Freitag
 

Autor: Elfenwesen
Inhalt: Für Valerie hatte der Freitag schon immer eine besondere Bedeutung.
Altersfreigabe: alle Altersklassen
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Valerie/Richard


 

Freitag war der große Aufräumtag. Alle Häuser, die man von Montag bis Donnerstag auf die Fensterbank stellte, wurden nun abgerissen und in ihre Einzelteile zerlegt, nur um danach ziemlich unordentlich in große Pappschachteln verstaut zu werden.

Jeder versuchte, freitags so früh wie möglich da zu sein. Es wurde nämlich nicht nur aufgeräumt. Nein, Freitag war gleichzeitig der Tag, an dem das wertvollste Gut der Woche neu verteilt wurde, wer es sich schnell genug schnappte, durfte es eine ganze Woche lang in Anspruch nehmen. Es war ein begehrter Schatz. Und Richard eroberte diesen Schatz so oft er konnte für Valerie.

Richard war blond und hatte helle Augen, sein Gesicht war rund und lief schnell rot an. Das sah zwar lustig aus, aber Valerie mochte es nicht. Aber Richard mochte sie. Er war immer lieb zu ihr, obwohl er älter war.

Valeries Augen waren braun und ihre Haare hatten einen Ton zwischen hellbraun und dunkelblond und waren immer zu schönen Zöpfen gebunden oder geflochten und sie trug immer bunte Haarbänder. Sie hatte eine süße kleine Stupsnase und sprach sehr, sehr selten, weil sie so schüchtern war. Sie hatte nicht viele Freunde, deswegen freute sie sich umso mehr, wenn Richard den Schatz für sie bereit hielt, wenn sie am Freitagmorgen kam.

Der Schatz, das waren vier blaue, kleine Matratzen, die in der Ecke direkt neben der dunklen Tür und direkt gegenüber von der kleinen Küche lagen. Daraus konnte man sich eine Höhle bauen, oder eine Couch, ganz so, wie man wollte. Und nur wenn man es erlaubte, durften die anderen Kinder damit spielen. Und erst am nächsten Freitag musste man den Schatz wieder frei geben.

Manchmal, aber das war selten, hatten sie und Richard den Schatz sogar zwei Wochen in Folge.

Wenn sie den Schatz hatten, dann ließen sie oft andere Kinder damit spielen, aber oft saßen sie auch nur zu zweit in der Höhle und dann umarmte Richard sie oder sie kuschelten sich aneinander oder hielten sich an der Hand. Richards Hände waren immer sehr warm und etwas feucht.

Einmal, da standen alle Kinder paarweise hintereinander vor der Tür und hielten sich an den Händen. Richard hielt Valerie an der Hand, als er sich zu ihr drehte und sie ansah.

„Willst du mich heiraten, wenn wir groß sind?“, fragte er sie.

Valerie dachte einen Moment nach, horchte in sich hinein.

„Nein“, gab sie zurück, ohne genau zu wissen, warum. Und es tat ihr leid.

~*~



Wieder waren sie in einer Gruppe, als Valerie Richard das nächste Mal sah. Es waren mehr als zehn Jahre vergangen. Ohne seinen Namen gehört zu haben, erkannte sie ihn.

Richard war schlank geworden. Aber er war noch blond. Er hatte immer noch helle Augen. Er war immer noch ein Jahr älter als sie. Heute war er nicht mehr nur nett, heute war er gutaussehend.

Zwangsläufig fragte Valerie sich, ob er sich wohl noch an sie erinnerte.

~*~

Zwei Jahre waren vergangen. Sie sahen sich öfter, begegneten sich im Bus, sprachen gleichzeitig mit einem gemeinsamen Freund, aber nie wechselten sie ein Wort.

Und dann, es war ein Freitag, hatte sie den dreizehn Uhr Bus genommen. Von der Bushaltestelle lief sie zur Ampel, drückte den Taster. Richard war ebenfalls in dem Bus gewesen und stellte sich nun neben sie.

Wie so oft dachte sie zurück, an seine warmen Hände, sein rotes Gesicht, seine Liebenswürdigkeit, seine Frage. Sie überlegte, ob er sie erkannte, ob er sich erinnerte. Sie bereute ihre Antwort, auch wenn sie heute den Grund dafür kannte.

Sie schrak aus ihren Gedanken hoch, als er sich zu ihr drehte und sie ansah. Als er sie strahlend anlächelte und sie grüßte: „Hi!“

Die Sonne schien, seine blonden Haare strahlten genauso wie seine Augen.

Es verwirrte sie, aber es dauerte nicht lang, bis sie ihn ebenfalls mit einem strahlenden Lächeln und einem fröhlichem: „Hi!“, grüßte.

Dann herrschte Stille zwischen ihnen. Sie sahen auf die Ampel, die auf Grün umsprang. Setzten ihre Füße in Bewegung. Sie kreuzte seinen Weg, weil er in die entgegengesetzte Richtung musste.

Und noch bevor sie den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite erreicht hatte, sagte er: „Schönes Wochenende!“

Seine Stimme war fröhlich. Sie sah über ihre Schulter. Er strahlte sie wieder an. Wieder hatte er sie überrascht.

„Danke, gleichfalls“, gab sie mit einem ebenso fröhlichem Ton und einem weiteren Lächeln zurück.

Der Tag, den sie bisher nicht wirklich gemocht hatte, erschien ihr auf einmal viel freundlicher. Und das Lächeln verschwand nicht sofort von ihren Lippen.


 

~ Fin ~