Warnung: Für alle SVVler besteht eindeutige Triggerwarnung!

 

 

 

 

Ich sehe ihre vorwurfsvollen Blicke vor mir, wenn ich nach dem Kästchen auf meinem Nachttisch greife. Oder in die Tasche an meinem Geigenkasten oder das versteckte Fach in meinem Geldbeutel. Alle diese kleinen Verstecke für ein kleines Bisschen Freiheit, ein klein wenig Sicherheit, eingewickelt in weißes Papier. Immer habe ich mindestens eine davon bei mir.

 

Meine Freunde kennen diese Sicherheiten. Es sind drei von ursprünglich zehn blitzenden, scharfen Rasierklingen. Sobald ich sie aus dem durchscheinenden, weißen Papierbriefchen wickle, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass sie sich wegen mir sorgen.

 

So oft fragen mich meine Freunde nach dem Warum. Manchmal erkläre ich es lang, ausführlich, will einfach, dass sie es verstehen. Aber mit der Zeit werden die Antworten immer kürzer, es schert mich nicht mehr, ob sie es verstehen oder nicht. Und meine Gleichgültigkeit macht ihnen nur noch mehr Sorgen.

Ich hab mich oft genug gefragt, wieso ich mit dem Ritzen angefangen habe. Das erste Mal aus Liebeskummer. Ich trauerte einer Liebe nach, die so nie existiert hat, ich kannte meine Gefühle noch nicht, war verwirrt und griff zu einer Sicherheitsnadel, mit der ich mir sein Initial in die Haut ritzte. Ich kannte das Phänomen noch nicht, wusste nicht, dass es süchtig machen kann. Im Nachhinein ist es lächerlich, weshalb ich es damals tat.

 

Wie ich jetzt weiß, sind Glasscherben sehr beliebt, aber ich habe mich von Sicherheitsnadeln umgestellt auf Rasierklingen. Aber warum habe ich überhaupt weiter gemacht?

 

Ich kann die Frage philosophisch beantworten und sagen, dass ich die Wunden, die mir seelisch zugefügt werden auf den Körper übertragen will, damit man sie sehen kann. Ein Hilfeschrei. Aber viel schlichter gesagt passiert es aus Selbsthass – zumindest bei mir.

 

Sobald mich jemand seelisch verletzt, gebe ich mir selbst die Schuld daran. Anstatt auf die Person sauer zu sein, die mich verletzt, richte ich diesen Zorn gegen mich selbst und beginne damit, mich selbst zu verletzen, weil ich mich bestrafen möchte. Bestrafen dafür, dass ich die Person bin, die ich bin.

Weil mein Vater sich für mich schämt – Schnitt.

Weil mein Geliebter sich von mir eingeengt fühlt – Schnitt.

Weil ich immer zu vorschnell handle – Schnitt.

Weil ich zu vergesslich und zu dumm bin – Schnitt.

 

Wenn ich den ersten Schnitt mache, beginnt die Wut zu verschwinden. Zorn, Frust, Trauer, Enttäuschung, einfach alles Negative scheint mit dem Blut aus mir zu fließen und zurück bleibt nur ein dumpfes Gefühl von Leere, das sich legt, sobald man etwas geschlafen hat.

 

Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, ob ich Hilfe will, ob ich sie brauche, aber ich kam zu keinem befriedigenden Ergebnis, denn einerseits möchte ich niemanden so nah an mich heranlassen, nicht noch verletzlicher sein. Ich sage immer wieder, dass es mein Körper und mein Leben ist, dass die Wunden doch klein und nur oberflächlich sind und ich sie immer gut versorge.

Andererseits sehne ich mich danach, dass mich jemand auffängt, einfach da ist. Der es vielleicht sogar versteht, ohne mich zu verurteilen und gleichzeitig all die Wut aus mir herausnimmt und mir ein Vertrauen an mich selbst gibt.

 

Oft habe ich mir gesagt, ich sei nicht süchtig, aber stimmt das? Einmal habe ich mir die Haut des gesamten Unterarms aufgeschnitten, nur weil ich den Schmerz spüren wollte. Nun, zugegeben, das liegt schon über ein Jahr zurück, aber wieso unternehme ich selbst nicht einfach etwas, um von der Klinge loszukommen, anstatt auf einen Retter zu warten?

 

Vor einigen Monaten wurde mir dann klar, dass ich nicht selbst aufhören möchte. Ich weiß nicht genau weshalb, aber ich möchte nicht damit aufhören.

 

Von meinen Freunden erwarte ich regelrecht die Resignation, was dazu führt, dass sie mir nach und nach abhanden kommen, was eine neue Welle des Selbsthasses auslöst, womit ich wieder ritze und damit den Teufelskreis schließe.

 

Und wenn ich dann weinend zur Klinge greife, höre ich schon die enttäuschten Stimmen und sehe die bedauernden Blicke. Ich will meine Freunde nicht verletzen. Lediglich mich selbst. Doch das eine geht mit dem anderen Hand in Hand und so tue ich unbeabsichtigt den Menschen weh, die ich über alles liebe, während ich zeitgleich krampfhaft versuche, meiner Familie zu verheimlichen, wer ich bin.

 

Man kann aber auch beim Ritzen im Allgemeinen geteilter Meinung sein. Ich kann das Opfer sein, das an der Krankheit SVV, dem Selbst Verletztenden Verhalten, leidet, oder aber ich werde der Täter, der Egoist, der nur die Minderung des eigenen Schmerzes im Sinn hat, während er dutzende andere rücksichtslos mit seinem Verhalten (seelisch) verletzt.

 

Bin ich Opfer oder Täter? Darauf laufen meine Gedanken hinaus.

 

Ich weiß, dass es viele „da draußen“ gibt, die dasselbe tun wie ich, die tiefer schneiden, stärker bluten und mehr leiden. Ist es dreist, dass ich darüber nachdenke, mich nach dem Warum frage? Ich, die nicht tief schneidet, die nicht vorhat, sich in absehbarer Zeit das Leben zu nehmen, die durchaus auch die guten Seiten des Lebens zu schätzen weiß? Tun „die anderen“, die „da draußen“ es auch? Denken sie darüber nach?

Bin ich am Ende zu dem geworden, was ich so verabscheue und verurteile, ein Mitläufer? Gehe ich nur einem Trend nach?

 

Mitläufer oder nicht? Und wenn nicht, bin ich Täter oder Opfer? Brauche ich Hilfe? Will ich sie, wenn auch nur unterbewusst?

 

All meine Gedanken enden in unzähligen Fragen, die ins schwarze Nichts führen, die mir Kopfschmerzen bereiten und auf die ich doch nie eine zufrieden stellende Antwort finde, egal wie sehr ich darüber nachdenke.

 

- Ratte, 14. Dezember 2005

 

 

 

 

 

Ich habe es gestern Abend schon gelesen, aber ich wusste genau, dass ich es heute noch einmal tue. Ich weiß auch noch genau, was mir gestern durch den Kopf ging.

 

Ich begann zu lesen und der erste Gedanke war Angst. Er verschwand etwas beim weiteren Lesen und was blieb, war ein Gefühl der Hilflosigkeit. Jetzt ist es ähnlich, nur ohne die Angst, denn ich kenne den Inhalt.

 

Ich weiß, dass sie das, was in ihr vorgeht, verarbeitet, indem sie es schreibt. Meiner Meinung nach eine sehr gute Sache, denn es hält sie davon ab, andere Dinge zu tun. All das geht mir wieder durch den Kopf, während meine Augen über die Zeilen fliegen.

 

Wie lange kenne ich sie jetzt schon? Weit über ein Jahr und ich kann nicht sagen, dass mir neu ist, was sie schreibt. Wir haben oft genug solche Gespräche geführt und ich bin eine der Personen, die immerzu nach dem Warum fragt.

 

Ich würde sie niemals verurteilen. Und wenn sie denkt, sie enttäuscht ihre Freunde, wenn sie wieder einmal zur Klinge greift, dann muss ich das zumindest in meinem Fall verneinen. Enttäuschung ist das falsche Wort. Und Mitleid? Nein, Mitleid empfinde ich auch nicht, denn beides nützt ihr absolut nichts. Vielleicht wäre es auch gerade falsch, genau das zu fühlen. Denn ich will sie nicht bemitleiden, ich würde ihr sehr viel lieber helfen.

 

Aber ja, sie hat Recht, es tut weh, keine oder nur nichts sagenden Antworten auf die Frage nach dem Warum zu bekommen. Weil man verstehen möchte, aus welchem Grund sie dieses oder jenes verzweifelt, wissen möchte, was eigentlich passiert ist und weil man irgendwo im Hinterkopf den dummen Gedanken hat, ihr helfen zu können.

 

Ich gehe immer von mir selbst aus. Wenn ich zornig, wütend oder enttäuscht bin, hilft es mir, mich einfach richtig auszuschimpfen, mit jemandem zu reden, mir den Frust von der Seele zu meckern. Aber ist es möglicherweise egoistisch von mir, vorauszusetzen, dass es anderen ebenso geht?

 

Ich denke schon, dass sie Hilfe möchte. Allein die Tatsache, dass ich – und sicher nicht nur ich – lesen durfte, was sie geschrieben hat, sagt mir das. Vielleicht gibt sie das sich selbst gegenüber nicht zu, aber sie möchte, dass jemand erfährt, womit sie innerlich zu kämpfen hat.

 

Was mich sehr beschäftigt, ist die Frage nach dem Opfer- oder Täterstatus. Ich habe es nie unter dem Gesichtspunkt gesehen, dass die sich verletzende Person ebensogut Täter sein könnte.

 

Natürlich habe ich keine Antwort auf die Frage. Es ist eher diese Überlegung:

 

Wenn sie glaubt, als „Täter“ mit dem Ritzen andere (seelisch) zu verletzen, dann doch nur die Personen, die davon wissen. Will sie es? Unbewusst?  Geht das unbewusst?

 

Aber dann wäre da wieder die Frage nach dem Warum. Was hat der andere getan, dass sie glaubt, ihn unbewusst verletzen zu müssen? Muss er etwas getan haben? Oder ist es eigentlich nur der Hilferuf: ‚Ich habe wieder geritzt, kümmere dich um mich’?

 

Kann man überhaupt eine strikte Trennung zwischen Täter und Opfer ziehen? Ist man nicht immer beides zugleich?

 

Einerseits habe ich Angst, dass wir, also die Menschen, mit denen sie darüber spricht,  psychologisch nicht ausgebildet genug sind, um ihr zu helfen, habe Angst, genau das Falsche zu sagen und ihren Selbsthass noch zu vergrößern. Aber andererseits bin ich froh, wenn sie es tut, weil ich daran glaube, dass ein Gespräch – auch wenn es mit psychologischen Laien geführt wird – mehr hilft als alles andere.

 

Ich weiß nicht, ob all die Menschen da draußen, die das gleiche tun wie sie, sich auch solche Fragen stellen. Aber ich kann jede einzelne Frage nachvollziehen. Ich verstehe ihre Gedanken und ich verstehe ihre Ängste.

 

Wenn ich lese, wie sie sich selbst sieht, möchte ich sie in den Arm nehmen, sie drücken und ihr sagen, dass es keinen Grund gibt, sich selbst zu hassen.

 

Denn sie ist ein intelligentes, hübsches, ehrgeiziges junge Mädchen. Sie ist ein Mensch, auf den man stolz sein sollte und niemand, für den man sich schämen muss. Und vergesslich? Wir haben alle so viel um die Ohren, es ist kein Wunder, wenn man die Hälfte von dem vergisst, was man tun wollte. Sie engt ihren Geliebten ein? Möglicherweise tut sie das ein wenig. Na und? Wer von sich behauptet, er wäre fehlerfrei, ist ein Lügner. Sie hat schließlich noch eine Menge Zeit, daran was zu ändern, wenn sie es möchte.

 

Vielleicht setzt sie sich selbst zu sehr unter Druck. Sie will es, will, dass andere auf sie stolz sind, will alles richtig machen, will in den Augen - vielleicht vor allem ihrer Eltern - ‚bestehen’ und deren Erwartungen erfüllen. Möglicherweise ist der Druck einfach zu groß, so dass jeder kleine Rückschlag, jeder winzige Fehler in ihren Augen ein Versagen darstellt.

Aber das ist es keineswegs.

 

Ich möchte ihr gern all ihre Ängste, ihren Selbsthass und ihre Zweifel nehmen. Ich weiß, dass das im Moment nicht möglich ist, aber ich habe sie zu gern als dass ich zuschaue, wie diese Zweifel sie auffressen.

 

Und deshalb würde ich ihr gern folgendes sagen:

 

„Du hattest noch gar nicht so viel Zeit, so viel verkehrt zu machen. Mach dich nicht verrückt, Maus. Setz dich nicht selbst unter Druck und lass dich nicht von anderen unter Druck setzen. Es ist dein Leben und ich denke, du hast schon eine Menge draus gemacht. Niemand ist perfekt, weder ich, noch du, noch deine Eltern. Lass dir nicht einreden, man muss sich für dich schämen, denn das ist nicht wahr. Du bist einer der liebenswertesten Menschen, die ich kenne, ein Mensch, den man einfach gern haben muss.“

 

Vielleicht gefällt ihr gar nicht, dass ich dies hier geschrieben habe, aber manchmal geht es mir wie ihr. Ich muss schreiben, wenn mich Dinge bewegen und „Schnitte“ ging mir verdammt nah.

 

- Cloegirl, 15.Dezember 2005

 

 

 

 

 

 

 

Nachtrag:

 

Mittlerweile haben neue Recherchen mich auf interessante Fakten stoßen lassen. Die Verhaltensweise, Ärger, der durch die Außenwelt hervorgerufen wird, an sich selbst auszulassen, nennt man Autoaggression. Viel interessanter als das hingegen ist die Tatsache, dass es eine logische Begründung für die Sucht nach Selbstverletzung gibt:

 

Werden einem Menschen körperliche Wunden, z.B. Schnitte, zugefügt, so schüttet der Körper Endorphine (also Glückshormone) aus, die den Wundschmerz betäuben sollen. Nun, wir kennen den tröstenden Effekt von eben diesen Hormonen, sind sie doch nachweislich auch in Schokolade enthalten. Daher kommt wohl dieses Gefühl der Erleichterung, nach dem Schneiden. Diese Art von Optimismus, die einem kurzzeitig vorgaukelt, alles werde gut – und das auf Grund von kurzfristig ausgeschütteten Hormonen.

 

- Ratte, 13. März 2006

 

 

 

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Hallo Zusammen!

Mich kennt man im BFF unter meinem Nickname „Lilli“ oder unter „Zuckererbse1981“.
Letzteres schließt auch auf mein Alter. :)
 

Ich bin durch eine Verlinkung von „Summer of Indians“ auf Cloes Seite gelandet. Gefällt mir, was sie da online gestellt hat. Und hier habe ich auch "Schnitte" gelesen.

Ja okay, Laborratte sagte mir schon vorher was. Die Geschichten waren/sind nicht schlecht - aber fast immer irgendwie deprimierend.

Als ich "Schnitte" las, dachte ich "Hey, den Käse kenn ich doch. Und den Blödsinn auch!"
Nein, geritzt habe ich mich nie. Dafür habe ich mir jahrelang den Finger in den Hals gesteckt. Es variierte bzw. kooperierte zwischen Bulimie und Magersucht. Aber egal. Das Grundproblem bleibt gleich.

Aus der Sichtweise "Opfer" oder "Täter" habe ich es jedoch noch nie gesehen. Faszinierend, nicht wahr?
Man will sich doch nur selber verletzen - und trifft dabei seine Mitmenschen um ein vielfaches härter.
Und darin liegt gleich das nächste Problem.

Als meine Eltern damals, ich war vielleicht so 14 Jahre alt, bemerkt haben, dass ich mir jeden Mittag oder Abend nach dem Essen den Finger in den Hals stecke ... oh je, sie waren schockiert. Aber vor allem total verängstigt. Was sollte man denn jetzt machen?

Weil, zusehen, wie das eigene einzige Kind sein Leben ruiniert? Nö, ist nicht. Wird auch hoffentlich niemals sein! Ich bin dann von Psychiater zu Suchtberater etc. geschleift worden. Alles ohne wirklichen Erfolg. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich auch nicht aufhören wollte. Genau das, was Laborratte auch schon gesagt hat.

Meine Freunde ... haben sich abgekapselt. Klar. Wie soll man mit 15 - 16 Jahren auch damit umgehen?
Eben.

Die physischen Schäden, die man sich zufügt, heilen wieder. Für viel schlimmer halte ich die psychischen Schäden. Ich bin alles andere als ein geschulter Psychologe. Aber vielleicht macht gerade das den Unterschied.

Die Parallelen sind fast schon unheimlich. Ja, ja, die bösen Glückshormone ... wenn ich damals für mich die Entscheidung getroffen hatte: „jetzt fresse ich“ und dann angefangen habe, alles Mögliche - hauptsächlich süß und fettig - in mich rein zustopfen. Dann war ich auch glücklich. Für etwa 10 Minuten. Dann bekommt man Magenschmerzen, weil es eigentlich viel zu viel ist, was man seinem Magen zumutet. Aber gut. Die 10 Minuten waren so einiges wert - leider *schief grins*

Auch meine "Gründe" waren verdammt ähnlich. Ich habe mich eigentlich von allen möglichen "Veranstaltungen" fern gehalten. Dort könnten ja Leute sein, die mich abweisen. Einfach, weil ich nicht gut genug bin. Weil sich meine Eltern – zumindest habe ich mir das damals eingeredet - schämen etc. Weil ich zu schusselig bin.

Wie man sieht, kaum ein Unterschied.

Tja, wie bin ich dann aber aus diesem Teufelskreis wieder raus gekommen? Das war bzw. ist immer noch ein langer Weg. Ich habe nicht von jetzt auf gleich aufgehört. Im Gegenteil. Bis ich endlich wieder einigermaßen "normal" gegessen habe. Wieder auf meinen Körper gehört habe, wann bin ich müde, wann habe ich Durst etc. das hat eine halbe Ewigkeit gedauert. Bis ich mich wieder "unter Menschen" getraut habe...

Mittlerweile finde ich mich gar nicht mal mehr so übel *dickes FREU* Ganz im Gegenteil. Ich habe gelernt, mich selber zu akzeptieren. Sicher, ich habe auch meine schlechten Tage. Aber dann versuche ich, mich irgendwie zu freuen. Und sei es über meine Lieblingsunterhose, ein Sonnenstrahl am Morgen oder ein freundlicher Briefträger.

Ich denke, dass man sich da nur selber helfen kann. Sich an einem anderen Menschen - speziell vielleicht dem zur Zeit aktuellen Freund - hochzuziehen, halte ich für sehr gefährlich. Sobald der nämlich weg ist, fällt man wieder in ein großes tiefes Loch.

Meiner Meinung nach, fehlt Ratte – und wohl auch vielen anderen - noch der letzte Schubs. Sie hat ja schon bemerkt, dass es nicht gut ist, wie sie lebt.

Ja klar, ich mochte auch die "schönen Seiten" des Lebens. Aber ich habe mich von meiner Bulimie – dem sichtbaren Selbsthass - doch mehr und mehr terrorisieren lassen. Und genau da muss man wieder raus.

Ich habe auch immer gesagt "ach, nur einmal das Mittagessen". Aber dabei ist es nicht geblieben. Die Schlinge zieht sich unweigerlich enger. Und da lasse ich mir absolut nichts anderes erzählen!

Meiner Meinung nach, macht man sich lange etwas vor. Man spielt es runter; möchte, dass Mitmenschen einen „so“ akzeptieren. Man verlangt – wie Ratte schon geschrieben hat – die totale Kapitulation seiner Freunde. Aber das funktioniert eben nicht. Man macht sich als Angehöriger unweigerlich Sorgen und versucht, zu helfen.

Gibt es denn nichts bei Ratte, für das es sich wirklich zu kämpfen lohnt? Für das sie sich endlich gegen ihren Selbsthass wendet!

Ich möchte beruflich mal mehr als eine Sekretärin oder einfache Sachbearbeiterin werden (nichts dagegen - aber das war ich schon. Dafür brauche ich kein Studium) Und dafür muss man Geschäftsessen mitmachen. Überhaupt haben alle möglichen sozialen Zusammenkünfte irgendwas mit Essen zu tun. Klingt banal, aber das war so ein Grund für mich, wieder Essen zu lernen.
Wieder „mit dabei zu sein“.

Klar, die Anfänge sind schwer. Furchtbar schwer. Sich zu einer Portion Spaghetti zu überwinden... zu lernen, wann man "satt" ist ... *die Augen verdreh* Der eigene Schweinehund ist aber ja immer der schwerste.
Jedoch – ich habe ja einen Dickkopf ... *grins*

Klar, ich hatte auch meine Rückschläge. Aber das ist - meiner Meinung nach - nicht weiter schlimm. Es ging ja immer in kleinen Schritten aufwärts.

Und jetzt fühle ich mich endlich wohl. Mehr und mehr fange ich an, auf mich selber zu vertrauen.
Auch einem Freund mal ehrliche Worte ins Gesicht zu sagen - auch wenn es nicht immer angenehm ist.

Das sind so Dinge, die sind wichtig für mich: Ehrlichkeit, Offenheit. Rückgrat.
Aber dazu gehört Selbstvertrauen und Mut.

Letzteres hat Ratte. Sonst würde sie solche Texte niemals veröffentlichen. Nur mit dem Selbstvertrauen hapert es - meiner Ansicht nach - noch. Es würde mich freuen, wenn sie sich auch endlich selber in den Hintern tritt und sagt "nö, so keinen Tag länger".

Ich möchte hier nicht mit einer Fahne rumlaufen auf der steht "Ich hatte Magersucht". Ich möchte auch nicht sagen: „macht es alle einfach nur so wie ich“.

Ich möchte einfach sagen, dass ich so vieles verstehen und vielleicht auch erklären kann, weil ich jahrelang einen ähnlichen Mist gemacht habe.

Es macht mich einfach ziemlich nachdenklich und traurig. Das Thema "Selbsthass" läuft mir in letzter Zeit sehr oft über den Weg.

So, ich hoffe, mein Text kommt auch nicht zu überheblich rüber. Es sind einfach nur ein paar Gedanken und meine eigene Meinung.

Liebe Grüße
Lilli
 

- Lilli, 11.06.2006