Titel: Beltane
Autor: Nightsky
Teile: 1
Altersfreibgabe: ab 18
Pairing: Daria/Alvaro
Beta/Bild: Laborratte
Disclaim: Charaktere und Idee sind meine. Ich hab mich von den Romanen von Marion Zimmer Bradley inspirieren lassen.

Kommentar 1: Ein ganz besonderer Dank gilt Laborratte, die mir das Bild gestern noch schnell gebastelt hat und heute die Story noch gebetat hat. Ich danke dir ganz doll.

Kommentar 2: So und da wir das Fest gestern und heute „feiern“, wünsch ich euch ein wunderschönes Beltane.

 

~*~*~*~*~*~

 

Die Luft roch herrlich nach dem tagelangen Regen. Das Gras war noch feucht und von den Blättern der Bäume und Sträucher fielen noch immer kleine Wassertropfen. Die Wildblumen, die sich nach dem Regen wieder vollständig geöffnet hatten, nahmen die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne auf. Selbst die Vögel zwitscherten wieder fröhlich zwischen den Ästen und das Rauschen des Meeres vermittelte einem das Gefühl der Freiheit.

Ein kleiner Tropfen fiel von dem Baum, unter dem sie saß, genau auf ihre Stirn. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl auf ihrer Haut, genoss den Geruch in der Luft. Sie genoss einfach die Natur und die Energie, die sie ihr schenkte. Daria hatte schon immer eine besondere Verbundenheit zur Natur gehabt.

Niemand aus ihrer Familie verstand sie und das, was sie fühlte, wenn sie hier draußen war. Sie liebte Gewitter über alles und währenddessen durch den Regen zu spazieren. Sie hatte keine Angst.
 

Wenn die Sonne schien, watete sie durch das seichte Wasser des Meeres, das am Strand Wellen schlug. Die Spaziergänge durch den Wald genoss sie, wenn sie auf Kräutersuche war. Sie lebte einfach mit der Natur im Einklang und liebte sie umso mehr.

Und nun saß sie auf den Klippen und hörte dem Meer zu, wie es sang. Sie hörte jeden einzelnen Ton, den es von sich gab und die Möwen sangen mit. Der Himmel hatte sich in verschiedenen Rot- und Gelbtönen gefärbt. Ein kühler Wind wehte und sie zog ihr Tuch, was sie um ihre Schultern trug, enger an sich. Der Wind brachte die Seeluft zu ihr und vermischte sich mit der Luft, die vom Regen gereinigt wurde. Es war einfach herrlich hier draußen. Und noch herrlicher, wenn man wirklich die Zeit hier allein verbringen konnte.

„Daria.“

Ein Seufzen entkam ihr. Sie hatte so gehofft, dass sie noch eine Weile hier ungestört bleiben konnte.

„Daria“, erklang die Stimme noch einmal und Daria wandte sich um. Ihre Schwester kam direkt auf sie zu, mit einem Lächeln auf den Lippen. Bei sich hatte sie einen Korb und noch ein weiteres Tuch. Ihr helles Kleid war durch die feuchte Wiese unten nass. Das fast schwarze Haar war zusammengebunden.

„Eirin, was machst du hier draußen? Du solltest zu Hause beim Feuer sitzen und dich nicht hier in der Kälte herumtreiben. Das ist nicht gut für dich, so kurz vor der Niederkunft“, meinte Daria vorwurfsvoll, stand auf und ging ihrer Schwester entgegen.
 

„Das Gleiche könnte ich zu dir sagen, bis auf das mit der Niederkunft“, lachte Darias Schwester. „Mutter vermisst dich bei den Tanzstunden.“
 

Eirin stand nun vor ihr und legte das Tuch, was sie mitgebracht hatte, über Darias Schulter.
 

„Ich wollte die frische Luft und die Gesänge der Natur genießen. Ist das nicht Grund genug, nicht zu den Stunden zu gehen?“


Eirin lächelte sie an und strich ihr eine Strähne ihres hellbraunen Haares hinter ihr Ohr.
 

„Ich weiß, wie gern du die Natur nach dem tagelangen Regen genießt, aber morgen Nacht feiern wir das Beltanefest und du weißt, was dort passiert.“
 

Daria nickte und senkte den Kopf.
 

„Morgen Abend werden die großen Feuer angezündet, um die Göttin und den Gott zu ehren. Und einer Frau wird die Ehre zuteil, neben dem Druiden und Priester, der den Gott repräsentiert, die Göttin zu sein“, wiederholte sie die Worte, die sie schon seit Jahren immer wieder hörte, seitdem sie in das Alter gekommen war, um auserwählt zu werden, die Göttin repräsentieren zu dürfen. „Wie groß sind schon die Chancen, dass ich ausgewählt werde. In den letzten Jahren waren es auch immer andere Mädchen oder Frauen. Außerdem will ich gar nicht ausgewählt werden.“
 

„Daria.“ Eirin gab ihrer kleinen Schwester einen Kuss auf die Stirn. „Du weißt, welche Ehre du unserer Familie bringen würdest.“
 

„Ich weiß“, flüsterte sie.

~*~*~*~

Er atmete die frische Luft ein und genoss einfach, hier draußen zu sein. Es war lange her, dass er einige Zeit draußen verbringen konnte. Seine Ausbildung hatte völlige Zurückgezogenheit gefordert und zwei Monde hatte er in seiner Kammer verbracht, meditiert und gelernt. Und nun endlich konnte er wieder die frische Luft genießen. Und dass es die letzten Tage geregnet hatte, machte die Luft noch besser.

Er spazierte durch den Garten des Tempels und betrachtete die Blumen, die sich langsam zu schließen begannen. Es wurde spät und die Sonne sank hinter dem Wald nieder. Am Horizont leuchteten schon einige Sterne. Die Vögel zwitscherten und sangen ihr Gute-Nacht-Lied für ihre Jungen. Der Frühling war schon etwas Herrliches.
 

Etwas weiter weg sah er zwei junge Frauen, die sich auf dem Weg zurück ins Dorf befanden. Sie schienen glücklich zu sein, denn sie lachten und scherzten miteinander. Die junge Frau mit den schwarzen Haaren war schwanger, erkannte er aus der Ferne. Und die andere hüpfte fröhlich um sie herum, sodass ihre hellbraunen langen Haare nur so durch die Luft flogen. Dann erstarrte sie plötzlich und ihre Augen trafen auf sein. Er konnte ihre Augenfarbe nicht erkennen, denn sie verneigte sich gleich vor ihm. Er lächelte sie an und tat das gleiche, als sie ihn wieder ansah. Auch die Schwangere hatte ihn nun entdeckt und nickte freundlich. Mit einer Handbewegung entsendete er den Beiden einen Gruß und mit einer weiteren einen Segen für die Schwangere.
 

Es war doch zu schade, dass er noch mit niemanden sprechen durfte, er hätte zu gern mit den beiden jungen Frauen gesprochen und erfahren, was in den letzten Monden alles passiert war. Aber leider galt sein Schweigegelübde bis morgen. Morgen. Endlich war der Tag gekommen. Das Beltanefest. Die großen Feuer würden morgen Abend endlich brennen.

„Alvaro.“

Er drehte sich um und sah einen seiner besten Freunde, die er im Tempeln hatte. Lächelnd begrüßte er ihn. Benedikt war ein großer Mann mit hellen Haaren, etwas älter als Alvaro. Obwohl er schon länger im Tempel war, war er noch immer ein normaler Druide, keiner der nach höherem strebte und es genügte ihm.
 

„Und hast du dir schon jemanden für morgen ausgesucht?“, fragte dieser jetzt Alvaro. Er schüttelte den Kopf.

Alvaro wusste, wie die vorherigen Priester, die den Gott repräsentieren sollte, sich die jungen Frauen ausgesucht hatten, die das Beltanefest an ihrer Seite verbringen sollte. Dabei ging es nicht mehr um die Ehrung ihrer Götter, sondern nur noch um die Befriedigung ihrer Lust. Und er verstand es nicht. An so einem Fest sollte es nur um den Gott und die Göttin gehen, doch die meisten Priester sahen darin nichts anderes, als eine Frau in ihr Bett zu bekommen. Für ihn war Tradition immer noch wichtiger und nun hatte er endlich die Möglichkeit, die Tradition wieder zur Tradition zu machen.

Und morgen würde er damit beginnen können. Am frühen Morgen würden die jungen Frauen, die dazu auserwählt werden konnten, die Göttin zu repräsentieren, in den Wald geschickt werden, um Kräuter zu suchen und er würde dort seine Göttin finden. Sie würde etwas besonderes sein, das schwor er sich. Sie sollte der Göttin würdig sein. Ein Lächeln überspielte sein Gesicht.

~*~*~*~

Daria und Eirin betraten die Hütte ihrer Eltern. In der Mitte brannte ein Feuer und darum saßen ihre Großeltern und ihre jüngeren Geschwister. Ihr Vater war draußen und half den Männern, das Holz für die großen Feuer zusammenzutragen. Sie hatten ihn gegrüßt und er hatte Daria böse angesehen, weil sie wieder einmal verschwunden war. Ihre Mutter hatte genau den gleichen Blick, als sie ebenfalls die Hütte betrat, mit zwei Wassereimern in der Hand.

„Daria, Liebling, wo warst du denn die ganze Zeit. Du weißt, dass du heute Tanzstunden hattest.“
 

Daria senkte den Blick. „Ich weiß und es tut mir leid.“
 

Ihre Mutter seufzte. „Wo warst du mal wieder?“, fragte sie Daria.
 

Eirin hatte sich neben ihren Geschwistern Platz genommen und Daria stand nun ganz allein mitten im Raum. Doch sie antwortete nicht.
 

„Sie war mal wieder bei den Klippen“, antwortete Eirin.
 

„Daria, du weißt, dass es da gefährlich ist. Was hast du denn da schon wieder gemacht?“
 

„Ich hab den Wellen und der Natur zugehört“, flüsterte Daria. Ihre Eltern mochten es nicht, wenn sie draußen war, jedoch andere Verpflichtungen hatte.

Ihre Mutter schüttelte nur den Kopf. „Daria, du weißt, du hast alle Freiheiten, die du haben willst, solange du an deine Pflichten denkst.“ Sie hatte sich zu ihrer Tochter herum gedreht und sah sie an. Daria hatte den Kopf wieder gehoben und blickte ihre Mutter entgegen.
 

„Aber ich kann den Tanz doch nun schon. Ich übe ihn seit mehr als vier Jahren.“
 

Ihre Mutter seufzte. „Nun gut. Lass uns nicht streiten, Liebling. Morgen ist ein großer Tag und vielleicht sogar dein großer Tag.“ Ihre Mutter wandte sich ab.

~*~*~*~

Die Sonne ging schon am Horizont auf, als Daria erwachte. Leise, um die anderen nicht zu wecken, erhob sie sich aus ihrem Bett, nahm ihre Sachen und verließ die Hütte. Sie wanderte den kleinen schmalen Pfad hinunter zum Fluss, wo sie sich jeden Morgen wusch. Heute war ein besonderer Tag, so wie ihre Mutter es gesagt hatte. Mit einem Seufzen ließ sie sich am Ufer nieder und betrachtete ihr Spiegelbild im Wasser. Ihre Haare berührten die Oberfläche und ließen kleine Kreise entstehen.

Sie entschloss sich ganz zu baden und sich nicht nur zu waschen. Hier an dieser Stelle des Flusses brauchte sie sich keine Sorgen machen, dass sie jemand beobachtete. Dieses Uferstück kannte kaum einer, weil der Pfad hierher zu schmal und kaum begehbar war.
 

Sie zog sich ihr helles Gewand über den Kopf und stieg langsam ins Wasser. Sie tauchte ein paar Mal unter, um ihr Haar richtig sauber zu bekommen. Auch nachdem sie mit dem Waschen fertig war, kam sie nicht aus dem Wasser, sondern schwamm noch ein wenig. Sie war glücklich darüber, dass sie ihren Vater dazu gebracht hatte, ihr das Schwimmen beizubringen.

Daria wusste nicht, wie viel Zeit sie beim Schwimmen verbracht hatte, aber schließlich stieg sie aus dem Wasser, trocknete sich ab und zog ihr Gewand wieder über. Etwas Gutes hatte der Tag schon an sich. Heute würde sie ein neues Kleid bekommen. Bei dem alten war schon die Farbe heraus gewaschen und leuchtete nicht mehr in dem Grün, das es am Anfang besessen hatte.

Auf dem Weg zurück zum Dorf entdeckte sie einige Kräuter, die sie nachher suchen sollten. Sie lächelte. Hierher könnte sie nachher kommen, wenn sie in den Wald geschickt wurde. Und sie konnte somit auch dem Priester entkommen, der sich seine Gefährtin und Göttin aussuchen wollte. Daria, genau wie einige anderen, kannten die Gerüchte, die im Laufe der Jahre entstanden waren. Die Priester suchten sich die jungen Frauen nicht aus, damit sie die Göttin repräsentierten, sondern das Lager mit ihnen teilten. Für solche ging es gar nicht um das Fest, sondern nur darum, ihren Trieben nachzugeben.
 

Ihre Mutter hatte das als Unsinn abgestempelt, denn immerhin ging es bei dem Fest darum, die Göttin und den Gott zu verehren. Aber ihre Mutter hatte nicht viel Ahnung von dem, was während dem Ritual und dem Tanz passierte. Weder sie noch sonst einer aus Darias Familie hatte bis jetzt das Privileg erhalten, einmal die Göttin zu sein. Jeder der Frauen aus der Familie hatte vorher einen anderen Mann gefunden. Und die Gefährtinnen des Druiden und Priesters mussten rein sein.

Daria betrat leise wieder die Hütte und stellte dann jedoch fest, dass die anderen schon alle wach waren. Ihre Mutter und ihre Schwester saßen auf einer Bank neben der Feuerstelle und unterhielten sich. Eirin sah zu ihr und lächelte. Daria strich sich eine nasse Strähne hinter ihr Ohr und ging zu ihrem Bett hinüber. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Ein wunderschönes, hellblaues Kleid lag auf ihrem Bett. Sie drehte sich herum, lief zu ihrer Mutter und umarmte sie. „Danke. Danke. Danke.“

~*~*~*~

Nach dem Essen hatte Daria ihr neues, hellblaues Kleid angezogen und wurde mit den anderen Mädchen und jungen Frauen zum Kräutersammeln geschickt. Sie hatte sich schnell von der großen Gruppe entfernt und war zu dem schmalen Pfad gegangen, der zum Fluss führte. Sie hatte sich eine Decke mitgenommen, die sie nun am Ufer ausbreitete und sich darauf niederließ.

Die Sonne stand schon fast an der höchsten Stelle, die sie erreichen konnte, als Daria von ihrer Decke aufstand und sich zu der Stelle aufmachte, an der sie auf dem nach Hause Weg vorhin die Kräuter gefunden hatte. Ihre Decke ließ sie am Ufer liegen, denn dorthin wollte sie nachher wieder zurück.
Die Stelle, die sie entdeckt hatte, war voller verschiedener Heilkräuter. Salbei, Spitzwegerich, Pfefferminze und andere. Ihr Korb füllte sich schnell und mit einem Lächeln machte sie sich zurück zum Fluss. Immer während ein altes Volkslied summend.

~*~*~*~

Alvaro spazierte durch den Wald und schaute sich zwischen den Bäumen um. Er hatte schon einige junge und auch hübsche Frauen gesehen, doch keiner von ihnen war besonders genug für ihn. Er sah nicht nur mit den Augen, sondern auch mit seinem Geist und seiner Seele. So konnte er nicht nur auf ihr Aussehen achten, sondern vor allem auf ihre Aura. Die meisten schienen eine weiße, in grau übergehende Aura zu besitzen. Sie schienen normal, nichts Besonderes.

Er wusste nicht, wie lange er schon so durch den Wald ging oder wie viele junge Frauen er schon gesehen hatte, aber langsam gab er es auf, doch noch jemanden zu finden, der ganz besonders war. Er hatte so gehofft, die Tradition wieder so herzustellen, wie sie wirklich war und endlich das wieder wett zu machen, was die anderen Priester vor ihm getan hatten. Er wollte die Gerüchte, die im Dorf die Runde machten, endlich wieder verschwinden lassen.

Alvaro wollte schon aufgeben und sich auf die Suche nach jemanden machen, der wenigstens annähernd etwas Besonderes war, als er ein Knacken zwischen den Bäumen hörte. Er sah nur einen blauen Schimmer zwischen den Bäumen verschwinden. Er schloss seine Augen und sah mit seinem Geist durch die Bäume. Und es schien ihn wie ein Schlag zu treffen. Er hatte sie gefunden. Die Frau, die würdig sein würde, seine Göttin zu sein.

Ihre Aura strahlte. Nicht nur in dem normalen Weiß- oder Grauton. Sie leuchtete in vielen verschieden Farben. Nicht grell, nicht zu schwach, aber stark genug, um die Töne erkennen zu können. Sie war etwas Besonderes.
 

Er betrat den kleinen Pfad, der ihn zu ihr bringen sollte. Nach einiger Zeit hörte er ihr Summen. Es war ein altes Volkslied. Einige Meter von ihr, blieb er hinter einem Baum versteckt stehen und beobachtete sie. Sie schwieg jetzt und schien den Vögeln zuzuhören. Dann begann sie das Lied zu singen und er vernahm ihre wohlig klingende Stimme.

~*~*~*~

Daria hatte sich wieder auf ihrer Decke niedergelassen. Ihr Korb war voll und nun konnte sie hier sitzen bleiben, bis der Dorfälteste verkündete, dass der Priester seine Gefährtin gefunden hatte. Sie hoffte es würde bald so weit sein, denn lange wollte sie nicht mehr hier sitzen. Daria liebte die Natur und sie liebte es, hier draußen zu sein, aber jetzt kam es ihr vor, als wäre ihr Versteck ein Gefängnis und das mochte sie überhaupt nicht.

Vor sich hinsummend, flocht sie einen Kranz aus Gänseblumen, den sie nachher ihrer Schwester schenken wollte. Ein kleiner Vogel, nicht weit entfernt auf einem Baum sitzend, sang ein Lied für sie, worauf sie mit dem Summen aufhörte und ihm kurz zuhörte. Dann stimmte sie ihr Lied von neuem an, sang dieses Mal aber. Es war fast, als würde die Natur mit ihr singen, denn ein wohliges Gefühl machte sich in ihr breit.

Sie begann gerade das Lied zu wiederholen, als sie ganz nah hinter sich einen Ast knacken hörte und sie sich erschrocken umdrehte. Daria blieb fast das Herz stehen, als sie erkannte, wer nun vor ihr stand. Sie hatte ihn gestern schon einmal gesehen, als sie mit ihrer Schwester auf dem Rückweg von den Klippen gewesen war. Seine schwarzen Haare, seine schlanke Figur mit der Priesterrobe eines Druiden und Priesters bedeckt. Aber nun sah sie auch seine Augen, die in einem graublauen Ton schimmerten und sie anlächelten.
 

„Oh meine Göttin“, flüsterte er.

Daria versuchte die Tränen zu unterdrücken, als sie seine Worte vernahm. Er war der Priester, der diese Nacht, den Gott repräsentierte und der sich seine Gefährtin aussuchte. Und er hatte sie gefunden. Sie hatte so gehofft, dass sie hier niemand entdecken würde und doch hatte er sie gefunden. Er nahm ihre linke Hand in seine, verbeugte sich vor ihr und gab ihr einen Handkuss. Sie wollte fliehen. Einfach nur weit weg, aber sie konnte sich nicht rühren.

Eine Träne schien sich doch aus ihren Augen gelöst zu haben, denn er schaute sie nun fragend an, bevor er die Hand hob und ihr über die Wange strich.
 

„Warum weint Ihr?“, fragte er sanft. „Weint Ihr aus Freude oder aus Kummer.“
 

Daria hob die Hand und wischte sich die Tränen, die der ersten gefolgt waren, weg. „Es tut mir leid. Es hat mich nur überrascht, dass Ihr mich gefunden habt.“
 

„Habt Ihr Euch vor mir versteckt?“
 

Daria lächelte ihn an, antwortete aber nicht. Er zog sie auf die Beine und bückte sich nach ihrer Decke. Er faltete diese zusammen und nahm ihren Korb. Alvaro reichte ihr wieder seine Hand und sie nahm sie lächelnd an. Zusammen machten sie sich zurück zum Dorf.

~*~*~*~

Alvaro und Daria erreichten nur wenige Minuten später das Dorf. Die Menschen hatten sich in der Dorfmitte versammelt und warteten schon darauf, dass der Priester mit seiner Gefährtin kommen würde. Und sobald die ersten sie sahen, brach Jubel aus. Ihre Eltern und ihre Geschwister hatten sich bis nach vorn geschoben, als sie hörten, dass ihre Tochter und Schwester es war, die auf dem Fest die Göttin sein durfte. Ihre Mutter umarmte sie auch gleich stürmisch, sobald sie bei ihnen war und auch ihre Schwester ließ es sich nicht nehmen. Selbst ihr Vater drückte sie an sich. Ihre ganze Familie war stolz auf sie und das machte sie umso trauriger. Sie hatte das nicht gewollt und machte es nur aus Liebe zu ihren Eltern, damit diese nicht enttäuscht oder gedemütigt wären, wenn sie sich gegen die Entscheidung des Priesters gestellt hätte.

Ihre Mutter, Eirin und ihre jüngere Schwester Eilan begleiteten Daria und Alvaro zum Tempel. Dort würde Daria das Gewand der Göttin angelegt bekommen, was speziell für den Tanz und das Ritual war. Ebenfalls bekam sie die Verse, die sie während des Rituals aufsagen musste. An das, was danach geschah und auch noch zum eigentlich Ritual gehörte, wollte sie gar nicht denken.

Alvaro hatte sich mit einem weiten Handkuss von ihr verabschiedet und hatte sich in seine Gemächer begeben, um ebenfalls sein Gewand für das Fest anzulegen. Als Daria ihr dieses Mal dunkelblaues Kleid trug, verließen ihre Mutter, ihre Schwester und die anderen Priesterinnen das Gemach und sie blieb allein zurück. Sie ließ sich auf das Bett nieder und wollte weinen, doch sie konnte nicht.

Nach einiger Zeit, die sie schweigend auf dem Bett verbracht hatte, stand sie auf und verließ das Zimmer. Sie suchte sich einen Weg hinaus in den abgegrenzten Garten des Tempels. Sie durchschritt ihn und sah sich genau an, was hier alles für Pflanzen wuchsen. Der Garten besaß nicht nur viele Kräuterbeete, sondern auch Gemüsebeete. Alles begann langsam aus der Erde zu kommen und man sah überall kleine grüne Blätter, die sich nach den Strahlen der Sonne rekelten.

Daria spürte die Kraft, die in jedem einzeln Blatt steckte und hörte auch das Summen, das die Pflanzen von sich gaben, wenn sie wuchsen. Und dazu kam auch noch das Gezwitscher der Vögel. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie sogar das Rauschen des Meeres hören. Sie ließ sich auf einer Bank nieder und schloss die Augen. Sie wollte einfach noch einmal die Natur hören. Sie hatte solche Angst, dass sie all die wunderschönen Dinge, die die Natur von sich gab, nicht wieder sehen oder hören konnte, wenn diese Nacht vorbei war. Und das wollte sie am Wenigsten.

~*~*~*~

Daria hatte lange dort in mitten des Gartens gesessen, als sie langsam spürte, dass es kälter wurde. Die Sonne ging langsam unter und bald würden die großen Feuer entfacht werden. Bald war es soweit und sie würde für eine Nacht die Göttin sein.

Ihr Magen verriet ihr auch, wie spät es war. Sie hatte seit heute morgen nichts mehr gegessen und auch jetzt durfte sie nichts essen. Vor dem Ritual, das wusste sie, müssten der Priester und seine Gefährtin fasten. Daria hielt diesen Brauch für völlig übertrieben, aber was sollte sie machen? Sie war an diese Sitte gebunden, nun da sie die Gefährtin des Priesters war.

Sie vernahm den lauten Jubel, der aus dem Dorf kam und wusste, dass die Feuer entzündet worden waren. Daria atmete tief durch, bevor sie von der Bank aufstand und sich zurück zu dem Gemach machte, in dem sie vorhin angekleidet worden war. Dort warteten auch schon zwei Priesterinnen auf sie, die sie zu Alvaro begleiten sollten.

Ihr wurde noch ein blauer Umhang umgelegt, der ihr Kleid völlig bedeckte. Bevor sie das Gemach verließ, zog sie auch noch die Kapuze über den Kopf und verdeckte somit ihr Gesicht.

~*~*~*~

Alvaro war schon draußen bei den Feuern, denn immerhin war er heute Nacht der Gott, der sie beschützen sollte. Er hatte die Feuer entfacht und hatte mit den anderen Druiden die Ritualgesänge angestimmt. Er wartete schon auf sie.

Daria trat mit gesenktem Kopf neben ihn und drehte sich dann so, dass er vor ihr stand. Er legte eine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf, sodass sie ihm direkt in die Augen schauen konnte. Ihr stockte der Atem. Etwas hatte sich in seinem Blick verändert. Nicht nur sein Gewand, was nun weißgrau war, sondern auch seine Augen leuchteten nun ganz blau. Der Grauton war gänzlich verschwunden. Sein Gesichtsausdruck war noch immer weich, aber trotzdem war er anders als heute Vormittag, als er sie erwählt hatte.

Sie schien in seinen Augen zu versinken, als er seine Verse aufsagte und sie schließlich antwortete. Es waren die Verse, die man ihr vorhin gegeben hatte. Aber Daria hatte das Gefühl, dass sie sie auch gewusst hätte, wenn sie sie nicht vorher erfahren hätte. Etwas hatte sich geändert. Nicht nur bei ihm, sondern auch bei ihr. Seine Hände, die sich nun mit ihren verbunden hatten, strahlten eine Wärme aus, die durch ihren ganzen Körper drang. Und dann wusste sie, was passiert war. Vor ihr stand nicht mehr Alvaro, der Priester, der den Gott nur repräsentieren sollte. Nein, vor ihr stand der Gott höchstpersönlich. Und sie wusste, was die Wärme in ihr bedeutete. Die Göttin war in ihr und benutzte ihren Körper als Gefäß für diese Nacht.

Alvaro oder der Gott schob ihr die Kapuze vom Kopf und enthüllte somit ihr langes Haar, was ihr nun wieder frei über die Schultern fiel. Daria wusste ganz genau, dass auch sie sich verändert hatte, wenn sie auch nicht genau wusste, inwiefern. Aber sie konnte die Veränderung spüren. Die Bestätigung erhielt sie, als sie das Erstaunen der Menschen bei den Feuern hörte. Alvaro nahm wieder ihre Hand und begann mit ihr den rituellen Tanz. Die ersten Schritte fielen ihr noch schwer, aber dann schien die Göttin in ihr die Führung zu übernehmen.

Den Rest des Tanzes und der Gesänge bekam Daria nur weit entfernt mit. Sie war zwar in ihrem Körper, aber sie kontrollierte ihn nicht mehr. Ihr Geist, ihre Seele hatte sich zurückgezogen und der Göttin den Platz gelassen, den sie brauchte. Zum einen fühlte Daria sich benutzt und zum anderen fühlte sie sich geborgen und beschützt von der Göttin selbst. Hier in diesem Winkel ihres Körpers, wo immer sie sich auch befand, spürte sie eine Wärme, die sie kaum kannte. Zum einem war es eine Wärme, die ihre Familie ihr immer schenkte und zum anderen schien es etwas zu sein, was man nicht beschreiben konnte. Ein Gefühl, nie mehr allein zu sein, ging durch ihre Seele und machte sie glücklich.

Sie war so sehr in diesem Gefühl verloren, dass sie nicht mitbekam, wie der Tanz und der erste Teil des Rituals endete. Alvaro bzw. der Gott hatte wieder ihre Hand in seiner und kehrte mit ihr den Feuern den Rücken. Er führte sie durch den Tempel, durch den Garten hinaus, durch den Wald bis hin zu der Quelle des Flusses, der aus einem kleinen Fels entsprang.

Hier wurde für Daria wieder einiges klarer und sie schien immer mehr ihr Bewusstsein zurückzubekommen. Die Göttin zog sich langsam zurück, aber noch nicht ganz. Daria blickte sich um. Bei der Quelle hatte man ein Lager aufgebaut. Dort wo normalerweise nur Stein und Gras war, hatte man nun Heu ausgelegt und man hatte kleine Lichtquellen versteckt, die die Umgebung in ein dämmerndes Licht hüllten.

Alvaro zog sie zu sich. Er öffnete die Schnüren, die den Umhang hielten und ließ diesen dann zu Boden gleiten. Das Gleiche tat er mit den Schnüren ihres Kleides. Während er diese öffnete, schaute er ihr in die Augen und Daria erkannte, dass der Gott sich auch langsam aus ihm zurückzog.

Zum Teil durch die Leitung der Göttin, zum Teil freiwillig ließ sie sich auf das Lager sinken und Alvaro folgte ihr. Er zog das Kleid nun ganz von ihrem Körper und sie trug nur noch ihr Untergewand. Daria half ihm ebenfalls aus seinem Gewand zu kommen. Ihre Hände zitterten dabei, denn ihre Angst war genauso groß, wie die Neugier, die sich nun in ihr ausbreitete. Sie brauchten nicht lange und Alvaro war seine gesamte Kleidung losgeworden und lag nun nackt über ihr.

Seine Hand strich federleicht über ihre Haut und über den dünnen Stoff ihres Untergewandes. Er ließ seine Hand nach unten gleiten und zog sie dann samt dem Stoff zwischen seinen Fingern wieder hinauf. Er strich über ihre Haut, während er ihr Gewand nach oben schob und es ihr nur wenig später auch über den Kopf zog. Nun lag auch sie nackt unter ihm.

Für Daria schien eine Ewigkeit zu vergehen, in der sie ihn nur anstarrte. Sie spürte seine Hände überall an ihrem Körper und dort, wo er sie berührte, schien es, als würde sie in Flammen stehen. Sie ließ ihre Hände ebenfalls über seine Haut gleiten und ihm schien es nicht anders zu ergehen als ihr.

Daria hatte nicht damit gerechnet, dass es wehtun würde, wenn er ihn ihr war. Er hatte sich schnell – wahrscheinlich damit es nicht lange wehtat – in sie geschoben. Sie hatte nichts gesagt, nicht geschrieen, aber dafür nach Luft geschnappt. Eine Träne löste sich aus ihren Augen. Alvaro sah diese, senkte seinen Kopf, er küsste erst die Träne weg und dann ihre Stirn.
 

„Es tut mir leid“, flüsterte er, bevor er sich in ihr zu bewegen begann.

Er war sanft zu ihr, die ganze Nacht über. In ihr hatte sich die Wärme, die sie vorhin dank der Göttin gespürt hatte, weiter ausgebreitet. Doch es hatte sich etwas geändert. Die Göttin hatte sich fast ganz aus ihr zurückgezogen und alles was nun geschah, geschah nicht, weil die Göttin es wollte, sondern weil Daria es wollte. Sie erkannte es auch in den Augen Alvaros, denn der Grauschimmer war wieder in seine Augen zurückgekehrt. Er lächelte sie sogar an.

Daria hatte vieles erwartet, was in dieser Nacht geschehen würde, aber nicht, dass sie glücklich zu sein schien, mit dem, was hier ablief. Sie hatte für eine Nacht das Gefäß der Göttin sein dürfen und hatte dabei erfahren, wie es war, von einem Gott und später von einem Priester geliebt zu werden. Sie hob ihren Kopf leicht und berührte mit ihren Lippen die seinen, als Dank und als Zeichen, dass sie ihnen gehörte, dem Gott und dem Priester. Und sie spürte die Göttin in ihr lächeln.

Alvaro hatte noch nie so etwas empfunden oder erfahren. Während des gesamten Rituals hatte sich eine Verbindung zu seiner Gefährtin, zu Daria aufgebaut. Er fühlte alles, was sie fühlte und dies vermischte sich mit dem, was in ihm vorging. Er hatte schon einige Erfahrungen gemacht, mit dem, was es hieß, das Gefäß eines Gottes zu sein. Aber für Daria war es etwas Neues. Und all die Gefühle, all das, was sie empfand, strömte auch auf ihn ein. Und er war glücklich.

Er war glücklich, wieder einmal seinem Gott zu diensten zu sein und er war glücklich, dass er dieses Mal jemand ganz Besonderes gefunden hatte, die dieses Gefühl mit ihm teilte.

~*~*~*~

Die Göttin hatte sich fast ganz aus Daria zurückgezogen und beobachtete mit einem Lächeln das sich liebende Paar. Der Gott gesellte sich zu ihr, sein Ausdruck ernst, aber trotzdem schien auch er glücklich zu sein.
 

„So etwas hat es lange nicht mehr gegeben“, sprach der Gott. „Ein ganz besonderes Paar. Er wählte seine Gefährtin mit Bedacht und sie nahm ihre Aufgabe an, obwohl sie sie nie haben wollte.“
 

„Die Tradition und der eigentlich Ritus ist wieder hergestellt“, antwortete die Göttin und hob die Hand. Der Gott tat es ihr gleich und nur Sekunden später, wurde das Paar von einem hellem Licht umhüllt.
 

„So sei das Land wieder von uns beschützt und mögen die Kinder dieses Paares dieses Land und uns ehren“, sprach die Göttin.
 

Beide, Gott und Göttin, senkten wieder die Hände und ließen dann das Paar ganz alleine und unbeobachtet.

 

Ende