Enemies

Ailia/Trevor
Fantasy
ab 18
beta by Indiansummer
Zwischen Terra und D’arjo herrscht Krieg. Zwei Einmannjäger verfolgen sich, schießen sich gegenseitig absturzreif und schaffen eine Notlandung auf einem unbekannten Planeten, irgendwo am Ende des Universums. Der Terraner Trevor O’Delta und die D’arjo Ailia Luciana el Tek’aro müssen feststellen, dass sie die einzigen Wesen auf diesem Planeten sind und dass es vielleicht besser ist, zusammen zu arbeiten als sich gegenseitig umzubringen…
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12
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Trevor O’Delta blinzelte, weil die Zahlen und Angaben auf dem Bildschirm vor ihm verschwammen. Siebenundvierzig Stunden… Seine schweißnassen Hände umklammerten die Steuerung, immer wieder rutschte das rote Licht, das den Diskus des D’arjos vor ihm anzeigte, in die Mitte des Fadenkreuzes und automatisch drückte er ab. Ohne nachzudenken, ohne zu überlegen.
Verfluchter Scheißkerl…
Die Vibrationen im Innern seines kleinen Jägers sagten ihm, dass ihn mindestens ein Schuss des D’arjos getroffen hatte. Die Maschinen jaulten in einem Ton, der ihm einen Schauer über den Rücken jagte, und er wusste, dass das kleine Schiff der permanenten Belastung nicht mehr lange standhalten würde.
Trevor hatte keine Ahnung mehr, wo sie sich befanden. Alles, was zählte, war der verfluchte D’arjo, an dessen Fersen er sich geheftet hatte, als neben ihm die Jäger von Clark Shendor und Mark Travis explodierten und der Energiestrahl seinen Jäger nur haarscharf verfehlte.
Die Raumschlacht tobte über dem Planeten Avalon, doch Trevors wutfixierte Sinne hatten nur noch ein Ziel: Diesen D’arjo. Tot.
Seit siebenundvierzig Stunden jagten sie sich gegenseitig. Die Raumschlacht lag Lichtjahre hinter ihnen zurück, da der D’arjo mehrmals in den Hyperraum gewechselt war, um ihn los zu werden. Vergebens.
Seit siebenundvierzig Stunden hatte Trevor weder etwas gegessen noch geschlafen, sondern nur ab und zu einen Schluck aus der Wasserflasche neben seinem Sitz genommen, wenn seine Kehle vom vielen Fluchen rau wurde. Es war ein Fieber, das ihn erfasst hatte. Es brannte und zehrte in ihm, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Immer, wenn er aufgeben und umkehren wollte, sah er die Explosionen der Jäger und die Wut hielt seinen Körper gefangen. Und der Gedanke an Rache…
Mit einer reflexartigen Bewegung riss er seinen Jäger nach unten, als ein Piepton ihm mitteilte, der D’arjo hätte ihn in der Peilung. Keine Sekunde zu früh, denn schon fauchten die Energiestrahlen über ihn hinweg und ließen seinen Schutzschirm grell überladen aufleuchten.
Verbissen verkrampfte sich sein Gesicht, als er den Jäger in einer steilen Kurve wendete und zum Angriff überging. Der Jäger schüttelte sich, als er seine Waffen abfeuerte und der Schutzschirm des Diskus’ genauso überladen flackerte. Irgendwo knirschte es aufgrund der Materialüberlastung, aber es war Trevor im Moment egal. Er sah den Diskus abwenden und fliehen.
„Verdammt!“ fluchte er lauthals. „Du Dreckskerl! Kämpfe endlich!“
Sein Jäger nahm die Verfolgung auf und er bemerkte, dass der D’arjo ein nahe gelegenes Planetensystem ansteuerte. Wahrscheinlich wollte er versuchen, sich irgendwo dort zu verstecken oder die Sonne zu seinem Vorteil nutzen.
„Das könnte dir so passen!“; knurrte Trevor und feuerte wieder. In diesem Moment reagierte er einen Augenblick zu spät, als der D’arjo ebenfalls schoss und die Energie traf seinen Schutzschirm voll. Er hatte keine Zeit, sich zu freuen, obwohl der Schirm des D’arjo ebenfalls leuchtete und zusammenbrach, weil er wusste, dass jeder nächste Treffer ihn in eine kleine Staubwolke verwandeln würde.
Der D’arjo wusste genauso, dass er jetzt schutzlos war und flüchtete in einem Zickzackkurs in Richtung des nächstgelegenen Planeten.
Trevor lief der Schweiß in die Augen. Wahrscheinlich funktionierte die Klimaanlage wie so vieles im Jäger nicht mehr, doch er ignorierte es ebenso wie die Müdigkeit, die seine Bewegungen langsamer werden ließ.
Der Diskus des D’arjos tauchte in die Atmosphäre des Planeten ein und erst jetzt sah Trevor, dass eines seiner Triebwerke rauchte und nicht mehr richtig zu arbeiten schien.
Sehr schön! Mit neu erwachtem Kampfgeist hämmerten seine Finger auf der Tastatur und feuerten weiterhin Energieblitze in Richtung des Diskus. Allerdings musste er feststellen, dass der D’arjo sehr wohl noch in der Lage war, zurück zu schießen. Er konnte das Zischen förmlich spüren, wenn die Energiekugeln an ihm vorbei rasten.
„Komm schon, du Scheißkerl!“; schrie er.
In diesem Moment krachte es irgendwo im Schiff und er hatte alle Hände voll zu tun, um einen halbwegs vernünftigen Kurs zu halten. Fluchend überflog er die Anzeigen und schimpfte laut, als er den Treffer in seinem linken Stabilisatorflügel registrierte.
Seine Hand schlug auf den Auslöser seiner Waffen, weil gerade in diesem Augenblick der Diskus wieder ins Fadenkreuz rutschte. Der D’arjo reagierte wahrscheinlich genauso reflexartig wie er und sackte durch, so dass die Energie nur seitlich in den Rumpf schlug.
Ein Treffer. Noch ein Treffer!; hämmerte es in Trevors Kopf, doch sein Schiff fing an zu trudeln und er sah, wie die Oberfläche des Planeten näher kam. Kurzzeitig registrierte er die Anzeigen der Oberflächenscannung: Sauerstoffatmosphäre, atembar, tierisches und pflanzliches Leben vorhanden, kein Funk, keine Technik …
„Shit“, knurrte er, als sein Jäger anfing zu bocken und zündete erneut die Steuertriebwerke. Für einen kurzen Moment hörte das Schlingern auf, doch das nächste Triebwerk gab seinen Geist auf. Er riss das Steuerruder hoch. Jedenfalls versuchte er es, doch der Jäger reagierte nicht mehr. Mehrere Warnleuchten waren angegangen und das penetrante Hupen der Alarmanlage, die eine Überlastung so ziemlich aller Systeme anzeigte, ging ihm auf die Nerven. Mit einer schnellen Handbewegung ließ er den Ton verstummen.
Vor ihm stürzte der Diskus des D’arjo ebenso haltlos zur Oberfläche wie sein Jäger und für einen Moment vergaß er seine Waffen und versuchte, zumindest die Bremsdüsen in Gang zu bringen, um eine Notlandung einleiten zu können. Stotternd zündeten die Düsen und die Geschwindigkeit verringerte sich ein wenig. Nicht genug, um ordentlich landen zu können, das war ihm klar, aber wahrscheinlich würde er im Innern des Jägers überleben können.
Natürlich könnte er hinaus teleportieren. Das war die sicherste Variante. Aber dann würde sich sein Jäger in den Boden bohren und er wäre jeglicher Chance beraubt, diesen Planeten wieder verlassen zu können.
Auf dem Bildschirm sah er, wie ab und zu an dem Diskus Korrekturdüsen aufflammten und wieder erloschen. Qualm drang aus der Einschussstelle am Rumpf und zog sich als Rauchspur hinter dem Diskus her. Vielleicht brachte sich der blöde D’arjo selber um, indem er sich in den Boden rammte.
Doch er tat ihm den Gefallen nicht, sondern prallte in einer – und das musste er zugeben- gekonnten Bruchlandung auf den steppenähnlichen Boden.
Trevor sah die Funken sprühen, als das Schiff wieder abhob und zurück auf den Boden krachte, doch dann hatte er alle Hände voll zu tun, seinen eigenen Jäger auf die gleiche Art und Weise zu Boden zu bringen. Es funktionierte nun kein Triebwerk mehr und der Jäger schlitterte über die glatte Erde.
Wieder ächzte und jaulte das strapazierte Material und Trevor rechnete jeden Moment damit, dass das kleine Schiff auseinander brach. Dann krachte er gegen einen Baum und für einen Moment herrschte Totenstille.
Trevor wurde in die Gurte geworfen und die Luft blieb ihm weg. Ehe er wieder vollständig zur Besinnung kommen konnte, reagierte er instinktiv und teleportierte. Erstens, weil er genau im Schussfeld des Diskus’ lag und der D’arjo nur den Feuerknopf betätigen musste. Zweitens, weil er nicht sicher war, ob sein Jäger nicht von selbst jeden Moment explodieren würde.
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Keuchend und müde materialisierte er in einer Entfernung von vielleicht zwei Kilometern und wartete. Es passierte nichts. Weder der Diskus noch sein Jäger explodierte. Und der Diskus schoss auch nicht. Trevor zog sich den Helm vom Kopf und fuhr sich durch die schweißnassen dunklen Haare.
Verdammt. Was jetzt?
Er teleportierte etwas näher an seinen Jäger heran und begutachtete den Schaden. Und fluchte wieder. Ohne eine Ersatzteillieferung würde dieses Ding nicht mehr fliegen.
Eigentlich war das Schiff Schrott. Wahrscheinlich würden auch Ersatzteile nicht mehr helfen. Seine Augen wanderten zu dem Diskus und er wunderte sich, warum der D’arjo sich nicht rührte. Für einen Moment schloss er die Augen, um sich besser konzentrieren zu können, und esperte in Richtung des Diskus.
Nichts. Er nahm keinerlei mentale Impulse wahr. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass der D’arjo tot war. Oder bewusstlos, aber dann müsste er zumindest ein paar wirre Gedanken von ihm empfangen.
Er teleportierte ins Innere seines Jägers und suchte eine Handfeuerwaffe. Dann teleportierte er zu dem Diskus. Er zögerte noch immer, ihn zu betreten, da er nicht wusste, mit welchen Defensivwaffen die D’arjos ihre Kampfdiskusse schützten und versuchte noch einmal, mit seinen mentalen Sinnen ins Innere zu lauschen.
Noch immer nichts. Wenn er Gewissheit haben wollte, musste er jetzt da hinein.
Obwohl ihm danach war, einfach nur zu schlafen, seufzte er und teleportierte.
Der Diskus war nicht größer als sein Jäger. Es waren ebenfalls Einmannschiffe und sie bestanden aus nichts anderem als der Pilotenkanzel, einer kleinen Kabine mit Sanitärzelle, sowie den Triebwerken mit der Energiegewinnungsanlage.
Er materialisierte hinter dem Pilotensessel und riss die Waffe hoch, als er den D’arjo in den Gurten hängen sah. Den Kopf des D’arjos bedeckte ein Helm und er war nach vorn gesunken. Zögernd ging Trevor näher.
„Hey“, stieß er hervor, die Waffe noch immer im Anschlag. Der D’arjo reagierte nicht. Wahrscheinlich war er wirklich tot. „Komm schon, du Mistkerl. Du willst jetzt wohl kneifen? Lass es uns zu Ende bringen.“ Trevor stieß ihm den Lauf der Waffe in die Seite, ohne eine Reaktion zu ernten.
„Shit“, knurrte er wieder und wusste nicht einmal, wie er überprüfen sollte, ob der D’arjo noch lebte oder nicht.
Hatten die einen Puls? So etwas wurde in den Kursen, die er an der Kadettenakademie belegt hatte, nicht gelehrt.
Dann sah er, dass sich der Brustkorb des D’arjo hob und senkte. Und dass sie atmeten, wusste Trevor definitiv. Also lebte er noch.
Gut. Nein, nicht gut. Was sollte er mit einem bewusstlosen D’arjo anfangen? Er sollte ihn töten. Doch während er auf den schlanken zierlichen Körper starrte, wusste er, dass er es nicht tun konnte. Im Kampf – ja. Aber hier, einem Wehrlosen die Waffe an die Stirn legen und abdrücken? Nein, das war kaltschnäuziger Mord.
Seufzend legte er die Waffe zur Seite und löste die Gurte des bewusstlosen D’arjo. Der Körper kippte nach vorn und Trevor verwünschte sich selbst, als er die schlanke Gestalt aus dem Sessel hob und aus dem Schiff teleportierte. Er sagte sich, dass der D’arjo ihn wahrscheinlich sofort angreifen würde, wenn er in diesem Moment das Bewusstsein wieder erlangte und dass das für ihn nicht gut ausgehen konnte, mit den körpereigenen Waffen, die diese von Raubkatzen abstammende Wesen besaßen.
Fast erleichtert lehnte er den D’arjo an einen Baumstamm und fuhr erschrocken zusammen, als der Geruch von Blut seinen ebenfalls durch die Mutation veränderten Geruchsinn traf.
„Verdammt“, fluchte er wieder leise und sah auf seine blutverschmierten Hände, als er den D’arjo losließ. „Verletzt ist er auch noch…“
Stirnrunzelnd betrachtete er die kleine Gestalt und fragte sich verwundert, ob alle D’arjos solche zierliche Persönchen waren. Der Overall umschlackerte den Körper, als wäre er viel zu groß. Dann sah er den langen Schnitt im rechten Unterarm, aus dem noch immer Blut quoll und hockte sich vor den D’arjo. Er blickte kurz in das Gesicht mit den immer noch geschlossenen Augen und zog scharf die Luft ein.
Gott, schickten die ihre Kinder in den Krieg? Obwohl der Helm den größten Teil des Kopfes und auch einen Teil des Gesichtes verbarg, konnte er die feinen jungen Gesichtszüge erkennen. Blut verschmierte die Stirn, da er wahrscheinlich beim Aufprall mit irgendetwas kollidiert war.
Nun ja, wies er sich dann zurecht, der Kerl ist nicht zu jung, um deine zwei besten Freunde in Glutbälle zu verwandeln. Mitleid ist hier völlig unangebracht.
Der Gedanke an Mark und Clark holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.
„Du bist mein Gefangener, D’arjo“, erklärte er laut und wusste im gleichen Atemzug, dass dies alles Schwachsinn war. Er wusste weder, wo er sich befand, noch wie er diesen Planeten wieder verlassen sollte. Und das Schiff des D’arjo sah auch nicht so aus, als würde es noch fliegen können.
Toll hingekriegt. Missmutig teleportierte er in seinen Jäger und suchte zwischen den Trümmern nach der Notfallausrüstung. Wieder bei dem D’arjo angelangt, besah er sich die Verletzung genauer und stellte fest, dass der Schnitt eigentlich genäht werden müsste.
Aber er hatte jetzt nicht die Geduld dazu und außerdem wusste er nicht, wie der D’arjo reagieren würde, sollte er ausgerechnet in dem Moment erwachen, wenn er an seinem Arm nähte.
Deshalb stoppte er nur notdürftig die Blutung und hoffte, der D’arjo würde rechtszeitig wieder sein Bewusstsein erlangen, um die weitere Behandlung seiner Verletzungen selbst durchführen zu können.
Dann lehnte er sich an einen anderen Baum und schloss müde die Augen. Er durfte jetzt trotzdem nicht einschlafen. Aber er konnte auch nicht in sein Schiff teleportieren und schlafen, weil er dann den D’arjo hier draußen allein lassen musste und nicht wusste, ob es hier Raubtiere oder ähnliches gab, die sich über so eine leichte Beute freuten.
Es sollte ihm egal sein. Er war der Feind.
In diesem Moment ließ ihn ein leises Stöhnen hochschrecken und urplötzlich wieder hellwach werden. Fast nervös bemerkte er, dass der D’arjo sich bewegte. Dann öffneten sich die gelben Katzenaugen mit der länglichen schwarzen Pupille und in dem Augenblick, da dieser Blick den Terraner traf, fühlte er eine unsichtbare Gewalt, die ihn gegen den Baum presste.
Trevor schnappte nach Luft und teleportierte. Instinktiv. Nur, um einige Meter abseits zu materialisieren.
Der D’arjo fuhr hoch. Zumindest versuchte er es. Der plötzliche Schmerz, der jedoch durch seinen Arm fuhr, raubte ihm fast wieder die Sinne und die Beine gaben unter ihm nach, so dass er wieder zurücksackte. Mit verzerrtem Gesicht umklammerte er seinen Arm und sank zusammen.
Trevor versuchte, sich krampfhaft an irgendwelche d’arjotischen Worte zu erinnern. „El-elrano ak yana“, stotterte er fast und hoffte, dass die Aussprache so ähnlich wie eine Begrüßung klang. „Ara nocknana…“
Die Augen des D’arjo hatten sich wieder geschlossen und feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. „Ich verstehe dich, Terraner“, sagte er klar und deutlich, mit einem eigenartigen Akzent.
Und Trevor traf die Stimme wie ein Schlag. Die gelben Augen öffneten sich wieder, sahen ihn an und er fragte sich, warum es ihm nicht gleich aufgefallen war. Diese feinen Gesichtszüge, die zarte Haut und der schlanke knabenhafte Körperbau.
„Shit“, flüsterte er.
Er hatte eine Frau gejagt. Eine Frau hatte seine beiden besten Freunde abgeschossen.
„Wieso lebe ich noch, Terraner?“ Sie spuckte das Wort ‚Terraner’ aus wie ein Schimpfwort und lehnte sich zurück an den Baum.
„Ich töte keine Bewusstlosen“, entgegnete er kühl. Und plötzlich stellte er fest, dass er noch immer ihre Gedanken nicht lesen konnte.
„Warum tust du es jetzt nicht?“
„Verdammt!“; fuhr er auf. „Ich bin kein Mörder.“
Die D’arjo antwortete nicht, sondern betrachtete nachdenklich den Verband um ihren Arm. „Warst du das?“
„Ja“, knurrte er. „Es müsste genäht werden“, setzte er dann, schon ruhiger, hinzu.
Die D’arjo entfernte vorsichtig den Verband und sah stirnrunzelnd auf den zirka zehn Zentimeter langen Schnitt.
„Ich habe etwas zum Nähen hier“, störte der Terraner ihre Überlegungen.
Sie hob den Kopf und fixierte ihn misstrauisch. „Du weißt, wie das geht?“ Als er nickte, sagte sie nur. „Erkläre es mir.“
Trevor lachte kurz auf. „D’arjo, du kannst mit einer Hand nicht nähen.“ Er kam langsam auf sie zu.
Sie fauchte leise und gereizt. „Bleib wo du bist! Ich traue keinem verdammten Terraner!“
Er ignorierte sie und lief gegen eine unsichtbare Wand. Vollkommen fassungslos blieb er stehen und hob die Hand. Seine Finger stießen gegen eine unsichtbare Barriere. Dann sah er wieder den konzentrierten Blick in ihrem Gesicht und fühlte die mentale Kraft.
Eine Telekinetin. Eine d’arjotische Telekinetin!
Sie war genauso übermüdet wie er und die geistige Anstrengung trieb wieder den Schweiß auf ihre Stirn. Trevor seufzte und fragte sich, wann er verdammt noch mal ein D’arjofreund geworden war. Ohne etwas zu sagen, teleportierte er und materialisierte direkt neben ihr.
Sie zischte erschrocken auf, aber er fuhr sie an, bevor sie ihre telekinetischen Kräfte wieder benutzen konnte. „Hör mal, D’arjo, ich bin müde und ich bin hungrig. Ich habe jetzt keine Lust auf deine Faxen. Also entweder, wir nähen jetzt den Schnitt und kommen dann endlich zur Ruhe, oder ich verschwinde in meinem Schiff und du kannst sehen, was du machst.“
Er ging neben ihr in den Hocke und ein eiskalter Schauer lief über seinen Rücken, als sich ihre Blicke trafen. „Du hättest mich töten sollen, Terraner“, sagte sie eisig.
„Möglich“, nickte er.
„Ich hätte es getan.“ Als er nicht antwortet, fuhr sie fort: „Ich weiß nicht, warum du getan hast, was du getan hast. Aber ich brauche deine Hilfe nicht. Ich will sie nicht. Du bist mein Feind. Und du hättest das einzig richtige tun sollen, als du die Gelegenheit dazu hattest. Mich töten!“
Trevor setzte sich im Schneidersitz vor sie und sah sie ernst an. „Du könntest mich selbst jetzt jederzeit töten. Warum tust du es nicht?“ Er sah, wie sie die Zähne aufeinander biss. „Weißt du, wo wir hier sind?“
„Nein.“
„Ich auch nicht. Hast du einen Notruf senden können?“
„Nein.“
„Ich auch nicht. Glaubst du, irgendjemand wird nach dir suchen?“
„Ich weiß nicht. Wenn jemand deine blöde Verfolgungsjagd aufgezeichnet hat, vielleicht.“ Sie musterte ihn nachdenklich. „Worauf willst du hinaus?“
„D’arjo, wir sind allein auf dieser Welt. Ich habe keine Ahnung, in welcher Gegend des Universums wir uns befinden und ich weiß nicht, ob irgendwelche Schiffsrouten hier entlang gehen, so dass jemand einen Notruf mit lichtschneller Geschwindigkeit empfangen kann. Es ist nicht abzusehen, ob und vor allem wann jemand kommt, der uns von hier wegbringen kann. Was hältst du von einem… vorläufigen Waffenstillstand?“
„Das ist die blödsinnigste Idee, die ich je gehört habe“, knurrte sie. „Zwischen D’arjos und Menschen wird es keinen Waffenstillstand geben. Töte mich endlich!“
„Du hast zwei meiner besten Freunde auf dem Gewissen. Ich sollte es wirklich tun.“
Sie hob nur ihre Augenbraue. „Ich habe genau so wenig wie du meine Abschüsse gezählt. Wir haben uns in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen.“
„Kein Waffenstillstand?“, fragte er müde.
„Wenn wir hier wegkommen, ist der Waffenstillstand vorbei“, sagte sie ruhig. „Mal sehen, wer schneller ist. Deine Seite oder meine…“
„Okay.“ Dann deutete er auf ihre Verletzung. „Soll ich?“
Die D’arjo lächelte schwach. „Terraner, wenn ich mich auf einen Waffenstillstand einlasse, heißt das nicht, ich vertraue dir. Ich will deine terranischen Finger nicht in meiner Nähe haben. Also erklär mir, was ich machen muss.“
Er griff nach dem Erste-Hilfe-Paket und gab es ihr. „Desinfizier den Schnitt“, wies er sie an und freute sich diebisch, als sie scharf einatmete, als der Schmerz sie erneut traf.
Allerdings musste er zugeben, dass sie Mut hatte. Er warf die Nadel und den Faden ebenfalls in die Desinfektionslösung und nahm eine Pinzette, um sie wieder heraus zu holen.
„Lass das“, sagte die D’arjo und er sah erstaunt, wie sich Nadel und Faden, ohne sein Dazutun, in die Luft hoben. „Weiter?“
„Es müsste betäubt werden“, murmelte er und reichte ihr die Spritze. „Mehrere Einstiche um den Schnitt.“
„Weißt du, ob es für D’arjos verträglich ist?“
„Nein.“
„Dann lassen wir es.“ Kleine Schweißperlen bildeten sich wieder auf ihrer Stirn, als sie seinen Erläuterungen zuhörte. Er beugte sich ein wenig zu ihr und betrachtete den Schnitt.
„Ja, genau so“, kommentierte er, als sie die Haut miteinander verband. „Jeder Stich für sich. Mach einen Knoten und dann der nächste.“
Der Schmerz drohte, ihr das Bewusstsein zu rauben und sie versuchte einen Moment, ruhig zu atmen. Der Terraner warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Alles okay?“
„Ja“, presste sie hervor und konzentrierte sich wieder auf die Nadel. Sieben Stiche. Ihr Arm brannte wie Feuer und sie war froh, ihre Hände nicht benutzen zu müssen, da diese wie verrückt zitterten. Dann verschloss sie den Schnitt mit einer weißen Bandage und sank erleichtert gegen den Baum.
Trevor richtete sich auf. „Hast du Nahrungskonzentrate in deinem Schiff? Wasser?“
Sie nickte nur schwach und die großen gelben Augen schlossen sich. Dann sah er wie sie den Arm hob und sich den Helm vom Kopf zog. Schwarze lange Locken, genauso verschwitzt wie seine eigenen Haare fielen über ihre Schultern. Wenn sie die Augen geschlossen hatte, sah sie fast aus wie ein Mensch.
Er verfluchte sich selbst, aber irgendwie schien sein Feindbild zu bröckeln. Unsicher trat er näher an sie heran. „D’arjo?“
Ohne dass sie sich rührte, öffneten sich wieder ihre Augen.
„Du musst etwas essen.“ Sie nickte und er fuhr zögernd fort. „Ich kann mit dir zurück in dein Schiff teleportieren. Du kannst nicht hier draußen bleiben.“
Ächzend richtete sie sich auf und stolperte an ihm vorbei. „Rühr mich ja nicht an.“
Er beobachtete kopfschüttelnd, wie sie in Richtung ihres Schiffs taumelte, einmal auf die Knie fiel und sich wieder aufrappelte. Doch er rührte sich nicht. Er wartete, bis sie in dem Diskus verschwunden war und teleportierte in seinen Jäger.
Und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Ailia brauchte trotz ihrer Müdigkeit bedeutend länger zum Einschlafen.
Der heutige Tag hatte ihr ganzes Weltbild durcheinander geworfen.
Natürlich, ohne dass sie es sich anmerken ließ. Soviel Selbstkontrolle besaß sie selbst in ihrer derzeitigen Situation. Ihr Arm hämmerte und pochte so schmerzhaft, dass sie nicht glaubte, bald Ruhe zu finden.
Ein Terraner.
Sie schloss die Augen, ihr empfindlicher Geruchsinn registrierte sehr wohl den Geruch ihrer verschwitzten Haut und ihrer Kleidung, doch sie war einfach zu erledigt, um die winzige Sanitärzelle zu benutzen. Und sie wusste nicht einmal, ob sie es mit dem verletzten Arm geschafft hätte.
Ein Terraner.
Sie lebte, obwohl dieser
Terraner sie hätte töten können. Er war der Feind und sie hätte sich nicht
wehren können. Er hatte es nicht getan. Warum nicht? Sie erinnerte sich an die
blutrünstigen Geschichten, die auf D’arjo kursierten. Menschen töteten jeden und
alles. Aus Machtgier. In dem Drang, ihr Einzugsgebiet zu erweitern. Weil sie
erobern mussten, so wie es ihnen ihre Gene vorschrieben.
D’arjos verteidigten sich und ihr Herrschaftsgebiet. Das war alles.
Wieso lebte sie noch?
Schlimmer noch, er wollte
ihren verletzten Arm behandeln! Er hatte ihn verbunden. Er hatte sie angesehen,
als wolle er ihr helfen. Das war einfach nicht möglich. Ein Mensch konnte nicht
so handeln.
Aber das Allerschlimmste: Sie hatte einen Pakt mit dem Feind geschlossen.
Sie fühlte sich plötzlich hilflos und allein. Und schlagartig wurde ihr klar,
dass sie auf diesem Planeten wirklich allein war. Der Terraner zählte nicht.
Und für einen kurzen Moment
fühlte sie die Schwäche und ließ sie zu. Ihre Augen schlossen sich und eine
einzelne Träne rann über ihre Wange. Seufzend rollte sie sich zusammen, presste
ihren schmerzenden Arm an sich und versuchte, Schlaf zu finden.
Bis ihr übermüdeter Körper sein Recht forderte und sie in einen unruhigen
Schlummer fallen lies.
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Die Sonne sank hinter den Horizont, als Trevor wieder wach wurde. Er fühlte sich
bedeutend besser. Ausgeruht. Musste er schließlich, nachdem er fast siebzehn
Stunden geschlafen hatte.
Vor sich hin pfeifend betrat er die Dusche und fühlte sich zehn Minuten später
auch in dieser Hinsicht besser. Leider begann jetzt die Nacht auf dem Planeten
und das bedeutete, er war an sein Schiff gebunden, wenn er nicht im Dunkeln in
eine unbekannte Gefahr laufen wollte.
Also nutzte er die Gelegenheit, den Zustand seines Jägers zu checken. Wie er erwartet hatte, funktionierte so ziemlich gar nichts mehr.
Der Antrieb war Vollschrott.
Die Vorderseite der Pilotenkanzel eingedellt und das Frontglas gesprungen. In
der rechten Außenseite klaffte ein zirka zehn Zentimeter breiter Riss, der
entstanden war, als das Material unter der Anspannung nachgab. Das Funkgerät gab
keinen Pieps von sich, aber der lichtschnelle automatische Notruf ließ sich
aktivieren. Die Klimaanlage arbeitete ebenfalls nicht, doch das war nicht weiter
schlimm, da durch die Spalten im Rumpf genügend Frischluft ins Innere kam.
Die Energiespeicher waren fast leer. Er hatte keine Möglichkeit, sie aufzuladen. Das bedeutete, dass in kürzester Zeit auch die letzten Geräte, unter anderem der Notruf, ihre Funktion einstellen würden. Und auch die automatische Türöffnung. Das hieß, er würde die Türen per Handrad bedienen müssen.
Verwunderlicherweise
funktionierte seine Dusche. Nein, glücklicherweise. Aber auch nicht mehr lange,
da sie genau so aus dem Energiespeicher gespeist wurde.
Er ließ sich in dem Pilotensessel fallen und legte die Beine auf das
Armaturenbrett.
„Das hast du toll hingekriegt, Trev“, sagte er zu sich selbst und kaute
gedankenverloren ein paar Nahrungskonzentrate. Noch ein Problem. Nahrung. Da er
nicht wusste, wie lange er hier fest saß, konnte er sich nicht auf die
Konzentratnahrung verlassen.
Nicht zu vergessen, das zweite Problem. Die D’arjo.
Er atmete tief durch und
lehnte den Kopf zurück gegen den Sessel. So unschön es war, allein auf einem
unbekannten Planeten festzusitzen, die Gesellschaft einer D’arjo hätte er sich
nicht gewünscht. Niemals.
Er traute ihr genauso wenig wie sie ihm. Und er traute auch ihrem
Waffenstillstand nicht. Dazu saß das Bild, das auf Terra von D’arjos gezeichnet
wurde, zu tief.
Plötzlich fuhr er hoch, als er einen sanften Druck im Kopf spürte.
Bist du wach, Terraner?
Verdammt! Er war andere Telepathen nicht gewöhnt. Ja, dachte er laut und
hoffte, sie würde es hören.
Eine Weile vernahm er gar nichts und glaubte schon, sie hätte seine Antwort
nicht verstanden.
Wie viel funktioniert in deinem Schiff?
Was? Er konnte förmlich spüren, dass sie wütend mit den Zähnen knirschte.
Geht die Dusche? Jetzt schwang eindeutig Genervtheit in ihren Gedanken
mit.
Ja.
Könnte ich sie vielleicht…benutzen?
Sicher. Grinsend stand er auf, verließ den Jäger und lehnte sich an die eingedellte Wand des Schiffs.
Zögernd und unsicher kletterte die D’arjo aus ihrem Schiff, ein Handtuch und frische Sachen im Arm. Sie stoppte kurz vor ihm.
„Bitte schön“, sagte er lächelnd und wies zur Tür.
„Du bist seltsam, Terraner.“ Doch ihre eigenartigen gelben Augen funkelten ihn nicht mehr so zornig an wie am vorherigen Tag. Er glaubte eher, Neugier zu sehen.
„Wie heißt du?“
Ihr Kopf fuhr erschrocken herum, als hätte er etwas Unanständiges gefragt und schluckte kurz. „Ailia. Mein Name ist Ailia Luciana el Tek’Aro.“
„Ich heiße Trevor. Trevor O’Delta. Nett, dich kennen zu lernen, Ailia.“ Er grinste, als ihr Blick immer fassungsloser wurde. Eigentlich war es eigenartig, dass er diese Emotionen in ihrem Gesicht genau so lesen konnte wie in einem terranischen. „Wie geht es deinem Arm?“
„Besser“, stieß sie hervor und stürzte an ihm vorbei ins Innere des Jägers.
„Pass auf, dass der Verband nicht nass wird!“
Als sie wieder kam, hatte sie genau so wie er die Bordkombination gegen normale Alltagskleidung, Hose und Shirt, gewechselt. Ihre Haare waren noch feucht und Trevor ging der Gedanke durch den Kopf, dass sie froh sein konnte, eine Telekinetin zu sein, da sie sonst in der Dusche nicht allein zurecht gekommen wäre. Sie sah ihn noch immer sehr unsicher an.
„Danke“, murmelte sie dann kaum hörbar und ging an ihm vorbei.
„Ailia“, stoppte er ihr Fortgehen und sie drehte sich wieder um. „Ich weiß, es ist eine Situation, in der noch niemand von uns war. Vielleicht noch nie jemand seit D’arjos und Menschen aufeinander trafen…“
„Ja?“ Sie runzelte die Stirn.
Trevor holte tief Luft. „Wir könnten … reden?“
Ailia grub ihre Zähne in ihre Unterlippe und er sah die spitzen Reißzähne, die noch aus ihrer Raubtiervergangenheit herrührten. „Ich habe Menschen getötet.“
„Ich habe auch ein paar D’arjos getötet“, entgegnete er nur. „Das macht unsere Lage noch etwas eigenartiger. Aber ich glaube, wir sind über den Punkt hinweg, dass wir uns gegenseitig umbringen wollen.“
„Ich weiß nicht…“ Sie schluckte nervös.
„Schau mal. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir hier festsitzen. Vielleicht Tage. Vielleicht Wochen. Vielleicht Monate…“ Vielleicht für immer. „Die Energiespeicher meines Jägers sind fast leer. Und es gibt keine Möglichkeit, sie wieder aufzuladen. *Ich* mache mir Gedanken, wie es weiter gehen soll. Ich kann sie mir natürlich auch allein machen, wenn es das ist, was du willst. Aber irgendein Schicksal hat uns zusammen geworfen…“
„Es fällt mir sehr schwer“, unterbrach sie ihn, „ein Wort von dem zu glauben, was ein Mensch sagt.“
„Verdammt!“, fluchte er. „Mir geht es genau so! Und in dem Moment, in dem ein Schiff auf diesem Planeten landet, wird sich unsere Situation wieder ändern. Zu deinen oder zu meinen Gunsten. Aber bis dahin sind wir allein. Und zwei Personen kommen immer besser zurecht als jemand allein!“
Sie sah ihn eine ganze Weile nachdenklich an und ihm ging auf, dass er noch nie einen oder eine D’arjo so direkt aus der Nähe gesehen hatte. Die gelben Augen waren unheimlich und jagten ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Von den Krallen und den Zähnen ganz zu schweigen. Doch er sah, dass sie genau so unsicher war wie er und das beruhigte ihn etwas. Eigentlich kam sie ihm überhaupt nicht vor wie ein wildes Raubtier. Als solches wurden D’arjos in all den Kursen, die er besucht hatte, beschrieben.
„Gut“, sagte sie plötzlich und kam wieder zurück.
„Wollen wir rein gehen?“
Sie musterte erst ihn, dann seinen Jäger und wieder ihn. „Nein.“
Trevor verdrehte die Augen und ließ sich auf dem Boden nieder. Ein Gespräch mit dem Feind war wahrscheinlich nie einfach.
Zögernd und noch immer misstrauisch sank die D’arjo ebenfalls zu Boden und legte ihre alten Sachen neben sich ab. Sie verschränkte die Beine im Schneidersitz, stützte ihre Arme auf ihre Knie und fragte:
„Worüber willst du reden?“
„Wie viel funktioniert in deinem Schiff?“
Sie benötigte wieder eine Weile, ehe sie antwortete. Wahrscheinlich überlegte sie, ob es richtig war, es ihm zu sagen. „Gar nichts mehr.“
„Oh“, machte er nur.
„Es ist absolut keine Energie mehr im Speicher und das war wahrscheinlich der Grund, warum das Schiff nicht explodiert ist“, erklärte sie weiter.
„Ich schätze, bei mir ist in spätestens einer Woche Feierabend.“ Er lehnte sich an das Metall der Jägerwand zurück. „Wir benötigen Nahrung und Wasser. Selbst wenn ich die Konzentrate rationiere, reiche sie höchstens drei Wochen. Und irgendwie glaube ich, dass wir länger hier aushalten müssen.“ Er sah, wie sie blass wurde, trotzdem es langsam dunkler wurde. Doch da seine Mutation all seine Sinne betraf, machte ihm die Dunkelheit nicht viel aus.
Ailia hatte mehr damit zu tun, ein gleichgültiges Gesicht zu bewahren. Erst jetzt schlug es mit aller Deutlichkeit auf sie ein, dass sie beide Gefangene eines unbekannten Planeten waren. Und dieser Terraner sprach so lässig von drei Wochen!
Natürlich war sie genau so wie alle ausgebildeten D’arjari auf Situationen wie diese vorbereitet worden. Eine Notlandung auf einem unbekannten Planeten konnte immer passieren. Aber Ailia hatte diesen Gedanken immer weit von sich weg geschoben und selbst wenn, es wäre ihr nie in den Kopf gestiegen, dass sie festsitzen könnte, ohne dass jemand davon wusste. Und auf keinen Fall gab es irgendwelche Verhaltensanweisungen für ein Zusammentreffen mit einem Terraner.
Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. „Was ist mit deiner
Funkanlage?“, fragte sie, um sich selbst von den deprimierenden Gedanken
abzulenken.
„Der lichtschnelle Funk funktioniert und ich habe ein dauerndes Notsignal gesendet. Wenn die Energiespeicher leer sind, wird es ebenfalls verlöschen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht kommt zufällig ein Schiff vorbei und fängt es ein.“
„Vielleicht…“ Sie seufzte und registrierte erstaunt, wie die Augen des Menschen begannen, in der Dunkelheit zu glänzen. Ihre eigenen Augen leuchteten sicher genauso, weil sie sich an das Sehen in der Dunkelheit anpassten. Sie hatte jedoch immer nur gehört, dass Terraner nachts blind waren. Und Gespräche dieser Art hatten schon oft zu Erheiterungen in ihrem Freundeskreis geführt. „Ist es … normal?“, fragte sie zögernd. „Deine Fähigkeit zu teleportieren? Und die Telepathie?“
„Nein. Eine Mutation. Niemand weiß, warum. Und bei dir?“
„Auch eine… Mutation. Gehört das… Nachtsehen auch zu der Mutation?“ Sie wusste selbst nicht, warum es sie interessierte.
Er hob erstaunt den Kopf. „Wie…?“ Doch als sein Blick auf ihre glänzenden Augen traf, wusste er, wie sie darauf kam.
„Ja. Alle Sinne. Geruch, Gehör, Augen sind besser ausgebildet als bei normalen Menschen.“
„Eine komische Kombination. Zusammen mit der Teleportation, oder?“
Er nickte. „Und nicht immer angenehm.“ Grinsend tippte er an seine Nase. „Manchmal ist es kaum zu glauben, was der Geruchsinn mir über andere Menschen verrät. Angst, Lügen, Zorn …“ Erregung. Das sagte er natürlich nicht laut.
Die D’arjo lächelte. Zum ersten Mal. „Ich weiß. Aber ich denke, im Gegensatz zu dir, leben D’arjos von Kindheit an damit und lernen den Umgang.“
Sie schwiegen eine Weile und hingen ihren eigenen Gedanken nach.
„Ich könnte mich morgen ein wenig auf dem Planeten umsehen“, begann Trevor. Er sah ihr genau an, dass sie ihm nicht traute. „Ich… kann dich mitnehmen.“ So wie sie ihn ansah, schien ihr auch dieser Gedanke nicht zu behagen, doch sie sagte keinen Ton. Wahrscheinlich war die Vorstellung, ihn aus den Augen zu lassen und nicht zu wissen, was er tat, noch unheimlicher.
„Okay.“ Sie stand auf. „Ich… geh dann mal. Hab noch ein bisschen Schlaf nachzuholen.“
Trevor nickte, ohne seine
Position zu verändern. „Du musst spätestens Morgen den Verband wechseln.“
*************
Trevor streckte ihr auffordernd seine Hand entgegen und seufzte, als sie die
Hand einfach nur schockiert anstarrte. „D’arjo, wenn ich dich auf einer
Teleportation mitnehmen soll, muss ich dich berühren“, erklärte er.
Die Sonne war gerade erst aufgegangen, doch da sie sehr viel geschlafen hatten, waren sie schon auf den Beinen. Nach ihren bisherigen Beobachtungen schien der Planet über einen Vierunddreißig-Stunden-Tag zu verfügen. Trevor wusste, er würde sich daran gewöhnen und Ailia hatte erwähnt, ein Tag auf D’arjo hätte zirka 30 terranische Stunden.
Jetzt starrte die D’arjo noch immer auf seine ausgestreckte Hand und überlegte wahrscheinlich, wie viel es schaden würde, ihn zu berühren.
„Ich kann auch allein gehen“, bot er ihr an.
Ailias Gedanken wirbelten durcheinander. Sie wusste selbst nicht warum, aber sie verspürte eine unerklärliche Angst, den Terraner zu berühren. Und sie schimpfte deshalb mit sich selbst. Nun mach schon. Es ist auch nichts anderes, als würdest du ein exotisches Tier anfassen! Zögernd hob sie ihre Hand und legte sie in seine.
Er grinste müde, als er seine Finger um ihre schloss und im nächsten Moment spürte sie ein kurzes Ziehen im Kopf und die Umgebung wechselte. Sie sagte keinen Ton, obwohl er das kurze Erschrecken in ihrem Blick sehr wohl bemerkte.
„Wir sind jetzt zirka zehn Kilometer südlich von unsere Absturzstelle“, erläuterte er, ohne ihre Hand los zu lassen. „Ich springe jetzt einfach mal kreuz und quer über den Planeten, damit wir uns ein Bild machen können. Einverstanden?“ Plötzlich, als wäre ihm etwas eingefallen, hob er seine Hand und betrachtete ihre schmalen Finger. „Ich dachte, D’arjos haben lange Krallen. Deine sind aber recht kurz.“
Ailia wurde noch bleicher, als er ihre Hand so interessiert musterte. Jemand hätte sie mal auf eine derartige Situation vorbereiten sollen. Doch sie fing sich sofort wieder, hob ihre freie Hand vor sein Gesicht und ließ die Krallen ausfahren.
Trevors Atem setzte für einen kurzen Moment aus, starrte auf ihre Hand und dann in ihr Gesicht. „Fein friedlich bleiben, D’arjo, ja?“, stieß er hervor und schielte auf seine Hand, die ihre umschloss.
„Keine Panik“, spottete sie trotz ihrer Blässe. „Ich habe keinen Grund, dich zu verletzen. Im Moment“, setzte sie jedoch noch warnend hinzu.
Er teleportierte wieder und die Umgebung veränderte sich. Es war wärmer geworden, da sie sich jetzt weiter südlich in der Nähe des Äquators befanden und die Vegetation hatte zugenommen. In der Ferne sahen sie größere büffelähnliche Tiere grasen und die Luft flimmerte in der Hitze.
„Das ist eine angenehme Temperatur“, meinte Ailia. „Schau mal, dort hinten ist ein See.“
Trevor teleportierte wieder und materialisierte am Ufer. Erschrocken sprangen zwei kleine rehähnliche Tiere zur Seite und flüchteten. Der See war nicht groß, ein Durchmesser von zirka zwanzig Metern, aber das Wasser sah sehr klar aus. Trevor ließ die D’arjo los und beugte sich mit dem Analysator zum Wasser, um eine Probe zu entnehmen.
Ailia sah sich um. „Also ich denke, wenn das alles genießbar ist, brauchen wir uns um Wasser und Nahrung keine Gedanken zu machen.“
Er las kurz die Beschreibung der Analyse. „Das Wasser ist trinkbar. Ich habe zwar keine Ahnung, wie dein Organismus darauf reagiert, aber ich denke mal, bei Wasser dürfte es nicht so viel Unterschiede geben, oder?“
„Terraner bekommen auf D’arjo kein extra Essen, also müssen sie es ja auch vertragen.“
Er runzelte die Stirn. „Du meinst die Kriegsgefangenen?“
„Hm“, murmelte sie nur, ohne ihn anzusehen und er hatte das komische Gefühl, dass sie etwas verschwieg.
„Weiter?“, fragte er und streckte ihr die Hand hin.
Sie verbrachten den ganzen Tag mit der Erkundung des Planeten. Wenn es nicht solche widrigen Umstände wären, hätte man den Planeten als eine wahrhafte Idylle bezeichnen können. Obwohl das Klima in der Äquatorgegend bedeutend wärmer als an den Polen war, differierten die Temperaturunterschiede doch nicht so stark wie auf Terra. Es gab kein offenes Meer, sondern über die ganze Oberfläche zog sich eine teilweise bewaldete oder steppenähnliche Landschaft. Zu den Polen hin nahm der Wald ab, aber diese waren nicht vereist.
Es dämmerte schon wieder, als Trevor zurück zu ihren abgestürzten Schiffen teleportierte und er fühlte sich zerschlagen. Einerseits durch die ungewohnte häufige Teleportiererei und andererseits, weil er durch den veränderten Tag und Nacht-Rhythmus schon seit siebzehn Stunden auf den Beinen war.
Gegen Abend hatte Ailia mit Hilfe ihrer telekinetischen Kräfte ein kleines hasenähnliches Tier getötet, das ihre erste Planetenmahlzeit werden sollte. Trevor war etwas eigenartig zumute, als er sah, wie schnell ein Gedankenbefehl dem kleinen Hasen das Genick brach. Er fragte sich zum wiederholten Mal, ob es ein Fehler gewesen war, die D’arjo am Leben zu lassen.
Doch für diese Überlegung war es jetzt zu spät. Jetzt, nachdem er mit ihr gesprochen hatte, war der Gedanke, sie kaltschnäuzig zu ermorden, in weite Ferne gerückt. Und da er noch lebte, schien sie, entgegen jeglicher terranischer Lehrmeinungen, ähnlich zu empfinden.
Trevor teleportierte noch einmal, um Holz für ein Lagerfeuer zu sammeln, während
die D’arjo wieder seine Dusche benutzte. Er entzündete das Feuer mit einer der
Strahlerwaffen und begann, dem Hasen das Fell abzuziehen. Es dauerte eine Weile,
ehe sie wieder kam. Trevor hatte den Hasen aufgespießt und über das Feuer
gehängt.
„Es müsste uns eigentlich möglich sein, mit Hilfe unseres Geruchssinns, einige
einheimische Kräuter zu entdecken.“
Trevor schrak aus seinen Gedanken hoch, als sie ihn ansprach. „Das Häschen
braucht noch etwas.“ Er hatte zwei Decken aus seinem Jäger geholt und sie neben
dem Feuer ausgebreitet, damit sie nicht auf dem Boden sitzen mussten. Ailia
setzte sich und er sah, dass sie ihren Arm frisch verbunden hatte.
„Wie geht es deiner Verletzung?“
„Gut“, antwortete sie nur, fixierte den Strahler, der noch immer neben Trevor im
Gras lag und ließ ihn in den Jäger schweben.
„Ich habe damit Feuer gemacht“, verteidigte er sich.
„Ich möchte nicht, dass du auf dumme Gedanken kommst.“
„Wir haben einen Waffenstillstand.“
Sie lachte hart auf. „Als ob sich Terraner an einen Waffenstillstand halten.“
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „*Ich* halte meine Versprechen!“
„*Ich* traue dir nicht!“
Trevor biss die Zähne zusammen. Es war ihm egal, was sie dachte! Er drehte den
Hasen über dem Feuer und stocherte in der Glut.
„Bist du schon mal abgestürzt?“, unterbrach sie seine bissigen Gedanken.
„Nein!“, fauchte er lauter als beabsichtigt und sein Kopf fuhr überrascht hoch,
als sie auflachte. Sehr leise nur, aber da er bisher noch keine derartige
Reaktion von ihr bemerkt hatte, verblüffte es ihn.
„Ich hätte mir nie träumen lassen, mal mit einem Terraner an einem Lagerfeuer zu
sitzen.“ Seine Augen wurden immer größer, weil sie nicht aufhörte zu lächeln.
„Zumindest war in meiner Vorstellung der Terraner zu einem handlichen Bündel
verschnürt.“
Jetzt machte sie noch Witze. Es wurde immer eigenartiger. Stirnrunzelnd
wechselte er das Thema. „Wieso sprichst du unsere Sprache so gut?“
„Jede und jeder D’arjo lernt Terranisch. Man muss schließlich seine Feinde
verstehen.“
Er sah sie wieder misstrauisch an, da er sich nicht vorstellen konnte, dass man
ihre sehr gute Aussprache so einfach im Unterricht lernte.
„Du sprichst kein Wort D’arjo?“ Sie lächelte wieder und ihm wurde langsam
unheimlich zumute. „Nach der Aussprache deiner Begrüßung zu urteilen, scheint es
wenigstens so.“
„Wenig“, meinte er einsilbig und piekste den Hasen an. „Ich glaube, er ist gut.“
Schweigend zerlegte er das Tier und reichte ihr die Hälfte. Kauend musterte er
unter gesenkten Lidern die D’arjo und ihm ging wieder einmal durch den Kopf, in
welch einer eigenartigen Situation sie sich befanden.
*************
Neun Tage später erlosch die Anzeige seiner Energiespeicher.
„Aus!“, schrie er aus dem Schiff in Richtung der D’arjo, die damit beschäftigt
war, einige Beeren und Pilze abzuputzen. Sie wusste sofort, was er meinte.
Auch der Notruf war verstummt. Mit jedem Tag, den sie hier verbrachten, sank die
Wahrscheinlichkeit, dass jemand zufällig in den Strahl des lichtschnellen
Funkspruchs flog. Seit neun Tagen horchten sie auf das Ticken der Funkanlage und
hofften jeder für sich, dass es ihre Seite war, die den Notruf auffing.
Frustriert und wütend warf Ailia das kleine Messer auf den Boden und stieß den
Eimer mit den Pilzen um. „Nekario del’ano! Sekrotio kam!“, fluchte sie
unbeherrscht.
Obwohl sich der Notruf natürlich weiter im All ausbreitete, bestand mit jedem
Tag weniger Hoffnung, da sie nicht weiter senden konnten
Vielleicht war es einfach nur die Hoffnung auf eine baldige Rettung gewesen, die
sie dazu gebracht hatte, weiter zu machen. Sie hatte versucht, sich nichts
anmerken zu lassen und nur der Gedanke, an die baldige Landung eines Raumschiffs
hatte sie davon abgehalten, wahnsinnig zu werden. Plötzlich schien all das auf
sie einzustürzen. Sie sank auf den Boden und vergrub die Hände in den Haaren.
Zum ersten Mal dachte sie darüber nach, was wäre, wenn sie hier für immer
festsaßen.
Trevor hatte ihren Ausbruch von der Einstiegsluke des Jägers aus beobachtet. Er
fühlte sich genau so. Die letzen neun Tage hatten sie in einem stillschweigenden
Einverständnis verbracht. Obwohl sie sich gegenseitig belauerten und
abschätzten, waren sie beide davon ausgegangen, dass sich diese eigenartige
Situation in Kürze ändern würde. Eigentlich hatte auch er nicht damit gerechnet,
dass sie hier wirklich am Ende des Universums festsaßen. Er schloss kurz fast
verzweifelt die Augen und fuhr sich durch die Haare.
Dann kletterte er entschlossen zurück in den Jäger und kramte in seiner
Notration. Als er die bauchige Flasche mit der rostbraunen Flüssigkeit gefunden
hatte, seufzte er kurz traurig und verließ den Jäger wieder. Die D’arjo hatte
sich nicht gerührt. Sie saß noch immer auf dem Boden und die umgekippten Früchte
aus dem Eimer kullerten um sie herum.
„Hey, D’arjo“, sagte er rau und setzte sich neben sie.
„Geh weg“, murmelte sie nur.
Wortlos schraubte er die Flasche auf, nahm einen tiefen Schluck und stieß sie
an. „Hier, trink. Wir haben es uns verdient.“
Sie hob den Kopf und er sah die Verzweiflung in ihren Augen. „Was ist das?“
„Medizin. Gegen Depressionen“, grinste er schief.
Sie griff zögernd nach der Flasche, schluckte kurz und fing an zu husten.
„Igitt!“
Trevor lächelte und nahm ihr die Flasche wieder aus der Hand. „Es ist nicht das
Ende. Der Notruf breitete sich weiter aus. Es besteht die Wahrscheinlichkeit,
dass ihn jemand auffängt. Irgendwann.“ Er setzte die Flasche wieder an und
trank. „Oh Gott. Wie lange ist es her, dass ich Alkohol getrunken habe…“
„Glaubst du daran?“
Er wusste sofort, was sie meinte. „Wenn ich die Hoffnung aufgebe, kann ich mich
gleich erschießen.“
„Warum hast du mich nicht getötet!“ Sie schlug wütend mit der Faust auf den
Boden. „Ich hasse diesen Planeten. Ich will hier weg!“
„Es sind erst neun Tage, Ailia“, versuchte er sie zu beruhigen.
„Kein D’arjo nennt mich Ailia!“, fauchte sie gereizt und zerrte ihm die Flasche
aus der Hand. „Ist das irgendeine Droge?“ Sie wartete seine Antwort nicht ab,
sondern kippte einen tiefen Schluck nach hinunter. „Kann sie irgendwie dieses
scheußliche Gefühl in mir beseitigen?“
„Wie nennt man dich auf D’arjo?“
Ailia hustete wieder. „Eklig. Wirklich eklig.“ Sie nahm trotzdem noch einen
Schluck. „Lucia oder Lucie.“
„Lucie ist… nett“, sagte er vorsichtig und sah beunruhigt zu, wie sie weiter
trank. „Das Zeug ist stark. Es haut dich um, wenn du es nicht gewöhnt bist.“
„Vielleicht bringt es mich ja um“, knurrte sie nur. „Wenn nicht, würdest du es
bitte tun?“
„Nein, werde ich nicht.“
Sie warf entnervt den Kopf zurück. „Verdammt!“
„Du fluchst schon wie ich“, grinste er.
„Ich höre ja auch den ganzen Tag nur deine Stimme.“ Sie setzte die Flasche
wieder an. „Wie viele von den Flaschen hast du in deinem Schiff?“
„Zwei.“
„Oh.“
Er nahm sie ihr aus der Hand, um selbst noch etwas zu trinken. „Weißt du,
vielleicht sollten wir uns jetzt, da gar nichts mehr in den Schiffen
funktioniert, nach einem anderen Quartier umsehen. In der Nähe von Wasser
vielleicht. Ich meine, die Dusche geht jetzt auch nicht mehr …“
Ailia riss ihm die Flasche wieder aus der Hand. Sie schüttelte den Kopf, als sie
den eigenartigen Druck, den der Alkohol auslöste, verspürte. „Was dachtest du?“,
fragte sie fast hysterisch. „Hier sehen wir wenigstens, wenn jemand nach uns
sucht. Der wird nach den abgestürzten Schiffen Ausschau halten. Nein, nein wir
gehen hier nicht weg!“ Dann sah sie zum Horizont. „Die blöde Sonne geht schon
wieder unter. Ich denke, der Tag ist hier so lang. Wieso geht die blöde Sonne
immer unter!“
„Wir befinden uns oberhalb des Äquators und im Moment ist die Nacht länger als
der Tag“, leierte er herunter, obwohl sie es genau so wusste. „Im Moment
jedenfalls. Vielleicht wird es in einem halben Jahr anders…“
Ailia betrachtete die herum liegenden Pilze. „Schau dir das an.“ Sie trat wütend
nach den Pilzen. „Ich werde hier nicht bleiben!“, schrie sie unbeherrscht. „Ich
habe keine Lust, jeden Tag mein Essen zusammen zu suchen, zu putzen und zu
kochen!“
Trevor drückte ihr wortlos die Flasche wieder in die Hand. „Kipp es runter,
D’arjo. Morgen sieht die Welt besser aus.“
„Morgen ist in zwanzig Stunden! Das ist mir zu lang. Ich hasse die Dunkelheit.
Ich will hier weg!“
„Wir können froh sein, dass die Temperaturen so sind, dass wir keine Probleme
haben.“
Sie kicherte plötzlich und reichte ihm die Flasche wieder. „Es fühlt sich
komisch an. So als würde ich nicht mehr klar schauen können.“ Sie sammelte die
Pilze und Beeren wieder zusammen und warf sie in den kleinen Eimer. „Wollen wir
ein Feuer machen?“
Trevor hob eine Augenbraue, aber eigentlich hätte er sich denken müssen, dass
der Alkohol auch auf D’arjos Auswirkungen zeigte. „Möchtest du?“
„Ja.“ Sie hob theatralisch die Hand in die Luft. „Lass uns etwas verbrennen.“
Er grinste müde. „Du bist betrunken, D’arjo.“
Ailia nahm wieder einen großen Zug an der Flasche und verschränkte die Hände
hinter dem Kopf. „Ich fühle mich komisch.“
Trevor stand grinsend auf und suchte die restlichen Äste zusammen, die sie schon
gesammelt hatten. Er kletterte noch einmal in den Jäger, holte den Strahler und
entzündete das Holz.
Ailia regte sich schon seit einigen Tagen nicht mehr auf, wenn sie ihn mit der
Waffe sah, jetzt warf sie ihm nur einen schrägen Blick zu, ohne ihre Position zu
ändern. Er setzte sich neben sie und reichte ihr ein paar Nahrungskonzentrate.
„Schätze, unser Essen fällt heute aus.“
„Denke ich auch.“ Kauend starrte sie in den dunkler werdenden Himmel. „Eine
Menge Sterne“, murmelte sie. „Ich denke, wir sind in relativer Nähe des
Milchstraßenzentrums. Das bedeutet, es ist noch schwerer, unseren schwachen
Notruf aus dem Äther zu filtern.“
„Hör auf, darüber nachzudenken.“ Er starrte in die knisternden Flammen und
verbannte seine eigenen grüblerischen Gedanken aus seinem Kopf. Dort oben
starben Menschen. Im Kampf gegen D’arjo. Er seufzte leise und fühlte den Blick
Ailias.
„Hey, Terraner“, rief sie leise. „Fang jetzt bitte nicht auch an, depressiv zu
werden. Ich kann dir nicht helfen.“
Er wackelte mit der Whiskyflasche in seiner Hand. „Ich habe Hilfe.“
„Sehr schön.“ Sie richtete sich kurz auf, um ihm die Flasche aus der Hand zu
nehmen. „Aber du brauchst das nicht alles alleine.“
„Du bist frech“, stellte er fest und nahm nicht einmal wahr, dass er genau so
schwer sprach wie sie. „Ich bin noch nie einer frechen D’arjo begegnet.“
Ailia kicherte wieder. „Du bist schon einer D’arjo begegnet?“
„Uhm… nein.“ Er wedelte mit der Hand in der Luft. „Aber das ändert nichts an der
Tatsache…“
„Tatsache? Was für eine Tatsache?“ Ailia trank noch einen Schluck und hielt die
Flasche ins Licht. „Da ist nicht mehr viel drin.“
„Was?“, rief er entsetzt und griff nach der Flasche. Doch er griff daneben, weil
sie sie wieder an sich gezogen hatte.
„Ich bin deprimiert“, schimpfte sie. „Ich brauche den Rest.“
„Gib sie her!“
„Nein!“
„Es wird dir morgen schlecht gehen!“
„Na und?“ Sie trank noch einen Schluck und fiel wieder auf den Rücken, ohne die
Flasche los zu lassen.
„Du musst morgen die Fäden ziehen“, fiel ihm plötzlich ein.
„Ich finde das alles hier zum heulen“, murmelte sie und starrte in den Himmel.
„Ich sollte in meinem Schiff sitzen. Terraner abschießen. Und was mache ich? Ich
kippe mir zusammen mit einem Terraner eine terranische Droge runter! Gott, ich
bin so lächerlich…“
Trevor streckte sich neben ihr auf dem Bauch aus, stützte sich auf seine
Ellenbogen und sah ihr ins Gesicht. „Ich verspreche dir, D’arjo“, erklärte er
feierlich. „In dem Moment, wenn hier ein Schiff landet, werden wir einen
ordentlichen Kampf austragen.“
„Ehrlich?“ Sie klang skeptisch. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, gegen
dich zu kämpfen. Verdammt, das klingt schon wieder wie Verrat…“
Er grinste, sah wie sie die Flasche wieder ansetzte und murmelte. „Dann kämpfen
wir halt nicht…“
„Ich will nicht auf diesem einsamen Planeten sterben. Ich wollte im Kampf
sterben.“
„Wer sagt, dass du hier stirbst“, knurrte er böse. „Es sind gerade mal neun
Tage!“
„Allein!“ Ailias Augen schlossen sich. „Ich bin hier ganz allein! Wahrscheinlich
wurde ich schon für tot erklärt und es hat eine Gedenkfeier stattgefunden.“
Er seufzte. „Sicher. Ich auch. Aber das können wir jetzt nicht ändern. Und
außerdem bist du nicht allein. Auch wenn ich nur ein böser feindlicher Terraner
bin, du bist nicht allein! Es wäre viel schlimmer, wenn einer von uns wirklich
allein wäre. Hast du dir das schon mal überlegt? Vielleicht sind wir sogar noch
gut dran.“
Die großen gelben Augen öffneten sich wieder und sie drehte den Kopf. „Du bist
wirklich seltsam.“
Zwei Stunden später war der letzte Tropfen aus der Flasche verschwunden. Ailia
war sturzbetrunken, behauptete jedoch das Gegenteil und Trevor überlegte, ob er
noch nüchtern genug war, um sie bis zu ihrem Diskus zu teleportieren. Er
entschied sich dagegen und zog die D’arjo mit sich hoch.
„Komm, Lucie, du kannst nicht hier draußen schlafen.“
Er zog sie hoch und verdrehte die Augen, als sie ihn ärgerlich zur Seite stieß,
als er sie stützen wollte. „Ich schaff das schon“ murmelte sie und stolperte.
Sie wäre gefallen, wenn er nicht automatisch wieder zugegriffen hätte. „Hör
jetzt auf, so kindisch zu sein!“, fuhr er sie an und wankte mit ihr zusammen in
Richtung ihres Diskus. Auch seine Sinne benebelte der Alkohol, doch es ging ihm
bei weitem nicht so schlecht wie der D’arjo. Kichernd bugsierte er sie durch die
Einstiegsluke ins Innere des Schiffes, hörte ihren gemurmelten Protest und
lachte leise.
„Wo ist denn deine Schlafkabine?“ Er sah sich suchend um.
„Nische“, nuschelte sie. „Schlafnische... Geh jetzt.“
Oh je, ging es ihm durch den Kopf, als er die kleine separate Schlafkoje endlich
entdeckte und die D’arjo in diese Richtung schob. Das Bett war einfach nur in
die Wand eingelassen, war gerade so lang wie die zierliche D’arjo und vielleicht
einen Meter breit. Wenn man aufstand oder sich hinlegte, musste man den Kopf
einziehen, da die Höhe ebenfalls nur einen Meter betrug.
Ailia fiel wie ein Stein auf die Matratze und war eingeschlafen. Grinsend deckte
er sie zu.
„Schlaf gut, D’arjo.“
Teil 4
Ein Monat
„Oh toll.“ Ailia sah sich in der Höhle um und strahlte. „Jetzt haben wir ein
richtiges Haus.“
Trevor hatte aus den Schiffen ausmontiert, was möglich war, und in diese Höhle
transportiert. Unter anderem befanden sich ihren Betten jeweils an den gegenüber
liegenden Seiten der Wand und verschiede Utensilien stapelten sich an der
Rückseite.
Da die Temperatur in der Klimazone, in der die Schiffe abgestürzt waren, so
gesunken war, dass es ihnen zu kalt wurde, beschlossen sie, ihr Quartier weiter
in den Süden zu verlegen. Und diese Höhle, in deren Nähe ein kleiner Fluss
floss, entsprach ihren Vorstellungen. Der Fluss wurde aus einer Quelle in der
Nähe der Höhle gespeist, die zwischen den Felsen einen kleinen Teich gebildet
hatte. Wegen dieses Teiches hatte Ailia auf die Höhle bestanden. Trevor hatte
schon festgestellt, dass sie eine Badefanatikerin war. Er musste sie jeden Tag
zu irgendeinem See teleportieren und sollte für die nächste Stunde verschwinden,
in der sie sich im Wasser befand.
Da sie die Schränke nicht abmontieren konnten, hatte Trevor versucht, aus
Baumstämmen und Folien zwei Truhen zu bauen, in denen sie die wenige Kleidung,
sowie Handtücher und Decken, die als Reserven in den Schiffen lagen, verstauen
konnten. Die Truhen sahen sehr provisorisch aus, doch er dachte sarkastisch,
dass er noch viel Gelegenheit haben würde, seine Technik zu verbessern.
Ebenfalls im Innern der Höhle, neben dem Eingang, hatte Ailia einen Faden
gespannt, an dem die Kräuter trockneten, die sie zur Zubereitung ihres Essens
benutzten. Sie hatte es sogar fertig gebracht, aus den Knochen der erlegten
Tiere mit Hilfe der Anleitung in den Archiven ihres Schiffes eine Art Seife
herzustellen. Noch mussten sie sie nicht benutzen, da die Vorräte aus den
Schiffen reichten, doch irgendwann würden sie darauf angewiesen sein.
Trevor sah sich seufzend in der Höhle um. Eigentlich kamen sie sehr gut zurecht.
Besser als er sich vorgestellt hatte, wenn er darüber nachdachte, dass seine
Begleitung eine D’arjo war.
„Wir brauchen irgendetwas, um den Eingang zu verschließen.“
„Ich kann jeden Abend einen Stein davor rollen“, meinte sie unbekümmert und warf
sich auf ihr Bett. „Wow. Jetzt muss ich nicht immer aufpassen, dass ich mir
nicht den Kopf stoße, wenn ich aufstehe.“
Er grinste. „Die Jäger sind nicht dazu gedacht, Wochen darin zu verbringen.“ Er
nahm eine apfelähnliche Frucht aus ihrem Vorrat und setzte sich auf sein Bett.
„Glaubst du noch daran, dass jemand kommt?“ fragte sie plötzlich, ohne ihn
anzusehen.
„Ja. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Ich gebe
die Hoffnung nicht auf.“ Er klang sehr ernst und jetzt drehte sie endlich ihren
Kopf.
„Sie kämpfen da oben ohne uns“, sagte sie leise. „Ob es so etwas wie Verrat ist,
wenn wir uns hier unterhalten?“
Sein Lachen hörte sich bitter an. „Wem sollte es etwas nutzen, wenn wir uns
gegenseitig töten?“
„Einer von uns wird den Planeten als Gefangener verlassen.“
„Ja, D’arjo.“
„Ich hoffe, das bist du.“
Er grinste schief. „Ich hoffe auch, dass du es bist.“
„Weißt du, je länger wir uns hier aufhalten, umso seltsamer wird das Ganze.“
„Was meinst du?“
„Haben Terraner und D’arjo schon einmal miteinander geredet? Vor dem Krieg, mein
ich?“
„Ich weiß nichts darüber.“
„Warum nicht?“
„Ihr D’arjos habt gleich geschossen.“
Ailia fuhr hoch. „Das ist nicht wahr! Ihr habt zuerst geschossen. Ihr seid in
unser Gebiet eingedrungen! Habt ohne zu fragen Planeten besetzt, die uns
gehören!“
„Diese Lügen erzählen sie euch?“ Er grinste sarkastisch.
Ailias Augen begannen, zornig zu funkelten. „Wer sagt, dass eure Version
stimmt!“ Sie sprang auf und kam auf ihn zu. „Unser Volk ist bedeutend älter als
eures. Es ist euer Expansionsdrang! Ihr könnt nicht akzeptieren, dass euch nicht
das ganze Universum gehört. Wir waren zuerst da!“
„Wir konnten nicht ahnen, dass der Planet euch gehört. Ihr kamt und habt
geschossen, ohne zu reden!“ Trevor konnte sich selbst nicht persönlich an den
Beginn des Krieges erinnern. Er lag vor seiner Geburt und war in die
Geschichtsbücher als der Amora-Zwischenfall eingegangen.
„Wir kamen, um euch darauf hinzuweisen und ihr habt geschossen, ohne uns reden
zu lassen!“ schrie sie. „So wie ihr es schon immer getan habt!“ Sie stürzte aus
der Höhle.
Und Trevor dachte zum ersten Mal darüber nach, welche Wahrheit eigentlich
stimmte.
***********
Das Kaninchen verbreitete einen herrlichen Duft. Trevor stocherte in der Glut
und starrte in die aufkommende Dunkelheit. Ailia war noch nicht wieder
aufgetaucht und so schwer es ihm fiel, es zuzugeben, er fing an, sich Sorgen zu
machen. Er hatte mehrfach versucht, sie telepathisch zu erreichen, doch sie
reagierte nicht.
Seufzend drehte er das Kaninchen noch einmal und hob den Kopf, als sie plötzlich
hinter den Bäumen hervor trat. Er ließ sich seine Erleichterung nicht anmerken,
sondern lächelte nur freundlich.
„Was hast du gemacht?“ erkundigte er sich einfach, um ein Gespräch in Gang zu
bringen.
„Mich abreagiert“, knurrte sie nur.
„Hat es funktioniert?“
„Ich denke schon.“
„Vielleicht sollten wir derartige Themen vermeiden“, begann er zögernd, doch sie
unterbrach ihn.
„Nein, Terraner, das sollten wir nicht.“
Er sah sie erstaunt an.
„Ich habe jetzt Stunden darüber nachgedacht und bin zu keinem Ergebnis gekommen.
Ich werde mir jetzt deine ganze Version anhören und dann du meine. Und wenn ich
zurück auf D’arjo bin, vorausgesetzt, ich habe das Glück und meine Leute kommen,
werde ich Fragen stellen.“
„W-was?“ stotterte er völlig durcheinander.
„Verdammt!“ fluchte sie schon genau so wie er. „Man sollte den Feind kennen,
oder? Wer weiß, wie lange wir noch auf diesem verfluchten Planeten herum hängen.
Ich will, dass dieser Punkt jetzt ein für alle Mal geklärt wird. Einverstanden?“
Trevor nickte langsam. „Das ist fair.“
Es wurde eine lange Nacht.
Eine Nacht voller Erzählungen, Diskussionen, Streit und weiteren Erzählungen.
Niemals hatten D’arjo und Terraner auf diese Art und Weise miteinander
gesprochen und würden es vielleicht auch nie wieder. Aber in dieser Nacht kamen
beide, jeder stillschweigend für sich, zu der Erkenntnis, dass jemand dafür
sorgen sollte, dass sich beide Völker an einen Tisch setzten.
***********
Zwei Monate
Ailia hob den Kopf und sprang auf. Sie stürzte an Trevor vorbei in den Wald.
„Komm mit! Sie jagen wieder!“ rief sie aufgeregt.
Er grinste belustigt. Sie hatte sich verliebt. In ihre katzenartigen Verwandten
auf diesem Planeten. Seit sie die Katzen das erste Mal bei der Jagd beobachtet
hatten, wartete die D’arjo jeden Abend aufgeregt auf ein Anzeichen der
beginnenden Jagd und beobachtete die Tiere mit Begeisterung.
Er schlenderte hinter ihr her, obwohl er es noch nie getan hatte, weil er es
nicht unbedingt toll fand, zu sehen, wie die Katzen ihre Beute schlugen. Doch
heute wollte er sich einfach mal ansehen, was sie so in Begeisterung versetzte.
Fünfhundert Meter durch den Wald endete dieser und ging in eine steppenähnliche
Landschaft über. Ailia stoppte abrupt und sah sich erstaunt um, als sie
bemerkte, dass er ihr folgte. Aufgeregt zog sie ihn neben sich auf den Boden.
„Schau nur. Sie sind einfach fantastisch.“ Sie lag auf dem Bauch und stütze sich
mit den Ellenbogen auf.
Sie klang so begeistert, dass er amüsiert das Gesicht verzog und sie von der
Seite ansah.
Und erstarrte. Wow, dachte er kurz und schluckte. Ailias Haare hatten sich
aufgerichtet und ihre gelben Augen funkelten, als wäre sie die Jägerin. In ihrem
halb geöffneten Mund sah er die Fangzähne blitzen und beobachtete fasziniert wie
ihre Zunge heraus schnellte, als sie ihre Lippen befeuchtete.
Ailia schien plötzlich zu merken, dass er sie ansah und drehte den Kopf. Sie zog
langsam die Luft ein und fragte vorsichtig: „Trevor?“
„Deine… deine Haare…“ Ohne zu überlegen hob er seine Hand und fing eine der
dunklen Strähnen zwischen seinen Fingern.
Ailia wurde blass und fühlte entsetzt den Drang, aufzuspringen und davon zu
laufen. Doch er sah sie an, als wäre er verzaubert und sie schluckte, um ihre
Stimme wieder zu finden.
„Trevor?“ brachte sie mühsam hervor.
Es brach den Bann. Er ließ ihre Haare fahren und schüttelte den Kopf, als könne
er selbst nicht glauben, was er getan hatte. „Tut mir leid, Lucie“, murmelte er,
starrte auf seine Hand und dann wieder in ihren entsetzten Blick. „Tut mir leid.
Ich… deine Haare sind komplett aufgerichtet… Ich habe so etwas noch nie
gesehen…“
Ailias Herz hämmerte in ihrer Brust und sie wusste eigentlich nicht, warum.
„Schon gut“, flüsterte sie und versuchte, sich selbst zu beruhigen. „Es… ist
normal. Bei Aufregung oder Wut oder…“ Sie stockte und sagte nicht Erregung, weil
es ihn nichts anging und versuchte, sich wieder auf die jagenden Katzen zu
konzentrieren.
„Lucie, ich wollte dir nicht zu nah treten“, begann er zögernd. „Es war…
einfach… ein Reflex.“
„Ist okay“, murmelte sie. „Ich bin Terraner in so beängstigender Nähe nicht
gewöhnt.“ Sie lächelte verlegen.
Er kicherte leise. „Ich habe gar nicht daran gedacht, dass du eine D’arjo bist.“
Ihr Kopf fuhr herum und er verzog gequält das Gesicht. „Oh je. Falsche Antwort.“
Er wies nach vorn. „Sieh dir deine Lieblinge an.“
Ailia warf ihm noch einen sonderbaren Blick zu, ehe sie ihre Aufmerksamkeit
wieder den Raubkatzen zuwandte. Allerdings dauerte es noch eine ganze Weile, ehe
sich ihr Puls wieder beruhigte.
*************
Es traf sie völlig unvorbereitet. Wenn sie schon etwas länger auf dem Planeten
gewesen wären, hätten sie vielleicht die Anzeichen deuten können. Aber dass ein
Unwetter derart schnell aufzog, hatten sie nicht erwartet. Der Himmel öffnete
alle Schleusen, und innerhalb von Sekunden hatten sie beide keine einzige
trockene Faser mehr am Körper.
„So ein Scheißplanet!“ fluchte Ailia und strich sich ihre tropfenden Haare aus
der Stirn. Völlig sinnlos, da das Wasser unvermindert auf sie nieder prasselte
und sie kaum zwei Meter weit sehen konnten.
Trevor lachte, schnappte ihre Hand und teleportierte.
Und dann sah Ailia entsetzt von der trockenen Höhle aus, wie er wieder in den
Regen hinaus ging und mit ausgebreiteten Armen sein Gesicht zum Himmel hob.
„Herrlich, D’arjo!“ rief er laut und ein Donner unterbrach seine Worte. „Ein
richtig herrliches Sommergewitter!“
„Du bist verrückt!“
„Komm raus!“
Sie lachte und tippte sich in einer typisch terranischen Geste gegen die Stirn.
Dann stellte sie fest, dass sich unter ihr eine Wasserlache bildete und kramte
nach einem Handtuch und trockenen Sachen.
Sollte der Terraner doch noch eine Weile im Regen baden. Sie würde die Höhle
erst wieder verlassen, wenn es nicht mehr in Strömen goss. Dabei war der Regen
nicht kalt, sondern lauwarm und eine sanfte Erfrischung in der Hitze, die im
Moment herrschte.
Sie rubbelte ihre Haare trocken und stellte fest, dass die wenige Kleidung, die
sie trug klatschnass an ihrem Körper klebte. Und plötzlich ging ihr auf, dass
sie sich umziehen musste und der Terraner in der Nähe war.
Nervös blinzelte sie zum Höhleneingang. In den vergangenen Wochen waren sie sich
stillschweigend aus dem Weg gegangen, oder hatten die Gelegenheit wahrgenommen,
wenn der andere nicht in der Nähe war, um die Kleidung zu wechseln. Genau so wie
sie beide ihre bevorzugten Zeiten hatten, wenn sie den kleinen Badeteich
nutzten. Und jeder von ihnen hatte stillschweigend die Privatsphäre des anderen
respektiert. Jetzt starrte sie auf den Höhleneingang und überlegte, was sie tun
sollte.
Prustend und noch immer lachend stolperte Trevor in die Höhle und verstummte
verblüfft, als ihn Ailia mit großen Augen anstarrte.
„Was ist?“
„Ich… muss mich umziehen.“
„Ich dreh mich um“, meinte er vergnügt und kramte in seiner Truhe nach einem
Handtuch und anderer Kleidung. Sie rührte sich nicht und er drehte sich wieder
um. „Heh, D’arjo, sei nicht schüchtern. Ich verspreche dir, meine Augen zu
zumachen.“
Er lachte plötzlich los. „Obwohl diese nasse Kleidung jetzt nicht mehr viel
verbirgt.“
Ailia fühlte, wie sie feuerrot anlief und verfluchte sich dafür. Grinsend drehte
er sich zur Wand. „Mach endlich. Ich will auch aus der nassen Kleidung raus.“
Sie biss die Zähne zusammen, entledigte sich in Rekordzeit ihrer Kleidung und
schlüpfte in trockene. „Ich bin fertig“, knurrte sie und war wütend auf sich
selbst.
Trevor trocknete seine eigenen, viel zu lang gewordenen Haare und zog sich sein
nasses Shirt über den Kopf. „Ich mag Regen“, sagte er, wie zu sich selbst. „Wenn
er nicht tagelang geht, ist er einfach herrlich.“ Weil sie nicht antwortete,
warf er einen kurzen Blick in ihre Richtung. Er fing an zu grinsen, als er
bemerkte, dass sie ihn anstarrte und legte den Kopf schief. „Du möchtest mir
beim Umziehen zusehen?“
„Nein!“ schrie sie erschrocken, fuhr herum und fühlte schon wieder ihre Wangen
glühen.
Er kicherte leise. „Wenn du neugierig bist, brauchst du es nur zu sagen. Ich bin
nicht schüchtern.“ Er schlüpfte aus seiner Hose und zog die trockene an. „Mich
würden die körperlichen Unterschiede zwischen D’arjos und Terranern schon
interessieren…“
„Mich interessieren sie nicht!“ Dann schielte sie über ihre Schulter. „Bist du
fertig?“ Und stellte beruhigt fest, dass er zumindest seine Hose trug. Sie
kramte nach ihrem Kamm und setzte sich auf ihr Bett. Ihre Haare waren schon
wieder hoffnungslos verfilzt und sie fluchte leise, als sie mit ihnen kämpfte.
Schließlich warf sie frustriert den Kamm auf das Bett und suchte eine Schere.
„Was hast du vor?“ unterbrach er sie plötzlich, als er die Schere in ihrer Hand
sah.
„Wie sieht es aus? Ich werde diese dämlichen Haare abschneiden. Ich habe es
satt, jeden Tag mit dem Filz zu kämpfen.“
„Bist du verrückt?“ Er zog endlich sein frisches Shirt über und kam auf sie zu.
„Ich glaube nicht, dass ich dich um Erlaubnis fragen muss, oder?“ Sie runzelte
die Stirn. „Außerdem will ich sie nicht kurz schneiden, sondern nur kürzen. Aber
das ist nicht dein Problem.“
Sie setzte die Schere an und er beobachtete mit großen Augen, wie ca. zwanzig
Zentimeter dieser Lockenpracht, um die sie jede Terranerin beneidet hätte,
verschwanden. Sie waren jetzt immer noch so lang, dass sie über ihre Schultern
fielen und sicherlich viel einfacher zu handhaben. Ailia hob erstaunt ihre
Augenbrauen, als sie bemerkte, wie er den abgeschnittenen Haarhaufen musterte.
Trevor zuckte unsicher mit den Schultern. „Mir haben deine Haare gefallen“,
murmelt er nur.
Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und griff, um sich ihre Unsicherheit
nicht anmerken zu lassen, wieder nach dem Kamm.
„Könntest du… vielleicht… meine auch etwas kürzen?“ Ailias Hand mit dem Kamm
sank nach unten und sie sah so ungläubig aus, dass er lachen musste. „Okay, dann
nicht. Irgendwann sind sie so lang, dass ich sie selber irgendwie abschneiden
kann.“
„Nein“, unterbrach sie ihn. „Ich… ich denke schon, dass ich das… kann.“
„Sicher?“
Sie nickte und wies ihn an, sich auf den Boden zu setzen. „Ich habe aber keine
Ahnung davon. Kann sein, du siehst dann etwas zerrupft aus.“
Trevor grinste. „Keine Sorge. Es sind im Moment keine Terranerinnen in meiner
Nähe, die ich beeindrucken möchte.“ Ailia lächelte leicht. „Schneid sie einfach
etwas ab, damit sie mir nicht dauernd in den Augen hängen.“
Als sie die Schere ansetzte, ging ihr wieder einmal durch den Kopf, wie unreal
diese Situation war. Die Haare des Menschen waren feiner als d’arjotische Haare
und fast so weich wie das Fell eines Kamusini. Auf Grund seiner überraschten
Reaktion vor einiger Zeit war ihr klar, dass diese Haare nicht ein solches
Kommunikationsmittel darstellten wie ihre und sie wunderte sich, warum Menschen
sie überhaupt hatten.
„Ich habe nicht einmal einen Spiegel, um dein Werk zu begutachten“, hänselte er
sie, als sie fertig war und hielt die Luft an, als sie plötzlich um ihn herum
trat, wie eine echte Friseuse an seinen Haaren herumzupfte und sie hinter seine
Ohren strich. Sie schien so vollkommen in ihre Tätigkeit vertieft, dass sie gar
nichts anderes wahrnahm. Dafür nahm er umso mehr die Berührungen ihrer Finger
wahr.
„Okay“, begutachtete sie ihr Werk und schlug ihre Hand vor den Mund, als sie
seinen eigenartigen Blick bemerkte. „Gott, ich… ähm… du bist fertig. Du siehst…
wie ein Mensch aus.“
Er bemerkte fasziniert, dass sie wieder rot wurde. „Danke.“
Sie winkte verlegen ab. „Ich denke, ich habe es gut hinbekommen.“
Trevor stand auf und sie versuchten, die am Boden liegenden Haare notdürftig,
soweit es ohne Besen möglich war, zur Seite zu schieben. Dann warf er sich auf
sein Bett. „Was essen wir denn heute, wenn wir kein Feuer machen können?“
Ailia begann wieder, ihre Haare zu kämmen und lächelte, als ihr aufging, wie
einfach ihr Leben geworden war. Das einzige, um was sie sich Gedanken machen
musste, war etwas zu essen und nicht einmal das war auf diesem Planeten ein
Problem.
Drei Monate
„Weißt du eigentlich, dass wir noch immer diese Reserveflasche Whisky haben?“ fragte Trevor eines Abends, als sie müde vom vielen Essen neben dem Feuer lagen und in die beginnende Dämmerung starrten. „Wir waren noch nicht wieder in einer derart depressiven Stimmung, dass wir sie benötigt hätten.“
„Ich kann mich noch sehr gut an die Kopfschmerzen beim letzten Mal erinnern. Ich trinke nichts mehr“, stellte die D’arjo klar. Sie kaute gedankenverloren einen der Äpfel und starrte in die Luft.
„Ich möchte D’arjo sprechen lernen“, sagte er plötzlich.
Sie sah ihn erstaunt an. „Plötzlich?“
„Wir haben eh nichts Besseres zu tun. Bringst du es mir bei?“ Er grinste. „Ich kann mich nicht entsinnen, jemals so viel Freizeit gehabt zu haben.“
„Sicher. Kein Problem.“ Ailia setzte sich auf und warf den Rest des Apfels in den Wald. „Weißt du, dass ich seit Tagen nicht mehr darüber nachdenke, ob und wann eventuell ein Schiff kommen könnte?“
„Ich denke jeden Tag daran“, entgegnete er düster. „Ich habe mal gesagt, dass ich die Hoffnung nicht aufgebe, aber jeden Tag zerbröckelt diese Hoffnung ein Stück mehr.“ Er sah, dass ihn die D’arjo mit großen Augen anstarrte. „Hast du eigentlich Familie? Eltern? Einen Freund?“
Er konnte nicht ahnen, was er mit dieser einfachen Frage anrichtete. Ihr Gesicht fiel in sich zusammen und sie schluckte einen Moment krampfhaft, ehe sie heraus brachte: „Eltern.“
Trevor runzelte die Stirn und war sich nicht ganz sicher, was oder ob er überhaupt etwas sagen sollte. „Meine Eltern sind tot. Ein Unfall. In meiner Kindheit“, sagte er unsicher, weil sie aussah, als würde sie gleich weinen.
„Keine Freundin?“ fragte sie leise.
Er schüttelte den Kopf. „Irgendwie“, meinte er zögernd. „dachte ich, es wäre nicht richtig… Ich meine, ich kann jeden Tag sterben. Und dann wird diese Nachricht einem Menschen gebracht, den man liebt… Es reicht, wenn meine Freunde damit leben müssen.“
Er sah plötzlich fassungslos, wie sich Ailias Augen mit Tränen füllten. „Lucie?“
Sie blinzelte kurz, holte tief Luft und sagte leise. „Ich war verheiratet.“
Er wagte fast nicht, weiter zu sprechen. „War?“
Ailias Hände fingen an zu zittern. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme ihr kaum noch gehorchte. „Er ist tot. Im Kampf gegen Terra gefallen“, stieß sie hervor und sprang auf, als die Tränen ihre Wangen hinunter liefen.
Trevor sah ihr entsetzt nach, als sie in den Wald stürzte. Das hatte er nicht gewollt. Er war ein Idiot. Zögernd stand er auf und folgte ihr. Er wusste nicht, ob es richtig war, aber er brachte es jetzt einfach nicht fertig, sie irgendwo allein weinen zu lassen. Auch wenn es die Schuld von Menschen war.
Ailia saß an dem kleinen Teich und hatte den Kopf in ihren Armen vergraben. Er sah, wie ihre Schultern zuckten, hörte die leisen Schluchzer und fühlte sich scheußlich. Vorsichtig setzte er sich neben sie.
„Geh!“ schniefte die D’arjo. „Lass mich bitte allein.“
„Es tut mir leid“, sagte er leise, hob zögernd seinen Arm und strich beruhigend über ihren Rücken. „Es tut mir leid, Lucie.“
Sie reagierte nicht, stieß aber seine Hand auch nicht von sich, sondern schluchzte nur noch lauter. Und Trevor war plötzlich egal, was sie denken würde. Er hatte noch nie Frauen weinen sehen können.
Und dass es eine D’arjo war, spielte in diesem Moment auch keine Rolle. Er schlang seine Arme um sie und zog sie an sich. Erstaunt fühlte er, dass sie es geschehen ließ, ja, sogar dass sie ihr Gesicht an seinem Hals vergrub, ihre Arme um ihn schlang und noch lauter weinte. Seine Hände strichen beruhigend über ihre Haare und er murmelte sinnlose Worte, die sie sicherlich gar nicht wahrnahm, aber er spürte, wie das Beben ihres Körpers abklang, bis sie einfach nur noch an ihm lehnte. Er wagt nicht, sich zu rühren, einerseits, weil er nicht wusste, ob ihr richtig bewusst war, dass sie sich an einen Terraner klammerte, andererseits, weil ihm das Gefühl, sie ihm Arm zu halten, einfach gefiel.
Es dauerte eine ganze Weile bis sie ihren Kopf hob und ihn durch den Tränenschleier ansah.
„Es tut mir leid“, flüsterte er wieder, ohne sie los zu lassen und ohne sich zu rühren. „Ich wollte es nicht. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich nie…“
„Es ist nicht deine Schuld“, unterbrach sie ihn. Sie löste sich vorsichtig aus seiner Umarmung und strich sich fast verlegen über das Gesicht. „Ich bin so… Gott, ich dachte, ich bin darüber hinweg. Doch… der Gedanke daran… ich meine, als du das sagtest… Sie kamen zu mir mit der Nachricht.“ Sie starrte auf den See und wieder sah er Tränen aus ihren Augen laufen. „Natürlich wusste ich es. Ich wusste, dass er in einem Jägerdiskus sitzt und Feindkontakt hat. Jeden Tag. Aber den Gedanken, dass er wirklich sterben könnte, schiebt man weit von sich… und dann standen sie vor meiner Tür und ich wusste es sofort…“ Sie schluckte und wischte sich über die Augen. „Ich habe gedacht, ich würde auch sterben… ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich ohne ihn weiter leben sollte… Ich wollte sterben…“
Trevor wusste nicht, was er sagen sollte. Weil eigentlich jedes Wort falsch und unangebracht war. Er sollte sich über jeden gefallenen Gegner freuen. Aber im Moment wünschte er sich, kein Terraner zu sein. Und er wünschte sich, sie trösten zu können.
„An diesem Tag ist etwas in mir gestorben“, fuhr sie noch immer leise fort. „Und ich habe mich entschieden, seinen Weg fortzusetzen und eine D’arjari zu werden. Eine heilige Kriegerin…“
„Wie lange ist es her?“ wagte er endlich zu fragen.
„Fünf Jahre. D’arjojahre.“ Sie schloss einen Moment die Augen. „Ich habe mich nie wieder verliebt…“
Trevors Hände ballten sich zu Fäusten. „Dieser ganze Krieg ist Irrsinn“, flüsterte er heiser.
Ailia lächelte traurig und sah ihn von der Seite an. „Das gerade war sehr… nett von dir.“
Er erwiderte ihren Blick nur stumm und erstarrte, als sie etwas tat, womit er nie gerechnet hätte. Sie beugte sich nach vorn und küsste ihn kurz auf die Wange. „Danke.“
Vielleicht sollte jemand D’arjos und Menschen einmal zusammen sperren. Ohne Waffen. So dass sie reden mussten…
Sie blieben noch eine ganze Weile schweigend an dem See sitzen. Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und doch froh darüber, nicht allein zu sein.
********
Vier Monate
Ailia kam mit einem kleinen Körbchen voller Pilze aus dem Wald hervor und wunderte sich über die Stille in ihrem Lager. Von einer unguten Ahnung getrieben ging sie in die Höhle und schrak zusammen, als sie sah, dass Trevor auf seinem Bett lag.
„Was ist passiert?“ fragte sie erschrocken, als sie bemerkte, wie bleich er war.
Er öffnete seine Augen und murmelte nur. „Ich fühle mich nicht gut. Schätze, ich habe mir irgendeinen planetaren Virus eingefangen…“ Seufzend strich er sich über die Stirn. „Mein Hals ist rau und meine Nase läuft. Bestimmt so was wie ein Erkältung…“
Ailia legte die Hand auf seine Stirn und fuhr zusammen. „Du bist glühend heiß.“ Panik erfasste sie, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte. „Medikamente“, stammelte sie. „Hast du irgendwelche Medikamente?“
Er deutete schwach auf seine Truhe. „Antibiotika. Keine Ahnung, ob sie wirken…“
Ailia stürzte zu der Truhe und wühlte in seinen Sachen, bis sie den Notfallkoffer fand. Hektisch durchstöberte sie die Pillen und Tropfen. „Ich kann Terranisch nur schlecht lesen“, murmelte sie und kam wieder an sein Bett. „Ist das das Richtige?“ Mühsam öffnete Trevor wieder seine Augen und nickte.
Sie holte Wasser und gab ihm den Becher mit den Tabletten. Angst erfasste sie, als sie den Schweiß auf seiner Stirn glänzen sah. „Was kann ich denn tun? Kann ich dir helfen?“
Er sank auf das Bett zurück. „Ich bin einfach nur müde.“
„Tee. Ich kann Tee machen.“ Sie versuchte, sich an irgendwelche erste-Hilfe-Seminare zu erinnern. „Und eine schöne Brühe.“
„Lass mich einfach schlafen.“
Ailia sprang auf und lief ruhelos in der Höhle auf und ab. Schlaf war auch gut. Sie sah, dass er die Augen wieder geschlossen hatte und hörte, wie keuchend sein Atem ging.
„Mist“, murmelte sie, so dass er es nicht hörte, trat an sein Bett und deckte ihn richtig zu. „Mach bloß keinen Scheiß, Terraner. Du wirst mich hier nicht allein lassen.“
Sie verließ das Lager nicht mehr. Um sich abzulenken, putzte sie die Pilze, brutzelte sie über dem Feuer und aß zum ersten Mal allein. Ohne sich zu bewegen fixierte sie die Baumwipfel auf der Suche nach essbaren Vögeln und tötete zwei größere Exemplare, von denen sie wusste, dass sie eine gute Brühe abgaben. Schließlich musste Trevor irgendetwas essen.
Ab und zu sah sie nach ihm und bekam immer mehr Angst. Sie erinnerte sich daran, dass fiebernde Personen irgendwie abgekühlt werden sollten und verschwand zur Quelle, um Wasser zu holen. Mit einem Lappen tupften sie den Schweiß von seiner Stirn und wünschte sich, über mehr medizinisches Fachwissen zu verfügen.
„Du musst etwas trinken, Trev“, murmelte sie.
Sie hätte weinen können, als sie ihm helfen musste, die Brühe zu schlürfen und hoffte, dass es sie nicht auch noch erwischte. Dann fing er plötzlich ihre Hand.
„Lucie“, stieß er hervor. „Bring… mich raus…“
„Was?“ Sein Gesichtsausdruck sagte ihr, was er für ein Problem hatte. „Ich kann dir helfen.“
„Nein!“ Er fing an zu husten. „Bring mich raus und… lass mich allein…“
Mit Hilfe ihrer telekinetischen Kräfte war es für sie kein Problem, aber sie sah, wie er zusammen sank und ihr Herz schnürte sich zusammen. „Trev, ich…“
„Geh!“ sagte er wieder.
Mit verschränkten Armen lief sie in der Höhle auf und ab und wartete ungeduldig, dass er sich wieder meldete. „Dummer Terraner“, schimpfte sie leise und fuhr zusammen, als er plötzlich am Eingang auftauchte.
„Bist du verrückt!“ Sie stürzte auf ihn zu und half ihm zum Bett. Und stellte fest, dass sein Shirt schweißnass war.
„Du dummer, dummer Terraner“, jammerte sie, als sie ihn auf das Bett setzte. „Ich werde dir jetzt aus den Sachen helfen, ja?“ Sein Kopf sank gegen ihre Brust und sie schloss für einen Moment in ohnmächtiger Verzweiflung die Augen. „Trev, hörst du? Mach mit.“ Sie zog ihm das Shirt über den Kopf und warf es zur Seite. Als sie seine Hose öffnen wollte, griff er wieder nach ihrer Hand.
„Nein.“
„Was nein?!“ Sie wurde langsam hysterisch. „Hör jetzt auf mit dem Scheiß!“ Er sank auf das Bett, als sie ihn zurück drückte.
„Hab nichts drunter, Lucie…“
Verdammt!
„Was?! Gibt es bei euch keine Unterwäsche?“ Er antwortete nicht und sie stellte fest, dass er entweder eingeschlafen oder bewusstlos geworden war. „Ich drehe durch“, flüsterte sie leise. „Ich drehe durch. Was mache ich denn nur?“
Sie legte die Hand an seine Stirn und stellte fest, dass er noch immer glühend heiß war. Deshalb holte sie einfach wieder das kühle Wasser, wusch ihm den Schweiß von der Stirn und von seinem Oberkörper. Dann überlegte sie, was besser wäre, ihm ein neues Shirt anzuziehen oder nicht. Sie entschied sich dagegen, da es sehr warm war und sie so seinen Körper besser kühlen konnte.
Irgendwann in der Nacht fing er an, sich hin und her zu wälzen. Ailia, die sowieso kaum geschlafen hatte, fuhr von ihrem Bett hoch und stürzte zu ihm. Seine Zähne klapperten und er schien am ganzen Körper zu zittern. Sie zog die Decke bis zu seinem Hals und holte ihre eigene noch dazu, weil sein Zittern sich noch zu verschlimmern schien.
Tränen traten in ihre Augen. „Trev, wenn du stirbst, erschieß ich mich. Hast du gehört?“ Er reagierte nicht und zitterte, als wären es Minusgrade und keine lauwarme Nacht, die man eigentlich unter zwei Decken nicht aushalten konnte.
Ailia zögerte, doch dann schlüpfte sie zu ihm unter die Decken und schlang ihre Arme um ihn, um ihn mit ihrer eigenen Körperwärme zu helfen. „Ich will nicht, dass du stirbst“, murmelte sie und fühlte, wie er sich an sie kuschelte und sich etwas zu beruhigen schien. „Ich will nicht allein sein.“
Sie schlief nicht in dieser Nacht. Trevors Zustand wechselte von Zittern über Schwitzen wieder zu Zittern. Er warf die Decken von sich, sein Körper bedeckte sich schlagartig mit Schweiß und im nächsten Augenblick fing er wieder an zu frieren und die D’arjo kroch zu ihm unter die Decken und hielt ihn, bis er sich beruhigt hatte.
Am nächsten Morgen fühlte sie sich wie gerädert und war einfach nur froh, dass er überhaupt noch lebte. Sie verbrachte den ganzen nächsten Tag damit, ihn in den wenigen Momenten, in denen er ansprechbar war, etwas zu trinken und Brühe einzuflößen.
Dann wurde er so wach, dass er störrischer Weise darauf bestand, von ihr vor die Höhle gebracht zu werden und sie schrie ihn an, dass das idiotisch wäre und tat es trotzdem. Und dann fiel er wieder in diesen dämmrigen Halbschlaf, in dem er sich ruhelos hin und her warf, die Decken von sich warf und sich dann wieder darin einmummelte, als würde er erfrieren.
Und in der Nacht schlief Ailia wieder an seiner Seite, zumindest die wenigen Stunden, in denen er Ruhe fand.
***********
Es war am dritten Tag, als sie die Höhle betrat und ihren Korb fallen ließ, weil er sie anschaute. Nicht mit diesem fieberglänzenden wirren Blick, sondern klar und einfach müde.
Sie stürzte zu seinem Bett und sank neben ihm auf den Boden. Er sagte auch nichts, als sie die Hand hob und an seine Stirn legte. Die Erleichterung brach mit solcher Wucht auf sie herein, dass sie aufschluchzte. Ihr Kopf fiel auf seinen Arm und sie schloss einen Moment die Augen. Bis sie seine Hand in ihren Haaren spürte. Sie hob ihren Kopf wieder und lächelte müde. Und glücklich.
„Wie lange?“ fragte er und seine Stimme klang kratzig.
„Drei Tage.“ Sie sprang auf und stürzte zum Feuer, wo sie den ganzen Tag die nahrhafte Brühe warm hielt für den Fall, er würde aufwachen. Mit neu erwachtem Lebensmut schöpfte sie etwas von der Flüssigkeit in eine Tasse und setzte sich zu ihm ans Bett.
Er grinste schief. „Ich fühle mich ganz schön zerschlagen.“ Ächzend stemmte er sich hoch und sah sie überrascht an, als sie den Arm um ihn legte und stützte.
„Du hast mir Angst eingejagt“, schimpfte sie und grinste, als er stirnrunzelnd verfolgte wie sie ihm die Tasse gab, ohne ihn los zu lassen. „Schau nicht so ungläubig. Wer, glaubst du, hat dich die ganzen drei Tage verhätschelt?“
„Verhätschelt?“
„Ich bin die perfekte Krankenschwester“, stellte sie klar. „Und da du jetzt wach bist, musst du endlich diese verschwitzte Hose wechseln. Du hast dich strikt geweigert, mich das tun zu lassen.“
Trevor verschluckte sich fast an der Brühe und fing an zu husten. „Du… du wolltest mir die Hose ausziehen?“
„Du warst klatschnass geschwitzt“, verteidigte sie sich. „Und dann hast du wieder gefroren. Es wäre viel einfacher gewesen, dich warm zu halten oder dich abzukühlen, wenn du nicht dieses feuchte Kleidungsstück am Leib gehabt hättest.“
Er sah erstaunt auf sein Bett. „Zwei Decken?“
Ailia nickte. „Noch eine Tasse?“ Als er zustimmend nickte, füllte sie sie neu, setzte sich wieder auf das Bett und reichte sie ihm. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Du hast einfach nicht aufgehört zu zittern.“
„Hast du nicht gefroren ohne Decke?“
„Ähm“, begann sie und fuhr sich nervös durch die Haare. „Die zwei Decken haben nicht gereicht…“
Sein Kopf fuhr herum und er sah, wie eine leichte Röte in ihre Wangen kroch. „Du… du hast mit in meinem Bett geschlafen?“ fragte er fassungslos und setzte die Tasse ab.
„A-also geschlafen k-kann man das nicht nennen“, stotterte sie. „Ich meine, ich wusste nicht, was ich machen sollte… und ich konnte dich nicht fragen, ob… ob es dir unangenehm ist… und… du hast dich immer gleich beruhigt… ich dachte, es wäre richtig…“
Er stoppte ihren Redeschwall, indem er den Arm um ihren Hals legte, sie an sich zog und seine Lippen kurz auf ihren Mund presste. Sie starrte ihn komplett geschockt an und er grinste müde. „Danke.“ Dann sank er wieder auf das Bett zurück. „Ich denke, du hast mir das Leben gerettet.“
Ailia benötigte einige Sekunden, um sich zu fangen. Auf ihren Lippen brannte noch immer das Gefühl seines Mundes und sie fragte sich entsetzt, warum sie nicht schreiend aus der Höhle lief. „Wieso… bin ich nicht krank geworden?“ stieß sie hervor.
„Vielleicht weil dein Metabolismus nicht auf diese Erreger reagiert? Keine Ahnung.“
Sie stand auf und suchte in seiner Truhe nach einer sauberen Hose. „Hier.“
„Ich möchte baden.“
„Du wirst jetzt diese Hose anziehen und schlafen“, kommandierte sie. „Ohne Widerrede! Sonst tue ich es!“
Er lächelte müde und sah sie aus den Augenwinkeln wortlos die Höhle verlassen, als er seine Hose abstreifte. Er wollte es nicht zugeben, aber der Gedanke, dass sie die letzten drei Nächte an seiner Seite geschlafen hatte, war einfach… unfassbar.
Und er wünschte sich plötzlich, dass sie es nicht nur getan hatte, weil sie Angst hatte, allein zu sein.
**********
Als er wieder aufwachte, dämmerte es und er fühlte sich bedeutend besser. Schlapp und ausgelaugt ja, aber das Fieber war zurückgegangen und er befand sich eindeutig auf dem Weg der Besserung. Ächzend stemmte er sich hoch und kam sich vor wie ein Baby, das seine ersten Schritte versuchte.
Ailia sah alarmiert hoch, als sie ihn im Eingang der Höhle bemerkte. Er blinzelte in die letzten Reste des Tageslichtes.
„Was hast du vor?“
„Ich will jetzt, verdammt noch mal, baden“, murmelte er.
Sie sprang auf. „Das ist eine blöde Idee.“
„Mir egal“, sagte er störrisch und ging langsam zur Quelle. Ailia folgte ihm auf den Fersen.
„Du bist ein sehr starrsinniger Terraner. Auf einen Tag kommt es nicht an“, versuchte sie ihn davon abzuhalten.
„Ich stinke.“
Sie knurrte leise und er blieb bei dem Geräusch überrascht stehen. Ihre Haare standen wieder einmal zu Berge und gaben ihr ein eigenartiges Aussehen. Doch sie sah seinem Gesicht an, dass ihn niemand von seinem Entschluss abbringen konnte. Seufzend folgte sie ihm durch den Wald.
„Was wird das, D’arjo?“ fragte er misstrauisch, als sie an der Quelle ankamen.
„Ich möchte nur sicher gehen, dass du nicht unterwegs umkippst und all meine Bemühungen umsonst waren!“ fauchte sie gereizt.
„Mir geht es gut. Etwas schwach, aber mir geht es gut“, sagte er leise.
Ailias Blick flackerte und sie verfluchte sich selbst für die Sorgen, die sie sich um einen Terraner machte. Sie holte tief Luft. „Ich… kann dir helfen.“
Etwas in Trevors Augen irritierte sie und sie sah, wie er die Kiefer aufeinander presste. „Geh, D’arjo. Bitte.“
„Trev, ich…“, begann sie unsicher.
„Geh!“ schrie er unbeherrscht und sie fuhr herum und stürzte in den Wald.
Trevor sank zu Boden und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Er versuchte, tief durch zu atmen und sich selbst zu beruhigen. Doch die Aufruhr, die ihre Worte in seinem Körper angerichtet hatte, ließ sich nur schwer beseitigen.
Und wenn sie ihren Blick nur etwas tiefer an seinem Körper gerichtet hätte, wäre sie wahrscheinlich von allein geflohen. Ein Terraner, den der Gedanke, dass ihm eine D’arjo beim Baden half, erregte…
Sie wollte ihm nur helfen. Allein das war schon eine Sensation. Aber schließlich hatte er ihr bei dem Absturz genau so geholfen. Sie waren quitt.
Seufzend streifte er seine Hose ab und hoffte, dass das kalte Wasser seine Erregung abklingen lassen würde.
Es war krank. Und er konnte sich nicht damit heraus reden, dass er zu lange keinen Sex gehabt hatte. Er hatte schon viel länger ohne verbracht. Das Leben an der Front brachte in dieser Hinsicht nicht sonderlich viel Abwechslung mit sich.
Er seifte sich ein, wusch seine Haare und fühlte sich endlich wieder richtig sauber. Ohne dass sich sein Problem von allein löste, kroch er wieder ans Ufer und er fühlte sich schwächer als vorher. Baden *war* eine blöde Idee. Aber der Gedanke, noch eine Nacht so zu stinken, gefiel ihm noch weniger.
Er zog seine Hosen wieder an und stöhnte leise, als er den Stoff über seiner Erektion verschloss. Da er sich noch nicht in der Lage fühlte, den Weg zur Höhle wieder zurück zu legen, fiel er in das Gras. Vielleicht würden ein paar Minuten Ruhe ihm helfen.
Teil 6
Ailia war wütend. Auf seine Unvernunft und auf seinen, ihrer Meinung nach,
ungerechten Ausbruch. Sie verstand vollkommen, dass ihn der Gedanke, dass ihm
eine D’arjo beim Baden half, anekelte, aber sie waren allein und es war niemand
anderes da, der ihm helfen konnte. Zumindest soviel Verstand sollte auch in
einem terranischen Gehirn sitzen.
Ihre Wut legte sich auch nicht, als er nach einer halben Stunde noch immer nicht
zurückkam, sondern wurde nur noch größer. Sie sprang auf und lief wieder zurück
zu der Quelle.
Er lag im Gras und für einen Moment fühlte sie mehr Sorge als Wut. Doch dann sah
sie, dass er die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte, in den jetzt
sternenübersäten Himmel starrte und vergaß die Sorge.
Trevor schrak hoch, als sie neben ihm ins Gras plumpste und sein erster Impuls
war, aufzuspringen und zu flüchten. Doch sie sah ihn gar nicht an, sondern
starrte in das Wasser. Ihre Haare standen wieder zu Berge und er nahm an, dass
sie wütend war. Zu Recht.
„Ich wollte dir helfen, Terraner“, stieß sie hervor. „Du hast niemand anderen
auf diesem Planeten. Ich weiß, dass der Gedanke, sich von einer D’arjo helfen zu
lassen, wahrscheinlich sehr abstoßend ist… Aber wir sind hier allein! Und es
kann jeder Zeit wieder eine derartige Situation eintreten.“
Trevor hatte außer dem Wort ‚abstoßend’ nichts mehr verstanden. „Was?“ fragte er
völlig verdutzt.
Sie fuhr herum und starrte ihn mit funkelnden Augen an. „Wir sind in einer Lage,
wie es nie zuvor Menschen und D’arjo waren. Sollten wir noch länger hier
bleiben, ist es durchaus möglich, dass wir immer wieder in Situationen kommen,
die uns erschrecken… abstoßen… oder anekeln. Einfach, weil hier zwei Arten
aufeinander treffen, die sich sonst nur abschießen. Ich meine, es ist ganz
natürlich und… verständlich…“
Trevor fing ihre gestikulierende Hand. „Du… wolltest mir helfen, obwohl du den
Gedanken… abstoßend fandest?“ fragte er zögernd.
„Ich rede von dir, du Dummkopf“, fuhr sie ihn an und bemerkte zu spät, dass sie
damit sagte, dass sie es nicht abstoßend fand. „Ich meine natürlich…“
Sie erstarrte, als sich seine Augen verengten und er ihre Hand mit einer
schnellen Bewegung gegen seine Hose presste. „*Ich* fand den Gedanken nicht
abstoßend!“
Ailia rührte sich nicht, zog auch ihre Hand nicht weg, sondern starrte ihm nur
fassungslos in die grauen Augen. „Ist es das, was ich denke?“ piepste sie.
Seine Augenbrauen hoben sich spöttisch.
„D-du bist erschöpft und… und ich bin eine D’arjo.“ Oh Gott, ich träume
bestimmt.
„Sieht so aus, als ist das meinem Körper scheißegal“, stieß er hervor. Er ließ
ihre Hand los und er verschränke seine Hände wieder hinter seinem Kopf.
Plötzlich war es ihm auch scheißegal, dass sie seine Erregung sah. „Geh, Lucie“,
sagte er müde und schloss seine Augen.
Das sollte ich wirklich schleunigst tun.
Doch sie schaffte es nicht, sich zu bewegen. Der Gedanke, das eine D’arjo – sie
– einen Terraner erregte, fesselte sie. Fast wie von selbst hob sich ihre Hand
und legte sich auf seinen nackten Bauch.
Trevors Augen flogen auf und sie spürte die Spannung, die plötzlich seinen
ganzen Körper beherrschte. Er sagte keinen Ton, doch sie sah die
Fassungslosigkeit in seinem Blick. Ihre Finger zogen Spuren, die wie Feuer
brannten, auf seiner nackten Haut.
„Es ist recht schmerzhaft, oder“, fragte sie leise. „Jedenfalls bei D’arjos…“
Trevor glaubte plötzlich, keine Luft mehr zu bekommen. „Ja…“ Er zitterte, als
ihre Finger über das feste Material seiner Hose strichen. Und er schnappte nach
Luft, als ihre Finger den Knopf seiner Hose öffneten. Das ist ein Traum…
Ailia beobachtete fasziniert, wie sein Körper reagierte. Es war bei einem D’arjo
normal, aber dass sie die gleiche Reaktion bei einem Terraner auslösen konnte,
war eigenartig und einfach fesselnd.
Obwohl sie es nicht zugeben wollte, war sie neugierig. Sie hob den Blick zu
seinem Gesicht und das Verlangen in seinen Augen jagte eine Art Stromstoß durch
ihren Körper, der sich zwischen ihren Beinen zu einem Schmerz verdichtete. Und
sie wusste im gleichen Moment, dass er es bemerkte. Obwohl er ihre
aufgerichteten Haare nicht deuten konnte, musste ihm sein Geruchsinn in diesem
Moment mitteilen, was los war.
Seine Augen weiteten sich unmerklich und der Gedanke, was sie hier eigentlich
tat, traf sie wie ein Schlag.
Sie sprang wie von einer Tarantel gestochen auf und stürzte in den Wald zurück.
Bin ich verrückt? Bin ich komplett verrückt?
Trevors Kopf fiel resigniert zurück, während seine Hand zum Bund seiner Hose
wanderte und sie gänzlich öffnete. Mit einem festen Griff umschloss er seinen
Schwanz und fragte sich, was zum Teufel die D’arjo erschreckt hatte. Was auch
immer es war, hätte es ihr nicht ein paar Minuten später einfallen können?
Scheiße, es konnte nicht komplizierter werden… Seufzend begann er, an sich
selbst auf und ab zu pumpen.
**************
Ailias Kopf sank auf ihre Knie, als sie ihn spürte, sein Orgasmus durch ihren
Geist fegte und sie schluchzte auf. Sie war an einer anderen Stelle des
Flüsschens gewesen, um sich zu waschen und all die verräterischen Duftspuren zu
beseitigen. Jetzt wusste sie, dass es vergebens gewesen war.
Das Feuer war herunter gebrannt und nur die Glut erhellte noch die Dunkelheit.
Die D’arjo lehnte an der Felswand neben dem Eingang zur Höhle. Sie hatte die
Knie angezogen und vergrub den Kopf in ihren Armen in dem verzweifelten Bemühen
zu verstehen, was in ihr vorging.
Eine halbe Stunde später spürte sie den Terraner zurückkommen und seufzte, ohne
den Kopf zu heben.
Trevor war der Meinung, ewig für die wenigen hundert Meter von der Quelle
hierher zurück benötigt zu haben, weil er sich noch immer so schwach und
zerschlagen fühlte. Er sah die D’arjo an der Wand neben dem Feuer lehnen. Der
Geruch von Seife und Erregung lag in der Luft und er überlegte, dass es
wahrscheinlich besser wäre, sie in Ruhe zu lassen. Leise wollte er an ihr vorbei
gehen, doch ihre Stimme stoppte ihn.
„Ich habe dich gespürt, Terraner.“ Sie klang so verzweifelt und er wusste nicht
einmal, wovon sie sprach. „Warum hast du das getan? Du wusstest, dass ich eine
Telepathin bin. Verdammt…“
Ihr Kopf lag noch immer auf ihren Knien und sie sah ihn nicht an. Trevor trafen
ihre Worte wie ein Schlag. Das konnte nicht sein, oder? Bitte, lass es nicht
wahr sein…
Er sank neben ihr auf die Knie.
„Geh“, bat sie leise. „Bitte geh…“
„Ich hatte keine Ahnung“, murmelte er hilflos und der Geruch ihrer Erregung
benebelte seine Sinne. Er hob seine linke Hand und strich ihr vorsichtig über
die aufgestellten Haare. „Ich wusste es nicht…“ Seine Hand umschlang ihren Hals
und er zog sie an sich. Er spürte, dass sie sich verspannte und seine zweite
Hand streichelte beruhigend ihren Rücken.
„Nicht, Trev“, flüsterte sie und schniefte leise.
Er presste ihren Kopf an sich und seine Lippen wanderten zaghaft über ihren
Hals. „Schließ deine Augen“, hauchte er. „Und stell dir vor, ich wäre kein
Terraner. Lass mich dir helfen…“
Ailia schluchzte auf. Sie schüttelte den Kopf, doch ihre Arme umklammerten ihn
und sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals.
Er zog sie an sich, fühlte, wie sie zitterte und schloss einen Moment die Augen.
Eine D’arjo… Oh Gott, eine D’arjo… Seine Hand wanderte zum Bund ihrer Hose und
öffnete die Knöpfte. Er sagte keinen Ton, weil er nicht wollte, dass ihr wieder
bewusst wurde, wer er war, sondern strich mit seiner linken Hand behutsam über
ihre Haare und presste seine Lippen gegen ihren Hals. Ihre Haut war warm und
weich und roch nach den Kräutern dieses Planeten. Und sie unterschied sich so
gar nicht von der einer terranischen Frau.
Sie seufzte leise, als seine andere Hand ihre Hose ein Stück nach unten streifte
und seine Finger zwischen ihre Beine wanderten. Sie war so feucht und der Geruch
ihrer Erregung wurde so stark, dass er wahrscheinlich die Beherrschung verloren
hätte, wenn er sich selbst nicht so schwach fühlen würde.
Ailias Körper bebte, als seine Finger begannen, sie zu streicheln und sie fing
an, leise zu knurren. Es war ein Ton, der nicht gefährlich klang und Trevor
stellte fest, dass das Gefühl der Vibrationen gegen seinen Hals einfach einmalig
war. Er stieß einen Finger in sie, hörte das Knurren in ein Fauchen übergehen
und presste ihren Kopf an sich, als seinem ersten Finger ein zweiter folgte,
während seine Daumen den sensiblen Punkt zwischen ihren Beinen massierte.
Ailias Körper brannte. Ihre Arme umklammerten den Hals des Terraners und alles
um sie herum zerrann zur Bedeutungslosigkeit. Alles, außer dem, was seine Hände
mit ihr anstellten. Sie öffnete ihre Augen nicht. Vielleicht war es richtig, was
er gesagt hatte. Denk, es wäre ein D’arjo. Bloß wie sollte sie, wenn das letzte
Mal, dass ihr jemand einfach nur diese Zärtlichkeit geschenkt hatte, fünf Jahre
zurück lag? Sie spürte, wie sich die Wellen der Lust in ihrem Körper sammelten
und knurrte wieder leise. Als würde er es ahnen, presste er seine Finger gegen
sie und die Lichter explodierten in ihrem Kopf.
Trevor umklammerte sie genauso wie sie ihn, als ihn die mentale Welle ihres
Orgasmus traf. Oh Gott. Das hatte sie gemeint…
Sein Kopf sank auf ihre Schulter, er spürte sie beben und ihre Zähne, die sich
in seinen Hals gruben, ohne ihn zu verletzten. Irgendwo entfernt dachte er, dass
es mit diesen Zähnen sicherlich zum d’arjotischen Sex gehörte und er froh sein
konnte, dass sie nicht auch noch ihre Krallen benutzte, dann verschwamm alles um
ihn herum, weil ihr Gefühlsausbruch ihn mit sich riss.
Es dauerte eine ganze Weile bis er wieder in der Lage war, seinen Kopf zu heben
und er spürte, wie sich auch die D’arjo bewegte. Seine Hand befand sich noch
immer zwischen ihren Beinen und er zog sie vorsichtig von ihr weg.
Ailia hob den Kopf und eine seltsame Mischung lag in ihrem Blick. Faszination
und Abscheu, wahrscheinlich vor sich selbst oder vor dem, was sie zugelassen
hatte, oder vielleicht auch vor ihm. Sie holte noch immer keuchend durch ihren
halb geöffneten Mund Luft und Trevor schaffte es nicht, sich zu beherrschen.
Seine Hand, die noch immer um ihren Hals lag, zog sie an sich und sein Mund
presste sich auf ihren.
Er hatte damit gerechnet, dass sie ihn von sich stieß. Eigentlich hatte er mit
allem gerechnet, nur nicht damit, dass sich ihre Lippen teilten und er ihre
Zunge spürte. Nur einen Augenblick, an den er sich jedoch ewig erinnern würde,
dann riss sie ihren Kopf von ihm los und starrte ihn entsetzt an.
Trevor lächelte müde. Er hob seine Hand, fuhr gedankenverloren die Konturen
ihres Kiefers nach und stand dann ächzend auf und schwankte ins Innere der
Höhle. Er fiel wie ein Stein auf sein Bett und war im nächsten Moment
eingeschlafen.
Ailia brauchte eine ganze Weile, ehe sie es schaffte aufzustehen. Sie stolperte
zur Quelle, warf ihre Sachen von sich und stürzte sich in das Wasser. Tränen
liefen über ihre Wangen, doch es kam kein Ton über ihre Lippen.
Sie hatte ihr Volk doppelt verraten. Als erstes, als sie einen Pakt mit dem
Feind schloss und dann, als sie zuließ, dass ein Terraner…
Verzweifelt sank sie am Ufer zusammen. Sie konnte noch immer seine Hände spüren
und seine Lippen. Oh Gott, wie sollte sie mit der Erinnerung leben, dass es ein
Mensch war, der sie so berührt hatte… Dass sie ihn am liebsten angefleht hätte,
ja nicht aufzuhören… Sie würde nie wieder einem D’arjo in die Augen sehen
können.
Es dauerte eine Ewigkeit, ehe sie sich aufraffte und zur Höhle zurückkehrte. Der
Terraner schlief. Zum ersten Mal seit Tagen tief und ruhig. Sie blieb vor ihm
stehen und schluckte, als die Erinnerung sie wieder übermannte.
Dann nahm sie vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, ihre Decke auf, die neben
seinem Bett am Boden lag. Tränen traten wieder in ihre Augen, doch in einer ihr
selbst unbegreiflichen Geste hob sie ihre Hand und strich sanft über sein
Gesicht.
Egal, wie sehr sie sich selbst dafür verabscheute, er konnte nichts dafür.
Sie rollte sich auf ihrem Bett zusammen und fand lange keinen Schlaf.
**********
Die Sonne war schon eine Weile aufgegangen, als Trevor erwachte. Er fühlte sich
fast wie neu geboren und warf die Decke von sich. Eigentlich konnte er von Glück
reden, dass sein Körper mit dem fremden Erreger fertig geworden war. Es hätte
auch leicht sein Tod sein können.
Ailia saß an dem erloschenen Feuer und rupfte einen huhngroßen Vogel. Sie wich
seinem Blick aus und beschäftigte sich mit den Federn, als wäre es die
wichtigste Sache der Welt.
Er setzte sich neben sie. „Mir geht es heute sehr viel besser.“
„Schön“, sagte sie leise.
„Ich habe mir vorgenommen, eine Karte des Planeten anzufertigen“, begann er den
Versuch einer Unterhaltung. „Irgendein Ziel braucht man ja.“
„Hm.“ Sie hob weder den Kopf, noch unterbrach sie ihre Tätigkeit.
„Wir müssen auch mit meinem Sprachunterricht weiter machen. Ich habe drei Tage
kein Wort D’arjo gesprochen. Das wirft mich sehr zurück.“
„Meinetwegen“, murmelte sie nur.
„Lucie? Irgendwann musst du mich wieder ansehen“, sagte er leise.
„Heute nicht.“
Er verkniff sich sein Grinsen. „Komm schon, D’arjo. Sieh mich an. Dann hast du
es hinter dir.“
Sie warf das Huhn vor sich auf den Boden und drehte endlich den Kopf. „Warum
tust du das?“ fauchte sie gereizt. „Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe?“
„Davon wird es nicht besser“, entgegnete er ruhig.
Ailia schloss kurz die Augen und holte tief Luft. „Ich verabscheue mich selbst.“
„Das dachte ich mir.“ Er nahm einen Ast und stocherte in der kalten Asche. „Ich
denke, diese Reaktion ist normal. Aber das, was ich empfinde, ist einfach nur
Erstaunen und vielleicht Fassungslosigkeit. Und Erschrecken.“
Ailia drehte den Kopf und sah ihn aus großen Augen an.
„Ich habe Angst“, fuhr er zögernd fort. „Ich kann nicht verstehen, warum eine
D’arjo die gleichen Reaktionen auslösen kann, wie eine Terranerin. Ich habe
Angst, weil der Gedanke an den Krieg in weite Ferne gerückt ist und es mich mehr
beschäftigt, dass du dich selbst verabscheust. Ich werde in dir nie wieder einen
Feind sehen können, Lucie. Ich habe Angst, weil ich anfange, eine D’arjo gern zu
haben.“ Er drehte den Kopf und grinste sie schief an. „Auch wenn es lächerlich
klingt, aber ich möchte nicht, dass du dich selbst dafür verabscheust, weil es
meine terranischen Hände waren, die dich das haben fühlen lassen…“
Ailia schluckte, da seine Worte ihr die Kehle zuschnürten.
„Weißt du, und mir will auch nicht in den Kopf, wie etwas, was uns beiden
gefällt, falsch sein kann.“ Er sah, dass sie zum Sprechen ansetzte und hob seine
Hand. „Sag es nicht, Lucie. Streit es nicht ab. Es hat dir gefallen. Und wenn du
an der Quelle getan hättest, was du vorhattest, es hätte mir auch gefallen. Und
ich wette, wenn wir es richtig tun würden, es würde uns beiden gefallen…“ Ailia
wurde blass und er fuhr schnell fort. „Wir werden es nicht, Lucie, keine Panik.
Aber, bitte, hör jetzt auf, dir selbst Vorwürfe zu machen.“
Sie senkte den Kopf und starrte eine ganze Weile in die kalte Asche. Als sie ihn
wieder anhob und den Terraner ansah, war die Verzweiflung aus ihren Augen
verschwunden.
„Ich sehe dich auch nicht mehr als Feind“, sagte sie ernst. „Nicht erst seit
gestern Nacht.“
Trevor grinste erleichtert.
„Aber die Schranke, die wir gestern überschreiten wollten, ist zu hoch.“
„Ja“, sagte er leise. „Aber ich denke, zum ersten Mal seit Beginn des Krieges
gibt es eine D’arjo und einen Terraner, die Freunde sind.“
Ailia lächelte ebenfalls. „Ja.“
Teil 7
„Darf ich dich etwas fragen? Etwas Persönliches?“
Ailia blieb stehen und sah ihn alarmiert von der Seite an. Sie schlenderten durch einen Wald auf der gegenüber liegenden Seite des Planeten und sammelte Pilze, Beeren und Kräuter, die sie noch nicht kannten, damit sie sie mit ihren Geräten testen konnten.
„Was soll das sein?“
Er grinste schelmisch. „Mit diesen Zähnen… gehört das Beißen zum d’arjotischen Sex?“
„Was?“ Sie glaubte, sich verhört zu haben.
„Komm schon“, bohrte er. „Ich nehme an, ja.“ Und tippte sich vielsagend gegen seinen Hals.
Ailia fühlte, wie die Röte in ihre Wangen kroch. „Ja“, stieß sie nur hervor und ging weiter.
Doch er ließ nicht locker. „Gibt es auch Verletzungen? Ich meine, die sind nicht grad stumpf, oder?“
„Ich will mit dir nicht über Sex reden!“
„Du darfst mich auch fragen, was du willst“, konterte er.
„Ich will dich nichts fragen!“
„Gibt es Verletzungen?“
Sie wusste plötzlich, dass er keine Ruhe geben würde, bis er die Antwort hatte. „Manchmal schon. Vor allem bei sehr leidenschaftlichen Wesen, oder bei sehr Besitz ergreifenden.“ Er runzelte die Stirn und Ailia verdrehte die Augen. „Es entstehen eventuell Narben. Es ist so etwas wie eine Reviermarkierung… manchmal…“
„D-du meinst, so was wie ein Stempel?“ fragte er verblüfft.
Die D’arjo sah plötzlich sehr verlegen aus. „So was in der Art. Ein Zeichen, eine Markierung…“
Trevor betrachtete plötzlich neugierig ihren Hals. „Ich sehe an deinem Hals nichts.“
„Hör auf!“ kreischte sie plötzlich.
„Hast du ihm dein Zeichen verpasst?“
„Wenn ich dir die Frage beantworte, ist dann Schluss?“
„Ja.“ Er grinste.
„Nein, habe ich nicht.“
Ihm lag das Warum nicht? auf der Zunge, verschluckte es aber, als sie warnend die Augenbrauen hob. Doch er war trotzdem noch nicht ganz fertig. „Die Krallen werden auch benutzt?“
Sie nickte. „Wir stammen von Raubkatzen ab. Wir haben Zähne, wir haben Krallen und wir benutzen sie auch.“ Als sie den Kopf wieder zu ihm drehte, rechnete sie damit, Abscheu und Ablehnung in seinen Augen zu sehen, aber alles, was sie erkennen konnte, war Neugier und Faszination. Und sie fing auch an zu grinsen. „Deine Lieblingsstellung?“
„Was?!“
„Du hast gesagt, ich kann fragen, was ich will.“ Sie klang plötzlich vergnügt. „Deine Lieblingsstellung beim Sex?“
Trevor fing an zu lachen. „Mir gefällt alles, bei dem ich mich nicht verrenken muss“, gestand er dann offen. „Mann oben. Mann unten. Von hinten. Im Stehen…“
Ailias Augen funkelten. „Oralsex?“
Seine Lippen verzogen sich zu einem so schmutzigen Grinsen, dass ihr heiß wurde. „Jjjaaa“, sagte er langsam.
Sie vergrub ihre Hände in ihren Taschen und schlenderte weiter. „Ich mag’s auch.“ Dann blieb sie noch einmal stehen. „Mit Fesseln?“
„Was?!“
Ailia grinste, pfiff genau
so vergnügt wie er vor sich hin und ging weiter.
Trevor schaute ihr verblüfft hinter her und fragte sich, warum ihre Worte ein so
komisches Gefühl in ihm auslösten. Fesseln?!
***********
Fünf Monate
Die Karte nahm langsam Gestalt an. Trevor war noch einmal zu den Jägern
zurückgekehrt, um Papier und Stifte zu holen und hatte sich in der Höhle einen
Platz an der Wand ausgesucht, an dem er sie befestigte. Jeden Tag markierte er
etwas neues. Jeder Tag erweiterte die Karte ein Stück.
Trevors Krankheit und damit auch ihr gemeinsames Zwischenspiel lagen jetzt drei Wochen zurück. Er war wieder vollständig genesen und bis auf das kurze Gespräch über Sex, das Trevor begonnen hatte, erwähnten sie den Vorfall nicht mehr.
Jetzt stand die D’arjo mit verschränkten Armen neben ihm und hörte sich an, wie er ihr die Eintragungen auf der Karte in D’arjo erläuterte. Er sah ihre Augen immer wieder amüsiert funkeln und wusste, dass er an seiner Aussprache noch arbeiten musste, aber er konnte sich zumindest schon ohne Probleme verständlich machen.
„Der Unterschied“, erklärte sie gerade, „liegt in der Aussprache. Wenn du sagst Tremaar bedeutet es Felsengruppe. Sprichst du es Treeemar aus, ist es ein Tier.“ Sie lächelte. „Ein hässliches Tier, ähnlich einer Ratte.“
„Ich meine natürlich Tremaaaaaar!“ Dann piekte seine Hand in die Kartenmitte. „Das ist unser nächstes Ziel. Mitten in den Urwald. Ich will mal meine Verwandten näher kennen lernen.“
Die D’arjo kicherte. Vor 14 Tagen waren ihnen die affenähnlichen Eingeborenen zum ersten Mal aufgefallen. Damals dachten sie an Tiere, doch dann bemerkten sie, dass diese Wesen miteinander kommunizierten und begannen, deren Unterhaltungen telepathisch zu verfolgen. Diese Wesen standen erst am Beginn der Evolution. Sie hatten Gemeinschaften gebildet, begonnen Dörfer zu errichten, gezielt zu jagen und Vieh zu züchten. Das war aber auch schon alles.
„Vielleicht schaffen es meine Verwandten ja noch, sie zu übertrumpfen“, stichelte sie.
„Haha!“ Dann schloss er kurz überlegend die Augen. „El bori dan Tek’Darjo ela Terrani?“ Sprechen alle D’arjo so gut terranisch?
„Bora“, korrigierte sie automatisch. „El bora. Ja, tun sie. Die meisten.“
„Ich verstehe das nicht. Deine Aussprache ist gut. Mit Akzent, aber gut. Ihr müsst tolle Lehrer haben.“
Ailia schmunzelte. „Terranische Lehrer. Kriegsgefangene.“
„Wie bitte?“
„Kennst du dich mit der d’arjotischen Kultur aus?“
„Nicht sonderlich gut“, sagte er misstrauisch. „Ich weiß, dass es einen Imperator, den D’arjota, gibt, der den Planeten regiert. Sein Titel wird vererbt…“
„Unsere Kultur entspricht trotz unseres technischen Standes und des Alters unseres Volkes ungefähr der terranischen Aristokratie. Inklusiv all der Kasten, die diese Kultur mit sich bringt. Das bedeutet vom Hochadel, über verarmten Adel, Soldaten, Ritter bis zu den Bediensteten, Leibeigenen und… Sklaven.“
„Du wirst jetzt nicht sagen, was ich denke!“ schrie er erschrocken.
Sie lächelte müde. „Wir können uns nicht leisten, Gefangene in Gefängnissen durchzufüttern. Dazu geht der Krieg schon zu lange.“
„Ihr verkauft sie?!“
„In einem d’arjotischen Haushalt zu arbeiten ist zehnmal besser als in den Minen zu schuften“, erklärte sie. „Und für dieses Privileg kommen nur extrem kooperative Terraner in Frage.“
Trevor ließ sich auf sein Bett sinken. „Du willst jetzt allen Ernstes sagen, dass Terraner verkauft werden?“ Seine Stimme gehorchte ihm kaum noch.
Ailia setzte sich neben ihn und sah ihn fragend an. „Was geschieht mit d’arjotischen Gefangenen?“
„Gefängnis?“ krächzte er mühsam.
„Weißt du, Terraner, wenn irgendwann ein Schiff kommt und du wirst gefangen genommen, weil es meine Leute sind, kann ich dich kaufen.“
Oh Gott, sie meinte das todernst. „Ich werde ganz bestimmt nicht für dich arbeiten!“ schrie er außer sich und erntete nur einen verständnislosen Blick. „Hast du gehört?! Du wirst einen Scheißdreck tun!“
„Ich verstehe dich nicht, Trev.“ Sie runzelte die Stirn. „Es wäre ein viel besseres Leben als in den Minen.“
„Bist du schwerhörig?!“ Seine Stimme überschlug sich und er sprang auf. „Du wirst nichts Derartiges tun! Hast du gehört?! Hast du das gehört?!“
„Ja“, flüsterte sie und verstand absolut gar nichts. „Also ich würde es im umgekehrten Fall vorziehen, in einem terranischen Haushalt zu arbeiten.“
„Auf Terra gibt es keine Sklaven!“ brüllte er und stürzte aus der Höhle.
Ailia fuhr sich unsicher durch die Haare. Sie hatte den Terraner noch nie so wütend erlebt und wusste nicht, warum. Gut, auf Terra war es etwas anders. Sie wusste das, denn D’arjos wurden gut informiert. Es herrschte eine so genannte Demokratie. Die Herrscher wurden gewählt, für eine bestimmte Zeit. Jeder arbeitete gegen Bezahlung. Sie fand das auch eigenartig. Ohne deshalb durchzudrehen.
Als er nach zwei Stunden noch immer nicht zurückgekehrt war, beschloss sie, ihn zu suchen. Er war nicht weit gegangen, nur bis zur Quelle und schnitzte gedankenverloren an einem Ast herum. Sie setzte sich wortlos neben ihn.
„Welcher Kaste gehörst du an?“ fragte er und klang bedeutend ruhiger als vor zwei Stunden.
„Hochadel.“
Er warf den Kopf in den Nacken. „Ich hab’s gewusst. Wieso sitzt du in einem Jägerdiskus?!“
„D’arjari sind heilige Krieger. Es ist eine Pflicht und es ist eine Ehre für jeden D’arjo, in die Reihen dieser Krieger aufgenommen zu werden und für sein Volk zu kämpfen. Und ich wollte das Werk meines Mannes fortsetzen.“
„Wie viele Terranersklaven hattet ihr?“ Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme bitter klang.
„Zwei“, sagte sie leise.
„Eine Frau, die in der Küche mitarbeitete und einen Mann bei den Ställen.“
Trevor schüttelte immer wieder den Kopf. „Ich kann das einfach nicht glauben.
Das weiß niemand, Lucie. Niemand. Das ist einfach erniedrigend…“
„Aber wieso denn?“ fragte sie unsicher. „Sie führen ein relativ sicheres Leben. Sie haben genug zu Essen. Und sie arbeiten für ihr Essen und ihre Unterbringung.“
„Sie wurden gekauft!“
„Ja, aber…“
„Nein, kein Aber! Sie gehören jemandem. Sie sind Besitz. Sie können weiter verkauft werden. Sie können geschlagen werden. Getötet. Vergewaltigt.“
Ailia runzelte die Stirn. „Auf D’arjo wird niemand geschlagen, getötet oder vergewaltigt. Und schon gar keine Terraner!“
Er verzog spöttisch den Mund. „Sicher? Denkst du wirklich, du würdest es wissen? Wie soll ein Sklave sich dagegen wehren? Beschweren?“
„Was hätte es für einen Sinn, für jemanden Geld auszugeben und ihn dann zu verletzten?“
„Es gibt immer kranke Menschen… ich meine D’arjo.“ Er schnitzte weiter an seinem Stock. „Ihr raubt einem Lebewesen seine Persönlichkeit, seinen freien Willen. Und ich rede jetzt weniger von den terranischen Sklaven, sondern mehr von den d’arjotischen. Oder willst du allen Ernstes behaupten, dass dein Bruder – hast du einen? – oder dein Vater oder ein anderes männliches Mitglied eures Haushaltes nie eine der Sklavinnen zu sich gerufen hat, wenn ihm mal so war?“ Er verzog bitter das Gesicht, als sie plötzlich den Boden zu ihren Füßen musterte. „Oder du?“
„Ich hatte nie Sex mit einem Terraner!“ stellte Ailia entsetzt klar.
Trevor verdrehte die Augen. „Sicher. Aber ein anderer Mann. Ein d’arjotischer Sklave?“
„Es ist eine Ehre!“ fuhr sie auf. „Eine Auszeichnung für diejenige Person!“
„Hat die jemand gefragt, ob sie wollen?“
„Also“, sagte Ailia spitz. „Ein Mann kann wohl schwer vortäuschen, dass er nicht will. Und ich sage dir, sie sehen es als eine Ehre an. Ich bin…“
„Lucie“, stoppte er ihren Redeeifer. „Mir ist vollkommen klar, dass bei dir niemand Probleme hat. Aber wenn es ein hässliches, ekliges oder perverses Wesen eurer Gemeinschaft ist, was ist dann? Sklaven haben keine Wahl.“
Ailia hatte den zweiten Teil seiner Aussage gar nicht mehr mit bekommen. „Du denkst, ich bin nicht hässlich?“ fragte sie entgeistert.
„Nein, natürlich nicht! Ich wollte aber damit sagen…“
„Ich bin eine D’arjo.“ Sie war noch nicht darüber hinweg. „Ich sehe ganz anders aus, als eine Terranerin. Du kannst nicht wissen, was schön oder nicht schön nach unseren Maßstäben ist.“
Trevor drehte den Kopf und musterte sie misstrauisch. „D’arjos finden dich nicht hübsch?“
„Doch, aber…“
„Siehst du!“ unterbrach er sie.
„Aber *du* solltest es nicht! Du bist ein Mensch!“
Er lachte plötzlich. „Na und? Deshalb habe ich doch eine Meinung. Und deshalb kann ich sagen, dass du mir gefällst.“
„W-was?“ stotterte sie, jetzt komplett durcheinander.
„Krieg keine Panik. Das ist nichts anderes als ein schönes Bild zu bewundern oder ein Tier.“
„Ein Tier?“ echote sie.
„Du wirst dir doch auch deine Gedanken über das Aussehen von Terranern machen, oder?“
„Natürlich…“
„Und du weißt auch nicht, was schön oder nicht schön in terranischen Maßstäben ist!“
„Finden Terranerinnen dich hübsch?“ fragte sie plötzlich.
„Ja, tun sie!“ Er fuhr auf und wies mit dem Stock auf sie. „Und deine Meinung will ich nicht hören!“
Ailia lächelte leicht. „Feigling.“
Trevor verzog nur das Gesicht. Dann wurde er ernst. „Versprich es mir, Lucie. Du wirst nichts Derartiges tun, ja? Kein Gedanke an einen Kauf.“
Ailia nickte langsam. „Wenn du darauf bestehst. Aber in den Minen sinkt deine Lebenserwartung rapide.“
Er verzog das Gesicht. „Hoffen wir darauf, dass ein terranisches Schiff kommt.“
„Ich nicht.“
„Aber ich, Sklavenhalterin.“
„Das ist ein Schimpfwort?“
„Ja.“
„Du bist wirklich seltsam.“ Sie stand auf und wollte gerade gehen, als ihr noch etwas einfiel. „Wir züchten Kausenis. Das sind terranischen Pferden vergleichbare Tiere, die wir auch reiten. Ich habe einen guten Blick dafür, einen exzellenten Zuchthengst auszuwählen.“ Trevors Hand mit dem Messer sank nach unten, als er den Kopf hob. „Wenn ich Terraner züchten müsste, würde ich dich als…“ Sie lachte und stürzte davon, als er auf sprang.
„Du verdammte D’arjo…“, flüsterte er fassungslos und hörte ihr Lachen zwischen den Bäumen.
Sechs Monate
Die Eingeborenen nannten sich Amas. Sie lebten in einer Welt fast ohne natürliche Feinde und verhielten sich auch so. Offen, neugierig und nie misstrauisch. Als Trevor und Ailia eines Tages einfach stehen blieben und eine Begegnung heraus forderten, kamen diese Wesen auf sie zu und fingen an, auf sie einzuschwatzen. Eine Verständigung war nicht schwer, da sie alles in den Köpfen der Amas lesen konnten und nur ihre eigenen Worte mit Handzeichen erklären mussten.
Die Amas gackerten und schnatterten durcheinander, als Trevor versuchte, zu erklären, dass sie vom Himmel kamen.
„Sie lachen“, sagte Ailia stirnrunzelnd.
„Es klingt auch lächerlich. Wir sind vom Himmel gefallen…“
Die Amas zogen sie hinter sich her und wollten ihnen unbedingt ihr Dorf zeigen. Der Auflauf, den ihr Erscheinen verursachte, war unbeschreiblich. Kinder hingen an ihren Händen. Amas wollten sie berühren, als könnten sie nicht glauben, dass da tatsächlich unbekannte fremde Wesen waren, mit denen man sich unterhalten konnte.
Wieder schnatterten die Amas und zogen sie mit sich. Es dauerte Stunden bis sie das ganze Dorf besichtigt hatten, da jede Familie sie am liebsten in ihre Hütte gezerrt hätte, und Trevor fühlte sich genau wie Ailia ziemlich zerschlagen.
„Mir tun die Beine weh“, jammerte die D’arjo. „Lass uns endlich verschwinden.“
„Die wollen uns zu einem Fest einladen.“ Trevor griff ihre Hand und zog sie mit sich. „Es wäre eine Beleidigung, wenn wir ablehnen.“
Sie verdrehte die Augen.
„Komm schon. Wir schauen es uns mal an und verschwinden bei der erstbesten Gelegenheit. Wenn wir sie nicht mehr beleidigen.“ Er lachte. „Ich habe den Analysator mit und wir können alles testen, was sie uns hier anbieten. Vielleicht bringen sie uns auf neue Ideen.“
„Oh je, das wird bestimmt toll“, nörgelte Ailia. „Vielleicht machen sie ja ein bisschen Musik und ich kann endlich mal wieder tanzen.“
„Du tanzt gern, D’arjo? Würdest du auch mit einem Terraner tanzen?“ spottete er.
„Wenn du mir nicht auf die Füße trittst!“
Die Sonne verschwand hinter dem Horizont und die Amas entzündeten ihre Feuer. Einige begannen auf Trommeln zu schlagen und Geräusche, die ihre Holzflöten erzeugten, klangen durch die Luft. Die Amas bedeuteten ihnen, sich mit an das große Feuer zu setzen und stellten gebratenes Fleisch und zwei Becher mit einer perlenden Flüssigkeit vor sie. Trevor nahm von beiden Proben.
„Das Fleisch ist genießbar. Ich glaube sogar, so ein Tier hatten wir auch schon. In dem Getränk ist ein alkoholartiger Zusatz enthalten und die Essenz einer Pflanze, die wir letzte Woche hier in der Gegend gefunden haben. An sich ungefährlich, aber wie gesagt, es ist Alkohol drin. Die Pflanze macht wahrscheinlich den Geschmack. Ich denke, es spricht nichts dagegen, wenn wir es kosten.“
„Na dann.“ Die D’arjo griff den Becher. „Feiern wir mit den Amas. Was feiern die heute?“
Sie trank einen kleinen Schluck und sah ihn erstaunt an. „Oh, das schmeckt. Nicht so ekelhaft wie das terranische Zeug. Wir sollten sie nach dem Rezept fragen.“
Trevor lächelte und die Amas freuten sich mit ihnen, als sie sahen, dass ihren Gästen die Speisen schmeckten. Eine Amasfrau klopfte ihm auf den Arm und bedeutete ihm, zu trinken. Mit Händen und Füßen versuchte er sich nach dem Grund der Feier zu erkundigen. Und lächelte, als er erfuhr, dass es eine Art Sonnenwendefeier war. Die Tage wurden länger.
Ailia ließ sich den Braten schmecken. „Die haben so was wie Salz. Wir müssen sie fragen, wo sie das herhaben.“
Das Essen dauerte fast zwei Stunden. Immer wieder wurden neue Gerichte, Gemüse und Früchte aufgetafelt. Ailia klang schon recht beschwipst und hatte plötzlich gar nichts mehr dagegen, noch eine Weile zu bleiben. Vor allen, weil die Musik jetzt lauter wurde und die ersten Amas spontan aufsprangen und tanzten.
Ein Ama klopfte Trevor auf die Schulter und erklärte ihm, indem er auf eine der Hütten zeigte, dass ein Nachtquartier für sie vorbereitet worden war. Trevor winkte ab und versuchte, ihm klar zu machen, dass sie gleich gehen würden. Der Ama lachte und deutete auf die D’arjo, die begeistert mitklatschte.
Trevor zuckte mit den Schultern und griff wieder nach seinem Becher, den eine unsichtbare Person immer wieder füllte. Er spürte den Alkohol kaum und nahm an, dass der Prozentsatz nicht sonderlich hoch war. Aber es wunderte ihn etwas, warum die D’arjo so darauf ansprach. Als sie den Kopf drehte und ihn ansah, bemerkte er ein Glänzen in ihren Augen, das ihm gar nicht gefiel.
Sie runzelte die Stirn und rutschte an seine Seite. „Was ist, Terraner? Es ist wirklich lustig hier. Lächle ein bisschen.“
„Wie viele von den Bechern hast du getrunken?“ fragte er misstrauisch.
„Zwei. Glaub ich. Warum?“ Sie beachtete ihn nicht weiter, sondern wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem bunten Treiben der Amas zu. Aber sie blieb an seiner Seite sitzen.
Trevor verbannte seine Bedenken. Selbst, wenn sie auf den Alkohol ansprach, war es nicht weiter schlimm. Jeder konnte sich schließlich einmal betrinken. „Was für Tänze tanzt man auf D’arjo?“ erkundigte er sich neugierig.
„Ich kann sie dir beibringen, wenn du möchtest. Und du bringst mir die terranischen bei. Einverstanden?“
„Wo nehmen wir die Musik her?“ fragte er belustigt.
Sie lachte. „Die denken wir uns.“
Trevor griff wieder nach seinem Becher, trank einen Schluck und stellte ihn neben sich. Dann streckte er ihr die Hand hin. „Bereit für einen Versuch?“
„Jetzt? Zu der Musik?“ Ailia schaute ihn aus großen Augen an.
Er grinste, fasste ihre Hand und zog sie mit sich hoch, als er aufstand. Die Amas schnatterten schon wieder völlig begeistert um sie herum und sie stellten fest, dass kaum noch Personen saßen, weil alle irgendwie durch die Gegend tanzten und um das Feuer hüpften.
Trevor zog Ailia an sich. „Okay, wir beginnen mit einem terranischen Tanz. Exakte Tanzposition.“ Er legte ihre linke Hand auf seine Schulter. „Die bleibt dort“, wie er sie an. Dann ergriff er ihre rechte Hand und schlang seinen rechten Arm um ihre Taille. „Ich führe. Folg einfach meinen Schritten und versuch nicht, irgendwie die Initiative zu ergreifen. Das ist mein Tanz.“
„Okay“, bestätigte sie vergnügt und begann, sich auf seine Bewegungen zu konzentrieren. Es war nicht wirklich ein Takt, den die Musik der Amas vorgab und es war auch nicht wirklich ein richtiger Tanz.
Aber Ailia begann es zu gefallen. Und so völlig anders als d’arjotische Tänze war es auch nicht. Sie lachte über sich selbst, wenn sie nicht jedem seiner Schritte sofort folgen konnte und er musste mehr als einmal fester zugreifen, weil sie stolperte oder doch plötzlich anders tanzen wollte als er.
„Du musst es fühlen, D’arjo“, sagte er leise und wirbelte sie herum. Ailias Hände klammerten sich an ihm fest, als sie fast die Balance verlor. „Fühl die Bewegungen…“
Völlig außer Atem sanken sie eine ganze Weile später wieder auf ihre Plätze. Ailias Augen blitzten. „Ich hatte lange nicht solchen Spaß“, erklärte sie und nahm ihren schon wieder gefüllten Becher.
„Ich auch nicht.“ Er grinste. „Es macht Spaß, mit dir zu tanzen.“
Ailia warf den Kopf in den Nacken. „Mit mir macht alles Spaß!“
„Ich rede vom Tanzen“, murmelte Trevor leise. „Und du?“
Sie kicherte und blinzelte in das Feuer. „Ich auch.“
Dann schaute sie ihn so eigenartig von der Seite an, dass er tief einatmete, um sich zu beruhigen. Er rührte sich jedoch nicht, als sie näher an ihn heran rutschte.
„Du siehst etwas… angespannt aus“, murmelte sie und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Ich bin angespannt! „Lucie?“ fragte er unsicher.
„Ich fühle mich eigenartig“, fuhr sie leise fort und ihre Stimme klang wie eine Berührung. „So… frei und als müsste ich mich um nichts sorgen…“
Ihre Hand lag plötzlich auf seinem Oberschenkel und ihre Finger zeichneten unbekannte Figuren. Trevor wagte nicht mehr zu atmen. Was ist mit ihr los?
„Lucie“, sagte er wieder und sie hob den Kopf.
„Weißt du, dass ich darüber nachgedacht habe?“ fragte sie und sah ihn unter gesenkten Lidern an.
Oh Gott. „Worüber?“ stieß er hervor. Sie lächelte und dieses Lächeln jagte Schauer über seinen Körper. Und als sie ihre Hand zwischen seine Beine presste, schnappte er nach Luft und fühlte seinen Körper reagieren. „Lucie, was zum Teufel…“ Er schaffte es nicht, den Satz zu vollenden, weil sie mit einem wissenden Grinsen begann, ihn durch die Hose zu massieren. Mit dem letzten Rest von Beherrschung fing er ihre Hand und zog sie von seiner Hose weg.
Sie verzog schmollend den Mund.
Sie hatte noch nie geschmollt. Trevor fasste plötzlich nach ihrem Kinn, hob ihren Kopf an und sah ihr in die Augen. „Was ist mit dir los, Lucie?“
Ihre Hände waren schon wieder auf seinem Körper unterwegs und wenn ihm nicht so unheimlich zumute gewesen wäre, hätte er einfach nur nachgegeben. Dann sah er die geweiteten Pupillen und wieder das unnatürliche Leuchten in ihren Augen und es traf ihn wie ein Schlag. Scheiße.
Seine Augen irrten umher und er sah zum ersten Mal bewusst, dass auch die Amas aneinander klammerten. Und nicht nur das. Entsetzt beobachtete er, wie sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib rissen, in den Hütten verschwanden oder es einfach mitten auf dem Dorfplatz trieben.
Warum ich nicht? Warum die D’arjo und ich nicht?
„Würdest du mich bitte küssen, Trev?“ hauchte sie und ihre Lippen wanderten an seinem Hals entlang.
Trevor schloss die Augen und genoss einen kurzen Moment das Gefühl ihrer Lippen auf seiner Haut. Aber es war nicht echt. Er durfte es nicht. Nicht solange er noch einen Funken Anstand im Leib hatte. Auch nicht, wenn sie darum betteln würde. Wahrscheinlich würde sie, wenn es wirklich eine Art Liebesdroge war, die sich in dem Getränk befand. Und er wusste nicht, ob er stark genug war…
Dann waren ihre Lippen auf seinem Mund und er spürte ihre Zunge, die sich zwischen seine Zähne drängte. Er war verloren. Seine Erektion drückte jetzt schon schmerzhaft gegen seine Jeans. Er würde das unmöglich aushalten. Gewaltsam riss er seinen Mund von ihr los.
„Lucie!“ Wieso wirkte das Zeug auf sie und ihn nicht? Er wünschte sich plötzlich, es würde ihm gehen wie ihr und er bräuchte sich keine Gedanken zu machen.
„Hm“, murmelte sie und biss ihn sanft in den Hals.
Er fing ihre Hand, die schon an den Knöpfen seiner Hose hantierte und zog sie mit sich hoch. „Lass uns gehen.“ Es war ihm egal, was die Amas von ihnen dachten oder dass sie sich wunderten, wohin sie verschwunden waren, aber er wollte jetzt zurück zu ihrer Höhe.
Ailia schlang ihre Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf zu sich herab und küsste ihn wieder.
Wenn sie sich morgen an irgendetwas davon erinnerte, würde sie sich selbst umbringen.
Trevor teleportierte, ohne weiter zu überlegen. Als sie materialisierten, löste er ihre Arme von ihm. „Lucie, du gehst jetzt schlafen“, kommandierte er und klang einfach nur hilflos.
„Ich will nicht schlafen.“ Sie legte den Kopf schief und ihre Hände fuhren über seine Brust. „Und du auch nicht.“
Er sollte sie fesseln und bis morgen früh verschwinden.
Der Geruch ihrer Erregung machte es noch viel schlimmer und Trevor verfluchte wieder einmal seine Mutation. Er schob sie zu ihrem Bett und drückte sie auf die Matratze.
„Lucie, bitte“, flüsterte er, als sie die Arme um seinen Hals schlang. „Ich kann das nicht.“
In ihren Augen loderte solch ein Verlangen und Hunger, dass er verzweifelt die Augen schloss. Ihre Hand fuhr durch seine Haare, als er neben dem Bett in die Knie ging. „Warum nicht?“
„Es ist nicht echt“, stieß er hervor. „Ich wünschte, es wäre es. Aber es ist eine Droge. Du würdest mich morgen verdammen, Kätzchen. Bitte schlaf jetzt.“
„Ich kann nicht schlafen.“ Sie zog seinen Kopf an sich und ihre Zunge fuhr über die Konturen seiner Lippen. „Ich brauche dich jetzt“, hauchte sie, während er ihre Zähne an seinem Kiefer spürte und das leise Schnurren seinen Verstand benebelte. „Hilf mir bitte.“
Ich muss gehen... weg teleportieren… weit weg….
Aber er schaffte es auch nicht, sie hier allein zu lassen. „Du willst das nicht“, flüsterte er und strich ihr über die Wange. Sie fing seine Finger und saugte sie in ihren Mund. Er spürte die Spitzen ihrer Zähne und fragte sich, wie es wäre, diesen Mund mit diesen Zähnen an einer anderen Stelle seines Körpers zu spüren. Sicherlich war es Wahnsinn.
„Bitte, Trev…“ Sie sah ihn so verzweifelt an, dass es ihm fast das Herz brach.
Er presste seine Lippen auf ihren Mund. „Es tut mir leid, Lucie. Aber ich werde es nicht tun. Nicht so. Verzeih mir…“ Er sprang auf und stürzte aus der Höhle. Und kam sich vor wie ein Schwein.
Ailia rollte sich seufzend auf ihrem Bett zusammen. Tränen traten in ihre Augen, weil ein Feuer in ihrem Körper brannte, das sie nicht löschen konnte. Ihre Zähne gruben sich in ihre Unterlippe und sie zitterte wie im Fieber. Leise stöhnend schlossen sich ihre Augen und die Tränen rollten ihre Wangen hinab, bis sie in einen dämmrigen Schlaf glitt.
*************
Würdest du mich bitte küssen…
Ich brauche dich…
Hilf mir bitte… bitte, Trev…
Ailia fuhr hoch und sank im gleichen Moment stöhnend wieder auf ihr Bett zurück. Sie fühlte sich so zerschlagen und kaputt wie seit langem nicht.
Würdest du mich bitte küssen…
Sie presste die Hände an ihren Kopf, als verschwommene Bilder in ihrer Erinnerung aufstiegen. Ihre Lippen auf seiner Haut, ihre Zunge in seinem Mund.
Hilf mir bitte, Trev…
Was zum Teufel war mit ihr passiert? Sie warf einen Blick zu seinem Bett und stellte fest, dass er nicht da war und das Bett auch nicht aussah, als wäre es benutzt worden.
Ich werde es nicht tun. Nicht so…
Was hatte sie getan? Ächzend erhob sie sich und schwankte aus der Höhle hinaus in das ihr plötzlich so grell erscheinende Licht. Sie blinzelte kurz, um ihre Augen an die Helligkeit zu gewöhnen und wunderte sich, wo Trevor steckte.
Würdest du mich bitte küssen…
Sie hatte es getan. Sie hatte ihn geküsst, mehrmals. Die Bilder, die wieder in ihr hoch stiegen, trieben ihr die Röte in die Wangen. Suchend blickte sie sich um und schlenderte dann langsam in Richtung Quelle, weil es sein Lieblingsplatz war, an den er sich zurückzog, um allein zu sein.
Er saß am Wasser, so wie sie es erwartet hatte. Unsicher geworden, kam sie näher und setzte sich neben ihn. Er reagierte nicht, sondern starrte nur weiter in das Wasser. Obwohl Ailia sich mit Terranern nicht allzu gut auskannte, sah sie doch die dunklen Ringe unter seinen Augen und die Müdigkeit, als hätte er in diesen langen Stunden der Dunkelheit kaum Schlaf gefunden.
„Was habe ich getan?“ brach sie die bedrückende Stille.
„Nichts, Lucie.“ Er drehte den Kopf, sah ihren fast ängstlichen Blick und lächelte beruhigend.
„Trev, du siehst scheußlich aus.“
„Ich habe nicht sonderlich gut geschlafen.“
Ailia sah aus als würde sie gleich anfangen zu weinen. „Was habe ich getan?“ fragte sie wieder kläglich.
Trevors Kopf sank auf seine angezogenen Knie. „Geht es dir gut?“
„Ich fühle mich etwas zerschlagen, aber ansonsten ganz gut.“
„Schön“, murmelte er.
Ailia hob zögernd ihre Hand und berührte seinen Rücken. „Red mit mir, Trev.“
Er drehte den Kopf und lächelte. „Wie viel weißt du noch?“ Ihre Wangen liefen feuerrot an, doch sie wandte ihren Blick nicht von ihm ab. Er grinste schief. „Sieht aus, als weißt du noch einiges.“ Seine Hand legte sich um ihren Nacken, er zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Es lag nichts Aufdringliches in dieser Geste und Ailia schluckte kurz, weil sie spürte, dass es einfach Trost war, den er suchte. Sie schlang ihre Arme um ihn und hielt ihn fest.
„Ich halte das nicht noch mal aus, Lucie“, flüsterte er an ihrem Hals und sie schloss die Augen. „Ich weiß nicht, warum das Zeug bei dir wirkte und bei mir nicht. Ich habe es verflucht. Ich habe mir gewünscht, ich könnte mich genau so benehmen wie du“
Ailia fuhr beruhigend über seine Haare und wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Ich meine“, sprach er weiter, ohne sie los zu lassen oder seinen Kopf zu heben. „Ich stand nicht unter Drogen und wollte nichts lieber als das tun, worum du mich gebeten hast.“
„Shhh“, flüsterte die D’arjo erstickt.
„Lucie, ich kam mir wie ein Verbrecher vor, als ich dich allein gelassen habe. Aber ich konnte das nicht tun... nicht, wenn es Drogen waren...“ Seine Stimme brach ab.
Ailia nahm seinen Kopf in ihre Hände und hob sein Gesicht an. „Es ist okay, Trev“, sagte sie leise und er sah die Tränen in ihren Augen. “Es ist okay...“
„Ich habe nicht einmal gewagt, mir selbst zu helfen, weil ich nicht wollte, dass es für dich noch schlimmer wird.“
Sie presste ihre Lippen auf seinen Mund, ohne zu überlegen und ohne nachzudenken. „Es ist vorbei“, flüsterte sie. „Alles wieder okay. Ich werde kein Getränk dieses Planeten mehr anrühren.“
Trevor lachte gequält. „Ich habe nichts dagegen, dass du es tust. Aber vorher gibst du mir die Genehmigung...“
„Shhh.“ Sie verschloss seinen Mund mit ihrer Hand. „Red bitte nicht weiter.“ Dann erhob sie sich und zog ihn mit hoch. „Du musst schlafen, Terraner. Du siehst wirklich elend aus.“
„Ich fühle mich gut.“
Allerdings fiel er in der Höhle auf sein Bett und war keine Minute später eingeschlafen. Ailia sah ihn nachdenklich an, ging zum Ausgang und drehte sich noch einmal um. „Ich hätte es dir nicht übel genommen, Terraner...“, murmelte sie leise zu sich selbst.
Und ihre Achtung vor ihm stieg, weil sie wusste, dass kaum ein D’arjo diese Beherrschung aufgebracht hätte.
Vier Stunden später war er wieder wach und in der Lage, über die vergangene Nacht zu lachen. Ailia schaute etwas verlegen in seine Richtung, als er aus der Höhle kam.
„Schau mal“, sagte sie, um sich selbst abzulenken und hielt einen geflochtenen Korb in die Höhe. „Sieht er nicht schon fast perfekt aus?“
Trevor lachte. „D’arjo, wir sind wirklich ein tolles Pärchen.“
„Was machen wir heute?“
„Die Karte vervollständigen?“
„Keine Amasbesuche“, fuhr sie auf und wurde wieder rot.
„Keine Amas“, bestätigte er und verschwand in Richtung Quelle.
„Hier!“ rief Trevor und pflückte die kleine unscheinbare Pflanze mit den
leuchtend roten Blüten. „Das ist der Übeltäter.“
„Wieso pflückst du das Ding?“ fragte die D’arjo entsetzt. „Schmeiß sie weg.
Rotte sie aus!“
Trevor hielt die Pflanze in die Luft und kam auf sie zu. „Stell dir vor, Lucie,
was für ein Vermögen du machen könntest, wenn du das Zeug auf D’arjo
vermarktest“, spottete er und grinste, als sie wieder rot wurde. „Diese Farbe
steht dir, meine kleine Katze...“
Ailia fluchte unterdrückt. Sie drehte sich um, schnappte ihren Korb und lief
weiter. „Wäre es zuviel verlangt, wenn du damit aufhörst?“
„Ja.“ Er pfiff vergnügt vor sich hin. „Ich hatte eine scheußliche Nacht. Ich
darf das.“
Sie drehte sich wieder zu ihm um. „War ich sehr... aufdringlich?“ erkundigte sie
sich verlegen.
„Hm...“, überlegte er und blieb vor ihr stehen. „Ja?“ Er hielt ihr die Pflanze
unter die Nase. „Schnuppere mal. Wir müssen heraus bekommen, was alles wirkt.
Vielleicht schon der Duft...“
„Du bist unmöglich!“
„Oder du probierst mal, was passiert, wenn du die Pflanze isst...“
„Oh!“ Sie stieß ihn vor die Brust. „Ich hoffe, du benimmst dich auch mal so
dämlich und dann werde ich über dich lachen!“
„Ich werde diese Pflanze auf den Namen D’arjoscharfmacher ...“
„Trev, ich werde dir gleich eine kleben!“
Er grinste und steckte die Pflanze in ihren dunklen Locken fest. „Sie steht
dir.“
Ailias Augen begannen zu funkeln und sie hob ihre Hand, um sich die Pflanze aus
den Haaren zu zerren. Lachend fing er ihre Hand. „Gönn mir den Spaß.“
„Ich werde dich mit diesem terranischen Gesöff abfüllen und über dich lachen“,
schwor sie.
Trevor ließ ihre Hand nicht los, sondern zog sie mit sich. Ailia versuchte, ihm
ihre Hand zu entziehen. „Was soll das?“
Er prustete los. „Ich gehe mit der Frau spazieren, die mich gestern Nacht
verführen wollte.“
Die D’arjo schrie böse auf und hechtete sich auf ihn. „Du elender Terraner“,
schimpfte sie.
Er hatte nicht damit gerechnet und wurde von den Beinen gerissen. Lachend fiel
er auf den Rücken, mit einer sehr wütenden D’arjo über sich. Ailia konnte nicht
fassen, dass er nicht aufhörte zu lachen und begann mit ihren kleinen Fäusten,
auf ihn einzuschlagen.
„Ich habe angefangen, dich zu mögen!“ fauchte sie und sah, dass ihm die Tränen
in die Augen traten. „Das ist jetzt vorbei!“
„Lucie“, keuchte er krampfhaft. „Du bist herrlich...“ Er fing ihre Hände ein.
„Hör auf ja?“
„Du hörst auch nicht auf!“
Trevor bäumte sich auf und warf sie mit herum. Sie fauchte wie eine Wildkatze
und trat nach ihm, erreichte jedoch bloß, dass sie weiter über den Erdboden
kullerten. Trevor schaffte es einfach nicht, ernst zu werden, so sehr er sich
auch bemühte.
Und so wütend konnte Ailia auch nicht sein, da sie weder ihre Krallen
ausgefahren hatte, noch ihre telekinetischen Fähigkeiten einsetzte. Vielleicht
war es einfach, dass sie es brauchten, mal abzuschalten und sich komplett
kindisch zu benehmen.
Trevor sah, dass auch Ailias Mundwinkel anfingen zu zucken, da stoppte ein Baum
ihr Weiterrollen und er zog scharf die Luft ein, als er mit dem Rücken gegen den
Stamm knallte und die D’arjo ihn als Puffer benutzte. Ailias Hände klammerten in
seinem Shirt. Sie sah wie sich sein Gesicht kurz schmerzhaft verzerrte und
konnte sich nicht mehr beherrschen. Das beginnende Kichern ging in ein Lachen
über bis ihr ganzer Körper bebte.
„Gott, sind... wir... verrückt?“ Sie schnappte nach Luft, als er sie plötzlich
wieder herum rollte und gegen den Boden presste.
Sein Atem ging genau so stoßweise wie ihrer, da er noch immer mit dem Lachen
kämpfte. „Wir *sind* verrückt“, stellte er fest und sah sie kichernd nicken.
Dann stemmte er sich hoch und streckte der D’arjo die Hand hin.
Ailia kicherte, als sie begann, ihre Haare zu entwirren. „Ich habe meine schöne
Blume verloren.“
„Ich suche dir eine neue“, versprach er und half ihr automatisch, das Laub und
die Holzstückchen aus den Haaren zu entfernen.
Sie schaute ihn eigenartig an und er lächelte verlegen, als er bemerkte, was er
tat. Kopfschüttelnd blickte er auf seine Hand, dann auf sie und grinste schief.
„Tut mir leid... ein Reflex...“
„Nett“, murmelte sie.
Und er fluchte: „Verdammt“, schlang seinen Arm um ihren Hals, zog sie an sich
und presste seine Lippen auf ihren Mund.
Ailia war für einen Moment zu überrascht. Ihre Lippen öffneten sich automatisch,
als seine Zunge zwischen ihre Zähne stieß. Sie knurrte leise und vielleicht war
es dieses Geräusch, das ihn wieder zur Besinnung kommen ließ.
Er riss seinen Kopf von ihr los und zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Ich konnte nicht widerstehen.“ Sie hob fragend die Augenbrauen und er beugte
sich kurz zu ihr und flüsterte in ihr Ohr. „Ich habe mir gestern geschworen,
dich wenigstens einmal zu küssen, wenn du nicht unter Drogen stehst.“
„Aha“, war alles, was sie heraus brachte.
Er nahm ihre Hand in seine, hob sie zu seinem Mund und presste seine Lippen
gegen die Innenfläche, ohne dass seine Augen sie los ließen. „Ich fange an“,
sagte er leise. „mich in deiner Nähe wohl zu fühlen.“
„D-das klingt so falsch“, stotterte Ailia und er nickte traurig. Dann trat sie
an ihn heran und musste den Kopf heben, um ihn anzusehen. „Du hättest einfach
fragen können“, flüsterte sie.
„Ich bin schüchtern...“
Sie lachte und stieß ihn gegen die Brust. „Ganz bestimmt!“
***********
Sieben Monate
„Oh mein Gott“, murmelte Trevor mit einem Blick auf seinen Armbandchronometer.
Er wusste selbst nicht, warum er es noch trug, da es terranische Zeit und Datum
anzeigte.
„Was ist?“ Ailia sah neugierig in sein erstauntes Gesicht.
„Heute ist der 2. Februar 2643 terranische Zeit“, sagte er leise.
„Und?“
Er sank auf sein Bett und starrte weiterhin auf die Uhr. „Ich wurde heute vor 35
Jahren geboren.“
„Du hast heute Geburtstag?“ Ailia wusste nicht so recht, warum er deshalb so
traurig schaute. „Das ist doch schön.“ Als er sich nicht rührte, ging sie auf
ihn zu und setzte sich neben ihn. „Feiert ihr auf Terra Geburtstage?“
Er nickte stumm.
„Hey, Trev.“ Ihr wurde langsam unheimlich zumute und sie legte ihre Hand auf
seinen Arm. „Kein Problem. Wir werden deinen Geburtstag feiern, okay? Ich habe
zwar kein Geschenk für dich... schenkt ihr euch etwas? ... Aber ich denke, wir
können trotzdem feiern.“
„Gott“, murmelte er. „Ich bin jetzt sieben Monate hier... sieben Monate! Meine
Freunde halten mich für tot... wenn sie noch leben und nicht schon in diesem
Irrsinnskrieg gestorben sind...“
Ailia fasste seine Hände und hockte sich vor ihm hin. „Wir werden hier
wegkommen. Ganz sicher, Terraner und glaub mir, wenn es soweit ist, wirst du
dich nach der Ruhe und dem Frieden hier sehnen.“
Er hob seinen Blick endlich und sah in ihre fremden gelben und doch so vertraut
gewordenen Augen. „Ich will hier weg, D’arjo“, sagte er ernst und klang
irgendwie flach.
„Ich auch“ sagte sie leise.
Er zwang ein Lächeln in sein Gesicht. „Wo bekommen wir die Musik her?“ versuchte
er zu spotten, doch sie hörte genau die Verzweiflung, die er verbergen wollte.
„Eine Feier ohne Musik ist Mist. Wir wollten tanzen üben, weißt du noch?“
„Vielleicht sollten wir die Amas besuchen...“ Sie legte den Kopf schief. „Ohne,
dass ich etwas trinke!“
Er lachte, noch immer ohne dass das Lachen seine Augen erreichte, sprang auf und
schlang seine Arme um ihre Taille. Ailia schrie erschrocken auf, als er sie hoch
hob und mit ihr durch die Höhle wirbelte. Dann setzte er sie wieder ab, legte
seine Finger unter ihr Kinn und murmelte. „Gib mir einen Kuss, D’arjo. Ich habe
heute Geburtstag.“
Sie war froh, dass er nicht mehr ganz so depressiv wirkte. „Macht man das so auf
Terra?“
„Man gratuliert dem Geburtstagskind, wünscht ihm alles Gute und umarmt ihn ganz
fest.“ Er grinste schelmisch. „Und man küsst das Geburtstagskind.“
„Jeder?“ Sie lachte und presste ihre Lippen auf seinen Mund. „Alles Gute zum
Geburtstag. Obwohl ich glaube, dass das mit dem Küssen ein wenig gelogen ist.“
„Ein wenig...“ gab er zu und seine Augen weiteten sich überrascht, als er ihre
Lippen noch einmal spürte. Hauchzart und kurz. Und ein eigenartiges Gefühl
bildete sich in seinem Bauch.
Ailia nahm seine Hand und zog ihn mit sich aus der Höhle in die Sonne. Sie
ahnte, wie er sich fühlte und dass gerade solch ein Tag Erinnerungen herauf
beschwor. Und da sie ihn noch nie, in den ganzen sieben Monaten nicht, depressiv
oder komplett niedergeschlagen erlebt hatte, machte sie sich Sorgen.
Er versuchte, zu lächeln und sich mit ihr zu unterhalten wie immer, aber sie sah
in seinen Augen, dass die Hoffnung auf eine Rettung wieder ein Stück zerbröckelt
war. Und seufzend gestand sie sich ein, dass sie anfing darüber nachzudenken,
was wäre, wenn nie jemand kam.
**********
Die Sonne war schon fast untergegangen, als Ailia von der Quelle zurückkam. Ihre
Haare waren noch feucht vom Baden und sie beschloss, sie wieder ein Stück zu
kürzen.
Erstaunt sah sie Trevor neben dem Lagerfeuer stehen, einen eigenartigen Bogen in
der Hand, den er spannte und Holzpfeile auf einen Baum abschoss. Er bekam gar
nicht mit, dass sie das Lager wieder betreten hatte, weil er so vertieft in
seine Tätigkeit war.
„Was hast du da?“ fragte sie erstaunt.
Der Pfeil schnellte von der Sehne und zischte an dem Baum vorbei in den Wald.
„Eine Waffe.“
Sie lachte. „Denkst du nicht, wir haben bessere?“
„Ich muss noch ein bisschen üben“, knurrte er und spannte den Bogen neu.
Ailia hängte das Handtuch zum Trocknen über ein Seil, das sie zwischen den
Bäumen gespannt hatten und warf dem Terraner ab und zu einen misstrauischen
Blick zu, weil er mit verbissener Geduld immer und immer wieder den Bogen
spannte.
„Der Baum ist jetzt tot“, versuchte sie zu witzeln und ihr wurde langsam
unheimlich zumute.
Mit einem Fluch flog der Bogen auf den Boden und Trevor versetzte ihm einen
Tritt. „Gott, ich hasse diese ganze Scheiße!“ Sein Fuß kickte das Bündel Pfeile
quer über den freien Platz.
Ailia war zusammen gezuckt und beobachtete mit großen Augen, wie er den Bogen
aufhob, zerbrach und ins Gebüsch schleuderte.
„Ich hasse diesen Planeten“, tobte er. „Verdammt!“ Wütend schlug er mit der Hand
gegen den Baum. „Ich bin erst 35 Jahre alt! Ich will nicht den Rest meines
Lebens auf diesem Scheißplaneten verbringen!“
Die D’arjo sah hilflos zu wie er den Baum bearbeitete und ihre Gegenwart
überhaupt nicht registrierte. „Trev“, versuchte sie seine Raserei zu stoppen und
kam langsam auf ihn zu.
Er sank auf die Knie und schloss seine Augen. „Ich will hier weg“, murmelte er
und klang einfach verzweifelt. Er hob den Kopf und sie sah in seinen Augen die
gleiche Hoffnungslosigkeit wie in ihren eigenen.
Seine Zuversicht hatte ihr die Kraft gegeben, weiter durchzuhalten. Wenn er
aufgab, würde sie ihm folgen. Ihre Augen schlossen sich, als er seine Arme um
ihre Hüften schlang und seine Wange gegen ihren Bauch presste. Sie hob die Hände
und ihre Finger fuhren durch seine Haare. Es war sinnlos, etwas zu sagen, weil
sie die gleiche Verzweiflung verspürte wie er.
„Ich habe meinen Geburtstag immer gefeiert“, flüsterte er erstickt. „Große
Party, laute Musik, ein Haufen Alkohol. Wir sind immer richtig ausgeflippt, weil
niemand wusste, ob wir den nächsten Geburtstag erleben… Gott, Lucie …Was ist,
wenn wir hier für immer feststecken?“ Er lachte irrsinnig. „Da oben ist der
Krieg vielleicht schon entschieden und wir können nicht einmal den Sieg oder die
Niederlage feiern…“
Tränen traten in Ailias Augen. „Du bist immer stark gewesen“, schluchzte sie.
„Wir schaffen das, Terraner. Wir geben nicht auf. Hörst du? Nie. Niemals. Du
hast mal gesagt, ohne Hoffnung würdest du dich gleich erschießen. Wir geben die
Hoffnung nicht auf. Nie!“
„Ich hab keine mehr“, murmelte er müde.
Ihre Hände umfassten seinen Kopf und hoben sein Gesicht an. Sie strich ihm sanft
die schon wieder lang gewordenen Haare aus dem Gesicht und ihr Herz zog sich
zusammen, als sich seine Augen schlossen und er sich in ihre Berührung lehnte.
„Das ist nicht wahr“, sagte sie leise und sank ebenfalls auf die Knie.
Er zog sie an sich, wollte sie einfach wieder umarmen, wie sie es oft getan
hatten, um sich gegenseitig Trost zu spenden, doch Ailia hielt seinen Kopf fest
und küsste ihn sanft.
Ein leises Seufzen kam aus seiner Kehle, als sich seine Lippen teilten. Ihre
Lippen wanderten über seine Wange zu seinem Hals und sie fühlte ihn zittern, als
ihre Zähne zärtlich in seinen Hals bissen. Und sie verschwendete keinen Gedanken
daran, dass er ein Terraner war.
Trevor glaubte zu träumen. Sein Körper reagierte auf die bloße Berührung ihrer
Lippen und seine Arme zogen sie fester an sich. Ihre Hände strichen über seine
Brust und er stöhnte leise, als sie unter sein Shirt über die nackte Haut
fuhren. Er spürte, dass die Krallen sanft über seine Haut kratzten, aber er
dachte gar nicht daran, dass sie ihn auch verletzen könnte. Der einzige Gedanke,
der ihn beherrschte, war:
Lass sie nicht aufhören. Lass sie um Gottes Willen nicht aufhören.
Ailia hob den Kopf und sah ihn an. Sie las die Frage in seinen Augen und nickte
unmerklich.
Er riss sie an sich. Sein Mund verschlang ihren und das Feuer, das die ganzen
Monate zwischen ihnen geschwelt hatte, entlud sich.
Ailia knurrte wieder leise und spürte, wie sich sein Zittern auf sie übertrug.
Ihre Hände zerrten an seinem Shirt und er half ihr, indem er es über seinen Kopf
zog und zur Seite warf. Im gleichen Augenblick waren ihre Lippen auf seiner
nackten Haut und er presste ihren Kopf an sich, als die spitzen Zähne über seine
Brust wanderten. Er hätte ahnen sollen, dass das Gefühl unbeschreiblich war. Sie
gab ihm einen Stoß, so dass er auf den Rücken fiel und beugte sich über ihn. Die
schwarzen Locken kitzelten seine Brust und Trevor sagte sich, dass er noch nie
etwas Schöneres gesehen hatte, als diese D’arjo, die mit ihren verrückten
abstehenden Haaren und den leuchtenden gelben Augen über ihm kniete.
Der Geruch ihrer Erregung ließ seine eigene Beherrschung rapide schwinden. Seine
Hände zerrten ihr das Shirt über den Kopf und er warf sie herum und presste sie
mit seinem Gewicht gegen den Boden.
Sie bäumte sich leise fauchend auf und ihre Hände verfingen sich in seinen
Haaren. Er küsste sie kurz und wild, bevor seine Lippen tiefer wanderten. Eine
D’arjo unterschied sich nicht sehr viel von einer Terranerin. Ihr Körper war
schlank und sehnig, ohne ein Gramm Fett und er spürte die Muskeln, die sich
unter ihrer Haut bewegten. Ihre Brüste waren nicht groß, aber fest und rund und
als sein Mund die rosige Spitze umschloss, fühlte er, wie sie nach Luft
schnappte und sich ihm entgegen bog. Sein Mund wanderte tiefer, über ihren Bauch
zum Bund ihrer Hose. Mit einer schnellen Bewegung öffnete er die Knöpfe und zog
die Hose samt Unterwäsche ihre Beine hinab.
Sie war schön. Wunderschön. Vielleicht gerade, weil sie eine D’arjo war. Als
seine Finger zwischen ihre Beine glitten, knurrte sie wieder und stieß ihm ihre
Hüften entgegen. Er hatte nie geglaubt, dass dieses Knurren und Fauchen ihn
dermaßen anmachen konnte. Es war verrückt und vielleicht lag es einfach daran,
dass er seit sieben Monaten keine Frau gehabt hatte.
Ailia machte das Feuer in seinen Augen einfach wahnsinnig. Ihr Verstand hatte
längst aufgehört zu arbeiten. Sie wollte nur noch, dass er sie berührte, dass er
in ihr war und sie für einen kurzen Moment all ihre Sorgen und ihre
Hoffnungslosigkeit vergessen konnten.
Ein überraschter Schrei entfuhr ihrer Kehle, als er sie sanft in den Bauch biss
und ihr Kopf fuhr hoch. Er grinste wieder dieses verruchte Grinsen, dass Schauer
durch ihren Körper jagte. Dann sah sie seine Zunge über die samtene Haut ihres
Bauches fahren und tiefer gleiten. Und ihr Kopf schlug zurück gegen den Boden,
als sein Finger in sie stieß und sein Zunge den sensiblen Punkt zwischen ihren
Beinen berührte. Die Krallen bohrten sich in den Boden, ihr Körper wand sich
unkontrolliert und explodierte übergangslos, als er sie genau dort biss.
Woher weiß er das?
Sie spürte, wie er mit seiner Hose kämpfte, sie von seinen Beinen kickte und
sich wieder auf sie stürzte. Seine Lippen waren auf ihren und sie schmeckte sich
selbst in seinem Mund, als ihre Zungen sich berührten. Er war nicht mehr fähig,
länger zu warten. Zu spüren, wie sie kam und der Geruch ihrer Erregung brachten
ihn um den Verstand. Er drängte zwischen ihre Beine, spürte ihre Krallen in
seinem Rücken und vergrub sich in ihr.
Ailia handelte nur noch instinktiv. Ihre Beine schlangen sich um seine Hüften,
als sie seinen wilden Stößen begegnete. Irgendwo entfernt sagte eine Stimme,
dass es ein Terraner war und sie ihn nicht verletzen sollte, doch ihr Körper
verselbständigte sich. Das Gefühl, ihn in sich zu spüren und die Wellen der
Lust, die mit jedem Stoß höher schlugen, ließen sie jegliches rationales Denken
vergessen. Fauchend umklammerte sie seinen Kopf und ihre Zähne gruben sich in
seine Schulter, ohne ihn zu verletzen, aber schmerzhaft genug, um ihn scharf die
Luft einziehen zu lassen.
Seine Hand verkrallte sich in ihren Haaren, als er, nur einer Eingebung folgend,
ihren Kopf etwas zur Seite bog. „D’arjo“, knurrte er heiser und biss sie in den
Hals, als er sich ein letztes Mal tief in ihr vergrub, die Lichter in seinem
Kopf angingen und er auf ihr zusammen brach.
Ailia schrie auf. Die Wellen der Lust und Ekstase vermischten sich mit den
mentalen Wellen seines Orgasmus, ließen sie beide schweben und für einen Moment
nichts anderes fühlen, als das Beben ihrer Körper, die sich aneinander
klammerten.
Trevor rollte zur Seite und zog sie mit sich. Seine Brust hob und senkte sich
stoßweise, als er keuchend die Augen schloss und sich mit seiner freien Hand
durch die Haare fuhr.
Wow. War alles, was er denken konnte, während seine andere Hand gedankenverloren
mit Ailias Haaren spielte. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter. Sie rührte sich
eine ganze Weile gar nicht und er war weit entfernt davon, die friedliche
Stimmung, die zwischen ihnen herrschte, zu zerstören.
Dann fühlte er, wie sie sich bewegte, den Kopf hob und ihn ansah. Für einen
Moment trafen sich ihre Blicke und er sah in ihren Augen das gleiche, was sie
wahrscheinlich in seinen sah.
Erstaunen, Befriedigung und genau so Angst.
Sie lächelte leicht. „Jetzt sind wir komplett verrückt, oder?“
Trevor lachte, warf den Kopf zurück und starrte in den jetzt dunklen
sternenübersäten Himmel. „Ich würde sagen, es musste so kommen…“
„Angeber“, murrte sie.
Er rollte sie wieder herum und beugte sich über sie. „Das war ein schönes
Geburtstagsgeschenk“, sagte er leise, lächelte versonnen und küsste sie sanft
auf die Lippen. „Bekomme ich auch den Rest der Nacht?“
Ailia schluckte. Sie spürte seinen Körper, der sich gegen sie presste und sah in
seinen Augen ein Verlangen, das sie schwindeln ließ. Ein Mensch... Sie hob ihre
Hand und strich zögernd über seine Wange. „Ich habe Angst.“
„Ich auch.“
„Wieso bin ich nicht über mich selbst entsetzt?“
Sein Kopf senkte sich und sie seufzte leise, als sie seine Lippen und seine
Zunge an ihrem Hals spürte. „Du magst mich“, murmelte er.
„Wieso tue ich das?“
Er hob plötzlich wieder den Kopf. „Lucie, wenn irgendwann ein Schiff kommt und
es sind meine Leute, werde ich alles Menschenmögliche tun, um dir einen Heimflug
zu ermöglichen“, sagte er ernst.
„Was?“ Sie konnte nicht glauben, was sie hörte.
„Ich kann dir nicht versprechen, dass es funktioniert. Aber ich werde es
versuchen.“
Sie schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn. „Ich auch, Trev. Ich werde
es auch versuchen“, schluchzte sie und klammerte sich an ihn, als wolle sie ihn
nie wieder los lassen.
In dieser Nacht kamen sie erst sehr spät zur Ruhe. Keiner von beiden
verschwendete noch einen Gedanken daran, dass es der Feind war, mit dem sie das
Bett teilten. Sie waren schon lange keine Feinde mehr.
Es war, wie Trevor damals schon gesagt hatte: Wie konnte etwas, das ihnen beiden
gefiel, falsch sein.
Irgendwann weit nach Mitternacht sanken sie erschöpft und befriedigt auf Trevors
Bett zusammen. Ailia erschrak etwas, als er seinen Arm um sie schlang, sich wie
selbstverständlich an ihren Rücken kuschelte und einschlief. Sie wollte sich von
ihm lösen und ihr eigenes Bett aufsuchen, aber damit hätte sie ihn
wahrscheinlich wieder geweckt.
Seine ruhigen Atemzüge sagten ihr, dass er eingeschlafen war und sie stellte
erstaunt fest, dass sie trotz der gegenseitigen Berührung seine Gedanken noch
immer nicht lesen konnte.
Hat er es gewusst? Hieß das, sie konnte sich an ihn lehnen und einschlafen, ohne
dass sie durch fremde Gedanken geweckt wurde?
Sie seufzte, lehnte sich an ihn und schloss ihre Augen. Und dachte zum ersten
Mal nicht an den *Terraner*, sondern an den *Mutanten*.
Ailia lachte, als er fluchend die Hände rang. „Es ist doch nicht schwerer, als ein terranischer Tanz.“
„Es sind zu viele Schritte!“
„Pass auf.“ Sie stellte sich neben ihn, griff seine Hand und steppte die Schrittkombination noch einmal vor. „Fünf Schritte, Drehung, Fünf Schritte und zur Seite und alles von vorn. Ganz einfach.“ Ihr Körper drehte sich in einer perfekten Pirouette und landete in seinem Arm. „Ganz einfach.“
Trevor zog sie an sich und wirbelte mit ihr in einer Mischung aus terranischem und d’arjotischem Tanz und komplett ohne Musik über die Waldlichtung. „Wir werden unseren eigenen Tanz kreieren“, verkündete er, hob sie hoch und drehte sich um seine eigene Achse. „Es kann uns eh niemand kritisieren.“
Ailia lachte. „Wir werden nie Gelegenheit haben, öffentlich miteinander zu tanzen, weil einer von uns im Gefängnis sitzt“, kicherte sie und schnappte nach Luft, als er sie hart küsste.
„Ich will es nicht hören“, stieß er heißer hervor, stoppte seine Drehungen und presste sie gegen einen Baum. „Ich werde erst wieder darüber nachdenken, wenn es soweit ist.“ Seine Augen verfingen sich an ihren spitzen Zähnen, die in ihrem halbgeöffneten Mund funkelten, und seine Lippen lagen wieder auf ihrem Mund.
Sie knurrte leise und dieses Knurren machte ihn genau so verrückt wie alles andere an ihr. Er konnte sich nicht entsinnen, wie lange es her war, dass er sich derartig schlecht unter Kontrolle hatte. Ihre Haare stellten sich auf und der Duft ihrer Erregung, der ihm in die Nase stieg, ließ ihn schlagartig steinhart werden.
Ihre Lippen wanderten zu seinem Hals und er fühlte, wie die Zähne an seiner Haut nagten. „Gott“, flüsterte er. „Diese Zähne machen mich wahnsinnig…“
Ailia hob den Kopf und sah ihn mit einem spielerischen Lächeln an. „Möchtest du wissen, was diese Zähne noch so mit dir anstellen können?“
Ihm wurde heiß, als ihre Zunge heraus schnellte und über die Spitzen der Eckzähne fuhr. „Ja“, hauchte er und sie drehte sie beide, so dass er nun mit dem Rücken an dem Baum lehnte.
Dann sah sie ihn mit schief gelegtem Kopf an. „Du bist mutig.“ Und die Art und Weise, wie er sie ansah, raubte ihr den Atem. Sie hätte nie für möglich gehalten, dass solch ein Feuer in den eigenartig gefärbten Augen eines Menschen lodern konnte. Mit einem Grinsen lehnte sie sich kurz an ihn und ihre Hände fuhren über seine Brust.
Trevor zuckte zusammen, als die Krallen ausfuhren, aber er rührte sich nicht. Er spürte die Spitzen durch sein Shirt und ein leises Stöhnen entrang sich seiner Kehle, als sich ihre Hände dem Bund seiner Hose näherten und die Knöpfe öffneten.
„Hm“, knurrte sie und klang immer noch verspielt. „Du bist sehr leicht zu erregen. Menschen im Allgemeinen, oder nur du?“
Er wollte antworten, doch alles, was seinen Mund verließ, war ein Seufzen, als sie ihn in die Hand nahm und er die Krallen sanft über die empfindliche Haut seines Schaftes fahren fühlte. Sein Kopf flog zurück und er dachte kurz, dass es frech war, ihn als leicht erregbar zu bezeichnen, wenn der Geruch ihrer eigenen Erregung in der Luft schwebte, doch sein Denken verstummte schlagartig, als sie auf die Knie sank. Hilflos sah er auf sie hinab, in ihre funkelnden gelben Augen.
„Vorsichtig… ja?“ schaffte er schließlich, hervor zu bringen und hörte sie leise lachen.
Ihre Zunge schnellte heraus und leckte über die Spitze seines Penis, während ihre Hände ihn immer noch umschlossen. Sie knurrte wieder, lauter diesmal und sein Kopf schlug wieder zurück gegen den Baum, als sie ihn in den Mund nahm. Ein Zittern lief durch seinen Körper und er fühlte die Zähne auf seiner Haut, während ihre weichen Lippen ihn umschlossen. Die Vibrationen des Knurrens in ihrer Kehle setzen sich über ihre Zunge fort, als sie ihn immer wieder tief in ihren Mund saugte und ihre Hände den Bewegungen ihrer Lippen folgten.
Unbewusst vergrub sich seine Hand in ihren Haaren, presste ihren Kopf gegen sich. Es war Ewigkeiten her, dass eine Frau das bei ihm getan hatte. Er fühlte sich, als würde er sterben und wollte sie anflehen, ihn endlich zu erlösen, doch er schaffte es einfach nicht, Worte zu formen. Sein Körper loderte in einem Feuer, das ihn zu verbrennen drohte und er wimmerte beinah, als ihre Hände fester zufassten. Dann biss sie ihn sanft und er explodierte ohne Vorwarnung. Seine Hüften stießen unkontrolliert nach vorne, seine Hand verkrampfte sich in ihren Haaren und ließ ihren Kopf nicht los. Sie knurrte lauter, ihr Mund umschloss ihn fest, als er mit solcher Wucht kam, dass ihm schwarz vor Augen wurde und die Zähne quetschten ihn fast schmerzhaft aus, bis sie den letzten Tropfen geschluckte hatte. Dann gaben seine Beine nach, er sank zu Boden und schlang seine Arme um ihren Körper.
Wahnsinn. Sie ist einfach Wahnsinn.
Ailia kletterten auf seinen Schoß. Sie sah seinen benebelten Blick und wusste, dass er noch nicht wieder ganz auf dem Boden angekommen war und knurrte wieder, weil ihre eigene unbefriedigte Erregung anfing, sie zu schmerzen.
Trevors Arm schlang sich um ihren Nacken. Er zog ihren Kopf zu sich herab, küsste sie hungrig und ließ das Knurren für einen Moment verstummen. Seine Hände fingerten an ihrer Hose und öffneten die Knöpfe. Er wusste, was sie wollte. Als seine Finger zwischen ihre Beine wanderten, fauchte sie leise, hob den Kopf und drängte sich selbst gegen seine Hand. Er konnte den Blick nicht wieder von ihr lösen. Er sah, wie sich die herrlichen gelben Augen verklärten, sich ihr Mund halb öffnete, als sie leise stöhnte, während seine Finger in sie stießen und ihr heißes Fleisch dehnte. Das Knurren ließ wieder ihren ganzen Körper vibrieren und er spürte es bis zu seinen Fingern. Es war herrlich. Die Leidenschaft in ihren Augen zu sehen, die ihm galt, einem Terraner, und zu sehen, wie sie langsam aber sicher die Beherrschung verlor, sich selbst gegen seine Finger stieß und um mehr bettelte.
Und er gab ihr, was sie wollte. Sie war zu nah an der Kante, schon allein durch ihr eigenes Handeln und das Fühlen seines Orgasmus, als das er es hätte noch hinaus zögern können. Er presste seinen Daumen gegen sie, fühlte wie sie sich aufbäumte und ihre Kontraktionen gegen seine Hand. Ihr Mund öffnete sich in einem stummen Schrei, ihre Finger umklammerten seine Schultern und zum ersten Mal spürte er die Krallen in seiner Haut.
Es interessierte ihn nicht, weil seine Augen noch immer ihren Blick festhielten und zu sehen wie sich ihr Gesicht in der Ekstase verklärte, während die mentalen Wellen der Lust mit seinen Geist kollidierten, übertraf alles, was er je erlebt hatte. Ihre Stirn sank gegen seine, als ihr Körper erschlaffte und er hielt sie fest, bis ihre beiden Körper aufhörten zu zittern und ihr Atem nicht mehr ganz so keuchend ging.
**************
Acht Monate
„Ich verstehe das nicht“, erklärte Ailia und beobachtete mit verschränkten Armen, wie er die Holzleisten, die einen neuen Bettrahmen bilden sollten, mit Pflanzenfasern verband. „Ich brauche kein Doppelbett.“
„Aber ich“, antwortete er, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen.
„Ich finde auch, dass es unbequem ist, in deinem schmalen Bett zu zweit zu schlafen, aber darauf hast du bestanden. Ich kann wieder in meinem Bett schlafen. Das wäre sowieso... richtiger und...“
„Halt den Mund, D’arjo.“ Trevor stand auf und begutachtete sein Werk. Dann entfernte er die Matratzen aus den Schiffsbetten und platzierte sie in dem Holzrahmen. „Siehst du.“ Ehe sie reagieren konnte, hatte er sie auf seine Arme genommen, trug sie zu dem neuen ‚Bett‘ und ließ sie fallen.
Ailia schrie erschrocken und wollte aufspringen, doch er war schneller und presste sie mit seinem Gewicht gegen die Matratzen. Lachend rollte er zur Seite, ohne sie los zu lassen.
„Jetzt haben wir ein richtiges schönes Bett, D’arjo“, flüsterte er heißer. „Und ich muss keine Angst mehr haben, dass einer von uns beiden an der Seite heraus fällt.“
Sie kicherte und ließ ihre Hände unter sein Shirt wandern. „Also ich denke, es ist ganz schön krank von mir, die ganze Nacht im Arm eines Terraners zu verbringen. Das hat nicht mal El gedurft“, murmelte sie und ihre Zähne knabberten an seinem Hals.
„Wa-was?“ stotterte Trevor verblüfft und versuchte gewaltsam, seine Gedanken zu sammeln, was sehr schwierig war, wenn sich ihre Zähne auf seiner Haut bewegten. „Stopp! D’arjo. Lucie.“ Er umfasste ihren Kopf und zog ihn gewaltsam von seinem Hals weg. „El?“
„Mein Mann...“ Sie knurrte leise, als er sie nicht los ließ und er fühlte die Krallen durch sein Shirt drücken.
„Lucie!“ Ihre Hände wanderten zum Bund seiner Hose und er wusste, dass er verloren war, wenn sie die Knöpfe öffnete. „Stopp! Lucie!“ brachte er mit dem letzten Rest seines Verstandes hervor.
Jetzt registrierte auch Ailia endlich seine Stimme. „Was ist denn?“
„Du hast mit deinem Mann nicht in einem Bett geschlafen?“ Er klang entgeistert.
„Doch“, sagte sie und runzelte die Stirn, weil sie eigentlich nicht wusste, wovon er sprach.
„Was meintest du mit: Das durfte nicht mal El...?“ ließ er nicht locker und hielt ihren Kopf fest.
Jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. Doch sie zögerte mit der Antwort, weil sie sich plötzlich unsicher fühlte. „Du... hältst mich die ganze Nacht fest...“, begann sie leise.
„Er nicht?!“ Jetzt klang er wirklich ungläubig.
„Es hätte nicht funktioniert... ich hätte es nicht zugelassen... er ... er war ... kein Mutant.“
Oh Gott.
Sie sah die Fassungslosigkeit in seinen Augen, die langsam in Verstehen überging und schluckte. „Ich kann die Gedanken anderer D’arjo ausschließen. Willentlich. Aber wenn ich schlafe und die körperliche Berührung ist noch da, ist das nicht möglich. Ich... ich hätte es nicht ertragen...“
„Hat er das gewusst?“
Sie nickte und er zog sie an sich. Gott. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, da er noch nie in einer Beziehung gelebt hatte. Natürlich war es nicht immer schön, die Gedanken anderer Menschen zu lesen. Aber genau so wie sie, verschloss er seinen Geist, wenn er mit anderen Menschen verkehrte. Er war nie auf den Gedanken gekommen, welche Probleme in dieser Hinsicht noch auftreten konnten.
„Hast du dir manchmal gewünscht, dich richtig gehen zu lassen?“ fragte sie plötzlich leise. „Diesen Gedanken, dich immer ein wenig beherrschen zu müssen, einfach mal fallen zu lassen?“
„Ich habe nie darüber nachgedacht“, gab er zu.
„Ich schon. Und ich habe es manchmal in Els Augen gesehen. Und es tat mir so leid. Ich habe mir gewünscht, kein Mutant zu sein.“ Sie seufzte leise. „Ich habe ihn geliebt. Wirklich geliebt. Und doch wusste ich, dass meine Mutation immer irgendwie zwischen uns stehen würde. Er hat es nie gesagt und ich habe nie in seinen Gedanken gelesen, aber...“ Sie stockte.
„Aber du hast auch nie die Beherrschung verloren“, vollendete er ihren Satz.
„Hm“, murmelte sie und presste ihr Gesicht gegen seine Brust. „Ich hatte ein wenig Angst in dieser ersten Nacht, weißt du. Bis du geschlafen hast und ich feststellte, dass deine Gedanken trotzdem nicht auf mich einströmen. Und dann... und dann fand ich den Gedanken schön... dass du mich umarmst...“ Sie hob ihren Kopf. „Ist es mit Terranerinnen anders? Ich meine, du hast mich so selbstverständlich festgehalten, als hättest du nie schlechte Erfahrungen gesammelt.“
Trevor sah plötzlich sehr verlegen aus. „Ich bin noch nie neben einer Frau eingeschlafen.“
Ailias Unterkiefer klappte nach unten. „Was?“ piepste sie jetzt völlig fassungslos.
Er fluchte lautlos. „Ich hatte nie eine Beziehung. Nur Sex“, versuchte er zu erklären. „Ich habe mit ihr geschlafen und bin gegangen. So einfach.“
„Das tut mir leid“, flüsterte sie, zog ihn an sich und legte ihre Wange an seine Brust. „Du musst so einsam gewesen sein...“
„Nein!“ fuhr er auf. „Ich war nicht einsam. Ich hatte einen Haufen Freunde, einen Haufen Sex und jede Menge Nervenkitzel im Kampf...“
Sie hob den Kopf und verschloss seinen Mund, indem sie ihre Lippen auf seine presste. Ihre Zunge drängte zwischen seine Zähne und er stöhnte leise. Dann riss er seinen Kopf noch einmal von ihr los. „Mit mir musst du dir keinen Kopf über eine mentale Abschirmung machen“, stieß er hervor.
„Ich weiß“, flüsterte sie und presste sich gegen ihn.
„Deshalb hast du ihn nie gebissen, ja?“
„Sei still“, murmelte sie und ihre Zunge fuhr über seine Lippen. Er saugte sie in seinen Mund und spürte die spitzen Zähne, als sie leise fauchte.
Und Trevor war für eine ganze Weile still.
Als sie später erschöpft nebeneinander lagen und er den Arm um ihre Taille schlang und sich an ihren Rücken kuschelte, sagte sie noch einmal leise: „Jemanden zu zeichnen bedeutet, ihn für sich zu beanspruchen. Ich konnte es nicht. Nicht, wenn ich mich ihm nicht mit der gleichen Vollständigkeit hingeben kann...“
Trevor küsste sie sanft auf den Hals. „So ähnlich habe ich es mir gedacht...“ Er lachte leise. „Ist wie das terranische Ritual des Heiratens. Wenn ich der Frau vor Zeugen einen Ring an den Finger stecke, um zu sagen, dass sie mir gehört.“
„Einen Ring?“ kicherte sie. Und hörte sich grinsend alles über Verlobung, Heirat und Ringe an.
*************
Trevor lag auf ihrem neuen Bett und musterte gedankenverloren die Karte des Planeten. „Wir haben unsere selbst gestellte Aufgabe sträflichst vernachlässigt“, sagte er. „An der Karte hat sich seit vier Wochen nichts verändert!“
„Warum nur?“ Ailia malte verträumt Kreise auf seiner nackten Brust.
Er musterte sie grinsend. „Weil wir nichts anderes mehr im Kopf haben, als uns gegenseitig den Verstand aus dem Kopf zu vö…?“
„Du wirst das nicht sagen!“ Sie legte ihr Kinn auf seine Brust.
„Warum nicht? Du solltest der Tatsache ins Auge sehen. Wir haben seit vier Wochen nichts anderes getan.“
Ailia richtete sich auf und beugte sich über ihn. Das verruchte Grinsen, das plötzlich in ihrem Gesicht lag, ließ die Erregung in seinem Körper sofort wieder in die Höhe schnellen.
„Siehst du“, stieß er hervor. „Du denkst auch an nichts anderes mehr!“
Sie kniete plötzlich über ihm und fuhr mit der Zunge über seine Lippen. „Du hast mich auf einen Gedanken gebracht…“
Seine Hände griffen nach ihrem Hals und pressten ihren Kopf an sich. Die spitzen Zähne fuhren an seinem Kinn entlang zu seinem Hals und er schloss einen Moment die Augen.
Bis sie sagte: „Darf ich dich am Bett fest binden?“
Seine Augen flogen auf. „Was?!“ schrie er fast entsetzt und irgendwie fassungslos, weil er glaubte, sich verhört zu haben. Doch sie meinte es vollkommen ernst, wie ihm ein Blick in ihr Gesicht sagte. „Vergiss es!“
„Oh“, murmelte sie enttäuscht und senkte ihren Kopf wieder zu seiner Haut. Ihre Zunge fuhr um seine Brustwarzen und er schnappte nach Luft, als sie sie in ihren Mund saugte.
Dann fühlte sie seine Hand in ihren Haaren und hob wieder den Kopf. „Es würde dir gefallen.“
„Nein!“
Sie küsste sich ihren Weg wieder zurück zu seinem Mund und hauchte. „Es hat allen D’arjos gefallen, glaub mir…“
„Was?“ fragte er und versuchte krampfhaft, ihre Lippen zu ignorieren. „Du hast die armen Sklaven, die für deine Bedürfnisse herhalten mussten, auch noch am Bett fest gebunden?!“
„El hat es geliebt…“ schnurrte sie und biss ihn sanft in den Hals. „Du würdest es auch lieben.“ Sie kicherte leise. „Und du hättest keinen Verstand mehr, wenn ich mit dir fertig bin.“
„Verdammt!“ Trevor bäumte sich auf und warf sie herum. Er fing ihre Hände und presste sich gegen sie, während er ihre Hände über ihrem Kopf fixierte. „Wie wäre es anders herum? Wir probieren erst einmal aus, wie es mir gefällt, dich ans Bett zu fesseln.“
„Mich?“ Ailia sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Niemals!“
„Ach so ist das, D’arjo.“ Er grinste plötzlich. „Du durftest die armen D’arjos quälen, aber sie dich nicht.“
„Sie haben es geliebt!“ Ailia versuchte, ihre Handgelenke aus seinem festen Griff zu lösen, doch sie wusste, dass sie es ohne den Einsatz ihrer telekinetischen Kräfte nicht schaffen würde.
Trevor sah ihren Bemühungen eine Weile spöttisch zu. Einer plötzlichen Eingebung folgend senkte er seinen Kopf und biss sie sanft in eine der kleinen festen Brüste.
„Ah“, schrie Ailia fast erschrocken auf und bog sich ihm entgegen. Er lächelte gegen ihre Haut und stellte fest, dass es seinen Reiz hatte, wenn er ein wenig mit ihrem Körper spielen konnte. Der Geruch ihrer Erregung war wieder stärker geworden und entgegen ihrer entsetzten Ablehnung, schien es ihr zu gefallen. Ihre Beine spreizten sich und sie drängte ihm einladend ihr Becken entgegen, während sie immer noch versuchte, ihre Hände aus seinem Griff zu befreien.
Er hob den Kopf. „Ich glaube, ich möchte ausprobieren, wie es ist, dich ans Bett zu fesseln“, meinte er verspielt.
„Vergiss es“, knurrte sie und schlang ihre Beine um seine Hüften, um ihn zu zwingen, ihr endlich zu geben, was sie wollte.
Lachend zog er sich etwas zurück. „Lucie, du hast mich erst auf den Gedanken gebracht“, verteidigte er sich. „Ich habe noch nie derartige Anwandlungen verspürt…“
Ailia fauchte.
„Ich sollte all die armen D’arjos rächen…“
„Du dummer nichtswissender Terraner! Sie haben drum gebettelt!“ Sie schnappte nach Luft, als seine stumpfen Zähne wieder in ihre Haut bissen. Er war verrückt… Und sie fuhr zusammen, als er ihre Hände nur noch mit einer Hand festhielt und die zweite an ihrem Körper auf Wanderschaft ging. Sie sollte dem jetzt endlich ein Ende bereiten. Doch das Gefühl, dass sich in ihrem Körper bildete, war zu mächtig und ihre Gedanken begannen sich mit etwas anderem zu beschäftigen, das absolut nichts mit Gegenwehr zu tun hatte.
„Gebettelt?“ Er lachte leise, presste seine Lippen auf ihren Mund und stieß gleichzeitig seinen Finger in sie. „Darum, dass du sie festbindest oder dass du sie endlich erlöst?“
Um beides, du Dummkopf. Das sagte sie natürlich nicht, weil sie ahnte, dass er es gegen sie verwenden würde. Sie spürte seine Erektion an ihrem Oberschenkel und wusste, dass er es nicht lange durchhalten würde. Nicht, wenn er gleichzeitig ihre Hände festhalten musste und deshalb beschloss sie, sein Spiel mitzuspielen.
Und irgendwie gefiel es ihr. Der Gedanke, ihm ausgeliefert zu sein – wenn auch nicht wirklich – hatte seinen Reiz. Entfernt schwor sie sich, mit ihm das gleiche zu tun, doch dann verschwand jeder rationale Gedanke, als seine Finger stetig in sie hinein und aus ihr hinaus glitten und der Schmerz in ihrem Unterleib immer größer wurde. Ihr Kopf flog in ihren Nacken und die Krallen fuhren aus.
Trevor lachte wieder leise. Es war fantastisch zu sehen, wie sie sich unter ihm wand und doch nichts tun konnte, um es zu beschleunigen. Er wunderte sich etwas, warum sie es geschehen ließ, verwarf den Gedanken jedoch einfach und vergaß sich in dem Gefühl, die Macht zu besitzen, ihren Körper nach ihm schreien zu lassen.
„Bist du etwas verrückt nach mir, Kätzchen“, fragte er schmeichelnd und ignorierte seine eigene schmerzhafte Erektion.
„Ja“, knurrte sie, während ihre Beine versuchten, ihn an sich zu ziehen. Doch ihr Versuch erlosch schlagartig, als seinem Finger ein zweiter und dritter folgte und seine Hand sich gegen ihre Mitte presste.
„Es ist toll, Lucie“, grinste er. „Das stimmt. Für denjenigen, der nicht festgebunden ist, ist es toll. Wie lange hast du es immer hingezogen?“
Oh, ich werde sterben. Ein wahrhaft heldenhafter Abgang. Von einem Terraner zu Tode gefickt. Gott, jetzt fing sie auch schon an, seine schmutzigen Worte zu verwenden.
„Wenn ich deine Zähne hätte“, fuhr er fort, „könntest du jetzt nicht einmal verhindern, wenn ich dich richtig beißen würde.“
Ailia kam übergangslos, ohne dass er irgendetwas tat, und schrie. Das Bild, das seine Worte herauf beschworen, reichte, um sie über die Kante zu stoßen. Ihr Körper bäumte sich auf. Ihr wurde für einen Moment schwarz vor Augen und sie schnappte keuchend nach Luft, als sich ihr Körper schüttelte und erschlaffte.
Wow, dachte Trevor, ließ ihre Handgelenke fahren, zog seine Finger aus ihr zurück und vergrub sich selbst mit einem einzigen wilden Stoß in ihr. Ihre Augen flogen auf. Sie umklammerte seinen Hals und mit den Beinen seine Hüften, während jede seiner harten Bewegungen sie dem Himmel ein zweites Mal ein Stück näher brachte.
Teil 11
Neun Monate
„Baum?“
„Esona.“
„Wiese?“
„Kamu.“
„Tier?“
„Equos.“ Trevor klang irgendwie gelangweilt und grinste. „Ich weiß alles!“
„Der Baum ist grün?“ fuhr sie unbeirrt fort.
„E Esona ul treck.“ Ailia lächelte und lehnte sich mit dem Rücken an ihn. Sie
saßen neben dem Feuer, starrten in die Flammen und genossen den ruhigen Ausklang
des Tages und die Nähe des anderen.
„Was heißt: Ich mag dich?“ fragte er plötzlich.
„A kanu yana“, sagte sie leise. „Es gibt mehrere Möglichkeiten. A kanu yana
entspricht ungefähr dem terranischen Ich mag dich oder Ich habe dich gern. Es
ist recht persönlich und man sagt es nur zu guten Freunden oder seinem Partner.
Die offiziellere Variante sagt ungefähr Ich kann dich gut leiden aus und man
sagt dann A naradin ela yana.“ Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals und seine
Finger, die sanft über die zarte Haut strichen.
„Und: Ich liebe dich?“
„A ligano yana“, flüsterte sie und seufzte, als er sie in den Hals biss. Ihr
Kopf bog sich automatisch zur Seite und sie schloss die Augen.
Trevor lächelte gegen ihre Haut und spürte ihr Zittern. „A ligano yana“, hauchte
er und ihr Zittern verstärkte sich.
„Nein“, murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen. „Das ist nicht möglich…“
„Ich liebe dich, D’arjo“, sagte er wieder und zog sie an sich.
„Du kannst dich nicht in mich verlieben…“
„Weil ich ein Mensch bin?“ Er klang belustigt. „Weil es jeden schockieren würde,
der es erfahren könnte? Weil unsere Völker sich gegenseitig abschlachten? Weil
wir Feinde sind?“ Er lachte leise. „Glaubst du, ich weiß das alles nicht?
Glaubst du, ich hätte es mir nicht hundert Mal selbst gesagt? Wenn ich dich
ansehe, Lucie, wünsche ich mir, dich im Arm halten, dich lieben und vögeln zu
können, ohne dass der Gedanke an den Krieg in meinem Kopf herum spukt. Ich
wünsche mir, keine Angst davor zu haben, was passiert, wenn wirklich ein Schiff
landet…“
„Das wünsche ich mir auch“, murmelte sie und drehte sich zu ihm um. „Ich habe
Angst, weil ich weiß, dass ich dich vermissen werde.“
Er riss sie an sich und verschlang ihren Mund mit einem Hunger, der von
Verzweiflung geprägt war.
**************
Zehn Monate
Es war ein Tag wie jeder andere. Außer dass der Himmel etwas bewölkt war und die
Sonne nur ab und zu durch die Wolken schaute.
Trevor stand vor seiner Karte, markierte einen Bereich, den sie am gestrigen Tag
erkundet hatten und murmelte leise vor sich hin. Ailia beschäftigte sich mit den
ersten Nähversuchen ihres Lebens, da die wenige Kleidung, die sie besaßen,
langsam aber sicher verschliss.
„Ich komme mir vor wie ein Urmensch“, schimpfte sie und bohrte mit einer
Knochennadel in ihr mühsam hergestelltes Leder.
Trevor kicherte. „Eigentlich ist es so warm, dass wir keine Kleidung brauchen…“
„Na toll“, brummte sie. „Dann renne ich auch noch wie ein Urmensch herum.“
„Wenn du diese selbstgenähte Kleidung trägst, siehst du auch…“
Ein Donnern unterbrach ihre Worte und das Geräusch war ihnen so bekannt, dass
sie beide erstarrten.
„Gott“, stieß Trevor fassungslos hervor und blickte in ihr bleiches Gesicht.
Sie rührten sich noch immer nicht, auch nicht als das Donnern verklang. Ailia
schluckte und fühlte sich plötzlich, als würde sich eine eiserne Klaue um ihr
Herz legen.
Ein Schiff…
Der Gedanke entstand in ihren Köpfen und die Entgültigkeit, die damit verbunden
war, brach den Bann. Trevor kam langsam auf sie zu, griff ihre Hand und zog sie
hoch. Sie wagten beide noch nicht, das mentale Netz zu scannen, um zu erfahren,
wer jetzt gelandet war.
„Es hat keinen Sinn, es vor uns her zu schieben, oder?“ fragte Ailia erstickt
und er konnte nur den Kopf schütteln.
Wortlos zog er sie an sich und küsste sie sanft. „Egal, was passiert, D’arjo.
Egal, wie es weiter geht. Ich werde dich nie vergessen.“
Ailia schluckte wieder krampfhaft. Er ließ sie los und suchte in seiner Truhe
nach seiner ID-Plakette. Seufzend folgte sie seinem Beispiel.
Dann nahm er wieder ihre Hand und lächelte aufmunternd. „Bereit?“
Sie nickte stumm.
Keine Sekunde später materialisierten sie in der Nähe ihrer abgestürzten Jäger
und als sie das landende Schiff sahen, brauchten sie telepathisch keine weiteren
Nachforschungen anzustellen.
Ein terranisches Kriegsschiff…
Ailia schluchzte leise auf und ließ zu, dass Trevor sie noch einmal an sich zog.
„Ich habe dir ein Versprechen gegeben“, flüsterte er in ihr Ohr. „Ich werde
alles versuchen…“ Dann sah er sie an. „Oder möchtest du hier bleiben?“
„Allein?“ Sie schüttelte den Kopf, aber er sah die Angst in ihren Augen.
Das Dröhnen verstummte, als das Schiff auf dem Boden aufsetzte und die
Triebwerke ausschaltete. Mit gemischten Gefühlen beobachteten sie, wie die
Landeluke aufging.
Trevor holte tief Luft. „Lucie, habe ich dein Wort, dass du das Leben der
Menschen an Bord dieses Schiffes nicht in Gefahr bringst?“
Ailia sah ihn eine Weile nachdenklich an. Sie wusste, warum er fragte. Ihre
mentale Begabung machte sie auch ohne sichtbare Waffen zu einer Bedrohung. Und
in Ailias Kopf sagte eine Stimme, dass sie vor zehn Monaten bedenkenlos ihr
Leben geopfert hätte, um so viele Terraner wie möglich mit in den Tod zu reißen.
„Ja“, sagte sie leise. „Du vertraust meinem Wort?“
„Ja“, antwortete er, ohne zu zögern. „Ich vertraue dir, weil ich dich liebe.“
Sie lächelte schwach, stellte sich kurz auf die Zehenspitzen und küsste ihn.
Dann machten sie sich schweigend auf den Weg zum Schiff.
**************
Trevor fühlte sich miserabel. Einerseits war er froh, dass es ein terranisches
Schiff war, andererseits zehrte die Angst um Ailias Schicksal an seinen Nerven.
Außerdem wussten beide nicht, was in den letzten zehn Monaten passiert war.
Soldaten in kompletter Schutzausrüstung stürzten aus dem Schiff, als sie noch
nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Trevor hob seine Hände
und nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass es Ailia ihm gleich tat. Keine fünf
Minuten später waren sie umstellte und blickten in flimmernde Strahlermündungen.
„Ich bin Commander Trevor O’Delta“, begann er langsam und hielt seinen ID-Chip
hoch. „Terranischer Staatsbürger. Ich bin sicher tot oder vermisst gemeldet.
Letzter Einsatzort Avalon, Jahr 4538.“
Ohne seine Waffe zu senken, nahm der ranghöchste Offizier die Marke entgegen und
kommunizierte über Funk mit dem Schiff. Es vergingen fünfzehn Minuten, in denen
sie geduldig warteten, dann senkten sich die auf Trevor gerichteten Waffen.
„Okay, Commander O’Delta“, entschuldigte sich der Offizier. „Willkommen an Bord.
Wir sind froh, Sie lebend begrüßen zu können. Obwohl wir denken…“ Er warf einen
schrägen Seitenblick auf die D’arjo. „...dass Sie uns viel zu erklären haben. Es
ist noch nicht passiert, dass ein Terraner und eine D’arjo zusammen aufgegriffen
wurden. Captain Delaron möchte Sie sehen und Ihren vollständigen Bericht. Folgen
Sie mir ins Schiff.“
„Captain Delaron?“ Trevor klang erstaunt. „Er hat jetzt ein eigenes Schiff?“ Und
er fühlte sich plötzlich etwas wohler, da er den Mann als einen sehr sachlichen
und ehrlichen Menschen in Erinnerung hatte.
Die Soldaten nahmen Ailia in ihre Mitte, ohne sie aus dem Schussfeld der Waffen
zu entlassen. „Vorwärts, D’arjo.“
Trevor fuhr herum. „Darf ich vorstellen?“ fragte er mit falscher Freundlichkeit
und der Offizier zuckte leicht zusammen, als ihn Trevors kühler Blick traf. „Das
ist D’arjari Ailia Luciana el Tek’aro.“
Ailia brachte ein mühsames gezwungenes Lächeln zustande. „Nett, Sie kennen zu
lernen, Terraner.“
Der Unterkiefer des Offiziers klappte nach unten. „Sie spricht unsere Sprache?!“
Dann fing er sich jedoch schnell und erwiderte höflich. „Mein Name ist Lukas
Thor. Bitte folgen Sie uns ins Schiff.“ Am besten ohne Probleme zu machen.
Ailia nickte unpersönlich. Trevor blieb an ihrer Seite, als sie den Weg zum
Schiff zurückgingen. Er fühlte, auch ohne in den Gedanken der Menschen zu lesen,
die Fragen, das Unverständnis und auch die Fassungslosigkeit.
Als sie das Schiff betreten hatten, nahm Lukas Thor Trevor zur Seite. „Ich
bringe Sie zu Delaron. Kommen Sie bitte mit, Commander.“
„Was geschieht mit ihr?“ Trevor war noch nicht bereit, seinen Platz an Ailias
Seite aufzugeben.
„Ä-ähm“, stotterte Thor unsicher. „Ich lasse sie in einer der Arrestzellen
unterbringen. U-unser Schiff ist für den Transport von Gefangenen nicht
vorgesehen.“
Trevor Augen verengten sich. „Wenn ihr irgend jemand ein Haar krümmt, werde ich
wirklich wütend“, sagte er leise und erntete unverständliche Blicke.
„Es ist okay, Trev“, mischte sich die D’arjo ein. „Du wärst nicht anders
behandelt worden, wenn ein d’arjotisches Schiff gelandet wäre.“
Thor wurde richtig unheimlich zumute, als Trevor die D’arjo einen Moment lang
ansah und sich dann zu ihm umdrehte. „Gut, gehen wir“, meinte er wie nebenbei
und seine Gedanken sagten zu Ailia:
Ich werde sehen, was ich tun kann.
***************
Delaron schüttelte immer wieder und wieder fassungslos den Kopf. Trevors
Geschichte klang einfach zu unglaublich. Sein zweiter Offizier Takvoll Shendor,
der neben ihm saß, hatte sein Gesicht auf die Hände gestützt und sah Trevor an,
als hätte er zwei Köpfe.
„Zehn Monate? Zehn Monate?“ murmelte er immer wieder.
Trevor lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Nun, das Datum, seitdem
mein Jäger vermisst wird, ist bekannt, oder? Also ist es nicht schwer,
auszurechnen, wie viel Zeit seitdem vergangen ist.“
„Und die… D’arjo… ist zum gleichen Moment abgestürzt?“ fragte Shendor noch
einmal.
„Wir haben uns gegenseitig absturzreif geschossen“, wiederholte Trevor genervt.
„Wieso lebt sie noch?“
„Wieso lebe ich noch?“ fuhr er auf.
„Schluss jetzt!“ Delarons Hand schlug auf den Tisch. „Deine Geschichte ist
wirklich kaum fassbar, Trevor. Aber ich sehe auch keinen Grund, warum du lügen
solltest. Du musst natürlich verstehen, dass wir misstrauisch sind. Es ist noch
nie passiert, dass ein Terraner und eine D’arjo irgendetwas zusammen getan
haben. Und du berichtest jetzt das hier…“
Trevor seufzte. „Ich weiß, wie es klingt. Ich kann selbst nicht glauben, dass
das alles wahr ist.“ Und da wisst ihr noch nicht mal alles. „Fakt ist, ich habe
zehn Monate damit verbracht, mich mit einer D’arjo zu unterhalten. Ich habe eine
Menge widersprüchliche Dinge erfahren, eine Menge eigenartiger Sachen, eine
Menge unfassbarer Sachen. Aber ich habe mit ihr *geredet*. Etwas, was noch kein
Mensch vor mir getan hat. Und weißt du, Jim, was ich jetzt denke?“
Delaron schüttelte stumm den Kopf.
„Jemand sollte dafür sorgen, dass D’arjos und Menschen miteinander reden.“
„Was?!“ rief Shendor entsetzt, doch Delaron brachte ihn mit einer herrischen
Handbewegung zum Schweigen.
„Das ist noch nicht alles, oder?“
Trevor lächelte leicht. „Vielleicht klingt es komisch, aber wir haben uns
gegenseitig ein Versprechen gegeben. Für den Fall, dass es ihre oder meine Leute
sind, die letztendlich den Notruf auffangen…“
„Ja?“
„Ich würde ihr gern den Heimweg zurück zu ihren Leuten ermöglichen.“
Shendor lachte auf und Delaron fragte ungläubig. „Und sie hat zugesagt, dass sie
das gleiche für dich tut?“
„Keine Garantie. Ich konnte ihr auch nicht die Garantie geben, dass es
funktioniert. Nur den Versuch.“ Trevor klopfte mit den Fingern auf die
Tischplatte. „Zehn Monate sind eine lange Zeit. Ich kann in ihr keinen Feind
mehr sehen. Nenn mich jetzt meinetwegen einen Verräter, Jim, es ist mir egal…“
„Du vertraust ihr?“
Trevor nickte langsam. „Nur ihr. Keinem anderen D’arjo“, stellte er klar. „Und
ich bin der Meinung, sie hat ein Leben in Gefangenschaft nicht verdient. Nicht
nach dem, was wir auf diesem Planeten zusammen geleistet haben…“
„Die Asorina ist auf dem Weg zum Flottenhauptquartier“, sagte Delaron. „Ich kann
diese Entscheidung nicht fällen, aber wir sind ein paar Tage unterwegs und haben
eine ganze Weile Zeit, uns ausführlich zu unterhalten.“
Trevor grinste verschmitzt. „Vielleicht solltest du die D’arjo mit dazu
einladen…“
***********
Zwei Wochen später
Die Asorina bremste wenige hundert Kilometer vor der Grenze des d’arjotischen
Hoheitsgebietes und schwebte bewegungslos im Raum.
Trevor stand noch immer fassungslos im Hangar und starrte auf den zwar reichlich
angeschrammten, aber dennoch flugtüchtigen d’arjotischen Diskus. Neben ihm
standen Captain Delaron, sein zweiter Offizier und jede Menge bewaffneter
Soldaten, die alle nicht ganz glauben wollten, dass an diesem denkwürdigen Tag
eine D’arjo auf einem terranischen Schiff in ihr Fluggerät stieg und nach Hause
flog.
In den letzten zwei Wochen hatte Trevor wahrscheinlich mehr gesprochen, als in
seinem ganzen bisherigen Leben. Sein Fall wanderte bis vor das oberste
terranische Gremium, vor den Kriegsrat und war Klatschgespräch in jeder Kneipe.
Doch er hatte etwas geweckt. Niemand konnte zehn Monate einfach so abtun. Und
irgendwann hatte ein kluger Kopf – nach Trevors Ansicht - bemerkt, dass es die
D’arjos vielleicht ebenso zum Nachdenken anregen konnte, wenn Ailia heimkehrte.
Von diesem Tag an war das ganze nur noch eine organisatorische Frage.
Delaron kämpfte regelrecht darum, mit seinem Schiff an die Grenze des
d’arjotischen Hoheitsgebietes zu fliegen, nachdem er einige Worte mit Ailia
gewechselt hatte und feststellte, dass man mit einer D’arjo ganz normal wie mit
einem Menschen reden konnte.
Am wenigsten konnte Ailia fassen, dass sie in wenigen Minuten in einem Diskus
sitzen und nach Hause fliegen würde.
„Und, Ailia“, unterbrach Delaron ihre abschweifenden Gedanken. „Vergessen Sie
nicht, Ihre Nachricht abzuschicken, bevor Sie die Grenze überschreiten. Wir
wollen doch nicht, dass Ihre eigenen Leute sie noch abschießen.“
Ailia lächelte und reichte dem Terraner sie Hand. „Ich danke Ihnen für alles,
Captain“, sagte sie und sah das Erstaunen in den Augen. „Ich habe Sie als einen
ehrlichen und aufrichtigen Menschen kennen gelernt und werde Sie in guter
Erinnerung behalten.“
Delaron musste gewaltsam gegen die Rührung kämpfen, die ihn plötzlich befiel.
„Kommen Sie gut nach Hause, Ailia.“
Ailia ließ seine Hand los und drehte sich zu Trevor um. Obwohl sie sich freute,
heimkehren zu können, tat es ihr weh, sich von ihm zu verabschieden und ihn
wahrscheinlich nie wieder zu sehen. Er sah den Ausdruck in ihren Augen und
lächelte aufmunternd. Sie blieb vor ihm stehen und blickte in sein ihr so
vertraut gewordenes Gesicht.
„Komm schon, D’arjo“, flüsterte er leise. „Keine Abschiedsszene. Sieh zu, dass
du heimkommst.“
Ihr war plötzlich egal, was die anderen Menschen dachten. Wortlos schlang sie
ihre Arme um ihn und fühlte, wie er sie ein letztes Mal an sich drückte. „Ich
werde dich vermissen“, sagte sie leise und er hörte die Tränen hinter ihren
Worten. „Pass auf dich auf.“
„Wenn es irgendwann einen Frieden geben wird, Kätzchen, werde ich dich auf
D’arjo besuchen.“
Sie löste sich von ihm und blinzelte, um die Tränen aus ihren Augen zu
vertreiben. „Versprochen?“
Er nickte feierlich. „Versprochen.“
Ailia sah sich noch einmal nach den Menschen um, die ihre Verabschiedung mit
verblüfften Blicken verfolgten. Lächelnd winkte sie und wollte gehen, als ihr
noch etwas einfiel. Ein letztes Mal drehte sie sich zu Trevor um und sagte
leise:
„A ligano yana.“
Trevor schluckte. „A ligano yana, aja.“ Ich liebe dich auch.
Und dann passierte es Trevor zum ersten Mal, dass er mit den Tränen kämpfen
musste, als ihr Diskus abhob und durch die geöffnete Schleuse ins All startete.
Komm gut heim, dachte er wehmütig und fühlte Delarons nachdenklichen
Blick. Er drehte den Kopf und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Und er
sah in Delarons Augen, dass dieser zumindest etwas ahnte.
Teil 12
Ein Jahr später
Trevor starrte gedankenverloren in sein Glas und lauschte der Musik.
Dies war wirklich ein denkwürdiger Tag. Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges
hatten Menschen und D’arjo miteinander gesprochen. Als Treffpunkt war ein
Raumschiff an der Grenze des d’arjotischen Hoheitsgebietes geparkt worden.
Vierzehn Tage hatten D’arjos das Schiff durchschnüffelt und danach 14 Tage
Terraner. Dann waren beide Parteien angereist, hatten sich gegenseitig
argwöhnisch beäugt und angefangen, zu verhandeln.
Trevor hatte nie wieder in einem Jäger gesessen. Seit dem Tag ihrer Rettung
kämpfte er an der Seite der nicht wenigen Menschen für eine friedliche Einigung.
Und seit auch die terranische Regierung eine solche Möglichkeit in Betracht zog,
bot er seine Dienste als Dolmetscher an, da er wahrscheinlich der einzige Mensch
war, der sich in der d’arjotischen Sprache verständigen konnte.
Deshalb war er jetzt auch hier. Um zu übersetzen und er hatte seine Arbeit gut
gemacht, denn die ersten Gespräche, die als Endziel einen Friedensvertrag
hatten, waren gut verlaufen.
Es waren keine Waffen an diesem Treffpunkt erlaubt. Terraner und D’arjo
kontrollierten die Einhaltung des Waffenstillstandes an diesem Punkt gemeinsam.
Jetzt war es spät geworden und er sollte eigentlich schlafen gehen. Doch sein
Auftraggeber, Botschafter Saron, hatte ihn gebeten, noch eine Weile an der
kleinen, gezwungen wirkenden Feier teilzunehmen, die als Ausklang des
erfolgreichen Tages stattfand.
Trevor lauschte gelangweilt den Gesprächen am Tisch und musterte spöttisch
grinsend die Umgebung. Auf der einen Seite des Saals saßen D’arjos, auf der
anderen Seite Terraner und warfen sich gegenseitig misstrauische Blicke zu.
Auf der Tanzfläche sah man ab und zu ein Pärchen, das jedoch schnell wieder das
Weite suchte, weil die Stimmung einfach zu beklemmend war. Ihm ging durch den
Kopf, dass es schon ein gewaltiger Fortschritt war, wenn sich D’arjos und
Menschen in einem Raum aufhielten, man konnte nicht auch noch verlangen, dass
sie sich miteinander unterhielten.
In diesem Moment traf ihn die mentale Präsenz und er war mit einem Schlag
hellwach. Er wusste genau, egal wie viel Zeit verging, daran würde er sich immer
erinnern.
Sie war hier.
Suchend hob er den Kopf und scannte die Umgebung. Was machte sie hier? Dann
erinnerte er sich, dass sie erzählt hatte, sie gehöre zum Hochadel und
wahrscheinlich zählte sie zu den Begleitern des D’arjota.
Ohne weiter zu überlegen, sprang er auf und ging in die Richtung, die ihm seine
Sinne wiesen. Saron sah kurz hoch und runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass
Trevor schnurstracks auf die d’arjotische Seite des Saals lief. Plötzlich schien
es jeder im Saal zu bemerken.
Ailia bemerkte ihn erst, als er fast ihren Tisch erreicht hatte. Sie starrte ihn
einfach nur stumm an und konnte nicht fassen, was ihr ihre Augen sagten. Die
Gespräche an dem Tisch verstummten, als plötzlich ein Terraner vor ihnen stand.
Doch Trevor hatte nur Augen für Ailia. Sie sah noch genau so aus, wie er sie in
Erinnerung hatte. Die schwarzen Locken, das schmale zarte Gesicht und die großen
gelben Katzenaugen, die ihn jetzt fassungslos ansahen.
Er lächelte leicht, legte den Kopf schief und fragte in bestem D’arjo: „Würdest
du vielleicht mit mir tanzen, D’arjari Ailia?“
Ihre Augen leuchteten, als sie ohne zu zögern aufsprang und seine Hand ergriff.
Die anderen D’arjo am Tisch schauten teilweise entsetzt und teilweise so
fassungslos, dass es eigentlich zum Lachen war.
„L-Lucia“, brachte ein älterer D’arjo stammelnd hervor, doch weder Trevor noch
Ailia beachteten ihn.
Trevor sagte kein weiteres Wort, sondern führte die D’arjo durch eine gaffende
Menge D’arjos zur Tanzfläche. Auf der terranischen Seite verrenkten sich viele
Menschen die Hälse, um zu erfahren, was auf der Seite der D’arjo für solchen
Aufruhr sorgte.
Dann hatten sie die Tanzfläche erreicht. Die Musik wechselte zu einem
schnelleren Lied und Trevor zog Ailia an sich. „Ich hoffe, du kannst die
Schritte noch“, flüsterte er in ihr Ohr.
„Glaub mir“, antwortete sie ebenso leise. „Ich habe nichts vergessen.“
Ein Gefühl von Freude durchströmte ihn. Er hatte nicht damit gerechnet, sie
wieder zu sehen, geschweige denn, mit ihr zu reden oder sie zu berühren. Jetzt
vergaß er alles um sich herum. „Ich habe dich vermisst.“
„Ich habe von dir geträumt… immer wieder.“
Lachend wirbelte Trevor mit ihr über die Tanzfläche. Es war ihnen schon bewusst,
dass so ziemlich jedes Augenpaar im Saal in diesem Moment an ihnen hing. Aber es
war ihnen egal.
„Was machst du hier, Lucie?“ fragte er endlich, was ihm schon längst auf der
Zunge brannte.
„Meine Familie begleitet den D’arjota.“
Die Musik nahm sie gefangen. Irgendwann, nach dem vielleicht fünften Lied,
nahmen sie wahr, dass sich die Tanzfläche zögernd füllte, so als hätte es nur
eines Anstoßes bedurft. Menschen und D’arjo beäugten sich noch immer
misstrauisch und tanzten auch gewiss nicht miteinander, aber die strikte
Trennung der Saalhälften ging verloren.
Eine ganze Weile später stoppte Ailia seine Tanzwut. „Puh, mir ist heiß. Wie
wäre es mit einer Pause?“
„Glaub nur nicht, dass ich dich heute Abend aus den Augen lasse.“ Er grinste und
fühlte plötzlich ihre Hand in seiner.
„Komm mit, ich möchte, dass du meine Eltern kennen lernst.“
„Gott, denkst du wirklich, das ist eine gute Idee?“ Stirnrunzelnd ließ er sich
von ihr durch den Saal ziehen und ignorierte die teilweise entsetzten Blicke,
die sie trafen.
Ailia lächelte beruhigend. „Keine Panik. Ich möchte bloß nicht, dass sie vor
Sorgen umkommen, weil sie denken, ein Terraner hätte mich entführt…“
Doch Trevor fühlte sich plötzlich gar nicht mehr wohl in seiner Haut, als sie an
den großen langen Tisch voller D’arjos zurückkamen, die ihn zwar alle nicht
unfreundlich, aber doch unbehaglich musterten. Ailia blieb vor dem älteren
D’arjo, der ihnen so entsetzt hinterher gerufen hatte, stehen.
„Aron“, verwendete sie die d’arjotische Anrede für Vater. „Das ist Trevor. Trev,
mein Vater Gronas.“
„Ich freue mich wirklich, Sie kennen zu lernen“, begrüßte Trevor ihn höflich und
streckte ihm nach terranischer Sitte die Hand hin.
Der D’arjo sah von Ailia auf den Terraner und dessen Hand. Zögernd, als wäre er
unsicher, was er tun sollte, ergriff er die Hand. „Ailia hat von Ihnen erzählt,
Trevor. Wir… sind Ihnen sehr dankbar für das, was Sie für unsere Tochter getan
haben.“
Ailia drehte Trevor zu der D’arjo an Gronas Seite. „Trevor, dass ist Auris,
meine Mutter oder Arona, wie wir im D’arjotischen sagen.“
Er sah die Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen und reichte auch Auris die
Hand. Der D’arjo standen Tränen in den Augen, als sie leise sagte. „Sie können
sich nicht vorstellen, wie überrascht wir waren, Ailia gesund und lebend
begrüßen zu können. Wir danken Ihnen wirklich von ganzem Herzen.“ Sie hat so
viel von ihm gesprochen. Ich habe nie verstanden, warum. Aber, Gott steh uns
bei, jetzt ahne ich es…
Zögernd sah Trevor zu Ailia und fragte sich, ob sie die Gedanken ihrer Mutter
gelesen hatte. Es schien nicht so, denn sie war mehr damit beschäftigt, ihn um
den Tisch herum zu ziehen und jedem D’arjo vorzustellen. Jeder schien zu wissen,
wer er war und neben dem gewöhnlichen Misstrauen spürte Trevor so etwas wie
echte Dankbarkeit in den Gedanken der D’arjos.
Lucie! dachte er laut, als ihm das Vorstellen anfing, auf die Nerven zu
gehen. Ich möchte mit *dir* reden. Allein.
Sie drehte den Kopf und lächelte wieder. Es war ein hinreißendes Lächeln und er
würde nichts lieber tun, als sie an sich ziehen, sie küssen und in Richtung des
nächsten Bettes verschwinden. Aber er wusste, dass er nichts dergleichen tun
konnte. Doch er atmete erleichtert auf, als sie den Tisch verließen und sich an
einen kleinen freien Tisch in einer ruhigen Ecke setzten.
„So schlimm?“ fragte sie amüsiert, als er frustriert stöhnend auf den Stuhl
sank. Sie setzte sich neben ihn, nicht so nah, dass ein Außenstehender es als
unschicklich empfunden hätte, aber nah genug, um ihn ihre Nähe fast körperlich
spüren zu lassen. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du wirklich hier
bist.“
Trevor schloss einen Moment die Augen, als ihm ihr so eigener Duft in die Nase
stieg. „Wie geht es dir?“ Er musste sich zusammen reißen, um sie nicht einfach
nur anzustarren.
„Gut.“ Sie schwieg eine Weile und erwiderte seinen Blick stumm. Dann fing sie
plötzlich an zu lachen. „Verdammt, Trev, ich habe mir so gewünscht, dich noch
einmal zu sehen und jetzt sitze ich hier und weiß nicht, was ich sagen soll,
weil alles, an das ich denke…“
Er fiel in ihr leises Lachen ein und senkte beschämt den Kopf. „Ich auch, Lucie,
ich auch.“
„Ich habe nie wieder in einem Jäger gesessen…“
„Ich auch nicht. Ich habe meinen Dienst quittiert und bin in die
Friedensbewegung eingestiegen.“
„Mir wollte niemand glauben, was passiert ist. Sie redeten von Hypnose,
Gehirnwäsche und irgendeinem plötzlich auftretenden Irrsinn. Ich meine, zehn
Monate in Gesellschaft eines Terraners auf einem fremden Planeten schien schon
jedem ein Grund für einen Wahnsinn.“ Ailia lachte wieder, griff trotz ihrer
Bedenken unter dem Tisch nach seiner Hand und fühlte, wie sich seine Finger um
ihre schlossen. Dann verstummte sie abrupt und flüsterte. „Sag bitte, dass es
kein Traum ist.“
Er sah, wie ihre Wangen glühten und wünschte sich nichts sehnlicheres, als sie
an sich zu ziehen und einfach nur fest zuhalten. „Kein Traum…“, hauchte er. Sein
Blick wanderte zur Tanzfläche, als die Musik in einen langsamen Rhythmus
wechselte. „Denkst du, wir können einen Tanz riskieren, ohne dass beide Seiten
das als einen Skandal ansehen?“
Ailia schüttelte langsam den Kopf. „Nein, das ist keine gute Idee.“
„Schade…“ Trevor winkte die Kellnerin zu sich und bestellte zwei Getränke.
„Lucie, das wird eine lange Nacht. Ich möchte alles wissen, was du im letzten
Jahr erlebt hast.“
************
Sechs Stunden später hatte sich der Saal bis auf wenige Ausnahmen geleert.
Ailias Eltern waren schon vor Stunden gegangen. Sie hatten sich auch von Trevor
freundlich verabschiedet, doch er war das Gefühl nicht losgeworden, dass ihnen
der Gedanke, ihre Tochter hier allein in der Gesellschaft eines Terraners zurück
zu lassen, nicht behagte.
„Wir sollten auch gehen“, meinte Ailia und trank ihr Glas aus.
„Ihr fliegt morgen früh wieder?“
Sie nickte stumm.
„Wir auch.“ Trevor stand ebenfalls auf, als sie sich erhob. „Dieser Tag war ein
Erfolg. Ein viel versprechender Anfang, an dessen Ende hoffentlich ein
Friedensvertrag steht.“ Er fühlte ihren Blick, als wären es ihre Hände, die ihn
berührten und benötigte seine gesamte Selbstbeherrschung, um sie nicht einfach
an sich zu reißen. Sie hatten über alles gesprochen, was sie seit ihrer Trennung
erlebt hatten – nur nicht über das, was sie noch immer verband.
„Lucie...“, begann er zögernd. Und wusste einfach nicht, ob es richtig war,
etwas zu sagen. Ein Jahr war eine lange Zeit, in der viel passieren konnte.
Sie nahm seine Hand und sagte einfach: „Ich möchte den Rest der Nacht nicht
allein verbringen. Und du?“
Trevor teleportierte in der gleichen Sekunde und materialisierte mit ihr
zusammen in seiner Kabine. Im nächsten Atemzug hatte er seine Arme um sie
geschlungen und presste sie gegen die Kabinenwand.
„Ich habe mich nach diesem Tag gesehnt“, stieß er hervor. „Und nicht geglaubt,
dass er irgendwann kommen würde…“
Ailia hob ihre Hände und ihre Finger fuhren sanft über sein Gesicht. „Wir haben
nur noch die wenigen Stunden bis zum Morgen. Hör jetzt bitte auf zu reden.“
Trevors Lippen trafen auf ihre, hungrig und wild, und er fühlte, wie sie mit dem
gleichen Verlangen und der gleichen Gier antwortete. Das Gefühl der spitzen
Zähne, ihre Zunge und ihr Körper, der sich an ihn presste, all das war so
vertraut, als wäre es gestern gewesen. Ungeduldig zerrten seine Hände an ihrer
Kleidung und er nahm weit entfernt wahr, dass ihre Finger genau so gierig an den
Knöpfen seiner Hose hantierten. So schnell hatten sie sich noch nie ihrer
Kleidung entledigt.
Ailias Haare standen schon wieder zu Berge und sie knurrte, als seine Lippen
über ihren Hals zu ihren Brüsten wanderten und er eine der dunklen Spitzen in
seinen Mund saugte. Der Druck zwischen ihren Beinen verdichtete sich zu einem
köstlichen Schmerz. Fauchend drängte sie ihr Becken gegen seines, rieb sich an
seiner Erektion und entlockte ihm ein leises Stöhnen. Es war so lange her…
Trevor riss den Kopf hoch, sah das Feuer in ihren Augen und wusste, dass sie es
jetzt wollte. Für die langsamere zärtlichere Variante blieb später Zeit. Er
drückte sie gegen die Wand, schlang seine Hände um ihre Oberschenkel und hob sie
an. Ihre Beine klammerten sich um seine Hüften und er sah wie sich ihr Mund
knurrend öffnete. Halt suchend griff sie um seinen Hals, in seine Haare und
fühlte ihn genauso zittern wie sie selbst.
„Lucie…“, keuchte er und ihre Augen bohrten sich ineinander.
„Trev“, flüsterte sie und schnappte nach Luft, als er sich mit einem einzigen
wilden Stoß in ihr vergrub. Dann lag sein Mund wieder auf ihrem und ihre Zungen
kämpften miteinander, während sich ihre Körper in einem uralten Rhythmus
bewegten.
Ailias Kopf flog gegen die Wand. Das Knurren in ihrer Kehle verstärkte sich und
sie fühlte, wie die Krallen ausfuhren. Die Bewegungen des Terraners, jeder
einzelne harte Stoß presste sie fast schmerzhaft gegen die Wand, doch sie spürte
es nicht, weil ihr Körper im Feuer der Leidenschaft brannte. Und jeder einzelne
Stoß brachte sie dem Himmel ein Stück näher. Sie hatte ihn vermisst. Und sie
hatte genau das vermisst. Schluchzend umklammerte sie seinen Hals, sie fühlte
seine Zähne, weil er wusste, dass sie genau das brauchte und in dem Moment, wo
die Lichter in ihrem Kopf angingen, setzte ihr Verstand vollständig aus und ihre
Zähne gruben sich in seine Schulter.
Für Trevor kam alles auf einmal. Die mentale Welle ihres Orgasmus traf ihn im
gleichen Moment, in dem sie ihre Zähne in sein Fleisch schlug. Der Schmerz und
ihre Ekstase wirbelten durch seinen Kopf. Er stieß tief und wild in sie, ohne
dass sie ihre Zähne von ihm löste und er explodierte mit einer Wucht, dass ihm
für einen Moment schwarz vor Augen wurde und er nichts anderes fühlen konnte,
als sie und die bunten Lichter in seinem eigenen Kopf.
Das erste, was er bewusst wieder wahrnahm, war das Brennen in seiner Schulter
und die Zunge einer D’arjo, die sanft über die vier kleinen Einstichpunkte
leckte. Sie umklammerte noch immer seine Hüften und da sich seine Beine wie
Gummi anfühlten, hielt er sie fest, stolperte mit ihr zusammen in Richtung Bett
und ließ sich einfach mit ihr auf die Matratze fallen.
Ailia richtete sich noch immer keuchend auf und sah ihm ins Gesicht. Er fühlte
ihren Blick und öffnete seine Augen.
„Ich… wollte das nicht“, flüsterte sie und klang entsetzt.
Seine Hand hob sich müde, er strich ihr beruhigend über die Wange und zog ihren
Kopf zu sich herab. „Kein Problem…“, flüsterte er und presste seine Lippen auf
ihren Mund.
„Ich liebe dich, Lucie.“
Ihre Hände umfassten seinen Kopf. „A ligano yana, aja.“
Trevor schlang seine Arme um sie und hielt sie fest, atmete den ihm noch immer
so vertrauten Duft ihrer Haare und wünschte sich, die Nacht möge nie enden. „Ich
hatte keine andere Frau…“ Seine Stimme klang leise, kaum hörbar. „Ich konnte es
nicht. Ich habe immer dein Bild gesehen. Deine Stimme gehört. Mich an deinen
Geruch erinnert…“
Plötzlich spürte er ihre Lippen auf seiner Brust, die zu der Verletzung an
seiner Schulter wanderten. „Ich habe dir weh getan“, flüsterte sie erstickt.
„Ich wollte es nicht. Du bist ein Mensch… Ich hätte mich besser beherrschen…“
Trevor rollte sie herum, so dass sie unter ihm lag. „Nein, Lucie“, sagte er
leise und ernst. „Keine Beherrschung. Nicht mit mir, okay? Und…“ Er lächelte
leicht. „Ich weiß, was es bedeutet…“
Ihre Finger fuhren zärtlich über die Bissstelle. „Mein Zeichen…“ Sie sah ihn an
und das Verlangen in seinen Augen ließ sie zittern. „Mein Terraner…“
„Ja“, hauchte er, ehe sich ihre Lippen wieder trafen.
******************
Obwohl sie keine Minute geschlafen hatten, schaffte es Trevor, Ailia pünktlich,
und ohne dass es jemandem auffiel, in ihre Kabine zu teleportieren.
Dann packte er seine Sachen zusammen und begab sich an Botschafter Sarons Seite
zum Gleiterhangar. Sarons scharfe Augen musterten ihn kritisch und Trevor war
sich sicher, dass er fürchterlich übernächtigt aussah, doch er ignorierte die
Blicke und Saron fragte nicht.
Im Gleiterhangar herrschte ein geordnetes Durcheinander. Sicherheitskräfte
sorgten für einen reibungslosen Ablauf und koordinierten die einzelnen
Starttermine. Saron runzelte die Stirn und schimpfte leise, als er erfuhr, dass
ihre Starterlaubnis um eine Stunde nach hinten verlegt wurde.
Trevor vergrub seine Hände in den Taschen und wünschte sich ein Bett.
In diesem Moment traf sein Blick auf Ailias gelbe Augen. Sie ging neben ihren
Eltern und bemerkte ihn im gleichen Moment wie er sie. Ein Lächeln umspielte
ihre Mundwinkel. Wahrscheinlich durften sie eher starten, aber es war Trevor
egal. Er freute sich, sie noch einmal sehen zu können.
Komm gut heim, Lucie.
Ein Ruck ging durch Ailias Körper. Sie drehte sich um und kam auf ihn zu. Ihre
Eltern blieben verwundert stehen, als sie plötzlich kehrt machte und starrten
ihr entsetzt nach.
Trevors Augen hingen an ihrem Gesicht, doch in dem Menschen-D’arjo-Gewirr, das
hier herrschte, fiel es niemanden, außer Ailias Eltern und Saron auf. Ailia
blieb vor ihm stehen und er bemerkte grinsend, dass sie genau so müde aussah wie
er.
„Ich hasse Abschiede“, sagte sie leise. „Aber ich hoffe, wir sehen uns bald
wieder.“
Sarons erstaunter Blick wanderte zwischen dem Menschen und der D’arjo, die
nichts anderes als sich selbst sahen, hin und her.
„Das hoffe ich auch“, flüsterte Trevor.
„Auf Wiedersehen, Trev.“ Ehe er reagieren konnte, hatte sie sich auf die
Zehenspitzen gestellt und küsste ihn inmitten all der Menschen und D’arjos auf
den Mund.
Sarons Unterkiefer klappte nach unten und Ailias Eltern, die schon auf dem Weg
waren, ihr zu folgen, erstarrten mitten in der Bewegung.
Trevors Hand fuhr um ihren Hals. Einen kurzen Moment lehnte er seine Stirn an
ihre. „Bis bald.“
Lächelnd löste sie sich von ihm, schenkte dem immer noch mit offenem Mund
starrenden Saron ein Grinsen und ging an ihren noch immer erstarrten Eltern
vorbei zu ihrem Gleiter.
Trevors Blick folgte ihr bis sie in der Menge verschwunden war.
***********
Epilog
Ein Jahr später wurde der Friedensvertrag unterzeichnet.
Trevor saß im ersten Passagierraumschiff, das den Planeten D’arjo anflog. Das
Schiff war fast leer bis auf ein paar abenteuerlustige Terraner, die den Besuch
des Planeten D’arjo als eine Herausforderung ansahen und sich wie Helden
aufführten.
Sie hatten versucht, ihn in ihr Gespräch einzubeziehen, weil sie glaubten, er
würde aus einem ähnlichen Grund fliegen wie sie, doch seine patzige Antwort
hatte sie von weiteren Gesprächsversuchen Abstand nehmen lassen.
Kinder, dachte er verärgert. Sie sprechen kaum ein Wort D’arjo und
wollen sich den Planeten ansehen…
Mit gemischten Gefühlen verließ er das Raumschiff, passierte die Zollkontrollen
und sah sich nach einem Informationsschalter um. Ein älterer D’arjo hob mit
einem misstrauischen Gesichtsausdruck den Kopf, als ein Terraner vor ihm stand.
Wahrscheinlich musste er sich erst noch einmal sagen, dass so etwas jetzt normal
werden konnte. Sein Blick wurde etwas freundlicher, als ihn Trevor in perfektem
D’arjo ansprach.
„Gibt es hier irgendwo ein Informationsportal, an dem ich die Adresse einer
bestimmten Person abfragen kann?“ fragte er höflich.
„Sie suchen jemanden, Terraner?“ Er klang wieder bissig.
Trevor nickte. „Sagen Sie mir einfach, ob es so etwas hier gibt oder wo ich mich
sonst erkundigen kann.“
„Weshalb sollte ein Terraner einen D’arjo suchen?“
Er holte tief Luft. „Mein Name ist Trevor O’Delta. Ich bin auf der Suche nach
D’arjari Ailia Luciana el Tek’aro.“
Was diese Worte auslösten, hätte er sich nicht träumen lassen. Der D’arjo
starrte ihn einen Moment mit offenem Mund an, ehe er hervor brachte. „T-Trevor?
D-D’arjari Ailia?“
Trevor runzelte die Stirn. „Sie kennen sie? Wissen Sie, wo sie wohnt und wie ich
hinkommen kann?“
„Jeder weiß, wer Ailia ist und wo sie wohnt“, sagte der D’arjo sanft und sein
Gesicht wurde weich. Dann winkte er einem jungen D’arjo, der an ihm vorbei
stürzte. „Nel, nimm diesen Terraner mit und flieg ihn zu D’arjari Ailia.“
„Was?“ Trevor sah den D’arjo verdutzt an.
Dieser lächelte. „Ailias Schicksal legte den Grundstein für den Frieden,
Trevor“, erklärte er. „Und Ihre Rolle ist jedem und jeder D’arjo bekannt. Sie
sind so etwas wie Helden… beide.“
Trevor ergriff die Hand des D’arjo und drückte sie. „Ich danke Ihnen.“
„Wir danken Ihnen.“
Eine halbe Stunde später landete der kleine Gleiter vor einem mitten in der
Natur liegendem, riesigem weißen Gebäude. Nel, der die ganze halbe Stunde
ununterbrochen geschnattert hatte, nachdem er nun wusste, wer Trevor war,
stürzte an ihm vorbei zum Eingang und redete in einer Geschwindigkeit auf den
D’arjo ein, der die Tür öffnete, dass Trevor Probleme hatte, zu folgen.
Als er geendete hatte, sah ihn der D’arjo an und senkte den Kopf. „Willkommen,
Anui Trevor.“ Er verwendete das Wort Anui, was so viel wie Herr bedeutete, und
Trevor nahm an, dass es sich um einen Bediensteten handelte. „D’arjari Ailia ist
im Garten. Folgen Sie mir.“
Als sie den Garten erreichten, ließ der D’arjo ihn allein und Trevor war froh
darüber.
Ailia hockte in einem Blumenbeet und zupfte wahrscheinlich Unkraut. Sie trug ein
einfaches weißes baumwollartiges Kleid und Trevor, der sie noch nie in einem
Kleid gesehen hatte, fand, dass sie einfach wunderschön aussah.
Ihr Kopf hob sich ruckartig, als er näher kam und sie rührte sich eine ganze
Weile nicht, als könne sie nicht fassen, was ihr ihre Augen sagten.
„Hallo, Lucie“, sagte er leise.
Sie schlug die Hände vor den Mund und brachte noch immer kein Wort hervor,
obwohl sie es schaffte, aufzustehen.
„Ich halte meine Versprechen“, fuhr er sanft fort.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie kam auf ihn zu und sah ihn noch immer
an, als wäre er ein Traum. „Trev“, flüsterte sie und die Tränen fingen an zu
laufen. „Trev…“
Trevor schlang seine Arme um sie und fühlte, dass sie sich an ihn klammerte wie
eine Ertrinkende. „Kein Grund zum weinen, Lucie“, murmelte er und vergrub sein
Gesicht in ihren Haaren.
„D-du bist hier“, stammelte sie. „Du bist wirklich hier…“ Schluchzend presste
sie ihr Gesicht gegen seine Brust und er sagte nichts mehr, sondern hielt sie
einfach nur fest bis sie sich beruhigt hatte. Es dauerte eine ganze Weile, bis
sie den Kopf hob und mit ihrer Hand über sein Gesicht strich. „Ich liebe dich,
Trev.“
„Ich weiß.“
„Geh nicht wieder weg“, flüsterte sie weinend.
Trevor senkte den Kopf. Seine Lippen fuhren zart über ihren Mund und er küsste
die Tränen von ihren Wangen. „Werde ich nicht… nie wieder…“
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