ich war sauer auf sie in
diesen letzten Minuten. Ich habe nicht mit ihnen geredet, weil ich ein bockiges
dämliches Kleinkind war…“ Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen.
Neben mir senkte sich die Couch,
weil sich jemand setzte und dann fühlte ich Trevors Arme, die mich umschlangen
und an seine Brust zogen.
„Na ja“, sagte Vivian trocken.
„Ist schlecht möglich zu sagen, ich hab euch lieb und möchte, dass ihr das jetzt
wisst. Bevor ihr gleich…“
„Vivian!“ Sheldon funkelte das
junge Mädchen eisig an. „Halt den Mund.“
Sie erwiderte den Blick ungerührt.
Vivian verstand meine Gefühle
jetzt nicht und ich konnte ihr nicht einmal einen Vorwurf machen. Vielleicht
konnte es niemand verstehen, der nicht in derselben Situation gewesen war. Und
Vivian, deren Mutter den Jungen zu Tode gequält hatte, den sie geliebt hatte,
schon gleich gar nicht. Aber der
Gedanke, dass meine Eltern mit dem Wissen gestorben waren, dass ich böse auf sie
gewesen war, lastete schwer auf mir. Und ja, kindischer Weise wünschte ich mir,
zurückreisen und ihnen sagen zu können: „Macht euch keine Gedanken, ich habe
euch lieb.“
Trevor strich beruhigend über
meine Haare. „Wie bist du aus dem Auto rausgekommen?“
„Die Magie hat reagiert“,
flüsterte ich erstickt. „Und es war kein Unfall…“ Ich hob den Kopf und schaute
Sheldon an. „Endriel war da und auch dieses Unwetter… Kann Magie ein Unwetter
schaffen?“
Der Vampir nickte. „Sicher.“
„Ich denke, er wollte mich noch
töten, als er sah, dass ich aus dem Auto herausgekommen war, aber er kam nicht
an mich heran. Da war weißes Licht, das mich einhüllte.“
„Die instinktive Reaktion der
weißen Magie auf die dunkle“, erklärte Sheldon dann. „Endriel hat wohl damit
gerechnet, es umgehen zu können, indem er das Auto handeln lässt.“
„Verdammt“, wisperte ich hilflos.
„Ich bin Schuld an ihrem Tod. Genauso wie an Susans.“
„Nein“, sagte Trevor und der Griff
seiner Arme wurde fester. „Das kann niemand wissen. Deine Mutter ist zu Endriel
gegangen. Auch das kann die Ursache sein, dass er erst auf euch aufmerksam
geworden ist.“
„Mütter tun meist die dämlichsten
Sachen…“
„Vivian!“, schrie jetzt Trevor
zornig. „Es reicht!“
„Es ist besser, wenn du in dein
Zimmer gehst, Vivian“, sagte Sheldon ruhig. „Vielleicht musst du erst noch
lernen, wie weh Worte tun können.“
Vivian zuckte mit den Schultern
und stand auf. „Ich wollte nur nicht, dass sich Anne Vorwürfe macht. Ich kann
nichts dafür, wenn ihr das falsch versteht.“ Damit griff sie nach Ravens Hand
und zog den D’arjo hinter sich her.
Es tat weh, sie solche herzlosen
Worte sagen zu hören, aber ich wusste, dass sie mich nicht hatte verletzten
wollen. Vielleicht hatte Sheldon recht und sie war noch zu jung, um es zu
verstehen. Aber ich bezweifelte das. Es war einfach so, dass sie nicht verstehen
konnte, welche Gefühle zwischen Eltern und Kindern existierten, weil sie keine
solchen erlebt hatte. Und dieser Gedanke wiederum tat mir unwahrscheinlich leid.
Ich bezweifelte auch, dass ihre Mutter sie jemals in den Arm genommen und
gedrückt hatte und noch weniger konnte ich mir vorstellen, dass Anastasia ihr
irgendwann mal gesagt hatte, wie lieb sie sie hatte. Mit ihrem nüchternen
gefühllosen Verstand hatte sie völlig recht. Ich trug keine Schuld. Mein
Gewissen sagte etwas anderes und machte mir Vorwürfe.
„Ich muss dir noch etwas sagen,
Annie“, sagte Sheldon leise. „Mit der Lösung der Blockaden in deinem Kopf werden
Erinnerungen geweckt. Ich weiß nicht immer, wann sie auf dich einstürmen.
Möglicherweise tauchen sie überraschend auf, wenn ein Auslöser im Jetzt entsteht
oder du träumst davon.“
„Na toll“, brummte ich missmutig.
„Hättest du das nicht vorher sagen können?“
„Wir werden versuchen, die meisten
unter Aufsicht entstehen zu lassen“, versprach er mir, aber das ungute Gefühl in
meinem Magen blieb.
Der Gedanke war unheimlich. Ich
würde Bilder aus meinem Leben sehen, das ich gelebt hatte, aber an das ich keine
Erinnerung besaß, oder zumindest nur diffuse undeutliche Bilder. Die Angst
hockte immer noch in mir wie ein Tier, das sich im Inneren versteckte und
wartete loszubrechen. Und noch immer fragte ich mich selbst, ob es nicht besser
wäre, mit dem Nichtwissen zu leben.
Sheldon sagte nein und Trevor war
der gleichen Meinung. Vielleicht würde ich ihnen in einigen Wochen recht geben,
im Moment fühlte ich mich einfach nur elend. Ich lehnte mich in Trevors Umarmung
und genoss es, jemanden zu haben, an den ich mich anlehnen konnte. Es war nicht
oft in meinem Leben passiert, dass ich das Bedürfnis danach verspürte, aber im
Augenblick fühlte es sich gut an.
Vielleicht spürte er es, denn er
ließ mich nicht los und die Wärme seines Körpers, die ich durch meine Kleidung
spürte, gab mir ein Gefühl von Heimat, so lächerlich wie das auch klang.
~*~*~*~
Vergangenheit
„Ich war das nicht.“ Ich
schüttelte wild den Kopf, obwohl mich Miss Letitia mit solch einem zornigen
Gesichtsausdruck musterte, dass mir hätte Angst und Bange werden müssen.
„Ich weiß wirklich nicht mehr, was
ich mit dir tun soll, Anne“, sagte sie mit einem eisigen Tonfall. „Und ich habe
es satt, am Morgen das Chaos beseitigen zu lassen, das du verursacht hast.“
„Ich war das nicht“, stieß ich
verzweifelt hervor, während meine Augen in meinem Zimmer herumhuschten. Bücher
lagen auf dem Fußboden herum, das Regal, auf dem sie gestanden hatten, war aus
der Verankerung gerissen und auch das Fenster hing nur noch an einem Scharnier.
Ich war durch das Krachen aufgewacht, mit dem die Bücher auf den Boden gedonnert
waren und zu erschrocken gewesen, um irgendetwas zu machen. Der Lärm war auch im
Gang zu hören gewesen und es war keine halbe Stunde vergangen, bis jemand Miss
Letitia, die Heimleiterin, informiert hatte.
„Anne“, fuhr die Frau fort. „Die
anderen Kinder haben Angst vor dir, niemand will mit dir in einem Zimmer
schlafen, weil du nur Unsinn im Kopf hast.“
Jetzt traten Tränen in meine
Augen. „Ich mache doch gar nichts“, murmelte ich und wischte mir schnell über
die Augen, um die Tränen zu verbergen.
Die anderen Kinder ärgerten mich
oft genug. Versteckten Schulbücher, bemalten meine Tür oder stahlen mir meine
Stifte. Manchmal freute ich mich, wenn ihnen dann ein Missgeschick passierte.
Warum auch nicht, so ein bisschen war ich schon sauer, wenn sie mich laufend
piesackten. Aber ich hatte wirklich nie jemandem etwas absichtlich getan. Was
konnte ich dafür, wenn plötzlich ein Buch durch die Luft flog und eins der
anderen Kinder traf? Oder wenn die Lampe sich aus ihrer Halterung löste.
„Das hier muss aufhören“, erklärte
Miss Letitia streng. „Ich werde einen Psychologen konsultieren und für dich
einen Termin vereinbaren. Bis dahin bist du vom Unterricht suspendiert und wirst
allein Strafarbeiten erledigen.“
Außer dass mich dieser Termin
nervte, war ich nicht sauer darüber, den anderen Kindern nicht zu begegnen. Es
war sowieso jeden Morgen ein
Spießrutenlauf, wenn ich ins Klassenzimmer kam und mir dumme Bemerkungen
an den Kopf flogen, von denen „Hexe“ noch die harmloseste war.
„Du wirst das Zimmer nicht
verlassen und räumst hier auf“, wies mich Miss Letitia an und rauschte aus dem
Zimmer. „Ich werde dich holen kommen, wenn der Psychologe da ist.“
~*~*~*~*~
Gegenwart
Meine Erinnerungen verschwammen
und für einen kurzen Moment klärte sich meine Sicht. Es war jedes Mal so, dass
ich vollkommen in die Vergangenheit abdriftete, wenn Sheldon einen Teil meiner
versteckten Erinnerungen aktivierte.
Vierzehn Tage waren jetzt
vergangen. Und außer der Erinnerung an den Tag des Todes meiner Eltern hatte ich
nicht so sehr viel Neues erfahren. Meine Jugend in dem Waisenheim war nicht
sonderlich berauschend gewesen. Es gab mehrere solcher Ereignisse, dass Dinge
passiert waren, die ich mir nicht erklären konnte, aber für die man mich
verantwortlich machte. Meist am Morgen, wenn ich erwachte oder es geschah
wirklich, wenn mich ein anderes Kind ärgerte und Gegenstände durch den Raum
flogen. Mir wurde immer vorgehalten, ich hätte sie geworfen, aber ich wusste
jetzt mit absoluter Sicherheit, dass ich nichts dergleichen getan hatte.
Sheldon erklärte es mir sehr viel
einfacher. Ich hatte keinerlei Macht über die Magie besessen, die in mir
schlummerte. Aber sie erwachte und sie suchte nach einem Ventil. Wenn ich
träumte, verarbeitete ich die Geschehnisse des Tages, die Auseinandersetzungen,
den Streit und auch meine Verzweiflung. In mir gab es genug Magie, die auf
dieses Gefühlschaos reagierte und sich entlud, ohne dass ich etwas dazu tun
musste. Es war das, was man unter dem klassischen Phänomen des Poltergeistes
verstand.
Die anderen Kinder mieden mich und
im Nachhinein erschien es mir kein Wunder, dass ich mich zu einem ziemlichen
Einzelgänger entwickelt hatte. Ich hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen und
wenn, dann nur, um mich mit ihnen zu streiten. In der Schule war ich recht gut,
aber ich ging nicht gern hin, eben weil ich nur ein Außenseiter war.
Jetzt musterte mich Sheldon mit
einem besorgten Gesichtsausdruck. „Geht es dir gut, Annie?“
Ich nickte. „Es war nichts neues,
ich grübele einfach darüber nach, wie entsetzlich meine Kindheit war“, meinte
ich dann mit einem schiefen Grinsen.
Er nickte langsam. „Du hättest
eine Schule auf Haastard oder Avalon besuchen müssen. Dort wären all diese Dinge
nicht passiert.“
„Es hat keinen Sinn über ‚wäre’
und ‚hätte’ zu diskutieren. Ich war dort, aber ich weiß noch immer nicht, warum
ich mich an all das nicht mehr erinnern kann. Bei der letzten Erinnerung war ich
vielleicht zehn oder elf. Ob ich noch erfahre, wie dieses Gespräch mit dem
Psychologen war? Der muss mich doch für völlig verrückt gehalten haben.“
„Machen wir weiter?“
Ich holte tief Luft, ehe ich
nickte.
Vergangenheit
Er hieß Random, wurde aber von
allen nur Ranny genannt. Alle Mädchen starrten ihm hinterher und kicherten
hinter verschämt vor den Mund gehaltenen Händen. Ich wusste nicht, ob es
überhaupt ein Mädchen gab, das nicht für ihn schwärmte.
Ich gab das natürlich nicht zu und
mich schaute er sowieso nie an, aber insgeheim musterte ich ihn schon. Er war
groß, bestimmt
einen Kopf größer als ich, und hatte dunkle lockige Haare. Er trug sie halblang,
so dass sie ihm immer wieder ins Gesicht fielen und er sie sich zurück
hinter die Ohren streichen musste. Die Geste war niedlich und er tat es völlig
unbewusst. Seine Augen waren dunkelblau, dieses dunkle Blau, das der Ozean hat,
wenn das Wasser sehr tief ist. Okay, ich träumte von ihm genauso wie all die
anderen kichernden Mädchen im Heim. Ich war gerade dreizehn geworden und dieser
Junge war das erste männliche Wesen, bei dem ich nicht nur Verärgerung empfand,
wenn ich ihn sah, sondern bei dem sich so komische Schmetterlinge in meinem
Bauch bildeten. Ich wünschte mir, er würde mich einmal ansprechen, aber hatte im
gleichen Moment Angst davor.
Er schien keine solchen Probleme
zu haben, denn ich sah ihn oft mit anderen Mädchen stehen und reden. Manchmal
versuchte ich, ein Wort zu erhaschen und fand, dass seine Stimme auch himmlisch
klang.
An diesem Tag, es war ein trüber
nebliger Tag im November, sollte sich das ändern. Ich saß wie üblich allein mit
einem Buch im Gemeinschaftsraum des Heims, weit entfernt von den anderen. Bücher
lenkten mich von der Einsamkeit ab und wenn ich einmal begann zu lesen,
verschwamm die Welt um mich herum. So war es nicht sonderlich überraschend, dass
ich erst zusammenzuckte, als mich eins der Papierknöllchen tatsächlich traf.
Genervt schaute ich hoch und sah
am Nachbartisch drei der Jungs, die ich am meisten hasste, weil sie mich
pausenlos ärgerten. Sie lachten nur, als ich so böse schaute.
„Hast du auch noch Sachen in einer anderen Farbe?“, fragte der ganz rechte, der Tom hieß.
„Dann würden wir sie gar nicht erkennen“, kicherte Dennis, der neben ihm stand.
Ich ignorierte sie und senkte
meine Augen wieder in das Buch. Manchmal half das. Heute allerdings nicht. Das
wurde mir klar, als sich Dennis auf den Tisch vor mich setzte und mir das Buch
aus den Händen zog.
„Was liest du eigentlich?“, fragte
er und schaute auf den Titel. „’Das andere Leben’?“, fragte er ungläubig und
wieherte los. „So was brauchst du tatsächlich, Anne.“
„Gib das Buch her“, sagte ich,
noch immer ruhig.
„Verzauberst du mich, wenn ich das
nicht tue?“, lachte er weiter.
„In ein kleines stacheliges
Schwein und dann landest du auf dem Abendbrottisch“, knurrte ich zornig.
Er lachte nur weiter, sprang auf
und rannte mit meinem Buch in Richtung Tür. Ihn zu verfolgen, erschien mir dann
doch etwas dämlich. Aber er kam nicht weit, sondern rannte genau in die Person,
die zur Tür hereinkam, in Ranny. Mein Herz machte einen Satz, als Ranny
stolperte und ein erbostes: „Pass doch auf, du Depp“ schrie.
Dann erst sah er, was Dennis in
der Hand hielt. „Seit wann liest du?“
„Das gehört der Hexe.“ Dennis
deutete mit der Hand in meine Richtung und das Blut schoss mir ins Gesicht.
Ich wurde nie rot, wirklich nie,
aber sobald dieser Ranny ins Spiel kam, war ich nicht mehr ich selbst. Zum
ersten Mal schaute mich Ranny an und meine Knie wurden weich. Er sah wirklich
toll aus und ich hoffte, ihn nicht so verträumt anzuschauen wie der Rest der
kichernden Weibsbilder, die sich noch im Raum befanden.
Doch dann bemerkte ich, dass
Rannys Blick keineswegs freundlich war, sondern er mich mit einer Art
Reserviertheit musterte, so wie man vielleicht ein exotisches Tier ansah.
„Ah ja“, sagte er langsam.
Im gleichen Moment verpuffte meine
Schwärmerei und Ärger stieg in mir hoch. „Ja, genau, die Hexe“, stieß ich
hervor, sprang auf und lief durch den Raum auf sie zu.
Plötzlich herrschte Totenstille im
Zimmer und Dennis starrte mich verdutzt an, als könne er nicht fassen, dass ich
das tat. Mit einer zornigen Bewegung riss ich ihm mein Buch aus den Händen. „Das
gehört mir, du Idiot!“, fauchte ich ihn an. „Und ich will dich nie wieder in der
Nähe von meinem Eigentum sehen!“
„Immer langsam“, sagte plötzlich
hinter mir eine Stimme, die ich als Toms identifizierte. „Von dir lassen wir uns
gar nichts sagen.“
Ich fuhr herum und der Zorn in mir
überspielte jegliche Bedenken. „Dann lasst mich einfach in Ruhe!“
Dennis griff wieder nach meinem
Buch, aber diesmal reagierte ich rechtzeitig und schlug ihm damit gegen die
Hand. Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen und die ganze Situation hätte
sich beruhigt. So aber weckte es auch seinen Zorn.
„Du dämliche Ziege!“, schrie er
erbost. „Was bildest du dir eigentlich ein?“
Es war ungerecht, aber in diesem
Augenblick dachte daran niemand. Und es fiel auch niemandem ein, wer den Streit
begonnen hatte. Stärkere nutzten gern die Macht, die sie hatten und liebten es,
zu beweisen, wie stark sie waren. Es musste nicht einmal einen Grund geben,
sondern es reichte das Gefühl, der Stärkere zu sein.
Dennis machte einen Schritt auf
mich zu und im gleichen Moment schlangen sich Toms Arme um mich, um mich
festzuhalten.
„Du hast eine Lektion verdient“,
flüsterte Thomas neben meinem Ohr und neben dem Zorn spürte ich so etwas wie
Angst, weil ich mich plötzlich bedrängt fühlte. Außerdem war mir die Nähe des
Jungen unangenehm und seinen heißen Atem an meinem Hals zu spüren, ließ Übelkeit
in mir aufsteigen. Seine Finger krallten sich in meine dunklen Locken und rissen
meinen Kopf nach hinten.
In diesem Moment spürte ich es zum
ersten Mal bewusst. Etwas, das in mir lauerte und wartete. Meine Kehle schnürte
sich zu und diesmal war es echte Angst, aber nicht vor den beiden Jungs, sondern
vor dem, was sich in mir aufbaute.
„Nicht“, stieß ich hervor. Ich
hatte keine Angst vor dem, was sie vorhaben könnten, sondern weil ich ahnte,
dass gleich etwas passieren würde.
„Wir schneiden ihre Haare ab“,
lachte Dennis und diesmal war es Ranny, der in seinem Rucksack nach einer Schere
kramte.
Das war es, was den Ausschlag gab.
Ranny, mein Schwarm und die Hauptfigur in unzähligen Träumen, tat nichts, um mir
zu helfen, weil ich auch in seinen Augen nur die Hexe war, auf
der man mit Füßen herumtrampeln musste. Alles, was ich noch für ihn
fühlen konnte, war Enttäuschung.
„Hier“, meinte er dann begeistert,
als er die Schere gefunden hatte.
Ich hörte auf, mich zu wehren und
eine eisige Ruhe machte sich in meinem Körper breit. Es war, als hätte sich der
Zorn in etwas verwandelt, was viel stärker war als Hass. Dennis nahm die Schere
aus Rannys Händen entgegen, hob den Blick mit einem selbstgefälligen Grinsen zu
meinem Gesicht und wurde kreidebleich.
„Oh mein Gott“, hauchte er und
wich zurück, während die Schere mit einem Scheppern auf dem Boden landete.
Etwas in mir explodierte. Ich
hatte keine Gewalt mehr. Tom schrie auf, als sich gleißendes Licht
auf meiner Haut bildete, seine Finger traf und in seinen Körper schoss.
Er gab mich frei und taumelte rückwärts, fassungslos auf seine Hände starrend,
in deren Innenfläche sich die Haut rötete und Blasen schlug. Tom hatte die Hände
vor sein Gesicht geschlagen und war kreischend zusammengebrochen.
„Es reicht!“, schrie ich und fuhr
herum. „Ich hasse euch alle! Lasst mich einfach in Ruhe!“
Das Licht hüllte mich ein und
Blitze zuckten über meine Haut. Plötzlich schrieen alle durcheinander, einige
stürzten zur Tür, andere kletterten aus dem Fenster. Ranny wich zurück, die
Hände erhoben, als würde ihn das Licht blenden.
„Du Monster“, kreischte er und die
Angst in seiner Stimme löste in mir ein wahnsinniges Hochgefühl aus. „Du Hexe…“
„Na und?!“, schleuderte ich ihm
ins Gesicht und im nächsten Moment griff das Licht um sich, raste in die Wände,
in die Bilder und riss Regale vom Haken. Ich tat nichts, sondern stand in der
Mitte des Raumes wie im Auge eines Wirbelsturms, während um mich herum das Chaos
wütete…
~*~*~*~*~
Gegenwart
„Annie!“
Ich schnappte nach Luft und riss
die Augen auf, als ich fühlte, dass mich jemand schüttelte. Ich hatte gar nicht
mitbekommen, dass Trevor ins Zimmer gekommen war, doch er war es jetzt, der
seinen Arm um mich gelegt hatte und schüttelte. Sheldon saß noch immer im Sessel
gegenüber und schaute mich aus seinen hellen blauen Augen fragend an.
Ich zitterte noch immer und strich
mir über die schweißnasse Stirn. „Puh“, murmelte ich verstört, während die
Bilder noch immer durch meinen Kopf geisterten.
Jetzt konnte ich mich auch an den
Rest erinnern. Ranny war mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus gebracht
worden, Tom musste mit Brandwunden zweiten Grades an den Händen behandelt werden
und Dennis war zwei Tage blind gewesen. Er hatte geschrieen und getobt, mich
eine Hexe und schlimmeres geschimpft, aber geglaubt hatte keiner der Erzieher,
was sie erzählt hatten. Niemand glaubte an Licht und ein dreizehnjähriges
Mädchen, das mit Feuerbällen wirft. Ich hatte keine Ahnung, was die Erzieher
sich eingeredet hatten. Es waren vielleicht zehn Jugendliche in dem Raum gewesen
und alle hatten das gleiche ausgesagt. Sie hatten es nicht geglaubt, sondern
alle wurden zu Strafarbeiten verdonnert. Natürlich wollte niemand mit mir
zusammen zu solch einer verurteilt werden.
Ab diesem Tag hatte ich zumindest
vor den öffentlichen Angriffen Ruhe. Ranny mied mich wie die Pest und auch die
anderen drei hüteten sich, mich öffentlich anzugreifen. Ingeheim schmiedeten sie
Pläne, das war mir auch damals klar gewesen, aber soweit ich mich jetzt erinnern
konnte, schienen sie nie dazu gekommen zu sein, diese zu verwirklichen.
„Magst du es erzählen?“, fragte
Trevor.
Ich wischte mir noch einmal über die Augen. „Es hat noch immer nichts mit dem
Hauptauslöser zu tun. Es sind alles nur Sachen, wo die Magie ohne mein Dazutun
reagierte.“
Dann erzählte ich ihnen aber
trotzdem kurz, was ich gerade gesehen hatte.
Ich
hatte schon damals keine Kontrolle über die Macht in mir gehabt. Diese ganze
Szene, die ich gerade gesehen hatte, erinnerte mich verflucht sehr an meine
Unfähigkeit, die Magie zu beherrschen und an das Chaos, das ich damals auf
Whoorin angerichtet hatte, als ich den gesamten Palast zum Einstürzen gebracht
hatte.
Sheldon hörte mir schweigend zu
und ein nachdenklicher Ausdruck war in sein Gesicht getreten.
„Jemand war dort“, sagte er dann
leise. „Jemand hat den Erziehern entweder manipulierte Erinnerungen gegeben oder
ihnen eingeredet, die Sache einfach abzutun. Selbst wenn es noch so
unglaubwürdig klingt, hier haben ein Dutzend Jugendliche das Gleiche ausgesagt.
Dass ihnen niemand auch nur zuhört, ist unverständlich und untypisch.“
„Du denkst, ein Magier war dort?“,
fragte Trevor.
Schmerz schoss in meinen Kopf und
ich schloss stöhnend die Augen. Automatisch fuhren meine Hände nach oben und
pressten sich gegen meine Schläfen. Grüne, schmale Augen aus einem fein
geschnittenen Gesicht schauten mit ruhig an. Nur für einen kurzen Moment huschte
das Bild durch meinen Kopf, dann war es wieder verschwunden.
„Was ist los, Annie?“, hörte ich
Trevors besorgte Stimme, doch ich schüttelte nur den Kopf, ohne die Augen zu
öffnen.
„Ich hasse das“, stieß ich hervor.
Sein Arm lag noch immer um meine Schulter und ich war gegen ihn gesunken, obwohl
ich es nicht einmal wollte.
„Was hast du gesehen?“, erkundigte
sich Sheldon leise.
„Eine Frau“, murmelte ich. „Ich
kenne sie…verflucht, ich kenne sie…“ Der Name zu dem Gesicht lag mir auf der
Zunge, wollte mir aber einfach nicht einfallen. So viele exotisch aussehende
Frauen kannte ich gar nicht, warum also ließ mich mein Gedächtnis jetzt im
Stich?
„Wie
sah sie aus?“, bohrte Sheldon weiter.
Trevor rührte sich und zog mich
näher an sich. „Lass sie sich doch erstmal beruhigen“, murmelte er.
„Grüne Augen, sehr hübsch… aber
fremd…“
„Niira?“ Sheldon klang überrascht.
Im gleichen Moment brach die
Erinnerung über mir zusammen und die Gegenwart verschwamm.
~*~*~*~*~
Vergangenheit
„Mein Name ist Niira“, sagte die
fremde Frau mit dieser melodisch klingenden Stimme.
Sie mochte sympathisch aussehen
wie sie wollte, die Angst schnürte mir die Kehle zu, nachdem ich gesehen hatte,
wie die Jugendlichen um mich herum verstummten, auf ihren Plätzen saßen und mit
leeren Augen vor sich hin starrten. Niemand rührte sich und eine eisige Stille
hatte sich über das Heim gesenkt.
Die Frau, die sich Niira nannte,
war kurz nach dem Zwischenfall in der Bibliothek erschienen. Ich war bereits zum
dritten Mal zu Miss Letitia gerufen und nach den Ereignissen gefragt worden.
Beim letzten Mal war Miss Letitia richtig laut geworden und hatte mir mit einer
Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt gedroht. Ich konnte aber nichts
anderes sagen als das, was ich schon die ganze Zeit erzählt hatte. Es klang
selbst in meinen Ohren unglaubwürdig.
Jetzt hatte mich diese Niira in
eines der leeren Zimmer gewunken und meine Panik war noch gestiegen, als sie die
Tür hinter uns schloss. Gerade jetzt, wenn man sich mal einen der Erzieher
hereinwünschte, dann war keiner in der Nähe. Obwohl, wenn ich es mir genauer
überlegte, dann saßen die Erzieher sicherlich mit den gleichen leeren
Gesichtsausdrücken herum wie die Kinder.
Aber warum ich nicht?
„Was geschehen ist, Anne“, fuhr
Niira fort, „ist niemandem unserer Art verborgen geblieben.“
Sie kannte meinen Namen?! Erst
dann ging mir auf, was sie gesagt hatte. „Was ist denn geschehen?“, brachte ich
hervor und meine Stimme klang, als würde ich jeden Moment ohnmächtig werden.
„In dir schlummern immense Kräfte,
Kind“, erklärte sie sanft. „Du hast sie nicht unter Kontrolle und deshalb
handeln sie eigenmächtig.“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“,
erklärte ich steif.
„Du schwebst in Gefahr“, fuhr sie
ungerührt fort. Im gleichen Moment hob sie ihre Hand und machte eine vage
Bewegung in meine Richtung. Wärme, nicht unbedingt unangenehm, hüllte plötzlich
meinen Körper ein. „Etwas an dir ist anders als es sein sollte, und der Grund
dafür liegt in deiner Vergangenheit. Deine Magie ist rein, aber dich umgibt ein
Hauch von Dunkelheit.“
In meinen Ohren klang sie noch
verrückter als ich.
„Deine Eltern haben es abgelehnt,
dich in die Hände eines Ausbilders zu geben“, sagte sie dann und mein Mund
klappte auf. „Es stand und steht nicht in unserer Macht, etwas gegen diesen
Willen tun, weil sie etwas getan haben, was wir nicht für möglich gehalten
hatten.“
„Wovon reden Sie?“, fragte ich
piepsend, denn ich kam mir wirklich vor wie in einem falschen Film.
„Über dich, Anne“, sagte sie
ernst. „Die Bücher haben deine Geburt angekündigt, aber du bist im Kreise
nullmagischer Eltern geboren worden, etwas, was sehr selten passiert, vor allem,
wenn man die Stärke bedenkt, die in dir schlummert.“
Wovon zum Teufel redete sie?
„Es gibt eine dunkle und eine
helle Seite der Macht und irgendwann wirst du dich für eine entscheiden müssen.“
Sie schaute mich aus diesen so fremd anmutenden Augen fast bedauernd an. „Ich
würde mir eine andere Möglichkeit wünschen, aber deine Mutter hat dich mit einem
Schutzzauber versehen, den nur du brechen kannst.“
Was hatte meine Mutter?! Ich
musste sehr ungläubig geschaut haben, denn Niira lächelte jetzt leicht.
„Es tut mir leid, aber sie hatte
Angst um dich. Sie wollte dich vor den bösen Mächten schützen und hat genau das
falsche getan.“
Was denn nun eigentlich?
„Über dir liegt ein dunkler
Schutzzauber, der es anderen Magiern unmöglich macht, auf dich Einfluss zu
nehmen. Und unter all dem ist deine Magie weiß und rein. Ich weiß nicht, wie sie
es getan hat und wer ihr geholfen hat, aber weder ich noch ein anderer Magier
kann ihn brechen. Das kannst nur du.“
„Wer sind Sie?“, flüsterte ich,
obwohl ich die Worte kaum hervorbrachte, weil meine Kehle wie zugeschnürt war.
„Niira, eine Elfe von der Welt
Avalon, eine der mächtigsten fünf weißen Magier, die im Moment existieren“,
erklärte sie mir und lächelte wieder.
Die Frau war eindeutig verrückt.
„Ich werde all den Menschen hier
die Erinnerung an das Geschehene nehmen“, fuhr sie dann fort. „Normalsterbliche
Menschen dürfen von der Existenz der Magie nichts wissen, es wäre zu gefährlich.
Du musst deinen Weg finden, Annie.“ Ihre Stimme wurde eindringlich. „Bis zum
ersten Opfer bleibt deine Magie rein, vergiss das nie. Doch jedes Opfer, das dir
Stärke gibt, zieht dich auf die Seite der dunklen Macht, und mit jedem Opfer
verlierst du einen Teil deiner Menschlichkeit. Denk an meine Worte…“
Gegenwart
Ich schreckte hoch, als die
Traumsequenzen abebbten. Langsam aber sicher verlor ich den Überblick, lebte
mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart und das zehrte an meinen Nerven.
Diesmal musste ich mehrmals
blinzeln, ehe ich wieder so klar schauen konnte, dass ich meine Umgebung exakt
wahrnahm. Ich lag auf der Couch und jemand hatte mich mit einer leichten Decke
zugedeckt. Wahrscheinlich war eine geraume Zeit vergangen, seit ich in der
Erinnerung versunken war. Mir kam es nur wie Minuten vor, aber ich wusste, dass
ich hier auf mein eigenes Zeitempfinden nicht vertrauen konnte.
„Sie ist wach.“
Diesmal war es Vivians Stimme und
im nächsten Moment war das Mädchen aus dem Sessel aufgesprungen und neben der
Couch auf den Boden gesunken.
„Wie geht’s dir?“ Sie drehte den
Kopf zu Sheldon. „Sie sieht scheußlich aus, du musst verhindern, dass sie so oft
träumt.“
„Danke, Vivi“, krächzte ich
missmutig und stemmte mich hoch. „Mir geht es blendend.“
„Du siehst aber nicht blendend
aus“, stellte sie klar.
Sheldon beugte sich nach vorn und
drückte mir ein Glas mit einer milchigweißen Flüssigkeit in die Hand. Es
erinnerte mich an das Getränk, das ich damals im
Dark Night zu mir genommen hatte, als
die Magie mich so von den Beinen gerissen hatte.
„Es ist ein starkes
Aufputschmittel“, beantwortete der Vampir meine ungestellte Frage. „Hast du mehr
erfahren können?“
„Niira war da“, sagte ich leise
und trank dann die Flüssigkeit in kleinen Schlucken. „Sie sagte, meine Mutter
hätte mich mit einem Schutzzauber versehen. Mit einem dunklen Schutzzauber…“
„Einem dunklen?“, echote Vivian
verblüfft. „Wie geht das, wenn ihre Magie weiß ist?“, fragte sie dann Sheldon.
Sheldon runzelte die Stirn. „Es
war mir nicht bewusst, dass so etwas möglich ist. Aber vielleicht ist genau das
der Grund, aus dem sie auch auf dich anders reagiert hat als jeder weiße
Magier.“
Vivian schaute wieder mich an und
diesmal lag echte Neugier in ihrem Blick. „Hast du jemals was geopfert, Annie?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht
dass ich wüsste.“
Sie sprang auf und ließ sich
wieder in den Sessel fallen. „Würde so ein kleines Opfer, eine Eidechse oder ein
Küken, das magische Licht schon verändern?“, erkundigte sie sich dann.
Mein Kopf dröhnte von den vielen
Dingen, die in den letzten Tagen und Wochen auf mich eingestürmt waren. Ich
hörte nur noch entfernt, dass Sheldon sich in Bezug auf diese Frage auch nicht
ganz sicher war. Toll. Wer weiß, was ich noch alles getan hatte und was nun nach
und nach ans Tageslicht kam. Bei dem Gedanken, dass ich vielleicht ein Tier
geopfert haben könnte, weil ich mit Kräften spielen wollte, die ich nicht
verstand, wurde mir wieder schlecht. Ich war allein gewesen, hatte mich
niemandem anvertrauen können und niemanden, den ich hätte fragen können.
Warum hatte Niira mich nicht
mitgenommen? Warum hatte sie mich nicht gefragt, ob ich Hilfe wollte?
Ich seufzte unbewusst. Vielleicht
hatte sie mir angemerkt, dass ich noch nicht soweit war, irgendeiner Person zu
vertrauen. Vielleicht hatte sie mein unbewusstes Abblocken gespürt. Diese Frage
würde mir nur Niira beantworten können und ich verfluchte sie im Stillen, dass
sie mir nichts davon erzählt hatte. Natürlich erinnerte ich mich noch an ihre
Worte: „Du musst deine Vergangenheit
kennen lernen, Annie. Sheldon kann dir helfen. Es ist sehr wichtig für dich zu
erfahren, was in deinem Leben passiert ist.“
Hätte ich aus diesen Worten heraus ahnen sollen, dass
Niira meine Erinnerungen kannte? Hätte ich ahnen sollen, dass Niira eine Rolle
darin gespielt hatte? Ich verurteilte im Stillen die Geheimnistuerei dieser ach
so mächtigen Magier. Sie hätte mir helfen können. Dass sie mit keiner Silbe
erwähnt hatte, dass es eine gemeinsame Erinnerung zwischen uns gab, machte sie
mir nicht unbedingt sympathischer.
Vivian diskutierte weiterhin mit
Sheldon über die Möglichkeit, einen weißen Magier mit einem dunklen Schutzzauber
zu versehen.
„Ich denke“, sagte der Vampir
gerade, „es hat etwas mit dem Blut zu tun, das Endriel in die Hände bekommen
hat. Wie wir wissen, hat er damals schon versucht, die junge Anne zu
beeinflussen. Annes Magie war schon sehr stark, aber wahrscheinlich hat er den
Hauch Dunkelheit in ihrem Körper geschaffen, den der dunkle Schutzzauber
brauchte. Vielleicht hat auch die Magie in Anne den Schutz selbst erschaffen.
Damals in jener Nacht, als Endriel das Huhn opferte und auf sie Einfluss nahm.“
Mir wurde schlecht und plötzlich
schoss ein Gedanke in meinen Kopf. „Kann es sein, dass Endriel nach all den
Jahren immer noch etwas von meinem Blut besitzt?“
„Dann hätte er mehr Macht über
dich, Annie“, antwortete Vivian. „Ich wundere mich sogar, wer deiner Mutter bei
dem Schutzzauber geholfen hat. Wenn es wirklich der Zauber war, den Endriel
ausgesprochen hat, dann hat er sich aber ein tolles Eigentor geschossen.“
„Wir werden das wohl nie
erfahren.“ Sheldon seufzte. „Ich glaube auch nicht, dass es Endriel war, aber
ich denke, dass sein Zauber den Grundstein gelegt hat. Für Geld kann man eine
Menge kaufen und wenn Lydia Kontakt zu Endriel aufnehmen konnte, dann hat sie
auch andere Magier gefunden.“
„Verdammt“, murmelte ich. „Wenn
sie das alles wusste, warum hat sie abgelehnt, mich in eine Ausbildung zu
geben?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Sheldon
bedauernd. „Ich bedauere jetzt auch, mich nicht näher mit deinem Fall
beschäftigt zu haben. Ich hätte Niira mehr Fragen stellen sollen, aber deine
Überwachung sah nach nichts anderem als einem Routineauftrag aus.“
Ich konnte ihm ansehen, dass er
sich wirklich darüber ärgerte. Aber wem nützte das jetzt? Mit einer kurzen
Handbewegung schob er die dunklen langen Haare aus seinem Gesicht zurück und
schaute mich offen an. Einen kurzen Moment stieg in mir der belustigte Gedanke
auf, dass ich mir überhaupt keinen Kopf mehr um das Aussehen seiner Zähne
machte, ja, dass es für mich normal geworden schien. Beängstigend, oder?
„Schreib alles auf, was du weißt,
Annie“, bat er mich dann. „Ich weiß, wie schnell die Zeit vergessen lässt. All
die Kleinigkeiten, die dir jetzt noch klar im Gedächtnis sind, wirst du in
einigen Jahren wieder vergessen haben. Und vielleicht sind es diese
Kleinigkeiten, die wichtig sind und die deinen Lehrern auf Haastard oder Avalon
helfen, dich auszubilden.“
Wieder zog sich mein Magen
zusammen. Ich würde gehen müssen. Entweder nach Avalon oder nach Haastard. Ich
würde es müssen, wenn ich überleben wollte, aber so richtig anfreunden konnte
ich mich mit dem Gedanken noch immer nicht.
„Wo ist Trevor überhaupt hin?“,
wechselte ich das Thema, denn ich hatte keine Lust, mich noch näher mit meinem
Verlassen der Erde auseinanderzusetzen.
Vivian griff nach dem Glas Cola,
das vor ihr auf dem Tisch stand. „Er trainiert mit Raven.“
Mein Kopf schoss zu ihr herum. „Er
tut was?“
Sie verzog den Mund. „Er bildet
sich ein, Raven ausbilden zu müssen.“
Sheldon, der wieder nach dem
Cyangolom gegriffen und darin gelesen hatte, hob den Kopf und lächelte fein. „Es
gab eine kurze Diskussion, während du geschlafen hast, Annie. Unsere junge
Freundin war der Meinung, dass es ihre Aufgabe wäre, für Raven zu sorgen.“
„Wenn es nach euch gegangen wäre,
hätte ich Raven auf Whoorin lassen sollen!“, fuhr Vivian auf. „Ich trage die
Verantwortung für ihn und ich nehme das ernst!“
Ich blickte gar nicht mehr durch.
So lange hatte ich doch weiß Gott nicht geschlafen. „Wo trainieren sie?“
„Was weiß ich“, knurrte Vivian.
„Irgendwo draußen, wo sie niemand sieht. Wenn Raven etwas passiert, kann Trevor
was erleben.“
In dieser Hinsicht hatte ich sehr
großes Vertrauen zu Trevor. Er würde nicht zulassen, dass Raven etwas passierte.
„Du wirst nicht ewig an Ravens
Seite bleiben können, Vivian“, sagte Sheldon sanft. „Solltest du dich
entscheiden, mit nach Avalon oder Haastard zu gehen, kannst du ihn nicht
mitnehmen.“
Wieder dieses Thema… da hatte ich
nun gedacht, es wäre abgeschlossen.
Übergangslos war der Kloß in
meiner Kehle wieder da. „Du hast dich noch nicht entschieden, Vi?“, fragte ich
traurig. „Was willst du denn sonst machen?“
Sie schüttelte den Kopf und wich
meinem Blick aus. „Ich komme auch so klar und ich will Raven nicht allein
lassen.“
„Ihr zwei könnt doch nicht allein
durch die Gegend ziehen“, murmelte ich bedrückt. Ich hätte am liebsten gesagt:
‚Das lasse ich nicht zu’, aber mir war vollkommen klar, dass man Vivian zu
nichts zwingen konnte.
Sie zuckte nur mit den Schultern.
Es sollte gleichgültig aussehen, aber sie wirkte bei weitem nicht so
gleichgültig wie sie tat. Ich würde sie nicht drängen, aber ich würde bedauern,
sie gehen zu lassen.
„Warum nicht?“, meinte sie nur.
„Weil die anderen stärker sind als
du“, entgegnete Sheldon ruhig. „Sie werden dich finden und du bist bei weitem
nicht stark genug, um der dunklen Macht zu widerstehen. Du kannst es nicht sein,
weil du zu jung bist.“
„Vielleicht will ich gar nicht
widerstehen“, gab Vivian trotzig zurück.
Das weckte allerdings wieder
meinen Ärger. „Hör auf, so was zu sagen. Du bist meilenweit davon entfernt!
Vielleicht solltest du dir wenigstens selbst eingestehen, dass du eigentlich auf
die helle Seite der Macht möchtest.“
Sie kniff kurz die Lippen zusammen
und sagte dann: „Ich habe gelernt, dass ich mich nur auf mich selbst verlassen
kann und auf niemanden sonst.“
Ich wusste nicht, wie lange es
dauern würde, ehe sie begriff, dass sie uns nicht mit den Maßstäben ihrer
Vergangenheit messen konnte. Aber so bedauerlich es war, es brachte nichts, es
ihr zu sagen, sie musste es selbst verstehen. Deshalb lächelte ich nur traurig
und sagte auch nichts, als sie die Arme vor ihrer Brust verschränkte und vor
sich hin starrte.
Sheldon schaute wieder in das
Buch, doch ich konnte das feine Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, sehen.
Dass Vivian es auch sah, wurde mir erst klar, als sie ihn böse anfuhr:
„Du brauchst gar nicht so zu tun
als bist du so unendlich viel klüger als ich!“
Der Vampir hob den Kopf wieder,
ohne dass der belustigte Ausdruck in seinem Gesicht verschwand. „Klugheit hat
nichts mit weisem Handeln zu tun. Manchmal tun die intelligentesten Leute die
dümmsten Sachen. Ich maße mir auch nicht an, dir dein Leben vorzuschreiben. Das
Einzige, was ich tun kann, ist dir einen Rat geben und es liegt an dir, ihn zu
beherzigen oder nicht. Meine Lebenserfahrung kannst du mir nicht abstreiten und
genau deshalb weiß ich, wie ungern man in deinem Alter den Rat einer Person, die
über mehr Lebenserfahrung verfügt, annimmt. Ich weiß nicht, weshalb, aber
vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass jeder seine Fehler selbst machen muss,
um aus ihnen zu lernen.“
Vivians Augen verengten sich. „Du
denkst aber, ich mache einen Fehler, wenn ich nicht nach Haastard oder Avalon
gehe.“
Er nickte und sagte einfach: „Ja.“
Ich war der gleichen Meinung, aber
ich würde mich jetzt nicht auch noch einmischen. Mir gefiel es viel zu gut zu
beobachten, wie Sheldons gelassene Art Vivians Trotz allen Wind aus den Segeln
nahm. Hätte er anders reagiert, sie mehr gedrängt, sie wäre garantiert schon
aufgesprungen und in ihrem Zimmer verschwunden. So aber blieb sie sitzen und
schien sogar über seine Worte nachzudenken.
„Was sollen die mich lehren
können, was ich nicht schon weiß?“
Sheldon holte tief Luft. „Mit
jedem Opfer ist ein Stück Menschlichkeit in dir gestorben. Ich kann nicht
einschätzen, was dir die Worte Verständnis, Verlass, Selbstlosigkeit,
Freundschaft und Liebe bedeuten. Du hast Mut und du hast einen starken Willen,
aber dir fehlt ein gewisser Teil Verantwortungsbereitschaft und menschliches
Gefühl. Mit der Magie besitzt du eine große Macht, die du leicht missbrauchen
kannst. In den Universitäten wird nicht nur der Gebrauch der Magie unterrichtet,
sondern auch das ethische Verständnis dafür. In dieser Hinsicht musst du noch
eine Menge lernen.“
Autsch. Das klang hart. Selbst ich
musste schlucken.
„Je größer die Macht, umso größer
die Verantwortung. Es wird auf Dauer nicht funktionieren, mit dieser Macht
umzugehen, wenn man gewisse ethische Regeln nicht versteht.“ Sein Blick ruhte
auf Vivian, die ihn plötzlich stumm und mit großen Augen anstarrte. „Ich glaube,
im Moment ist es dir gar nicht möglich, bestimmte ethische Grundsätze zu
verstehen und nein, Vivian, das ist kein Vorwurf. Du bist mit einer komplett
anderen Weltauffassung aufgewachsen und kannst es im Augenblick nicht anders
wissen oder fühlen.“
Ich spürte bei seinen Worten schon
wieder einen Kloß in der Kehle. Vivians Augen schimmerten verdächtig und sie
blinzelte, wahrscheinlich, um die Tränen zu verdrängen, die Sheldons Worte
auslösten.
„Aber du hast eine Menge
erreicht“, fuhr der Vampir fort. „Allein, muss ich dazu betonen. Du hast allein
entschieden, eine gänzlich andere magische Richtung einzuschlagen. Gegen den
Willen der Wesen, die für dich verantwortlich waren. Das ist unfassbar, Vivian.“
Er schwieg als wolle er die Worte noch einmal wirken lassen. „Ich würde es
unwahrscheinlich bedauern, wenn all das, was du erreicht hast, verloren geht.“
Ich auch.
Vivian schluckte mehrmals, ehe sie
herausbrachte: „Warum sollte es verloren gehen?“
„Du kannst dich im Moment
verbergen, flüchten, unsichtbar werden. Du bist auch stark genug, um mit einem
Magier der unteren Kategorien fertig zu werden. Sollte sich die Aufmerksamkeit
der dunklen Seite auf dich konzentrieren, kannst du nur flüchten und sie werden
dich jagen. Irgendwann werden sie dich finden und diesen Kampf wirst du
verlieren.“ Er lehnte sich nach vorn und sah sie eindringlich an. „Du musst ihn
verlieren, weil du noch nicht die Zeit hattest, die Stärke zu erreichen, die du
irgendwann einmal erreichen kannst.“
Vivians Unterlippe zitterte, aber
außer dem konnte ich ihr keine Regung anmerken.
„Wer sagt mir“, fragte sie dann
leise und kaum hörbar, „dass euer Weg der Richtige ist? Wer sagt mir, dass all
dieses so tolle Potential, das in mir steckt, nicht auf der dunklen Seite viel
besser angelegt wäre?“
„Niemand, Vivian“, antwortete
Sheldon genauso leise. „Niemand. Aber du würdest nicht hier sitzen, wenn es da
nicht Zweifel in dir geben würde und wenn du nicht wenigstens ein bisschen
glauben würdest, dass dein bisheriger Weg nicht das ist, was du dir vom Leben
vorstellst.“
Die Diskussion wurde unterbrochen,
weil die Wohnungstür aufging und Trevor zusammen mit Raven hereinkam. Sie sahen
beide etwas durchgeschwitzt aus, was ich bei den Temperaturen, die draußen
herrschten, bemerkenswert fand. Ich musste schon sehr viel Sport treiben, um zu
schwitzen, aber wenn Minusgrade herrschten, war das fast unmöglich. Trevors
Haare waren sogar leicht feucht und Ravens Wangen von der kalten Luft gerötet.
Vivian schien die beiden gar nicht
zu registrieren, sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht einmal
aufschaute. Sie sah irgendwie verloren aus und wieder unwahrscheinlich jung. Es
war schon eigenartig, wie schnell sich der Eindruck, den das junge Mädchen auf
Außenstehende machte, ändern konnte. Sie zeigte selten eine derartige
Verletzlichkeit und mir ging durch den Kopf, dass sie uns sehr vertrauen musste,
wenn man es ihr jetzt so deutlich ansah und sie es nicht einmal zu registrieren
schien.
Dann sank Raven neben ihrem Sessel
auf die Knie, beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf die Wange. Als wäre
sie aus einem Traum gerissen worden, hob sie den Kopf und lächelte. Aber das
Lächeln verdrängte den Zug der Nachdenklichkeit in ihrem Gesicht nicht.
„Hi Raven, habt ihr euch
ausgetobt?“
Der Junge nickte mit leuchtenden
gelben Augen.
Es war bewundernswert, wie die
beiden sich verständigen konnten, ohne dass Raven sprach. Dann runzelte ich die
Stirn. Trevor war mit ihm draußen gewesen und musste schließlich auch mit ihm
geredet haben. Dann fiel mir wieder ein, dass Trevor ja auch die Gedanken von
nicht magisch begabten Wesen erkennen konnte.
„Warum bin ich die einzige, die
ihn nicht versteht?“, fragte ich missmutig.
Trevor, der sich schon auf dem Weg
in Richtung Treppe befand, drehte sich noch einmal um. „Du kannst das auch,
Annie.“
Ja, klar doch. Er lachte, weil er
meinen Blick bemerkt hatte, und stieg dann die Treppe hinauf.
„Er hat recht“, sagte Vivian
ernst. „Du musst ihm nur zuhören. Er ist wunderbar leicht zu verstehen.“
Raven drehte seinen Kopf und sah
mich mit diesen eigenartigen gelben Augen an. Heute trug er die halblangen Haare
zu einem Zopf gebunden, wahrscheinlich damit sie ihn beim Training nicht
störten.
Ich wusste nicht, was ich
überhaupt tun sollte, wenn ich die Gedanken von anderen lesen wollte.
„Konzentrier dich auf die Magie“,
erklärte Sheldon. „Später wird es so sein, dass du willentlich blocken musst, um
die Gedanken von Nichtmagiern auszuschalten, weil sie sonst permanent auf dich
einströmen.“
Das vertraute warme Gefühl, das
die Magie auslöste, stieg in mir hoch. Es wurde immer einfacher, auf diese Kraft
zuzugreifen. Schon jetzt reichte die kurze Konzentration darauf und ich fühlte,
dass nur ein einziger Gedankenbefehl nötig wäre, um diese Energie zu entfalten.
Es begeisterte mich jedes Mal aufs
Neue, wie sich die Umgebung änderte, wenn ich sie mit dem magischen Blick
betrachtete. Vivian und Sheldon nahm ich so gut wie gar nicht wahr, weil sie
sich verbargen, aber ich sah und spürte den magischen Schild, der meine Wohnung
umgab, fühlte die feinen Energielinien, die die Räume durchzogen und plötzlich
sah ich auch Raven in einem anderen Licht.
‚Verstehst du mich jetzt?’,
summte es plötzlich durch meinen Kopf.
„Wow“, flüsterte ich begeistert
und ein Lächeln bildete sich auf seinen Zügen. „Ja.“
Die Worte bildeten sich einfach in
meinem Kopf, ohne dass ich etwas anderes dazu tun musste.
„Jeder Nichtmagier ist so einfach
zu lesen“, sagte Vivian melancholisch und strich mit den Fingern
gedankenverloren durch Ravens Haare. „Und er kann nicht einmal etwas dagegen
tun.“
„Ist das nicht gefährlich? Wenn er
in die Hände der anderen fällt, können sie in seinem Kopf alles erfahren.“
Sheldon nickte. „Im Normalfall ja,
aber Vivian hat Raven mit einem Block versehen, der es verhindert, in seinem
Kopf etwas zu erfahren, das im Zusammenhang mit uns steht.“
‚Ich habe Vivian mein Leben zu verdanken’,
hörte ich wieder Ravens helle Stimme. ‚Ich möchte niemals dafür verantwortlich sein, dass sie in Gefahr gerät.’
Das junge Mädchen lächelte. „Mach
dir keinen Kopf, das wirst du nicht. Außerdem habe ich versprochen, auf dich
aufzupassen. Sie werden dich nicht in ihre Hände bekommen.“
Nun, wenn sie dieses Versprechen
gegeben hatte, dann durfte sie sich auf keinem Fall der dunklen Seite
anschließen. Denn die würden nicht dulden, dass sie sich einer so gefährlichen
Gefühlsregung hingab und den Jungen wie eine Löwin verteidigte.
Raven war neben ihrem Sessel
sitzen geblieben und lehnte den Kopf gegen ihre Knie. Mir war schon vorher
aufgefallen, dass er den Körperkontakt, den Vivian eigentlich so ablehnte,
geradewegs suchte. Und er schien ihr damit zu zeigen, dass es gar nicht
schlimm war, jemanden zu umarmen oder ihm zu zeigen, dass man ihn gern hatte.
Eigentlich ging es mir ja ähnlich.
Ich verspürte nur in Momenten, wo ich verzweifelt war, das Bedürfnis, jemanden
zu haben, der mich einfach in den Arm nahm. In solchen Momenten ließ sie es auch
zu, das hatte ich ja selbst erlebt, aber Raven suchte die Nähe einfach so, auf
eine so natürliche Weise, dass es einfach nur niedlich wirkte.
„Wie kommt es, dass du unsere
Sprache verstehst, Raven?“, erkundigte ich mich neugierig.
‚Cyto-Dentaar bekam oft Besuch von Vertretern fremder
Welten, seltener allerdings von der Erde. D’arjos lernen fremde Sprachen sehr
schnell. Eigentlich innerhalb weniger Wochen, wenn sie Gelegenheit haben, die
fremde Sprache zu hören.‘
Es war unheimlich, seine Stimme
direkt in meinem Kopf zu hören. Aber ich war mir sicher, ich würde mich daran
genauso schnell gewöhnen wie an all die anderen unheimlichen Sachen. Seine
telepathische Stimme zu hören war bei weitem nicht so gruselig wie der Rest.
‚Ich verstehe Whoorin, Lykon und den Dialekt der Elfen
von Avalon’,
hörte ich weiter. ‚Englisch hatte ich das erste Mal gehört, als Marquardt Whoorin besuchte
und ein paar Worte lernen können. Durch Vivian verstehe ich die Sprache jetzt
sehr gut.‘
„Oh Gott“, fiel es mir plötzlich
ein. „Wie sprechen sie auf Haastard und Avalon?“
Sheldon lächelte. „Lucaani, die
Sprache der Magier.“
Verdammt. Und das mir mit meinem
verflucht schrecklichem Gedächtnis für Sprachen. Ich musste recht entsetzt
geschaut haben, denn sein Lächeln wurde breiter. „Keine Angst, Annie, es ist
kein Problem, dir das Verständnis der Sprache über Hypnose beizubringen.“
„Hypnose?“
„Klar“, sagte Vivian lakonisch.
„So habe ich sie auch gelernt. Ich spreche außer den terranischen Sprachen
Englisch, Französisch und Deutsch allerdings nur die Sprache der Magier und
Saduun, die Heimatsprache meiner Mutter.“
Mein Mund klappte auf, als sie so
nebenbei erwähnte, sie würde fünf Sprachen sprechen und mein Kopf schwirrte
wieder einmal von all diesen Erklärungen. Manchmal kam es mir wirklich wie
Zauberei vor, obwohl all diese magischen Dinge durch irgendein
naturwissenschaftliches Gesetz erklärt werden konnten, allerdings ein Gesetz,
von dem man auf der Erde noch nichts gehört hatte.
In diesem Moment hörten wir im
Obergeschoss die Tür und im nächsten Moment kam ein frisch geduschter Trevor die
Treppe herab. Jetzt waren seine Haare richtig nass und wuselten wirr auf seinem
Kopf herum. Er fuhr sich mit den Fingern hindurch, als wolle er mehr Ordnung
schaffen, doch er verwuselte sie nur noch mehr.
„Du kannst ins Bad, Raven.“
Der junge D’arjo erhob sich
geschmeidig und beugte sich noch einmal zu Vivian.
‚Es gibt da einen tollen Platz, den ich
dir unbedingt zeigen muss’, hauchte seine Stimme durch den Raum.
Vivian grinste verschmitzt. „Erst
die Dusche.“
Er grinste genauso jungenhaft
zurück. ‚Ich beeile mich.’ Dann küsste
er sie wieder, diesmal auf den Mund. ‚Bis
gleich.’ Damit sprang er auf und stürzte zur Treppe in Richtung Bad.
„Wo zum Teufel wart ihr?“, fragte
ich Trevor neugierig.
„An den Teichen. Er hat sich wie
ein kleines Kind über das Eis gefreut. Ich glaube, er hat noch nie welches
gesehen“, antwortete er belustigt. Es wurde selten so kalt, dass Seen zufroren,
aber dies schien ein besonders harter Winter zu werden. Ich wettete sogar, dass
es irgendwann noch schneien würde.
„Er hat auch noch nie einen See
gesehen“, mischte sich Vivian ein. „Er hat gar nichts gesehen außer der
Festung.“
Unsere Köpfe drehten sich in ihre
Richtung und jegliche Belustigung war aus Trevors Gesicht verschwunden.
„Er ist auf Whoorin geboren worden
und hat die Festung nie verlassen“, fuhr das Mädchen fort.
„Mein Gott“, murmelte ich
fassungslos und entsetzt. Es war ein Wunder, dass er sich trotz seiner
Vergangenheit relativ normal verhielt. Fast normaler als Vivian, die für ihr
Alter viel zu ernst und ruhig war. Vielleicht war es ganz gut, dass sie den
Jungen um sich hatte und er sie manchmal von ihren düsteren Gedanken ablenkte.
„Ich habe versprochen, ihm die
ganze Stadt zu zeigen und alles, was er sehen will.“
Und ja, vielleicht war es ganz
gut, wenn sie sich einfach einmal wie eine normale Sechzehnjährige benehmen
konnte. Natürlich konnte ich mir eine Vivian nicht schnatternd und kichernd mit
anderen Mädchen vorstellen, aber wenn sie ihre freie Zeit nutzte, um mit Raven
durch die Stadt zu ziehen, dann würde ich das begrüßen.
„Er ist vernarrt in dich“, sagte
Trevor dann jedoch.
Ein Teil der Melancholie, der in
Vivians Gesicht erschienen war, verschwand. „Na und?“
„Du solltest dir überlegen, was du
empfindest, denn du könntest ihm damit sehr wehtun.“
„Verdammt!“, stieß sie hervor und
sprang auf. „Ich hab es satt, mir von euch vorschreiben zu lassen, wie ich mich
verhalten soll!“
Und damit war es erreicht. Sie
drehte sich um, verschwand in ihrem Zimmer und knallte die Tür zu.
Seufzend schaute ich in die Runde.
„Ich habe jetzt auch die Nase voll von den Erinnerungen, die ich nicht kenne.
Ich gehe spazieren.“
Trevor ging mit, obwohl ich es
nicht wollte. Aber nachdem er mir erklärt hatte, dass es draußen dunkel war und
er mich allein nicht gehen lassen würde, gab ich nach. Ich war etwas erschrocken
gewesen, dass soviel Zeit vergangen war, denn als ich in die Erinnerung
versunken war, hatte die Uhr gerade mal Mittag angezeigt.
Wir liefen eine Weile schweigend
nebeneinander in Richtung des Victoria Parks. Ich hatte die Hände in den Taschen
meines Anoraks vergraben und kuschelte mich in den dicken Schal, den ich um
meinen Hals geschlungen hatte. Es hatte noch nicht geschneit und nur die
Straßenlaternen erhellten die dunkle Nacht. Der Druck, der in den vergangenen
Wochen über der Stadt gelegen und sie in eine düstere Dunstglocke gehüllt hatte,
war abgeflaut. Ein wenig stolz war ich schon darauf, dass ich einen nicht zu
geringen Anteil daran hatte.
Trevor trug seine gewöhnliche
Kleidung, dunkle Hosen, Stiefel und seine Lederjacke, in deren Innentasche
sicherlich noch immer die Waffe steckte.
„Hast du heute etwas Neues
erfahren können?“, brach er plötzlich die Stille.
Ich schüttelte den Kopf und
seufzte. „Nicht viel.“ Dann erzählte ich ihm kurz, was ich gesehen hatte und
auch von meiner damaligen Begegnung mit Niira. Bei der Erwähnung des Namens der
Magierin verzog er ironisch den Mund.
„Das ist so typisch. Sie denken,
sie müssen für uns Entscheidungen fällen. Dabei wäre es manchmal richtiger, mit
uns zu reden, auch wenn wir *nur* Handlanger sind.“
Ich blieb stehen und schaute ihn
neugierig an. „Mir war aufgefallen, dass du Sheldon viel respektvoller
behandelst als sie.“
Trevor schien eine Weile zu
überlegen, ehe er antwortete. „Sheldon ist mein Freund“, sagte er dann. „Mein
wahrer Freund und glaub mir, Annie, ich verwende diese Bezeichnung nicht
leichtfertig. Ich würde ohne zu zögern mein Leben riskieren, um seins zu retten
und er würde das Gleiche für mich tun. Ich glaube, man trifft nur selten
Menschen, von denen man das behaupten kann. Wir sind nicht immer einer Meinung,
aber ich finde, das gehört auch zu einer guten Freundschaft dazu. Ich
respektiere seine Ansichten, auch wenn ich nicht immer mit ihnen einverstanden
bin. Und sein bedingungsloser Glaube an den Bund der magischen Fünf ist eine
davon. Auch Magier sind nur Menschen und keine Götter. Auch sie machen Fehler.“
„Aber du hast dich für diese Seite
entschieden“, warf ich ein.
„Ja“, nickte er. „Weil ich an ihre
Ideale glaube. Aber manchmal hinterfrage ich Entscheidungen, die die Fünf
getroffen haben und kann mich mit diesen nicht anfreunden. Die Entscheidung,
dich dir selbst zu überlassen, ist eine davon. Hätte ich es eher gewusst, ich
hätte gehandelt.“
Das überraschte mich jetzt. „Wie
meinst du das?“
„Wie kann es richtig sein, eine
Person mit deinen magischen Begabungen sich selbst zu überlassen und zu
riskieren, dass du in die Hände der dunklen Magie fällst?“
Das verstand ich allerdings auch
nicht. „Niira sagte etwas von einem schwarzmagischen Schutzzauber, mit dem mich
meine Mutter versehen hatte.“
Er schüttelte nur den Kopf. „Ich
spreche auch nicht davon, dass man dich zu etwas hätte zwingen sollen. Aber
reden, reden hätte man können. Du warst eine Gefahr für dich selbst und deine
Umwelt und du hättest leicht durch einen Unfall sterben können.“
Wie wahr. „Aber warum habt ihr
nicht eher Kontakt zu mir
aufgenommen? Ich lebe jetzt fast fünf Jahre in Newbury.“
Er seufzte und wandte sich dann
wieder zum Gehen. Ich folgte ihm einfach.
„Du warst magisch so unsichtbar.
Vielleicht hat es wirklich mit diesem schwarzen Schutzzauber zu tun“, überlegte
er dann laut. „Wir wollten warten, bis sich ein besserer Zeitpunkt ergibt oder
vielleicht bis du dir anfängst selbst Fragen zu stellen. Wir wollten dich
niemals mit den Informationen so überfallen, so wie wir es dann getan haben.“
Ich konnte es noch immer nicht
fassen. Ich hatte so lange unter Beobachtung in einer Stadt gelebt und nichts
davon mitbekommen.
„Weshalb habe ich von dir
geträumt?“
Jetzt grinste er richtig breit.
„Also, ich würde mir ja gern etwas darauf einbilden, aber du kanntest mich nicht
einmal. Ich habe mich mit Sheldon darüber unterhalten und er meinte, dass dein
Unterbewusstsein schon registriert hat, dass du beobachtet wurdest. Vielleicht
deshalb mein Gesicht. Er denkt aber auch, dass es etwas damit zu tun haben muss,
dass du ab einem bestimmten Zeitpunkt keine spontanen Unfälle mehr hervorgerufen
hast. So war es doch, oder? In den letzten Jahren waren außer deinen Träumen
keine ungewöhnlichen Sachen passiert?“
„Nein.“ Ich schüttelte wieder den
Kopf. „Nur die Träume, aber ich konnte mich sowieso an keine ungewöhnlichen
Vorfälle erinnern.“
„Du hast deine Bestimmung
geträumt“, sagte er sanft und warf mir einen kurzen Seitenblick zu. „Manchmal
tut Magie solche Dinge, wenn man sie gewaltsam unterdrückt.“
„Monster zu töten ist meine
Bestimmung?“, fragte ich bitter. „Darauf verzichte ich gern. Ich habe diese
Bestimmung nie gewollt.“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.
„Es ist deine Bestimmung, deine Kräfte im Kampf der Magier einzusetzen. Die
Frage ist nur, auf welcher Seite. Und deshalb verstehe ich nicht, wie die
magischen Fünf das Risiko eingehen konnten, dich zu verlieren.“
„Na ja“, brummte ich verlegen. „So
wichtig bin ich ja nun auch nicht.“
Er lachte leise und dieses Lachen
berührte eine Seite in mir. „Doch, Annie. Jeder Mensch mit magischen Fähigkeiten
ist immens wichtig.“ Er legte mir den Arm um die Schultern, drückte mich kurz
und sein mir so vertrauter Geruch, unterlegt vom Leder seiner Kleidung, stieg
mir in die Nase.
„Ich habe Angst“, sagte ich leise,
ohne ihn anzusehen und ohne mich von ihm zu lösen. Vielleicht weil ich es schön
fand, jemanden zu haben, dem ich das sagen konnte.
„Allgemein oder vor etwas
bestimmten?“
Ich seufzte. „Vor allem. Vor
meiner Zukunft, die so völlig unbestimmt ist, vor allem…Ich habe nicht einmal
mehr einen Job. Irgendwann ist mein Geld alle. Ich weiß gar nicht, wie ich auf
so eine Universitätswelt gehen soll, ohne Geld zu haben.“
„Dein menschliches Geld ist auf
Haastard oder Avalon sowieso nichts wert“, erklärte er mir dann. „Der magische
Bund unterstützt alle magiebegabten Wesen. Um Geld brauchst du dir keine
Gedanken zu machen.“
Ich hob den Kopf und sah ihn an.
Seine Augen schimmerten wieder in der Dunkelheit, weil sie sich auf das
Nachtsehen eingestellt hatten. „Ich verstehe das alles nicht.“
„Jeder Student bekommt einen
Betreuer oder eine Betreuerin, an die er sich wenden kann, wenn er etwas
braucht. Nach Beendigung der Ausbildung wirst du dich entscheiden können, was du
machen oder wo du arbeiten willst und bekommst eine Art Lohn vom magischen
Bund.“
„Ihr auch?“, fragte ich neugierig.
„Nicht nur“, gab er zu. „Im Laufe
der Jahre haben wir unser Geld in allen möglichen Anteilen angelegt, die Gewinne
abwerfen. Außerdem besitzen unsere
Familien auf unseren Heimatwelten Firmen, an denen wir bedingt durch Erbschaft
beteiligt sind und gewisse Summen werden von dort auf unsere Konten überwiesen.
Ich wäre auch unabhängig, wenn ich nicht im Auftrag des magischen Bundes
arbeiten könnte und ich nehme an, Sheldon auch.“
„Ich habe gar nichts…“
Er lachte wieder leise. „Du bist
auch noch verflucht jung, Annie.“
Das brachte selbst mich zum
Schmunzeln, denn mir fiel wieder ein, dass er vierundfünfzig Jahre älter war als
ich. Was er in seinem Leben alles gesehen und erlebt hatte, vermochte ich mir
nicht vorzustellen. Vielleicht würde ich eines Tages auch auf solch eine
Erfahrung zurückblicken können, doch das bedeutete, dass ich die nächsten Jahre
überleben musste.
Dann ließ er mich los, griff
allerdings nach meiner Hand und hielt sie fest. Wir schlenderten durch den
dunklen Park als wären wir ein normales Liebespaar, das einen Abendspaziergang
machte. Aber wir waren keines von beiden, weder normal noch ein Liebespaar. Ich
musste bei dem Gedanken leise gekichert haben, denn er drehte den Kopf und sah
mich fragend an.
Ich hob seine Hand in meiner an.
„Warum halten wir Händchen?“
Trevor schaute eine Weile auf
unsere Hände und lächelte fast verlegen. „Keine Ahnung. Stört es dich?“
„Nein“, gab ich zu und zog ihn mit
mir weiter. „Mir ging gerade durch den Kopf, dass ein Außenstehender uns für ein
normales Liebespaar hält, das ein stilles, ungestörtes Plätzchen zum Kuscheln
sucht.“
Er ließ seine Blicke durch die
Bäume und Hecken, die uns umgaben, schweifen. „Hier gibt es nicht mal ein
ungestörtes Plätzchen, aber ein normales Liebespaar würde das gar nicht merken.“
Ich blieb verblüfft stehen und
schaute mich um.
„Schau mit den magischen Sinnen“,
sagte er leise.
Er stand jetzt so nah neben mir,
dass ich seinen Atem an meinem Ohr spüren konnte.
„Es ist nichts Gefährliches.
Geister und ein paar Kobolde, nichts, was es wagen würde, einen Magier zu
belästigen.“
Geister? Meine Sicht wechselte
übergangslos ins magische Sehen. Ich sollte mir wohl angewöhnen, das automatisch
zu tun, wenn ich im Dunkeln unterwegs war. Aber irgendwie hatte ich mich in
Trevors Gegenwart sicher gefühlt.
„Da hinten sind zwei Kobolde.“ Er
wies mit der Hand zur rechten Seite in Richtung des Gestrüpps.
Ich folgte seinem Hinweis und
tatsächlich sah ich mit meinen magischen Sinnen zwei kleine zwergenhafte
Gestalten, die sich mit Astknüppeln bewarfen. Ab und zu blitzte es, wenn die
Äste aufeinander trafen.
„Kobolde sind ungefährlich, aber
sie haben nur Blödsinn im Kopf“, erklärte Trevor. „Manchmal machen sie sich
einen Spaß daraus, Menschen zu erschrecken, indem sie sie anrempeln oder mit
irgendetwas bewerfen. Normale Menschen sehen sie nur, wenn die Kobolde
das wollen und meist wollen sie das nicht. Sie stehlen auch, aber sie tun
im seltensten Fall jemandem etwas zuleide.“
Ich konnte noch immer nicht
fassen, dass sich in diesem Stadtpark Kobolde tummelten. Ich war gern in den
Abendstunden hier spazieren gegangen. Jetzt würde ich das wahrscheinlich nie
wieder tun.
„Und dort“, fuhr Trevor fort und
zeigte in die entgegengesetzte Richtung, „siehst du Geister. Ich kann allerdings
auf diese Entfernung nicht feststellen, um welche es sich handelt.“
Mir reichte es zu wissen, dass
dort Geister waren. Dass es Unterschiede zwischen Geistern gab, wollte ich
eigentlich nicht einmal hören, geschweige denn begreifen. Ich würde noch eine
Menge lernen müssen.
„Was gibt es denn für welche?“,
fragte ich trotzdem kläglich.
„Ach, Annie.“ Er lachte wieder
leise, zog mich dann aber weiter mit sich. „Du wirst all das in einer Ausbildung
auf Haastard oder Avalon lernen. Gespenster sind nichtstoffliche magische
Erscheinungen. Sie können durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden“,
erklärte er dann. „Einmal natürlich, wenn es ein Magier wissentlich tut, wenn er
einen Geist sozusagen als seinen magischen Spion auf die Reise schickt. Dann
gibt es die Krisengeister, die auch nichtmagisch begabte Menschen unbewusst
hervorrufen können. Wie man am Namen erkennt, geschieht das meist in
Krisensituationen, zum Beispiel, wenn die Geister Verwandten erscheinen, denen
ein furchtbares Schicksal droht. Dann natürlich die echten Geister Verstorbener,
die noch nicht den Weg in die andere Welt, aus welchen Gründen auch immer,
gefunden haben. Manchmal sind sie an einen Ort gebunden, manchmal auch nicht.
Diese Geister kann jeder sehen und sie können noch Jahrhunderte nach dem Tod der
jeweiligen Person erscheinen.“
Ich war wieder stehen geblieben
und starrte ihn an als wäre er jetzt ein Geist. „Das ist jetzt kein Witz, oder?“
„Nein, Annie.“ Er schüttelte,
belustigt über meinen Gesichtsausdruck, den Kopf. „England ist voll von
Geschichten über Spukschlösser. Jeder Mensch, auch Magieunbegabte, besitzt eine
schwache magische Aura, gemeinhin auch als die Seele bezeichnet. Diese Seele
kann sich manifestieren.“
Ein Schauer lief meinen Rücken
hinab. „Ich krieg gerade Angst, Trevor“, sagte ich leise. „Ich glaube nicht an
all den kirchlichen Quatsch von Seele und Himmel und Hölle. Und ich glaube auch
nicht an ein Leben nach dem Tod, also hör auf, mir etwas von Seelen und der
Unsterblichkeit zu erklären.“
„Es hat nichts mit Glauben oder
Religion zu tun. Magische Energie ist eine sehr starke Energie und manchmal
verbindet sich das Bewusstsein mit der Magie, wenn ein Mensch stirbt. Dann kann
er nicht gehen.“
„Wohin denn?“, piepste ich
geknickt. Ich konnte mir nicht einmal ein Bewusstsein vorstellen, ich konnte mir
gar nichts vorstellen, denn wenn ein Mensch tot war, dann war er tot. Aus.
Basta.
Er legte den Kopf schief und
lächelte. „Ich weiß es nicht. Diese Frage wirst du erst beantwortet bekommen,
wenn du stirbst. Geister sind Seelen, die hier bleiben müssen, weil sie sich an
die magische Energie gebunden haben. Manche, die, die gehen wollen, schreien um
Hilfe und es gibt Magier, die sich nur damit beschäftigen, solche Seelen zu
befreien. Andere wollen bleiben und ein bisschen spuken.“
Langsam bekam ich wirklich den
Verdacht, dass er mich veralbern wollte. Aber er schaute zu ernst.
„Poltergeister sind auch eine Art
Geister, aber sie werden von lebenden Personen unbewusst ausgelöst, so wie
damals in deiner Kindheit von dir. Meist von magischen Personen, die mit der
Magie nicht umgehen können oder nichts davon wissen. Und im Gegensatz zu den
normalen Gespenstern, können Poltergeister richtig Schaden anrichten.“
Eigentlich hätte mich nichts mehr
so einfach überraschen dürfen, nicht nach dem, was ich in den letzten Wochen
alles gehört hatte, aber über die Existenz von Gespenstern hatte ich tatsächlich
noch nie nachgedacht. Was würde noch alles auf mich zukommen? Oder anders
gefragt: Was gab es alles, was ich noch nicht wusste?
Trevor legte seinen Arm um meine
Schultern und zog mich mit sich zurück in die Richtung, aus der wir gekommen
waren. „Du wirst Jahre Zeit bekommen, Annie. Jahre, in denen du in Büchern lesen
wirst, in denen du lernen wirst, solche Wesen zu sehen und auch zu verstehen,
warum einige ungefährlich und andere wiederum gefährlich sind. Du wirst jede
Zeit bekommen, die du brauchst.“
„Und wenn ich es nicht schaffe?“,
fragte ich kläglich.
Er warf mir einen abschätzenden
Blick zu. „Das wird nicht passieren, du schaffst es.“
„Man wird über mich lachen. Vivian
ist elf Jahre jünger als ich und sie kann so vieles, von dem ich nicht einmal
träume.“
„Niemand wird lachen, denn das
Potential, das in dir steckt, ist größer als das der meisten Magier, die auf den
Universitätswelten landen. Man wird sich verdammte Mühe geben, dir zu helfen,
dieses Potential zu beherrschen.“
Wir gingen eine Weile schweigend
und hingen unseren Gedanken nach. Ab und zu schweifte mein Blick umher und ich
konnte hier und da in der Dunkelheit die weißen Schleier anderer Geister
erkennen. Jetzt, da ich wusste, wonach ich suchen sollte, war es einfach. Dann
erreichten wir wieder die beleuchtete Straße und ließen den Park hinter uns. Die
Geister schienen die Dunkelheit zu mögen, denn jetzt konnte ich in unserem
Umfeld nichts erkennen.
„Was werdet ihr eigentlich tun,
wenn ihr nicht mehr auf mich aufpassen müsst?“, fragte ich dann.
„Ich weiß es noch nicht“, gab
Trevor zu. „Der Schutz der Erde muss neu organisiert werden. Viele sind auf sie
aufmerksam geworden und solche Dinge sprechen sich in magischen Kreisen schnell
herum. Die Erde ist ein leichtes Angriffsziel, weil ihre Bewohner keinerlei
magische Fähigkeiten besitzen. Ich denke, wir werden noch eine Weile hier
bleiben.“
„Denkst du, dass wir uns noch
einmal wieder sehen?“
Er drehte den Kopf und lächelte
mich an. „Das werden wir, Annie. Vielleicht wird es ein paar Jahre dauern, aber
das kann ich dir versprechen. Wir werden uns wieder sehen.“
Ich lächelte zurück und wusste
selbst nicht, warum ich den Gedanken so mochte. Aber es war so. Obwohl ich diese
Menschen erst seit gar nicht allzu langer Zeit kannte, waren sie mir ans Herz
gewachsen und ich würde bedauern, sie völlig aus meinem Leben verschwinden zu
sehen.
„Ich wünschte, ich könnte Vivian
zwingen, mich zu begleiten“, sagte ich dann traurig.
Er nickte. „Ich auch.“
Das erstaunte mich etwas, denn ich
war davon ausgegangen, dass das Mädchen Trevor ziemlich egal war. Ich stieß ihm
freundschaftlich in die Seite. „Nein, oder? Ich bin eher davon ausgegangen, dass
du froh wärst, sie so schnell wie möglich loszuwerden.“
„Hm“, machte er überlegend. „Das
ist nicht richtig. Natürlich ist sie ein ziemliches Ärgernis…“
Ich lachte auf.
„Aber“, fuhr er fort, ohne mich zu
beachten, „sie ist ein Rebell und ich mag Rebellen. Wäre ich in ihrem Alter so
gewesen, wer weiß, vielleicht hätte ich Laurell nie geheiratet…“ Seine Stimme
war am Ende leiser geworden und als er jetzt den Kopf drehte, war ein trauriger
Zug in seinem Gesicht zu erkennen. „Aber vielleicht auch nicht. Manchmal kann
zuviel Rebellion dich das Leben kosten. Sie hat eine Menge erreicht, es wäre
schade, zuzusehen, wie all das verloren geht.“
Ich starrte ihn eine ganze Weile
fassungslos an. „Du magst sie“, sagte ich irgendwann völlig verblüfft.
Trevor verzog den Mund zu einem
schiefen Grinsen. „Und wehe, du sagst ihr das.“ Er wandte sich wieder zum Gehen.
„Sie hat viel durchgemacht und sie erscheint älter als sie ist. Ihr Wesen, ihre
Reden, all das täuscht darüber hinweg, dass sie noch verflucht jung ist. Aber
sie ist es und es erinnert mich daran, dass ich auch zwei Töchter hatte. Ich
habe sie nie erlebt, als sie in diesem Alter waren.“
Ich schlang meinen Arm um ihn und
sagte leise: „Vivian kannst du nicht adoptieren.“
„Nein.“ Er schaute
gedankenverloren geradeaus. „Aber man fängt an, sich für sie verantwortlich zu
fühlen. Erzähl mir nicht, dass es dir nicht ähnlich geht.“
Ich nickte langsam. „Manchmal
schon, vor allem, wenn sie so unwahrscheinlich traurig ist. Aber manchmal kommt
sie mir älter vor als ich selbst, mit all ihrem Wissen und ihrer Erfahrung und
ich komme mir wie das Kind vor.“
„Und der Junge ist noch schlimmer“, sagte Trevor düster. „Er ist hilflos. Ohne
sie ist er hilflos und verloren. Er ist das typische Opfer, glaub mir, lass ihn
in eine Gruppe von Menschen und er ist derjenige, den man mit Füßen tritt.“
„Es sei denn, er findet sofort eine Person wie Vivian, die stark genug ist, ihn
zu schützen.“ Ich seufzte. „Trainierst du deshalb mit ihm?“
Trevor nickte wieder. „Wenn Vivian mit dir geht, bleibt er bei mir und Sheldon.
Nenn mich verrückt, aber nicht einmal Sheldon wüsste jemanden, den wir ihn
anvertrauen können.“
Ich runzelte die Stirn. „Hältst du das für eine gute Idee? Euer Leben ist recht
gefährlich.“
„Ist mir egal. Der Gedanke, dass
Vivian mit ihm verschwindet, gefällt mir noch weniger. Sie mag stark sein, aber
sie hat keine Chance, ihn immer zu schützen.“
Mir gefiel der Gedanke sowieso
nicht, dass Vivian ging. Über Raven hatte ich noch gar nicht so genau
nachgedacht, aber auch Sheldon hatte gesagt, sie würde ihn nicht nach Haastard
oder Avalon mitnehmen können.
„Einen Krieger kannst du aus ihm
aber auch nicht machen.“
„Seine Vorfahren waren Raubtiere.
Ich weiß nicht, was Cyto-Dentaar für Zuchtprogramme gewählt hat, um aus
Raubtieren solche unterwürfigen Wesen zu machen. Wenn ich einen Teil seiner
Raubtierdominanz wieder wecken kann, dann werde ich das tun.“
Vielleicht war es für Raven auch
tatsächlich das Beste. Vivian war selbst noch ein Kind, sie konnte die
Verantwortung für einen Menschen noch nicht tragen. Obwohl vielleicht gerade das
auch gut für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit war. Denn von ihrer Mutter
hatte sie sicher nicht gelernt, sich um andere Menschen zu kümmern, sondern eher
das Gegenteil.
Wir hatten mein Haus erreicht und
ich öffnete die Eingangstür. Es musste jetzt weit nach Mitternacht sein und
eigentlich war es ziemlich dumm gewesen, um diese Zeit spazieren gehen zu
wollen. Aber auch ich hatte genügend kindische Momente.
Das erste, was uns entgegenschlug,
als wir die Haustür öffneten, war Gekicher. Ich drehte den Kopf und sah in
Trevors Gesicht das gleiche Erstaunen wie sicher in meinem zu lesen war. Ich
wusste nicht, ob in den letzten Wochen in meinem Haus jemals jemand gekichert
hatte.
Der Fernseher lief und auch das
war ungewöhnlich. Und noch erstaunter war ich, als ich erkannte, dass es nur
Vivian und Raven waren, die auf der Couch saßen. Raven hatte eine riesige Tüte
Popcorn im Schoß und versuchte sie gerade vor Vivian zu verstecken, die das
natürlich nicht wollte. Und sie kicherten. Alle beide.
Ich wechselte noch einen
verblüfften Blick mit Trevor, doch in diesem Moment hatten uns die beiden schon
bemerkt und verstummten.
„Hi“, begrüßte uns Vivian.
„Ziemlich langer Spaziergang.“ Dann griff sie schnell in die Popcorntüte, ehe
Raven reagieren konnte. „Sheldon ist von Thunder abgeholt worden und ich soll
euch sagen, dass ihr nicht warten und euch keine Sorgen machen sollt.“
Nun, das war nicht weiter
verwunderlich. Sheldon hatte öfter während der Nacht die verschiedensten Dinge
zu erledigen.
„Ihr
schaut fern?“, konnte ich mir dann trotzdem nicht verkneifen zu fragen. Ich
konnte mich nicht entsinnen, Vivian jemals vor dem Fernseher gesehen zu haben.
Sie nickte vergnügt. „Wir haben
überlegt, ins Kino zu gehen, aber da hätte ich Raven wieder die ganze Zeit vor
den anderen verbergen müssen und da Sheldon sowieso verschwunden ist, war es
hier gemütlicher.“
Wahrscheinlich drückte mein
Gesichtsausdruck noch immer ziemliche Zweifel aus, denn Vivian grinste breit.
„Bist du nie ins Kino gegangen oder hast einen Fernsehabend veranstaltet,
Annie?“
„Doch“, gab ich trocken zurück.
„Aber du nicht.“
Ein Teil ihrer Belustigung
verschwand. „Raven kennt keinen Fernseher oder Filme.“
Plötzlich summte auch seine helle
Stimme durch meinen Kopf. ‚Ich finde das
absolut fantastisch. Ich würde am liebsten nur noch fernsehen.’
Das brachte auch mich dann
endgültig zum Lächeln. Natürlich war eine Vivian, die Stunden vor dem Fernseher
verbrachte, noch immer etwas, was ich mir nicht vorstellen konnte, aber ich
mochte den Gedanken, dass die beiden kichernd auf meiner Couch saßen. Raven tat
Vivian gut, so absurd das auch klang.
„Viel Spaß euch beiden“, sagte ich
deshalb nur lächelnd und wandte mich in Richtung der Treppe zum Obergeschoss.
„Macht nicht mehr so lange.“
„Ja, Mama“, rief mir Vivian
vergnügt hinterher. „Euch auch noch viel Spaß!“ Und wieder lachten alle beide.
Auf meinem Gesicht lag ein Grinsen
und als ich einen Blick in Trevors Richtung warf, konnte ich sehen, dass es auch
um seine Mundwinkel zuckte.
„Nicht antworten“, flüsterte er
mir zu. „Sie hat noch ganz andere Bemerkungen auf Lager.“
Das war mir natürlich absolut
klar, aber ich war auch weit davon entfernt, zu reagieren. Trevor war mir
gefolgt, so wie jeden Abend, da er ja, bedingt durch mein plötzlich mit Menschen
überfülltes Haus, das Zimmer mit mir teilte. Ich hatte nie wieder weiter darüber
nachgedacht, denn die letzten Tage und Wochen waren zu nervenaufreibend gewesen.
Ich war in mein Bett gefallen, irgendwann gegen Morgen, und eingeschlafen. Es
hatte mich nicht im Mindesten interessiert, dass da neben mir noch jemand
schlief. Meist war Trevor sowieso nach mir gekommen und ich hatte sein Kommen
gar nicht bemerkt. Es wohnten jetzt so viele Leute in meinem Haus, ich kam mir
sowieso vor wie in einem Hotel. Als Teenager wollte ich nie mein Zimmer mit
jemandem teilen und ich wollte auch nie in eine Wohngemeinschaft mit anderen
Jugendlichen ziehen. In den letzten Wochen hatte mich all das gar nicht gestört,
ja es war eher so, dass ich froh gewesen war, nicht allein zu sein.
Trevor grinste mich schief an.
„Dumme Kinder und ihre dummen Bemerkungen.“
Ich zuckte mit den Schultern und
versuchte zu witzeln: „Hey, wir haben schon einen romantischen Abendspaziergang
gemacht. Warum sollen sie uns dann nicht noch weitere romantische Gedanken
unterstellen.“ Ich setzte mich auf das Bett, zog meine Knie an und schlang meine
Arme um meine Beine. „Hast du eigentlich jemals wieder mit jemandem zusammen
gelebt?“, fragte ich neugierig.
„Du meinst mit einer Frau?“
Ich nickte.
„Nein.“ Er setzte sich ebenfalls.
„Wir befanden uns nie lange an einem Ort, so dass sich nicht einmal die
Gelegenheit ergab, eine längerfristige Beziehung aufzubauen. Ich glaube auch
nicht, dass ich das Bedürfnis danach habe. Mein Leben ist zu gefährlich, ich
würde keine Frau da mit hineinziehen wollen.“
„Eigentlich traurig, oder?“ Ein
melancholischer Ton hatte sich in meine Stimme geschlichen. „Ich habe keine
sonderlich toll familiäre Kindheit gehabt, irgendwo habe ich mit dem Gedanken
gespielt, mir all das erfüllen zu können, wenn ich älter bin.“ Dann zuckte ich
mit den Schultern. „Obwohl das ja bisher auch
nie geklappt hat. Vielleicht bin ich auch für eine Beziehung nicht geschaffen.“
Trevor fuhr sich nachdenklich
durch die Haare. „Es gibt kaum Magier, die Partner haben oder so etwas wie eine
Beziehung führen. Vielleicht weil der Einsatz von Magie zu viel Nähe mit sich
bringt und Magier diese Nähe automatisch ablehnen, weil sie angreifbar macht.
Und natürlich, weil die Magie, wenn sie miteinander kommuniziert, auch sehr
ablenken kann.“
„Nun ja.“ Seufzend streckte ich
mich auf dem Bett aus und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Jetzt habe
ich zwar keine Beziehung mehr…“ Ich grinste in seine Richtung. „Aber dafür eine
Menge neuer Freunde.“
Trevor stützte sich auf seine Hand
und schaute auf mich hinab. „Wann warst du glücklicher? Jetzt oder damals?“
„Das ist eine Fangfrage.“ Ich
starrte überlegend zur Decke. „Vor einigen Wochen hätte ich noch gesagt damals
und mir krampfhaft versucht, mein altes Leben zurückzuwünschen. Nein.“ Ich
drehte den Kopf und sah ihn wieder an. „Ich habe Larry nicht wirklich geliebt.
Ich denke, ich bin jetzt…nun vielleicht nicht glücklicher…aber ich fühle mich
wohler. Freier, unabhängiger.“ Plötzlich war der Kloß in meiner Kehle wieder da.
„Stärker.“
Er lächelte schwach. „Du beginnst
zu akzeptieren, was du bist.“
„Aber ich habe mehr
Zukunftsängste.“
„Das ist wohl wahr.“
Ich verschwand noch einmal im Bad,
um Zähne zu putzen und mich umzuziehen. Trevor tat es mir gleich. Es war
eigenartig, wie schnell man sich daran gewöhnte, mit jemandem zusammenzuleben,
obwohl man mit demjenigen keine Beziehung hatte. Ich mochte Trevor. Mir hatte es
gefallen, mit ihm Hand in Hand durch die Straßen zu laufen und ja, irgendwo tief
in mir drin spürte ich auch diesen Hauch von sexueller Zuneigung, bei dem ich
nicht einschätzen konnte, ob er allein auf die Magie in uns zurückzuführen war
oder auch so existiert hätte. Aber ich wusste, dass es zusammen mit ihm keine
Zukunft geben würde. Er war mein Freund. Einer der wenigen echten Freunde, die
ich jemals hatte. Man schlief nicht mit seinem besten Freund, weil es danach
keine beste Freundschaft mehr geben konnte.
Er schien es ähnlich zu sehen,
denn er kroch neben mir unter seine Bettdecke und sagte nur leise:
„Schlaf gut, Annie.“
Ich mochte ihn umso mehr, weil er
eben nur das tat und nichts mehr. „Schlaf gut.“
Vergangenheit
Es war eine dunkelhaarige Frau,
die durch die Tür trat und mein erster Gedanke war: ‚Wieder so eine Tussi, die
glaubt, ihre Barmherzigkeit ausleben zu müssen, indem sie ein Waisenkind
adoptiert.’
Als ich sah, dass die fremde Frau
ein kleines Kind an der Hand hielt, das mit einem wachen, aber recht
misstrauischen Ausdruck das Zimmer von Miss Letitia musterte, revidierte ich
meine Meinung. Dann schloss sich die
Tür hinter der Frau und dem Kind und schlagartig spürte ich eine eigenartige
Beklemmung. Hatte ich vorher wenigstens halbwegs interessiert geschaut, war
jetzt davon sicherlich nichts mehr zu sehen. Miss Letitia würde später schimpfen
und mir irgendeine Strafarbeit aufbrummen, aber mein Misstrauen war größer als
meine Angst vor Strafe.
Miss Letitia war aufgesprungen und
der Frau entgegen geeilt. „Ich grüße Sie, Mrs. Levon“, sprudelte sie hervor und
ich verzog das Gesicht.
Mrs. Levon schaute auch nicht
sonderlich begeistert. Es kam mir sogar vor, als bereite es ihr Widerwillen, den
Handschlag der Heimleiterin zu erwidern. Das machte sie mir fast sympathisch.
„Und wen haben wir denn da?“,
gluckerte Miss Letitia weiter und beugte sich zu dem kleinen Kind an der Seite
der Frau.
Ich schätzte die Kleine auf vier
oder fünf. Dunkle Augen, wie die ihrer Mutter, schauten der Heimleiterin mit
einem abweisenden Gesichtsausdruck entgegen.
„Meine Tochter Vivian“, stellte
Mrs. Levon ihr Kind vor. „Sie mag Fremde nicht.“
„Ich sehe schon“, lachte Miss
Letitia und winkte in meine Richtung. „Anne? Ich möchte dir Mrs. Anastasia Levon
vorstellen.“
„Hallo“,
brummte ich von meinem Stuhl und mein ungutes Gefühl zwang mich, entgegen jedem
besseren Wissen, sitzen zu bleiben.
Miss Letitia funkelte mich zornig
an und lächelte im nächsten Moment entschuldigend in Anastasias Richtung. „Es
tut mir leid. Mädchen in diesem Alter sind ziemlich schwierig.“
Anastasia lächelte zurück, aber
das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Ich weiß, worauf ich mich einlasse“,
entgegnete sie ruhig. „Ich würde Anne trotzdem gern etwas kennen lernen. Würden
Sie mich vielleicht mit ihr ein paar Minuten allein lassen?“
„Sicher, sicher“, beeilte sich
Miss Letitia zuzustimmen und ging zur Tür. „Rufen Sie mich, wenn Sie mich
brauchen.“
Mein ungutes Gefühl verstärkte
sich noch, als ich plötzlich allein im Raum mit dieser Anastasia und dem kleinen
Kind war. Anastasia setzte sich auf den zweiten Besucherstuhl. Sie hatte Vivian
losgelassen, die schon dabei war, den Rest des Zimmers zu erkunden. Etwas an der
Frau war unheimlich und ich konnte nicht sagen, was es war. Dabei sah sie nicht
einmal unsympathisch aus. Lange schwarze Haare fielen in lockeren Wellen über
ihren Rücken. Ihre Haut war sehr weiß, fast als würde sie die Sonne meiden und
die dunklen Augen wirkten dadurch noch schwärzer. Sie gab mir nicht die Hand und
es überraschte mich nicht. Sicherlich hatte Miss Letitia sie vorgewarnt und von
meiner Abneigung gegen Berührungen gepetzt.
Ich sagte nichts, auch nicht, als
ich Anastasias prüfenden Blick spürte.
„Du bist also Anne“, begann sie
nach einer Weile.
Ich hatte schon eine Menge
potentieller Adoptiveltern kommen und gehen sehen. Alle hatten mich voll
geplappert und mir erzählt, wie glücklich sie wären, wenn sie mich mitnehmen
könnten. Zweimal war ich zu Familien geschickt worden, aber die wollten mich
nach spätestens drei Wochen wieder loswerden. Verständlich aus meiner Sicht.
„Hm“, brummte ich als Antwort.
„Du bist fünfzehn?“
„Hm.“
Anastasia ließ sich durch meine
Einsilbigkeit nicht aus der Ruhe bringen. „Ich bin etwas überrascht“, fuhr sie
fort.
„Wieso?“ Eigentlich wollte ich gar
nicht mit ihr reden, aber wieso sie überrascht war, konnte ich mir beim besten
Willen nicht erklären.
Anastasia lächelte fein. „Ein Kind
mit deinen Fähigkeiten sollte auffälliger sein.“
Jetzt riss ich die Augen aber
wirklich auf. „Huh?“
„Es wird dich jetzt überraschen,
Anne. Aber sind in deiner Gegenwart schon Dinge passiert, die du dir nicht
erklären konntest?“
Das passierte pausenlos, aber das
musste ich ihr ja nicht auf die Nase binden. Miss Letitia hatte strikt verboten,
so etwas zu behaupten, weil es eine Lüge war.
„Nein“, log ich unverfroren.
„Sind Sachen passiert, für die man
dich verantwortlich macht, obwohl du es nicht getan hast?“, fragte die fremde
Frau weiter.
„Sicher.“ Ich grinste schief. Die
meisten hier im Heim gaben niemals zu, etwas getan zu haben, obwohl ich genau
wusste, dass sie es getan hatten. Wenn ich es behauptete, glaubte man mir
genauso wenig wie dem Rest der Jugendlichen hier.
„Hast du schon einmal etwas von
außersinnlichen Wahrnehmungen gehört?“
Ob diese Frau verrückt war? Aber
potentielle Eltern wurden genauestens geprüft. Das konnte ich mir beim besten
Willen nicht vorstellen.
„Ja“, sagte ich langsam, denn
gehört hatte ich davon schließlich.
„Du hast eine schwere Zeit hinter
dir, Anne“, sagte sie freundlich. „Ich kann dir eine angenehmere Zukunft
bieten.“
„Das sagen alle.“
Anastasia lächelte. „Eine Zukunft,
die dich nicht zwingt, deine Fähigkeiten zu verbergen, sondern die dir hilft,
sie zu entwickeln.“
Ah ja. Klar.
Plötzlich stand die kleine Vivian
neben mir und schaute zu mir hoch. Ich konnte noch nie gut mit Kindern umgehen
und fühlte mich sofort etwas unbehaglich. Sie hatte die dunklen Augen ihrer
Mutter, aber die Haare waren eine Idee heller.
„Vivian, komm her“, sagte
Anastasia überraschend scharf.
Vivian beachtete sie nicht,
sondern hob ihre Hand zu meiner. Erschrocken wich ich zurück, eine Reaktion, die
mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen war, dass ich gar nicht mehr
darüber nachdenken musste.
„Vivian!“
Leider war mein Stuhl zu kurz, um
ganz auszuweichen und Vivians Hand berührte meine. Es traf mich wie ein Schlag,
doch diesmal schrie ich nicht, sondern erstarrte, weil der Strom, der plötzlich
durch meinen Körper schoss, nicht nur unangenehm war.
Ich konnte den Blick aus den
dunklen Augen des Kindes nicht mehr lösen und ein warmes Gefühl stieg in mir
hoch. Ich fühlte nicht einmal Angst, als sich Vivians Augen verdunkelten und
fast schwarz wurden, sondern spürte, wie sich dieses Etwas, vor dem ich bisher
Angst gehabt hatte, in mir bildete und es sich nun fast vertraut anfühlte. Es
war die gleiche Macht und doch hatte ich diesmal keine Angst, dass sie
explodieren und irgendetwas zerstören konnte. Es war fast so, als würde eine Art
Beruhigung von ihr ausgehen.
Im nächsten Moment wurde die
Kleine von mir weggerissen und ich schnappte nach Luft, als der Kontakt
plötzlich brach. Bunte Lichter tanzten vor meinen Augen und ich benötigte ein
paar Augenblicke, um wieder klar denken zu können. In diesen Augenblicken hatte
Anastasia Vivian eine schallende Ohrfeige versetzt.
„Ich habe gesagt, fass niemanden
an!“, fauchte sie scharf und gar nicht mehr so freundlich, wie sie vor ein paar
Minuten noch geklungen hatte. „Wirst du das irgendwann begreifen?“
Vivian weinte nicht. Sie starrte
ihre Mutter trotzig an und ich sah fassungslos, dass dunkle Energieschleier
ihren kleinen Körper umtanzten. Erst dann bemerkte ich, dass meine Hände ähnlich
aussahen, nur dass das Licht, das mich umspielte, nicht dunkel war, sondern
reinweiß.
„Schau sie dir an!“, fuhr
Anastasia das Kind an und deutete auf mich. „Wenn sie wüsste, wer sie ist, hätte
sie dich töten können!“
Ich war aufgestanden und noch
etwas zurückgewichen. Plötzlich bezweifelte ich, dass diese Frau jemals gekommen
war, um mich zu adoptieren. Vivian schaute mich noch immer an und in ihrem Blick
lag etwas, was ich nicht deuten konnte, was aber bei weitem über ihr kindliches
Alter hinausging.
„Wer sind Sie?“, stieß ich hervor.
„Du bist unwissend, Annie“, sagte
Anastasia ruhig. „Weil du allein bist. Du wirst sterben, wenn du niemanden
findest, der dich ausbildet. Ich und meinesgleichen können dir diese Ausbildung
geben.“
„Wer sind Sie?“, wiederholte ich.
„Anastasia Levon von der Welt
Saduun. In dir schlummern die Kräfte einer Lucyana, aber es gibt niemanden, der
dir beibringt, sie zu nutzen.“
Ich verstand gar nichts, aber tief
in mir drinnen begann ich zu begreifen, dass diese Frau Antworten auf viele
meiner Fragen hatte. Mein Gefühl warnte mich davor, aber ich hatte zu oft in
meinem Leben erlebt, dass Dinge geschahen, die ich nicht verstand, dass Menschen
verletzt worden, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war, aber alle mich
anklagend anschauten. Wenn mir diese Frau all die Fragen beantworten konnte,
dann wollte ich jedes Risiko eingehen.
„Was heißt das?“
„Begleite mich“, sagte sie
einfach. „Du wirst zusammen mit Vivian eine Ausbildung erhalten und lass dich
von ihrem Alter nicht irritieren. In spätestens zwanzig Jahren wird man keinen
Unterschied mehr in eurem Alter sehen. Wesen unserer Art werden sehr, sehr alt.“
Alles in mir schrie: Ja, aber ich zögerte. Noch immer hatte sich die Beklemmung, die
mich befallen hatte, seitdem Anastasia in das Zimmer getreten war, nicht gelöst.
Anastasia griff in ihre Tasche und
holte eine kleine Schachtel hervor. Sie winkte mich heran und stellte die
Schachtel auf den Fußboden.
Neugierig geworden trat ich näher
und zuckte zusammen, als sie den Deckel anhob und ich im Inneren eine riesige
Kröte sitzen sah. Nicht, dass ich Angst vor Fröschen oder Kröten hatte, aber ich
hatte nicht damit gerechnet. Ich musste auch Anastasia angesehen haben, als
würde ich an ihrem Verstand zweifeln, denn sie lächelte fast freundlich.
„Ein Tier zu opfern, bedeutet
deine Macht auszubreiten“, erklärte sie und winkte Vivian ebenfalls heran.
Sie hatte jetzt nicht vor, die
Kröte vor meinen Augen zu töten, oder? Die kleine Vivian trat ohne zu zögern
neben ihre Mutter und schaute auf die Kröte. Ihre Wange war von der Ohrfeige
noch immer gerötet, aber kein Laut hatte ihre Lippen verlassen.
Anastasia zog aus ihrer Tasche
noch einen kleinen Dolch und mein Herz machte einen Satz.
Ich überlegte, ob ich nach Miss
Letitia rufen sollte, denn langsam aber sicher zweifelte ich wirklich an
Anastasias Verstand.
Als Anastasia wieder hoch schaute,
glühten ihre Augen schwarz. „Nimm das Opfer an, Anne, und spüre, dass du die
Macht in dir beherrschen kannst.“
Ich fuhr zusammen, als sie mit
einem schnellen Schnitt den Kopf der Kröte von ihrem Körper trennte und Übelkeit
stieg in mir beim Anblick des Blutes hoch, das plötzlich aus dem Leib quoll und
den Boden der Schachtel bedeckte.
Vivian beobachtete mit
interessierten Augen, wie der Körper noch einen Moment zuckte und dann leblos
liegen blieb.
Und plötzlich summte der Raum vor
Energie. Anders konnte ich es nicht ausdrücken. Sie umgab mich greifbar wie ein
Mantel, aber es fühlte sich nicht angenehm an. Es war eher so, dass sie mir die
Luft abzuschnüren schien und jeder Atemzug in meiner Kehle brannte.
Abwehrend hob ich die Hände und
wich weiter zurück. „Nein…“
Anastasias Augen loderten auf.
„Greif auf die Macht zu und es wird besser.“
Ich schüttelte wild den Kopf und
merkte erst dann, dass mich die Wand im Rücken stoppte. Mir war schwindlig und
übel und ich zwang mich mühsam zu atmen, um den Brechreiz unter Kontrolle zu
bekommen. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.
„Nimm das Opfer an“, hörte ich wie
aus weiter Ferne Anastasias Worte.
Panik stieg in mir hoch und mit
der Panik kam die Angst, dass alles, wie so üblich, eskalieren würde.
Irgendetwas passierte immer, wenn ich Panik verspürte. Noch vor zwei Minuten,
als Vivian mich berührt hatte, war das Etwas in mir friedlich gewesen, hatte
sich friedlich und beruhigend angefühlt. Auch mächtig, aber gleichzeitig
beherrschbar. Jetzt nicht mehr. Jetzt tobte es in meinem Inneren, rebellierte
und ich wusste, würde es hervorbrechen, es würde wieder schlimmes passieren.
„Nein!“, schrie ich, sank an der
Wand zusammen und vergrub meinen Kopf in meinen Armen. „Ich will nicht, dass
etwas passiert. Ich will nicht, dass etwas passiert.“
„Du musst keine Angst haben, du
kannst es kontrollieren“, sagte Anastasia und kam auf mich zu.
Ich riss den Kopf hoch und im
nächsten Augenblick reagierte das Ding. Grelles Licht hüllte mich ein und ich
begann zu schreien, als sich der Raum in eine Chaoshölle verwandelte.
Dann passierte alles gleichzeitig.
Die Tür wurde aufgerissen, Miss Letitia stürzte in den Raum und Anastasia musste
sich ihr zuwenden. Diesmal „sah“ ich, was sie tat. Mit einer kurzen Handbewegung
griff sie in die Energie, die uns umgab und leitete sie in Miss Letitia. Die
Heimleiterin verstummte mit einem leeren Ausdruck in den Augen und kurz darauf
verpufften die Reste der Kröte samt Karton zu Asche.
Noch immer war ich von reinem,
weißem Licht umgeben, doch durch das Licht konnte ich die kleine Vivian
erkennen, die vielleicht zwei Meter entfernt stand und mich mit großen
Kinderaugen anschaute.
„Das Licht ist schön“, sagte sie
leise und ich hörte Anastasia im nächsten Moment fluchen.
„Scher dich her!“ Eine Flamme
dunklen Lichts schoss aus Anastasias Händen in Vivians Körper, hüllte ihn ein
und ließ das Mädchen bewusstlos zu Boden sinken. Die Frau trat auf sie zu, hob
das Kind auf ihre Arme und schaute dann mich aus jetzt eisigen Augen an.
„Du wirst niemals die Kraft haben
zu überleben, Lucyana. Niemals.“
Dann raste das dunkle Licht auf
mich zu, gleißender Schmerz toste durch meinen Körper und alles wurde schwarz.
~*~*~*~
Gegenwart
Schweißgebadet fuhr ich hoch und
starrte zitternd in die Dunkelheit meines Schlafzimmers.
Oh mein Gott, war mein erster Gedanke, ehe ich mein Gesicht in
meinen Händen vergrub und versuchte, ruhig zu atmen.
Ich konnte mich noch an diesen Tag
im Waisenhaus erinnern. Ich konnte mich haargenau an diesen Tag erinnern. Denn
es war ungefähr dieser Tag gewesen, an dem ich vergessen hatte, wie mein Leben
vorher ausgesehen hatte.
Damals war Miss Letitia
wutentbrannt zurück ins Zimmer gekommen und hatte verkündet, ab dem heutigen Tag
werde sie sich keine Mühe mehr geben, mich zu vermitteln, da ich den
potentiellen Eltern immer wieder vorspielen würde, eine Verrückte zu sein. Wie
ich auf den Gedanken käme, Mrs. Levon mit Büchern zu bewerfen? Wer würde solch
ein Kind adoptieren wollen? Ich hatte damals begonnen zu weinen, weil ich mich
an nichts mehr erinnern konnte und auch hinzu gezogenen Psychologen keine
anderen Worte aus mir herausbrachten außer:
Ich weiß es nicht mehr.
Dieses Bild, meine Hilflosigkeit,
weil ich all die Fragen nicht beantworten konnte, stand jetzt genau vor meinem
Auge. Die gesamten vergangenen Jahre waren in einem Augenblick ausgelöscht
worden. Und jetzt wusste ich, warum. Und ich wusste von wem.
„Was ist los?“, murmelte es
verschlafen neben mir.
Ich fing an zu schluchzen und das
weckte Trevor endgültig. Ich fühlte ihn sich aufrichten und dann seine Arme, die
meinen Körper umschlangen.
„Ist ja gut, Annie“, flüsterte er
beruhigend. „Was hast du geträumt?“
Ich vergrub mein Gesicht an seiner
Brust und weinte weiter. Vielleicht war es die Verzweiflung, all das bisher
nicht gewusst zu haben, die mich reagieren ließ. Ich hatte so viel Neues
erfahren in den letzten Tagen, doch diese Erinnerung setzte dem ganzen eine
Krone auf.
„Anastasia war im Waisenhaus“,
schluchzte ich. „Mit Vivian…“
„Was?!“ Übergangslos war er
hellwach. „Was hast du geträumt, Annie? Erzähl mir den Traum.“
Ich schüttelte wild den Kopf,
löste mich aus seinen Armen und strampelte die Bettdecke von meinen Beinen. „Ich
muss zu Vivian“, schniefte ich. „Ich will wissen, ob sie das die ganze Zeit
wusste. Ich will verdammt noch mal wissen, ob sie das wusste…“
Ich hörte es hinter mir rascheln,
weil er seine Bettdecke ebenfalls zur Seite warf und mir folgte, aber ich hatte
schon den Flur durchquert und war vor Vivians Zimmertür angelangt. Natürlich war
mir klar, dass sie schlafen würde, aber mit diesem Wissen würde es für mich
keine Minute Schlaf mehr geben.
Ich klopfte nur kurz. „Vivian?“
Und öffnete die Tür.
Raven, der an Vivian gekuschelt
schlief, fuhr genauso hoch wie das junge Mädchen und beide blinzelten verstört
in das durch die Tür scheinende Licht aus dem Flur.
„Wie spät ist es?“, fragte Vivian
verschlafen.
Ich sank auf die Bettkante,
während Trevor das unbenutzte Gästebett mit einem missbilligenden Blick
musterte, und wischte mir mit der Hand über die Augen. „Ich habe geträumt, Vi“,
stieß ich hervor. „Ich habe eine Erinnerung geträumt…“
Vivian löste sich aus Ravens
Umarmung und rutschte an den Bettrand. „Hast du geweint, Annie?“, fragte sie
schüchtern.
„Anastasia war im Waisenhaus“,
murmelte ich verzweifelt. „Mit dir.“
Ein Blick in ihr Gesicht reichte,
um zu wissen, dass sie nichts wusste. Es geschah selten, dass sie so völlig
fassungslos dreinschaute und die Anspannung fiel wie ein riesiger Stein von
meinen Schultern. Ich wäre grenzenlos enttäuscht gewesen, wenn sie es gewusst
und mir nicht erzählt hätte. Mit der Erleichterung kamen wieder die Tränen und
diesmal war es Vivian, die ihre Arme um mich schlang und piepste:
„Mit mir?“ Sie klang auch
fassungslos und irgendwie entsetzt.
Hätte mir vor ein paar Wochen
jemand gesagt, dass ich mich an der Schulter einer Sechzehnjährigen ausweinen
würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Ich brauchte eine Weile, ehe ich mich
wieder soweit beruhigt hatte und den Kopf heben konnte. Es flackerte sogar etwas
wie Angst in ihren Augen.
„Du warst noch sehr klein. Ich war
fünfzehn und sie kam als ein potentieller
Adoptivelternteil.“
„Kann ich“, fragte sie zögernd,
„kann ich die Erinnerungen sehen?“
Diesmal war es an mir, überrascht
zu schauen. „Wie das?“
Sie sah kurz zu Trevor und schaute
dann wieder mich an. „Indem du mich in deinen Kopf lässt. Telepathie, du weißt
schon…“
Plötzlich erinnerte ich mich
wieder daran, was Trevor mir erklärt hatte:
Eine telepathische Verbindung zwischen
zwei Magiern zulassen, bedeutet ein immenses Maß an Nähe…Ich hatte es damals
abgelehnt und er hatte nie wieder danach gefragt.
Nachdenklich schaute ich zu
Trevor. „Wäre es die gleiche Sache wie die, von der du damals gesprochen hast?“
Er nickte. Wortlos.
Ich holte tief Luft und drehte den
Kopf wieder zu Vivian. „Okay.“
Hinter mir drehte sich Trevor um
und verließ den Raum. Vivian runzelte die Stirn und ich lächelte schwach. „Er
hatte mich danach gefragt und ich habe abgelehnt. Das war vor all dem…“ Meine
Stimme verklang.
„Du hattest Bedenken?“, fragte sie
ernst. „Hast du sie jetzt noch?“
„Ich bin mir nicht sicher“, gab
ich ehrlich zu. „Aber ich denke, du hast das Recht, all das zu sehen, was ich
gesehen habe.“
Ein leises Lächeln huschte über
ihr Gesicht und ließ ihre Augen aufleuchten. „Du vertraust mir“, stellte sie
dann fest und das Lächeln wurde breiter.
„Ich hoffe, das ist kein Fehler“,
murmelte ich trocken.
„Nein.“ Vivian richtete sich fast
begeistert auf und griff nach meinen Händen.
„Niemals, Annie. Niemals. Und
jetzt schau mich an.“
Ich tat, was sie sagte und fühlte
im gleichen Moment den Strom ihrer Magie meine Arme hinauf fließen. Warm
prickelte es durch meine Adern, summte durch meinen Körper und erreichte
irgendwann auch meinen Kopf. Es war nicht unangenehm, sondern einfach fremd.
„Senke langsam deine mentale
Blockade“, sagte Vivian. „Ich achte darauf, dass niemand da draußen es bemerkt.“
Ich hatte keine Ahnung, was sie
meinte, aber als ich tat, was sie sagte, fühlte ich es. Plötzlich fühlte ich sie
und im gleichen Moment den magischen Schild, der jetzt uns beide umgab. Sie
lächelte wieder.
„Schließ die Augen und denke an
die Erinnerung.“
Ich atmete tief ein und dann
wieder aus, ehe ich genau das tat. Wieder sah ich Anastasia das Zimmer betreten
mit dem kleinen Mädchen an ihrer Seite. Diesmal spürte ich Vivians Erstaunen
deutlicher als jemals zuvor, fast so als wären es meine eigenen Gefühle. Ich
hörte die Worte erneut, die sie zu mir sprach und ich zuckte mit Vivian
zusammen, als Anastasia das Kind ohrfeigte. Vivians Hände verkrampften sich in
meinen und ich spürte, dass sie begann zu zittern. Ich hätte sie gern beruhigt,
wusste aber nicht, ob Worte meinerseits all das stören würden. Dann verschwamm
wieder alles im Schwarz der Bewusstlosigkeit und ich riss meine Augen wieder
auf.
In Vivians Augen schimmerten
Tränen. „Ich habe keinerlei Erinnerungen daran“, flüsterte sie erstickt. „Ich
muss vier gewesen sein und ich weiß nichts davon. Rein gar nichts. Sie hat meine
Erinnerungen ebenfalls manipuliert.“
Ich wusste darauf nichts zu
antworten, weil ich genauso entsetzt war wie sie. Auch wenn es nicht die erste
und einzige neue Erinnerung in meinem Kopf war, es war die, die mich am meisten
schockiert hatte.
Plötzlich spürte ich ein zaghaftes
Tasten in meinem Kopf. Du wirst jetzt mit
mir reden können, Annie, auch wenn wir uns nicht sehen, wisperte eine leise
Stimme, die ich als Vivians erkannte und meine Augen wurden groß.
Ich werde spüren, wenn du versuchst, mich
zu erreichen und du wirst es spüren, wenn ich eine Verbindung herstellen möchte.
Meine Augen weiteten sich, als
sich die klaren Worte in meinem Kopf bildeten, obwohl sich die Lippen des
Mädchens nicht bewegten.
Du musst nur denken und ich werde dich verstehen.
Fantastisch…,
dachte ich fasziniert und sie lächelte.
Dann beugte sie sich nach vorn und
hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.
Danke, Annie.
Wofür?,
fragte ich erstaunt.
Sie wich meinem Blick aus und
musterte angestrengt die Bettdecke. Es dauerte eine Weile, ehe sie mit schief
gelegtem Kopf wieder hoch schaute und schüchtern antwortete:
Für dein Vertrauen. Es bedeutet mir eine Menge.
Ich lächelte ebenfalls, breitete
meine Arme aus und drückte sie. „Du Dummkopf“, flüsterte ich neben ihrem Ohr.
Sie hatte, indem sie mir diese telepathische Verbindung anbot, das gleiche
Vertrauen in mich gesetzt. Aber das ging mir erst in diesem Moment auf. „Es
bedeutet mir auch eine Menge“, setzte ich noch hinzu.
Dann löste ich mich von ihr und
stand auf. „Und nun schlaft weiter. Wir reden morgen.“
Vivian nickte, jetzt wieder so
ernst, wie ich sie kannte, sank auf ihr Bett zurück und schmiegte sich an Raven.
Es war ein süßes Bild und ich musste lächeln. „Schlaft gut.“
Du auch,
antwortete Vivians Stimme in meinem Kopf und ich schloss leise die Tür hinter
mir.
Trevor lag auf dem Bett, die Hände
hinter dem Kopf verschränkt, als ich das Schlafzimmer wieder betrat. Er hatte
kein Licht gemacht, aber meine Sicht schaltete neuerdings sowieso automatisch
auf Nachtsehen um.
Ich musste lächeln, als ich
bemerkte, wie ausdruckslos seine Miene war und ahnte, dass er nicht wollte, dass
ich etwas von seinen Gefühlen erkennen konnte. Seine in der Dunkelheit
schimmernden Augen folgten meinen Bewegungen, als ich mich auf meiner Seite des
Bettes niederließ. Er schwieg, doch ich wusste, dass er etwas zu sagen hatte. Er
würde es mir nicht sagen, dazu kannte ich ihn mittlerweile zu gut.
„Als du damals davon gesprochen
hast, Trev“, begann ich, ehe das Schweigen unangenehm werden konnte, „habe ich
abgelehnt, weil ich nicht wollte, dass dich irgendein dummes Pflichtgefühl
veranlasst, mir diese Verbindung anzubieten.“
„Du bist mir keine Rechenschaft
schuldig, Annie“, sagte er sanft.
„Ich kannte dich nicht gut genug,
um entscheiden zu können, ob ich diese Art Nähe möchte“, fuhr ich unbeirrt fort.
„Ich bin mir auch jetzt noch nicht sicher, ob ich diese Nähe wünsche.“ Ich
stoppte ihn, als er den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, mit einer
Handbewegung. „Lass mich ausreden. Ich scheue zuviel Nähe, aber die letzten
Wochen haben mir gezeigt, dass es Menschen gibt, denen man bedingungslos
vertrauen kann. Und du gehörst dazu.“
Jetzt konnte ich das Erstaunen in
seinen Augen deutlich sehen.
„Steht dein Angebot noch?“, fragte
ich, während ich mich auf meiner Hand abstützte und auf ihn hinabschaute.
Trevor sah mich eine ganze Weile
an. Ich konnte noch immer nicht erkennen, was in ihm vorging. Ich war mir nicht
einmal sicher, ob ich die Gedanken, die ihm im Moment durch den Kopf gingen,
wissen wollte. Aber wenn ich Vivian richtig verstanden hatte, wäre es niemals
so, dass ich einfach in ihren oder seinen Kopf hineinsehen konnte, sondern sie
mussten mir dazu eine Art Genehmigung geben. Würde es mir dann leichter fallen,
die Gedanken von anderen Menschen zu lesen? Nun, das würde sich zeigen. Bei
Raven funktionierte es ja auch ganz gut.
„Ich scheue zuviel Nähe auch“,
sagte Trevor dann plötzlich. „Ich kenne dich noch nicht sehr gut, Annie, aber es
ist lange her, dass ich so viel Zeit mit einem anderen Menschen außer Sheldon
verbracht habe.“
Jetzt war es an mir, ungläubig zu
schauen.
„Und ja, ich bin etwas enttäuscht,
dass du die Verbindung zu Vivian zugelassen hast, während du mich abgelehnt
hast.“ Er lächelte leicht und eine Spur Traurigkeit lag auf seinem Gesicht. Dann
setzte er sich auf. „Solch eine Verbindung kann stärken, aber auch schwächen“,
erklärte er leise. „Aus diesem Grund zögere ich selbst, sie einzugehen. Sie
macht dich stark, wenn der andere bedingungslos auf deiner Seite steht, aber
wenn der leiseste Zweifel daran besteht…“
Seine Stimme verklang, aber ich
wusste genau, dass er in diesem Moment nicht von ihm und mir sprach. „Du denkst,
es war ein Fehler, es mit Vivian zuzulassen?“
Er holte tief Luft. „Ich weiß es
nicht. Selbst Niira stand ihr positiv gegenüber, aber ich musste mich zu oft auf
mein Gefühl verlassen und egal, ob ich sie so als Mensch mag oder nicht, sie war
– und ist - eine schwarze Hexe.“
In gewisser Weise verstand ich
ihn. Aber genauso wie sein Gefühl Vivian instinktiv ablehnte, vertraute meins
ihr.
„Erzähl mir die Erinnerung“, bat
er dann.
Ich schüttelte den Kopf und beugte
mich zu ihm. „Schau sie dir an“, sagte ich einfach. „Ich kenne dich inzwischen
gut genug, um entscheiden zu können, dass ich dir vertraue. Ich habe das in
meinem Leben noch nicht sonderlich oft gesagt, wenn ich es mir genau überlege,
eigentlich noch gar nicht. Aber ich weiß, dass ich wahrscheinlich nicht mehr
leben würde, wenn es dich nicht gäbe. Dich und Sheldon.“
Seine eigenartig grauen Augen
bohrten sich in meine. Plötzlich war mir mit aller Deutlichkeit bewusst, dass
wir uns in meinem Schlafzimmer befanden und auf meinem Bett saßen. Ohne
dass ich es wollte, stiegen Erinnerungen an seinen Kuss in mir hoch und
das Gefühl, das er in meinem Körper ausgelöst hatte. Ich hatte das dumme Gefühl,
dass es Trevor genauso ging, denn seine Augen verdunkelten sich etwas.
„Wovor hast du Angst?“, fragte ich
jetzt leise.
Er lächelte als hätte ich ihn
ertappt. Das Lächeln ließ sein Gesicht weicher erscheinen, mehr jungenhaft und
ein Teil der Erfahrung, die sein Alter mitbrachte, verschwand. Es war der Mann
aus meinen Träumen und für einen Moment konnte ich ihn nur anstarren. Dann
nickte er langsam, hob seine Hände und ergriff meine.
„Tue es.“
Mein Mund klappte auf. „Ich?“
Er nickte, jetzt mit einem fast
vergnügten Ausdruck im Gesicht. „Du bist der Magier, Annie.“
Autsch.
„Ich weiß nicht, was ich tun
soll“, gab ich dann zu.
„Das, was Vivian getan hat.“
Wieder einmal wurde mir klar, wie
wenig ich wusste. Und wie sehr ich das hasste. Trotzdem nickte ich tapfer und
schloss die Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Über meine Hände
spürte ich die Verbindung zu Trevors magischer Aura. Sie war nicht stark, aber
sie reichte, um ihn vor anderen Magiern zu verbergen und um einen gar nicht zu
schwachen Schild zu errichten.
Ähnlich wie Vivian es getan hatte,
versuchte ich, meinen magischen Schirm zu erweitern und ihn mit einzuschließen.
Ich spürte, dass er reagierte und seine Magie in einem warmen Strom meine Arme
hinauf floss. Es fühlte sich
beruhigend an, so als wäre es etwas völlig natürliches. Und im gleichen Moment
sah ich ihn auch. Nicht mit meinen Augen, sondern mit diesem komischen Blick in
mir drin, den ich mein ganzes bisheriges Leben verleugnet hatte.
Unverwechselbar, so wie ich auch Vivian gesehen hatte, erkannte ich seine
magische Aura und ich wusste plötzlich, ich würde ihn jederzeit aus hunderten
anderen Auras herausfiltern können. Das war es, was diese Verbindung ausmachte.
Ich öffnete meine Augen und jetzt
sah ich beides. Ich sah ihn mit meiner normalen, weltlichen Sicht und
gleichzeitig die Magie, die ihn umgab. Er lächelte wieder und plötzlich spürte
ich seine Stimme in meinem Kopf.
Ich wusste, du kannst es.
Ich musste auch lächeln, denn mit
seiner Stimme umgab mich ein Gefühl von Geborgenheit, so als wäre nichts
richtiger als das, was wir gerade taten. Langsam öffnete ich meinen Geist und
ließ die Erinnerung an den Traum meine Gedanken beherrschen. Sein Lächeln
verschwand, weil er sich auf die Bilder konzentrierte und urplötzlich spürte ich
seine Anspannung. Fast so als wären es meine eigenen Gefühle.
Und dann geschah noch etwas
anderes. Irgendwo weit entfernt erwachten zwei weitere Magier. Doch erst, als
uns deren Erstaunen umwirbelte, begriff ich, worum es sich handelte. Auch Trevor
war überrascht und blinzelte kurz, um sich wieder auf meine Erinnerungen zu
konzentrieren. Das leise fremde Erstaunen blieb, aber ich wusste, dass Sheldon
und Vivian gespürt hatten, was wir taten. Dass es diese Wechselwirkung gab, war
wahrscheinlich nicht einmal Trevor bekannt gewesen, aber eigentlich hätten wir
uns denken können, dass der andere Teil der Verbindung eine neue spürte. Wir
würden es morgen erklären.
Jetzt war ich erst einmal damit
beschäftigt, Trevor zu zeigen, was ich geträumt hatte. Es dauerte auch nicht
lange und er ließ meine Hände los.
„Interessant“, sagte er
nachdenklich. „Es stellt sich fast die Frage, ob Anastasia in Vivians Kopf nicht
auch noch ein paar Erinnerungen geblockt oder verändert hat, Erinnerungen, die
direkten Einfluss auf Vivians Verhalten jetzt haben.“
„Du meinst, dass sie irgendetwas
getan hat, was sie weniger böse hat aussehen lassen und Anastasia hat die
Erinnerungen verändert?“
Er nickte. „So was in der Art.
Allerdings war ich bisher der Meinung, ein starker Magier würde sich dagegen
wehren.“
Plötzlich bekam ich wieder Angst.
Wem sollte man glauben oder was sollte man glauben in einer Welt, in der es so
einfach war, die Gedanken anderer zu manipulieren? Wie einfach war mein Leben
doch gewesen, als ich von all dem noch nichts gewusst hatte.
Trevor schien meine Gedanken zu
spüren, denn er lächelte wieder traurig. Aber er sagte nichts. Wortlos zog er
mich in seine Arme und sank mit mir auf das Bett zurück. Er hielt mich nur fest
und ich schmiegte mich an seine Seite als wäre er den Halt, den ich plötzlich
brauchte. Ein Teil der Verbindung war noch immer vorhanden und es fühlte sich
gut an. Es geschah selten, dass ich mich einsam und verlassen fühlte, aber in
genau diesem Moment mit dem Wissen, dass nichts so sein musste wie es den
Anschein gab, fühlte ich mich verloren. Und ich war mehr als froh, dass es
jemanden gab, an dem ich mich festhalten konnte.
„Wir sollten schlafen“, flüsterte
er irgendwann in meine Haare und ich nickte, mein Gesicht noch immer an seiner
Brust vergraben. „Soll ich dich loslassen?“
Ich schüttelte den Kopf und fühlte
sein Lächeln fast körperlich.
„Schlaf gut, Annie.“ Er hauchte
einen Kuss auf meine Haare und ich schlang meinen Arm um seinen Bauch.
Ich würde morgen darüber
nachdenken, warum ich plötzlich zum Kuscheltier mutiert war, heute und jetzt
genoss ich seine Nähe, weil sie mich all die Angst vor der realen Welt vergessen
ließ.
~*~*~*~
„Das ist nicht euer Ernst?!“
Vivian starrte uns so geschockt
aus einem so kreidebleichen Gesicht an, dass ich schon Angst bekam, sie würde
umkippen. Aber Vivian kippte nicht um, sondern sie lief im Wohnzimmer auf und ab
und der sich aufbauende Zorn umgab sie wie eine dunkle Wolke. Sheldon saß in
einem der Sessel, im zweiten Trevor und ich hatte auf der Couch Platz genommen.
Wir hatten erst Sheldon von dem
Traum erzählt und dann die Bedenken angesprochen, die wir in Bezug auf
manipulierte Erinnerungen Vivians hatten. Das junge Mädchen hatte uns mit
offenem Mund völlig perplex zugehört und war dann aufgesprungen.
Plötzlich blieb sie stehen und sah
uns an. „Das kann sie nicht getan haben“, stellte sie dann klar. „Das kann sie
einfach nicht getan haben!“
Sheldon beugte sich nach vorn.
„Setz dich, Vivian“, bat er ruhig.
Sie schüttelte wild den Kopf und
die dunklen, langen Haare flogen um ihren Kopf. „Das kann nicht möglich sein!
Ich besitze genug Magie, um das zu verhindern! Das kann sie nicht getan haben!“
„Ich denke das auch“, beruhigte
Sheldon sie. „Im Alter von vier Jahren erscheint es mir möglich, später nicht
mehr.“
Noch immer flackerten Zweifel in
ihren Augen, aber sie setzte sich neben mich auf die Couch. Trotzdem sah sie
weder beruhigt noch entspannt aus.
„Es gibt nur eine Möglichkeit
herauszufinden, ob sie deine Erinnerungen manipuliert hat“, fuhr der Vampir
fort.
Vivian nickte, obwohl ich ihre
Panik fast körperlich spüren konnte. Ob das auch eine Folge dieser Verbindung
war, die wir jetzt eingegangen waren? Ich wusste es nicht, aber ich würde es
noch erfahren. Jetzt war es erst einmal wichtiger, sich mit Vivians Erinnerungen
zu beschäftigen.
„Ich will das nicht“, fluchte sie
leise. „Annie wusste zumindest, dass ihr Erinnerungen fehlen.“
„Ich bezweifle, dass dir welche
fehlen“, erwiderte Sheldon. „Ich denke eher, sie sind verfälscht. Es kann auch
nicht viel sein, denn sonst würdest du es spüren. Du bist stark genug dazu.“
„Toll“, knurrte sie missmutig.
„Also los, fang an.“
Sie war noch immer
unwahrscheinlich blass, aber bedeutend mutiger als ich. Wenn ich daran dachte,
wie lange ich mich geweigert hatte, mich mit meiner Vergangenheit zu befassen,
es war mir jetzt noch peinlich. Jetzt, da ich so einiges wusste, erschien mir
meine eigene Angst ziemlich lächerlich. Vivian hatte keine Angst, sie war
entsetzt, dass so etwas möglich war und sehr, sehr zornig.
„Beruhige dich, Vivian“, sagte
Sheldon leise. „Ich werde nur scannen und nichts von dem sehen, was du siehst,
aber ich kann eine geänderte oder blockierte Erinnerung erkennen und
deaktivieren. Möchtest du das?“
„Ja“, stieß sie hervor.
„Dann entspann dich.“
Sie stieß die Luft zwischen den
Zähnen hindurch, aber sie versuchte es. Ich saß direkt neben ihr und spürte die
Vibrationen ihrer magischen Aura wie einen feinen Hauch.
Ich fühlte auch Sheldons Magie,
die den Raum durchwebte und das junge Mädchen einschloss. Mehr nicht, denn
genauso wenig wie Sheldon in Vivians Kopf schauen konnte, war es mir jetzt
möglich. Aber ich spürte, dass ihre Nervosität zunahm.
Es würde eine Weile dauern, aber
ich wollte mich nicht von ihrer Seite wegrühren. Auch Trevor bewegte sich nicht,
aber er hatte sich zurückgelehnt und beobachtete mit wachen Augen, was Sheldon
tat. Natürlich konnten wir nichts von dem mit unseren normalen Augen sehen, aber
der gesamte Raum summte in Magie. Ich versank für eine ganze Weile einfach in
dem Gefühl, das diese Wärme in mir auslöste. Es war, als würde ich etwas
Vertrautes spüren oder benutzen und als wäre ich genau in diesem Medium
heimisch. Noch vor Wochen hätte mich dieser Gedanke entsetzt. Heute fühlte es
sich richtig an.
Ich wurde aus meinen Gedanken
gerissen, als Vivian neben mir nach Luft schnappte und nach meiner Hand griff.
Damit hatte ich nicht gerechnet und deshalb traf mich das, was plötzlich auf
mich einstürmte, völlig unvorbereitet.
Übergangslos stand ich in Vivians
Erinnerungen und meine normale Sicht verabschiedete sich. Die Welt verschwamm
und alles, was ich sehen konnte, war der düstere Raum in Vivians Kopf und die
schlanke Gestalt eines Jungen, der an die Wand gekettet war. Mir wurde schlecht,
weil ich ahnte, um welche Erinnerung es sich handelte und ich mit dem, was ich
selbst in meinem Kopf hatte, genug Traumata verband. Ich wollte nicht sehen, was
mir Vivian erzählt hatte, aber ich besaß nicht die Kraft, meine Hand aus ihrer
zu lösen.
„Vivi?“, fragte der Junge, von dem
ich annahm, dass es sich um Dorean handelte, mit schriller, angstvoller Stimme.
„Was geht hier vor, Vivi? Das ist ein Scherz, ja?“
Eine andere Stimme lachte ein
eisig kaltes Lachen, das eine Gänsehaut meinen Rücken hinauflaufen ließ. Da ich
im Augenblick Vivians Erinnerungen sah, konnte ich sie selbst nicht erkennen,
aber sie drehte in diesem Moment den Kopf zu der dunkelhaarigen Frau, die den
Raum betreten hatte.
Es war Anastasia, aber sie sah
völlig anders aus als die Frau, die damals das Waisenhaus besucht hatte.
Natürlich war es dieselbe, die langen schwarzen Haare, die weiße Haut und die
dunklen Augen. Aber die Aura, die sie diesmal umgab, war völlig anders. Sie trug
ein tiefschwarzes Kleid und war so schwarz geschminkt wie Vivian am ersten Tag
unserer Begegnung. Ich konnte die Gefahr, die jetzt von ihr ausging, fast
körperlich spüren und sicherlich fühlte es Vivian genauso.
„Vivi?“, fragte Dorean wieder,
doch diesmal überschlug sich seine Stimme vor Angst fast.
Anastasia lachte, ging einen
Schritt auf den Jungen zu und legte ihre Hand unter sein Kinn. „Du dummer
Junge“, sagte sie eisig. „Glaubst du wirklich, ich würde erlauben, dass du mir
meine Tochter wegnimmst?“
„Mom, bitte“, mischte sich jetzt
Vivian ein und auch in ihren Worten schwang Furcht mit.
Ich hatte es noch nie in ihrer
Stimme gehört, deshalb war ich einfach überrascht.
„Still!“, zischte Anastasia und
machte eine abweisende Handbewegung in meine – also Vivians – Richtung.
Gleichzeitig tobte Schmerz durch ihren Körper und ich krümmte mich, weil ich ihn
genauso spürte. „Du hast genug Unheil angerichtet! Es wird Zeit, dass du lernst,
wie sich meine Tochter zu verhalten hat!“
„Es tut mir leid, Mom“, flüsterte
Vivian verzweifelt. „Bitte lass ihn gehen, es wird nie wieder passieren.“
Anastasias Finger krallten sich in
Doreans Kehle und dieser schrie erstickt auf. „Diese kleine Lügnerin“, sagte
Anastasia mit einem kalten Lächeln auf den Lippen. „Sie bettelt um dein Leben,
Menschenjunge. Aber das ist eine Schwäche, die wir uns nicht leisten können!“
Im nächsten Moment schrie Dorean
wieder auf. Anastasias Fingernagel hatte sich in die Haut seines Halses gebohrt
und zog eine blutende Spur seine Brust hinab. Fassungslos starrte er auf den
Riss, der seine Brust überzog und jegliches Blut wich aus seinem Gesicht.
„Vivi!“, schrie er panisch. „Sie
ist verrückt. Hilf mir, Vivi!“
Anastasia schlug ihm ins Gesicht.
„Komm her, Vivian!“
Dunkles Licht tanzte auf der Haut
des Jungen und er stöhnte schmerzerfüllt auf. Ich konnte erkennen, dass sich die
Haut stellenweise rötete und Blasen schlug.
„Mom, bitte“, weinte Vivian und
ich konnte ihre Hilflosigkeit fast körperlich spüren. Sie musste fünfzehn
gewesen sein, als das geschehen war. „Lass ihn gegen, Mom, bitte…“
„Du dumme, schwache Göre!“,
fauchte Anastasia, langte zur Seite, griff in Vivians lange Haare und zerrte sie
nach vorn. „Männer sind nur Opfer, nichts weiter! Ich will endlich, dass du
begreifst, dass du niemals Gefühle zulassen darfst! Nie!“
Vivian weinte weiter und klammerte
sich an Anastasias Arm fest. „Ich liebe ihn nicht. Bitte glaub mir…Lass ihn
gehen…“
Diesmal schlug Anastasia Vivian
ins Gesicht und wieder spürte ich den Schmerz als hätte sie mich geschlagen. „Du
lügst!“ Im gleichen Moment hatte sie ein Messer gezogen und Dorean schrie wieder
panisch auf.
„Seine Angst und seine Qual macht
uns stark“, erklärte Anastasia und ihre Augen glühten schwarz. „Du wirst es dir
ansehen und du wirst dich an der Macht laben.“
„Oh Gott“, jammerte Dorean auf und
zerrte an den Ketten, die ihn hielten. „Ich will nicht sterben. Vivi, tue etwas.
Bitte hilf mir… ich will nicht sterben…“
Anastasia zog mit dem Messer zwei
Schnitte quer über seine Brust und lachte, als jetzt Tränen über seine Wangen
liefen. „Sein Blut gibt dir Macht, Vivian“, erklärte sie eisig.
Ich spürte die Macht, die sie
beide umtobte und ich fühlte ein wenig von der Stärke, die in ihr steckte. Sie
war fast zu groß, um sie zu begreifen und ich ahnte, welche Verlockung sie
darstellte.
„Es wird Stunden dauern, ehe ich
ihn sterben lasse“, lachte Anastasia. „Das Gefühl, seine Angst zu schmecken, ist
wie eine Droge.“
Der Junge bettelte um sein Leben
und ich fühlte mich hilfloser denn je. Natürlich lag all das Monate in der
Vergangenheit, ich konnte es nicht ändern, aber es war Vivians Verzweiflung und
Vivians Hilflosigkeit, die jetzt durch meinen Körper tobten. Gegen Anastasias
Macht hatte die junge Vivian keine Chance. Blut tropfte aus Doreans Körper auf
den Boden und seine Schreie gellten in ihren Ohren. Längst hatte sie keine
Tränen mehr und auch ihre Stimme gehorchte ihr nicht mehr. Ich wollte es nicht
mehr sehen, ich wollte meine Hand aus ihrem Griff lösen und wollte es nicht mehr
sehen, doch ihre Finger umklammerten meine wie ein Schraubstock.
„Ich tue es“, sagte sie plötzlich
und mein Herz machte einen Satz.
Anastasia drehte sich mit einem so
siegessicheren Lächeln im Gesicht um, dass ich am liebsten geschrieen hätte.
Tränen verschleierten Vivians Blick, als sie auf den Jungen zutaumelte und das
Messer entgegennahm, das ihr Anastasia entgegenstreckte.
„Töte ihn“, befahl sie. „Nimm
seine Macht in dich auf.“
Dorean war kaum noch bei
Bewusstsein. Er hing in den Ketten und sein Körper zuckte nur noch, wenn der
Schmerz ihn erneut überwältigte. Jetzt hob er mit aller Mühe den Kopf und
schaute Vivian an. Ich konnte die Bitte in seinem Blick lesen und ich wollte am
liebsten weinen. Erlöse mich, sagten
seine Augen. Ich spürte, was Vivian spürte und alles in mir schrie: Nein!
Vivian blieb vor ihm stehen und
die Tränen liefen über ihre Wangen. Ihre Mutter war ein paar Schritte
zurückgetreten, wahrscheinlich, um sie nicht zu stören, aber das dunkle Licht
umtoste den Jungen und jetzt auch Vivian.
„Es tut mir so leid“, flüsterte
Vivian. „Ich liebe dich.“
Dann stach sie zu. Es war ein
exakt geführter Stich, mitten ins Herz. Dorean zog noch einmal scharf die Luft
ein und erschlaffte dann in den Ketten. Und plötzlich rauschte die Macht, die
sein toter Körper von sich stieß, in den Raum. Anastasia schrie triumphierend
auf, doch Vivian hob ihre Arme, brach auf den Knien zusammen und blockte
jegliche Energie, die auf sie einströmte, durch einen magischen Schild.
„Neeeinnnn!“, schrie Anastasia
jetzt wie eine Furie, aber sie hatte keine Chance mehr zu verhindern, dass alle
Macht Doreans, die Vivian so stark machen sollte, wirkungslos im Raum verpuffte,
weil Vivian das Opfer ablehnte.
Dann sprang sie nach vorn, riss
das Mädchen an den Haaren zurück und alles wurde schwarz.
~*~*~*~
Ich kam wieder zu mir und spürte
die Tränen, die meine Wangen hinab liefen. Vivian klammerte an mir und weinte
genauso hemmungslos.
Ich hatte nicht mitbekommen, dass
Trevor hatte vorspringen wollen, aber Sheldon nach seinem Handgelenk gegriffen
und ihn zurückgehalten hatte. Jetzt schauten uns beide Männer fragend an, aber
weder Vivian noch ich waren fähig zu reagieren.
Ich konnte mich noch genau
erinnern, was Vivian mir damals in der Nacht, als wir von Whoorin zurückgekehrt
waren, erzählt hatte. Und es war ein klein wenig anders gewesen als das, was ich
jetzt gesehen hatte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich soweit beruhigt
hatte, dass sie den Kopf heben konnte. Noch immer verschleierten Tränen ihren
Blick und ihre Wangen waren nass, aber in ihren Augen glühte ein Hass, der mich
überraschte. Ich hatte Verzweiflung erwartet und möglicherweise auch Entsetzen,
aber nicht diesen Zorn.
„Wenn sie nicht schon tot wäre,
würde ich sie eigenhändig töten“, stieß sie hervor.
Mein Herz zog sich zusammen.
Niemand sollte so über einen anderen Menschen sprechen, niemand sollte so
empfinden und schon gleich gar nicht in Bezug auf seine Mutter.
„Ich habe mir Vorwürfe gemacht“,
fuhr Vivian mit bebender Stimme fort. „Ich hatte Alpträume und ich habe mich mit
dem Gedanken gequält, was für ein grausames Wesen ich bin, dass ich einfach
zugesehen habe, wie sie ihn zu Tode quälte. Es gab Nächte, in denen ich kein
Auge zugemacht habe, weil ich immer wieder die Bilder seines verzweifelten
Blickes sah und wie er mich gebeten hat, ihm zu helfen.“ Sie schloss kurz die
Augen und neue Tränen quollen unter ihren Lidern hervor. „Sie wollte es. Sie
wollte, dass ich mich damit quälte! Es war ihre Strafe für meine Unfähigkeit so
zu sein wie sie. Sie wollte, dass ich mir mein Leben lang Vorwürfe mache, ihm
nicht helfen zu können!“ Sie war immer lauter geworden, bis sie zum Ende fast
schrie. „Aber ich habe ihm geholfen!“
Sie wollte aufspringen, doch ich
hielt sie fest und zog sie wieder in meine Arme. Ich erwartete fast, sie würde
mich von sich stoßen, aber dann sackte sie zusammen und schluchzte auf. „Ich
habe ihn erlöst. Ich habe das Opfer abgelehnt und sie hat mir die Erinnerung
daran genommen. Ich hasse sie. Ich hasse sie.“
Mir fehlten die Worte. Ich konnte
nichts anderes tun als sie festhalten, während sie immer wieder: „Ich hasse sie“
murmelte. Meine Hände strichen beruhigend über ihre Haare,
während Tränen meinen Blick verschleierten und ich auch nicht bemerkte,
dass Trevor und Sheldon uns noch immer beunruhigt ansahen.
Vivian hatte Dorean getötet. Ich
fand diesen Gedanken sehr grausam, aber in diesem Moment hatte sie verstanden,
dass es keine Möglichkeit gab, ihn zu retten. Das einzige, was sie tun konnte,
war, seine Qual zu beenden und sie hatte es getan. Ich weiß nicht, ob ich den
Mut oder die Kraft dazu aufgebracht hätte. Und das Wissen, ihn erlöst zu haben,
ließ sich sehr viel leichter verarbeiten als der Gedanke zugesehen zu haben, wie
Anastasia ihn zu Tode quälte. Die Frau hatte genau gewusst, wie die manipulierte
Erinnerung Vivian zu schaffen machen würde. Allein eine Fünfzehnjährige mit dem
Foltern des Jungen zu konfrontieren, den sie liebte, war eine Entsetzlichkeit
ohnegleichen. Es war ein Wunder, dass Vivian nicht anderen geistigen Schaden
davon getragen hatte. Aber vielleicht hatte sie es auch, denn die unzähligen
verhinderten Selbstmordversuche sprachen ihre eigene Sprache.
Wie konnte ein Mensch so grausam sein? Und wie sollte ein junges Mädchen
mit dieser Erinnerung leben können? Ich war
froh, dass Anastasia tot war, denn ich konnte Vivian verstehen. Nur für diese
eine Handlung hat sie auch in meinen Augen den Tod verdient. Und es war sicher
nicht die einzige Grausamkeit, die sie begangen hatte.
Vivians Schultern bebten
noch immer. „Ich musste ihn töten, Annie“, weinte sie leise. „Sie hätte
noch viel schlimmere Sachen mit ihm gemacht.“
Ich schloss die Augen und lehnte
meine Wange gegen ihre Haare. „Ich weiß“, sagte ich traurig. „Ich weiß…“
„Ich habe so viele Fehler
gemacht“, schluchzte sie. „So viele Fehler… Ich sollte auch tot sein. Das ist so
ungerecht. Warum haben sie mich nicht sterben lassen?“
„Shhh.“ Meine Hände umfassten
ihren Kopf und hoben ihr Gesicht zu mir an. All das, was sie in den letzten
Wochen verdrängt hatte, war nun wieder hochgestiegen und die Last des Gewissens
war schwerer als ich es mir vorstellen konnte. Sie sollte so eine Last nicht
tragen müssen. Aber niemand konnte ihr das abnehmen.
„Es ist vorbei, Vivi“, sagte ich
leise. „Du bist nicht mehr das Mädchen von damals. Und du kannst dich auch nicht
verdammen, weil du dich verliebt hast. Das war kein Fehler. Es war deine Mutter,
die die Schuld an allem trug, niemand sonst.“
„Er würde noch leben, wenn es mich
nicht gegeben hätte“, stieß sie hervor.
Ich nickte traurig. Mit diesem
Wissen würde sie leben müssen. Susan würde auch noch leben, wenn sie nicht meine
Freundin gewesen wäre. Meine Eltern würden noch leben. Larry wäre nicht in der
geschlossenen Psychiatrie.
„Ich hasse sie“, sagte sie wieder.
„Sie hat mir die Erinnerung genommen, die mir geholfen hätte, besser mit seinem
Tod fertig zu werden. Sie wollte, dass mich Alpträume quälen. Sie wollte mich
quälen! Hat sie wirklich geglaubt, mich damit stärker zu machen?“
„Sie wollte dir deine
Menschlichkeit nehmen“, erklärte plötzlich Sheldon leise und wir drehten beiden
den Kopf, um den Vampir anzusehen. „Sie wollte Gefühle, die an Menschlichkeit
erinnern, in dir vernichten. Bis nur noch Hass und Kälte übrig bleibt.“
Mein Herz zog sich zusammen.
Vivians Lippen zitterten, als ich meinen Kopf an ihren lehnte und flüsterte:
„Sie ist gescheitert, Vivi. Das ist alles, was zählt. Das muss sie
unwahrscheinlich geärgert haben.“
Sheldon nickte und selbst in
Trevors Augen konnte ich einen Hauch von Mitleid erkennen. „Wahrscheinlich hatte
sie längst bereut, ein Kind mit einem Menschen gezeugt zu haben.“
„Warum hat sie mich dann nicht
sterben lassen?“
Der Vampir lächelte traurig. „In
dir steckt eine sehr große Macht, Vivian. Diese Macht, eingesetzt auf der
dunklen Seite, bedeutet eine unwahrscheinliche Bereicherung. Sie konnte nicht
zulassen, dass du diese Macht wegwirfst.“
„Ich hasse sie“, murmelte Vivian
düster. „Ich wünschte, sie würde noch leben, damit ich sie töten kann.“
„Nein, Vivi“, sagte ich ruhig. „Es
wird genug getötet. Du musst es dir nicht auch noch wünschen.“
„Wieso war sie dazu fähig?“,
fragte das Mädchen dann den Vampir.
„Ich weiß es nicht“, gab dieser
unumwunden zu. „Ich habe die Erinnerung nicht gesehen, kann also nicht
einschätzen, inwieweit sie Einfluss auf deinen Geist nehmen konnte. Ich nehme
an, du willst es nicht erzählen?“
Vivian schüttelte den Kopf und ich
konnte es ihr nicht verdenken.
„Du warst bewusstlos am Ende“,
sagte ich dann nachdenklich. „Vielleicht bekam sie dadurch Macht über dich?“
„Das ist möglich.“ Sheldon nickte.
„Obwohl ein starker Magier selbst im bewusstlosen Zustand unangreifbar ist.
Möglicherweise spielte es eine Rolle, dass sie deine Mutter war.“
„Pfff“, machte Vivian abfällig,
löste sich von mir und stand auf.
Noch immer sah man die
Tränenspuren auf ihren Wangen, aber der Ausdruck in ihren Augen hatte sich
verändert. Mit vor der Brust verschränkten Armen nahm sie ihre Wanderung durch
das Zimmer wieder auf. Sie schaute nicht in unsere Richtung und schien völlig in
sich gekehrt als wäre sie mit ihren Gedanken weit, weit entfernt. Vielleicht war
sie das auch und noch immer vibrierte der Raum durch die angestaute magische
Energie, die der Zorn in ihr ausgelöst hatte und die sie umgab.
Sheldon blätterte wieder in seinem
dicken Buch, aber Trevor sah mich von der anderen Seite der Couch her
nachdenklich an. Sicherlich hätte er zu gern gefragt, was ich gesehen hatte,
aber ich war weit davon entfernt, es ihm zu erzählen. Es war Vivians Erinnerung
und die einzige Person, die das Recht hatte, darüber zu sprechen, war das junge
Mädchen.
„Ich will es verstehen“, sagte sie
plötzlich. „Ich will es verstehen und ich will verdammt noch einmal wissen, was
ich tun muss, damit so etwas nie wieder geschieht.“
Ich musste nicht fragen, was sie
meinte, denn ich wollte genau dasselbe. Niemand sollte die Macht haben, in meine
Erinnerungen eingreifen und sie verändern zu können. Niemand. Ich verstand
diesen Wunsch wie kein anderer, weil ich genauso betroffen war.
„Ich werde mit dir gehen, Annie“,
sagte sie dann und jetzt war ihrem Gesicht keine Regung mehr anzumerken. Es
schien wie eine Maske aus Stein und die Kälte, die in ihren Augen stand, ließ
ein Frösteln über meine Haut laufen.
Sheldon hob den Kopf und seine
Miene war plötzlich genauso nachdenklich wie Trevors. „Es wird dich Kraft kosten
und du musst bedenken, dass du keine der Universitätswelten bei dem kleinsten
Rückschlag verlassen kannst. Die Elfen von Avalon und Haastard sind sehr streng,
aber auch sehr gerecht.“
Vivians Augen verengten sich und
dunkles Licht tanzte über ihre Haut. „Ich bin niemand, der schnell aufgibt“,
stieß sie hervor.
Manchmal bewunderte ich sie
wirklich für ihren starken Willen und ihr Selbstbewusstsein. Ich wünschte, meins
wäre genauso ausgeprägt.
Sheldon lächelte fein. „Das freut
mich zu hören.“
Sie antwortete nicht mehr, sondern
durchquerte das Zimmer, stieg die Treppen hinauf und wir hörten, wie sie ihre
Tür mit einem lauten Knall hinter sich zufallen ließ. Keine Ahnung, was sie
jetzt in ihrem Zimmer tat. Möglicherweise weinte sie wieder, aber in diesem
Augenblick würde niemand von uns die Einsamkeit, die sie suchte, stören. Nicht
einmal ich.
Trevor
würde mit Sheldon vorerst auf der Erde bleiben und da mein Haus sowieso
einmal da war, würden die beiden es weiterhin bewohnen. Sheldon stellte klar,
dass er nicht zulassen würde, dass Vivian sich gegen die Gesetze der
Universitätswelten stellte und einen nichtmagischen D’arjo mitbrachte.
Sie würde nicht die Zeit haben,
auf ihn in einem Campus, inmitten magisch hochbegabter Studenten,
aufzupassen. Der Vampir erklärte ihr mit einer Seelenruhe, für die ich
ihn bewunderte, dass sie allein durch ihre Vergangenheit genug Probleme haben
würde, sich zu integrieren. Es wäre weder für sie noch für Raven gut, schon in
den ersten Tagen mehr Aufmerksamkeit zu erregen als sie sowieso schon erregen
würde.
Zu unser aller Erstaunen hatte
Raven absolut nichts dagegen, bei den beiden Männern zu bleiben.
Vivian gab natürlich nicht nach
der ersten Diskussion auf. Sie hielt Sheldon vor, dass es ihr noch nie daran
gelegen hatte, irgendwo integriert zu werden und dass es ihr scheißegal wäre,
was andere von ihr dachten, doch es war Raven, der sie letztendlich zur Vernunft
brachte.
Er nahm sie in den Arm und all der
Zorn in Vivian verpuffte von einem Moment auf den nächsten.
Keiner von uns erfuhr, was er in
diesem Augenblick zu ihr sagte, aber es musste mehr zu ihr durchgedrungen sein
als alle Worte Sheldons oder meine. Als er sie losließ, glitzerten ungeweinte
Tränen in ihren Augen, aber der D’arjo lächelte sein wunderschönes
Reißzahnlächeln, ehe er sich noch einmal zu ihr beugte und ihr einen Kuss auf
die Lippen hauchte.
‚Wir werden uns wieder sehen, Vi’, sagte er dann.
‚Ich verspreche es.’
Sie stürzte davon, hinaus aus der
Wohnungstür, ehe jemand von uns reagieren konnte. Raven sah ihr nach, aber im
Gegensatz zu mir schaute er nicht erschrocken, sondern sehr ernst. Ernster als
ich ihn jemals hatte schauen sehen.
Er schien meine Bedrückung zu
spüren, denn er drehte den Kopf und lächelte mich an.
‚Sie kommt wieder. Manchmal braucht sie
Zeit, um nachzudenken. Und das kann sie nur allein tun.“
Ich nickte stumm, während meine
Kehle wie zugeschnürt war. Ich wusste, dass er recht hatte. Es war oft genug
passiert, dass Vivian im Zorn davon gestürzt war, nur um Stunden später völlig
ausgewechselt wieder zu erscheinen. Beim ersten Mal war ich entsetzt, ja auch
enttäuscht gewesen, weil sie mich mitten in einer Diskussion einfach hatte
sitzen lassen. Irgendwann hatte sie mir dann erklärt, dass sie lieber ging, ehe
sie etwas sagte, was ihr später leid tun würde. Früher hätte sie das nicht
getan, erklärte sie auch, weil es ihr egal gewesen war, was andere von ihr
dachten. Eigentlich sagte sie damit, dass es ihr jetzt nicht mehr egal war, auch
wenn ihr diese Worte nicht über die Lippen kamen.
Und obwohl ich das wusste, war es
trotzdem schwer zu begreifen, dass sie in solchen Momenten wie diesen einfach
davon rennen konnte.
Aber dann war es Trevor, der
sagte: „Sie ist noch zu jung, um zu verstehen, dass Wegrennen nicht immer die
bessere Lösung ist.“
Ich lächelte schwach. „Besser als
eine Beleidigung an den Kopf geworfen zu bekommen, bestimmt.“
„Nein, Annie“, erwiderte er
daraufhin fast vergnügt. „Aber du bist noch zu jung, um zu verstehen, dass ein
böses Wort, das im Zorn ausgesprochen wird, nicht immer eine Beleidigung ist.“
Ich steckte ihm die Zunge heraus.
Kindisch, das wusste ich. Aber da ich fast sechzig Jahre jünger war als er,
durfte ich auch einmal kindisch sein.
~*~*~*~*~
Vivian hatte fünf Stunden
gebraucht, um mit sich selbst auszudiskutieren, ob sie Raven wirklich auf der
Erde lassen oder sich gegen alle stellen sollte. Vielleicht hatte es tatsächlich
den Ausschlag gegeben, dass Raven bleiben wollte. Hätte es nur den kleinsten
Zweifel daran gegeben, ich wettete so für mich,
dass sie alle Regeln, die auf Avalon herrschen sollten, über den Haufen geworfen
hätte.
Ja, wir hatten uns entschieden,
nach Avalon zu gehen. Da ich keine von beiden Welten kannte, gab es den
Ausschlag, dass Sheldon meinte, die Elfen von Avalon wären in mancher Hinsicht
toleranter. Vivian würde jede Toleranz benötigen, die sie kriegen konnte, also
sagten wir: Avalon.
Wir verbrachten die nächsten Tage
und Wochen damit, alle Sachen zusammenzupacken, die wir benötigen würden,
während Sheldon schon Bücher besorgte, von denen er wusste, dass wir sie auch
brauchten. Natürlich würde uns auf Avalon auch eine Bibliothek zur Verfügung
stehen und wir würden andere Bücher erhalten, aber es war besser, schon ein
wenig vorgerüstet zu sein.
Weihnachten ging vorbei und es war
das erste Weihnachten, das ich verbrachte, ohne groß über Weihnachten
nachzudenken. In all den Jahren vorher hatte ich mir die Mühe gemacht,
wenigstens ein klein wenig weihnachtliche Stimmung in meine Wohnung zu bringen.
Keine Ahnung, für wen ich das getan hatte. Für mich selbst bestimmt nicht,
vielleicht weil ich geglaubt hatte, es würde mir helfen, mich an die Normalität
des Lebens anzupassen. In diesem Jahr verschwendete ich keinen einzigen Gedanken
daran. Ich hatte mehr damit zu tun, mich auf all die Sachen zu konzentrieren,
die mir Sheldon zeigte, die mir Vivian mit Leichtigkeit vorführte und verbrachte
mehr Zeit damit, mich in magischen Büchern zu vergraben.
Vivian fragte mich einmal nach dem
Grund all des Schmucks auf der Straße und das war das einzige Mal, dass wir
Weihnachten erwähnten. Sie hatte die Augen verdreht, als ich ihr versuchte, den
Hintergrund des Festes zu erklären und gemeint, sie sei froh, dass ich nicht auf
den Gedanken gekommen war, das Haus genauso verkitscht zu schmücken wie andere
die Straßen. Sie verstand auch den Grund der Geschenke nicht und obwohl ich in
ihrem und Ravens Fall darüber nachgedacht hatte, ließ ich es nach diesem
Gespräch. Ich glaube, sie hätte mich ausgelacht.
Einzig und allein an Silvester,
als wir zu fünft auf dem Balkon standen und um Mitternacht den von Raketen
beleuchteten Himmel betrachten, überfiel mich eine Art Melancholie. Es würde der
letzte Jahreswechsel sein, den ich auf der Erde erlebte.
Ich wusste nicht, wie andere Wesen
feierten, oder ob es etwas dem Jahreswechsel vergleichbares bei ihnen gab. Aber
plötzlich stimmte es mich traurig, von hier fortgehen zu müssen. Vivians
Reaktion auf Weihnachten hatte mir gezeigt, dass sich wohl noch sehr viel mehr
in meinem Leben ändern würde als einfach nur die Umgebung.
Ich hatte auch mehr Bedenken und
Zweifel als sie. Vielleicht grübelte ich aber auch zuviel. Manche Tage, wenn ich
abends im Bett lag, fiel es mir schwer einzuschlafen, weil ich immer wieder
darüber nachdachte, wie meine Zukunft aussehen sollte. Manchmal redete ich
stundenlang mit Trevor und auch mit Sheldon, aber wenn ich dann nachts
aufwachte, weil ich mich im Traum auf Avalon nicht zurechtfand, war ich allein
und einsam.
Und so war ich auch an diesem
Abend an einem ungewöhnlich kalten Januartag recht blass, als wir die Taschen
in Thunders Jeep verstauten, der uns zu der Anhöhe bringen sollte, von
der wir damals nach Whoorin gestartet waren. Nur würde Sheldon diesmal das
Portal nach Avalon öffnen.
Trevor lächelte mich beruhigend
an. „Keine Bange, Annie, du hast dich schneller eingewöhnt als du denkst.“
Ich seufzte und starrte
nachdenklich auf meine beiden Koffer, in denen meine Kleidung für die nächsten
Jahre verstaut war. Sie sahen ziemlich armselig aus.
„Ich würde gern noch mal zum Grab
meiner Eltern“, sagte ich leise.
Er nickte. „Kein Problem, wir
fahren einfach am Friedhof vorbei.“
Vivian war schon auf der
Rücksitzbank eingestiegen und rutschte neben Raven. Sie sah genauso blass aus
wie ich, aber bei ihr wurde es durch die schwarze Schminke noch betont. Als
wolle sie sich schon bei ihrem ersten Eindruck als Rebell ausweisen, hatte sie
auch ihre Fingernägel wieder schwarz angemalt.
Niemand von uns hatte ein Wort darüber verloren.
Was auch? Sheldon saß neben Trevor auf dem Beifahrersitz und ich setzte mich
neben die beiden Jugendlichen.
Schweigend fuhren wir durch die
Straßen, bis Trevor vor dem Eingang des Friedhofs stoppte. Es hatte begonnen zu
schneien, ebenfalls sehr ungewöhnlich für das Klima, und ich kuschelte mich in
meinen warmen Anorak, ehe ich ausstieg und zu dem großen eisernen Tor ging.
Natürlich war der Friedhof um diese Zeit geschlossen, aber es kostete mich nur
eine kurze Konzentration, um das Schloss zu entriegeln. Die Benutzung der Magie
für solche Zwecke war mir in Fleisch und Blut übergegangen.
Langsam lief ich durch die Reihen
der Gräber.
Ich war seit Ewigkeiten nicht hier
gewesen, weil ich mich einfach gescheut hatte, das Grab zu besuchen. Ich hatte
meine Kindheit verflucht und vielleicht im Unterbewusstsein meine Eltern dafür
verantwortlich gemacht, dass ich so war, wie ich war. Weil sie gestorben waren.
Weil sie mir mit ihrem Tod meine schöne Kindheit genommen hatten. Jetzt
verfluchte ich mich selbst dafür.
Aus den Augenwinkeln sah ich
einige der gespenstischen Gestalten durch die Dunkelheit schweben. Sie machten
mir keine Angst mehr. Ich hatte in den letzten Wochen genug gelesen, um zu
wissen, dass von Geistern keine Gefahr drohte. Es waren die Lebenden, vor denen
man sich fürchten musste, nicht die Toten. Die Geister wichen mir auch, denn
auch sie wollten meinen Weg nicht kreuzen.
Ich hatte den schmalen Seitenweg
erreicht, der zum Grab meiner Eltern führte und bog ab. Es waren nur noch ein
paar Schritte, dann hatte ich es erreicht. Nachdenklich blieb ich vor dem sehr
schön bepflanzten Grab stehen. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, hatte
ich eine Gärtnerei damit beauftragt, das Grab zu pflegen. Sie schien ihre Arbeit
gut zu machen, denn trotz der weißen Flocken, die jetzt darauf liegen blieben,
erkannte ich die liebevoll dekorierte Winterbepflanzung.
„Es tut mir leid“, sagte ich
leise. „Ich habe lange gebraucht, um hier stehen zu können.“ Seufzend vergrub
ich meine Hände in den Taschen meines Anoraks. „Und es wird noch mal eine Weile
vergehen, ehe ich wieder hier stehen kann. Ich gehe weg, wisst ihr…“
Natürlich würden sie mich nicht
hören können. Leider. Aber manchmal tat es gut, die Worte auszusprechen. „Ich
kann meine Bestimmung nicht verleugnen, egal, was ich tue… ihr wart nicht ganz
unschuldig daran, dass ich so lange brauchte, um sie zu erkennen…“ Ich seufzte
wieder. „Aber ich bin euch nicht böse. Es ist so schwer zu verstehen und wie
soll es ein Mensch ohne magische Fähigkeiten? Ich habe ja schon Probleme damit.“
Ich holte tief Luft. „Ich
wünschte, ihr würdet hier sein und mir sagen, dass ich die richtige Entscheidung
gefällt habe…“
In Filmen erschien in solchen
Augenblicken der tote Geist der Verstorbenen, aber leider war das hier kein
Film. Und leider erschienen Geister nicht auf Kommando. Auch das hatte ich
lernen müssen. Es sei denn, man besaß die seltene Gabe, Geister zu rufen. Tja,
ich konnte eine Menge mit meiner Magie anfangen, aber die Magie der Toten würde
mir immer verschlossen bleiben.
Ich hockte mich vor die Grabplatte
und strich mit den Fingern über die goldene Inschrift.
„Egal, wo ihr jetzt seid…“, sagte
ich leise. „Ich möchte, dass ihr wisst, dass ich euch sehr, sehr lieb habe.“
Tränen traten in meine Augen und
verschleierten meinen Blick. Ich erhob mich, blieb aber stehen und starrte
hinunter auf das kleine Grab. „Ich hätte euch retten können“, seufzte ich. „Wenn
ich all das damals schon gewusst hätte, hätte ich euch retten können…“
Die Vergangenheit konnte man nicht
ändern. Nicht einmal Magie vermochte die Zeit zu besiegen, egal wie mächtig sie
war. Einzelne letzte Schneeflocken fielen vom Himmel und landeten als weiße
Punkte auf dem schon weiß getünchten Boden. Es war noch sehr kalt, aber es würde
nicht lange dauern und der Frühling würde ins Land ziehen. Ich würde den
Frühling hier nicht mehr sehen. Ich würde auf Avalon sein und der Teufel mochte
wissen, ob es dort einen Frühling gab. Obwohl
ich in der letzten Zeit so vieles gelesen hatte, über die Jahreszeiten und ob es
überhaupt welche auf Avalon gab, hatte ich mich nicht informiert.
Eine Bewegung neben mir ließ mich
zusammenzucken. Ich hatte Vivian nicht kommen hören, ja, ich hatte nicht einmal
gemerkt, dass sie mit aus dem Auto ausgestiegen war. Mit in den Taschen
vergrabenen Händen blieb sie neben mir stehen und starrte hinunter auf das Grab.
Die langen dunklen Haare fielen über ihre Schultern in ihr Gesicht und das
dunkle Make-up ließ ihr Gesicht im Licht des Mondes fast weiß erscheinen.
„Ich
habe Dorean geliebt“, sagte sie plötzlich. „Und ich habe mir geschworen, nie
wieder etwas ähnliches für einen anderen Menschen zu empfinden.“
Ich schwieg und wartete, was sie
noch sagen wollte.
„Ich hatte den Glauben an Liebe
und Vertrauen verloren.“ Ein Hauch von Bitterkeit war in ihre Stimme getreten.
„Keine Ahnung, ob ich ihn jemals hatte… damals habe ich es mir eingebildet.“ Sie
seufzte. „Die letzten Monate haben meine Welt durcheinander gebracht und du hast
daran einen großen Anteil, Annie.“
Ich sagte auch jetzt nichts, weil
ich sie erst ausreden lassen wollte.
„Jemanden gern haben, macht
verletzlich“, fuhr sie fort, noch immer, ohne mich anzusehen. „Ich wollte nie
wieder verletzlich sein. Ich habe Angst, dass es ein Fehler ist, es doch wieder
zu sein.“ Jetzt drehte sie den Kopf und sah mich mit diesen dunklen Augen, die
so viel älter wirkten als sie tatsächlich war, offen an. „Ich würde dich
vermissen, wenn dir etwas passieren würde“, sagte sie dann.
Plötzlich war meine Kehle wie
zugeschnürt. Der Gedanke, dass sie Angst davor hatte, einen anderen Menschen
gern zu haben, tat weh. Und noch weher tat, dass ich wusste, wie schwer es ihr
fiel, solche Worte zu formulieren.
Sie lächelte schief. „Ich wollte,
dass du das weißt.“ Dann drehte sie sich um und ging den schmalen Weg zurück in
Richtung des Friedhofausgangs.
„Vivi?“
Sie blieb stehen und drehte den
Kopf.
„Jemanden gern haben, bedeutet
fähig sein zu fühlen. Es bedeutet, Menschlichkeit zu besitzen.“
„Was ist, wenn das falsch ist?“,
fragte sie. „Was ist, wenn genau das die Schwäche ist, die die anderen siegen
lässt?“
„Wenn Liebe und Zuneigung ein
Fehler sind, möchte ich in dieser Welt nicht mehr leben.“
Ihre Lippen zitterten. „Ist es
schlimm, wenn ich das nicht so sicher behaupten kann?“ Ihre Stimme war nur ein
Hauch, kaum hörbar, trotz der Stille des Friedhofs.
Mit ein paar Schritten schloss ich
den Abstand zwischen uns und nahm sie in die Arme. Ich schloss die Augen, lehnte
meine Wange gegen ihre dunklen Haare und flüsterte: „Ich gebe die Hoffnung nicht
auf, dass du dir eines Tages sicher sein wirst, Vi. Vielleicht nicht heute,
vielleicht nicht morgen. Aber du hast die Fähigkeit zu fühlen nicht verloren und
das ist ein riesengroßer Schatz, den du dir bewahren solltest.“ Sie rührte sich
nicht, löste sich aber auch nicht von mir. „Ich habe auch Angst“, fuhr ich leise
fort. „Aus anderen Gründen als du, weil ich Angst habe zu versagen, Angst, den
Anforderungen nicht gerecht zu werden, aber ich werde es versuchen.“
Jetzt hob sie den Kopf und sah
mich an. „Du wirst nicht versagen, du bist stark.“
Ich lächelte und ließ sie los. „Du
auch, Vivi. Ich glaube an dich.“
Ihre Hand schob sich in meine, als
wir zurück zum Ausgang des Friedhofs gingen und ich fühlte mich plötzlich
stärker, so als würde sie mir einen Teil ihres Selbstbewusstseins abgeben. Kurz
bevor wir den Ausgang erreicht hatten, drehte ich noch einmal den Kopf und sah
sie an.
„Ich möchte auch, dass du etwas
weißt.“
Sie hob fragend die Augenbrauen
und ich grinste verschmitzt.
„Ich habe dich sehr gern“,
erklärte ich dann in ihr verblüfftes Gesicht und zog sie lächelnd mit mir
weiter. Über die feine mentale Verbindung, die jetzt zwischen uns herrschte,
fühlte ich einerseits Verlegenheit, aber andererseits auch eine unterschwellige
Freude, die sie nicht wagte, an die Oberfläche dringen zu lassen.
Jahrelang hatte sie ihre Gefühle
verborgen, es würde ihr nicht möglich sein, das von heute auf morgen abzulegen.
Aber es war, wie ich es schon gesagt hatte. Ich glaubte daran, dass sie fähig
war, ihr Leben zu meistern.
Dummerweise hatte ich an meinen
eigenen Fähigkeiten dazu Zweifel, aber sie machte mutig diesen Schritt. Ich wäre
ein Riesenfeigling, würde ich jetzt etwas anderes tun.
~*~*~*~*~*~*~
Grell leuchtete das Portal neben
uns auf, in dessen Mitte wir die Welt Avalons sehen konnten, die auf uns
wartete. Sie leuchtete hell und einladend und ich konnte auf der anderen Seite
mehrere Gestalten in den weißen Gewändern der Universitätsmagier erkennen.
Sheldon hatte uns darauf
vorbereitet, dass man uns erwartete. Ein letztes Mal schloss ich den Vampir in
meine Arme.
„Ich danke dir“, flüsterte ich und
meine Stimme klang ein wenig atemlos. „Für alles, auch wenn ich am Anfang etwas
unkooperativ war.“
Sheldon lächelte und der warme
Hauch seiner Magie hüllte mich ein. „Auf Wiedersehen, Annie. Ich wünsche dir
viel Glück.“
Ich löste mich von ihm und schaute
zur Seite, wo Vivian in Ravens Armen lag. Sie weinte nicht und er auch nicht,
aber seine Augen leuchteten in der Dunkelheit, die auf der Erde herrschte, und
ich ahnte, dass es ihm jetzt trotz allem schwer fiel, sie gehen zu lassen.
‚Ich liebe dich, Vivi’,
summte seine Stimme durch die Luft.
Vivian nahm seinen Kopf zwischen
ihre Hände, hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und sagte leise: „Wir werden
uns wieder sehen, Rav. Das verspreche ich dir. Mach keine Dummheiten.“ Dann
schlang sie ihre Arme noch einmal um ihn und drückte ihn, während sie noch
einmal flüsterte: „Ich verspreche es.“
Mir war wieder einmal zum Weinen
zumute, als ich die beiden beobachtete. Der Kloß in meiner Kehle wurde immer
größer und ich verfluchte mich selbst dafür. Ehe ich wirklich anfangen konnte zu
weinen, drehte ich mich zu Trevor um. Er schaute mich aus seinen so eigenartig
grauen Augen ruhig und abwartend an. Erst jetzt wurde mir mit aller Deutlichkeit
bewusst, dass es das letzte Mal für eine lange Zeit sein würde, dass ich ihn und
all die anderen, die mir in der letzten Zeit so ans Herz gewachsen waren, sah.
Irgendwie tat es weh und alles in mir schrie danach, dass ich nicht gehen
wollte. Ich wollte hier bleiben, nicht dahin, wo ich nicht wusste, was mich
erwartete.
Trevor breitete seine Arme aus und
ich fiel ihm um den Hals. Zum letzten Mal für lange Zeit fühlte ich die
schützende Wärme seines Körpers, roch seinen vertrauten Duft und wollte weinen.
Jetzt war er es, der sich von mir löste, seinen Kopf zu mir lehnte und mich
küsste. Es war keine Liebe, die uns verband, aber etwas anderes, das vielleicht
genauso stark war: Das Gefühl, in der Nähe des anderen daheim zu sein.
„Auf Wiedersehen“, flüsterte
Trevor mit den Lippen über meinem Mund und ich nickte verzweifelt. Ich brachte
kein Wort mehr hervor, denn ich wusste, ich würde wirklich weinen, wenn ich
einen Ton von mir gab.
Dann löste ich mich von ihm und
schaute ein letztes Mal in sein Gesicht, so als wollte ich es mir für alle
Ewigkeiten einprägen. Seine grauen Augen brannten sich in meine und ich wäre am
liebsten stehen geblieben und hätte all meine Entscheidungen rückgängig gemacht.
Aber ich durfte es nicht. Wenn ich überleben wollte, musste ich lernen, meine
Kräfte zu beherrschen. Und ich wollte überleben. Mehr als alles in der Welt.
Und eins wusste ich mit absoluter
Gewissheit: Ich würde ihn wieder sehen. Nicht heute, nicht morgen, aber
irgendwann.
Langsam ging ich rückwärts, auf
das Portal zu, neben dem schon Vivian stand und wartete. Einen Augenblick
schaute sie Trevor an. „Pass auf ihn auf“, sagte sie leise und ernst.
Wir wussten, wen sie meinte und
Trevor nickte feierlich. „Versprochen.“
Ein undefinierbarer Ausdruck lag
in ihrem Gesicht und in den dunklen Augen, fast schien es mir, als würde sie es
jetzt ebenfalls bedauern, diese Entscheidung getroffen zu haben. „Auf
Wiedersehen, Jäger.“
Trevor lächelte, vergrub seine
Hand in der Tasche seiner Hose und wiederholte Vivians Worte: „Passt auf euch
auch auf.“
Ich blinzelte, um gegen die Tränen
zu kämpfen, die immer noch drohten, in meine Augen zu steigen. Wenn ich noch
lange hier verharrte, würde ich den Kampf verlieren.
„Versprochen“, flüsterte ich
erstickt.
Vivian trat an meine Seite. Sie
sagte auch nichts mehr, sondern wartete, bis ich es schaffte, mich von Trevors
Anblick loszureißen. Ein Blick in ihr Gesicht reichte, um zu wissen, dass sie
das ebenfalls nicht kalt ließ und dass es ihr am Ende genauso ging wie mir. Nur
dass sie sich ein wenig besser unter Kontrolle hatte.
Gemeinsam drehten wir uns um, in
Richtung des Portals und blinzelten, weil das strahlende Licht unsere Augen
blendete.
Vivian drehte den Kopf, schaute
zur Seite und das seltene Lächeln, das sie so jung und unschuldig aussehen ließ,
huschte über ihre Lippen. Wortlos griff sie nach meiner Hand. Meine Finger
schlossen sich um ihre und gemeinsam traten wir hinein in das leuchtende Tor,
das Sheldon für uns stabilisierte - unserer Zukunft entgegen.
E n d e