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Ein Mädchen steht auf einer Brücke und will sich nur von einem Menschen verabschieden.
 
komplett

 

Der Sprung

„Ich will mich verabschieden“, sagt sie leise in das Telefon. Am anderen Ende der Leitung herrscht Verwirrung, wer verabschiedet sich denn gleich zu Beginn eines Gesprächs?

„Was meinst du damit, Valerie?“

„Ich will gehen. Und du bist der einzige Mensch, von dem ich mich verabschieden will.“

 

Plötzlich ist er da: Der Gedankenblitz. Es folgt Angst.

 

„Wo bist du?“ Eine misstrauische Frage.

„An einem kalten Ort.“

Die Angst mischt sich bei der geflüsterten, monotonen Antwort mit Wut.

„Wo?“

„Auf einer Brücke.“

 

Er beißt die Zähne zusammen und schließt die Augen. Wie er es hasst, Recht zu haben. Er weiß nicht, was er sagen, tun oder lassen soll. Verwirrung und Verzweiflung gesellen sich in Sekundenschnelle zur Angst, während die Wut wächst.

„Lass diesen Mist.“ Ein Befehl. „Geh von dieser gefuckten Brücke runter.“ Gefolgt von einem zweiten.

„Nein“, antwortet sie erschreckend ruhig. Schlicht.

„Was willst du dort oben?“

„Ein Ende setzen.“

„Was willst du ein Ende setzen?“

„Dem Schmerz. Der Hoffnung. Dem Leben. Such dir was aus.“ Nie zuvor war ihre Stimme dermaßen gefühlskalt und dünn.

„Valerie, zum letzten Mal: Schwing deinen Hintern von dieser Brücke.“

 

Mittlerweile hat er sein Zimmer und das Haus verlassen, streift hektisch im Garten umher. Ist jetzt unterm schwarzen Sternenhimmel, genau wie sie.

 

„Nein, Damian.“ Wo sind ihre Gefühle hin?

„LOS!“ Nie zuvor hat er sie angeschrieen.

„Nein.“ Nicht einmal jetzt zeigt sie eine Reaktion. Kein Trotz, keine Angst, rein gar nichts. Das macht ihm Angst. Irgendetwas sagt ihm, dass sie es ernst meint. Es ist keine Show, dafür kennt er sie einfach zu gut, auch wenn sie das Drama liebt; damit würde sie niemals scherzen. Er atmet tief durch.

„Lass uns darüber reden, ja? Es gibt bestimmt eine andere Lösung.“

„Nein.“

„Hör zu, es tut mir leid, dass ich so grob war und dich angeschrieen hab, Kleines. Aber es ist jetzt viel wichtiger, dass du von dieser Brücke runter gehst und in Ruhe mit mir redest, ja?“

„Nein.“

„Auf welcher Brücke bist du?“

„Stadtgrabenbrücke in Roksheim.“

 

Fast fünfundsiebzig Meter freier Fall hinunter auf den Spaziergängerweg aus Asphalt im Stadtgraben – und das über fünfhundert Kilometer entfernt.

Verdammt.

 

„Wieso willst du nicht reden?“ Zeitschinden steht im Vordergrund. Nur nichts Falsches sagen.

„Es gibt nichts mehr zu sagen.“

 

Während er im Garten auf und ab tigert, sieht sie in die, von der Nacht verschluckte, Ferne. Ihr Blick ist ausdruckslos und auf ihren Armen hat sich eine Gänsehaut gebildet, weil sie so sehr friert. Mit einer Hand hält sie sich am Brückengeländer hinter ihrem Rücken fest, schmiegt sich eng daran. Sie will schließlich springen, nicht fallen. Nicht einmal mehr das Zittern erlaubt sie ihrem frierenden Körper, weil sie Angst hat, das sie sonst fallen könnte. In der anderen, der freien, Hand, mit der sie sich nicht festklammert, hält sie das Handy an ihr Ohr.

 

„Doch, natürlich gibt es noch etwas zu sagen.“

„Und das wäre?“

„Wieso tust du das?“

„Weil ich es nicht aushalte, immer wieder aufs Neue grundlos Schmerz zugefügt zu bekommen. Weil ich es nicht ertrage, immer wieder und wieder meine Hoffnung sterben zu sehen. Dafür habe ich nicht genug Kraft.“

„Sag das nicht, Valerie, du bist stark.“

„Nicht stark genug.“

„Das ist nicht wahr.“ Verzweiflung überflutet all seine Sinne.

„Doch, natürlich ist es wahr.“

„Wie bist du dann bisher zu Recht gekommen?“ Er muss es verhindern. Um jeden Preis.

„Ich weiß nicht“ Da ist soviel Gleichgültigkeit in ihrer Stimme. „Immer wenn ich kurz vorm Zusammenbruch war, war da jemand… Aber das ist jetzt anders. Da ist niemand mehr.“ Eine Träne bahnt sich den einsamen Weg über ihre Wange. Augenblicklich friert sie an der Stelle, die von der Träne benässt wird.

 

Er schweigt. Auch er hat sie verlassen, sie aus seinem Leben verbannt und nun ist sie allein; allein auf einer Brücke – und er kann nicht abstreiten, dass er sich selbst eine gewisse Schuld daran gibt.

 

„Ich wollte mich verabschieden. Mich bedanken. Du warst der einzige Mensch, der mich wie ein menschliches Wesen behandelt hat. Dafür will ich dir danken. Ich will dir noch mal sagen, dass ich dich liebe und dir versichern, dass ich das hier nicht tue, weil du meine Liebe nicht erwiderst, sondern weil ich es nicht mehr aushalte. Weil die Welt für mich unerträglich geworden ist. Ich wollte vielleicht einfach, dass sich jemand an mich erinnern wird.“

 

Eine kurze Pause entsteht, weil sie ihre Tränen niederkämpfen muss, in der er überdeutlich das Heulen des klirrend kalten Windes vernehmen kann.

 

„Vielleicht wollte ich auch einfach nicht allein sein, wenn ich sterbe.“

 

Ihre Stimme ist so kalt und emotionslos, und dennoch ist das leise Flüstern so verzweifelt, dass die Hilflosigkeit ob der Situation, in der er sich befindet, ihn im wahrsten Sinne des Wortes in die Knie zwingt.

 

„Valerie, ich bitte dich, denk noch mal darüber nach, ja?“

„Ich liebe dich, Damian. Du bist der beste Mensch, den ich kenne. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden. Und bitte tu mir einen Gefallen… Werd glücklich.“ Zum ersten Mal in diesem Gespräch schwingen nun deutlich Gefühle in ihrer Stimme mit. „Ich habe Angst, Damian, so große Angst.“

 

Dann springt sie. Valerie tut es genau so, wie sie es tausende Male zuvor in ihrem Kopf durchgespielt hat: Kraftvoll springt sie ab und mit dem Kopf voraus geht sie in den freien Fall über – der Freiheit entgegen.

Alles, was er am anderen Ende der Telefonleitung hören kann, ist das Rauschen des Windes, dann ein Krachen. Stille. Die Verbindung ist unterbrochen. Fassungslos starrt er auf sein Handy. Ein dicker, grauer Nebel legt sich über sein Bewusstsein und verdrängt jeden klaren oder unklaren Gedanken. Langsam, ganz langsam, wie in Zeitlupe wird das Grau dunkler und er sieht und fühlt nicht einmal mehr das nasse Gras, auf dem er kniet, da ist nichts anderes als Schwärze und Leere. Jetzt ahnt er, wie sie sich gefühlt hat: Mit einem unvorstellbaren und unausweichlichen Schmerz alleingelassen.

 

Und währenddessen läuft ihr Blut über den asphaltierten Weg für fröhliche, drahtige Rentnerehepaare und Familien, verklebt ihre Haare und durchtränkt ihre Kleidung. Ihre Schädeldecke ist komplett zertrümmert und ihr Gesicht vollkommen entstellt und nicht wieder zu erkennen. Sie ist sofort beim Aufprall gestorben. Bis auf die, sie durchflutende, Angst beim Fall, die ihr Herz in einem stählernen Griff gehalten hatte, den Wind, der sie schon immer umgab und die grenzenlose Freiheit hat sie nichts mehr gespürt. Denn es gilt die Regel: Je schmerzvoller das Leben, desto schmerzfreier der Tod.

 

 

- Fin -

 

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