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Autor: Kristin     
E-Mail Adresse:  btvsfaith@web.de

Titel: Get it done
Altersfreigabe: 18
Spoiler: keiner
Inhalt: Ruhe und Frieden haben für eine kleine Weile Einzug in Sunnydale gehalten und während Buffy sich von den schrecklichen Morden erholt, verbringen Willow und Spike ihre freie Zeit gemeinsam bei seinem Vater. Xander besucht Cordelia regelmäßig im Krankenhaus, immer in der Hoffnung, sie würde wieder aufwachen. Doch mit dem Beginn der Collegezeit ist diese Verschnaufpause schon bald beendet und das Spiel um Leben und Tod beginnt von neuem. – Diese Story ist eine Fortsetzung zu „Welcome to Sunnyhell“ und „Old enemies, new friends“ und somit die dritte Geschichte einer Horrortrilogie.

Paar(e)/Hauptcharakter(e): Willow/Spike, Buffy, Xander

Disclaimer: I do not own the characters in this story, nor do I own any rights to the television show "Buffy the Vampire Slayer". They were created by Joss Whedon and belong to him, Mutant Enemy, Sandollar Television, Kuzui Enterprises, 20th Century Fox Television and the WB Television Network.

Kommentar: Ein ganz großes Danke geht an Cloegirl, die das hier betagelesen hat *drückdich*

Der kursiv geschriebene Teil gibt Schlüsselstücke der ersten und zweiten Story wieder, man muss ihn also nicht unbedingt lesen, wenn man diese schon kennt.

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Teil 1   Teil 2   Teil 3   Teil 4  Teil 5  Teil 6  Teil 7   Teil 8  Teil 9   Teil 10   Teil 11   Teil 12   Teil 13   Teil 14   Teil 15   Teil 16  Teil 17

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Teil 1

„Du wirst es finden… irgendwann wirst du finden, was du begehrst… rotes und blaues Feuer… er-erfriere… n-nicht…“, stieß Drusilla mühevoll hervor, nach Luft schnappend, bevor jegliche Spannung aus ihrem Körper wich und sie mit leeren Augen an die Decke starrte.

 

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„Du selber trittst Leute, die bereits am Boden liegen. Weshalb sollte ich es nun anders machen? Wenn dich jemand um Gnade gebeten hat, hast du sie gegeben? Hast du aufgehört, wenn man darum gefleht hat?“

 

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„Ich will auch vieles, ich will dich nicht töten, ich will nicht wegen Menschen wie dir zum Monster werden, aber das wird dir auch nicht weiterhelfen.“

 

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„Ich hab auch erst heut Morgen von Amys und Oz’ Tod gelesen und glaub mir, ich war genauso überrascht wie du. Aber jetzt bin ich umso erleichterter darüber, dass wir endlich richtig zusammen sind. Wenn mich dieser Kerl erwischt, dann hab ich nichts zu bereuen“, erwiderte Xander Cordelia gegenüber ungewohnt ernst.

 

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„Ich hab dir was mitgebracht – damit du auch noch an mich denkst, wenn ich nicht da bin“, meinte Spike grinsend und zog hinter seinem Rücken eine einzelne weiße Gardenie hervor, was das Lächeln auf Willows Gesicht noch breiter werden ließ – falls das überhaupt noch möglich war.

 

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Willow hatte sich indessen gebückt, um ihre Schulsachen wieder aufzusammeln, in dem Versuch, die Clique einfach zu ignorieren, damit sie möglichst bald wieder verschwinden würde. Jedoch war ihr dabei kein Erfolg vergönnt, da Darla nun ebenfalls näher an sie herantrat und ihr Geschichtsbuch mit einem Tritt zu Harmony beförderte, die es grinsend aufhob und Buffy überreichte.

„Gib d-das wieder her“, bat die Rothaarige leise und wurde dafür nur mit noch mehr Gelächter belohnt.

„Sonst passiert was?“, erkundigte sich Buffy amüsiert und gleichzeitig herausfordernd, wusste sie doch nur zu genau, dass sie sich momentan in der besseren Ausgangsposition befand – abgesehen davon, dass die andere sich sowieso niemals selber verteidigen würde.

„Ich glaube, du hast ihre Bitte ganz gut verstanden, Summers“, erwiderte plötzlich eine kalte Stimme mit stark britischem Akzent direkt hinter der Blonden und nahm ihr gleichzeitig problemlos das Geschichtsbuch aus der Hand, da sie im ersten Moment viel zu überrascht war, um sich zu wehren.

 

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„Ich will Rache. Rache an dir und deinen Freunden. Rache für all die, die unter euch zu leiden haben. Ich will, dass ihr denselben Schmerz fühlt, den ihr ihr zugefügt habt!“, zischte ihr Gegenüber hasserfüllt, während er versuchte, die quälenden Bilder, die in ihm aufstiegen, zu verdrängen. Es würde nicht für lange anhalten, aber wenn er sich auf die Vergeltung für diese Tat konzentrierte, könnte er es zumindest für eine Weile vergessen, auch wenn ihn die Albträume bis heute verfolgten.

„Hast du noch einen letzten Wunsch?“, erkundigte er sich dann sardonisch, wobei er langsam seinen Dolch hervorholte.

 

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Tränen liefen über das Gesicht des blonden Mädchens, während sie mit zitternden Händen ihre Bücher aufhob und dabei verzweifelt versuchte, das schallende Gelächter um sich herum zu ignorieren. Man sollte meinen, dass sie nach Jahren der Demütigung daran gewöhnt wäre, gehänselt und ausgelacht zu werden, doch es versetzte ihr jedes Mal aufs Neue einen Stich ins Herz.

Aber bald waren Ferien, dann hätte sie nicht nur für eine Weile ihre Ruhe vor dem ganzen Spott, den ihr ihre Mitschüler andauernd entgegen brachten, sondern auch endlich jemanden, mit dem sie ein wenig Spaß haben könnte. Dann würde nämlich ihr Zwillingsbruder aus dem Internat nach Hause kommen und sie könnten sich endlich mal wieder sehen.

Sie hasste es, dass er die meiste Zeit so weit von ihr entfernt war, er war ihr einziger Freund und sie vermisste ihn furchtbar.

 

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„So? Und mit wem hast du dich diesmal so rumgetrieben, Will?“, erkundigte Ethan sich scheinbar interessiert, wobei er die verkürzte Version von Spikes eigentlichem Namen herausfordernd betonte. Er wusste nur zu gut, wie sehr er den Blonden damit in Rage bringen konnte und vielleicht gelang es ihm irgendwann einmal so weit, dass er komplett die Kontrolle verlor.

Tatsächlich schienen Spikes Augen plötzlich Funken aus unbändigem Zorn zu sprühen und für einen Moment sah er komplett rot. Er wollte sich auf Ethan stürzen und auf ihn einschlagen, so lange, bis er sich nicht mehr rühren würde. Damit er nie wieder das Andenken an sie beschmutzen konnte. Damit er nie wieder diesen Kosenamen verwenden konnte, einen Namen, mit dem nur sie ihn hatte bezeichnen dürfen.

 

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Ein trüber Schleier legte sich über Spikes Augen, als er sich an jenen Tag erinnerte, an welchem seine Mutter Ethan zum ersten – und wohlgemerkt auch letztem -  Mal widersprochen hatte. Er war zu spät hinzugekommen, um den Älteren von seinem ersten Schlag abzuhalten und hatte seine Mutter zusammengekauert auf einem Küchenstuhl vorgefunden, mit Tränen in den Augen, während Ethan mit erhobener Faust vor ihr gestanden hatte.

Im ersten Moment war er wie gelähmt gewesen, obwohl er seinen Stiefvater von Anfang an nicht hatte leiden können, hatte er sich um seiner Mutter Willen bemüht, mit ihm auszukommen. Wenn er auch nur ansatzweise geahnt hätte, wie der Ältere sich benehmen würde, hätte er niemals zugelassen, dass dieser Bastard mit ihnen zusammenzog.

Dann jedoch hatte er sich genug von seinem Schock erholt, um Ethans Faust – dank seines vor einigen Wochen begonnenen Fitnesstrainings - kurz vor ihrem Ziel abzufangen und seinen Stiefvater zurückzustoßen. Zu gern hätte er es dem anderen heimgezahlt, aber anstatt sich mit ihm zu prügeln, hatte er ihm lediglich einen langsamen, qualvollen Tod versprochen, sollte er jemals wieder eine Hand gegen seine Mutter erheben.

 

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„Ich… Es geht um Buffy. Sie… Ich hab das Gefühl, sie nicht zu kennen. Sie hält mich immer auf Abstand, ich komm nicht an sie heran. Immer wenn ich das Gefühl hab, sie würde mir endlich vertrauen, stößt sie mich wieder von sich. Irgendetwas steht zwischen uns, nur weiß ich nicht, was genau das ist und so lange ich das nicht weiß, kann ich auch nichts dagegen tun.“

 

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Tränen rannen über ihre Wangen und sie wünschte sich, ihr Bruder wäre bei ihr, dann hätte sie wenigstens jemanden, mit dem sie reden könnte. Er würde sie verstehen und trösten, er würde sie nicht im Stich lassen, oder gar über sie lachen, wie es alle anderen taten.

Noch nicht einmal ihre Eltern schienen zu bemerken, wie sehr ihr die Sprüche der anderen Schüler zusetzen. Sie behaupteten, sie würde von sich aus keine Freundschaften schließen wollen, weil sie hoffte, dass sie ihrem Zwillingsbruder dann erlauben würden, ebenfalls auf die Sunnydale High zu gehen.

 

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„Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich damals da gewesen wäre – bei dir. Wenn ich dich nicht einfach so im Stich gelassen hätte. Ob es etwas geändert hätte. Es tut mir so furchtbar leid. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und alles noch einmal anders machen, aber das kann ich nicht. Vielleicht kannst du es ja – da, wo du jetzt sein magst, ich weiß es nicht. Ich wollte dich nicht allein lassen, obwohl ich doch wusste, dass es dir nicht gut ging, auch wenn du mir nie gesagt hast, wie fertig du wirklich warst.

Warum nicht? Wieso hast du mir nicht erzählt, wie schlimm das alles war? Weshalb hast du alles so heruntergespielt, als wäre es nichts? Du hättest doch mit mir reden können. Denkst du, ich hätte dich nicht verstanden? Glaubst du, ich hätte ohnehin nicht versucht, dir zu helfen? Ich hätte es, so gut ich es eben gekonnt hätte.

Du bist die Person, die mir immer am wichtigsten gewesen ist, ich hab immer gedacht, du wüsstest das. Warum? Wieso hast du dich nicht von mir beschützen lassen? Und sag jetzt nicht, ich hätte das nicht gekonnt, ich hätte es versucht und ich hätte es auch schaffen können, ich hätte es, wegen dir. Für dich hätte ich alles geschafft. Wieso hast du dir nicht von mir helfen lassen? Ich vermiss dich so sehr.“

Die Stimme der Gestalt brach an dieser Stelle und Tränen liefen über ihre Wangen, während sie noch immer zum Himmel sah. Schuldgefühle schienen plötzlich von allen Seiten auf sie einzustürzen und sie schlang hilflos die Arme um ihren Oberkörper, als könnte es sie irgendwie vor sich selbst schützen.

 

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Wiccan_Girl: „Schon mal daran gedacht, dass manche Leute tatsächlich höhere Ambitionen haben, als das College in Sunnydale?“, entgegnete sie nur, was Spike die Stirn runzeln ließ.

Ihre Antwort versetzte ihm einen Stich ins Herz und er konnte die Tatsache nicht leugnen, dass er über ihren Weggang traurig wäre und sie vermissen würde. Er mochte sie mehr, als er es bisher zugegeben hatte und es war ihm nie in den Sinn gekommen, sie könnte irgendwann von hier fortgehen.

Aber eigentlich hätte er es sich denken können. Die High School war fast vorbei und Willow war die wahrscheinlich beste Schülerin in Sunnydale, klar wollte sie nicht in irgendeiner Kleinstadt studieren, wenn man sie überall annehmen würde. Weshalb hatte er nie darüber nachgedacht?

Evil_Vampire: „Du gehst nach den Sommerferien fort?“

Wiccan_Girl: „Ja, auch wenn ich noch nicht ganz genau weiß, wohin. Ich freu mich schon richtig auf das Studium, da fall ich mit meiner Begeisterung endlich nicht mehr aus der Reihe.“

Für einen Moment wusste Spike nicht, was er daraufhin erwidern sollte.

Es schien ihr absolut wichtig zu sein, das bemerkte er sogar, obwohl sie nur über den Computer mit ihm schrieb, sie stand noch nicht einmal vor ihm. Wollte er ihr diese Vorfreude wirklich verderben? Wäre es nicht besser, er hielte den Mund und ließe ihr ihren Spaß? Immerhin gab es immer noch E-Mails und SMS über die sie Kontakt halten könnten.

Er machte sich keine Illusionen darüber, dass man ihn an einem hoch angesehenen College aufnehmen würde.

Evil_Vampire: „Aber wir schreiben doch trotzdem noch miteinander, oder?“

Wiccan_Girl: „Klar, beim wem soll ich mich denn sonst ausheulen, wenn die Lernerei manchmal sogar mir zu viel wird?^^ Du kannst mich von allen Leuten, die überhaupt mit mir reden, am besten aufbauen =)“, schrieb Willow schnell zurück, darum bemüht, sich ihre Enttäuschung über seine Antwort nicht anmerken zu lassen.

Sicher, sie freute sich wahnsinnig auf das Studium, aber sie würde Spike auch schrecklich vermissen, mehr als er glaubte. Und wie es schien, auch mehr als er sie. Trotz besseren Wissens hatte ein Teil von ihr darauf gehofft, er würde sie bitten, hier zu bleiben, oder ihr wenigstens sagen, er hätte lieber mit ihr zusammen studiert – falls er das denn überhaupt vorhatte.

 

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„Das denkst du also von dir? Dass du eine Autoritätsperson für mich bist? Dass ich nicht lache“, spie Spike verächtlich, wobei er jedoch noch immer in Richtung Tür sah und Ethan somit keines Blickes würdigte.

„Weißt du was? Normalerweise hat man vor Autoritätspersonen, wie du so schön angedeutet hast, Respekt. Nur hast du dabei eines vergessen: Respekt muss erst verdient werden. Es ist etwas, das andere einem geben, nichts, was man sich einfach nehmen oder vielleicht kaufen kann.

Wenn du jemanden so lange bedrohst, bis er dir gehorcht, dann wird dieser das aus Angst tun, nicht aus Respekt. Das ist nicht dasselbe. Im Gegenteil, wenn überhaupt, dann nimmst du ihm nur die Möglichkeit, dich jemals respektieren zu können.

Ein Mensch, der es fertig bringt, seine eigene Ehefrau zu schlagen, verdient keinen Respekt sondern Verachtung. Vielleicht verstehst du ja jetzt, warum du keine Autoritätsperson in meinen Augen bist und es auch niemals sein wirst“, meinte er bitter und er schloss die Augen, um die Erinnerung an jenen Tag wieder zurückzudrängen.

 

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Mit gesenktem Haupt saß Xander an Cordelias Krankenbett, ihre leblose Hand in seiner haltend. Seine Augen waren vom Weinen gerötet und hätte er versucht zu sprechen, sein Rachen wäre wahrscheinlich zu wund gewesen, um einen vernünftigen Ton von sich zu geben, nachdem er nur eine halbe Stunde zuvor die Kellerwand angebrüllt hatte, als ob sie irgendetwas für den Angriff auf seine Cordy könne.

Da ihm beim Anblick seiner Liebe jedoch wieder einmal schmerzhaft bewusst geworden war, dass sie ihn sowieso nicht hören würde, oder selbst wenn, ihm zumindest nicht antworten konnte, hatte er seine Selbstvorwürfe auf seine Gedanken verlegt. Er war inzwischen zu müde, um noch irgendjemanden anzuschreien oder zu bedrohen, fühlte sich kraft- und antriebslos.

Es war als wäre mit der Erkenntnis, dass Cordelia wirklich nicht mehr wiederkommen würde, jeglicher Kampfgeist aus ihm gewichen und hätte einer leeren Hülle Platz gemacht, die nun mehr einfach so vor sich hinexistierte.

 

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„Ich will dich und diesen ganzen Haufen arroganter Arschlöcher tot sehen, damit ihr einmal in eurem verdammten Leben die Konsequenzen eurer Handlungen tragt“

 

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„W-Warum?“, krächzte Riley leise, wobei sein Blick schon langsam glasig wurde.

„Weil ihr dasselbe fühlen sollt, was ich gefühlt habe“, erwiderte die andere Person bitter und für den Bruchteil von Sekunden huschte so etwas wie Trauer über ihre Züge.

 

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Während der folgenden beiden Wochen gab es keine besonderen Vorkommnisse in Sunnydale. Das Leben in der kalifornischen Kleinstadt begann nach den Schreckensmeldungen der letzten Wochen langsam wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, wenn auch in einigen Haushalten mit kleinen Veränderungen. Nach wie vor war die Polizei dem Täter nicht auf die Spur gekommen, obwohl man die Morde inzwischen ganz sicher nicht mehr als Hirngespinste einiger gelangweilter Teenager abtun konnte und demzufolge etwas mehr Aufwand in die Ermittlungen steckte als zuvor – dennoch blieb der Täter wie vom Erdboden verschluckt.

An der Sunnydale High hatte inzwischen die jährliche Abschlussfeier stattgefunden, auf der – zum Erstaunen aller - ausgerechnet Buffy gefehlt hatte, die angeblich zu einem vorgezogenen Urlaub nach Frankreich aufgebrochen war. Es kursierten allerdings auch einige Gerüchte, dass sie nach den ganzen Ermordungen ihrer Freunde in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung wäre, was sowohl Spike als auch Willow mit Schadenfreude erfüllte, obwohl die Rothaarige das nicht so laut kundtat wie der Blonde.

Xander hingegen war zwar erschienen, aber bereits nach kurzer Zeit wieder gegangen und, ohne vorher noch einmal Zuhause vorbeizufahren und sich umzuziehen, zu Cordelia ins Krankenhaus gefahren.

 

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„Ich fahre den Sommer über zu meinem Vater und er hat gemeint, wenn ich will, kann ich jemanden mitbringen. Ich wollte dich fragen, ob du mich vielleicht begleiten magst“, wiederholte Spike  noch einmal langsamer und sah dann gespannt in Richtung der Rothaarigen.

Diese sah ihn für einen Moment völlig perplex an, bevor sich ein breites Strahlen über ihre Lippen legte und sie ihn spontan umarmte.

„Sehr gern sogar“, versicherte sie ihm leise.

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Lautes Lachen drang aus dem Wohnzimmer, in welchem Willow und Spike gemeinsam eine DVD ansahen – oder, besser gesagt, angesehen hatten. Denn momentan galt ihr Interesse keineswegs dem Fernseher.

Der Blonde hatte sich auf der Couch über sie gebeugt und begonnen, sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen gnadenlos durchzukitzeln, was sie dazu veranlasste, laut zu kreischen. Sein Grinsen verbreiterte sich daraufhin jedoch nur noch und auch als sie sich auf den Rücken fallen ließ, um seinen Händen zumindest für einen Moment zu entkommen und nach Luft zu schnappen, brachte ihn das nicht dazu aufzuhören.

Im Gegenteil, wenn überhaupt, strengte er sich daraufhin nur noch mehr an, sie zum Lachen zu bringen. Er kniete sich nun ebenfalls auf die Couch und stützte sich mit einer Hand neben ihrem Kopf ab, während er sie mit der anderen weiterhin erbarmungslos durchkitzelte.

Inzwischen waren ihre Versuche, sich zu wehren, zu einem kläglichen Zappeln verebbt und sie japste kichernd nach Luft, bevor sie ein bettelndes: „H-Hör auf, bitte“ herausbrachte.

Spike zog daraufhin amüsiert seine vernarbte Augenbraue nach oben und er beugte sich noch ein Stück weiter über sie, sodass sein Gesicht nun direkt über ihrem war.

„Warum sollte ich? Du gefällst mir so ganz gut“, neckte er sie lachend, hörte jedoch auf, sie weiterhin zu kitzeln, damit sie sich für einen Moment erholen konnte.

„Weil… ähm, weil ich dich darum bitte?“, schlug sie mit großen Augen vor und schenkte ihm jenen Blick, von dem sie wusste, dass er ihr damit kaum etwas ausschlagen konnte.

„Hm, lass mich überlegen… Nein, zu einfach“, erwiderte er mit einem Kopfschütteln, bevor er für einen Augenblick gespielt angestrengt nachdachte.

„Allerdings wäre ich vielleicht unter einer bestimmten Bedingung damit einverstanden“, weckte er dann ihre Neugierde, was sie zum Schmunzeln brachte, in dem Wissen, schon so gut wie gewonnen zu haben.

„Und die wäre?“, erkundigte sie sich interessiert und sie begann nun ebenfalls zu grinsen. Was Spike wohl wieder für eine Idee hatte?

Während ihrer Zeit bei seinem Vater hatte er sich eine ganze Menge einfallen lassen, um sie zu unterhalten und ihr war alles andere als langweilig gewesen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals schönere Ferien gehabt zu haben.

„Geh heute Abend mit mir aus“, bat er sie leise, plötzlich um einiges schüchterner, obwohl er seinen Blick nicht von ihr abwandte, es überhaupt nicht konnte, selbst dann nicht, wenn er gewollt hätte. Er hatte das Gefühl, förmlich in ihren Augen zu versinken, konnte sich einfach nicht mehr von ihr losreißen. Hatte den Eindruck, durch sie bis in ihre Seele schauen zu können, tief und unergründlich wie zwei wunderschöne Edelsteine.

Wie machte sie das bloß? Wie gelang es ihr, ihn so in ihren Bann zu ziehen? Was war es, das ihn so sehr an ihr faszinierte? Sicher, wenn man sie näher kannte, dann war sie eine wundervolle Person, lustig, nett, schön und klug.

Aber was hatte ihn überhaupt dazu gebracht, sie näher kennen lernen zu wollen? Hinter ihre schüchterne, unscheinbare Fassade zu sehen?

Wenn sie in einer Menschenmenge stand, würde sie niemandem auffallen – niemandem, außer ihm. Für ihn stach sie förmlich heraus, hob sich von den anderen mehr als deutlich ab. Weshalb?

„Wir waren bisher jeden Abend irgendwo. Warum sollte ich diesmal nicht zustimmen?“, entgegnete sie daraufhin etwas verwirrt.

Warum war er auf einmal so zurückhaltend? Gerade eben hatte er sie noch gnadenlos durchgekitzelt und mit ihr gelacht und jetzt war er plötzlich schon fast schüchtern. Hatte er denn Angst, sie würde nein sagen? Und wenn es das war, was brachte ihn überhaupt auf den absurden Gedanken, dass sie das tun würde?

„Nein, das meine ich nicht. Ich will, dass du richtig mit mir fortgehst, als Date, nicht nur als Freunde“, erklärte er mit einem kleinen Lächeln und gab sie anschließend frei, um ihr deutlich zu machen, dass er sie auch dann nicht weiter kitzeln würde, wenn sie ablehnte. So sehr er sich auch wünschte, sie würde ja sagen, er wollte dennoch eine ehrliche Antwort.

„Ich…“, begann Willow, verstummte dann allerdings, da sie nicht so recht wusste, was sie daraufhin erwidern sollte.

Wenn sie ja sagte, dann würde das ihre Beziehung in eine völlig neue Richtung lenken, eine, die sie selbst bisher noch gar nicht kannte. Und was, wenn dieser Versuch schief gehen würde? Wenn sie feststellen würden, dass sie nicht zueinander passten? Oder sie ihm doch nicht gefiel? Dann würde das vielleicht ihre Freundschaft zerstören, das wollte sie auf gar keinen Fall.

Aber wenn sie ablehnte, würde es ihn wahrscheinlich genauso verletzen wie sie selbst. Es schien ihn eine Menge Überwindung gekostet zu haben, sie zu fragen. Obwohl er sich sonst immer betont lässig gab, konnte sie nun erkennen, dass er nervös war.

Egal welche Entscheidung sie traf, das Ergebnis würde die Freundschaft zwischen ihnen verändern. Ob in eine gute oder schlechte Richtung, das lag in ihrer Hand. Vielleicht war es ja gar keine so üble Idee, einfach zuzustimmen? Dann hätten sie zumindest eine Chance, zusammen zu sein, eine Chance, ihren Traum zu erfüllen. Sie wünschte sich schon lange mehr als nur eine Freundschaft mit Spike, aber sie hatte bisher nie den Mut aufgebracht, ihm das auch zu zeigen, weil sie immer geglaubt hatte, er mochte sie nicht auf diese Art und Weise.

„Tut mir leid, ich hätte dir diese Frage nicht stellen sollen“, unterbrach der Blonde plötzlich ihre Überlegungen, woraufhin sie leicht aufschrak. „Das war dumm von mir, es ist offensichtlich, dass du nichts von mir willst.“

Inzwischen hatte er seinen Blick von ihr abgewandt und den Kopf gesenkt, um angestrengt den Teppich anzustarren. Seine Schultern waren nach vorn gefallen und alles in allem sah er ziemlich enttäuscht und traurig aus.

Er schien es wirklich ernst zu meinen.

„Vergiss einfach wieder, was ich gesagt habe“, setzte er dann noch hinzu, bevor er sich leise erhob und zur Tür gehen wollte.

Diese Bewegung brachte endlich Leben in die Rothaarige. Sehr viel schneller als er es ihr zugetraut hätte, war sie auf den Beinen und hatte ihn am Arm gepackt, um ihn zurückzuhalten.

„Warte!“, hielt sie ihn schon fast panisch auf. Er wusste nicht was genau es war, aber irgendetwas an der Tonlage ihrer Stimme brachte ihn dazu, tatsächlich inne zu halten und abzuwarten, was sie ihm noch zu sagen hatte.

„Ich würde gerne mit dir gemeinsam fortgehen, ich war nur erst etwas überrascht“, gab sie dann leise zu. Ihre Wangen hatten sich gerötet, wie so oft, wenn seine ganze Aufmerksamkeit auf ihr ruhte und sie wich seinem Blick ein wenig schüchtern aus.

Dennoch lag ein Strahlen auf ihren Lippen und wer sie in diesem Moment sah, würde absolut nicht leugnen können, dass sie wirklich gerne ein Date mit Spike haben wollte.

Dieser schien nun doch von ihrer Antwort überzeugt zu sein, trotz der Zweifel, die in ihm herrschten, wenn auch mehr durch ihren begeisterten Gesichtsausdruck als durch ihre Worte.

„Reicht dir eine halbe Stunde, um dich fertig zu machen, Luv?“, erwiderte er mit einem freudigen Grinsen, nun wieder genauso selbstsicher wie sonst auch immer.

„Jepp, kein Problem“, stimmte sie zu und machte sich auch gleich auf den Weg in das Gästezimmer, in welchem sie übernachtete, um sich umzuziehen. Sie bekam gerade noch so mit, wie Spike ihr ein lautes: „Nimm deine Badesachen mit“ hinterher brüllte, bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und sie zum Kleiderschrank eilte.

 

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Teil 2

 

Spike war mit Willow nur eine halbe Stunde nach dem Gespräch zum Rand eines kleinen Wäldchens gefahren und hatte dort sein Motorrad in einer Art Blockhütte abgestellt, die sein Vater, wie er ihr später erzählte, zur Unterbringung einiger Angelutensilien verwendete.

Daraufhin hatte sie ihn natürlich gefragt, wieso sie Badesachen hatte mitnehmen sollen, doch er hatte nur gegrinst und ihr ein belustigtes: „Das wirst du gleich sehen“ ins Ohr geflüstert, um sie dann an der Hand zwischen den Bäumen hindurchzuführen. Einen Weg hatte sie dabei nicht erkennen können, obwohl sie im Licht des Vollmondes eigentlich noch genug sehen konnte, um sich einigermaßen zu orientieren. Dennoch schien er genau gewusst zu haben, wo er lang musste und während der Wald für sie nur ein Wirrwarr aus Bäumen darstellte, schien er diese Gegend sehr gut zu kennen.

Ihr war nichts anderes übrig geblieben, als ihm zu vertrauen und zu hoffen, dass er oft genug hier gewesen war, um sein Ziel auch ohne einen erkennbaren Weg oder wenigstens Trampelpfad zu finden.

Tatsächlich hatte sie sich auch schon nach kurzer Zeit auf einer nicht allzu großen, dafür aber wunderschönen Lichtung wieder gefunden, in deren Mitte sich ein See befand. Das Mondlicht ließ das klare Wasser geheimnisvoll glitzern und verlieh dem Ganzen eine mystische Atmosphäre wie man sie sonst nur aus Filmen kannte. Man hatte das Gefühl, die Zeit wäre an irgendeinem Punkt stehen geblieben und die Natur hielte den Atem an, so ruhig war es.

Sogar die Oberfläche des Sees schien spiegelglatt zu sein und lief am Rand sanft in die saftig grüne Wiese über, welche wiederum durch immer größer und dichter werdendes Buschwerk mit dem Rest des Waldes verbunden war. Es war ein harmonischer Übergang, ein Bild, an dem wirklich alles zusammen passte, Vollkommenheit ohne krampfhafte Perfektion, wie ein Mensch sie nicht schaffen konnte. Noch nicht einmal der Wind schien diesen Frieden stören zu wollen, war doch lediglich ein leises Rascheln der Blätter in den Bäumen zu vernehmen.

 

Im ersten Moment war die Rothaarige von dem Anblick überwältigt gewesen und hatte sich nicht vom Fleck gerührt, aber dann war sie Spike begeistert um den Hals gefallen, was dieser sich mit einem Grinsen gefallen lassen hatte. Zwar hielten ihn die meisten Leute nicht unbedingt für romantisch, doch entgegen der allgemeinen Erwartungen wusste er sehr wohl, was einem Mädchen wie Willow gefiel. Dass ihm dieser Ort selbst auch durchaus nicht wenig gefiel, würde er allerdings nicht so leicht zugeben, schließlich hatte er ein Image aufrechtzuerhalten.

Nachdem sie über ihre erste Begeisterung hinweggekommen war, waren die beiden gemeinsam eine Weile im See schwimmen gewesen und hatten miteinander herumgealbert, bis es ihnen dann doch zu kalt geworden war. Auch wenn es eine milde Sommernacht war, so erhitzte sich das Wasser eines Waldsees nicht so schnell, dass man darin für längere Zeit bleiben könnte ohne zu frieren, obgleich die letzten beiden Wochen wirklich wunderschönes Wetter gewesen war.

 

Nun saßen die beiden wieder in ihrer normalen Kleidung und mit leichten Jacken auf einer Wolldecke und sahen gemeinsam zum Himmel hinauf. Spike hatte sich an einem Baumstamm abgestützt und Willow nutzte diese Gelegenheit, um sich ihrerseits an ihm anzulehnen und seine Nähe zu genießen. Normalerweise hätte sie sich so eine vertrauliche Geste nicht gestattet, aber dass er sie um ein Date gebeten hatte, hatte sie zumindest ein kleines Stück selbstsicherer gemacht.

 

„Ich werde dich vermissen, wenn du studieren gehst, weißt du das?“, unterbrach der Blonde plötzlich die Stille mit sanfter und zugleich ein wenig trauriger Stimme.

Sein Griff um ihre Taille festigte sich unwillkürlich und bevor er selbst überhaupt richtig realisierte, was er tat, hatte er ihr auch schon einen Kuss auf die Schulter gehaucht. Ganz fein und vorsichtig, fast gar nicht zu spüren.

 

„Ich dich auch, sehr sogar“, gab sie daraufhin ein wenig überrascht zu. Zwar hatte er ihr das bereits einmal geschrieben, doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass er es auch dann eingestehen würde, wenn er direkt bei ihr war und nicht vor einem Computerbildschirm.

„Ist das der Grund, aus dem du mich um dieses Date gebeten hast? Damit ich nicht fortgehe?“

 

„Nein“, beeilte er sich, ihr zu versichern. Er wollte nicht, dass sie dachte, es wäre nur eine fixe Idee von ihm, um sie zum Bleiben zu überreden. Er hatte sie darum gebeten, weil er dabei war, sich in sie zu verlieben – falls er das nicht schon längst hatte -,  nicht, weil er ihr seine Wünsche aufzwängen wollte.

„Nein, ich will nicht, dass du nur wegen mir deine Pläne änderst. Mit deinem Abschluss hast du die Chance an einigen der besten Universitäten der Welt zu studieren, die solltest du auch nutzen – falls du dich denn endlich mal für eine entscheiden könntest“, konnte er sich nicht verkneifen, sie wenigstens ein bisschen zu necken.

„Ich hab dich um dieses Treffen gebeten, weil ich dich mag, sehr sogar. Dass du bald fort gehst, hat dabei auch eine Rolle gespielt, zugegeben, aber nicht so wie du vielleicht jetzt denkst. Sondern viel mehr, weil ich… na ja, ich… also“, stammelte er ein wenig unschlüssig und mit einem Mal kam er sich vor wie ein kleiner Schuljunge. Seit wann war er so auf den Mund gefallen? Er erinnerte sich selbst ja schon fast wieder an William, obwohl er dieses Verhalten schon lange abgelegt zu haben glaubte.

In diesem Moment war er heilfroh darüber, dass der Mondschein gerade genug Licht spendete, um Umrisse und verschiedene Grautöne erkennen zu können, denn sonst wäre Willow der leichte Rotton seiner Wangen sicherlich nicht entgangen. So aber fiel ihr lediglich auf, dass er nicht so recht weiterwusste, was an sich jedoch auch schon genug war, um sie ein wenig stutzen zu lassen.

Was er ihr wohl damit sagen wollte?

Es musste sich um etwas ziemlich Persönliches handeln, denn bisher hatte sie ihn nur höchst selten sprachlos gesehen. Sonst hatte sie es sich bei diesen Gelegenheiten natürlich auch nicht nehmen lassen, ihn ein wenig damit aufzuziehen, doch diesmal sagte ihr irgendetwas, dass sie das lieber bleiben lassen sollte.

Stattdessen wartete sie geduldig darauf, wie er fortfahren würde.

 

Spike presste seinerseits für eine Weile nachdenklich die Lippen aufeinander und starrte ausdruckslos in Richtung des Sees, bevor er noch einmal tief Luft holte, um anschließend erneut anzusetzen: „Ich wollte dich schon eine ganze Weile um ein Date bitten, aber ich war mir nicht sicher, ob du auch zustimmen würdest und ich wollte unsere Freundschaft nicht gefährden.

Und jetzt… na ja, ich hab mir einfach gedacht, dass wir uns nach diesem Sommer sowieso lange Zeit nicht sehen können und dass ich demzufolge auch nichts zu verlieren habe, wenn ich dich einfach frage. Schlimmstenfalls hättest du den Kontakt zu mir ein paar Wochen eher abgebrochen.“

 

Auf Willows Gesicht breitete sich auf dieses Geständnis hin ein breites Lächeln aus und sie schmiegte sich noch ein Stück enger an seine Brust, bevor sie leise versicherte: „Ich werde den Kontakt zu dir überhaupt nicht abbrechen. Wir werden uns nicht sehen können, ja, aber es gibt immer noch E-Mails, SMS und Telefone. Da kannst du mir ganz genau berichten, was du alles gemacht hast und ich kann dir jeden Abend erzählen, wie mein Tag gewesen ist.“

 

„Das ist nicht wirklich dasselbe. Ich will dich richtig sehen, nicht nur deine Stimme über irgendein blödes Telefon hören und gleichzeitig wissen, dass du so weit weg bist“, beschwerte er sich ein wenig beleidigt.

Für einen Augenblick hatte sie den Eindruck, er wolle noch mehr sagen, aber dann schüttelte er nur den Kopf, wie man es tat, wenn man einen unausgesprochenen Gedanken wieder beiseite schieben wollte.

 

„Es gibt ja immer noch Semesterferien und da kann ich dich besuchen kommen oder du mich“, versuchte sie ihn ein wenig trösten und drehte sich dann in seinen Armen herum, um seine Lippen mit einem Kuss zu versiegeln, bevor er noch weiter protestieren konnte.

 

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Buffy hatte nach drei Wochen in einer psychiatrischen Klinik den Großteil ihres alten Selbstvertrauens – und leider auch ihrer unausstehlichen Arroganz – zurückerlangt und hatte sich anschließend auf einen Erholungsurlaub begeben, bevor das College beginnen würde. Entgegen ihrer Ankündigung war sie allerdings nicht nach Frankreich gefahren, da ihr sowieso keiner glauben würde, dass sie den ganzen Urlaub an einem einzigen Ort verbracht hatte, wenn sie erst einmal zurück in Sunnydale war.

Stattdessen hatte sie sich in das Ferienhaus ihrer Familie auf Capri, einer kleinen italienischen Felseninsel am Golf von Nepal, zurückgezogen. Hier fand man trotz des Tourismus seine Ruhe und auch wenn der Name keinen allzu spektakulären Eindruck hinterließ, so wusste jeder, der nur ein einziges Mal dort gewesen war, wie atemberaubend dieser Ort wirklich war.

Erhoben sich auf der einen Seite der Insel plötzlich kahle Felswände aus kristallklarem, türkisblauem Wasser, so fand man auf der anderen Seite einen Wechsel aus Bäumen und Häusern. Steile Treppen führten zum Strand hinunter, welcher zwar sehr steinig war, dafür aber in einer atemberaubenden Landschaft lag.

Man konnte schier unendlich weit hinaus schwimmen und dennoch sah man immer noch den Grund des Meeres, so klar war das Wasser, fast schon wie aus einer Fotomontage, real nicht vorstellbar, so lange man es nicht selbst gesehen hatte. Das Licht brach sich an der Oberfläche, hinterließ ein Schimmern und Glitzern, dessen Töne von einem tiefen Blau, über Türkis bis hin zu schneegleichem Weiß reichten – gleich einem Zauber, den man unmöglich beschreiben konnte.

Eine malerische Landschaft, deren Schönheit noch nicht einmal Buffy leugnen konnte, obwohl diese, was ihre Urlaubsziele betraf, doch sehr verwöhnt war. Sollten die anderen bei ihren Erzählungen noch nicht verstehen, warum ihre Familie ausgerechnet hier ein Ferienhaus hatte, so würden sie spätestens die Bilder überzeugen.

Hier könnte sie sich zweifellos von ihrem Schock, den die Tode ihrer Freunde verursacht hatten, erholen und gleichzeitig wäre es ihr auch möglich, ihre neue Clique, an deren Bestand sie bereits mit Hilfe von endlosen Handygesprächen arbeitete, zu beeindrucken. Sie hatte sich umfassend darüber informiert, wer alles weiterhin in Sunnydale bleiben und dort studieren würde, und es war kein allzu großes Problem gewesen, entsprechend näheren Kontakt zu einigen Leuten aufzunehmen.

 

Dawn, Robin und Amanda kannte sie schon aus der Sunnydale High und sie hatte sich bereits zu dieser Zeit mehrfach mit ihnen getroffen, wenn auch nicht so oft wie mit ihren anderen Freunden. Diese drei würden zusammen mit Xander auf alle Fälle in ihrer neuen Clique sein und wahrscheinlich auch mehr werden als Gelegenheitsfreunde. Dann war da natürlich auch noch Faith, Dawns Cousine, die gemeinsam mit ihrem Freund Wesley aus Boston umziehen würde, zwar kannte sie die beiden bisher nicht persönlich, aber von dem, was sie bisher über Faith gehört hatte, würden sie sich ganz gut verstehen.

Anya und Kennedy besuchten bereits seit vorigem Jahr das College, was ihrem neuen Status gerade recht kam, besonders was die älteren Studenten betraf. Die würden wohl eine Weile brauchen, um sich daran zu gewöhnen, dass sie in Zukunft im Mittelpunkt stehen würde.

Die einzigen beiden, die überhaupt nicht nach ihrem Geschmack waren, waren Andrew und Jonathan, die Freunde von Dawn und Amanda, aber die würde sie wohl oder übel in Kauf nehmen müssen. Nun ja, vielleicht waren ja wenigstens die Computerkenntnisse dieser beiden Freaks irgendwann zu gebrauchen. Mal ehrlich, was fanden die zwei Mädchen nur an Typen wie denen? Sie konnten doch nun wirklich ohne Probleme jemand besseren bekommen.

 

Ein theatralisches Seufzen drang über ihre Lippen und sie betrachtete kritisch ihre perfekt manikürten Fingernägel, wobei ihr Blick unwillkürlich an der leicht geröteten Haut ihrer Arme hängen blieb. So herrlich das Wasser auch sein mochte, der Salzgehalt bekam ihr einfach nicht, stellte sie mit einem Schmollen fest.

 

~*~*~*~

 

Der sonst so traurige Ausdruck auf ihrem Gesicht war an diesem Tag einem schwachen Lächeln gewichen und zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie es nicht ganz so schlimm, heimzukommen und zu wissen, dass ihr Zwillingsbruder nicht da sein würde. Sonst wünschte sie sich immer nichts sehnlicher als dass er im Wohnzimmer auf sie warten würde, um sie zu überraschen, anstatt einfach nur anzurufen.

Doch diesmal war ihre Enttäuschung über sein Fehlen nicht gar so groß – obwohl sie wusste, dass er nichts dafür konnte, war sie ein kleines bisschen sauer auf ihn, weil sie sich von ihm im Stich gelassen fühlte – und anstatt mit Tränen in den Augen auf ihr Zimmer zu gehen, holte sie sich das tragbare Telefon, um ihn anzurufen.

 

„Hallo?“, meldete sich schon kurz darauf eine Stimme am anderen Ende der Leitung und ihr Lächeln wurde noch ein klein wenig breiter, als sie ihn hörte.

 

„Hi, ich bin’s. Ich hab gedacht, ich rufe dich zur Abwechslung mal selber an, statt darauf zu warten, dass du dich meldest“, begann sie ungewöhnlich gut gelaunt.

 

Ihr Bruder schien daraufhin ein wenig überrascht zu sein, denn es dauerte eine Weile, bis er antwortete.

„Hey, wie komm ich denn zu der Ehre? Gibt es da etwas, das du mir beichten willst?“, neckte er sie, erleichtert darüber, sie im Gegensatz zu sonst so fröhlich zu erleben. Er hatte sich die letzten Wochen ziemlich um sie gesorgt, da sie immer depressiver zu werden schien und er ihr nicht helfen können hatte. Doch nun schien sie sich gefangen zu haben und was auch immer es war, das diesen Wandel bewirkt hatte, er hoffte, es würde anhalten.

 

„Kann man so sagen“, entgegnete sie lachend. „Ich hab heute ein Mädchen in der Bibliothek kennen gelernt, die ist genauso schüchtern wie ich und wird auch immer von den anderen fertig gemacht. Wir haben uns ein bisschen unterhalten und wollen uns später noch zum Lernen treffen. Vielleicht schaff ich es ja doch noch, wenigstens ein paar Freunde zu finden?“

 

„Ich drück dir die Daumen. Bisher ist es immerhin schon ein Wunder, dass du dir überhaupt getraut hast, mit ihr zu reden“, meinte er daraufhin, was sie grinsen ließ.

 

„Na, das sagt der Richtige, als ob du da so viel besser wärst“, konnte sie sich nicht verkneifen, zu feixen.

„Was gibt’s bei dir neues?“, erkundigte sie sich dann wieder ernster.

 

„Nicht wirklich was neues, hier passiert nichts interessantes“, wich er daraufhin aus, da er sie nicht beunruhigen wollte. Er wollte ihre gute Laune nicht verderben, indem er ihr erzählte, dass er schon wieder Ärger mit Larry gehabt hatte.

 

„Ich vermiss dich“, meinte sie dann leise. Zwar glaubte sie ihm nicht so recht, dass es nichts zu erzählen gab, aber sie wusste, wie stur er sein konnte. Wenn er nicht reden wollte, dann würden ihn auch keine Proteste ihrerseits davon abbringen, von daher war es besser, sie akzeptierte seinen Wunsch, das Thema zu wechseln.

 

„Ich vermiss dich auch, aber ich komm in zwei Wochen heim, da sehen wir uns“, versuchte er, sie ein bisschen zu trösten, bevor er fortfuhr: „Ich hab noch ziemlich viele Hausaufgaben auf und wir schreiben morgen noch einen Test in Geschichte. Ist es okay, wenn ich dich morgen wieder anrufe? Dann können wir länger reden.“

 

„Okay“, erwiderte sie ein wenig enttäuscht. Sie hätte gern noch eine Weile mit ihrem Zwillingsbruder gesprochen, doch sie wusste, wie wichtig ihm die Schule war und sie hatte ihn bereits gestern den gesamten Nachmittag in Beschlag genommen. Abgesehen davon hatte sie heute auch so noch etwas, auf das sie sich freuen konnte. „Bye“, verabschiedete sie sich von ihm.

 

„Mach’s gut, ich ruf dich morgen an, versprochen“, entgegnete dieser ebenfalls ein wenig betrübt, da auch er gerne länger mit ihr geredet hätte, doch in letzter Zeit schien er ständig irgendetwas anderes zu tun zu haben und kam nicht halb so oft dazu, mit ihr ein ausführliches Gespräch zu führen, wie er es sich gewünscht hätte.

 

Teil 3

 

Verträumt glitt Willows Blick zu Spike, der mit seiner Gitarre auf dem Schoß im Garten saß. Es war für sie eine ziemliche Überraschung gewesen, zu erfahren, dass er ein Instrument spielen konnte und selbst wenn sie das gewusst hätte, hätte sie weniger auf eine Gitarre getippt – vielleicht eher auf ein Schlagzeug.

Während der gemeinsamen Zeit bei seinem Vater hatte sie ihn jedoch öfter dabei ertappt, wie er ihr meist unbekannte Melodien spielte, wenn er sich unbeobachtet glaubte. In diesen Momenten war von seinem typischen Bad Boy Image nichts mehr übrig geblieben und er wirkte wie viele andere in seinem Alter auch, vielleicht ein wenig nachdenklicher.

Da war ein seltsamer Zug um seinen Mund, den sie nicht ganz zu deuten wusste – halb lächelnd, halb traurig – und seine Augen nahmen einen trüben Ausdruck an, als ob er gar nicht hier wäre, seine Umwelt gar nicht mehr realisierte.

Sie fragte sich wirklich, an was er wohl denken mochte, dass er so abwesend erschien und ihre Anwesenheit erst immer dann bemerkte, wenn sie ihn bereits ein paar Mal angesprochen hatte.

Einmal hatte sie dieses Thema bei einem Gespräch angeschnitten, doch Spike hatte nur abgewunken und gemeint, sie bilde sich das Ganze nur ein, er würde sich lediglich auf die Melodie konzentrieren müssen, weil er ja keine Noten vor sich liegen hatte. Abgenommen hatte sie ihm diese Ausrede natürlich nicht, besonders da er eines dieser Lieder immer und immer wieder zu spielen schien, er musste es schon lange in- und auswendig können, ohne darüber

nachzudenken.

Dennoch hatte sie es danach nicht noch einmal gewagt, ihn erneut zu fragen, aus Angst, er könnte wütend auf sie werden, wenn sie ihn ständig an etwas erinnerte, über das er offensichtlich nicht reden wollte. Sie wünschte sich nur, er würde ihr, was das betraf, ein wenig mehr vertrauen – so schlimm konnte, was auch immer er nicht verraten wollte, gar nicht sein, dass es ihre Meinung über ihn ändern würde. Was fürchtete er also?

 

Ihre Überlegungen wurden plötzlich von Spike unterbrochen, der die Gitarre sachte zur Seite gelegt und sich nun ihr zugewandt hatte. Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass er sie bemerkte, ohne dass sie ihn vorher auf sich aufmerksam machen musste.

„Hi Luv. Hast du endlich ausgeschlafen?“, zog er sie amüsiert auf, seine vernarbte Augenbraue neckend nach oben gezogen. Er hatte sich in den letzten Wochen wiederholt darüber lustig gemacht, dass sie meistens bis Mittag geschlafen hatte, obwohl während der Schulzeit er derjenige von ihnen beiden war, der morgens nie aus dem Bett kam und deswegen öfters zu spät in die High School gekommen war.

 

„Hey, ich kann auch nichts dafür, dass du in den Ferien zu solchen unmöglichen Zeiten aufstehst. Abgesehen davon scheinst du den Vormittag ja ganz gut genutzt zu haben. Wie heißt das Lied, das du eben gespielt hast? Es klang wirklich schön, wenn auch ein bisschen traurig“, erkundigte sie sich interessiert, bevor sie sich neben ihn setzte.

 

„Ich hab die Melodie selbst erfunden – ist schon ’ne Weile her“, entgegnete er mit einem Schulterzucken, nur um dann gleich das Thema zu wechseln.

„Was willst du in der letzten Woche, die wir gemeinsam haben, bevor das College anfängt, noch so unternehmen? Irgendwelche Wünsche, Pet?“

 

Willow seufzte auf diese Antwort hin leise, da er ihr schon wieder ausgewichen war. Was für ein Geheimnis hatte es nur mit dem Gitarre spielen auf sich? Wieso wollte er nicht darüber reden?

Oder bildete sie sich das Ganze vielleicht nur ein? Konnte es sein, dass er es nur nicht für wichtig hielt und deswegen immer so kurz angebunden war? Immerhin musste nicht hinter allem ein besonderer Grund stecken, es war gut möglich, dass es ihm einfach nur Spaß machte und es für ihn ein Hobby war wie jedes andere auch.

Mit einem Kopfschütteln versuchte sie, ihre Zweifel zu verdrängen und ging dann auf seine Frage – und damit den Grund, aus dem sie mit ihm reden hatte wollen – ein.

„Was das College betrifft, da muss ich dir etwas gestehen“, begann sie mit einem kleinen Lächeln, bevor sie herausplatzte: „Ich werde in Sunnydale bleiben.“

 

Der Blonde sah sie daraufhin für einen Moment völlig entgeistert an.

„Du wirst was?“, würgte er dann fassungslos hervor, in dem Glauben, sich gerade eben verhört zu haben. Hatte sie wirklich gesagt, sie würde in Sunnydale bleiben? Dass sie nicht fortgehen würde? Oder träumte er das alles nur?

 

„Ich will mit dir zusammen studieren, Spike“, erklärte sie ruhig, obwohl ihr Lächeln sich zu einem breiten Strahlen ausgeweitet hatte.

Ihre Augen funkelten vergnügt und es war ihr deutlich anzusehen, wie sehr sie sich darauf freute, auch weiterhin Zeit mit ihm verbringen zu können, wenn sie wieder in Sunnydale waren – zumal sie ja jetzt ein Paar waren.

Zwar war ihr die Entscheidung zu bleiben nicht gerade leicht gefallen – sie hatte immer davon geträumt, an einem hoch angesehenen College zu studieren -, doch nachdem sie nun nicht mehr nur von einer Beziehung mit Spike träumen musste, war der Gedanke, so lange von ihm getrennt zu sein, schier unerträglich erschienen. Abgesehen davon war sie sich auch nicht sicher gewesen, ob sie es wirklich fertig gebracht hätte, so einfach ihr altes Leben aufzugeben und sich neu in einer fremden Stadt orientieren zu müssen, völlig ohne jegliche Unterstützung durch Freunde oder Familie. 

Diese Worte schienen Spike nun endlich aus seiner Erstarrung zu reißen und er sprang begeistert auf. Anstatt etwas zu erwidern nahm er sie in die Arme, um sie dann im Kreis um sich herumzuwirbeln, bevor er sie wieder absetzte und leidenschaftlich küsste. 

„Ich nehme dann mal an, das heißt, du freust dich“, gluckste Willow anschließend, woraufhin auch der Platinblonde grinsen musste. 

„Was soll ich sagen? Du verstehst mich eben ohne Worte, Luv“, entgegnete er schlagfertig, nur um sie danach erneut zu küssen, diesmal ruhiger und zärtlicher.

 

~*~*~*~

 

Ein leises Fluchen drang über Spikes Lippen und er hatte Mühe, sich ein genervtes Augenrollen zu verkneifen, als er um die Ecke bog. Sein Blick fiel genau auf Buffy, die anscheinend schon wieder eine neue Clique gefunden hatte, mit der sie jeden, den sie nicht leiden konnte, terrorisieren konnte.

Dabei sollte man wirklich meinen, die Ereignisse der letzten Monate hätten sie zumindest genügend aus der Bahn geworfen, um nicht in ihr altes Verhalten zurückzufallen. Aber wie es aussah war sie ziemlich schnell über den Tod ihrer Freunde hinweggekommen und die Zeit, die seit Schulschluss vergangen war, hatte ihr gereicht, um zurück zu ihrem arroganten Selbst zu finden.

Verängstigt und von Grund auf erschüttert hatte sie ihm definitiv besser gefallen, auch wenn das sicher keine freundliche Meinung war.

 

Genervt schüttelte er den Kopf und ließ seinen Blick über Buffys neue „Freunde“ schweifen, wobei er feststellte, nicht alle zu kennen. Zu ihrer rechten Seite stand Dawn, die sich angeregt mit Amanda unterhielt und dabei kicherte, als würde man sie zu Tode kitzeln. An diese beiden konnte er sich noch ganz gut aus der Sunnydale High erinnern, da waren sie zwar nicht allzu oft mit der Blondine zu sehen gewesen, aber sie hatten dennoch hin und wieder miteinander geredet.

Hinter ihnen standen zwei Typen, die wahrscheinlich ihre Freunde sein mussten, denn er war sich ziemlich sicher, dass Buffy andernfalls niemals solche Nerds in der Nähe ihrer Clique dulden würde.

Auch an die beiden jungen Frauen auf der anderen Seite der Blonden konnte er sich noch recht gut erinnern, obwohl sie etwas älter waren und sicher nicht erst seit diesem Jahr auf die Universität in Sunnydale gingen. Anya und Kennedy hießen sie, wenn er sich nicht täuschte. Dennoch erstaunte ihn ihre Anwesenheit etwas, da er sich zu entsinnen glaubte, dass Kennedy lesbisch und Anya zumindest bi war. Waren die beiden nicht sogar zusammen?

Lediglich zwei Personen der Gruppe kannte er nicht. Eine davon war eine feurige Brünette, die seiner Meinung nach ebenfalls nicht in Buffys Standardschema ihrer Freunde passte, da sie dafür viel zu provokativ gekleidet war. Hätte er nicht schon Willow, hätte sie ihn unter Umständen vielleicht sogar beeindrucken können. Der Andere hingegen passte in seiner Jeans und dem teuer aussehendem Hemd hingegen wieder genau in seine Vorstellung von den Freunden der

Blondine.

In diesem Moment registrierte er nur unbewusst, dass eigentlich noch eine Person der Clique fehlte: Xander war bisher noch nicht auf dem Campus aufgetaucht und da keiner etwas von ihm gehört hatte, wusste auch niemand, ob er überhaupt hier studieren würde. Noch nicht einmal Buffy war es gelungen, Kontakt zu ihm aufzunehmen, weil er sein Handy ständig ausgeschaltet hatte – entweder das, oder er hatte eine neue Nummer - und während der Ferien auch nie daheim anzutreffen gewesen war.

 

Mit einem entnervten Kopfschütteln setzte Spike seinen Weg fort. Normalerweise hätte er liebend gern einen Streit mit Buffy begonnen, aber er hatte Willow versprochen, sich mit ihr zu treffen, sobald er auf dem Campus war. Abgesehen davon wäre diese bestimmt sauer auf ihn, wenn sie erfuhr, dass er bereits am ersten Tag gleich eine Auseinadersetzung anzettelte. Von daher sollte er lieber verschwinden, bevor ihn die Blonde noch bemerkte und ihn provozierte.

 

~*~*~*~

 

Empörung legte sich über Dawns Gesicht und ihre Lippen verzogen sich zu einem beleidigten Schmollmund, als sie sah, dass Andrew schon wieder völlig in das Geschehen an seinem Laptop vertieft war. Und das, obwohl sie ihm gesagt hatte, dass sie gleich wieder da wäre und er nur kurz warten müsste. Konnte er denn nicht einmal fünf Minuten ohne dieses verdammte Ding leben?

Sie verstand wirklich nicht, was an „Star Wars“ und ähnlichen Filmen dermaßen interessant sein sollte, damit man darüber beinahe das reale Leben vergaß.

 

„Andrew, ich bin wieder da“, riss sie ihn aus seiner Konzentration, wobei sie sich wirklich darum bemühte, ihrer Stimme einen neutralen Klang zu verleihen. Wenn er denn wenigstens jetzt seine Aufmerksamkeit auf sie lenken würde, dann könnte sie sich damit abfinden, dass er schon wieder mehr Zeit mit dieser dämlichen Serie verbrachte als mit ihr.

 

Dieser schien sich jedoch nicht bewusst zu sein, wie sauer die Dunkelhaarige auf ihn war, denn er gab lediglich ein kurz angebundenes: „Moment, noch eine Minute“ von sich, anstatt sich seiner Freundin zuzuwenden, der daraufhin fassungslos der Mund aufklappte.

Wieso tat sie sich das überhaupt an? Warum hatte sie ausgerechnet Andrew als Freund, wo diesem doch selbst sein Laptop wichtiger zu sein schien als sie? Was hatte er, was andere nicht hatten? Seine Eltern waren nicht reich, er hatte keinen besonderen Charme, war unsportlich und nicht gerade beliebt, ja, er sah noch nicht einmal besonders gut aus, obwohl er trotz seiner recht schlaksigen Figur nicht unbedingt hässlich war.

Sie konnte so ziemlich jeden haben, wenn sie sich nur ein wenig bemühte, die meisten jungen Männer würden sich darum reißen, mit ihr zusammen sein zu können und sie zu beeindrucken. Anfangs hatte er das ebenfalls getan. Er hatte sich wirklich um sie bemüht und dabei recht viel Einfallsreichtum bewiesen, was sie dazu bewogen hatte, ihm eine Chance zu geben. Später hatte sie sich dann sogar in ihn verliebt.

Doch nun schien sie ihm nicht mehr besonders wichtig zu sein und anstatt sich mit ihr zu beschäftigen, tippte er lieber auf seinem Laptop herum. Wieso? Gefiel sie ihm nicht mehr? War sie nicht mehr hübsch genug? Oder hatte sie zugenommen? Oder hielt er sie einfach nicht für intelligent genug?

Sie musste zugeben, dass sie sich manchmal etwas dumm anstellte, aber doch bloß, weil sie nicht für einen Streber gehalten werden wollte. In Wirklichkeit war sie sogar recht klug, auch wenn das außer ihren Professoren kaum jemand wusste, da sich niemand die Mühe machte, hinter ihre Fassade zu sehen.

 

Letztendlich siegte jedoch die Wut in ihrem Bauch über ihre Zweifel und anstatt ihn geduldig darum zu bitten, seinen Laptop wegzupacken, wie sie es so oft in letzter Zeit getan hatte, fauchte sie ihn aufgebracht an.

„Gott, ich fasse es nicht! Kaum bin ich mal für einen Augenblick weg, hängst du schon wieder vor diesem Ding. Das ist doch nicht normal! Kannst du dich nicht mal einen verdammten Abend davon losreißen?

Dir ist diese blöde Serie wichtiger als ich“, brauste sie auf, was Andrew dazu brachte, völlig verständnislos in ihre Richtung zu sehen und sich zu fragen, was denn auf einmal in seine Freundin gefahren war.

 

So kannte er sie ja gar nicht, sonst hatte sie doch auch kein Problem damit, wenn er sich mit seinem Laptop beschäftigte, zumal er es meistens beiseite legte, sobald sie ihn darum bat. Weshalb schrie sie ihn heute gleich so an? Ob sie Ärger mit irgendjemandem gehabt hatte und deswegen sowieso schon ein wenig gereizt war?

„Was ist denn los, Dawn?“, erkundigte er sich vollkommen ahnungslos, in der Hoffnung, dass sie sich ein wenig beruhigte und ihm den Grund ihres Zornes erklären würde. 

Doch seine Worte schienen leider das komplette Gegenteil zu bewirken, denn anstatt ruhiger zu werden, kam die Dunkelhaarige noch mehr in Rage.

„Was los ist? Du fragst mich ernsthaft, was los ist?“, schrie sie ihn an und ihre Stimme zitterte vor Wut. Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst, lediglich sein unschuldiger Blick hielt sie zurück. Er sah tatsächlich so drein, als würde er überhaupt nicht verstehen, weshalb sie sich aufregte. Wie konnte man dermaßen ahnungslos sein?

„Du hängst nur noch vor diesem Laptop rum und beachtest mich überhaupt nicht mehr, das ist los! Ich hab gedacht, ich wäre deine Freundin und ich wäre dir wenigstens ein bisschen wichtig, aber anscheinend ist das einzige, wofür du dich interessierst, dieser Kasten da!“, beschwerte sie sich lautstark, bevor sie beleidigt die Arme vor der Brust verschränkte und ruhiger, dafür jedoch frostig hinzufügte: „Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt.“ 

Andrew schien daraufhin nicht so recht zu wissen, was er erwidern sollte. Sein Blick schweifte unsicher über seine Freundin, die er in diesem Moment kaum wieder zu erkennen vermochte.

„Soll ich dich heimfahren?“, bot er leise an, da er es nicht wagte, sich zu ihren Vorwürfen zu äußern, aus Furcht, sie würde ihn erneut anschreien. Er wollte nicht, dass sie sauer auf ihn war, aber er bezweifelte, dass eine Diskussion jetzt etwas bringen würde. Man konnte viel besser mit Dawn reden, wenn sie sich etwas beruhigt hatte, so gesehen wäre es besser, er würde sich morgen mit ihr unterhalten, sobald sie sich ein wenig abreagiert hatte.

Er hoffte bloß, dass diese Entscheidung die richtige war, da er nie zuvor in solch einer Situation gewesen war und weil Dawn seine erste Freundin war, auch keinerlei Erfahrung mit solchen Auseinandersetzungen hatte – genauso wenig wie seine Freunde, die er deswegen ebenfalls nicht um Rat fragen konnte. 

„Nein, ich gehe zu Fuß!“, verkündete die Dunkelhaarige immer noch wütend und ihre Stimme war dabei so eisig, dass Andrew erschrocken zusammenfuhr.

Nur leider sah sie diese Reaktion nicht mehr, hatte sie doch bereits auf dem Absatz kehrt gemacht und war in Richtung des Ausgangs verschwunden. Hätte sie gemerkt, wie sehr ihn ihr abweisender Ton getroffen hatte, dann hätte sie vielleicht verstanden, dass er sie mit seinem Angebot keineswegs weiter aufregen oder gar loswerden wollte, sondern lediglich versöhnlich stimmen.

 

Teil 4

Ein erfreutes Grinsen legte sich über das Gesicht der Gestalt, als sie durch das Fenster Andrew erblickte, welcher gerade dabei war, sich in den Hauptrechner der Universität einzuhacken, nichts davon ahnend, dass er dabei beobachtet wurde.

Zwar war der Blonde nicht unbedingt das beste Opfer, da er eigentlich nicht wirklich zu der neuen Clique dazugehörte, aber sein Tod würde zumindest Dawn in einen Schockzustand versetzen. Abgesehen davon fühlte sich Buffy ihrer Meinung nach viel zu sicher, es war Zeit, ihr erneut vor Augen zu führen, wie nahe sie daran war, selbst ins Verderben zu stürzen.

Die Cheerleaderin hatte sich viel zu schnell von den Ereignissen des letzten High School Jahres erholt, doch diesmal würde ihr das nicht noch einmal gelingen. Diesmal würde sie keine Ruhe mehr finden, würde endlich den Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen zum Opfer fallen. Letztendlich würde sie bekommen, was sie verdiente, letztendlich würde die Gerechtigkeit siegen – auch wenn das leider nicht für alle früh genug geschah. Andrew würde nur der Anfang einer weiteren Verfolgungsjagd werden, wäre nur ein weiteres, unbedeutendes Glied einer langen Kette.

Beinahe tat er ihr schon leid, immerhin konnte man ihn fast als typischen Nerd bezeichnen, wäre da nicht die Tatsache, dass ausgerechnet Dawn seine Freundin war. Aber für Mitleid war in diesem grausamen Spiel kein Platz, war es nie gewesen, denn wenn auch nur ein Hauch von Mitgefühl in Menschen wie Buffy existiert hätte, dann wäre das alles niemals geschehen, dann hätte es keine Toten gegeben, dann wäre sie niemals zum Mörder geworden.

Die Zeitungen stempelten sie als kalt und gefühllos ab, doch dem war nicht so. Diese Person, die es auf dem Weg zu ihrem Ziel in Kauf nahm, zu töten, das war nicht sie. Das wollte sie gar nicht sein. Nur wusste sie nicht, wie sie es ändern sollte, hatte nicht die Kraft, von allein damit aufzuhören, bevor es wirklich zu Ende war.

 

Ärgerlich schüttelte die Gestalt den Kopf, um diese ungebetenen Gedanken zu verdrängen. Im Augenblick hatte sie nun wirklich etwas Besseres zu tun, als über ihre Gefühlswelt nachzusinnen, das könnte sie später immer noch machen.

Ihr Blick wanderte von Andrew, der noch immer völlig in seine Arbeit vertieft war, hin zur Tür, welche in das Gebäude führte.

Eigentlich hatte sie zuerst vorgehabt, die Fensterscheibe einzuschlagen und ihm etwas Angst einzujagen, aber wenn sie genauer darüber nachdachte, war in diesem Fall die lautlose Version wesentlich stressfreier. Sie war schlicht und einfach nicht in der Stimmung dazu, sich mit einem vor Furcht übergeschnappten Computerfreak herumzuärgern. Wenn er auch nur annähernd so hysterisch schreien konnte, wie er sich manchmal benahm, dann hätte sie innerhalb von Minuten die Sunnydaler Polizei auf dem Hals.

Und das war nun wirklich etwas, das sie überhaupt nicht gebrauchen konnte. Sollten diese Trottel ruhig weiter im Dunkeln tappen, was ihre Identität betraf. Momentan standen ihre Chancen, das Ganze unerkannt durchzuziehen, ziemlich gut, da die Ermittler komplett auf der falschen Fährte waren.

 

Während ihrer spöttischen Überlegungen war die Gestalt bereits fast lautlos durch den Flur bis hin zu jener Tür, hinter welcher sich ihr Opfer befand, geschlichen und öffnete diese nun, um sich durch einen schmalen Spalt in das Zimmer zu schieben. Dort verharrte sie für einen Moment starr an der Wand, ihre Umgebung in sich aufnehmend, bevor sie leise hinter Andrew trat, welcher noch immer wie gebannt auf den Bildschirm seines Laptops starrte.

Entgegen ihrer Erwartung war er jedoch keineswegs so geistig abwesend wie sie gehofft hatte, da er noch immer aufgewühlt über den plötzlichen Ausbruch seiner Freundin war und einfach nicht aufhören konnte, darüber nachzudenken, wie er sie am besten besänftigen könnte.

 

„Dawn, es tut mir leid, ich wollte nicht, dass du dich missachtet fühlst. Ich…“, begann er, in der Annahme, die Dunkelhaarige stünde hinter ihm. Die Worte blieben ihm jedoch im Halse stecken, als er sich herumdrehte und statt in das hübsche Gesicht seiner Freundin direkt in die hasserfüllte Maske einer ihm zumindest entfernt bekannt vorkommenden Person starrte.

Seine Augen weiteten sich geschockt und er schnappte erschrocken nach Luft, während er versuchte, das Zittern seiner Hände unter Kontrolle zu bringen. Ein kalter Schauer jagte ihm den Rücken hinunter, ohne dass er wusste warum. Immerhin hatte er hier in der Uni doch wohl kaum etwas zu befürchten, oder? Höchstwahrscheinlich wollte ihn die Gestalt nur etwas fragen.

Aber warum hatte sie dann die Kapuze so tief ins Gesicht gezogen? Und wieso war sie überhaupt völlig in Schwarz gekleidet? Weshalb hatte sie sich so bedrohlich über ihn gebeugt und sah ihn mit diesen unnatürlich gelben Augen an?

Obwohl er sich wirklich bemühte, eine simple, rationale Erklärung für das plötzliche Auftauchen der anderen Person zu finden, wollte es ihm einfach nicht gelingen, seine Furcht unter Kontrolle zu bringen. Irgendetwas in ihm sträubte sich gegen den Gedanken, auch nur im selben Raum wie dieser Fremde zu sein.

 

„Knapp daneben, deine Freundin ist nicht hier und es sah nicht danach aus, dass sie so bald wiederkommen würde, wenn du mich fragst. Sie sah ziemlich sauer aus. Zwar hab ich nicht jedes Wort von eurem kleinen Streit verstanden, aber ihr Gesichtsausdruck sprach Bände, als sie gegangen ist – gut für sie“, erwiderte die Gestalt spöttisch und der Mangel an Emotionen in ihrer Stimme jagte Andrew einen weiteren Schauer über den Rücken.

Auf seinen Armen hatte sich inzwischen Gänsehaut gebildet und die feinen Härchen in seinem Nacken standen ab, ein letztes instinktives Überbleibsel einer Warnung vor Gefahr – Gefahr, die er nicht sah, nicht sehen wollte.

Zu oft hatte er sich schon mit seiner übertriebenen Panik vor anderen lächerlich gemacht, er würde jetzt nicht schon wieder den Clown für irgendwen spielen. Diesmal würde er nicht darauf hereinfallen, das schwor er sich.

Dennoch konnte er nicht verhindern, dass das mulmige Gefühl in seinem Bauch begann, sich immer weiter in seinem Körper auszubreiten, genauso wenig wie er die leisen Zweifel an dieser Entscheidung in seinem Kopf verdrängen konnte.

 

„Allerdings glaube ich, dass sie und ich durchaus etwas gemeinsam haben: Wir würden dir im Moment beide liebend gern den Hals umdrehen“, fuhr die schwarz gekleidete Person ungerührt fort, ein süffisantes Grinsen auf den Lippen.

Andrew klappte daraufhin vor lauter Verblüfftheit der Mund auf, doch bevor er überhaupt dazu kaum, richtig zu realisieren, was die Gestalt damit meinte, spürte er auch schon einen kurzen, scharfen Schmerz an seiner Kehle.

Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie etwas Rotes zu Boden spritzte -  er begriff nicht mehr, dass dieses etwas sein eigenes Blut war -, dann schnürte es ihm auch schon die Luft ab und er hatte plötzlich das Gefühl, sein Brustkorb würde zerspringen. Doch auch das hielt nicht lange an und schon gleich darauf fühlte er sich beinahe schwerelos, nur um gleich darauf von wohltuender Dunkelheit umarmt zu werden, ohne je zu begreifen, was eben geschehen war.

 

~*~*~*~

 

Etwa zur gleichen Zeit unterhielt sich eine noch immer leicht schmollende Dawn mit Xander, welchen sie auf halbem Weg zu ihrem Haus zufällig getroffen hatte. Sie hatte es bereits nach wenigen Metern bereut, sich ausgerechnet dann mit ihrem Freund streiten zu müssen, wenn sie hochhackige Sandalen anhatte, in denen man kaum laufen konnte. Umso erleichterter war sie natürlich über das Angebot des Dunkelhaarigen gewesen, sie mit seinem Wagen heimzubringen.

 

„Wo bist du eigentlich gewesen, dass du jetzt hier lang fährst?“, erkundigte sie sich interessiert. „Du siehst nicht so aus, als ob du auf irgendeine Party gehen willst.“

 

„Nein“, erwiderte der Dunkelhaarige nur einsilbig, in der Hoffnung, das Thema wäre damit beendet. Ein Blick in Dawns Richtung zeigte ihm jedoch, dass diese wohl nicht so schnell Ruhe geben würde, dazu war sie einfach zu neugierig.

„Nein, ich war im Krankenhaus“, ergänzte er deswegen leise.

 

„Bei Cordelia?“, hakte sie daraufhin nach, ein wenig vorsichtiger und einfühlsamer als zuvor, wusste sie doch, wie viel diese ihm bedeutet hatte – es immer noch tat. Sie wünschte sich wirklich, sie wäre Andrew auch so wichtig wie Xander Cordelia. Was er wohl tun würde, wenn sie im Koma läge? Wahrscheinlich würde er gar nicht erst auf die Idee kommen, sie zu besuchen, weil ihm irgendein bescheuertes Computerspiel wichtiger wäre.

 

„Ja, bei Cor“, bestätigte er nur steif, was sie dazu brachte, zu ihm hinüber zu sehen. Er hatte den Blick starr auf die Straße gerichtet und seine Hände umklammerten krampfhaft das Lenkrad, so fest, dass seine Fingerknöchel bereits begannen, sich weiß zu verfärben. Sein gesamter Körper schien unter Spannung zu stehen und sie glaubte sogar hören zu können, wie er leise mit den Zähnen knirschte.

Anscheinend hatte es die Zeit, die seit dem Angriff auf seine Freundin vergangen war, nicht leichter gemacht, darüber zu reden. Zwar reagierte er längst nicht mehr so aggressiv, wenn er darauf angesprochen wurde, doch er bemühte sich jedes Mal schon fast verzweifelt, das Thema so schnell wie nur irgendwie möglich in eine andere Richtung zu lenken. War nicht bereit, sich der Leere, die Cordelia in seinem Leben zurückgelassen hatte, zu stellen, klammerte sich an den letzten Funken Hoffnung, der ihm noch blieb, so verschwindend gering dieser auch sein mochte.

 

„Wie geht es ihr?“, platzte Dawn auch gleich heraus, bevor sie sich selbst zurückhalten konnte. Im nächsten Augenblick schlug sie sich aber auch schon erschrocken die Hand vor den Mund, da ihr bewusst wurde, wie dumm diese Frage in Xanders Ohren eigentlich klingen musste.

„Ich meine, wie… Ich“, begann sie zu stottern, in dem Versuch, sich zu berichtigen.

 

„Die Ärzte sind nicht der Meinung, dass sie irgendwann wieder aufwachen wird, falls es das ist, was du meinst“, unterbrach er ihr Gestammel sichtlich verärgert, was sie ihren Kopf beschämt senken ließ, da sie nicht wissen konnte, dass seine Wut keineswegs auf ihre Frage gerichtet war, sondern vielmehr auf jenen unbekannten Angreifer, der für Cordelias Koma verantwortlich war.

Verzweiflung über seine elende Hilflosigkeit stieg in ihm auf und es kostete ihn seine gesamte Beherrschung, nicht auszurasten und Dawn ungerechter Weise anzufahren, nur um seinen Zorn endlich an irgendjemandem auslassen zu können. Wie sehr er es sich doch wünschte, diesen verdammten Mistkerl endlich einmal in die Finger zu kriegen.

 

~*~*~*~

 

Tränen liefen über ihr Gesicht und leise Schluchzer entrannen ihrer Kehle, als sie sich nach den Büchern bückte, die vor ihr verteilt auf dem Boden lagen – wie fast jeden Morgen. Sie konnte sich schon beinahe nicht mehr daran erinnern, dass es jemals anders gewesen wäre, dass es jemals einen Schultag gegeben hatte, an dem sie nicht schon herumgeschubst und geärgert worden war, sobald sie den Flur betrat.

Nur war es anfangs nicht so schlimm gewesen, hier und da eine kleine dumme Bemerkung, ein paar kindische Hänseleien, mehr nicht. Doch inzwischen waren aus diesen Hänseleien unverhohlener Spott geworden, Worte, die wie Messer in ihr Herz schnitten und mit jedem einzelnen Mal mehr Narben darin hinterließen. Solange, bis es irgendwann nicht mehr heilen würde, bis die alten Wunden noch zu frisch waren, um von neuen bedeckt zu werden und stattdessen wieder aufrissen, um sich niemals wieder ganz zu schließen.

Früher hatte ihr Zwillingsbruder diese Wunden geheilt, einfach nur mit einer Umarmung oder ein paar wenigen Sätzen, einfach nur damit, dass sie wusste, dass er für sie da war, sie bedingungslos liebte und beschützte. Dass ihr all dies nichts anhaben konnte, solange sie es nur nicht zuließ.

Doch mit ihm war auch sein Trost verschwunden und es war ihr ständig schwerer gefallen, den Spott zu ertragen, ohne ihn zu nahe an sich heran zu lassen.  Irgendwann war ihre Schutzhülle dann schließlich zerplatzt, wie eine Seifenblase, ohne jede Spur. 

Sie wusste nicht, wie lange sie das noch ertragen könnte, wie lange sie diese Tortour noch aushalten würde, ohne dabei komplett verrückt zu werden. Dabei war ihr durchaus bewusst, wie wenige von den ganzen Kommentaren der Wahrheit entsprachen und wie kindisch sich die anderen eigentlich verhielten, nur leider änderte das nichts daran, dass sie einfach nicht den Mut fand, sich selbst zu verteidigen – gleich einem Reh, das bei dem Anblick eines Rudels von Wölfen vor Schreck erstarrte, statt wegzurennen.

Noch nicht einmal die Tatsache, dass es ihr inzwischen gelungen war, wenigstens eine Freundin zu finden, konnte daran etwas ändern, zumal diese genauso schüchtern wie sie selbst war und sich ebenso wenig gegen die beliebten Schüler zu wehren wagte. Obwohl es gut tat, außer ihrem Bruder jemanden zum Reden zu haben, jemanden, der auch da war und nicht nur eine Stimme am anderen Ende der Verbindung, löste es ihr eigentliches Problem nicht. Es ersetzte ihr weder ihren Zwilling noch setzte es dem Mobbing ein Ende.

Im Gegenteil, es schien sogar ein gefundenes Fressen für die anderen zu sein, sie damit aufzuziehen, dass sie endlich jemanden gefunden hatte, der „genauso hässlich, geschmacklos und dumm“ wie sie war. Am liebsten hätte sie gesagt, das einzig Geschmacklose und Dumme an dieser Schule wären diese endlosen Beleidigungen, diese Hetzjagd, unbedingt jemanden fertig machen zu wollen.

Aber dafür hatte sie leider nicht den Mut gehabt, stattdessen hatte sie wie immer die Lippen aufeinander gepresst und das Ganze stumm über sich ergehen lassen, in dem Versuch, wenigstens die Tränen, die sich in ihren Augen zu sammeln begannen, am Fallen zu hindern – ebenfalls vergebens.

Noch nicht einmal das brachte sie auf die Reihe, da brauchte sie sich wirklich nicht wundern, wenn die anderen sie fortlaufend fertig machten. Wie kam sie da eigentlich  überhaupt erst auf die Idee, irgendetwas an ihrer Situation ändern zu können? Es würde sowieso nichts bringen.

Egal was sie sagte oder tat, an wen auch immer sie sich wandte, es schien ganz einfach keinen Ausweg aus dieser Hölle zu geben. 

Inzwischen hatte das blonde Mädchen den Versuch, seinen Kummer zu verbergen, längst aufgegeben und die Tränen liefen noch immer ungehindert über ihre Wangen, als sie ihre aufgesammelten Bücher fest an sich drückte. So wie es momentan zuging, konnte sie wahrscheinlich schon mehr als nur froh sein, dass bei ihrem durch ein gestelltes Bein verursachten Sturz wenigstens nichts kaputt gegangen zu sein schien. Zumindest nicht, wenn man einmal von ihrem blauen Knie absah, aber das würde sowieso keiner für wichtig halten.

Ihre Eltern würden von dem Zwischenfall gar nichts erfahren und den Lehrern war es nur wichtig, was sie im Unterricht leistete und wie sorgsam sie mit ihren Schulsachen umging.  Ob sie von ihren Mitschülern fertig gemacht wurde, war denen völlig egal.

 

Teil 5

 

Ein leises Seufzen drang über die Lippen der dunkel gekleideten Gestalt, als sie sich vor dem ihr nur zu gut bekannten Grabstein niederließ und mit den Fingern sachte über die Buchstaben glitt, den Namen langsam nachzog.

 

„Hey du“, begrüßte sie die Verstorbene leise, ohne so recht zu wissen, was sie sagen sollte. In der letzten Zeit war so viel passiert und sie konnte sich einfach nicht entscheiden, wie viel sie davon erzählen würde.

Eine Antwort auf ihre Fragen würde sie ohnehin nicht erhalten, dafür war es inzwischen zu spät. Genau genommen war sie sich noch nicht einmal sicher, ob die andere sie denn überhaupt hören konnte, wo auch immer sie nun sein mochte. Und falls doch, ob sie nicht schon alles, was geschehen war, selbst mit angesehen hatte.

Aber egal, ob ihre ehemals beste Freundin nun mitbekam, was sie ihr erzählte, oder nicht, es tat dennoch gut, überhaupt mit jemandem reden zu können. Besonders nach der Beerdigung war sie oft hierher gekommen und hatte sich alles Mögliche von der Seele geredet, auch wenn sie es sich nicht getraut hatte, zu der Trauerfeier selbst zu erscheinen. Hatte es als einen Weg gesehen, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden – wahrscheinlich ein wesentlich besserer und ungefährlicherer als jener, den sie nun gewählt hatte.

 

„Wenn du jetzt noch hier wärst, du würdest mir wahrscheinlich mindestens die Hälfte von all dem, was passiert ist, überhaupt nicht glauben. Und noch weniger würdest du irgendetwas von dem, was ich getan habe, gutheißen können, dafür warst du viel zu gutherzig.“

Die Gestalt lachte bitter auf und wäre außer ihr noch jemand um diese Zeit auf dem Friedhof gewesen, demjenigen wäre bei diesem Ton ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen.

„Aber deswegen bin ich nicht gekommen, nein, du sollst dir nicht schon wieder mein klägliches Gejammer anhören müssen, obwohl all das meine eigene, freie Entscheidung gewesen ist.

Nur weiß ich leider auch nicht, was ich dir sonst erzählen könnte, das dich fröhlich machen würde – nicht, dass ich das jemals gewusst hätte, dazu hast du mir keine Chance gegeben. Du hast zwar immer gesagt, ich wäre deine beste Freundin, doch viel über deine Gedanken hast du mir nie berichtet. Wenn ich dich danach gefragt habe, hast du jedes Mal abgewunken und das Thema gewechselt.

Ich weiß nicht, was es war, dass dich so bedrückt hat, nur, dass du mir nie davon erzählt hast. Hätte ich auch nur annähernd geahnt, was in dir vorgeht, ich hätte versucht, dir zu helfen, das musst du mir glauben.“

 

Mittlerweile liefen Tränen über ihr im Schatten der Kapuze verstecktes Gesicht, doch sie brachte keinen Ton des Leides über ihre Lippen. Hatte schon zu oft um ihre beste Freundin geweint, sodass es sie wunderte, wie sie überhaupt noch Tränen übrig haben konnte – still und unscheinbar, gleich gegen den Wind gehauchter Worte, die dieser in den Himmel trug, ohne jemals gehört zu werden.

 

„Ich vermiss dich, weißt du das? Auch wenn ich inzwischen jemanden gefunden habe, mit dem ich wirklich gut reden kann, bist du nicht ersetzbar“, fuhr sie flüsternd fort und sie musste schlucken, als die Bilder von damals erneut in ihr hochstiegen.

Warum hatte sie nichts gemerkt? Wieso nie etwas von dem, was geschehen würde, geahnt? War sie denn wirklich so blind und dumm gewesen? Und wenn sie etwas gemerkt hätte, hätte das überhaupt etwas ändern können? Sie wusste es wirklich nicht, egal wie sehr sie es sich wünschte.

„Ich hoffe nur, es geht dir wenigstens jetzt gut“, schloss sie dann traurig, bevor sie sich langsam erhob und mit einem letzten bedauernden Blick auf das Grab in Richtung des Friedhofausgangs ging.

 

~*~*~*~

 

Verwundert blickte Joyce von der Schüssel Salat, die sie gerade zubereitete, auf und sah zur Haustür, aufgeschreckt durch das Schellen der Klingel. Wer mochte denn an einem Samstagmorgen bloß bei ihr auftauchen? Ob es wohl Probleme in der Galerie gegeben hatte? Die neue Ausstellung lief erst seit einer halben Woche und sie hatte gestern ziemlich zeitig Schluss gemacht, weil sie noch zu einem Termin mit einem Kunsthändler fahren müssen hatte.

Dawns Freunde konnten es jedenfalls nicht sein, die würden sich am Wochenende nie und nimmer vor halb eins aus dem Bett bewegen.

Mit einem verwirrten Stirnrunzeln öffnete sie die Tür, nur um gleich darauf erschrocken die Hand vor den Mund zu schlagen. Da stand doch tatsächlich die Polizei vor ihrem Haus! Sie schnappte geschockt nach Luft und ihre Augen weiteten sich verblüfft, während sie den Mund auf und zuklappte, in dem Versuch, etwas zu sagen. Es drang jedoch kein einziger Ton über ihre Lippen, weshalb der unfreundlich dreinschauende Beamte vor ihr schließlich das Wort ergriff.

 

„Guten Tag, Mrs. Summers. Mein Name ist Quentin Travers und ich bin in der Mordkommission tätig. Ich hätte gerne mit Ihrer Tochter gesprochen. Ist sie Zuhause?“

 

„M-Mordkommission?“, würgte Joyce daraufhin entsetzt hervor. Was um alles in der Welt hatte Dawn denn bitteschön mit der Mordkommission zu tun?

Sie wusste ja, dass ihre Tochter manchmal ein wenig über die Strenge schlug, aber sie wurde doch wohl nicht ernsthaft verdächtigt, einen Menschen getötet zu haben. So etwas würde sie niemals tun.

„Was wollen Sie von Dawn?“, erkundigte sie sich dann ein wenig ruhiger, dafür aber in einem wesentlich strengeren Ton – der Ton einer Mutter, die bereit war, alles zu tun, um ihr Kind zu beschützen, auch wenn dieses eigentlich schon erwachsen war. „Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass sie etwas mit einem Mord zu tun haben könnte?!“

 

Der Polizist sah auf ihre Worte hin nicht mehr ganz so überheblich aus, fast sogar ein wenig erschrocken über ihren plötzlichen Verhaltenswandel.

„Nein, natürlich nicht. Ich würde ihr lediglich gern ein paar Fragen stellen, was ihren Freund betrifft“, erklärte er, in dem Versuch, Joyce etwas zu besänftigen.

 

Diese beruhigte sich allerdings keineswegs, sondern entgegnete stattdessen ein bestimmtes: „Ihren Freund? Andrew hat ganz sicher genauso wenig mit solchen Dingen zu schaffen wie meine Tochter.“

 

„Er wurde heute Morgen tot auf dem Campus gefunden, Mrs. Summers. Deswegen würde ich ihre Tochter gerne fragen, ob er irgendwelche Feinde hatte“, rückte Travers schließlich doch noch mit der ganzen Wahrheit heraus, nachdem ihm klar wurde, dass er andernfalls ohne eine Vorladung nicht an Dawn herankommen würde.

 

Joyce schnappte aufgrund dieser Nachricht erneut nach Luft und sie wurde augenblicklich ein wenig blass um die Nasenspitze herum. Zwar hatte sie Andrew nicht so gut gekannt, aber er war ihr immer sehr vernünftig erschienen, höchstens ein wenig zu filmbegeistert. Dennoch hatte sie ihn gern gemocht und war froh gewesen, dass Dawn ihn und nicht einen dieser typisch beliebten, arroganten Mädchenschwärme zum Freund hatte.

„Kommen Sie herein. Ich werde Dawn holen“, erwiderte sie nur knapp, nachdem sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte.

 

Mit diesen Worten ließ sie den Polizeibeamten im Flur stehen und ging die Treppen hinauf zum Zimmer ihrer Tochter, um diese zu wecken.

Sie klopfte sachte an der Holztür, bekam jedoch, wie sie bereits erwartet hatte, keine Antwort. Ein bedrücktes Seufzen drang über ihre Lippen und für einen Moment zog sie es in Erwägung, einfach wieder nach unten zu gehen und Travers zu sagen, Dawn schliefe noch, nur würde diesen das höchstwahrscheinlich wenig interessieren. Dabei fand sie es als Mutter einfach nur grausam, ihr nichts ahnendes Kind aus dem Schlaf zu reißen, um ihm zu sagen, dass sein Freund tot war.

Sie verwarf diesen Gedanken allerdings gleich wieder, so verführerisch er auch sein mochte, früher oder später musste Dawn ohnehin die Wahrheit erfahren und wenn schon, dann lieber von ihr als von irgendeinem unfreundlichen Polizisten, der sich höchstwahrscheinlich um das, was passiert war, einen feuchten Kehricht scherte. Denn besonders mitfühlend war ihr dieser Mann nicht gerade erschienen, viel eher so, als wolle er diese Befragung nur möglichst schnell hinter sich bringen, um den Fall dann als ungeklärt zu den Akten legen zu können.

 

Inzwischen war Joyce an Dawns Bett angekommen und hatte sich leicht über diese gebeugt, um sie sanft wachzurütteln. Es dauerte auch tatsächlich nicht lange, bis die Jüngere mit einem empörten und zugleich verschlafenem: „Mom, es ist Samstag. Wieso um alles in der Welt weckst du mich mitten in der Nacht?“, die Augen aufschlug.

Als sie jedoch den ernsten, bedauernden Blick ihrer Mutter sah, verstummte sie und runzelte unsicher die Stirn. „Ist was?“, fragte sie ein wenig ruhiger, diesmal ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Ältere gerichtet.

 

„Dawnie“, begann Joyce leise, was das Stirnrunzeln ihrer Tochter noch vertiefte. Irgendetwas Schlimmes musste geschehen sein, sonst würde sie nicht diesen Spitznamen aus Kindergartenzeiten benutzen.

„Es tut mir furchtbar leid, aber Andrew… er ist letzte Nacht ermordet worden“, vollendete sie die Schreckensnachricht, woraufhin Dawn sie für einen Moment völlig ungläubig anblickte.

Dann jedoch begriff sie den Inhalt dieser Worte und sie riss die Augen geschockt auf, nicht fähig, diese Nachricht als die Wirklichkeit anzusehen.

 

„Nein. Nein, das kann nicht sein, sag, dass das nicht wahr ist“, stammelte sie hilflos, den Blick flehend auf ihre Mutter gerichtet, darum bittend, dass dies nur ein schrecklicher Alptraum wäre, ja sogar ein geschmackloser Scherz wäre im Vergleich zu der Realität eine willkommene Erklärung.

Doch je länger sie in das nahezu regungslose Gesicht der Älteren starrte, umso klarer wurde ihr, dass dem nicht so war. Dass sie weder träumte, noch veralbert wurde. Dass so etwas Unbegreifliches wirklich geschehen war. Ihrem Freund, ihrem Andrew.

Und sie hatte sich an seinem letzten Abend mit ihm gestritten, hatte ihm vorgeworfen, er würde sie nicht beachten, ihm wären seine Computerspiele wichtiger als sie. Wie hatte sie so etwas nur sagen können? Wie hatte sie mit diesen Worten fortgehen können, im Streit, ohne sich zu versöhnen?

Jetzt würde sie nie wieder die Chance haben, sich zu entschuldigen, ihm zu sagen, wie leid es ihr tat, ihm diese Vorwürfe gemacht zu haben. Zu erklären, ihn nur angeschrieen zu haben, weil sie sich verletzt gefühlt hatte, weil er ihr wichtig war und sie dasselbe für ihn sein wollte.

Tränen liefen ungebremst über ihre Wangen, hinterließen salzige Spuren auf ihrer sonnengebräunten Haut, begleitet von verzweifelten Schluchzern, die ihrer Kehle entwichen und sie wünschte sich in diesem Moment nichts mehr als die Tatsache, dass all dies nicht der Wirklichkeit entspräche, aus welchem Grund auch immer, obwohl sie es besser wusste.

Wieso war sie bloß nicht bei ihm geblieben? Weshalb hatte sie nicht auf seine Aufmerksamkeit bestanden, den Laptop einfach ausgeschalten und ihn mit zu sich genommen? Er wäre mitgekommen, dessen war sie sich sicher. Wenn sie nicht so zickig gewesen wäre, dann würde er jetzt vielleicht noch leben, dann wäre dieser Mord vielleicht gar nicht erst passiert. Warum war sie bloß so stur gewesen?

 

Nur am Rande bemerkte Dawn, dass Ihre Mutter sie mittlerweile beschützend in die Arme genommen hatte und ihr beruhigende Worte zuflüsterte, die sie jedoch nicht wirklich verstand. Dennoch war dieser Ausdruck von Wärme und Geborgenheit das einzige, was sie davon abhielt, völlig auszurasten.

 

Joyce verschwendete indessen keinen Gedanken mehr an den ungeduldigen Polizisten in ihrem Flur, für sie war das einzige, was jetzt zählte, für ihre Tochter da zu sein und ihr zu helfen. Sollte Travers ruhig ein andermal wiederkommen, im Moment würde sie es jedenfalls keineswegs zulassen, dass er Dawn noch mehr aufregte.

 

~*~*~*~

 

„Hi B“, begrüßte Faith gutgelaunt die Blondine am anderen Ende der Telefonverbindung, welche auf diesen Spitznamen hin ein wenig angesäuert das Gesicht verzog. Sie mochte die andere ja wirklich gut leiden, auch wenn sie sich noch nicht lange kannten – Faith hatte eine Art, völlig unbefangen auf jeden zuzugehen -, aber musste sie sie immer so nennen?

 

„Hi Faith“, entgegnete Buffy, wobei sie den Namen der Brünetten besonders stark betonte, in dem Wissen, dass dieser Hinweis mehr bringen würde, als sich über diese schreckliche Abkürzung aufzuregen. Der Versuch, sie davon abzubringen, war bereits mehrfach gescheitert und sie hatte wirklich keine Lust, eine weitere Diskussion über dieses leidige Thema zu führen.

„Wie komm ich zu der Ehre, von dir angerufen zu werden?“

 

„Hascht du Luscht, heut Abend mit insch Bronzche zchu kommen?“, erwiderte Faith daraufhin mit einem deutlichen Lispeln, was die andere dazu brachte, verwirrt die Stirn zu runzeln. „Isch will dir wasch zcheigen.“

 

„Gott, was um alles in der Welt hast du denn angestellt? Du klingst ja, als hättest du eine zu groß geratene Zahnspange“, erkundigte sich Buffy erschrocken, da sie noch nicht einmal den Ansatz einer Idee hatte, warum ihre Freundin plötzlich so komisch redete. „Hast du dich etwa mit jemandem geschlagen? Und erzähl mir bloß nicht, du würdest so etwas nicht machen, Wesley hat mir einiges von dem, was du in Boston getrieben hast, erzählt. Du hast aber noch alle deine Zähne, oder?“

Ihre Stimme hatte inzwischen einen deutlich besorgten Ton angenommen, obwohl sie Faith am anderen Ende der Leitung leise lachen hören konnte.

 

„Reg disch ab, B. Isch hab nischts angeschtellt, isch hab nur wasch gemacht, wasch isch schon lange machen wollte“, erklärte diese nichtssagend, was die Verwirrung der Blonden noch steigerte.

Wovon redete sie bloß? Was für eine durchgeknallte Aktion war ihr jetzt schon wieder in den Sinn gekommen? So angestrengt sie auch darüber nachdachte, sie hatte keine Ahnung, was die andere meinte.

 

„Kleiner Tipp: Denk mal an Schmuck“, gab Faith ihr lachend einen Hinweis, diesmal in der weisen Entscheidung, so wenige wie möglich Wörter mit s-Lauten zu verwenden.

 

Tatsächlich begann es daraufhin in Buffys Unterbewusstsein zu dämmern und sie riss geschockt die Augen auf. Nein, das konnte nicht sein, das würde sie nicht so einfach mir nichts dir nichts, ohne jede Vorwarnung tun.

Und ob sie das würde, hielt eine zweite Stimme gehässig dagegen und so ungern die Blonde es auch zugeben wollte, musste sie sich dennoch eingestehen, dass diese Recht hatte: Ihre Freundin würde so ziemlich jede verrückte Aktion, die ihr gerade in den Kopf kam, durchziehen, egal was andere davon hielten.

„Du hast doch wohl nicht etwa…?“, begann sie, ihrer Ahnung Ausdruck zu verleihen, hielt allerdings inne, ohne den Satz zu vollenden.

 

Faith wusste jedoch auch so, was sie meinte. „Doch, isch habe“, entgegnete sie ungerührt, ein breites Grinsen auf den Lippen. „Alscho, kommscht du nun mit?“

 

„Ich… ja, wir sehen uns im Bronze“, stimmte Buffy geschlagen gegeben zu, nicht fähig, dem noch etwas hinzuzufügen. Sie würde wohl eine Weile brauchen, um diesen Schock zu verdauen.

 

„Okay, bye“, verabschiedete sich die Brünette daraufhin noch immer bis über beide Ohren grinsend, bevor sie die Verbindung unterbrach, um sich zurechtzumachen.

 

~*~*~*~

Teil 6

Als Buffy das Bronze betrat, war sie neugierig und ein wenig skeptisch zugleich, hatte sie doch immer noch keine Ahnung, worauf Faith in ihrem Telefonat angespielt hatte. Was hatte es mit dem Lispeln auf sich gehabt? Und wieso hatte sie ihr den Grund dafür nicht nennen wollen? Hatte sie irgendetwas angestellt, das sie lieber nicht wissen wollte?

Oder hatte sie sie vielleicht auch nur auf den Arm genommen? War es möglich, dass sie ihr das Ganze nur vorgespielt hatte, um sie ein bisschen aufzuziehen und zu erschrecken?

Das würde der temperamentvollen Brünetten ebenso ähnlich sehen, wie irgendeine andere, wesentlich verrücktere Aktion. Auch wenn die meisten Leute Scherze dieser Art als nicht sonderlich geschmackvoll ansahen, würde sie dies herzlich wenig kümmern.

 

Ein Stirnrunzeln hatte sich auf das Gesicht der Blonden gelegt und ohne dass sie es überhaupt richtig gemerkt hatte, war sie an der Tanzfläche vorbei zum neuen Stammplatz ihrer Clique gegangen, in der Hoffnung, Faith würde dort auf sie warten und sich nicht schon wieder von irgendwelchen Typen begaffen lassen, wenn ihr Freund nur ein paar Meter entfernt saß. Dieser schien sich an ihrer Flirterei zwar nicht sonderlich zu stören – so unglaublich es für einen Außenstehenden klingen mochte, Faith würde Wesley nicht betrügen -, aber trotzdem fand Buffy es unangebracht. Abgesehen davon war ihr die zumeist etwas sehr anzügliche Art der Dunkelhaarigen mitweilen ziemlich peinlich, obwohl sie ihr das mit Sicherheit nicht auf die Nase binden würde, denn das würde diese nur noch mehr anstacheln.

 

Mit einem Kopfschütteln schob Buffy diese Gedanken beiseite und ließ ihren Blick stattdessen über die Sitzgelegenheiten wandern, in der Hoffnung, die andere schnell zu finden. Tatsächlich musste sie auch nicht lange suchen, bis sie fündig wurde.

Faith hatte es sich mit einer Bierflasche in der Hand auf dem Schoß ihres etwas stilleren Freundes bequem gemacht, ein amüsiertes, vorfreudiges Grinsen auf den Lippen. Wenn man die zwei zusammen sah, würde man auf den ersten Blick nicht auf die Idee kommen, dass die beiden ein Paar waren, der äußere Eindruck war einfach zu unterschiedlich. Während die Dunkelhaarige enge, schwarze Lederhosen und ein knappes, rotes Top, das mehr zeigte als verhüllte, trug und auch sonst in ihrer ganzen Art ziemlich provozierend wirkte, glich Wesley mit seiner Brille, den einfachen Jeans und seinem unauffälligen Shirt eher der Vorstellung eines ganz normalen Durchschnittstypen.

Genau genommen war es ihr völlig schleierhaft, wie die beiden zueinander gefunden hatten, zumal Faith vorher allem Anschein nach nicht allzu viel von festen Beziehungen gehalten hatte, wenn man die Anzahl ihrer Exfreunde betrachtete. Aber dennoch passten sie zusammen wie Pech und Schwefel, glichen einander nahezu perfekt aus.

War Faith eher aufbrausend und nicht sonderlich zurückhaltend, so pflegte Wesley immer erst nachzudenken, bevor er etwas sagte oder tat, und obwohl er nicht ganz so leicht für etwas zu begeistern war, regte er sich auch nicht so schnell auf – was wahrscheinlich die einzige Möglichkeit war, irgendwie mit Faiths Temperamentausbrüchen umzugehen. Selbst wenn er doch einmal nervös war, stürzte er sich nicht in irgendwelche Hals über Kopf Aktionen, einzig und allein das unablässige Putzen seiner Brille, welches sie in grotesker Weise an ihren alten Schulbibliothekar Mr. Giles erinnerte, und sein Auf- und Abwandern verrieten dann seinen wirklichen Gemütszustand.

 

„Hi Faith, hi Wesley“, begrüßte Buffy die beiden, durch das Grinsen der Dunkelhaarigen endgültig davon überzeugt, dass ihr Lispeln nichts mit einer Verletzung zu tun haben konnte. „Wo sind die anderen? Und was wolltest du mir zeigen?“

 

„Hallo Buffy, falls du Anya und Kennedy suchst, die sind auf der Tanzfläche, aber Amanda und Jonathan hatten keine Lust, mitzukommen. Wood hab ich auch noch nicht gesehen, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er hier irgendwo sein muss“, beantwortete Wesley ihre Frage, was sie dazu brachte, überrascht eine Augenbraue nach oben zu ziehen.

Es war ziemlich ungewöhnlich, dass er sich mit ihr unterhielt, da seine Freundin meistens schneller war und er ohnehin der weniger gesprächige von beiden, was natürlich nicht heißen sollte, dass er sich nicht mit seinen Freunden unterhielt. Nur tat er es eben seltener und meist dann, wenn Faith gerade mit etwas anderem beschäftigt war.

 

„Hi B“, erwiderte nun auch Faith die Begrüßung und während sie sprach, glaubte Buffy, ein Glitzern in ihrem Mund erkennen zu können.

Verwirrt schüttelte sie den Kopf, in der festen Überzeugung, es wäre nur eine Täuschung des Lichtes gewesen. War sie denn jetzt komplett verrückt? Jetzt sah sie schon Dinge, die überhaupt nicht da waren.

 

Die Brünette grinste auf Buffys Stirnrunzeln hin jedoch nur noch breiter und sogar Wesley musste lächeln, als er die völlige Ahnungslosigkeit in dem Gesichtsausdruck der Blonden sah, obwohl es ihm zuerst nicht anders ergangen war. Allerdings hatte er nicht so lange benötigt, um zu erraten, was seine Freundin diesmal mit sich machen lassen hatte, dafür war er inzwischen viel zu sehr an ihre Überraschungen gewöhnt.

 

„Was wolltest du mir denn nun zeigen, Faith?“, stellte Buffy ihre Frage erneut, nachdem sie sich von ihrer kurzzeitigen Verwirrung erholt hatte, diesmal ein wenig ungeduldiger.

Was zum Henker war hier so lustig, dass die beiden bis über beide Ohren hinweg grinsten? Hatte sie einen Fleck auf ihrem Top? Oder stimmte etwas mit ihren Haaren nicht? Welcher Witz war es, den sie nicht mitbekommen hatte? Hatte sie irgendetwas Lustiges gesagt?

Ihr Blick wanderte etwas verunsichert über ihre Kleidung, ohne jedoch einen Makel feststellen zu können. Auch ihre Frisur saß perfekt, wie sie mit Hilfe ihres Spiegelbildes an einem Glas, welches vor ihr auf dem Tisch stand, feststellte. Über sie konnten die beiden demzufolge nicht  lachen. Aber über was dann?

 

Faith beschloss daraufhin ihre Freundin nicht weiter aufzuziehen und streckte ihr stattdessen einfach die Zunge heraus, ein silbern glänzendes Piercing zur Schau stellend. Das Gewebe um die Einstichstelle herum war etwas angeschwollen, da das Schmuckstück noch ziemlich neu war, weshalb sie zur Zeit so schrecklich lispelte.

Aber das war es allemal wert, Himmel, sie hatte bereits vor fünf Jahren mit dem Gedanken gespielt, sich die Zunge piercen zu lassen, aber ihre Mutter hätte ihr dafür mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit lebenslänglichen Hausarrest aufgebrummt. Jetzt, wo sie hier in Sunnydale war, würde diese davon jedoch nichts mitbekommen, da ihre Eltern noch immer in Boston wohnten.

 

„D-Du hast d-dir ein Zungenpiercing machen lassen?!“, würgte Buffy nach einem Moment völliger Regungslosigkeit geschockt hervor.

Ihre Stimme klang dabei unangenehm schrill und ihre Augen starrten geschockt auf die Stellte, an welcher sich das Schmuckstück bis eben noch befunden hatte, bevor Faith den Mund wieder geschlossen hatte. Unglauben war in ihrem Gesichtsausdruck zu lesen, nur um gleich darauf in Entsetzen und Schock überzugehen. Sie hatte mit so ziemlich allem gerechnet, aber ein Piercing war das letzte, was ihr in den Sinn gekommen wäre.

Obwohl es sie, wenn sie genauer darüber nachdachte, eigentlich nicht allzu sehr überraschen sollte, es wäre sogar die naheliegendste Erklärung für Faiths Lispeln – vielleicht war sie auch eben deswegen nicht darauf gekommen, weil die Lösung zu einfach gewesen wäre.

„Gott, ich hätte es wissen müssen, das sieht dir mal wieder ähnlich. Deine Mutter wird dich umbringen, wenn sie davon erfährt, das ist dir doch wohl hoffentlich klar, oder?“, kommentierte sie dann die Entscheidung der Brünetten immer noch skeptisch, auch wenn ihre Stimme inzwischen wieder einen wenigstens annähernd normalen Tonfall angenommen hatte.

 

„Oh, reg disch ab, B“, erstickte Faith ihre Bedenken jedoch gleich wieder, bevor sie noch mehr sagen konnte. „Meine Mum wird es nischt erfahren, scholange es ihr keiner erzchählt. Und selbscht wenn, wasch will schie jetzscht noch dagegen tun? Isch bin kein Kind mehr.“

Mit diesen Worten war die Diskussion für sie beendet und sie erhob sich stattdessen grinsend, um die noch immer etwas sprachlose Buffy ungefragt auf die Tanzfläche zu ziehen, wobei sie Wesley eine Kusshand zuwarf.

 

~*~*~*~

 

Unglauben machte sich in ihr breit, erfüllte mit einem Mal jede Faser ihres Seins. Taub und kalt, erbarmungslos legte die grausame Wahrheit ihre knochigen Finger um sie, zog sie in ihren Griff, fest und unnachgiebig, nicht bereit, sie aus ihren Klauen entkommen zu lassen. Zerrte an ihr wie der Wind an einem Grashalm und erfüllte sie mit Entsetzen und Leere zugleich.

Sie wusste, dass es stimmte, wusste, dass die Zeitung keine Lüge abgedruckt hatte und auch, dass der Mord kein Zufall gewesen war. Und dennoch verspürte sie keine richtige Angst, da war nicht die von ihr erwartete Panik, die sie zu fühlen geglaubt hatte, viel mehr befand sie sich in einer Art Schockzustand. Starrte mit leerem Blick auf das wertlose Stück Papier in ihren zitternden Händen, auf die Überschrift, die ihre Alpträume erneut Realität werden ließ. Den schemenhaften Geistern, die sie seit jeher verfolgten, Namen verlieh, ihnen Form und Gestalt gab, jedoch ohne ein Gesicht.

 

An der Stelle von Augen blickte sie in endlose Schwärze, ein tiefes Loch, welches ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Nicht, weil die gesamte Erinnerung dadurch viel unwirklicher wirkte, als sei sie nur der Hauch eines Gedanken im Nebelschleier ihrer Erinnerung. Sondern weil es ihr zeigte, wie wenig sie eigentlich über ihren Feind wusste.

Es gab nichts, woran sie ihn hätte erkennen können, kein Merkmal, keinen Hinweis, der ihr irgendetwas nützen würde, obwohl sie ihm schon mehrmals begegnet war, ihm schon mehrmals von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden hatte. Und gekämpft. Und gewonnen. Und doch zugleich verloren. Weil es kein Ende nahm, weil er immer zurückkam, keine Ruhe gab, sie nicht in Frieden ließ, egal was sie auch tat. Sie immer wieder aufs Neue verfolgte, ohne auch nur einen Fetzen seiner Identität preiszugeben.

Er könnte direkt neben ihr stehen, sich mit ihr unterhalten und sie würde es nicht bemerken, würde ihn nicht erkennen. Jedes beliebige Gesicht könnte an der Stelle des endlosen Loches stehen, sogar das ihrer besten Freunde, so absurd das für sie auch klingen mochte.

Und genau das war es, was diesen Psychoterror noch viel grausamer machte. Nicht diese kühle, gefühlsfremde Art, zu morden, nicht die Angst, morgen vielleicht schon tot zu sein, nicht diese unerbittliche, andauernde Verfolgung, nein. Sondern die Tatsache, diese Taten mit niemanden in Verbindung bringen zu können, keinen zu haben, dem sie die Schuld dafür geben konnte, keinen Verantwortlichen, den sie für diese Morde zur Rechenschaft ziehen können

hätte.

Nur dieser vage Umriss in ihren Gedanken, der selbst schon so wirklichkeitsfern erschien, dass sie sich fragte, ob sie sich den Anblick nur eingebildet hatte. Ob die Proportionen des Körpers, an den sie sich zu erinnern glaubte, überhaupt stimmten, und er in seiner schwarzen Kleidung nicht so sehr mit der Dunkelheit verschwommen war, dass sie den Übergang zwischen beiden nur noch erraten können hatte.

Sie konnte ja noch nicht einmal sagen, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelte, obwohl sie mehr zu ersterem tendierte. Abgesehen davon, dass diese rabiate Vorgehensweise nicht zu einer weiblichen Person zu passen schien, war es dem Killer auch gelungen, Angel, Riley und Kendra zu überwältigen und diese konnten weiß Gott keine leichten Opfer dargestellt haben, waren sie doch entweder kräftig und muskulös gebaut oder in Kampfkunst trainiert gewesen. Selbst dann, wenn sie bedachte, dass Angel und Riley betrunken gewesen waren, waren sie als Footballspieler ernstzunehmende Gegner, allein schon wegen ihrer Kraft.

Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es eine Frau geschafft haben sollte, sie alle drei zu überwältigen. So viel Glück hintereinander hatte niemand. Entweder dieser Mörder kannte sich wirklich gut mit Kampfsport aus, oder aber er musste ziemlich kräftig gebaut sein – was wiederum ihrer Erinnerung an den Täter widersprach, denn dieser war schlank und schnell gewesen, ähnlich einem Panther vielleicht, geschmeidig und gefährlich, aber nicht schwer.

Zu dieser zweiten Vermutung passte auch, dass es ihr bisher immer wieder gelungen war, ihm zu entkommen, obwohl sie sogar miteinander gekämpft hatten. Andererseits waren Glück und Überraschung dabei auf ihrer Seite gewesen, da es ziemlich leicht war, sie mit ihrer zierlichen Figur zu unterschätzen, was eine andere Erklärung für ihr bisheriges Überleben wäre.

 

Ein müdes, ratloses Seufzen drang über Buffys Lippen und sie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zumindest für eine kleine Weile zu verdrängen. Es würde ihr mit Sicherheit nicht weiterhelfen, wenn sie nun wieder in Panik geriet, vielmehr sollte sie versuchen, die Ruhe zu ihrer Erholung zu nutzen, solange sie sie noch hatte.

Spätestens wenn Dawn wieder zu den Vorlesungen kam – sie bezweifelte, dass die Dunkelhaarige heute auf dem Campus auftauchen würde, nicht nach dem, was dort geschehen war -, würde diese ein bisschen Aufheiterung und Zuversicht bitter nötig haben.

Sie wünschte sich nur, sie hätte zumindest irgendeinen einzigen Hinweis darauf, wer sie so sehr hasste, dass er sie dermaßen vehement verfolgte und ihr das Leben auf so grausame Art und Weise buchstäblich zur Hölle machte.

 

~*~*~*~

 

Etwa zur gleichen Zeit setzte sich auch Xander an den Küchentisch, um die Sunnydalsche Tageszeitung zu lesen und sein Blick schweifte kurz über die Titelseite, bevor er an jener verheerenden Überschrift hängen blieb, die die Dämonen des Sommeranfangs wieder zu neuem Leben erweckte:

 

Student tot auf dem Campus gefunden

 

Geschockt überflog er den Leitartikel, in der leisen Hoffnung, seine Befürchtungen nicht bestätigt zu finden, doch er brauchte noch nicht einmal den ganzen Text zu Ende zu lesen, bevor ihm klar wurde, dass all sein innerliches Flehen vergeblich sein würde. Der Mörder war zurück, diesmal schon nach so kurzer Zeit und es gab rein gar nichts, was daran etwas ändern können

hätte.

Wut keimte in ihm auf, beschworen von den Bildern Cordelias, die er plötzlich wieder vor seinem inneren Auge sah. Seine Liebe, die durch die Ereignisse einer einzigen Nacht zerschmettert worden war, als wäre sie aus Glas. So verletzlich und zerbrechlich, nur ein einziger Stoß war es gewesen, den es gebraucht hatte, ihr jeglichen noch so kleinen Funken von Leben auszutreiben.

Ihr lebendiges, wenn auch oft etwas arrogantes Lächeln und den Ausdruck ihrer Augen, die vor Leben nur so sprühten. Augen, die nun geschlossen blieben, gebrochen und regungslos, als wären sie nur Teil einer Puppe.

 

Seine Hände umklammerten das Papier so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten und er zitterte vor Wut und Verzweiflung, ohne es überhaupt zu bemerken.

Sechs Worte waren es gewesen, sechs kleine, unscheinbare Worte in schwarzer Schrift auf weißem Papier, denen es gelungen war, ihn erneut vollkommen aus der Bahn zu werfen. Die ihm zeigten, wie sehr er sich doch getäuscht hatte, als er der Meinung gewesen war, endlich wenigstens zu beginnen, über Cordelias anhaltendes Koma und die Tatsache, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder aufwachen würde, hinwegzukommen. Denen es gelungen war, seine Welt in tausend Scherbenstücke zu zerschmettern - schon wieder.

 

~*~*~*~

Teil 7

Misstrauisch glitt sein Blick zu der jungen Frau, welche gerade die Straßeseite wechselte. Wenn man nichts Näheres über sie wusste, wirkte sie völlig unscheinbar, obwohl ihre Haarfarbe eher einprägsam war. Dafür würde aber der Rest von ihr in einer Menschenmenge problemlos untergehen.

Sie war die Art Person, der man täglich über den Weg laufen könnte, ohne sich später an ihr Gesicht zu erinnern. Zumal dieses meist hinter ihren langen Haaren verborgen war.

Das war wahrscheinlich auch der Grund, aus dem sich bisher niemand Gedanken über ihr zuweilen seltsames Verhalten gemacht hatte.

War Buffy wirklich so blind? Konnte sie nicht einmal mehr zwischen gefährlich und ungefährlich unterscheiden? Oder lag das nur an ihrer Perspektive? Sah sie vielleicht das in seinen Augen Offensichtliche nicht, weil sie zu tief in diese Sache verwickelt war?

Schon als sie noch alle auf der Sunnydale High gewesen waren, hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung davon gehabt, wer dieser Mörder sein könnte. Nur hatte er für seine Vermutungen bisher keine Beweise, und so viel auch in die Richtung dieser jungen Frau deuten mochte, so viel sprach auch dagegen.

Es blieb ihm also kaum etwas anderes übrig, als abzuwarten, um weitere Indizien zu sammeln, oder sie vielleicht sogar auf frischer Tat zu ertappen – falls sie wirklich auch diejenige war, die er suchte.

Die Polizei schien die ganze Sache ja nicht ernst zu nehmen, wenn man die Ergebnisse der bisherigen Ermittlungen betrachtete. Zwar hatten sie Dawn hinsichtlich Andrews Tod befragt, doch zu irgendeiner Verhaftung oder wenigstens einem Verhör eines Verdächtigen war es dennoch nicht gekommen.

 

Ein leises Seufzen drang über seine Lippen und sein Blick wanderte über das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in welches die junge Frau hineingegangen war, auf der Suche nach einem Fenster, in dem das Licht neu aufflackerte.

Es schien jedoch als sei sie in einem der beiden bereits erleuchteten Räume geblieben, obwohl er auf diese Entfernung durch die zugezogenen Vorhänge rein gar nichts erkennen konnte und näher herangehen wollte er, auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, ebenfalls nicht.

Er fluchte daraufhin leise – er hatte gehofft, die Sache schnell erledigen zu können -, weil ihm somit nichts anderes übrig blieb, als abzuwarten, ob sie das Haus noch einmal verließ oder zu Bett ging. Zwar war es in Sunnydale auch nachts nicht kalt, aber die Aussicht, stundenlang gelangweilt auf dem Fußweg herumzustehen, war dennoch alles andere als prickelnd.

 

~*~*~*~

 

Er war schon beinahe dabei, sein Vorhaben für die heutige Nacht aufzugeben, als nach fast vier Stunden Wartezeit tatsächlich eine dunkel gekleidete Gestalt mit tief ins Gesicht hineingezogener Kapuze aus dem Haus trat.

Für einen Moment war er von dem Licht, welches aus der offenen Tür drang, geblendet, weshalb er nicht sehen konnte, von wem sie sich verabschiedete – wahrscheinlich von ihrer Mutter -, doch bereits im nächsten Moment schloss sich diese auch wieder, nichts als schwarze Nacht zurücklassend.

 

Sein Blick fing die Gestalt, hinter welcher er die junge Frau von zuvor vermutete, obwohl deren Körperbau aufgrund der weiten Kleidung und der Dunkelheit nur schwer auszumachen war, und er bemerkte, wie sie sich kurz skeptisch umsah, ihn jedoch anscheinend nicht entdeckte. Sein Herz hämmerte während diesen Augenblick des Zweifels förmlich gegen seinen Brustkorb und für den Bruchteil einer Sekunde zog er es in Erwägung, das Ganze einfach sein zu lassen, einfach nach Hause zu gehen und die Polizei über seine Annahme zu informieren.

 

Er verwarf diese Idee jedoch ebenso schnell wieder wie sie gekommen war. Wenn er ihr jetzt folgte, dann konnte er Schlimmeres vielleicht verhindern, ein weiteres Opfer vermeiden – oder dich selbst bei dem Versuch umbringen, setzte eine zynische Stimme in seinem Kopf hinzu.

Es würde ihm schon irgendwie gelingen, sie von ihrem eigentlichen Ziel abzubringen, ohne sich selbst dabei in allzu große Gefahr zu bringen. Er müsste lediglich genügend Abstand halten, um sie im Falle einer Verfolgungsjagd abhängen zu können und das konnte ja wohl so schwer nicht sein.

Bei diesem Gedanken vergaß er allerdings völlig, dass auch einige der vorherigen Opfer versucht hatten, wegzulaufen – ohne Erfolg.

Aber abgesehen davon, dass er kein schlechter Läufer war, wusste er ja auch gar nicht, ob er wirklich Recht hatte, auch wenn der Kapuzenpullover nicht gerade ihrem sonstigen Kleidungsstil entsprach. Sie könnte ebenso gut auf dem Weg ins Kino zur Nachtvorstellung sein, immerhin war es fast Mitternacht und um diese Zeit begannen die letzten Filme, auch wenn es diese Spätvorstellungen in einer Kleinstadt wie Sunnydale äußerst selten gab. Die Richtung stimmte zumindest.

 

Mit einem Kopfschütteln, um diese störenden Überlegungen zu verdrängen, stieß er sich endlich von der Hauswand ab und folgte der vermeintlichen Gestalt der jungen Frau. Er bemühte sich darum, im Schatten zu bleiben, da diese immer wieder einen prüfenden Blick über die Schulter warf, als ahne sie, dass er sie beobachtete. Dennoch war er sich nicht sicher, ob sie ihn nicht vielleicht doch schon gesehen hatte und ihn nun in eine Falle locken wollte, weshalb er den Abstand noch ein Stück vergrößerte, während er ihr möglichst leise durch verwinkelte Nebenstraßen folgte.

 

Eine halbe Stunde später begannen seine Zweifel an seiner Sicherheit abermals zu wachsen, weil sie noch immer an keinem erkennbaren Ziel – falls es überhaupt ein solches gab – angekommen waren und er war sich auch sicher, an diesem heruntergekommen Laden heute schon einmal vorbeigekommen zu sein. Allerdings konnte er das nicht mit Sicherheit sagen, dafür war er trotz der Tatsache, dass er in Sunnydale aufgewachsen war, nicht oft genug in dieser Gegend gewesen.

Ein Stirnrunzeln bildete sich auf seinem Gesicht und er verlangsamte ein weiteres Mal skeptisch seine Schritte, den Blick weiterhin gespannt auf die Gestalt gerichtet, die nun ihrerseits stehen blieb.

Was hatte sie jetzt vor? Hier gab es nichts außer ein paar Mülltonnen, von denen er gar nicht wissen wollte, was sich in ihnen befand und Häusern, die kurz davor standen, in sich zusammenzufallen. Wieso war sie hierher gekommen?

 

Unschlüssig drückte er sich noch ein wenig enger an die Wand, in der Befürchtung, sie könnte sich umdrehen, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen nutzte sie seinen Moment des Zweifels, um blitzschnell loszusprinten und hinter der nächsten Ecke zu verschwinden.

 

„Shit!“, fluchte er ungehalten. Sie hatte ihn also doch entdeckt gehabt, wahrscheinlich die ganze Zeit über schon.

Was natürlich auch bedeutete, dass er der Lösung des Rätsels um den Mörder kein Stück näher gekommen war, und wenn er sie ein weiteres Mal zu verfolgen versuchte, noch vorsichtiger sein müsste. Immerhin war sie nun gewarnt.

 

Mit einem wütenden Kopfschütteln überwand er die wenigen Meter bis zur nächsten Ecke, um dort nach einer Spur zu suchen, doch wie er bereits erwartet hatte, fand er rein gar nichts. Es war, als wäre die Gestalt wie vom Erdboden verschluckt worden. Obwohl die Gasse ziemlich schmal war und auch keine weiteren Abzweigungen zu erkennen waren, konnte er sie einfach nicht entdecken.

Wie nah er seinem Ziel an diesem Abend wirklich schon gekommen war, sollte er niemals erfahren, denn im Schatten der alten Häuser konnte er die Feuerleiter, welche praktisch über ihm war, nicht sehen. Und auch auf die Idee, einen Schritt zurückzutreten, kam er nicht, denn wer kam in solch einer Situation auch schon auf den Gedanken, über das Dach eines Hauses eine Verfolgungsjagd aufzunehmen?

 

~*~*~*~

 

Mit einem traurigen Seufzen sank Willow auf ihr Bett nieder, in Gedanken den Streit mit ihrem Freund, welcher gerade wütend gegangen war, Revue passieren lassend. Sie hatte sich überhaupt nicht mit Spike streiten wollen, als sie ihn heute ein weiteres Mal auf die Musik, die er bei seinem Vater immer gespielt hatte, angesprochen hatte.

Hatte gedacht, es wäre ein guter Zeitpunkt, um wirklich einmal mit ihm darüber zu reden, anstatt immer nur irgendwelche Ausreden als Antwort zu bekommen, weil er inzwischen nicht mehr so nachdenklich wirkte. Es hatte den Anschein gehabt, als habe er hier in Sunnydale ein wenig mehr Abstand von dem, was passiert war, auch wenn sie das nicht mit Sicherheit sagen konnte, jedenfalls hatte sie ihn hier nicht mehr diese Melodie spielen hören.

Aber mit ihrer Vermutung hatte sie weit gefehlt, denn er war diesmal auf ihre Fragen hin sogar richtig aggressiv geworden, hatte sie angeschrieen. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, hatte sie für einen Augenblick so etwas wie Furcht vor ihm verspürt, er hatte richtig bedrohlich gewirkt, als wollte er sich um keinen Preis weiterhin mit diesem Thema beschäftigen.

Hatte sie angebrüllt, dass sie aufhören solle, ihn solche Sachen zu fragen, dass es sie nichts angehe und dass es der Vergangenheit angehöre, keine Bedeutung mehr habe. Sie sollte nicht mehr in ein Gitarrenspiel hineininterpretieren als es war.

Dann hatte er sich umgedreht und war zur Tür hinaus gestürmt, eine völlig perplexe Willow zurücklassend, die überhaupt nicht wusste, was sie eigentlich gemacht hatte, damit er so wütend wurde.

Wieso hatte er das getan? Was hatte sie gesagt, das ihn so aus dem Konzept gebracht hatte? Er war doch sonst nicht so leicht reizbar und schon gar nicht, was sie betraf. Weshalb brachte ihn die Erinnerung an eine Gitarre und die Melodie, die er immer wieder gespielt und sie seither nie wieder gehört hatte, egal wie sehr sie auch im Internet danach gesucht hatte, dazu, sie aus heiterem Himmel heraus anzubrüllen?

Sie verstand seine Reaktion schlicht und einfach nicht und obwohl sie sich sicher war, nichts Falsches getan zu haben – immerhin könnte er ihr ja zumindest sagen, dass er nicht darüber reden wollte, anstatt ständig Ausflüchte zu erfinden -, wünschte sie sich, sie könne ihre Worte zurücknehmen, wenn das den Streit ungeschehen machen würde.

 

~*~*~*~

 

Nachdenklich sah sie zum Fenster hinaus in den Garten und eine einzelne Träne lief über ihre Wange, als sie an ihren Zwillingsbruder dachte. Noch nicht einmal in ihrem gemeinsamen Geburtstag konnte sie ihn sehen, weil das Internat für einen Nachmittagsbesuch viel zu weit weg war. Er würde erst am Wochenende wieder herkommen und obwohl dieses eigentlich schon in zwei Tagen begann, erschien es ihr nun eine Ewigkeit entfernt.

Es war einfach nicht dasselbe, erst später zu feiern wie wenn sie es heute machen können hätten. Zwar hatte ihre Mutter eine Torte gebacken und auch ihr Vater wollte extra früher von der Arbeit kommen, doch ohne ihren Bruder konnte sie keine rechte Freude an einer Feier oder irgendwelchen Geschenken finden.

 

Sie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie die leisen Schritte hinter sich überhaupt nicht mitbekam und die Anwesenheit einer weiteren Person im Raum erst bemerkte, als diese von hinten beide Arme um sie schlang.

 

„Happy Birthday“, hauchte eine ihr nur allzu gut bekannte Stimme in ihr Ohr und sie riss erschrocken die Augen auf. Das konnte nicht sein, das war unmöglich. Wie war er hierher gekommen?

Der zuvor traurige Zug um ihren Mund verwandelte sich innerhalb von Bruchteilen von Sekunden in ein strahlendes Lächeln und sie drehte sich blitzschnell herum, um ihren Zwillingsbruder freudig überrascht zu umarmen.

 

„Dir auch alles Liebe zum Geburtstag“, erwiderte sie glücklich. „Wie kommt es, dass du hier bist? Ich hab gedacht, du kommst erst am Wochenende?“

 

Er lachte daraufhin leise auf, ebenso froh über ihr Wiedersehen wie sie auch. „Sagen wir, Dad hat meine Klassenlehrerin um eine Freistellung gebeten, mit der Begründung, wir wollten einen etwas längeren Wochenendausflug machen. Aber sag Mom nichts davon, sonst kann er sich wieder etwas darüber anhören, dass es sich nicht gehört, die Schule sausen zu lassen, um unseren Geburtstag hier zusammen feiern zu können.“

 

„Das hat er wirklich gemacht? Obwohl er sich sonst immer auf Moms Seite schlägt?“, entgegnete sie erstaunt. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet.

 

„Ja und jetzt versucht er ihr weiszumachen, dass ich heimkommen durfte, weil mir schlecht gewesen wäre. Mal gucken, wie lange sie ihm das glaubt.“

Seine Augen blitzen belustigt und er grinste völlig unbekümmert, als er daran dachte, wie ihre Mutter ihren Vater angesehen hatte, nachdem sie bemerkt hatte, dass er nicht bei der Arbeit gewesen war, sondern sich frei genommen hatte, um ihn abzuholen.

 

„Schätzungsweise überhaupt nicht, doch sie wird es euch durchgehen lassen. Sie wird sich viel zu sehr darüber freuen, dass du da bist, um mit euch zu schimpfen, obwohl sie diejenige ist, die auf dieses blöde Internat besteht“, erwiderte sie leise, bevor sie ihn an der Hand nahm und ins Wohnzimmer führte.

„Ich hab eine Überraschung für dich, auch wenn die eigentlich erst fürs Wochenende geplant war. Obwohl ich sagen muss, dass Mom und Dad auch ihren Teil beigesteuert haben, alleine hätte ich das nicht geschafft. Aber es war meine Idee“, erklärte sie begeistert, was ihn dazu brachte, verwirrt die Stirn zu runzeln.

 

Was hatte sie jetzt vor? Es sah ihr überhaupt nicht ähnlich, so geheimnisvoll zu tun, normalerweise sagte sie ihm immer, was sie dachte und wenn nicht, erriet er es sowieso innerhalb kürzester Zeit. Doch diesmal hatte er absolut keine Ahnung, worüber sie sprach.

 

„Augen zu“, wies sie ihn gespielt streng an, um gleich darauf alleine ein paar Schritte weiter zu gehen und etwas aus dem Schrank zu holen. Ihr Grinsen verbreiterte sich noch einmal, in dem Wissen, dass er dieses Geschenk einfach nur lieben würde.

„Jetzt kannst du sie wieder aufmachen“, erlaubte sie ihm nur ein paar Augenblicke später bereits wieder und sie übergab ihm feierlich eine neue Akustikgitarre.

 

Er sah sie daraufhin völlig überrascht an. Unglauben schien in seinen Augen und für einen Moment war er einfach nur sprachlos. Woher wusste sie davon? Und was hatte sie auf die Idee gebracht, ihm so etwas zu kaufen? Das war doch viel zu teuer.

Seine Finger strichen bewundernd über das glatte Holz und ohne es zu merken, strich er sachte über die Saiten, ihr ein paar leise Töne entlockend.

„Wie bist du auf diese Idee gekommen?“, fragte er dann erstaunt.

 

„Gefällt sie dir nicht?“, erwiderte sie daraufhin ein wenig ängstlich. Sie war sich so sicher gewesen, ihm würde ihr Geschenk gefallen, aber wenn er so fragte, konnte er nicht allzu begeistert sein, oder?

Unsicher begann sie auf ihrer Unterlippe herumzukauen und ihr Blick wanderte gen Boden, während ihre Wangen einen rötlichen Farbton annahmen.

 

„Doch! Sehr sogar, sie ist wunderschön. Nur frag ich mich, woher du wusstest, dass ich mir eine wünsche“, beeilte er sich, ihr zu versichern, was ihr Lächeln wieder aufstrahlen ließ.

 

„Hey, Zwillinge, schon vergessen? Ich weiß alles über dich“, erwiderte sie nur amüsiert, was ihn dazu brachte, neckend die Augenbraue nach oben zu ziehen.

„Na schön, na schön, ist ja schon gut. Ich hab dich letztens heimlich auf Dads alter Gitarre spielen hören und mir gedacht, du hättest gern eine eigene, die du überall mit hinnehmen kannst. Du sahst so aus, als hätte es dir sehr viel Spaß gemacht“, gab sie geschlagen gegeben zu, wobei sie ihm ungewohnt frech die Zunge herausstreckte.

 

„Danke, Schwesterchen“, meinte er lachend und er umarmte sie ein weiteres Mal, bevor er fortfuhr: „So, jetzt wird’s aber Zeit, dass ich dir auch dein Geschenk gebe.“

 

Teil 8 

 

Gelassen ging Faith die dunkle Seitengasse in Richtung ihrer Wohnung entlang, von der Einsamkeit nicht im Mindesten beeindruckt. Sie war noch etwas länger als Anya, Kennedy und Wesley im Bronze geblieben, obwohl dieser eigentlich mit ihr gemeinsam heimgehen wollen hatte – immerhin teilten sie sich eine Wohnung.

Aber da er morgen schon ziemlich früh an die Universität musste und sie beim Tanzen mal wieder kein Ende gekannt hatte, war er schließlich doch noch alleine los.

Buffy und Dawn hingegen waren gar nicht erst aufgetaucht, wobei sie das zumindest bei letzterer in gewisser Weise verstehen konnte, weil ihr Freund Andrew erst vor zwei Tagen tot auf dem Campus vorgefunden worden war. Wieso das Ganze allerdings auch der Blonden so sehr an die Nieren zu gehen schien, verstand sie nicht so ganz. Sie hatte doch so gut wie gar nichts mit ihm zu tun gehabt – im Gegenteil, sie hatte ihn lediglich aus dem Grund in der Clique geduldet, dass er mit Dawn zusammen gewesen war. 

Mit einem Kopfschütteln verdrängte die Brünette diese Überlegungen und ließ ihre Aufmerksamkeit zurück zu ihrer Umgebung wandern.

Dunkelheit erfüllte die Gasse und noch nicht einmal am Himmel konnte sie etwas Licht von den Sternen entdecken, da dieser völlig Wolken verhangen war. Lediglich aus ein paar wenigen Fenstern drang etwas Licht und obwohl diese Nachbarschaft bei weitem nicht die schlechteste war, schien sie sich nachts nicht sonderlich von den gespenstigen Hütten downtown zu unterscheiden.

Hier und da zogen sich geisterhafte Schatten über die Hauswände und zwei Mal war sie auch schon einer streunenden Katze begegnet, die auf der Suche nach Futter umherstreifte.

Wahrscheinlich wäre es den meisten Leuten hier zu unheimlich gewesen und sie hätten lieber die gut beleuchtete Hauptstraße genommen, statt dieser Abkürzung, doch Faith kannte aus Boston noch ganz andere Gegenden.

Da brauchte es schon mehr als ein bisschen Dunkelheit, um sie zu erschrecken. Auch die Tatsache, dass sie für einige Jahre einen Selbstverteidigungskurs belegt hatte, trug zu dem trügerischen Gefühl von Sicherheit, welches sie erfüllte, bei. 

Sie war gar nicht mehr weit von ihrer Wohnung entfernt, als ein leises Knirschen sie plötzlich innehalten ließ. Ein Stirnrunzeln legte sich auf ihr Gesicht und sie spannte unbewusst ihre Muskeln an, bereit zum Kampf.

Was war das gewesen? War da noch jemand in der Dunkelheit? Aber das hätte sie doch schon früher merken müssen, oder? Auf dem ganzen Weg vom Bronze bis hierher war ihr keine Menschenseele begegnet.

Oder hatte sie sich das Knirschen nur eingebildet? War sie es vielleicht sogar selbst gewesen? 

Misstrauisch lauschte sie der Stille der Nacht, doch sie konnte keinen weiteren Laut vernehmen, der da nicht hingehört hätte. Ob sie einfach weitergehen sollte, als wäre nichts gewesen?

Nein, dann würde sie möglicherweise geradewegs in ihr Verderben rennen. Wenn sie jemand verfolgte, dann war es besser, sich zu versichern, ob dieser jemand ihr gefährlich werden könnte, oder ob sie sich mit ihrem paranoiden Verhalten lediglich vor einem ihrer Freunde zum Narren machte.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf drehte sie sich vorsichtig um, immer in der Erwartung, eine Person hinter sich vorzufinden.

Aber da war niemand, noch nicht einmal die schwarze Katze von vorhin, die ihr eine ganze Weile hinterhergelaufen war, war noch zu entdecken. Stattdessen starrte sie in gähnende Leere.

Ihr Stirnrunzeln vertiefte sich auf diese Feststellung hin und sie ließ ihren Blick eine Weile umherwandern, nicht bereit, so schnell aufzugeben. Da musste ganz einfach jemand sein! Sie hatte sich dieses Knirschen doch nicht nur eingebildet.

Und dann, gerade, als sie bereit war, ihre Suche wieder zu beenden, sah sie plötzlich ein gelbes Funkeln in der Dunkelheit.

Fast wäre sie vor Schreck einen Schritt zurückgewichen, doch sie konnte sich im letzten Moment noch davon abhalten, ihrem Verfolger die Tatsache preiszugeben, dass sie ihn entdeckt hatte.

Stattdessen wandte sie ihren Blick wieder scheinbar in eine andere Richtung und schielte zu dem Fremden hinüber. Jetzt, wo sie diese unheimlich gelben, raubtierartigen Augen ausgemacht hatte, konnte sie trotz der Dunkelheit auch die Umrisse des restlichen Körpers ihres Verfolgers sehen. Er stand dicht an eine Hauswand gedrückt da, in dem Versuch, sich praktisch unsichtbar zu machen, damit sie ihn nicht entdeckte.

Also war da doch noch jemand gewesen und sie hatte sich dieses Knirschen nicht nur eingebildet. Was sollte sie nun tun? Kämpfen? Normalerweise wäre das genau die Reaktion gewesen, die ihr als erstes in den Sinn gekommen wäre, zumal sie den Adrenalinschub in ihrem Körper liebte, der durch solch eine Auseinandersetzung verursachte wurde.

Aber seit sie mit Wesley aus Boston hierher gekommen war, hatte sie nicht mehr trainiert, weswegen sie ein wenig außer Form war. Neben dem College, ihrem Freund, dem Umzug und dem näheren Kennen lernen ihrer neuen Freunde war schlicht und einfach keine Zeit für etwas anderes geblieben. So gesehen wäre es äußerst unklug, sich mutwillig in einen Kampf zu stürzen.

Abgesehen davon war ihre Wohnung nur zwei Straßen weiter, bis dahin müsste sie eigentlich auch so kommen, denn trotz des Mangels an Training hatte sie das viele Tanzen zumindest, was ihre Ausdauer betraf, fit gehalten. Wenn es ihr gelang, ihren Verfolger lange genug in dem Glauben zu lassen, sie habe ihn nicht gesehen, bis sie wenigstens ihren Wohnungsschlüssel hervorgekramt hatte und sie dann plötzlich lossprintete, standen ihre Chancen, zu entkommen, eigentlich ganz gut.

Dennoch hatte sie ein mulmiges Gefühl im Bauch, als sie sich ebenso ruhig umdrehte wie sie es bereits vorhin getan hatte und dann in einem normalen Tempo loslief, wobei ihre Hand unauffällig in ihre rechte Jackentasche glitt und dort zwischen einigen anderen Dingen ihren Haustürschlüssel ertastete, welchen sie fest umschloss.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie so etwas wie Furcht. Ihre Nackenhaare hatten sich warnend aufgestellt und die Geräusche ihrer Umgebung schienen plötzlich drei Mal so laut auf sie einzuströmen. Auf einmal war es gar nicht mehr so schwer für sie neben dem Klang ihrer eigenen Schuhe auch die Schritte ihres Verfolgers auszumachen und sogar ihre Augen schienen sich im Bewusstsein dieser unmittelbaren Gefahr, der sie nun ausgesetzt war, besser an die Dunkelheit angepasst zu haben.

Sie konnte die Tür ihrer Wohnung bereits am Ende der Straße, in die sie nun eingebogen war, sehen, als sie plötzlich, von einem Moment auf den anderen, so schnell sie konnte lossprintete.

Ein leises Fluchen erklang wenige Meter hinter ihr, welches ihr ein Grinsen auf die Lippen legte. Damit hatte ihr Verfolger mit Sicherheit nicht gerechnet. Von diesem kleinen Teilerfolg angetrieben beschleunigte sie noch einmal ihre Schritte, scheinbar mühelos schien sie nur so über den Asphalt zu fliegen, immer näher an ihr Ziel – die rettende Tür – heran.

Der Fremde begann zu keuchen, da er noch schneller als sie laufen musste, wenn er sie tatsächlich einholen wollte. Zu Beginn sah es auch danach aus, als ob ihm das bald gelingen würde, doch nach der Hälfte der Strecke wurde der Klang seiner Schritte immer leiser, was wohl bedeuten musste, dass sich der Abstand zwischen ihnen vergrößerte. Nur noch ein paar Meter, dann hätte sie es geschafft.

Sie konnte ihr Blut in ihren Ohren rauschen hören und ihr Herz hämmerte fest gegen ihren Brustkorb – dieses Tempo zu halten war anstrengender als sie erwartet hatte, aber der Gedanke, dass das ihre einzige Chance war zu überleben, trieb sie beharrlich voran.

Tatsächlich schien ihr Plan aufzugehen, denn nachdem die Schritte ihres Verfolgers immer leiser geworden waren, verhallten sie nun ganz und lediglich ein entferntes Keuchen war noch von ihm zu hören. Das Grinsen auf ihren Lippen wurde noch breiter und schon machte sich Erleichterung in ihr breit, zumal sie jetzt endlich an ihrer Haustür angekommen war.

Sie müsste nur noch den Schlüssel in das Schloss stecken und ihn herumdrehen, dann wäre sie in Sicherheit, dann hätte sie es geschafft. Doch obwohl dieses Ziel so nah vor ihren Augen war, in greifbarer Nähe, sollte sie dazu nicht mehr kommen.

Statt den Schlüssel in das Schloss zu stecken, verkrampften sich plötzlich ihre Finger um das kleine Stück Metall und ihre andere Hand fuhr Halt suchend zur Tür, während sie nach vorne kippte. Das Gefühl, jemand würde ihr die Kehle zuschnüren, ihr die Luft zum Atmen nehmen, machte sich in ihr breit und sie öffnete die Lippen zu einem stummen Schrei, den ohnehin niemand gehört hätte, bevor sie mit gebrochenem Blick zu Boden stürzte, der Versuch, sich irgendwie an dem kühlen Holz der Haustür festzuklammern, gescheitert.

Aus ihrem Rücken ragte der Griff eines scharfen Dolches, sowie ein kleines Stück der Klinge, die nicht vollständig in sie eingedrungen war, jedoch weit genug, um sie zu töten.

Ihr Verfolger hatte ziemlich schnell bemerkt, dass er sie nicht rechtzeitig einholen würde, da sie eine ebenso gute Läuferin war wie er – zusätzlich angespornt von dem Adrenalinrausch, der durch ihren Körper jagte – und stattdessen angehalten, nur um gleich darauf mit erstaunlicher Treffsicherheit und aller Kraft, die er hatte, den Dolch auf ihren Rücken zu schleudern.

Ursprünglich hatte er nur vorgehabt, sie zum Stolpern zu bringen, doch nun schlich sich ein kaltes, zufriedenes Lächeln auf seine Züge, als er sah, wie gut er tatsächlich gezielt hatte, auch wenn sein Erfolg wohl eher zufällig gewesen war. Er beugte sich über die leblose Gestalt, um sich zu versichern, dass sie wirklich nicht mehr atmete, und dann mit einer ruckartigen Bewegung den Dolch aus ihrem Rücken zu ziehen, da er keine brauchbare Spur am Tatort zurücklassen wollte.

 

~*~*~*~

 

Ruhelos wanderte Wesley im Schlafzimmer auf und ab, wobei sein Blick immer wieder zur Uhr wanderte. Noch am Abend war er völlig entspannt ins Bett gefallen, ohne auch nur den geringsten Anlass zur Sorge zu haben, aber dann war er irgendwann mitten in der Nacht aus ihm unerklärlichen Gründen aufgewacht, nur um festzustellen, dass Faith immer noch nicht heimgekommen war.

Von da an hatte er nicht mehr einschlafen können, egal wie sehr er sich auch darum bemühte und stattdessen hatte er sich ruhelos im Bett umhergewälzt, bis er es schließlich nicht mehr ausgehalten hatte und aufgestanden war. 

Er hatte daraufhin versucht, seine Freundin auf dem Handy anzurufen, jedoch auch nach mehrmaligem Klingeln nur die Mailbox erreicht, weshalb er sich mit dem Gedanken beruhigt hatte, dass sie ihn wahrscheinlich nur nicht hörte, weil die Musik im Bronze dafür viel zu laut war.

Inzwischen war es allerdings bereits halb vier Uhr morgens und sie war immer noch nicht da. Wo blieb sie nur?

Selbst wenn sie kein Taxi gefunden hatte und vom Club aus hierher gelaufen war, müsste sie schon lange da sein. Ihr war doch wohl hoffentlich nichts passiert?

Unsinn, unterbrach er sich selbst. Was sollte Faith schon geschehen sein?

Sie beherrschte verschiedene Selbstverteidigungstechniken und sie hatte in Boston auch oft genug selbst irgendwelche Kämpfe angezettelt, um ihre Fähigkeiten im Ernstfall anwenden zu können.

Wahrscheinlich hatte sie einfach nur vor lauten Tanzen die Zeit vergessen oder sie war gerade damit beschäftigt, irgendwelche Männer anzuflirten, nur um sie gleich darauf abblitzen zu lassen. Sie war eine erwachsene, selbstbewusste, durchtrainierte junge Frau, sie konnte ganz gut auf sich selber aufpassen, das hatte sie ihm mehr als einmal bewiesen.

Herrgott noch mal, bei ihrer ersten Begegnung hatte sie sogar seinen damaligen besten Kumpel Graham aufs Kreuz gelegt und der war zu dieser Zeit bereits in irgendeinem Sonderkommando des Militärs gewesen, da er älter war. Auch wenn Graham den Fehler begangen hatte, sie gründlich zu unterschätzen, hatte sie zeigen können, dass sie es ihm selbst in einem fairen Kampf mit offenen Karten nicht gerade leicht gemacht hätte.

Abgesehen davon würde höchstwahrscheinlich so ziemlich jeder andere denselben Fehler machen wie sein Kumpel damals, was einen eindeutigen Vorteil für Faith darstellte.

Ihr konnte praktisch gar nichts passiert sein… außer vielleicht… Was, wenn sie doch ein Taxi genommen hatte und dieses in einen Unfall verwickelt worden war? Dagegen wäre sie komplett machtlos gewesen. 

Ein kalter Schauer jagte ihm über den Rücken und er schüttelte sich unwillig bei dem Grauen, den dieser Gedanke in ihm hervorrief. Allein die Vorstellung, dass sie irgendwo da draußen verletzt und völlig hilflos lag, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren.

Warum hatte er sie bloß allein gelassen? Wieso hatte er nicht auf sie gewartet, war einfach später heimgegangen? Er hätte sie bestimmt zu einem Kompromiss überreden können, er hätte es nur hartnäckig genug versuchen müssen. Es war doch noch gar nicht so sehr spät gewesen, als er sich auf den Weg gemacht hatte, ein bisschen länger hätte er sicher noch ausgehalten, ohne am nächsten Tag völlig übermüdet auf dem College aufzutauchen.

Jedenfalls dann, wenn er bedachte, wie viele Sorgen er sich jetzt machte und dass er deswegen schon gleich gar nicht schlafen konnte. Weshalb war er nur nicht bei ihr geblieben?

Dann hätten sie gemeinsam heimlaufen können und sie hätte kein Taxi genommen, dann könnte sie jetzt nicht verletzt sein. 

„Bitte, bitte lass ihr nichts passiert sein“, flehte er leise und eindringlich. Obwohl er normalerweise nicht an die Existenz eines Gottes glaubte, wünschte er sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass ihn irgendjemand da oben hörte und sich seiner erbarmte.  Dass es tatsächlich so etwas wie Schutzengel gab und dass Faiths gerade bei ihr war. 

Furchterfüllt schüttelte er den Kopf, in dem Versuch, sich von diesen finsteren Ahnungen abzubringen – immerhin wusste er ja noch nicht einmal, ob er auch nur im entferntesten Sinne Recht hatte. Er hatte keinerlei Indizien, die seine Theorie unterstützten, außer dass sie eben nicht nach Hause gekommen war, aber das konnte auch tausend andere Gründe haben. Wenn er bloß wüsste, wie es ihr ging, ob alles mit ihr in Ordnung war. 

Während seiner Überlegungen war Wesley inzwischen wie in Trance zur Garderobe gegangen, ohne selbst zu bemerken, was er tat. Er nahm seine Jacke vom Haken und zog sie über, um anschließend wie mechanisch zur Haustür zu gehen und diese zu öffnen.

Doch der Anblick, welcher sich ihm dort bot, riss ihn endlich aus seiner Starre: auf den Treppen, nur wenige Zentimeter von der Eingangsschwelle entfernt, lag eine leblose Gestalt, umhüllt von Finsternis. Es war eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren, die ihr geschmeidig über den Rücken fielen und an ihrer rechten Hand trug sie einen schmalen silbernen Ring, der zwei ineinander verwundene Rosenranken zeigte.

Und genau dieser Ring war es, der den ohnehin schon schrecklichen Anblick noch um so vieles schlimmer machte, den ursprünglichen Schock dem nackten Grauen weichen ließ. Weil er ihn kannte, weil er wusste, wem dieser Ring gehörte, wem er ihn geschenkt hatte: Faith.

Teil 9

Während seiner Überlegungen war Wesley inzwischen wie in Trance zur Garderobe gegangen, ohne selbst zu bemerken, was er tat. Er nahm seine Jacke vom Haken und zog sie über, um anschließend wie mechanisch zur Haustür zu gehen und diese zu öffnen.

Doch der Anblick, welcher sich ihm dort bot, riss ihn endlich aus seiner Starre: auf den Treppen, nur wenige Zentimeter von der Eingangsschwelle entfernt, lag eine leblose Gestalt, umhüllt von Finsternis. Es war eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren, die ihr geschmeidig über den Rücken fielen und an ihrer rechten Hand trug sie einen schmalen silbernen Ring, der zwei ineinander verwundene Rosenranken zeigte.

Und genau dieser Ring war es, der den ohnehin schon schrecklichen Anblick noch um so vieles schlimmer machte, den ursprünglichen Schock dem nackten Grauen weichen ließ. Weil er ihn kannte, weil er wusste, wem dieser Ring gehörte, wem er ihn geschenkt hatte: Faith. 

Seine Augen weiteten sich erschrocken und jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Was war bloß passiert? Wieso lag sie dort? War sie verletzt?

Natürlich ist sie verletzt, sonst würde sie wohl kaum regungslos vor der Haustür herumliegen, schalt er sich gleich darauf selbst.

Dieser Gedanke war es, der ihn endgültig zur Besinnung brachte.

Er kniete sich hastig neben Faith nieder und tastete an ihrem Hals nach ihrem Puls – erfolglos. So sehr er sich auch bemühte, da war kein sanftes Schlagen gegen seine Finger, dieses winzige, so unbedeutend erscheinende Zeichen von Leben war verschwunden.

Seine Hände begannen zu zittern und sein Blick wanderte über ihren Körper, auf der verzweifelten Suche nach irgendeiner Bewegung und sei sie noch so klein. Aber da war nichts, da war kein langsames Heben und Senken ihres Oberkörpers, welches bedeutet hätte, dass sie atmete. Wie auch? Sie war tot. 

Erst jetzt bemerkte er, wie kalt und klamm sich ihre Haut unter seinen Fingern anfühlte. Sie musste schon eine ganze Weile hier gelegen haben, um so auszukühlen, trotz der für Sunnydale relativ frostigen Nacht, wo die Temperaturen doch sonst nur sehr selten überhaupt die Nähe des Gefrierpunktes erreichten.

Sein Blick wanderte wie betäubt über ihre leblose Gestalt und blieb an dem großen, dunklen Fleck auf ihrer Jacke hängen. Warum war ihm dieser nicht früher aufgefallen? Weshalb hatte er dieses so wichtige Detail in der Dunkelheit einfach übersehen?

Er rutschte näher an ihren Rücken heran und beugte sich dann über jene Stelle, nur um dort eine klaffende Wunde vorzufinden, als hätte jemand brutal einen scharfen Gegenstand aus ihrem Fleisch herausgerissen.

Wie konnte ein Mensch so etwas tun? Und wieso ausgerechnet Faith? Seine Faith?

Tränen stiegen in seinen Augen auf, verschleierten seine Sicht und zugleich spürte er, wie kalte Wut von ihm Besitz ergriff. Seine Hände ballten sich wie von selbst zu Fäusten und seine Muskeln begannen erneut zu zittern, doch diesmal nicht aus Schock, sondern vielmehr aus dem Versuch heraus, sich davon abzuhalten, wie besinnungslos auf irgendetwas einzuschlagen.

Der Wunsch nach Vergeltung verdrängte seine Trauer, spülte sie für eine Weile hinfort, vielleicht auch, weil das Ganze schlicht und einfach viel zu surreal wirkte, als dass man es wirklich innerhalb so kurzer Zeit nachvollziehen könnte. Wollte seine Hände um den Hals jener Person legen, die das getan hatte und zudrücken, bis sie keine Luft mehr bekam, als Konsequenz ihrer eigenen Taten jämmerlich erstickte. Wollte sie betteln hören, um Vergebung flehen, diesen letzten Funken Hoffnung, dass er sie entkommen lassen würde, in ihren Augen erlöschen sehen. Schwor sich, sie genauso gnadenlos umzubringen, wie sie seine Faith ermordet hatte. 

Gequält schloss er die Augen und atmete tief durch, in der Hoffnung, es würde ihn beruhigen – vergebens, im Gegenteil, das Gefühl der Machtlosigkeit schien ihn nur noch mehr anzustacheln. Er musste sich irgendwie abreagieren, sonst könnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur wie?

Sein Blick wanderte zu der Hauswand und kniete er im ersten Moment noch wie betäubt neben Faith, so hatte er im nächsten bereits das Gefühl, sich selbst dabei zuzusehen, wie er mit der Faust auf die Wand einschlug. Immer und immer wieder, als wäre es eine Art Zwangshandlung. Er wollte den Schmerz spüren, wollte erreichen, dass dieser ihn zur Besinnung brachte.

Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen sah er nur, wie die Haut seiner Fingerknöchel aufplatzte und zu bluten begann. Es war, als beobachte er einen Fremden, der dies tat, als gehöre sein eigener Körper nicht mehr zu ihm.

Spürte keinen Schmerz. Spürte keine Trauer. Nur endlose Leere, die ihn zu umfangen schien, gleich einem Spinnennetz, das eine Fliege umwob.

 

~*~*~*~

 

Noch immer hing sein Blick an dem Handy in seiner Hand, obgleich seit dem Anruf bereits mehrere Minuten vergangen waren.

Er hatte also doch Recht gehabt, als er gestern Abend die vermeintliche Gestalt der jungen Frau verfolgt hatte. Soeben hatte Wesley bei ihm angerufen und ihm mitgeteilt, dass er heute nicht mit zur Uni fahren würde, da Faith letzte Nacht ermordet worden war.

Seine ganzen Vermutungen hatten sich damit bewahrheitet und obwohl er die Gestalt auf halbem Wege verloren hatte, war er sich nun doch tausendprozentig sicher, dass sie die Mörderin sein musste.

Wer sollte es sonst gewesen sein? Das alles waren einfach ein paar Zufälle zuviel, es konnte gar nicht anders gewesen sein. Aber was sollte er jetzt tun? Die Polizei rufen? Die würden ihn höchstwahrscheinlich lediglich für verrückt erklären, anstatt etwas zu unternehmen.

Abgesehen davon glaubte er nicht, dass sie die Killerin erwischen würden, selbst wenn sie seinen Vermutungen nachgingen. Sie schien ihnen ständig einen Schritt voraus zu sein. Nein, das war wohl nicht gerade die beste Möglichkeit.

Und wenn er sie wieder verfolgte? Er könnte diesmal vorsichtiger sein und noch mehr Abstand halten, dann würde sie ihn sicherlich nicht so schnell bemerken. Vielleicht könnte er dafür auch noch ein Fernrohr zur Hilfe nehmen, obwohl ihm das in der Dunkelheit wahrscheinlich nicht viel nützen würde.

Dann hätte er immerhin die Möglichkeit, sich selbst um die Sache zu kümmern, sollte etwas schief gehen. Er könnte ihren nächsten Versuch, jemanden zu töten, mit einer Videokamera aufnehmen und sie, wenn er das Beweismaterial hatte, davon abhalten, damit es kein weiteres Opfer gab. Danach könnte er die Polizei immer noch rufen und sie den Rest übernehmen lassen.

Mit dieser Entscheidung zufrieden wandte er sich von dem Display seines Handys ab, um sich endlich auf den Weg zum Campus zu machen. Die entsprechenden Vorbereitungen für die nächtliche Observation könnte er auch am Abend noch treffen.

 

~*~*~*~

 

Ein leises Seufzen drang über Xanders Lippen, als er sich zu Cordelia ans Krankenbett setzte. Seit dem Angriff auf sie waren nun schon viele Wochen vergangen und auch an ihrem Zustand hatte sich nichts verändert, doch das hielt ihn nicht davon ab, sie regelmäßig zu besuchen. Jeden Nachmittag kam er hierher, obwohl er die Krankenhausatmosphäre hasste – genauso, wie er es hasste, sie da so still und hilflos liegen zu sehen. Als sei sie nur eine Puppe, der das Schicksal übel mitgespielt hatte, kein eigenständig denkender Mensch aus Fleisch und Blut.

Ihre sonst sonnengebräunte Haut war nun bleich, fast so weiß wie das Kissen auf dem sie lag, und ihr vorher so hübsches, lebhaftes Gesicht wirkte ausgemergelt und müde.

Wüsste er nicht genau, dass es sich hierbei um seine Cordy handelte, er hätte sie kaum wieder erkannt. Die Zeit, die sie nun schon im Koma lag, hatte deutliche Spuren hinterlassen, Spuren, die vielleicht nie wieder verwischt werden würden, weil sie, wenn man den Ärzten Glauben schenken durfte, nicht mehr aufwachen würde. Das Leben eines Menschen als eine Spur im Sand, für den es nur den Wind brauchte, um sie wieder verschwinden zu lassen, ohne auch nur den kleinsten Beweis ihrer Existenz zurückzulassen.

 

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„Natürlich hast du dich an ihn herangemacht, ich hab es doch ganz genau gesehen!“, beschuldigte Kennedy ihre Freundin lautstark, wobei sie sich nicht im geringsten darum scherte, dass sie die restlichen Besucher des Bronze problemlos verstehen konnten, da sie die Musik bereits übertönte.

Sie hatte die Hände wütend in die Seiten gestemmt und fixierte die andere mit einem vernichtenden Blick, der ihren Ärger mehr als deutlich machte. 

Diese schien davon jedoch nicht sonderlich beeindruckt zu sein, sei es, weil sie mindestens ebenso sauer dreinschauen konnte oder weil sie sich keiner Schuld bewusst war. Was hatte Kennedy eigentlich für ein Problem? Sie hatte doch nur ein bisschen geflirtet, da war überhaupt nichts gewesen.

„Ich hab doch nur mit ihm getanzt, mehr nicht. Wieso regst du dich so darüber auf? Da war rein gar nichts“, verteidigte sie sich in einem ähnlich fauchenden Ton mit vor der Brust verschränkten Armen.  

„Das nennst du tanzen? Das war kein Tanzen, ihr habt euch ja fast schon gegenseitig ausgezogen“, schrie die Dunkelhaarige zurück und ihre Augen blitzten gefährlich. Ihre Stimme klang schrill und wenn man genau hinhörte, konnte man die Verletztheit, die darin mitschwang, vernehmen.

Doch Anya wollte nicht einlenken und statt zu bemerken, wie sie Kennedy mit ihrer Flirterei verletzt hatte, beschäftigte sie sich lieber damit, zurückzubrüllen. 

„Natürlich nenn ich das tanzen, was kann ich dafür, wenn deine Eltern dich so dermaßen prüde erzogen haben? Ich bin nun mal kein verwöhntes, reiches…“, fauchte sie zurück, wobei sie jedoch nicht dazu kam, ihren Satz zu vollenden, da ihr ihre Freundin genau in diesem Moment eine schallende Ohrfeige verpasste. 

„Wie kannst du es nur wagen?! Du weißt genau, dass ich das nicht bin. Du weißt verdammt noch mal genau, dass meine Eltern mich rausgeworfen haben, als ich ihnen gesagt hab, dass ich lesbisch bin und dass sie seitdem kein Wort mehr mit mir reden.

Sag mir, wenn mir all dieses Geld so wichtig wäre, wenn mir Reichtum und Luxus wirklich so wahnsinnig viel bedeuten würden wie du hier behauptest, warum um alles in der Welt hätte ich ihnen dann erzählen sollen, dass wir zusammen sind? Obwohl ich genau wusste, wie sie reagieren würden? Sag es mir!“, fragte sie aufgebracht. 

Anya starrte sie indessen nur geschockt an, entsetzt über ihre eigene Taktlosigkeit. Zugegeben, sie war meistens ziemlich direkt und ihre Kommentare des Öfteren unpassend, doch diesmal hatte sie selbst ihrer Meinung nach über die Stränge geschlagen, schließlich wusste sie am besten, wie sehr Kennedy die Zurückweisung durch ihre Eltern verletzt hatte.

Die Dunkelhaarige war an jenem Abend weinend bei ihr aufgetaucht, ohne auch nur wenigstens einen Rucksack oder eine Tasche mit Kleidung bei sich zu haben. Als sie am nächsten Tag gemeinsam zu ihren Eltern gefahren waren, um ein paar ihrer Sachen zu holen, hatte ihr Vater sie zwar ins Haus gelassen, jedoch mehr als deutlich gemacht, dass er sie danach nie wieder sehen wollte. Für ihn existierte seine Tochter seitdem nicht mehr.

Sie öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, doch kein Wort drang über ihre Lippen. Was sollte sie sagen? Dass es ihr leid tat? Das klang einfach nur lächerlich, nein, da musste sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Beschämt senkte sie den Blick und schluckte, während sie von Kennedy mit strengem Blick gemustert wurde.

Diese wartete eine ganze Weile, in der Anya jedoch immer noch keine Entschuldigung hervorbrachte, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte und wütend aus dem Bronze stürzte.

Just in diesem Moment schrak die andere endlich aus ihrer Starre auf, aber das einzige, was sie noch sah, waren die vielen Gesichter der Schaulustigen, die sich um sie herum versammelt hatten.

 

„Kennedy, warte doch!“, schrie sie über die Leute hinweg, in dem Versuch, sie damit zum Stehen zu bringen – erfolglos.

 

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„Hältst du es wirklich für eine kluge Idee, die beiden schon wieder auseinander zu reißen, indem du ihn zurück auf das Internat schickst?“, fragte er leise seine Frau, die mit dem Rücken zu ihm in der Küchentür stand und ihre beiden gemeinsamen Kinder beobachtete, was diese selbst jedoch gar nicht bemerkten, da sie viel zu sehr miteinander beschäftigt waren.

 

„Ja, ich will, dass die beiden lernen, ein eigenständiges Leben zu führen, ohne den jeweils anderen. Das können sie nicht, wenn sie die ganze Zeit aufeinander hocken“, erwiderte sie in einem sanften, liebevollen Ton.

Es zerriss ihr selbst das Herz, jedes Mal dabei zuzusehen, wie unglücklich die Zwillinge waren, wenn sie sich wieder voneinander verabschieden mussten, doch sie wollte das beste für ihre Kinder. Und dazu gehörte es ihrer Meinung nach auch, eigenständig zu werden und sich nicht immer aufeinander verlassen zu können. Wenn sie erst einmal erwachsen waren, würden sie sich auch nicht jeden Tag sehen können und deshalb mussten sie lernen, damit umzugehen.

 

„Aber sie haben sich so gefreut, sich wieder zu sehen und Tara war alleine so traurig, sie hat kaum mehr mit jemandem gesprochen. Jetzt dagegen strahlt sie förmlich“, gab er zu bedenken, wobei sein Blick zu seiner Tochter wanderte und er zu lächeln begann. Sie wirkte vollkommen anders, wenn sie mit ihrem Bruder zusammen war, viel unbeschwerter und mutiger, nicht verschüchtert.

 

„Ich habe bereits den Mund gehalten, als du ihn einfach zu ihrem Geburtstag hergeholt hast, obwohl er eigentlich Unterricht gehabt hätte. Das ist mehr als wir bisher jemals erlaubt haben und ich denke, das reicht aus. Versteh mich bitte nicht falsch, ich freue mich auch sehr darüber, ihn wieder zu sehen“, versuchte sie ihre Gedanken zu erklären, wobei sie ihren Sohn ansah.

„Doch ich denke wirklich, dass es das beste für sie beide wäre, wenn er nach dem Wochenende wieder wie geplant auf das Internat geht und dort auch für die nächste absehbare Zeit bleibt.

Tara mag sehr traurig darüber sein, ja, das bin ich auch, aber sie wird schon andere Freunde finden. Und wenn sie die gefunden hat, dann können wir ja noch einmal darüber reden. Dasselbe gilt schließlich auch für ihn, er trifft sich ebenfalls so gut wie nie mit jemandem, obwohl auf dem Internat genügend andere Mädchen und Jungen in seinem Alter sind.“

 

Ein leises Seufzen drang über seine Lippen, als er die unerbittlichen Worte seiner Frau hörte. Zwar konnte er ihren Standpunkt durchaus nachvollziehen, immerhin wusste er, dass sie ihre gesamte Kindheit gemeinsam mit ihrer eigenen Zwillingsschwester verbracht hatte und wie verzweifelt sie dann gewesen war, als diese bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, doch er sah auch, wie sehr es seine Kinder schmerzte, getrennt zu werden.

Sicher, sie wollte sie darauf vorbereiten, dass sie irgendwann einmal auch allein sein könnten, wollte sie vor jenem Schmerz, den sie durchlitten hatte, beschützen, aber er zweifelte daran, ob das der richtige Weg dafür war. Tat sie damit denn nicht eben das, was sie eigentlich verhindern wollte?

 

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Teil 10

Mit einem schwermütigen Seufzen schlug Buffy die Hände vors Gesicht und ließ sich geschlagen gegeben auf die Couch fallen. Wäre ihre Mutter Zuhause gewesen, sie hätte ihr eine Lektüre darüber gehalten, dass das kein angemessenes Benehmen für eine junge Dame ihres Standes war und dass sie sich doch ein bisschen mehr zusammennehmen solle. Doch ihre Mutter war nun einmal nicht daheim und so interessierte es die Blonde herzlich wenig, ob sie momentan ein Bild des Jammers abgab oder nicht.

Sie war in ihren Gedanken mit etwas viel wichtigerem beschäftigt, nämlich mit der Frage, wie sie ihren Freunden bloß begreiflich machen konnte, wie gefährlich dieser Mörder ihnen werden konnte. Obwohl ihm bereits Andrew und auch Dawn zum Opfer gefallen waren, weigerten sich die anderen strikt, den Ernst der Lage zu begreifen.

Anstatt ihr zuzuhören und nach der Dunkelheit Zuhause hinter verschlossenen Türen zu bleiben oder wenigstens mit dem Auto zu fahren, taten sie ihre Warnung als übertriebene Besorgnis ab. Ja, sie hatte sogar fast ein wenig den Eindruck, die anderen hielten sie für ein bisschen verrückt, oder zumindest paranoid. Wenn man einmal von Xander absah, hatte niemand auf ihre Befürchtungen hin reagiert und auch dieser hatte sich ihre Warnung lediglich zu Herzen genommen, weil er diesen ganzen Wahnsinn bereits die letzten beiden Male mit ihr durchlebt und dabei seine Cordelia verloren hatte.

Was sollte sie bloß machen? Wie konnte sie ihnen denn noch begreiflich machen, dass es sich hierbei nicht nur um ein dummes, makaberes Spiel handelte? Reichten zwei Morde denn nicht, damit sie begriffen? Wie viele würden noch von ihnen sterben, bevor sie endlich aufwachten? Wie konnte man so blind sein?

 

Ein bitteres Lachen drang aus ihrer Kehle und für einen Moment war ihr entsetzlich kalt. Sie sah die Bilder von Angels und Bens Gesichtern vor sich, umhüllt wie von einem Nebelschleier ähnlich eines Traumes. Sah Amy, Oz, Drusilla, Cordelia, Harmony, Kendra, Darla, Riley und Faith, ja sogar Andrew tauchte vor ihrem inneren Auge auf, obwohl sie diesen nie besonders beachtet hatte. So viele Gesichter, so viele Tote – so schrecklich viele Opfer, die nicht hätten sein müssen, wenn sie nur alle ein bisschen vorsichtiger gewesen wären, wenn sie sie rechtzeitig gewarnt hätte. Wenn sie ihr geglaubt hätten, bevor es zu spät war.

Aber das hatten sie nicht. Genauso wenig wie es ihre jetzigen Freunde taten. Würde es ihnen auch so ergehen? Mussten sie auch erst sterben, um zu bemerken, dass sie Recht hatte? Dass sie nicht unter Verfolgungswahn litt?

Das Bild vor ihren Augen veränderte sich und die Gesichter, von denen ihr so viele wirklich etwas bedeutet hatten – sei es als Freunde oder als Geliebte -, begannen sich zu grotesken Masken zu verzerren, wurden unförmig und hässlich. Ihre Haut begann zu verwesen und nach und nach zu verschwinden, ihre Augen quollen hervor und lösten sich auf, um schließlich kahle Totenschädel zurückzulassen. Leere Augenhöhlen ohne Gesichter, ohne Identifikation, die sie anklagend anstarrten.

Absurd, nicht? Wie konnte man ohne Augen jemanden anstarren? Das war doch gar nicht möglich. Und dennoch hatte sie das Gefühl, sie würden genau das tun, die klappernden, skelettierten Finger heben und auf sie zeigen, Finger, deren Knochen ohne Muskeln gar nicht zusammenhalten dürften - als wäre sie ihre Mörderin, als wäre ihr Tod ihre Schuld. Was er gewissermaßen auch war.

 

Ein kalter Schauer jagte ihr über den Rücken und sie zuckte unwillkürlich zusammen, schüttelte den Kopf, um das Bild zu verdrängen. Wollte es nicht mehr sehen, versuchte dieser stummen Anklage zu entkommen.

 

„Nein, nein, bitte hört auf!“, flehte sie tonlos und Tränen rannen über ihre Wangen, hinterließen nasse Spuren auf bleicher Haut.

 

Sie wusste doch, dass es ihre Schuld war, ihre allein. Und sie versuchte doch sich zu bessern, versuchte es so sehr, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Sie konnte ihren Freunden nicht helfen, sie glaubten ihr nicht.

Was sollte sie denn noch tun? Wieso quälten sie sie so, verfolgten sie? Was hatte sie ihnen getan? Warum ließen sie sie nicht einfach in Ruhe? Sie hatte doch nichts von dem gewollt, sie hatte doch versucht, es zu verhindern, hatte nicht scheitern wollen. Weshalb verstanden sie das nicht?

Wenn sie bloß wüsste, was sie tun könnte, wie sie wenigstens denen helfen könnte, für die es noch nicht zu spät war. Sollte sie sich etwa umbringen? Würde dieser ganze Wahnsinn dann endlich ein Ende haben? Wäre das die Lösung, über die sie sich schon so lange den Kopf zerbrach?

Nein, das würde wohl kaum Erfolg haben. Er hatte sie bis jetzt verfolgt, ohne Gnade, warum sollte ihn ihr Tod dazu bringen, aufzuhören? Das würde nichts nützen, er würde seine Hetzjagd deswegen nicht beenden. Sie wusste ja noch nicht einmal, ob es hierbei wirklich nur um sie ging, oder ob sie sich das nur einbildete. Ob es nur reiner Zufall war, dass sie bis hierhin überlebt hatte. Wenn sie allein das Ziel wäre, dann würde er bestimmt nicht ihre Freunde töten, dann hätte er schon lange den Versuch unternommen, sie zu töten, mehr als dieses eine Mal, als er in ihr Haus eingedrungen war.

Vielleicht wäre ihm ihr Tod egal, vielleicht würde er ihn belustigen, vielleicht erfreuen – sie wusste es nicht. Aber ändern würde sie damit wohl kaum etwas. Wenn sie ihren Freunden wirklich helfen wollte, dann musste sie ganz einfach eine andere Lösung finden, irgendeinen Weg, diesen ganzen Wahnsinn zu beenden und wenn sie diesen Killer dafür selbst umbringen müsste.

 

Sie hatte bereits so ziemlich alles verloren, was sie jemals gehabt hatte: ihre Eltern, die sich nunmehr noch weiter von ihr entfernt hatten, die beiden jungen Männer, die sie ehrlich geliebt hatte, ihre besten Freunde, die allesamt tot waren oder, in Xanders Fall, kaum mehr mit ihr sprachen und mittlerweile war sie sich noch nicht einmal mehr so sicher, ob sie überhaupt ihren klaren Verstand noch besaß. Oder ob sie wirklich schon verrückt geworden war.

Das alles waren Dinge, die sie mit allem Geld der Welt nicht hätte kaufen können, Dinge, die wirklich glücklich machten und mit materiellen Gütern nicht aufgewogen werden konnten. Dinge, die sie nunmehr nicht mehr besaß, weil alle Personen, die den Kontakt zu ihr hielten, früher oder später auf grausame Weise den Tod fanden.

 

Ihr lautes Schluchzen erfüllte ihr Zimmer und ihr Körper zitterte, während sie verzweifelt versuchte, sich wieder zu beruhigen, weil sie wusste, dass ihre Mutter bald wiederkommen würde. Und wenn diese sie in so einem Zustand vorfand, würde sie sich noch weiter von ihr abwenden, würde sie noch weniger beachten als sie es sowieso schon tat, ja, vielleicht würde sie sie sogar wieder in diese komische Psychiatrie einweisen lassen und obwohl sie zugeben musste, dass ihr die Zeit, die sie dort verbracht hatte, gut getan hatte, wollte sie um keinen Preis dorthin zurück. Denn dort könnte sie niemandem mehr helfen, dort würde sich selbst ihre letzte winzige Chance, diesem Alptraum irgendwie ein Ende zu bereiten, vor ihren Augen in Luft auflösen.

 

~*~*~*~

 

„Du wirst hier bleiben, das ist mein letztes Wort! Und ich werde nicht mit dir darüber diskutieren, Will“, hallte Ethans strenge Stimme laut und deutlich durch den Flur, während ein selbstgefälliges Grinsen auf seinen Lippen lag.

 

Wut kochte in Spike auf und seine Hände ballten sich wie von selbst zu Fäusten, als er versuchte, seiner Gefühle Herr zu werden. Am liebsten hätte er seinem Stiefvater mit der Faust ins Gesicht geschlagen, doch ein Blick zu seiner Mutter, die bei seinen letzten Worten ebenfalls zusammengezuckt war, hielt ihn davon ab.

Wie konnte er es wagen? Wie konnte er es wagen, diesen Spitznamen zu verwenden? Er hatte ihm nie die Erlaubnis dafür erteilt, war nie von ihm danach gefragt worden.

Aber es war ja nicht so, als ob ihn Ethan irgendetwas fragen würde, es war diesem völlig egal, was er von seinem Verhalten hielt oder ob er ihn mit diesem Wort verletzte, Erinnerungen weckte, die besser für immer ruhen sollten. Im Gegenteil, er suchte direkt nach etwas, mit dem er ihn in Rage bringen konnte und er wusste verdammt genau, welchen Einfluss diese einfache Abkürzung seines richtigen Namens hatte. Bastard.

Er hatte kein Recht dazu, hatte kein verdammtes Recht dazu, die Erinnerung an sie zu beschmutzen, den Klang dieses Wortes in seinen Ohren so zu zerstören. Noch nicht einmal mehr seine Mutter nannte ihn so, weil sie wusste, wie sehr es ihn verletzte, wie sehr es sie selbst verletzte.

Gequält schloss er die Augen, um das Bild, welches in ihm aufstieg, zu verdrängen, da er andernfalls nicht wusste, was er tun würde. Ob er sich beherrschen könnte, wenn Ethan weitermachte, während er sich an sie erinnerte. Weil er nicht dafür garantieren konnte, nicht auf diesen elenden Mistkerl loszugehen, wenn er in seinen Gedanken bei ihr war. Bei all dem, was er verloren hatte, was ihm so grausam entrissen worden war.

 

„Halt den Mund, halt einfach nur die Klappe!“, schrie er dann zurück, wobei sein ganzer Leib zitterte. Sogar in seinen Ohren klang seine Stimme unwirklich schrill, mehr wie ein verzweifelter Aufschrei als wie eine Aufforderung.

„Du hast kein Recht, mir irgendetwas zu sagen, oder mir irgendetwas zu verbieten. Du bist nicht mein Vater, du bist gar nichts für mich! Meine Mutter mag dich geheiratet haben, ja, aber das heißt nicht, dass ich damit einverstanden war. Wenn sie sich von dir scheiden lassen will, ich werde hinter ihr stehen – jeder Zeit.

Und du hast genauso kein Recht, mich so zu nennen. Ich habe einen Namen und ich kann dir nicht verbieten, ihn zu benutzen – leider -, aber du hast keinen verdammten Anspruch darauf, mich mit meinem Spitznamen anzureden“, brüllte er ihm entgegen, dem flehenden Blick und das Kopfschütteln seiner Mutter, welche noch immer stumm im Hintergrund stand, ignorierend.

 

Fast hätte er sogar den Mund geöffnet, um sie ebenfalls anzuschreien. Sie zu fragen, wie sie das zulassen konnte, wieso sie nichts dagegen tat. Wie sie einfach stumm in der Tür zur Küche stehen konnte und nichts unternahm, um ihm zu helfen, ihn zu verteidigen. Ihre Familie zu verteidigen, die schon vor langer Zeit zerbrochen war. Wenigstens dieses eine Mal, nur dieses eine Mal, nachdem sie so oft schon geschwiegen hatte. Ihn im Stich gelassen hatte.

Er wollte ihr keinen Vorwurf machen, wollte nicht wütend auf sie sein, aber er konnte nicht verhindern, dass er es dennoch war. Verstand nicht, wie sie so handeln konnte, wie sie sich so taub und blind stellen konnte. Wieso tat sie das? Sie liebte Ethan nicht, das konnte sie ihm nicht weismachen. Was für einen Grund hatte sie, zuzulassen, dass er ihn so behandelte? Hatte sie solche Angst vor ihrem jetzigen Ehemann?

Und wenn sie das hatte, wieso sagte sie ihm das dann nicht? Er würde nicht zulassen, dass Ethan ihr etwas antat oder sie bedrohte, sie müsste ihm doch bloß die Wahrheit sagen, müsste nur ein einziges Mal den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen.

War es ihr denn so egal? War er ihr so egal? Er wusste es nicht, wusste gar nichts mehr über sie. Hatte das Gefühl, sie überhaupt nicht mehr zu erkennen. Diese Person, die dort stand, kam ihm vor wie eine Fremde, nicht wie seine eigene Mutter. Seine Mutter hätte Ethan widersprochen, spätestens, als dieser ihn Will genannt hatte, sie hätte nicht stumm im Hintergrund gestanden und die Szene tatenlos beobachtet. Sie hätte ihn nicht im Stich gelassen, sondern verteidigt. Das, was von ihrer Familie noch übrig geblieben war, beschützt.

Er wollte sie schütteln, sie anschreien, sie irgendwie dazu bringen, aufzuwachen, wieder sie selbst zu werden. Doch er tat nichts von all dem, stattdessen richtete er noch ein letztes Mal seinen Blick auf sie, in der Hoffnung, sie würde irgendetwas tun, irgendeine Reaktion zeigen und sei sie noch so klein. Wieder wurde er enttäuscht, sie hatte sich noch immer nicht vom Fleck gerührt. Stand da wie eine Puppe aus Porzellan, zerbrechlich und regungslos.

 

„Fahr zur Hölle, Ethan“, stieß er bitter hervor, nur um gleich darauf für einen Moment innezuhalten, bevor er ein leises: „Und du kannst ihn gleich begleiten“ an seine Mutter hinzufügte.

Er wollte irgendeine Reaktion von ihr provozieren, irgendeine Regung, irgendetwas, das zeigte, dass sie da war, dass sie noch ein Mensch aus Fleisch und Blut war und kein Roboter. Aber noch nicht einmal das brachte sie dazu, etwas zu sagen, noch nicht einmal solche hasserfüllten Worte aus dem Mund ihres eigenen Sohnes vermochten sie dazu zu bewegen, aus ihrer Scheinwelt auszubrechen.

Wahrscheinlich hatte sie ihn noch nicht einmal mehr gehört, genauso wie er schon seit Monaten jedes Mal, wenn er mit ihr redete, das Gefühl hatte, er könnte sich ebenso gut mit seiner Zimmerwand unterhalten.

Für einen kleinen Augenblick zögerte er noch, doch nachdem sie selbst dann noch schwieg, drehte er sich enttäuscht und wütend zur Haustür und ließ diese hinter sich mit einem lauten Knall ins Schloss fallen.

 

Spike bekam nicht mehr mit, wie eine einzelne Träne über die Wange seiner Mutter rann und sie sich mit demselben starren, teilnahmslosen Gesichtsausdruck, den sie schon die ganze Zeit über getragen hatte, an ihren Ehemann wandte.

 

„Nenn ihn nie wieder so“, erklärte sie mit tonloser Stimme, so leise, dass sie kaum das Geräusch ihres eigenen Atems zu übertönen vermochte.

 

„Warum sollte ich? Du wirst es ja wohl kaum verhindern“, entgegnete dieser jedoch anscheinend unbeeindruckt, obwohl es ein leichter Schock für ihn war, seine Frau überhaupt so etwas sagen zu hören. Er hatte schon lange nicht mehr damit gerechnet, dass sie einmal ihre eigene Meinung vertreten würde.

 

„Tu es einfach nicht mehr, oder du wirst es bereuen“, verlieh sie ihren Worten Nachdruck und diesmal schwang etwas in ihrer Stimme mit, das er nicht definieren konnte. Sie hatte genauso leise und unscheinbar gesprochen wie sie es immer tat, seit sie verheiratet waren, aber irgendetwas ließ ihre Drohung tatsächlich gefährlich klingen, auch wenn er unmöglich sagen konnte, was genau es war.

Vielleicht war es ihr Blick, mit dem sie ihn fixiert hatte, vielleicht auch diese auf einmal selbstbewusste, unnachgiebige Haltung, die er schon ewig nicht mehr an ihr gesehen hatte, dieser Schatten jener Frau, die sie einmal gewesen war. Vielleicht aber auch einfach nur die Tatsache, dass sie es tatsächlich wagte, ihm anschließend den Rücken zuzukehren und den Raum zu verlassen, ohne auf eine Antwort zu warten. Er wusste es nicht.

Aber eines wusste er: sie meinte diese Worte so ernst, wie noch nie etwas, das sie jemals zuvor zu ihm gesagt hatte.

 

~*~*~*~

Teil 11

 

Ein Grinsen schlich sich auf die Lippen der Gestalt, als sie langsam der wütenden Brünetten folgte. Eigentlich hatte sie ja erwartet, dass diese gemeinsam mit ihrer Freundin Anya das Bronze verlassen würde und sich dementsprechend auf eine etwas schwierigere Jagd eingestellt, aber so würde es wesentlich einfacherer werden.

Kennedy hatte alleine keine Chance gegen sie, auch wenn diese nicht gerade wehrlos war. Nur neigte sie dazu, sich zuweilen zu überschätzen und ihr zu groß geratenes Mundwerk stand ihr öfter im Weg als irgendetwas sonst.

Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, die andere einmal, nur ein einziges Mal sprachlos zu erleben, doch bisher war ihr dieses Glück nicht vergönnt gewesen. Heute Nacht würde sie endlich dafür sorgen, dass sich dies änderte. 

Mit diesem Entschluss zufrieden, schüttelte die Gestalt den Kopf, um sich anschließend wieder voll und ganz auf ihr Ziel zu konzentrieren. Sie wartete noch einen kurzen Moment ab, da sie sicher gehen wollte, dass Kennedy auch wirklich ihren gewöhnlichen Heimweg nahm, bevor sie sich abwandte und in eine kleine Nebengasse abbog. Dort sprintete sie dann plötzlich los, um die Zeit, die sie durch diesen Umweg verlor, wieder gut zu machen.

 

~*~*~*~

 

Wütend stapfte Kennedy die leere Straße entlang, wobei sie sich nicht im geringsten um den Lärm scherte, den sie verursachte, wenn sie im Vorbeigehen an einer Mülltonne oder ähnlichem anrempelte. Ihre Gedanken drehten sich immer noch völlig um Anya und darum, was diese wohl veranlasst hatte, ihr so in den Rücken zu fallen.

Hatte sich die andere denn wirklich derart ungerecht behandelt gefühlt, dass sie zu solchen Mitteln greifen musste? Sie wusste doch am besten, wie sehr sie die Zurückweisung ihrer Eltern geschmerzt hatte.

Ein trauriges Seufzen drang über ihre Lippen, als sie sich an jenen Tag zurückerinnerte, an dem sie nach dem Streit mit ihrem Vater völlig aufgelöst vor der Tür ihrer Freundin gestanden hatte. Da hatte diese sich ungewohnt rücksichts- und verständnisvoll verhalten und nicht wie sonst immer das erste herausposaunt, was ihr in den Sinn kam. Stattdessen hatte sie sie in den Arm genommen und mit zu sich ins Wohnzimmer gezogen, um sich dort bei einer heißen Tasse Kakao ihre Geschichte anzuhören. 

Kennedy war so in Gedanken versunken, dass sie überhaupt nicht auf ihre Umgebung achtete und so bemerkte sie auch zuerst die Gestalt nicht, die auf einmal wenige Meter vor sie trat und somit den Ausgang der schmalen Gasse versperrte. Erst, als diese sie mit einem spöttischen: „Hey, Kennedy. Wo hast du denn deine Freundin gelassen?“ begrüßte, schrak sie auf und hielt überrascht an, nur wenige Zentimeter von ihrem Gegenüber entfernt. Fast hätte sie die andere umgerannt.

Ihr Blick wanderte über die Gestalt – die Worte, die diese ihr entgegen geworfen hatte, hatte sie nur halb mitkommen – und stellte verwirrt fest, dass diese sich völlig in schwarze Kleidung gehüllt hatte. Sogar das Gesicht lag vollkommen im Schatten der Kapuze verborgen, was es ihr unmöglich machte, die Fremde zu identifizieren. Ja, sie vermochte noch nicht einmal mit Sicherheit zu sagen, ob es sich hierbei um einen Mann oder eine Frau handelte, weil der Pullover und die Hose viel zu weit geschnitten waren, um eine wirkliche Figur erkennen zu können, obwohl sich die Stimme eher weiblich anhörte. 

„Ähm, hi. Wer bist du? Kenne ich dich?“, erkundigte sie sich dann mit einem leichten Stirnrunzeln, in diesem Moment noch blind, was die Gefahr betraf, in der sie nun schwebte. 

„Du erkennst mich nicht?“, spottete die andere daraufhin gehässig. „Obwohl, eigentlich habe ich nichts anderes erwartet von einer wie dir. Anscheinend war ich es bisher nicht wert, dass du dir meinen Namen merkst. Es dürfte wohl ziemlich schwierig werden, sich die ganzen Leute zu merken, die du am laufenden Band beleidigst. Die Liste dürfte länger sein als die jener Personen, mit denen Anya geschlafen hat. Und das will was heißen“, stocherte sie weiter genüsslich in der Wunde, bevor sie schließlich auf den Punkt kam.

„Allerdings solltest du meiner Meinung nach wenigstens die Identität deines Mörders kennen, meinst du nicht? Oder, besser gesagt, die Identität deiner Mörderin.“ 

Ein verächtliches Lachen drang aus ihrer Kehle, als sie Kennedys völlig verdatterten Gesichtsausdruck wahrnahm, da diese nur langsam begriff, welche Konsequenzen diese Worte für sie beinhalteten. Die Gestalt schob ihre Kapuze ein wenig zurück, wodurch die Brünette kaum, dass sie den ersten Schock halbwegs verwundern hatte, bereits einen weiteren erlitt.

Ihre Augen weiteten sich perplex und ihr Mund begann auf- und zuzuklappen, wie bei einem Fisch, der nach Luft schnappend auf dem Trockenen saß, nur um dann ein gestottertes: „D-Du?!“ von sich zu geben.

Inzwischen hatte sie begriffen, dass sie die Mörderin ihrer Freunde vor sich hatte, was allerdings zu ihrem Pech leider nicht beinhaltete, dass sie auch wieder fähig war, sich vom Fleck zu bewegen. Dafür war sie viel zu geschockt, was die Identität der Gestalt vor sich betraf, nie im Leben hätte sie ausgerechnet mit ihr gerechnet, noch nicht einmal in den abwegigsten Spekulationen.

War sie dafür denn nicht viel zu schüchtern, und, vor allem, zu intelligent? Sollte sie es nicht besser wissen, als solch ein systematisches Massaker zu veranstalten und in die Gefahr zu laufen, den Rest ihres Lebens hinter Gittern zu verbringen? 

Doch Kennedy sollte nicht mehr dazu kommen, ihre Verblüffung hinter sich zu lassen, denn die Gestalt hatte ihre Erstarrung genutzt, um sich ihrer mit einem schnellen, kräftigen Stich mitten ins Herz zu entledigen. Sie spürte noch einen kurzen, scharfen Schmerz in ihrer Brust, ohne zu realisieren, wo dieser seinen Ursprung fand, dann verlor sich ihre Welt auch schon in der Dunkelheit und sie sackte leblos zu Boden. Den Aufschlag spürte sie bereits nicht mehr. 

Das Grinsen der Mörderin nahm daraufhin einen äußerst zufriedenen Ausdruck an und sie wollte sich gerade umdrehen, um sich auf den Heimweg zu machen, als sie plötzlich ein harter Schlag im Nacken traf. Ein lauter Aufschrei entfuhr ihrer Kehle und sie duckte sich instinktiv, mit dem Ziel, weiteren Schlägen auszuweichen. Geschickt rollte sie sich zur Seite weg und war bereits Sekunden später wieder in Abwehrstellung auf den Beinen, doch ihr Angreifer ließ sich nicht so einfach verwirren.

Er setzte ihr nach, schlug ihr unerbittlich den Dolch aus der Hand, bevor sie überhaupt dazu kam, zu reagieren und drückte sie trotz ihrer Gegenwehr problemlos an die Wand. Nicht genug damit, dass er den Überraschungsvorteil auf seiner Seite hatte, nein, er war auch noch deutlich stärker als sie.

Und jetzt hatte er auch noch das Messer in seiner Hand, welches er bereits im nächsten Augenblick ohne zu zögern einsetzte. Er holte schwungvoll aus – obwohl sie sich mit aller Kraft wehrte, konnte er sie mit einer Hand festhalten -, und hieb mit der Klinge auf sie ein, was ihr ein geschocktes Aufkeuchen entlockte.

Wie in Zeitlupe sah sie den Dolch näher und näher auf sich zukommen und jeder andere hätte spätestens an dieser Stelle Panik bekommen, doch nicht sie. Sie war schon längst über den Punkt der Angst hinaus, hatte bereits zu viel gesehen und gehört, um sich vom Anblick einer Klinge noch sonderlich beeindrucken zu lassen – schon gar nicht von dem ihrer eigenen.

Der einzige Gedanke, der sie in diesem Moment erfüllte, war Bedauern – Bedauern und Schuldgefühl, weil ihr Plan, ihre Rache gescheitert war. Kurz zog ein Gesicht von ihrem inneren Auge auf, doch es wurde gleich darauf von einem anderen ersetzt, überschrieben von einem quälenden Gefühl der Schuld.

Sie riss die Arme schützend nach oben, in dem Versuch, die Klinge von ihrem Ziel – ihrem Gesicht – abzubringen und ein Knirschen erklang, als diese auf ihrer Uhr auftraf. Vermutlich hätte der Dolch ohne Probleme den Arm aufgeschlitzt, doch das Abrutschen an dem Metall um ihrem Handgelenk minderte die Kraft hinter dem Angriff um ein vielfaches und so blieb lediglich ein langer, dafür aber nicht sehr tiefer Schnitt an ihrem Arm zurück.

Nur war die Attacke damit noch nicht beendet, auch wenn der Angreifer daraufhin leise fluchte, änderte es nichts daran, dass er die Überhand zu haben schien…

 

~*~*~*~

 

Schluchzend blickte Tara auf das Blatt Papier vor sich, dessen Schrift bereits durch ihre Tränen leicht verwischt war. Ein letztes Mal noch überflog sie die Worte, die sie an ihren Zwillingsbruder gerichtet hatte – Worte des Abschieds, voller Verzweiflung, beraubt jeder Hoffnung. Worte eines Mädchens, das nicht mehr weiter wusste, am Ende ihrer Kraft war, das sich vollkommen sicher war, niemand könne ihr noch helfen. Sah vor Furcht und Einsamkeit keinen Ausweg mehr.

Sie hatte es versucht, hatte wirklich versucht, sich die verletzenden Worte der anderen nicht zu Herzen zu nehmen, sie zu ignorieren und darüber zu stehen, sich nicht davon zermürben zu lassen. Doch ohne Erfolg. Jede Beleidigung war wie ein Messerstich ins Herz für sie und jedes Mal schien es tiefer zuzustoßen. Und jedes Mal dauerte es länger, bis die Wunde zu heilen begann, ja, in letzter Zeit hatte sie das Gefühl, sie hätte sich gar nicht mehr geschlossen. Das Messer stach immer tiefer und unbarmherziger in eine schon bestehende, klaffende Wunde. Folter ohne Hoffnung auf ein Ende, ohne Chance auf Erlösung, Frieden. 

Wenn sie gewusst hätte, dass sich ihr Bruder just in diesem Moment bereits auf dem Heimweg befand, hätte sie es sich vielleicht noch einmal anders überlegt. Dann wäre es ihm vielleicht noch einmal gelungen, sie zu trösten, ihr neue Hoffnung zu geben wie schon so oft zuvor. Doch sie ahnte nichts von seinem Vorhaben, sie zu überraschen, weswegen der einzige Balsam für ihre gequälte Seele in schier unerreichbarer Entfernung zu sein schien. 

„Es tut mir so furchtbar leid, dass ich dich alleine lasse. Aber ich kann ganz einfach nicht mehr“, flüsterte sie tonlos in den leeren Raum hinein.

Sie wusste, dass er sie nicht hören konnte, sie niemals wieder hören würde, allerdings hatte sie diese Worte auch in ihren Brief hineingeschrieben. Es war ihr schwer gefallen, diesen zu verfassen, da sie sich nur zu gut vorstellen konnte, wie er reagieren würde, wenn er diesen erhielt.

Er würde sich die Schuld an ihrem Freitod geben und nichts, was sie ihm mitteilte, könnte daran etwas ändern. So gesehen war es gewissermaßen sogar ein bisschen egoistisch von ihr, den einfachen Ausweg zu wählen, statt sich ihren Problemen zu stellen.

Sie wusste jedoch, dass er ihr verzeihen würde, so wie er ihr alles, wirklich alles verzieh, weil er sie zu sehr liebte, um ihr böse zu sein. Dieses Wissen beruhigte sie ein wenig.

Dennoch zitterten ihre Hände, als sie den fertigen Brief zusammenfaltete und in einen Umschlag mit dem Namen ihres Zwillingsbruders steckte, den sie gleich neben demjenigen platzierte, der an ihre Eltern gerichtet war.

Sie strich noch ein letztes Mal liebevoll über das starre Papier, bevor sie aufstand und zu dem Stuhl in der Mitte des Zimmers ging, über welchem ein Seil mit einer Schlinge hing, befestigt an einem der stabilen Dachbalken. Wenn sie erst einmal den Stuhl unter ihren Füßen umgestoßen hätte, gäbe es kein zurück mehr. Der Strick würde nicht reißen, genauso wenig wie der Balken durchbrechen würde – er gehörte zu jenen Teilen des Hauses, die ein ganzes Dach zusammen hielten, was sollten ihre paar Kilo da noch für einen Unterschied machen?

Ein bitteres Lachen drang aus ihrer Kehle und eine letzte Träne rann die bleiche Wange hinunter, bevor sie auf den Stuhl kletterte. Dort atmete sie noch einmal tief durch, nur um sich gleich darauf die Schlinge des Seils um den Hals zu legen und den Stuhl mit einem kräftigen Fußtritt umzustoßen.

 

~*~*~*~

 

Tränen verschleierten seine Sicht, als er mit zitternden Händen ihren Abschiedsbrief las, wobei seine Gedanken immer wieder zu jenem verhängnisvollen Tag vor zwei Wochen wanderten, an dem er seine geliebte Zwillingsschwester mehr tot als lebendig gefunden hatte. Bisher hatte er es nicht über sich gebracht, ihn auch nur in die Hände zu nehmen, irgendetwas, das ihr gehört hatte, in die Hände zu nehmen. Weil es die Tatsache, dass sie nicht mehr hier war, real machte, die Illusion, dass sie irgendwann einfach wieder hier auftauchen könnte, endgültig zerstörte.

Aber nun hatte er sich schließlich dazu überwunden, es doch zu tun, war es schließlich das letzte, was ihm von ihr geblieben war. Er wollte wissen, warum sie sich dazu entschieden hatte, ihr Leben freiwillig zu beenden und vielleicht würde er in ihrem Brief eine Erklärung dafür finden, auch wenn er nicht erwartete, diese verstehen zu können.

Und tatsächlich wurde ihm wenigstens dieser kleine Trost beschert, obwohl ihre Begründung keine große Überraschung mehr für ihn war – er hatte bereits etwas in der Art geahnt. Doch neben diesen Sätzen, nach denen er gesucht hatte, fiel ihm noch eine Zeile ins Auge – eine Zeile mit der er trotz der vielen anderen, in denen sie schrieb, wie wichtig er ihr gewesen war, nicht gerechnet hatte. 

Es tut mir so furchtbar leid, dass ich dich alleine lasse, schrieb sie dort und bereits das reichte aus, um die Tränen, die schon eine Weile in seinen Augen schwammen, erneut fließen zu lassen.

„Warum hast du es dann getan? Wieso?“, erwiderte er verzweifelt in stummer Zwiesprache, wissend, dass seine Worte sie niemals wieder erreichen würden.  

In diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als ihrem letzten Wunsch doch noch nachgegeben zu haben, ihr gesagt zu haben, dass er ihr verzieh – denn das hatte er wirklich getan, er hatte noch nie auf sie böse sein können und er hatte immer geglaubt, das wüsste sie auch.

Doch als er sie an jenem Tag gefunden und von dem Seil befreit hatte – nur Sekunden, nachdem sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen -, war er so furchtbar erschrocken gewesen, dass er dazu nicht mehr fähig gewesen war. Seine Angst um sie war einfach viel zu groß gewesen. Er hatte sie wiederbelebt und den Krankenwagen gerufen und während er auf diesen gewartet hatte, war sie tatsächlich noch einmal für einen  Augenblick aufgewacht.

„Bitte vergib mir“, hatte sie geflüstert und ihn dabei so flehend, so hilflos angeschaut, dass er es noch nicht einmal fertig gebracht hatte, ihrem Blick standzuhalten, als er geantwortet hatte: „Nein, das kann ich nicht. Nicht jetzt. Wenn ich dir jetzt verzeihe, dann hast du keinen Grund zu kämpfen. Ich werd’ dir vergeben… aber erst, wenn du wieder gesund bist.“

Er hatte geglaubt, sie damit zum Kämpfen bringen zu können, ihr neuen Lebensmut zu schenken. Doch seine Bemühungen waren vergebens gewesen. Tara war eine Woche später im Krankenhaus gestorben, ohne noch ein weiteres Mal aufgewacht zu sein. Und mit ihr war auch ein Teil von ihm gestorben.

 

„Ich verzeih dir“, flüsterte er leise, seinen Blick aus dem Fenster gerichtet, ohne in eine bestimmte Richtung zu sehen. Er hoffte inständig, dass seine Worte sie erreichen würden, wo auch immer sie jetzt wohl sein mochte.

 

~*~*~*~

 Teil 12

Wie in Zeitlupe sah die Gestalt den Dolch näher und näher auf sich zukommen.

Sie riss die Arme schützend nach oben, in dem Versuch, die Klinge von ihrem Ziel – ihrem Gesicht – abzubringen und ein Knirschen erklang, als diese auf ihrer Uhr auftraf. Vermutlich hätte der Dolch ohne Probleme den Arm aufgeschlitzt, doch das Abrutschen an dem Metall um ihrem Handgelenk minderte die Kraft hinter dem Angriff um ein vielfaches und so blieb lediglich ein langer, dafür aber nicht sehr tiefer Schnitt an ihrem Arm zurück.

Nur war die Attacke damit noch nicht beendet, auch wenn der Angreifer daraufhin leise fluchte, änderte es nichts daran, dass er die Überhand zu haben schien…

 

Der Angreifer holte ein weiteres Mal schwungvoll aus, um auf die Gestalt einzustechen und diesmal hätte sie ihm nichts mehr entgegenzusetzen gehabt. Ihr Arm schmerzte, als sie versuchte, sich aus seinem festen Griff zu befreien, während sie den Dolch erneut immer näher auf sich zukommen sah.

Doch jede Gegenwehr schien vergeblich zu sein, zumal es ihr diesmal nicht gelang, ihre Arme hochzureißen, da er diese allein mit seinem Körpergewicht gegen die Wand drückte. In einem Anflug von Emotion schloss sie die Augen, wollte nicht sehen, wie es enden würde.

Es war nicht der Gedanke an den Tod, der ihr Furcht bereitete oder die Art, wie dieser geschah, sondern vielmehr das Wissen, dass sie ihr Vorhaben nicht zu Ende bringen können würde, das Wissen, dass sie gescheitert war.

 

„Es tut mir leid“, flüsterte sie leise, bevor sie hilflos darauf wartete, dass der Dolch sein Ziel finden würde.

Aber nichts geschah, der erwartete Schmerz, das Auftreffen des Metalls auf ihre Haut, das Geräusch, wie es die Muskeln und Sehnen darunter durchtrennte, blieben aus. Ein Stirnrunzeln legte sich auf ihr Gesicht und sie öffnete die Augen wieder, nur um zu sehen, dass die Klinge kurz vor ihrem Hals zum Stehen gekommen war, da sich eine andere Hand um die ihres Angreifers gelegt hatte und nun darum kämpfte, diese in eine andere Richtung zu drehen.

 

Ihre Augen weiteten sich überrascht. Wo kam diese zweite Gestalt her? Und wieso half sie ihr? Hatte sie vielleicht gar nicht gemerkt, dass eigentlich sie die Killerin war? War sie erst gekommen, als der andere sie schon angegriffen hatte? Sie war so damit beschäftigt, darüber nachzudenken, warum ihr diese zweite Person geholfen hatte, dass sie gar nicht auf die Idee kam, sich aus der Gefahrenzone zu entfernen.

Stattdessen stand sie wie erstarrt da, unfähig, sich vom Fleck zu bewegen. Wie in Trance beobachtete sie die Gestalt, welche mit ihrem Angreifer am Boden rang, um den Dolch kämpfend. Sie war etwas kleiner und leichter gebaut, doch nicht wesentlich, sodass sie dadurch nicht wirklich benachteiligt war.

Abgesehen davon schien sie ohnehin über eine bessere Kondition zu verfügen, hatte sie doch schon nach kurzer Zeit die Oberhand und nutzte diese Gelegenheit, um dem anderen mit einem schnellen Schnitt die Kehle zu durchtrennen.

 

Der Retter warf noch einen letzten, unbeeindruckten Blick auf die Leiche, bevor er sich wieder der Mörderin zuwandte, welcher er gerade das Leben gerettet hatte.

„Willow?“, fragte er verwundert, in dem Glauben, die andere erkannt zu haben. Dennoch war er sich nicht sicher, ob er mit dieser Vermutung recht hatte, nur kam sie ihm so seltsam vertraut vor.

Aber wieso sollte sie mitten in der Nacht hier herumschleichen? Mit einem Dolch in der Hand? Sollte ausgerechnet sie tatsächlich eine Killerin sein? Zwar hatte er vorhin eindeutig gesehen, wie diese Kennedy getötet hatte, doch er konnte nicht glauben, dass ausgerechnet Willow zu so etwas fähig sein sollte. So etwas hätte er ihr niemals zugetraut. Andererseits gab es auch so einiges, was er sich selbst nie zugetraut hätte, und jemandem das Leben zu nehmen, gehörte ganz sicher dazu.

 

„Willow? Bist du das?“, wiederholte er seine Frage noch immer sehr überrascht, wenn auch nicht hundertprozentig sicher, ob er tatsächlich recht hatte. Er hoffte nicht.

 

Diese Worte schienen die andere nun endlich aus ihrer Trance zu lösen, denn sie stieß sich plötzlich energisch von der Wand ab und rannte gehetzt in jene Richtung, aus der sie zuvor gekommen war, ihren Retter ohne jede Antwort mit zwei Leichen zurücklassend.

 

~*~*~*~

 

Entsetzt starrte Anya auf den Polizisten vor sich, der ihr soeben mitgeteilt hatte, dass Kennedy und Robin beide tot waren. Ihre Hände begannen zu zittern und sie schnappte nach Luft wie ein Fisch, der auf dem Trockenen saß, während sie verzweifelt versuchte, zu begreifen, was geschehen war.

Das konnte nicht wahr sein, das durfte nicht wahr sein! Nicht Kennedy, nicht ihre Kennedy. Der Mann musste sich irren, bestimmt sah ihr die Person, die sie gefunden hatten, nur ähnlich, sie mussten sie verwechselt haben. Vielleicht hatte sie ihren Personalausweis verloren und jemand anderes hatte ihn gefunden und eingesteckt. Und jetzt hielt die Polizei diesen jemand für ihre Freundin.

Ja, genau so musste es sein. Sie weigerte sich zu glauben, dass diese wirklich tot war.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, eine Erklärung für diese schreckliche Nachricht zu finden – eine, die nicht Kennedys Tod beinhaltete -, so wusste sie auch, dass es vergebens war. Obwohl sich ihr Herz momentan noch weigerte, es zu glauben, wusste ihr Verstand dennoch, dass der Polizist die Wahrheit sprach.

 

Kennedy war letzte Nacht völlig wütend aus dem Bronze gestürmt, ohne ihre oder sonst irgendeine andere Begleitung, und sie war niemals hier angekommen. Auch nicht, um Klamotten zu holen, weil sie vielleicht woanders übernachten wollte. Ihre Sachen lagen unberührt in ihrer Wohnung, genauso wie sie sie gestern verlassen hatte.

Und ihre Leiche war auf dem Weg hierher gefunden worden, genau auf dieser verdammten Abkürzung, die sie immer entgegen Anyas Bitten genommen hatte, genauso wie sie ihr sicherlich davon erzählt hätte, wenn sie ihren Personalausweis verloren hätte.

So gern sie auch etwas anderes hören wollte, so verstand sie rational doch ebenfalls, dass es nur ein einzige Erklärung dafür gab: es war tatsächlich ihre Kennedy, die diese Nacht gestorben war.

Weil sie sich gestritten hatten. Weil sie mit irgendeinem Typen hatte flirten müssen, um ihre Freundin ein wenig eifersüchtig zu machen, nur damit diese ihr noch mehr Aufmerksamkeit schenkte. Es war ihre Schuld, einzig und allein ihre Schuld. Wenn sie nicht so dumm gewesen wäre, wenn sie sich nicht mit ihr gestritten, sie nicht provoziert hätte, dann würde Kennedy jetzt noch leben. Dann wäre sie jetzt hier, an ihrer Seite.

 

Tränen liefen über Anyas Wangen und sie schluchzte leise auf, während der Polizist sie ins Wohnzimmer führte. Dort setzte er sie auf die Couch und versuchte, beruhigend auf sie einzureden, doch sie realisierte von all dem überhaupt nichts. Sah nur das Gesicht ihrer Liebe vor sich, lachend und glücklich – ein Gesicht, welches sie nun niemals wieder sehen würde, ein Gesicht, dessen Lachen für immer erloschen war.

 

~*~*~*~

 

Ein gehässiges Grinsen legte sich über Buffys Lippen, als sie Willow entdeckte, welche mit ihren Büchern unterm Arm über den Campus schlenderte, wie meistens in einem potthässlichen, übergroßen Pullover und schlabberigen Jeanshosen. Sie hatte erst heute Morgen von Kennedys und Robins Tod erfahren und es hatte ihr einen weiten Schock versetzt, sodass es ihr heute zunehmend schwerer als sonst fiel, ihre Maske aufrechtzuerhalten.

Doch ihre Mutter hätte keinen weiteren Fehltag geduldet und sie hatte keine Lust darauf gehabt, sich jetzt auch noch mit dieser auseinanderzusetzen, weshalb sie sich geschlagen gegeben fertig gemacht hatte. Eine kleine Aufheiterung war ihr gerade recht willkommen.

Den Gedanken, wie unfair es war, andere zu beleidigen, nur damit sie sich selbst besser fühlte, schob Buffy schnell beiseite, war Moral doch so ziemlich das Letzte, über das sie sich jetzt einen Kopf machen wollte.

 

„Na, wen haben wir denn da?“, sprach sie die Rothaarige spöttisch an, welche daraufhin erschrocken zu ihr herumfuhr. „Wenn das mal nicht unser kleiner Bücherwurm ist. Hast du deine Klamotten heute früh mal wieder in der Altkleidersammlung zusammengesucht? Nicht nur, dass sie dir nicht zu passen scheinen, die Kombination ist auch noch absolut schrecklich“, stichelte sie weiter, woraufhin die Andere beschämt zu Boden sah, es jedoch nicht wagte, ihr etwas entgegenzusetzen.

Zwar war Buffy diesmal nicht von ihren schützenden Freunden – oder besser Anhängseln – umringt, aber Willow war es mittlerweile so gewohnt, von ihr fertig gemacht zu werden, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kam, sich zur Wehr zu setzen. Stattdessen presste sie die Lippen fest aufeinander und sank förmlich in sich zusammen, jegliches Selbstbewusstsein wich bei dem Klang der verletzenden Worte aus ihrem Körper.

 

Die Blonde kam jedoch nicht dazu, ihr noch weitere Beleidigungen an den Kopf zu werfen, da sie von einer anderen, wütenden Stimme unterbrochen wurde. „Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, Summers, wir sind hier am College. Von daher könnte es dir nicht schaden, wenn du deinen Hohlschädel auch mal in ein Buch hineinstecken würdest – obwohl ich bezweifle, dass das was bringen würde.

Und was die Klamotten betrifft, so kann ich nur sagen, dass sich nicht jede junge Frau wie eine Nutte anzuziehen braucht, um attraktiv zu sein. Bei dir dagegen scheint noch nicht einmal das mehr zu helfen“, konterte Spike mit einem abfälligen Blick auf ihren viel zu kurzen Minirock und das Top, welches mehr Haut zeigte als bedeckte.

Er hatte von weitem gesehen, wie Buffy an Willow herangetreten war und war daraufhin hergekommen, da er sich denken können hatte, dass dies bestimmt nicht mit einem freundlichen Gespräch enden würde.

 

Buffy verzog daraufhin beleidigt den Mund und gab ein giftiges: „Sagt der Typ, der rumläuft wie Billy Idol“ von sich, welches er jedoch gar nicht mehr beachtete. Statt wie sonst einen Streit mit der verhassten Blondine anzuzetteln, wandte er sich seiner Freundin zu und gab dieser einen liebevollen Kuss.

 

„Hey, Luv“, begrüßte er sie dann, was ihr ein leichtes Lächeln entlockte und sie dazu brachte, wieder ein wenig selbstbewusster zu wirken.

 

„Hi“, gab sie zurück und ein leichtes rot überzog ihre Wangen, als er ihre Bücher aus ihrem Arm nahm und mit dem Kopf in Richtung ihres nächsten Hörsaals zeigte, um ihr anzudeuten, dass er sie dorthin begleiten würde, damit Buffy sie in Ruhe ließ.

„Hast du heute Abend schon etwas vor?“, erkundigte er sich, nachdem sie außerhalb der Hörweite der Blonden waren, welche ihnen mit wütendem Blick hinterher sah.

 

Das Lächeln auf Willows Lippen wurde auf seine Frage hin noch eine Spur breiter. „Nein, wieso? Hast du etwas geplant?“

 

„Ich hab gedacht, wir könnten uns vielleicht treffen und ins Kino gehen oder so?“, erkundigte er sich gutgelaunt, während sein Blick an den Haaren seiner Freundin hängen blieb, die im Sonnenlicht verführerisch glänzten. Am liebsten hätte er seine Hand gehoben und wäre mit den Fingern hindurch gefahren, doch da er nun ihrer beider Bücher trug, war das leider nicht möglich. Er tröstete sich jedoch mit dem Gedanken daran, dass er dies auch genauso gut zu jedem anderen Zeitpunkt tun können würde.

 

„Hm, im Kino kommt momentan kein Film, den ich mir gerne angucken würde. Was hältst du davon, wenn wir uns stattdessen bei mir treffen und eine DVD anschauen? Meine Eltern sind für den Rest der Woche nicht daheim“, schlug sie nach kurzem Zögern vor, nur um gleich darauf ein: „Es sei denn, es läuft ein Film, den du unbedingt sehen willst?“ hinzuzufügen.

 

„Nope, da gibt’s keinen. Wann soll ich zu dir kommen?“, stimmte er zu, mit einem leisen Lachen über ihre Befürchtung, sie könne ihn davon abhalten, ins Kino zu gehen, obwohl er es unbedingt wollte.

Er liebte es, wenn sie sich bei dem Versuch verhaspelte, immer jedem alles recht machen zu wollen und trotzdem ihre eigene Meinung zu sagen. Es war einfach nur süß, zu beobachten, wir ihre Wangen dann noch dunkler wurden und sie ihn mit großen, unschuldigen Augen ansah.

 

„Wäre so gegen sieben okay für dich?“, erwiderte sie, nachdem sie kurz darüber nachgedacht hatte, wie viel Zeit sie nach ihren Vorlesungen wohl noch brauchen würde, um sich das Material von heute noch einmal anzusehen.

 

„Geht klar, Luv“, bestätigte er ihren Vorschlag, bevor er ihr ihre Bücher übergab und sich mit einem weiteren Kuss von ihr verabschiedete, da sie ihren Hörsaal erreicht hatten, er aber in eine andere Vorlesung musste.

„Ich seh’ dich dann heute Abend.“

 

~*~*~*~

 

Mit einem leisen Seufzen schüttelte Xander den Kopf, mittlerweile leicht genervt von Buffys Redeschwall, die sich nun schon gut zehn Minuten lang darüber aufregte, wie Spike es bloß wagen können hatte, ihr einfach so den Wind aus den Segeln zu nehmen, als sie sich über Willow lustig gemacht hatte.

Er mochte die Blonde, wirklich, aber manchmal fiel es ihm verdammt schwer, sie zu verstehen, Freundschaft hin oder her, zeitweise konnte sie ein richtiges Biest sein. Es gab Dinge, bei denen sie schlicht und einfach nicht einer Meinung waren. So begriff er zum Beispiel auch nicht, was sie davon hatte, ständig Willow fertig zu machen, fast konnte man schon den Eindruck haben, sie hätte es auf sie persönlich abgesehen, denn in der letzten Zeit hatte sie sich kaum auf jemand anderen konzentriert.

Was natürlich nicht heißen sollte, dass der Rest der Studenten von Buffys spitzer Zunge verschont geblieben war, ganz im Gegenteil, jeder, der ihren Weg kreuzte, hatte in den letzten Wochen mit gehässigen Kommentaren rechnen müssen. Es kam ihm fast so vor, als versuche sie auf diesem Weg ihre Frustration über die anhaltenden Morde loszuwerden.

Zwar verstand er diesen Wunsch wahrscheinlich besser als jeder andere, doch das war seiner Meinung nach keine Art und Weise, mit der Trauer und Wut über diese Ungerechtigkeit fertig zu werden.

 

„Meinst du nicht, du könntest ein bisschen netter zu Willow sein? Wenn du sie ganz einfach in Ruhe lassen würdest, würde sich Spike auch nicht ständig mit dir streiten“, schlug er genervt vor, was ihm einen entsetzen Blick von Seiten der Blonden einbrachte, weshalb er seinen Vorschlag bereits im nächsten Moment bereute. Hätte er doch bloß den Mund gehalten, jetzt würde sie erst recht nicht aufhören, sich aufzuregen.

 

„Sie in Ruhe lassen? Warum sollte ich? Das könnte diesem Idioten so passen. Überhaupt, wie kommst du auf so eine Idee? Ich dachte, du wärst mit mir befreundet. Wieso stellst du dich auf ihre Seite?“, protestierte sie lautstark und er zuckte unwillkürlich zusammen, nur um gleich darauf stumm sein zu schnelles Mundwerk zu verfluchen.

Weshalb dachte er bloß nie über die Konsequenzen nach, bevor er redete?

 

„Ich meinte ja nur“, versuchte er, seinen Kommentar zu entschärfen. „Ich stell mich dabei ja gar nicht auf ihre Seite, ich hab mir nur gedacht, dass es nicht schaden könnte, wenn du einen Gang runterschaltest. Du bist in letzter Zeit ziemlich… gestresst, ein wenig Ruhe würde dir bestimmt auch ganz gut tun. Und davon hättest du sicherlich mehr, wenn du dich etwas… diplomatischer verhalten würdest.“

 

Sein Blick wanderte unsicher zu Buffy, welche ihn für eine Weile einfach nur prüfend ansah, während sie überlegte, ob sie ihm das so glauben sollte. Anscheinend schien das Glück heute aber auf seiner Seite zu sein, denn sie fragte nicht noch einmal genauer nach, sondern tat seine Ausrede stattdessen mit einem nichts sagendem: „Vielleicht“ ab.

Teil 13

Verwundert blickte Buffy von ihrem Computer auf, als es abends bei ihr an der Tür klingelte. Wer mochte das wohl um diese Zeit noch sein?

Freunde ihrer Eltern wohl ganz sicher nicht, denn diese befanden sich zur Zeit im Urlaub auf Hawaii und hatten darüber vorher unüberhörbar oft geredet, sodass dies wahrscheinlich mittlerweile ganz Sunnydale wusste. Und Postboten sowie irgendwelche Staubsaugervertreter hatten abends um zehn schon lange Feierabend.

Sicher, spät war es noch nicht unbedingt, aber dennoch war es ihr schleierhaft, wer da wohl sein mochte.

 

Mit einem rätselnden Kopfschütteln stand sie auf und ging zur Vordertür, um diese zu öffnen, da die Haushälterin bereits vor vier Stunden gegangen war.

 

„Hi, Buffy“, kam ihr auch gleich Dawns leise Stimme entgegen, was die Blonde dazu brachte, überrascht die Augenbrauen nach oben zu ziehen. Mit ihr hatte sie nun wirklich überhaupt nicht gerechnet.

Ihr Blick schweifte über ihre Besucherin, während sie sie ebenfalls begrüßte und sie stellte fest, dass diese nicht nur ziemlich blass um die Nase herum aussah, sondern auch immer wieder nervös zur Seite blickte, soweit sie dies eben schaffte, ohne den Kopf zu drehen.

 

„Ähm, ich hab mir gedacht, wir könnten vielleicht zusammen einen Film anschauen oder so? Wir haben uns ja schon eine Weile nur noch auf dem College gesehen“, schlug Dawn vor, wobei sie sich sichtlich unwohl fühlte, was Buffy dazu brachte, sie mit einem äußerst skeptischen Blick zu bedenken, weshalb die andere beschloss, den wahren Grund für ihr Kommen doch noch zu nennen.

 

„Naja, ich hab mir gedacht, wir könnten den Abend gemeinsam verbringen, da deine Eltern ja auch nicht da sind… Mom ist in LA auf einer Ausstellung und kommt erst in zwei Tagen wieder und ich… ich wollte nicht alleine Zuhause bleiben, im Dunkeln… nicht nach dem, was mit Andrew passiert ist“, gestand sie leise.

Sie schluckte schwer, als sie den Namen ihres toten Freundes erwähnte und wie immer bei dem Gedanken an ihm, begannen sich Tränen in ihren Augen zu sammeln. Es würde wohl noch eine ganze Zeit brauchen, bis sie über seinen Tod hinwegkommen sein würde, auch wenn sie noch nicht so lange zusammen gewesen waren.

Ein Mord war viel schwerer zu verarbeiten als ein natürlicher Tod, noch dazu, wenn man den Verantwortlichen für diese Tat nicht kannte und wusste, dass er jederzeit wieder zuschlagen konnte – wieder zugeschlagen hatte, ohne dass auch nur einer von ihnen erraten konnte, wer als nächstes dran war.

 

Buffy presste daraufhin für einen Moment unschlüssig die Lippen aufeinander, nicht sicher, ob sie die andere hineinlassen, wieder heimschicken oder sie schlicht und einfach für die Dummheit erwürgen sollte, dass sie offensichtlich im Dunkeln allein hierher gelaufen war. Wie konnte man Angst davor haben, alleine Zuhause zu bleiben und gleichzeitig so dämlich sein, ohne jede Begleitung draußen herumzulaufen?

Zwar war das Haus von Dawns Mutter nur drei Straßen von ihrem entfernt, doch im Anbetracht der momentanen Umstände war es ihrer Meinung nach immer noch komplett lebensmüde, so etwas zu machen. Ausgerechnet Dawn hätte sie mehr Verstand zugetraut.

Dennoch brachte es die Blonde nicht übers Herz, der anderen einen Vortrag über ihre Unvorsichtigkeit zu halten, nicht bei ihrem verängstigten und zugleich traurigen Anblick. Und wenn sie ganz ehrlich war, dann fühlte sie sich alleine in der großen Villa auch nicht wirklich wohl. Ein wenig Gesellschaft würde wahrscheinlich ebenso beruhigend auf sie wirken wie auf die Dunkelhaarige.

 

„Komm rein“, forderte sie Dawn auf diesen Entschluss hin mit einem leichten Lächeln auf und sie ging einen Schritt beiseite, um die andere hereinzulassen, bevor sie die Tür wieder hinter ihnen beiden fest abschloss.

Seit dieser Killer einmal in ihr Haus eingedrungen war, versicherte sie sich immer zwei Mal, ob sie auch ja alle Fenster und Türen fest verschlossen hatte, da sie nicht daran glaubte, noch einmal so unendlich großes Glück zu haben, ihm wieder zu entkommen, sollte sie erneut in seine Hände fallen.

 

~*~*~*~

 

Die beiden jungen Frauen hatten es sich anschließend auf der hellen Ledercouch bei Mikrowellenpopcorn – reich oder nicht, Popcorn gehörte einfach zu einem Filmabend dazu -, Getränken und ein paar romantischen Filmen gemütlich gemacht und so war es bereits weit nach Mitternacht, als sie sich entschlossen, schlafen zu gehen.

Über den Abend hinweg schien Dawn ihre Angst völlig vergessen zu haben und auch Buffy war viel entspannter, da sie durch die Anwesenheit der anderen von unangenehmen Überlegungen, was die Morde betraf, abgelenkt worden war. Man konnte ihre Stimmung sogar fast schon als ausgelassen bezeichnen, was wohl nicht zuletzt an den Mixgetränken lag, die besonders der Brünetten zu Gemüte schlugen.

So kam es auch, dass sie sich nichts Böses dabei dachten, als plötzlich ein lautes Scheppern aus dem Garten erklang und ihr erster Gedanke galt einem Hund, der auf der Suche nach Futter ein paar der Gartenmöbel angerempelt hatte, was wohl den Lärm verursacht hatte. Solche Streuner verirrten sich zwar nur selten in diese noblere Gegend Sunnydales, da es hier keine Mülltonnen gab, die offen herumstanden, aber ab und an kam es doch schon einmal vor.

Buffy hatte dann immer Mitleid mit ihnen und meistens schlich sie sich hinter dem Rücken ihrer Eltern mit einem großen Stück Fleisch – es war ja nicht so, als würde das bei ihrer übermäßig gefüllten Speisekammer jemandem auffallen – in den Garten hinaus, um es dem jeweiligen Hund zu geben. Einer von ihnen kam sogar regelmäßig wieder, während sie die anderen, die sich bisher zu ihr verirrt hatten, kein zweites Mal gesehen hatte.

Jemand, der sie nicht kannte, würde wahrscheinlich niemals glauben, dass sie so etwas tatsächlich machte, aber dass sie zu Tieren so nett war wie den meisten Leuten gegenüber biestig, wussten nun einmal nur ihre besten Freunde.

 Und wenn es nach ihr ging, konnte das ruhig auch so bleiben.

 

Dawn grinste deswegen nur wissend, als die Blonde dann wirklich ein Stück Fleisch holte und zur Hintertür ging, die in den Garten führte, um den vermeintlichen Streuner zu füttern. Zwar hätte sie gerne gesehen, welcher Hund es wohl diesmal sein mochte, der Buffys Herz erweichte, doch sie war inzwischen zu müde, um aufzustehen, weswegen sie beschloss, einfach auf die andere zu warten und aus Zeitvertreib zu einem Musiksender schaltete – einen Film anzufangen, lohnte sich nicht, da sie ja eigentlich grade ins Bett gehen wollen hatten.

 

~*~*~*~

 

Ein gehässiges Grinsen legte sich auf die Lippen der Gestalt, als sie bemerkte, dass die Blonde genau in ihre Falle zu tappen schien. Nach dem doch recht entspannenden Abend hatte sie tatsächlich vergessen, die Tür hinter sich zuzuschließen – immerhin rechnete sie ja damit, gleich wieder hineinzugehen – und so konnte die fremde Person ungehindert hinter Buffys Rücken ins Haus hineinschleichen, während diese eine wenig verwundert den Garten nach dem vermeintlichen Hund absuchte.

 

Der einzige Nachteil an dieser Art von Planung war, dass sie diesmal keine Chance hätte, die Angst ihres Opfers auszukosten, da die Tat möglichst schnell und vor allem lautlos vonstatten gehen musste, wenn sie sich genauso unbemerkt wieder hinaus schleichen wollte, bevor Buffy zurückkam.

Anfänglich hatte sie überlegt, ob sie diese gleich mit erledigen sollte, doch sie hatte sich dann recht schnell dagegen entschieden, weil es das Risiko, erwischt zu werden, wesentlich erhöhen würde – abgesehen davon war sie noch nicht ganz fertig mit der Blonden. Ganz so einfach würde diese ihr nicht davonkommen, mit ihr hatte sie noch etwas Besonderes vor.

 

Das Grinsen auf dem Gesicht der Gestalt wurde bei diesem Gedanken noch breiter und sie schüttelte leicht den Kopf, um jegliche Überlegungen dieser Art aus ihrem Kopf zu verdrängen. Darum konnte sie sich später noch kümmern, jetzt musste sie erst einmal Dawn loswerden. Sie brauchte nicht lange, bis sie das Wohnzimmer fand  - als sie Buffy damals durch das Haus gejagt hatte, hatte sie einen guten Überblick über die meisten Räumlichkeiten im Erdgeschoss bekommen -, in welchem die Dunkelhaarige mit dem Rücken zu ihr auf der Couch saß. Perfekt platziert für ihren Plan, besser hätte es gar nicht laufen können.

Sie holte beinahe lautlos den Dolch aus der Innentasche ihrer dunklen Jacke und schlich sich vorsichtig direkt hinter das Sofa, um dann mit einer schnellen Bewegung von hinten Dawns Mund zuzuhalten, sowie sie durch den Druck ihres Armes gegen die Rückenlehne zu pressen, was deren Versuche, sich zu befreien, erfolglos machte.

Zu gerne hätte sie die Studentin noch eine Weile zappeln lassen, die Furcht, die so deutlich in ihren Augen zu lesen war, bis zum letzten Tropfen ausgekostet, doch leider hatte sie dafür keine Zeit, weswegen sie bereits im nächsten Augenblick den Dolch mit einem kräftigen Hieb in den Brustkorb der anderen jagte, mitten ins Herz hinein. Es war nur ein kurzer Kampf gewesen, kaum der Rede wert. Wenige Sekunden nach der Attacke war Dawn bereits tot.

 

Die Gestalt warf noch einen letzten, zufriedenen Blick auf ihr Opfer, bevor sie sich ebenso leise und unbemerkt wie sie gekommen war zurück durch die Hintertür in den Garten schlich – nur einen kurzen Moment, bevor Buffy die Suche nach dem vermeintlichen Hund aufgab und beschloss, ins Haus zurückzukehren.

 

~*~*~*~

 

Buffy hatte das Stück Fleisch zurück in ihr Geheimversteck in der Speisekammer gebracht, nachdem sie im Garten keinen Hund gefunden hatte. Erst dann ging sie zurück ins Wohnzimmer, in dem Vorhaben, Dawn in einem der Gästezimmer einzuquartieren und danach selbst ins Bett zu gehen.

Nie und nimmer hätte sie damit gerechnet, dass in diesen wenigen Minuten, die sie draußen gewesen war und die Tür offen gelassen hatte, jemand an ihr vorbei ins Haus geschlichen war, um die andere umzubringen. Deswegen hätte sie auch nichts und niemand auf das vorbereiten können, was sie vorfand, als sie das Wohnzimmer betrat.

Ihr Blick fiel sofort auf Dawn, da die Couch das erste war, was man sah, wenn man aus Richtung der Küche kam, und sie riss völlig geschockt die Augen auf, während ein gellender Schrei den Raum erfüllte. Blut durchtränkte das helle Shirt der Brünetten und sie starrte mit gebrochenem Blick zur Decke, völlig bewegungslos. Selbst von der Tür aus bestand für Buffy kein Zweifel, dass sie tot war.

Schluchzend schlug sie die Hand vor den Mund und sank auf die Knie, ihr ganzer Körper wurde von einem Weinkrampf geschüttelt und jeglicher Versuch, das Zittern ihrer Glieder zu unterdrücken, war vergebens. Verzweiflung und Schuldgefühle strömten auf sie ein, übermannten sie vollkommen.

Dawn war zu ihr gekommen, weil sie Angst vor diesem Killer gehabt hatte. Sie hatte bei ihr Schutz gesucht. Und anstatt diesen zu bekommen, hatte sie den Tod gefunden. War genau an jenem Ort gestorben, wo sie sich am sichersten gewähnt hatte.

Alles nur, weil sie vergessen hatte, die Tür hinter sich zu schließen, so dumm und einfältig gewesen war, zu glauben, in ihrer Villa könnte ihnen nichts passieren. Hätte sie es nicht schon lange besser wissen sollen? Wie hatte sie bloß so naiv sein können? Es war doch nicht das erste Mal, dass der Mörder in ihr Haus eindrang, sie hätte ahnen sollen, dass sie hier nicht sicher waren, solange nicht alles abgeschlossen war. Selbst dieser kurze Moment der Unachtsamkeit hatte gereicht.

Doch nicht genug damit, dass ein weiteres Opfer in die Hände dieses Wahnsinnigen gefallen war, nein. Es hatte auch noch Dawn sein müssen, die nun wirklich überhaupt nichts für diese Situation konnte. Sie hatte die Tür offen gelassen, sie war so dumm und unvorsichtig gewesen, sie war es, die jetzt an Dawns Stelle liegen sollte. Die andere sollte nicht für ihre Naivität büßen müssen, das war nicht fair.

 

Tränen liefen über Buffys Gesicht und sie schaukelte verzweifelt hin und her, während die Schuldgefühle und Verzweiflung auf sie einströmten, nicht wissend, was sie tun sollte. War zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig, ja, scherte sich noch nicht einmal mehr darum, ob der Mörder vielleicht noch hier irgendwo im Haus war. Konnte nur eine weitere ihrer Freunde tot auf der Couch liegen sehen.

Und diesmal konnte ihr keiner einreden, dass sie keine Verantwortung für Dawns Tod trug, diesmal war sie allein diejenige, die es hätte verhindern können.

 

~*~*~*~

 

Unsicher sah Spike immer wieder zu Willow, in dem Versuch, zu erraten, ob sie wirklich etwas mit den ganzen Morden zu tun hatte. Eigentlich konnte er sich das absolut nicht vorstellen, sie war immer so nett und schüchtern als könne sie keiner Fliege etwas Zuleide tun. Er hatte sie als sehr liebenswerte, freundliche Person kennen gelernt und auch nie erlebt, dass sie irgendjemanden anders behandelt hätte, noch nicht einmal Buffy gegenüber war sie ausfällig geworden.

 

Aber er war sich so sicher gewesen, sie vorgestern Nacht erkannt zu haben, ihre Bewegungen, ihre Figur. Jemandem, der sie nicht so gut kannte, mochte die Ähnlichkeit nicht aufgefallen sein, doch er war nun schon eine Weile mit ihr zusammen und er liebte sie. Sollte er sie nicht am besten erkennen?

Und dann war da auch noch die Tatsache, dass sie sich gestern und heute den ganzen Tag lang schon ein wenig seltsam verhielt. Als würde sie sich über irgendetwas Sorgen machen, war abgelenkt und nervös.

Abgesehen davon trug sie auf einmal auch eine andere Uhr als sonst, was alleine natürlich nichts heißen musste. Es deutete allerdings auf den Vorfall der vergangenen Nacht hin, denn das Auftreffen des Dolches hatte die alte wohl nicht heil überstanden.

Was sollte er von all dem halten? Konnte er wirklich glauben, seine Freundin wäre eine Mörderin? Seine unschuldige, liebe Willow? Ausgerechnet sie? Das klang so absurd und unfassbar, wie sollte er sie denn darauf ansprechen? Wie sollte man einen Menschen, den man liebte, darauf ansprechen, ob er ein Killer war? Wenn er falsch lag, würde sie nie wieder ein Wort mit ihm reden.

 

Höchstens… ja, er könnte unauffällig herausfinden, ob ihr Arm ebenfalls verletzt war, dann hätte er ein weiteres Indiz, oder eben etwas, das sie entlastete.

Mit diesem Entschluss zufrieden, fasste er sanft nach Willows Arm, als wolle er nur ihre Aufmerksamkeit vom Fernseher weg auf sich lenken, was diese jedoch mit einem scharfen Einziehen von Luft und einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck quittierte.

 

„Nicht!“, zischte sie leise, woraufhin er gespielt ahnungslos die Stirn runzelte. Damit hatte er also seine Bestätigung.

 

„Was ist denn los, Luv?“, erkundigte er sich vorsichtig. Vielleicht gab es ja doch noch eine andere Erklärung für ihre Verletzung? Vielleicht verrannte er sich nur in etwas? Er neigte immerhin dazu, ständig gleich das Schlimmstmögliche anzunehmen.

 

„Ich hab mich ein wenig geschnitten, nicht weiter schlimm, aber es tut noch ein bisschen weh“, murmelte sie kaum hörbar, wobei sie sich weigerte, ihm direkt in die Augen zu sehen.

 

Spike zog daraufhin nur skeptisch seine vernarbte Augenbraue nach oben, um dann sachte, da er ihr nicht noch mehr Schmerzen bereiten wollte, ihren Ärmel nach oben zu ziehen. Sein Blick fiel auf die lange Bandage, die sich über den gesamten Unterarm wickelte und er musste unweigerlich schlucken.

„Ein bisschen geschnitten? Mit einem Hackbeil oder was?“, konnte er es sich nicht verkneifen, zu fragen.

 

„Naja, ich… ich“, stammelte Willow hilflos, schloss den Mund jedoch gleich darauf wieder.

 

„Das gestern Nacht, das warst du, nicht wahr? Du warst diejenige, die Kennedy getötet hat, hab ich recht?“, hakte er dann nach, was die andere endlich dazu brachte, ihn anzusehen…

Teil 14

 

„Das gestern Nacht, das warst du, nicht wahr? Du warst diejenige, die Kennedy getötet hat, hab ich recht?“, hakte Spike dann nach, was die andere endlich dazu brachte, ihn anzusehen.

Ihre Augen hatten sich erschrocken geweitet und sie sah ihn ziemlich geschockt an.

„Ich… W-Wie kommt d-du darauf?“, wich sie anschließend einer direkten Antwort aus. 

Spike schluckte daraufhin ein weiteres Mal schwer, denn nun mehr hatte er keinerlei Zweifel daran, dass er recht hatte. Wenn es eine vernünftige andere Erklärung für ihre Verletzung gäbe, dann hätte sie sie schon längst genannt.

„Ich hab dich gesehen, Willow. Ich hab gesehen, wie du verletzt wurdest, nachdem du Kennedy umgebracht hast und ich war derjenige, der auf Gunn losgegangen ist“, erklärte er leise, wobei er ihren Arm jedoch nicht losließ. 

„Ich… ich… bitte, du musst mir glauben, Will, ich war das nicht alleine“, stammelte die Rothaarige verzweifelt.

Sie wollte ihn um  keinen Preis verlieren, doch was sollte sie machen? Mit einer Mörderin würde er wohl kaum zusammen bleiben, es war schon ein Wunder, dass er sie anscheinend bisher nicht angezeigt hatte, sonst hätte die Polizei  schon lange vor ihrer Haustür gestanden.

Und ihm geradewegs ins Gesicht zu lügen, das brachte sie schlicht und einfach nicht fertig.

„Da ist noch jemand, das war nicht nur meine Idee. Aber ich war so wütend, so furchtbar wütend, und dann hab ich von diesem Killer in der Zeitung gelesen, der diese Drusilla umgebracht hatte. Sie war sowieso eine von Buffys Freunden und da hab ich gedacht, es würde gar nicht weiter auffallen, wenn ich mich… naja, eben auch ein bisschen räche“, fuhr sie hastig fort, darum bemüht, ihre Taten zu erklären, auch wenn er sie höchstwahrscheinlich nicht verstand, nicht verstehen konnte. 

Zu ihrem Erstaunen sprang er jedoch nicht durch ihr Geständnis geschockt auf, er schrie sie auch nicht an oder wich vor ihr zurück, wie sie es vielleicht erwartet hätte. Stattdessen erwiderte er nur ein ruhiges: „Ich weiß“, was sie mehr verblüffte als alles andere.

Wie konnte er davon wissen? Das war schlicht und einfach unmöglich. Dazu hätte er sie schon viel länger beobachten müssen.

„Zumindest das mit dem zweiten Mörder“, ergänzte er. „Dass du dahinter steckst, hab ich erst vorgestern Nacht erfahren.“ 

„A-Aber wie…? Wie kannst du… woher?“, stammelte Willow daraufhin völlig verwirrt.

Ihr Verstand war einen Moment lang komplett überfordert mit den schockierenden Informationen, die auf sie einprasselten. Sie starrte ihn einfach nur an, nicht fähig, sich zu bewegen. Es dauerte eine ganze Weile, bis es ihr schließlich endlich dämmerte, woraufhin sie ihre Augen noch weiter aufriss, falls das überhaupt möglich war, um dann ein entgeistertes: Du?!“ hervorzuwürgen. 

Spike senkte auf diese Erkenntnis hin für einen Moment beschämt den Kopf, bevor er wieder aufsah und ihr direkt in die Augen blickte, ohne eine Spur von Reue: „Ja, ich.“ 

„Wieso?“, erwiderte die Rothaarige verwundert. Sie kannte ihre Gründe, ja, aber er schien nie ein wirkliches Problem mit Buffy gehabt zu haben, sondern den Streit mit ihr regelrecht zu suchen.

Für einen Moment konnte sie gar nicht glauben, dass tatsächlich er derjenige war, der dahinter stecken sollte, ohne dass sie etwas davon bemerkt hätte, bevor ihr langsam klar wurde: „Deswegen bist du gestern schon so zeitig los, nicht wahr? Du wolltest Dawn erwischen, weil du von der Ausstellung ihrer Mutter in L.A. gewusst hast, hast sie dann aber bei Buffy gefunden.“ 

Ein Nicken war die einzige Antwort, die sie erhielt.

„Kanntest du Tara? Sie ging auf die Sunnydale High“, fragte er dann plötzlich, ohne jede Vorwarnung, was sie geschockt aufkeuchen ließ. 

„Du-Du kanntest s-sie? A-Aber sie… sie war schon tot, als du zu uns an die Schule kamst. Wie kannst du…“, erwiderte sie völlig verwundert, während sie fieberhaft überlegte, wieso sie das Gefühl hatte, sie solle mehr dazu wissen.

Irgendetwas klingelte bei diesen Worten in ihrem Kopf, sie konnte nur nicht genau sagen, was es war.

Als Spike jedoch nur schweigend zu Boden sah und schluckte, fuhr sie leise fort: „Sie war ein Teil der Gründe, aus dem ich das gemacht habe. Ich… Buffy und ihre Freunde haben mich von klein auf fertig gemacht, ohne dass ich auch nur wusste wieso. Wahrscheinlich, weil ich einfach nicht dazupasste.

Und dann… auf der High School ist es immer schlimmer geworden, der einzige Weg, auf dem ich halbwegs damit fertig geworden bin, war, mich in Hausaufgaben und Bücher zu stürzen. Mir macht das Lernen Spaß, dadurch hatte ich wenigstens etwas, das mich abgelenkt hat.

Irgendwann hab ich Tara kennen gelernt und wir haben uns auf Anhieb verstanden, zumal sie noch mehr unter Buffy zu leiden hatte als ich. Sie… sie haben sie jedes Mal völlig fertig gemacht und ich war zu feige, um ihr zu helfen, obwohl ich mir immer gewünscht habe, etwas dagegen unternehmen zu können. Aber ich hatte nicht den Mut.

Tara war völlig verzweifelt und sie hat oft von ihrem Zwillingsbruder geredet, der wohl auf ein Internat ging und den sie deswegen nur selten gesehen hat. Wenn du mich fragst, hat sie ihn schrecklich vermisst. Irgendwann hat sie es nicht mehr ausgehalten und sich umgebracht.

Als ich dann in der Zeitung von Drusillas Tod gelesen habe, hatte ich endlich eine Chance, mich für das, was Buffy mir und auch Tara angetan hatte, zu rächen. Ich hab mir gedacht, wenn sowieso schon jemand in Sunnydale Leute tötet, würde ich weniger auffallen. Da ich in Buffys Haus war, als du sie angegriffen hast, hast du mir damit auch noch das perfekte Alibi gegeben. Niemand hat mich wirklich verdächtigt, sogar nachdem du mich damals blutend in der Gasse gefunden hast, hat die Polizei die Ermittlungen gegen mich schnell wieder eingestellt.

Tara war die einzige Freundin, die ich jemals hatte und zu sehen, wie Buffy mit ihr dasselbe tat wie mit mir, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich hasse sie und ich will, dass sie genauso viel Leid erfährt wie sie anderen angetan hat!“ 

Spike hatte während ihren Ausführungen die ganze Zeit lang geschwiegen, geschockt, dass Willow diejenige war, von der ihm Tara damals erzählt hatte. Damit hatte er am allerwenigsten gerechnet.

Aber nun hab gab er ein trauriges: „Tara war meine Schwester“ von sich, um ihr letztendlich doch noch ihre Frage zu beantworten und ihr somit zugleich den Grund für seine Taten zu nennen.  

Willow sog daraufhin geschockt Luft ein, völlig verblüfft über diese Erkenntnis. Nie hätte sie damit gerechnet, jemals auf Taras Bruder zu treffen, geschweige denn mit ihm zusammen zu sein.

„Wieso warst du auf einem Internat und sie nicht? Ich meine, wenn ihr Zwillinge wart, warum seid ihr denn nicht zusammen auf eine Schule gegangen? Besonders, wo sie dich doch so vermisst hat“, konnte sie sich nicht verkneifen, hinterher zu haken. 

Ein bitteres Lachen drang daraufhin über die Lippen des Blonden und er wich ihrem Blick aus, als er mit unterdrückter Wut in der Stimme antwortete.

„Mom wollte es nie. Wir hingen schon von klein auf so sehr aneinander und sie wollte das nicht auch noch unterstützen, auch wenn ich nicht so ganz begriffen habe, wieso. Wenn ich damals da gewesen wäre, wäre das alles niemals passiert. Ich hab sie im Stich gelassen, als sie mich am meisten gebraucht hat.“ 

„Nein!“, unterbrach Willow sofort seinen Redeschwall, bevor er dazu kam, noch mehr zu erzählen. „Du hast sie nicht im Stich gelassen, das war nicht deine Schuld. Abgesehen davon, dass es bestimmt nicht deine eigene Entscheidung war, auf dieses Internat zu gehen, war Buffy diejenige, die sie so fertig gemacht hat. Wenn jemand für Taras Tod verantwortlich ist, dann sie!“

Ihre grünen Augen funkelten aufgebracht und sie sah ihn mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete, weswegen er beschloss, lieber nicht weiter mit ihr über seine Schuldgefühle zu diskutieren. Er wusste, dass er zumindest eine Mitverantwortung für das, was geschehen war, trug, daran konnte nichts und niemand etwas ändern. Noch nicht einmal seine Willow. 

Stattdessen zuckte er lediglich mit den Schultern und sah zu Boden, um seine Trauer zu unterdrücken, bevor er noch anfing, vor seiner Freundin zu weinen. So sehr er diese auch liebte und ihr vertraute, er wollte nicht, dass sie ihn so fertig sah. Er presste die Lippen fest aufeinander und schloss für einen Moment die Augen, in der Hoffnung, es würde ihm dabei helfen, seiner Gefühle Herr zu werden.

Willows nächster Satz ließ ihn jedoch erneut zusammenzucken.

„Die Gitarre, die Gravur darauf – Love, T. – das T steht für Tara, nicht wahr? Sie hat sie dir geschenkt, oder?“, erkundigte sie sich sanft, darauf bedacht, ihn nicht noch mehr verletzen zu wollen, alte Wunden nicht erneut grausam aufzureißen. 

„Ja, sie war von ihr“, bestätigte er mit rauer Stimme und er konnte nicht verhindern, dass eine einzelne Träne seine Wange hinab lief, die er allerdings sofort wieder wegwischte.

„Die Melodie, von der du wissen wolltest, was es damit auf sich hat… ich habe sie zum ersten Mal kurz nach Taras Tod gespielt. Ich… Ich saß damals einfach nur im Garten, mit der Gitarre in der Hand, weil es das letzte war, was sie mir gegeben hat, und … ich weiß nicht, ich hab an sie gedacht und eigentlich nur rumgeklimpert, aber irgendwie ist eine Melodie daraus geworden, von ganz alleine.

Wenn ich jetzt an Tara denke, spiele ich sie oft. Sie hat es gemocht, wenn ich Gitarre gespielt hab, sie hat manchmal sogar versucht, dazu zu singen“, erklärte er Gedanken versunken und er konnte nicht verhindern, dass sich trotz des Schmerzes, den die Erinnerung mit sich brachte, unwillkürlich ein Lächeln auf seine Lippen legte.

Vielleicht, ganz vielleicht, würde es ihm irgendwann einmal gelingen, in Frieden an sie zu denken, ohne dass es ihn jedes Mal aufs Neue aufwühlte. Dankbar zu sein, dass sie einander überhaupt gehabt hatten, statt nur daran zu denken, dass sie nun nicht mehr da war. Vielleicht könnte er sich wieder mit Freude an die Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, erinnern, wenn er ihren sinnlosen Freitod endlich gerächt hatte.

Er hatte einmal versprochen, seine Schwester immer zu beschützen und zu verteidigen. Damals hatte er es nicht gekonnt, doch er wollte jetzt versuchen, dieses Versprechen wenigstens nach ihrem Tod noch zu erfüllen, auch wenn seine Methode sicherlich nicht der Weg war, den sie für gut befunden hätte.

Er konnte nur hoffen, dass sie ihm verzieh, wo auch immer sie sein mochte. Konnte nichts gegen die Wut und den Hass in seinem Bauch tun, hatte nicht die Kraft und, ganz ehrlich gesagt, auch nicht den Willen, sich zurückzuhalten und Buffy und ihre Freunde zu verschonen. Er würde zu Ende bringen, was er begonnen hatte und wenn es das letzte war, was er tat. 

Willow zögerte für einen Moment, nicht sicher, ob er ihre Anwesenheit überhaupt noch wahrnahm, doch dann rückte sie ein Stück näher an ihn heran und umarmte ihn, in dem Versuch, ihm wenigstens ein bisschen Trost zu spenden.

„Sie war glücklich, dich zu haben, sie hat so oft von dir gesprochen und immer nur gutes. Ich bin mir sicher, sie würde nicht wollen, dass du dir wegen dem, was passiert ist, Vorwürfe machst, weil du ihr nicht helfen konntest“, beruhigte sie ihn und sie spürte, wie er ihre Umarmung kurz erwiderte, bevor er sich ein wenig von ihr löste, um einen zärtlichen Kuss auf ihre Lippen zu hauchen. 

„Danke, Luv.“ Ein kleines Lächeln lag auf seinen Lippen, während er ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

„Ich liebe dich“, fuhr er dann leise fort, „aber bitte sei mir nicht böse, wenn ich das, was ich begonnen habe, erst beenden will, nein, muss, bevor ich mit diesem Kapitel meines Lebens endgültig abschließen kann. Danach können wir woanders von vorn anfangen, zusammen.“ 

Willow nickte daraufhin verstehend, um anschließend ein entschlossenes: „Ich werde dir dabei helfen“ anzuhängen, weshalb Spike empört den Mund öffnete, doch er kam nicht dazu, zu protestieren, da sie bereits damit gerechnet hatte.

„Komm mir bloß nicht mit einem Ich will dich da nicht mit reinziehen, denn falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich steck schon mittendrin. Zugegeben, es mag mehr deine Sache zu sein scheinen als meine, aber Tara war auch meine Freundin und Buffy hat sie und mich fertig gemacht.

Ich hab mich bereits schon einige Male eines Mordes strafbar gemacht, da gibt es keine Unschuld, die du noch bewahren könntest“, argumentierte sie erneut in einem sehr autoritären Ton, den er von ihr nicht gewohnt war.

Doch selbst wenn sie ihre Meinung nicht so überzeugend belegt hätte, hätte er es nicht geschafft, ihr zu widersprechen, da ihre Begründung schlicht und einfach nicht von der Hand zu weisen war, weshalb er lediglich zustimmend nickte.

 

~*~*~*~

 

„Ich denke ja nicht dran, wie kommst du überhaupt auf so einen Schwachsinn? Warum kümmert es dich, wie ich andere Leute behandle? Was soll das mit den ganzen Morden zu tun haben? Du spinnst ja! Du kannst mein Benehmen nicht für das, was geschehen ist, verantwortlich machen, das hat rein gar nichts miteinander zu tun. Selbst wenn ich manchmal ein wenig gehässig sein sollte – was ich nicht bin –, ist das noch lange kein Grund, durch Sunnydale zu ziehen und Leute abzuschlachten!“, brüllte Buffy völlig außer sich.

Ihre Stimme klang schrill und unnatürlich, sogar in ihren eigenen Ohren hatte sie mehr Ähnlichkeit mit einer völlig hysterischen Durchgedrehten als mit der Person, als die sie sich sonst kannte. Doch sie wusste selbst, dass sie unter diesen Umständen lieber nicht allzu viel darüber nachdenken sollte, was normal eigentlich war, denn davon war sie schon lange weit entfernt.

Jeder Mord hatte ihre Nerven ein Stück mehr strapaziert und mittlerweile fuhr sie schon so leicht aus der Haut, dass sie sogar Xander anfauchte, obwohl dieser von ihren jetzigen Freunden derjenige war, den sie am längsten und besten kannte.

 

Dieser hatte sich bereits mehrmals in den letzten Wochen ihrer Wut ausgesetzt gesehen, da er einige Mal versucht hatte, sie dazu zu bewegen, sich anderen gegenüber etwas netter, erwachsener zu benehmen und weniger wie die High School Queen, die sie immer war. Bisher hatte er sich zurückgehalten und jedes Mal wieder eingelenkt, doch diesmal war auch er am Ende seiner Geduld. 

„Weißt du was, Buffy? Mach einfach, was du willst! Ich hab echt gedacht, du wärst mehr als das, was du vor anderen zu sein vorgibst, weil Cordelia dich als Freundin geschätzt hat. Ja, für eine Weile hab ich sogar gedacht, wir beide wären richtig gut miteinander befreundet, für eine Weile hab ich eine andere, freundlichere Buffy kennen gelernt. Nur scheint davon jetzt nichts mehr übrig zu sein.

Du benimmst dich komplett starrsinnig, Gott, manchmal frage ich mich sogar, ob du nicht ein Stück von dem, was hier passiert, verdient hättest.

Es würde mich nicht wundern, wenn du die nächste bist, die ermordet wird, ehrlich gesagt, finde ich es sogar ziemlich erstaunlich, dass ausgerechnet du bis jetzt ungeschoren davon gekommen bist!“, schrie er wutentbrannt zurück, bevor er auf dem Absatz kehrt machte und aus ihrem Haus stürmte.

Er wusste, dass er seine Worte wahrscheinlich später, wenn er wieder bei klarem Verstand war, bereuen würde, aber das brachte ihn nicht dazu, sich umzudrehen und zu entschuldigen. Sollte Buffy doch auch einmal den ersten Schritt machen, er war es verdammt noch mal leid, ständig nachzugeben.

 

~*~*~*~

Teil 15

 

Als Buffy an diesem Nachmittag ihre letzte Vorlesung verließ, war sie noch immer ziemlich wütend auf Xander. Sie war nicht bereit, wirklich über ihr Verhalten nachzudenken oder zu überlegen, inwiefern der Dunkelhaarige recht hatte, da sie dann zwangsläufig wieder an Dawn und ihre anderen toten Freunde denken musste. So lange sie damit beschäftigt war, andere zu beleidigen und sich über sie lustig zu machen, brauchte sie wenigstens nicht über ihre eigenen Probleme nachzudenken.

Ihr Blick wanderte über den leeren Campusflur und sie stellte grimmig fest, dass sie die einzige zu sein schien, die sich immer noch im Gebäude befand. Sie war nach Vorlesungsschluss noch ein kleines Stück länger geblieben, um ihre Aufzeichnungen zu sortieren, während sich der Rest ihrer Clique bereits auf den Heimweg gemacht hatte, um sich für das Treffen am Abend im Bronze fertig zu machen.

Ein leises Seufzen drang über ihre Lippen, als sie daran dachte, wie viele Aufgaben sie noch machen musste, bevor sie fortgehen konnte. Wahrscheinlich würde sie eine ganze Weile später im Club auftauchen als der Rest.

 

Die Blonde war so in ihre Pläne für den heutigen Abend vertieft, dass sie die Gestalt hinter sich erst bemerkte, als diese ihr bereits einen mit Chloroform getränkten Lappen vors Gesicht hielt – gerade lange genug, damit sie das Bewusstsein verlor.

 

~*~*~*~

 

Mit einem kaltherzigen Grinsen sah sich Spike in der leicht abgedunkelten, ehemaligen Fabrikhalle um, wobei sein Blick für eine Weile an den gefesselten Personen hängen blieb. Wesley, Amanda, Jonathan und Anya saßen in einer Reihe auf Stühlen nebeneinander, mit Paketklebeband über den Mündern, die ihre anfänglichen Hilfeschreie erstickten. Ihre Augen waren angstgeweitet und zumindest Anya versuchte verzweifelt, sich irgendwie zu befreien, während die anderen drei schon vor einer Weile ihre vergeblichen Befreiungsversuche aufgegeben hatten.

Für einen kurzen Augenblick stieg so etwas wie Mitgefühl in Spike auf, da er sich durchaus bewusst war, dass diese vier nichts mit Taras Tod zu tun hatten, sondern nur hier waren, weil es sich bei ihnen um Buffys Freunde handelte. Dennoch verdrängte er diesen Gedanken gleich wieder und rechtfertigte sich innerlich damit, dass sie auch alles andere als unschuldig waren. Immerhin hatten sie genügend Leute ebenfalls so herablassend behandelt wie Buffy damals Tara und somit mehr als genug Psychoterror verursacht.

Ein verächtliches Schnauben drang über seine Lippen und er drehte sich zu Willow herum, die gerade dabei war, Buffy mit Hilfe von Pfeffer aufzuwecken, nachdem sie die Tür verschlossen hatte.

Zuerst hatten sie die Blonde ebenfalls fesseln wollen, dann jedoch waren sie zu der Überzeugung gekommen, dass es genügen würde, ihre Freunde zu bedrohen, um sie im Schach zu halten, da sie inzwischen psychisch so zermürbt war, dass sie wahrscheinlich so ziemlich alles tun würde, um einen weiteren Mord zu verhindern.

 

Buffy musste aufgrund des Pfeffers in ihrer Nase niesen, was sie langsam zu Besinnung brachte, weshalb sich Willow zurückzog und zu Wesley begab, um diesem von hinten einen Dolch an die Kehle zu halten.

Währenddessen trat Spike ein Stück näher an die Blonde heran, da er sie besser als Willow aufhalten könnte, falls sie versuchen würde zu fliehen. Allerdings bezweifelte er, dass es dazu kommen würde, weil Buffy seiner Einschätzung nach dafür viel zu geschockt und verängstigt sein würde.

 

Ein leises Stöhnen drang über die Lippen der Blondine und sie schüttelte leicht den Kopf, in dem Versuch, den verschwommenen Schatten vor sich eine Form zu geben.

„W-Wo bin ich?“,  krächzte sie dann mit rauer Stimme, nachdem sie langsam aber sicher ihre Sicht wiedererlangte. Dennoch war das einzige, was sie mit Sicherheit sagen konnte, dass sie sich nicht mehr in der Universität befand, da die Fenster des Gebäudes vernagelt waren und die Wand einen eher heruntergekommenen Eindruck machte.

 

„In einer abgelegenen Fabrikhalle, mehr musst du nicht wissen. Versuch am besten gar nicht erst zu schreien, es wäre reine Energieverschwendung, hier würde dich eh keiner hören“, antwortete eine ihr seltsam bekannt vorkommende Stimme, die sie jedoch nicht eindeutig zuordnen konnte, weshalb sie verwirrt die Stirn runzelte.

Schreien? Wieso sollte sie schreien? Was war passiert? Wo war sie? Ihr Blick wanderte durch die Halle und fiel schließlich auf ihre gefesselten Freunde, was sie geschockt aufkeuchen ließ. Mit einem Mal erinnerte sie sich plötzlich daran, von jemandem überrascht und festgehalten worden zu sein und an einen eigenartigen Geruch, bevor ihr schwarz vor Augen wurde. Was war geschehen? Hatte man sie entführt? Aber wenn ja, wieso war sie dann nicht gefesselt?

Verwirrt hob sie ihre Handgelenke, in der Erwartung dort irgendwelche Stricke vorzufinden, doch da war nichts. Sie war vollkommen bewegungsfrei – im Gegensatz zu ihren Freunden.

„Denk gar nicht an irgendeine hirnrissige Heldentat, du würdest nicht weit kommen. Abgesehen davon würde eine Dummheit deinerseits deinen Freunden gar nicht wohl bekommen“, beantwortete Spike auch sogleich die ungestellte Frage, die er wohl an ihrem Gesichtsausdruck ablesen können hatte.

Um seinen Worten zusätzlich Nachdruck zu verleihen, trat er ein Stück zur Seite, wodurch er den Blick auf Willow und Wesley freigab, was Buffy erneut nach Luft schnappen ließ. Gänsehaut bildete sich auf ihren Armen und sie riss geschockt die Augen auf, als ein entsetzter Schrei ihrer Kehle entwich, den sie unmöglich unterdrücken konnte.

Im gleichen Moment schoss ihr jedoch die Warnung des Fremden durch den Kopf und sie presste augenblicklich so fest sie konnte die Lippen aufeinander, während sie gleichzeitig flehend die Gestalt hinter Wesley ansah, stumm darum bittend, ihn nicht umzubringen. Mit einem Mal wusste sie, wen sie vor sich hatte und blankes Entsetzen machte sich in ihr breit. Hatte dieser Wahnsinn denn nie ein Ende? Würden diese Morde sie auf ewig verfolgen? Würde das Ganze denn nie aufhören?

 

Sie begann, am ganzen Leibe zu zittern und Tränen liefen ihr über die Wangen, hinterließen schwarze Spuren verwischter Maskara auf ihrer sonnengebräunten Haut. Der Gedanke, dass ihre Frage ganz einfach zu beantworten war, kam ihr in jenem Augenblick nicht und genauso wenig wunderte sie sich darüber, wer die zweite Gestalt sein mochte, die hinter Wesley stand. Es war ihr völlig egal, wer auch immer dem Mörder half, das einzige, was sie interessierte, war einen Weg hieraus zu finden.

Ihr fiel nicht auf, dass sich die beiden Personen in der Dunkelheit mit ihrer schwarzen, relativ weiten Kleidung ziemlich ähnlich sahen und man sie leicht verwechseln können hätte, wenn sie nicht nebeneinander standen, das einzig auffällige war, dass eine der beiden größer und muskulöser gebaut war, doch solche Kleinigkeiten bemerkte man in einer derartigen Situation ganz bestimmt nicht.

 

„Warum s-sind wir hier? W-Wieso tust du das? Was h-hab ich dir jemals getan?“, wandte sie sich verzweifelt an die Person vor sich, auf der Suche nach Antworten auf Fragen, über die sie sich schon lange den Kopf zerbrochen hatte. Jedoch war sie niemals zu einem plausibel klingenden Grund gekommen, aus dem jemand einfach so morden würde. Nicht wegen ein paar Beleidigungen und Spötteleien, das war doch kompletter Irrsinn!

 

Ein bitteres Lachen erklang daraufhin und sie zuckte verängstigt zusammen, als sie den schon fast wahnsinnigen Ausdruck in den kalten, hasserfüllten Augen der fremden Gestalt vor sich sah.

„Du fragst ernsthaft, warum ihr hier seid? Warum du hier bist? Du erinnerst dich noch nicht einmal daran, oder? Denk mal ganz scharf nach und streng dein Spatzenhirn an, Buffy“, spie Spike wütend hervor, wobei er ihren Namen betonte, als würde er sie für den letzten Dreck halten – was er dem Anschein nach auch tatsächlich tat.

 

„I-Ich weiß doch gar nicht, wovon du s-sprichst“, stotterte die Blonde daraufhin verwirrt und verzweifelt. Woran sollte sie sich erinnern? Da war doch gar nichts, nichts was von Bedeutung gewesen wäre.

 

Spike schnaubte verächtlich und bedachte sie mit einem weiteren abfälligen Blick, bevor er aus seiner Tasche ein verblichenes Bild hervorholte, welches er ihr vor die Nase hielt. Es zeigte ein junges, blondes Mädchen, das schüchtern lächelnd in die Kamera sah und ihr aus irgendeinem Grund bekannt vorkam. Wenn sie nur wüsste woher?

Ihr Stirnrunzeln vertiefte sich, als sie zu ergründen versuchte, was dieses Foto überhaupt mit der ganzen Sache zu tun haben sollte, doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte keine Verbindung zwischen den Morden und dem Bild herstellen, obwohl sie sich fast sicher war, dieses Mädchen irgendwann einmal auf der Sunnydale High gesehen zu haben, auch wenn das nun schon ein paar Jahre her war.

 

„Du hast dich noch nicht einmal darum geschert, wie sie überhaupt hieß, nicht wahr? Es war dir völlig egal, wer sie war, das einzige, was dich an Leuten interessiert, ist doch, was für Klamotten sie tragen, welche Freunde sie haben und wie viel Geld in der Brieftasche ihrer Eltern steckt, hab ich recht?“, kommentierte er ihren unwissenden Gesichtsausdruck verärgert, was Buffy nun ebenfalls ein wenig wütend machte.

 

„Du schleppst mich in eine Halle, um mir irgendein Bild von einem Mädchen zu zeigen, das ich nicht kenne? Und deswegen schlachtest du meine Freunde ab? Einem nach dem anderen? Du spinnst doch, du bist völlig wahnsinnig!“, brauste sie auf, bereute es im gleichen Moment jedoch auch schon wieder, da die Gestalt daraufhin nur kaltherzig lächelte.

 

„Falsche Antwort. Ich schätze es nicht, als wahnsinnig hingestellt zu werden“, erwiderte Spike gefährlich leise und im nächsten Augenblick musste sie mit ansehen, wie Willow den Dolch mit einer schnellen Bewegung über Wesleys Kehle zog, woraufhin das Blut in alle Richtungen spritzte. Einfach so, ohne jede Vorwarnung. Ohne jedes Zögern. Ohne jede Reue. Als wäre es nichts, als wäre ein Menschenleben nicht von Bedeutung, als wäre es rein gar nichts wert.

 

Ein lauter, verzweifelter Aufschrei drang an ihre Ohren und sie brauchte eine Weile, bis sie begriff, dass sie selbst es gewesen war, die geschrieen hatte, es gewesen sein musste, da die anderen alle geknebelt waren. Es brauchte nur wenige Sekunden zu dieser Erkenntnis zu gelangen, gerade genauso lange, wie es dauerte, bis Wesleys Körper leblos in sich zusammensackte, sein einziger Halt die Fesseln, die ihn an den Stuhl banden.

 

„I-Ich… Nein, bitte, hört auf!“, flehte sie mit tränenerstickter Stimme, als sie sah, wie Willow sich nun hinter die zappelnde Amanda stellte und dieser wiederum den Dolch an die Kehle drückte.

 

„Warum sollten wir? Du hast doch damals auch nicht aufgehört, dir war es doch völlig egal, wie sehr du andere fertig gemacht hast. Du hast Tara gequält, bis sie nicht mehr konnte. Aber anscheinend hast du das mit so vielen gemacht, dass du dich noch nicht einmal mehr an sie erinnerst. Ich wünschte nur, deine Worte wären ihr genauso egal gewesen wie sie dir“, spie Spike ihr hasserfüllt entgegen, in seinen Augen ein gefährliches Funkeln, welches sie nur schwach erkennen konnte. Dann schob er die Kapuze ein kleines Stück zurück, damit sie ihn besser sehen konnte, jedoch nur so weit, dass die anderen hinter ihm ihn nicht anhand der doch recht markanten Haarfarbe erkennen können würden.

 

„Ich weiß, dass du meinen Nachnamen nicht kennst, deswegen wundert es mich nicht, dass es dir nie aufgefallen ist, wer ich bin. Aber ich hab gedacht, du würdest dich zumindest an Tara erinnern. Immerhin hast du sie lang genug terrorisiert… so lange, bis sie es nicht mehr ausgehalten hat, bis sie nicht mehr konnte“, erwiderte er bitter und diesmal konnte sie den Schmerz und die Trauer, die in seiner Stimme mitschwangen, deutlich hören.

Dennoch schnappte sie überrascht nach Luft, als sie feststellte, dass ausgerechnet Spike sich hinter dem ganzen Wahnsinn verbarg. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sicher, er konnte sie nicht ausstehen, das wusste sie nur zu gut, aber sie hätte ihn nie für die Art von Person gehalten, die kaltblütig mordete. Andererseits dachte man das wohl von niemandem, den man kannte. Wenn überhaupt hätte sie eher damit gerechnet, dass er jemanden in einer Kneipenschlägerei tötete, doch nicht, dass er fähig wäre, eine durchgeplante Mordserie zu vollziehen.

 

„Was hat das damit zu tun? Deswegen rastest du so aus? Das geht dich doch wohl einen Scheißdreck an!“, fauchte sie zurück, in dem Versuch, irgendwie zu überspielen, wie verängstigt und verzweifelt sie in Wirklichkeit war.

Allerdings hätte sie lieber den Mund halten sollen, da Willow auf diese Antwort hin Amanda ebenfalls tötete, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und zu Jonathan weiterging, der inzwischen zitterte wie Espenlaub.

 

„Wenn dir der Rest deiner Freunde irgendwas bedeutet, würde ich vorschlagen, du überlegst in Zukunft, was du sagen willst, bevor du deine Klappe aufreißt“, kommentierte Spike gehässig und er beobachtete erfreut, wie Buffys Stimmungslage wieder von erbost zu völlig verängstigt wechselte. Sie war tatsächlich nur noch ein psychisches Wrack, wenn sie auch selbst jetzt noch eine Menge Mut zu haben schien, das musste er ihr anerkennen. Jedoch war es fraglich, ob man ihren Mut in dieser Situation nicht viel eher als Dummheit bezeichnen sollte.

„Und es geht mich sehr wohl etwas an. Du bist verdammt noch mal Schuld an Taras Tod, sie hat sich umgebracht, weil sie es einfach nicht mehr ertragen hat, wie du sie behandelt hast. Damals konnte ich ihr nicht helfen, aber heute, heute wirst du dafür büßen, dass du meine Zwillingsschwester in den Tod getrieben hast!“, erklärte er mit einem erbarmungslosen Grinsen.

 

„D-Du hattest eine Schwester? Dieses Mädchen war deine Schwester?“, brachte Buffy verwirrt hervor, diesmal fast ohne zu stottern, da diese neue Information ihre Furcht für einen Moment beiseite schob.

„Und wieso soll ich sie in den Tod getrieben haben? Was hab ich denn gemacht? Okay, ich war sicherlich nicht gerade nett zu ihr, wie auch, bei den Klamotten, die sie schon auf dem Foto trägt, aber was kann ich denn dafür, wenn sie sich umbringt?“

 

Spike ballte seine linke Hand wutentbrannt zur Faust und das Zittern seiner Armmuskeln verriet, wie sehr er sich beherrschen musste, um sie nicht zu schlagen. Egal wie sehr er sie hassen mochte, er würde nicht so tief sinken, eine Frau zu hauen – alles, aber nicht das. Abgesehen davon wusste er etwas viel besseres, um sie für ihre unbedachten Worte zu strafen.

Mit einem kurzen, wütenden Knurren zog er seine Kapuze wieder tiefer ins Gesicht hinein und drehte sich herum, um Willow zuzunicken, woraufhin diese auch Jonathan die Kehle aufschlitzte.

„Du scheinst ziemlich talentiert darin zu sein, anderen Leuten den Tod zu bringen“, spottete er verächtlich. „Immerhin hast du kaum fünf Minuten gebraucht, den Tod von dreien deiner Freunde zu verursachen. Sind sie dir so egal?“

 

„N-Nein, ich… bitte, bitte, hört auf! Lasst Anya gehen, lasst bitte wenigstens sie gehen“, flehte Buffy verzweifelt und die Tränen flossen nun noch schneller über ihre Wangen. Sogar in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme merkwürdig schrill und viel zu hoch.

Eine Welle von Schuldgefühlen brach über sie herein, als sie begriff, dass Xander tatsächlich recht gehabt hatte. Es ging wirklich nur um sie, um niemand anderen. Diese Morde waren ihre Schuld, sie trug die Verantwortung dafür, sie allein. Wenn sie sich anders verhalten hätte, wenn sie sich nicht so hochnäsig und herablassend verhalten hätte, wäre das alles hier niemals passiert. Dann würden all ihre Freunde noch leben.

Hilflos schlug sie die Hände vors Gesicht und begann laut zu schluchzen. „Bitte, lasst sie gehen. Hört auf damit. Ich tue alles, aber bitte lasst sie gehen. Sie… Sie weiß nicht, wer ihr seid, sie hat eure Gesichter nicht gesehen, sie würde euch nicht wieder erkennen. Lasst sie gehen, sie hat nichts mit dieser Sache zu tun“, bat sie verzweifelt, wobei sie es jedoch nicht schaffte, Anya in die Augen zu sehen.

Sie war bereits verantwortlich für Kennedys Tod und hatte der Blonden damit das Herz gebrochen, wenigstens jetzt musste sie versuchen, einen Teil dieser Schuld wieder gutzumachen – egal wie.

 

„Gut“, erwiderte Spike daraufhin und sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter, während er von irgendwoher plötzlich ein Seil holte.

„Ich wusste, wir würden uns einigen können. Es ging mir niemals um Anya, sie ist nur ein Mittel zum Zweck. Du bist diejenige, die ich… die wir tot sehen wollen, um die anderen ging es niemals, sie waren nur ein Weg, an dich heranzukommen. Du sollst deine Chance bekommen, ob du sie wahrnimmst, ist allein deine Sache. Eines sollte dir allerdings klar sein: lebend kommst du hier nicht mehr raus.

Es liegt jedoch in deinen Händen, ob Anya dasselbe Schicksal ereilt.“

 

„Was muss ich dafür tun?“, erkundigte sich Buffy mit erstickter Stimme, wobei sie verzweifelt versuchte, die Tränen in ihren Augen zurückzudrängen.

 

„Tara hat sich damals erhängt… wegen dir. Ich will, dass du dasselbe tust. Ich will, dass du weißt, wie es ist, qualvoll zu ersticken… an deinem eigenen Dreck, an deiner verdammten Arroganz und Verachtung, die du anderen entgegenbringst“, entgegnete er mit glühendem Hass in seinen Augen und schob das Seil ein Stück näher zu ihr, um anschließend ihre Antwort abzuwarten.

Teil 16

„... Es liegt jedoch in deinen Händen, ob Anya dasselbe Schicksal ereilt.“

 

„Was muss ich dafür tun?“, erkundigte sich Buffy mit erstickter Stimme, wobei sie verzweifelt versuchte, die Tränen in ihren Augen zurückzudrängen.

 

„Tara hat sich damals erhängt… wegen dir. Ich will, dass du dasselbe tust. Ich will, dass du weißt, wie es ist, qualvoll zu ersticken… an deinem eigenen Dreck, an deiner verdammten Arroganz und Verachtung, die du anderen entgegenbringst“, entgegnete er mit glühendem Hass in seinen Augen und schob das Seil ein Stück näher zu ihr, um anschließend ihre Antwort abzuwarten. 

„Wie kannst du…“, begann die Blonde daraufhin fassungslos, stoppte sich jedoch gleich wieder selbst, aus Angst, Anya würde ebenfalls die Kehle aufgeschlitzt werden, wenn sie zu vorlaut wurde.

Deswegen versuchte sie ihre Frage noch einmal anders zu formulieren: „Was für eine Art Mensch bist du, so etwas von mir zu verlangen?“ 

Spike verzog sein Gesicht daraufhin zu einem zynischen und zugleich ein wenig bedauernden Ausdruck: „Ich bin der Mensch, den du aus mir gemacht hast. Hättest du Tara damals in Frieden gelassen, wäre all das hier niemals passiert. Du selbst trägst die Verantwortung für das, was hier mit dir geschieht, du bist diejenige, die mich… uns zu Mördern gemacht hat.“ 

Buffy schaute erneut zu Boden, als er geendet hatte, ihren tränenverschleierten Blick auf das Seil gerichtet. Was sollte sie tun? Sollte sie ihm nachgeben? Es sah nicht danach aus, als ob er sich überreden lassen würde, sie beide gehen zu lassen, egal was sie ihm auch noch sagen würde. Wenn überhaupt würde sie höchstens verursachen, dass er Anya und sie umbrachte.

Er war so kalt und unnachgiebig, dieser Blick, sie hatte noch nie so einen kalten Blick gesehen. Seine Augen wirkten auf sie wie eine starre Eiswand und verursachten eine Gänsehaut auf ihren Armen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie zitterte, während ihre Tränen ungehindert ihre Wangen hinunterliefen. Man sollte meinen, dass solch ein Blick wohl eher als ausdruckslos zu bezeichnen wäre, doch dem war nicht so. In ihm brodelte unbändiger Hass – kalter Hass, der umso vieles unheimlicher was als wenn er sie angeschrieen und getobt, vor Wut förmlich gekocht hätte.

Aber er tat nichts dergleichen. Er schrie nicht. Er tobte nicht. Er schüttelte sie nicht und er ging auch nicht unbeherrscht mit seinen Fäusten auf sie los. Stattdessen hockte er vor ihr, nahezu lauernd wie ein Raubtier, das wusste, dass seine Beute in der Falle saß. Abwartend und ruhig, beherrscht, scheinbar ohne jede Gefühlsregung. Kein Wort drang über seine Lippen, keine Bewegung war in seinem Gesicht zu erkennen. Er starrte sie einfach nur an, als wäre er eine Eisfigur – mit diesen unheimlichen, kalten Augen. Wenn er sie lange genug so ansah, würde sie wahrscheinlich wahnsinnig werden – falls sie nicht eben das schon war. 

Ihr Blick wanderte zu Anya, die aufgrund des Dolches an ihrer Kehle förmlich zur Salzsäule erstarrt war. Sie hatte die Augen soweit aufgerissen, dass man fast mehr weiß als farbiges sah – etwas, das sie bisher nicht für möglich gehalten hatte – und ihr Atem ging stoßweise, es klang nach einem verzweifelten, ängstlichen Japsen nach Luft.

Nunmehr war sie die einzige, die noch lebendig war, mal abgesehen von Buffy selbst… und Xander.

Ein Stirnrunzeln legte sich bei dieser Erkenntnis auf ihr Gesicht und sie durchsuchte noch einmal mit ihren Augen den Raum, kam jedoch erneut auf dasselbe Ergebnis. Er war nicht hier. Die Frage war nur wieso? Was hatten sie mit ihm gemacht? Hatten sie ihn etwa schon umgebracht? Nein, das hätten sie ihr garantiert auf die Nase gebunden, um sie noch mehr fertig zu machen. Darüber hätte Spike ganz sicher nicht den Mund gehalten.

Vielleicht war Xander ihnen entkommen? Er war heute früher gegangen, weil er übers Wochenende mit seinen Eltern fortfahren wollte und er hatte sich die Aufzeichnungen von ihr geben lassen wollen, da sie den gleichen Kurs belegten. Davon hatte Spike nichts wissen können. 

Für einen Moment war sie darüber tatsächlich erleichtert, doch es hielt nicht lange an, da sie auch gleich realisierte, dass das weder ihm noch ihr oder Anya etwas nützen würde. Er war für die nächsten beiden Tage noch nicht einmal in der Stadt und er wusste nicht, wo sie waren, ja er hatte keine Ahnung davon, dass sie sich überhaupt in Gefahr befanden.

Und wenn Spike Xander töten wollte, würde er das tun, früher oder später, und sie hatte keine Chance, das zu verhindern… es sei denn…

Es sei denn, du nimmst sein Angebot an und begleichst wenigstens einen Teil deiner Schuld, vollendete eine gehässige Stimme in ihrem Kopf diesen bizarren Gedanken und augenblicklich stieg das Bild von Angel in ihr auf.

Wie er dalag, vollkommen regungslos und starr, voller Blut. Sein gebrochener Blick gen Himmel gerichtet, tote Augen, die sie für den Rest ihres Lebens verfolgen würden. Sie hatte ihn geliebt, mehr noch als Ben, auch wenn ihr dieser ebenfalls eine ganze Menge bedeutet hatte.

Und der Tod von beiden ging auf ihr Konto. Wenn sie nicht mit ihnen zusammen gewesen wäre, wäre ihnen nichts passiert, dann würden sie jetzt noch leben. Genauso wie ihre Freunde, so viele hatte sie an diesen Wahnsinn verloren: Amy, Oz, Cordy, Dru, Harmony, Kendra, Darla, Riley, Dawn, Andrew, Robin, Faith, Wesley, Amanda, Jonathan und Kennedy – eine scheinbar nicht enden wollende Liste. Jetzt waren nur noch Anya und Xander übrig, der Rest hatte die Freundschaft mit ihr nicht überlebt.

Ein bitteres, freudloses Lachen drang über ihre Lippen, als sie daran dachte, wie nah sie daran war, eben diese auch noch zu verlieren, sie mit sich in den Tod zu reißen. Denn dass sie hier nicht mehr lebend herauskam, das war ihr inzwischen nur allzu deutlich klar geworden. Und dennoch… dennoch zögerte sie, eine Entscheidung zu treffen. War nicht bereit, mit ihren Leben abzuschließen. Einfach so kampflos abzutreten, nachdem sie so lange Widerstand geleistet hatte, Spike sogar schon entkommen war.

Ihr Verstand wusste, dass es vorbei war, doch ihr Herz wollte das nicht glauben, wollte nicht begreifen, dass es tatsächlich aus war. Dass dieser Wahnsinn letztendlich doch noch enden würde – mit ihrem Tod.

Tränen liefen über ihre Wangen und sie zitterte vor Angst, war verzweifelt und hilflos, wusste nicht, was sie tun sollte. Wollte ihre Freunde retten und wollte es dennoch nicht. Weil es ihren Tod bedeuten würde, bedeuten würde, dass sie nachgab und sich selbst aus dem Weg räumte, den Mördern ihrer Freunde einen letzten Gefallen tat. Zu gern hätte sie erfahren, wer hinter der zweiten Gestalt steckte, wer so verrückt war, mit Spike zusammenzuarbeiten, ob sie denjenigen wohl kannte. 

„Was… Was ist mit Xander? Kommt er auch… Lasst ihr ihn auch in Frieden, wenn ich…“, erkundigte sie sich leise, den Blick gen Boden gerichtet, ihr Willen gebrochen. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, so verrückt diese auch sein mochte. Wenn sie nicht schon selbst hier lebend wieder rauskam, dann wenigstens ihre Freunde. Xander und Anya hatten beide genug gelitten, hatten beide den Menschen verloren, der ihnen am meisten bedeutet hatte und das alles wegen ihr.

Sie war es leid, diesen Wahnsinn mit ansehen zu müssen, war es leid, ständig Angst zu haben und sich zu fragen, wer das nächste Opfer sein würde, war es leid, einen Kampf gegen Phantome zu führen. Auch wenn nun zumindest eines von ihnen einen Namen hatte. Konnte und wollte nicht mehr, war einfach nur müde und antriebslos. Sehnte sich nach Ruhe und Frieden. Das einzige, was sie noch wollte, war, dass es endgültig vorbei wäre – egal warum oder wie. Einfach nur vorbei. 

Spike nickte daraufhin bereitwillig. „Ja. Er ist ja noch nicht einmal mit hier“, erwiderte er in einem unbeeindruckten Tonfall, wobei er die Reaktion der Blonden genau beobachtete, sein triumphierendes Grinsen krampfhaft unterdrückend.

Zu genau kannte er den Ausdruck im Gesicht eines Menschen, der aufgegeben und sich mit seinem Schicksal abgefunden hatte. Und genauso sah Buffy jetzt aus, er hatte sie exakt an jenem Punkt, an dem er sie die ganze Zeit über schon haben wollen hatte.

 

Ein kurzes, stummes Nicken war die einzige Antwort der Blonden, die er allerdings ohnehin nicht mehr gebraucht hätte. Dann nahm sie mit zitternden Fingern das Seil in die Hände, den Blick noch immer regungslos zu Boden gerichtet und erhob sich langsam. Sie schwankte einen Moment lang und eine Welle von Übelkeit überkam sie, welche jedoch genauso schnell wieder verschwand wie sie gekommen war und gefühlsloser Ernüchterung wich.

Es war als wäre das hier nicht sie, als würde nichts von all dem sie überhaupt betreffen, fühlte sich an, als wäre sie nur ein unbeteiligter Zuschauer und dort eine andere Person, die ihren eigenen Tod besiegelte. Als würde sie sich selbst dabei beobachten, wie sie auf einen vorbereiteten Stuhl stieg und das Seil um eine stabile, dicke Metallstange wickelte, bevor sie die Schlinge um ihren Hals legte. Als wäre nicht sie diejenige, die sterben würde. 

Ihr Blick wanderte zu Spike, der sich nun zu Anya und der zweiten Gestalt gesellt hatte und obwohl ihre Sicht tränenverschleiert war, konnte sie ihn ziemlich deutlich erkennen. Sie hatte nicht vor, die letzten Momente ihres Lebens geschlagen gegeben zu Boden zu sehen.

Er wollte sie tot sehen? Gut, das konnte er haben, dagegen konnte sie nichts mehr unternehmen. Aber wenn sie schon starb, dann sollte er ihre Augen dabei sehen, auf dass er von ihrem Blick für den Rest seines Lebens verfolgt werden würde und keine Nacht mehr ruhig schlafen konnte. Sollte er selbst erleben, wie es war, ständig von Albträumen geplagt zu werden und niemals diese anklagenden Blicke vergessen zu können, kein Entkommen vor der eigenen Schuld finden zu können. Wenn sie schon starb, dann sollte er wenigstens für den Rest seines Lebens nicht vergessen können, was er getan hatte.

Mit diesem Gedanken stieß sie den Stuhl unter sich um und nur Sekunden später entwich ein erstickter Aufschrei ihrer Kehle, als sich plötzlich das Seil um ihren Hals straffte und ihr die Luft zum Atmen abschnürte. Ihre Füße zappelten und ihre Hände fuhren reflexartig über ihren Hals, versuchten verzweifelt den Strick irgendwie zu lockern – erfolglos.

Währenddessen schnappte sie verzweifelt nach Sauerstoff wie ein Fisch auf dem Trockenen und ihr wurde langsam schwummrig. Sie fühlte, dass sie nahe daran war, das Bewusstsein zu verlieren und ihre Sicht trübte sich bereits, als ihr Blick ein letztes Mal zu der zweiten Gestalt schwebte. Und diesmal erkannte sie ihr Gesicht, da sie ihre Kapuze ein Stück zurückgeschoben hatte.

Ein geschocktes „Willow!“ drang über ihre Lippen, verklang jedoch unerhört, da ihr die Luft um Worte zu formen fehlte. Stattdessen öffnete sich nur ihr Mund, ohne einen Ton von sich zu geben und bereits im nächstens Moment spürte sie, wie gnädige Dunkelheit ihren Geist umfing. Ihr Körper erschlaffte, hing wie eine Puppe in dem Seil, welches verhinderte, dass sie zu Boden stürzte.

Sie bekam nicht mehr mit, wie Willow im selben Augenblick den Dolch über Anyas Kehle zog, die nunmehr überhaupt nicht mehr mit einer Attacke gerechnet hatte und ihren Tod deswegen auch nicht mehr realisierte.

 

~*~*~*~

 

Noch immer fassungslos blickte Xander auf Buffys Grab nieder, nicht in der Lage zu glauben, dass sie wirklich tot war. Seit man sie erhängt in der Fabrikhalle gefunden hatte, waren nunmehr zwei Wochen vergangen und trotz Ermittlungen gab es keine brauchbaren Spuren, was den Täter betraf. Man hatte ihm zwar gesagt, dass die Auswertung der Beweise bei solch einem förmlichen Massaker etwas länger dauern konnte, doch wenn er ehrlich war, dann glaubte er nicht daran, dass es etwas bringen würde.

Dieser Mörder war die ganzen letzten Jahre nicht gefunden worden, was nicht zuletzt daran lag, dass Spuren nicht allzu viel lieferten, wenn man keinen Verdächtigen hatte, mit dem man sie vergleichen konnte. Es war ihm gelungen, insgesamt achtzehn Menschen umzubringen, Cordelia ins Koma zu versetzen und Buffy dazu zu bringen, sich selbst zu erhängen und man hatte ihn während der ganzen Zeit nicht erwischt. Warum sollte man es nun tun? Er hatte so lange keinen Fehler begangen, war unentdeckt geblieben, wieso sollte sich ausgerechnet jetzt daran etwas ändern?

Sicher, er hätte gerne erfahren, wer dahinter steckte und sei es nur, damit dieser Mensch, der zu so etwas fähig war, seine Strafe erhielt, aber er glaubte nicht daran, dass man denjenigen jemals finden würde. 

Genauso wenig wie er daran glaubte, dass dieser Wahnsinn nun endgültig vorüber war, weil Buffy tot war. Zwar mochte sie das Hauptziel des Täters gewesen sein, doch von ihren Freunden hatte außer ihm ebenfalls keiner überlebt. Nur er war noch übrig und er hatte das Gefühl, dass das wohl nicht so bleiben würde. Wer fähig war, so etwas zu beginnen, der würde es auch zu Ende bringen, er würde niemanden verschonen.

Xander war bereits an jenem Tag, an dem er von Buffys Tod erfahren hatte, von der Polizei verhört wurden, die sich irgendwelche Hinweise auf den Täter von seiner Aussage erhofft hatte, doch helfen können hatte er nicht. Was eigentlich auch kein Wunder war, wenn man bedachte, dass er noch nicht einmal in Sunnydale gewesen war, als das alles passiert war. Er hatte ihnen allerdings von seiner Vermutung, dass das ganze mit Buffys Tod noch nicht beendet war, erzählt. Ob sie ihn dabei ernst genommen hatten und etwas unternahmen, um weiteren Morden vorzubeugen, wusste er nicht.

Wenn er ehrlich war, dann hatte er eine Scheißangst, mehr noch als vorher. Er wusste nicht warum, es war ja nicht so, als wäre dieser Mörder nicht schon die ganze Zeit auch hinter ihm her, verdammt noch mal, er hatte Cordy in seinem Auto angegriffen! Aber irgendwie war der Gedanke, nunmehr das einzige Ziel zu sein, nicht unbedingt beruhigend, Buffys Tod vervielfachte seine ohnehin schon vorhandene Furcht noch einmal.

Wenn noch nicht einmal sie, die immer übervorsichtig gewesen ist und ihnen förmlich ohne Unterlass gepredigt hatte, sich in Acht zu nehmen, dem Mörder entkommen können hatte, ja, sich sogar selbst getötet hatte, wie sollte er es dann schaffen?

Er wusste ja noch nicht einmal, wie er es überhaupt bis hierhin geschafft hatte, wieso ausgerechnet er derjenige war, der immer noch lebte. Wahrscheinlich stimmte an dem Spruch: „Mehr Glück als Verstand“ wohl doch einiges mehr als er bisher geglaubt hatte, auch wenn das nicht erklärte, warum Harmony dann ebenfalls getötet worden war.

 

Ein leises Seufzen drang über Xanders Lippen und ihm wurde wieder einmal bewusst, wie wenig er an seinem Schicksal ändern konnte. Es gab nichts, das einen Angriff auf ihn verhindern würde, keinen Ort, an dem er wirklich sicher wäre. Das einzige, was er tun konnte, war warten. Warten darauf, dass der Mörder ihn fand und sein Werk vollenden würde. Oder eben darauf verzichtete, ihn überhaupt zu suchen, und ihn all die Jahre, die noch vor ihm lagen, in Angst leben ließ.

Teil 17

 

Ein betrübtes Seufzen drang über Xanders Lippen, als er den leeren Gang im Krankenhaus entlangging. Um diese Zeit waren die meisten Besucher bereits heimgegangen und lediglich eine Krankenschwester tauchte hier und da mal aus einem Zimmer auf, verschwand jedoch gleich wieder im nächsten.

Er war es mittlerweile gewohnt, als letzter zu gehen, weshalb er sich auch nicht wirklich darüber Gedanken machte, dass er momentan völlig allein zu sein schien. Stattdessen dachte er an Cordelia, bei der er eben – wie fast jeden anderen Tag auch – gewesen war. Obwohl sich an ihrem Zustand seit dem Angriff auf sie nichts geändert hatte, kam er einfach nicht darüber hinweg, sie verloren zu haben. Er liebte sie immer noch genauso sehr wie damals und hätte so ziemlich alles dafür getan, damit sie wieder aufwachte.

Aber das würde wohl nicht der Fall sein, egal was er tat. Die Chance, dass sie das Bewusstsein wiedererlangte, war schon nach dem Angriff verschwindend gering gewesen und mit jedem Tag, der verging, schrumpfte sie weiter, weshalb es nunmehr den Ärzten nach unmöglich sein dürfte. Nur leider änderte dieses Wissen überhaupt nichts an der Tatsache, dass er sie schrecklich vermisste.

Ihr Lachen, ihre Küsse, ihre Stimme, ja, sogar ihre spöttischen Kommentare, von denen er sich mehr als einmal gewünscht hatte, sie ließe sie bleiben.

Sie gehörten einfach zu ihr, zu jenen Dingen, die seine Cordelia ausgemacht hatten und er wünschte sich nichts sehnlicher als sie zurückzubekommen.

 

Xander war so in seinen Gedanken versunken, dass er überhaupt nicht dazu kam, sich zu wehren, als ihn plötzlich jemand von hinten packte und in eine Abstallkammer zerrte. Sein erste Impuls war es, den Mund zu öffnen, um zu schreien, doch anscheinend hatte sein Angreifer bereits mit dieser Reaktion gerechnet, denn er hatte seine stoffbedeckte Hand über den Mund des Dunkelhaarigen gelegt.

 

„Hör auf zu zappeln, wenn dir dein Leben lieb ist!“, befahl ihm eine barsche Stimme und er spürte, wie ihm eine kühle Klinge an die Kehle gedrückt wurde, was ihn dazu brachte, schwer zu schlucken.

Verdammt, er hatte es gewusst! Er hatte gewusst, dass es noch nicht vorbei war und dieser Moment war der erste in seinem Leben, in dem er sich nichts sehnlicher wünschte als schlicht und einfach im Unrecht zu sein.

Nur leider war er es nicht. Seine Zeit war abgelaufen, alle anderen waren bereits tot und jetzt wäre er an der Reihe. Was sollte er tun? Die Warnung ignorieren? Vielleicht wäre es dann schneller vorbei, weniger schmerzhaft.

 

Trotz dieses Gedankens hielt er jedoch auf einmal mucksmäuschenstill, wagte es kaum zu atmen. Er wollte nicht sterben. Egal wie aussichtslos seine Situation war, er würde nichts tun, was den anderen dazu brachte, ihn augenblicklich zu töten.

Sein Selbsterhaltungstrieb war stärker als seine Angst vor Schmerz.

Abgesehen davon konnte er sich nicht daran entsinnen, erfahren zu haben, dass irgendeines der Opfer jemals körperlicher Folter unterzogen worden war. Ein Stich ins Herz, ein Schnitt durch die Kehle – sonst waren die Leichen unversehrt gewesen. Nicht, dass er diese Tatsache unbedingt als beruhigend empfand, zeigte es doch vielmehr, wie schnell die Morde vonstatten gegangen waren.

 

„W-Was willst du v-von mir?“, brachte er mit zitternder Stimme hervor, darauf bedacht, möglichst leise zu sprechen, da er nicht wusste, ob der andere tatsächlich zögern würde, ihn zu töten, wenn er das Krankenhauspersonal auf sie aufmerksam machte – er bezweifelte es.

 

Sein Angreifer verzog die Lippen daraufhin zu einem kalten, gefühlstauben Grinsen, welches Xander jedoch zum Glück nicht sehen konnte, hätte es doch das Blut in seinen Adern gefrieren und ihn das Schlimmste befürchten lassen.

Schon jetzt spielten seine Sinne förmlich verrückt, sein Puls ging viel zu schnell und so sehr er sich auch bemühte, es schien, als könne er einfach nicht genügend Luft bekommen. Hatte das Gefühl, es würde immer stickiger und enger werden, sah beinahe schon die Wände der Kammer auf sich zukommen. Immer weiter und immer weiter, bedrohlich und gnadenlos.

Adrenalin rauschte durch seinen Körper und am liebsten hätte er laut geschrieen oder verzweifelt um sich geschlagen, doch er schaffte es mit Mühe, diese instinktiven Reaktionen zu vermeiden. Sein Verstand war noch wach genug, um zu wissen, dass dies fraglos seinen Tod bedeuten würde.

Dennoch hatte er bereits jetzt das Gefühl, leicht über dem Boden zu schweben und die Welt um ihn herum schien in einem Schleier von Dunkelheit zu verschwimmen. Ihm war furchtbar schwindlig und er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, es jedoch nicht zu können. Bauchschmerzen der Furcht, gegen die er nichts unternehmen konnte, wagte es nicht, sich auch nur ein wenig zu rühren. Stand stocksteif wie eine Statue, die einzigen Signale dafür, dass er noch lebte, das laute Pochen seines Herzens, der kalte Angstschweiß auf der Stirn und die nervös hin- und herschweifenden Augen, die schreckgeweitet waren.

 

„Dich warnen. Ich habe nicht vor dich zu töten, zumindest jetzt nicht, also hör auf, wie Espenlaub zu zittern. Obwohl ich sagen muss, dass du haarscharf an der Grenze vorbeigeschlittert bist, für eine Weile war ich auch hinter dir her und ich hab lange überlegt, ob ich daran wirklich etwas ändere.

Allerdings scheinst du der einzige zu sein, der zumindest zum Teil begriffen hat, warum die anderen sterben mussten und es hat dich dazu gebracht, nachzudenken und dein Verhalten zu ändern. Nur zu schade, dass du das deinen so genannten Freunden nichts begreiflich machen konntest, am wenigsten Buffy.

Er spuckte ihren Namen förmlich, als würde es sich hierbei um ein fürchterliches Gift handeln und nicht um eine Person. „Du bist der einzige, der etwas aus dem, was passiert ist, gelernt hat. Gut für dich.

Ich habe mich entschieden, dich am Leben zu lassen und dir noch eine zweite Chance zu geben, zumal du meiner Meinung nach ohnehin nicht in Buffys kleinen Fanclub passt. In einem anderen Leben unter anderen Umständen hätten wir vielleicht sogar Freunde werden können. Solltest du jedoch zurück in alte Gewohnheiten verfallen, werde ich mich gezwungen sehen, meine Entscheidung zu revidieren. Hast du das verstanden?“

 

Als Xander dies hörte, glaubte er, seinen Ohren nicht trauen zu können. Er musste sich verhört haben, das konnte nicht wahr sein, nein. Wahrscheinlich hatte er tatsächlich das Bewusstsein verloren, oder er war vielleicht sogar schon tot, das würde erklären, warum der andere sagte, er würde ihn gehen lassen.

Das hier war nicht vorbei, nicht einfach so, nicht, solange er noch lebte. Nicht, nachdem dieser Wahnsinn über Jahre hinweg kein Ende gefunden hatte. Das konnte er ganz einfach nicht glauben, so sehr er es sich auch wünschte.

Aber, wenn er sich das wirklich nur einbildete, wenn er in Wahrheit schon bewusstlos war, warum dann solch eine Vorstellung? Wenn es danach ging, was er sich wünschte, wären seine Freunde dann nicht alle am Leben? Besonders Cordelia? Und wüsste er dann nicht, wer der Killer ist und würde dieser nicht bestraft werden? Warum sollte er sich mit solch einem nahezu freudlosen Ende zufrieden geben, wenn das hier tatsächlich nur seinen Gedanken und Träumen entsprang? Nein, er hätte sich einen anderen Schluss vorgestellt, ganz sicher.

 

Doch wenn das hier kein Traum war, dann blieb nur noch eine andere Möglichkeit, die in seinen Ohren genauso absurd klang: sein Angreifer meinte das, was er gesagt hatte, ernst. Der Wahnsinn würde ein Ende haben. Er wäre frei, endlich, nach so langer Zeit, wäre er wieder frei.

 

Bevor er jedoch dazu kam, zu realisieren, was diese Erkenntnis für ihn bedeutete, unterbrach eine harte, respektfordernde Stimme seine Gedanken: „Ich hab dich gefragt, ob du mich verstanden hast!“

 

„J-Ja“, würgte er daraufhin verängstigt hervor, seine Stimme nunmehr lediglich ein raues, erschöpftes Flüstern, das kaum seinen eigenen Atem zu übertönen vermochte.

Diese Antwort schien dem Fremden jedoch bereits zu genügen, denn er stieß ihn kraftvoll von sich und verschwand ungesehen aus der Kammer, in welcher Xander im nächsten Moment zitternd auf die Knie fiel und sich übergab, nicht länger fähig, das Gefühl der Übelkeit zu unterdrücken.

 

~*~*~*~

 

Als Spike an diesem Abend heimkam, glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können, fand er doch seine Mutter allein am Küchentisch vor, mit einem ungezwungenen Lächeln auf den Lippen. Erstaunt glitt sein Blick über die Ältere und er stellte zu seiner Verwunderung fest, dass dies nicht das einzig ungewöhnliche an ihr war. In den letzten Jahren, nachdem sie Ethan geheiratet hatte, hatte sie immer irgendwelche altmodischen Kleider getragen, die Haare zu einem praktischen Dutt zusammengefasst und in sich zusammengesunken zu Boden gesehen.

Nun aber trug sie ein Paar dunkelblaue Jeans, die ihre schlanke Figur betonten und ein elegantes, weißes Shirt. Um ihren Hals lag eine schmale Kette, passend dazu hatte sie Ohrringe und Armband angelegt und auf ihrem Gesicht befand sich dezentes Makeup. So hatte er seine Mutter schon ewig nicht mehr gesehen.

Und damit nicht genug, mit ihrem Aussehen schien sich auch ihr Verhalten geändert zu haben. Sie sah viel frischer und erholter aus, ausgeglichener und glücklicher, fast so wie vor der Trennung von seinem Vater, obwohl man dennoch, wenn man genauer hinsah, merkte, dass sie älter geworden war. Ihre dunklen Haare fielen in leichten Wellen auf ihre Schultern und ihre Augen schienen förmlich zu strahlen. Hätte er sie auf der Straße aus einiger Entfernung gesehen, er hätte sie wahrscheinlich nicht wieder erkannt.

 

„Würdest du dich bitte kurz zu mir setzen, William? Ich möchte dir etwas Wichtiges sagen“, forderte sie ihn mit einem liebevollen Lächeln auf, wobei ihre Tonlage wesentlich selbstsicherer als sonst klang. Sie gestikulierte mit ihrer Hand in Richtung des Stuhls, welcher sich von ihr gegenüber befand und bei dieser Bewegung stellte der Platinblonde mit einem Stirnrunzeln fest, dass sie nicht ihren Ehering von Ethan trug, sondern einen Ring, den ihr sein Vater kurz nachdem sie zusammen gekommen waren geschenkt hatte.

Bevor er jedoch dazu kam, deswegen nachzufragen, begann sie auch schon mit ihrem Gespräch.

„Du hast sicher schon gemerkt, dass Ethans Wagen nicht mehr in der Einfahrt steht“, begann sie leise, als wüsste sie nicht so ganz, wie sie fortfahren sollte, entschied sich aber dann dafür, einfach mit der Neuigkeit gerade herauszuplatzen.

„Wir haben uns getrennt, ich habe ihn heute Nachmittag endgültig rausgeschmissen und mich dazu entschieden, mich von ihm scheiden zu lassen. Genau genommen hatte ich das schon eine Weile vor, doch bisher hat mir der Mut gefehlt, es auch durchzuziehen. Zumindest, bis ich gestern Abend eine Aussprache mit deinem Vater hatte.“

Ein sanftes Lächeln legte sich unwillkürlich bei dem Gedanken an ihren Exmann auf ihre Lippen.

„Wir haben beschlossen, dass wir uns gerne wieder öfter treffen würden und vielleicht auch noch einmal von vorn anfangen, eine zweite Chance sozusagen. Nach Taras Tod haben wir beide den Fehler gemacht, uns gegenseitig abzuschotten anstatt zu reden, ohne zu merken, wie wir uns immer weiter voneinander entfernten. So sehr wir sie auch vermissen, es war nicht richtig, uns aus Trauer um sie zu trennen. Ich… Was hältst du von der Idee?

Ich weiß, du hast Ethan nie leiden können, aber ich würde dennoch gerne wissen, ob es für dich okay ist, wenn dein Vater und ich uns wieder öfters sehen und vielleicht auch irgendwann wieder zusammenziehen?“, erkundigte sie sich vorsichtig, da sie ihren Sohn nicht völlig mit der doch recht plötzlich geänderten Situation überrumpeln wollte.

Zwar empfand sie immer noch viel für ihren Exmann, doch an erster Stelle würde für sie immer ihr verbliebenes Kind stehen, auch wenn dieses nunmehr so ziemlich erwachsen war.

 

Spike brachte für einen Moment kein Wort heraus, da er sich von diesen Neuigkeiten förmlich überrollt fühlte. Nie im Leben hätte er damit gerecht, weswegen er eine Weile brauchte, um sich von dem Schock, den die Worte seiner Mutter in ihm ausgelöst hatten, zu erholen.

Als er sich dann wieder rühren konnte, gab er ihr allerdings keine Antwort, sondern fiel ihr stattdessen erleichtert um den Hals, was sie ihrerseits mit einer festen, liebevollen Umarmung erwiderte – unendlich erleichtert darüber, dass sich nun dem Anschein nach endlich alles zum Guten wenden würde, auch wenn sie Tara dadurch auch nicht wieder lebendig machen konnte.

 

~*~*~*~

 

Unsicher trat Xander von einen Fuß auf den anderen, während er am Saum seines Pullovers herumzog und wie gebannt auf die Tür vor sich starrte. Unglauben, Hoffnung und Angst standen ihm ins Gesicht geschrieben und obwohl die Nachricht, die er erhalten hatte, eigentlich eine gute sein sollen hätte, wagte er es nicht, das Zimmer zu betreten.

Weil es vielleicht nur einen Blick benötigen würde, all seine Träume erneut zu zerstören, sie wie einen Spiegel in tausend und abertausend  Scherben zerspringen zu lassen. Weil es vielleicht nur einen Blick benötigen würde, die Worte, die er am Telefon vernommen hatte, Lügen zu strafen. Weil es vielleicht nur einen Blick benötigen würde, damit er endgültig selbst zerbrach, zermürbt und müde nach so vielen Tagen und Nächten voller Verzweiflung und Bangen.

Weil er wusste, dass das, was angeblich geschehen sein sollte, eigentlich unmöglich war, nur ein schöner Traum – zu schön, um jemals wahr zu sein.

 

Seine Hand zitterte, als er sie zur Türklinke hob und er holte noch einmal tief Luft, bevor er zögernd den Raum betrat, noch immer nicht ganz bereit, sich den Tatsachen zu stellen. Konnte nicht begreifen, dass das, was er so lange vergeblich erhofft hatte, letztendlich doch noch Wahrheit geworden war.

Aber ein Blick in Richtung des Bettes ließ ihn all seine Angst und Zweifel, jegliche Schulgefühle und Sorgen vergessen, sah ihm doch von dort aus – nach so langer Zeit – die Liebe seines Lebens entgegen. Sicher, sie wirkte ausgezehrt und müde, aber ihre Augen strahlten vor Glück und allein dieses Geschenk, sie hier zu sehen, sie endlich wieder in seine Arme schließen und küssen zu können, war alles, was er sich jemals gewünscht hatte.

 

„Du lebst!“, stellte er mit tränenerstickter Stimme fest, während er sie fest und dennoch liebevoll an sich drückte, als wolle er sie nie wieder gehen lassen. Seine Cordelia war endlich aus dem Koma erwacht – etwas, das niemand mehr für möglich gehalten hatte.

„Ich hatte solche Angst um dich, Cor, ich liebe dich so sehr. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisst habe, mein Engel“, flüsterte er leise in ihr Ohr, schlicht und einfach erleichtert, dass er sie endlich wiederhatte.

 

Cordelia lächelte daraufhin glücklich, bevor sie mit rauer Stimme ein müdes: „Ich liebe dich auch, Xan.“ erwiderte. In diesem Moment scherte sie sich nicht darum, was mit ihren Freunden war, oder ob da draußen noch immer irgendein Mörder herumlief, der es auf ihren Kopf abgesehen hatte. Soweit es sie betraf, könnte die Erde genau jetzt, zu diesem Zeitpunkt, aufhören, sich zu drehen und es wäre ihr völlig gleichgültig – so lange sie nur ihren Xander bei sich hatte.

 

~*~*~*~

 

“Ist es jetzt vorbei? Können wir jetzt endlich mit Sunnydale abschließen und die Vergangenheit ruhen lassen?”, fragte Willow sehnsüchtig ihren Freund, welcher sich neben sie vor Taras Grab gehockt hatte, den Blick gen Boden gesenkt.

 

„Ja. Ja, Luv, es ist vorbei, endgültig. Was in Sunnydale passiert ist, ist von nun an Geschichte, es wird nicht mehr über mein oder dein Leben bestimmen. Wir werden woanders ganz neu anfangen, möglichst weit weg von hier“, bestätigte Spike daraufhin leise und er richtete sich langsam auf, um seine Freundin in seine Arme zu schließen.

Sein Blick blieb noch ein letztes Mal an dem Grab seiner Zwillingsschwester hängen, doch diesmal brach er nicht in Tränen aus. Die Schuldgefühle und Albträume, die ihn all die Jahre gequält hatten, waren nun vorbei und obwohl er wusste, dass es nicht richtig war, andere Menschen zu töten, weil sie seine Tara verletzt hatten, bereute er seine Taten nicht wirklich.

Sicher, es tat ihm schon ein wenig leid, dass so viele weitere Personen ebenfalls ihr Leben lassen müssen hatten, und er wollte niemals wieder irgendwen töten müssen, doch es war der einzige Weg gewesen, seinen Frieden zu finden – Frieden, den er lange Zeit vergeblich gesucht hatte. Mit Taras Tod war ein Stück seiner selbst ebenfalls gestorben und er hatte danach keine Ruhe mehr finden können, egal wie sehr er sich auch bemüht hatte.

Einzige und allein Buffy und ihre Freunde leiden zu sehen, hatte seinen Durst nach Rache stillen können, obwohl der Preis dafür seine Seele gewesen war. Er war nicht mehr jener Mensch, den Tara gekannt hatte, nein, er war viel kälter und rücksichtsloser geworden, kümmerte sich ausschließlich um jene Menschen, die ihm persönlich etwas bedeuteten. Und wenn er dafür über Leichen gehen musste, dann war er bereit das zu tun – was ihm gleichzeitig noch einen weiteren Grund dafür gab, Buffy aus tiefstem Herzen zu hassen.

Sie selbst hatte ihn in das Monster verwandelt, das sie zum Selbstmord gezwungen hatte, hatte ihn zu einem aggressiven Wolf gemacht, der alles tat, um seine Familie zu schützen. Auch wenn das bedeutete, dass er sich selbst dabei verloren hatte.

 

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   end