Autor: Kristin

Titel: Trying to do what is right

Altersfreigabe: 16

Beta: Cloegirl

Inhalt: Zuko antwortet auf Aangs Frage nicht nur mit einem Feuerball, sondern die beiden unterhalten sich, auch, wenn sie anschließend wieder getrennte Wege gehen. Es dauert jedoch nicht lange, bis der Prinz erneut auf den Avatar trifft, wobei er Katara ein wenig näher kennen lernt…

Paar(e)/Hauptcharakter(e): Katara/Zuko

Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Serie „Avatar – Herr der Elemente“ und ebenso wenig an den Charakteren.

Kommentar: Ich hab die Zeitlinie ein wenig vermischt. Zuko und Iroh haben bereits kein Schiff mehr und werden von Azula gejagt, Katara und Sokka sind auch nicht krank, aber ansonsten beginnt meine Fanfiction während der Episode „Der blaue Geist“.

Teil 1   Teil 2   Teil 3   Teil 4   Teil 5   Teil 6   Teil 7

 

~*~*~*~*~

Teil 1



„Glaubst du, wir hätten damals Freunde sein können? Vor dem Krieg?“, fragte Aang den Feuerbändiger vor sich, welcher stumm zu Boden starrte.

Für einen Moment befürchtete er, dass Zuko ihn angreifen würde, da der Teenager das Gesicht zu einer undefinierbaren Maske verzog.
 

Aber er blieb still, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Hätte er mit dem Jüngeren befreundet sein können? Im Allgemeinen war der Junge gar nicht so schlimm, er war eben nur der Avatar. Das war der einzige Grund, aus dem er ihn jagte, nichts mehr, nichts Persönliches. Nichts anderes als die Tatsache, dass er seine Ehre wiederherstellen musste, um nach Hause zurückzukehren. Dann würde er all das zurückbekommen, was er zwei Jahre zuvor verloren hatte.
 

Er würde wieder bei seiner Familie sein, den Respekt seines Vaters erhalten und der nächste Feuerlord werden. Er würde in der Lage sein, diesen sinnlosen Krieg zu stoppen, der bereits zu viele Opfer verlangt hatte.
 

Doch war das nicht dasselbe Ziel wie das des Avatars? Den Frieden in ihre Welt zurückzubringen? Warum gegen ihn arbeiten, wenn er das Gleiche erreichen wollte?
Weil er die besseren Chancen hatte, es auch zu schaffen, versuchte Zuko sich selbst zu überzeugen. Der Avatar war nur ein zwölfjähriger Junge, der nicht den Hauch einer Chance gegen Ozai hatte. Sein Vater würde Aang innerhalb weniger Sekunden töten oder ihn gefangen nehmen und foltern, damit kein neuer Avatar geboren werden konnte, was sehr viel schlimmer wäre. Wenn er darüber nachdachte, war er die einzige Person, die es wirklich schaffen konnte.

„Ich weiß nicht, vielleicht. Aber es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken, weil dieser idiotische Krieg genauso existiert wie du und ich“, erwiderte Zuko, ohne eine wirkliche Antwort auf Aangs Frage zu geben.
Er sah zu dem kleinen Jungen vor sich und kam zu dem Entschluss, dass dieser nicht der Avatar sein sollte. Die Probleme der Welt sollten nicht auf den Schultern eines Kindes liegen. Dieser Junge sollte die Chance haben, ein normales Leben zu führen, mit anderen Kindern im selben Alter aufzuwachsen, zu spielen, zu lachen – etwas, das er selbst nie gehabt hatte.

„Wenn du denkst, dass der Krieg idiotisch ist, warum kämpfst du dann auf der Seite jener Leute, die ihn begonnen haben? Warum versuchst du, mich gefangen zu nehmen, anstatt den sinnlosen Mord Unschuldiger zu stoppen?“, fragte Aang, als wolle er den Prinzen dazu bringen, die Seiten zu wechseln.

„Das tue ich. Glaub mir, ich versuche ihn zu stoppen. Nur auf einem anderen Weg.“ Entgegen seines sonstigen Temperaments antwortete der Feuerbändiger in einem kontrollierten Ton.

„Weshalb kämpfst du für etwas, an das du nicht glaubst? Wie kannst du sagen, du versuchst ihn zu stoppen, wenn du gleichzeitig versuchst, mich zu töten?“ Aang konnte nicht begreifen, wieso Zuko ihn nicht verstehen konnte. Für einen Moment dachte er wirklich, dass der Prinz irgendwo tief in sich drin ein Herz und einen Sinn für Gerechtigkeit hatte. Traurigkeit überzog seine Gesichtszüge und er fühlte sich, als habe er gerade einen weiteren Freund verloren, wie schon 100 Jahre zuvor. Abgesehen davon, dass der Ältere niemals sein Freund gewesen war, sondern sein Feind.

„Weil ich loyal zu meinem Vater bin. Weil ich loyal zu meiner Nation bin, zu meinen Landsleuten.“

„Ja, zu deinen Landsleuten. Was ist mit den Menschen von anderen Nationen, die täglich sterben? Sind sie dir wirklich völlig egal?“, redete Aang wütend auf ihn ein.

„Denkst du, meine Leute sterben nicht? Denkst du, sie leiden nicht? Da sind zu viele Opfer auf beiden Seiten.“

„Ja, aber es waren deine Leute, die diesen Krieg begonnen haben. Es waren deine Leute, die sogar unschuldige Frauen und Kinder töteten. Es waren deine Leute, die ganze Dörfer nieder brannten.“ Die Augen des Luftbändigers funkelten, als er Zuko anschrie.

„Nein, das waren sie nicht. Dieser Krieg ist die Schuld meines Urgroßvaters und jetzt ist mein Vater dafür verantwortlich. Sie haben nur getan, was er gesagt hat, um ihr eigenes Leben zu schützen. Sie hatten keine Wahl. Richte meine Leute nicht nach einem Narren, der zu viel Macht besitzt.“

„Ich richte deine Leute nach den Dingen, die sie machen. Ich glaube nicht, dass das unfair ist.“

„Manchmal machen Menschen Dinge, die sie gar nicht machen wollen, weil sie keinen anderen Weg aus ihren Problemen herausfinden. Du solltest das wissen“, erklärte der Prinz traurig. Und für einen Moment glaubte Aang eine Art Schmerz in den goldenen Augen erkennen zu können. Aber er blieb nicht lange und die Züge des Prinzen verhärteten sich erneut. Die alte, gut bekannte Wut war wieder da und plötzlich schleuderte er einen Feuerball neben den Avatar.

„Geh!“, zischte er. „Geh, bevor ich meine Meinung ändere und dich gefangen nehme. Ich werde dich wieder jagen, doch im Moment muss ich zuerst einmal jemanden suchen“, versprach Zuko, bevor er zwischen den Bäumen verschwand, einen perplexen Aang zurücklassend.

~*~*~*~

Nachdem Zuko Aang dabei geholfen hatte, vor Zhao zu fliehen, kehrte er zu seinem Onkel zurück, der am Feuer saß und eine Tasse Tee trank.

„Ah, Prinz Zuko. Wo seid Ihr gewesen? Wieder auf der Suche nach dem Avatar?“, begrüßte Iroh seinen Neffen, der daraufhin eine Grimasse zog.

„So ähnlich.“

„Kommt her und setzt Euch. Möchtet Ihr etwas Tee?“, fragte der ältere Mann und der Teenager schnaubte.

„Ihr und Euer Tee“, war sein einziger Kommentar, was Iroh seufzen ließ.

„Tee wirkt sehr beruhigend auf die Nerven, Ihr solltet ihn auch einmal probieren, Neffe. Warum versucht Ihr so verbissen, den Avatar zu fangen? Ich meine, wir haben noch genug Zeit.“

„Vielleicht sind manche Leute nicht so faul wie Ihr“, brummte Zuko. Er mochte seinen Onkel, wirklich, aber manchmal konnten seine Fragen ziemlich nervig sein. „Ich will so schnell wie möglich nach Hause gehen.“

„Ich verstehe immer noch nicht wieso. Zu welcher Art von Zuhause wollt Ihr zurückgehen? Zu Eurem Vater? Glaubt Ihr im Ernst, er würde Euch willkommen heißen? Er ist nicht von der Sorte Mensch, die leicht ihre Meinung ändert“, erklärte der Drache des Westens traurig.
 

Einerseits konnte er den Teenager nicht wirklich verstehen, aber andererseits glaubte er zu wissen, warum der Junge zurückgehen wollte. Egal, was für ein Bastard Ozai auch sein würde, sein Sohn liebte ihn dennoch. Und dafür fühlte der Ältere Mitleid. Zuko verdiente etwas Besseres. Er war nicht wirklich böse, er wusste bloß nicht, was er anderes machen sollte, als sich dem Feuerlord zu unterwerfen.

Zur selben Zeit dachte der Prinz ebenfalls über diese Frage nach. Warum wollte er zurückgehen? In den ganzen Jahren im Palast hatte er nichts gehabt, worüber er hätte lachen können. Er hatte immer nur lernen, trainieren und der perfekte Sohn sein müssen. Und wenn er es manchmal doch nicht gewesen war, dann hatte ihn sein Vater bestraft. Er hatte ihn geschlagen und gedemütigt. Aber er würde ihn niemals lieben. Er würde niemals mit ihm zufrieden sein und Azula ihm immer vorziehen.
 

War das Leben, welches er jetzt führte, wirklich so schlecht? Niemand zwang ihn dazu, etwas zu machen, was er nicht wollte, niemand würde ihn anschreien und niemand würde ihn für einen Fehler schlagen.
 

Sein Onkel würde ihm das Feuerbändigen mit Geduld und Freundlichkeit beibringen. Vielleicht war er verbannt, aber manchmal dachte er, dass diese Zeit mit Iroh um so vieles besser gewesen war als sein Leben im Palast – besonders, nachdem seine Mutter gegangen war.
 

Doch trotzdem war Ozai sein Vater. Und er weigerte sich, zu akzeptieren, dass dieser ihn nicht wenigstens etwas liebte.

„Er gab mir die Chance zurückzukommen. Er hätte das nicht getan, wenn er nicht gewollt hätte, dass ich nach Hause kehre. Ich habe gesprochen, als es mir nicht erlaubt gewesen ist und das hier war meine Bestrafung. Ich sollte daraus etwas lernen“, meinte Zuko trotz besseren Wissens. Sein Kopf sagte ihm, dass seine Hoffnung etwas Dummes war, aber davon konnte er sein Herz nicht überzeugen.

„Welcher Vater würde seinen eigenen Sohn verbannen? Denkt darüber nach.“

„Ich habe Schwäche gezeigt und nichts Besseres verdient. Es war gütig von ihm, mich nicht zu töten.“ Der Teenager brachte es nicht fertig, Iroh bei diesen Worten ins Gesicht zu sehen. Er nahm den Feuerlord trotz besseren Wissens in Schutz. Ozai war sein Vater. Wenn er ihn wirklich lieben würde, dann hätte er ihn nicht verbannt und, noch wichtiger, nicht mit einer Narbe für den Rest seines Lebens gebrandmarkt.

„Ihr habt keine Schwäche gezeigt, sondern Menschlichkeit – etwas, das mein Bruder nicht kennt. Ihr habt nichts Falsches gesagt, Ihr habt das Richtige gesagt. Lediglich zu den falschen Leuten.“

„Es war schwach. Ich war schwach“, beharrte der junge Feuerbändiger, der seinen Vater nicht fallen lassen wollte. Egal, was seine eigene Meinung war. Es war eine Sache, Ozai in seinen Gedanken zu hintergehen, aber eine Andere, es vor anderen Leuten zu tun. Er würde nicht zwei Mal denselben Fehler begehen.
 

Ohne es zu bemerken, berührte Zuko die Narbe in seinem Gesicht. Eine ewige Erinnerung an sein Versagen. Selbst wenn er in der Lage sein würde, seine Ehre wiederherzustellen, würde sie bleiben.

~*~*~*~

Nach seiner Begegnung mit Zuko kehrte Aang zu seinen Freunden zurück, welche im Wald ein Camp aufgeschlagen hatten, wo Appa und Momo bleiben konnten, während sie versuchen wollten, ihrem Freund zu helfen. Sie waren gerade auf dem Weg zu Zhaos Lager, als sie in den Avatar rannten.

„Aang! Du bist frei?“, fragte Katara erstaunt.

„Wir waren gerade auf dem Weg, um dir zu helfen“, ergänzte Sokka.

„Mir hat schon jemand anderes geholfen“, erwiderte der Luftbändiger nach einem kurzen Zögern, während sie gemeinsam zurück zum Camp liefen, was den anderen Jungen dazu brachte, die Stirn zu runzeln. „Wer?“

„Sagen wir einfach… jemand von dem ich es nicht erwartet hätte. Jemand, den ich bisher nur als Feind gesehen habe.“ Der Jüngere sah zu Katara, wobei er ihr bedeutete, dass er unter vier Augen mit ihr reden wollte.

„Uem, Sokka, warum gehst du nicht und bringst mir etwas Wasser? Da ist ein kleiner See, nicht weit weg.“

Der Wasserstammsjunge warf seiner Schwester einen skeptischen Blick zu: „Warum brauchst du mehr Wasser? Du hast genug hier, um zu bändigen.“

„Ja, Mister, aber nicht zum Kochen. Und da du derjenige bist, der ständig hungrig ist, hab ich dich darum gebeten, mir welches zu bringen“, schoss das Mädchen zurück. Ihre Haltung machte unzweifelhaft deutlich, dass es nicht wirklich eine Bitte gewesen war, was den Älteren dazu brachte, nachzugeben.
Sie wartete noch, bis er außer Hörweite war, bevor sie Aang fragte, über was er mit ihr sprechen musste.

„Derjenige, der mir bei der Flucht half… es war Zuko. Ich… warum würde er mir helfen wollen?“

„Was? Zuko? Bist du sicher?“, entgegnete Katara ungläubig, ihre Augen erschrocken aufgerissen. „Aber er… er ist unser Feind.“

„Eben. Nicht nur, dass er mir bei der Flucht half, er wollte mich auch nicht selbst gefangen nehmen. Er… er hat mich einfach gehen lassen.“ Hilfesuchend sah der Avatar zu der Wasserbändigerin, die in den vergangenen Monaten seine beste Freundin geworden war. Er wusste nicht, was er von dem Auftritt des Prinzen als der blaue Geist halten sollte. Und es war ihm unerklärlich, wieso er ihm geholfen hatte, obgleich er heute eine andere Seite seines Feindes kennen gelernt hatte.

„Vielleicht… bist du ganz sicher, dass es Zuko war?“, erkundigte sich die Ältere abermals, da sie ihren Ohren nicht traute. Das konnte doch unmöglich sein. Der Feuerbändiger hatte sie die ganze Zeit über gejagt und plötzlich half er Aang? Weshalb?

„Ja, sag ich doch die ganze Zeit.“

„Aber… aber… das ergibt absolut keinen Sinn. Es sah bisher nicht danach aus, als wenn er die Seiten wechseln wollte. Entweder er wollte dich doch selber gefangen nehmen oder er hasst denjenigen, der dich hatte, noch mehr wie dich“, erwiderte Katara unschlüssig.
 

Vielleicht war Zuko ja doch nicht so egoistisch wie sie bisher angenommen hatten? Vielleicht stand er doch nicht fraglos hinter seinem Vater und vielleicht befürwortete er den Krieg nicht so sehr wie er ihnen Glauben machen wollte. Aber wenn er gegen den Krieg wäre, dann würde er nicht Aang jagen, sondern ihm helfen. Schließlich war der Avatar die einzige Chance auf Frieden.

„Ich weiß es nicht. Für einen Moment hatte ich wirklich gedacht, einen anderen Zuko vor mir zu haben. Einen, dem die ganzen Menschen, die in diesem Krieg sterben, nicht völlig egal sind. Ich hab ihn gefragt, ob wir früher hätten Freunde sein können, doch er ist einer Antwort ausgewichen. Er hat nicht nein gesagt.“

„Er hat auch nicht ja gesagt, oder?“, erwiderte sie noch immer skeptisch.

„Nein. Er hat gemeint, es mache keinen Sinn darüber nachzudenken. Und dann war er fast wieder der Zuko, den wir alle kennen und er hat mir versprochen, mich weiter zu jagen“, erklärte der Jüngere traurig. Er konnte den Prinzen nicht verstehen, da dieser gesehen hatte, was sein Vater mit diesem Krieg anrichtete. Warum unterstützte er so etwas? Hatte er denn gar kein Mitgefühl? Wie konnte man so grausam und kalt sein? Der Teenager ging über Leichen, nur, weil sein Vater es ihm sagte? Das war doch verrückt.

„Vielleicht solltest du in seine Hilfe nicht so viel hineininterpretieren. Er hat dir dabei geholfen zu entkommen, sei froh darüber, anstatt dir den Kopf über seine Gründe zu zerbrechen.“ Mit diesen Worten erhob sich Katara, um nachzusehen, wo ihr Bruder mit dem Wasser blieb. Sie hatte zwar erreicht, dass Aang das Thema Zuko vorerst ruhen ließ, konnte allerdings nicht verhindern, dass sie sich nun selbst Gedanken über den Dunkelhaarigen machte.

~*~*~*~

Traurig sah Iroh auf die schlafende Gestalt seines Neffen und dachte einmal mehr daran, wie sehr er sich nach dem Verschwinden seiner Mutter verändert hatte. Aus dem fröhlichen, aufgeweckten Jungen war ein verbitterter, ernster Teenager geworden, der das Lachen verlernt hatte – nicht, dass er bei Ozai jemals etwas zu lachen gehabt hätte. Wenn er damals schon gewusst hätte, wie sein Bruder seinen eigenen Sohn behandelte, wäre er früher aus dem Krieg zurückgekehrt – vielleicht hätte das auch Lu Tens Leben gerettet.
 

Auf jeden Fall hätte er niemals zulassen dürfen, dass Zuko für jeden noch so kleinen Fehler bestraft wurde. Kinder machten nun mal Fehler, das war völlig normal. Dafür durfte man sie nicht schlagen und demütigen. Niemand war perfekt, das sollte auch Ozai wissen. Doch er schien nur Augen für seine Tochter Azula zu haben, sie war schon immer sein Liebling gewesen. Wahrscheinlich, weil sie genauso kalt und herzlos war wie er selbst. Solange Ursa noch immer Palast gelebt hatte, war es ihr immer wieder gelungen, den Prinzen vor seinem Vater und seiner Schwester in Schutz zu nehmen.
Aber nachdem sie gegangen war, hatte er niemanden mehr gehabt, dem er noch vertrauen konnte. Egal, wie sehr er sie auch angestrengt hatte, es war nie genug gewesen. Und Iroh konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sein Bruder das deutlich gemacht hatte – Zukos Albträume sprachen eine eigene Sprache.
 

Was für ein Mensch war fähig, seinen eigenen Sohn zu quälen? Derselbe Mensch, der fähig war, etliche Soldaten seiner Nation für einen kleinen Sieg ins Verderben zu schicken, dachte der ältere Mann bitter. Er war nie mit den Plänen für die 41. Division einverstanden gewesen, genauso wenig wie sein Neffe. Nur, dass er nicht in dem Raum gewesen war, um sich dagegen auszusprechen.
 

Zuko hingegen hatte den Fehler begangen, in einem Raum von menschenverachtenden… Bastarden Menschlichkeit zu zeigen. Er hatte unerlaubt gesprochen und Ozai hatte die Möglichkeit genutzt, Azula zu seiner Thronfolgerin zu machen. Er hatte seinen eigenen Sohn zu einem Agni Kai gezwungen und selbst, als dieser ihn angefleht hatte, um Verzeihung gebettelt hatte, hat er keine Gnade gezeigt.
 

Zuko hatte es nicht fertig gebracht, gegen seinen Vater zu kämpfen, weil er ihn liebte – es selbst jetzt noch tat. Ozai hingegen hatte noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als er einen Feuerball auf seinen Sohn geschleudert hatte, der diesen für immer kennzeichnete. Was für ein Vater schaffte es, reuelos seinen Sohn anzugreifen und anschließend auch noch, ohne reelle Chance auf eine Rückkehr, zu verbannen?
 

Wenn er seinen Bruder in diesem Moment in die Hände bekommen hätte, hätte er ihn zu Staub verbrannt, dessen war er sich sicher. Dieser Bastard hatte Zukos Loyalität nicht verdient.

~*~*~*~

Ein Grinsen schlich sich auf Azulas Lippen, als sie die verlassene Feuerstelle auf der Lichtung entdeckte. Zwar glühte die Asche nicht mehr, was man auch mit Bändigerkräften verhindern konnte, aber sie war dennoch warm, weshalb sie erst vor relativ kurzer Zeit verlassen worden sein konnte. Sie kam Zuko immer näher, bald würde sie ihren nichtsnutzigen Bruder eingeholt haben. Und dann würde sie jede Möglichkeit für ihn, ihr den Thron zu stehlen, bereits im Keim ersticken. Dann konnte niemand mehr verhindern, dass sie später einmal den Platz ihres Vaters einnehmen würde.
 

Nicht, dass Zuko wirklich eine Bedrohung für sie wäre. Die Aufgabe, die er zu erfüllen hatte, war für einen ewigen Versager und Schwächling wie ihn sogar jetzt, nachdem der Avatar wieder aufgetaucht war, unlösbar.

~*~*~*~

Zur gleichen Zeit stapfte Zuko unwillig durch den Wald in jene Richtung, in die Aang Tags zuvor verschwunden war. Doch obgleich er seinem Onkel gegenüber fest entschlossen schien, war er sich alles andere als sicher, ob er hierbei das Richtige tat.

War es das wirklich wert? Wollte er tatsächlich die Hoffnung so vieler Menschen zerstören, nur, um nach Hause zurückzukehren? Zurückzugehen zu einem Vater, der ihn überhaupt nicht sehen wollte, ihn immer nur verspottet und verachtet hatte.
War das der richtige Weg, den Frieden wiederherzustellen? Sicher sein konnte er sich nicht, denn selbst, wenn er der nächste Feuerlord werden würde, wusste er nicht, ob die anderen Nationen seinem Angebot trauen würden. Der Hass auf die Feuernation saß zu tief.
 

Dem Avatar würden sie glauben, aber ihm, Zuko, dem Sohn jenes Mannes, der so viel Leid über sie gebracht hatte? Er und Aang hatten das gleiche Ziel, aber beide nur eine geringe Chance, es auf ihre Art zu erreichen. Wenn sie zusammenarbeiten würden, dann wäre es viel wahrscheinlicher, dass es ihnen gelingen würde, Ozai zu besiegen.
 

Doch würde er es überhaupt fertig bringen, seinen eigenen Vater anzugreifen? Er hatte bereits einmal mit ihm kämpfen sollen und kläglich versagt. Warum sollte es diesmal anders sein? Selbst, wenn er sich mit dem Avatar verbünden würde, würde er diesem keine große Hilfe sein. Wohl eher ein Klotz am Bein. Im Gegensatz zu der Wasserbändigerin war er noch lange kein Meister und würde es wahrscheinlich auch niemals werden.
 

Azula war schon immer die Bessere gewesen, obwohl sie jünger als er war, hatte sie ihn bei ihren Wettkämpfen im Palast immer mühelos besiegt. Das Einzige, was sie davon abgehalten hatte, ihn ernsthaft zu verletzen, war ihre Mutter gewesen. Sie war jedes Mal dazwischen gegangen, um ihn zu beschützen.
 

Aber nachdem Ursa verschwunden war, war er Azulas Spott und ihren Launen ausgesetzt gewesen. Ozai war es egal gewesen, wenn überhaupt hatte er ihr dabei noch Gesellschaft geleistet. Das war kein Zuhause, in das es sich zurückzukehren lohnen würde.

Und dennoch konnte er die Sehnsucht nach seiner Heimat nicht völlig ignorieren. Nicht alles war schlecht gewesen. Vielleicht behandelten ihn sein Vater und seine Schwester wie den letzten Dreck und er kam auch mit den anderen Leuten im Palast nicht gut aus, doch er vermisste den Garten seiner Mutter.
 

Als kleines Kind hatte er es geliebt, sich an den Teich zu setzen und die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht zu genießen. Ihre Strahlen hatten alles in ein rötlich-goldenes Licht getaucht, fast wie in einem Märchen. Er hatte sich an diesem Platz immer behütet und sicher gefühlt, selbst nach dem Verschwinden seiner Mutter, weil Azula und Ozai den Garten so gut wie nie betraten. Es war sein Zufluchtsort gewesen. Und eben diesen vermisste er nun. Die Sonne war hier im Erdkönigreich nicht halb so warm und freundlich wie Daheim und die Landschaft schien nur grün und braun zu sein.

Ein Seufzen drang über Zukos Lippen, während er die Gegend nach Hinweisen nach dem Avatar absuchte. Weit entfernt konnte er nicht sein. Da es ihm jedoch nicht gelang, seine Zweifel vollständig abzuschütteln, bemerkte er weder das blau gekleidete Mädchen, welches ihn mit weit aufgerissenen Augen hinter einem Baumstamm versteckt anstarrte, noch Azula, welche ihm mit einigem Abstand folgte und auf die richtige Gelegenheit für einen Angriff wartete.
 

Noch wagte sie es nicht, weil Iroh skeptisch in ihre Richtung sah und für einen Moment glaubte sie, er habe sie und ihre beiden Freundinnen Ty Lee und Mai entdeckt. Doch dann wandte er sich wieder Zuko zu, der sich vor ein paar Fußabdrücke gehockt hatte, um sie genauer zu inspizieren.

Ein bösartiges Grinsen legte sich auf die Lippen der Tochter des Feuerlords, als sie Ty Lee dazu anwies, sich an Iroh heranzuschleichen und sein Chi zu blockieren. Die Kräfte des Prinzen waren keine Gefahr für sie, mit ihm würde sie problemlos fertig werden. Ohne den Drachen des Westens hatte er keine Chance gegen sie.
 

Sie wartete noch, bis ihre Freundin direkt hinter ihrem Onkel war, um dann aus ihrem Versteck zu treten und eine Feuersalve auf ihren Bruder abzufeuern.
 

Dieser bemerkte die verräterische Hitze jedoch erst, als es zu spät war, um den Angriff abzuwehren. Er versuchte noch auszuweichen, aber es gelang ihm nicht ganz. Er wurde trotzdem von dem Feuerball getroffen, dessen Wucht ihn gegen einen Baum schleuderte. Auch, wenn er es geschafft hatte, dem sicheren Tod zu entgehen, verzog er sein Gesicht vor Schmerz. Die Kraft des Aufpralls hatte ihm mehr Schaden zugefügt als die Verbrennungen durch das Feuer, was Azula mit einem höhnischen Lachen kommentierte.

„Oh, Zuzu, ich hab dich so lange nicht gesehen und du hast immer noch nicht dazu gelernt“, spottete sie und versicherte sich mit einem Seitenblick zu Mai und Ty Lee, dass diese Iroh im Schach hielten.

„Zumindest greife ich nicht feige aus dem Hinterhalt an. Angst, dass du einen fairen Kampf nicht gewinnen kannst?“, schnaubte Zuko, während er sich wieder aufrappelte, eine Hand auf seine verletzten Rippen gepresst. Er unterdrückte den Drang, unkontrolliert auf sie loszugehen, da er wusste, dass sie ihn aus der Reserve locken wollte, damit er einen Fehler beging.
 

Sie war eine wesentlich bessere Bändigerin als er, das wussten sie beide. Wenn er diesen Kampf überleben wollte, dann musste er sie irgendwie ablenken, um zu fliehen. Noch konnte er sich beherrschen, aber trotz Irohs Versuchen, ihn Geduld zu lehren, war er noch immer ein Hitzkopf.
 

Sein Blick wanderte kurz zu seinem Onkel, welcher sich mit Mai und Ty Lee bekämpfte. Erleichtert stellte der Jüngere fest, dass der Ältere zwar alle Hände voll zu tun hatte, jedoch noch unverletzt war.

„Was soll ich sagen? Eigentlich hatte ich vor, dir einen Vorsprung zu geben, damit du zumindest die Chance hast wegzulaufen, Zuzu. Was anderes kannst du ja sowieso nicht. Aber irgendwie konnte ich mich nicht zurückhalten.“ Das hämische Grinsen auf ihren Lippen vertiefte sich und verdeutlichte, dass sie sich wohl eher nicht hatte zurückhalten wollen.

Sich noch immer an dem Baum abstützend schoss Zuko einen kleinen Feuerball an seiner Schwester vorbei, welche den Fehler beging, diesem spöttisch nachzusehen: „Du hast auch schon mal besser gezielt. Nicht gut, aber besser als jetzt.“

In ihrer Überheblichkeit entging ihr jedoch das Grinsen, welches sich nun auf dem Gesicht des Älteren bildete. Sie hatte genauso reagiert wie er es erwartet hatte, was ihm die Möglichkeit gab, einen größeren Feuerball auf ihren Rücken zu schleudern.
 

Azula schrie schmerzerfüllt auf und sackte für einen kurzen Moment in sich zusammen, bevor sie rasend vor Wut herumfuhr und die Attacke mit einem Blitz erwiderte.
 

Zwar gelang es dem verbannten Prinzen, sich mit einem schnellen Schritt zur Seite zu retten, sodass nur der Baum gespalten wurde, doch damit war er noch lange nicht in Sicherheit. Es war noch nie eine gute Idee gewesen, die Wut seiner Schwester auf sich zu lenken, aber er hoffte, dass sie jetzt vielleicht einen Fehler machen würde. Außerdem war sie nun ebenfalls verletzt, was ihr zumindest einen Vorteil nahm.
 

Er kam jedoch nicht dazu, allzu lange über eine Möglichkeit, sie anzugreifen, nachzudenken, da sie bereits den nächsten Blitz auf ihn schleuderte.
 

Es gelang ihm im letzten Moment zur Seite zu rollen und den Angriff mit einer Feuerpeitsche zu erwidern, welche Azula von den Füßen riss. Verdattert darüber, dass ihr Bruder es tatsächlich bereits zum zweiten Mal an diesem Tag geschafft hatte, sie zu treffen, blieb sie einen Augenblick bewegungslos liegen.
 

Zuko nutzte diese Möglichkeit, um direkt hinter sie zu stolpern, wo sie ihn nicht gleich sehen konnte. Sein Gesicht war noch immer schmerzverzerrt, da seine Rippen jeden Atemzug zur Qual werden ließen, und er schnappte hörbar nach Luft, bevor er einen weiteren Feuerball auf sie schleuderte, welchen sie allerdings scheinbar mühelos blockte. Ein wütender Schrei verließ ihre Lippen und ihre Augen sprühten förmlich Feuer, während sie sich aufrichtete.
 

Über den Rücken des Prinzen lief ein kalter Schauer und er riss schützend die Arme nach oben, nur Sekunden, bevor ihn eine Feuersalve Azulas traf und erbarmungslos zu Boden schmiss. Erneut wurde ihm die Luft aus den Lungen gepresst, was den Schmerzensschrei seinerseits zu einem leisen Wimmern verklingen ließ.

„Du bist ein unverbesserlicher Narr, Zuzu. Hast du wirklich gedacht, du hättest auch nur den Hauch einer Chance gegen mich? Ich war schon immer besser als du und ich werde es auch immer bleiben. Aber darüber musst du dir in Zukunft keine Sorgen mehr machen.“ Mit diesem Worten hob sie ihre Hand, um den endgültigen Schlag gegen ihren Bruder auszuführen.

 

Teil 2

 

„Du bist ein unverbesserlicher Narr, Zuzu. Hast du wirklich gedacht, du hättest auch nur den Hauch einer Chance gegen mich? Ich war schon immer besser als du und ich werde es auch immer bleiben. Aber darüber musst du dir in Zukunft keine Sorgen mehr machen.“ Mit diesem Worten hob Azula ihre Hand, um den endgültigen Schlag gegen ihren Bruder auszuführen. 

Dieser schloss ängstlich die Augen. Zwar war ein Teil von ihm sogar fast erleichtert darüber, dass sein miserables Leben bald vorbei sein würde, doch er hatte nicht den Mut dazu, seiner Mörderin – seiner eigenen Schwester – in die Augen zu sehen. Er wartete eine ganze Weile, doch nichts geschah. Anscheinend wollte sie ihn noch eine Weile quälen. 

„Bring es endlich zu Ende“, spie er mit schwacher Stimme hervor, nur, um zu spüren, wie ihm jemand die verletzten Arme vom Gesicht nahm, die er aus Instinkt hochgerissen hatte. Ein leises Zischen aufgrund der Verbrennungen entwich ihm, aber er wagte es noch immer nicht, die Lider wieder zu öffnen. 

„Sie wird hier überhaupt nichts zu Ende bringen“, registrierte Zuko noch eine beruhigende Stimme, bevor er in die Bewusstlosigkeit glitt.

 

~*~*~*~

 

Katara hatte den Kampf zwischen den Feuerbändigern mit weit aufgerissenen Augen verfolgt, und je länger es dauerte, umso mehr Fragen rauschten durch ihren Verstand. Warum jagte Azula ihren eigenen Bruder? Und wenn Zuko von seiner eigenen Familie gejagt wurde, weshalb wollte er Aang dann gefangen nehmen? Auf welcher Seite stand er? Wenn er gegen seine Familie war, wieso half er dann nicht dem Avatar, sondern stellte sich auch gegen diesen? Das alles ergab doch überhaupt keinen Sinn.

Mit einem Stirnrunzeln trat die Dunkelhaarige aus ihrem Versteck auf die Lichtung, wo sie einen unentschlossenen Blick auf den Prinzen und dessen Onkel warf. Ob sie ihnen vielleicht helfen sollte? Der Dunkelhaarige schien ziemlich schwer verletzt worden zu sein und wenn sie sich nicht täuschte, war er sogar bewusstlos. Und immerhin hatte dieser ja auch Aang bei der Flucht vor Zhao geholfen. Demzufolge schuldete sie ihm quasi etwas.

Sie konnte ja zumindest einen Blick auf ihn werfen. Und falls es ihm doch nicht so schlecht ging, dann konnte sie ja anschließend wieder verschwinden. In der Lage sie anzugreifen war er selbst nicht, Azula und ihre beiden Freundinnen waren von Iroh vertrieben worden – die Prinzessin hatte es sich dabei nicht nehmen lassen, ihm noch ein hämisches: „Ihr könnte ihm sowieso nicht mehr helfen“, an den Kopf zu werfen – und Katara bezweifelte, dass der nette, alte Mann sie attackieren würde.

Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie dem Onkel ihres Feindes vorsichtig die Hand auf die Schulter legte. 

„Uem, ich… ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, ich kann ihm vielleicht helfen“, bot sie leise an, mit einem Blick zu dem Teenager, welcher noch immer regungslos am Boden lag. 

Der Ältere sah sie mit großen Augen an. „Obwohl wir euch die ganze Zeit gejagt haben?“, fragte er sie ungläubig, doch die Wasserbändigerin beruhigte ihn mit einem kleinen Lächeln. 

„Nicht so sehr wie Sie glauben. Sagen wir, ich bin Zuko etwas schuldig, er hat Aang einmal geholfen, jetzt kann ich die Schuld begleichen“, erklärte sie, nachdem sie begriffen hatte, dass Iroh wahrscheinlich nichts von der Rettungsaktion vor Zhao wusste.

Sie schob ihn sanft zur Seite, um sich neben den verwundeten Prinzen zu knien und seine Verletzungen zu begutachten.

Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als sie bemerkte, dass er nicht nur schwere Verbrennungen erlitten hatte – diese konnte sie heilen, so lange sie genügend Wasser zur Verfügung hatte. Was ihr Sorgen machte, waren seine Rippen. Mindestens zwei waren gebrochen und sie wusste nicht, ob sie dabei seine Lunge oder andere innere Organe verletzt hatten. Zwar atmete er regelmäßig, aber es schien ihm schwer zu fallen. Allerdings konnte das ebenso gut an den Schmerzen liegen und mit denen würde er sich wohl noch eine Weile herumschlagen müssen, da sie keine Knochen heilen konnte.

Beunruhigt wandte sie sich an Iroh: „Habt ihr Wasser hier?“ 

„Ein wenig, allerdings nicht viel, fürchte ich“, erwiderte der Ältere mit einem Stirnrunzeln. Er wusste zwar, dass das Mädchen eine Wasserbändigerin war, aber was hatte das mit Zukos Verletzungen zu tun? Nichtsdestotrotz erhob er sich, um das Gewünschte zu bringen.

Katara begann inzwischen vorsichtig, die Kleidung von den verbrannten Armen des Feuerbändigers zu lösen. 

~*~*~*~ 

Aang blickte nervös in jene Richtung, in die Katara vor einiger Zeit verschwunden war. Wo blieb sie nur? So lange war sie doch sonst nicht weg, selbst dann nicht, wenn Sokka sie die ganze Zeit nervte. Heute hatte sie sich doch nur etwas umsehen wollen.

Und wenn ihr dabei etwas passiert war? Wenn ihnen Zuko vielleicht doch schon wieder, entgegen seiner Annahme, auf den Fersen war und sie gekidnappt hatte?

Ein trauriges Seufzen drang über die Lippen des Avatars, als er an diese Möglichkeit dachte. Er hatte gehofft, der Prinz würde noch einmal über seine Gründe für die Jagd auf ihn nachdenken, anstatt ihn gleich wieder zu verfolgen. Aber der Dunkelhaarige hatte ihn ja gewarnt und es war seine eigene Schuld, wenn er diese Warnung nicht ernst nahm.

Andererseits könnte sich Katara auch einfach verlaufen haben. Nur sah ihr das überhaupt nicht ähnlich. Dennoch war ihm diese Möglichkeit wesentlich lieber. Oder es war in Wirklichkeit noch gar nicht so viel Zeit vergangen wie er glaubte und es kam ihm nur so schrecklich lang vor, weil noch nicht einmal Sokka hier war, der ihm sonst hätte Gesellschaft leisten können. Seine Schwester hatte ihn zum Feuerholz sammeln geschickt. 

Aang biss sich unsicher auf die Unterlippe, als würde es ihm dabei helfen, zu entscheiden, was er jetzt machen sollte. Nach einiger Zeit entschloss er sich dazu, nach seiner besten Freundin zu suchen. Er nahm seinen Gleiter und schwang sich damit in die Luft, um den Wald, welcher ihr Lager umgab, nach ihr abzusuchen.

Und tatsächlich dauerte es auch nicht lange, bis er fündig wurde. Am Rande einer Waldschneise, etwas unterhalb ihres eigenen Camps gelegen, entdeckte er Katara, die über einen bewegungslos am Boden liegenden Zuko gebeugt war. Neben ihr befand sich dessen Onkel.

Der Avatar landete nicht weit von der kleinen Gruppe entfernt. Für einen Moment zögerte er, schließlich konnte es auch eine Falle sein, doch der Feuerbändiger sah nicht danach aus, als würde er die Dunkelhaarige bedrohen. Dadurch beruhigt trat der Jüngere an seine beste Freundin heran. 

„Katara? Was machst du da? Du bist schon ziemlich lange weg, ich hab mir Sorgen um dich gemacht.“ 

Diese fuhr überrascht hoch. „Aang, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt“, erwiderte sie, erleichtert über die Tatsache, dass es lediglich der Luftbändiger war. Sie hatte gerade das letzte Wasser in Reichweite aufgebraucht, um die Verbrennungen des verbannten Prinzen zu behandeln. Das Einzige, wobei sie ihm nicht helfen konnte, waren seine Rippen gewesen. Diese würden von alleine heilen müssen. „Zuko ist verletzt und da er dir letztens geholfen hat“, fuhr sie fort, „hab ich gedacht, das wäre eine Möglichkeit, sich zu revanchieren.“ 

Iroh hatte das Gespräch der beiden bis zu diesem Zeitpunkt schweigend verfolgt, doch nun wandte sich Katara an ihn: „Die Verbrennungen konnte ich heilen, doch ich befürchte, dass einige Rippen gebrochen sind. Ich würde ihn gerne mit zu unserem Camp nehmen, um ihn dort zu bandagieren.“ Ihr Blick wanderte zu Aang, welcher seine Zustimmung mit einem stummen Nicken erteilte, bevor sie ihn darum bat, den anderen Teenager mit Hilfe des Luftbändigens zu transportieren.

 

~*~*~*~

 

Vorsichtig befreite Katara Zukos Brust von den Kleidungsstücken, von denen zumindest ein Großteil unbeschadet zu sein schien, wenn die oberste Schicht auch ziemlich dreckig war. Darum würde sie sich später kümmern.

Ihr Blick wanderte über die blasse Haut, die sich an einigen Stellen bereits blau zu verfärben begann. Für einen Moment bewunderte sie die klar definierten Muskeln – wer hätte gedacht, dass unter der ganzen Kleidung ein so durchtrainierter Körper steckte? -, doch dann schüttelte sie schnell den Kopf, um sich von Gedanken dieser Art zu befreien. Sie war nicht hier, um ihn anzustarren, sondern, um ihm zu helfen.

Ihre Finger glitten sanft über die verletzte Haut und sie ertastete so behutsam wie möglich, wie schwer er verletzt worden war. Nur, um ihre Vermutung der gebrochenen Rippen bestätigt zu finden. Wenn sie sich nicht täuschte, hatten sie aber wenigstens keine inneren Organe verletzt. Zuko schien das Atmen auch nicht mehr so schwer zu fallen wie zuvor, obgleich es ihm – seinem gequälten Gesichtsausdruck zufolge – immer noch Schmerzen bereitete.

Sie würde ihn bandagieren und danach konnte sie nicht mehr viel für ihn tun, außer darauf zu achten, dass er sich in der nächsten Zeit schonen würde.

 

~*~*~*~

 

„Mom?“, fragte der kleine Junge mit den schwarzen Haaren zögernd die rot-schwarz gekleidete Gestalt, die mit dem Rücken zu ihm stand. „Mommy?“ 

Für einen Moment glaubte er, diese Szene bereits einmal erlebt zu haben – mit einem schlechten Ausgang. Er war auf die Figur zugegangen und hatte sie angesprochen, doch mit einer älteren Stimme. Immer noch als kleiner Junge, aber trotzdem älter. Durch den Schreck weniger Worte innerhalb kurzer Zeit gealtert, ohne die Unschuld eines fünfjährigen Kindes. Und die Gestalt hatte sich umgedreht und er hatte, noch bevor er ihr ins Gesicht gesehen hatte, gedacht, Azula hätte mal wieder gelogen. Und er hatte aufgesehen und es war nicht seine Mutter gewesen, die da vor ihm gestanden hatte, sondern eine Fremde.

Doch wie konnte das sein? Wie konnte er sich an eine Zeit erinnern, in der er älter war als jetzt? Das war überhaupt nicht möglich. 

„Mommy?“, fragte er ein weiteres Mal unsicher und hielt gespannt den Atem an, als die Gestalt sich tatsächlich umdrehte – genau wie damals. 

„Zuko“, erwiderte sie mit einem liebevollen Lächeln und der kleine Junge stellte erleichtert fest, dass es dieses Mal wirklich seine Mutter war, die da vor ihm stand. „Komm, lass uns ein wenig in den Garten gehen, Schatz.“ 

Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn durch die prächtigen, verzierten Türen des Palastes in den farbenfrohen Garten. Die Sonne erwärmte seine Haut und tauchte das kleine Paradies, welches vor ihm lag, in den Schein von flüssigem Gold. Er schloss die Augen und genoss für einen Moment einfach nur das Gefühl der Geborgenheit. Ein Teil von ihm sagte ihm, dass das, was er hier erlebte, nicht wirklich war. Dass die Zeit mit seiner Mutter nur ein kurzfristiges, kostbares Geschenk war, das er genießen sollte.

Umso mehr lehnte er sich jetzt an ihre Seite, als sie an dem Teich mit den Enten stehen blieb. Sein Blick wanderte über die glatte Oberfläche, in der sich sein Spiegelbild abzeichnete. Ein Lächeln überzog sein Gesicht und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, wieder zu Hause zu sein, auch, wenn er sich das nicht erklären konnte. 

Doch dann veränderte sich das Bild und plötzlich sah er sich selbst, nur ein wenig älter als jetzt, in seinem Bett liegen. Die Tür öffnete sich und eine Gestalt kam hindurch. Anfangs konnte er nicht erkennen, wer sie war. Erst, als sie direkt bei ihm saß, sah er, dass es Ursa war. Ihre Lippen bewegten sich, sie schien ihm etwas zu sagen, aber er konnte ihre Worte nicht verstehen.

Trotzdem kam ihm diese Szene so bekannt vor, als habe er sie bereits einmal erlebt. Verwirrt kniete er sich hin und berührte das liebliche Gesicht seiner Mutter. Aber dabei brach sich das Bild und das Einzige, was zurückblieb, waren kleine Wellen, da, wo seine Hand in das Wasser eingetaucht war.

Und plötzlich wusste er wieder, was geschehen war und was ihm Ursa damals gesagt hatte. Plötzlich war er wieder der sechzehnjährige verbannte Prinz, den die Narbe um sein linkes Auge herum an jenen Fehler erinnerte, der ihn alles gekostet hatte. Er stand wieder alleine an dem Teich, ohne jenen Menschen, den er über alles liebte. Eine Träne rann über seine Wange, während er sich an die Worte seiner Mutter erinnerte. Fast glaubte er sogar, ihre Stimme im Wind hören zu können. 

„Alles, was ich getan habe, habe ich getan, um dich zu beschützen, Zuko. Vergiss niemals, wer du bist.“ 

Damals hatte er gedacht, sie hätte seine Herkunft gemeint. Dass er der zukünftige Feuerlord sei. Jetzt allerdings fragte er sich, ob sie vielleicht von etwas ganz anderem geredet hatte. Von dem fröhlichen, kleinen Jungen, den sie geliebt hatte. Der offen auf Andere zugegangen war und es nicht hatte ertragen können, wenn jemand verletzt worden war. Der den grausamen Krieg, den Ozai führte, noch nicht verstand. Von dem Sinn für Gerechtigkeit und dem Mitgefühl für andere Menschen, das er damals noch besessen hatte und das später mit jedem Schlag, jeder „Bestrafung“ durch seinen Vater ein Stückchen weniger geworden war. Bis es schließlich mit dem verhängnisvollen Agni Kai völlig verschwunden war – zumindest glaubte er das. Was er nichts wusste, war, dass er jene Gefühle nicht verloren hatte, sondern lediglich hinter einer kühlen Maske des Selbstschutzes gefangen hielt.

Vielleicht war es nicht falsch gewesen, für diese Männer seine Stimme zu erheben. Nur hatte er dadurch seine Chance, den Krieg in absehbarer Zukunft zu beenden, verspielt. Das war das Einzige, was man ihm vorwerfen konnte. Dass er nicht mehr nach Hause zurück durfte, war sein eigenes Problem. Das beeinflusste nicht das Leben der Menschen seiner Nation.

Blieb noch die Frage, wo er hier überhaupt war. Es sah zwar aus wie der Garten seiner Mutter, aber er war es nicht. Er war nicht zu der Feuernation zurückgekehrt – im Gegenteil. Azula hatte ihn gejagt, ihn aus dem Hinterhalt angegriffen. Sie hatten gekämpft und das Letzte, an was er sich erinnern konnte, war ihre erhobene Hand gewesen, bereit, ihm den finalen, tödlichen Schlag zu versetzen.

Hatte sie das getan? Hatte sie ihn wirklich umgebracht? War er tot?

Das würde erklären, warum er sich an jenem Ort befand, an den er sich am meisten zurückwünschte. Und weshalb seine Mutter gerade noch bei ihm gewesen war. Doch es erklärte nicht die letzten Worte seines Onkels, die er gehört hatte, bevor alles um ihn herum schwarz geworden war. Wieso war er bloß hier? Und wo war „hier“ überhaupt? 

Mit einem Stirnrunzeln erhob sich Zuko, um sich ein wenig in dem geliebten Garten umzusehen. Möglicherweise fand er ja ein paar Antworten auf seine Fragen und wenn nicht, dann konnte er die Zeit hier ebenso genießen. War ja nicht so, als hätte er jemanden, zu dem er zurückgehen könnte.

Okay, das war nicht ganz richtig. Sein Onkel sorgte sich immer noch um ihn, auch nach seiner Verbannung. Iroh war ihm sogar ins Exil gefolgt, um ihm zu helfen. Er war in den letzten Jahren weit mehr ein Vater für ihn geworden als es sein eigener jemals gewesen war.

Kopfschüttelnd verbannte der Prinz diesen Gedanken – er wusste ja noch nicht einmal richtig, wo er hier war, geschweige denn, wie er hier wegkam – und ging durch den Garten, seinen Blick auf die Farbenpracht von den Blumen gerichtet, die seine Mutter einst mit so viel Liebe gepflanzt und gepflegt hatte.

Es sah so aus, als ob sie immer noch hier wäre und sich um sie kümmerte, als ob nicht inzwischen Jahre vergangen wären, in denen sich niemand um den Garten  geschert hatte.

Weil er nicht nur von Pflanzen der Feuernation bewachsen war, sondern von Pflanzen aller Nationen, sogar die der Luftbändiger – eine Tatsache, die Ozai stillschweigend geduldet hatte. Wahrscheinlich hatte er Ursa tatsächlich geliebt, so fern er dazu in der Lage gewesen war. Sonst hätte er so einen „Verrat“ mitten im Zentrum der Feuernation niemals geduldet.

Der Garten zu Hause war mit Sicherheit mittlerweile völlig verwildert, wenn ihn sein Vater nicht inzwischen sogar hatte beseitigen lassen. In den Jahren nach dem Verschwinden seiner Mutter, in denen er noch im Palast gelebt hatte, hatte er sich zwar stets darum bemüht, ihr Vermächtnis zu erhalten – zumindest so gut wie er das in diesem Alter gekonnt hatte -, aber jetzt war niemand mehr da, der sich darum kümmerte.

Eine sanfte Stimme unterbrach plötzlich seine Gedanken und er sah auf. 

„Ich habe darauf gewartet, dass du hierher kommst, Zuko“, begrüßte ihn eine Frau mit langen, schwarzen Haaren. Auf den ersten Blick erschien sie ihm fremd zu sein, doch dann erkannte er eine gealterte Version seiner Mutter in ihr. Sie sah nicht mehr so jung aus wie früher. Ihre Haare waren länger geworden und sie hatte sie nicht mehr zusammengebunden und in ihrem ehemals völlig glatten Gesicht zeigten sich die ersten Falten. Sogar ihre Augen schienen älter und weiser dreinzublicken, sogar fast ein wenig traurig, obgleich sie noch immer die gleiche Wärme und Liebe ausstrahlten. Dennoch hatte sie nichts von ihrer früheren Schönheit eingebüßt.

Sie hockte vor ein paar Blumen, die sie dem Anschein nach gerade eingepflanzt hatte und sah ihn mit einem Lächeln auf den Lippen an, bevor sie sich erhob.

„Du bist groß geworden, seit ich das letzte Mal gesehen habe.“ 

Der verbannte Prinz starrte sie nur fassungslos an, bevor er ein zögerndes, fast schon ängstliches: „Mom?“, herausbrachte. Diesmal war es keine Erinnerung, die da vor ihm stand. Er konnte sich nicht an etwas erinnern, das er noch überhaupt nicht gesehen hatte.  Konnte es tatsächlich sein, dass dieses Mal seine Mutter vor ihm stand?

 

Teil 3

 

Der verbannte Prinz starrte die Frau vor sich nur fassungslos an, bevor er ein zögerndes, fast schon ängstliches: „Mom?“, herausbrachte. Diesmal war es keine Erinnerung, die da vor ihm stand. Er konnte sich nicht an etwas erinnern, das er noch überhaupt nicht gesehen hatte.  Konnte es tatsächlich sein, dass dieses Mal seine Mutter vor ihm stand? 

„Ja, Zuko, ich bin es.“

„A-Aber wie… was?“, stieß er verwirrt hervor und sah sie mit großen, fragenden Augen an. 

„Du bist hier an einem Ort, an den du eigentlich nicht hingehörst und du wirst auch nicht lange hier bleiben. Aber ich habe hier auf dich gewartet, weil ich wusste, dass du kommen würdest“, log die Ältere. Sie war bereits die gesamte Zeit über hier gewesen und sie würde diesen Ort auch nie wieder verlassen. Sie würde von hier aus über ihren Sohn wachen und versuchen, ihn zu beschützen und zu leiten, damit er seinen Weg fand.

So wie sie es bisher schon getan hatte, auch, wenn sie ihn nicht vor allem Leid, das er in seinem jungen Leben bereits hatte erfahren müssen, hatte beschützen können. Es lag lediglich in ihrer Macht, es zu lindern. Doch das würde sie ihm nicht sagen, da es ihm sonst noch schwerer fallen würde, wieder zu gehen, als so schon.

„Du bist hier, weil ich dir etwas Wichtiges zu sagen habe.“ 

„Heißt das, du hättest mich die ganze Zeit hierher holen können und du hast es nicht getan?“, fuhr Zuko sie an, plötzlich wütend und laut. Er hatte seine Hände zu Fäusten geballt und Rauch stieg aus ihnen auf, während er sie kalt und anklagend anblickte. 

Es tat weh, ihren Sohn so anschauen zu müssen. Er war so anders geworden, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Niemals hatte sie geglaubt, so viel Wut, ja, fast schon Hass in seinen Augen lesen zu können. Und noch viel weniger hatte sie gedacht, dass sich jene Wut gegen sie richten könnte.

Was war nur aus ihrem lieben, fröhlichen Zuko geworden? Existierte er überhaupt noch, oder war es Ozai mit seiner Grausamkeit gelungen, ihn völlig zu zerstören? Nein, das konnte nicht sein.

Sie weigerte sich, zu glauben, dass Zuko in seinem Herzen wirklich so kalt war wie er sie jetzt ansah - vielleicht verbittert und einsam, aber nicht böse. Sie weigerte sich, zu glauben, dass er ein Mensch geworden war, der an dem Leid anderer Gefallen fand. Sie weigerte sich, zu glauben, dass es zu spät war, um ihm den richtigen Weg zu zeigen.

Beschämt, weil sie ihm nicht so helfen konnte wie sie es gerne würde, wandte Ursa ihren Blick ab und sah mit Tränen in den Augen zu Boden. 

„Glaubst du wirklich, ich hätte dich allein gelassen, wenn ich eine andere Wahl gehabt hätte? Denk doch einmal nach. Ich liebe dich, Zuko, du bist mein Sohn. Ich habe das getan, was ich tun musste, um dich zu beschützen“, erklärte sie verzweifelt und fast erwartete sie, dass ihre Worte ihn nicht beruhigen können würden und er in seiner Wut einen Feuerball auf sie schleudern würde. 

Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen trat er unsicher auf sie zu und legte eine Hand auf ihre Schulter, damit sie ihn ansah. In seinen Augen spiegelte sich Verwirrung. „Wie meinst du das?“ 

„Ich… was Azula damals gesagt hat, dass Azulon von deinem Vater verlangt hat, dich zu töten, damit er weiß, wie es ist, einen Sohn zu verlieren… es ist wahr. Ich habe mich in jener Nacht in Azulons Schlafkammer geschlichen und ihn getötet. Danach musste ich so schnell wie möglich verschwinden, damit keiner auf die Idee kam, du, Azula oder gar Ozai hätten etwas damit zu tun. Sie hätten sonst nicht nur mich getötet, sondern auch euch.“ 

„D-Du bist tot? A-Aber wie... ich s-seh dich doch?“ Der verbannte Prinz verstand inzwischen gar nichts mehr. Sobald eine seiner Fragen beantwortet wurde, taten sich etliche Neue auf.

Wenn seine Mutter wirklich tot war, wie konnte er dann bei ihr sein? War er vielleicht doch gestorben? Nein, sie hatte gesagt, er wäre hier, weil sie mit ihm reden musste. 

„Du bist bewusstlos, deswegen konntest du zu mir kommen“, erklärte Ursa ruhig und legte ihre Hände auf die Schultern ihres Sohnes. Diese Seite von Zuko kannte sie, damit konnte sie umgehen. 

„Ich vermiss dich, Mom“, brachte der Teenager mit erstickter Stimme hervor, was ein trauriges Lächeln auf ihre Lippen zauberte. 

„Das musst du nicht. Ich bin immer bei dir, auch, wenn du mich nicht siehst. Ich pass auf dich auf, du bist nicht allein. Und ich bin nicht die Einzige, die sich um dich sorgt“, erwiderte sie. 

„Onkel…“, kam es Zuko in den Sinn und er riss erschrocken die Augen auf. „Azula und ihre Freundinnen – w-was haben sie mit ihm gemacht? Geht es ihm gut?“ 

„Ja, ihm nichts passiert. Er weiß sich zu verteidigen. Du könntest eine Menge von ihm lernen, wenn du ihm denn nur einmal richtig zuhören würdest. Vor allem, was deine Geduld betrifft“, wies Ursa ihren Sohn liebevoll an, was ihn ein wenig beschämt zu Boden sehen und ein zerknirschtes: „Ich weiß“, murmeln ließ. 

„Warum tust du es dann nicht?“ 

Zuko zuckte mit den Schultern. „Es dauert zu lange. Ich will doch nur den verdammten Avatar fangen, um endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen.“ 

„Und du glaubst, dass das der richtige Weg ist? Ein Zuhause ist ein Ort, an dem man immer willkommen ist. Man sollte keine Erlaubnis dafür brauchen. In diesem Sinne solltest du vielleicht noch einmal überlegen, was ein Zuhause ausmacht. Ein Ort, oder die Leute, die sich für einen interessieren?

Was ist mit Iroh? Was würde er dazu sagen, wenn du plötzlich, so mir nichts, dir nichts, in den Palast zurückkehrst und dafür die Hoffnung auf ein Ende des Krieges zerstörst? Was würde er dazu sagen, wenn du zu Ozai zurückkehrst und er ein weiteres Mal seinen Sohn verliert? Wegen diesem Krieg?“, gab sie zu bedenken, während sie ihm fest in die Augen sah. 

„Ich bin nicht sein Sohn.“ 

„Aber er liebt dich wie einen“, erklärte Ursa, bevor sie etwas leiser fortfuhr. „Im Gegensatz zu Ozai, diesem selbstsüchtigen Bastard.“ 

Der Prinz riss aufgrund dieser Aussage ein weiteres Mal die Augen auf. „A-Aber d-du liebst ihn doch, e-er ist dein Ehemann!“, protestierte der Teenager verwirrt, was sie traurig den Kopf schütteln ließ. 

„Der Mann, der jetzt auf dem Thron sitzt, hat kaum noch etwas mit jenem gemeinsam, den ich geheiratet habe. Ich bezweifle, dass er überhaupt etwas mit dem Wort Liebe anfangen kann, geschweige denn dem Gefühl. Er hat sich sehr verändert, der Hunger nach Macht hat ihn zerstört, hat ihn rücksichts- und herzlos gemacht.

Du musst mir etwas versprechen, Zuko“, bat sie ihren Sohn mit Tränen in den Augen. „Wähle nicht denselben grausamen Pfad wie dein Vater es tat. Es gibt einen anderen Weg, einen Besseren. Einen, den du nicht allein gehen musst. Folge deinem Herzen, Zuko, und du wirst das Glück und den Frieden für unsere und die anderen Nationen wieder finden – auch für dich. Verkaufe nicht deine Seele, mein Schatz.“ 

Mit diesen Worten gab Ursa ihrem geliebten Sohn einen Kuss auf die Stirn, bevor sie ihn zurück in die Welt der Lebenden schickte, ohne, dass dieser protestieren konnte. Die Tränen liefen nun ungebremst über ihre Wangen, da sie inzwischen nicht mehr fähig war, sich zu beherrschen. Zu sehr vermisste sie ihren Zuko.

Das Einzige, was sie jetzt noch für ihn tun konnte, war zu hoffen, dass er sein fröhliches, unbeschwertes Selbst zurückfand, sowie seinen Sinn für Gerechtigkeit. Auch wenn sie ihm die unschuldige Naivität, die er als kleiner Junge besessen hatte, nicht mehr zurückgeben konnte, egal, wie sehr sie sich das wünschte – dazu hatte er bereits zu viel gesehen und auch selbst erlebt.

 

~*~*~*~

 

Ein heiseres: „Mom“, entglitt Zukos Lippen und er schlug verwirrt die Augen auf, nur, um festzustellen, dass er sich nicht mehr in dem Garten befand. Zwar roch es auch hier nach Bäumen und Blumen, aber nicht in derselben Intensität und Vielfalt.

Er drehte langsam den Kopf zur Seite, wobei ihm ein leises, schmerzverzerrtes Stöhnen entfuhr, und sein Blick traf auf den besorgten Gesichtsausdruck Irohs. 

„Ihr habt geträumt, Prinz Zuko. Ursa ist nicht hier“, erwiderte dieser ruhig und zugleich traurig, da er wusste, wie sehr sein Neffe seine Mutter vermisste. 

Die Stirn des Teenagers zog sich daraufhin vor Verwirrung in Falten und er machte Anstalten sich aufzusetzen – nur, um im nächsten Moment mit einem Schmerzensschrei zurück auf sein Lager zu fallen. Dort blieb er einige Augenblicke bewegungslos liegen, bevor er schließlich ein gepresstes: „Was ist passiert?“, hervorbrachte. 

„Azula, Ty Lee und Mai haben uns wohl bereits eine Weile verfolgt und schließlich angegriffen. Ihr wurdet dabei verletzt“, erklärte der Ältere, was den Dunkelhaarigen beunruhigt zu ihm aufsehen ließ. 

„Seid Ihr verletzt?“ 

„Nur ein paar Kratzer, nichts Ernsthaftes. Ich mache mir mehr Sorgen um Euch. Azula hat Euch ziemlich erwischt und wenn Katara nicht gewesen wäre…“ Iroh ließ diesen Satz unvollendet, wusste sein Neffe doch auch so, was er damit meinte. Noch immer war er sich nicht ganz sicher, ob der Teenager vielleicht schwerer verletzt worden war als es den Anschein hatte. 

„Was ist mit ’Zula? Sie… Sie wollte mich… umbringen“, stieß der verbannte Prinz ein wenig fassungslos hervor, als sich der Nebel um seinen Verstand langsam lichtete und die Erinnerung an den Kampf zurückkam.

Zwar hatte er sich nie besonders gut mit seiner Schwester verstanden, aber dennoch konnte er nicht von sich behaupten, dass sie ihm egal war. Sie war ein Teil seiner Familie und ein Stück von ihm sorgte sich um sie – selbst dann noch, wenn sie ihn jagte und damit eigentlich seine Feindin war.

Und dass sie tatsächlich bereit war, ihn zu töten, das konnte er nicht glauben. So sehr konnte sie ihn nicht hassen. Sie würde nicht über Leichen gehen, um an ihr Ziel zu gelangen, sonst wäre er jetzt tot. Bestimmt hatte sie ihn nur gefangen nehmen wollen.

Oder etwa doch nicht? Egal, wie sehr er sich auch versuchte vom Gegenteil zu überzeugen, er konnte die Stimme, die ihn immer wieder fragte, ob Azula wirklich so ausgesehen habe, als wolle sie ihn verschonen, einfach nicht zum Schweigen bringen. Der eiskalte, gefühlstaube Blick, mit dem sie ihn, kurz bevor er bewusstlos geworden war, bedacht hatte, jagte ihm selbst jetzt noch einen Schauer über den Rücken. 

„Ich habe es geschafft, sie zu vertreiben“, riss ihn sein Onkel mit einer Antwort aus seinen Gedanken, was dem Jüngeren nur ein leises, enttäuschtes: „Oh“, entlockte.

Er wandte den Blick von dem Drachen des Westens ab und schloss erschöpft die Augen. Das Gespräch hatte ihn ziemlich ausgelaugt, doch das war nicht der einzige Grund, aus dem er keine weiteren Fragen stellte.

In seinen Gedanken war er noch immer bei seiner Mutter Ursa und überlegte, was ihre letzten Worte wohl zu bedeuten hatten. Fragen hatte er sie ja nicht mehr können, weil sie ihn zurückgeschickt hatte, bevor er überhaupt dazu gekommen war, sich zu verabschieden. Noch nicht einmal mehr umarmen hatte er sie können, dabei hatte er sie in den letzten Jahren so sehr vermisst. 

~*~*~*~

 

Während Katara das Essen vorbereitete, stahl sich ihr Blick immer wieder vorsichtig zu Zuko und Iroh und sie fragte sich, ob der Teenager ihm gegenüber genauso unausstehlich war wie bei ihnen. Überhaupt war es ihr ein Rätsel, wie dieser nette, besorgte ältere Mann mit so einem uneinsichtigen, herzlosen Prinzen verwandt sein konnte.

Wann immer sie ihm begegnet waren, hatte er sie angegriffen, ja, sogar quer durch die Welt verfolgt, um Aang zu fangen. Und damit die letzte Hoffnung auf Frieden zu zerstören.

Iroh schien hingegen den Krieg nicht zu unterstützen. Warum also blieb er bei ihm? Und half ihm? Weshalb versuchte er nicht, den Jüngeren zu Vernunft zu bringen? Er sorgte sich um Zuko wie sich ein Vater um seinen Sohn sorgen würde. Wieso tat er das? Die beiden waren doch grundverschieden.

Vielleicht nicht ganz so verschieden wie du zuerst angenommen hast, gab die Stimme in ihrem Kopf zu bedenken, immerhin hat er Aang geholfen, oder nicht? Gut, das hatte ihn vorher nicht davon abgehalten, den Avatar zu jagen, aber seitdem war kein Angriff seinerseits mehr erfolgt. War es möglich, dass er seine Meinung doch noch geändert hatte? Dass er eingesehen hatte, dass dieser Krieg einem sinnlosen Schlachtfest glich?

Ein Seufzen glitt über ihre Lippen, als sie eine Tasse mit Tee füllte, um diesen dem verbannten Prinz zu bringen. Sie kniete sich neben seiner regungslosen Form nieder und rüttelte ihn, in der Absicht ihn zu wecken, leicht an der Schulter. 

„Zuko, wach auf“, forderte sie ihn mit sanfter Stimme auf. Auch wenn sie ihn nicht leiden konnte, so war er dennoch verletzt. Ihre Meinung konnte sie ihm später sagen, sobald er wieder gesund war. Oder, noch besser, sie bräuchte gar nicht mit ihm reden und er verschwand einfach aus ihrer aller Leben. 

Die Lider des Angesprochenen begannen auf ihre Worte hin zu flattern und er öffnete langsam die Augen. Sein Blick traf genau den ihren und für einen Moment hatte sie das Gefühl, in den warmen, bernsteinfarbenen Seen zu versinken. Doch bereits im nächsten Augenblick erkannte der Feuerbändiger, wen er vor sich hatte, da der Schleier des Schlafes von ihm abließ und sein Gesicht verwandelte sich wieder in jene harte, hasserfüllte Maske, die sie nur zu gut kannte. 

„Du!“, zischte er mit krächzender Stimme und bereute es auch gleich darauf, weil sich ein scharfer Schmerz durch seine Brust zog. Irohs erster Impuls war, ihn für seine Unhöflichkeit zu rügen, doch er verzichtete aufgrund des schmerzverzogenen Gesichts seines Neffen darauf. 

Katara verzog keine Miene, als sie ein ruhiges und zugleich kaltes: „Ja, ich“, erwiderte. „Und keine Angst, ich habe ganz sicher nicht vor, mich mit dir anzufreunden. Sobald du wieder gesund bist, gehen wir wieder getrennte Wege. Aber bis dahin…“ Ein Seufzen drang über ihre Lippen, bevor sie hinzufügte, er solle es als eine Art Schuldbegleichung sehen, was den älteren Mann an seiner Seite stutzen ließ. Doch er kam nicht dazu nachzufragen, da Zuko sich anscheinend schon wieder genug erholt hatte, um die Wasserbändigerin anzufauchen. 

„Ich brauche eure Hilfe nicht – weder deine, noch die des Avatars“, stieß er wütend hervor, die Hände zu Fäusten geballt. Nur, dass er am Boden liegend und in Bandagen gewickelt keinen sonderlich bedrohlichen Eindruck abgab. 

„Du bist momentan noch nicht einmal im Stande, überhaupt aufzustehen. Dir bleibt also praktisch nicht anderes übrig“, kommentierte Katara trocken, wenn auch inzwischen leicht sauer. Undankbarer, verwöhnter Prinz, fluchte sie innerlich.

„Ich hab dir etwas Tee gemacht, du solltest etwas trinken.“ Mit diesen Worten wollte sie einen Arm um seine Schultern legen, damit er sich beim Aufrichten abstützen konnte, doch er bedachte sie nur mit einem weiteren giftigen Blick. 

„Ich kann mich selber hinsetzen, ich bin kein verdammtes Kleinkind mehr“, fauchte er, dieses Mal allerdings wesentlich leiser, um einen erneuten Schmerzensstich in seinem Brustkorb zu vermeiden. 

Die Angesprochene verkniff sich die Frage, weshalb er sich dann wie eines benahm und beobachtete, halb amüsiert, halb mitleidig, wie er vergeblich versuchte sich aufzusetzen.

Mittlerweile konnte sie die Anstrengung, die es ihn kostete, überhaupt wach zu bleiben, trotz seiner Bemühungen seine ausdruckslose Maske aufrechtzuerhalten in seinem Gesichtsausdruck erkennen. Seine Zähne waren fest zusammen gebissen und sein Atem ging viel zu schnell und flach.

Dennoch war er auch, nachdem sein Versuch bereits zum dritten Mal scheiterte, nicht bereit zuzugeben, dass er Hilfe brauchte. Ob alle Feuerbändiger so furchtbar stur und uneinsichtig wie er waren?

Katara schüttelte den Kopf und wollte ihn gerade – seinen Protesten zum Trotz – erneut stützen, als Iroh diese Aufgabe übernahm. 

Nachdem Zuko schließlich einigermaßen aufrecht saß, führte sie die Tasse zu seinem Mund. Zuerst befürchtete sie, er hätte schon wieder irgendwelche Einwände, doch dann trank er nach einem kurzen Zögern in kleinen Schlucken – wahrscheinlich war er zu erschöpft, um sich mit ihr zu streiten.

Ein schmales Lächeln legte sich auf ihre Lippen, da seine Lider, sobald er ausgetrunken hatte, zu flattern begannen und zufielen, bevor ihn sein Onkel wieder vorsichtig auf dem Schlafsack bettete.

Im Schlaf sah der Feuerbändiger fast friedlich aus – sah man einmal ab von den Schweißperlen auf seiner Stirn und dem leisen Stöhnen, das ihm entwich, als Iroh ihn zu Boden legte. Auch dieses war ja keine Drohung, sondern nur ein Zeichen seiner Erschöpfung, welche er krampfhaft hatte leugnen wollen.

Sein Gesicht wirkte ohne die kalte, grausame Maske aus Hass viel jünger und unschuldiger. Wie alt er wohl in Wirklichkeit war?

Die Wasserbändigerin kam nicht dazu, diesen ungewöhnlichen Gedanken über einen Prinzen, der eigentlich ihr Feind war, zu vollenden, da Iroh sie ansprach. 

„Was hast du vorhin gemeint, als du von einer Schuldbegleichung gesprochen hast? Wenn überhaupt, dann stehen wir in eurer Schuld, aber auf keinen Fall ihr in unserer. Wir haben nie etwas getan, um euch zu helfen, ganz im Gegenteil“, stellte der ältere Mann jene Frage, die ihm schon eine Weile auf der Zunge brannte. 

Auf Kataras Gesicht legte sich ein Stirnrunzeln. Warum behauptete Iroh das? Zuko hatte doch Aang geholfen, oder etwa nicht? Oder wusste er überhaupt nichts davon? Hatte er vielleicht überhaupt keine Ahnung von dem, was in Zhaos Fort passiert war?

Aber wenn nicht, blieb die Frage, weshalb sein Neffe ihm davon nichts erzählt hatte. Der Drache des Westens hatte sogar ihre Hilfe angenommen – sie konnte sich nicht vorstellen, dass er in irgendeiner Art wütend auf den Jüngeren geworden wäre, weil dieser einmal dem Avatar half.

Andererseits war es natürlich auch möglich, dass er die Rettungsaktion eher als eine Art Ausgleich für die lange Zeit, die sie sie verfolgt hatten, sah. 

„Zuko hat Aang doch dabei geholfen, aus der Gefangenschaft eines Admirals der Feuernation zu fliehen, auch, wenn ich nicht weiß, warum, schließlich hat er sich eben mir gegenüber alles andere als freundlich verhalten. Und er hat es offensichtlich ebenso wenig aufgegeben, uns zu verfolgen“, erklärte die Dunkelhaarige verwirrt, erntete dafür jedoch lediglich einen fassungslosen Blick von Iroh. 

„Mein Neffe soll dem Avatar…?“ Ihm fehlten ganz einfach die Worte.

Wann sollte der Prinz das denn getan haben? Sollte er wirklich zu Vernunft gekommen sein?

Aber ein Gespräch dieser Art hatten sie doch erst geführt und dabei war der Jüngere noch vollkommen anderer Meinung gewesen. Es sei denn…

„Wäre es möglich, dass er ihn einfach nur selber gefangen nehmen wollte?“, erfragte er die ihm einzig plausibel scheinende Möglichkeit mit einem kummervollen Blick auf den verletzten Feuerbändiger. 

Katara schüttelte allerdings – zu seinem Erstaunen – den Kopf. „Nein, er hat ihn gehen lassen. Doch er hat gesagt, er würde seine Jagd nicht aufgeben.“ 

Das Stirnrunzeln des Älteren vertiefte sich und für einen Moment versank er in den Überlegungen darüber, was Zuko zu dieser Handlung bewegt haben könnte. Bis ihm schließlich ein Licht aufging. Es gab nur einen Wunsch seines geliebten Neffen, der noch größer war als der seiner Heimkehr.

 

Teil 4

 

Katara schüttelte allerdings – zu Irohs Erstaunen – den Kopf. „Nein, Zuko hat Aang gehen lassen. Doch er hat gesagt, er würde seine Jagd nicht aufgeben.“ 

Das Stirnrunzeln des Älteren vertiefte sich und für einen Moment versank er in den Überlegungen darüber, was seinen zu dieser Handlung bewegt haben könnte. Bis ihm schließlich ein Licht aufging. Es gab nur einen Wunsch des Teenagers, der noch größer war als der seiner Heimkehr. Er wollte Zhao scheitern sehen. 

„Dieser Admiral… Du kennst nicht zufällig seinen Namen, oder?“, wandte er sich ein weiteres Mal an die junge Wasserbändigerin vor sich, woraufhin diese ihm mit einem etwas hilflosen Lächeln antwortete, verstand sie doch nicht so ganz, woraufhin er hinaus wollte. 

„Nein, tut mir leid.“ 

Iroh nickte nur, bevor er sie um eine Tasse Tee bat. Unter normalen Umständen hätte er es sich um nichts in der Welt nehmen lassen, diesen selbst zu machen, doch er wollte den verletzten Prinzen nicht alleine hier liegen lassen, obgleich er ihn auch von der Feuerstelle aus noch gut im Blick haben würde.

Der Teenager war alles, was von jenen Menschen, die er einmal als seine Familie bezeichnet hatte, noch übrig geblieben war und er würde es nicht zulassen, dass ihm dieser auch noch genommen wurde. Selbst dann nicht, wenn es ihn das Leben kosten würde.

 

~*~*~*~

 

Obgleich Zuko bereits nach der kurzen Zeit, die er wach war, sich wieder vollkommen erschöpft fühlte, konnte er einfach keine Ruhe finden. Zu viele Gedanken geisterten durch seinen Kopf, vor allem über die Wasserbändigerin.

Wie hieß sie noch gleich? Der Avatar hatte sie bereits ein paar Mal in seinem Beisein gerufen… Katarina? Nein, aber so ähnlich… Katara, das war es gewesen. Eigentlich ein recht schöner Name – für eine Wasserstammsgöre.

Doch warum hatte sie ihm geholfen? Er konnte sich nicht daran erinnern, irgendwann einmal nett zu ihr gewesen zu sein. Was für einen Grund hatte sie, seine Verletzungen zu versorgen? Was erhoffte sie sich davon? Dass er den Avatar nicht mehr jagen würde?

Diese Hoffnung würde vergebens sein, von diesem Ziel würde sie ihn nicht abbringen, ganz egal, was sie auch tat. Der einzige Vorteil, den sie sich mit ihrer Hilfe verschaffte, war, dass sie ihren Feind im Auge hatte. Aber dafür war er auch mitten in ihrem Lager, die beste Ausgangsposition für seine Pläne überhaupt. Auch wenn er damit noch ein wenig warten musste, bis es ihm besser ging.

Egal in welche Richtung der verbannte Prinz überlegte, er kam auf keinen in seinen Augen sinnvollen Grund, aus dem ihm die Dunkelhaarige helfen würde.

 

~*~*~*~

 

Mit grimmigem Blick starrte Azula auf ihren verletzten Arm. Sie hatte den Kampf verloren, ihr Plan war fehlgeschlagen. Und als wäre das nicht schon Demütigung genug, konnte sie zu allem Überfluss noch nicht einmal die Tatsache leugnen, dass das nicht allein Irohs Verdienst gewesen war. Zwar hatte er sie letztendlich mit seinem Angriff vertrieben, doch geschwächt war sie vorher schon gewesen – von Zuko!

Ihrem Bruder war es tatsächlich gelungen, einen Treffer zu landen. Das war in den ganzen Jahren, in denen sie im Palast gekämpft hatten, nicht ein einziges Mal geschehen. Sie war ihm immer überlegen gewesen und das um Welten. Er war noch nicht einmal annähernd an ihr Können herangekommen.

Doch nun war sie sich dessen nicht mehr so sicher. Er hatte sich während der Zeit im Exil sehr verändert, war um einiges stärker und erfahrener geworden, hatte begonnen zu lernen sein Temperament und damit auch die Macht, über die er eigentlich verfügte, zu kontrollieren.

Auch wenn er noch nicht einmal annähernd als geduldig bezeichnet werden konnte, war er nicht sofort auf ihre Beleidigungen hin zu einem kopflosen Angriff übergegangen.

Aber nicht nur seine Bändigerkräfte hatten sich verändert. Das fröhliche, unbeschwerte Lachen, das früher auf seinem Gesicht gelegen hatte, war einer bitteren, kalten Maske gewichen, die außer Wut und Hass keine Gefühle nach außen ließ. Vielleicht hatte das den Kampf leichter gemacht. Sie hatte nicht das Gefühl gehabt, gegen ihren Bruder zu kämpfen, sondern gegen einen Fremden.

Und sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie ihn so schwer hätte verletzten können, wenn sie ihn nicht aus dem Hinterhalt angegriffen hätte. 

So viele Fragen kreisten durch ihren Kopf, doch sie wusste keine Antworten. Wollte sie von einigen gar nicht kennen. Sie zog es vor, nicht allzu genau darüber nachzudenken, warum sie über ihre Niederlage nicht halb so erbost war wie sie eigentlich sein sollte. Wieso ein Teil von ihr sogar hoffte, dass Iroh Zuko doch noch helfen konnte.

All die Jahre ihres Lebens hatte sie kaum einen Gedanken an ihren Bruder verschwendet, es sei denn, sie hatte sich gefragt, wie sie ihn mal wieder am besten quälen konnte. Hatte ihn sogar gehasst, weil er nicht der war, der er sein sollte. Er war der Ältere, er sollte mehr wissen als sie, er sollte besser Feuer bändigen können als sie, er sollte sie beschützen und ihr ein Vorbild sein können.

Doch all das hatte er nicht sein können, sie hatte ihn immer geschlagen. Nur ihr war das Wohlwollen ihres Vaters zuteil geworden, nicht ihm. Stattdessen hatte er sich immer wie ein schwacher Feigling hinter ihrer Mutter versteckt. Und dafür hatte sie ihn gehasst, mit jeder Faser ihres Seins.

Aber jetzt, da sie gesehen hatte, was aus ihm geworden war, wie sehr sein kalter Blick dem Ozais glich, wünschte sie sich den liebenswerten Zuko zurück, den sie gekannt hatte.

 

~*~*~*~

 

„Wie lange soll dieser Idiot noch hier bleiben?“, fragte Sokka seine Schwester bereits zum fünften Mal innerhalb der letzten beiden Stunden und erhielt auch dieses Mal die gleiche Antwort wie schon zuvor: „So lange, bis er wieder gesund ist!“ 

Kataras Geduld fand langsam ein Ende und ihre Stimme glich dem wütenden Fauchen einer Katze. Wie oft wollte er ihr diese Frage noch stellen? Sie wusste selbst nicht, warum sie dem Prinzen überhaupt geholfen hatte und wieso sie dennoch das Gefühl hatte, in seiner Schuld zu stehen. Weil er Aang ein einziges Mal geholfen hatte, antwortete sie sich selbst.

Doch war das wirklich der einzige Grund? Konnte ihre Hilfsbereitschaft nicht auch etwas mit dem Kampf zwischen ihm und Azula zu tun haben? Mit dem überraschten, ja entsetzten Gesichtsausdruck, den er der Prinzessin zugeworfen hatte?

In dem Moment hatte er einfach nur ausgesehen wie ein kleiner, hilfloser Junge, dessen Vertrauen missbraucht worden war. Ein kurzer Blick hinter die Maske aus Hasse, die er sonst trug. Dieser Augenblick hatte gereicht, um sie an Zuko als Ebenbild ihres Feindes zweifeln zu lassen. Hatte die Frage nach dem Motiv für seinen Verfolgungswahn aufgeworfen. Und die Frage danach, wieso er von seiner eigenen Schwester gejagt wurde. Wie sie es fertig bringen konnte, ihren eigenen Bruder anzugreifen, ja, sogar töten zu wollen.

Aber sie kam nicht dazu, ihre Gedanken zu vertiefen, da Sokka sie mit seinem fortwährenden Genörgel unterbrach. 

„Du hast ihn geheilt, das ist ja wohl mehr als genug.“ 

„Trotzdem ist er noch weit davon entfernt, sich selbst verteidigen zu können“, hielt die Dunkelhaarige dagegen, während sie weiter Beeren pflückte. Ihr dickköpfiger Bruder ließ sich allerdings keineswegs so einfach abwimmeln, er blieb ihr auch beharrlich auf den Fersen, als sie zum nächsten Strauch ging. 

„Verteidigen? Vor wem denn? Hast du vergessen, dass er es ist, der uns die ganze Zeit über jagt und nicht umgekehrt? Hast du vergessen, dass er nicht nur unser Feind ist, sondern auch der Prinz der Feuernation? Er wird nicht Ruhe geben, bis er Aang gefangen hat und indem du ihn hierher gebracht hast, bietest du ihm die perfekte Möglichkeit dazu.“ 

Sokka wedelte mit den Armen, um seine Worte zu unterstreichen und seine Stimme war weit über ihrer normalen Lautstärke, was Kataras Geduldsfaden noch mehr anspannte. Einen letzten Versuch ihn loszuwerden, ohne ihn anzuschreien, unternahm sie jedoch noch: „Wolltest du nicht noch jagen gehen?“ 

Ihr Bruder hatte sich aber so sehr in seine Befürchtungen verrannt, dass er den warnenden Unterton in ihrer Stimme überhaupt nicht wahrnahm. „Er ist gefährlich! Er könnte uns jeden Moment angreifen und uns im Schlaf überraschen und töten und Aang gefangen nehmen und…" 

„Sokka, halt den Mund!“, unterbrach ihn seine Schwester, ihre Stimme nun ebenso laut wie seine, bevor er richtig in Fahrt kam. „Zuko ist nicht in der Lage, uns anzugreifen und wird es auch für eine ganze Weile nicht sein. Ich habe meine Gründe, ihm zu helfen und ich weiß sehr gut selbst, worauf ich mich damit eingelassen habe. Ich brauche deine Vorwürfe nicht. Und jetzt lass mich bitte endlich in Ruhe.“ 

„A-Aber“, wollte der Ältere protestieren und sie fragen, was für Gründe es rechtfertigen würden, ihrem schlimmsten Feind zu helfen, doch als er auf den unerbittlichen Blick der Wasserbändigerin traf, verstummte er und zog beleidigt von Dannen.

 

~*~*~*~

 

In dieser Nacht war Katara die Einzige, die keine Ruhe fand. Selbst Sokka war trotz seines Versuchs wach zu bleiben, um den Prinzen im Auge zu behalten, nach einiger Zeit eingeschlafen. Nur ihre Gedanken schienen rastlos in ihrem Kopf umherzukreisen, sodass sie sich ständig hin und her warf.

Sie hatte noch immer keine plausible Antwort auf die Frage gefunden, warum sie Zuko geholfen hatte. Eine reine Schuldbegleichung war diese Geste nicht gewesen, auch, wenn sie das gegenüber ihrem Bruder behauptete.

Hatte sie Mitleid mit ihm, obwohl er ihnen eigentlich ständig das Leben schwer machte? 

Ihr Blick glitt zu dem anderen Teenager und sie fragte sich ein weiteres Mal, wie alt er wohl in Wirklichkeit war. Im Schlaf sah sein Gesicht um so vieles jünger aus als sonst, nicht so bitter. Auf seinen Zügen lag eine Unschuld, von der sie nicht gedacht hätte, dass er sie jemals besessen hätte. Sie hatte ihn immer um die zwanzig geschätzt, doch jetzt bezweifelte sie, dass er so viel älter als Sokka war. 

Ein leises Stöhnen glitt über Zukos Lippen, gefolgt von einem geflüsterten: „Mom“, was die Wasserbändigerin die Stirn runzeln ließ. Warum träumte er von seiner Mutter? Sie hätte ihn nicht für die Art Mensch gehalten, der sich für seine Familie interessierte – immerhin zog er es vor, den Avatar zu jagen, anstatt mit ihnen daheim zu bleiben.

Natürlich musste das keinen Einfluss auf seine Träume haben, aber seine Stimme hatte so hilflos und sehnsuchtsvoll geklungen, dass sein Ausruf unmöglich von einem für ihn bedeutungslosen Traum verursacht worden sein konnte.

Ja für einen Moment fragte sie sich wirklich, ob der Teenager, der in ihrem Camp lag, überhaupt derselbe Mensch war wie der wutgeblendete Feuerbändiger, der sie immer verfolgte. Lediglich die Erinnerung an ihre vorherige Unterhaltung – falls man das überhaupt so sagen konnte – passte nicht zu diesem Gedanken. Da war er ganz der verwöhnte, undankbare Prinz gewesen.

Gott, er war in ein Leben hineingeboren worden, das sich wohl beinahe jedes Kind wünschen würde – aufgewachsen in einem Palast mit Dienern und Eltern, die ihm wohl jeden Wunsch erfüllen konnten. Und anstatt dankbar dafür zu sein, war er völlig eingebildet und behandelte jeden Anderen wie ein Stück Dreck und selbst das war ihm nicht genug. Nein, er musste auch noch den Avatar fangen, um sogar die letzte Hoffnung auf Frieden zu zerstören.

Allerdings würde es sie durchaus interessieren, was aus seiner Crew geworden war und warum er nun allein mit seinem Onkel umherstreifte. Und wer jener Teil seiner Persönlichkeit war, der da ja jetzt von seiner Mutter träumte und sie wahrscheinlich auch vermisste. Doch wenn er das tat, wieso war er dann nicht Zuhause geblieben? Oder ging dahin zurück?

Vielleicht konnte sie Iroh ja einmal danach fragen, da sie bezweifelte, dass Zuko in naher Zukunft vernünftig mit ihr reden würde.

 

~*~*~*~

 

„Alles, was ich getan habe, habe ich getan, um dich zu beschützen. Vergiss niemals, wer du bist, Zuko“, schallten Ursas Worte zum wiederholten Male durch seinen Kopf, gefolgt von ihrem: „Wähle nicht denselben grausamen Pfad wie dein Vater es tat.“

Und auch dieses Mal brachten diese Aussagen Verwirrung über ihn, da sie völlig widersprüchlich zu sein schienen. Wie sollte er daran denken, dass er ein Prinz war und gleichzeitig nicht versuchen, seinen Vater zufrieden zu stellen? Das passte doch überhaupt nicht zusammen.

Sein Vater war der Feuerlord, er war derjenige, dem sich alle unterwerfen mussten. Er war der Herrscher über die Feuernation. Wenn er nicht nach seinem Wohlwollen streben sollte, nach wessen dann?

Er wusste, dass dieser Krieg falsch war, aber er konnte ihn nicht beenden, ohne vorher Ozai zufrieden zu stellen, um seinen Platz als Thronfolger zurückzuerhalten. Was für eine Wahl hatte er denn? Ihm blieb doch gar nichts anderes übrig als sich auf die Seite des Feuerlords zu stellen. Es war der einzige Weg, auf dem er den Krieg überhaupt irgendwann beenden könnte.

Denn was für eine Chance hatte schon ein zwölfjähriger Junge gegen eine gesamte Armee? Avatar hin oder her, er würde nicht gewinnen. 

Manchmal fragte er sich, warum sein Onkel nicht einfach hatte Feuerlord werden können, dann wäre jetzt vieles anders. Dann würde seine Mutter noch leben und er wäre nicht verbannt. Dann müsste er nicht dafür kämpfen, nach Hause zurückkehren zu dürfen.

Eine Träne lief über seine Wange, obgleich er überhaupt nicht wach war. Eine Träne für all das, was er verloren hatte und was ihn zwang, einen unschuldigen Jungen und dessen Freunde zu jagen. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Er hatte nie mit den Wünschen seines Vaters übereingestimmt, doch er hatte sich immer vor Augen gehalten, dass es seine einzige Möglichkeit war, überhaupt irgendwann einmal irgendetwas zu ändern.

Und nun sagte ihm seine Mutter, dass es der falsche Weg war – ohne eine Erklärung, einfach so. Warum half sie ihm nicht? Wieso konnte sie ihm nicht sagen, was er machen sollte? Was der richtige Weg war? Weshalb sprach sie in Rätseln? 

„Mom“, brachte er verzweifelt hervor, erhielt jedoch keine Antwort. Er war mit seiner Entscheidung auf sich allein gestellt. Um ihn herum herrschte Dunkelheit, nur in der Ferne schien ein schwacher Lichtschein. Aber egal, wie weit er auch ging, er konnte ihn nicht erreichen.

 

~*~*~*~

 

Als Katara Zuko am nächsten Morgen Frühstück brachte, schien es diesem schon etwas besser zu gehen. Immerhin saß er im Gegensatz zu gestern an einem Baumstamm gelehnt da und starrte demonstrativ vom Camp weg.

Iroh saß mit Aang am Feuer und spielte – zum Erstaunen der Wasserbändigerin – mit ihm eine Runde Pai Sho, nachdem sein Neffe dieses Angebot nicht grade freundlich ausgeschlagen hatte. 

„Hey“, zog sie mit einem kleinen Lächeln seine Aufmerksamkeit auf sich. Auch, wenn er sie gestern angefaucht hatte, hatte sie die Hoffnung, dass er heute vielleicht ein wenig kooperativer sein würde. Einen Versuch war es immerhin wert. 

Der Blick des Prinzen wanderte zu ihr und er musterte sie mit einem finsteren Gesichtsausdruck, bevor er ein: „Morgen“, brummte – nicht halb so gutgelaunt wie sie, aber das hatte sie auch nicht wirklich erwartet.

„Ich hab dir etwas zu Essen gebracht. Es scheint dir ja schon etwas besser zu gehen“, versuchte sie ein Gespräch zu beginnen, allerdings ohne großen Erfolg.  

Der Prinz nahm das Essen zwar nach einem kurzen Zögern an, doch er erwiderte nur ein nichts sagendes: „Hm“, gefolgt von einem kaum hörbaren: „Danke“, welches Katara die Augenbrauen hochziehen ließ.

Nicht nur, dass er sie noch nicht beleidigt hatte, nein, er hatte sich tatsächlich gerade bei ihr bedankt. Was ihn wohl dazu gebracht hatte? Ihr erster Tipp wären seine verletzten Rippen gewesen, da sie ihm das Sprechen erschwerten. Nur hatte ihn das gestern auch nicht davon abgehalten, sie anzufauchen.

Ob sein Onkel wohl mit ihm geredet hatte? Iroh war für einen Feuerbändiger erstaunlich nett und er verstand sich ausgezeichnet mit Aang – warum war ihr ein Rätsel, immerhin waren die beiden grundverschieden. Andererseits kam der Ältere ja sogar mit Zuko aus.

Oder das Unmögliche war geschehen und der Dunkelhaarige war tatsächlich nett geworden. 

Katara war so in ihre Überlegungen vertieft gewesen, dass seine nächsten Worte sie aufschrecken ließen. „Warum hast du mir geholfen?“, fragte der Feuerbändiger leise, seine bernsteinfarbenen Augen nun auf sie gerichtet, was sie stutzen ließ.

Weshalb interessierten ihn ihre Gründe? Wieso stellte er ihr diese Frage? Wollte er sie anschließend vielleicht wieder beleidigen? Sich über sie lustig machen? Nein, dazu würde sie ihm keine Chance geben, sie würde nicht auf seine gespielte Freundlichkeit hereinfallen. 

„Nicht alle sind so gefühlskalt wie du und der Rest eurer Nation. Es gibt Leute, die so etwas wie Mitgefühl kennen, die nicht im Egoismus ersticken und denen es nicht vollkommen gleichgültig ist, wenn jemand vielleicht stirbt – egal, ob Freund oder Feind“, erwiderte sie schnippisch und wappnete sich innerlich bereits für seinen Spott. Doch dieser blieb zu ihrem Erstaunen aus. 

Zuko sah sie einfach nur an – nicht spöttisch oder verachtend, sondern völlig ausdruckslos. Seine Maske aus Hass war verschwunden, auch, wenn sie noch immer nicht hinter seine Fassade sehen konnte. Für einen Moment blickte er ihr direkt in die Augen und sie hatte das Gefühl, dass er durch sie hindurch schauen würde und dabei ihre Gedanken lesen konnte – was natürlich kompletter Unsinn war. 

„Vielleicht solltest du nicht alle Menschen der Feuernation nach ihrem Herrscher und dessen Anweisungen beurteilen. Nur weil sie nicht das tun, was du aus deiner Sicht für richtig hältst, heißt das nicht, dass alle das, was der Feuerlord befiehlt, für gut halten. Du weißt nichts über ihre Gründe oder ihr Leben. Und du kennst keinen von ihnen, also richte auch nicht über sie“, gab der Dunkelhaarige nur ruhig zu bedenken, bevor er sich von ihr abwandte und ihr damit deutlich zu verstehen gab, dass das Gespräch seinerseits beendet war.

Dadurch bekam er auch nicht den erstaunten Gesichtsausdruck der Wasserbändigerin mit, die seine Antwort völlig aus der Bahn geworfen hatte und die diese Aussage noch für eine Weile beschäftigen sollte.

 

~*~*~*~

 

Später an diesem Tag gesellte sich Katara zu Iroh, der mit einem Tee in der Hand am Feuer saß. Egal, wie sehr sie auch versucht hatte sich abzulenken, ihre Gedanken waren immer wieder zu dem verletzten Prinzen gewandert und nun erhoffte sie sich von dessen Onkel ein paar Antworten auf ihre Fragen.

Sie wusste bloß nicht, wo sie am besten anfangen sollte, doch der Ältere schien zu ahnen, dass sie ihm nicht nur Gesellschaft leiten wollte und sprach sie auch darauf an. 

„Was beschäftigt dich denn so sehr, dass du deinen guten Tee kalt werden lässt, Katara?“, fragte er mit einem Schmunzeln und deutete auf die Tasse in ihren Händen, welche er ihr zuvor gegeben hatte. 

„Na ja… Zuko hat geträumt. Es war kein sehr angenehmer Traum, da er ziemlich unruhig zu sein schien und nach seiner Mutter gerufen hat“, begann sie und stellte fest, dass Irohs Gesicht bei Ursas Erwähnung einen traurigen Ausdruck annahm. „Ich hab mich gefragt, was mit ihr ist, schließlich ist sie ja nicht mit hier. Aber bisher hat er mich immer angefaucht, wenn ich ihn etwas gefragt habe.“

Das stimmt nicht ganz, rügte sie eine Stimme in ihrem Kopf, letztes Mal warst du selber diejenige, die ihn angefahren hat. 

„Sie ist in jener Nacht verschwunden, in der Azulon – der Feuerlord vor Zukos Vater – getötet wurde. Seither hat sie keiner mehr gesehen. Ich nehme an, dass sie tot ist“, erklärte der Ältere ruhig, um dann wieder zu schweigen und nachdenklich in die Ferne zu sehen. Für einen Moment herrschte Stille zwischen den beiden, bevor er noch ein leises, kaum hörbares: „Ihr Verschwinden hat Zuko sehr verändert“, hinzufügte. 

„Wenn schon seine Mutter verschwunden ist, warum ist er dann auch noch gegangen, anstatt bei seinem Vater zu bleiben? Und weshalb wurde er von seiner Schwester angegriffen?“, erkundigte sich die Wasserbändigerin mit einem Stirnrunzeln. Nach dem, was sie gehört hatte, erschien ihr das Verhalten des Prinzen nur noch unlogischer. Doch dieses Mal schüttelte der Drachen des Westens lediglich den Kopf. 

„Ich habe dir schon mehr erzählt als ich eigentlich sollte, Katara. Danach musst du meinen Neffen schon selber fragen.“

 

~*~*~*~

Teil 5

 

„Hey Zuko, wie geht’s dir inzwischen?“, begrüßte Aang den Teenager mit einem überschwänglichen Grinsen. Er kam gerade von seinem Wasserbändigertraining mit Katara zurück. 

„Hm, besser als gestern“, brummte der Dunkelhaarige jedoch nur abweisend, in dem Vorhaben, Gesprächen mit dem Avatar in Zukunft auszuweichen, da er diesen ja bald wieder jagen müsste. Und wenn der Luftbändiger ihn jedes Mal, wenn er mit ihm redete, so sehr an seinen Entscheidungen zweifeln lassen würde, könnte er seine Aufgabe nicht erfüllen. 

Der Jüngere ließ sich allerdings nicht so leicht abwimmeln – falls er die schlechte Laune des Prinzen in seiner Begeisterung überhaupt bemerkte. „Ich schätze mal, du hättest nicht gedacht, dass wir uns so schnell außerhalb eines Kampfes wieder sehen würden. Vielleicht könnten wir uns ja doch vertragen?“ 

Zuko schnaubte auf diesen Vorschlag hin nur unfreundlich, bereute es im nächsten Moment allerdings gleich wieder, da seine Rippen erneut zu schmerzen begannen. „Sobald ich wieder fit bin, wird alles beim Alten sein“, zischte er leise und warf Aang einen bösen Blick zu, was diesen betrübt zu Boden sehen ließ. Wieder hatte er die gleiche Antwort auf seine Frage erhalten.

 

~*~*~*~

 

Nachdenklich starrte Katara auf den kleinen See vor sich. Ihre Knie hatte sie angezogen und ihre Arme waren um ihre Beine geschlungen, auf welchen sie ihren Kopf abstützte. Bis vor ein paar Minuten hatte sie mit Aang noch Wasserbändigen geübt, aber jetzt, da der Jüngere zurück zum Camp gegangen war, nutzte sie die Ruhe, um ein wenig über das, was sie heute erfahren hatte, nachzudenken.

Entgegen ihrer bisherigen Überzeugung hatte Zuko durchaus etwas mit ihr gemeinsam – sie hatten beide ihre Mutter verloren und, wenn sie Iroh richtig verstanden hatte, aufgrund diesen unsinnigen Krieges.

Doch nun war es für so umso unverständlicher, dass der Prinz trotzdem noch hinter seinem Vater stand und diesen auch unterstützen wollte, indem er den Avatar fing. Wieso tat er das bloß?

So wie es ausgesehen hatte, hatte ihm seine Mutter durchaus etwas bedeutet. Sie war ihm nicht egal gewesen. Er hatte das Leid, welches der Krieg verbreitete, am eigenen Leib erfahren, wie konnte er ihn da noch befürworten? Wie konnte er mit Stolz diesen blutrünstigen Wahnsinn unterstützen?

Für einen Moment hatte sie wirklich das Gefühl gehabt, einen anderen Zuko zu sehen, einen guten Zuko, aber anscheinend hatte sie sich in ihm getäuscht. Anscheinend war er nicht viel besser als der Feuerlord selbst. Sie sollte nicht versuchen, jemanden aus ihm zu machen, der er nicht war.

Ihre Mutter hatte bereits, als Katara noch klein gewesen war, mit einem halbherzigen Lächeln auf den Lippen festgestellt, dass die Jüngere krampfhaft versuchte, in jedem Menschen das Gute zu sehen – was an sich ja nicht falsch war. Doch musste sie eben lernen, zu akzeptieren, dass dem nicht immer so war. Dass Menschen auch böse sein konnten und es ihr nicht immer gelingen würde, etwas daran zu ändern, egal, wie sehr sie es versuchte.

Selbst nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie diese Angewohnheit nicht ganz abgelegt. Auch, wenn sie Feuerbändigern gegenüber grundsätzlich defensiv geworden war, brachte sie es nicht fertig, sie als Personen zu hassen. Enttäuschung und Wut ja, doch kein Hass, obgleich sie manchmal so redete. Der Einzige, den sie wirklich aus tiefstem Herzen hasste, war der Feuerlord, denn er trug die alleinige Schuld für das Leid, was über sie und andere gekommen war. Allerdings weigerte sie sich, diesen auch nur annähernd als so etwas wie einen Menschen zu bezeichnen.

 

~*~*~*~

 

Am nächsten Tag fand sich Zuko am Vormittag allein mit Iroh am Lagerplatz wieder. Der Ältere hatte sich mit zwei Tassen Tee zu ihm gesellt, welchen sie schweigend getrunken hatten. Währenddessen hatte der Prinz die ganz Zeit überlegt, wie er ein Gespräch über Ursa beginnen könnte, war jedoch zu keinem in seinen Augen geeigneten Anfang gekommen.

Sein Onkel schien seine innerliche Unruhe zu bemerken, da er ihn nach einer Weile skeptisch ansah. 

„Stimmt irgendetwas nicht?“, erkundigte er sich besorgt, was seinen Neffen leise seufzen ließ. Sein Blick wanderte zu dem Drachen des Westens und als er in dessen Augen nichts als ehrliches Interesse an seinem Wohlergehen fand, rückte er schließlich mit der Sprache heraus. 

„Ich hab von meiner Mutter geträumt. Das heißt… ich weiß nicht, ob es wirklich ein Traum war, eher eine Unterhaltung. Sie hat mit mir gesprochen“, berichtete er zögernd. „Aber das, was sie gesagt hat… ich weiß nicht so ganz, wie ich es verstehen soll, weil… Ich hab plötzlich das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben und dann auch wieder nicht. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, Onkel.“

Hilfe suchend blickte der Jüngere zu Iroh, welcher vor Überraschung darüber, dass Zuko so aufgewühlt war, vollkommen vergaß, weiter seinen Tee zu trinken. Ein Stirnrunzeln legte sich auf sein Gesicht. 

„Was genau hat sie denn gesagt, das Euch so an Euren Entscheidungen zweifeln lassen hat?“, erkundigte er sich neugierig.

Sollte es Ursa tatsächlich gelungen sein, ihrem Sohn die Augen zu öffnen? Sollte sie das, was er die letzen beiden Jahre vergebens versucht hatte, endlich geschafft haben? 

„Sie hat mich noch einmal an das erinnert, was sie mir schon gesagt hat, bevor sie verschwunden ist. Dass ich nicht vergessen soll, wer ich bin. Aber das war noch nicht alles. Sie hat gemeint, ich soll nicht denselben Weg wählen wie mein Vater, dass es einen Besseren gibt. Dass ich meinem Herzen folgen soll und nicht meine Seele verkaufen. Und jetzt verstehe ich nicht, wie sie all das gemeint hat. Wie soll ich mich an meine Herkunft erinnern und gleichzeitig nicht meinen Vater unterstützen? Wie soll das gehen?“, fragte der Dunkelhaarige verzweifelt und eröffnete seinem Onkel damit jene Gedanken, die ihn in den letzten beiden Tagen keine Ruhe gelassen hatten. 

Um Irohs Mund legte sich daraufhin ein kleines Schmunzeln, welches der Prinz jedoch zum Glück nicht bemerkte. „Denkt doch noch einmal darüber nach, was Euch Eure Mutter genau gesagt hat. Wer Ihr seid, muss nicht zwangsläufig etwas mit Eurer Herkunft zu tun haben, Prinz Zuko. Konzentriert Euch doch einmal auf das, was sie noch gesagt hat. Was sagt Euch Euer Herz?“ 

„Ich… Ich weiß es nicht“, nuschelte der Angesprochene undeutlich und zuckte leicht mit den Schultern, was er allerdings sofort wieder bereute, da sich seine verletzten Rippen wieder bemerkbar machten. 

„Wisst Ihr es tatsächlich nicht“, erwiderte der Ältere daraufhin ernst, „oder wollt Ihr es vielmehr nicht wissen, weil es anderer Meinung ist als Euer Kopf?“ 

„Beides“, gab der Teenager ein Stück nach. „Das passt alles nicht zusammen.“ 

„Ich habe Euch nicht gefragt, ob das zusammenpasst, sondern, was Ihr fühlt! Auch, wenn die Erkenntnis bitter sein wird, schuldet Ihr Euch selbst die Wahrheit. Um zu wissen, wer Ihr seid, müsst Ihr erstmal aufhören, Meinungen anzunehmen, die Euch aufgedrückt werden und wieder lernen, Eure Eigene zu verteidigen“, gab Iroh zu bedenken, was ihm allerdings nur ein sarkastisches Schnauben einbrachte. 

„Weil das ja letztes Mal so unglaublich gut funktioniert hat.“ 

Der Drache des Westens schüttelte traurig mit dem Kopf. „Ich habe es Euch bereits einmal gesagt und ich werde es Euch auch noch so oft sagen wie Ihr es hören müsst, bevor Ihr es endlich glaubt: Ihr habt nichts Falsches getan, als Ihr Euch gegen die Pläne des Generals ausgesprochen habt. Ihr habt es nur den falschen Leuten gegenüber getan. Und jetzt beantwortet mir doch bitte meine Frage“, lenkte er das Thema wieder in die eigentliche Richtung. 

„Dass dieser Krieg falsch ist, ein sinnloses Blutvergießen. Dass etwas, was so viel Leid über so viele Menschen bringt, nicht gut sein kann. Dass alle Nationen wichtig sind. Und dass…“, antwortete der junge Feuerbändiger zögernd und stockte für einen Augenblick, bevor er endlich das zugab, was er innerlich schon lange wusste, aber sich geweigert hatte zu akzeptieren, weil es einfach zu weh tat. „Dass mein Vater mich nicht liebt – es vielleicht niemals getan hat.“

Eine Träne lief über seine Wange und er sah schmerzerfüllt zu dem einzigen Menschen aus seiner Familie, der ihm noch geblieben war. Auf dessen Lippen legte sich ein kleines Lächeln. 

„Jetzt erkenne ich zumindest teilweise den Zuko in Euch wieder, der Ihr gewesen wart, als Ursa Euch gesagt hat, Ihr sollt nicht vergessen, wer Ihr seid. Ihr mögt ein Prinz sein, doch noch viel mehr seid Ihr ein Sohn der Feuernation. Und eine Nation und ihr Herrscher müssen nicht immer das Gleiche sein.

Eure Mutter wollte, dass Ihr Euch an Euren Sinn für Gerechtigkeit und die Loyalität Eurer Heimat gegenüber erinnert. Und an die Faszination für Euer Element, als Ihr Euch noch nicht unter Druck gesetzt habt. Als Euch das Feuerbändigen noch Freude bereitet hat und keine Pflichtübung war.

Ihr könnt den Krieg beenden, und es ist keine Schwäche, wenn man sich Verbündete mit demselben Ziel sucht. Vielleicht solltet Ihr Eure Haltung dem Avatar gegenüber ja noch einmal überdenken“, endete Iroh in dem Wissen, dass Aang nichts gegen eine Freundschaft mit seinem Neffen einzuwenden hätte. 

Die nächsten Minuten saßen sich die Feuerbändiger schweigend gegenüber, jeder in seinen eigenen Überlegungen versunken. Doch dann unterbrach Zuko noch einmal die Stille. 

„Onkel?“, wandte er sich an den Älteren. „Mom hat mir auch noch etwas anderes mitgeteilt. Oder besser gesagt, mir die Augen geöffnet. Damals, nach dem Agni Kai und der Verbannung… Ihr hättet nicht mit mir kommen müssen. Ihr hattet keinen Grund, mir zu helfen und Ihr habt es dennoch getan.

Ihr hättet Euch im Palast zur Ruhe setzen können, aber stattdessen seid Ihr mit mir gekommen und habt mich unterstützt. Auch, wenn ich kein geduldiger und gehorsamer Schüler war, habt Ihr mir eine Menge beigebracht, manchmal sogar ohne, dass ich es überhaupt gemerkt habe. Ihr standet die ganze Zeit hinter mir, ohne jemals nach einer Gegenleistung zu fragen.

Und ich habe Euch nie dafür gedankt, hab es immer für selbstverständlich hingenommen. Aber das ist es nicht, das weiß ich jetzt.

In den letzten beiden Jahren wart Ihr mir viel mehr ein Vater als es mein Eigener jemals gewesen ist. Danke dafür, dass Ihr immer für mich da seid, Onkel“, meinte der Teenager aufrichtig, was einen feuchten Schleier auf Irohs Augen erzeugte. 

Er hatte gewusst, dass Zuko ihn liebte, aber er hätte niemals erwartet, es so deutlich aus dessen Mund zu hören. Diese wenigen Worte machten alle die Mühe wieder wett, sie waren für ihn das Beste, was ihm nach Lu Tens Tod widerfahren war. Sie waren mehr als er sich jemals zu hören erhofft hatte.

„Gern geschehen, Zuko“, erwiderte er darum mit emotionserstickter Stimme – dieses eine Mal ohne den Titel, mit dem er seinen Neffen sonst anzusprechen pflegte.

 

~*~*~*~

 

Die Sonne war bereits untergegangen, als sich Katara zum ersten Mal an diesem Tag zu Zuko gesellte. Für eine Weile saßen sie einfach nur schweigend nebeneinander, wobei ihr der Feuerbändiger verwirrte Blicke zuwarf.

Was wollte sie hier? Sie war ihm die ganze Zeit aus dem Weg gegangen, was aufgrund seiner Verletzung nicht allzu schwer war, und nun setzte sie sich plötzlich zu ihm ans Lagerfeuer. Ob ihr möglicherweise kalt geworden war?

Das wäre die logischste Erklärung, aber sie sah nicht so aus als würde sie frieren. Eher, als wolle sie mit ihm reden, ohne zu wissen, wie sie beginnen sollte. 

„Was willst du?“, fragte er sie darum in einem neutralen Ton, bemüht, sich seine Neugierde nicht anmerken zu lassen. 

„Wie kommst du darauf, dass ich etwas von dir will?“, erwiderte sie, wobei ihre Stimme allerdings viel zu hoch war. 

„Du hasst mich. Folglich würdest du nicht freiwillig in meine Nähe kommen“, informierte er sie über das in seinen Augen Offensichtliche. Ihre Antwort überraschte ihn allerdings. 

„Ich habe nie gesagt, dass ich dich hasse. Dazu kenne ich dich nicht gut genug. Du stehst lediglich auf der falschen Seite. Was du tust, ist nicht richtig, aber ich kann nur deine Taten werten, nicht, wer du bist. Auch wenn du dich wie ein eingebildeter Vollidiot aufführst, der egoistisch seine Ziele verfolgt, egal, um welchen Preis“, erklärte die Wasserbändigerin fast ein wenig enttäuscht, bevor sie ihm die Frage stellte, wegen der sie eigentlich gekommen war. „Warum jagst du Aang? Was hat er dir getan?“ 

Der Teenager senkte daraufhin beschämt seinen Blick zu Boden und presste die Lippen fest aufeinander, um dann, nach einem kurzen Zögern, ein leises: „Nichts“, auszustoßen. „Aber er ist meine einzige Chance, nach Hause zurückkehren zu können. Ohne ihn kann ich nicht heim.“

Ein schmerzlicher Ausdruck legte sich über sein Gesicht und genau dieser war es auch, der Katara davon abhielt, nach einer genaueren Erklärung seiner Worte zu fragen, obgleich sie seine Antwort nicht ganz verstanden hatte.

Wieso konnte er ohne den Avatar denn nicht heimgehen? War er so versessen darauf, seinem Vater dabei zu helfen, den Krieg zu gewinnen? 

„Wie kannst du so hinter diesem Krieg stehen? Ich verstehe dich nicht. Wie kannst du das Töten so vieler Menschen gutheißen?“, warf sie ihm stattdessen vor. 

„Das tue ich überhaupt nicht!“ 

„Ach, tatsächlich? Was glaubst du denn, was du machst, wenn du Aang fängst? Er ist die letzte Hoffnung auf Frieden, Zuko.“ Wut keimte in ihr auf. Zum einen, weil er sie nicht verstehen wollte und zum anderen, weil sie ihn genauso wenig verstand. So wie er jetzt hier vor ihr saß, war er ein Teenager wie jeder andere auch. Ein Teenager, mit dem sie unter anderen Umständen vielleicht sogar befreundet hätte sein können.

Doch sobald es um den Avatar ging, verwandelte er sich in einen sturen, gefühlskalten Kotzbrocken – eine freundlichere Bezeichnung fiel ihr beim besten Willen nicht ein. 

„Ich finde das, was mein Vater tut, nicht immer gut. Ich will diesen Krieg genauso wenig wie du. Aber es ist nicht so, als ob ich wirklich eine Wahl hätte. Glaub mir, wenn ich irgendetwas daran ändern könnte, dann würde ich das tun. Doch von der Position aus, in der ich jetzt bin, kann ich das nicht“, stellte der Feuerbändiger richtig und erhob sich vorsichtig, um zu Iroh zu gehen, eine nachdenklich gewordene Katara zurücklassend.

 

~*~*~*~

 

„Ja, Aang, sehr gut“, lobte Katara den Jüngeren, während dieser das Wasser des kleinen Sees, welchen sie als Trainingsplatz verwendeten, zu einer Welle aufbäumte, diese im hohen Tempo hin und her dirigierte, um sie schließlich wieder in sich zusammenfallen zu lassen. „Ich denke, das genügt für heute. Du kannst ruhig schon wieder zurück zum Camp gehen, ich übe selbst noch ein bisschen und komm dann nach.“ 

„Okay“, stimmte der Avatar mit seinem typischen Grinsen zu, bevor er sich auf eine von ihm erschaffene Luftkugel setzte, auf welcher er mit einem: „Yippieh!“ durch den Wald sauste. 

Die Ältere sah ihm noch einen Moment mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen nach, wandte sich dann aber voll und ganz ihrem Element zu. Mit eleganten, fein aufeinander abgestimmten Bewegungen erhob sie eine Art aus Wasser geformte Schlange, dirigierte diese zum Ufer und drehte sie um sich selbst herum, um sie dann wieder auf den See hinaus zu schicken und über dessen Zentrum wie ein Feuerwerk explodieren zu lassen.

Sie war dabei so in ihrer Aufgabe versunken, dass sie die Gestalt, die hinter ihr aus den Bäumen heraustrat, erst bemerkte, als diese sie direkt ansprach. 

„Du bist gut“, kommentierte eine ihr seltsam bekannt vorkommende Stimme ihre Übung, was die Bändigerin dazu brachte, sich umzudrehen. 

Ihr Blick fiel auf die Gestalt und ihre Augen weiteten sich geschockt, da dort kein anderer als Zuko persönlich stand. Für einen Moment erwartete sie, dass er seine Anerkennung gleich mit einer spöttischen Bemerkung wieder zunichte machen würde. Doch sie wartete vergebens auf seinen üblichen Hohn.

Stattdessen sah er sie einfach offen und ehrlich an – wenn sie es nicht selbst erleben würde, würde sie es nicht glauben. 

„Du, der ach so großartige Feuerbändiger, für den sein Element das stärkste und beste überhaupt ist, bewunderst mich, eine kleine, unbedeutende Wasserbändigerin? Bist du auf den Kopf gefallen?“, erwiderte sie noch immer misstrauisch seiner Freundlichkeit gegenüber und stemmte defensiv die Hände in die Hüften. 

„Hör auf. Ich wollte dich wirklich nicht auslachen. Wie du das Wasser bändigst… du bist eins mit ihm. Das ist bewundernswert“, bekräftigte der Ältere seine Meinung, vermied es jedoch, sie dabei anzusehen, was Katara überrascht die Augenbrauen hochziehen ließ. 

„D-Du meinst das ernst? Ich meine, du… du sprichst immer vom Feuer, als wäre es das einzig Wichtige und als wäre eure Nation die Beste und die Anderen nichts wert“, gab sie mit rötlich verfärbten Wangen zu bedenken. 

Zuko seufzte leise – sie wusste nicht, ob vor Erschöpfung wegen seiner Verletzung, oder wegen ihrem Gesprächsthema -  und setzte sich vorsichtig auf einen größeren Stein, um ausdruckslos auf den See zu starren. Mit einem Handwink bedeutete er ihr, sich ebenfalls hinzusetzen, bevor er zu erzählen begann: „Ich persönlich habe nichts gegen die anderen Elemente, im Gegenteil. Sie sind wichtig. Alles braucht sein Gegenstück, sonst kommt das natürliche Gleichgewicht durcheinander. Das hat mir meine Mutter schon beigebracht, als ich noch ganz klein war.“ Ein trauriges Lächeln schlich sich bei Ursas Erwähnung auf seine Lippen, welches auch Katara nicht entging.

„Sie hat mich gelehrt, die anderen Elemente zu respektieren, weil jedes seine eigenen Stärken hat. Und weil Feuer das Zerstörerischste ist. Ich glaube, sie war nie besonders glücklich darüber, dass ich ein Bändiger bin, aber sie konnte nichts daran ändern. Sie hat einmal gesagt, wenn der Krieg nicht beendet wird, würde Ozai nicht eher Halt machen, bevor er alles auf dieser Welt zerstört hat – einschließlich sich selbst.

So langsam glaube ich, sie hatte Recht damit. Er hat ihren Garten verachtet, doch es war der einzige Platz im Palast, den er völlig meiner Mutter überlassen hatte, als er sie noch geliebt hat“, erklärte der Prinz leise, völlig in seinen Gedanken versunken. Er vermisste Ursa. Von ihr zu erzählen, sich an sie zu erinnern und zu wissen, dass sie niemals zurückkommen würde, tat weh.

Ein bitterer Zug legte sich nun um seinen Mund und er hätte seinen Schmerz am liebsten hinausgeschrieen, aber stattdessen blickte er nur weiter stumm auf den See. Seine Mutter mochte tot sein, ja, doch da, wo sie sich jetzt befand, schien sie glücklich zu sein. Sie verdiente ihren Frieden.

Nur würde sie diesen erst finden, wenn sie wusste, dass er seinen Weg gefunden hatte. Den richtigen Weg gewählt hatte und aufhörte, mit seinem Schicksal zu hadern. Aufhörte, sich eine Bestimmung aufzwängen zu lassen, obwohl er selbst die Macht über sein Handeln hatte. 

„Warum hat er den Garten verachtet?“, unterbrach die sanfte Stimme der Wasserbändigerin plötzlich seine Gedanken.

„Wegen der Blumen. Sie hatte Pflanzen aus allen vier Nationen. Trotz des herrschenden Krieges waren für meine Mutter alle gleich viel wert. Sogar welche von den Luftnomaden hatte sie.

Ozai hat es nie verstanden, aber er hat ihr ihren Willen gelassen – unter der Bedingung, dass es niemand außerhalb des Palastes erfuhr. Ich schätze mal, er hat sie irgendwann einmal wirklich geliebt, auch, wenn davon nicht mehr viel übrig geblieben ist“, erwiderte der Dunkelhaarige mit belegter Stimme, die die Wasserbändigerin schauern ließ.

Ob sie mit ihrer Frage zu weit gegangen war? Die Erinnerung an seine Mutter schien Zuko ziemlich mitzunehmen. Aber andererseits hatte er ihr ja auch freiwillig davon erzählt. Und was war falsch an ein bisschen Neugier? Er musste ihr ja immerhin nicht antworten. 

„Wenn deine Mutter dir all das gelehrt hat und du eigentlich ihrer Meinung bist, warum stehst du dann trotzdem auf der falschen Seite?“, rutschte ihr auch schon unbeabsichtigt jene Frage heraus, die sie am meisten beschäftigte. 

Seine Antwort überraschte sie jedoch völlig: „Ich weiß nicht mehr, auf wessen Seite ich eigentlich stehe, Katara. Ich weiß es wirklich nicht.“

 

~*~*~*~

 Teil 6

 

Erschöpft ließ sich Zuko vor dem Lagerfeuer niedersinken, um dann nachdenklich in die Flammen zu starren. Warum hatte er Katara von seiner Mutter erzählt? Er sprach nur sehr selten über sie, und wenn, dann nur mit Iroh, niemals mit einer Fremden. Die Worte waren einfach so aus ihm herausgesprudelt, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte, was er sagte.
Doch das, was ihn am meisten erstaunte, war, dass er es nicht bereute. Die Dunkelhaarige hatte ihn nicht ausgelacht, oder als Schwächling bezeichnet, weil er Ursa vermisste, nein, sie hatte ihm einfach nur zugehört. Und für einen Moment hatte er sogar das Gefühl gehabt, verstanden zu werden. War es das, was eine Freundschaft ausmachte? Verständnis?
Er wusste es nicht. Es war ja nicht so, als ob er jemals richtige Freunde gehabt hätte. Und auch bei Azula war er sich dessen nicht so sicher. Ty Lee und Mai genossen einfach nur die Aufmerksamkeit, die ihnen durch die „Freundschaft“ mit einer Prinzessin zuteil wurde. Ein Beispiel hatte er also nicht.
Aber es hatte sich gut angefühlt, dort mit Katara am See zu reden, ganz ohne Hohn und Spott. Es kam dem, was er sich unter Freunden vorstellte, näher als all das, was er im Palast erlebt hatte.

„Hey Zuko, wie geht’s dir?“, wurden seine Gedanken plötzlich von einem fröhlichen Aang unterbrochen, der sich auch prompt neben ihn setzte.

„Relativ gut. Ich hab mich vorhin ein wenig umgesehen. Du hast mit Katara Wasserbändigen geübt, oder?“, erwiderte der Angesprochene zum Erstaunen des Avatars schon fast freundlich.

„Yeah, sie ist eine geduldige Lehrerin. Nur schade, dass sie noch keine Meisterin ist, dann könnten wir uns den Weg zum Nordpol sparen und ich könnte mir gleich noch jemanden suchen, der mir das Erdbändigen beibringt“, berichtete der Luftbändiger unbekümmert, da er inzwischen nicht mehr glaubte, dass Zuko ihn wieder verfolgen würde, wenn er gesund war. Besonders nicht, weil er sich mittlerweile ganz gut mit Katara zu verstehen schien. Er hatte den Prinzen heute Morgen am See durchaus bemerkt.

„Hast du eigentlich inzwischen noch mal darüber nachgedacht, ob du nicht doch mit uns weiterreist?“

„Ich… Ich glaube nicht, dass ich euch eine große Hilfe wäre. Ich war nie besonders talentiert im Feuerbändigen, Azula war immer die Bessere. Gegen ihr Können sehen meine Fähigkeiten aus wie die Versuche eines kleinen Kindes“, entgegnete der Ältere beschämt, wobei auch ein wenig Eifersucht in seiner Stimme mitklang, was Aang jedoch vehement den Kopf schütteln ließ.

„Du bist kein schlechter Kämpfer. Zugegeben, ich hab dich noch nicht so oft Feuer bändigen sehen und ich hätte auch niemanden, mit dem ich dich vergleichen könnte, aber das mit den Schwertern macht dir so schnell keiner nach. Warum hast du die eigentlich nie benutzt, wenn du versucht hast, mich zu fangen?“, erkundigte sich der Luftnomade neugierig, was Zuko leicht grinsen ließ.

„Es wissen nicht viele aus der Feuernation, dass ich mit einem Doppelschwerter umgehen kann, da mein Vater nicht viel von Waffen außer dem Bändigen hält. Sie sind für ihn lediglich ein billiges Mittel zum Zweck und keine Kampfkunst.“

Der Avatar begann daraufhin zu lachen. „Schade, dass er dann nicht gesehen hat, wie du meine Wachen damit ausgeschaltet hast. Aber ich glaube auch nicht, dass du ein so schlechter Bändiger bist wie du vielleicht denkst“, fuhr er wieder etwas ernster fort, „Du glaubst nicht an das, wofür du kämpfst und das schwächt deine Geduld. Und dieser Mangel an Geduld spiegelt sich in deinen Bändigerkräften wieder. Du hast die Macht in dir, dir fehlen nur die Konzentration und die Sicherheit, dass du das Richtige tust. Du kämpfst gegen mich und unterstützt deinen Vater, weil du glaubst, keine andere Wahl zu haben.
Doch das stimmt nicht. Dein Leben liegt in deinen Händen und du übernimmst die Verantwortung für dein Handeln. Hör auf, das zu tun, was dein Vater von dir erwartet und fang stattdessen endlich an, das zu machen, was du selber für richtig hältst.“

Mit diesen Worten stand Aang auf, um Iroh bei einer Runde Pai Sho Gesellschaft zu leisten und ließ einen nachdenklichen Prinzen zurück.

~*~*~*~

Am nächsten Morgen erschien beim Frühstück ein äußerst schlechtgelaunter Sokka. Er war bereits die ganzen letzten Tage wegen Zukos Anwesenheit mürrisch gewesen, hatte sich bisher nach seiner Auseinandersetzung mit Katara allerdings zurückgehalten.
Doch heute baute er sich wütend, mit in die Hüften gestemmten Händen vor seiner kleinen Schwester auf.

„Warum ist der da“, er deutete bei diesen Worten unmissverständlich auf den Prinzen, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, dass dieser ihn durchaus hören konnte, „immer noch da? Es geht ihm ja wohl offensichtlich wieder besser. Wieso verschwindet er nicht wieder zu seiner dämlichen Feuerbändigersippe?“, beschwerte er sich lauthals, was die Jüngere, von so viel Taktlosigkeit entgeistert, ein paar Mal den Mund auf und zuklappen ließ, bevor sie ein ärgerliches: „Sokka!“, hervorbrachte. „Es mag Zuko ja besser gehen, aber er ist immer noch verletzt und damit nicht wirklich in der Lage, sich zu verteidigen.“

„Verteidigen? Gegen wen denn? Oh, ja, ich vergaß, der Typ ist so ätzend, dass ihn noch nicht einmal seine eigene Nation mehr leiden kann“, setzte der Wasserstammskrieger ungerührt nach, was den Feuerbändiger, der bisher schweigend zugehört hatte, schwer schlucken ließ.
„Weshalb verteidigst du ihn eigentlich so? Glaubst du auch nur im Entferntesten, er würde jemals das Gleiche für dich machen? Du wärst ihm scheißegal. Zuko selber besitzt kein Mitgefühl, ja, der weiß noch nicht mal, was das überhaupt ist, und damit hat er auch keines verdient.“

„Ich weiß sehr wohl, was das ist“, mischte sich nun der Prinz selbst ein. Seine Stimme war dabei eiskalt und jagte sogar dem missgelaunten Teenager einen Schauer über den Rücken – auch, wenn dieser das später niemals zugeben würde. „Mitgefühl ist nichts weiter als ein Ausdruck von Schwäche, das hab ich auf die harte Tour gelernt. Nichtsdestotrotz würde ich deiner Schwester helfen. Aber du brauchst dir keine Sorgen darüber zu machen, dass ich mit dir dasselbe tun würde“, erwiderte er verächtlich, bevor er auf dem Absatz drehte und sich einen Weg durch die Bäume schlug, einen verdutzten Sokka zurücklassend, der im nächsten Moment von Katara angefaucht wurde:

„Wer selber kein Mitgefühl hat, hat auch keines verdient, wie? Ich werd dran denken, wenn du das nächste Mal Hilfe brauchst!“

~*~*~*~

Katara hatte Zukos Fährte nicht allzu weit folgen müssen, um auf ihn zu stoßen, da dessen Rippen aufgrund seines unbeherrschten, schnaubenden Abgangs bereits nach kurzer Zeit wieder zu schmerzen begonnen hatten und er sich geschlagen gegeben an einen Baum gelehnt niedergesetzt hatte.

„Hey“, begrüßte sie ihn leise, ohne dabei eine Antwort zu erhalten. Unentschlossen setzte sie sich neben ihn und für eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen.
„Weißt du, du darfst meinen Bruder nicht allzu ernst nehmen. Er kann manchmal ein ziemlicher Idiot sein“, begann die Wasserbändigerin schließlich erneut.

„Das hab ich gemerkt“, kommentierte der verbannte Prinz trocken. „Aber andererseits habe ich ihm auch nie einen Anlass dazu gegeben, etwas Freundliches über mich zu denken. Er wollte dich nur beschützen, er sorgt sich um dich.“

„Meist mehr als mir lieb ist“, grummelte sie daraufhin leise, um dann das Thema zu ändern. „Ähm, du hast vorhin gesagt, dass Mitgefühl Schwäche wäre. Warum glaubst du das?“ Ihr Blick traf seinen und für ein paar Sekunden hatte sie das Gefühl, er würde sich wieder vor ihr verschließen. Doch in seinen Augen blieb der warme Ausdruck von zuvor bestehen, wenn er auch nun von Trauer und Schmerz überzogen zu sein schien.

„Es zählt nicht das, was ich glaube, sondern das, was ich gelernt habe.“

„Gelernt?“, hakte Katara auf seine für sie recht unverständliche Aussage hin nach, was ihn ergeben seufzen ließ. Sah ganz so aus, als würde sie nicht locker lassen, bevor sie die ganze Geschichte gehört hatte, die zumindest in seiner eigenen Nation kein Geheimnis war.

„Eines Tages durfte ich bei einer Generalsstabsversammlung in der Kriegskammer beiwohnen. Zuerst war auch alles in Ordnung, es war interessant, beim Schmieden der Pläne zuzuhören, so grausam das auch klingen mag. Aber dann äußerte einer der Generäle einen Vorschlag, bei dem er eine gesamte Division frischer Rekruten als Lockmittel opfern wollte, um von der anderen Seite einen Angriff zu starten. Ich fand es nicht fair, dass Soldaten, die bereit waren, für ihre Nation zu kämpfen, einfach so als Schießpulver missbraucht werden sollten, dass man ihren Tod von vornherein festschreiben wollte. Also hab ich mich gegen den Plan ausgesprochen, obgleich es mir verboten war. Mein Vater war sehr wütend auf mich und forderte mich zu einem Agni Kai – einem Feuerduell – auf. Und ich stimmte zu, in dem Glauben, gegen den General kämpfen zu müssen, den ich mit meiner Aussage ja eigentlich beleidigt hatte. Aber dem war nicht so.“ Seine Stimme versagte für einen Moment, während er sich an jenen verhängnisvollen Tag erinnerte und er wandte seinen Blick von Katara ab, damit sie die Tränen in seinem gesunden Auge nicht sah.

„Ich hatte in der Kriegskammer des Feuerlords widersprochen und ihn damit persönlich beleidigt. Als ich mich umdrehte, um mich meinem Gegner zu stellen, stand dort nicht der General, sondern mein Vater. Ich hab ihn angesehen und gehofft, er würde mir sagen, er habe mir nur Respekt einflößen wollen und würde dieses Mal noch über mein Fehlverhalten hinwegsehen – nicht, dass er das jemals getan hätte -, oder eine andere Strafe anordnen.
Doch sein Gesichtsausdruck war hart wie Stein, fast sogar schon ein wenig höhnisch. In dem Augenblick hab ich eigentlich bereits gewusst, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Trotzdem bin ich vor ihm niedergefallen und hab ihn gebeten, ja angefleht, mir zu verzeihen.
Es hat ihn überhaupt nicht interessiert, es war ihm völlig egal, ich war ihm egal. Er hat mir die Brandnarbe im Gesicht zugefügt und mich anschließend verbannt, mit dem Befehl, nicht eher nach Hause zurückzukehren zu dürfen, bevor ich den Avatar gefangen habe. Erst dann würde ich meine Ehre und meinen Platz als rechtmäßigen Thronfolger zurückerhalten“, beendete er seine Erzählung mit gebrochener Stimme.

Die Tränen rannen inzwischen ungebremst über seine Wange und auch ebenso über Kataras. Nie hätte sie gedacht, dass Zukos Narbe von seinem eigenen Vater stammen würde. Eltern sollten ihre Kinder lieben und nicht quälen.
Anscheinend behandelte der Feuerlord seinen Sohn keinen Deut besser als den Rest der Welt. Entgegen ihrer bisherigen Meinung war der Ältere kein verwöhnter Prinz mit einem unbeschwerten Leben in Pracht und Prunk, wenn auch zugegebenermaßen manchmal reichlich eingebildet.
Wie konnte ihm Ozai so etwas nur antun? Hatte dieser Tyrann denn nicht mal einen einzigen Funken Menschlichkeit in sich? Kein Wunder, dass Zuko glaubte, er stünde allein gegen alle. Ebenso wenig wunderte sie es jetzt noch, dass er Mitgefühl für Schwäche hielt. Er hatte einmal so etwas gezeigt und war prompt bitter dafür bestraft worden.

„Du hast das Richtige getan, auch wenn dein Vater“, sie gab diesem Wort einen verächtlichen Beiklang, „das anders sieht. Er ist ein Idiot.“

„Ich weiß. Mir ist mittlerweile klar geworden, dass mein jetziges Leben so betrachtet gar nicht so schlecht ist. Mein Vater mag mich verbannt haben, aber er kann mir nicht vorschreiben, was ich den Rest meines Lebens zu tun habe. Ich hab gedacht, die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden, wäre, als Thronfolger heimzukehren.
Das ist nicht richtig. Es gibt einen besseren Weg, einen, auf den die meisten schon lange warten“, meinte der Feuerbändiger ruhig. Nachdem er die letzten Tage an fast allem in seinem Leben gezweifelt hatte, war er sich nun endlich im Klaren darüber, was er selbst eigentlich wollte.

„Heißt das… Heißt das, du kommst mit uns?“, fragte Katara ungläubig, und ein strahlendes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, als sie seine Antwort vernahm.

„Ja. Ich werde euch und Aang helfen, so gut ich kann.“

Die Wasserbändigerin stieß ein begeistertes: „Ich wusste es!“, aus, um ihm anschließend zu ihrem eigenen Erstaunen glücklich um den Hals zu fallen, nur um sich dann sofort wieder von ihm zu lösen und mit rötlich verfärbten Wangen zu Boden zu sehen. Was war bloß in sie gefahren?
Klar, sie freute sich, dass Zuko bleiben würde. Aber so sehr? Dabei konnte sie ihn bis vor ein paar Tagen überhaupt nicht leiden. Hatte das, was sie über ihn erfahren hatte, ihre Ansicht so sehr verändert?
Ein wenig, gab sie sich selbst die Antwort. Doch allein daran konnte es nicht liegen. Er selbst schien sich auch verändert zu haben. Sein Verhalten war nicht mehr so arrogant und er ging auch freundlicher mit seinen Mitmenschen um – mal abgesehen von Sokka zumindest.
Er war vollkommen anders als sie es erwartet hatte. Und sie kam auch nicht drum herum zu bemerken, dass er eigentlich durchaus gut aussehend war. Aber was hatte bloß das Kribbeln, das sich in ihrem Bauch ausbreitete, wenn sie ihn sah, zu bedeuten? So etwas hatte sie bisher noch nie erlebt.

„Ähm, Katara?“, riss Zuko die Wasserbändigerin, noch etwas unsicher wegen ihres Gefühlsausbruchs, aus ihren Gedanken. „Ich wollte noch mal zu Aang. Kommst du mit zurück ins Lager, oder bleibst du noch ein bisschen hier?“

„Äh, ich werde noch etwas hier bleiben, um nachzudenken“, erwiderte sie nur zurückhaltend, noch immer ziemlich rot im Gesicht.

~*~*~*~

Es dauerte nicht lange, bis Zuko den Avatar fand, welcher gerade mit Momo spielte. Der kleine Lemur bemerkte den Feuerbändiger zuerst, doch anstatt wie sonst vor ihm zu flüchten, legte er nur den Kopf schief und sah ihn an, als würde er ahnen, dass er ihm dieses Mal nichts Böses wollte.

„Hey Aang“, sprach der Prinz den Jüngeren zum ersten Mal freiwillig an, seit er bei ihnen war, wusste danach allerdings nicht so recht weiter. „Uem, ich… ich wollte dich etwas fragen.“

„Ja? Schieß los“, forderte dieser ihn unbekümmert auf.

„Dein Angebot… darüber, ob wir Freunde sein können… steht das noch?“ Unsicher sah er zu Boden. Was, wenn der Luftbändiger seine Meinung über ihn geändert hatte? Wenn er ihn nicht in seinem Team haben wollte? Immerhin kam er aus jener Nation, die diesen Krieg angefangen hatte. Seine Sorge war jedoch völlig unbegründet.

„Klar! Also kommen du und Iroh mit uns?“

„Yeah. Sieht ganz danach aus.“

 

Teil 7

 

Am nächsten Morgen saß der verbannte Prinz gelangweilt im Lager und sah Iroh und Aang lediglich halbinteressiert beim Pai Sho zu. Wie kam es eigentlich, dass der junge Mönch genauso besessen von diesem Spiel zu sein schien wie sein Onkel? Na ja, zumindest musste er jetzt nicht mehr dafür herhalten. 

„Hey Zuko, hast du Lust mit Schwimmen zu kommen?“, unterbrach Katara seine Überlegung, da sie seinen gelangweilten Gesichtsausdruck bereits vor einer Weile entdeckt hatte. Und, um ehrlich zu sein, wusste sie auch gerade nichts mit sich anzufangen. 

„Ja, alles ist besser, als den ganzen Vormittag hier rumzuhocken“, stimmte dieser zu, ohne zu bemerken, dass man diese Antwort durchaus auch anders auffassen konnte als wie sie gemeint gewesen war.

Tatsächlich stutze die Wasserbändigerin auch für einen Moment, aber da der Dunkelhaarige sich bereits mit einem: „Kommst du?“, auf den Weg zum See machte, verwarf sie die unbeabsichtigte Anspielung wieder. 

An ihrem Ziel angekommen entledigte sich der Prinz bereits seiner Kleidung, bis er schließlich nur noch in seinen Unterhosen dastand.

Kataras Blick wanderte über seinen durchtrainierten Körper – nicht, dass sie ihn nicht zuvor so gesehen hätte, aber da war sie mehr mit seinen Verletzungen beschäftigt gewesen – und sie bestätigte ihre Feststellung vom Vortag über sein gutes Aussehen.

Sie trat noch ein Stück näher an ihn heran und wollte ihren Zopf lösen, als ihr Blick noch einmal auf seinen Rücken fiel. Was sie dort sah, ließ sie irritiert die Stirn runzeln.

„Woher hast du diese Narben?“, rutschte die Frage auch schon aus ihr heraus, ohne, dass sie sich bremsen konnte.

Sie legte ihre Finger auf seine Haut und zog die bereits vor langer Zeit verheilten Wunden nach, die nunmehr lediglich noch als kleine helle Striche zu erkennen waren – von weitem nicht zu sehen. Die Berührung sandte ein angenehmes Kribbeln durch ihre Finger und auch Zuko erging es ähnlich, obgleich ihm dieses Thema eher unangenehm war. 

„Sagen wir, wenn du der Thronfolger einer Nation bist… warst… dann werden gewisse Dinge von dir erwartet. Und wenn du nicht gut genug bist, nicht schnell genug lernst, oder dich mal in den Augen deines Vaters daneben benimmst, dann musst du auch die Konsequenzen dafür tragen. Ich hab diese Erwartungen nicht immer erfüllt“, erklärte er vage, woraufhin sich Kataras Augen geschockt weiteten.

Hast du im Ernst etwas anderes erwartet?, schalt sie sich auch gleich selbst, schließlich hatte ihr der Prinz bereits von dem Agni Kai erzählt, da sollte sie das hier nicht mehr überraschen. Dennoch fiel es ihr schwer zu begreifen, wie ein Vater seinen eigenen Sohn so behandeln konnte. Und verstehen konnte sie es erst recht nicht. 

Der Ältere bemerkte ihren geschockten Gesichtsausdruck und watete daraufhin etwas weiter in den See hinein, um sie von dort aus mit einem Schwall Wasser voll zu spritzen.

Ein empörtes: „Hey!“, entfuhr ihr und sie antwortete prompt mit einer Welle, die sie über ihm zusammenbrechen ließ, sodass er nun völlig nass war. 

„Hey, das ist aber nicht fair“, beschwerte er sich sofort darauf, was sie belustigt lachen und, ungeachtete ihrer ohnehin durchnässten Kleidung, weiter auf ihn zukommen ließ. 

„Leg dich eben nie mit einer Bändigerin in ihrem Element an“, erwiderte sie ungerührt und unterlegte ihre Aussage mit einer weiteren Welle. 

Dieses Mal ließ Zuko den Angriff allerdings nicht auf sich sitzen. Er platschte erneut Wasser in ihre Richtung und tauchte dann schnell unter, bevor ihn die nächste, von der Bändigerin verursachte Welle erreichte, wodurch er für eine Weile aus ihrem Sichtfeld verschwand.

Suchend sah sie sich um, konnte ihn jedoch nicht entdecken, da er sich inzwischen direkt hinter ihr befand.

Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er plötzlich auftauchte, sie an den Schultern packte und unter Wasser drückte. 

Für eine Weile alberten die beiden noch so herum, spritzten hin und her und tauchten sich gegenseitig unters Wasser. Das ging so lange, bis Katara dabei ihr Haarband verlor und Zuko, erstaunt über den Anblick, der sich ihm auf einmal bot, innehielt.

Ihre dunklen Locken umrahmten ihr hübsches Gesicht und ihre blauen Augen funkelten mit dem kristallklaren Wasser um die Wette. Er musste unwillkürlich feststellen, dass sie – entgegen seiner voreiligen Meinung, als er sie noch gejagt hatte – durchaus hübsch war.

Die Wasserbändigerin schien sich genauso in seinem Blick zu verlieren wie er in ihrem und für einen Moment verschwamm die Welt um sie herum. Sie kamen sich langsam immer näher, bis sich ihre Lippen zu einem vorsichtigen, sanften Kuss vereinten. Nur federleicht, ohne, dass einer der beiden in diesem Augenblick darüber nachdachte. 

Zuko war es, der sich zuerst wieder löste und erschrocken einen Schritt zurückwich, was auch die Jüngere aus ihrer Trance riss. Das Blut schoss ihnen in die Wangen und sie sahen beide nach unten, auf die durcheinander gewirbelte Wasseroberfläche. 

„Ich..“, versuchte der Feuerbändiger zu erklären, stockte jedoch, da sie ebenfalls zu sprechen begann. 

„Vielleicht… Vielleicht mag ich dich doch mehr als ich dachte“, gestand sie leise, wobei sie es noch immer nicht wagte, ihn anzusehen. „A-Aber du musst dazu nichts sagen und ich… Gott, klingt das dämlich. Ich werde wohl besser gehen. Tut mir leid, es ist mir einfach so rausgerutscht.“ Mit diesen Worten wollte sie zum Ufer gehen, um dort das Wasser aus ihrer durchnässten Kleidung zu bändigen.

Doch der Dunkelhaarige stoppte sie hastig. „Warte, ich… das klang nicht dämlich… höchstens, weil ich dir nie einen Grund dafür gegeben hab, aber ich… wollte gerade dasselbe sagen. Ich mag dich auch, Katara“, gab er leise zu, was ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte.

Auch Zuko begann zu lächeln und wandte sich erneut, noch ein wenig unsicher, an die Wasserbändigerin: „Uem… gehen wir zusammen zurück, oder willst du immer noch einfach abhauen?“ 

„Ich komm mit dir mit“, erwiderte sie mit geröteten Wangen.

 

~*~*~*~

 

„Er tut was?“, schrie Sokka entsetzt, als Katara ihm vor versammelter Gruppe mitteilte, dass Zuko und Iroh mit ihnen reisen würden. „Ich hab ja nichts gegen den alten Mann, aber dieser Idiot da soll gefälligst verschwinden!“ 

Genervt rollte die Wasserbändigerin mit den Augen. Sie konnte sich bereits jetzt lebhaft vorstellen, wie er reagieren würde, wenn er von dem Kuss am See erfuhr.

„Sokka, du entscheidest nicht allein, wer mit uns kommt“, versuchte sie ihn dazu zu bringen, den Mund zu halten. Erfolg war ihr damit allerdings keiner beschert, da ihr Bruder ungerührt weiter meckerte. 

„Was willst du mit einem verweichlichten, verzogenen Prinzen wie dem da? Der hat doch überhaupt keine Ahnung von einem Leben außerhalb seines Palastes und ohne seine Diener.“ 

„Falls es dir nicht aufgefallen ist, ich war schon eine ganze Weile nicht mehr Zuhause. Und wenn du glaubst, dass mein Leben immer einfach gewesen wäre, dann hast du keinen blassen Schimmer“, erwiderte der junge Feuerbändiger kalt. Seine Augen schienen Blitze auf den etwa gleichaltrigen Teenager zu schießen und sein Gesicht bestand aus einer harten Maske. „Weißt du überhaupt wie es ist, in einem Palast aufzuwachsen? Das ist nicht die tolle Welt, für die du sie hältst. Jeder erwartete ständig von dir, dass du vernünftig bist, dass du lernst, dass du gut bändigen kannst… du musst verdammt noch mal perfekt sein! Nicht, dass du wüsstest, was das ist.“

Zukos Stimme war während seines Ausbruchs immer lauter geworden, nur, um plötzlich ganz zu verstummen, als er bemerkte, was ihm da gerade herausgerutscht war. Seine Augen weiteten sich erschrocken und hätte Katara nicht die Hand auf seinen Arm gelegt, hätte er sich auf der Stelle umgedreht, um erneut im Wald zu verschwinden – entweder das, oder er wäre ihrem Bruder an die Gurgel gegangen. 

„Vielleicht solltest du einfach einmal den Mund halten, Sokka, anstatt über jemanden zu urteilen, den du nicht kennst. Zuko mag uns verfolgt haben und er mag auch meistens ein wenig eingebildet sein, aber deswegen kannst du nicht über sein ganzen Leben urteilen“, rügte die Wasserbändigerin den Älteren und wenn Blicke töten könnten, dann wäre dieser wahrscheinlich augenblicklich umgefallen.

 

~*~*~*~

 

Am nächsten Morgen hatten sich Katara, Aang, Iroh und Zuko daran gemacht, Appa für den Weiterflug zu beladen. Sokka hatte anfangs ebenfalls mit geholfen, war jedoch nach einer weiteren Auseinandersetzung mit dem verbannten Prinzen in den Wald verschwunden.

Nun, da die Gruppe bereit zum Abflug und der Wasserstammskrieger noch immer verschwunden war, begann sich seine Schwester langsam Sorgen zu machen. 

„Wo bleibt Sokka denn? So lange ist er doch normalerweise auch nicht weg“, wandte sie sich verwundert an die Anderen. „Ob ihm etwas passiert ist?“ 

Aang schüttelte aber beruhigend mit dem Kopf. „Das glaub ich nicht. Ich denke, er ist noch sauer und wollte nicht zu zeitig zurückkommen. Suchen wir ihn einfach. Ich geh mit Iroh und du mit Zuko. Appa lassen wir hier, der Wald ist zu dicht, wir würden aus der Luft nicht viel sehen, es sei denn, Sokka ist auf einer anderen Lichtung.“ Mit diesen Worten drehte sich der Avatar zu dem älteren Mann und die beiden verschwanden zu seiner Linken zwischen den Bäumen, während die verblieben beiden Bändiger nach rechts abbogen.

 

~*~*~*~

 

Zuko und Katara waren noch nicht allzu weit gelaufen, bevor sie in einen Kampf hineinplatzten – zwischen dem gesuchten Wasserstammeskrieger und der Tochter des Feuerlords. Grelle Blitze erhellten die Umgebung und für jeden Außenstehenden schien es ein Wunder zu sein, dass die Bäume, wenn sie getroffen wurden, nicht augenblicklich in Flammen aufgingen.

Für einen Moment starrten die beiden einfach nur geschockt auf die Szene, die sich ihnen bot. Keiner hätte erwartet, Azula so schnell wieder zu treffen, obgleich ein Zusammenstoß jetzt, da sie wusste, wo sich die Gruppe um den Avatar herum aufhielt, eigentlich unausweichlich war. Anscheinend hatte sie sich doch schneller von ihren Verletzungen erholt als erwartet.

Zuko war schließlich der erste, der seine Stimme wieder fand und seiner Schwester ein lautes: „Lass ihn in Ruhe, Azula!“, zurief, um gleich darauf einen Feuerball auf sie zu schleudern.

 

~*~*~*~

 

Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen sah die Feuerbändigerin in jene Richtung, aus der die Stimme erklungen war. Stand da tatsächlich Zuko?

Das konnte doch gar nicht sein, sie hatte ihn in ihrem letzten Kampf doch praktisch getötet. Es war nahezu unmöglich, dass er sich so schnell erholt hatte, ja, sie hatte sogar gedacht, er würde an seinen Verletzungen sterben. Hatte gedacht, sie hätte ihren eigenen Bruder umgebracht.

Eine Welle der Erleichterung durchflutete Azula, auch, wenn sie das niemals zugeben würde. Entgegen dem, was ihr Vater immer von ihr erwartete, war es ihr nicht völlig egal, was mit ihm geschah. Auf eine gewisse Art und Weise liebte sie ihn. Sie würde es ihm nur niemals zeigen können.

Es sei denn…wäre es so schlimm, einmal nachzugeben und die Dinge so zu belassen wie sie waren? Zumindest für eine kleine Weile? Niemand wusste, dass sie hier war, noch nicht einmal Mai oder Ty Lee. Niemand würde von dieser Schwäche erfahren. Wäre es falsch, einmal das zu tun, was sie wollte und nicht das, was ihr Vater von ihr erwartete?

Nur ein einziges Mal wünschte sie sich, ihrem Bruder zeigen zu können, dass sie ihn nicht wirklich hasste, zumindest nicht so sehr wie er dachte. Sicher, sie verachtete einige Dinge an seinem Verhalten, aber es war ja auch nicht so, dass es nichts an ihm gab, was sie mochte.

Sie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie den Feuerball Zukos, der sozusagen als Warnung dicht an ihrem Kopf vorbei flog, erst bemerkte, als er praktisch bereits an ihr vorbei war. Hätte der verbannte Prinz direkt auf sie gezielt, hätte er einen Volltreffer gelandet. 

Aber anstatt diese Gelegenheit auszunutzen, trat Zuko näher an seine Schwester heran, um Katara, die besorgt zu Sokka rannte, von ihr abzuschirmen. Seine Rippen hatten nach dem ersten Wurf eines Feuerballs wieder zu schmerzen begonnen, weshalb er sich darauf beschränkte, seiner Gegnerin mit erhobener Faust, um die erneut Flammen schwelten, zu drohen. Er hoffte, sie würde nun, da sie in der Unterzahl war, zurückweichen.

Und tatsächlich ging seine Taktik auch auf – wenngleich auch aus einem anderen Grund als er vermutete. Azula warf ihm noch einen letzten friedlichen, ja, fast schon freundlichen Blick zu, bevor sie sich umdrehte – das wäre ihr in einem richtigen Kampf garantiert zum Verhängnis geworden, wodurch sie beinahe schon Vertrauen ihrem Bruder gegenüber zeigte – und wortlos zwischen den Bäumen verschwand. 

Zuko hingegen wandte sich, in dem Bemühen, nicht über ihren seltsamen Gesichtsaudruck, als sie ihn erblickt hatte, nachzudenken, Katara zu. Diese hatte Sokka bereits wieder auf die Beine geholfen, der zum Glück bis auf ein paar kleine Kratzer unverletzt geblieben war. 

„Bist du okay?“, fragte der verbannte Prinz besorgt seine Freundin, anstatt den eigentlich in den Kampf verwickelten Wasserstammskrieger, welchen er nur kurz mit einem prüfenden Blick bedachte. 

Katara begann daraufhin amüsiert zu grinsen. „Ich hab doch gar nichts gemacht. Was ist mit deinen Rippen? Du hast vorhin, als du den Feuerball geworfen hast, das Gesicht verzogen, als ob du Schmerzen hättest“, erkundigte sie sich dann schnell. 

„Geht schon wieder. Ich sollte mich wohl lieber noch eine Weile mit dem Bändigen zurückhalten.“ Mit diesen Worten ging er auf sie zu, strich ihr eine Strähne ihres Haares, welches sich in der Eile gelöst hatte, aus dem Gesicht und küsste sie, was Sokka nun endgültig aus der Fassung brachte.

Nicht nur, dass seine Schwester ihr Interesse an ihm so schnell verloren hatte, nachdem sie sich von seinem Wohlbefinden überzeugt hatte, nein, sie erkundigte sich auch noch nach Zuko! Obwohl der doch gar nichts gemacht hatte. Okay, zugegeben, er hatte es geschafft, Azula zu vertreiben und ihn damit gewissermaßen auch verteidigt.

Aber wie um alles in der Welt kam sie dazu, ihn auch noch zu küssen? War sie denn jetzt völlig übergeschnappt? Was sollte das denn? Die beiden waren doch wohl nicht etwa zusammen? Sie hatten sich schon in den letzten Tagen so verdächtig gut verstanden und gestern, als sie vom See zurückgekommen waren, hatten sie auch schon heimlich miteinander geflüstert und sich diese seltsamen Blick zugeworfen. 

„Hey, Katara, ich bin hier das Opfer. Der hat doch gar nichts gemacht. Und wieso küsst du ihn? Was soll das?“, brachte er verwirrt hervor, noch immer fassungslos über das Bild, das sich ihm nun bot. 

Die Angesprochene jedoch sah ihn noch nicht einmal an – ihre Augen waren auf ihren Freund gerichtet -, als sie nur ein trockenes: „Ich dachte, es wäre offensichtlich, wieso sich zwei Menschen küssen? Zuko und ich sind zusammen“, von sich gab. Ein glückliches Lächeln umspielte dabei ihren Mund. 

„D-Das kann nicht dein Ernst sein! Der da wird dich bei der nächsten Gelegenheit hintergehen, um an Aang heranzukommen. Er spielt dir doch nur was vor!“, protestierte Sokka, wenn auch weniger aggressiv als in den Tagen zuvor. 

„Ich glaub’s nicht“, brauste seine Schwester daraufhin auf. „Sah das da eben nach einem Verrat aus? Er hat dir geholfen, verdammt noch mal. Du bist so ein Dickkopf! Er hätte sich ebenso gut mit Azula verbünden und mich aus dem Hinterhalt bewusstlos schlagen können, aber das hat er nicht getan. Zuko ist jetzt auf unserer Seite, akzeptier das doch einfach, anstatt dich wie ein Kleinkind aufzuführen.“

Ein undamenhaftes Schnauben drang über ihre Lippen, bevor sie sich umdrehte und zum Camp zurückstapfte, damit sie endlich los fliegen können würden. 

Entgegen ihrer Erwartung baute sich Sokka allerdings vor dem verbannten Prinzen auf, um diesem gegenüber noch einmal seine Meinung zu verdeutlichen.

„Okay, ich kann Katara leider nicht verbieten, eine Beziehung“, er spuckte dieses Wort nahezu hervor, „mit dir führen zu wollen. Und ich habe leider momentan auch keine Beweise dafür, dass du lügst. Vielleicht meinst du es ja auch tatsächlich ernst mit ihr, was ich nicht wirklich glaube. Aber ich kann dir eines versprechen: Wenn du meiner Schwester in irgendeiner Art wehtust, dann wirst du dir wünschen, sie hätte dir nie das Leben gerettet.“ 

Der Wasserstammskrieger starrte den Feuerbändiger warnend an, was diesen allerdings wenig beeindruckte. Er rollte lediglich mit den Augen und ging ungerührt an ihm vorbei. 

„Ich hab’s kapiert, Bumerangheini.“

 

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In der Geisterwelt saß Ursa an dem kleinen Teich und verfolgte mit einem glücklichen Lächeln die Bilder aus dem Leben ihres geliebten Sohnes. Eine einzelne Freudenträne rann ihr über die Wange und sie berührte sanft die schimmernde Oberfläche, als könnte er dadurch für einen Moment ihre Hand auf seiner Wange fühlen.

Endlich hatte er seinen Weg gefunden, die Zeit der Suche war nun vorüber. Durch Katara hatte er wieder lachen gelernt und neuen Mut geschöpft für das, an was er selbst glaubte, zu kämpfen. Mit dem Avatar an seiner Seite würde sich alles zum Guten wenden, Ruhe und Frieden würden schon bald wieder hergestellt sein.

Es würde dieser kleinen Gruppe gelingen, genügend Menschen von ihrem Vorhaben zu überzeugen, um jenen grausamen Krieg zu beenden, der so viel Leid über die Welt gebrachte hatte. Einen Krieg, in dem bereits das erste Opfer ein Toter zu viel gewesen war.

Das Leid, das er bereits in den Herzen verursacht hatte, würde niemand mehr zurücknehmen können, es würde bleiben – ein Mahnmal für die Zukunft, so hoffte sie zumindest. 

„Du hast das Richtige getan, Zuko“, flüsterte sie leise jene Worte der Bestätigung, nach denen der junge Feuerbändiger so lange vergebens gesucht hatte. Und sie wusste, wenn er tief in sein Herz hineinlauschte, würde er sie hören können.

 

 

The End