Autor: Teja

Inhalt: Eine Kurzgeschichte aus dem Cyberspace, Cyberpunk sozusagen. Aber ohne Punk.

Altersfreigabe: für alle

Genre: Science-Fiction

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Angela Müller betrat, das Licht einschaltend, den nächsten Raum auf ihrem vormittäglichen Rundgang, vertrieb die Dunkelheit in dem weiß gestrichenen Raum ohne Fenster und mit viel medizinischer Technik, die summende Geräusche von sich gab. Jemand hatte ihr einmal gesagt, überall auf der Welt sähen diese Räume gleich aus, als gingen sie alle auf einen einzigen Entwurf eines einzigen Architekten zurück. Und Angela glaubte es.
 

Sie checkte die Anzeigen der Monitore, betrachtete kurz die Gesichter der vier Menschen unterschiedlichsten Alters in den bequemen Betten.
 

Angela war froh darüber, auf der Abteilung der Schläfer Dienst tun zu dürfen. Hier passierte nur selten etwas, hier ging alles seinen Gang, die Computer und Apparate sorgten dafür, dass es den Schlafenden gut ging, dass ihnen während des Schlafes nichts zustieß.
Sich am ersten Bett nieder beugend, checkte Angela die unter dem Bett hängenden Beutel, die die Körperausscheidungen der Schläfer aufnahmen. Diese beiden hier waren beinahe voll und Angela tauschte sie aus, checkte dann das Kabel und den Stecker in der Schulter, bevor sie sich dem nächsten Schläfer zuwandte.
 

Sie hatte fürchterliches Glück gehabt, dass sie mit der Hilfe eines Bekannten diesen Job ergattern konnte. Normalerweise wurden nur Leute eingestellt, die jahrelang in Wartelisten eingetragen waren. Aber ihr Bekannter hatte ihr den nächsten freien Job in der riesigen Klinik besorgt, für den sie sich mit ihrem persönlichen Profil eignete. Und dann war es auch noch ein Job in der Schläfer-Abteilung. Soviel Glück konnte jemand wie sie niemals erhoffen.
 

Als Angela das Gesicht des nächsten Schläfers betrachtete, beneidete sie den schlanken, alten Mann doch, trotzdem sie so viel Glück gehabt hatte.
 

Glückselig im Schlaf grinsend, hatte er einen leicht erhöhten Puls, einen leicht erhöhten Blutdruck, wie sie bei einem kurzen Check auf dem Monitor sehen konnte.
 

Angela fragte sich, was er wohl gerade erlebte, während sie auch bei ihm die Beutel checkte, dann das dicke Kabel und den Stecker, der an seiner Schulter eingesteckt war. Es war alles in Ordnung und Angela ging zum nächsten Schläfer.

~*~*~

„Jetzt komm schon!“, zischte er unwillig zwischen den geschlossenen Zähnen durch. Nur kein unnötiges Geräusch.
 

Sie hielt sie auf. Und sie nervte ihn. Seit er sie in einer der Hallen aufgelesen hatte, hielt sie ihn auf. Nervte sie ihn dazu noch. Ohne zu fragen, hatte sie sich ihm und diesem Toby, den er ein paar Stunden vorher aus dem Netz einer Spinnenkakerlake befreit hatte, gestern Morgen angeschlossen.
 

Es musste weitergehen. Er konnte nur hoffen, dass sie die mindestens fünfunddreißigste Ermahnung beherzigte und jetzt bei der Gruppe blieb.
 

Vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, schlich sich Hardy den durch dämmrig grünes Licht ein paar Meter weit aus der Dunkelheit herausgerissenen Gang entlang.  Fest hielt er die Uzi in der Rechten, jederzeit bereit, aus der Hüfte zu schießen. Er vertraute der antiquierten Waffe. Nicht wie Toby und Jenny, die er hinter sich wusste, die lieber wesentlich modernere Laser-Waffen verwendeten. Er hatte auch eine Laserpistole dabei, benutzte sie aber nur in den seltenen, speziellen Fällen. Nur in den Fällen, in denen eine Laser-Waffe ihm auch wirklich Vorteile brachte.
 

Dass er lieber die Uzi benutzte, die weder so weit reichte noch so eine verheerende Wirkung hatte wie eine Laserwaffe, hing nur damit zusammen, dass es zu umständlich war, eine Laserwaffe nachzuladen. Dafür brauchte er die vereinzelt herumliegenden Batteriepäckchen. Und es gab nie ausreichend Batteriepäckchen. Hülsenmunition lag dagegen in rauen Mengen herum. Teilweise schon in Magazine abgepackt.
 

Er warf einen Blick über die Schulter zurück auf die beiden, bevor er an der Ecke des Ganges stoppte. Ein Seitengang mündete hier in ihren Gang. Langsam, geräuschlos ging er auf die Knie, lugte in Bodenhöhe über die Ecke in den genauso dunklen, von unsichtbarem, schummrigem, grünen Licht nur zaghaft erhellten Gang. Er sah Algen in langen Fäden von der Decke herabhängen und Wasser, das an den Algen herunter lief oder von der Decke tropfte, sich am Boden sammelte und als dünne Rinnsale tiefer in den Gang hinein lief, in der grünen Dunkelheit verschwand. Direkt vor ihm, um die Ecke, lag ein Medopäckchen.
Er griff danach, schob es sich in die Innentasche seiner Kampfweste. Er brauchte es im Moment nicht, aber hier wusste man nie, was einen hinter der nächsten Ecke erwartete. Dass Jenny das Medopäckchen brauchen konnte, wusste er, aber es interessierte Hardy nicht. Jenny konnte ihre Probleme selbst lösen. Und wenn nicht, … Was dann? Dann war er die langsame, nervige Tussi endlich los.
 

Außerdem schadete es nichts, wenn Jennys medizinischer Zustand nicht seiner Top-Verfassung entsprach.
 

Der Seitengang war sauber. So weit er sehen konnte. Trotzdem geräuschlos und elend langsam aufstehend, gab er mit der rechten Hand ein kurzes Zeichen und sprang dann aus dem Stand geduckt über die Einmündung. Es fielen keine Schüsse von irgendwoher aus der grünen Dunkelheit. Mit einem kurzen Blick überzeugte er sich, dass Tobias folgte.
 

„Jetzt macht mal langsam!“, kam dann der Ausruf dieser leiernden, spitzen Stimme.

Logisch. Madame konnte nicht tun, was alle tun konnten. Und schon gar nicht, ohne etwas dazu zu sagen. Aufsteigender Zorn, nicht mehr zu bändigender Zorn, der ihm die gleiche Szene in verschiedenen Variationen in  Erinnerung rief, fand ein Ventil. Sich umdrehend rief er halblaut, lauter als er wollte, lauter als es gut war  

„Jetzt mach und spring, du blöde Gans!“
 

Jenny erschrak, fuhr fürchterlich zusammen,  wollte antworten, funkelte ihn mit den Augen an als wolle sie ihn anspringen, genau wie er zurückfunkelte. Und siehe da, sie konnte springen. Ohne ein weiteres Wort.

Automatisch griff er an die auf dem rechten Oberschenkel aufgenähte Tasche, in der sich der kleine blaue Beutel aus samtweichem, strapazierfähigem Stoff befand, der die dreizehn Diamanten und die zwölf Rubine enthielt. Er brauchte zwei Mal dreizehn, jeweils Rubine und Diamanten, um der nächste Kuantan zu werden. Und heute würde es so weit sein. Ihm fehlte jetzt nur noch ein Rubin und er wird der nächste Kuantan, der alleinige Herrscher über Kuantans Caves, sein.
 

Jenny hatte nur drei Steine, Tobias keinen. Hardy wusste, er würde der nächste Kuantan werden. Es war ein Glück, dass der letzte Kunantan in einem Kampf mit seinem Herausforderer getötet worden war. Genau wie der Herausforderer, der ein Medopäckchen zu wenig dabei hatte, wie er von anderen, vorbeiziehenden Gruppen erfahren hatte. Seither war der Platz des Kuantans vakant. Drei Tage schon.
 

Weiter durch den grünen Gang schleichend, dachte er bei sich, dass es schade sei, dass er Jenny die Steine nicht einfach abnehmen konnte, oder sie umlegen und dann die Steine nehmen konnte. Bestimmt war ein Rubin dabei. Er hatte es einmal probiert. Er hatte die Steine gesehen, die dieser Marvin bei sich hatte. Aber die Leiche Marvins hatte keinen einzigen Stein mehr. Seither wusste er, dass er nur durch das Töten von Monstern und anderem Geziefer zu Steinen kommen konnte, die ihm den Platz des Kuantan bringen sollten. Oder wenigstens die Berechtigung auf einen Endkampf mit dem Kuantan, sollte ein anderer schneller sein als er. Und er würde auch den Endkampf gewinnen, das wusste er.

Es knallte durch den Gang und Hardy fuhr erschrocken zusammen, während mit ohrenbetäubendem Krach die Wand des Ganges einfach aufriss und sich unter das Geräusch der wie Bauklötze fallenden Steine sich ein dumpfes Brüllen mischte, das langsam ansteigend die Ohren malträtierte, während der Schalldruckpegel schlagartig anstieg bis weit über den Schmerzpunkt hinaus. Dieser Brüller konnte lähmen, und das sollte er wohl auch. Die langen, kräftigen, schwarz und dicht behaarten Arme in den Gang greifend, dabei versuchend sie zu erwischen, zuzupacken, tauchte ein haariges, zotteliges, schwarzes, auf zwei Beinen gehendes Monster wie er es noch nie gesehen hatte, neben ihnen aus dem Loch in der Wand auf. Jennys Entsetzensschrei hallte sich mehrfach brechend durch den Gang.
 

Hardy hatte so lange trainiert, dass jetzt, nachdem sein Erschrecken vorbei war, alles automatisch ablief. Er warf sich zur Seite, rollte lang gestreckt den Gang entlang, hatte sogar noch Gehirnkapazität frei, um festzustellen, dass auch Jennys Entsetzensschrei, wie alles, was sie sagte, leierte.
 

Nichts wie aus der Reichweite des Monsters, alles andere war egal. Er pfiff auf Jenny und Tobias. Für ihn ging es darum, Kuantan zu werden. Dafür hatte er so lange trainiert, dafür musste er überleben, alles andere war ihm egal. Da war kein Millimeter Platz für falsches Heldentum. Was brachte es ihm, Jenny, die wahrscheinlich weder Jenny war noch Jenny hieß, zu retten oder zu schützen, wenn er dabei drauf ging? Oder schwer verletzt wurde? So viele Medopäckchen hatte er gar nicht dabei, um wieder in einen einigermaßen akzeptablen Zustand zu kommen.
 

Ausrollend und auf dem Bauch zu liegen kommend, drehte er sich dem Monster zu, gleichzeitig den Arm mit der Uzi nach vorne bringend. Das Monster mit einem Feuerstoß voll in den schwarzen, fellbehaarten Bauch treffend, so dass Fell und Fleischfetzen umherspritzten sah er, wie das Monster gerade Tobias den Bauch mit seiner Pranke aufriss. Tobias überschrie sogar das Monster, dann mischten sich beider Schreie und schlussendlich verdrehte das Monster die Augen, stieß einen durchdringenden, ihn, Hardy anklagenden, Schrei aus und kam auf Toby zu liegen. Sie lagen still, Toby zerquetscht unter dem Monster, tot, das Monster auf der Seite, ihm den durchlöcherten Bauch zustreckend, noch einmal aufröchelnd, zuckend, strampelnd.

 

Dann bewegte sich nichts mehr.

Keuchend stand Hardy auf, sicherte automatisch zuerst nach allen Seiten. Trotz seines Trainings machte es ihm immer wieder zu schaffen, mitten aus einer angespannten Schleichbewegung in einen Kampf gerissen zu werden.
 

Vorsichtig näherte er sich dem Monster, atmete dessen viehischen Gestank. Hardy musterte das Monster und entdeckte den kleinen, blauen Beutel, riss ihn dem Monster vom Fell, öffnete ihn zitternd, trotz seiner negativen Erwartung auf Steine hoffend. Aber der Beutel war leer, enthielt keine Steine. So wie er es erwartet hatte. Wenn dieses Monster Steine gehabt hätte, wäre der Kampf härter gewesen.
 

Er traf seine Entscheidung, bevor er den leeren Beutel wegwarf. Den beiden anderen war nicht mehr zu helfen. Und er wollte es auch nicht. Tobias und Jenny waren nicht gut genug gewesen, dem Monster zu entkommen. Er wusste, es war hart, es einfach so auszudrücken. Aber so waren die Regeln hier in den Gängen, in Kuantans Caves.
 

Sich umdrehend ging er los, weiter dem Gang folgend.
 

Schade, fand er. Beim nächsten Angriff würde er das einzige Ziel sein. Also musste er noch vorsichtiger sein, noch schneller reagieren. Den Gang entlang schleichend, wie vor dem Auftauchen des Monsters checkte er die Uzi. Eine Ladehemmung würde jetzt sicher tödlich für ihn enden.
 

„Hardy! … Hardy!“
 

Er war sichtlich erstaunt, Jennys leiernde Stimme in höchster Not kreischen zu hören, drehte sich unwillkürlich um. Er schalt sich einen Narren, beschloss, nicht zurück zu ihr gehen. Trotzdem rief er  ihren Namen, dabei  den Gang checkend „Jenny?“.
 

Scheiße, er musste weiter. Sie war bestimmt verletzt, ganz sicher war sie verletzt, würde ihn nur aufhalten. Wenn er Pech hatte, würden die Heiducken, die sich hier überall herum trieben, sie beide hier finden und erledigen. Angezogen von dem Geschrei, das sie jetzt hier veranstalteten.
 

Dann war es aus damit, Kuantan zu werden. Kampflärm war üblich hier unten, aber keine geschrieene Unterhaltung.
 

„Hilf mir über das Monster! Ich stecke nur ein bisschen fest! Hilf mir über das Monster! Bitte, Hardy, ich kann laufen! Ich halte dich sicher nicht auf!“, rief sie leiernd, noch höher als sonst. Daran denkend, dass sie Angst haben könnte, er würde sie zurücklassen, grinste er, ließ sie noch drei mal seinen Namen rufen, jedes Mal einen Ton höher, die Stimme spitzer werdend, das Leiernde verschwand bei jedem Schrei weiter aus ihrer Stimme, wurde durch hysterische Angst ersetzt.
 

Er fragte sich, ob es ihm den Kuantan kosten konnte, wenn er sie rettete. Oder ob es ihn den Kuantan kosten würde, wenn er sie nicht rettete.
 

Aufseufzend, widerstrebend, ging er dann doch zurück zum Monster. Dort angelangt stieg er zuerst auf das Knie, dann auf die Hüfte des Monsters, sich auf die langgestreckte  Seite desselben legend. Der Gestank des Monsters nahm ihm beinahe den Atem, aber er sah Jenny. Sie stand hinter dem Rücken des Monsters, ein bisschen mit dem rechten Fuß zwischen Monster und Wand eingeklemmt und kam ohne Hilfe nicht heraus. Er reichte ihr die Arme hinunter und zog an ihr, bis sie frei war, half dann der kleinen Schwarzhaarigen hoch.
 

„Ich danke dir!“, sagte sie, jetzt wieder leiernd, unsympathisch, mit bemüht fester Stimme. Nur ihre Augen zeigten die durchstandene Angst, das fürchterliche Entsetzen, das in ihr gewühlt hatte. Hardy grinste schadenfroh, hielt sie an der Hand, als er über das schwarz behaarte Monster hinunter ging, sie hinter sich herziehend. Als sie von dem Fleischberg herab waren, umarmte sie ihn sogar kurz.
 

Scheiße, sie hätte ihre Dankbarkeit nicht so übertreiben müssen, dachte er, als die knochigen, beinahe fleischlosen Arme der dürren, jungen Frau ihn losließen, nachdem sie ihn kurz aber fest an sich gedrückt und sich bedankt hatte.
 

„Es hätte dich besser gefressen!“, zischte er, um sie zu ärgern, wie ihn die Umarmung geärgert hatte, nachdem sie ihn losgelassen hatte. Sie stieß ihn derb von sich, die Augen blitzend vor Wut, vor Zorn, vor Enttäuschung.
 

„Komm, wir müssen weiter!“, sagte er, drehte sich um, um sie nicht weiter ansehen zu müssen. Es gab nichts an ihr, das einer näheren Betrachtung Wert gewesen wäre.  
Dass sie aber auch überhaupt nicht fraulich aussah, wurmte ihn erneut. Er wusste, dass eine schlanke Figur, kurze, schwarze Haare und kein Busen für Kämpferinnen hier in Kuantans Caves von großem Vorteil waren. Aber dass diese Regeln von Jenny  bei ihrem Beginn so übertrieben bedacht worden waren, konnte er nicht verstehen. Sie hatte ihm gesagt, dass sie zum Kämpfen hier war, nicht zum Freunde finden, dass sie deshalb alle ihre Attribute dem Kampf untergeordnet hatte.
 

„Schon klar, aber Beschützer wirst du mit deinem Aussehen aber nicht finden!“, hatte er damals, gestern Morgen war das erst gewesen, gesagt. Und noch bevor sie es gesagt hatte, hätte er ihre Antwort niederschreiben können.

„Das will ich ja auch nicht!“, hatte sie ihre Antwort schnippisch geleiert. Von da an fand er ihre Stimme und sie selbst unsympathisch.

 

Sie waren schon ein paar hundert Meter weiter den Gang runter, als er Jenny erneut von etwas hinter sich entfernt hörte. Sie war, entgegen ihrem Versprechen, doch zurück geblieben. Zorn stieg in ihm auf, während er sich umdrehte.
 

„Du, Hardy, halt mal!“
 

Er drehte sich um, sah ihr fragend ins Gesicht, während sie näher kam.
 

„Ich brauch eine Pause! Das Vieh hat mich doch schlimmer erwischt, als ich gedacht habe. Mein Zustand ist nicht so gut!“

Er versuchte einen Blick auf die Anzeige ihres Medoscreen, der im rechten Ärmel der Kampfkombination eingenäht war, zu erhaschen, was ihm aber nicht gelang.
 

„Oder hast Du ein Medopack?“
 

Jetzt vermied er den Blick in ihr Gesicht. „Nein. Wie lange?“, fragte er betont hart zurück.
 

„In drei Stunden hier? Oder etwas länger?“ Ihr Ton hatte etwas bittendes, aber Hardy ging nicht darauf ein.

 

„Okay, in drei Stunden, hier!“, bestätigte er und begann, Koordinaten in den Navigator neben dem Medoscreen auf dem rechten Ärmel seiner Kampfkombination einzugeben.
 

Kurz spielte er mit dem Gedanken, alleine in zwei Stunden weiter zu machen und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Zwei Punkte sprachen dagegen: Er konnte sie noch brauchen, und wenn er sie nur einem Monster opferte, um es zu erlegen, und dann war da noch sein Grundsatz, ein Versprechen zu halten. Er schalt sich einen Narren.
 

Er würde Kiki besuchen, dachte er, bestätigte die Koordinaten und war weg.
 

~*~*~

Kiki war nicht da. Das kam vor. Sie lebte hier in dieser vorgefertigten Welt, irgendwo abseits des Mainstreams, in einer Ecke, die für keinen normal denkenden Menschen irgendetwas von Interesse hatte.
 

Aber Kiki lebte hier. Nie hatte sie irgendetwas darüber erzählt, dass sie woanders gewesen wäre. Immer wieder betonte sie, dass sie auf dieser Insel lebte. Dass sie diese kleine, paradiesische Insel mit dem gelben Sandstrand, ohne den leichten Wind, der leise die Blätter der Palmen hätte bewegen können, nie verlassen würde, nie verlassen hätte.

 

Wenn er sie in der Vergangenheit nicht an der Palme angetroffen hatte,  hatte er schon mehrmals versucht, sie in den schönen Wäldern der Insel zu suchen, hatte sie aber nie gefunden. Ja, er hatte sogar nicht einmal den Rückweg zur Palme gefunden und hatte die Insel mit seinem Navigator verlassen müssen, um dann von einem anderen Ort wieder zurück zu kommen. Kiki hatte schallend gelacht, als er es ihr erzählte, hatte aber keinen Ton gesagt, wo sie gewesen war. Das machte ihn ein wenig misstrauisch. Aber nur, wenn er nicht bei Kiki auf der Insel war, wenn sie ihn nicht anstrahlte, dass er alles vergaß.

 

Wartend, unter einer Palme sitzend, die sich nicht im Wind wogte, denn Kiki mochte keinen Wind, sich immer wieder nach allen Seiten umsehend, ließ er die Zeit verstreichen. Sie kam nicht. Also ging er wieder, gab sich selbst das Versprechen, nochmals vorbei zu kommen, bevor er weiter versuchte, Kuantan zu werden. Der Navigator transportierte ihn zu den neu eingestellten Koordinaten.

Er setzte sich zurück an den Platz unter der Palme, an dem sie sich meistens trafen, und wartete, schaute nicht auf die Uhr. Wenn sie nicht kommen würde, würde der Wecker in seinem Navigator ihn zum Aufbruch erinnern. Zum Zeitvertreib ließ er sich die Bilder und Eindrücke des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft 2006, an dem er in der Zwischenzeit als Spieler für Deutschland teilgenommen hatte, nochmals durch den Kopf gehen. Deutschland hatte gewonnen. Nicht trotz Hardy, sondern wegen Hardy und seinen gewählten Voreinstellungen. Er hatte keine Ahnung, ob Deutschland damals dabei gewesen war oder nicht. Eher nicht, grinste er.

„Hardy!“, rief die weiche, angenehme und anregend frauliche Stimme. Ruckartig mit dem Kopf herumfahrend, sah er Kiki auf sich zukommen. Sie machte die Arme weit und rannte los, rief: „Es freut mich so, dich zu sehen!“
 

Wie viel anders war Kiki, verglichen mit dieser Jenny. Kiki war eine Schönheitsgöttin gegen Jenny. Logisch. Die Attribute ihres Profils waren vorgefertigt, eines passte zum anderen, die Proportionen, die Farben der Haare, der Augen, der Haut, sogar der neckische Leberfleck an ihrem Hals. Der war wahrscheinlich ebenfalls standardmäßig enthalten.
 

Aber das war ihm egal. Lieber eine vorgefertigte Kiki, als eine selbst zusammengestellte Jenny.
 

Er fing sie auf, sie drückten sich, dann riss sich Kiki wieder los, drückte ihn auf Armeslänge weg und strahlte „Nun erzähl schon, was hast du erlebt? Ich will alles wissen! Du weißt, dass ich die Insel nie verlasse, in Folge dessen auch nicht viel erlebe. Aber so will ich es! Ich habe schon zuviel erlebt!“ Ein Schatten flog bei ihren letzten Worten über ihr Gesicht, aber Hardy merkte nichts davon. Zu sehr ordnete er schon seine Gedanken, um Kiki mit seinen Erlebnissen zu beeindrucken.
 

Ihn mit sich hinunter in den Sand ziehend, setzten sie sich und er sprudelte über, erzählte von den Heiducken, die er gestern Morgen erledigt hatte, denen er die letzten Diamanten abgenommen hatte, um die dreizehn voll zu haben.
Er berichtete von Toby und Jenny, wie sie sich getroffen hatten, und wie er die Gruppe geführt hatte, dass er jetzt zwölf Rubine hatte, nur noch einen brauchte, um die zwei mal dreizehn voll zu bekommen.
 

Er erzählte ihr in schillernden Farben von den Kämpfen, die sie durchgestanden hatten, wie er immer dafür sorgte, dass er die meisten Steine abräumte, wie fürchterlich Toby gestorben war, und dass es beinahe auch ihn erwischt hätte. Das Erschrecken in Kikis Gesicht ließ ihm einen wohligen Schauer den Rücken hinunter laufen.
 

Er beendete seinen Bericht mit einem Special über Jenny, die er als nervig, unfähig und hässlich portraitierte.
 

„Und dann, nachdem ich ihr über das tote Monster geholfen habe, fragt die mich doch glatt, ob ich ein Medopäckchen dabei habe. Wie wenn ich etwas zu verschenken hätte“, grinste er.
 

„Und hast du?“
 

„Klar! Zwei sogar, aber das muss ich ihr ja nicht sagen!“
 

Kurz meinte er, ein Aufblitzen in ihren Augen zu erkennen, das er aber nicht zuordnen konnte und sofort wieder vergaß, weil Kikis Lächeln alles überstrahlte.
 

„Wie klug du bist!“, lachte sie, ließ sich dabei rücklings in den Sand fallen, „Und zielstrebig! Ich bin mir sicher, Du wirst der nächste Kuantan.“.
 

Er tat es ihr nach, lag auch auf dem Rücken, sagte „Wenn sie mich noch einmal aufhält, leg ich sie um!“
 

Kiki antwortete nicht. Und nach einer Weile hatte sie immer noch nicht geantwortet. Hardy kam es so vor, als ob das doch des guten etwas zu viel gewesen sei, als ob er jetzt lange genug den harten Kämpfer gespielt hatte.
 

Unschuldig wie es nur kleine und große Jungs können, wechselte er das Thema und begann, von Apfelkuchen zu schwärmen. Kiki lachte schallend auf und stimmte in seine Schwärmereien ein.

Der Wecker des Navigators, der an seinem rechten Arm geschnallt war, beendete die Schwärmereien für verschiedene Gerichte und Zubereitungsarten, die die beiden austauschten.
 

~*~*~

 

Der Abschied war kurz und Hardy materialisierte zurück in den Gang am vereinbarten Ort, sah sichernd in beide Richtungen, wartete auf Jenny.
 

Erleichtert atmete er auf, obwohl er das selbst vor sich nicht zugeben würde, als sie neben ihm materialisierte. Aber es war schon so, auch wenn er es nicht gerne und nur vor sich selbst zugab: Die Chancen, dass er der nächste Kuantan werden würde, stiegen, wenn er nicht allein war. War er allein, war er das einzige Ziel seiner Gegner. War Jenny bei ihm, teilte sich die Aufmerksamkeit der Gegner. Und vielleicht konnte … Nein, ganz sicher konnte er sie gewinnbringend opfern.

Jenny machte immer noch einen angeschlagenen Eindruck. Klar, denn die Lebens- und Gesundheitswerte änderten sich in einer Pause nicht. Lediglich der Geist konnte sich erholen.
 

„Wir gehen weiter! Du sicherst mich!“, befahl er. Jenny antwortete nicht, nahm ihre Waffe dafür merklich fester in die Hände, nickte entschlossen.
 

Sie ist wohl so fertig, dass sie nicht einmal mehr Lust hat, etwas zu sagen, dachte er und beglückwünschte sich dazu, eine Weile ihre leiernde Stimme nicht mehr hören zu müssen.

Sie gingen noch durch ein paar Gänge, immer wieder an Einmündungen haltend, spähend, dann springend. Sie trafen auch ein paar weitere Spieler, aber Hardy ließ sich auf nichts ein. Er brauchte Jenny für seinen Schutz, sonst niemanden. Schon gar nicht jemand mit sehr guten Werten und vielen Steinen.

Unvermittelt waren sie dann da, ging der Gang, dem sie bisher gefolgt waren, in eine große Halle über. Dunkel, der Boden voller Geröll und Bruchsteine, die Decke tropfend, die Verzierungen und Ornamente größtenteils herab gefallen, das Wasser herein laufen lassend. Mit dem Rücken an der Wand gingen sie eine Seite der Halle entlang, spähend, ganz leise, ganz vorsichtig. Hardy wusste, dass eine Halle der ideale Ort für einen Kampf war. Und wie erwartet, hörte er ein kratzendes, schabendes Geräusch, verharrte, spähte in die Mitte der Halle.
 

Er sah ihn. Mitten drin saß er, zusammengesunken, kaum erkennbar, weil sein Panzer ein ähnliches Grau hatte wie die überall umher liegenden Trümmerteile. Er kratzte sich mit dreien seiner sechs Arme auf dem Rücken.
 

Es war ein Paggi, ein vier Meter hohes, bärenähnliches Monster mit Mehrfacharmen. Aber statt eines Fells hatte ein Paggi einen beinahe undurchdringlichen Chitinpanzer aus vielen kleinen und großen Platten, die mehr oder weniger fest angewachsen waren. Und zwischen den Platten kratzte sich der Paggi vor ihm. Ein Paggi dachte langsam, war ganz sicher kein Schnellmerker, aber die Panzerung machte das wett.  Und er wusste, wie man Waffen benutzte.
 

Man musste schon wissen, wie man einen Paggi erledigte, wenn man es freiwillig mit ihm aufnahm. Und Hardy wusste es. Und er wusste auch, dass die Chancen eins zu vier standen, dass dieser Paggi einen Rubin bei sich hatte. Den letzten, fehlenden Rubin, um Kuantan zu werden.

Hardy drehte sich um, schob Jenny die Wand entlang  zurück in den Gang, drängte sich an die überhaupt nicht frauliche Frau, flüsterte: „Wirst Du es schaffen, als Lockvogel von diesem Gang so schnell rüber zum zweiten Gang der rechts aus der Halle abgeht zu rennen, dass er dich nicht kriegt?“ Ernst sah er sie an und sie schaute ernst zurück, schwieg, sagte kein Wort, aber Entschlossenheit stand überdeutlich in ihrem Gesicht.
 

„Während du rennst, wird er nach seinen Waffen greifen und schießen. Du musst in dem Gang sein, bevor er schießt“, fuhr er fort, immer noch flüsternd, jetzt eindringlicher.
 

„Wenn du losrennst, schreiest du, damit er seinen Kopf dreht und dich sieht. Du bist der Lockvogel. Und während du rennst, renne ich auch. Bis zu der Säule, die ein paar Meter links von ihm steht. Von dort werde ich ihm eine Granate unter den Arsch kullern lassen und das wird ihm die Eingeweide zerreißen. Sein Hintern ist seine einzige verwundbare Stelle. Dort hat er keinen Panzer, weil er normalerweise aufrecht kämpft.“

Jenny nickte, wusste das auch schon, schwieg aber immer noch beharrlich. Wäre Hardy seinem Ziel Kuantan zu werden nicht so nahe, dass es alle seine Aufmerksamkeit beanspruchte, hätte er sich gewundert, was mit der nervigen jungen Frau mit der leiernden, spitzen Stimme passiert war. Sie hatte noch kein Wort gesagt, seit sie aus der Pause zurück war.
 

„Die Beute werden wir halb-halb teilen. Außer, es ist ein Rubin dabei. Dann kannst du alles behalten, nur der Rubin gehört mir.“ Er schaute ihr in die Augen, stellte dann die entscheidende Frage. „Machst du mit?“
 

Sie nickte, fragte dann leiernd, rhetorisch: „Ich hab’ was gut zu machen, was? Und das werde ich!“

In ihren Augen sah er Entschlossenheit gepaart mit Grimm. Normalerweise hätte er sich über das Verhalten Jennys gewundert, aber jetzt  war es ihm egal. Mit einer Chance von eins zu vier war er gleich Kuantan. Alles andere konnte warten.

Jenny rannte los und schrie, rannte wie der Teufel, schrie wie ein angreifender Berserker. Hardy rannte ebenfalls los, während der Paggi seinen Kopf in Jennys Richtung drehte. Genau wie geplant. Aber entgegen der besprochenen Planung blieb Hardy stehen, zielte und schoss Jenny in den linken Oberschenkel. Die junge Frau kreischte auf, warf die Hände in die Luft und ging zu Boden. Der Paggi griff zu seiner Waffe, zielte, Hardy hörte nur noch ein entsetzlich spitzes, zu Tode geängstigtes, überhaupt nicht leierndes  „Neiiiiiiiiiiiiii…!“ und sah den Laserstrahl.
 

Dann ging der Paggi langsam zu Jennys Leiche.

 

Jetzt war Hardy’s Zeitpunkt gekommen. Weiterrennen bis hinter den Paggi, der jetzt, wenn er Jennys Leiche fressen würde, in der besten aller möglichen Positionen war, um getötet zu werden. Kniend und vorgebeugt, den Arsch hinten rausstreckend
 

Hardy startete, rannte los, hob sein rechtes Bein.
 

Und hob sein rechtes Bein.
 

Und hob sein rechtes Bein immer noch.
 

Entsetzt wollte er nach seinem Bein schauen, aber den Kopf zu senken dauerte. Und dauerte. Er spürte, wie er sich bewegte, wie sein Kopf sich langsam senkte, aber es war so unendlich langsam, so elend langsam. Als er dann endlich sein Bein und seinen Fuß sehen konnte, erschrak er fürchterlich:
 

Sein Bein bewegte sich Millimeter für Millimeter nach oben.
 

Mit unendlicher Wut gepaartes Entsetzen machte sich in ihm breit, ließ ihn innerlich aufheulen. Er war dem Kuantan sein so nahe! Was lief hier schief? Er bewegte seinen Kopf nach oben, um nach dem Paggi zu sehen, hob seine Hände mit der Uzi, um sie in die allgemeine Richtung des Paggi zu richten, während sein Fuß sich weiter hob. Er war so elend langsam, es dauerte so unendlich lange.
 

Und als er den Paggi sah, sah er gleichzeitig, dass dieser sein Mahl an Jennys Leiche beendet hatte, denn Jennys Leiche war weg.
 

Und der Paggi drehte sich zu ihm. Mit normaler Geschwindigkeit. In zehn Sekunden war der Paggi hier und in zwanzig Sekunden würde er, Hardy auch eine Leiche sein. So kurz vor dem Ziel! So kurz vor dem Kuantan!
 

Und als Hardy das realisiert hatte, schrie er vor Enttäuschung, vor unbändiger Wut und voller panischer Angst wie ein zu Tode getroffenes Tier, schrie er einen Schrei, der nicht mehr menschlich war.
 

Der Paggi kam näher und näher und jetzt wurde Hardy von Entsetzen gepackt, kaltes Grausen verdrängte jede und Enttäuschung in ihm und unerbittliche Angst fraß sich in sein Gehirn. Aber die alles beherrschende Wut, so kurz vor dem Ziel getötet zu werden blieb, ließ ihn schreien, ließ ihn zu Röcheln beginnen. Seiner Sinne schon nicht mehr mächtig, röchelnd, den letzten Atem zusammen nehmend schrie Hardy ein entsetzlich spitzes, zu Tode geängstigtes, wütendes, überhaupt nicht leierndes  „Neiiiiiiiiiiiiii…!“, das urplötzlich abbrach, während er immer noch sein rechtes Bein hob, das es bis jetzt etwa zehn Zentimeter über dem Boden geschafft hatte.
 

Hardy spürte nicht, wie der Paggi ihm das rechte Bein abriss, wobei sich die aufgenähte Tasche öffnete und ein kleiner blauer Beutel mit dreizehn Diamanten und zwölf Rubinen zu Boden fiel, die Steine sich auf dem Boden verteilten.
 

Normalerweise spürte man in einem solchen Moment, in dem man getötet wird, keinen Schmerz. Die Angst ist noch real, der Schmerz wird aber ausgeblendet. Über sein Profil empfängt man einen gelinden, Alarmschmerz, der einem bewusst machte, dass es zu Ende ist. Dann holt einem der Navigator in den Warteraum.
 

Hardy spürte weder den Alarmschmerz, noch fand er sich im Warteraum wieder. Er wunderte sich noch, dass es so dunkel um ihn war. Es kam eine Angst in ihm auf, die seine Wut verdrängte, die ihm das Herz klamm machte, aber das waren automatische Prozesse in seinem Körper, die sein Geist nur noch halb mitbekam.
 

~*~*~
 

Brodelnder weiblicher Zorn ließ die wunderschöne Frau frösteln, trotzdem sie in der Sonne weit weg von den Schatten der hohen Palmen am Strand saß und keine Brise, die das Wasser dazu motivierte, in kleinen Wellen am Strand im Sand zu verlaufen oder irgendwelche Palmen im Wind wedelte. Sie mochte keinen Wind, keine Brisen und keine sich im Wind oder einer Brise wogenden Palmen.
 

Sie konnte sich genau vorstellen, was für ein Typ er in der realen Welt war.
Ein dicker, fetter Familienvater, der wie der Präsident in einem weißen, verschwitzten Unterhemd mit Löchern an den Nähten am Kopfende des Tisches saß, während seine arme Frau, die wahrscheinlich die sechs- oder siebenköpfige Familie ernährte, das Essen auf den Tisch trug. Und in Kuantans Caves spielte er einmal im Monat den Helden, opferte sein Geld dafür, anstatt den Kindern mal einen Monat Schule zu bezahlen, damit sie mit zehn wenigstens die erste Klasse hinter sich hatten.
 

Oder er war ein geschniegelter, gestriegelter Junganwalt oder Jungmanager, der sein auf der Uni antrainiertes, gehegtes und gepflegtes, sorgsam genährtes Durchsetzungsvermögen und Zielbewusstsein hier voll auslebte, hier übte, wie man gemein war, wie man jemanden, der eingesehen hatte, dass er nervt und sich bessern wollte, erledigte. Wahrscheinlich war er sogar Junggeselle und gönnte sich jedes Wochenende einen Trip in den Cyberspace. Meist in irgendein Sexweb. Er hatte sich bestimmt nur zufällig nach Kuantans Caves verirrt.
 

Noch nie war jemand so mit ihr umgesprungen. Nie hatte irgendjemand das gewagt. Noch nie war sie von einem Mitspieler so fies behandelt worden. Er hatte keinerlei Respekt gezeigt. Weder vor ihrem Körper noch vor ihrem Geist, noch vor ihrem Leben. Er hatte sie sogar, als sie guten Willen gezeigt hatte und ihm helfen wollte, Kuantan zu werden, zuletzt noch geopfert, in der Hoffnung, sein Ziel zu erreichen.
 

Dieser Typ jetzt war zuviel gewesen. Und deshalb hatte sie etwas unternommen, als er in der Pause war. Eine Änderung in seinem Profil und eine Verknüpfung zu ihrem Profil im Bereich Geschwindigkeit. Der minimale Wert, der zum Schluss in seinem Profil gestanden haben muss, würde ihm weh machen. Richtig weh.
 

Sie grinste, als sie daran dachte, wie weh es dem Spieler „Hardy_1102“ tun würde, nicht Kuantan zu werden. Und wenn es nur die Schmerzen der Enttäuschung waren, nicht der nächste Kuantan zu sein, die ihm wehtaten.
 

‚Ob Hardy wohl jemals wieder auf ihrer Insel erscheinen würde?’, fragte sie sich Minuten später, kurz bevor sie am Strand einnickte. Wenn ja, konnte sie sich ja überlegen, einen Block zu programmieren, der ihn hinderte, sie zu besuchen.
 

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Angela Müller stürzte hektisch in das Krankenzimmer, schaltete mit einem routinierten Griff den Pieper des Herzmonitors aus, der einen gleich bleibenden, spitzen Ton erklingen ließ. Es war der Alte, der am Anfang ihrer Schicht einen leicht erhöhten Blutdruck gehabt hatte. Jetzt hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Sie nahm die Decke von ihm, bereitete die Elektroschockgeräte vor.  
 

Dann war der Arzt da. Er checkte den Herzmonitor, dann den Hirnmonitor. Auf beiden war der gleiche flache Strich.
 

Er schüttelte den Kopf, sagte: „Entweder will er nicht mehr, oder sein Körper will nicht mehr!“

Selbst wenn er es schaffte, diesen mindestens einhundert Jahre alten Mann zurück zu holen, würde er nie wieder leben wie er es gewohnt war. Wenn man mehrere Jahrzehnte als Schläfer und im Cyberspace Leben nennen konnte. Sein Hirn war tot. Sein Herz war tot. Auf die Idee, dass dem alten Mann im Cyberspace etwas widerfahren war, was ihn tötete, kam er nicht. Es wäre ihm wahrscheinlich auch egal gewesen. Er würde Herzversagen in den elektronischen Totenschein schreiben. Das gab die wenigsten Scherereien.
 

Er bedeutete Angela, die Elektroschockgeräte wieder in ihre Schublade zu stecken und ging, um die nötigen Dokumente in seinem Computer auszufüllen. Angela würde die Aufräumarbeiten selbständig erledigen.
 

Irgendwann ist es auch einmal genug, dachte der Arzt, mit wehendem Kittel den breiten, hell erleuchteten, mit Teppich ausgelegten Gang hinunter zum Stationsbüro gehend. Auch bei Leuten, die genug Geld hatten, um sich ihr fast ihr ganzes Leben im Cyberspace aufzuhalten, war es irgendwann einmal genug.
 

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Plötzlich auflachend genoss sie das Gefühl, jederzeit durch eine kleine Manipulation der nächste Kuantan werden zu können. Und das Beste war, dass niemand sie finden würde. Sie hatte Kuantans Caves entworfen und programmiert. Immer wieder spielte sie in dem Spiel mit, das sie entworfen und programmiert und dann mit riesigem Gewinn an eine Investorengesellschaft verkauft hatte.
 

Und sie hatte einen Seiteneingang einprogrammiert. Sowohl ins Spiel als auch in die Spielerprofile.
 

Die Sicherheitsmanager des Netzes suchten nach Eindringlingen von außerhalb, nicht nach Eindringlingen, die legal drinnen waren, sich in einer einsamen Ecke des Netzes auf einer virtuellen Insel aufhielten, auf der sie ein virtuelles Terminal hatten, mit dem sie, doppelt virtuell sozusagen, aus der Virtualität die Virtualität beeinflusste.
 

Grinsend, ihren Oberkörper rückwärts auf den Sand sinken lassend, nahm sie sich vor, dieses Wortspiel irgendwann mal wieder aufzugreifen, um es ein wenig zu schleifen und ausdrucksstärker zu formulieren.
 

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Der Pfleger, neu und neugierig, betrachtete die Frau auf dem Bett, schlafend wie alle anderen, in dem weiß gestrichenen Raum ohne Fenster und mit viel medizinischer Technik, die summende Geräusche von sich gab. Sie war Durchschnitt, mittleren Alters, vielleicht wäre es erwähnenswert gewesen, dass sie nicht besonders viel frauliches an sich hatte, zu hager war, keinen Busen besaß. Aber machte sich nichts daraus. Und es interessierte ihn auch nicht wirklich, wie sie hieß, aber er redete gerne mit seinen Pfleglingen, den Schläfern, während er sie wusch und versorgte. Mit der Hand einen neuen Beutel Flüssignahrung in die Nahrungsmitteldosiermaschine einfüllend, warf er einen Blick auf das Schild, das über dem Kopfende des Bettes angebracht war.
 

Dann wünschte er noch: „Guten Appetit, Jennifer Kikioran!“, bevor er sich auf den Weg in den nächsten weiß gestrichenen Raum mit vier Schläfern und viel medizinischer Technik, die summende Geräusche von sich gab, machte.
 

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E n d e


Wenn Du bis hierher gekommen bist, dann bitte ich um Antwort auf folgende Frage: Gibt es einen Fakt in der Geschichte, den Du nicht verstehst, der nicht in der Geschichte erklärt wurde?