Inhalt: Jeden Morgen sitzt Valerie neben einem schönen Fremden im Zug. Sie traut sich wochenlang nicht, ihn anzusprechen, bis eines Tages das Zugfenster beschlägt…

Altersfreigabe: Frei für alle, ausnahmsweise mal *g*

Genre: Non-Fanfiction/Romanze

Disclaimer: Das hier verwendete Zitat stammt aus dem Song „Bonnie & Clyde“ von den Toten Hosen (*verehr*)

Jegliche Parallele zur Fanfiction "Between the Lines" von Fiona.Finlay ist Zufall. Wer die Story liest, wird merken, dass es nur entfernt dieselbe Thematik behandelt und zudem gab besagte Autorin ihre Zustimmung zur Veröffentlichung dieser Story.
 

Widmung: Gewidmet ist diese Story sowohl dem realen Pärchen Bonnie Parker & Clyde Barrow (zu sehen links auf dem Storypic), als auch „meinem“ Clyde.

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Am Provinzbahnhof Rocksheim wurde es laut, als um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten der Regionalexpress auf Gleis sieben einfuhr – wie jeden Morgen. Dicke Schneeflocken fielen beinahe wie in Zeitlupe vom Himmel, während die Menschen vom Bahnsteig in den Zug einstiegen. In den allerletzten Waggon stieg Valerie ein.

Über ein Jahr lang fuhr sie mit diesem Zug. Jeden Morgen zwei Stunden zum Studium hin und jeden Abend zwei Stunden zurück. Abends konnte sie lernen oder einen Teil ihrer Hausarbeiten erledigen, aber morgens war es, gerade jetzt im Dezember, zu dunkel dafür, weswegen Valerie dazu übergegangen war, im Zug noch einmal zu schlafen, oder Musik zu hören.

Seit einigen Monaten saß sie nun immer morgens neben einem schlafenden Mann, der vielleicht zwei, höchstens drei Jahre älter war, als sie selbst. Sie hatte ihn schon früher am Bahnhof ihrer Studienstadt gesehen – im wachen Zustand -, und genoss es nun, neben ihm zu sitzen und ihn im gedämpften Licht der Zuginnenbeleuchtung zu betrachten.

Vom ersten Moment an, in dem sie ihn gesehen hatte, war sie von ihm fasziniert gewesen. Als sie ihn dann einige Wochen später zum ersten Mal im morgendlichen Zug gesehen hatte, hatte sie sich sofort auf den freien Platz neben ihn gesetzt und seit diesem Tag saß Valerie jeden Morgen auf ein und demselben Sitz, neben dem schlafenden, jungen Mann im letzten Waggon.

So natürlich auch heute. Sie legte ihre Umhängetasche und ihren schwarzen, knielangen Baumwollmantel in das Ablagefach für das Handgepäck, ehe sie sich auf den freien Platz neben den schlafenden Fremden setzte.

Der Zug war schon vor einer Minute ruckend angefahren und donnerte nun durch die Nacht. Sie waren auf Grund des Schneefalls heute allerdings langsamer als sonst, weswegen Valerie auch mit einer Verspätung von etwa einer halben Stunde rechnete, aber das war okay. Sie kam dienstags ohnehin immer vierzig Minuten vor ihrer ersten Vorlesung am Hauptbahnhof an und wenn sie sich beeilte, dann könnte sie durchaus innerhalb von fünf Minuten auf dem Campus sein.

Valerie ließ sich tiefer in den Sitz sinken und entspannte sich erst, als sie die Ohrstöpsel ihres MP3-Players in den Ohren hatte und die ersten Töne der Musik durch ihr Bewusstsein schwebten. Langsam ließ sie zu, dass ihre Blicke zu ihrem Sitznachbarn hinüber schweiften.

Sie kannte seine Gesichtszüge mehr als nur in und auswendig, prägte sie sich aber dennoch jeden Tag aufs Neue ein. Er hatte hellbraunes Haar, genau wie Valerie, nur eine Idee dunkler. Sie waren so lang, dass sie leicht gelockt in seine Stirn fielen. Auch wenn er keinen Bart trug, konnte man dennoch deutlich die sprießenden Bartstoppeln sehen. Seine Haut wirkte ansonsten aber weich und nur zu gern hätte Valerie sie einmal unter ihren Fingern gespürt.

Bei seiner Augenfarbe war sie sich nicht ganz sicher, schließlich hatte sie ihn bisher nur selten mit offenen Augen gesehen, aber es musste eine Mischung aus Hellgrün und einem dezenten Braunton sein. Es passte sehr gut zu seiner angenehm braunen Haut, nicht unnatürlich, aber dennoch recht dunkel für diese Jahreszeit. Unauffällige Nase, nicht besonders krumm, nicht sonderlich lang, so, wie Valerie es gern hatte. Allgemein entsprach er ihrem Idealbild von einem Mann, vor allem seine langen Haare, die sie auf etwa fünfzehn Zentimeter Länge schätzte, hatten es Valerie angetan.

Sie seufzte, als sie ihren Blick weiter schweifen ließ, hinaus in die Dunkelheit, die an ihrem Fenster vorbei zog. Wieder einmal stieg der Drang in ihr auf, ihren Sitznachbarn zu berühren, ihn, schlafen wie er war, in ihre Arme zu ziehen oder ihren Kopf auf seine Schulter zu legen und sich an den warmen Körper zu kuscheln. Zeitweise musste Valerie sich wirklich zusammenreißen, damit sie ihn nicht berührte.

Nicht einmal eine kleine Berührung traute sie sich, aus Angst, er könnte davon aufwachen. Das kam allerdings daher, dass er, wenn sie sich morgens neben ihn setzte, in seinem Schlaf schon immer etwas unruhig wurde, weil ihre Oberschenkel sich auf Grund der schmalen Sitzbänke berührten.

Sie wagte nicht einmal, ihn länger als ein paar Sekunden anzusehen, weil sie Angst davor hatte, dass einer seiner Freunde, die sie von ihren wenigen Begegnungen am Hauptbahnhof her kannte, es bemerken und ihm erzählen könnte, denn Valerie hatte oftmals das Gefühl, beobachtet zu werden.

Nur mühsam riss sie nun ihre Gedanken von dem Mann neben ihr los und zerbrach sich stattdessen den Kopf darüber, ob sie am Wochenende ihre Großmutter besuchen sollte. Gestern hatte nämlich eben diese angerufen und gefragt, ob Valerie nicht Lust hätte, am Adventssonntag zum Mittagessen und anschließendem Tee mit Weihnachtsplätzchen vorbei zu kommen, sie würde ihre Enkelin so sehr vermissen.

Ja, vermutlich würde sie zusagen, denn ihr würde eine dampfende Mahlzeit, die nicht fünf Minuten vorher noch aus Pulver bestanden hatte, wieder einmal sehr gut tun. Und mit diesem Gedanken fielen auch ihre Augen zu und sie schlief ein.

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Es lief gerade „ihr Lied“ auf ihrem MP3-Player, als sie wieder aufwachte. Das Lied, nach dem sie dem schlafenden Mann neben sich einen Namen gegeben hatte. Es war der Song „Bonnie & Clyde“ von den Toten Hosen, die sie von Kindesbeinen auf geliebt hatte und von denen sie wusste, dass auch er sie hörte, denn im Herbst hatte er oft eine Kapuzenjacke mit dem Emblem der Band auf der linken Brustseite und dem Rücken getragen.

Sein Name leitete sich von den Anfangszeilen des Songs ab:

Wir sind uns vorher nie begegnet,
doch ich hab dich schon lang vermisst.
Auch wenn ich dich zum ersten Mal hier treff,
ich wusste immer wie du aussiehst.
Mit dir will ich die Pferde stehln,
die uns im Wege sind.
Ich geh mir dir durch dick und dünn
bis an das Ende dieser Welt.

Leg deinen Kopf an meine Schulter,
es ist schön, ihn da zu spürn,
und wir spielen Bonnie und Clyde.
 

Deswegen nannte sie ihren schlafenden Sitznachbarn in ihren Gedanken, oder wenn sie mit jemandem über ihn sprach, seit fast einem halben Jahr Clyde. Und das erstere, das an ihn denken, kam, zumindest für Valeries Geschmack, in letzter Zeit beunruhigend oft vor.

Meistens endeten ihre Vorwürfe gegen sich selbst damit, dass sie begann, sich selbst zu verteidigen. In ihrem Leben ginge zurzeit doch alles drunter und drüber, da sei sein Anblick doch eines der wenigen Dinge, die in ihrem Leben noch Bestand hätten – was sogar der Wahrheit entsprach. Dann kam immer, was kommen musste: Die Frage, weshalb sie ihn denn dann nicht ansprach.

Und auch hierfür hatte sie stets eine Erklärung: Was, wenn er schon eine Freundin hatte? Was, wenn sie sich total blamieren würde? Wenn er kein Interesse hätte? Wenn er ganz anders war, als sie sich ihn vorstellte? Wenn er sie nicht mochte?

Nein, sie würde sich dieses kleine, tägliche Balsam für ihre Seele nicht selbst nehmen, das stand fest. 

„In wenigen Minuten erreichen wir den Hauptbahnhof. Bitte steigen Sie alle aus. Der Zug endet dort“, verkündete eine weibliche Computerstimme aus den Lautsprechern. So wie es Valerie erwartet hatte, kam der Zug mit über zwanzig Minuten Verspätung an. Doch trotz der recht lauten Durchsage wachte Clyde neben ihr nicht auf. Das war immer so.

Erst wenn sie in den Hauptbahnhof einfuhren, die Bremsen ohrenbetäubend quietschten und der Zug schließlich zum Stehen kam, wachte Clyde auf, setzte sich in seinem Sitz auf, streckte sich ein wenig und sah dann aus dem – heute total beschlagenen – Fenster. 

Während sie mit einem Lächeln an das kleine Ritual dachte, stahl sich plötzlich eine Idee in ihre Gedankengänge ein: Sie war vielleicht nicht fähig, Clyde anzusprechen, dafür konnte sie ihn aber auf eine andere Art „auf sich aufmerksam“ machen.

Ohne auch nur eine weitere Sekunde darüber nachzudenken, beugte Valerie sich nun über Clydes Körper, stets darauf bedacht, ihn nicht zu berühren, damit er nur nicht aufwachte und malte mit einem Finger ein Herz auf die beschlagene Scheibe.

Die Bremsen begannen bereits zu quietschen und nur weil schon so viele Leute auf dem Gang in Richtung der Türen drängten, konnten Clydes Freunde ihre Aktion nicht beobachten. Nachdem Valerie ihr „Werk“ vollbracht hatte, stand auch sie hastig auf, zog sich ihren Mantel an und griff nach ihrer Tasche, ehe sie sich in den Menschenstrom in Richtung Tür begab. Doch bevor sie hinaus auf den Bahnsteig trat, sah sie zu dem Sitz, in dem Clyde gerade begann aufzuwachen. Sie lächelte und verließ dann den Zug.

 

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Völlig außer Atem stieg Valerie am nächsten Tag als letzte in den letzten Waggon des Zuges. Sie hatte verschlafen, weswegen sie den ganzen Weg zum Bahnhof gerannt und dabei dreimal auf dem vereisten Gehweg ausgerutscht und hingefallen war. Ihre Hüfte und ihr Ellbogen schmerzten von den Stürzen und ihre Lunge fühlte sich wegen der schneidend kalten Luft an als würde sie Nadeln einatmen. Kaum war sie eingestiegen, fuhr der Zug auch schon los.

Nur langsam wankte Valerie den Gang entlang, wobei sie sich an den Kopfteilen der Sitze festhielt, bis sie an ihrem Stammplatz angekommen war. Sie verfrachtete in Nullkommanichts ihre Tasche in das Handgepäckfach und hatte gleich darauf auch ihren Mantel hinein gelegt.
Erschöpft ließ sie sich in den Sitz fallen. Am liebsten hätte sie ihren Kopf an Clydes Schulter gelehnt und wäre neben ihm eingeschlafen, doch stattdessen starrte sie den Sitz vor sich an und begann tief durchzuatmen, um ihren Puls wieder auf eine vertretbare Frequenz zu senken. Noch immer floss das Adrenalin durch ihre Adern und das Atmen bereitete ihr noch immer Schmerzen.

Sie brauchte eine paar Minuten, um sich zu beruhigen. Als sie dann ihren Blick von der Rückenlehne vor sich abwandte und ihn hin zu Clyde schweifen ließ, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie entspannte sich ein klein wenig mehr.
Eine Sekunde länger als gewöhnlich gönnte sie sich heute den friedlichen Anblick seiner Gestalt. Es war schön, ihn anzusehen und tat ihr auf eine, ihr selbst unerklärlichen, Art und Weise gut. Aber Dennoch nahm sie nun den Blick von Clyde und wanderte mit den Augen weiter, bis sie am Fenster ankam.

Ihre Augen weiteten sich und ihr war, als ob ihr Herzschlag für eine Sekunde aussetzte.

Er hatte ihr Herz gestern gesehen, denn heute war ein Fragezeichen an die beschlagene Scheibe neben Clyde gemalt.

Nach dem ersten Erstaunen breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Er hatte es gesehen! Aus welchem Grund auch immer, machte diese kleine Tatsache es möglich, dass die Schmerzen schneller abklangen.

Heute schlief Valerie nicht im Zug. Die ganze restliche Fahrt dachte sie darüber nach, was sie „antworten“ könnte. Als sie dann im Hauptbahnhof einfuhren, hatte Valerie sich immer noch nicht entscheiden können, doch als der Gang gefüllt war mit Menschen, ergriff eine leichte Panik Besitz von ihr. Was sollte sie nur schreiben? Kurzentschlossen schrieb sie das Kürzeste – und ihrer Meinung nach auch das einfallsloseste -, was ihr in den Sinn gekommen war.

Ein großes I, ein Herz und ein großes U. I love you.

Kaum hatte sie das U vollendet, stand sie hektisch auf, packte ihre Jacke und ihre Tasche und war, heute ohne einen letzten Blick auf Clyde zu werfen, schon aus der Tür hinaus, ehe eben dieser aufwachte.
Gott, was hatte sie sich nur dabei gedacht?


 

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„Was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?“, schimpfte sie leise mit sich selbst, während sie am nächsten Morgen zum Rocksheimer Bahnhof ging. In der vergangenen Nacht war sie lange wach gelegen und hatte über Clyde und ihre „Antwort“ nachgegrübelt. Sie machte sich unheimliche Sorgen deswegen. Was, wenn er heute wach wäre und sie zur Rede stellen würde? Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrt gemacht, aber das ging ja leider nicht.

Doch ihre Sorgen wurden bald zerstreut, als sie Clyde, schlafend wie immer, auf seinem Stammplatz sitzen sah. Dennoch hatte sie Angst vor dem, was er auf der Scheibe geschrieben haben mochte, weswegen sie sich selbst zwang, erst ihre Tasche und ihren Mantel in das Fach über den Sitzplätzen zu legen.
Sie setzte sich, nahm ihren MP3-Player heraus und wählte ein langsames Lied, damit sie sich etwas beruhigen konnte. Nichts wäre jetzt tödlicher gewesen als ein schneller Titel.

Erst nachdem Valerie auf dem Display ablesen konnte, dass der Song schon über eine Minute gespielt wurde, erlaubte sie sich selbst, ihren Blick zu der Scheibe wandern zu lassen.

Und tatsächlich stand dort etwas, nämlich ein großes Y mit einem weiteren Fragezeichen dahinter. Da Valerie Englisch studierte, war ihr natürlich bewusst, dass auch er im Englischen schrieb und mit dem Y auf das englische Wort „Why“ anspielte, welches im Englischen dieselbe Aussprache hatte, wie der Buchstabe Y und mit einem schlichten „Warum?“ ins Deutsche übersetzt werden konnte.

Wie auch schon am Tag zuvor, ließ Valerie sich mit ihrer Antwort Zeit, auch wenn sie heute nicht lange überlegen musste. Die Antwort war ihr sofort und spontan eingefallen, nachdem sie seine Zeile gelesen hatte. Anstatt der Hektik des letzten Tages, genoss sie heute das Bauchkribbeln und ließ sich zu einem kleinen Nickerchen hinreißen.
Schließlich malte sie, wie immer genau dann, wenn sie im Hauptbahnhof einfuhren, etwas an die Scheibe.

„’Cuz U R cute.“ Weil du süß bist.

 

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So ging es tagelang weiter. Jeden Morgen, wenn Valerie in den Zug einstieg, war da eine Nachricht für sie an die Scheibe gemalt, sie gab kurz vor dem Ausstieg eine Antwort und am nächsten Tag ging der Dialog weiter. Es war eine lustige Art, ein verstümmeltes Gespräch zu führen und es machte Valerie ungeheuren Spaß.

(Das ist alles?)
(NEIN!)
 


 

(Was noch?)
(Wir mögen dieselbe Musik)
 


(Die Toten Hosen?)
(Yeah! Die sind Spitze!)

 

(Willst du dich mit mir treffen? Mit mir reden?)
(Ich bin zu schüchtern)

 

(Wie alt bist du?)
(20. Und du?)

 

(22)
(Klingt gut)

 

(Warum?)
(Weil ich dich mag.)
 

Und dann, zehn Zugfahrten nach Valeries erster Nachricht, am elften Tag, stieg sie ein, mit einem fröhlichen Glanz in den Augen und dem Hauch eines zufriedenen Lächelns auf ihren Lippen.
Sie führte ihr zur Routine gewordenes Ritual durch. Erst zog sie die Handschuhe aus, stopfte sie in ihre Taschen, genau wie ihren Schal, dann legte sie ihre Tasche mitsamt Mantel in das dafür vorgesehene Ablagefach, schaltete den MP3-Player ein, setzte sich und sah dann erst nach ein wenig Zeit hin zu dem Fenster, auf dem sie ihre Nachrichten schrieben.

Doch heute stand dort nichts. Etwas verwirrt suchte Valerie mit ihrem Blick das Fenster ab, fand aber nicht die geringste Spur einer Nachricht. Ein Hauch von Hysterie und Sorge ergriff sie. Saß sie überhaupt am richtigen Platz? Hektisch sah sie sich im Waggon um.
Fünf Schritte entfernt war die Tür, zwei Sitze schräg gegenüber saß der immer schnarchende Mann mit Vollbart und die Entfernung zu der digitalen Tafel, die den nächsten Halt anzeigte, hatte sich auch nicht verändert.
Wenn sie am richtigen Platz saß, war es dann vielleicht einfach nicht Clyde, der neben ihr saß? Vielleicht war er ja krank…

Sie wandte ihren Kopf zur Seite und hielt beinahe schon entsetzt den Atem an, als sie bemerkte, dass sie wohl doch neben Clyde saß. Einem ungewohnt wachen Clyde.

Seine Hand wanderte zu ihrer, die den MP3-Player umschlossen hielt. Er drückte auf den Pausenknopf, wobei sich ihre Finger leicht berührten.

„Für mich warst du bisher immer Bonnie, aber ich bin mir sicher, dass du in Wirklichkeit anders heißt. Verrätst du mir deinen Namen?“, fragte er sie mit einer sanften Stimme, die tiefer war als Valerie geglaubt hätte. Aber angenehm. Dennoch brachte sie kein Wort heraus.
„Du kennst doch den Song „Bonnie & Clyde“ von den Hosen, oder?“ Er grinste, während er nachfragte.
„Natürlich“, brachte sie dann doch zu Stande. „Für mich warst du auch immer Clyde.“
„Zwei Dumme, ein Gedanke“, feixte er. „Und wie ist nun dein richtiger Name, meine Bonnie?“
„Valerie Lilienthal. Und deiner?“
„Sébastian.“ Er reichte ihr seine Hand zum Händedruck. „Sébastian Rosenberg.“

Und ohne genau zu wissen, wie es dazu kam, verflochten sich Sébastians Finger mit denen Valeries, ihr Kopf sackte irgendwann auf seine Schulter und beide schliefen nebeneinander ein, während draußen wieder einmal dicke Schneeflocken vom Himmel fielen.


 

Fin
 

 

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