Autor: Laborratte
Altersfreigabe: ab 12
Genre: Originalfiction --> Drama
Inhalt: Valerie soll nach sechs Wochen aus dem Ausland zurückkommen, doch nichts läuft wie geplant.

 

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Er sah, wie der Herbst begann, als er mit seinem Mountainbike durch den Wald fuhr. Überall waren rote und gelbe Blätter auf den matschigen Waldwegen. Es machte keinen Sinn mehr, heute weiter zu fahren, das wurde ihm jetzt klar, die aufgeweichten Wege waren ein einziges Desaster. Also drehte er um und machte sich auf den Rückweg.

 

Die Luft roch noch nach dem Regen der Nacht und erst langsam begannen die Waldbewohner, wieder aus dem Unterholz zu kriechen, doch das beachtete er gar nicht. Er konzentrierte sich vollkommen darauf, den am wenigsten matschigen Pfad zu finden, wobei selbst schon seine Wangen einige Matschspritzer abbekommen hatten, von seiner Kleidung ganz zu schweigen.

 

Er brauchte beinahe doppelt so lang für den Heimweg als gewöhnlich, das nervte ihn. Als dann auch noch die Kette aus ihrer Halterung sprang, dachte er, der Tag könne nicht schlimmer werden – doch da hatte er sich getäuscht.

 

Kaum fuhr er auf den Hof seines Elternhauses, streckte sich auch schon der Kopf seiner Mutter durch das Wohnzimmerfenster. Manchmal fragte er sich wirklich, warum man etwas derart nerviges wie Eltern überhaupt brauchte. Mürrisch ignorierte er seine Mutter, wandte ihr den Rücken zu und stellte demonstrativ erst sein Mountainbike in die Garage, ehe er sich zu ihr umwandte.

 

„Was ist?“, brummte er, während er auf sie zuging, was keine Freundlichkeit war, die Haustür lag nur zufällig in derselben Richtung.

„Da hat jemand für dich angerufen und…“

„Hat das nicht Zeit bis nachher? Ich hab geschwitzt, ich möchte jetzt erst mal baden“, sagte er immer noch mit einem aggressivem Unterton, ehe er die Haustür aufschloss und, ohne eine Antwort seiner Mutter abzuwarten, ins Haus und gleich darauf in Rekordzeit im Badezimmer verschwand.

 

Er badete ausgiebig im warmen Wasser als Vorbeugung gegen den Muskelkater, denn es war verdammt schwer, sich mit einem achtzehn Kilogramm schweren Mountainbike durch den Schlamm zu wühlen.

Nach einer Stunde fühlte er sich entspannt genug, verließ die Badewanne, schmiss all seine Kleidungsstücke achtlos in den Wäschekorb, wickelte ein Handtuch um seine Hüften und machte sich auf den Weg in den Keller, wo er seine beiden Zimmer hatte.

 

Gerade wollte er das Handtuch auf sein Bett werfen und sich anziehen, als er hörte, wie jemand die Treppe herunter kam. Mehr als deutlich spürte er, wie seine Muskeln sich augenblicklich wieder zu verspannen begannen.

Die leicht pummelige Gestalt seiner Mutter stand nun vor ihm. Sie setzte bereits dazu an, etwas zu sagen, als er ihr dazwischen fuhr: „Was?“

„Der Anrufer von vorhin hat darum gebeten, dass du ihn zurückrufst“, erklärte sie ihm, wobei sie seinen blaffenden Tonfall gar nicht zu bemerken schien. Stattdessen reichte sie ihm einen weißen Zettel, den er entgegen nahm und, ohne ihn anzusehen, zusammen faltete.

„Sonst noch was?“, fragte er, nicht mehr ganz so aggressiv, aber man bemerkte dennoch, dass er allein sein wollte.

„Das Telefon liegt auf dem Küchentisch.“

 

Dann war seine Mutter verschwunden. Seine Kiefermuskeln spannten sich noch einmal an, doch als er die Kellertür hörte, wie sie hinter seiner Mutter ins Schloss fiel, beruhigte er sich. Er warf das Handtuch auf sein Bett, zog eine Boxershorts, eine Hose und ein T-Shirt aus dem Schrank und zog sich die Sachen an. Erst dann faltete er den Zettel, den ihm seine Mutter gegeben hatte wieder auseinander und besah ihn sich, es standen eine Telefonnummer und ein Name darauf. Was wollte ausgerechnet dieser Mann von ihm?

 

Um es herauszufinden, ging er hinauf in die Küche, schnappte sich das Telefon und wählte die Nummer. Während das Freizeichen ertönte, riskierte er einen Blick ins Wohnzimmer. Kein Mensch war in Sicht. Schnell ging er hinein und zog die Tür hinter sich zu.

 

„Lilienthal. Hallo?“, drang es aus dem Telefon.

„Hallo, Herr Lilienthal. Damian Jasch hier. Meine Mutter sagte mir, ich sollte Sie zurückrufen.“

„Das ist korrekt.“ Die Stimme klang angespannt.

„Was gab es denn so dringendes?“

„Sie wissen ja, dass meine Tochter Valerie heute zurückkehren sollte.“

„Ja, das war mir bekannt.“

„Nun, ehe sie vor sechs Wochen aus Deutschland abreiste, gab sie mir eine Liste. Namen und Telefonnummern. Leute, die ich benachrichtigen sollte, im Falle, dass ihr etwas zustieße… Nun, das Flugzeug, in dem sich Valerie befand, ist nach etwas mehr als zwei Stunden Flugzeit über dem atlantischen Ozean abgestürzt. Man geht davon aus, dass es keine Überlebenden gibt.“

Damian setzt sich.

„Sie scherzen. Valerie steht neben Ihnen und…“

„Glauben Sie mir, es wäre mir bei Leibe lieber, ich würde scherzen“, war die trockene Antwort.

Damian konnte es nicht glauben. Er war sprach- und fassungslos.

„Vielleicht sollten Sie wissen, dass Sie ganz oben auf Valeries Liste standen.“

 

Seine Gedanken warfen Damian in der Zeit zurück. Drei Monate genau. Da hatte Valerie ihm erzählt, dass sie ihre Flugdaten heute erhalten hätte.

 

Und was ist, wenn der Flieger abstürzt?“, hatte er sie kleinlaut gefragt.

„Ach was, das tut er schon nicht. Meine Airline hatte seit über neun Jahren keinen Absturz mehr“, hatte sie sorglos erwidert.

„Das hat nichts zu heißen“, unkte er.

„Hey…“ Sie legte ihre Arme um ihn. „Selbst wenn mein Flugzeug abstürzt, du kannst dir sicher sein, dass meine letzten Gedanken nur dir gelten.“

„Schwacher Trost zu wissen, dass an mich gedacht hast, anstatt dich mit jeder Gehirnzelle darauf zu konzentrieren, einen Überlebensweg zu finden.“

 

„Wann ist die Beerdigung?“ Sein Mund war wie ausgetrocknet.

„Wir werden Valerie erst dann beerdigen, wenn wir ihren Leichnam hier haben. Wollen Sie bei der Beerdigung zugegen sein?“

„Ja.“

„Gut, dann werde ich Sie gegebenenfalls informieren. Verzeihen Sie nun aber, wenn ich das Gespräch beende, ich bin zur Zeit nicht in der Verfassung für ein Plauderstündchen.“

„Natürlich. Vielen Dank und… auf wiederhören.“

 

Dann tutete es.

 

Wie in Trance starrte er die Wand minutenlang an, dann ging er aus dem Wohnzimmer, warf das Telefon auf den Küchentisch, ging in den Keller, zog sich Socken und Schuhe an, packte seine Autoschlüssel und seine Jacke und flüchtete aus dem Haus.

Er setzt sich in sein Auto und fuhr in die Innenstadt. Erst am Stadtpark hielt er an, parkte und ging dann hinein.

 

Es wurde bereits dunkel und genauso wie die Dämmerung das Tageslicht hinfort wischte, so verflüchtigte sich auch sein tranceartiger Zustand. Er kam zu einem kleinen See, der beinahe rundherum von Bäumen umsäumt war. Nur an einer kleinen Seite war eine Mauer aus grob gehauenem Stein. An die lehnte er sich nun.

 

Hier hatte er mit Valerie gestanden, vor beinahe einem halben Jahr. Wenn er gewusst hätte, dass es damals das letzte Mal gewesen war, dass er sie gesehen hatte, er hätte so vieles anders gemacht.

 

Lange Zeit blickte er auf den See hinaus, bis er sich schließlich davon abwandte, weil es zu dunkel geworden war, um noch irgendetwas erkennen zu können. Er ließ sich auf den Kiesweg sinken und lehnte mit dem Rücken an der Mauer.

 

Wo sie jetzt wohl war? Sie hatte nie an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Nie an einen Gott. Aus Überzeugung. Sie, so sagte sie, habe genug Schmerzen ertragen, genug Grauen gesehen. Gott, sofern es ihn gäbe, würde sie sowieso hassen, warum sich also dann mit Frömmigkeit um seine Gunst bemühen, wenn er sie ohnehin in die Hölle schickte?

 

Er grinste bei dem Gedanken an ihre Worte und mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass sie ihn nie wieder zum Grinsen bringen würde. Nie wieder würde sie ihn mitten in der Nacht mit einer SMS wecken, nie wieder eine Rose schicken, weil es ein besonderer Tag war, nie wieder würde sie ihm am Ende eines Telefonats danken, dass er mit ihr gesprochen hatte, Zeit mit ihr verbrachte…

Sie würde nie wieder irgendetwas tun.

 

Nie wieder würde sie schüchtern ins Telefon flüstern, dass sie ihn liebte. Nie wieder würde er eine ihrer hastig nachgesetzten, lächerlich Ausreden hören, die sie nur aussprach, damit er nicht in Verlegenheit kam, weil er ihr die Liebesbekundung nicht ebenfalls machen konnte. Nie wieder würde er die Tränen in ihren Augen sehen, die davon zeugten, dass sie nur bei ihm sein wollte, auch wenn sie am Bahnsteig stand, um wieder hunderte Kilometer weit weg zu fahren. Nie wieder würden ihre dunkelbraunen Augen vor Leidenschaft aufflammen oder aus Fürsorge weich werden, nur weil sie ihn sah. Nie wieder würde er sie lachen sehen.

Er würde sie überhaupt nie wieder sehen.

 

Und mit einem Mal fühlte er sich allein. Unendlich allein. Ja, sie hatten mehr als einmal in Erwägung gezogen, sich zu „trennen“, auch wenn sie offiziell nie zusammen gewesen waren. Sie hatte ihn geliebt und er… er hatte sie als Teil seines Lebens lieb gewonnen.

 

„Der Gedanke dich zu verlieren, Valerie, der ist grausam.“

 

Sein Herz krampfte sich nicht zusammen, weil er eine Person verloren hatte, die er liebte – zumindest glaubte er das nicht – aber dort, wo sein Herz saß, dort verspürte er einen Stich. Und er musste an die vielen Male denken, bei denen er Valerie diesen Stich zugefügt hatte. Dennoch war sie bei ihm geblieben, hatte sich um ihn gekümmert so gut sie konnte und auch, wenn er sie nicht liebte, so hatte er doch bei ihr bleiben wollen, weil er wusste, dass sie ihn liebte und er nur eines wollte: Sie glücklich sehen. Nie hatte er verstanden, dass sie nicht mit ihm hatte glücklich werden können, weil er es nicht mit ihr konnte. Sie fühlte sich, als würde sie seinem Glück im Wege stehen, hatte sie gesagt. Sie hatte ihn verlassen wollen, damit er eine neue Freundin fände und dennoch kam er nicht wirklich los von ihr, auch wenn sie schon lang keinen Draht mehr zu ihm hatte, nicht mehr zu ihm durchdrang.

 

Nun fühlte er sich wie sie es damals getan haben musste. Sie sagte einmal, dass sie, sobald es „Beziehungsprobleme“ mit ihm gab, immer zu ihrem besten Freund wollte, um sich bei ihm auszuweinen. Ironisch nur, dass er ihr Geliebter und bester Freund in einer Person war und sie so niemals zu ihm kommen konnte.

 

So fühlte er sich nun. Er fühlte den grausamen Schmerz wegen ihres Verlustes und gleichzeitig wollte er nichts lieber als zu ihr, sich von ihr in den Arm nehmen und trösten zu lassen.

 

Doch das ging nicht. Nie wieder würden sich ihre Arme beschützend um seinen Körper schlingen und ihn halten, vor der Welt verstecken, die es anscheinend nie gut mit den beiden gemeint hatte.

 

Damian wollte und konnte es nicht glauben, dass er sie nie mehr sehen, berühren mit ihr sprechen konnte. Sie konnte nicht einfach so fort gegangen sein. Das ging nicht.

 

Er wusste, er hätte weinen sollen, trauern, aber er konnte es nicht. Keine Tränen stiegen in ihm auf, nur eine dumpfe Art von Schmerz, wie er sie bisher noch nicht kannte.

 

Irgendetwas in seinem Kopf sagte ihm, dass er vor Schmerz schreien sollte, weil er sie verloren hatte, aber er fühlte sich nicht nach Schreien. Nein, er fühlte sich im Moment einfach allein, wobei der dumpfe Schmerz, die Gewissheit, dass er sie nie mehr sehen würde sich vorerst im hintersten Winkel seines Bewusstseins vergraben hatte.

 

Zwei tiefe Atemzüge brachten seinen Brustkorb dazu, sich zu heben und zu senken, er versuchte seine Gedanken zu sammeln. Er schob seine Hände in die Taschen seiner Jacke. Es raschelte, doch in der Tasche selbst war nichts. Er griff langsam in die Innentasche der Jacke. Ein Kuvert.

 

Es war rauer als gewöhnliches Papier. Da schoss ihm eine Erkenntnis wie ein Blitz durch seine Gedanken. Es war Valeries Brief. Der Brief, den sie ihm zum Abschied geschrieben hatte, ehe sie vor sechs Wochen abgeflogen war.

 

Er sprang auf und rannte die vertrauten Wege zurück bis zum Eingang des Parks, wo zwei kleine Laternen rechts und links des Torbogens für ein schwaches Licht sorgten. Er riss den Brief aus dem Kuvert und las ihn erneut.

 

Geliebter Damian,

Ich weiß nicht so recht, wie ich dir diesen Brief schreiben soll. Du fandest Briefe immer dumm, weil sie nach dem Ende einer Beziehung immer eine lästige Erinnerung darstellen. Ich will nicht, dass du den Brief in ein paar Wochen oder Monaten noch mal liest und denkst: „Was für eine dumme Gans!“ Wer weiß, vielleicht hast du dich ja neu verliebt, wenn ich wieder komme…

Das ist es, was ich dir sagen will, mein Engel. Ein paar Dinge, die du schriftlich haben sollst, sodass du sie auch abends im Bett oder im Auto oder weiß der Henker wo lesen kannst. Du sollst diese Worte nie vergessen: Du bist ein freier Mann, Damian. Ich halte dich nicht länger an meiner Seite, denn ich weiß, dass du mich nicht liebst und in keinem Leben der Welt mit mir glücklich werden könntest. Ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du für mich da sein wolltest, dass du es in Kauf genommen hättest, auf dein eigenes Glück zu verzichten, nur um bei mir zu sein und mich glücklich zu sehen, aber ganz so leicht ist es leider nicht. So sehr ich dich auch liebe, ich kann nicht glücklich sein, wenn ich doch genau weiß, dass du es nicht bist. Nenn mich naiv und idealistisch, so denke ich darüber. Deswegen gebe ich dich frei, mein Engel. Du kannst tun und lassen, was du willst.

Ich werde mich vermutlich öfter mal melden, von drüben aus, aber wegen der Schule und der Zeitverschiebung wird das wohl eher selten sein. Das ist vielleicht auch besser so, dann denkst du nicht an mich. Ich habe nur eine Bitte, Damian, wenn du dich neu verliebst, lass es mich wissen.

Und mach dir keine Sorgen um mich, mir wird es gut gehen, mein Großer. Und auch mein Flugzeug wird heil über den großen Teich kommen. Und falls mir dennoch etwas geschehen sollte, sei dir sicher, dass meine letzten Gedanken dir gegolten haben, mein Engel, denn ich liebe dich. So sehr, dass ich schon fast hier bleiben möchte. Aber es ist für uns beide besser, wenn wir Abstand und einen klaren Kopf bekommen.

So verbleibe ich in Liebe

Deine

- Valerie

 

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Sie nippte an ihrer Cola, während sie in ihrem Buch las. Ein Kitschroman, den sie sich noch auf dem Flughafen gekauft hatte. Mittlerweile sprach sie Englisch so gut, dass es ihr keine Mühe mehr machte, ein Buch zu lesen. Die Heldin des Romans war gerade dabei, ihrem Traummann zu beweisen, dass sie die einzig richtige Frau für ihn war, was Valeries Gedanken dazu brachte, abzuschweifen.

Wie es Damian wohl ging? Sie hatte ihn angerufen, als sie vor sechs Wochen angekommen war und jede Woche eine eMail mit ihren Erlebnissen geschrieben, aber von ihm war immer recht wenig zurückgekommen. Ob er doch eine neue Freundin hatte?

Seufzend rief sie sich in Gedanken zur Ordnung. In zwölf Stunden konnte sie ganz entspannt vor ihrem Laptop am Küchentisch sitzen und ihn selbst fragen. Sie lächelte. Es waren sehr schöne sechs Wochen gewesen, aber nun freute sie sich auf Deutschland und auf den Schulbeginn in einer Woche, wenn sie endlich ihre Freundinnen wiedersehen würde. Sie hatten sich eine Menge zu erzählen.

 

Valerie legte das Buch bei Seite. Gerade wollte sie ihre Ohrstöpsel für das Bordprogramm an Audiounterhaltung aus ihrem Rucksack im Handgepäckfach holen, da ging ein Ruck durch das Flugzeug. Valerie wäre fast zu Boden gefallen und das Plastikglas mit ihrer Cola darin war auch umgekippt. Die braune Flüssigkeit ergoss sich über ihr Buch.

 

„Ladies and Gentleman, we beg you to take a seat and fasten your seat belts immediately. Sehr verehrte Fluggäste, wir bitten Sie, sich umgehend auf ihre Plätze zu begeben und sich anzuschnallen.“

 

Auf die Lautsprecherdurchsage hin setzte sich Valerie sofort wieder auf ihren Platz, klappte den Tisch nach oben und zog den Gurt um ihre Hüften enger. Sie sah sich um. Auch die anderen Fluggäste folgten der Anweisung. Dann sah Valerie zu der älteren Frau neben sich, ob diese sich auch angeschnallt hatte. Sie war angeschnallt und starrte aus dem Fenster.

 

„Look, honey“, sagte sie nur leise. Valeries Blick folgte dem ihren und ihr Herz kam für eine Sekunde aus dem Takt, ehe es in einem Rhythmus schlug, der sich nach einer Herde galoppierender Wildpferde anhörte.

 

Der Flügel brennt!

 

Just in dem Moment, in dem dieser Gedanke Valeries Bewusstsein erreichte, kippte das Flugzeug vorn über. Valerie hörte ein paar Frauen und Kinder schreien. Sie ahnte, dass der Winkel zu steil war, um für eine Wasserlandung zu taugen. Adrenalin schoss durch ihren gesamten Körper.

 

Ich sterbe. Ich werde hier drin sterben, kreischte eine Stimme in ihrem Kopf. Tränen der Verzweiflung bahnten sich den Weg über Valeries Wangen.

Damian. Damian, wo bist du? Ich will zu dir, nimm mich in den Arm. Weck mich auf. Sag mir, dass alles nur ein Alptraum ist. Lass mich in deinen Armen aufwachen und zu Haus sein. Nein, oh nein, nein, nein… Damian, wo bist du?

 

Sie spürte, wie sie in den Sitz gepresst wurde, als das Flugzeug immer schneller in Richtung des betonharten Wassers fiel. Irgendwer hatte ihr eingeschärft, sich beim Absturz nach vorn zu beugen und die Knie mit den Armen zu umschlingen. Sie tat es.

 

„Damian!“, schrie sie verzweifelt, schloss krampfhaft ihre Augen und schluchzte. „Damian!“

Eine Unmenge Bilder schoss durch ihren Kopf. Sie sah ihn vor sich stehen, seine blauen Augen, in denen sie versank, sein Lächeln, sie glaubte, seine Umarmung zu fühlen und seine Stimme zu hören.

 

Doch um sie herum schrieen alle Menschen. Sie kreischten so laut, dass es Valerie in den Ohren schmerzte. Sie kniff ihre Augen noch enger zusammen. Sie weinte und flüsterte immer wieder: „Damian, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich. Lass mich nicht allein, bitte. Oh bitte, bitte, bitte. Ich liebe dich doch so sehr.“

 

Ich liebe dich.

Sie ist die Frau fürs Leben.

Ich würde für sie sterben.

Sie ist wie du nur ist sie… hier.

Tut mir Leid, dass ich zurückgekrochen komme.

Will nur, dass du glücklich wirst, Valerie.

Ich glaub nicht, dass ich dich noch liebe.

Der Gedanke, dich zu verlieren, ist grausam.

 

Er hatte so vieles gesagt, so oft hatte er ihr das Herz gebrochen. Es war egal. Alles, was sie wollte, war bei ihm sein. Tränen strömten aus ihren Augen. Krampfhaft dachte sie an sein Lächeln, seine Küsse auf ihrer Stirn, ihrer Wange, seine streichelnde Hand in ihrem Haar, seine beschützende Umarmung.

„Ich liebe dich, Damian. Ich liebe…“

 

Der Aufprall war hart. Valeries Kopf schlug gegen den Sitz vor ihr, sie wurde bewusstlos, Blut rann aus dem langen Riss an ihrem Kopf. Sie bemerkte nicht, wie wenig später das Wasser das Flugzeug flutete. Sie hatte keine Chance, den Irrtum ihres Körpers zu verhindern, als dieser anstatt Luft Wasser in ihre Lungen zog, aber sie nahm ohnehin keine Notiz mehr davon.

 

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Drei Wochen vergingen, ehe das Telefon der Familie Jasch klingelte. Der Leichnam sei überführt worden, die Beerdigung fände in vier Tagen statt. Ob er sie noch einmal sehen könne, ehe sie beigesetzt würde, wollte er wissen. Ja, das sei möglich. Ab morgen sei sie im Mausoleum, die Familie habe den Schlüssel. Er könne auch bei ihnen übernachten, wenn er wolle. Danken lehnte er ab. Er kenne ein gutes Hotel.

 

Er fuhr hin, ohne viel darüber nachzudenken. Die Strecke kannte er. Das Hotel auch. Ein Zimmer war dort meistens frei. Doch er bekam nicht irgendeines. Er bekam ausgerechnet Zimmer fünfzehn. Er bemerkte es erst, als er schon davor stand. Schluckend schloss er die Tür auf und trat ein.

 

Hier hatte er gewohnt, wenn er sie besucht hatte. Hier hatten sie die meiste Zeit miteinander verbracht. Er sah in den Spiegel. Erinnerte sich an die vielen Male, bei denen sie gemeinsam davor gestanden waren. Damals hatte er gefragt, ob ihr gefiele, was sie sähe. Sie hatte ihn glücklich angelacht und genickt.

 

Seine Finger berührten den kalten Spiegel dort, wo sich ihr Gesicht gegen seine Schulter schmiegen müsste, wo ihre Arme sich um seine Taille schlingen müssten… doch da war nichts. Sie war fort.

 

Und mit einem Mal bedauerte er die wenigen Erinnerungen, die davon zeugten, dass sie einmal Teil seines Lebens gewesen war. Es gab nur ein Foto von ihnen beiden zusammen. In seiner Jackeninnentasche hatte er eine leere Zigarettenschachtel, die mit Rosengeschenkpapier umwickelt war. Darin befand sich eine Locke ihres Haares, die sie ihm im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Er hatte die Locke oft gestreichelt, seit er von ihrem Tod erfahren hatte. Hatte sie angesehen und sich an ihr verrücktes Haar erinnert, das er so gemocht hatte.

Sie würde ihm fehlen.

 

Am Abend desselben Tages durfte er sie sehen. Ihr Vater hatte ihn zum Friedhof gebracht, wo sie in einer kleinen Kammer aufgebahrt lag. Am Kopfende des Sarges stand ein Stuhl. An den Wänden standen Blumen. Sie trug ein schwarzes, ärmelloses Baumwollkleid, von dem er wusste, dass es eigens für die Beerdigung gekauft worden war. Ihre Hände lagen ineinander gefaltet auf ihrem Bauch. Die Haut war weiß, ihre Lippen blau und ihre weichen Lippen hatten ebenfalls jegliche Farbe verloren, während ihre Haare fast so schön wie eh und je in großen und kleinen Locken ihr Gesicht einrahmten.

 

Er ergriff ihre Hand. Sie war kalt – natürlich. Aber es war dennoch ein Schock für ihn. Ihre Haut fühlte sich weich an. Zu weich. Er wusste, dass es von den Leichenpflegern kommen musste, die ihren Körper einbalsamiert hatten. Ihr Körper war kraftlos. Er vermisste das Spiel ihrer Muskeln, ihre aufmerksamen Augen, die entspannte Körperhaltung, sobald er sie berührte…

Langsam beugte er sich hinunter, um seine Stirn gegen ihren kalten Handrücken zu lehnen. Er küsste ihn. Ihre Hand in seiner linken haltend, ging er einen Schritt näher auf das Kopfende des Sarges zu. Er streichelte durch die dünn gewordenen Locken. Das Salzwasser hatte ihre Haare zerstört, auch wenn es äußerlich noch so schön aussah.

 

„Ich kann nicht fassen, dass du tot bist, Valerie“, flüsterte er. „Wie kann es sein, dass du stirbst? So oft hast du davon geredet, wie schön es wäre, endlich deinen Frieden zu finden und nun, als du gerade dein Leben anfingst zu leben, stirbst du.“ Seine Hand wanderte zu ihrer Wange, um sie zu liebkosen. „Du hast gesagt, du wirst immer da sein, wenn ich dich brauche. Jetzt brauche ich dich. Mehr als jemals zuvor. Bitte lass mich nicht allein“, murmelte er und sank auf den Stuhl, wobei sein Kopf auf ihrer Brust zur Ruhe kam. Verzweifelte Tränen versickerten im schwarzen Stoff ihres Kleides.

 

„Alles ist so still geworden ohne dich. Ich sitze abends herum und weiß nichts mit mir anzufangen. Immer wieder will ich an den Computer gehen und nachsehen, ob du nicht vielleicht doch da bist, dir von meinem Tag erzählen, von meinen Sorgen, dich fragen, wie es dir geht…“ Er richtete sich kurz auf und sah in das ausdruckslose Gesicht. „Du fehlst mir so“, flüsterte er.

 

Nachdenklich streichelte er ihren Handrücken. „Ich habe eine neue Frau kennen gelernt, Valerie. Du würdest sie mögen. Sie bringt mich oft zum Lachen und…“ Er sah sie an, in der aussichtlosen Hoffnung, sie würde seinen Blick erwidern. So interessiert wie früher. Aber sie regte sich nicht. „Du sagtest ich wäre frei, dürfte mich neu verlieben, aber Valerie… Engel… ich fühle mich, als würde ich dich verraten, wenn ich bei ihr bin. Ich weiß nicht, ob ich sie lieben oder mit ihr glücklich werden kann, aber… ich mag sie sehr.“

 

Er schwieg eine Zeit und sah sie an. Streichelte mit dem Daumen der einen Hand über den Rücken ihrer Hand, die noch immer in der seinen lag und mit der anderen streichelte er ihr Haar und ihre Wange.

„Weißt du noch, dass ich dir einmal erzählt habe, dass ich dir jeden Abend eine Gute Nacht wünsche, auch wenn du es gar nicht hören kannst? Ich tue es noch immer. Jede Nacht, wenn ich im Bett liege, denke ich an dich und wünsche dir eine gute Nacht.“

 

Schwerfällig erhob er sich. „Engelchen, sei mir nicht böse für das, was ich jetzt tue.“

 

Er nahm einen Bindfaden aus seiner Hosentasche, band eine ihrer Locken damit ab, holte eine Schere heraus und durchtrennte die Haarsträhne oberhalb des Bindfadens. Er nahm die Locke, steckte sie in die Zigarettenschachtel zur anderen und legte ihr Haar so hin, dass man es nicht bemerkte, dass eine Strähne fehlte.

 

„Ich will dir danken. Valerie. Für drei Jahre, in denen du an meiner Seite warst. Ich weiß, dass ich dein Herz gebrochen habe und ich bin dir so unendlich dankbar, dass du dennoch bei mir geblieben bist. Es tut mir Leid, dass ich mich in letzter Zeit so abweisend dir gegenüber verhalten hab, aber ich hoffe, du wusstest dennoch, dass du eine ganz besondere Person in meinem Leben warst und…“ Eine Träne fiel von seiner auf Valeries Wange. „Und dass du immer in meinem Herz einen Platz haben wirst. Wenn schon nicht als die Liebe meines Lebens, dann als meine kleine V.“ Er beugte sich zu ihr hinunter, küsste ihre Stirn, ihre Wange und ihre Lippen. „Ich werde dich nie vergessen, das verspreche ich dir.“

 

Schweren Herzens verließ er die kleine Kammer, nicht ohne sie noch einmal betrachtet zu haben. Draußen wartete ihr Vater.

 

„Man hat auch ihr Handgepäck gefunden und mit überführt. Ich denke, das hier hätte sie gewollt, dass Sie es bekommen.“ Er reichte ihm Valeries Portemonnaie. „Außerdem hat Valerie für den Fall der Fälle für ihre Freunde einige Zeilen niedergeschrieben, ehe sie ging.“ Er gab ihm auch noch einen schwarzen Umschlag, auf dem in matt silbern leuchtenden Buchstaben sein Name stand.

 

Erst im Hotel besah Damian sich Portemonnaie und Brief. In Valeries Geldbörse hatte er etwas gefunden, was ihn erneut dazu gebracht hatte, eine Träne zu vergießen. Sie hatte das einzige Foto von ihnen beiden darin. Es war vom Salzwasser angegriffen worden, aber man konnte deutlich sie und ihn erkennen, wie sie sich in den Armen hielten…

 

Sie hatte es stets aufbewahrt über all die Wochen und Monate hinweg. Sie hatte es oft angesehen, das sah man an den abgegriffenen Kanten des Fotos.

Früher hätte es ihn gestört, dass ihr Vater von ihrer ganz besonderen Beziehung erfahren hatte, mittlerweile war es unwichtig. Sie war tot.

 

Der Brief war kurz für Valeries Verhältnisse, aber die wenigen, sorgfältig geschriebenen und wohl durchdachten Zeilen schafften es, ihn voll Dankbarkeit weinen zu lassen.

 

Damian,

Ich liebe dich. Und wenn ich gestorben bin, dann darfst du dich nun offiziell als die Liebe meines Lebens bezeichnen. Ich danke dir für die Jahre, in denen ich dich mein zu Haus nennen durfte. In denen du dich um mich gesorgt hast und für mich da warst.

Ich weiß nicht, ob mein letzter Gedanke wirklich dir galt und ich hoffe, dass ich diesen Brief selbst zerreißen kann, sobald ich zurück in Deutschland bin, sodass du ihn nicht lesen wirst. Sollte dies aber nicht der Fall sein, mein Engel, dann leb dein Leben weiter. Ohne mich. Und ehe du wegen mir weinst, erinner dich daran, dass ich dich glücklich sehen wollte.

Du hast dich die letzten drei Jahre aufopferungsvoll um mich gekümmert, also bitte glaub mir, wenn ich dir sage, dass es jetzt vollkommen in Ordnung ist, wenn du dich neu verliebst, Damian. Ich würde mir wünschen, dass deine Augen noch mal voll Liebe aufstrahlen, wenn du eine Frau ansiehst. Bitte erfüll mir diesen Wunsch. Werde glücklich.

 

Im Herzen bin ich immer bei dir, mein Engel. Ich lasse dich nicht allein. Nie.

In Liebe

- Valerie

 

 

 

 

- Fin -