
Pic von Cloegirl
Sequel zu „Auch auf die dunkelste Nacht folgt
wieder ein Tag“
Ohne die ganze Vorgeschichte macht diese Story allerdings wenig Sinn, darum
müsst ihr euch schon die Mühe machen, vorher den ersten Teil zu lesen.
Autor: cocopelli
Rating: P18
Genre: Romanze, Drama, Humor (hört sich etwas seltsam an, ich weiß)
Warnungen: Het, H/C, teilweise ernste Themen, Erwähnung von Rape (m/m,
nicht explizit, don’t like, don’t read), Fluff
Disclaimer: Alles erfunden, alles meins (besonders Chris und Charlie, die
geb ich immer noch nicht her)
Inhaltsangabe: Chris und Alexandra sind nun wirklich ein Paar. Aber
anstatt dass sie ungestört ihre Liebe und ihre Zweisamkeit genießen können,
geschieht etwas, dass ihre Welt völlig auf den Kopf stellt.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel
21 Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27 Kapitel
28 Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel
47 Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel
57
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Kapitel 1
„Chris? Chris, bist du fertig?“
Ungeduldig starrte Alexandra die Treppe hoch, als könnte sie durch schiere
Willenskraft ihren Freund dazu bringen, auf magische Art und Weise zu
erscheinen. Er war vor einer halben Stunde völlig verschwitzt und zerzaust von
einem Spaziergang mit Charlie zurückgekehrt. Der Hund hatte auch nicht viel
besser ausgesehen und während Chris schleunigst unter der Dusche verschwunden
war, hatte Alexandra zwanzig Minuten damit verbracht, ihrem Hund einen halben
Wald aus dem Fell zu kämmen. Nichts Ungewöhnliches, aber für heute Abend waren
sie bei Mary Jo zum Essen eingeladen. Und Mary Jo legte bei ihren Gästen Wert
auf Pünktlichkeit.
Oben klappte eine Tür und dann erklangen Schritte im Hausflur. Gleich darauf
erschien Chris auf der Treppe. Er trug eine enge schwarze Jeans und eines seiner
langärmligen schwarzen Oberteile. Die Haare hatte er sich trocken gefönt, nur
ein paar feuchte, schwarze Strähnen hingen ihm noch ins Gesicht.
Alexandra vergaß einen Moment lang ihre Ungeduld und fragte sich, ob Mary Jo
wohl sehr wütend wäre, wenn sie die Verabredung im letzten Moment absagen würde.
Energisch rief sie sich zur Ordnung. Ihre Freundin WÄRE wütend. Also musste sie
gewisse erotische Vorstellungen wohl oder übel für ein paar Stunden aus ihren
Gedanken verbannen.
„Was hast du denn so lange getrieben?“ fragte sie, um sich abzulenken.
Chris kam die Treppe herunter und griff an ihr vorbei nach seiner Jacke, die an
der Garderobe hing.
„Ich hab den Klamottenberg aufgeräumt, der auf dem Bett lag, weil ich da drin
heut Nacht schlafen will. Konntest du dich nicht entscheiden, was du für Mary Jo
anziehen willst?“ erkundigte er sich mit etwas mehr als nur einem Hauch von
Ironie in seiner Stimme.
Alexandra presste die Lippen zusammen. Chris hatte es geschafft, ihre
ungebetenen Phantasien in den Hintergrund treten zu lassen.
„So ähnlich“, murmelte sie.
Ähnlich war gut gesagt. Alexandra hatte nacheinander fünf Hosen, die sie schon
eine Weile nicht getragen hatte, anprobiert und festgestellt, dass sie ihr etwas
zu eng geworden waren. Normalerweise regte sie sich nicht so darüber auf, da sie
ein paar Kilo zuviel immer schnell wieder weg hatte, aber heute hatte es sie
frustriert. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie sich schon die ganze Woche auf
das Essen bei Mary Jo gefreut hatte und sie sich nun zähneknirschend
Zurückhaltung auferlegen musste, während Chris sich bestens gelaunt
vollschaufelte.
„Ach ja?“
Mit schräg geneigtem Kopf sah Chris sie an. Seine Augen glitzerten belustig.
„Ach, sei still“, grollte Alexandra und boxte ihn in den Arm. „Die haben nicht
gepasst, wenn es dich so brennend interessiert. Und du bist schuld daran.“
„Ich? Wenn du mich jetzt beschuldigen willst, ich hätte zufälligerweise mal die
Waschmaschine angeschalten und genau die Hosen zu heiß gewaschen…“, Chris ließ
den Satz unvollendet und grinste sie an.
Alexandra schnaubte. Chris hatte ein absolutes Verbot, auch nur in die Nähe der
Waschmaschine zu kommen, nachdem er einmal einige Paare schwarzer Socken zu
ihren blütenweißen Praxishandtüchern gesteckt hatte.
„Du bist schuld, weil ich wegen dir mehr esse“, erklärte sie.
Im Prinzip war das die Wahrheit. Wegen Chris kochte sie mehr und vor allem
regelmäßiger als früher und versuchte, sich grundsätzlich mit ihm an den Tisch
zu setzen und mit ihm zu essen. Eigentlich war es abzusehen gewesen, dass sich
ihr geändertes Essverhalten irgendwann irgendwo niederschlagen würde.
Chris zog die Augenbrauen hoch.
„Du gehst doch jetzt nicht etwa auf `nen Diättrip?“ frage er ahnungsvoll.
Er machte dabei einen so verschreckten Eindruck, dass Alexandra trotz ihrer
schlechten Laune lachen musste. Wahrscheinlich sah er schon Berge von Salat und
Gemüse auf sich zukommen.
„Ein wenig vielleicht“, gab sie zu. „Aber keine Angst, du musst da nicht
mitmachen. Ich bin ja froh, dass ich dich endlich ein wenig herausgefüttert
habe.“
Damit piekte sie ihn mit dem Zeigfinger in seinen flachen Bauch.
„Aua“. Chris wich zurück. „Ich glaub, wir gehen jetzt lieber, bevor du hier noch
wirklich anfängst, mich zu misshandeln“, beschwerte er sich.
Alexandra kicherte. Das Geplänkel hatte ihre Laune wieder etwas gehoben. Sie
würde das Essen bei Mary Jo eben heute noch genießen und sich ab morgen strikte
Zurückhaltung auferlegen.
Nachdem sie sich von einem beleidigt dreinschauenden Charlie verabschiedet
hatten, gingen sie nach draußen. Alexandra ließ Chris fahren, wie meistens, wenn
sie gemeinsam unterwegs waren. Es war seltsam, normalerweise hasste sie es, nur
Beifahrer zu sein, aber bei Chris war es etwas anderes. Es machte ihr Spaß,
einfach nur neben ihm zu sitzen und ihn verstohlen zu beobachten. Obwohl er vor
seinem Gefängnisaufenthalt nicht besonders viel Fahrpraxis gehabt haben konnte,
war er inzwischen sehr sicher am Steuer.
Auch heute warf Alexandra Chris immer wieder einen prüfenden Blick zu.
Eigentlich konnte sie es noch immer nicht ganz glauben, dass sie nun endlich
eine richtige Beziehung miteinander hatten. Und vor allem eines erschien ihr
noch immer verrückt: Dass sie nach diesen zwei bitteren Enttäuschungen wieder
einen Mann an sich heran gelassen hatte. Aber Chris hatte es tatsächlich
geschafft, all die Barrikaden zu durchbrechen, die sie um sich herum aufgebaut
hatte.
Alexandra lächelte vor sich hin. Chris hatte sich seit letztem Samstag
verändert. Nicht allzu offensichtlich, aber wenn man ihn so gut kannte wie sie,
dann merkte man es. Seine Augen strahlten in einem warmen Glanz, wann immer er
sie ansah, wärmer als je zuvor. Und er wirkte viel selbstbewusster.
Es gab Momente, da war er noch scheu und unsicher, wenn sie sie liebten, doch
Alexandra ließ ihm nie viel Zeit, darüber nachzudenken, dass er vielleicht einen
Fehler machen könnte.
Und noch etwas hatte sich geändert. Seit einer Woche hatte Chris keinen Alptraum
mehr gehabt, nicht einmal einen Anflug davon. Alexandra war klar, dass das nicht
heißen musste, dass er niemals wieder einen haben würde. Aber sie wagte zu
hoffen, dass diese Träume nun viel seltener auftreten würden.
Auch die Sache mit Kendall und der psychiatrischen Untersuchung war
ausgestanden. Jacks Vorgesetzter hatte Chris am Donnerstag angerufen und ihm
mitgeteilt, dass ihm der Bericht von Doktor Winslow nun vorlag und dass er
positiv genug war, um die ganze Angelegenheit auf sich beruhen lassen zu können.
Was Chris mit Doktor Winslow diese Woche besprochen hatte, das hatte Alexandra
nicht so ganz aus ihm herausbekommen können. Er hatte ihr eigentlich nur
erzählt, dass er und die Psychologin sich darauf geeinigt hatten, den Termin am
Freitag fallen zu lassen und er sie nur noch jeden Mittwoch aufsuchen würde. Wie
er sie nach diesem Fiasko bei der Verhandlung und in Kendalls Büro davon hatte
überzeugen können, war Alexandra ein Rätsel. Dass Doktor Winslow auf Chris’
Dackelblick hereingefallen war, dass bezweifelte sie irgendwie.
„Au, verflixt“, rief sie plötzlich aus und schlug sich mit der flachen Hand an
die Stirn.
Chris zuckte erschrocken zusammen und sah zu kurz ihr hinüber, bevor er den
Blick wieder auf die Straße richtete.
„Was ist denn?“ fragte er.
„Ich hab die beiden Flaschen Wein vergessen, die ich mitnehmen wollte“, jammerte
Alexandra. Peinlich, nun mussten sie entweder umkehren und zu spät kommen oder
ohne Gastgeschenk bei Mary Jo auftauchen.
„Die sind doch hinten auf der Rückbank. Du hast sie selber heute Nachmittag
schon da hingebracht“, erklärte Chris und schüttelte den Kopf, während er den
Blinker setzte, um in die Straße einzubiegen, in der das Haus der Andersons lag.
„Hab ich das?“ Mit gerunzelter Stirn sah Alexandra ihren Freund an und drehte
sich dann in ihrem Sitz um, um auf die Rückbank zu spähen. Tatsächlich, da
standen sie in friedlicher Einträchtigkeit nebeneinander.
Chris hielt vor dem Haus der Andersons und drehte sich zu ihr.
„Mhm, kurz bevor ich mit Charlie weggegangen bin. Du hast gemeint, wir würden
das sonst sowieso vergessen.“
***
Sie wurden mit großem „Hallo“ von Mary Jo und den Kindern begrüßt, besonders
Jamie klammerte sich quietschend an Chris, der von dessen Aufmerksamkeit völlig
überrumpelt war. Der kleine Junge musste seine Begeisterung für Charlie nun auch
auf Chris übertragen haben, was diesem unerklärlich zu sein schien.
„Jamie, nun lass Chris doch erst einmal seine Jacke ausziehen“, schalt Mary Jo
sanft. „Dann darfst du ihm noch dein neues Spielzeug zeigen, bevor du ins Bett
gehst.“
Jamies Gesicht verzog sich zu einer weinerlichen Grimasse.
„Mag nicht ins Bett“, jammerte er. „Mag mit Chwis pielen!“
„Mag“ und „will“ schienen zu Jamies Lieblingswörtern zu zählen, dachte Alexandra
amüsiert. Sie fing einen hilflosen Blick von Chris auf, der sich von Jamie in
das Wohnzimmer ziehen ließ, in dem in einer Ecke eine Spielzeugautobahn
aufgebaut war.
Mary Jo stieß einen lauten Seufzer auf.
„Der Junge kann einen in den Wahnsinn treiben. Manchmal beneide ich dich…“
Alexandra folgte Mary Jo in die Küche, in der es bereits wundervoll duftete,
während Susan sich zu ihrem Bruder und Chris gesellte. Das Mädchen war eher
schüchtern und redete nicht viel.
Alexandra wusste, dass ihre Freundin das, was sie gesagt hatte, nicht ernst
meinte. Mary Jo war mit Leib und Seele Hausfrau und Mutter und würde alles für
ihre Familie tun. Allerdings bereitete es ihre keine Mühe, sich vorzustellen,
dass so ein kleiner Rabauke manchmal recht anstrengend sein konnte. Sehnsucht
nach eigenen Kindern rief Mary Jos Stossseufzer jedenfalls nicht in ihr hervor.
Vielleicht würde sie irgendwann einmal ernsthaft darüber nachdenken, wenn sie
länger mit Chris zusammen war und er tatsächlich Kinder haben wollte.
Vielleicht…
„Ach komm schon, so schlimm ist er doch auch nicht“, sagte sie laut.
„Hast du eine Ahnung“, stöhnte Mary Jo. „Wenn du wüsstest, was der kleine Kerl
so im Laufe eines Tages anstellt.“
„Wo ist denn Mike?“ erkundigte sich Alexandra.
„Er musste noch zu einem Kunden, der irgendein Problem hat mit seiner
Computeranlage hatte. Er sollte aber in einer Viertelstunde da sein.“
Mary Jo öffnete den Backofen und warf einen prüfenden Blick hinein.
„Perfekt“, murmelte sie zufrieden.
Alexandra sah sich in der Küche um, ob es noch irgendetwas gab, wobei Mary Jo
ihre Hilfe gebrauchen konnte. Wie üblich sah die Küche aus, als wäre darin gar
nicht gekocht worden, obwohl ihre Freundin heute vermutlich den ganzen
Nachmittag mit Vorbereitungen für das Abendessen verbracht und alle Register
ihrer Kochkunst gezogen hatte.
„Du könntest noch den Salat machen“, antwortete Mary Jo auf ihre
unausgesprochene Frage.
Alexandra ging zum Kühlschrank und öffnete ihn.
„Sag mal, wie hat Chris eigentlich die ganze Sache verkraftet? Das mit der
Verhandlung meine ich.“
Mary Jo hatte begonnen, die Platte, auf der sie den Braten anrichten wollte, mit
Petersilienröschen zu dekorieren. Mit einem Salatkopf und mehreren Tomaten in
der Hand kam Alexandra zu ihr an den Tisch.
„Bisher ganz gut, glaube ich“, entgegnete sie. „Er hat es ziemlich gut
weggesteckt. Ich hab schon befürchtet, dass ihn das alles wieder Monate
zurückwerfen würde, aber…“
Mary Jo schüttelte den Kopf.
„Der Junge ist wirklich unglaublich. Das, was er alles durchgemacht haben muss,
ist für uns kaum vorstellbar und trotzdem ist er so ein lieber Kerl geblieben.“
Alexandra presste die Lippen zusammen. Sie mochte nicht an die Umstände denken,
die dazu geführt hatten, dass sie und Chris sich kennen gelernt hatten. Sie
mussten versuchen, das alles als einen Teil ihres Lebens zu akzeptieren und
möglichst viel davon hinter sich zu lassen.
„Du hast recht“, stimmte sie ihrer Freundin zu. „Manchmal kann ich kaum glauben,
dass ihm so etwas Schreckliches passiert ist. Er ist einfach…“ Alexandra brach
ab, weil ihr die Worte dafür fehlten, zu beschreiben, was Chris für sie war.
„Ich weiß“, sagte Mary Jo. „Ich hätte ganz am Anfang nie gedacht, dass ich das
jemals sagen würde, aber ich mag Chris. Und ich glaube, dass ihr glücklich
miteinander werden könnt.“
Alexandra gab einen ganze Weile lang keine Antwort. Ja, sie selbst glaubte auch
fest daran, dass sie mit Chris glücklich werden würde. Sie war es ja jetzt
schon.
Nachdenklich teilte sie eine Tomate in saubere Viertel. Dann sah sie auf und
lächelte ihre Freundin an.
„Da bin ich mir sicher.“
„Mary Jo?“
Die beiden Frauen drehten sich zur Tür, wo Chris stand und mit einem seltsamen
Gesichtsausdruck von einer zur anderen sah.
„Ja, was ist los?“
Chris kratzte sich am Kopf, es schien, als wüsste er nicht, wo er anfangen
sollte.
„Ähm, du solltest vielleicht mal kommen, Jamie….“
„Was hat dieses Katastrophenkind denn jetzt wieder angestellt?“ Hastig wischte
Mary Jo sich die Hände an ihrer Schürze ab.
„Er musste vorhin auf die Toilette und… und-und da ist er allein
gegangen…vielleicht hätte ich ja mitgehen sollen…aber…als er nicht
zurückgekommen ist, bin ich nachsehen gegangen…“
Mary Jo stürmte an Chris vorbei aus der Küche, leise Verwünschungen vor sich
hinmurmelnd.
Alexandra trat zu Chris, der Mary Jo schuldbewusst hinterher sah, und strich ihm
über den Arm, um seinen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Was ist denn passiert?“ fragte sie besorgt.
Bevor Chris antworten konnte, ertönte aus der Richtung des Badezimmers schon ein
lauter Schrei.
„Jamie!!“
Alexandra verzichtete darauf, aus Chris herauszukitzeln, was denn eigentlich
geschehen war, und beschloss, sich das vermutliche Malheur lieber selbst
anzusehen. Als sie das Badezimmer erreichte, in dem Mary Jo lauthals auf ihren
Sprössling einschimpfte, musste sie die Hand auf den Mund legen, um einen
Lachanfall zu unterdrücken. Hinter ihr seufzte Chris.
„Ich glaub, wenn ich mal Kids hab, dann sperr ich sie in einen Käfig...“
Alexandra konnte dieser in äußerst gefühlvollem Ton vorgebrachten Äußerung nur
zustimmen. Jamie war wirklich kreativ gewesen. Er musste in einem
Badezimmerschrank eine fast volle Packung Damenbinden gefunden und sich dieser
bemächtigt haben. Dann hatte er die Zeit, bis Chris seine Abwesenheit verdächtig
erschienen war, damit verbracht, mit eben diesen Binden den Raum neu zu
dekorieren…
***
Zufrieden kuschelte sich Chris an Alexandras Rücken und legte einen Arm um ihre
Taille. Sein Leben war nun so perfekt, wie es für ihn nur sein konnte. Nachdem
sie von ihrem Abendessen bei Mary Jo nach Hause gekommen waren, waren sie ins
Bett gegangen und hatten sich stürmisch geliebt.
Chris’ Problem mit Charlie hatte sich dahingehend gelöst, dass der Hund nun
draußen auf dem Flur schlief. Es war nicht einfach gewesen, doch Chris war
hartnäckig geblieben, und am Ende hatte Charlie begriffen, dass das Schlafzimmer
nun für ihn tabu war.
Der Abend bei den Andersons war nach Jamies Betätigung als Raumdekorateur
äußerst lustig verlaufen. Mike war nach Hause gekommen, während Mary Jo noch
damit beschäftigt gewesen war, ihrem Sohn gehörig die Leviten zu lesen, und in
brüllendes Gelächter ausgebrochen, als er die Bescherung gesehen hatte. Einen
Großteil des Abends hatten die Andersons dann damit verbracht, ihm und Alexandra
diverse Anekdoten aus Jamies kurzem, aber sehr einfallsreichem Leben zu
erzählen.
Chris hatte sich dabei an einen für ihn äußerst peinlichen Kaffeeklatsch seiner
Mutter und ein paar ihrer Nachbarinnen erinnert, bei dem die Frauen Geschichten
über die Missetaten ihrer Kinder ausgetauscht hatten. Er war damals zu Hause
gewesen und gerade ins Wohnzimmer gekommen, als seine Mutter die Story zum
Besten gegeben hatte, wie er sich als Vierjähriger an ihrer Wäscheschublade zu
schaffen gemacht hatte und was ihm zum Verwendungszweck eines BHs alles
eingefallen war…Damals war er zwölf gewesen und bei dem Gekicher der Frauen am
liebsten im Boden versunken. Später konnte er selbst darüber lachen, aber in dem
Moment hätte er seiner Mutter am liebsten den Mund mit Heftpflaster zugeklebt.
Chris lächelte in der Dunkelheit vor sich hin. Oh ja, laut seiner Mom war er ein
äußerst aufgewecktes Kind gewesen. Er fragte sich, ob so etwas vererbbar war.
Wenn ja, dann konnte er sich auf etwas gefasst machen, wenn er irgendwann mal
Kinder haben würde.
Kinder…Mit Alexandra als Mutter.
Chris verstärkte unwillkürlich seinen Griff um Alexandras Taille. Ja, vielleicht
wollte er eines Tages Kinder, wenn Alexandra damit einverstanden war.
Dann musste er innerlich über diese verrückten Gedanken den Kopf schütteln. Vor
etwas mehr als drei Monaten war er völlig am Ende gewesen, die Zukunft war ihm
so rabenschwarz erschienen, dass er sie nicht hatte erleben wollen, und nun lag
er hier und dachte über Babies nach.
Als er am Mittwoch bei Doktor Winslow gewesen war, hatte ihn die Psychologin mit
einem besorgten Ausdruck auf ihrem Gesicht empfangen. Alexandra hatte ihm
gestanden, dass sie ihr von seinem Auftritt in Kendalls Büro und von der
Gerichtsverhandlung erzählt hatte. Chris war zwar sauer gewesen, dass seine
Freundin ihn sozusagen verpfiffen hatte, andererseits aber hatte er eine gewisse
Erleichterung verspürt, Doktor Winslow das ganze Drama nicht von Anfang an
schildern zu müssen.
„Chris, wieso haben Sie mit Selbstmord gedroht?“ kam die Psychologin nach der
Begrüßung gleich zu Sache.
Chris war auf die Frage vorbereitet gewesen und zuckte mit den Schultern.
„Ich hab das doch nicht so gemeint, es war nur…ich war noch so aufgeregt von der
Verhandlung und da knallt mir der Typ hin, dass ich in die Klapsmühle soll…“
Doktor Winslow sah ihn streng an.
„Junger Mann, diese „Klapsmühle“ ist ein Ort, wo man Menschen helfen möchte, die
mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Die Patienten dort sind keinesfalls immer
geisteskrank oder verrückt, viele davon sind eigentlich ganz normal und haben
nur den rechten Weg verloren oder sich in irgendetwas verrannt, von wo sie nicht
mehr alleine herauskommen. Oder sie sind traumatisiert, so wie Sie.“
Chris schwieg. Vielleicht hatte Doktor Winslow ja recht, aber er hatte einfach
panische Angst davor, wieder irgendwo weggesperrt zu werden. Dass Jack damals zu
ihm gesagt hatte, dass er glaubte, ein Aufenthalt in so einer Anstalt würde ihm
mehr schaden als nützen, hatte sein Vertrauen auch nicht gerade verstärkt.
Doktor Winslow sah die Psychiatrie vielleicht in allzu rosigen Farben.
„Kann sein…aber ich wollte da nicht hin. Und außerdem hab ich doch Sie, um mich
auf den „rechten Weg“ zurückzubringen.“
Chris bedachte Doktor Winslow mit einem treuherzigen Augenaufschlag, der seine
Wirkung nicht verfehlte.
„Also gut“, seufzte die Psychologin. „Dieser Kendall hat von mir einen Bericht
bekommen, in dem ich ausdrücklich betone, dass ich eine weitere Untersuchung für
überflüssig halte und einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik für
kontraindiziert, da Sie im Verlauf der Therapie große Fortschritte gemacht haben
und auf keinen Fall mehr selbstmordgefährdet sind. Und jetzt erzählen Sie mir,
was am Freitag passiert ist.“
Chris mochte zwar nicht mehr darüber nachdenken, dennoch verbrachte er die
folgende halbe Stunde damit, Doktor Winslow die Geschehnisse und vor allem seine
Gefühle dabei zu schildern. Es bereitete ihm Mühe, sich daran zu erinnern,
irgendwie erschien alles soweit weg. Es war fast, als hätte die Tatsache, dass
er endlich mit Alexandra geschlafen hatte, diese unglaubliche Nähe zu einem
anderen Menschen gespürt hatte, eine unsichtbare Mauer zwischen dem Vorher und
dem Nachher errichtet. Eigentlich wollte er nur noch im Nachher leben und all
das Schlimme vergessen, das vor dieser Nacht gewesen war.
„Nun, ich denke, ich verstehe jetzt, wieso Sie so reagiert haben“, sagte die
Psychologin, nachdem Chris mit seinem Bericht fertig war. „Woher wusste der
Staatsanwalt nur von Ihrem Selbstmordversuch?“
Eine Frage, die Chris sich selbst schon etliche Male gestellt und keine Antwort
darauf gefunden hatte.
„Keine Ahnung“, entgegnete er. „Ich weiß nur, dass ich mich nicht mehr daran
erinnern will“, fügte er leise hinzu.
Doktor Winslow nickte.
„Nun, es würde vermutlich auch nichts bringen“, stimmte sie ihm zu. Dann sah sie
auf die Uhr.
„Die Stunde ist bald um. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“
Chris zögerte. Sollte er das Thema jetzt ansprechen oder nicht? Doch dann gab er
sich einen Ruck. Mehr als ablehnen konnte die Psychologin nicht.
„Sie…Sie haben doch mal gesagt, dass wir die Anzahl der Sitzungen bald
reduzieren können. Wie bald?“
Doktor Winslow warf ihm einen forschenden Blick zu.
„Denken Sie denn selbst, dass Sie soweit sind?“ fragte sie.
Chris biss sich auf die Lippe und dachte sorgfältig über seine Antwort nach. So,
wie er Doktor Winslow kannte, würde ihr ein schlichtes „Ja“ nicht genügen. Er
musste seine Ansicht schon begründen können.
„Ja, das glaube ich“, sagte er mit fester Stimme. „Ich weiß, dass ich noch nicht
ganz ohne Ihre Hilfe klar kommen werde, da es immer noch Dinge gibt, die mich
aus der Bahn werfen können und es einfach gut tut, mit jemanden reden zu können,
der mir manche…Gefühle erklärt, aber…Ja, ich glaube, ich bin soweit.“
„In Ordnung“, entgegnete Doktor Winslow und stand auf. „Dann lassen wir die
Freitagstermine fallen und Sie kommen nur noch Mittwochs zu mir.“
Verblüfft folgte Chris ihrem Beispiel. So einfach war das gewesen? Die
Psychologin musste ihm seine Verwunderung angesehen haben, denn sie begann zu
lächeln.
„Wenn Sie mir erklärt hätten, Sie bräuchten meine Hilfe eigentlich gar nicht
mehr, dann hätte ich Ihnen das nicht abgenommen. Aber so denke ich, dass Sie mir
eine ehrliche Antwort gegeben haben.“
Eine Bewegung von Alexandra riss Chris aus seinen Erinnerungen.
„Alex?“ flüsterte er, bekam jedoch nur tiefe, regelmäßige Atemzüge zu hören.
Alexandra war bereits fest eingeschlafen.
Chris schloss ebenfalls die Augen. Morgen war Sonntag, sie mussten nicht
frühmorgens aufstehen, doch er wollte auch nicht die halbe Nacht wach liegen und
grübeln.
Er hatte die Phrase „wie auf Wolken schweben“ immer für pathetischen Unsinn
gehalten, doch die vergangene Woche hatte ihn eines Besseren belehrt. Das Gefühl
gab es wirklich. Nichts und niemand hatte ihm in der vergangenen Woche etwas
anhaben können. Es war ihm sogar egal geworden, dass dieser Staatsanwalt ihn im
Gerichtssaal öffentlich als Gefängnishure abgestempelt hatte. Er hatte endlich
realisiert, dass das, was Alex, ihre Freunde und Doktor Winslow ihm die ganze
Zeit hatten versucht klarzumachen, wirklich stimmte. Es war nicht wichtig, was
Fremde über einen dachten. Was zählte, war die Meinung der Menschen, die man
liebte und die wichtig für einen selbst waren.
Chris vergrub sein Gesicht in Alexandras Lockenmähne und atmete tief ein. Das
Wichtigste für ihn auf dieser Welt lag in seinen Armen. Mit dieser tröstlichen
Gewissheit schlief er schließlich ein.
„Okay, Schluss für heute.“
Chris fuhr sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn und grinste seinen
Partner an.
„Oh Mann, ich weiß gar nicht, wo die Frau die ganze Energie hernimmt“, stöhnte
er nach Alexandras „Schlusspfiff“.
„Mhm“, murmelte Marc.
„Ist was?“ fragte Chris, während er zur Umkleidekabine vorausging. Er beeilte
sich noch immer, als erster in der Dusche und wieder draußen zu sein. Eine
Gewohnheit, die er wohl nie ablegen würde.
„Nein, alles klar“, versicherte Marc ihm schnell.
Chris musterte seinen Freund prüfend. Er war während des ganzen Trainings etwas
seltsam gewesen, eigenartig abwesend, als würde ihn etwas belasten.
In der Umkleidekabine griff Chris sich schnell sein Handtuch und das Duschgel,
bevor er hastig unter der Dusche verschwand. Es war nicht ungewöhnlich, dass
Marc ihn begleitete, doch Chris war es immer lieber, wenn sein Trainingspartner
sich noch draußen mit den anderen unterhielt.
Chris beeilte sich unter der Dusche, doch das hätte er sich sparen können, denn
als er wieder zurückkam, saß Marc noch immer auf der Bank und starrte
nachdenklich auf seinen Gürtel, den er in seinen Händen drehte. Von den Anderen
war noch nichts zu hören.
„Hey, bist du sicher, dass nichts los ist?“ fragte Chris, als er sich sein
Oberteil übergezogen hatte und Marc sich noch immer nicht von seinem Platz
wegbewegt hatte. Langsam machte er sich Sorgen.
„Ärger mit Anne?“ forschte er behutsam, während er sich nochmals die Haare
trockenrubbelte und danach seinen Fön aus der Tasche hervorkramte.
Marc musterte ihn mit einem merkwürdigen, unlesbaren Ausdruck in seinen Augen,
der Chris leicht irritierte. Hatte er irgendetwas getan, weswegen Marc sauer auf
ihn war?
„Nein, mit Anne ist alles bestens“, entgegnete sein Partner schließlich und
stand auf. „Tut mir leid, mir geht heute nur was im Kopf herum…“
Chris sah Marc zu, wie er seine Duschsachen hervorholte und sich dann den Gi
abstreifte. Er drehte sich schnell weg und stopfte seinen eigenen Kampfsortanzug
in seine Tasche. Dann richtete er sich wieder auf und ging hinüber zu dem
kleinen Spiegel, neben dem sich eine Steckdose befand. In Windeseile fönte er
sich die Haare wenigstens halbtrocken.
Eine Kurzhaarfrisur wäre in solchen Fällen vielleicht manchmal ganz praktisch
gewesen, doch Chris hatte schon immer längere Haare gehabt. Seine Mutter hatte
es gemocht, sie hatte es geliebt, ihm die Frisur zu verwuscheln, besonders dann,
wenn er im Begriff war, nach draußen zu seinen Freunden zu gehen. Bei seinem
empörten Aufschrei „Ach, Mom“ hatte sie dann immer gelacht und die Flucht
ergriffen. Bis auf dieses eine Mal kurz nach seiner Entlassung hatte er deshalb
nie wieder daran gedacht, sich die Haare abzuschneiden.
Chris steckte den Fön aus und lächelte sich versonnen im Spiegel an. Ja, seine
Mom war schon etwas ganz Besonderes gewesen.
Marc hatte sich inzwischen sein Handtuch um die Hüften geschlungen und war im
Begriff, zur Dusche zu gehen.
„Hey Marc…“ Chris zögerte. Sie waren im Laufe der Zeit Freunde geworden, hatten
sich Einiges voneinander erzählt, auch wenn Chris ihm nie gesagt hatte und nie
sagen würde, dass er im Gefängnis gewesen war. Dazu hatte er inzwischen zuviel
Angst, dass der Andere sofort eins und eins zusammenzählen und wissen würde, was
das in seinem Fall bedeuten könnte. Aber er machte sich Sorgen, dass Marc etwas
Ernsthaftes belastete und wollte ihm zeigen, dass er ihm helfen würde, wenn es
nötig war.
„Wenn du…wenn du irgendwelchen Ärger hast und darüber mit jemandem reden
willst…Ich kann ein guter Zuhörer sein, wenn’s nötig ist…“
Marc wandte für einen Moment den Kopf ab, bevor er Chris wieder ansah. Dabei
zwang er sich zu einem schiefen Lächeln.
„Danke, Kumpel“, sagte er. „Aber…ich glaub, dabei kannst du mir nicht helfen…“
Chris schluckte. Er hatte also richtig geraten, Marc plagte sich mit irgendetwas
herum. Aber er wollte nicht darüber reden und das musste er respektieren. Für
den Moment zumindest.
„Okay“, sagte er langsam. „Aber das Angebot steht.“
Marc nickte.
„Alles klar.“ Damit wandte er sich ab und winkte über seine Schulter. „Man sieht
sich.“
Chris erwiderte den Abschiedsgruß und öffnete die Tür. Erst jetzt fiel ihm auf,
dass von den anderen noch immer keiner in der Umkleidekabine erschienen war.
Normalerweise trudelte einer nach dem anderen ein, nachdem er mit dem Duschen
fertig war und sich anzog.
Heute standen alle noch in der Mitte des Trainingsraumes um jemanden herum.
Patrick war aufgetaucht, wie Chris unschwer an der Stimme erkannte.
„Ich weiß, dass es verflixt kurzfristig ist, aber wir lassen uns doch wohl nicht
nachsagen, dass wir nicht fit genug sind, oder?“
Zustimmendes Gemurmel erhob sich und Chris fragte sich, wofür sie wohl fit genug
wären. Gleich darauf lüftete sich das Geheimnis.
„Der Wettkampf findet also Samstag in drei Wochen statt. Nicht viel Zeit, um
ausgiebig zu trainieren“, hörte er Alexandras Stimme in dem Pulk. „Aber ich bin
dabei.“
Ein paar andere meldeten sich ebenfalls.
„Super, Leute“, sagte Patrick. „Dann konzentrieren wir uns die nächsten drei
Wochen beim Training nur auf den Wettkampf. Es wird hart werden, aber die, die
ihre Gürtelprüfung vor Weihnachten ablegen wollen, werden davon nur
profitieren.“
Ach ja, die Gürtelprüfung. Chris hatte eigentlich vor, sie mitzumachen, nachdem
Alexandra und auch Pat ihm versichert hatten, dass er es schaffen würde. Dann
wäre er endlich seinen weißen Anfängergürtel los.
Der Kreis um Patrick löste sich langsam auf und Alexandra kam auf Chris zu.
„Hast du’s mitbekommen?“ fragte sie mit leuchtenden Augen. „Die Schule ist
kurzfristig zur Teilnahme an einem Wettkampf eingeladen worden. Das ist `ne
großartige Chance für Pat, zu beweisen, dass er mit den anderen Dojos
konkurrieren kann.“
„Hab ich gehört, das gröbste zumindest“, sagte Chris und strich Alexandra eine
verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Pferdeschwanz
gelöst hatte. Es war ihr deutlich anzusehen, wie sehr sie diese Herausforderung
freute.
„Ist doch genial“, schwärmte Alexandra weiter. „Ich hab schon einen Ewigkeit an
keinem Wettkampf mehr teilgenommen.“
***
Missmutig rührte Chris in seinem Kaffee herum. Heute war es wieder soweit. Es
war Dienstag und er hatte einen Termin bei Giftzwerg-Kotzbrocken Whiteman.
Obwohl er sich vorgenommen hatte, sich von diesem Kerl die Laune nicht mehr zu
versauen lassen, war er nicht gerade glücklich darüber, sich dessen
salbungsvolles Gelabere anhören zu müssen. Außerdem kannte man bei der Behörde
inzwischen mit Sicherheit die Story von seinem Auftritt im Gerichtssaal und den
vorhergegangenen Enthüllungen. Die Anzeige gegen Jack hatte einfach zuviel Staub
aufgewirbelt, jeder dort war wahrscheinlich neugierig auf den Ausgang der
Verhandlung gewesen.
Sein Bewährungshelfer würde es sich kaum nehmen lassen, dazu ein paar
Bemerkungen zu machen. Je länger Chris darüber nachdachte, umso schwärzer wurde
seine Laune.
„Du hast da bald ein Loch in deiner Tasse“, erklang Alexandras Stimme und störte
ihn bei seinen Phantasien, wie man Whiteman möglichst unauffällig und unentdeckt
um die Ecke bringen könnte.
Chris hörte auf zu rühren und legte den Löffel zu Seite.
„Tut mir leid, ich bin nur…“
„Ich weiß“, sagte Alexandra mitfühlend. „Unser Freund liegt dir im Magen. Hey,
er kann dir doch nichts.“ Sie reichte über den Tisch und strich Chris mit dem
Handrücken beruhigend über die Wange.
„Schon, aber…Der Idiot wird heute ganz schön abgehen, wegen der Verhandlung und
dem ganzen Zeug.“
Alexandra beugte sich vor und sah Chris eindringlich an.
„Du hast Kendall auf deiner Seite, also kann Whiteman dir gar nichts anhaben.
Willst du bei Jack nicht mal vorbeischauen, wenn du schon da bist?“
Chris war dankbar für den Themenwechsel, doch Alexandras Frage gab ihm neuen
Stoff zum Nachdenken.
„Sieht das nicht ein wenig blöd aus? Ich meine…nach all den Unterstellungen, die
dieser Snyder mir und Jack gemacht hat?“
„Du hast recht“, entgegnete Alexandra langsam. „Vielleicht solltest du Jack
wirklich nicht in der Arbeit besuchen, das würde die Gerüchteküche nur wieder
anheizen. Mich hätte es einfach nur interessiert, wie’s ihm geht.“
„Mich auch“, stimmte Chris zu. „Ruf ihn lieber heute Abend oder morgen an.“
Jack hatte letzte Woche einmal kurz mit Alexandra telefoniert, und ihr erzählt,
was bei seinem Gespräch mit Kendall herausgekommen war. Hauptsächlich eigentlich
deswegen, um sie davon zu informieren, dass er wohl nicht mehr als
Bewährungshelfer arbeiten würde. Für Chris war es schon ein Schlag gewesen, zu
erfahren, dass er Whiteman nun bis nächstes Jahr im Juni ertragen musste, wenn
seine Bewährung ablaufen und er endlich frei sein würde. Bisher hatte er immer
noch das Fünkchen Hoffnung gehegt, dass er Jack zurückbekommen würde.
Nach dem Frühstück half Chris noch, die Praxis vorzubereiten, dann trafen auch
schon die ersten Patienten ein und er musste losfahren, wenn er zu seinem Termin
nicht zu spät kommen wollte. Diesmal hatte er eine Armbanduhr von Alexandra
dabei, um nicht wieder Whitemans Zorn wegen eines verfrühten Erscheinens auf
sich zu ziehen. Er selbst besaß so etwas nämlich nicht. Schließlich gab es
normalerweise überall irgendwelche Uhren oder Leute, die man nach der Uhrzeit
fragen konnte.
Chris’ Laune war unter dem Nullpunkt, als er das Gebäude der Bewährungsbehörde
betrat und an der Anmeldung vorbei zum Treppenaufgang schlurfte. Schlurfte war
der richtige Ausdruck, er hatte er das Gefühl, als würde an seinen Schuhsohlen
Kaugummi kleben, der es ihm schwer machte, beim Gehen die Füße vom Boden zu
bekommen. Wenn er doch nur schon wieder draußen aus diesem Laden wäre.
„Chris, warte.“
Joans Stimme hielt ihn auf und er drehte sich zu der älteren Frau um, die ihn
verlegen anlächelte. Nicht schon wieder irgendeine Hiobsbotschaft, stöhnte er
innerlich. Das Ganze erinnerte ihn fatal an den Tag, an dem ganze Schlamassel
mit Jack angefangen hatte. Aber vielleicht hatte er ja Glück, und sein Termin
fiel aus, weil Whiteman heute früh die Treppe heruntergefallen war oder so etwas
ähnliches.
„Guten Morgen“, grüßte er die Frau erst einmal. Vorhin war er so in trübe
Gedanken versunken gewesen, dass er das völlig vergessen hatte.
„Morgen. Ich soll dir eine kurzfristige Änderung mitteilen“, sagte Joan und
Chris begann schon, innerlich zu jubeln. Kein Whiteman heute. Der Termin von
letzter Woche war sowieso auf diese Woche verschoben worden, weil sein
Bewährungshelfer auf irgendeinem Seminar gewesen war.
„Was ist denn?“ fragte er gespannt.
„Mr. Kendall hat mich gebeten, dir zu sagen, dass du jetzt einen anderen
Bewährungshelfer hast. Du findest Mr. Adams in Zimmer 204, auf dem gleichen Flur
wie das Büro von Mr. Whiteman.“
Chris konnte Joan nur anstarren. Kendall hatte ihm also einen neuen
Bewährungshelfer zugeteilt. Kein Giftzwerg mehr. Trotzdem wollte sich die
Erleichterung darüber, sich nicht mehr mit Whiteman auseinandersetzen zu müssen,
nicht recht einstellen. Bei dem wusste er wenigstens, mit was er zu rechnen
hatte. Der Neue konnte ein genauso mieses Arschloch sein.
Joan schien zu merken, was in ihm vorging, denn sie lächelte ihn beruhigend an.
„Mr. Adams ist wirklich ein sehr netter junger Mann. Er hat gestern erst
angefangen, darum konnte er deinen Termin auch gleich übernehmen. Du wirst
sicher mit ihm zurechtkommen.“
Also war das der Neue, von dem Kendall gesprochen hatte, als er sich mit ihm
unterhalten hatte. Hätte der nicht erst später anfangen sollen? Chris war sich
nicht sicher, was er davon halten sollte. Der Typ mochte ja ganz nett
erscheinen, aber was würde er von ihm denken? Er war nicht gerade scharf darauf,
mit der Verachtung in den Augen eines völlig Fremden konfrontiert zu werden. Bei
Whiteman hatte er gewusst, was er von ihm erwarten konnte und hatte sich damit
abgefunden.
„Ja…“ sagte er nur, bevor er sich abwandte und weiter Richtung Treppe ging. Es
half ja alles nichts, er musste sich in die Höhle des Löwen wagen. Er hatte ja
immerhin die Hoffnung, dass dieser Mr. Adams so jemand wie Jack war, der immer
versucht hatte, den Menschen hinter der Akte zu sehen.
Vor der Tür mit der Nummer 204 blieb Chris stehen und fixierte die Zahl eine
Weile lang mit seinen Augen, als könnte sie ihm Auskunft darüber geben, was sich
hinter ihr verbarg. Dann zog er Alexandras Uhr aus seiner Tasche. Pünktlich auf
die Minute. Chris holte tief Luft und steckte die Uhr wieder ein. Dann klopfte
er und wartete, bis ein dumpfes „Herein“ ertönte, bevor er vorsichtig die Tür
öffnete und eintrat.
Zu seiner Verwunderung saß niemand hinter dem Schreibtisch. Chris sah sich um.
Jemand hatte ihn hereingebeten und dieser Jemand musste hier im Raum sein. Am
Fenster seitlich vom Schreibtisch stand ein dunkelhaariger Mann mit dem Rücken
zur Tür und sah hinaus. Chris räusperte sich.
„Mr. Adams?“
Der Mann drehte sich um. Als Chris ihn erkannte, hätte er am liebsten
kehrtgemacht. Irgendeine Macht da oben musste ihn wirklich furchtbar hassen,
ansonsten würde sie ihm DAS nicht antun.
„Oh nein“, flüsterte er entsetzt.
„Hallo, Chris“, sagte Marc und steckte sich
die Hände in die Hosentaschen seiner Jeans, während er auf ihn zukam.
Chris hörte Marcs Stimme nur wie durch Wattebäusche gedämpft. Das konnte doch
alles nicht wahr sein. Wieso musste ausgerechnet ER sein neuer Bewährungshelfer
sein? Jetzt wurde ihm auch plötzlich klar, wieso Marc gestern Abend so seltsam
gewesen war. Er hatte da bereits Bescheid gewusst.
„Willst du dich nicht setzen?“ fragte der junge Mann und deutete mit einer Hand
einladend auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.
Chris gehorchte fast automatisch, während die Gedanken in seinem Kopf wilde
Purzelbäume schlugen.
Wortlos saß er auf dem Stuhl, und beobachtete, wie Marc sich im gegenüber setzte
und die Hände vor sich auf dem Schreibtisch über einer Akte verschränkte. Das
musste wohl seine sein, vermutete Chris. Klar, die hatte Marc wahrscheinlich von
A bis Z durchgelesen, um zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Chris senkte den
Blick. Er wollte die Verachtung in diesen sonst so freundlichen grünen Augen
nicht sehen.
„Tut mir leid“, begann Marc schließlich. „Ich hätte dich nicht so einfach ins
offene Messer laufen lassen sollen. Gestern Abend hab ich mir verzweifelt
überlegt, wie ich es dir sagen soll, aber…“ Hilflos schüttelte er den Kopf. „Was
glaubst du, wie erschrocken ich war, als ich gestern einen Stapel Akten von Mr.
Kendall bekommen habe und deine war die erste, die ich aufgeschlagen habe…“
„Ach ja?“ fragte Chris tonlos.
Erschrocken war er also gewesen. Und dann? Neugierig? Hatte er auch die
Geschichten gehört, die mit Sicherheit über ihn hier kursierten? Hatte es ihn
angewidert?
„Chris, ich…“ Marc seufzte laut und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich
kann mir vorstellen, dass du jetzt nicht gerade begeistert bist.“
„Das ist…ein wenig untertrieben“, würgte Chris hervor. „Ich wollte nicht…“
„Du wolltest nicht, dass es jemand im Dojo erfährt, nicht wahr?“
vervollständigte Marc den Satz für ihn. „Aber Alex weiß davon?“
Chris hob den Kopf. Marc sah ihn mit einer Mischung aus Schuldbewusstsein und
Mitleid an, von Verachtung war keine Spur.
„Natürlich weiß sie es“, erklärte er trotzig und deutete auf die Akte auf dem
Schreibtisch. „Steht doch alles da drin. Anfangs hab ich nur für sie gearbeitet,
dann wurde irgendwann mehr draus. Das ist kein Verbrechen.“
Chris betrachtete Marc aus zusammengekniffenen Augen. Was tat er da eigentlich?
Er musste sich für seine Beziehung zu Alexandra doch nicht rechtfertigen. Wenn
Marc es allerdings wagen würde, sie dafür zu verurteilen, weil sie mit ihm
zusammen war, dann…
„Hey, das hab ich doch gar nicht gemeint“, entgegnete Marc. Dann holte er tief
Luft.
„Hör zu, ich hab keine Lust, hier um den heißen Brei herumzureden…Ich kenne
deine Akte und ich hab auch von der Verhandlung gegen Jack Sanders gehört,
beziehungsweise welche Rolle du dabei gespielt hast. Und ich hab mich im Dojo
oft genug gewundert, was mit dir los ist.“
Jetzt kam es also. Chris wurde beinahe übel. Marc wusste definitiv über ALLES
Bescheid, warum sollte er sonst so daherreden.
„Chris…ich…ich weiß ganz ehrlich gesagt nicht, wie ich damit umgehen soll, das
bringen sie dir auf dem College nicht bei…“ Der junge Mann stand auf und begann
im Raum umherzugehen, wobei er mit den Händen in der Luft herumfuchtelte, als
wollte er damit seine Worte unterstreichen. Dann blieb er vor Chris stehen.
„Das hier ist mein erster Job als Bewährungshelfer“, sagte er. „Klar, ich hab
davon gehört, dass solche miese Schweinereien im Gefängnis manchmal vorkommen,
aber…dass ich so schnell mit jemandem konfrontiert werde, dem das wirklich
passiert ist, das hab ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet.“
Marc machte eine Pause und Chris beobachtete ihn verwirrt. Was wollte er denn
nun eigentlich mit seinem Vortrag sagen? Aus dem, was Marc bisher von sich
gegeben hatte, konnte er nicht so ganz schlau werden. Dann wurde ihm jedoch
etwas mit aller Deutlichkeit bewusst. Marc hatte also genauso wenig wie er
selbst eine Ahnung, wie er sich in der Situation verhalten sollte.
„Ganz normal“, sagte Chris leise.
„Was?“ Erstaunt sah Marc ihn an. Anscheinend hatte er keine Antwort erwartet.
„Geh so mit mir um wie vorher auch“, verdeutlichte Chris. „Na ja, abgesehen,
davon, dass du jetzt in gewisser Weise für mich verantwortlich bist.“
Vielleicht konnte er ja doch hoffen, dass Marc ihn jetzt nicht verachten würde.
Bisher hatte er keinerlei Anzeichen dafür bemerkt. Sein Kampfsportpartner war
eigentlich nur etwas durcheinander und unsicher.
„Verantwortlich ist gut“, lachte Marc verlegen. „Ich muss zusehen, dass du deine
Bewährungsauflagen erfüllst, nicht in Schwierigkeiten gerätst und dich monatlich
beurteilen.“
Chris begann langsam, sich etwas besser zu fühlen. Es schien fast, als hätte er
hierbei ein wenig mehr Erfahrung als sein Freund.
„Dann mach halt genau das“, erklärte Chris. „Ich meine, was denn sonst? Ich
hätte mir zwar nicht gewünscht, dass ausgerechnet du…Aber das können wir jetzt
wohl nicht mehr ändern.“ Chris zuckte mit den Schultern. Jetzt kam wieder der
Pragmatiker in ihm durch.
Marc lehnte sich mit verschränkten Armen an seinen Schreibtisch und sah Chris
lange an.
„Chris…ich will ehrlich zu dir sein. Als ich gestern deine Akte gelesen habe,
wollte ich dich zuerst ablehnen. Schlicht und einfach deshalb, weil wir privat
befreundet sind und ich unser Verhältnis damit nicht belasten wollte. Ich hab
noch mit Mr. Whiteman gesprochen und der hat mir einige Dinge erzählt, die ich
einfach nicht glauben konnte, die mit meinem Bild von dir überhaupt nicht
übereinstimmten.“
Chris senkte den Blick und starrte auf seine Hände, die er bei Marcs Worten in
seinem Schoß ineinander verkrampft hatte. Die Handknöchel schienen weiß durch
seine noch immer leicht sonnengebräunte Haut.
„Ich kann mir schon denken, was der Gift-…was Mr. Whiteman so alles über mich
abgelassen hat“, sagte er gepresst. Dann wagte er es, Marc wieder in die Augen
zu sehen, in denen er weder Ablehnung noch eine Verurteilung lesen konnte. Das
gab ihm den Mut, weiterzusprechen.
„Jack…Mr. Sanders ist ein Freund von Alex. Er wusste, dass sie Hilfe bei
Renovierungsarbeiten braucht und hat mich damals zu ihr geschickt. Darum kenne
ich ihn auch ein wenig privat. Das, was man ihm und mir da in der Verhandlung
unterstellt hat, was wahrscheinlich immer noch rumerzählt wird, das ist gelogen.
Er war nie etwas anderes als mein Bewährungshelfer.“
Chris’ Stimme zitterte leicht und er schluckte. Marc hatte bereits angedeutet,
dass ihm diese Gerüchte unwahr erschienen, also bestand Hoffnung, dass er ihm
glauben würde. Chris merkte, dass Marcs Meinung über ihn ihm unheimlich wichtig
war. Dass der andere Mann ihn noch immer als Freund schätzte und respektierte.
Obwohl er sein schwärzestes Geheimnis kannte.
Zu seiner Erleichterung nickte Marc.
„Das hab ich mir schon gedacht. Wer dich kennt und dich und Alex zusammen erlebt
hat…Ich hab das von Anfang an für Blödsinn gehalten, was Whiteman mir über dich
und Mr. Sanders erzählt hat.“
Chris schnaubte. Das war also die Bestätigung für seine Vermutung. Der Giftzwerg
konnte es also nicht lassen, ihn und vor allem Jack schlecht zu machen. Wieso,
das war Chris ein Rätsel. Auch Jack hatte ihm damals nicht erklären können, was
sein Kollege eigentlich gegen ihn hatte. Whiteman gehörte anscheinend zu den
Menschen, die alles und jeden runtermachen mussten, um sich selbst besser zu
fühlen. Er konnte wirklich froh sein, den Kerl los zu sein.
„Danke, dass du mir glaubst“, sagte Chris schließlich. „Und was jetzt?“
„Was meinst du?“
„Wie geht’s jetzt weiter? Mit allem, meine ich. Sind wir noch….?“
Diese Frage zu stellen fiel Chris unendlich schwer. Er konnte sie auch nicht
ganz aussprechen. Aber er wollte wissen, woran er war. Konnte Marc ihn noch
respektieren?
Der andere Mann stutzte, doch dann schien er zu verstehen, worauf Chris hinaus
wollte.
„Du meinst, ob wir noch Freunde sind?“ Marc lächelte. „Wieso nicht? Das hier
ändert doch nichts. Da draußen sind wir immer noch Marc und Chris, die sich im
Dojo von Pat und Alex herumscheuchen lassen müssen.“
Chris fühlte sich so erleichtert, dass ihm beinahe schwindelig wurde. Für Marc
hatte sich also nichts geändert. Er sah ihn noch immer als Freund an, obwohl er
nun die Wahrheit kannte. Und das, ohne dass sich irgendjemand schützend vor ihn
gestellt hatte. Mary Jo, Julie, Jack und deren Partner waren in erster Linie
Alexandras Freunde und Chris hatte immer den Verdacht gehabt, dass sie ihn und
seine Vergangenheit hauptsächlich wegen Alexandra akzeptiert hatten. Vielleicht
irrte er sich ja, aber er hatte nun einmal Probleme damit, seinen Mitmenschen
vorbehaltlos zu vertrauen. Beim Marc würde er es wagen und sich an den alten
Spruch „im Zweifel für den Angeklagten“ halten.
„Okay“, antwortete er und es gelang ihm sogar, Marcs offenes Lächeln zu
erwidern.
***
Eine Papiertüte zwischen die Zähne geklemmt, in der sich ein paar Hamburger und
Pommes befanden, kramte Chris in seiner Jackentasche nach seinem Hausschlüssel.
In der anderen Hand hielt er einen Milchshake. Ein kleines Trostpflaster für den
erlittenen Schock.
Er hätte ja läuten können, doch es war schon nach zwölf und manchmal legte
Alexandra sich mittags für eine halbe Stunde oben ins Bett, um ein wenig zu
„dösen“ wie sie es nannte. Chris würde es eher als „schlafen“ bezeichnen, aber
wenn sie meinte…
Endlich hatte er den Schlüssel gefunden und sperrte die Tür auf. Charlie
erwartete ihn schon und Chris hatte alle Mühe, die Tüte außerhalb seiner
Reichweite zu halten. Sie erlaubten dem Hund zwar nicht, am Tisch zu betteln,
aber im Gegenzug schien Charlie manchmal alles außerhalb des Tischbereiches als
gesetzloses Gebiet anzusehen.
„Pfui, lass das!“ schimpfte Chris, und versuchte, zur Küche vorzudringen, ohne
über das sandfarbene Energiebündel zu stolpern, das hechelnd immer wieder
versuchte, an ihm hochzuspringen.
Alexandra war gerade damit beschäftigt, Tomaten in eine Riesenschüssel zu
werfen, die bereits voller grüner Salatblätter war. Sie stand an der Küchentheke
und drehte sich um, als Chris zur Tür hereinkam.
„Hey, da bist du ja endlich“, begrüßte sie ihn erleichtert. „Ich hab schon
gedacht, es wäre was passiert.“
Damit trat sie auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Dann deutete sie
auf die Tüte und den Milchshake in seinen Händen.
„Ist das dein Mittagessen?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Heute Morgen hatte Chris zu ihr gesagt, sie brauche nichts für ihn zu kochen, er
würde sich ein Sandwich machen. Oder zwei. Von einem Ausflug in sein
Lieblings-Fastfood-Restaurant hatte er nichts erwähnt. Der Gedanke war ihm auch
erst auf dem Nachhauseweg gekommen.
„Ja“, entgegnete Chris. „Warte, bis du gehört hast, was heute wieder los war,
dann verstehst du, warum ich das heute brauche.“
Er stellte die Tüte und den Pappbecher auf den Küchentisch und ließ sich auf den
nächstbesten Stuhl fallen.
„Was ist passiert?“ Alarmiert setzte Alexandra sich ihm gegenüber. „Nun mach
schon, erzähl“, drängte sie ihn. „Was hat Whiteman jetzt wieder verbrochen?“
„Nicht Whiteman“, entgegnete Chris. „Den hab ich heute gar nicht gesehen. Ich
hab `nen neuen Bewährungshelfer.“
„Und?“
„Du errätst nie, wen.“
„Chris, hör auf, mich auf die Folter zu spannen. Wer ist es?“
Chris seufzte. Er hatte knapp eineinhalb Stunden mit Marc verbracht und sich mit
ihm unterhalten. Anfangs war er noch ziemlich zurückhaltend gewesen, doch nach
und nach war er aufgetaut und hatte Marcs Fragen offener beantwortet. Vor allem
deshalb, weil er ehrliches Interesse dahinter gespürt hatte, keine
sensationslüsterne Neugier. Er hatte ihm vom Tod seiner Mutter erzählt, wie sein
Vater danach abgestürzt war, wie sich das eine in das andere gefügt hatte. Seine
Zeit in San Quentin hatte er übersprungen, Marc schien auch gespürt zu haben,
dass er darüber nicht reden wollte.
Er hatte das Büro schließlich mit gemischten Gefühlen verlassen. Erleichtert,
Whiteman los zu sein, aber auch bedrückt, weil er nicht sicher war, ob Marc sein
Versprechen, ihn nicht anders als vorher zu behandeln, auch einlösen konnte.
„Chris, was ist denn?“ hörte er Alexandras besorgte Stimme und merkte, dass er
gedanklich abgeschweift war.
„Marc“, sagte resigniert.
„Welcher…“, Alexandra sah ihn ein paar Sekunden lang verständnislos an, bis er
auf ihrem Gesicht lesen konnte, dass ihr langsam ein Licht aufging.
„Unser Marc? DER Marc? Das ist jetzt dein Bewährungshelfer?“ rief sie ungläubig.
„Das gibt’s doch gar nicht!“
„Das dachte ich auch, als ich die Tür zu seinem Büro aufgemacht hab und ihn da
stehen sah.“
„Und jetzt? Was hat er dazu gesagt?“ erkundigte sich Alexandra. Sie schien ihm
anzusehen, wie sehr ihm die ganze Sache zu schaffen machte.
„Eigentlich…eigentlich war er ganz cool deswegen…Wegen allem, meine ich.“
Chris sah vor sich auf den Tisch. Der Tisch war alt, die Tischplatte wies
unzählige Kratzer und Dellen auf. Chris hob die Hand und fuhr mit dem
Zeigefinger einen der Kratzer nach. Marc hatte die Sache mit dem
Selbstmordversuch, die ebenfalls den Weg in seine Akte gefunden haben musste,
gänzlich unerwähnt gelassen und dafür war er ihm dankbar.
„Oh verflucht“, murmelte Alexandra. „Und…was hältst du davon?“
Chris hob den Kopf. Während der Heimfahrt hatte er sich permanent genau die
gleiche Frage gestellt. Einmal hätte er sogar beinahe eine rote Ampel übersehen,
weil er so davon abgelenkt gewesen war, herauszufinden, wie er sich jetzt
wirklich fühlte.
Er holte tief Atem.
„Es hätte schlimmer kommen können“, sagte er schließlich. „Die Zeitungsartikel
über die Verhandlung hätten ausführlicher sein können, man hätte mich auf den
Fotos erkennen können…Das Ganze ist ja ziemlich an mir vorbeigerauscht. Ich weiß
nicht, was ich gemacht hätte, wenn im Dojo plötzlich jeder Bescheid gewusst
hätte…oder die Besitzer von deinen Patienten…“
Alexandra streckte die Hand aus und legte sie über seine.
„Wir hätten auch das gemeistert“, flüsterte sie. „Zusammen.“
Zusammen. Chris fühlte, wie es ihm bei diesem einen Wort plötzlich viel, viel
leichter ums Herz wurde. Alexandra hatte recht. Solange sie zusammen waren,
solange er sie hatte, konnte ihm nichts und niemand etwas anhaben.
Er ergriff ihre Hand und drückte sie fest. Dann nickte er.
„Zusammen.“
***
Es war Mittwoch Abend und Chris ging hinter Alexandra die Treppen zum Dojo
hinunter. Er hatte lange hin und her überlegt, ob er heute wirklich mitkommen
und Marc in ihrer gewohnten „Umgebung“ gegenübertreten sollte. Würde wirklich
alles wieder wie vorher zwischen ihnen sein? Er konnte es sich nicht ganz
vorstellen, doch wenn er sich davor verstecken würde, dann würde er es nie
herausfinden.
Unten warf Alexandra ihm noch einen ermutigenden Blick zu, bevor sie in der
Damenumkleidekabine verschwand.
„Na denn…“ murmelte Chris vor sich hin und öffnete die Tür zum
Herrenumkleideraum, wo ihn lautes Stimmengewirr und Gelächter empfing.
Er suchte sich ein freies Plätzchen und stellte seine Tasche ab. Entgegen seiner
sonstigen Gewohnheit hatte er nicht nach Marc Ausschau gehalten. Während er sich
umzog, erspähte er jedoch aus dem Augenwinkel, wie Marc sich mit einem der
anderen Männer unterhielt.
„Mann, muss doch schwierig sein, sich den ganzen Tag mit diesen Kriminellen
rumzuärgern. Wenn die nicht schon vorher asozial waren, dann sind sie’s im Knast
doch bestimmt geworden. Was willst du mit solchen Typen denn noch groß
anfangen?“
Der Sprecher war ein muskulös gebauter Rothaariger, etwa in Marcs Alter. Er war
schon einige Graduierungen weiter und Chris fiel sein Name nicht ein, weil er
noch nie viel mit ihm zu tun gehabt hatte. Jetzt war er froh darüber, denn der
Kerl schien zu den Menschen zu gehören, vor denen er Angst hatte.
„So darfst du das nicht sehen, Frank“, kam Marcs ruhige Antwort. „Das sind nicht
alles Schwerverbrecher, die da auf Bewährung rauskommen. Viele haben einfach nur
mal Mist gebaut, mussten dafür bezahlen und versuchen dann, wieder ein normales,
bürgerliches Leben anzufangen. Und dabei versuche ich ihnen zu helfen.“
„Ach komm schon“, schnaubte Frank verächtlich. „Wer mal im Knast war, der landet
immer wieder da drin. Die kennen doch nichts anderes.“
„Unsinn. Klar trifft das auf einige zu, aber du kannst das doch nicht
verallgemeinern. Ich hab ein paar zugeteilt bekommen, da hat mein Boss mich
schon vorgewarnt, dass ich mit denen wohl Schwierigkeiten bekommen werde. Aber
der Rest sind normale Typen wie du und ich, von denen du wirklich nicht glauben
würdest, dass sie im Gefängnis waren.“
„Marc, Alter, du bist wirklich ein Idealist.“ Frank schüttelte lachend den Kopf.
„Ich sag dir was. In `nem halben Jahr reden wir weiter und dann wirst du mir
recht geben.“ Damit klopfte er Marc auf die Schulter und ging zur Tür.
Chris stand da und versuchte vergeblich, sich den Gürtel seines Gis zuzubinden.
Seine Finger wollten nicht so wie er wollte. Franks Worte hatten ihn tiefer
getroffen, als er vor sich selbst zugeben wollte. Er hatte lange in dem Glauben
gelebt, dass die „Gesellschaft“ massive Vorurteile gegen ehemalige Sträflinge
hatte, dass niemand, der wusste, dass er im Gefängnis gewesen war, ihm eine
Chance geben würde. Erst Alexandra hatte ihm das Gegenteil bewiesen, dass es
doch Menschen gab, die ihn auch mit seiner Vergangenheit als Freund ansehen
konnten.
Er hatte oft genug mit diesen Vorurteilen zu kämpfen gehabt, eigentlich hätte es
ihm mittlerweile egal sein sollen, doch Franks Worte hatten ihn tief getroffen.
Am liebsten hätte er sich wieder umgezogen und wäre gegangen.
„Fertig?“ Marc stand vor ihm und musterte ihn prüfend.
Chris sah auf und stellte fest, dass alle Anderen bereits den Raum verlassen
hatten. Er und Marc waren die letzten. Chris zwang seine zitternden Finger, ihm
endlich zu gehorchen und diesen verdammten Knoten zu machen. Dann zog er das
Oberteil glatt.
„Fertig“, sagte er mit gepresster Stimme.
„Nimm das nicht ernst, Frank hat keine Ahnung. Er ist eben einer dieser
Ignoranten, die in ihrer eigenen Welt leben. Also vergiss, was er gesagt hat.
Und jetzt komm, sonst brummt Pat uns zwanzig Liegestütze fürs Zuspätkommen auf.“
Marc zog Chris am Ärmel seines Gis mit sich und ließ ihm so keine andere Wahl,
als ihm zu folgen. Draußen begannen die anderen bereits, sich aufzustellen und
Pat sah ihnen beiden mit hochgezogenen Augenbrauen zu, wie sie nach hinten zu
ihren Plätzen spurteten. Er sagte jedoch nichts, sondern begann gleich mit dem
Aufwärmtraining.
Im Verlauf des Trainings verlor Chris einen großen Teil seiner Anspannung. Die
Konzentration auf die Techniken half ihm, den Vorfall im Unkleideraum in den
hintersten Winkel seines Bewusstseins zu verbannen. Er konnte sogar eine
Zeitlang verdrängen, dass Marc jetzt sein Bewährungshelfer war, dass er über ihn
Bescheid wusste, denn sein Partner gab sich alle Mühe, sich wie immer zu
benehmen. Marc scherzte und lachte mit ihm, was ihnen mehrmals eine Rüffel von
Pat einbrachte, der seine Leute für den Wettbewerb in Topform bringen wollte.
Dabei schien es ihn nicht zu stören, dass Marc und Chris sowieso nicht
teilnehmen würden, da sie noch immer Anfänger waren. Er verlangte von ihnen die
gleiche eiserne Disziplin wie von allen anderen.
Doch Marc gelang es nur fast, ihn wie vorher zu behandeln. Bevor er diese
verdammte Akte in die Finger bekommen hatte und die Geschichten über ihn gehört
hatte. Er war vorsichtiger, behutsamer und achtete darauf, Chris nie das Gefühl
zu geben, das er der Stärkere war – was aber aufgrund seiner Statur und
Muskelmasse der Fall war. Chris war klar, warum Marc das tat und vielleicht war
dessen Verhalten dem jungen Mann gar nicht bewusst, aber es irritierte ihn. Er
hatte sich einfach daran gewöhnt, in Marc keine Bedrohung zu sehen und das
musste er ihm irgendwie klar machen, bevor es den Anderen und besonders Pat
auffiel.
Chris lag bäuchlings auf dem Sofa im Wohnzimmer,
Bücher um sich herum verstreut, und lernte. Er wollte unbedingt im nächsten
Frühjahr die Prüfung schreiben, damit er endlich wenigstens den
Highschool-Abschluss in der Tasche hatte. Danach aufs College zu gehen stand
außer Frage, dazu hatte er kein Geld, aber er wollte zumindest einen
Schulabschluss haben.
Der Fernseher lief, aber nur ganz leise. Alexandra schüttelte immer den Kopf,
wenn sie ihn dabei erwischte wenn er so lernte. Sie konnte nicht verstehen, wie
man sich auf etwas konzentrieren konnte, wenn man nebenbei abgelenkt wurde. Aber
Chris hatte schon immer so gearbeitet, als er noch zur Schule gegangen war und
seine Hausaufgaben gemacht hatte, war immer Musik auf voller Lautstärke
gelaufen.
Charlie lag neben dem Sofa, den Kopf auf die Pfoten gelegt, und beobachtete
Chris aufmerksam mit seinen braunen Hundeaugen.
Chris warf dem Tier einen kurzen Blick zu und seufzte.
„Du hast es gut, weißt du das? Von dir will keiner `nen Aufsatz zu `nem Buch,
von dem der Autor schon längst den Löffel abgegeben hat.“
Dann starrte er wieder in das Buch, das vor ihm lag. In zwei Wochen sollte er
eine Hausarbeit zu George Orwells „1984“ wegschicken und er hatte noch immer
keine Ahnung, worum es in dem Buch eigentlich ging. Irgendwas mit
Überwachungsstaat und totaler Kontrolle des Einzelnen. Vielleicht sollte er sich
einfach mal an den Computer setzen und nachsehen, was es im Internet so darüber
gab. Das Problem war, dass die Lehrer vermutlich auch nicht blöd waren und genau
wussten, was ihre Schüler so trieben. Aber er wollte ja nur ein paar Hinweise
und Anregungen sammeln…
Chris klappte das Buch zu und setzte sich auf. Er gähnte und sah auf die Uhr.
Kurz vor neun, er hatte also noch mindestens eine halbe Stunde Zeit, um ein
wenig im Internet zu surfen, bevor Alexandra nach Hause kam. Heute war zwar
Donnerstag, aber sie war dennoch ins Dojo gefahren, um mit Pat für den Wettkampf
zu trainieren. Und um als netten Nebeneffekt etwas gegen ihre angeblich
vorhandenen überflüssigen Pfunde zu tun, wie sie zufrieden verkündet hatte.
Gefolgt von Charlie, der sich anscheinend einsam fühlte und Gesellschaft
brauchte, ging Chris nach unten ins Büro und schaltete den Computer an. Während
er wartete, bis das Ding hochfuhr, dachte er über den gestrigen Abend nach.
Bis auf diese blöden Bemerkungen von diesem Frank konnte er sich eigentlich über
den Verlauf des Trainings nicht beschweren. Das Verhältnis zwischen ihm und Marc
hatte sich kaum geändert, zumindest behandelte er ihn bis auf dies subtile
Rücksichtnahme im Training nicht anders als vorher. Chris hatte daher seine
Befangenheit dem anderen Mann gegenüber bald verloren und war auf dessen Späße
eingegangen. Nur wegen dessen Zurückhaltung würde er noch einmal mit ihm reden
müssen.
Bevor Alexandra ins Training gegangen war, hatte sie noch mit Jack telefoniert.
Der war nicht gerade glücklich über seinen neuen Job gewesen. Sich mit Akten zu
befassen war wohl nicht so ganz sein Ding. Er hatte allerdings schon davon
gehört, dass Chris den Neuen als Bewährungshelfer zugeteilt bekommen hatte und
wollte wissen, wie das erste Treffen gelaufen war. Alexandra hatte Jack von dem
unglaublichen Zufall erzählt, dass ausgerechnet Chris’ Trainingspartner
derjenige war, der für den Rest seiner Bewährungszeit für ihn verantwortlich
sein würde.
Aber auch Jack hatte interessante Neuigkeiten gehabt. Sam hatte wie auch immer
herausgefunden, dass der alte Allington schon von Anfang an einen Privatdetektiv
auf Jack angesetzt gehabt hatte, um für den Fall des Falles etwas in der Hand zu
haben, mit dem der Bewährungshelfer seines Sohnes erpressbar war. Diesen
Detektiv dann ebenfalls mit der Erforschung von Chris’ Vorleben zu beauftragen,
der ja einer der Hauptentlastungszeugen gewesen war, war dann nur noch ein
kleiner Schritt gewesen. Dass der Staatsanwalt bei der Beschaffung gewisser
Informationen seine Hand im Spiel gehabt hatte, war zwar anzunehmen, ließ sich
aber natürlich nicht beweisen.
Fakt war jedenfalls, dass Stephen Allington nun in einem Jugendgefängnis saß und
sich zudem über eine Anklage wegen Falschaussage und Verleumdung freuen durfte.
Weder Jack noch Alexandra und schon gar nicht Chris konnten deswegen Mitleid für
ihn aufbringen.
Der Computer war nun hochgefahren. Chris ging auf „Google“ und gab als
Suchbegriff „George Orwell“, „1984“ und „Buchbesprechung“ ein. Dann seufzte er
tief auf. Großartig, über zwölfhundert Seiten, die sich mit diesem Thema
befassten. Jetzt musste er „nur“ noch die passenden finden…
„Ich hasse Schule“, teilte er Charlie zähneknirschend mit. „Auch wenn es nur
eine Fernschule ist. Können die nicht irgendwelche vernünftigen Bücher
auswählen? Comics zum Beispiel, da müsste man nicht soviel lesen.“
Charlie blaffte zustimmend. Zumindest zog Chris es vor, es so auszulegen.
Wenigstens einer, der ihm recht gab. Bei Alexandra würde er mit seinen Klagen
wenig Erfolg haben, sie war zwar genauso wenig eine Leseratte wie er, aber sie
war der Meinung, dass man bestimmte Bücher schon gelesen haben sollte.
Vielleicht gab es den Schmöker ja als Hörbuch. Chris beschloss, das nachher zu
erforschen. Dann konnte er sich das Ding bestellen, es auf seinen MP3-Player
laden und es sich bei der Arbeit anhören. Dann würde er zumindest nicht sinnlos
Zeit damit vertrödeln.
Er hatte sich etwa zehn Seiten angesehen und drei davon unter seinen Favoriten
zur späteren Verwendung abgespeichert, als draußen vor dem Haus zwei Autos
hielten und Charlie aufsprang. Erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd stand der
Hund vor der Tür.
Chris stand ebenfalls auf und ging nach draußen in den Flur. Ein Blick auf die
Uhr hatte ihm gesagt, dass Alexandra eigentlich schon überfällig war, aber
vielleicht hatte sie mit Pat noch ein wenig länger trainiert. Aber jetzt war sie
ja zu Hause. Chris öffnete die Tür und erstarrte bei dem Anblick, der sich ihm
bot.
***
„Alex! Was ist denn passiert?“
Fassungslos trat Chris zur Seite und ließ Pat, der Alexandra locker um die
Taille hielt und sie stützte, an sich vorbei in den Hausflur. Die beiden wurden
gefolgt von Daniel, einem der anderen Schwarzgurte, der Chris grüßend zunickte.
„Nichts Tragisches“, brummte Alexandra und machte sich energisch von Pat los.
„Lass mich“, grollte sie und stapfte voran in die Küche.
Chris warf Pat einen entgeisterten Blick zu und eilte Alexandra hinterher. Als
er in die Küche kam, hatte sie gerade den Kühlschrank geöffnet und ein Gelpad
aus dem Eisfach genommen, welches sie auf das riesige Veilchen presste, das ihr
rechtes Auge zierte. Sie hatte sich im Dojo nicht umgezogen, denn sie hatte noch
immer ihren weißen Kampfanzug an und darüber ihre Jacke.
Chris sah von einem zum anderen.
„Sagt mir jetzt endlich jemand, was passiert ist?“ Seine Stimme überschlug sich
fast vor Aufregung. Es passierte nun einmal nicht jeden Tag, dass seine Freundin
in einem Zustand nach Hause gebracht wurde, als hätte sie sich gerade mit einer
Straßengang geprügelt.
Daniel stellte Alexandras Tasche, die er getragen hatte, auf den Küchentisch.
„Musst du Pat fragen, der hat’s hautnah miterlebt“, sagte er trocken.
„Jungs, lasst die Übertreibungen und macht mir hier nicht die Pferde scheu“,
warnte Alexandra ihre beiden Sportkameraden. „Mir geht’s gut und morgen bin ich
wieder fit. Das ist nicht das erste blaue Auge, das ich habe.“
„Ich hab aber noch nie erlebt, dass du während des Trainings umkippst und ein
paar Minuten lang weg bist“, entgegnete Pat. „Das macht mir Sorgen, nicht das
blaue Auge.“
„WAS?“ Entsetzt trat Chris zu Alexandra und packte sie an den Schultern. „Du
bist umgekippt?“
Alexandra rollte mit den Augen und sah zu Pat hinüber.
„Vielen Dank, das hast du toll hingekriegt“, fauchte sie ihren Freund an. „Ich
hab heut nicht viel gegessen, da ist mir halt schwindelig geworden. Ende der
Diskussion.“ Dann wandte sie sich zu Chris.
„Hey, ich bin okay, keine Bange. Morgen geh ich nicht ins Training, sondern
bleib zu Hause und nächste Woche ist alles wieder okay“, sagte sie weich und
strich Chris mit ihrer freien Hand über die Wange.
Chris wünschte sich, er könnte ihr glauben. Er wünschte es sich wirklich. Aber
sie war schon einmal beinahe ohnmächtig geworden, hier in seinen Armen, und laut
Pat war sie heute kurzzeitig tatsächlich bewusstlos gewesen. Er hatte von
Medizin so gut wie keine Ahnung, aber das konnte doch nicht nur daran liegen,
dass sie zu wenig gegessen hatte.
Chris spürte, wie sich in seinem Magen ein eisiger Klumpen Angst formte, der
seine Tentakel langsam aber systematisch durch seinen ganzen Körper zu schicken
schien. Etwas stimmte nicht mit Alexandra.
„Wir verschwinden dann. Du hast ja jetzt jemanden, der sich um dich kümmert“,
erklärte Pat und nickte Chris zu. „Pass auf sie auf.“
Damit verließen die beiden Männer die Küche und gleich darauf fiel die
Eingangstür hinter ihnen ins Schloss. Chris hörte einen leisen Schmerzenslaut
von Alexandra und ließ sie los. Er merkte erst jetzt, dass er seine Finger
unbewusst in ihre Oberarme gekrallt hatte.
„Tut mir leid“, entschuldigte er sich heiser.
„Schon okay“, erwiderte Alexandra und rieb sich über die schmerzende Stelle.
„Auf die paar blauen Flecken kommt’s jetzt auch nicht mehr drauf an.“
Chris biss sich auf die Lippe und sah sie an.
„Alex, bitte geh zum Arzt“, flüsterte er. „Gleich morgen.“
Alexandra öffnete schon den Mund um zu protestieren, doch was sie in seinen
Augen lesen konnte, das schien sie ihre Meinung ändern zu lassen.
„Also gut“, gab sie nach. „Vielleicht sollte ich mich wirklich mal wieder
durchchecken lassen. Wahrscheinlich hab ich aber wirklich nur zu wenig
gegessen…oder bloß Eisenmangel oder so was Ähnliches, also mach dich jetzt nicht
irre, hörst du?“
Innerlich atmete Chris auf. Sie würde sich also von einem Arzt untersuchen
lassen.
„Morgen?“ drängte er nochmals.
„Ja, ich geh morgen zu Doktor Langton“, erwiderte Alexandra augenrollend. Dann
lächelte sie. „Bist du jetzt zufrieden?“
Chris nickte beklommen. Er war erleichtert, dass Alexandra so schnell zugestimmt
hatte und er sie nicht erst hatte überreden müssen, was möglicherweise in einen
Streit ausgeartet wäre. Sie konnte genauso stur sein wie er selbst und er
glaubte nicht, dass er das jetzt noch verkraftet hätte.
Die Sorge, dass Alexandra eine ernsthafte Krankheit hatte, konnte er jedoch
nicht ganz aus seinen Gedanken verbannen. Auch seine Mutter war einfach so
umgekippt und sie hatten anfangs geglaubt, es wäre nur ein Kreislaufkollaps
gewesen…Bis sich herausgestellt hatte, dass sie Leukämie im Endstadium gehabt
hatte. Zu spät für eine erfolgreiche Therapie.
Chris wollte die Worte „zu spät“ nie wieder hören, schon gar nicht im
Zusammenhang mit Alexandra.
Er schreckte auf, als er eine Berührung an seinem Arm spürte. Alexandra sah ihn
besorgt an.
„Hey, du siehst aus, als würdest DU jetzt gleich umfallen“, stellte sie fest.
„Chris, ich bin okay, glaub mir. Es ist bestimmt nur irgendeine Kleinigkeit.“
Dann zog sie eine Grimasse.
„Und jetzt würde ich gerne Duschen. Die waren vorhin wie ein aufgeschreckter
Hühnerhaufen und wollten mich schon ins Krankenhaus bringen.“
Alexandra war schon auf dem Weg nach draußen, als sie das sagte und konnte daher
den Ausdruck auf Chris’ Gesicht nicht sehen, der ihr mitgeteilt hätte, dass er
das für gar keine schlechte Idee gehalten hätte, wenn er dabei gewesen wäre.
Eilig folgte Chris ihr. Er würde sie jetzt mit Sicherheit nicht allein lassen.
Was, wenn sie noch einmal ohnmächtig wurde?
Er machte erst im Badezimmer halt, wo Alexandra ihn irritiert anstarrte.
„Was ist denn jetzt los?“
Chris druckste verlegen herum. Hoffentlich wurde sie jetzt nicht doch noch sauer
auf ihn. Aber er konnte seine Angst um sie nicht einfach so abstellen.
„Kann ich hierbleiben?“ fragte er schüchtern. „Nur falls dir wieder schwindelig
wird…“
Ängstlich beobachtete er sie und erwartete schon einen entnervten Rauswurf.
Unwillkürlich kam ihm die Zeit unmittelbar nach seinem Selbstmordversuch in den
Sinn, als Alexandra ihm auf Schritt und Tritt gefolgt war und immer hatte wissen
wollen, was er gerade machte. Damals hatte sie seine Geduld überstrapaziert.
Aber das hier war etwas ganz anderes. Sie könnte sich ernsthaft verletzen, wenn
sie bei einem Schwindelanfall stürzte und niemand da war, der sie auffing.
„Chris…“ Alexandra seufzte, doch dann nickte sie ergeben. „Also gut, bleib hier,
wenn es dich beruhigt. Aber mir geht es wirklich gut.“
Sie zog ihre Jacke aus und warf sie mit Schwung nach draußen ins Schlafzimmer
auf den Stuhl, der neben dem Kleiderschrank stand. Dann entledigte sie sich
ihres Kampfsportanzuges.
Chris keuchte erschrocken auf. Die rechte Seite von Alexandras Brustkorb war ein
einziger, großer, blauer Fleck. Auch ihre Arme waren von blauen Flecken übersät.
Was um alles in der Welt hatte sie heute Abend nur getrieben?
Alexandra sah zu ihm hinüber und folgte dann seinem entsetzten Blick.
„Ach das…“ murmelte sie und fuhr mit dem Finger über ihre Seite. „Muss wohl
passiert sein, als ich mit Pat zusammengeknallt bin. Genauso wie das Veilchen.
In ein paar Tagen ist das wieder weg.“
Chris blinzelte. Das meinte sie doch wohl nicht ernst? Sie sah aus, als hätte
sie sich mit weiß-Gott-wem geprügelt und tat das ab, als wäre es nichts
Besonderes? Das musste doch wehtun. Okay, er hatte auch schon blaue Flecken
abbekommen, aber doch nicht SO. Lag es an ihm oder waren Kampfsportler im
Allgemeinen einfach nur verrückt?
Er setzte sich auf die zugeklappte Toilettenschüssel, während Alexandra aus
ihrer Unterwäsche schlüpfte und in der Duschkabine verschwand. Durch das
Milchglas konnte er ihren Körper nur schemenhaft erkennen. Sie bewegte sich mit
ihrer gewohnten Geschmeidigkeit und Selbstsicherheit, nichts deutete darauf hin,
dass ihr noch schwindelig wäre oder sie sich nicht wohl fühlte. Aber konnte das
nicht trügerisch sein? Man hatte seiner Mutter vor ihrem Zusammenbruch auch
nichts angemerkt und doch…
Chris stützte die Ellbogen auf seine Knie und verbarg sein Gesicht in beiden
Händen. Er hatte das Beten vor langer Zeit verlernt, sein Glaube an eine
gütigen, helfenden Gott, den ihm seine Mutter vermittelt hatte, war in diesen
ersten Wochen in San Quentin mit dem unschuldigen Jungen, der er gewesen war,
gestorben. Er hatte jetzt endlich etwas gefunden, das ihn glücklich machte. Was,
wenn dieser Gott jetzt beschlossen hatte, ihm das auch wieder zu nehmen?
Chris konnte nichts dagegen tun, seine Angst, Alexandra an irgendeine
heimtückische Krankheit zu verlieren, schaukelte sich immer mehr hoch und er
fühlte, wie sich seine Kehle zuschnürte und er immer weniger Luft in seine
Lungen bekam. Es half ihm nichts, an Doktor Winslow zu denken und ihre
Anweisungen, was er in solchen Momenten tun sollte. Er konnte sich nicht darauf
konzentrieren, alle seine Gedanken drehten sich in einem immer schneller
werdenden Wirbel darum, was er tun würde, wenn Alexandra wirklich todkrank wäre
wie damals seine Mutter.
Bevor er sich völlig in seine Panikattacke hineinsteigern konnte, spürte er, wie
ihn zwei Arme umfingen und er an einen nassen Körper gezogen wurde. Blind vor
Tränen klammerte er sich an Alexandra, die ihm beruhigend über den Rücken strich
und leise auf ihn einredete. Er konnte nicht verstehen, was sie zu ihm sagte,
dazu rauschte das Blut zu laut in seine Ohren, doch allein der Klang ihrer
Stimme ließ ihn wieder etwas leichter atmen.
„Schhh, Baby, nicht weinen“, flüsterte Alexandra. „Es ist doch alles in
Ordnung.“
Chris klammerte sich nur noch fester an sie. Erst jetzt merkte er, dass sie
beide auf dem kalten Fliesenboden saßen.
„Alex, bitte…versprich mir, dass du nicht krank bist und stirbst…bitte versprich
es mir…“ schluchzte er.
Alexandra ließ ihn los und packte ihn an den Oberarmen, um ihn ein wenig von
sich zu schieben und um ihm ins Gesicht sehen zu können.
„Chris…“ sagte sie fassungslos. „Wie…wie kommst du denn darauf, dass ich sterben
könnte? Wir hatten viel Stress in letzter Zeit, dann war ich so dämlich, nicht
viel zu essen, obwohl ich wusste, dass das Training hart werden würde…Da ist es
kein Wunder, dass es mir mal den Boden unter den Füssen weggezogen hat.
Chris schluckte und betrachtete das geliebte Gesicht vor sich, dass von einer
Masse wirrer, nasser Haare umrahmt wurde. Alexandra hatte so überzeugend
geklungen, dass er fast glauben konnte, dass er einfach nur hysterisch geworden
war und es keinen Grund gab, sich derart aufzuregen.
„Tut…tut mir leid, Alex….es ist nur…ich hab…“
„Du hast an deine Mutter gedacht, nicht wahr?“ fragte sie leise und strich ihm
eine Haarsträhne hinters Ohr.
Chris schloss die Augen und nickte. Alexandra kannte ihn inzwischen doch recht
gut.
„Ja…“ entgegnete er fast unhörbar.
Alexandra seufzte.
„Ich kann dir nichts versprechen, was ich nicht in der Hand habe.
Aber…Schwindelanfälle können so viele relativ harmlose Gründe haben, dass ich
mich deswegen nicht verrückt mache. Und du darfst das auch nicht tun, okay?
Morgen gehe ich zum Arzt. Das Schlimmste, was mir wahrscheinlich passieren kann,
ist, dass der mir verbieten wird, mich zu überanstrengen. Das würde Pat gar
nicht gefallen, denn dann muss er auf mich beim Wettkampf verzichten“, versuchte
sie zu scherzen.
Mühsam lächelte Chris. Alexandras Worte und ihre Zuversicht, dass mit ihr alles
in Ordnung war, hatten zwar nicht alle Ängste und Zweifel auslöschen können,
aber ihm war jetzt etwas leichter ums Herz. Wenigstens verstand sie ihn.
„Na also“, sagte Alexandra weich und wischte ihm mit den Daumen über die
tränennassen Wangen. Dann hauchte sie ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.
Und jetzt trockne ich mich erst mal ab, sonst hol ich mir hier eine Erkältung,
die sich gewaschen hat.“
Mit tauben Fingern versuchte Alexandra, den
Schlüssel in das Schloss ihrer Haustür zu stecken. Immer und immer wieder.
Drinnen hörte sie Charlie winseln und an der Tür kratzen.
Chris war nicht zu Hause, er war noch bei seinem Termin bei Doktor Winslow, der
diese Woche von Mittwoch auf Freitag verlegt worden war. Und vor einer Stunde
würde er auch nicht zurückkommen. Ausnahmsweise war er heute selbst gefahren.
Die Praxis von Doktor Langton lag nur etwa eine Viertelstunde zu Fuß von
Alexandras Haus entfernt, das Wetter war schön, also hatte sie energisch
protestiert, als Chris den Termin bei seiner Psychologin hatte verschieben und
sie begleiten wollen.
Alexandra hatte die Sorge in seinen Augen gelesen, als sie sich von ihm
verabschiedet hatte. Er hatte sie wenigstens hinfahren wollen, doch auch das
hatte sie abgelehnt. Den Spaziergang hatte sie nach dem heutigen Vormittag
gebraucht.
Gleich morgens war eine ältere Dame mit ihrem Yorkshire-Terrier zu ihr gekommen,
der seit Tagen nichts fressen wollte und nur apathisch in seinem Körbchen lag.
Nach einer gründlichen Untersuchung stellte Alexandra fest, dass das Tier an
Magenkrebs litt und ihm nicht mehr zu helfen war. Jede Behandlung hätte sein
Leiden nur verlängert. Das Schlimmste daran war gewesen, das seiner Besitzerin
beizubringen. Diese war in Tränen ausgebrochen, nachdem Alexandra sie behutsam
darauf vorbereitet hatte, dass sie ihrem Liebling nicht mehr helfen konnte.
Sie hatte den Hund eingeschläfert. Sein Frauchen hatte ihn Arm gehalten, während
sie ihm die tödliche Spritze gegeben hatte. Dann hatten sie beide gewartet, bis
es vorbei gewesen war. Es waren sonst keine Patienten dagewesen, also war
Alexandra bei den beiden geblieben. Die Frau hatte ihr unter Tränen erzählt,
dass der Hund ihr einziger Lebensinhalt war. Kinder hatte sie keine und ihr Mann
war vor ein paar Jahren ebenfalls gestorben.
In solchen Momenten hasste Alexandra ihren Beruf. Sie hatte ihn gewählt, weil
sie Tiere liebte und ihnen helfen wollte. Doch wie auch jeder andere Beruf hatte
er auch seine Schattenseiten. Dann, wenn sie jemandem sagen musste, dass sie dem
geliebten Haustier nicht mehr helfen konnte und dass der Tod eine Erlösung wäre.
Um das wegzustecken, war sie lieber zu Dr. Langtons Praxis gelaufen. Sie hatte
sogar einen kleinen Umweg gemacht.
Dort angekommen, hatte ihr die Arzthelferin erklärt, dass Dr. Langton krank und
nur eine Vertretung anwesend war. Alexandra hatte sich selbst dafür verflucht,
dass sie nicht angerufen, sondern einfach so ohne Termin in die Sprechstunde
gekommen war.
Die Vertretung war eine freundliche Ärztin gewesen, etwa in Dr. Langtons Alter,
die einen äußerst kompetenten Eindruck gemacht hatte. Und Alexandra hatte keinen
Grund, ihre Diagnose anzuzweifeln…
„Mist“, fluchte sie unterdrückt. Jetzt war ihr auch noch der Schlüsselbund aus
den Händen gefallen. „Mist, Mist, Mist.“
„Hallo Alex. Was machst du denn da?“
Alexandra fuhr herum. Hinter ihr stand Mary Jo mit einer großen, blauen
Tupperschüssel. Sie warf einen kurzen Blick auf die Straße vor ihrem Haus. Dort
stand Mary Jos Wagen, den sie gar nicht hatte herfahren hören. Ein weiteres
Zeichen dafür, wie aufgewühlt sie war.
„Ich…ich wollte die Tür aufsperren, da ist mir der Schlüssel runtergefallen…“
sagte sie mit einer Stimme, die so gar nicht zu ihr gehören schien.
Mary Jo musterte sie etwas genauer.
„Sag mal Alex, mit dir stimmt doch was nicht“, konstatierte ihre Freundin. „Komm
schon Mädchen, lass mich mal aufschließen, dann gehen wir rein, und du erzählst
mir was los ist.“
Mary drückte Alexandra die Schüssel in die Hand, bückte sich nach dem
Schlüsselbund und öffnete die Tür, aus der ein aufgeregter Charlie hervorschoss
und bellte.
„Nicht jetzt, Charlie, braver Hund“, sagte Mary Jo und wehrte Charlies
begeistertes Begrüßungsritual ab.
Alexandra gelang ein Lächeln, als sie ihrem Hund besänftigend mit ihrer freien
Hand über den Kopf strich. Er war ja in letzter Zeit wirklich brav gewesen, wenn
sie ihn alleine gelassen hatten. Nur an einer Stelle in der Küche hatte ihm
anscheinend das Muster der Tapete nicht gefallen. Und sein Teppich, der neben
dem Küchentisch lag, verkleinerte sich zusehends, da er aus lauter Langeweile
darauf herumkaute. Letzte Woche hatte er sich allerdings eingehend mit einem
Korb frischgewaschener Wäsche beschäftigt, den Alexandra hatte im Flur stehen
lassen. Chris war in schallendes Gelächter ausgebrochen, als Charlie ihnen mit
einem BH um den Hals, dessen Träger sich in seinem Halsband verfangen hatte,
entgegengekommen war.
Chris…Tränen schossen Alexandra in die Augen. Wie um alles in der Welt sollte
sie ihm DAS nur beibringen? Er hatte doch noch genug mit sich selbst zu tun, wie
konnte sie ihm so etwas nun auch noch aufhalsen?
Die Schüssel wurde ihr aus der Hand genommen und sie wurde in eine tröstende
Umarmung gezogen.
„Jetzt komm erst mal mit in die Küche, Alex. Dann setzt du dich hin und erzählst
mir, was los ist. Es ist…es ist doch nichts mit Chris, oder?“
Schluchzend schüttelte Alexandra den Kopf und ließ sich von Mary Jo in die Küche
führen und auf einen der Stühle drücken. Ihre Freundin setzte sich neben sie und
ergriff ihre Hände.
„Also, was ist los? Du machst mir ganz schön Sorgen, so kenne ich dich ja gar
nicht.“
Mary Jo klang nun ernsthaft besorgt und Alexandra konnte einen weiteren
Tränenausbruch nicht unterdrücken. Sie kannte sich ja selber nicht wieder.
„Mary Jo, ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich war vorhin beim Arzt und….“
Alexandra konnte nicht mehr weitersprechen. Wenn sie es laut sagte, wenn sie
sich ihrer Freundin anvertraute, dann wäre es wirklich real. Dann würde sich das
Ganze nicht mehr nur in ihrem Kopf abspielen.
„Ich war heute beim Arzt und…“ Es ging nicht. Die Worte wollten ihr einfach
nicht über die Lippen kommen.
Mary Jo setzte sich kerzengerade auf.
„Alex…du bist doch nicht etwa krank? Wenn du mir jetzt nicht sofort sagst, was
mit dir los ist…“
Alexandra schluckte. Mit irgendjemandem musste sie einfach reden, bevor sie es
Chris sagte. Wenn sie es ihm überhaupt sagen konnte. Und Mary Jo war ihre beste
Freundin. Auch wenn sie ihr nicht würde helfen können.
Sie wischte sich mit beiden Händen über die nassen Wangen. Na großartig, wenn
sie nicht aufpasste, würde sie hier noch zur Heulsuse mutieren, eine Spezies,
die sie immer verabscheut hatte.
Dann atmete sie tief durch und überlegte sich, wie sie Mary Jo erklären sollte,
was ihr diese Ärztin vor gut einer Dreiviertelstunde ohne Vorwarnung auf den
Kopf zugesagt hatte.
***
Chris parkte den Wagen vor der Garage und stieg aus. Beim Herfahren hatte er
Mary Jos Wagen gesehen, der vor ihrem Haus parkte und sich gefragt, was
Alexandras Freundin hier machte. War Alexandra etwa schon wieder von ihrem
Arzttermin zurück?
Es hatte gestern Abend noch eine ganze Weile gedauert, bis er sich wieder
beruhigt hatte. Dann endlich war ihm die Logik von Alexandras Worten bewusst
geworden.
Natürlich mussten diese Schwindelanfälle nicht heißen, dass sie ernsthaft krank
war. Alexandra war zwar keine Ärztin für Menschen, aber sie verstand genug von
Medizin, um das zu wissen. Und Chris vertraute ihr.
Trotzdem hatte er sich später im Bett ganz nahe an sie geschmiegt und sie die
ganze Nacht im Arm gehalten, als könne er sie dadurch vor allem beschützen.
Doktor Winslow war heute irgendwie nicht mit ihm zufrieden gewesen und das hatte
sie im am Ende der Stunde auch deutlich gesagt. Chris konnte nichts dafür, dass
er so geistesabwesend gewesen war, die unterschwellige Sorge um Alexandra hatte
ihn nicht losgelassen und er würde erst wieder wirklich ruhig sein, wenn sie ihm
versichern würde, dass der Arzt gesagt hatte, es wäre alles in Ordnung.
Chris öffnete die Tür und betrat das Haus. Durch die halb angelehnte Küchentür
drangen zwei Frauenstimmen, eine davon gehörte eindeutig Alexandra. Er wunderte
sich flüchtig, wieso Charlie nicht schon dastand, um ihn zu begrüßen, als er
plötzlich den Sinn dessen zu erfassen begann, was die beiden Frauen da sagten.
Er wollte eigentlich gerade seine Jacke ausziehen, doch wie erstarrt hielt er
mitten in der Bewegung inne und lauschte angestrengt.
„Mary Jo, ich hab keine Ahnung, wie ich es Chris sagen soll. Er…er hat doch
schon genug Probleme, und jetzt komm ich auch noch damit daher…“
Alexandras Stimme klang, als hätte sie geweint. Chris hielt die Luft an. Warum
hätte sie weinen sollen, wenn alles in Ordnung war?
„Alex, du musst es ihm aber sagen“, kam Mary Jos geduldige Antwort. „Er ist doch
nicht dumm und wird merken, dass etwas nicht stimmt. Dann hat er ja fast ein
halbes Jahr Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen.“
Eisige Krallen der Angst kamen wie aus dem Nichts und schlugen sich in seinen
Körper. Panik breitete sich mit rasender Geschwindigkeit in ihm aus, erreichte
jeden noch so verborgenen Winkel. Seine Knie gaben nach, er konnte sich gerade
noch an der Wand abstützen, bevor er daran herunter rutschte.
Er hatte es gewusst. Er hatte es einfach nicht verdient, glücklich zu sein. Aber
wieso musste Alexandra für seine Sünden büßen? Wenn ihn jemand bestrafen wollte,
wieso schickte derjenige ihm nicht irgendeine Krankheit? Warum Alexandra und
nicht er selbst?
Chris zog die Knie an die Brust und legte sich die Hände fest über die Ohren. Er
wollte nicht wissen, was weiter gesprochen wurde. Mary Jo hatte sich so kalt
angehört, so unbeteiligt, als würde es sie gar nicht berühren, dass ihre beste
Freundin in einem halben Jahr nicht mehr da sein würde. Denn das war es ja wohl
doch, woran er sich gewöhnen sollte.
Wie sollte er weiterleben, wenn Alexandra nicht mehr bei ihm war? Wer würde ihm
Halt geben? Und wie sollte er ihr die Kraft geben, das Kommende durchzustehen,
wenn er selbst nicht wusste, woher er diese Kraft nehmen sollte?
Plötzlich fühlte Chris, wie ihn etwas Kaltes, Feuchtes ins Gesicht gestupst
wurde. Dann fuhr ihm eine raue Hundezunge über die tränennassen Wangen. Mit
einem leisen Aufschluchzen umarmte er Charlie und drückte den Hund an sich.
Etwas ratlos sah Mary Jo ihre Freundin an. Sie
konnte ja in gewisser Weise verstehen, dass Alexandra sich Sorgen um Chris und
dessen Reaktion machte. Aber es zu verschweigen, war doch auch keine Lösung. Sie
würde das Unvermeidliche nur um ein paar Wochen hinauszögern. Chris war zwar
jung, aber er war intelligent und würde schon an Alexandras Verhalten merken,
dass etwas nicht mit ihr stimmte. Eine besonders gute Schauspielerin war
Alexandra nämlich noch nie gewesen.
„Mary Jo, ich hab einfach Angst davor, es ihm zu sagen…“ flüsterte Alexandra.
„Herrgott, wieso musste das auch ausgerechnet jetzt passieren, es lief doch
alles gerade so fantastisch!“
Abrupt stand sie auf und ging zum Fenster um blicklos hinauszusehen.
Charlie, dessen Kopf die ganze Zeit über in ihrem Schoß gelegen hatte und mit
dessen Ohren sie nervös gespielt hatte, blickte ihr mit einem verletzten
Ausdruck in seinen Hundeaugen nach. Dann drehte er sich um und sah zur Tür, die
angelehnt, aber nicht geschlossen war.
Aus dem Augenwinkel nahm Mary Jo wahr, wie der Hund schließlich mit einem leisen
Winseln zur Tür trabte, sie mit seiner Schnauze aufstieß und nach draußen in den
Flur lief. Gleich darauf vernahm sie ein Geräusch, das wie ein Schluchzen klang.
Alarmiert schaute sie zu Alexandra hinüber, die das Geräusch ebenfalls gehört
hatte.
„Oh Gott, nein, doch nicht so…“stieß ihre Freundin entsetzt hervor und rannte
ihrem Hund hinterher.
Mary Jo folgte ihr etwas langsamer. Chris war also unbemerkt nach Hause gekommen
und hatte unfreiwillig ihr Gespräch belauscht. Wenigstens blieb es ihr jetzt
erspart, Alexandra überreden zu müssen, ihm reinen Wein einzuschenken.
Der Anblick, der sich ihr im Flur bot, minderte ihre Erleichterung über diese
Entwicklung jedoch beträchtlich.
Alexandra kniete neben Chris, der zusammengekauert auf dem Boden saß und
hemmungslos schluchzte.
..“Chris, es tut mir so leid, ich wollte nicht, dass du es auf diese Art und
Weise erfährst“, rief sie verzweifelt und versuchte, ihn zu umarmen. Chris
jedoch zuckte zurück und schien sich noch mehr ins sich zusammenrollen zu
wollen.
„Bitte, Chris…“
Er hob den Kopf. Mary Jo erschrak, als sie den hoffnungslosen Ausdruck auf
seinem verweinten Gesicht sah. Hatte Alexandra recht gehabt mit ihren
Befürchtungen, dass Chris die Neuigkeiten nicht verkraften würde? Mary Jo wurde
plötzlich bewusst, dass sie Chris’ seelischen Zustand, der womöglich noch immer
fragiler war, als sie alle glauben wollten, zu sehr außer Acht gelassen hatte.
Auf gewisse Art und Weise war er vielleicht immer noch ein Kind und fühlte sich
der Verantwortung, die da auf ihn zukam, einfach nicht gewachsen. Das zumindest
war die einzige Erklärung, die Mary Jo für seine doch etwas extreme Reaktion
finden konnte.
„Wieso?“ würgte er. „Alex, wieso? Wieso bist du damals nicht zum Arzt gegangen,
als es dir das erste Mal schwindelig geworden ist? Vielleicht hätte man da noch
was machen können…Scheiße, ich kann das nicht…“ Chris verbarg sein Gesicht
wieder in seinen Händen und seine Schultern zuckten.
Alexandra, die ihm gerade mit zitternden Fingern über die Wange hatte streichen
wollen, erstarrte mitten in der Bewegung. Sie wurde kreidebleich.
„Ich…“
Mary Jo spürte, dass ihrer Freundin das Ganze über den Kopf wuchs. Alexandra war
normalerweise hart im Nehmen, doch der Schock von heute Nachmittag und nun das
hier waren eindeutig zuviel für sie. Schwerfällig stand die junge Tierärztin auf
und starrte auf Chris’ schwarzen Schopf hinunter. Dann schüttelte sie den Kopf,
während ihr die Tränen wieder in die Augen schossen.
„Ich auch nicht…“ sagte sie mit erstickter Stimme und wandte sich ab.
Bevor Mary Jo etwas sagen oder eingreifen konnte, rannte Alexandra die Treppe
nach oben wie ein gehetztes Reh und Sekundenbruchteile später knallte eine Tür.
Mary Jos erster Impuls war, ihrer Freundin zu folgen und sie zu trösten. Doch
dann besann sie sich eines Besseren. Sie würde ihr mehr helfen, wenn sie diesen
jungen Idioten zur Vernunft brachte und ihn einsehen ließ, dass das, was er hier
gerade abzog, unreif und vor allem unfair war. Alexandra hatte ihn aufgenommen,
ihm ein Heim geboten, ihm geholfen, wo auch immer sie nur konnte, sie hatte ihn
in ihr Herz gelassen und so dankte er ihr das alles?
Ihr Gedankengang brachte die junge Frau immer mehr in Rage. Verständnis für
Chris’ Situation hin oder her, Alexandra war ihre beste Freundin.
„Chris, das reicht jetzt!“ explodierte Mary Jo und bückte sich, um den jungen
Mann am Arm zu packen und ihn hochzuziehen.
Fast willenlos ließ Chris es mit sich geschehen und sich danach in die Küche
schubsen, wo er mit hängendem Kopf einfach stehen blieb. Mary Jo schloss die Tür
hinter sich, sie wollte nicht, dass Alexandra möglicherweise mitbekam, wie sie
Chris den Kopf zurechtsetzte. Mary Jo konnte sehr energisch werden, wenn es sein
musste – und laut.
„Und jetzt will ich wissen, was du dir dabei eigentlich denkst, hier vor
Selbstmitleid zu zerfließen. Alex braucht dich jetzt, nicht dass du ihr Vorwürfe
machst, weil sie erst jetzt zum Arzt gegangen ist. Sieh mich gefälligst an, wenn
ich mit dir rede, verflucht nochmal!“
Mary Jo war wütend wie nur selten in ihrem Leben. Das merkte sie selbst schon
daran, dass sie fluchte. Und das war etwas, dass sie normalerweise strikt
ablehnte. Es war einfach undamenhaft.
Chris sah sie von der Seite her an und rieb sich mit dem Ärmel seiner Jacke über
sein Gesicht.
„Ich weiß selber, dass das gerade nicht okay war“, fuhr er sie mit
tränenerstickter Stimme an. „Ich fühl mich nur so hilflos…Hätte ich sie damals
doch nur schon gedrängt, sich untersuchen zu lassen….“
„Und? Was dann?“
„Was dann? Dann…dann hätte man noch….Vielleicht ist es ja auch falsch, was der
Arzt festgestellt hat.“
Chris schien aus seiner Erstarrung zu erwachen, denn er begann unruhig im Raum
herumzulaufen. Mary Jo beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen.
„Chris, es war keine Fehldiagnose. Alexandra hat das Ergebnis schwarz auf weiß
und du wirst gefälligst zu deiner Verantwortung ihr gegenüber stehen“, fauchte
sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
Eine reine Vorsichtsmaßnahme, wenn Chris sich weiterhin so benahm, würde sie
sich selbst mit Gewalt davon abhalten müssen, ihm eine Ohrfeige zu geben, die
ihm seine Gehirnzellen wieder in die rechte Ordnung rücken würde.
Chris blieb stehen und musterte sie fassungslos.
„Wie…wie kannst du nur so kalt sein?“ flüsterte er. „Das einfach akzeptieren…Da
kann doch auch was schiefgelaufen sein, so ein Arzt ist auch nur ein
Mensch…Verdammt, wie würdest du dich denn fühlen, wenn du erfahren würdest, dass
Mike krank ist und sterben muss?“
Den letzten Satz hatte Chris geschrieen und die Tränen liefen ihm wieder über
die Wangen.
Mary Jo sah ihn mit offenem Mund an.
***
„Scheiße, Scheiße, Scheiße…“
Nach seinem Ausbruch ließ Chris sich auf einen der Küchenstühle fallen und
starrte durch einen Tränenschleier auf die Tischplatte. Das hier war ein
einziger Alptraum, schlimmer als jeder andere, den er in seinem Leben gehabt
hatte. Das einzige Geräusch, das zu hören war, war das Ticken der alten
Küchenuhr. Tick-Tack-Tick-Tack. Die Sekunden rasten nur so dahin, würden zu
Minuten werden, zu Stunden und zu Tagen. Und mit jedem einzelnen Ticken wurde
die Zeit, die Alexandra bei ihm sein würde, weniger…
Verschwommen nahm er wahr, dass Mary Jo sich neben ihn setzte. Er sah sie nicht
an. Alexandra war angeblich ihre beste Freundin und es schien ihr egal zu sein,
dass sie todkrank war. Chris schoss unwillkürlich der blöde Spruch „wer solche
Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ durch den Kopf.
Mary Jo räusperte sich.
„Chris…wie kommst du bloß darauf, das Alexandra sterben muss?“ fragte sie
behutsam.
Chris fuhr herum. Was sollte das denn nun wieder? Vor einer Minute noch war sie
beinahe wie eine Furie auf ihn losgegangen und jetzt…Dann dämmerte ihm langsam,
was Mary Jo da eigentlich gesagt hatte. Ein winziges Fünkchen Hoffnung begann
sich in ihm zu regen.
„Ihr habt doch vorhin davon geredet…ich…ich hätte noch fast sechs Monate Zeit,
um mich an den Gedanken zu gewöhnen…“, er brach ab und schloss die Augen. Nein,
vom Sterben hatten die beiden nicht gesprochen, aber…
„Mary Jo, bitte, sag mir, was mit Alex ist“, flehte er.
Die junge Frau betrachtete ihn schweigend. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen,
bis sie endlich den Mund öffnete und drei Worte sagte, die seine Welt auf den
Kopf stellten und nach denen nichts mehr sein sollte wie vorher.
„Alex ist schwanger.“
Chris blinzelte. Überlegte, ob er richtig gehört hatte. Fuhr sich dabei mit
beiden Händen über sein Gesicht und durch die Haare. Beschloss dann, dass er
Mary Jo falsch verstanden haben musste. Er war vermutlich noch immer zu
durcheinander.
„Was?“
„Alexandra bekommt ein Baby. Sie ist im vierten Monat schwanger.“
Okay, doch nicht verhört. Alexandra bekam ein Baby, sein Baby. Dieser Gedanke
wischte mit einem Schlag seine Panik, sie zu verlieren, weg und ersetzte ihn mit
etwas Anderem, das er allerdings nicht definieren konnte.
Alexandra war nicht krank. Sie war schlicht und einfach schwanger. Er würde sie
nicht verlieren, im Gegenteil. Er würde noch einen winzig kleinen Menschen zu
seiner „Familie“ dazubekommen.
Bevor Chris sich über die Gefühle im Klaren werden konnte, die sich neben der
ungeheuren Erleichterung an die Oberfläche drängen wollten, wurden seine
Gedanken von Mary Jo unterbrochen.
„Du solltest jetzt lieber rauf gehen und mit Alex über den Mist reden, den du da
vorhin von dir gegeben hast“, stellte sie sachlich fest.
„Welchen Mist?“
Chris wunderte sich über sich selbst, dass er überhaupt in der Lage war, einen
Ton von sich zu geben.
Mary Jo schnaubte entnervt.
„Du hast ihr praktisch vorgehalten, wenn sie früher zum Arzt gegangen wäre, dann
hätte sie das Baby abtreiben lassen können. Diesen Mist meine ich“, sagte die
junge Frau streng. „Oder ist das etwa immer noch deine Meinung?“
Chris fuhr entsetzt hoch.
„Nein! Ich würde doch nie…Oh Gott…“
Ein eisiger Schauer rann ihm den Rücken hinunter und er fühlte Übelkeit in sich
hochsteigen. Natürlich hatte Alexandra seine Worte so auffassen müssen. Kein
Wunder, dass Mary Jo ihm beinahe den Kopf abgerissen hätte und ihn angesehen
hatte, als wäre er ein besonders widerliches Insekt.
„Ich hab doch gedacht…“ Verzweifelt sah er Mary Jo an.
„Ich weiß, was du gedacht hast. Aber Alex weiß das nicht.“
Die junge Frau stand ebenfalls auf und trat vor Chris.
„Darum gehst du jetzt rauf zu ihr und erklärst ihr das Ganze. Je eher, desto
besser. Für Alexandra ist das Alles auch nicht einfach. Sie hat erst die Praxis
aufgemacht und sie weiß nicht, wie sie das mit dem Baby schaffen soll. Im
Gegensatz zu mir stand sie Kindern immer skeptisch gegenüber. Und darum braucht
sie dich auch, hast du verstanden?“
Chris nickte stumm. Aus den wenigen Äußerungen, die Alexandra ihm gegenüber über
Kinder gemacht hatte, hatte er bisher nur entnehmen können, dass sie im Moment
nicht unbedingt scharf darauf war, eigene zu haben. Er hatte zwar nie den
Eindruck gehabt, dass sie überhaupt keine haben wollte, aber sie hatte sich auch
nicht ausdrücklich dafür ausgesprochen. Und nun kam Mary Jo daher und teilte ihm
mit, dass Alexandra selbst nicht begeistert über ihren Zustand war.
„Also, warum bist du noch hier?“ Mary Jo ging zur Küchentür und öffnete sie.
Auffordernd blickte sie Chris an. „Nun geh schon.“
„Was…was ist mit dir? Bleibst du noch?“
Wenn er ehrlich war, dann wäre es ihm lieber gewesen, Mary Jo hätte zuerst mit
Alexandra gesprochen und dieses verflixte Missverständnis aufgeklärt. Leider sah
es nicht danach aus, als würde dieser Wunsch in Erfüllung gehen.
„Nein, nachdem dass hier geklärt ist, muss ich los. Eigentlich wollte ich euch
nur ein paar selbstgebackene Cookies vorbeibringen, stattdessen musste ich erst
Alex wieder aufbauen und trösten und dann dich in die Mangel nehmen.“ Mary Jo
schüttelte den Kopf. „Mike will heute Abend mit mir ins Theater, darum hab ich
die Kinder vorhin zu meiner Schwester gebracht. Ihr braucht mich nicht mehr.“
Chris hätte ihr gerne widersprochen. Er war sich nicht so sicher, ob er mit
Alexandra alleine klar kommen würde, ob sie ihn überhaupt zu Wort kommen lassen
würde. Wenn sie wütend war, dann war nicht mit ihr zu spaßen. Im Moment stand er
mit Sicherheit nicht ganz oben auf ihrer Favoritenliste. Und das bereitete ihm
schon gewisse Sorgen.
Mary Jo zog die Augenbrauen hoch. Ihre Augen begannen wieder verdächtig zu
funkeln.
„Willst du hier unten Wurzeln schlagen oder was?“
Chris schluckte. Dann ging er an Mary Jo vorbei zur Treppe und sah hinauf. Kein
Laut drang von oben herunter. Er warf Mary Jo noch einen ängstlichen Blick zu,
bevor er einen Fuß auf die unterste Treppenstufe setzte.
„Nun mach schon…“
***
Mary Jo blieb im Hausflur stehen, bis Chris nach oben verschwunden war und sie
eine Tür sich öffnen und wieder schließen hörte. Anscheinend war er so klug
gewesen, sich auf keine Diskussion mit Alexandra durch eine geschlossene Tür
einzulassen, sondern einfach ohne Aufforderung ins Schlafzimmer gegangen.
Sie blieb noch ein paar Minuten stehen und lauschte. Kein Geschrei oder das
Gepolter von als Wurfgeschosse missbrauchten Gegenständen. Chris hatte
anscheinend die richtigen Worte gefunden, um Alexandra das Missverständnis zu
erklären.
Mary Jo lächelte. Alexandras größte Sorge war eigentlich gewesen, wie Chris es
aufnehmen würde, dass sie schwanger war. Sicher hatte sie sich auch gefragt, wie
lange sie noch würde arbeiten können, was sie später, wenn das Baby da war,
machen würde. Aber das war eigentlich nur nebensächlich gewesen.
Soweit sie es beurteilen konnte, war Chris zwar schockiert gewesen, weil er mit
so einer Nachricht nun überhaupt nicht gerechnet hatte, aber sie hatte den
Eindruck gehabt, dass er seine Verantwortung Alexandra gegenüber ernst nehmen
würde.
Dass er sie über alles liebte, das stand nach seinem Verhalten, als er noch
geglaubt hatte sie wäre todkrank, außer Frage.
Im Große und Ganzen beruhigt, dass die beiden nun alleine zurechtkommen würden,
verließ Mary Jo das Haus. Sie fragte sich, was Mike wohl zu dieser neuen
Entwicklung sagen würde. Obwohl…ihr Mann hatte manchmal eine seltsame Art von
Humor. Vielleicht würde er einfach nur lachen und Chris das nächste Mal, wenn
sie sich trafen, in irgendeiner ominösen Art von „Club“ willkommen heißen…
***
Alexandra schnäuzte sich kräftig. Dann legte sie wieder einen Arm um Charlie und
drückte den Hund an sich. Nachdem sie die Schlafzimmertür mit voller Wucht
hinter sich zugeknallt hatte, hatte sie sich auf das Bett geworfen und erst
einmal kräftig geheult. Irgendwann hatte sie dann ein Kratzen gehört, begleitet
von einem leisen Winseln.
Charlie. Wenigstens er würde sie nicht im Stich lassen. Sie war aufgestanden und
hatte den Hund hereingelassen. Und dann hatte sie ihre eigenen Regeln gebrochen
und ihn zu sich aufs Bett geholt.
Weitere Tränen waren in das strubbelige Fell des Tieres geflossen, als Alexandra
sich gefragt hatte, wie es nun mit ihr und Chris weitergehen würde. Dass er das
Kind nicht wollte, hatte er ja vorhin nur zu deutlich bewiesen.
Sie würde ihn nicht unter Druck setzen. Er hatte vermutlich noch genügend mit
sich selbst zu tun und außerdem war er erst einundzwanzig. Er war selbst fast
noch ein Kind gewesen, als man ihn in diese Hölle geschickt hatte und hatte nun
gerade erst angefangen, wieder zu leben. Konnte sie ihm wirklich böse sein, dass
er so reagiert hatte?
Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, dann musste sie sich eingestehen, dass
ihr der Gedanke ebenfalls durch den Kopf geschossen war nachdem die Ärztin ihr
eröffnet hatte, dass sie ein Kind erwartete. Aber sie hatte ihn sofort zur Seite
geschoben. Nein, das hätte sie nicht übers Herz gebracht, einen Teil von sich
und Chris zu töten, selbst wenn es noch legal gewesen wäre.
Irgendwie würde sie schon zurecht kommen, auch wenn Chris sie verlassen würde.
Sie hatte noch genügend finanzielle Reserven, die sie eine Zeitlang über Wasser
halten würden, sollte sie eine Weile nicht mehr arbeiten können.
Sie hörte, wie die Tür leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Charlie
bewegte sich und begrüßte den Neuankömmling mit einem Winseln. Den Schritten
nach zu urteilen war es Chris und unwillkürlich versteifte sich Alexandra. Sie
wollte nicht mit ihm reden, noch nicht. Nicht bevor sie ihm gegenübertreten
konnte ohne anzufangen zu weinen.
Sie spürte, wie sich das Bett neben ihr senkte, weil Chris sich auf die
Bettkante gesetzt hatte. Alexandra kniff die Augen fest zu. Sie konnte ihn jetzt
nicht ansehen.
Chris räusperte sich.
„Alex…ich muss dir was sagen…Das vorhin…ich…“ stammelte er.
Alexandra drehte sich nicht um, sondern drückte stattdessen Charlie noch enger
an sich. Sie wollt jetzt keine lahmen, fadenscheinigen Entschuldigungen hören.
„Ich dachte, du wärst krank und müsstest sterben.“
Den Satz konnte sie kaum verstehen, so leise hatte Chris gesprochen. Aber sein
Inhalt ließ sie herumfahren.
„Bitte?“ fragte sie entgeistert. „Du hast was gedacht?“
Chris sah nicht besser aus als vermutlich sie selbst. Seine Augen waren gerötet
und geschwollen vom Weinen, seine Stimme klang belegt.
„Euer Gespräch hat sich so angehört, als… Mary Jo hat mir vorhin gesagt, was
wirklich los ist“, flüsterte er. „Alex, ich…ich würd doch nie wollen, dass du
unser Baby umbringst…“
Alexandra ließ die Luft aus ihren Lungen entweichen. „Unser Baby“ hatte er
gesagt. Hatte sie sich geirrt, als sie sich solche Sorgen um seine Reaktion
darauf gemacht hatte?
„Du bist nicht böse oder…?“ fragte sie.
Chris schüttelte entsetzt den Kopf.
„Wieso sollte ich böse sein? Das…das ist damals passiert, als wir zum ersten
Mal…miteinander geschlafen haben, nicht wahr? Mary Jo hat gesagt, du wärst im
vierten Monat.“ Er sah zur Seite. „Ich bin da ja wohl genauso verantwortlich
dafür wie du.“
Alexandra wollte protestieren, ließ es dann aber. Chris war völlig unerfahren
gewesen, sie selbst dagegen nicht. Sie hätte es eigentlich besser wissen müssen,
aber einfach keinen Gedanken an Verhütung verschwendet. Aber das wollte sie ihm
jetzt nicht auf die Nase binden und ihm das Gefühl geben, dass er nur ein dummer
Junge war.
„Wir sind schon zwei Dummköpfe“, stellte sie mit zitternder Stimme fest. „Du
hörst etwas und denkst, ich müsse sterben und ich hatte Angst davor, dir die
Wahrheit zu sagen, weil ich glaubte, du könntest es nicht wegstecken, dass
du…dass du Vater wirst.“
Chris presste die Lippen aufeinander und sah sie von der Seite her an.
„Na ja, so ganz realisiert hab ich das noch nicht“, gab er zögernd zu. „Dass da
drin ein Baby sein soll, meine ich.“ Damit zeigte er auf Alexandras Bauch.
„Das geht nicht nur dir so“, entgegnete Alexandra seufzend. „Für mich ist das
auch noch total unrealistisch. Ich bin zum Arzt gegangen, weil ich dachte, okay,
vielleicht hatte ich in letzter Zeit ein wenig zuviel Stress, vielleicht brauch
ich ein paar Medikamente oder Vitamine, aber…ich hätte nie gedacht, dass ich
schwanger bin.“
Alexandra unterließ es, Chris genauer zu erklären, wieso sie nie auf diese Idee
gekommen wäre. Sie hatte Blutungen gehabt, darum hatte sie der Ärztin anfangs
auch nicht geglaubt. Erst als diese ihr erklärt hatte, dass ein gewisser
Prozentsatz von Frauen trotz Schwangerschaft sozusagen ihre „Tage“ hatte, hatte
Alexandra begriffen, dass die Diagnose wohl stimmte.
„Und…was passiert jetzt?“ erkundigte Chris sich unsicher.
„Montag muss ich mir einen Termin bei einem richtigen Gynäkologen holen und mich
da untersuchen lassen. Und Pat muss ich irgendwie beibringen, dass er sich bald
eine neue Trainerin suchen darf.“
„Bald? Du willst das noch eine Weile weitermachen?“ Alarmiert sah Chris sie an.
„Das geht doch nicht.“
Alexandra musste lachen. Mann, tat das gut nach der emotionalen Anspannung der
letzten Stunden. Chris sah einfach zu süß aus in seiner Entrüstung. Ihr kam der
Gedanke, dass das möglicherweise ein schlechtes Vorzeichen war. Was, wenn jetzt
plötzlich ER zur überbesorgten Glucke mutierte? Bei der Vorstellung verging ihr
das Lachen und sie wurde wieder ernst.
„Chris, eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Ich werde mit dem Arzt, der
mich untersuchen wird, darüber reden, ob ich noch Sport treiben darf und in
welchem Ausmaß. Aufsicht beim Training werde ich schon noch eine Zeitlang führen
können, wenigstens bis Pat einen Ersatz für mich hat.“
Chris sah nicht besonders glücklich darüber aus. Alexandra fragte sich, wie sie
ihn davon überzeugen konnte, dass sie im Großen und Ganzen weiterleben konnte
wie bisher. Aber seine Besorgnis rührte sie auch zutiefst. Sie durfte nicht
vergessen, dass die Situation für ihn völlig fremd war. Sie hatte zumindest die
beiden Schwangerschaften von Mary Jo miterleben „dürfen“. Bei dem Gedanken daran
schauderte Alexandra unmerklich. Auf manche Dinge wie beispielsweise Haarausfall
konnte sie wirklich verzichten.
„Willst du mitkommen?“ fragte sie, als sie feststellte, dass Chris sie noch
immer skeptisch musterte.
„Zu diesem Gyn…Gynäkologen?“ Chris stolperte über das ihm scheinbar fremde Wort.
„Das ist so ein Frauenkram, nicht wahr?“
Alexandra unterdrückte ein Lächeln. Dann nickte sie.
„Ja. Dann kannst du dir das Baby ansehen und den Arzt alles fragen, was du
wissen willst.“
Mit einem Stirnrunzeln legte Chris den Kopf schief.
„Das Baby ansehen?“ echote er.
Alexandra widerstand dem Drang, die Augen himmelwärts zu rollen. Wusste sie
schon wenig über Schwangerschaften, aber Chris wusste anscheinend so gut wie gar
nichts. Woher auch.
Nach einem tiefen Seufzer begann sie, dem im „Frauenkram“ völlig unbedarften
Vater ihres ungeborenen Kindes wenigstens das kärgliche Wissen zu vermitteln,
das sie selbst besaß.
Die Hundeleine um sein Handgelenk geschlungen und
beide Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben spazierte Chris mit Charlie
durch den Park am Rande des Viertels, in dem sich Alexandras Haus befand. Das
Gezwitscher der Vögel und Charlies Hecheln gehörten zu den wenigen Geräuschen,
die die Stille durchbrachen. Ganz entfernt hörte man den Lärm einer Straße.
Chris war kurz nach acht aufgewacht, weil er das Gefühl gehabt hatte, beobachtet
zu werden. Als seine Augen sich an das trübe Licht des nebligen Morgens, das die
Vorhänge durchließen, gewöhnt hatten, hatte er Charlie erkannt, der geduldig
wartend vor dem Bett saß.
Chris war aufgestanden, damit der Hund nicht auch noch Alexandra weckte und war
mit ihm nach unten gegangen. Dort hatte Charlie sein Frühstück bekommen und
Chris hatte sich einfach nur eine schnelle Tasse Instant-Kaffee aufgebrüht.
Danach war er mit Charlie losgezogen, allerdings nicht ohne einen Zettel für
Alexandra auf dem Küchentisch zu hinterlassen, dass er mit Charlie auf einem
Morgenspaziergang war.
Er brauchte diese Zeit allein mit sich und seinen Gedanken jetzt einfach.
Charlie schien zu spüren, dass Chris nicht in Stimmung für irgendwelche Mätzchen
war und benahm sich ausnahmsweise einmal anständig. Soll heißen, er zerrte nicht
mit aller Macht an seiner Leine und wollte nicht jeden Grashüpfer und Käfer
hinterherjagen, der das Pech hatte, sich in seine Nähe zu verirren.
Um diese Zeit waren kaum Leute im Park und so konnte Chris sich ungestört seinen
Überlegungen hingeben.
Als er heute Morgen aufgewacht war und Charlie da hatte sitzen sehen, hatte er
sich im ersten Moment gefragt, seit wann der Hund Türen öffnen konnte. In der
nächsten Sekunde waren die Erinnerungen an den vorangegangenen Tag auf ihn
eingestürzt und ihm war einen Moment lang die Luft weggeblieben.
Alexandra bekam ein Baby. Sein Baby.
Sie hatten die halbe Nacht mit Reden verbracht. Alexandra hatte ihm von ihren
Ängsten erzählt, dass er das Kind nicht wollen würde, dass es ihm in seiner
derzeitigen Situation einfach zuviel werden würde, diese Verantwortung zu
übernehmen.
Da war Chris zum ersten Mal richtig bewusst geworden, was diese überraschende
Wendung eigentlich bedeutete. Vorher war die Erleichterung, dass Alexandra
nichts weiter fehlte, dass sie „nur“ schwanger war, einfach zu überwältigend
gewesen, als dass andere Gefühle an die Oberfläche hätten dringen können.
Und dann war ihm klar geworden, was sie eigentlich damit meinte. Dass er sie
verlassen könnte, sie allein lassen…
~
„Du hast echt gedacht, ich hau ab deswegen?“
Chris war aufgesprungen und starrte fassungslos auf seine Freundin hinunter, die
vor ihm auf dem Bett saß und seinem Blick auswich.
„Nicht richtig, aber…es ist noch gar nicht solange her, da hast du mal gesagt,
für eine Freundin hättest du keinen Nerv, und jetzt…“ flüsterte Alexandra.
„Das ist eine Ewigkeit her!“
Chris verstummte, als Alexandra zusammenzuckte und er merkte, dass er etwas
lauter geworden war.
„Alex, ich würde dich nie im Stich lassen. Ich hätte dich auch nicht allein
gelassen, wenn du wirklich krank gewesen wärst“, sagte er schließlich leise und
setzte sich wieder zu ihr auf das Bett. „Ist es das, was du von mir hältst?“
fügte er bitter hinzu.
Erschrocken sah Alexandra auf.
„Nein! Du hast das völlig falsch verstanden! Chris, du bist erst einundzwanzig,
du hast eine ganz schlimme Zeit hinter dir und du bist immer noch dabei, mit dir
selber klarzukommen…ich wusste einfach nicht, wie du darauf reagieren wirst.“
Chris schwieg. Er war verletzt, dass Alexandra es tatsächlich für möglich
gehalten hatte, dass er verschwinden würde.
„Alex…du hast soviel für mich getan…und ich liebe dich mehr als mein Leben.“
Chris lachte trocken auf. „Das ich ja sowieso verpfuscht habe.“
Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Ja, er
hatte sein Leben verpfuscht, durch eine einzige blödsinnige Entscheidung. Wäre
er damals nicht so dumm gewesen, hätte er „Nein“ gesagt, als seine beiden
Freunde mit dieser Idee mit der Gang dahergekommen waren, dann wäre er niemals
im Gefängnis gelandet.
Alexandra rutschte zu ihm und nahm ihn in die Arme.
„Du hast dein Leben nicht verpfuscht“, sagte sie sanft. „Du hast noch so viel
vor dir. Nächstes Jahr machst du deinen Higschool-Abschluss, dann kannst du dir
Gedanken darüber machen, was du danach anfangen willst. Und…“
„…nächstes Jahr kommt das Baby auf die Welt“, vervollständigte Chris den Satz.
„Ich werd mir dann wohl `nen anständigen Job suchen müssen, hm?“ Er lächelte
schief.
„Ist das hier bei mir den kein anständiger Job?“ Alexandra zog die Augenbrauen
hoch und musterte ihn indigniert.
„So meine ich das nicht“, entgegnete Chris bedrückt. „Aber…wie willst du das
denn mit der Praxis machen, wenn das Baby da ist?“
Alexandra ließ ihn los und betrachtete nachdenklich ihre Hände.
„Das weiß ich auch noch nicht. Aber ich hab nicht soviel Zeit und soviel Geld
investiert, um das jetzt aufzugeben. Irgendeinen Weg werden wir schon finden.“
~
Über diese Unterhaltung dachte Chris jetzt nach. Er versuchte, zu verstehen, was
Alexandra zu der Annahme bewogen hatte, er könne sie wegen des Kindes verlassen.
Er war ziemlich jung, zugegebenermaßen fühlte er sich wirklich noch nicht reif
genug, um die Verantwortung für so einen Winzling auf sich zu nehmen, aber
eigentlich hätte sie ihn inzwischen besser kennen müssen.
Dass Alexandra die Praxis weiterführen wollte, wenn das Baby da war, konnte er
in gewisser Weise nachvollziehen. Sie hatte davon geredet, jemanden
einzustellen, der sich ein wenig um den Haushalt und um das Kind kümmern würde.
Chris hatte ihren Plänen mit gemischten Gefühlen gelauscht und an seine eigene
Mutter gedacht. Solange er zurückdenken konnte, war sie immer für ihn dagewesen,
er hatte immer mit allen großen und kleinen Sorgen zu ihr kommen können. Würde
Alexandra das einem Kind auch geben können, wenn sie den ganzen Tag arbeitete?
Chris stoppte und schüttelte den Kopf. Im Grunde genommen konnte er sich noch
immer nicht so richtig vorstellen, dass er wirklich Vater werden würde. Dass da
ein winziges Menschlein in Alexandras Bauch war und dass er mitverantwortlich
dafür war, dass es dorthin gekommen war. Ob es wohl eher Alexandra oder ihm
ähnlich sehen würde? Oder eine Mischung aus ihnen beiden?
„Wuff!“
Ein Ruck an seinem Handgelenk riss Chris aus seinen Träumereien.
„Charlie! Bleib sofort stehen! Sitz!“
Entsetzt sah Chris dem davonjagenden Hund nach. Er hatte sich die Leine nur
locker um sein Handgelenk geschlungen gehabt und da Charlie sich die ganze Zeit
über brav verhalten hatte, hatte er seinen vierbeinigen Begleiter fast
vergessen. Der hatte sich allerdings nun auf dramatische Art und Weise wieder in
sein Gedächtnis gebracht.
„Charlie!“ brüllte Chris und rannte los. Alexandra würde ihn umbringen, wenn er
sich ohne den Hund nach Hause wagte.
Charlie war wirklich taub. Zumindest dann, wenn es darum ging, dass ihm jemand
sein Vergnügen verderben wollte. Ein Vergnügen, dass sich in Gestalt einer
wunderschönen Neufundländerhündin hinter einem leider zu niedrigem Gartenzaun
befand, wobei das „leider“ später die Meinung von Chris wiedergeben sollte,
nicht die von Charlie.
Keuchend erreichte Chris den Rand des Parks, an den die Grundstücke mehrerer
schmucker Einfamilienhäuser angrenzten. Er hatte Charlie in den Büschen aus den
Augen verloren und konnte nur erraten, in welche Richtung der verflixte Hund
gerannt war.
Er blieb stehen und beugte sich vornüber, um nach Luft zu schnappen. Das nächste
Mal würde er die Leine an seinem Gürtel fest machen, das schwor er sich. Aber
jetzt musste er den Hund erst einmal finden, damit es ein Nächstes Mal geben
konnte.
„Charlie! Komm sofort her!“ schrie er mit fast überschnappender Stimme.
Der Hund konnte etwas erleben, wenn er ihn erwischte. Seine Pluspunkte für das
Bepinkeln von Whiteman waren jedenfalls gestrichen.
Langsam lief Chris an den Grundstücken entlang und spähte immer wieder in die
Gärten, ob Charlie nicht in einem davon zu sehen war. Die Zäune waren relativ
niedrig, bei seiner Größe hätte er sie mit Leichtigkeit überspringen können.
Chris war schon fast am Verzweifeln, als aus einem der Gärten weiter vorne
lautes Geschrei und Fluchen ertönte. Eine böse Vorahnung ergriff von ihm Besitz,
als er losspurtete bis er den betreffenden Garten erreichte.
„Du verdammter Mistköter! Wenn ich deinen Besitzer erwische, dann kann er was
erleben!“
***
Ein herzhaftes Gähnen unterdrückend tapste Alexandra in die Küche und wunderte
sich, dass niemand da zu sein schien. Dann entdeckte sie den Zettel, der gut
sichtbar mitten auf dem Küchentisch lag. Sie griff danach und begann die
saubere, geschwungene Schrift zu lesen.
Mach dir keine Sorgen, bin mit Charlie spazieren gegangen
Chris
Neben den Namen waren drei Herzchen gemalt. Alexandra musste lächeln und strich
mit dem Zeigefinger darüber. Chris konnte manchmal wirklich hoffnungslos
romantisch sein.
Sie gähnte abermals und legte den Zettel zurück auf den Tisch, bevor sie sich
daran machte, Kaffee zu kochen. Den brauchte sie jetzt dringend. Eigentlich
hätte sie auch eine Dusche gebrauchen können, aber dazu war sie vorhin noch viel
zu faul und zu träge gewesen. Zuerst wollte sie frühstücken, dann würde sie
langsam mal wieder nach oben gehen und sich etwas mehr gönnen als nur eine
Katzenwäsche.
Ihr Blick fiel auf die blaue Schüssel, die Mary Jo gestern mitgebracht hatte.
Neugierig öffnete sie sie und begann zu grinsen. Ihre Freundin hatte Cookies
gebacken und dabei wohl auch an Chris gedacht, der die Dinger über alles liebte.
Mit einem Teller beladen mit Toast, Butter und Marmelade und einer großen Tasse
Kaffee setzte sich Alexandra zehn Minuten später an den Tisch und las Chris’
Nachricht noch einmal.
Sie war so unendlich froh, dass er das mit dem Baby so gut aufgenommen hatte. Er
war sogar wütend geworden, als ihm klar geworden war, was sie befürchtet hatte.
Lieber, süßer Chris. Eigentlich hätte sie es sich doch denken können, dass er
zwar geschockt sein würde, aber dass er immer zu ihr und seiner Verantwortung
stehen würde. Aber dazu war sie gestern wohl zu durcheinander gewesen.
Langsam, sehr langsam begann sich Alexandra an den Gedanken zu gewöhnen, dass
sie tatsächlich schwanger war. Dass ihr Leben sich in weniger als einem halben
Jahr drastisch ändern würde.
Nachdenklich starrte Alexandra in ihre Kaffeetasse, in deren dunklem Inhalt die
Milch, die sie gerade hinzugefügt hatte, einen hellen Fleck hinterlassen hatte.
Freute sie sich? Sie konnte es nicht sagen. Ihre Gefühle waren wohl eher
gemischt. Sicher, sie hatte sich in letzter Zeit Gedanken über Kinder gemacht,
aber ihre Beziehung zu Chris war noch so neu, so zerbrechlich…Ernst waren diese
Überlegungen nie gemeint gewesen, nur Gedankenspielereien. Was wäre, wenn…?
Nun war das „Wenn“ eingetreten und sie sah sich mit einem Berg von Fragen und
Problemen konfrontiert, die alle gelöst werden wollten. Würde sie eine gute
Mutter sein? Konnte sie das, wenn sie nach der Geburt ihre Praxis weiterführen
würde? Aber andererseits wollte sie weiterhin unabhängig sein, ihren Beruf
ausüben, für den sie so gekämpft hatte. Sie wollte ihren Traum von einer eigenen
Praxis nicht so einfach aufgeben. Andere Frauen schafften es auch, ihren Beruf
und ihre Familie unter einen Hut zu bringen.
Für Mary Jo war damals, als sie schwanger geworden war, klar gewesen, dass sie
nur für das Baby da sein würde. Aber erstens waren für sie Heiraten und
Kinderkriegen schon immer die obersten Lebensziele gewesen und zweitens hatte
Mike zu dem Zeitpunkt schon gut verdient. Bei ihr und Chris lagen die Dinge
etwas anders. Erstens wollte sie weiterarbeiten und zweitens wollte sie Chris
keine Steine in den Weg legen, was seine Ausbildung betraf. Er sollte sich nicht
verpflichtet fühlen, finanziell für sie und das Baby sorgen zu müssen. Dadurch,
dass sie so sparsam gewesen war, hatte sie noch eine hübsche Summe von ihren
Ersparnissen und ihrer Erbschaft übrig.
Plötzlich fiel Alexandra etwas ein. Etwas, woran sie noch gar nicht gedacht
hatte. Was war mit ihrer Familie? Sollte sie die davon informieren?
Nein, lieber nicht. Es war traurig, das vor sich selbst zugeben zu müssen, aber
Alexandra wusste genau, dass ihre Eltern und auch ihre Geschwister Chris
ablehnen würden. Er war einfach nicht „standesgemäß“, so hätte man das wohl im
alten England genannt, wo ihre Großeltern väterlicherseits herstammten.
Irgendein Urgroßvater war sogar von irgendeinem König geadelt worden. Oder war
es von einer Königin gewesen?
Alexandra schüttelte den Kopf. Das war doch alles völlig egal. Als ob heute noch
wichtig wäre, was vor über hundert Jahren gewesen war. Aber ihre Familie legte
auf so etwas immensen Wert. Wenn man Alexandra nicht früher immer wieder auf die
immense Ähnlichkeit hingewiesen hätte, die sie mit ihrer Großmutter
väterlicherseits hatte, dann wäre sie sicher gewesen, dass sie als Baby im
Krankenhaus vertauscht worden war.
Das Läuten der Türglocke unterbrach ihre trübsinnigen Betrachtungen. Alexandra
stand auf. Chris musste wohl seinen Hausschlüssel vergessen haben.
Als sie die Tür öffnete standen jedoch nicht Chris und Charlie davor, sondern
die Ärztin, die Doktor Langton gestern vertreten hatte.
„Guten Morgen, Miss Hastings“, sagte die Frau und musterte sie mit einem
seltsamen Blick.
„Guten Morgen“, entgegnete Alexandra verwirrt. „Was…stimmt etwas nicht?“ fragte
sie dann argwöhnisch.
Was wollte die Ärztin, an deren Namen sie sich beim besten Willen nicht erinnern
konnte, von ihr?
„Nun…ich würde gerne mit Ihnen über etwas reden…Darf ich hereinkommen?“
Nun wurde es Alexandra doch etwas mulmig zumute. War doch etwas mit ihr nicht in
Ordnung? Zögernd trat sie zurück und öffnete die Tür etwas weiter, um die andere
Frau eintreten zu lassen. Dann schloss sie diese wieder.
„Danke. Sind Sie alleine?“
„Ja…aber…Was ist denn los?“ Die Sache wurde Alexandra immer unheimlicher.
„Können wir uns irgendwo setzen und uns unterhalten?“
Okay, jetzt bekam Alexandra es wirklich mit der Angst zu tun. Wieso sollte diese
Ärztin ungebetenerweise einen Hausbesuch machen, wenn es sich nicht um etwas
Ernstes handelte?
Alexandra verschränkte die Arme vor der Brust, als wollte sie sich vor dem
schützen, was auf sie zukommen würde.
„Bitte sagen Sie mir einfach, was los ist“, forderte sie, wobei sie versuchte,
ihrer Stimme einen festen Klang zu geben.
Die andere Frau sah sie eine Weile ernst an.
„Miss Hastings, ich habe mir, ehrlich gesagt, Sorgen um Sie gemacht. Gestern bei
der Untersuchung konnte ich nicht übersehen, dass Sie am ganzen Körper
Prellungen haben. Bitte seien Sie mir nicht böse, ich will Ihnen nur helfen.“
Sie machte eine kurze Pause, während der Alexandra versuchte, das Gesagte zu
begreifen.
„Ich muss Sie das einfach fragen, weil Sie möglicherweise auch das Baby in
Gefahr bringen könnten. Schlägt Ihr Freund Sie?“
„Was?“
Alexandra starrte die Ärztin mit offenem Mund an. Das war doch jetzt wohl ein
Witz!
„Nein“, entgegnete sie dann vehement. „Mein Freund würde mich nie schlagen! Die
Prellungen sind vom Training, ich mache Kampfsport. Danke, es ist sehr nett,
dass Sie sich solche Sorgen um mich machen, aber ich versichere Ihnen, es ist
alles in Ordnung.“
„Kampfsport?“
„Ja, Jiu-Jitsu. Der Kerl, der mich ungestraft anrührt, der muss erst noch
geboren werden.“
Die Ärztin sah noch immer nicht ganz überzeugt aus. Alexandra erhaschte aus dem
Augenwinkel einen kurzen Blick auf sich im Garderobenspiegel und unterdrückte
ein Seufzen. Kein Wunder, dass die Frau ihr nicht glaubte. Mit ihren zerzausten
Haaren und dem wunderbaren Veilchen sah sie wirklich aus, als hätte sie vor
kurzem eine Tracht Prügel bezogen.
Miss Hastings…“
Das abermalige Läuten der Glocke unterbrach die Ärztin. Alexandra war heilfroh
darüber, sie wusste noch nicht, ob sie lachen sollte oder der Frau sagen, sie
solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Andererseits war es überaus
fürsorglich von ihr, dass sie sich so um ihre Patienten kümmerte.
Wenigstens hatte Chris das nicht mitbekommen. Er hatte zwar nichts darüber
gesagt, dass sie so lädiert nach Hause gekommen war, aber sie hatte gespürt,
dass er sich Sorgen deswegen gemacht hatte. Sie selbst hatte das gar nicht als
so schlimm empfunden, sie hatte schon Schlimmeres erlebt. Kampfsport war nun
einmal kein Zuckerschlecken.
„Entschuldigen Sie“, sagte Alexandra und ging zur Tür.
Ihr Aussehen hatte sie fast schon wieder vergessen, wurde jedoch gleich wieder
daran erinnert. Der große, bullige Mann, der auf ihrer Veranda stand,
betrachtete sie höchst erstaunt, sein Schnurrbart, der ihn zusammen mit seiner
Statur ein wenig wie ein Walross wirken ließ, zuckte ein paar Mal überrascht.
„Ja bitte?“ Abwartend sah Alexandra den Besucher an. Er füllte fast den ganzen
Türrahmen aus und hätte durchaus einschüchternd gewirkt, sogar auf sie, wenn da
nicht der himmelblaue Jogginganzug gewesen wäre, der sich höchst gefährlich über
dem ausladenden Bauch spannte.
Der Mann räusperte sich und sein Gesicht nahm eine ungesunde rote Färbung an.
„Doktor Hastings?“ fragte er nach einem Blick auf das Praxisschild, das neben
dem Eingang hing.
„Ja, die bin ich. Haben Sie einen Notfall?“ erkundigte sich Alexandra.
Sie hatte den Mann noch nie gesehen, er wirkte irgendwie aufgeregt, und das war
die einzige Erklärung, die ihr für sein Erscheinen einfiel. Wahrscheinlich
benötigte er tierärztliche Hilfe für ein Haustier. Neugierig versuchte sie, um
ihn herum zu spähen, doch seine massige Gestalt machte das schier unmöglich.
Das Gesicht des Mannes wurde noch einen Ton dunkler.
„Einen Notfall? Ob ich einen Notfall habe? Das kann man wohl sagen!“ polterte
der Mann los und trat einen Schritt zurück, um hinter sich zu greifen.
„Gehören die zwei Rumtreiber zu Ihnen?“
Alexandra starrte verblüfft erst den Mann an,
dann Chris und Charlie, die beide einen etwas zerrupften Eindruck machten. Ihr
erster Impuls war, ihre beiden „Männer“ ins Haus zu ziehen und diesem
unsympathischen Individuum die Tür vor der Nase zuzuknallen.
Bevor sie diesem Impuls nachgeben konnte, ließ der Mann Chris los, den er am Arm
gepackt hatte, und zeigte auf Charlie.
„Diese verdammte Straßenkötermischung hat mich gerade ein paar tausend Dollar
gekostet!“ brüllte er und sah Alexandra anklagend an.
„Was hat er denn…“
„Was er getan hat? Er ist über meine Betsy hergefallen! Heute Nachmittag wollte
ich sie zum Decken bringen, eine reinrassige Neufundländerhündin mit Papieren
und Stammbaum! Und dann kommt dieser…dieser…“ Dem Mann stiegen fast die Tränen
in die Augen.
Alexandra warf Chris, der sie unter ein paar wirren, schwarzen Strähnen hervor
schuldbewusst anlugte, einen prüfenden Blick zu. Die raue Behandlung durch den
fremden Hundebesitzer schien ihn nicht aus der Fassung gebracht zu haben. Er war
wohl mehr beunruhigt darüber, wie sie auf diese Entwicklung reagieren würde.
Dann sah sie auf Charlie hinunter, der die Rolle des reuigen Sünders bis zur
Perfektion spielte. Mit hängendem Kopf und hängendem Schweif bot er ein Bild des
Jammers.
Ihr Sinn für Humor drohte die Oberhand zu gewinnen und sie musste sich auf die
Lippe beißen, um nicht laut aufzulachen und diesen himmelblauen Racheengel mit
Walrossbart noch mehr in Rage zu bringen.
„Hören Sie, Mr….?
„Trippet. Waldo Trippet“, schnauzte der Mann.
„Mr. Trippet, wieso kommen Sie nicht herein, dann erzählen Sie mir in aller
Ruhe, was eigentlich passiert ist und…“
„Was passiert ist?“ heulte Mr. Trippet auf. „Dieser unverantwortliche junge
Dummkopf hat diesen…diesen HUND frei laufen lassen! Sie sollten wirklich besser
darauf achten, wen sie für so was anstellen! Diese Jugend von heute hat doch
nichts anderes im Sinn als ihren Spaß. Von Verantwortungsgefühl keine Spur!“
„Mr. Trippet, ich bitte Sie, was ist denn nun tatsächlich mit Ihrer Betty
passiert?“
So wie der Mann sich aufführte, hätte man meinen können, Charlie hätte ihr die
Kehle durchgebissen. Alexandra schwante jedoch etwas ganz anderes.
„BETSY! Mein Baby heißt Betsy! Dieses Monster hat sie geschändet!“
Alexandra beobachtete fasziniert, wie Mr. Trippet’s Gesichtsfarbe sich noch mehr
verdunkelte. Er sah aus, als würde er jeden Moment explodieren. Chris schien
ihre Befürchtung zu teilen, denn er trat vorsichtig ein paar Schritte von dem
Mann weg zu ihr hin und zog dabei Charlie mit sich.
Bevor Alexandra sich überlegen konnte, was sie auf diese Beschuldigung ihres
geliebten Haustieres antworten sollte, wurde sie durch ein leises Räuspern
darauf aufmerksam gemacht, dass Mr. Trippet nicht er einzige Überraschungsbesuch
an diesem Morgen war.
Sie drehte sich zu der Ärztin um, die die Szene mit hochgezogenen Brauen
beobachtete.
„Tut mir leid, ich…“
„Schon gut, Miss Hastings, ich sehe schon, dass Sie im Moment vollauf
beschäftigt sind. Ich breche dann wohl lieber auf.“
Damit ging die Frau, an deren Namen sich Alexandra beim besten Willen nicht
erinnern konnte, zur Tür, die von Mr. Trippet noch immer fast ausgefüllt wurde.
Der Mann trat einen Schritt zur Seite und schien durch die unerwartete
Unterbrechung etwas aus dem Konzept gebracht zu sein.
Bevor die Ärztin jedoch das Haus verließ, wandte sie sich noch einmal um.
„Wenn Sie doch Hilfe brauchen sollten, dann…“
Alexandra schüttelte schnell den Kopf.
„Nein, es ist wirklich so, wie ich es Ihnen gesagt habe. Aber trotzdem Danke für
Ihre Mühe und Ihre Besorgnis.“
Die andere Frau nickte und verabschiedete sich. Alexandra wandte ihre
Aufmerksamkeit wieder dem gerade aktuellen Problem in Gestalt von Mr. Trippet
zu. Den fragenden Blick, den Chris ihr zuwarf, ignorierte sie geflissentlich.
„Mr. Trippet, bitte kommen Sie herein, dann können wir vernünftig miteinander
reden“, bat sie. Und die Nachbarschaft wird von Ihrem Geschrei verschont, fügte
sie im Geiste hinzu.
Inzwischen wusste vermutlich schon die halbe Straße Bescheid, allen voran Mrs.
Appleby. Zu Alexandras Erleichterung ging Mr. Trippet diesmal auf ihren
Vorschlag ein und folgte ihr sogar in die Küche, wo er sich schwer seufzend auf
einen Stuhl sinken ließ, der bedenklich unter seinem Gewicht ächzte.
Als Chris ihnen ebenfalls folgen wollte, winkte Alexandra ab und gab ihm ein
Zeichen, dass sie das mit Mr. Trippet lieber alleine regeln wollte. Er schien
zuerst widersprechen zu wollen, zuckte aber dann resigniert mit den Schultern
und trollte sich mit Charlie im Schlepptau nach oben.
„Nun, Mr. Trippet, wie kann ich wiedergutmachen, was mein Hund angestellt hat?“
***
Eine knappe halbe Stunde später verabschiedete sich auf der Veranda ein halbwegs
besänftigter Mr. Waldo Trippet von Alexandra.
„Ich bringe Ihnen also die Welpen vorbei, wenn sie alt genug sind, und Sie
kümmern sich darum, dass sie ein Zuhause finden, in Ordnung?“
„Genau. Und ich zahle Ihnen ein Drittel von dem, was Sie für ein reinrassiges
Tier bekommen hätten, für jeden davon.“
Darauf hatten sie sich geeinigt. Mr. Trippet hatte sich, als er sich nach einer
guten Tasse Kaffe und dem Verzehr von mindestens der halben Schüssel Cookies
etwas beruhigt hatte, als einigermaßen kooperativer Verhandlungspartner
erwiesen. Er liebte seine Betsy über alles, im Grunde genommen ging es ihm auch
nicht so sehr um das Geld, das er mit ihren Welpen verdient hätte, er hatte sich
mehr auf den Nachwuchs gefreut. Den reinrassigen Nachwuchs. Charlie hatte ihm da
leider einen Strich durch die Rechnung gemacht.
„Na dann…ich rufe Sie an, wenn die Kleinen auf der Welt sind. Dann können Sie
sie sich ja mal ansehen und sich umhören, ob jemand so einen Mischling will.“
Der verächtliche Ton, in dem das Wort „Mischling“ ausgesprochen wurde, kostete
Mr. Trippet wieder einige Sympathiepunkte. Alexandra lächelte gezwungen.
„Oh, ich bin sicher, ich werde genügend Abnehmer finden“, erklärte sie.
Mr. Trippet sah nicht so sehr überzeugt aus. In seiner Welt gab es anscheinend
keine Leute, denen Herkunft und Abstammung egal waren.
„Hm“, brummte er nur. Dann sah er sie mit seinen kleinen Äuglein, die fast
hinter den wulstigen Wangen verschwanden, prüfend an.
„Sie werden doch hoffentlich keinen Ärger mit Ihrem Mann bekommen?“ fragte er
vorsichtig.
„Ärger mit…“ begann Alexandra überrascht, dann hielt sie inne. Natürlich, das
blaue Auge.
„Oh, Sie meinen das hier?“ Sie lachte verlegen und suchte fieberhaft nach einer
Erklärung. Das mit dem Kampfsport konnte sie vergessen, sie hatte schon Mühe
gehabt, diese Ärztin davon zu überzeugen und war sich nicht sicher, ob sie ihr
wirklich geglaubt hatte. Dann hatte sie eine geniale Idee.
„Das war Charlies Schuld. Ich bin über ihn gestolpert und gegen die Türkante
geknallt. Ich bin nicht verheiratet.“
Na ja, wenigstens eine der Aussagen stimmte.
Mr. Trippet schien durchaus geneigt, ihr die Lüge zu glauben. Charlie war für
ihn wohl die Verkörperung des Teufels persönlich. Er kam aber auch wieder in die
Gänge.
„Sehen Sie, dieser Hund ist eine Katastrophe. Das wäre Ihnen mit meiner Betsy
nicht passiert. Sie ist so eine wohlerzogene, anständige Lady. Und dann kommt
dieser…“
Alexandra sah schon einen neuen Schwall wüster Beschimpfungen ihres Lieblings
auf sich zukommen und schnitt Mr. Trippet hastig das Wort ab.
„Mr. Trippet, ich schwöre Ihnen, es tut mir so wahnsinnig leid, dass das
passiert ist.“
„Sie sollten das Biest kastrieren lassen, dann kann so etwas gar nicht mehr
vorkommen“, grollte das himmelblaue Walross. „Und den Jungen ins Gebet nehmen,
dass er in Zukunft besser aufpasst.“
Damit wandte er sich ab und stapfte die Treppen hinunter. Alexandra atmete
erleichtert auf und wartete, bis er in seinen schwarzen Mercedes-Geländewagen
eingestiegen und weggefahren war. Dann ging sie zurück ins Haus und schloss die
Tür energisch hinter sich. Heute würde sie jedenfalls niemandem mehr öffnen,
komme, was da wolle. Es reichte ihr einfach.
„Ist er weg?“
Alexandra sah hoch. Chris und Charlie waren oben auf der Treppe erschienen und
kamen herunter. Charlie rannte schwanzwedelnd auf sie zu und stupste mit seiner
Schnauze verzeihungheischend ihre Hand an. Chris folgte ihm etwas langsamer. Er
sah noch immer äußerst schuldbewusst aus und Alexandra konnte nicht anders. Das
Bild, wie die beiden so geknickt neben dem erbosten Mr. Trippet gestanden waren,
stieg wieder vor ihr auf und sie brach in haltloses Gelächter aus.
„Ihr macht mich noch fertig“, stöhnte sie schließlich, als sie sich endlich
soweit beruhigt hatte, dass sie wieder reden konnte.
Charlie leckte ihre Hand und sie strich ihm über den Kopf. Chris stand vor ihr
und schien nicht so ganz zu wissen, was er tun sollte.
„Hey, das ist doch nicht so wild“, sagte Alexandra und grinste ihn an.
„Willst du das jetzt machen? Charlie kastrieren?“ Chris verzog angewidert das
Gesicht.
Alexandra schüttelte den Kopf. Er hatte es sich anscheinend nicht nehmen lassen
zu lauschen.
„Nein. Ich schnipple doch nicht unnötig an meinem Hund herum. Aber oft sollte es
nicht vorkommen. Sonst macht mich das arm“, scherzte sie und klopfte Charlie auf
die Seite, wobei sie eine kleine Staubwolke produzierte.
„Ich zahl dir das Geld zurück, immerhin ist es ja meine Schuld. Wenn ich besser
aufgepasst hätte…“
„Vergiss das ganz schnell wieder“, widersprach Alexandra energisch. „Charlie ist
mein Hund und ich weiß, wie er ist. Das hätte mir genauso passieren können,
okay?“
Chris presste die Lippen zusammen, doch dann nickte er.
„Okay. Aber…“
„Nein, vergiss es. Und jetzt würde mich interessieren, was eigentlich los war.
Aus dem, was das himmelblaue Wunder da von sich gegeben hat, bin ich irgendwie
nicht ganz schlau geworden.“
***
Sie saßen sich am Küchentisch gegenüber, so wie schon unzählige Male, Chris
hatte die Schüssel mit den Cookies vor sich stehen und bediente sich eifrig
daraus, während er Alexandra auf seine unnachahmliche Chris-Art schilderte, wie
genau denn nun diese „Verhängnisvolle Affäre“ abgelaufen war.
„Mann, ich hatte solche Panik, dass ich Charlie nicht finden würde. Und da hörte
ich plötzlich jemanden schreien. Ich bin zu dem Garten gerannt, wo das Geschrei
herkam und da hab ich zuerst diesen Typen gesehen, der mittendrin stand und wie
wild mit den Armen gefuchtelt hat.“
Chris gestikulierte mit einem Cookie in der Hand um seine Beschreibung zu
verdeutlichen.
„Dann hab ich Charlie gesehen, wie er da auf diesem schwarzen Wuschelhund drauf
war. Ich bin über den Zaun gesprungen…Hey, der Typ ist eigentlich selber schuld,
wenn er sein Grundstück nur einzäunt wie ein Meerschweinchengehege. Hat `ne
Riesenhütte und `nen Zaun drumherum für Zwerge…Jedenfalls bin ich hin und wollte
Charlie von dem anderen Hund runterholen, da ist der Typ noch mehr ausgeflippt
und hätte mir beinahe eine gescheuert.“
Chris nahm einen großen Bissen von seinem Cookie.
„Du kannst Hunde nicht trennen, wenn sie gerade…dabei sind“, warf Alexandra ein.
„Das hab ich aus dem Gebrüll dann auch rausgehört. Jedenfalls hat Charlie eine
halbe Stunde gebraucht, bis er fertig war. Und ich musste mir die ganze Zeit das
Gezetere anhören. Seine Frau ist dann auch noch dazugekommen, die war fast noch
schlimmer“, nuschelte er.
„Geht das überhaupt noch?“ fragte Alexandra amüsiert.
Chris nickte fast andächtig und schluckte den Bissen hinunter, den er im Mund
hatte.
„Stell dir mal vor, da kommt was in der Größe von Mr. Trippet auf dich
zugesegelt, mit `nem rosa Nachthemd, rosa Morgenmantel, rosa Plüschschuhen und
Lockenwicklern im Haar und kreischt, dass dir fast die Ohren wegfliegen.“
Alexandra hatte eine Vision von einem weiblichen Waldo Trippet, ganz in Rosa,
mit winzigen Lockenwicklern in seinem imposanten Schnauzbart und riesigen rosa
Plüschpantoffeln. Ein Kichern entschlüpfte ihr, was ihr einen vorwurfswollen
Blick von Chris einbrachte.
„Jetzt hört sich das vielleicht komisch an, aber mir war da nicht zum Lachen.
Mir klingeln immer noch die Ohren von dem Gekreische. Dauernd haben sie mir
vorgejammert, dass sie ihre Betsy heute zum Decken bringen wollten. Ich wollt
schon sagen, dass sie doch froh sein sollen, dass sie sich das jetzt sparen
können, aber ich glaub, das wär nicht so gut gekommen…“
Chris griff wieder in die Schüssel. Den Appetit hatte ihm der Vorfall jedenfalls
nicht verdorben.
„Tut mir leid“, gluckste Alexandra, noch immer überwältigt von der Vorstellung,
wie eine rosafarbene Mrs. Trippet und ein himmelblauer Mr. Trippet haareraufend
um die beiden Hunde herumgehüpft waren. Und mittendrin ein ratloser Chris.
„Na, und dann wollten sie natürlich wissen, ob Charlie mir gehört und meine
Adresse haben. Ich wollte ihnen schon irgendeinen Blödsinn erzählen, da ist mir
eingefallen, dass sie ja in der Nähe wohnen und vielleicht mal zu dir in die
Praxis kommen könnten. Das wär ziemlich peinlich geworden, wenn sie mich oder
Charlie gesehen hätten. Und da hab ich halt die Wahrheit gesagt, dass Charlie
eigentlich dir gehört und ich nur mit im spazieren gegangen bin.“ Fragend sah
Chris Alexandra an. „Das war doch richtig, oder?“
Alexandra nickte beruhigend.
„Klar war das richtig“, versicherte sie ihm. „Das kriegen wir schon hin.“
„Bringt der uns jetzt echt die Welpen vorbei, wenn sie auf der Welt sind?“
„Ich fürchte ja“, seufzte Alexandra. „Das heißt, wenn sie alt genug sind, um von
ihrer Mutter getrennt werden zu können. Und dann müssen wir uns darum kümmern,
ein gutes Plätzchen für jeden zu finden.“
Chris zog die Stirn kraus und betrachtete nachdenklich das Cookie, das er gerade
aus der Schüssel gefischt hatte.
„Das kann ja heiter werden“, murmelte er. „Das können doch auch zehn Stück sein,
nicht wahr?“
„Ja, können es.“
Chris schien plötzlich ein Gedanke gekommen zu sein, der ihm den Appetit
verdarb, denn er legte das Cookie wieder zurück in die Schüssel. Nachdenklich
kaute er auf seiner Unterlippe herum und setzte ein paar Mal an zu sprechen, nur
um es sich doch wieder anders zu überlegen. Bevor Alexandra ihn jedoch fragen
konnte, was los war, überwand er seine Blockade.
„Du kriegst aber nur eines, oder?“ platzte er heraus.
„Wie, nur eines?“ fragte Alexandra, die seinem Gedankengang nicht ganz gefolgt
war, verblüfft.
„Na, ein Baby.“
Alexandra stellte die Kaffeetasse, aus der sie gerade einen Schluck trinken
wollte, langsam wieder hin. Bisher wusste sie nur, dass sie schwanger war.
Genauere Untersuchungen würde erst ein Gynäkologe machen können.
„Na, das hoffe ich doch“, sagte sie schwach. „Wie kommst du da jetzt eigentlich
drauf? Gab’s in deiner Familie etwa Zwillinge?“
Fieberhaft durchforstete sie ihr Gehirn, ob so ein Fall in ihrer eigenen
Verwandtschaft schon aufgetreten war. Aber auch wenn nicht, eine klitzekleine
Möglichkeit bestand immer und Chris’ Frage ließ schon Schreckensvisionen von
Windelbergen vor ihr aufsteigen.
„Nö, aber…Manchmal passiert das doch, in meiner Klasse in der Schule waren sogar
Drillinge. Mir ist das gerade eingefallen, wegen den Welpen. Mann, da müsste man
ja alles doppelt und dreifach kaufen…und was machst du denn, wenn die alle auf
einmal anfangen zu schreien…“
Chris war bei seinen eigenen Worten erblasst. Die Vorstellung ließ ihn sichtlich
schaudern.
Alexandra starrte ihn einen Moment lang an. Dann fing ihr gesunder
Menschenverstand wieder an zu arbeiten. Chris schaffte es doch immer wieder, sie
aus der Bahn zu werfen. Es war völliger Unsinn, sich über so eine winzige Chance
solche Gedanken zu machen.
„Chris, red keinen Blödsinn“, sagte sie energisch. „Wir kriegen EIN Baby, das
reicht vollauf.“
Hoffnungsvoll sah er sie an.
„Meinst du wirklich?“
Alexandra kämpfte das Bedürfnis nieder, den Kopf auf die Tischplatte knallen zu
lassen.
„Ja“, knirschte sie. „Und jetzt hör auf, von Zwillingen und Drillingen zu reden.
Wir kriegen nur eines.“
Chris atmete sichtlich auf.
„Gott-sei-Dank“, hörte sie ihn vor sich hin murmeln.
Alexandras Irritation war mit einem Mal verschwunden. Er hatte das alles völlig
ernst gemeint. Und jetzt spürte sie auch die Angst, die hinter seiner Fragerei
gesteckt hatte.
Sie stand auf und ging zu Chris hinüber, der mit seinen großen braunen Augen zu
ihr hochsah. Wie hatte sie nur vergessen können, warum sie sich solche Sorgen
darüber gemacht hatte, ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen?
„Komm her“, sagte sie leise und streckte ihre Hand nach ihm aus.
Chris schluckte und stand ebenfalls auf. Alexandra trat noch einen Schritt auf
ihn zu und zog ihn in ihre Arme.
„Wir schaffen das schon“, flüsterte sie, als Chris ihre Umarmung fast
verzweifelt erwiderte.
Zwei Tage später saß Alexandra mit Chris im
Wartezimmer der Frauenärztin, die Mary Jo ihr empfohlen hatte. Die Praxis ihrer
vorherigen Ärztin lag am anderen Ende der Stadt und Alexandra hatte entschieden,
dass es für sie zu unpraktisch und zeitaufwendig wäre, jedes Mal dorthin zu
fahren. Und das würde sie in den kommenden Monaten ja wohl öfter tun müssen.
Mit ihr und Chris saßen noch zwei andere Frauen im Wartezimmer, beide etwa in
den Fünfzigern. Die zwei waren allerdings erst nach ihnen gekommen, also würde
sie die nächste sein, die aufgerufen werden würde.
Alexandra spürte, wie Chris neben ihr unbehaglich auf seinem Stuhl
herumrutschte. Mitzukommen war seine eigene Entscheidung gewesen, aber das hieß
noch lange nicht, dass er sich auch wohl dabei fühlte. Er war das ganze
restliche Wochenende ruhig und in sich gekehrt gewesen, hatte nur wenig geredet
und auch keine Fragen mehr gestellt.
Typisch Chris eben. Immer erst alles mit sich alleine ausmachen. Alexandra war
klar, dass er sich erst langsam an den Gedanken gewöhnen musste, dass sie ein
Kind erwartete, dass er sich Sorgen machte wegen dem, das da auf ihn zukam, aber
es war auch für sie nicht einfach. Solange sie nicht wusste, was in ihm vorging,
konnte sie auch nicht versuchen, ihn zu beruhigen und mit ihm darüber zu reden,
was ihn belastete.
Sie musterte ihn aus dem Augenwinkel. Chris hatte Augenlider gesenkt und sein
ganzes Interesse schien seinen gefalteten Händen zu gelten, die locker in seinem
Schoß lagen. Er seufzte leise.
Alexandra wollte gerade nach seinen Händen greifen und sie ermutigend drücken,
als die Tür aufging und eine der Arzthelferinnen ihren Kopf hereinstreckte.
„Miss Hastings? Dr. Perreiro erwartet Sie.“
„Danke“, sagte Alexandra und stand auf.
Sie warf Chris noch einen kurzen Blick zu.
„Bis nachher“, flüsterte sie, bevor sie der jungen Frau folgte, die sie
aufgerufen hatte.
***
Chris starrte ein paar Sekunden die Tür an, durch die Alexandra gerade
verschwunden war. Zu sagen, dass er sich unwohl und fehl am Platze fühlte, war
untertrieben. Mehr als untertrieben, es war geradezu lächerlich. Er fühlte die
neugierigen Blicke der beiden Frauen, die ihm gegenüber im Wartezimmer saßen,
wie Nadelstiche auf seiner Haut. Sie versteckten es gut hinter vorgetäuschtem
Interesse an den Zeitschriften, in denen sie lasen, doch Chris hatte gemerkt,
dass beide immer wieder zu ihm und Alexandra herüber gesehen hatten. Anscheinend
war ein männliches Wesen im Wartezimmer eines Frauenarztes so etwas wie eine
exotische Rarität.
Um sich von seinem Unbehagen abzulenken, griff er nach einer der Zeitschriften,
die auf einem kleinen Tisch neben seinem Stuhl lagen. Es war ein Ratgeber für
werdende Eltern. Chris schielte zu den beiden Frauen hinüber, die konzentriert
in ihre eigenen Zeitungen vertieft zu sein schienen.
Nun, es konnte ja nicht schaden, mal ein wenig herumzublättern. Immerhin hatte
er ja so gut wie überhaupt keine Ahnung von Babies. Gut, er war selber mal eines
gewesen, aber daran konnte er sich nun beim besten Willen nicht erinnern. Bisher
wusste er nur, dass sie eben klein, laut und immer hungrig waren. So waren ihm
die wenigen Säuglinge, denen er in seinem Leben begegnet war, jedenfalls
vorgekommen.
Aber sich damit vertraut zu machen, dazu hatte er je noch eine ganze Weile Zeit.
Schließlich war da noch Mary Jo, die er fragen konnte. Was Chris eigentlich mehr
beschäftigte, war, was eigentlich in den kommenden Monaten passieren würde.
Genauer gesagt, was in Alexandras Bauch vorgehen würde. Irgendwie war ihm die
Vorstellung, dass da drin ein kleiner Mensch heranwachsen sollte, unheimlich.
Sicher, er hatte das mal in der Schule gelernt, im Sexualkundeunterricht, er
wusste, wie eine Eizelle befruchtet wurde, dass sie sich dann teilte…und wieder
teilte…Aber dafür verantwortlich zu sein, dass so etwas passierte, war etwas
ganz anderes.
Gedankenverloren blätterte Chris in der Zeitschrift. Da gab es Tipps für
Körperpflege, um Schwangerschaftsstreifen zu vermeiden, was ihn im ersten Moment
stutzen ließ, weil ihm unwillkürlich das Bild einer Alexandra mit Zebrastreifen
in den Sinn kam. Nach der Lektüre des betreffenden Artikels seufzte er jedoch
erleichtert auf. Allerdings begann ihm da zu dämmern, dass eine Schwangerschaft
doch mehr beinhaltete, als nur einen dicken Bauch zu bekommen.
Der nächste Artikel, der seine Aufmerksamkeit fesselte, trug die Überschrift
„Sex in der Schwangerschaft“. Chris vergewisserte sich, dass die beiden Frauen
ihm gegenüber mit ihrer eigenen Lektüre beschäftigt waren, dann hob er seine
Zeitschrift etwas an, damit sie nicht sahen, was er da las.
Chris konnte die Tatsache, dass er erst einundzwanzig und gerade erst nach
langem Zögern auf den Geschmack gekommen war, nicht verleugnen und so war es nur
natürlich, dass er sich darüber auch schon Gedanken gemacht hatte. Nicht
besonders intensiv, er war immer noch dabei, die Neuigkeit zu verdauen, dass er
Papa werden würde, aber es war im durchaus in den Sinn gekommen.
Vertieft in den Artikel merkte er nicht, wie eine weitere Frau den Warteraum
betrat und sich dann neben ihn setzte.
„Informierst du dich schon mal vorab für das, was noch werden wird?“
Chris fuhr zusammen und ließ reflexartig die Zeitschrift fallen, die offen auf
dem Boden vor ihm liegen blieb. Ausgerechnet mit den Seiten, die er gerade so
fasziniert studiert hatte. Das Blut schoss ihm in die Wangen, doch bevor er sich
danach bücken oder überhaupt eine geeignete Antwort geben konnte, war ihm seine
neue Nachbarin schon zuvor gekommen.
„Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt hab“, entschuldigte sich Julie und
grinste, bevor sie ihre Augen zurück auf diesen verflixten Artikel richtete.
„Hm, ist ja interessant. Mit `nem dicken Bauch wird das schon etwas
problematisch. Aber die Tipps sind gut.“ Damit tippte sie auf eine Zeichnung.“
Chris spürte, wie sein Gesicht zu glühen begann und fragte sich ernsthaft, ob
man vor Verlegenheit tatsächlich sterben konnte. Wenn ja, dann war er kurz
davor.
„Was…was machst du denn hier?“ krächzte er. Dass sie nicht alleine waren, hatte
er in seinem vorübergehenden Schockzustand völlig vergessen.
Julie zuckte mit den Schultern.
„Routinekontrolle, Pillenrezept besorgen. Ich will ja so schnell nicht vor
solchen Problemen stehen“, sagte sie und wedelte mit der Zeitschrift. „Aber was
machst du hier?“
Chris biss sich auf die Lippe und warf den beiden Frauen, deren Anwesenheit ihm
wieder eingefallen war und die der Unterhaltung aufmerksam zu lauschen schienen,
einen Seitenblick zu. Wieso bloß musste ausgerechnet Julie mit ihrer losen
Klappe und ihrer Ungeniertheit hier hereinschneien?
„Ich warte auf Alex“, murmelte er schließlich.
„Hab ich mir fast gedacht“, kam Julies ironische Antwort. „Aber dass du dich
hier reingetraut hast, Respekt. Das hätte keiner meiner Ex-Freunde gemacht.“
„Nun bringen Sie den armen Jungen doch nicht in solche Verlegenheit“, warf die
ältere der beiden „Zuschauerinnen“ ein. „Das nächste Mal begleitet er seine
Freundin dann nicht mehr. Es ist doch schön, dass die Jugend von heute so offen
ist. Zu meiner Zeit war das noch nicht so. Wenn ich da an meinen Joshua denke…“
Die Frau schüttelte den Kopf, während ihre Nachbarin zustimmend nickte.
„Das stimmt. Mein Mann würde lieber sterben, als mich zum Frauenarzt zu
begleiten.“
Chris konnte es dem Mann nachfühlen. Man kam sich hier ja vor wie unter dem
Mikroskop, nur weil man seine Freundin zu einem Arzttermin begleitete. Hilflos
zappelnd ausgeliefert einer Meute neugieriger Frauen, die anscheinend nichts
Besseres zu tun hatten, als bis ins kleinste Detail die Motivation zu
untersuchen, die einen zu dieser todesmutigen Aktion bewogen hatte.
Bei diesem Gedanken wurde ihm heiß und kalt gleichzeitig. Hoffentlich kam Julie
jetzt nicht auf die Idee, ihn im Scherz zu fragen, ob Alexandra vielleicht
schwanger wäre und er sie deshalb begleitet hatte. Bei ihr musste man mit allem
rechnen. Er glaubte nämlich nicht, dass er in der Lage wäre, das glaubwürdig
abzustreiten. Und Julies Reaktion darauf wollte er nun wirklich nicht hier drin
erleben, nicht unter den wachsamen Augen dieser beiden Frauen, besten Dank aber
auch.
Aber Julie war im Moment mehr damit beschäftigt, besagte Frauen darüber
aufzuklären, dass die Männer sich im Großen und Ganzen nicht viel verändert
hatten.
„Also, ich will Ihnen ja nicht die Illusionen rauben, aber die Typen sind immer
noch so“, erklärte sie mit einer verächtlichen Grimasse. „Klar gibt’s Ausnahmen,
wie das Schätzchen hier“, damit klopfte sie Chris mit der Hand auf den
Oberschenkel, „aber die müssen Sie mit der Lupe suchen.“
Die Aufmerksamkeit von Julies Zuhörerinnen richtete sich wieder auf Chris, der
versuchte, sich so klein und unauffällig wie nur möglich in seinem Stuhl zu
machen. Er fragte sich, wieso ein Mann ohne bestimmten Grund so wahnsinnig sein
sollte, sich einer Situation wie dieser auszusetzen. Die Männer wussten schon,
wieso sie sich kategorisch weigerten, ihre Frauen oder Freundinnen zu begleiten.
„Also ich finde dass ja wirklich süß von Ihnen, dass Sie mit Ihrer Freundin
hergekommen sind“, erklärte die eine Frau und lächelte Chris an. „Und das in
Ihrem Alter.“
Chris lächelte mühsam zurück. Jetzt fand ihn die Alte auch noch süß. Das hatte
ihm gerade noch gefehlt, um seinen Tag perfekt zu machen.
„Nun, der Mann meiner Tochter ist mit ihr auch immer zum Arzt gegangen, als sie
schwanger war. Er hat sich wirklich vorbildlich um sie gekümmert, so aufmerksam
und ein richtiger Gentleman“, verkündete die andere Frau. „Sie können sagen was
Sie wollen, aber die jüngere Generation ist doch anders als unsere Männer es
waren“, fügte sie an Julie gewandt hinzu.
Die zuckte mit den Schultern.
„Na, vielleicht hab ich den Richtigen einfach noch nicht kennen gelernt“, sagte
sie. Dann wurde sie plötzlich ganz still.
Chris, der sie von der Seite beobachtet hatte, hielt das für kein gutes Zeichen.
Eine nachdenkliche Julie gefiel ihm in seiner derzeitigen Situation überhaupt
nicht. Er verfluchte die Frau, die die Bemerkung mit der schwangeren Tochter
gemacht hatte. Das schien Julie nur auf dumme Gedanken gebracht zu haben.
Verflixt, was dauerte denn bei Alexandra bloß so lange? Er fühlte sich, als
würde er hier bei lebendigem Leib seziert. Sie hatte doch gesagt, sie wollte,
dass er bei der Ultraschalluntersuchung, oder wie auch immer das hieß, dabei
war.
Julie räusperte sich und drehte sich abrupt zu ihm um. Dann fixierte sie ihn mit
einem argwöhnischen Blick.
Chris starrte unschuldig zurück. Zumindest hoffte er, dass er diesen Eindruck
vermittelte. Eine Hoffnung, die vergebens zu sein schien.
„Sag mal, Chris…“
Chris blieb bei ihrem eigenartigen Tonfall fast das Herz stehen. Wären er und
Julie alleine gewesen, dann wäre es halb so tragisch gewesen. Immerhin hatte er
am Samstag, als Pat vorbeigekommen war, weil er sich Sorgen um Alexandra gemacht
hatte und wissen wollte, wie es ihr ging, auch einiges an Frotzeleien zu hören
bekommen. Von Julie erwartete er in dieser Beziehung auch nicht viel weniger.
Aber sie waren nicht alleine. Und Chris konnte auf weitere Kommentare der beiden
älteren Frauen, deren Gehirne schon fast hörbar arbeiteten, gut und gerne
verzichten.
„Mr. O’Connor?“
Eine Arzthelferin öffnete genau in dem Moment, als Julie weitersprechen und
vermutlich die verhängnisvolle Frage stellen wollte, die Tür des Wartezimmers.
Chris sprang auf.
„Ja?“ quiekte er erleichtert.
Toll. Er war überzeugt, dass er sich gerade angehört hatte wie ein Teenager im
Stimmbruch.
Die Arzthelferin lächelte ihn warm an.
„Sie sollen zu Miss Hastings kommen“, erklärte sie und hielt ihm die Tür auf,
damit er an ihr vorbei in den Flur hinausgehen konnte.
Chris warf noch einen kurzen Blick auf Julie, die ihn mit einer Mischung aus
Fassungslosigkeit und Amüsement musterte.
„Man sieht sich“, verabschiedete er sich hastig. Den anderen beiden Frauen
nickte er knapp zu.
Bevor sich die Tür wieder schloss, hörte er noch Julies Antwort.
„Worauf du Gift nehmen kannst.“
Chris folgte der jungen Frau zu einem Raum, der
ein Schild mit der Aufschrift „Sonografie“ trug. Als er eintrat, sah er als
Erstes Alexandra, die, mit einem weißen Kittel bekleidet, auf einer Liege saß.
Daneben stand eine große, schlanke Frau mit dunklen, kurzgeschnittenen Haaren in
einem weißen Arztmantel.
Diese Frau kam auf ihn zu und hielt ihm zur Begrüßung ihre Hand hin.
„Hallo. Ich bin Doktor Perreiro. Sie sind also der zukünftige Vater?“
Chris ergriff die Hand und schüttelte sie. Dabei nickte er beklommen und sah zu
Alexandra hinüber, die ihm aufmunternd zulächelte.
„Ja…“ würgte er hervor.
Die Ärztin lächelte ebenfalls.
„Na, dann wollen wir mal „Hallo“ sagen“, erklärte sie und wandte sich zu
Alexandra. „Legen Sie sich bitte zurück und schieben Sie den Kittel nach oben.“
Chris sah zu, wie Alexandra den Anweisungen der Ärztin folgte. Irgendwie kam er
sich total überflüssig vor. Er hatte keine Ahnung, was für eine Reaktion von ihm
erwartet wurde, verflixt, er wusste ja noch nicht mal wohin mit seinen Händen.
Zumindest das Problem löste er dadurch, dass er sie in seine Hosentaschen
steckte. Dann wippte er nervös auf seinen Zehenspitzen hin und her.
„So, und da haben wir auch schon das Kleine….“ ertönte die Stimme der Ärztin und
Chris richtete seinen Blick unwillkürlich auf den Monitor, den die Frau gespannt
beobachtet hatte, während sie mit diesem Ding da über Alexandras Bauch gefahren
war.
Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Eigentlich wusste er in dem Moment, als
er das Bild auf dem Monitor richtig wahrnahm, gar nichts mehr. Das also war das
Resultat dieser fast so verhängnisvollen ersten Liebesnacht, die er mit
Alexandra verbracht hatte.
Man konnte eindeutig erkennen, dass das auf dem Schwarzweißbild auf dem
Bildschirm ein Baby war. Chris trat unwillkürlich einen Schritt näher. Das war
ja schon ein richtig kleiner Mensch, mit allem was dazugehörte!
Rechts oben war das Köpfchen, an das sich der Körper mit den winzigen Gliedmaßen
anschloss. Sogar die Fingerchen waren schon entwickelt und deutlich zu sehen.
Chris konnte gerade noch mal so dem Drang widerstehen, den Bildschirm zu
berühren und die Konturen des Baby, SEINES Babys, nachzufahren
Er fühlte, wie all die Anspannung und Nervosität der letzten Stunden und Tage
von ihm abfiel und etwas anderem Platz machte. Vergessen waren Julie und die
peinliche Situation im Wartezimmer. Vergessen waren all seine Ängste und
Zweifel, ob er in der Lage sein würde, ein guter Vater zu sein und für Alexandra
und das Kind, das bis zum jetzigen Zeitpunkt für ihn etwas völlig Abstraktes und
Surreales gewesen war, so da zu sein, wie sie es verdienten.
Chris wurde plötzlich ganz ruhig. Er hätte das Gefühl, dass ihn in diesem Moment
durchströmte, nicht genau beim Namen nennen könne, wenn man ihn gefragt hätte.
Aber es musste so etwas Ähnliches wie Ehrfurcht sein. Ehrfurcht vor dem Wunder
des Lebens. Das kleine Wesen, das da auf diesem Monitor zu sehen war, befand
sich tatsächlich in Alexandras Bauch und er hatte dazu beigetragen, dass es
entstanden war. Es war genauso ein Teil von ihm wie von Alexandra.
Er schluckte. Das Baby wirkte so winzig, so verletzlich…Und in ein paar Monaten
schon würde es auf die Welt kommen, hilflos, und auf ihn und Alexandra
angewiesen. Angewiesen auf ihre Liebe und Fürsorge.
Seine eigene Kindheit fiel Chris wieder ein. Seine Eltern hatte nicht besonders
viel Geld gehabt, andere Kinder hatten mehr Spielsachen und schönere Kleidung
gehabt, doch er hatte sie nie beneidet. Denn er hatte etwas besessen, das viele
seine Spielkameraden nicht gekannt hatten. Die uneingeschränkte Liebe und
Aufmerksamkeit seiner Eltern. Er war nicht verhätschelt worden, aber er hatte
sich immer geborgen und geliebt gefühlt, egal was er angestellt hatte.
In diesem Augenblick schwor sich Chris, dass er sein Kind mit der gleichen Liebe
und Aufmerksamkeit großziehen würde. Er würde es mit seinem Leben behüten und
beschützen.
Der Anblick des Babys auf dem Monitor übte eine unwahrscheinliche
Anziehungskraft auf Chris aus. Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon hier
stand und dieses Bild bestaunte. Es war ja im Grunde genommen egal, er hätte es
stundenlang ansehen können.
Dann jedoch erschrak er. Das war doch jetzt nicht wirklich, oder?
„Das bewegt sich ja…“ flüsterte er andächtig und seine Augen weiteten sich
voller Unglauben. Er sah zu Alexandra hinüber, die ihn zu beobachten schien. Die
stumme Botschaft, die er in ihrem Blick lesen konnte, raubte ihm eine Sekunde
lang den Atem.
***
Alexandra hatte in etwa gewusst, was sie zu sehen bekommen würde, Mary Jo hatte
ihr während ihrer Schwangerschaften immer ihre Ultraschallbilder gezeigt, doch
als sie ihr Baby zum ersten Mal auf diesem Monitor erblickt hatte, war es für
sie ein fast magischer Moment gewesen. Sie hätte nie gedacht, dass sie so fühlen
würde, nicht mit ihrer eigentlich eher nüchternen Einstellung.
Doch nun hatte sie einen Kloß in der Kehle. Es war einfach unglaublich. Völlig
unbemerkt von ihr war dieser Winzling in den vergangenen drei Monaten in ihr
herangewachsen. Wenn sie daran dachte, dass sie in dieser Zeit mit dem
regelmäßigen Kampfsporttraining begonnen hatte, dass sie dieses Baby dadurch
hätte verlieren können…Die Vorstellung jagte ihr einen eisigen Schauer über den
Rücken.
Sie sah zu Chris, der neben der Liege stand und wie gebannt auf den Bildschirm
starrte. Gott, wie sehr sie diesen Jungen doch liebte…
Dann drehte er plötzlich den Kopf zu ihr. Sein Gesicht war fassungslos und seine
riesigen braunen Augen schimmerten verräterisch.
„Das bewegt sich ja…“
Es dauerte einen Augenblick, bis Alexandra registrierte, was er da gesagt hatte,
und sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Monitor zuwenden konnte. Tatsächlich, das
Baby bewegte sich. Es wedelte mit einem Ärmchen, dann legte es die Hand an den
Mund.
„Was…was macht es denn da?“ fragte Chris atemlos.
„Vielleicht versucht es, am Daumen zu nuckeln, das tun sie manchmal“, erklärte
die junge Ärztin. „So wie es aussieht, ist alles bestens entwickelt, die Größe
ist normal…Keinerlei Auffälligkeiten. Wir brauchen uns also keine Sorgen zu
machen.“
Alexandra atmete erleichtert auf. Sie hatte Doktor Perreiro gleich zu Beginn von
ihren sportlichen Aktivitäten erzählt, damit nicht wieder irgendwelche
Missverständnisse aufkamen. Die Ärztin hatte im ersten Moment etwas besorgt
ausgesehen, ihr aber gleich darauf versichert, dass vermutlich mit dem Baby
dennoch alles in Ordnung war. Allerdings würde sie auf ihren geliebten Sport bis
nach der Geburt verzichten müssen.
Das war Alexandra vorher schon klar gewesen. Sie hatte mit Pat bereits das
Nötige besprochen, er würde sich einen anderen Aushilfstrainer suchen.
Vielleicht konnte er ja doch einen der anderen Schwarzgurte dazu überreden.
Doktor Perreiro zoomte das Bild ein wenig heran und erklärte noch ein paar
Einzelheiten. Alexandra teilte dabei ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Monitor,
den Erläuterungen und Chris. Er hatte die Arme um seinen Oberkörper geschlungen
und war völlig in die Geschehnisse auf dem Bildschirm vertieft.
Das Baby bewegte sich jetzt stärker, als spürte es, dass es von seinen
zukünftigen Eltern beobachtet wurde, trat mit seinen Füßchen oder sah aus, als
würde es den Mund öffnen und schließen. Man konnte fast meinen, es wolle auch
„Hallo“ sagen.
Die Faszination, mit der Chris den Monitor beobachtete, war fast mit den Händen
greifbar. Er stand ganz still, als hätte er Angst, eine rasche Bewegung oder ein
Laut könnten das Baby erschrecken.
In dem Moment wusste Alexandra, dass alle ihre Ängste wirklich und wahrhaftig
umsonst gewesen waren. Chris würde sie niemals verlassen. Er war ein Mensch, der
zu seinem Wort stand, der loyal war und wenn er sich einmal für etwas
entschieden hatte, dann änderte er seine Meinung nie wieder.
Dieses Kind würde für ihn keine Belastung sein. Nicht einmal jetzt und in der
nahen Zukunft, wo er noch stark mit den Schatten seiner Vergangenheit zu kämpfen
haben würde. Es würde ihm helfen, zu vergessen.
Mit einem Mal war Alexandra froh, dass alles so gekommen war. Hätte sie sich
irgendwann einmal dafür entscheiden müssen, ob sie denn nun ein Kind wollte oder
nicht, dann wäre die Entscheidung möglicherweise nicht positiv ausgefallen. Dazu
liebte sie ihre Unabhängigkeit zu sehr. Nun war ihr das aus der Hand genommen
worden und es war in Ordnung so.
„So, ich denke, das wäre es für heute. Sie möchten sicher noch einen Ausdruck
von dem Ultraschallbild, nicht wahr?“
Die Stimme der Ärztin riss Alexandra aus ihren Betrachtungen.
„Ja, natürlich“, entgegnete sie.
Nachdem das Bild ausgedruckt war, schaltete Doktor Perreiro das Gerät aus. Chris
starrte noch ein paar Sekunden den nun dunklen Monitor an, dann drehte er sich
zu Alexandra um, die sich inzwischen aufgesetzt hatte.
„Das ist einfach unglaublich“, wisperte er. „Ich hätte nicht gedacht, dass es
schon so…so fertig ist.“
„Das geht allen werdenden Eltern beim ersten Baby so“, sagte die Ärztin mit
einem Schmunzeln. „Sie können sich dann anziehen. Danach sehen wir uns drüben in
meinem Büro“, fügte sie an Alexandra gewandt hinzu.
Wenige Minuten später saßen Alexandra und Chris
in dem kleinen Büro. Chris hatte Alexandras Hand ergriffen und schien sie nicht
mehr loslassen zu wollen. Seine Augen glänzten noch immer verdächtig feucht. Er
hatte kaum gesprochen, während er darauf gewartet hatte, dass Alexandra sich
hinter dem Paravent im Ultraschallraum umzog.
Die junge Ärztin zog eine Broschüre aus einer Schreibtischschublade, die sie
Alexandra reichte.
„Hier drin ist alles ziemlich gut beschrieben, worauf Sie in Zukunft achten
sollten, Ernährung, Bewegung…Sollte Ihnen irgendetwas ungewöhnlich vorkommen,
wenn Sie Schmerzen haben oder Blutungen, dann kommen Sie bitte sofort in die
Praxis. Haben Sie sonst vielleicht noch Fragen?“
Alexandra betrachtete die Broschüre in ihrer Hand. Fragen hatte sie sicherlich
noch, nur fiel ihr im Moment keine einzige ein.
„Sie sind Tierärztin?“ erkundigte sich Doktor Perreiro nach einem Blick auf die
Karteikarte.
Alexandra nickte.
„Nun, Sie sollten in Zukunft auf jeden Fall vorsichtig sein, bei Untersuchungen
und Behandlungen generell Handschuhe und Mundschutz tragen, um das Risiko zu
minimieren, sich bei Ihren Patienten mit irgendetwas anzustecken. Und schwerere
Tiere auf keinen Fall hochheben.“
„Das wäre gefährlich für das Baby, nicht wahr?“ fragte Chris leise. Den Blick,
den er Alexandra dabei zuwarf, ließ diese Böses ahnen.
„Nicht unbedingt, aber wir wollen ja nichts riskieren. Gegen bestimmte
Krankheiten sind Sie vermutlich schon immun, das werden wir anhand der
Blutuntersuchung feststellen können. Sobald das Ergebnis da ist, werden wir uns
bei Ihnen melden.“
Alexandra musste zugeben, dass sie dieses Gespräch vielleicht doch lieber
alleine mit der Gynäkologin hätte führen sollen. Wenn Chris sich an ihrem
Verhalten nach seinem Selbstmordversuch ein Beispiel nehmen würde, dann konnte
sie sich möglicherweise auf etwas gefasst machen. Obwohl sie damals so schlimm
auch nun wieder nicht gewesen war, fand sie.
Nachdem keine weiteren Fragen mehr auftauchten, verabschiedeten sie sich von
Doktor Perreiro und gingen zur Rezeption, um sich den nächsten Termin für die
Kontrolluntersuchung geben zu lassen. Alexandra fiel auf, dass Chris immer
wieder unruhig zur Wartezimmertür hinüberschielte.
Sie verzichtete darauf, ihn nach dem „Warum“ zu fragen, sondern steuerte
zielstrebig auf besagte Tür zu, nachdem sie ihren Terminzettel in ihrer
Handtasche verstaut hatte. Chris folgte ihr zögernd.
Im Wartezimmer saß noch eine der beiden Frauen von vorher. Alexandra griff nach
ihrer Jacke und zog sie an, während Chris das Gleiche tat.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Alexandra, wie die Frau erst sie und dann Chris mit
einem merkwürdig prüfenden Blick musterte. Dann schüttelte sie fast unmerklich
den Kopf.
Alexandra musste nicht fragen, was das heißen sollte. Eigentlich hatte sie mit
solchen Reaktionen gerechnet, war darauf vorbereitet. Das einzige, was sie
wunderte, war, dass sie nich schon öfter offen damit konfrontiert worden war.
Chris war nun einmal jünger als sie, auch wenn sie selbst nicht wie
siebenundzwanzig aussah, wirkte er doch im Grunde genommen noch wie ein
Teenager. Und diese Kombination musste bei weniger toleranten Menschen, die
Chris’ wahres Alter nicht kannten, Unverständnis auslösen.
Vielleicht war das der Grund für Chris’ Unbehagen gewesen. Er hatte diese
Missbilligung wahrscheinlich vorhin, als er allein im Wartezimmer gewesen war,
subtil zu spüren bekommen. Alexandra drehte sich zu ihm um.
„Gehen wir?“ fragte sie betont gut gelaunt.
Chris nickte nur. Mit einem kurzen Abschiedsgruß verließen sie das Wartezimmer.
Auf der Heimfahrt redeten sie nicht viel, jeder hing seinen eigenen Gedanken
nach. Alexandra wusste, dass Chris zu ihr kommen würde, wenn er die Eindrücke
und Ereignisse dieser letzten Stunde verarbeitet hatte, darum machte ihr sein
Schweigen keine großartigen Sorgen. Sie hoffte nur, dass er sich vom Verhalten
dieser Frau nicht hatte beeindrucken lassen.
***
Nachdem Alexandra die Tür geöffnet hatte, sprang Charlie auch schon japsend an
ihr hoch.
„Ja, schon gut, ich weiß, du willst Gassi gehen“, versuchte sie den aufgeregten
Hund zu beruhigen. „Zu Befehl.“ Sie drehte sich zu Chris um. „Gehen wir gleich?“
„Ich mach schon“, antwortete dieser. „Bleib du hier und ruh dich aus.“
Aha, es fing also schon an. Alexandra musste aber zugeben, dass sie wirklich
müde war. Nicht nur von dem anstrengenden Arbeitstag, sondern weil sie heute
Nacht auch nicht besonders gut geschlafen hatte. Also nahm sie Chris’ Angebot
dankend an.
„Ich mach inzwischen was zum Abendessen“, erklärte sie, während sie ihre Jacke
an die Garderobe hängte und Chris die Hundeleine reichte.
„Pass auf ihn auf, nicht dass wir noch mehr Alimente zahlen müssen“, scherzte
sie und gab Chris einen sanften Abschiedskuss.
„Ich lass Charlie bestimmt nicht mehr aus den Augen“, schwor Chris, bevor er
sich von dem struppigen Missetäter aus dem Haus hinausziehen lies.
Mit einem Lächeln auf den Lippen schloss Alexandra die Tür hinter den beiden.
Dann ging sie in die Küche. Es war bereits dunkel. Immerhin, es war Anfang
Dezember und Weihnachten stand vor der Tür. Alexandra konnte kaum glauben, dass
das Jahr bald zu Ende sein würde. So viel war passiert…
Sie öffnete den Kühlschrank und sah hinein. Besonders viel war nicht drin, sie
hatten am Wochenende völlig vergessen, einzukaufen. Nun, dann musste eben eine
von Chris’ geliebten Fertigpizzas herhalten. Etwas Salat hatte sie noch, also
wäre zumindest für die Vitamine gesorgt.
Alexandra hatte gerade den Backofen eingeschalten, als es an der Tür klingelte.
Chris konnte es nicht sein, sie wusste, dass er seinen Schlüssel dabei hatte.
Außerdem dauerte Charlies Abendrunde doch etwas länger als die paar Minuten. Ein
Notfallpatient?
Zu Alexandras Verblüffung war es jedoch ein bekanntes Gesicht, das sie im Schein
der Außenlampe angrinste, nachdem sie die Tür aufgemacht hatte.
„Hallo Alex.“
„Julie? Das ist ja `ne Überraschung.“
Alexandra ließ ihre Freundin herein.
„Ach, ich hab dich ja schon `ne Weile nicht gesehen und da dachte ich, ich schau
mal vorbei“, erklärte Julie mit einem schelmischen Lächeln, das Alexandra leicht
zu irritieren begann.
„Hey, das ist nett…“ entgegnete sie etwas ratlos.
Wieso bloß grinste Julie wie ein Kater, der gerade den Kanarienvogel verspeist
hatte?
„Och, ich bin halt ein netter Mensch…Ist Chris auch da?“
„Nein, der ist gerade mit Charlie spazieren. Julie, wolltest du was Bestimmtes
oder warst du nur eben mal so in der Gegend?“
Das Grinsen schien irgendwie auf Julies Gesicht festgewachsen zu sein. Alexandra
wurde es geradezu unheimlich.
Julie lehnte sich an das Treppengeländer und ließ ein Ende ihres knallroten
Schals, den sie um den Hals trug, wie ein Lasso rotieren.
„Ach weißt du…beides eigentlich. Ich war vorhin bei meiner Ärztin, und da hab
ich diesen netten, schwarzhaarigen Jungen im Wartezimmer getroffen, der gerade
eingehend einen ziemlich interessanten Artikel in einer Zeitschrift für werdende
Eltern studiert hat…“ Julie sah betont gelangweilt zur Decke. „Und dann hat ihn
so eine nette Arzthelferin rausgerufen, dass er zu seiner Freundin kommen soll.“
Julie ließ ihren Schal los und verschränkte die Arme.
„Ist es das, was ich denke?“ fragte sie sanft.
Alexandra schluckte. Darum also war Chris in der Arztpraxis so unruhig gewesen.
Dann nickte sie langsam.
„Ja“, sagte sie. „Ich bin schwanger.“
Im nächsten Moment wurde sie so heftig umarmt, dass sie beinahe ins Taumeln kam.
„Ich wusste es, ich wusste es, ich wusste es“, quietschte Julie. Dann wich sie
ein wenig zurück. „Du freust dich doch, oder?“
Alexandra presste die Lippen zusammen. Dann sah sie in Julies leuchtende Augen.
Was Frauen nur immer so toll daran fanden, wenn andere Frauen schwanger waren?
Schließlich begann sie zu lächeln.
„Ja, inzwischen schon“, gestand sie. „Anfangs war es ein Schock, aber langsam
fange ich an, mich zu freuen.“
Und das war die Wahrheit. Der Wendepunkt war heute in dieser Praxis gekommen,
als sie ihr Baby zum ersten Mal gesehen hatte – und Chris bei seiner ersten
„Begegnung“ damit beobachten konnte.
„Und Chris? Was sagt der dazu?“ fragte Julie gespannt.
Alexandra zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube, er freut sich auch…obwohl es ihn schon ziemlich umgeworfen hat.“
Julie nickte weise.
„Na ja, kann ich mir vorstellen. Erst hat er gar niemanden, und dann hat er
plötzlich eine kleine Familie. Wird er haben…“ verbesserte sie sich. „Die kleine
Maus wird Daddy…nicht zu fassen.“ Julie begann wieder zu grinsen.
Just in diesem Moment war das Geräusch eines Schlüssels zu hören und eine
Sekunde später betrat besagte „kleine Maus“ den Flur.
Verwundert beobachtete Alexandra, wie Chris bei Julies Anblick erblasste. Was
war denn zwischen den beiden vorgefallen? Hatte Julie mal wieder ihr loses
Mundwerk nicht im Zaum gehalten und Chris in irgendeine tödliche Verlegenheit
gestürzt?
„Hey Julie“, murmelte Chris nur und bückte sich, um Charlie die Leine
abzunehmen.
„Wie ich höre, darf man ja wirklich gratulieren. Hättest du mir vorhin echt
sagen können, dass du den Artikel aus aktuellen Gründen so faszinierend gefunden
hast.“
Julie schien die ganze Sache immensen Spaß zu machen. Als Chris wieder hochkam,
hatte er einen knallroten Kopf.
„Ich…ähm…“ stammelte er. „Entschuldigt bitte…“
Damit drängelte er sich an Julie und Alexandra vorbei und eilte nach oben.
Alexandra sah ihm stirnrunzelnd nach. Dann wandte sie sich an ihre Freundin.
„Sag mal, was war das denn eben? Was war das für ein Artikel?“
„Frag ihn lieber selber“, entgegnete Julie mit vor Vergnügen funkelnden Augen.
Dann wurde sie wieder ernst. „Nein, ehrlich. Ich schätze, da wirst du früher
oder später sowieso mit ihm reden müssen, weil er vielleicht nicht weiß, wie er
sich jetzt verhalten soll.“
„Danke für die aufschlussreiche Erklärung“, sagte Alexandra trocken. Es war ihr
ein absolutes Rätsel, worum es bei der ganzen Sache ging. Konnte Julie sich denn
nicht deutlicher ausdrücken? Dann hätte sie zumindest gewusst, wo sie bei Chris
einhaken musste, um ihn zum Reden zu bringen.
„Glaub mir, du wirst mir noch dankbar sein, dass ich dich mit der Nase
draufgestoßen habe.“
Da war das Grinsen wieder.
„Ach ja?“
„Bestimmt. Und jetzt muss ich los, in einer Stunde fang ich an zu arbeiten und
ich sollte mich noch umziehen. Mach’s gut Alex.“
Julie umarmte ihre Freundin zum Abschied. Alexandra erwiderte die Umarmung.
„Nicht mal ein kleiner Tipp?“ fragte sie, als Julie schon draußen auf der
Veranda stand.
„Frag ihn einfach“, gab Julie zurück und winkte ihr zum Abschied zu.
Ein paar Stunden später lag Alexandra mit Chris
im Bett und blätterte in dem Heft, das sie von Doktor Perreiro bekommen hatte.
Es gab darin Kapitel über die richtige Ernährung, was man besser vermeiden
sollte, der Entwicklung des Babys im Mutterleib waren einige Seiten mit
Bildmaterial gewidmet….
Doch Alexandra konnte sich nicht so recht darauf konzentrieren. Die Frage, was
Chris denn da im Wartezimmer gelesen und worüber Julie sich so amüsiert hatte,
ließ sie einfach nicht los. Wenn sie es nicht bald herausfand, dann würde sie
heute Nacht nicht schlafen können.
Chris lag neben ihr und sah ihr zu, wie sie in der Zeitschrift blätterte. Kurz
nachdem Julie weggegangen war, war er heruntergekommen. Er hatte sie merkwürdig
unsicher angesehen, als er zögernd die Küche betreten hatte. Das hatte
Alexandras Neugier nur noch mehr angefacht. Sie hatte sich jedoch
zurückgehalten, wollte abwarten, ob Chris eventuell doch von selber anfangen
würde.
Er war jedoch den ganzen Abend über eigenartig ruhig gewesen und war ihr
ausgewichen. Jetzt hatte er sich auf einen Ellbogen aufgestützt und zupfte
abwesend an einer ihrer Locken herum.
Okay, jetzt reichte es. Wenn sie nicht sofort erfuhr, was in seinen
Gehirnwindungen vor sich ging, dann würde sie vor Neugier und Sorge platzen.
Alexandra schloss das Heft und warf es auf dem Boden neben dem Bett. Dann drehte
sie sich zu Chris.
„Und?“ fragte sie. „Du bist schon die ganze Zeit so still. Was ist los?“
Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, dachte sie sich. Früher oder später
würde sich schon die Gelegenheit ergeben, das Gespräch auf Julie zu bringen.
Chris holte tief Luft.
„Ich weiß auch nicht…Das heut Nachmittag…Es ist einfach total irre….“ entgegnete
er leise mit gesenkten Augenlidern.
„Stimmt.“
Alexandra lächelte und legte ihre Hand auf Chris’ Wange. Er drehte leicht den
Kopf und küsste ihre Handfläche. Dann sah er sie an.
„Spürst du es eigentlich? Das Baby, meine ich?“
Alexandra nickte. Jetzt, wo sie es wusste, darauf achtete, konnte sie manchmal
etwas fühlen, das vorher nicht dagewesen war.
„Ja“, entgegnete sie. „Ich kann es nicht genau beschreiben…Es ist nur flüchtig,
man merkt es nur, wenn man sich darauf konzentriert.“ Sie überlegte angestrengt,
wie sie dieses Gefühl beschreiben sollte. „Es ist ganz sanft, nur ein Hauch, wie
das Schlagen von Schmetterlingsflügeln…“
Chris betrachtete sie aufmerksam.
„Du hast das vorher wirklich nicht gemerkt?“
Alexandra schüttelte den Kopf.
„Nein. Und wenn da was war, dann hab ich vermutlich geglaubt, ich hätte
irgendwas Verkehrtes gegessen“, versuchte sie zu scherzen. „Schöne
Magenverstimmung.“
Chris schwieg eine Zeitlang, während der er wieder an ihren Haaren herumspielte.
„Alex?“
„Ja?“
„Kann ich…?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Alexandra verstand, was er meinte. Dann
lächelte sie und hob die Decke.
„Sicher“, sagte sie. „Du brauchst doch nicht zu fragen, ob du mich anfassen
darfst.“
Chris zögerte noch einen Moment, dann schob er vorsichtig eine warme Hand unter
ihr Shirt. Dort ließ er sie dann auf ihrem Bauch liegen.
„Meinst du, ich kann es auch spüren?“ fragte er scheu.
„Ich weiß nicht…ich hab’s ja selber bis vorgestern nicht gespürt“, entgegnete
Alexandra zweifelnd. „Wahrscheinlich dauert es noch ein paar Wochen, bis du mal
einen Tritt abbekommst.“
Chris’ Gesicht nahm einen konzentrierten Ausdruck an. Alexandra fühlte, wie er
seine Hand ein klein wenig fester auf ihren Bauch presste. Dabei schloss er die
Augen.
So verharrte er mehrere Minuten und Alexandra konnte ihn in Ruhe beobachten. Er
war einfach unglaublich. So viel Schlimmes hatte er durchmachen müssen und
dennoch hatte er seine Fähigkeit zu lieben nicht verloren. Wie stark musste ein
Mensch in seinem Inneren sein, um an diesen traumatischen Erfahrungen nicht
völlig zu zerbrechen oder in blinder Wut und blindem Hass nicht um sich zu
schlagen?
Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, Chris ganz nahe zu sein, sich zu versichern,
dass das alles hier kein Traum war. Sie hob den Kopf und hauchte einen zarten
Kuss auf seine Lippen.
Chris öffnete die Augen und sah sie an.
„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“ flüsterte Alexandra.
Sie sah, wie er schluckte und hob die Hand, um ihm eine Strähne, die ihm über
die Augen gefallen war, zur Seite zu streichen.
„Alex, ich…ich hab nicht gewusst, wie sehr ich DICH liebe, bevor ich dachte, ich
würde dich verlieren…“ flüsterte Chris. „Ich glaub, ich wäre einfach mit dir
gestorben…“
Bei diesen Worten blieb Alexandra fast die Luft weg. Auf diese Art und Weise
hatte ihr noch niemals jemand ein Liebesgeständnis gemacht. Es war einfach so
typisch Chris…Alles mit ein paar Worten auf den Punkt gebracht.
„Oh Baby“, sagte sie leise und zog ihn in ihre Arme. Sie würde ihn niemals
wieder hergeben.
Eng aneinandergeschmiegt lagen sie da, dann wich Alexandra etwas zurück. Sie
streichelte Chris’ Wange und näherte ihre Lippen seinem leicht geöffneten Mund.
Chris erwiderte den Kuss erst sanft und zögerlich, dann mit etwas mehr
Begeisterung.
Alexandra schloss die Augen und gab sich ganz ihren Gefühlen hin. Vergessen
waren Julies mysteriöse Andeutungen und der Wunsch, herauszufinden, was es damit
auf sich hatte. Sie drängte sich an Chris, wollte ihm einfach nah sein, so nah
wie nur irgend möglich…
***
Chris hielt Alexandra in seinen Armen, genoss es, ihre Wärme durch die dünne
Kleidung zu spüren. Der Kuss wurde immer intensiver, er spürte, wie sein Körper
sich langsam aufheizte, wie sich die Hitze in seinem Schoß fast schmerzhaft zu
sammeln schien.
Chris’ Atem beschleunigte sich. Lieber Gott, Alexandra schaffte es, ihn
innerhalb von wenigen Sekunden total wuschig zu machen.
Er spürte, wie sie ihre Hände unter sein T-shirt schob und ihm sanft über den
Rücken zu streicheln begann. Sie hatte ihn halb über sich gezogen, sein
Oberschenkel lag zwischen ihren Beinen und sie begann, sich rastlos zu winden.
Chris unterbrach den Kuss, um nach Luft zu schnappen. Dabei sah er auf Alexandra
hinunter, die seinen Blick unter halbgesenkten Augenlidern erwiderte. Ihre
Lippen glänzten, sie fuhr sich mit der Zungenspitze darüber und stöhnte leise.
„Chris, bitte….“
Er beugte sich zu ihr hinunter und verteilte kleine, zarte Küsse auf ihrem Hals,
bevor er an ihrem Ohrläppchen zu knabbern begann. Alexandra keuchte auf, das war
eines der vielen kleine Dinge, die er in den vergangenen beiden Wochen
herausgefunden hatte. Damit konnte er sie völlig verrückt machen.
Ungeduldig begann Alexandra, an seinem T-Shirt zu zerren. Chris tat ihr den
Gefallen und setzte sich auf, um es auszuziehen. Alexandra sah ihm zu, in ihren
Augen konnte er unverhüllte Sehnsucht lesen. Es war immerhin schon ein paar Tage
her, dass sie…
Alexandra hatte sich ebenfalls ihres Pyjamaoberteils entledigt und umarmte ihn,
wobei sie ihn wieder stürmisch zu küssen begann. Die Erinnerung an den Grund,
warum sie diese Zwangspause eingelegt hatten, begann für Chris in einem Nebel
aus Leidenschaft und Liebe zu versinken.
Er fühlte sich, als wäre er in einem Kokon eingesponnen, in dem die Außenwelt
aufgehört hatte zu existieren, in dem es nur ihn und Alexandra gab und ihre
Liebe zueinander. Nichts und niemand konnte ihnen hier etwas anhaben, hier war
kein Platz für die Grausamkeit und Hässlichkeit der Welt.
Irgendwann trennte ihn kein störendes Stück Stoff mehr von Alexandra. Die Stille
des Raumes wurde nur von ihren Atemzügen und zärtlichen, geflüsterten Worten
durchbrochen.
Chris konnte nicht mehr länger warten. Fragend sah er Alexandra an, die ihm mit
einem unmerklichen Nicken zu verstehen gab, dass es ihr genauso ging, dass sie
ihn jetzt auf der Stelle wollte.
Er stützte sich mit beiden Armen auf, um sein Gewicht selbst zu halten, während
er zwischen ihre Beine glitt. Dann drang er unendlich vorsichtig in Alexandra
ein, die den Kopf mit einem leisen Stöhnen in den Nacken warf und ihre Finger in
seine Arme krallte.
Sie schien keinen Sinn für seine Vorsicht zu haben. Mit einem leisen Stöhnen,
das fast wie ein Schluchzen klang, drängte sie sich im heftig entgegen und
schlang ihre Beine um seine Hüften, um ihn tiefer in sich aufzunehmen.
Chris sog scharf den Atem ein. Alexandra machte es ihm fast unmöglich, sich so
zurückzuhalten, wie er es sich vorgenommen hatte. Sie wand sich unter ihm, mit
geschmeidigen, katzenhaften Bewegungen, die ihm die Beherrschung zu rauben
drohten.
„Chris….“ flehte sie erstickt und ließ ihn damit all seine Vorsätze über den
Haufen werfen.
Er fühlte sich, als würde er von innen heraus verglühen, als er begann,
Alexandras Rhythmus aufzunehmen, sich an ihr Tempo anzupassen. Gegenseitig
trieben sie sich immer mehr an, immer weiter, bis Alexandra sich mit einem
lauten Schrei aufbäumte und mit ihren Fingernägeln eine brennende Spur über
seine Rücken zog.
Das genügte, um Chris ebenfalls zum Höhepunkt zu bringen. Er keuchte erstick t
auf und drang ein letztes Mal tief in Alexandra ein. Auf die Ellbogen gestützt
lag er dann auf ihr, sein Atem ging in schnellen Stößen und sein Herz raste wie
verrückt.
„Wow“, hörte er Alexandra an seinem Ohr flüstern.
Chris hätte ihr gerne beigepflichtet, doch dazu war er wegen akuten
Sauerstoffmangels im Moment nicht in der Lage. Er vergrub sein Gesicht in
Alexandras Halsbeuge und versuchte, seinen Atemrhythmus wieder etwas zu
normalisieren.
Alexandras Duft umhüllte ihn wie eine weiche, warme Daunendecke. Sie roch nach
dem Vanille-Duschgel, das sie in letzter Zeit immer benutzte und nach Alexandra
selbst. Chris fühlte sich einfach geborgen und beschützt.
Er spürte, wie Alexandra begann, ihm den Nacken zu kraulen und hob den Kopf.
Langsam musste er ihr doch zu schwer werden. Chris löste sich von ihr und
kuschelte sich neben sie.
Alexandra drehte sich auf die Seite und sah ihn an.
„Man, ich bin jetzt so fertig, dass ich auf der Stelle wegpennen könnte“,
lächelte sie und gähnte. Die Augen fielen ihr zu.
„Hab dich lieb…“, murmelte sie noch vor sich hin, bevor Chris an ihren tiefen,
regelmäßigen Atemzügen erkennen konnte, dass sie tatsächlich eingeschlafen war.
Er seufzte tief auf. Eigentlich hatte er mit Alexandra noch über diesen Artikel
reden wollen, den er da gelesen hatte, als Julie ihn „erwischt“ hatte, aber er
hatte nicht gewusst, wie er damit anfangen sollte. Fast hatte er gehofft, dass
Julie Alexandra davon erzählt hatte, doch sie hatte anscheinend geschwiegen.
Na ja, und er hatte nicht so dastehen wollen, als würde es ihm hauptsächlich um
Sex gehen. Denn das stimmte nicht. Hätte er seine Motivation genau beschreiben
müssen, dann hätte er es vermutlich nicht gekonnt.
Er hatte solange vor wirklicher körperlicher Intimität zurückgeschreckt, weil er
gefürchtet hatte, dadurch Erinnerungen wachzurufen. Erinnerungen, die er nicht
mit Alexandra in Verbindung bringen wollte. Auch wenn er bei ihrem allerersten
Mal keine Sekunde lang an die Männer gedacht hatte, die seinen Körper
missbraucht hatten, so war später doch die Angst da gewesen, dass so etwas
passieren könnte.
Chris hatte lange gebraucht, um diese Angst zu überwinden. Sex mit Alexandra
bedeutete für ihn nicht die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, er spürte
dabei einfach eine tiefe Nähe und Verbundenheit, ohne die er nicht mehr leben
wollte. Natürlich hatten sie Spaß, natürlich liebte er es, Alexandra in Extase
zu versetzen, aber das war nur ein Bonus.
Er war noch immer unsicher, ob es wirklich in Ordnung war, mit Alexandra zu
schlafen, jetzt, wo sie schwanger war. Er hatte zwar gelesen, dass es dem Baby
nicht schaden konnte, aber…er hätte doch gerne mit ihr darüber geredet. Dass sie
allerdings von sich aus der Meinung war, dass es nicht schaden würde, hatte sie
gerade bewiesen. Und er hatte sich von ihr mitreißen lassen.
Chris beugte sich vorsichtig über seine Freundin hinweg und knipste die
Nachttischlampe aus. Morgen war auch noch ein Tag. Vielleicht ergab sich da die
Gelegenheit, das Thema anzuschneiden und sich seine Sorgen von der Seele zu
reden…
Chris atmete erleichtert auf, als er die Tür zu
Marcs Büro hinter sich schloss. Sein heutiger Besuch hatte in Gegenwart von Mr.
Kendall stattgefunden und demnach in etwas gezwungener Atmosphäre.
Er und Marc hatten vereinbart, dass niemand wissen sollte, dass sie sich auch
privat kannten. Es hätte nur zu unliebsamen Spekulationen geführt, Marc wollte
keinen Ärger riskieren und Chris wollte vermeiden, dass man ihm Marc als
Bewährungshelfer wieder wegnahm.
Inzwischen war er eigentlich ganz zufrieden mit der Regelung, auch wenn ihn
Marcs Verhalten im Training manchmal verrückt machte. Pat schien es auch schon
aufgefallen zu sein, er hatte nur noch nichts gesagt. Chris hatte eigentlich
vorgehabt, den heutigen Besuch dafür zu nutzen, das Thema anzusprechen, aber
Kendalls Anwesenheit hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Der Empfang, den man ihm im Dojo bereitet hatte, als er zum ersten Mal alleine
aufgetaucht war, hatte ihn überrascht. Von gutmütigen Scherzen bis
Schulterklopfen und einer begeisterten Umarmung von einer seiner weiblichen
Sportkameradinnen war alles dabei gewesen. Da hatte er zum ersten Mal gespürt,
dass ihn die Leute nicht nur wegen Alexandra akzeptierten und mochten, sondern
um seiner selbst Willen.
Gestern Abend war Alexandra mit ihm im Training gewesen, hatte sich aber im
Hintergrund gehalten und hatte nur beobachtet, kritisiert, gelobt und Ratschläge
gegeben. Aktiv würde sie zu Chris’ Erleichterung nicht mehr teilnehmen.
Inzwischen hatte Chris sich an den Gedanken gewöhnt, dass Alexandra ein Baby
erwartete, er freute sich, und seine angeborene Neugier war erwacht. Er hatte
sich ein paar Bücher besorgt und im Internet einige Websites entdeckt, die ihm
manche der Fragen, die er hatte, beantworten konnten.
Über diesen Artikel, bei dessen Lektüre ihn Julie ertappt hatte, hatte er mit
Alexandra schließlich auch noch gesprochen – mehr oder weniger. Es war gleich am
nächsten Tag gewesen, beim Abendessen. Alexandra hatte ihn unvermittelt danach
gefragt, da Julie anscheinend zwar gewisse Andeutungen gemacht, aber nichts
Konkretes gesagt hatte.
~
Chris legte die Gabel, die er gerade zum Mund führen wollte, zurück auf den
Teller und schluckte erst einmal. Wie sollte er denn nun anfangen?
Er räusperte sich.
„Na ja…ich…da war was über…da stand eben drin…dastandebendrinobmannochmiteinanderschlafendarfwennmaneinBabybekommt“,
ratterte er schließlich herunter und senkte den Kopf, während er verstohlen zu
Alexandra hinüberschielte. Hoffentlich dachte sie jetzt nichts Falsches.
Alexandra runzelte die Stirn, während sie anscheinend zu enträtseln versuchte,
was er da eben gesagt hatte. Dann schien sie seine Worte verstanden zu haben.
Sie prustete los.
„DABEI hat Julie dich erwischt? Okay, jetzt weiß ich, was sie gemeint hat.“
Lachend schüttelte Alexandra den Kopf.
„Du…du findest das nicht blöd von mir?“ fragte Chris unsicher.
Alexandra wurde wieder ernst und ihre grauen Augen nahmen einen sanften Ausdruck
an.
„Nein…Und ich bin ehrlich gesagt froh, dass du da was drüber gelesen hast. Mary
Jo hatte damals ihre liebe Not, Mike davon zu überzeugen, dass sie jetzt nicht
monatelang im Zölibat leben müssten“, grinste sie. „Männer sind da anscheinend
manchmal komisch.“
Chris sah zu, wie Alexandra sich nach ihren Worten wieder mit herzhaftem Appetit
ihrem Abendessen widmete. Er fand es eigentlich nicht komisch, sich da drüber
Gedanken zu machen. Woher sollte ein Mann schließlich wissen, was da in einem
Frauenkörper vor sich ging? Man wollte seiner Frau oder Freundin schließlich
nicht weh tun oder gar dem Baby schaden…
~
In Gedanken versunken ging Chris durch das Foyer und übersah dabei völlig den
Mann, der aus der anderen Richtung kommend ebenfalls zur Tür strebte. Dieser
hatte seine Nase in einem Aktenordner vergraben und achtete genauso wenig auf
seine Umgebung wie Chris. Ein Zusammenstoß war unvermeidlich…
„Entschuldigung, tut mir leid…Chris?“
„Hey, Jack…ich hab auch nicht aufgepasst…“ entschuldigte sich Chris bei seinem
ehemaligen Bewährungshelfer, mit dem er eben zusammengerauscht war.
„Mal wieder deinen Termin hinter dich gebracht?“
Chris nickte.
„Mhm.“
Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie ein paar Angestellte der Behörde, die sich
ebenfalls im Foyer aufhielten, sie neugierig beobachteten. Unbehaglich steckte
er die Hände in die Taschen und zog die Schultern hoch. So gerne, wie er mit
Jack ein wenig geplaudert hätte, hier wollte er das wirklich nicht tun. Nicht
unter den argwöhnischen Blicken von Jacks Kollegen.
Jack schien seine Gedanken gelesen zu haben.
„Ich mach gerade Mittagspause und wollte rüber zu Starbucks. Wieso kommst du
nicht mit, dann können wir ein wenig reden?“
Nach kurzem Zögern stimmte Chris zu. Jack war der einzige von Alexandras engen
Freunden, der noch nichts wusste. Mary Jo und Julie hatten sich bereits zu
Tanten ehrenhalber erklärt. Das hieß, Jack würde wohl neben Mike zum Ehrenonkel
werden. Was aber machte das dann aus Ian? Chris grinste vor sich hin, während er
Jack folgte. Vielleicht würde er, wenn er einmal seinen ganzen Mut
zusammennehmen konnte, Jacks Partner das Ergebnis seiner Überlegungen mitteilen…
Ein paar Minuten später saßen sie sich an einem Ecktisch des Cafes gegenüber.
Chris hatte sich eine große Tasse Milchkaffee und einen dieser riesigen,
pappsüßen Schokomuffins geholt, Jack begnügte sich mit einer normalen Tasse
Kaffee und einem Sandwich.
„Wie kannst du die Dinger nur essen, mir wir schon schlecht, wenn ich sie
ansehe“, bemerkte Jack, während er ein Päckchen Süßstoff in seine Tasse leerte.
Chris griff nach dem Zuckerstreuer und kippte dessen halben Inhalt in seinen
Milchkaffee, was Jack mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis nahm, diesmal
allerdings ohne Kommentar.
„Och, ich mag sie ganz gern, auch wenn Alex meistens die Krise bekommt, wenn ich
mir mal einen hole.“
„Kann ich mir vorstellen“, gluckste Jack. „Wir normal Sterblichen können so was
nicht essen, ohne mindestens zwei Kilo zuzunehmen.“
Chris grinste und biss herzhaft in das süße Gebäck.
„Wie geht’s dir denn jetzt so?“ fragte er, nachdem er den Bissen
heruntergeschluckt hatte.
Jack seufzte und rührte seinen Kaffee um.
„Ach, ich weiß nicht…Die Arbeit macht mir irgendwie keinen Spaß, ich mache nur
Datenerfassung und so `nen Mist…Und irgendwie fühle ich mich dauernd von den
lieben Kollegen beobachtet…“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht war es falsch,
die ganze Zeit so ein Riesengeheimnis aus meiner sexuellen Veranlagung zu
machen. Aber wenn ich mir die Reaktionen jetzt so drauf ansehe…man geht mir aus
dem Weg, vermeidet es, allein mit mir gesehen zu werden, Gespräche verstummen,
wenn ich in die Nähe kommen…Es ist einfach eine Scheißsituation.“
Chris legte den Muffin auf den Teller und sah Jack nachdenklich an.
„Wieso suchst du dir nicht was Anderes?“ erkundigte er sich. „Ich meine, das
muss doch ein ekliges Gefühl sein, von allen plötzlich abgelehnt zu werden. Nur
wegen so was. Du bist doch immer noch der gleiche Mensch wie vorher.“
Jack lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blinzelte überrascht.
„Danke“, sagte er schließlich. „Dass ausgerechnet du das sagst, bedeutet mir
eine Menge.“
Chris senkte den Kopf. Ja, er hatte während der letzten Monate eine Menge über
sich und die Menschen im Allgemeinen dazu gelernt. Gerade Jack und Ian waren
nicht schlechter und nicht besser als andere, nur weil sie homosexuell waren.
Und sie stellten dadurch auch keine Bedrohung dar.
„Schon gut“, murmelte Chris. Dann sah er auf und ein schelmisches Grinsen
erhellte sein Gesicht. Er war zutiefst neugierig, was Jack zu dem sagen würde,
was er ihm als nächstes mitteilen würde.
„Jack…da gibt es etwas, dass du vielleicht wissen solltest…Immerhin bist du so
ganz indirekt auch ein wenig mit dafür verantwortlich…“
Sein Gegenüber runzelte die Stirn.
„Ich? Wofür denn?“
Chris setze sich gerade hin und holte tief Atem.
„Alex bekommt ein Baby.“
Jack zwinkerte wie eine Eule. Sein Gesichtsaudruck war auch schon mal
intelligenter gewesen, dachte Chris, als er seinen Bewährungshelfer gespannt
beobachtete.
„Alex kriegt WAS?“
„Ein Baby. Nächstes Jahr Anfang Juni“, erklärte Chris ganz sachlich und nippte
an seiner Tasse.
„Das…aber…wie…“ Jack war so perplex, dass er anfing zu stottern.
„Also Jack, ich weiß ja, dass du nicht auf Frauen stehst, aber ich dachte, du
weißt zumindest theoretisch, wie das funktioniert.“
Chris konnte sich diese Bemerkung einfach nicht verkneifen. Endlich war da
jemand, den ER ein wenig hochnehmen konnte, nachdem er selber sich so einiges
hatte anhören müssen. Und Jack war als Opfer einfach zu verführerisch.
„Chris…du Blödmann“, brachte Jack schließlich einigermaßen zusammenhängend
heraus.
Chris strahlte seinen ehemaligen Bewährungshelfer an.
„Ist das nicht cool? Ich meine, am Anfang war ich total geschockt, aber
jetzt…Wir kriegen echt ein Baby…“
***
Marc folgte seine beiden Kollegen nach draußen. Sie hatten ihn eingeladen, die
Mittagspause mit ihnen zu verbringen und er hatte gerne akzeptiert. Die beiden
waren etwas älter als er selbst, etwa Anfang dreißig, und schon seit Jahren hier
angestellt, also so etwas wie „alte Hasen“. Marc fand sie im Grunde genommen
ganz sympathisch, aber ihre Einstellung zu ihrer Arbeit und zu den Menschen, die
sie betreuten, störte ihn etwas. Sie waren beide ziemlich desillusioniert und
zynisch, ihre Ansichten glichen in etwa denen von Frank aus dem Dojo. Vielleicht
wurde man ja mit der Zeit zwangsweise so, doch Marc hatte sich fest vorgenommen,
dass das bei ihm selbst nicht der Fall sein würde.
Zusammen betraten sie das Starbucks, in dem um diese Zeit reges Gedränge
herrschte. Marc holte sich wie die anderen etwas zu essen und zu trinken, dann
setze er sich mit seinen beiden Kollegen an einen soeben frei gewordenen Tisch.
„War dein Vormittag mit dem Boss erfolgreich?“ fragte Dale, ein grobschlächtiger
Mann mit Halbglatze und weit auseinanderstehenden Zähnen, bevor er von seinem
Sandwich abbiss.
„“Ja, einigermaßen“, seufzte Marc. „Dieser Ricks hat mir wieder Probleme
gemacht, ich glaub, der war total betrunken, als er bei mir im Büro saß.“
„Ach ja, der…Dauert nicht lange, dann wandert er wieder in den Bau“, warf sein
rothaariger Nachbar ein. Sein Name war Ralph Nevis.
Marc zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er fürchtete, dass sein Kollege
recht hatte, wollte aber so schnell nicht aufgeben. Vielleicht konnte er dem
Kerl ja doch noch erfolgreich ins Gewissen reden.
„Hey, sag mal, ist dass da drüben nicht Sanders? Und der Typ bei ihm am Tisch,
das ist doch dieser O’Connor…“ Nevis gab seinem Sitznachbarn einen Stoß mit dem
Ellbogen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.
Auch Marc sah in die angegebene Richtung. Tatsächlich, da saß Chris mit diesem
Jack Sanders und lachte ihn gerade in diesem Moment strahlend an.
„Also, wenn die beiden nichts miteinander haben, dann fresse ich das Ersatzrad
von meinem Auto“, tönte Dale. „Seht sie euch doch mal an. Ist ja widerlich.“
„Ist O’Connor nicht einer von deinen Leuten?“ erkundigte sich Nevis bei Marc.
„Ja…er war heute Vormittag auch da…Wahrscheinlich hat er Sanders bei der
Gelegenheit getroffen und ist mit ihm einen Kaffee trinken gegangen.“
„Kaffee trinken, klar“, lachte Nevis spöttisch. „Und nachher gehen sie in den
Hinterhof und schieben `ne schnelle Nummer.“
Marc, der Chris und Jack, die sich angeregt unterhielten, beobachtet hatte, fuhr
herum.
„Hör auf, solche Gerüchte zu verbreiten. Chris kennt Sanders auch privat durch
seine…Arbeitgeberin, also ist wohl nichts dabei, wenn er hier in der
Öffentlichkeit, wo jeder sie sehen kann, etwas mit ihm trinkt.“
Nevis hob abwehrend die Hände, als er in Marcs zornfunkelnde Augen sah.
„Schon gut, schon gut, reg dich wieder ab…Die ganze Sache war eben mehr als nur
merkwürdig, das wirst du doch wohl zugeben müssen.“
„Ich kenn die ganze Sache nur aus den Akten und da erschien sie mir nicht
unbedingt merkwürdig“, entgegnete Marc scharf. „Sanders hat Chris geholfen, das
war alles. Und ich kann mich über den Jungen nicht beklagen, er ist am
unkompliziertesten von allen meinen Leuten.“
„Okay, ich glaubs ja“, sagte Nevis. „Aber komisch war die Sache trotzdem.“
Marc verzichtete auf eine Entgegnung. Er hätte den beiden erklären können, wieso
er der Überzeugung war, dass zwischen Chris und Jack Sanders nie etwas gelaufen
war, auf welche Art auch immer, aber dann hätte er auch sagen müssen, woher er
dieses Wissen hatte. Private Kontakte zwischen den Bewährungshelfern und ihren
„Schützlingen“ waren zwar nicht ausdrücklich untersagt, aber wohl kaum gern
gesehen, da sie die Objektivität beeinträchtigten.
Er sah wieder zu Chris und Jack hinüber und musste unwillkürlich lächeln, als
Chris in dem Augenblick mit beiden Händen wild gestikulierte. Marc hatte keine
Ahnung, wieso Chris in ihm das Bedürfnis hervorrief, ihn beschützen zu müssen.
Vielleicht lag es daran, dass er ihn ein wenig an seinen kleinen Bruder
erinnerte, den er, als sie noch jünger gewesen waren, immer hatte aus allen
möglichen Arten von Schlamasseln hatte retten müssen. Tim hatte eine gewisse
Ähnlichkeit mit Chris.
Marc schüttelte fast unmerklich den Kopf und wandte sich wieder zu seinen beiden
Arbeitskollegen. Ja, vermutlich erinnerte ihn Chris einfach an Tim.
„Scheiße.“
Fluchend ergriff Chris die Hand, die Marc ihm hinstreckte und ließ sich
hochziehen. Es waren nur noch zwei Tage bis zum Wettkampf und am Montag nach
diesem Wochenende sollten die Gürtelprüfungen stattfinden. Bei allen Beteiligten
lagen die Nerven dementsprechend blank.
Alexandra würde als Kampfrichterin fungieren, jede teilnehmende Schule hatte
zwei zu stellen. Eigentlich hätte Pat diese Aufgabe übernehmen sollen, doch der
hatte beschlossen, stattdessen für Alexandra einzuspringen. Die beiden hatten
sozusagen getauscht.
Diejenigen, die nicht teilnahmen, waren in Absprache mit den anderen Dojos zu
organisatorischen Aufgaben eingeteilt worden. Chris und Marc würden demzufolge
für den Getränkeausschank zuständig sein.
Aber im Moment ging es noch darum, für die Prüfung fit zu werden.
„Hast du dir was getan?“ fragte Marc besorgt, als Chris wieder stand.
„Nein“, grollte Chris. „Mir tut nur der Hintern weh und mein Stolz.“
Er hatte sich bei einer Kickübung verschätzt und das Gleichgewicht verloren.
Konnte passieren, aber Chris war sowieso schon gereizt, weil er das Problem mit
Marc noch immer nicht aus der Welt geschafft hatte.
Bevor er aber einen erneuten Versuch starten konnte, klatschte Pat vorne in die
Hände und verkündete, dass sie zum Abschluss alle noch mal ihre Techniken für
die Gürtelprüfung üben sollten. Er würde durchgehen und Fehler korrigieren.
Chris biss sich auf die Lippe. Hoffentlich riss Marc sich jetzt zusammen.
„Fang du an mit angreifen“, hörte er seinen Trainingspartner sagen.
Chris atmete tief durch. Vielleicht konnte er Marc ja quasi durch die Blume klar
machen, dass er ein wenig aggressiver sein und ihn nicht wie ein rohes Ei
behandeln sollte. Mit dieser Hoffnung startete er den ersten Angriff mit etwas
mehr Power als notwendig.
Marc erwies sich jedoch als erstaunlich begriffsstutzig...
„Jungs, Jungs, was macht ihr denn da?“ erklang schließlich Pats Stimme. „Marc,
du hast hier `nen Kerl vor dir, kein Mädel. Da kannst du schon mal härter
zulangen. Chris, deine Angriffe sind in Ordnung, so will ich das bei der Prüfung
auch sehen.“
Chris sah Marc, der betreten zurückstarrte, unwillig an. Jetzt hatten sie den
Salat. Hoffentlich kam Pat nicht auf die Idee sie zu trennen, Chris war sich
nämlich nicht sicher, ob er mit einem der anderen Männer auch klar kommen würde.
Bisher hatte er eigentlich nur mit Marc trainiert und ein, zweimal mit einer der
Frauen, als Marc nicht da gewesen war.
„Komm mal her.“ Pat winkte Chris zu sich. „Jetzt greif ich dich mal so an, wie
ich es in der Realität auch tun würde. Also konzentrier dich“, befahl er.
Das war leichter gesagt als getan. Chris hatte gerade noch genügend Zeit, um die
vorgeschriebene Kampfstellung einzunehmen, als Pat auch schon auf ihn losging.
Einen Augenblick lang drohte Chris Panik zu überwältigen. Im letzten Moment fing
er sich jedoch wieder und wehrte Pat ab.
„Dafür, dass du eine Reaktionszeit hattest wie `ne achtzigjährige Oma auf Valium
war das ganz okay“, knurrte Pat von seiner Position auf dem Boden aus. „Aber die
Abwehr muss schneller kommen, verstanden?“ fügte er hinzu, als er wieder
aufsprang.
Chris nickte. Sein Herz raste fast schmerzhaft in seiner Brust.
Pat sah zur Uhr hinüber.
„So, Schluss für heute. Morgen und übermorgen seid ihr zwei hier im Training und
ich schau mir eure Vorstellung ganz genau an. Ich will da mehr Power sehen,
klar? Marc?“ Er warf Marc einen strengen Blick zu.
„Klar“, antwortete dieser.
„Großartig. Und jetzt könnt ihr verschwinden.“
***
Mit mehr Elan als nötig stopfte Chris seine Sachen in seine Sporttasche. Mit
Marc hatte er kein Wort gewechselt, seitdem sie den Trainingsraum verlassen
hatten. Dazu war er einfach zu wütend gewesen.
Energisch zog er den Reißverschluss der Tasche zu und hängte sie sich über die
Schulter. Dann rief er den Anderen, Marc eingeschlossen, einen knappen
Abschiedsgruß zu und verließ den Umkleideraum.
Oben auf dem Parkplatz wollte Chris gerade den Pick-up aufschließen, als er
hörte, wie jemand seinen Namen rief. Er seufzte und drehte sich zu Marc um, der
atemlos auf ihn zu rannte.
„Hey, es tut mir leid“, keuchte sein Bewährungshelfer. „Ich…“
„Verdammt, Marc, du hast mich da ganz schön bescheuert dastehen lassen“, brach
es aus Chris hervor. „Du warst schon die ganze Zeit über so…so verdammt
rücksichtsvoll, aber ich wusste nicht, wie ich dir sagen sollte, dass du das
sein lassen kannst.“
„Ich weiß“, entgegnete Marc und lehnte sich gegen den Wagen. „Ich musste nur
immer dran denken, wie du warst, als du angefangen hast…Und als ich dann den
Grund dafür kannte…“
Chris sah zur Seite. Der Parkplatz war fast voll, im Fitness-Studio musste heute
ziemlicher Betrieb herrschen.
„Soviel also dazu, dass sich zwischen uns nichts geändert hat“, sagte er
gepresst. „Ist wohl doch nicht so einfach, darüber hinwegzusehen.“
Chris öffnete die Tür und warf seine Tasche auf den Beifahrersitz. Das mit Pat
hatte ihn stärker aufgewühlt als er sogar vor sich selbst zugeben wollte.
„Chris…okay, ich wird dich jetzt nicht anlügen. Es IST schwer, es zu vergessen.
Aber ich halte deswegen nicht weniger von dir als vorher, im Gegenteil. Ich
finde es verdammt mutig, was du da tust.“
Chris senkte den Kopf.
„Ich weiß nicht, ob ich wirklich so mutig bin wie du glaubst.“ Seine Stimme
klang bitter. „Vorhin, das mit Pat…ich…ich wär am liebsten weggelaufen…Und darum
war ich auch so wütend. Weniger auf dich als eher auf mich. Wozu mache ich das
denn, wenn ich dastehe wie ein verschrecktes Karnickel, wenn mich tatsächlich
mal einer angreift?“
Das war es, was Chris wirklich so aus der Fassung gebracht hatte. Er hatte
eigentlich begonnen, sich etwas sicherer zu fühlen, hatte geglaubt, sich wehren
zu können, doch seine Reaktion auf Pat hatte ihm gezeigt, dass das ein
Trugschluss gewesen war. Er hatte sich nur so schnell wieder gefangen, weil sein
Gehirn ihm gesagt hatte, dass das nicht echt war, dass Pat ihm nichts Böses
wollte. Wie aber hätte er in Wirklichkeit reagiert?
„Du weißt doch nicht, was du tatsächlich tun würdest“, sagte Marc. „Willst du
deswegen jetzt etwa alles hinschmeißen?“
Chris schlang die Arme um sich selbst und legte den Kopf in den Nacken. Jetzt,
wo Marc es ausgesprochen hatte…Vielleicht sollte er wirklich aufhören. Dass er
beinahe versagt hatte, hatte ihn ziemlich mitgenommen.
Er sah hinauf in den Nachthimmel, wo zwischen Wolkenfetzen ein paar Sterne
hindurchblitzten.
„Vielleicht wäre das eine gute Idee“, flüsterte er.
Plötzlich fühlte er sich an den Oberarmen gepackt und durchgeschüttelt. Fast
reflexartig riss er das Knie hoch und war in der nächsten Sekunde frei.
Chris wich verstört zurück. Etwa zwei Meter entfernt von ihm stand Marc mit
schräg geneigtem Kopf und beobachtete ihn abwartend.
„Das war nicht die Reaktionszeit von `ner Oma auf Valium“, sagte sein Freund.
„Ich bin grad noch Mal weggekommen, sonst hättest du vielleicht massiven Ärger
mit Anne gekriegt.“ Er grinste schief.
Chris atmete schwer. War das jetzt wirklich nötig gewesen? Er hatte schon genug
Probleme, auch ohne dass Marc ihn provozierte.
„So hättest du vielleicht vorhin im Training sein sollen, dann wäre das alles
gar nicht passiert“, stieß er hervor. „Aber du musstest mich ja behandeln wie
ein kleines Mädchen.“
„Hey, ich hab mich schon dafür entschuldigt“, entgegnete Marc heftig. „Ich kann
nichts dafür, dass ich…ach, was weiß ich.“ Mit einer hilflosen Geste warf er die
Hände in die Luft.
Chris schwieg und starrte hinüber zum Eingang, wo langsam auch die anderen
Mitglieder des Dojos auftauchten. Sie lachten und kabbelten sich miteinander und
plötzlich wünschte er sich, manchmal auch so unbeschwert wie sie sein zu können.
„Ach verdammt, Chris…ich weiß einfach nicht, wie ich mit dir umgehen soll…Ich
dachte, ich könnte es, aber…“ Marc fuhr sich mit einer Hand frustriert durch die
kurzen Haare.
„Warum ist es so schwierig?“ die Frage rutschte Chris fast gegen seinen Willen
heraus. War das etwa jetzt das Ende seiner Freundschaft mit Marc? Einer
Freundschaft, die noch in den Kinderschuhen steckte, aber von der er gehofft
hatte, dass sie mit der Zeit wachsen würde.
„Weil ich nicht weiß, was in dir vorgeht“, sagte Marc leise. „Ich hab immer
Angst, irgendetwas zu tun, das dich in Panik versetzt, weil…weil es dich an
etwas von früher erinnert. Darum….“
Chris schluckte und sah zu Boden. Vom anderen Ende des Parkplatzes drang lautes
Lachen herüber und dann hörte man das Zuknallen einer Autotür.
Er versuchte, das Ganze mit Marcs Augen zu sehen. Hatte er an seiner Stelle
gewusst, wie er sich verhalten sollte? Was er sagen und tun durfte und was
nicht? Wohl kaum. Er hätte sich genauso zurückgehalten, sich vielleicht aus
Angst, etwas falsch zu machen, völlig zurückgezogen. Das hatte Marc nicht getan,
im Gegenteil. Er hatte sich wahnsinnig Mühe gegeben, auf ihn einzugehen und ihm
zu helfen.
„Du willst wissen, was in mir vorgeht?“ fragte Chris schließlich mit rauer
Stimme. „Du willst wissen, wie sich jemand fühlt, der…vergewaltigt wurde? Der
beim ersten Mal anfangs gar nicht gewusst hat, was los war? Marc, ich bin am
meinem siebzehnten Geburtstag in dieses Gefängnis eingeliefert worden. Ich war
siebzehn Jahre alt und ich hatte noch nie was mit einem Mädchen. Und dann…“
Chris fuhr sich mit der Hand über die Augen. Nein, vor Marc würde er nicht zu
heulen anfangen.
„Hör mal, du musst da nicht drüber reden…“ begann Marc und trat vorsichtig einen
Schritt auf ihn zu. „Ich…ich wollte keine Erinnerungen wecken.“
„Das hast du jetzt aber“, gab Chris zurück. „Aber mach dir keine Vorwürfe, ich
hab gelernt, damit zu leben. Am meisten hat mir Alex dabei geholfen…und
meine…meine Psychotante“, fügte er mit einem missglückten Lächeln hinzu.
„Trotzdem. Ich hätte das eben nicht tun sollen. Ich war nur so wütend, weil du
aufgeben wolltest“, erklärte Marc schuldbewusst.
„Hätte ich schon nicht getan. Ich bin ziemlich stur, weißt du. Ich war nur
durcheinander, weil ich solche Panik hatte, als Pat auf mich losging.“ Chris
machte eine Pause und suchte nach Worten, um Marc klar zu machen, was er
eigentlich meinte. „Ich...ich kann da nichts dagegen machen, bei Männern hab ich
immer ein unangenehmes Gefühl. Ich hab `ne ganze Weile gebraucht, um mich
wenigstens an dich zu gewöhnen.“
Marc beobachtete Chris aufmerksam.
„Vor mir hast du also keine Angst?“ vergewisserte er sich.
„Nein.“ Chris schüttelte den Kopf. „Wenn ich jemanden eine Weile kenne, wenn ich
das Gefühl habe, ich könnte ihm vertrauen, dann…dann vergeht die Angst.
Das war die Wahrheit. Chris fiel es allgemein schwer, jemandem zu vertrauen.
Bisher hatte er nur bei Alexandra das Gefühl gehabt, er könne sich wirklich
hundertprozentig auf sie verlassen. Sie mochte Fehler machen, aber sie würde nie
absichtlich etwas tun, das ihm schaden könnte. Mike und Jack waren gute Freunde
geworden, aber Chris war dennoch vorsichtig. Nur bei Marc war er sich
seltsamerweise sicher, dass dieser ihn niemals auf diese bestimmte Art und Weise
anfassen würde.
Marc schwieg eine Weile und sah den Blättern zu, die ein Windstoß über den von
ein paar Straßenlaternen beleuchteten Parkplatz wirbelte.
„Danke“, flüsterte er schließlich.
„Wofür? Ich muss mich bei dir bedanken, dass du mich mit all dem akzeptierst,
mich nicht…verachtest…“
Das letzte Wort war selbst in Chris’ eigenen Ohren nur ein Hauch. Es brachte
alle seine Ängste und Unsicherheiten auf den Punkt. Verachtung war das, wovor er
sich am meisten fürchtete. Diese Furcht war der Grund für seinen
Selbstmordversuch gewesen und sie war auch ein Grund, warum er Fremden gegenüber
distanziert war.
„Wieso sollte ich dich verachten?“ fragte Marc verwirrt. „Es war doch nicht
deine Schuld, dass du…“
„Nein, war es nicht“, entgegnete Chris leise. „Aber ich habe selber lange
gebraucht, das zu verstehen. Und glaub mir, nicht viele Menschen denken so wie
du.“
„Möglich“, sagte Marc. In seiner Stimme schwang ein Hauch von Resignation mit.
„Sicher“, verbesserte Chris. „Du wirst von all den wohlanständigen Bürgern
verachtet, wenn sie hören, dass du im Gefängnis warst. Es interessiert nicht
wieso. Genauso wenig interessiert es sie, ob du freiwillig zur Hure geworden
bist oder ob man dich gezwungen hat. Du hättest dich ja wehren können. Aber wie
du dich gegen drei oder mehr Kerle, von denen jeder einzelne fast doppelt so
viel wiegt wie du, wehren hättest sollen, das können sie dir auch nicht sagen.“
Chris schluckte. Soviel hatte er eigentlich gar nicht preisgeben wollen. Er warf
Marc einen Seitenblick zu und sah, wie sich ein entsetzter Ausdruck auf dessen
Gesicht ausbreitete.
„Das ist mit dir passiert?“
Chris schloss die Augen und senkte den Kopf. Die Frage hatte ihm bewusst
gemacht, dass Marc allenfalls eine schwammige Vorstellung davon hatte, was
wirklich hinter Gittern vor sich ging, was wirklich mit ihm geschehen war. Er
hätte vielleicht doch den Mund halten sollen.
„Mein Gott, Chris…“
„Es ist vorbei.“
Chris hob den Kopf und sah Marc fest an.
„Was hast du denn gedacht?“ fragte er und wunderte sich selbst am meisten, dass
er so ruhig darüber reden konnte. „Dass es nur ein paar Mal vorgekommen ist?
Nein, Marc, ich war ziemlich beliebt…“
Er konnte den bitteren Sarkasmus nicht aus seiner Stimme heraushalten. Marc
hatte die Büchse der Pandora geöffnet, sollte er zusehen, wie er damit zurecht
kam. Er selbst musste mit viel Schlimmerem leben.
„Es tut mir leid…“ würgte Marc hervor.
„Was tut dir leid? Dass du mich daran erinnert hast? Dass mich unzählige Typen
hatten? Oder dass ich immer noch Alpträume davon habe?“ Chris lachte humorlos.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, zu wissen, dass dich diese
Erinnerungen immer verfolgen werden, egal wohin du gehst. Sie sind immer da,
lauern nur darauf, dich aus dem Hinterhalt anzuspringen. Ich hab gelernt, damit
umzugehen, Alex und ihre Liebe haben mir wahnsinnig dabei geholfen, aber…ganz
werde ich diese dreieinhalb Jahre nie vergessen können…“
Marc lehnte sich schwer gegen die Motorhaube des Pick-ups. Er rang sichtlich um
Fassung. Chris beobachtete ihn fast teilnahmslos. Dieses Gespräch hier draußen
auf dem Parkplatz hatte ihn mehr Kraft gekostet als die eineinhalb Stunden
hartes Training unter Pats unbarmherzigen Regiment. Ihm fiel ein, dass es da
noch etwas gab, das Marc möglicherweise interessieren könnte.
„Falls du dich jetzt fragst, ob ich mir AIDS oder sonst was geholt habe…Nein,
ich hab mich testen lassen, nachdem ich draußen war.“
Marc fuhr herum. Seine Augen funkelten und er hatte die Hände zu Fäusten
geballt.
„Scheiße, Chris, DARÜBER hab ich im Moment nun wirklich nicht nachgedacht…“,
fauchte er. „Ich bin so verdammt wütend auf diejenigen, die zugelassen haben,
dass so etwas passieren konnte, die einen Jugendlichen in ein reguläres
Gefängnis geschickt haben. Die wussten doch sicherlich, was man da mit dir
machen würde!“
„Ja, wahrscheinlich“, bestätigte Chris. „Es hat aber anscheinend niemanden
interessiert.“
Marc schüttelte den Kopf.
„Das ist doch nicht richtig“, flüsterte er.
„Der Richter hat nichts Ungesetzliches getan, als er mich nach San Quentin
geschickt hat. Es war alles legal. Und ich bin nicht der einzige Minderjährige,
der dort gelandet ist.“ Chris schüttelte den Kopf. „Denkst du, dass die wirklich
wieder ein normales Leben anfangen können, wenn sie da raus kommen?“ fügte er
leise hinzu. „Ich hatte so unglaubliches Glück, Alex zu finden und von Jack
gezwungen zu werden, diese Therapie zu machen. Aber für die meisten gibt es
keinen Jack und keine Alex…“
Chris musste bei diesen Worten an Tony denken, den Jungen, der HIV-infiziert
gewesen war, als er ihn getroffen hatte. Für ihn kam sowieso jede Hilfe zu spät.
Er würde noch ein paar Jahre zu leben haben, bevor ihn diese Krankheit
schließlich umbrachte.
„Verdammt.“ Marc fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Ich weiß nicht,
was ich sagen soll…Das kann doch alles gar nicht wahr sein…“
„Doch. Wach auf, Marc. Du hast keine Ahnung, was die Typen, die du betreust,
alles hinter sich haben. Du kennst ihre Akten, aber was sie im Knast getrieben
haben, was da mit ihnen passiert ist, davon weißt du gar nichts. Da gilt das
Recht des Stärkeren, nicht eure ach so tollen Gesetze. Du weißt nicht, ob der
Kerl, der da vor dir auf dem Stuhl sitzt, ein Normalo, ein mieser Vergewaltiger
oder ein Opfer ist. Und du wirst es auch nie rausfinden, keiner wird mit dir
drüber reden. Du bist in erster Linie der Feind, der einen zurück ins Gefängnis
schicken kann, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte.“
Chris wusste, dass seine Worte brutal waren. Aber sie lebten in einer brutalen
Welt und Marc würde gut daran tun, sich das klar zu machen, bevor er sich die
Finger verbrannte.
„Bin ich auch für dich der Feind?“ fragte Marc nach scheinbar unendlich langer
Zeit. Er ließ die Schultern hängen, seine ganze Haltung drückte Resignation aus.
„Nein“, sagte Chris schnell. „Natürlich nicht. Sonst hätte ich dir das hier
alles wohl kaum erzählt.“
Marc nickte langsam.
„Wenigstens etwas“, seufzte er. „Ich schätze, ich werd eine Weile brauchen, um
das wegzustecken, was du mir da vor die Füße geknallt hast.“
„Du wolltest es wissen.“
Chris verschwieg, dass das nicht der eigentliche Grund für seine Offenheit
gewesen war. Unter anderen Umständen hätte er vermutlich nie mit Marc darüber
gesprochen, aber heute hatte es sich einfach so ergeben. Erst war ihm mehr
rausgerutscht, als er eigentlich hatte sagen wollen, der Rest war wie von selbst
gefolgt.
Chris rieb sich über die Stirn. Er fühlte sich so unglaublich müde und
erschöpft, außerdem begann er zu frösteln. Der Wind war aufgefrischt und ließ
die Kälte in seine Knochen dringen.
„Ich schätze, ich sollte jetzt nach Hause fahren, bevor Alex eine Suchanzeige
aufgibt“, versuchte er zu scherzen.
„Du hast recht…Es wird saukalt. Du kommst doch morgen?“ Marc rieb sich über die
Oberarme und sah Chris fragend an.
„Ja…ich bin morgen Abend da.“
Die beiden jungen Männer verabschiedeten sich voneinander, jeder von ihnen aus
anderen Gründen in äußerst nachdenklicher Stimmung. Chris blickte Marc hinterher
und winkte ihm noch einmal zu, bevor er in den Pick-up einstieg.
Hatte er einen Fehler gemacht, als er Marc soviel erzählt hatte? Er hoffte
nicht. Immerhin wusste sein Bewährungshelfer jetzt, woran er bei ihm war. Und
irgendwo, auf eine seltsame Art und Weise, hatte es gut getan, darüber zu reden.
Mit jemandem zu reden, der einen nicht analysierte oder der sich dabei riesige
Sorgen um einen machte. Chris wusste, dass er jederzeit mit allen Problemen zu
Alexandra kommen konnte, aber er wollte ihre Beziehung nicht immer damit
belasten. Also machte er vieles wieder mit sich selbst aus. Auch vor Doktor
Winslow breitete er nicht mehr sein gesamtes Seelenleben aus.
Anfangs, nachdem er seine Hemmungen überwunden gehabt hatte, hatte er bei der
Psychologin sein Innerstes nach außen gekehrt, hatte sich regelrecht umgestülpt.
Es war wie eine Reinigung gewesen, als hätte die Frau nach und nach all das
Faule und Kranke, was seine Seele wie ein Krebsgeschwür aufzufressen drohte, mit
chirurgischer Präzision entfernt. Das Krebsgeschwür war weg, geblieben war eine
riesige Narbe, die hin und wieder schmerzte.
Chris spürte selbst, wie er die Mauern, die jeder Mensch um seine ganz privaten
Gedanken normalerweise besaß, langsam wieder aufbaute. Gesunde Mauern, nicht
zigfach verstärkt und befestigt. Er wollte wieder selbstständig entscheiden
können, womit er Hilfe benötigte und womit er alleine zurecht kam. Und
inzwischen war er sicher, dass er sich darüber ein klares, von seiner
Vergangenheit ungetrübtes Urteil erlauben konnte.
Mit einem Seufzer steckte er den Schlüssel in das Zündschloss und startete den
Wagen. Langsam sollte er zusehen, dass er nach Hause kam. Bevor er jedoch
losfahren konnte, klingelte in seiner Jackentasche das Handy, das Alexandra ihm
vor kurzem geschenkt hatte.
Chris machte den Motor aus und zog das Telefon aus seiner Tasche. .
„Chris? Wo bleibst du denn? Hat Pat mal wieder überzogen?“ erklang Alexandras
besorgte Stimme, nachdem er sich gemeldet hatte.
„Nein…ich hab noch ein wenig mit Marc gequatscht“, erwiderte Chris. „Ich bin
grad am Losfahren.“
„Ist alles okay? Du klingst so merkwürdig…“
„Nein, Alex, mit mir ist alles in Ordnung.“ Chris lächelte wehmütig. Es gab
nicht viel, das er vor Alexandra verbergen konnte, obwohl sie sich eigentlich
noch gar nicht so lange kannten, spürte seine Freundin instinktiv, wenn etwas
nicht stimmte.
„Bist du sicher?“
„Ja…Lass uns nachher darüber reden, wenn ich zu Hause bin.“
„Also gut…Chris?“
„Hm?“
„Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch…Bis gleich.“
Nachdem Chris die Verbindung getrennt hatte, starrte er das Telefon in seiner
Hand an und versuchte sich, zu entscheiden, ob er Alexandra von seinem Gespräch
mit Marc etwas erzählen sollte. Sie hatten schon eine Weile nicht mehr über das
Thema geredet, er selbst nicht, weil er die Zeit, die sie miteinander
verbrachten, nicht dadurch trüben wollte und Alexandra hatte es wahrscheinlich
gemieden, weil sie ihn nicht daran erinnern mochte. Und im Moment stand sowieso
Alexandras Schwangerschaft im Vordergrund.
Chris schob das Telefon zurück in die Tasche. Er würde das Ganze einfach auf
sich zukommen lassen.
~
Chris stand an der Schleifmaschine, seinem Arbeitsplatz, den man ihm in der
Gefängnisschreinerei zugeteilt hatte. Es war nun etwas mehr als eine Woche her,
dass er hier in San Quentin eingeliefert worden war. Erst eine Woche…
In dieser Woche war aus einem unschuldigem Teenager, der eine verhängnisvolle
Dummheit begangen hatte, ein zitterndes Nervenbündel geworden, das bei jedem
lauten Wort und jeder schnellen Bewegung eines Mitgefangenen oder Wärters
zusammenzuckte.
Chris hatte seit jenem Abend in der Dusche, als Jackson und seine beiden Kumpane
ihn so brutal vergewaltigt hatten, kaum geschlafen. Bei jedem lauteren Atemzug
seines Zellengenossen schreckte er aus seinem unruhigen Schlummer hoch. Der Typ
ignorierte ihn zwar die meiste Zeit und schien kein Interesse an ihm zu haben,
aber Chris hatte einfach panische Angst, dass er genauso drauf wäre wie dieses
widerliche Schwein.
Gegessen hatte er seither auch nur wenig, und das wenige hatte er meist kurze
Zeit später wieder erbrochen. Chris war am Ende. Am liebsten hätte er sich in
eine Ecke verkrochen und nur noch geheult.
Nach diesem Alptraum in der Dusche hatten Jacksons Freunde ihn gepackt und ihm
geholfen sich anzuziehen, damit der Wärter, der vor der Tür stand, nichts
merkte. Chris wäre selbst dazu nicht mehr in der Lage gewesen, er hatte
regelrecht unter Schock gestanden. Jackson hatte noch irgendetwas zu ihm gesagt,
aber was, daran konnte er sich absolut nicht mehr erinnern. Er hatte bis jetzt
keine Ahnung, wie er eigentlich in seine Zelle gekommen war.
Chris hätte sich gerne eingeredet, dass er das alles nur geträumt hatte, dass es
nicht real gewesen war, doch die Schmerzen, die er noch immer hatte, erinnerten
ihn bei jeder Bewegung daran, was geschehen war.
Seine größte Angst war, dass so etwas noch einmal passieren würde. Die Dusche
war für ihn zur Folterkammer geworden, aber er wusste nicht, wie er sich davor
drücken sollte.
Mit einem Wärter darüber zu reden, was passiert war, das stand außer Frage. Dazu
schämte Chris sich viel zu sehr. Außerdem fürchtete er, dass man ihm nicht
glauben würde. Was Jackson dann mit ihm machen würde, daran wollte er nicht
einmal denken.
Lautes Gelächter übertönte den Lärm der Werkstatt und Chris sah sich
unwillkürlich um. Das Schlimmste für ihn war, dass seine drei Vergewaltiger mit
ihm in der Schreinerei arbeiteten. So lief er ihnen andauernd über den Weg. Und
sie sorgten schon allein durch die spöttischen Blicke, die sie ihm immer wieder
zuwarfen, dass er zu einem nervösen Wrack geworden war.
Da hinten standen sie bei einem Stapel Bretter, der gerade hereingebracht worden
war. Chris wandte sich schnell wieder ab, als einer von ihnen zufällig in seine
Richtung schaute. Nur nicht ihre Aufmerksamkeit erregen.
Chris’ Hände zitterten, als er das Stück Holz, das er gerade bearbeitete,
umdrehte. Dabei blieb er an einem Stück scharfkantigem Metall, das von der
Maschine wegragte, mit dem Finger hängen.
„Scheiße“, fluchte er erstickt.
„Verdammt Junge, wie kann man nur so ungeschickt sein“, grollte jemand hinter
ihm. Es war Donovan, der Typ, der hier so etwas wie ein Vorarbeiter war. Er war
zwar ein Gefangener wie alle anderen auch, aber er hatte Ahnung von der Arbeit
mit Holz. Darum hatte er hier das Kommando.
„Geh raus in den Pausenraum, da ist ein Erste-Hilfe-Kasten. Mach dir ein
Pflaster auf den Schnitt. Dann isst du gefälligst was. Du siehst aus wie dein
eigener Geist.“
Chris nickte, zu sagen wagte er nichts. Donovans Wort war hier in der Werkstatt
Gesetz, soviel hatte er in der kurzen Zeit bereits gelernt.
Erleichtert stolperte er davon. Während er früher seinem Vater bei der Arbeit
geholfen hatte, hatte er sich auch manchmal verletzt, der Anblick von Blut
machte ihm nichts aus, aber in seinem derzeitigen Zustand war es ihm doch etwas
schwindelig geworden, als er seinen blutigen Finger gesehen hatte.
Im Pausenraum, einem muffigen Kabuff mit einem riesigen, uraltem Esstisch, an
dem schon ganze Generationen von Gefangenen ihre Mahlzeiten eingenommen haben
mussten, zog er den Verbandskasten aus einem Regal und öffnete ihn. Der Schnitt
war nicht tief und blutete auch nicht besonders. Er tat nicht einmal besonders
weh. Flüchtig kam Chris der Gedanke, dass er im Moment vielleicht auch zu
abgestumpft war, um Schmerz zu empfinden
.
Nachdem er den Schnitt mit einem Desinfektionsmittel gereinigt und ein Pflaster
darüber geklebt hatte, stellte er den Verbandskasten zurück und sah unschlüssig
zu seinem Fach, in dem sein unberührtes Lunch-Paket lag. Die Sträflinge bekamen
morgens ein paar Sandwiches und ein, zwei Stücke Obst, die sie mit zur Arbeit
nahmen. Nur das Frühstück und das Abendessen wurden in dem großen Speisesaal des
Zellenblocks eingenommen.
Es war bereits später Nachmittag und Chris hatte sein Mittagessen noch nicht
angerührt. Sein Bauch knurrte zwar permanent, aber er wusste genau, dass er
nichts hinunter bekommen würde. Und doch würde er sich zwingen müssen, etwas zu
essen.
Während er dastand und sich überlegte, ob er es wagen sollte, seinen Magen mit
etwas Festem zu belasten oder doch nur wieder einen Kaffee mit viel Zucker zu
trinken, damit er wenigstens nicht irgendwann umkippte, hörte er hinter sich ein
Geräusch.
Erschrocken fuhr er herum.
„Na sieh mal an, wen wir da haben.“
Chris konnte förmlich spüren, wie sein ganzer Körper taub wurde. In seinen Ohren
begann das Blut zu rauschen. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen und seine
Innereien fühlten sich an wie ein einziger riesiger Eisklumpen. Erinnerungen an
den Vorfall in der Dusche stiegen in ihm hoch und wenn er irgendetwas in seinem
Magen gehabt hätte, dann hätte er sich auf der Stelle übergeben.
Jackson und seine beiden Freunde standen kaum drei Meter von ihm entfernt und
musterten ihn spöttisch. Sie blockierten den einzigen Ausgang aus dem Raum.
Chris hatte keine Chance, an den drei bulligen, muskelbepackten Kerlen
vorbeizukommen.
„Ich…ich muss wieder an meine Arbeit, Mr. Donovan wartet auf mich“, würgte er
schnell hervor, mit der inständigen Hoffnung, dass die Erwähnung des
Vorarbeiters den dreien genügend Respekt einjagen würde, um ihn gehen zu lassen.
Jackson lachte. Ein verächtliches, schmieriges Lachen, das Chris einen eisigen
Schauer über den Rücken jagte.
„Der ist gerade dabei, ein paar Typen zur Sau zu machen, die die Sägemaschine
zum Stillstand gebracht haben. Keine Bange, der wird dich die nächste halbe
Stunde bestimmt nicht vermissen. Und die Wärter spielen Karten…“
Nein. Chris begann abwehrend den Kopf zu schütteln, als ihm mit erschreckender
Deutlichkeit klar wurde, was das bedeutete. Er war allein mit seinen drei
Vergewaltigern. Durch den Lärm der Schreinerei würde ihn niemand hören, wenn er
nach Hilfe schrie.
„Bitte…bitte lasst mich in Ruhe…“ flehte er. „Bitte…“
Das konnten sie nicht mit ihm machen. Er war am Morgen nach der Vergewaltigung
kaum in der Lage gewesen zu laufen. Nur mit äußerster Willenskraft hatte er es
geschafft, sich nichts anmerken zu lassen. Er fühlte sich zwar jetzt körperlich
etwas besser, die Schmerzen waren nicht mehr so stark wie am Anfang, aber wenn
er daran dachte, was die drei vorhatten…
Jackson kam auf ihn zu und Chris wich einen Schritt zurück. Der Ausdruck in den
Augen des größeren Mannes ließ ihn unwillkürlich vor Angst aufschluchzen. Da war
kein Funken Mitleid zu erkennen, sie glitzerten vor Gier und Vorfreude.
„Gefällt mir, wie du bettelst“, grinste Jackson. „Das verleiht dem Ganzen erst
die richtige Würze.“
Chris konnte vor Angst nicht mehr klar denken. Die drei wollten das gleiche von
ihm wie schon vor ein paar Tagen. Er musste raus hier, weg von diesen Kerlen,
die ihm unvorstellbare Qualen und Demütigungen zufügen wollten. Als Jackson nach
ihm griff, duckte Chris sich weg und versuchte, an ihm vorbei zur Tür zu rennen.
Sein verzweifelter Fluchtversuch wurde jedoch vereitelt.
Einer von Jacksons Freunden packte ihn von hinten, Chris versuchte sich zu
wehren, doch seine Arme waren wie von zwei Eisenklammern gefangen. Als der
andere Kerl sich näherte, trat er in blinder Panik nach ihm. Stumme Tränen
liefen ihm über das Gesicht, er hatte so eine Angst, dass er im Moment nicht
einmal mehr schreien konnte.
Jackson ließ wieder sein widerliches Lachen hören.
„Hey, pass auf, das ist ja `ne kleine Wildkatze. Muss wohl erst noch Gehorsam
lernen“, sagte er mit einem Glucksen. „Los, bring ihn rüber zum Tisch“, befahl
er dann.
Chris schluchzte wild auf, als der Kerl, der ihn festhielt, ihn zum Esstisch
schleppte und dabei ein paar Stühle zur Seite trat, die im Weg standen. Er
versuchte, nach hinten auszutreten, doch das verschaffte dem anderen Typen nur
die Gelegenheit, seine Beine zu packen und sie so festzuhalten, dass er sie
nicht mehr bewegen konnte.
„Macht schon, wie haben nicht ewig Zeit“, drängte Jackson. „Legt ihn auf den
Rücken, diesmal will ich sein Gesicht sehen. Aber haltet ihn bloß fest.“
Chris wand sich wie eine Schlange, krallte seine Fingernägel in die bloßen Arme,
die um seine Brust geschlungen waren, in der fieberhaften Hoffnung, dass sie ihn
dann loslassen würden. Ohne Erfolg. Er wurde auf den Tisch geworfen, und dort
festgehalten. Grobe Hände zerrten am Stoff seiner Hose und Chris begann,
hysterisch zu betteln.
„Nein…nein…nicht…bitte…“
Sein Flehen war vorher nutzlos gewesen und nützte auch jetzt nichts. Einer der
Kerle saß hinter ihm auf dem Tisch und hielt seinen Oberkörper fest, damit er
nicht fliehen konnte.
Chris kämpfte. Er wusste tief in seinem Inneren, dass er gegen Jackson und seine
Freunde nicht die geringste Chance hatte, doch er versuchte immer wieder, sich
gegen die brutalen Hände, die seinen Körper auf die harte, raue Tischplatte
pressten, aufzubäumen, sie abzuschütteln.
Er betete. Betete, dass es irgendjemand auffallen würde, dass aus der
Schreinerei vier Gefangene verschwunden waren. Dass jemand einfach nur auf die
Idee kommen würde, sich einen Becher Kaffee aus dem Kaffeeautomaten zu holen.
Er wünschte, er wüsste nicht, was auf ihn zukam. Wünschte, er hätte keine Ahnung
davon, wie weh es tun würde, wie demütigend und erniedrigend es war.
Eine fleischige Hand legte sich über seinen Mund und raubte ihm die Luft zum
Atmen. Sie roch nach einem widerlichen Gemisch aus Zwiebeln und Maschinenöl.
Chris würgte und hustete, nein, das konnten sie nicht tun, das durften sie
einfach nicht. Warum ließen sie ihn denn nicht in Ruhe…
Jackson hatte Chris zu sich an die Tischkante gezogen und zwängte sich zwischen
seine Beine. Chris versuchte sich mit letzter Kraft dagegen zu wehren, wollte
nicht wahrhaben, dass sich dieses grauenvolle Erlebnis wiederholen würde.
„Mach die Augen auf“, hörte er Jackson durch den Nebel aus Panik und Grauen
sagen, der ihn in seinen Klauen hielt und ihn in eine schwarze, bodenlose Tiefe
zu ziehen drohte.
Chris kniff die Augen noch fester zu. Er wollte dieses verhasste, widerliche
Gesicht nicht sehen. Er wollte die Hände nicht spüren, die sich schmerzhaft in
seine Oberschenkel krallten, um ihn daran zu hindern, sie zu schließen oder nach
seinem Angreifer zu treten. Er versuchte, sein Denken abzuschalten, sich an
einen Ort in seinem Bewusstsein zurückzuziehen, an dem ihm der Horror nichts
anhaben konnte, an dem wenigstens seine Seele in Sicherheit war.
Er suchte nach Erinnerungen an seine Mutter, wie sie ihn gehalten und getröstet
hatte, wenn er als Kind traurig gewesen war oder Angst gehabt hatte, weil er
sich eingebildet hatte, unter seinem Bett würde ein Monster hausen. Sie würde
ihn auch jetzt trösten, vor diesen nur allzu realen Monstern bewahren und…
Grausame Finger zerrten an seinen Haaren, bohrten sich in seine Kopfhaut und der
Schmerz warf ihn unbarmherzig zurück in die Realität. Unwillkürlich riss Chris
seine Augen auf. Er hörte ein dreckiges Lachen und sah panisch in die Richtung,
aus der es gekommen war.
Jackson stand grinsend zwischen Chris’ schmerzhaft gespreizten Beinen, die Hand
am Reißverschluss seiner Hose. Den Hosenknopf hatte er bereits geöffnet.
„Na, geht doch“, keuchte er. „Du willst doch nicht verpassen, was Daddy hier für
dich hat.“
Bei diesen Worten öffnete er den Reißverschluss und Chris fand endlich seine
Stimme wieder. Er kreischte trotz der Hand auf seinem Mund los…
~
„Chris! Chris, wach auf!“
Mit einem Schrei fuhr Chris hoch. Voller Panik sah er sich um, in der Erwartung,
Jacksons grinsendes Gesicht vor sich zu sehen.
Nur langsam registrierte er, dass er sich nicht in diesem Aufenthaltsraum
befand, dass das unter ihm ein weiches Bett und keine harte Tischplatte war. Er
war in seinem und Alexandras Schlafzimmer, weit weg von San Quentin und seinen
Folterknechten.
Chris schlug die Hände vor sein Gesicht und schluchzte erleichtert auf. Es war
nur ein Traum gewesen. Ein lebhafter, furchtbarer Traum, der sich zwar so real
angefühlt hatte, aber dennoch nichts anderes als ein schrecklicher Streich
seines Unterbewusstseins gewesen war.
Eine sanfte Berührung an seiner Schulter ließ ihn zusammenzucken und er konnte
sich gerade noch beherrschen, nicht aus dem Bett zu springen. Zu frisch noch war
die Erinnerung an die brutalen Hände, die ihn auf diesem Tisch festgehalten
hatte. Er spürte, wie ihm übel wurde.
„Chris?“ erklang Alexandras besorgte Stimme und zog ihn zurück in die Realität.
Sie fasste ihn nicht wieder an, erkannte anscheinend instinktiv, dass er das
jetzt im Moment nicht ertragen hätte. Er musste sich erst aus diesem Strudel
voller qualvoller Erinnerungen befreien, bevor er bereit wäre, sich von ihr in
die Arme nehmen zu lassen.
Sein Magen rebellierte nun ernsthaft. Ohne Alexandra anzusehen, strampelte Chris
eilig seine verhedderten Laken und die Decke von sich und stürzte ins Bad. Er
schaffte es gerade noch ins Bad und zur Toilette, bevor sein Mageninhalt
beschloss, sich endgültig von ihm zu verabschieden.
Chris konnte erst aufhören zu würgen, als nur noch grüne Galle kam. Einen derart
lebendigen, realen Alptraum hatte er seit Monaten nicht mehr gehabt. Sicher
träumte er manchmal vom Gefängnis, aber nur selten so intensiv. Das Gespräch mit
Marc heute musste ihn mehr mitgenommen habe, als er gedacht hatte.
Er drückte die Toilettenspülung, als er überzeugt war, dass nichts mehr in
seinem Magen drin war, das herauswollte. Ein Glas mit Pfefferminzmundwasser
wurde ihm hingehalten und dankbar griff er danach. Er spülte sich den Mund aus,
danach ließ er sich erschöpft zurückfallen und lehnte sich mit dem Rücken gegen
die Badewanne.
Chris erschauerte, als er die kalten Fliesen durch sein nass geschwitztes
T-Shirt an seinem Rücken spürte. Seine Augen waren geschlossen, während er
versuchte, seine Fassung wiederzugewinnen. Er hörte, wie ein Glas auf der
Waschbeckenumrandung abgestellt wurde.
Chris holte zittrig Luft und öffnete die Augen. Direkt vor ihm kniete Alexandra
und musterte ihn besorgt. Ihre Haare waren vom Schlaf zerzaust und fielen ihr
ihn wilden Locken über die Schultern.
„Geht’s wieder besser?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete Chris mit rauer, krächzender Stimme.
„Ich hol dir was Trockenes zum Anziehen.“
Alexandra stand auf und ging zur Tür, wo sie sich noch mal zu ihm umdrehte. Sie
schien etwas sagen zu wollen, entschied sich dann aber dagegen. Chris war ihr
dankbar dafür. Er wollte jetzt nicht reden, ihr schon gar nicht den Inhalt
seines Alptraumes erzählen müssen. Für ihn war es genug, zu wissen, dass sie da
war, dass sie ihn nachher, wenn er sich wieder beruhigt hatte, in die Arme
schließen und ihm die Sicherheit geben würde, die er jetzt so dringend brauchte.
Keine Minute später war Alexandra wieder mit einem frischen T-Shirt und einer
frischen Boxershorts zurück.
„Soll ich dir beim Umziehen helfen?“
Chris schüttelte den Kopf und zog sich mühsam am Badewannenrand hoch, bis er auf
seinen zugegebenermaßen etwas wackeligen Beinen stand.
„Nein…ich…ich will erst noch unter die Dusche“, flüsterte er.
Alexandra sah ihn scharf an, dann nickte sie.
„Okay, ich bin draußen, falls irgend etwas ist.“
Sie verließ das Badezimmer, lehnte die Tür aber nur an. Chris warf einen Blick
in den Badezimmerspiegel und seufzte. Er sah aus wie fünfmal aufgewärmt, die
verschwitzten, feuchten Haare klebten ihm am Kopf, seine Gesichtsfarbe konnte
den weißen Badezimmerfliesen Konkurrenz machen und seine Augen waren vom Weinen
gerötet und geschwollen.
Chris wandte sich schnell ab und zog sich das nasse Shirt über den Kopf. Dann
schlüpfte er aus seiner Boxershorts und pfefferte beides auf den Wäschekorb in
der Ecke.
Er war heilfroh, dass Alexandra so sachlich mit ihm umging, auch wenn er wusste,
dass sie innerlich vermutlich nicht so ruhig war, wie sie erschien. Sie machte
sich bestimmt höllische Sorgen.
Chris stieg in die Duschkabine und drehte den Temperaturregler auf „Heiß“. Er
hätte beinahe aufgeschrieen, als der dampfende Wasserstrahl seine Haut traf,
doch er drehte die Temperatur nicht zurück. Er musste sich einfach den
imaginären Schmutz abwaschen, den dieser Traum hinterlassen hatte. Die
Berührungen dieser widerlichen, groben Hände und…
Chris schloss die Augen. Wenigstens war es Alexandra gelungen, ihn zu wecken,
bevor es zum Äußersten gekommen war. Es reichte schon, dass die Erinnerung an
diesen Nachmittag wieder da war, als wäre es erst gestern gewesen. Damals hatte
ihn niemand gerettet.
Während er das Wasser auf seinen Körper hinunterprasseln ließ, sagte er sich
immer wieder vor, wovon Doktor Winslow ihn in langen, quälenden Stunden zu
Beginn der Therapie hatte überzeugen müssen.
Es war nicht seine Schuld gewesen. Er war deswegen nicht weniger wert als andere
Menschen oder schmutzig und verdorben, weil er sich irgendwann nicht mehr
gewehrt hatte. Er war weder schwach, noch feige, noch in irgendeiner Weise
lächerlich.
Chris wusste das alles, hatte diese Sätze verinnerlicht und glaubte an deren
Richtigkeit. Doch der Traum hatte ihn auch gewissermaßen in eine Zeit
zurückgeworfen, in der das noch nicht der Fall gewesen war. Darum musste er sich
jetzt erst wieder intensiv daran erinnern.
Das heiße Wasser und die Seife halfen ihm dabei, sich symbolisch von dem durch
den Traum hervorgerufenen Gefühl, schmutzig zu sein, zu reinigen. Chris hatte
keine Ahnung, wie lange er unter der Dusche gestanden hatte, doch irgendwann
wurde das Wasser kalt. Er drehte es ab und stützte sich mit beiden Händen an die
Wand.
Er hasste es, Alexandra in Sorge versetzt zu haben. Sie konnte das im Moment nun
wirklich nicht gebrauchen, nicht mit dem Baby, das in ihr heranwuchs.
Chris verließ die Dusche und griff nach einem Handtuch, um sich abzutrocknen. Er
zog sich, die frischen Sachen an, die Alexandra für ihn bereitgelegt hatte und
föhnte sich kurz durch die Haare, während er sich überlegte, was er ihr sagen
sollte. Sie würde ihm nicht glauben, wenn er ihr nur erklärte, dass es ihm gut
ginge und sich noch mehr Gedanken machen.
Ein Klopfen an der Tür schreckte ihn aus seinen Überlegungen.
„Komm rein.“
Alexandra schob die nur angelehnte Tür auf. Sie war beladen mit einem Bündel
Bettwäsche.
„Ich hab das Bett neu bezogen, deine Seite war ganz feucht“, sagte sie in
neutralem Ton und warf die Wäsche in die Badewanne. „Außerdem…außerdem hab ich
dir eine Tasse Tee gemacht, falls dir noch schlecht ist.“
Sie schenkte ihm ein misslungenes Lächeln. Misslungen deshalb, weil ihr dabei
Tränen in den Augen standen.
Chris schluckte. Er hatte es einmal mehr geschafft, Alexandra um ihren dringend
nötigen Schlaf zu bringen. Und es würde vermutlich nicht das letzte Mal sein.
Diese Alpträume würden immer wieder kommen.
„Oh Gott, Alex, es tut mir so leid“, flüsterte er und trat einen Schritt auf sie
zu. „Ich…“
„Ist es okay, wenn ich dich jetzt in den Arm nehme?“ unterbrach ihn Alexandra.
„Ich hätte es vorhin ja schon gern getan, aber da hatte ich das Gefühl, dass du
das nicht ertragen hättest…“ Ihre Stimme zitterte.
Chris sah zur Seite und schloss die Augen. Dabei spürte er, wie ihm die Tränen
wieder über die Wangen zu laufen begannen. Er konnte ein Schluchzen nicht mehr
unterdrücken. Großer Gott, was würde er nur ohne Alexandra machen? Ohne ihre
Liebe und ihr Verständnis…
Im nächsten Moment fühlte er, wie er vorsichtig an einen weichen, warmen Körper
gezogen wurde. Alexandra hielt ihn nur ganz leicht, so dass er jederzeit hätte
zurückweichen und sich befreien können. Doch das wollte Chris gar nicht. Er
vergrub sein Gesicht in ihren verwuschelten Haaren und klammerte sich an sie.
Alexandras tröstliche Gegenwart begann die Erinnerung an den Traum langsam, ganz
langsam in den Hintergrund zu drängen. Sie war seine Zukunft, sie und das Baby.
Das Gefängnis und das, was dort geschehen war, lagen in der Vergangenheit. Es
würde nicht wieder passieren, niemals wieder…
Am folgenden Morgen erwachte Chris eine ganze
Weile, bevor der Wecker lospiepen würde. Es war um die Zeit, um die er früher in
San Quentin mit all den anderen Sträflingen durch eine Sirene geweckt worden
war. In den vergangenen Wochen und Monaten hatte er es zwar geschafft, seine
innere Uhr umzustellen, doch heute war er genau um fünf Uhr dreißig aufgewacht.
Chris seufzte leise. Auch wenn er sich wegen dieses Traumes nicht verrückt
machen würde, es würde ein paar Tage dauern, bis er wieder die nötige Distanz zu
seiner Vergangenheit aufgebaut hatte.
Die Erinnerungen an diesen Nachmittag im Pausenraum der Gefängnisschreinerei
schwappten wieder hoch und Chris schloss gequält die Augen. Er hatte geschrieen
und geweint, weil es so schrecklich wehgetan hatte, er hatte versucht, sich zu
wehren, bis er einfach keine Kraft mehr gehabt hatte und die Vergewaltigung
einfach nur noch über sich ergehen ließ.
Als es vorbei war, wollten sich auch die beiden anderen noch über ihn hermachen,
doch Jackson verbot es ihnen, wofür Chris ihm in diesem Moment irrsinnigerweise
sogar noch dankbar war.
Sie halfen ihm, sich wieder anzuziehen und Jackson drohte ihm, dass er ihn
langsam und qualvoll umbringen würde, sollte er es wagen, einem Wärter davon zu
erzählen. Chris nickte nur apathisch und versprach tonlos, dass er niemandem
etwas sagen würde. Das war der Beginn seiner Zeit mit Jackson als „Beschützer“.
Kurze darauf wurde dieser sein Zellengenosse.
Chris lernte zwei andere junge Männer kennen, die schon länger in San Quentin
waren und denen es genau wie ihm erging. Von ihnen bekam er den Rat, sich nicht
mehr zu wehren, da er damit alles nur noch schlimmer machen würde. Es dauerte
jedoch eine Weile, bis Chris es schaffte, sich an diesen Rat zu halten. Jede
Vergewaltigung wurde für ihn so zu einer unerträglichen Qual, bis er eines Tages
aufgab, gegen seine Vergewaltiger zu kämpfen.
Die Schmerzen, die seinem Körper zugefügt wurden, waren von da an nicht mehr so
schlimm, aber seine Seele litt umso mehr. Die einzigen Lichtblicke in seinem
Leben waren die kurzen Besuche seines Vaters, bis dieser so überraschend starb.
Wäre dieser Wärter damals nicht dazu gekommen, als er die Glasscherbe schon in
der Hand gehabt hatte und sich damit die Pulsadern aufschneiden wollte, dann
wäre er seinem Vater zu seiner Mutter gefolgt.
Nach diesem Zwischenfall siegte jedoch Chris’ unbändiger Lebenswille. Er wollte
eigentlich nicht sterben, er wollte wieder hier raus, neu anfangen und all den
Schmutz hinter sich lassen. Und dann war da noch der Glaube, dass Selbstmord
eine Sünde war.
Chris’ Mutter war streng katholisch gewesen und hatte darauf geachtet, dass die
Familie jeden Sonntag in die Kirche ging. Chris war mit dieser Religion
aufgewachsen und sie lehrte nun einmal, dass Selbstmörder in der Hölle landeten.
Wenn ihm schon sonst nichts davon genutzt hatte, zum damaligen Zeitpunkt glaubte
er noch daran, was die Kirche sagte. Und er wollte nicht von einer Hölle in die
nächste kommen. Also wollte er versuchen, irgendwie durchzuhalten.
Dann wurde Jackson in ein anderes Gefängnis verlegt und seine Freunde verloren
das Interesse an Chris. Sie hatten schon ein anderes Opfer im Auge. Etwa zwei
Wochen lang war Chris auf sich allein gestellt, während dieser Zeit passierte
auch diese Geschichte in der Schreinerei mit dieser Latino-Gang, von der er
damals in der Hütte am Shashta Lake geträumt hatte.
Dann bekam er einen neuen Zellengenossen…
So schlimm Jackson und seine Freunde auch gewesen waren, Carl Lewis war
schlimmer. Lewis hatte die Statur eines Preisboxers, war bis auf den Kopf am
ganzen Körper behaart und ein perverser Sadist und Psychopath.
Hatte Chris gegenüber Jackson und Konsorten einen Schutzwall um seine Seele
aufbauen können, hatte er sich innerlich dem gegenüber distanzieren können, was
sie mit seinem Körper anstellten, was Lewis ihm antat, zerstörte diesen
Schutzwall. Das Schwein gab sich nicht damit zufrieden, seine sexuellen Gelüste
an ihm zu befriedigen, er zwang Chris dazu, sich praktisch in ein Mädchen zu
verwandeln, mit Schminke, Frauenunterwäsche und billigem, süßlich riechendem
Parfüm. Chris konnte bis heute nicht in die Parfümabteilung einer Drogerie
gehen, ohne dass ihm übel wurde. Zu sehr erinnerte ihn ein ganz bestimmter Duft
an Lewis und dessen Perversionen.
Dann ging seine Bewährung durch. Chris hatte Lewis nichts davon gesagt, eines
Morgens kam ein Wärter und führte ihn davon, raus aus der Zelle, die zwei Jahre
lang zu seiner ganz persönlichen Hölle geworden war. Chris blickte nicht zurück,
als sich die Tür des Zellentraktes hinter ihm schloss.
Er warf auch keinen Blick zurück, als er in den Wagen von Jack Sanders einstieg.
Der Mann, der sich als sein Bewährungshelfer zu erkennen gegeben hatte, brachte
ihn zu einem billigen Motel und teilte ihm mit, dass er ihn am Morgen abholen
würde, um ihn zu einem psychologischen Beratungsgespräch zu begleiten und danach
sollte er sich bei einem potentiellen Arbeitgeber vorstellen.
Chris leistete keinerlei Widerspruch, er war in dem Moment froh, dass jemand für
ihn die Entscheidungen traf. Die erste wirklich selbständige Handlung in
Freiheit war, dass er sich die Haare schnitt, die ihm inzwischen weit über den
Rücken hinab hingen. Jack sah ihn am nächsten Morgen zwar etwas seltsam an,
kommentierte seine eigenwillige neue Frisur jedoch mit keinem Wort.
Und dann hatte seine Odyssee durch die verschiedenen Arbeitsstellen begonnen,
mit der er Jack fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Bis zu jenem denkwürdigen
Vormittag, an dem er Alexandra getroffen hatte…
Chris öffnete die Augen und sah an die Decke. Aus, vorbei, vorüber. Jackson,
Lewis und die anderen Drecksschweine waren nichts anderes als Geister seiner
Vergangenheit, Alptraumgestalten, die ihm in der Realität nichts mehr anhaben
konnten. Was ihn betraf, waren sie Geschichte, mussten Geschichte sein.
Er drehte den Kopf, vorsichtig, um die junge Frau, die eng an ihn geschmiegt
neben ihm im Bett lag, nicht zu wecken. Im Halbdunkel konnte er ihre
Gesichtszüge nicht genau ausmachen, aber er wusste, wenn es hell genug gewesen
wäre, dann hätte er Tränenspuren auf ihren Wangen erkennen können.
Chris fühlte, wie sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog. Alexandra hatte wegen
ihm geweint, um ihn. Sie hatte sich gestern Nacht genauso an ihn geklammert, wie
er sich an sie.
Er hatte ihr den Inhalt seines Traumes nicht erzählt, nicht gewollt und nicht
gekonnt, aber Alexandra hatte gespürt, wie durcheinander und verstört er gewesen
war.
Chris befreite sich sanft aus ihrer Umarmung. Schlafen konnte er nicht mehr,
dazu war er zu unruhig. Als er aus dem Bett kletterte, bewegte sich Alexandra
und er hielt den Atem an. Doch sie murmelte nur etwas Unverständliches und
vergrub das Gesicht tiefer in ihrem Kissen.
Nachdem er sich ein T-shirt, Socken und eine Jeans von dem Stapel frisch
gebügelter Wäsche geschnappt hatte, der auf einem Sessel darauf wartete, an
seinen rechtmäßigen Platz im Kleiderschrank transportiert zu werden, schlich
Chris aus dem Raum. Draußen vor der Tür zog er sich um und hängte sein
Schlafshirt über das Treppengeländer. Dann ging er leise, die knarrenden Stufen
vermeidend, die Treppe hinunter in die Küche, wo er von einem bedröppelten
Charlie mit einem unterdrückten Wuffen begrüßt wurde. Charlie hatte sich
mittlerweile daran gewöhnt, in der Küche schlafen zu müssen, obwohl es ein
harter Kampf gewesen war, ihn soweit zu bringen. Ein harter Kampf und ein paar
Tage, in denen der Hund Chris beleidigt ignoriert hatte.
Chris machte das Licht an und tätschelte Charlie, der zu ihm getrottet war,
liebevoll den Rücken.
„Morgen, Kleiner. Hoffentlich hast du wenigstens gut geschlafen“, seufzte er.
„Hast du Hunger?“
Als Antwort leckte Charlie ihm über die Hand und lief dann zu seinem Futternapf,
den er auffordernd anstupste und ihn dann ins Maul nahm, um ihn Chris vor die
Füße zu legen. Dann sah er sein Herrchen an, als wollte er sagen `Blöde Frage.
Gib mir endlich was zu Fressen. Ich geh hier fast ein.’
Chris musste grinsen. Wenn du mies drauf bist, dann wende dich an Doktor
Charlie. Der hilft dir garantiert.
Er bückte sich und hob den Futternapf auf, um ihn auf die Küchentheke zu
stellen. Dann füllte er ihn mit Charlies Lieblingshundefutter, während der Hund
ungeduldig neben ihm wartete und dabei mit dem Schwanz wedelte.
„Man könnte meinen, wir wären Rabeneltern und hätten dir seit Tagen nichts zu
Fressen gegeben“, schmunzelte Chris, als er fertig war und den Napf zu Charlies
Plätzchen hinübertrug. Charlie winselte erbärmlich, während er ihm folgte. Dann
stürzte er sich heißhungrig auf sein Frühstück. Chris füllte noch seine
Wasserschüssel, bevor er sich daran machte, sich um das Frühstück für sich und
Alexandra zu kümmern.
Früher hatte er nicht darauf geachtet, was er morgens aß. Es hätte seinetwegen
auch Hamburger mit Pommes geben können, doch seit er von Alexandras
Schwangerschaft wusste und sich ein wenig damit beschäftigt hatte, hatten sich
die Rollen vertauscht. Hatte vorher Alexandra ihn immer wieder gedrängt, etwas
„Vernünftiges“ zu essen und sich nicht regelmäßig mit fettigem, ungesundem Zeug
vollzustopfen, war nun er es, der auf ein ausgewogenes Frühstück achtete.
Schließlich wurde das Baby auch mitgefüttert.
Den letzten Einkauf hatte er unter anderem mit einem Einkaufszettel aus
irgendeinem Ernährungsratgeber für Schwangere gemacht. Alexandra hatte ihn zwar
schon einige Male seltsam angesehen, wenn er sich um das Essen hatte kümmern
wollen, aber bisher war sie noch nicht explodiert. Zumindest nicht deswegen.
Seine Besorgtheit um sie stand auf einem anderen Blatt.
Vorgestern hatte er für Alexandra den Wäschekorb in den Keller tragen wollen,
weil er der Ansicht gewesen war, er wäre zu schwer für sie. Außerdem hatte für
sie seiner Meinung nach die Gefahr bestanden, die Treppe hinunterzufallen, da
sie damit die Stufen nicht sehen konnte.
Chris hatte schnell gemerkt, dass er dabei auf eine Landmine getreten war, eine
ziemlich große sogar. Das Ergebnis war gewesen, dass er sich Charlie geschnappt
und sich mit dem Hund auf einen längeren Spaziergang begeben hatte, um Alexandra
die Gelegenheit zu geben, sich wieder abzuregen. Zuviel Aufregung war auch nicht
gut für das Baby – hatte er gelesen.
Vielleicht lag es einfach an den Hormonen, dass sie manchmal so ausflippte. Die
Dinger sollten Schwangere ja manchmal extrem reizbar machen. Eine Feststellung,
die Chris inzwischen nur fett unterstreichen und mit Leuchtstift anmalen konnte.
Alexandra hatte in den letzten Wochen wirklich eine ziemlich kurze Zündschnur
gehabt…
Chris hoffte, dass sich das mit der Zeit bessern würde, sonst würde er am Ende
der Schwangerschaft das reinste Nervenbündel sein.
Er war fast fertig mit seinen Vorbereitungen, als Charlie aufstand und zur Tür
lief, um Alexandra zu begrüßen, die mit verstrubbelten Haaren und offenem
Morgenmantel die Küche betrat.
„Hallo, du Monster“, begrüßte sie den Hund, bevor ihre Augen Chris suchten. Sie
wirkte besorgt.
„Hey, Baby“, lächelte sie dann zärtlich und kam auf ihn zu, um ihn zu umarmen
und um ihm einen Gute-Morgen-Kuss zu geben.
Chris drückte sie fest an sich. Sie wirkte noch ziemlich verschlafen. Kein
Wunder, nach der Nacht. Das schlechte Gewissen begann sich wieder bei ihm zu
regen.
„Hey“, flüsterte er an ihrem Ohr. Alexandra fühlte sich ganz warm an, sie musste
eben erst aus dem Bett gekrabbelt sein. Chris atmete tief ein. Sie roch nach
Vanille und Alexandra. Tröstlich und vertraut. Das war einer dieser Momente, in
denen er sich glücklich und zufrieden fühlte, als wäre all das Schreckliche
seiner Vergangenheit nicht passiert. Sogar die Erinnerung an den Alptraum begann
zu verblassen.
„Wie geht’s dir heute Morgen?“
Alexandra lehnte sich ein wenig zurück und blickte ihm forschend ins Gesicht.
„Gut“, antwortete Chris nach kurzem Zögern. „Ich bin wieder in Ordnung.“
„Bist du sicher?“
Mit schiefgelegtem Kopf betrachtete Alexandra ihn aufmerksam. Chris musste
lächeln, als er sah, dass sie noch einen Abdruck ihres Kissens auf der Wange
hatte.
„Ganz sicher. Ich lass mich von so was nicht mehr umwerfen, zumindest nicht
lange. Ich kann’s nicht ändern, dass ich manchmal solche Träume habe, also muss
ich versuchen, damit zu leben. So wie jemand, der im Rollstuhl sitzt, damit
leben muss, dass er nicht laufen kann. Da geht’s mir doch sogar noch besser,
oder nicht?“
Alexandra presste die Lippen zusammen, dann beugte sie sich vor und hauchte ihm
einen Kuss auf den Mund.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr.
Aber…versprichst du mir etwas?“
„Was du willst.“
„Wenn…wenn dir was zuviel wird, dann sprichst du mit jemandem darüber, mit mir
oder mit Doktor Winslow. Fang nicht wieder damit an, alles in dich
hineinzufressen und selber damit klar kommen zu wollen. Bei manchen Dingen
braucht man einfach Hilfe von außen. Okay?“
Alexandras Worte überraschten Chris. Sie schien ohne große Worte verstanden zu
haben, dass er nicht über vergangene Nacht reden mochte, dass er das einfach
hinter sich lassen wollte, wie so vieles andere. Und sie respektierte seinen
Wunsch.
„Okay“, entgegnete er. „Alex…“
„Hm?“
„Danke. Für alles. Dass du das verstehst…“
Chris schluckte. Und wenn er zwei Leben lang Zeit hätte, er würde Alexandra nie
all das zurückgeben können, was er ihr schuldete. In diesem Moment schwor er
sich, niemals der Grund zu sein, dass sie unglücklich war. Jedenfalls nicht
richtig. Dass sie manchmal wütend auf ihn sein würde, dass würde er kaum
verhindern können, dazu hatte sie zuviel Temperament und Eigensinn. Er selbst
war zwar erheblich ruhiger, doch an Sturheit konnte er Alexandra durchaus
Konkurrenz machen, sie vielleicht sogar übertreffen.
„Keine Ursache“, sagte Alexandra sanft und strich ihm über die Wange. Dann gab
ihr Magen ein grollendes Geräusch von sich und sie musste lachen.
„Der Zwerg hat Hunger. Lass mal sehen, ob du da was Anständiges für Chris junior
gezaubert hast…“
„Kann ich bitte einen Kaffee haben?“
Marc sah auf und seufzte innerlich. Eine vollbusige Blondine in einem braven,
hellgrauen Kostüm, Typ „Gelangweilte Hausfrau“ lehnte dekorativ an dem Tisch,
der ihnen als Theke für den Getränkeausschank diente.
Niemand hatte ihnen vorher gesagt, dass an diesem Wettbewerb nicht nur
Erwachsene, sondern auch Kinder teilnehmen würden. Kinder, deren stolze und
besorgte Eltern in der Halle herumschwirrten, in dem er stattfand.
Der Vormittag war noch nicht vorbei und Marc wurde nun schon zum dritten Mal von
einer anscheinend einsamen Mami angebaggert. Er verfluchte sich selbst dafür,
dass er zugesagt hatte, diesen Job zu übernehmen. Eigentlich sollte Chris neben
ihm stehen und einen Teil der Arbeit übernehmen, aber der schien mehr damit
beschäftigt zu sein, um Alexandra herumzuflattern, die auch bei den Kindern
schon als Kampfrichterin fungierte.
„Bitte schön, macht einen Dollar fünfzig.“
Damit stellte er die volle Tasse vor die Frau hin und hoffte, dass sie mit ihrem
Getränk abziehen würde. Doch er hatte nicht mit deren Hartnäckigkeit gerechnet.
Anstatt sich von seinem schroffen Ton abgewiesen zu fühlen und zu verschwinden,
schien das ihren Jagdtrieb nur noch mehr anzustacheln.
Die blonde Frau, die aus der Nähe betrachtet mit Sicherheit schon Anfang vierzig
war, nippte an ihrer Tasse und leckte sich dann über die Lippen.
„Mhm, tut das gut“, gurrte sie. „Stehst du hier den ganzen Tag hinter der Theke
oder hast du auch irgendwann mal Pause?“
Marc starrte die Frau eine Sekunde lang nur an. Also, so ein Frontalangriff war
ihm heute noch nicht passiert. Eigentlich war ihm so was noch nie passiert. Mann
oh Mann, hatten manche Frauen denn gar kein Schamgefühl? Die Blondine musterte
ihn mit einem Raubtierlächeln von oben bis unten, wobei ihr Blick etwas länger
an einer bestimmten Stelle verweilte. Marc war plötzlich froh, dass das blaue
T-Shirt mit dem Vereinslogo, das Pat ihnen aufgezwängt hatte, ziemlich weit war
und bis zu den Oberschenkeln reichte.
Er besaß ein gesundes Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen, aber hier
stellten sich ihm sämtliche Nackenhaare auf. Verzweifelt überlegte er sich, wie
er die Tussi abwimmeln konnte. Sie sah nämlich nicht so aus, als würde sich von
einer diplomatischen Ablehnung von ihrem Vorhaben, ihn als „Pausensnack“ zu
vernaschen, abbringen lassen.
„Hey, Marc, hast du den Schlüssel von dem Van, wo die belegten Brötchen drin
sind? Einer von den Obergurus hat gemeint, wir sollen das Zeug langsam
reinholen.“
Chris tauchte neben der blonden Hyäne auf und sah ihn erwartungsvoll an. Deren
abschätzende Blicke ignorierte der Junge völlig, während er die Hand ausstreckte
und den Schlüssel in Empfang nahm, den Marc aus seiner Hosentasche hervorkramte.
„Warte, ich helf dir“, sagte Marc hastig. „Geht zu zweit schneller.“
„Oh, aber ich könnte doch auch helfen“, mischte sich die Frau ein. „Dein kleiner
Freund könnte doch hierbleiben und wir beide holen die Sachen.“
Marc wurde bei den Worten „wir beide“ heiß und kalt gleichzeitig. Er hatte ja
wirklich gelernt, mit vielen Situationen fertig zu werden, aber das hier
überforderte ihn. Die Rettung kam aus einer Richtung, aus der er sie am
wenigsten erwartet hätte.
„Oh, Madam, das ist keine Arbeit für eine Lady in Ihrem Alter“, sagte Chris
höflich. „Das Zeug ist ziemlich schwer. Kommst du, Marc?“
Chris wandte sich ab und steuerte auf den Ausgang zu, darum versäumte er den
ungläubigen und fassungslosen Ausdruck, der sich auf dem Gesicht der „älteren
Dame“ ausbreitete.
Marc würgte eine erstickte Entschuldigung hervor und stürzte hinter Chris her.
Er konnte kaum glauben, dass diese Worte gerade wirklich aus dem Mund seines
normalerweise gegenüber Frauen so zurückhaltenden und schüchternen
Sportkameraden gekommen waren. Der Satz war ja mehr als eine verbale Ohrfeige
gewesen.
Auf dem Parkplatz holte er Chris ein. Allerdings musste er da erst einmal stehen
bleiben und das Gelächter, das er die ganze Zeit unterdrückt hatte,
herauslassen.
Chris hielt ebenfalls an und starrte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Was ist denn mit dir los?“ fragte er verblüfft.
„Hast…hast…du…hihi…hast du das Gesicht von der Schreck…hihihi…von der
Schreckschraube denn grad echt nicht gesehen?“
Vor lauter Lachen konnte Marc kaum sprechen. Chris sah ihn an, als wären ihm
pinkfarbene Engelsflügelchen gewachsen.
„Wieso? Was war denn?“
„Wenn…hihihi…wenn Blicke töten könnten, dann würdest du jetzt auf `ner Wolke
sitzen und Harfe spielen.“
„Marc…“ Chris’ Ton nach zu urteilen stellte er sich gerade vor, Marc wäre ein
kleines Kind. „Marc, hast du etwa heimlich was getrunken?“
Marc wischte sich Lachtränen aus den Augen. Wusste Chris denn wirklich nicht,
was er da gerade gemacht hatte? War es etwa doch keine Absicht gewesen?
„Nein“, gluckste er. „Die Tante, die du da gerade so herrlich als alte Schachtel
hingestellt hast, hat mich die ganze Zeit angebaggert. Und dann kommst du und
bezeichnest sie quasi als Oma…“
Gelächter blubberte wieder in Marcs Kehle hoch. Chris’ Minenspiel bei seiner
Erklärung war einfach zu köstlich. Erst war er ratlos, dann breitete sich nach
einer kurzen Phase der Erkenntnis ein Ausdruck tödlicher Verlegenheit auf seinem
Gesicht aus.
„Oh Scheiße…“ hauchte Chris. „Wie alt war die denn etwa?“
„Na so um die Vierzig, Mann“, lachte Marc. „Das hat sie aber nicht dran
gehindert, mit mir ganz massiv zu flirten. Denk dir nichts dabei, geschieht ihr
ganz recht. Und jetzt komm, erstens ist es arschkalt, und zweitens müssen wir
wieder rein.“
Damit schlug er Chris auf die Schulter und ging weiter zu dem weißen Van, in dem
die Futtervorräte gelagert waren.
Chris folgte ihm langsam.
„Die hat dich echt angemacht?“ vergewisserte er sich. „Oh Gott, mit den
Klamotten und den Haaren hab ich die für sechzig gehalten oder so.“
Marc schüttelte den Kopf.
„Chris, Chris, du schockierst mich“, sagte er gespielt ernst, obwohl er sich
angesichts von Chris’ knallroten Wangen am liebsten wieder einem Lachanfall
hingegeben hätte. Die Frau hatte optisch etwas bieder gewirkt, im völligen
Gegensatz zu ihrem Auftreten, aber niemals wie eine Sechzigjährige.
„Ich kann Leute nicht auf ihr Alter schätzen“, jammerte Chris, während Marc ihm
die erste Kiste mit belegten Brötchen in die Arme drückte. Den Van hatte er auch
aufsperren müssen, nachdem er sich den Schlüssel hatte wiedergeben lassen. Chris
war im Moment zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen.
„Oh Gott, wieso hab ich das bloß gesagt? Was ist, wenn ich der da drin noch mal
über den Weg laufe? Soll ich mich vielleicht entschuldigen?“
Marc wäre beinahe auf Chris draufgeknallt und hätte seine eigene Kiste fallen
lassen, da dieser plötzlich vor ihm angehalten hatte und sich halb zu ihm
umdrehte.
„Was meinst du? Soll ich mich entschuldigen?“ fragte Chris nochmals.
„Nein“ Marc rollte mit den Augen. „Damit machst du es nur schlimmer. Vergiss es
einfach. Die siehst du wahrscheinlich eh nie wieder.“
„Aber…“
„Jetzt geh schon, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, seufzte Marc.
Marc schüttelte den Kopf, während er Chris in die Halle zurück folgte. Dieser
Chris eben war ein ganz anderer als der, der ihm vor drei Tagen auf dem
Parkplatz all diese furchtbaren Dinge erzählt hatte. Auf der einen Seite konnte
er so abgeklärt und zynisch sein, ganz untypisch für sein Alter, und auf der
anderen Seite war er manchmal so unglaublich naiv wie ein Teenager.
Als Marc an diesem Abend nach Hause gekommen war, hatte er sich erst einmal eine
Flasche Kognak und ein Glas aus der Hausbar geholt und hatte sich im Dunkeln
aufs Sofa gesetzt. Die Straßenbeleuchtung hatte den Raum genügend erhellt, dass
er das Glas und die Flasche hatte noch sehen können. Er hatte stundenlang da
gesessen, an seinem Kognak genippt und darüber nachgedacht, was er von Chris
erfahren hatte. Wie hatte dieser Junge es nur geschafft, in dieser Hölle nicht
seinen Verstand zu verlieren? Chris hatte das, was im Gefängnis mit ihm
geschehen war, nur ganz grob umrissen, doch Marc hatte die Qual herausgehört,
die hinter dieser flüchtigen Schilderung verborgen gelegen hatte. Dreieinhalb
Jahre…
Anne war an diesem Abend nicht dagewesen, sie hatte bei einer Freundin
übernachtet und Marc war ganz froh darüber gewesen. Sie hätte nur wissen wollen,
was ihn so beschäftigte und er hätte es ihr nicht sagen können.
Die halbe Flasche Kognak war leer gewesen und die Uhr auf dem Display des
Videorecorders hatte zwei Uhr dreißig angezeigt, als Marc endlich aufgestanden
war, um ins Schlafzimmer hinüberzugehen. Chris’ Schicksal, seine unglaubliche
Tapferkeit, mit der er es ertrug, gingen ihm näher, als ihm lieb war. Er würde
seinen „Klienten“ nie wieder unvoreingenommen und unbefangen gegenübertreten
können, würde sich genau das fragen, was Chris gesagt hatte. War der Typ vor ihm
ein Normalo, ein Vergewaltiger oder ein Opfer?
Er hatte die Auswirkung bereits am nächsten Tag gespürt, als er die drei Männer,
die er an diesem Tag zu betreuen hatte, immer wieder unauffällig gemustert
hatte. Was hatten sie hinter sich? Wollte er es überhaupt wissen? Er hatte immer
wieder nach Verhaltensweisen gesucht, wie er sie auch von Chris kannte. Doch an
keinem der drei war ihm etwas Derartiges aufgefallen. Waren sie etwa alles
normale Typen, die einfach nur ihre Zeit abgesessen hatten, unbehelligt, und
ohne jemandem anderen etwas Schlimmes zuzufügen?
Vielleicht war es besser, wenn er es nicht wusste. Für jemanden, dem das gleiche
widerfahren war wie Chris hätte er Verständnis aufbringen können, hätte
vielleicht sogar Hilfe anbieten können. Was aber würde er mit einem
Vergewaltiger tun?
Marc war sich der Macht durchaus bewusst, die er als Bewährungshelfer über seine
Klienten hatte. Er war derjenige, der zwischen ihnen und der Rückkehr ins
Gefängnis stand. Eine Verletzung der Bewährungsauflagen war ein ernsthaftes
Vergehen und konnte sogar dazu führen, dass die Strafe verlängert wurde. Sicher,
er musste die Sache erst mit seinem Vorgesetzten besprechen, doch wenn er diesen
davon überzeugen konnte, dass ein derartiger Schritt notwenig war, dann würde
Kendall ohne Zögern die erforderlichen Papiere unterschreiben.
Marc bezweifelte, dass er in so einem Fall würde objektiv bleiben können und
nicht nur auf eine noch so winzige Gelegenheit warten würde, den betreffenden
Dreckskerl dahin zurückschicken zu können, wohin er gehörte.
Bevor er am folgenden Abend ins Training gegangen war, hatte er zwei
Kopfschmerztabletten nehmen müssen. Einerseits, weil er noch immer die
Nachwirkungen der halben Flasche Kognak gespürt hatte, und andererseits, weil er
sich den ganzen Tag mit solchen und ähnlichen Überlegungen herumgeschlagen
hatte.
Marc war sich nicht sicher gewesen, ob er sein Versprechen Chris gegenüber würde
halten können, sich zusammenzureißen und ihn nicht so sanft wie ein Mädchen zu
behandeln. Dessen beschwörender Blick, als sie sich im Dojo gegenübergestanden
hatten, hatte ihm jedoch gezeigt, wie wichtig es für Chris war, ihn als Partner
zu behalten. Also hatte er sich selbst mental einen Tritt in den Hintern
gegeben. Das Ergebnis war zwar nicht astrein gewesen, er hatte Chris noch immer
sanfter behandelt als einen anderen männlichen Partner, aber Pat hatte sich
zufrieden gezeigt. Chris hatte ihm nach dem Training nur dankbar zugenickt.
„Hey Jungs, bringt das Zeug hierher.“
Eine helle Frauenstimme riss Marc aus seinen düsteren Gedanken. Zwei Mädchen,
die neben einem Tisch standen, auf dem eine weiße Tischdecke ausgebreitet war,
winkten ihnen zu. Nachdem sie sich ihrer Last entledigt hatten, ging Chris
wieder nach draußen, um den Rest zu holen, während Marc zum Getränkeausschank
zurückschlenderte, wo inzwischen ein paar Leute standen und sich ungeduldig
umsahen.
Der Wettkampf war in vollem Gange, mittlerweile waren die Teenager dran. Nach
der Mittagspause würden endlich die Erwachsenen ihr Können unter Beweis stellen
und der Geräuschpegel würde hoffentlich etwas sinken.
Marc entschuldigte sich bei den Wartenden und versorgte sie mit den gewünschten
Getränken.
„Marc, weißt du, wo Chris ist?“
Alexandra stand plötzlich vor ihm. Inzwischen konnte man ihr kleines
Babybäuchlein auch unter dem weiten T-shirt deutlich sehen, wenn man wusste,
dass es da war. Marc musste unwillkürlich lächeln. Irgendwie konnte er sich die
manchmal ruppige, sarkastische Trainerin nicht mit einem Kind auf dem Arm
vorstellen.
„Er holt gerade das Essen rein. Brauchst du was?“
„Gut“, seufzte Alexandra erleichtert.
Marc hob erstaunt die Augenbrauen. Bevor er jedoch nachfragen konnte, was sie
meinte, erhielt er auch schon die Antwort. Alexandra beugte sich etwas über den
Tisch.
„Wenn du deinen Trainingspartner behalten willst, dann halt ihn mir die nächsten
zwei, drei Stunden vom Hals. Sonst passiert hier ein Mord.“
Sprach’s, drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte mit wippendem
Pferdeschwanz wieder zu ihrem Platz zurück. Marc starrte ihr verblüfft
hinterher. Was ging denn hier ab? Dann jedoch fiel ihm ein, wie er sich vorhin
über Chris` dauernde Abwesenheit und die Ursache dafür geärgert hatte. Es schien
fast so, als hätte sich noch jemand geärgert, allerdings aus etwas anderen
Gründen. Marc begann zu schmunzeln. Es sah also nicht nur so aus, als würde
Chris wie eine überängstliche Glucke um seine Freundin herumflattern, es fühlte
sich für Alexandra wohl auch so an.
Zu einem Glück musste Marc sich in der folgenden Stunde nicht großartig
anstrengen, Alexandras Wunsch zu entsprechen. Es wurde langsam Mittag, der
Teenie-Wettkampf neigte sich seinem Ende zu, und er und Chris hatten alle Hände
voll zu tun mit ihrem Getränkeausschank. Einmal erschien Alexandra und holte
sich selbst auch etwas zu trinken. Marc musste ein Lachen unterdrücken, als er
hörte, wie sie bei Chris ihre Bestellung aufgab.
„Gibst du mir bitte eine Flasche Mineralwasser? Und ja, mir geht’s gut und wenn
es mir zu viel wird, setze ich mich hin. Hab dich auch lieb.“
Damit warf sie ihrem Freund einen Luftkuss zu und verschwand wieder zu den
anderen Kampfrichtern. Chris sah ihr etwas belämmert hinterher und musste von
seinem nächsten Kunden zweimal angesprochen werden, bis er endlich reagierte.
Schließlich wurde es jedoch wieder etwas ruhiger. Berge von schmutzigem Geschirr
standen herum und schrieen danach, in die Spülmaschine geräumt zu werden. Marc
drehte sich zu Chris um und wollte ihn damit beauftragen. Er erwischte seinen
Freund gerade noch am Saum seines T-Shirts und zog ihn daran zu sich her.
„Nein, du rennst jetzt nicht wieder zu Alex!“ sagte er energisch. „Sie ist alt
genug, sie kann auf sich aufpassen, da stehen Pat und Jenna bei ihr, also ist
sie nicht alleine. Kümmere dich um das Geschirr, das brauchen wir später
wieder!“
„Ich wollte doch nur kurz…“
„Chris...Nein! Nachher bist du wieder eine halbe Stunde verschwunden und ich
stehe mit dem ganzen Mist alleine da. Bring das Zeug raus in die Küche und
schmeiß die Spülmaschine an. Du kannst dir ja noch ein paar von den Mädels da
drüben holen, die sind sowieso grad nur am quatschen.“ Er zeigte auf die
Mädchen, die für das kalte Büffet zuständig waren und miteinander flüsterten und
kicherten.
Der Blick, den Chris ihm daraufhin zu warf, hätte Marc beinahe nachgeben lassen.
Doch er stählte sich dagegen und blieb hart.
Mit einem abgrundtiefen Seufzer packte Chris das erste Tablett und ging damit in
die Küche, die an die Halle angrenzte.
„Der Kerl ist schlimmer als ein Sack Flöhe zu hüten“, brummte Marc vor sich hin.
„Sie nehmen Ihren Job ja ziemlich ernst, wenn Sie ihn sogar auf Ihr Privatleben
ausdehnen“, erklang eine bekannte Stimme und ließ Marc herumfahren.
„Mr. Kendall?“ krächzte er, als er den Sprecher erkannte.
Sein Boss sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Sie haben nicht erwähnt, dass Sie privaten Kontakt zu O’Connor haben“, sagte er
kühl.
Marc schluckte. Eigentlich hatte er gehofft, dass diese Tatsache geheim bleiben
würde. Doch nun stand Kendall vor ihm und hatte ihm bei einem ziemlich
vertraulichen Umgang mit einem der ihm zugeteilten Leute ertappt. Er konnte
wahrscheinlich froh sein, wenn er mit einem einfachen Rüffel davonkommen würde.
Was es allerdings für seine Zukunft als Chris’ Bewährungshelfer bedeuten mochte,
darüber wollte er jetzt lieber keine Spekulationen anstellen.
Marc holte tief Luft. Vielleicht sollte er einfach die Wahrheit sagen. Er warf
einen kurzen Blick in die Runde, ob niemand nahe genug stand, um zufälligerweise
das Gespräch zu belauschen.
„Ich kannte Chris schon, bevor ich sein Bewährungshelfer wurde“, gestand er.
„Wir trainieren im gleichen Dojo, seine Freundin ist…war dort Trainerin. Ich…ich
hab mir damals schon überlegt, ob ich ihn ablehnen soll, aber…ich wollte ihm
helfen, okay? Außerdem ist er einer von den wenigen Typen, mit denen ich kaum
Arbeit habe, weil sie ihr Leben wieder im Griff haben.“
Mit einem Anflug von Trotz starrte Marc Kendall an. Sein Vorgesetzter konnte
sagen was er wollte, private Kontakte waren nicht ausdrücklich verboten.
„Schon gut“, entgegnete Kendall. „Trotzdem…“
„Marc, hast du Chris gesehen?“
Plötzlich stand Alexandra neben Kendall, ohne den Mann jedoch zu beachten.
„Er ist draußen in der Küche“, Marc zeigte mit dem Finger über seine Schulter.
„Ich hab ihn vorhin gerade noch Mal davon abgehalten, dir wieder auf die Pelle
zu rücken.“
„Oh, Danke. Wir machen jetzt `ne kurze Pause, bevor wir mit den Erwachsenen
anfangen. Ich geh mal raus zu ihm.“
Marc starrte ihr verblüfft hinterher, wie sie um den Tisch herumging, den
Eingang zur Küche ansteuerte, wieder kehrtmachte, sich vom Buffet ein belegtes
Brötchen schnappte und dann in der Küche verschwand. Er schüttelte den Kopf.
„Mann, hoffentlich wird Anne mal nicht genauso launisch…“
Dass er diesen Satz laut geäußert hatte, merkte er erst, als er Kendalls
erstauntes Gesicht sah.
„DAS ist O’Connors Freundin? Doktor Hastings? Und was meinten Sie mit
„launisch“?“
Marc kratzte sich verlegen am Kopf. Er konnte Kendall jetzt schlecht sagen, dass
ihn das nichts anginge, immerhin war er auf dessen Wohlwollen angewiesen, wenn
er weiterhin als Chris’ Bewährungshelfer fungieren wollte.
„Eigentlich nichts bestimmtes, Frauen eben“, antwortete er ausweichend. „Und ja,
die beiden sind zusammen, schon eine ganze Weile. Darum halte ich diese
Gerüchte, die über Chris und Sanders noch immer kursieren, auch für solchen
Schwachsinn.“
Bildete er es sich nur ein, oder schien Kendall plötzlich erleichtert zu sein?
„Sie haben das für möglich gehalten?“ fragte Marc ungläubig.
Der andere Mann presste die Lippen zusammen.
„Ich habe die Möglichkeit entfernt in Betracht gezogen, auch wenn ich Jack
glauben wollte. Ein paar winzige Zweifel sind geblieben“, gab er zu. „Das bleibt
aber unter uns“, warnte er.
Marc nickte langsam. „Klar. Aber bei einem können Sie sicher sein, Chris würde
so etwas nie tun. Verstehen Sie?“
Kendall sah ihn nachdenklich an.
„Ich schätze ja. Und jetzt muss ich zurück zu meiner Familie, mein Junge hat
heute auch teilgenommen.“ Ein stolzes Lächeln erhellte sein Gesicht. „Er hat
sogar einen Pokal gewonnen.“
„Gratuliere“, sagte Marc. „Mr. Kendall…wegen Chris…“
Kendall hatte sich schon weggedreht, kam jedoch noch mal zurück.
„Ich werde ihm nicht schon wieder einen neuen Bewährungshelfer zuteilen. Er hat
in letzter Zeit genügend Wechsel gehabt. Aber…seien Sie vorsichtig. Eine engere
Verbindung zu ihm hat schon Jack Sanders beruflich das Genick gebrochen, auch
wenn O’Connor im Grunde genommen nichts dafür konnte. Ich will bei Ihnen nicht
das Gleiche erleben. Solange Sie ihm gegenüber objektiv bleiben können und das
hier nicht an die große Glocke hängen, werde ich beide Augen zudrücken.“
Marc atmete erleichtert auf.
„Danke, Mr. Kendall. Und keine Sorge, er hat gar keine Zeit, um irgendwelchen
Unsinn zu machen.“
„Das hoffe ich. Man sieht sich am Montag im Büro.“ Damit wandte Kendall sich
endgültig ab.
Das war ja gerade noch mal gut gegangen. Sein Boss würde also nichts
unternehmen. Und Chris brauchte auch nichts davon zu erfahren, er hatte ja nicht
einmal mitbekommen, dass Kendall hier gewesen war, genauso wenig wie Alexandra.
Marc schüttelte resigniert den Kopf. Dauernd würde er mit den beiden nicht
zusammen sein können, sie würden ihn in den Wahnsinn treiben. Der heutige Tag
reichte ihm vollauf. Erst wollte Alexandra, dass er ihr Chris vom Hals hielt,
dann rannte sie diesem zur Abwechslung mal hinterher. Wie schafften die zwei es
nur, zusammen zu leben, ohne sich gegenseitig umzubringen? Obwohl, wenn er es
recht bedachte, dann schwebte Chris da wohl in größerer Gefahr. Alexandra schien
recht temperamentvoll zu sein. Da lobte er sich doch seine süße, unkomplizierte
Anne…
Wenn man allerdings genau hinsah und hinhörte, dann merkte man, dass sich hinter
all dem Geplänkel der beiden eine tiefe, aufrichtige Liebe verbarg. Genau das,
was Chris brauchte.
Marc war weder blind noch taub, er hatte die Bemerkungen gehört, die einige
seiner Sportkameraden über das Paar gemacht hatten. Es war zwar nichts
Gehässiges dabei gewesen, wie damals bei Brandon, doch vereinzelt wunderte man
sich doch etwas über die beiden, vor allem nun, da Alexandra von Chris schwanger
war.
Marc hatte sich nur einmal eingemischt und nachgefragt, ob es auch so seltsam
gewesen wäre, wenn Alexandra die Jüngere gewesen wäre. Jenna, eine schon etwas
reifere Frau mit fast erwachsenen Kindern, die die Bemerkung gemacht hatte,
hatte Marc erklärt, dass es wohl daran lag, dass Chris viel jünger wirkte, als
er tatsächlich war. Sie selbst hatte einen sechzehnjährigen Sohn und Chris
weckte in ihr einfach den Mutterinstinkt.
Die Erklärung war einleuchtend gewesen. Marc hatte schließlich schon vor sich
selbst zugeben müssen, dass er das Gefühl hatte, Chris beschützen zu müssen.
Jetzt, nach diesem Gespräch auf dem Parkplatz, war es stärker denn je.
Marc dachte an Kendalls Warnung bezüglich Chris und seiner Verwicklung in die
Sache mit Sanders’ Versetzung. So etwas konnte ihm selbst nicht passieren. Er
könnte höchstens in eine Zwickmühle geraten, wenn er Chris bei irgendwelchen
illegalen Aktivitäten erwischen würde, die seine Bewährung in Frage stellten.
Und dafür waren die Chancen verschwindend gering bis nichtexistent. Also konnte
er sich, im übertragenen Sinne, in Chris’ Fall gemütlich zurücklehnen und es
genießen, dass er wenigstens einen „Schützling“ hatte, wegen dem er sich keinen
Kopf machen musste.
Hätte Marc jedoch geahnt, welche Kette verhängnisvoller Ereignisse sich bald in
Gang setzen würde, dann hätte er nicht so gelassen und vertrauensvoll in die
Zukunft geblickt…
„Kommst du mit rüber ins „Shamrock“, eine Runde
Billard spielen oder einfach ein Bier trinken?“
Chris sah von seiner Sporttasche auf, die er gerade vergeblich versuchte zu
schließen: Irgendetwas sperrte sich. Vielleicht sollte er den Föhn mal lieber an
der Seite reinstopfen und nicht obenauf.
„Jetzt?“ fragte er überrascht.
„Klar jetzt.“
Marc grinste ihn fragend an und Chris zog nachdenklich seine Unterlippe zwischen
die Zähne. Heute war das letzte Training in diesem Jahr gewesen, sie hatten
eigentlich gar nicht mehr richtig trainiert. Pat hatte ihnen ein paar Tricks
gezeigt, von denen Chris schon einige durch Alexandra gekannt hatte.
Vor zwei Tagen hatte die Prüfung stattgefunden. Alle waren noch recht euphorisch
gewesen, weil das Dojo bei diesem Wettkampf so gut abgeschnitten und den ersten
Platzt in der Gemeinschaftswertung gemacht hatte. Er und Marc waren tierisch
aufgeregt gewesen, genauso wie die restlichen Prüflinge. Doch es war alles
einwandfrei gelaufen, Pat hatte sie beide sogar extra vor allen anderen gelobt
und auch der Prüfer hatte sich beeindruckt gezeigt.
Nach der Vergabe der Urkunden hatten sich alle Prüfungsteilnehmer gegenseitig
gratuliert, manche hatten sich auch umarmt. Chris hatte Marc unsicher angesehen,
dieser hatte seinen Blick ebenso unsicher erwidert. Dann hatte Chris seinen
ganzen Mut zusammengenommen und Marc flüchtig umarmt. Er hatte ihn sofort wieder
losgelassen und war einen Schritt zurückgetreten. Marc war eine Sekunde lang
völlig verblüfft gewesen, dann hatte er angefangen zu grinsen und Chris
anerkennend auf die Schulter geklopft.
Chris überlegte, ob er auf das Angebot eingehen sollte. Ihre Zusammenarbeit am
Wettkampftag hatte ihnen wieder zu einem relativ unbeschwerten Verhältnis
verholfen, ebenso die gemeinsam so erfolgreich abgelegte Prüfung. Marc hatte
kein Wort über dieses Gespräch auf dem Parkplatz verloren und Chris hoffte, dass
es dabei bleiben würde. Die Konzentration und die Aufregung wegen der Prüfung
hatten ihm geholfen, die Erinnerung an diesen fürchterlichen Alptraum zu
verdrängen.
Wenn er mit Marc allein wäre, dann könnte das Gespräch wieder auf dieses Thema
und diesen Abend kommen. Und Chris wollte keine schlafenden Hunde wecken. Er war
froh, dass ihn dieser Traum weniger belastet hatte als befürchtet.
Aber andererseits mochte er Marc wirklich und hatte nichts dagegen, ein wenig
Zeit mit ihm außerhalb des Dojos und des Büros der Behörde zu verbringen. Der
junge Mann war der erste richtige Freund, den Chris allein, ohne Alexandras
Einfluss, gefunden hatte. Dass Marc sein Bewährungshelfer war, spielte für Chris
inzwischen keine Rolle mehr.
„Okay,“ stimmte er nach einigen Sekunden der Überlegung zu. „Ich ruf nur kurz
Alex an, dass es später wird.“
Nachdem er den Anruf erledigt und seine Tasche im Wagen deponiert hatte, folgte
er Marc zu der Kneipe, die gleich um die Ecke lag. Chris wusste, dass sich
einige seiner Sportkameraden nach dem Training dort manchmal noch trafen, doch
bisher hatte er noch nie das Bedürfnis verspürt, sich ihnen anzuschließen. Auch
als Alexandra noch mit ihm ins Training gegangen war, war dieses Thema nie
aufgekommen. Sie wusste, dass er solche Lokalitäten, in denen sich hauptsächlich
Männer trafen, nicht besonders mochte und sich lieber davon fernhielt.
Doch das war auch wieder etwas, dem Chris sich stellen wollte, nein, musste.
Jetzt mehr denn je wollte er ein ganz normales Leben führen. Er wollte mit einem
Kumpel einfach mal abends etwas trinken gehen können, ein wenig quatschen und
Spaß haben. Etwas, das er früher auch mit seinen Freunden getan hatte, auch wenn
sie keinen Zutritt zu solchen Lokalitäten gehab hatten. Sie hatten sich eben
woanders getroffen.
Es war bereits nach halb zehn und die kleine Kneipe war gut besucht. Chris
unterdrückte den Schauder, der ihm den Rücken hinunterlief und lächelte Marc,
der sich zu ihm umgedreht hatte und ihn fragend ansah, möglichst unbefangen an.
Marc ging voraus und steuerte die Treppe an, die sich im hinteren Teil des
Lokals befand.
„Oben ist es normalerweise ein wenig ruhiger,“ sagte er laut, um das Gelächter
und das Stimmengewirr zu übertönen. „Da sind auch die Billardtische. Kannst du
eigentlich spielen?“
Chris nickte, während er neben Marc die dunkle Holztreppe hinaufstieg. An den
Wänden hingen vergilbte Zeitungsausschnitte hinter alten Glasrahmen und
verstaubte Schwarz-Weiß-Fotografien von irischen Landschaften.
Oben war es wirklich ruhiger. Dort standen zwei Billardtische, von denen einer
frei war. Am anderen spielten vier junge Männer, denen Marc grüßend zunickte.
„Hey Jungs, wie geht’s?“
Dann wandte er sich an Chris.
„Lust auf eine Runde?“
„Ich hab zwar schon ewig nicht mehr gespielt…aber wenn du unbedingt verlieren
willst…“ gab er lässig zurück, um seine Unsicherheit wegen der ungewohnten
Umgebung zu überspielen.
Ein schneller Blick durch den Raum hatte Chris gezeigt, dass hier niemand war,
der ihm auf irgendeine Art und Weise bedrohlich erschien. Die vier jungen Männer
schienen College-Studenten zu sein, an einem der wenigen Tische saß ein Pärchen,
an einem anderen zwei Männer, die wie Geschäftsleute aussahen.
„Große Töne…jetzt musst du aber beweisen, dass da was dran ist,“ grinste Marc,
während er die Billardkugeln holte und auf dem Tisch deponierte. „Mach du schon
mal, ich besorg uns noch was zu trinken. Was willst du?“
„Großes Mineralwasser, bitte,“ antwortete Chris und sah Marc hinterher, der nach
unten verschwand. Dann richtete sich sein Blick wieder auf den Billardtisch. In
dem Viertel, in dem er zum Schluss mit seinem Vater gelebt hatte, hatte es eine
Billardhalle gegeben. Dort hatten er und seine Freunde so manchen Nachmittag
verbracht. Chris hatte es dabei zu einer wahren Meisterschaft im Billardspielen
gebracht und sogar gegen etliche alte Hasen gewonnen.
Wenn sie kein Geld für Getränke gehabt hatten, dann hatte er sich immer ein
„Opfer“ suchen und dieses zu einer Partie herausfordern müssen. Das klappte
anfangs hervorragend, doch mit der Zeit sprach sich herum, dass der süße,
unschuldig aussehende Junge ein Billard-Ass war. Vorbei war’s mit der sicheren
Einnahmequelle.
Chris lächelte versonnen. Das Zusammensein mit seinen Freunden hatte ihm
wenigstens ein wenig dabei geholfen, mit dem Tod seiner Mutter zurechtzukommen.
Zumindest dafür würde er ihnen ewig dankbar sein.
Er hatte gerade die Kugeln in die richtige Position gebracht und sich ein Queue
herausgesucht, als Marc zurückkehrte, und die Getränke auf einem freien Tisch in
der Nähe abstellte. Chris griff nach seinem Glas und nahm einen großen Schluck.
Das Training hatte ihn durstig gemacht.
„Wer fängt an?“ fragte Marc.
„Du,“ entgegnete Chris. „Sonst kommst du ja gar nicht zum Zug.“
„Ha, Ha.“ Marc zog die Augenbrauen hoch. „Ich bin kein Anfänger, lass dir das
gesagt sein. Zupf dir erst mal die Eierschalen aus den Haaren, bevor du so große
Töne spuckst.“
Chris senkte den Kopf, um sein Schmunzeln zu verbergen und lehnte sich an den
Tisch mit den Getränken. Dann beobachtete er fachmännisch, wie Marc das Spiel
begann.
Er war seinem Bewährungshelfer wegen der Bemerkung mit den Eierschalen nicht
böse, da er durchaus verstand, wie sie gemeint war. Nicht abwertend, sondern als
freundschaftlicher Spaß. Nur würde Marc nachher bitter dafür bezahlen müssen…
Marc schaffte es, drei Kugeln einzulochen, bevor er einen Stoß vergeigte. Er
trat zurück und bedeutete Chris mit einer Handbewegung, dass er nun an der Reihe
wäre.
„Die einfarbigen sind deine,“ grinste er.
„Danke für den Hinweis,“ grinste Chris zurück. Na warte, gleich wirst du
umfallen vor Neid, fügte er im Stillen hinzu.
Warum er anfangs gezögert hatte, Marcs Einladung zu folgen, hatte er inzwischen
völlig vergessen. Sie waren einfach zwei Freunde, die sich wie so viele andere,
einen Abend lang in einer Kneipe vergnügten. Ganz normal….
Chris griff nach seinem Queue und betrachtete die Anordnung der Kugeln auf dem
Tisch. Marc hatte es ihm für den Anfang wirklich einfach gemacht.
Fünf Minuten später sah er sich einem empörten Marc Adams gegenüber.
„Das ist doch wohl nicht dein Ernst,“ grollte dieser. „Das war pures Glück.“
Chris zuckte nur mit den Schultern. Er wollte Marc seine Illusionen noch nicht
nehmen.
Zehn Minuten später hatten die vier jungen Männer am Nebentisch ihr Spiel
unterbrochen und sahen Marc und Chris zu.
„Mann, sag mal, spielst du professionell?“ fragte einer davon staunend.
***
Feixend saß Chris nach einer weiteren halben Stunde Marc an einem kleinen Tisch
im unteren Teil der Kneipe gegenüber. Sein Bewährungshelfer hatte schließlich
grummelnd seine Niederlage eingestanden und Chris bescheinigt, dass er ihm
haushoch überlegen war.
Sie hatten Hunger bekommen und waren nach unten gegangen, wo auch kleinere
Gerichte serviert wurden. Marc hatte ihm das Irish Stew empfohlen und nun
warteten sie auf ihre Bestellung.
Das „Shamrock“ war noch immer laut und voll, sie hatten Glück gehabt, dass ein
Ecktisch für zwei Personen gerade frei geworden war. Marc hatte Chris den Platz
an der Wand überlassen, von dem aus er den restlichen Raum im Blick hatte.
Chris wusste nicht, ob das Absicht gewesen war, doch er nahm es stark an. Und er
war Marc dankbar für dessen Rücksichtnahme. Er fühlte sich einfach nicht wohl,
wenn er nicht sehen konnte, was hinter seinem Rücken vor sich ging, schon gar
nicht, wenn das was hinter seinem Rücken war, aus einer Horde Männer bestand.
„Sag mal, wer hat dir das Spielen nun wirklich beigebracht? Und wie lange
spielst du schon?“
Marc, die heilige, spanische Inquisition von Gottes Gnaden. Er schien es doch
noch nicht verkraftet zu haben, dass er kaum dazu gekommen war, einen Ball
einzulochen, weil Chris fast alle Partien allein zu Ende gespielt hatte.
„Das Spielen hab ich vom Zusehen gelernt und tatsächlich hab ich ungefähr ein
halbes Jahr gespielt, ein paar Mal die Woche.“ Chris zuckte mit den Schultern.
„Ich bin eben ein Naturtalent.“
Marc schnaubte. „Na, herzlichen Dank. Wenigstens ging’s um nichts,“ grollte er.
Chris grinste vor sich hin.
„Können wir gern wiederholen,“ sagte er. „Hat Spaß gemacht.“
Marc sah ihn erst mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann begann er zu lachen.
„Ach, es hat dir Spaß gemacht, mich über den Tisch zu ziehen? Mann, und ich
dachte, ich wär gut…“
Chris stimmte in das Lachen ein. Nun, Marc war nicht schlecht, aber er selbst
war eben besser. Es hatte ihn etwas gewundert, dass er das Spiel noch immer so
ausgezeichnet beherrschte. Er hatte sich ein auf die Queue in seiner Hand und
die Kugeln auf dem grünen Filz konzentriert, der Rest war wie von selbst
gegangen.
Die Kellnerin kam und stellte jedem von ihnen einen Suppenteller mit köstlich
riechendem Inhalt hin. Dazu gab es ein Körbchen dunkles, selbstgemachtes Brot.
Chris merkte erst jetzt, wie hungrig er wirklich war. Vor dem Training aß er nie
viel, eher danach noch ein Sandwich oder er plünderte gleich den Kühlschrank.
Ein paar Minuten lang genossen die beiden jungen Männer schweigend ihre
Mahlzeit. Chris Blick schweifte dabei unwillkürlich immer mal wieder durch den
Raum, wenn irgendjemand laut auflachte. Er verspürte nicht direkt Angst, es war
eher eine Art instinktive Wachsamkeit. Ein Instinkt, der während der Jahre in
San Quentin in ihm gewachsen und noch in keinster Weise abgeschwächt war. Auf
einer rationalen Ebene wusste er zwar, dass ihm hier kaum Gefahr drohte, es war
auch nicht so, als würde er atemlos darauf warten, dass etwas passierte…Aber
eine winziger Rest von Anspannung war da, den Chris so gut wie möglich versuchte
zu ignorieren.
„Was macht ihr eigentlich über die Feiertage?“ fragte Marc, bevor er herzhaft in
ein Stück Brot biss.
Dankbar für die Ablenkung richtete Chris seine Aufmerksamkeit auf sein Gegenüber
und schluckte den Bissen hinunter, den er gerade im Mund hatte, bevor er
antwortete.
„Am Weihnachtsabend sind wir bei Mary Jo eingeladen, einer Freundin von Alex. Da
versammelt sich die ganze Familie. Mary Jo hat gemeint, auf uns zwei kommt’s
auch nicht mehr an.“
Chris wusste noch immer nicht, ob er von dieser Idee begeistert sein sollte oder
nicht. Er hätte den Abend lieber allein mit Alex verbracht, sein erstes
Weihnachten in Freiheit, doch Mary Jo hatte keine Ruhe gegeben, als sie letzte
Woche vorbeigekommen war, um sie einzuladen. Alexandra hätte ihm seinen Wunsch
erfüllt, gegen Mary Jos Hartnäckigkeit war er jedoch nicht angekommen.
Alexandra hatte im Vorjahr schon die Feiertage mit Mary Jos Familie verbracht,
da kurz vorher ihre Tante gestorben war. Chris hatte sich letztendlich überreden
lassen, und Alexandra hatte ihm versichert, dass alle wirklich nett und lustig
waren. Und sie mussten ja nicht bis spät in die Nacht bleiben.
„Hört sich gut an,“ entgegnete Marc und sah ihn prüfend an. „Wieso feiert ihr
nicht mit Alex’ Familie? Auch wenn sie in einem anderen Staat leben würde, du
würdest ohne weiteres von mir die Erlaubnis kriegen, wegzufahren. Das weißt du
doch hoffentlich?“
Chris biss sich auf die Lippe und rührte nachdenklich in seinem Teller herum,
während er sich fragte, ob Alexandra sauer wäre, wenn er Marc den Grund dafür
sagen würde. Aber sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, auch Fremden
gegenüber nicht.
„Alex hat Zoff mit ihrer Familie, weil sie damals nicht das studiert hat, was
man ihr vorschreiben wollte. Darum herrscht da ziemliche Funkstille.“
Chris hatte Alexandra vor ein paar Tagen gefragt, ob sie ihren Eltern eigentlich
von ihrer Schwangerschaft erzählen wollte. Sie hatte abgewunken und ihm erklärt,
dass das Thema für sie erledigt wäre. Sie hatte kurz vorher zweimal versucht,
ihre Mutter telefonisch zu erreichen, doch jedes Mal hatte sie von einer
Hausangestellten die Auskunft erhalten, ihre Mutter wäre gerade unterwegs. Ein
Rückruf hatte nie stattgefunden.
„Idiotisch, sich wegen so was zu zerstreiten,“ befand Marc.
Chris lächelte bitter.
„Ja, das hab ich mir auch gedacht. Du hast `ne Familie und hast doch keine. Und
was machst du?“ wechselte er das Thema.
„Mein Bruder kommt für zwei Wochen aus England. Er studiert dort. Ich werd mit
Anne Weihnachten bei ihren Eltern verbringen, die wohnen in Sacramento, und die
restlichen Tage bis Silvester sind wir bei meinen Leuten. Ich hab Tim schon seit
fast einem Jahr nicht gesehen. E-Mails sind nicht dasselbe, wie mal nächtelang
bei einer Kiste Bier durchquatschen.“
Chris senkte den Kopf. Er hatte sich auch immer Geschwister gewünscht, aber
leider hatte das Schicksal etwas dagegen gehabt.
„Ich wusste nicht, dass du noch einen Bruder hast.“
„Ich glaub, du würdest dich mit Tim verstehen,“ erklärte Marc. „Dem macht es
auch unheimlich Spaß, mir den letzten Nerv zu rauben.“
Erschrocken sah Chris auf.
„Hey Marc, ich wollte nicht…“
„Das war ein Witz,“ unterbrach ihn Marc. „Ein Witz unter Freunden, okay?“
Chris zögerte kurz, dann nickte er erleichtert. Irgendwo in seinem Hinterkopf
schwirrte das Wissen herum, dass Marc im Moment derjenige war, der seine
Freiheit in der Hand hielt, genau wie vorher Jack und Whiteman. Er wollte es
sich keinesfalls mit seinem Bewährungshelfer wegen irgendeines Blödsinns
verderben. Doch Marc schien zu all seinen anderen positiven Eigenschaften auch
noch jede Menge Humor zu haben.
„Okay,“ entgegnete er. Dann begann er zu grinsen. „Du hättest nach der zweiten
Partie dein Gesicht sehen sollen…“
***
Marc amüsierte sich wirklich. So locker, entspannt und gesprächig hatte er Chris
selten erlebt, zumindest nicht in dieser Kombination. Ihm war zwar aufgefallen,
dass sein Freund den Blick immer wieder abschätzend durch den Raum wandern ließ,
als wollte er sich vergewissern, dass keine Gefahr drohte, doch Nervosität war
ihm nicht anzumerken. Marc hoffte, dass dieser Eindruck auch den Tatsachen
entsprach.
Das Gespräch von letzter Woche nagte immer noch an ihm. Er sah seinen Beruf nun
mit anderen Augen, sah die Leute, die er betreute, mit anderen Augen. Und er
konnte den Zynismus, mit dem manche seiner Kollegen ihren „Klienten“ begegneten,
manchmal kaum ertragen. Und dann war da natürlich das Mitleid mit Chris, gegen
das sich dieser wohl heftig wehren würde, wenn er davon wüsste.
Kendall hatte ihn am Montag gleich morgens in sein Büro gerufen und ihn nochmals
gebeten, kein Wort über die Unterhaltung am Samstag zu verlieren. Marc hatte
erfahren, dass Sanders Kendall nach dieser unseligen Verhandlung erzählt hatte,
dass Chris mit Alexandra zusammen war, sein Boss hatte jedoch im Nachhinein
erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussage gehegt. Darum war er an
diesem Nachmittag so überrascht gewesen, dass sie doch zu stimmen schien und
dass Marc sie sogar bestätigen konnte.
Kendall hatte ihn nochmals ermahnt, seine Objektivität gegenüber Chris nicht zu
verlieren und darauf zu achten, dass niemand von ihrer Freundschaft erfuhr, da
es zu unschönen Gerüchten führen könnte. Danach hatte er ihn wieder an seine
Arbeit geschickt.
Marc betrachtete sein Gegenüber nachdenklich. Sie waren fertig mit Essen und
hatten die Teller zur Seite geschoben. Chris sah gerade zu einem Pärchen hin,
das heftig miteinander knutschte, ohne sich um etwaige Beobachter zu kümmern.
„Chris, kann ich dich mal was fragen?“ Der Satz rutschte ihm heraus, bevor er es
verhindern konnte. Marc biss sich auf die Lippe, als Chris seine Aufmerksamkeit
überrascht wieder auf ihn richtete.
„Was willst du wissen?“ erkundigte dieser sich vorsichtig. Seine Augen hatten
einen wachsamen Ausdruck angenommen und Marc verfluchte sich dafür, die
entspannte Stimmung zerstört zu haben.
Aber es gab einfach zu viele Fragen, die ihm im Kopf herumschwirrten. Er hatte
sich immer und immer wieder gefragt, was er an Chris’ Stelle getan hätte, wie er
sich verhalten hätte. Die Antworten waren selten zu seinen Gunsten ausgefallen.
Marc hatte ehrlich vor sich selbst zugeben müssen, dass er vermutlich total
verbittert und auf Rache aus gewesen wäre. Auf Rache an einem System, dass diese
ungeheuerliche Schweinerei erst möglich gemacht hatte und auf Rache an dem Mann,
der dieses System ausgenutzt hatte. Er hätte sich diesen Richter mit Sicherheit
nach seiner Entlassung gekauft…
„Denkst du nie daran, irgend jemanden für das bezahlen zu lassen, was du
durchmachen musstest?“
Chris’ Augen weiteten sich einen Moment lang, bevor er den Blick senkte. Er
griff nach seinem Glas und nahm einen tiefen Schluck. Mit dieser Frage schien er
nicht gerechnet zu haben. Marc wollte sich schon dafür entschuldigen, als Chris
wieder aufsah.
„Ich hab daran gedacht,“ gab er zu. „Manchmal, wenn ich nachts wach gelegen bin,
und nach einem Alptraum nicht mehr einschlafen konnte. Da hab ich mir
vorgestellt, was ich tun würde, wenn jetzt dieser Richter vor mir stehen würde
oder eines von den Schweinen, das mich….Aber…Rache hätte nichts geändert. Ich
hätte nichts von dem ganzen Mist ungeschehen machen können, angefangen von
meiner eigenen Dummheit, bei diesem Überfall überhaupt mitzumachen.“
Chris schluckte und griff abermals nach seinem Glas.
„Bist du jetzt entsetzt?“ fragte er dann so leise, dass Marc Mühe hatte, seine
Worte im Lärm der Kneipe zu verstehen.
Marc schüttelte den Kopf.
„Nein,“ entgegnete er. „Weißt du, ich…mir ist das seit letzter Woche nicht mehr
aus dem Kopf gegangen. Und ich hab mich gefragt, wie ich an deiner Stelle damit
umgegangen wäre. Ich glaub nicht, dass ich es gepackt hätte…“
Chris legte den Kopf schief und lächelte traurig.
„Marc, ich hab das auch nicht gepackt. Ich hab nur von einem Tag zum anderen
gelebt, ich weiß gar nicht mehr, wieso eigentlich und was damals nach meiner
Entlassung in mir vorgegangen ist. Irgendwo hab ich wohl nie die Hoffnung
aufgegeben, dass ich eines Tages wieder ein normales Leben würde führen können,
dass noch nicht alles vorbei ist. Und dann kam ja Alex und jetzt muss ich mir
nicht nur Gedanken über morgen und übermorgen machen, sondern darüber, was in
einem Jahr ist, was in fünf Jahren ist…“
Marc starrte nachdenklich vor sich auf die Tischplatte. Klar, Chris hatte nicht
nur mit der Last seiner Vergangenheit zu kämpfen, es kam auch eine riesige
Verantwortung auf ihn zu. Seine Freundin war schwanger und in einem halben Jahr
würde er Vater werden. Marc stellte sich vor, wie er sich fühlen würde, wenn
Anne ihm morgen früh die drei Worte „Ich bin schwanger“ beiläufig beim Frühstück
hinknallen würde und schauderte. Er war ein paar Jahre älter als Chris und
fühlte sich noch nicht reif genug, diesen Satz zu hören und dafür
mitverantwortlich zu sein.
„Wird dir das denn nicht manchmal zuviel?“ fragte er. „Ich meine, du hast noch
genug mit dir selber zu tun, und jetzt das…“
Chris griff nach seinem Bierdeckel und begann damit zu spielen, während er über
eine Antwort nachzudenken schien.
„Nein,“ sagte er schließlich. „Das mit dem Baby war im ersten Moment schon ein
Schock und Alex hatte Angst, es mir zu sagen, weil sie irgendwo gefürchtet hat,
ich könnte abhauen…Aber…zu wissen, dass da bald jemand da sein wird, der mich
wirklich braucht, so richtig…“ Chris schüttelte den Kopf. „Das Gefühl ist
einfach schwer zu beschreiben. Vielleicht hätte ich gern noch etwas mehr Zeit
mit Alex allein verbracht, aber…na ja…ich schätze, das wird noch ein
Riesenabenteuer. Wir beide als Eltern…“
Chris’ Augen begannen vor Belustigung zu funkeln und Marc konnte nicht anders,
als zurückzulächeln. Die entspannte, freundschaftliche Stimmung war plötzlich
wieder da.
„Das arme Kind,“ pflichtete er Chris scherzhaft bei und erntete dafür ein
empörtes Schnauben.
„Du hast also deinen Job gekündigt und
fängst als Assistent bei Sam an?“
Ungläubig starrte Alexandra Jack an. Der lehnte sich in seinem Stuhl zurück,
verschränkte die Hände hinter dem Kopf und grinste triumphierend.
„Jup. Ab sofort bin ich Anwaltsassistent, Privatdetektiv…alles was gerade
benötigt wird.“
Jack war kurz nach Beginn ihrer Mittagspause aufgetaucht und hatte sie erst
einmal persönlich zu ihrem neuen Status als werdende Mama beglückwünscht.
Telefonisch hatte er es schon am gleichen Tag getan, nachdem er Chris getroffen
hatte. Er hatte gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd, als sie die Tür geöffnet
hatte und Alexandra kräftig geknuddelt, etwas, dass er noch nie getan hatte.
Jetzt saßen sie in der Küche und unterhielten sich.
„Du willst wirklich Privatdetektiv spielen?“
Alexandra hatte da berechtigte Zweifel. Jack war nicht unbedingt der Typ Mann,
den sie sich als Privatdetektiv vorstellen konnte, so richtig auf geheimer
Mission. Dazu war er doch etwas zu brav und zu bieder.
„Nicht spielen, ich werde es tatsächlich sein!“
Jack erschien Alexandra so voller Tatendrang, so glücklich über seine neue
Aufgabe, dass sie beschloss, ihre anfänglichen Zweifel aufzugeben. Vielleicht
war das ja wirklich sein Traumjob. Chris hatte ihr von seinem Gespräch mit Jack
erzählt, dass dieser unglücklich war, weil seine Kollegen ihn schnitten und
hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Es war auf jeden Fall besser, dass er
von dort weg war.
„Okay, du bist Magnum“, grinste sie. „Hast du auch `nen knallroten Ferrari als
Dienstwagen bekommen?“
„Ach Alex, sei nicht albern“, beschwerte sich Jack. „Wo ist eigentlich Chris?“
„Kurz zum Supermarkt, was einkaufen“, seufzte Alexandra und rieb sich über die
Stirn.
Jack sah sie forschend an.
„Stimmt was nicht mit euch beiden?“ fragte er behutsam.
Alexandra biss sich auf die Lippe. Jack musste es ihr wohl an der Stimme
angehört haben, dass etwas nicht ganz in Ordnung war. Nun, es war im Grunde
genommen keine Katastrophe, eigentlich war es geradezu lächerlich, aber…es war
etwas, dass sie ganz entschieden langsam aber sicher auf die Palme brachte.
„Nein, es ist alles okay…Aber…wie würdest du dich fühlen, wenn dir auf Schritt
und Tritt jemand folgt, dich beobachtet, dir sogar das Kaffeepäckchen aus der
Hand nimmt, weil er sich einbildet, es wäre zu schwer für dich? Wenn ich
arbeite, dann würde er mich am liebsten in einen Ganzkörpergummianzug stecken,
so einen, wie die in diesem Film mit dieser Epidemie getragen haben. Die Leute
schauen schon ganz komisch, wenn er die ganze Zeit um mich herumwuselt“, platzte
Alexandra heraus. „Und das ist nicht alles. Er hat es sich anscheinend zur
Lebensaufgabe gemacht, auch das kleinste Fitzelchen über Schwangerschaft und
Babies herauszufinden. Sieh dir das an.“
Sie zog die Schublade auf, die sich auf ihrer Seite des Küchentisches befand und
breitete den Inhalt vor Jack aus.
„Da hast du was über Ernährung in der Schwangerschaft, Männer und
Schwangerschaft…da…“Was passiert in Mamis Bauch“, „Abenteuerliche Neun Monate“…
Oben auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt noch so ein Stapel. Jack, ich werd noch
irre!“
Stirnrunzelnd betrachtete sie ihren Freund, der ihr mit knallrotem Kopf
gegenübersaß und verzweifelt versuchte, das Lachen zurückzuhalten.
„Ich find das gar nicht komisch!“ grollte sie entrüstet. „Versuch du doch mal
mit so einem Verrückten zusammenzuleben, der dir morgens erzählt, was du den
ganzen Tag über an Mineralien, Vitaminen und Spurenelementen zu dir nehmen
musst. Und das von jemandem, für den Hamburger Vitamin H und Pommes Vitamin P
waren.“
Chris war zwei Tage, nachdem er mit ihr bei dieser Untersuchung gewesen war, in
der Mittagspause verschwunden und mit einer Tüte voller Bücher zurückgekommen.
Am Vorabend hatten sie noch eine hitzige Diskussion über diese Hausarbeit
geführt, die er noch wegschicken musste und die er beinahe vergessen hätte.
Alexandra hatte ihm letztendlich geholfen, das Teil rechtzeitig fertig zu
bekommen.
Chris hatte das Buch natürlich nicht ganz gelesen, er war nun einmal kein
Bücherwurm, wie er ihr indigniert erklärt hatte. Also hatte Alexandra, die sich
noch recht gut an „1984“ aus ihrer eigenen Schulzeit hatte erinnern können,
letztendlich den Rest dieses Aufsatzes geschrieben. Den großen Rest…
Umso mehr hatte es sie irritiert, dass Chris am nächsten Tag mit diesem
Riesenstapel Bücher angekommen war und es sich abends damit auf dem Sofa
gemütlich gemacht hatte. An diesem und den folgenden Abenden war er kaum
ansprechbar gewesen und hatte sich nur gelegentlich zu Wort gemeldet, wenn er
etwas Interessantes entdeckt hatte, das er ihr unbedingt mitteilen musste.
„Ist er wirklich so schlimm?“ fragte Jack, nun doch etwas besorgt. „Weißt du,
ich hab gelacht, weil ich diese Unterhaltung schon einmal geführt hab, nur mit
Chris als demjenigen, der sich übermäßig bemuttert und verfolgt fühlte. Soll ich
mal diskret und unauffällig mit ihm reden?“
Alexandra seufzte und schüttelte den Kopf. Dabei musste sie lächeln. Einerseits
wegen Jacks Ausdrucksweise, „diskret und unauffällig“, andererseits, weil sie
die Erinnerung an Chris’ Kapriolen doch mehr amüsierte als ärgerte.
„Nein“, entgegnete sie. „Ich kann mir schon denken, wann dieses Gespräch
stattgefunden hat“, scherzte sie.
Jack grinste zurück.
„Kannst du das? Nun, der Verzweiflungsschrei hatte einen ähnlichen Wortlaut.“
„Okay, ich war vielleicht ein wenig extrem“, gab Alexandra widerstrebend zu.
„Ich hoffe nur, dass Chris sich wieder abregt und die ganze Sache etwas
gelassener sieht.“
„Wird er schon noch“, schmunzelte Jack.
Alexandra wünschte, sie könnte das glauben. Bisher hatte Chris sich nur
gesteigert. Einerseits war sie davon genervt, andererseits war sich aber auch
froh, dass er sich so intensiv damit beschäftigte. Es lenkte ihn von anderen
Dingen ab.
Nach diesem Gespräch mit Marc, von dem er ihr nur Bruchstücke erzählt hatte,
hatte er in der Nacht wieder einen besonders lebhaften Alptraum gehabt.
Alexandra war aufgewacht, weil sie gespürt hatte, wie Chris sich neben ihr
unruhig gewälzt hatte. Er hatte im Schlaf geweint und gebettelt, seine
imaginären Peiniger mögen ihn gehen lassen.
Alexandra war erschrocken, einen derartigen Traum hatte er seit Wochen nicht
mehr gehabt. Sie hatte ihn ein paar Mal fast anbrüllen müssen, bevor er
schreiend aufgewacht war. Dass er sich nach dem Aufwachen hatte übergeben
müssen, war allerdings neu gewesen und hatte Alexandra massiv beunruhigt, vor
allem deshalb, weil sie geglaubt und gehofft hatte, das Schlimmste wäre dank der
Therapie bei Doktor Winslow überstanden.
Sie hatte sich nicht anmerken lassen, dass sie innerlich gezittert hatte wie
Espenlaub. Sie war ruhig geblieben, hatte Chris gezeigt, dass er nicht alleine
war und dass er mit ihr reden konnte, wenn er das Bedürfnis dazu verspürte.
Es war diesmal einfach anders gewesen als sonst. Sie hatte das Gefühl gehabt,
dass Chris sich zuerst massiv von ihr distanziert hatte, bevor er Trost bei ihr
gesucht hatte. Vorher hatte er hatte sich nach einem derartigen Alptraum fast
sofort in ihre Arme geflüchtet.
Als sie wieder zusammen im Bett gelegen hatten, hatte Chris sich allerdings ganz
nahe an sie gekuschelt und sie hatte ihn in ihre Arme gezogen, als könnte sie
ihn so vor den Horrorgestalten seiner Träume beschützen.
Am nächsten Morgen hatte sie ihn behutsam auf die Nacht angesprochen, aber Chris
war ihr ausgewichen und hatte ihr erklärt, er wäre schon wieder in Ordnung.
Alexandra hatte die Sache auf sich beruhen lassen, seinen Wunsch, nicht darüber
reden zu wollen, respektiert, ihn aber seitdem genau beobachtet.
Es war ihr jedoch nichts Besorgniserregendes aufgefallen. Chris hatte ihr in
ihrer Praxis geholfen, war ins Training gegangen, hatte sein „Baby-Studium“
fortgesetzt, sie weiterhin genervt und am Montag seine erste Gürtelprüfung
erfolgreich bestanden.
Alexandra musste schmunzeln, als sie an diesen Abend dachte.
„Was ist?“ fragte Jack.
Alexandra schrak auf. Sie war einen Moment lang ausgespaced und hatte völlig
vergessen, dass sie nicht alleine war.
„Ach…mir ist nur was eingefallen“, murmelte sie entschuldigend. „Chris hatte
diese Woche seine erste Prüfung.“
„Prüfung? Oh, du meinst dieses Jiu-Jitsu…Er zieht das jetzt tatsächlich durch?“
„Tut er.“ Alexandra grinste voller Stolz. „Er und sein Partner haben mit
Auszeichnung bestanden.“
Sie verschwieg, dass sowohl Chris als auch Marc die reinsten Nervenbündel
gewesen waren, während sie darauf gewartet hatten, dran zu kommen. Zum Glück
waren die niedrigen Graduierungen die ersten gewesen, die geprüft worden waren.
Sonst hätte sie den beiden wahrscheinlich irgendein Beruhigungsmittel
verabreichen müssen. Oder sich selbst, weil die beiden sie mit ihrer
Herumzappelei völlig verrückt gemacht hatten. Als ob sie wegen Chris nicht schon
aufgeregt genug gewesen wäre,schon weil sie sich noch sehr gut an ihre eigene
erste Prüfung hatte erinnern können.
Jack schüttelte den Kopf.
„Der Junge überrascht mich immer wieder“, sagte er.
„Nicht nur dich.“ Versonnen starrte Alexandra auf die Bücher, die zwischen ihr
und Jack auf dem Tisch lagen.
„Übrigens, Ian lässt fragen, wann er dir Chris’ Weihnachtsgeschenk vorbeibringen
soll“, erkundigte sich Jack.
„Ich will am Sonntagvormittag mit Chris auf den Weihnachtsmarkt beim
Einkaufscenter. Da hätte Ian freie Bahn. Denkst du, das klappt?“
„Mhm. Ruf einfach an, kurz bevor ihr geht.“
Chris würde Augen machen, wenn sie ihm sein Geschenk überreichte. Sie hatte zwar
schon eine ganze Weile lang gewusst, was sie ihm schenken würde, aber es war
auch etwas schwierig gewesen, das passende „Objekt“ zu finden. Alexandra konnte
es kaum mehr erwarten. Damit rechnete er bestimmt nicht…
Das Geräusch der sich öffnenden Haustür war zu hören und gleich darauf sprang
Charlie mit den Vorderpfoten gegen die angelehnte Küchentür, um sich Einlass zu
verschaffen. Chris hatte ihn mitgenommen, da der Hund nach einem Vormittag der
„Untätigkeit“ keine Ruhe geben hatte. Schwanzwedelnd kam er auf Jack zu, um ihn
zu begrüßen.
„Na, du alter Schwerenöter. Da hört man ja schöne Sachen über dich“, lachte Jack
und kraulte den Hund, der genießerisch die Augen schloss, hinter den Ohren.
„Du kennst die Story schon?“ fragte Alexandra erstaunt.
„Chris hat mir davon erzählt, als ich ihn getroffen habe.“
„Hallo Jack. Was hab ich erzählt?“ fragte Chris, der mit einer Einkaufstüte auf
dem Arm nun ebenfalls die Küche betrat.
„Dass Charlie ein kleiner Casanova ist“, kicherte Jack.
Chris stellte seine Tüte auf der Küchentheke ab, bevor er zu Alexandra kam und
ihr einen liebevollen, kleinen Kuss gab. Dann entdeckte er die Bücher, die auf
dem Tisch lagen.
„Hey, die hab ich schon gesucht. Wo waren die denn?“
Alexandra warf Jack, der wieder rot anlief und sich schnell die Hand vor den
Mund hielt, um jegliche verdächtigen Geräusche zu ersticken, einen mörderischen
Blick zu. Okay, sie gab’s ja zu, sie HATTE die Bücher in der Küchenschublade
versteckt….
„Hab ich vorhin beim Aufräumen gefunden“, sagte sie schnell, um Chris von Jacks
„Hustenanfall“ abzulenken.
Gedankenverloren steuerte Chris den Pickup durch
die wie leergefegten Straßen. Es war Weihnachtsabend und jeder schien zu Hause
zu sein und mit seiner Familie zu feiern.
Er und Alexandra waren auf dem Rückweg von Mary Jo und ihrer Familie. Chris
hatte anfänglich Zweifel gehegt, ob es wirklich so eine gute Idee war, mit dem
gesamten Clan zu feiern, doch Mary Jos Eltern und ihre Geschwister hatten ihm
schnell das Gefühl genommen, ein Fremder zu sein. Es hatte nicht lange gedauert,
bis er mit den Erwachsenen gelacht und sich mit den Kindern beim Spielen
amüsiert hatte. Mary Jos Schwester hatte ebenfalls zwei Kinder, die etwas älter
als Jamie und Susan waren. Es war ein lustiger Abend gewesen.
Und es hatte ihn seine Nervosität wegen dem, was er noch vorhatte, zumindest
kurzzeitig vergessen lassen.
Chris dachte an das letzte Weihnachten zurück, das er mit seinen Eltern gefeiert
hatte. Sie hatten gemeinsam zu Abend gegessen, Spiele gespielt und waren später
in die Mitternachtsmesse gegangen. Am Morgen darauf hatten sie zusammen die
Geschenke ausgepackt. Chris hatte seiner Mutter einen bunten Schal geschenkt und
seinem Vater ein Taschenmesser. Er selbst hatte zwei CDS und die Turnschuhe
bekommen, die er sich schon lange gewünscht hatte. Es war ein glückliches
Weihnachten gewesen.
Die Erinnerungen an die folgenden Weihnachten wischte Chris schnell weg. Es
hatte kein duftendes Weihnachtsgebäck gegeben, keinen liebevoll geschmückten
Baum und keine sorgsam ausgewählten Geschenke. Sein Vater hatte sich bis zur
Besinnungslosigkeit betrunken und Chris hatte in seinem Zimmer auf dem Bett
gesessen, Fotografien aus einer vergangenen, glücklichen Zeit betrachtet, bevor
er unter Schluchzen irgendwann eingeschlafen war.
Der vierundzwanzigste Dezember in San Quentin war ein Tag wie jeder andere für
Chris gewesen. Nicht einmal an diesem Tag hatte man ihn in Ruhe gelassen.
Wie sehr unterschied sich doch dieses Weihnachten von denen der vergangen Jahre.
All das ging ihm im Kopf herum, während er durch die verlassenen Straßen fuhr,
an den weihnachtlich geschmückten und manchmal mit unzähligen Lichterketten
verzierten Häusern und Gärten vorbei. Es war hier alles so ruhig und friedlich,
als gäbe es nichts Böses auf der Welt.
Sie kamen vor ihrem eigenen Haus an, das ebenfalls festlich mit Lichterketten
dekoriert war. Chris hatte die Außenbeleuchtungen alleine angebracht, gegen eine
Mithilfe Alexandras hatte er energisch protestiert. Später hatten sie gemeinsam
das Haus innen weihnachtlich geschmückt.
Es war ein wundervoller Tag für Chris gewesen.
Er und Alexandra hatten sich gekabbelt, als sie im Supermarkt die Dekorationen
ausgewählt hatten und sie hatten sich gekabbelt, als sie das Haus damit
geschmückt hatten. Sie hatten unendlich viel Spaß dabei gehabt und am Ende stolz
und eng umschlungen ihr Werk begutachtet. Es war wieder ein Moment gewesen, in
dem Chris all seine Probleme vergessen und sich restlos glücklich gefühlt hatte.
Heute Nachmittag, als sie gemeinsam den Weihnachtsbaum mit all den kitschigen
bunten Kugeln und Figuren behängt hatten, die Chris hatte unbedingt haben
wollen, war es genauso gewesen. Das erste Weihnachten seit sieben Jahren, das
ein wirkliches Weihnachten für ihn sein würde.
Chris fuhr den Wagen in die Einfahrt und stieg aus, um die Garage zu öffnen.
Alexandra stieg ebenfalls aus.
Als das Garagentor offen war, wandte sich Chris um und wollte zurück zum Pickup
gehen, doch dann wurde ihm bewusst, dass etwas nicht so war, wie er es erwartet
hatte. Er drehte sich herum und sah noch einmal in die Garage hinein, die vom
Scheinwerferlicht erhellt wurde.
Da stand ein schwarzer Pickup, ähnlich wie der, den Alexandra besaß. Auf der
Motorhaube prangte eine riesige, goldfarbene Schleife.
Chris fühlte, wie sich zwei Arme von hinten um seinen Bauch schlangen.
„Frohe Weihnachten, Chris“, flüsterte Alexandra an seinem Ohr.
Das konnte doch nicht ihr Ernst sein…Chris spürte, wie sich ein dicker Kloß in
seiner Kehle bildete und ihm das Schlucken erschwerte.
„Alex, das…das ist doch viel zu teuer“, würgte er hervor. „Wozu…“
Alexandra presste ihn fester an sich und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
„Du hast doch mal gesagt, so was, wie dein Vater gemacht hat, würde dir auch
Spaß machen. Dazu brauchst du aber ein eigenes Auto. Außerdem wurde es in
letzter Zeit ein wenig schwierig, immer alles unter einen Hut zu bringen, deine
Termine, meine Termine.... Also hab ich Ian gebeten, mir bei der Suche nach
etwas Geeignetem zu helfen. Hat er doch gut gemacht, oder nicht?“
Chris schloss die Augen. Er hatte mal laut gedacht, dass er, anstatt sich
irgendwo einen Job zu suchen, sich mit so einer Art Hausmeisterservice
selbständig machen könnte. Das nötige Wissen und handwerkliche Geschick dazu
besaß er ja. Den Gedanken zu Ende gesponnen hatte er jedoch nie, es gab noch
soviel am Haus zu reparieren und Alexandra hatte auch immer wieder seine Hilfe
in der Praxis benötigt.
Aber Alexandra hatte sich gemerkt, was er da irgendwann vor sich hingeträumt
hatte. Chris blinzelte die aufsteigenden Tränen weg.
„Hey, freust du dich denn nicht?“
Plötzlich stand Alexandra nicht mehr hinter ihm, sondern vor ihm und sah ihm
forschend ins Gesicht.
„Doch…Ich hätte nur nie mit so was gerechnet…“ entgegnete er mit zittriger
Stimme. „Alex, bist du sicher, dass du dir das leisten kannst?“
„Kann ich“, lächelte Alexandra. „Ich bin sparsam, nicht arm. Jetzt komm, sieh
dir den Wagen an und dann machen wir gleich noch `ne Spritztour damit, okay?“
Noch immer wie betäubt ließ Chris sich von seiner Freundin mitziehen und
lauschte mit halbem Ohr ihren Erklärungen, wie sie mit Ians Hilfe zu dem Pickup
gekommen war.
***
Chris saß mit gekreuzten Beinen auf dem Bett und starrte die kleine, in buntes
Weihnachtspapier eingewickelte Schachtel an, die er in seiner Hand hielt. Er
hatte seine eigene Weihnachtsüberraschung noch nicht ganz weggesteckt und sie
hatte ihn vorübergehend von dem abgelenkt, was er heute Abend noch vorhatte.
Sollte er es wirklich wagen? Plötzlich wünschte Chris sich, er hätte vorher mit
jemandem darüber geredet, mit Jack, der Alexandra schon so lange kannte, oder
vielleicht auch mit Marc. Die hätten ihm vielleicht einen Rat geben können.
Alexandra war noch im Badezimmer, doch seine Galgenfrist würde bald abgelaufen
sein. Vielleicht hätte er sich lieber einen Spickzettel machen sollen, für das,
was er ihr sagen wollte. Sollte er überhaupt etwas sagen?
„Ach, verflixt.“
Mit diesem verzweifelten Stoßseufzer fuhr Chris sich mit einer Hand durch die
Haare. Bildete er es sich nur ein oder begann das Päckchen in seiner Hand
tatsächlich zu glühen?
„Chris?“
Chris zuckte zusammen, als er Alexandras Stimme plötzlich ganz aus der Nähe
hörte.
Sie stand vor dem Bett und musterte ihn mit gerunzelter Stirn. Dann kletterte
sie hinein und setzte sich ihm direkt gegenüber. Unter ihrem eng anliegenden
Pyjamaoberteil zeichnete sich ganz deutlich die Wölbung ihres normalerweise
flachen Bauches ab.
„Was hast du da?“ fragte sie und deutete auf das Päckchen.
Chris schluckte. Jetzt musste er es wohl tun.
„Dein Weihnachtsgeschenk“, sagte er leise und reichte es ihr zögernd.
Verwundert sah Alexandra ihn an und streckte langsam die Hand nach dem Päckchen
aus. Chris atmete tief durch, bevor er es losließ.
„Was ist da drin?“
Neugierig betrachtete Alexandra das Päckchen, drehte es hin und her.
„Machs auf“, bat Chris mit heiserer Stimme.
Sein Herz raste wie verrückt und er musste seine schweißnassen Hände an der
Sweathhose abwischen, die er sich vorhin fürs Bett angezogen hatte. Du liebe
Zeit, das war ja ein schlimmeres Gefühl als vor einer Prüfung.
Alexandra warf ihm noch einen forschenden Blick zu, bevor sie die bunte Schleife
entfernte und die kleine Schachtel vorsichtig vom Geschenkpapier befreite. Als
sie die Aufschrift las, entfuhr ihr ein leiser Aufschrei.
„Chris…spinnst du? Du hast bei DEM Juwelier was gekauft? Oh Gott…“
Alexandra starrte die Schachtel, die in ihrer Hand lag, fassungslos an. Chris
presste die Lippen vor Anspannung zusammen. Okay, das Schmuckstück war nicht
ganz billig gewesen, aber es war das Einzige gewesen, das ihm wirklich gefallen
hatte. Er hatte es im Schaufenster eines ziemlich vornehmen Juweliergeschäftes
gesehen, nachdem er vorher schon bei einigen anderen gewesen war. Der Preis
hatte ihm zwar vorübergehend den Atem geraubt, aber er hatte sich überlegt, ob
er vielleicht Ian fragen konnte, ob der nicht noch einen Aushilfsjob für ihn
hätte. Für das Geschenk war nämlich der größte Teil seiner Ersparnisse
draufgegangen.
Also war er in das Juweliergeschäft gegangen und hatte die Verkäuferin dort
gebeten, ihm das Schmuckstück aus der Auslage zu holen. Die Frau hatte ihn etwas
misstrauisch gemustert und ihren Chef geholt, der sich dann persönlich um ihn
gekümmert hatte. Anscheinend kamen nicht sehr oft Kunden in seinem Alter, mit
abgetragenen Lederjacken und zerschlissenen Jeans in den Laden.
Chris hatte am nächsten Tag wiederkommen und eine Anzahlung für das Schmuckstück
leisten müssen. Dem Benehmen des Inhabers nach zu urteilen hatte dieser nicht
mit seinem Auftauchen gerechnet.
Alexandra hielt die Schachtel noch immer ungeöffnet in der Hand. Sein Geschenk
schien sie genauso umgeworfen zu haben wie ihn vorhin das ihre. Und das schon,
bevor sie wusste, was es überhaupt war.
Plötzlich war Chris sich nicht mehr sicher, dass es ihr gefallen würde. Die
ganze Idee, die dahinter steckte, würde ihr nicht gefallen. Sie würde peinlich
berührt sein, nach Ausflüchten suchen, um ihn nicht zu verletzen…Wie hatte er
nur auf diese bescheuerte Idee kommen können?
Ein Aufkeuchen von Alexandra riss ihn aus seiner mentalen Selbstgeißelung. Mit
offenem Mund saß sie da und sah ihn an.
„Der…der ist ja wunderschön“, flüsterte sie. „Aber…du musst da dein ganzes Geld
reingesteckt haben.“ Tränen schimmerten in ihren Augen.
Chris nahm all seinen Mut zusammen und griff nach dem Ring, der in der kleinen
Schachtel lag. Es war ein schlichter Goldreif mit einem eingebetteten, schwarzen
Onyx. Dann nahm er Alexandras linke Hand und steckte ihr den Ring an den
Ringfinger. Er passte wie angegossen.
Er hielt Alexandras Hand in seiner, den Blick fest auf den Ring gerichtet. Seine
Gedanken überschlugen sich in rasendem Tempo. Jetzt wäre eigentlich der passende
Zeitpunkt, aber…
Chris spürte eine Berührung an seiner Wange und hob den Kopf. Alexandra sah ihn
mit soviel Liebe und Zuneigung an, dass ihm beinahe die Luft wegblieb.
Vielleicht…?
„Heiratest du mich?“
Bevor er noch lange überlegen konnte, platzte Chris mit dieser Frage heraus. Im
nächsten Moment hätte er sich schon ohrfeigen können. Noch unromantischer war’s
wohl nicht gegangen? Er wagte es nicht, Alexandra ins Gesicht zu sehen, sondern
fing stattdessen vor lauter Aufregung an, ihr seine Gedankengänge dazu zu
schildern. Vielleicht ließ sich ja noch etwas retten.
„Weißt du, nicht gleich…erst…erst im Sommer, wenn meine Bewährung abgelaufen
ist…und…und das Baby da ist…Dann könnte es das miterleben“, sprudelte er hervor,
um seine Nervosität in den Griff zu bekommen. „Wir…wir könnten dann im Garten
feiern…so wie bei der Einweihung….Und…und du brauchst mir deine Antwort auch
nicht gleich geben…Ist ja noch `ne Weile hin…Wenn du…wenn du aber nicht willst,
dann versteh ich das auch…wir müssen ja nicht heiraten, um zusammen zu sein…“
Chris hätte noch weiter geredet, doch das Wort wurde ihm von einer stürmischen
Umarmung und einem ebenso stürmischen Kuss abgeschnitten. Es dauerte ein paar
Sekunden, bis er sich von seiner Verblüffung erholt hatte und den Kuss erwidern
konnte.
War das jetzt etwa eine Antwort auf seine Frage?
***
Alexandra hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte. Präzise ausgedrückt, sie
war sich nicht sicher gewesen, ob ihr ihre Stimme gehorchen würde.
Sie hätte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass Chris ihr einen
Heiratsantrag machte. Als sie die Aufschrift auf der Schachtel gesehen hatte,
war sie erschrocken. „Conley’s“ war bekannt für seine außergewöhnlichen
Schmuckstücke, aber auch für seine gesalzenen Preise. Das wusste sie von Mary
Jo.
Doch der Inhalt hatte ihr dann wirklich die Sprache verschlagen. Chris’
seltsames Zögern, ihr das Päckchen zu übergeben, ergab plötzlich einen Sinn. Und
als er ihr den Ring dann an den Finger gesteckt hatte, da hätte er die Frage
überhaupt nicht mehr auszusprechen brauchen.
Chris wollte sie also tatsächlich heiraten. Alexandra hatte bisher noch keinen
einzigen Gedanken daran verschwendet, eine Hochzeit stand nicht unbedingt ganz
oben auf ihrer „To-Do“-Liste. Bisher hatte auch noch keiner ihrer Freunde danach
gefragt, ob sie den „Bund fürs Leben“ schließen wollten, jetzt, wo sie schwanger
war.
Sie brauchte keinen Ring am Finger und einen anderen Namen, um zu wissen, dass
sie zum Vater ihres Kindes gehörte und er zu ihr.
Aber Chris schien da anders darüber zu denken. Er war allerdings auch anders
aufgewachsen, hatte Eltern gehabt, die sich tatsächlich um ihn gekümmert und ihn
nicht an irgendwelche Kindermädchen abgeschoben hatten. Er hatte erleben dürfen,
wie es war, wenn zwei Menschen sich wirklich liebten, füreinander und für ihr
Kind da waren.
Trotz ihrer Überraschung über seinen Antrag hatte Alexandra aus seinem
anschließenden Geplapper die tiefe Unsicherheit herausgehört, die er dabei
verspürt haben musste. Er hatte tief in seinem Inneren Angst, dass sie ablehnen
würde, dass seine Vergangenheit und seine Herkunft vielleicht doch eine Rolle
für sie spielten.
Abgesehen davon, dass sie gar nicht hätte sprechen können, hatte sie das Gefühl
gehabt, dass ein einfaches „Ja“ nicht genügt hätte. Darum war sie ihm einfach um
den Hals gefallen, hatte ihn umarmt und ihn geküsst.
Erst als ihr die Luft ausging, wich Alexandra zurück. Chris sah sie an, die
Unsicherheit stand ihm noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben. Er hob die
Hand und strich ihr über die Wange.
„Tut mir leid…ich…ich wollte dich nicht zum Weinen bringen“, sagte er leise.
„Was?“
Alexandra fuhr sich mit der Hand ebenfalls über ihre Wangen. Tatsächlich, sie
waren nass.
„Oh…“
„Alex…was…“
Chris biss sich auf die Lippe und starrte sie unverwandt an. Alexandra begriff,
dass er ihre Antwort nicht verstanden hatte, vielleicht einfach nicht darauf zu
hoffen wagte, dass sie zustimmen würde, um nicht enttäuscht zu werden.
„Ja, natürlich will ich dich heiraten, du Dummkopf“, flüsterte sie erstickt.
„Zweifelst du denn wirklich daran?“
Die Veränderung, die mit Chris nach diesem Satz vor sich ging, war mit Worten
nicht zu beschreiben. Seine Augen begannen wie zwei dunkle Sterne zu strahlen,
seine Haltung lockerte sich, als wäre eine schwere Last von ihm abgefallen. Er
wirkte plötzlich wie ein kleiner Junge, dem der Weihnachtsmann einen innigen
Wunsch erfüllt hatte. Was er ja in gewisser Weise auch getan hatte…
Chris ergriff ihre Hand, die Hand, an die er den Ring gesteckt hatte.
„Alex…ich…danke. Danke, dass du mich heiraten willst“, würgte er hervor. „Du
hast keine Ahnung, was mir das bedeutet…“
Alexandra musste schlucken und kämpfte dagegen an, nun ernsthaft in Tränen
auszubrechen. Verdammte Hormone. Sie hatte jetzt viel näher am Wasser gebaut als
normalerweise.
„Komm her“, wisperte sie zärtlich und zog Chris in ihre Arme. „Wir machen alles
genauso, wie du es möchtest. Alles…“
***
Alexandra hatte sich den Ring vom Finger gezogen und betrachtete ihn
nachdenklich. Chris lag neben ihr im Bett und beobachtete sie dabei.
„Gefällt er dir wirklich?“ fragte er.
„Natürlich“, entgegnete Alexandra. „Du hättest dich aber nicht in solche
Unkosten stürzen sollen….“
„Ich wollte dir was Besonderes schenken.“
Chris nahm den Ring, dann drehte er ihn so, dass Alexandra die Innenseite sehen
konnte. Es war etwas darin eingraviert. Sie griff danach und versuchte, die
Gravur zu entziffern.
„Chris, Für immer, 24.05.06…“, las sie. „24. Mai?“
Mit schiefgelegtem Kopf grinste Chris verlegen.
„Da haben wir uns kennen gelernt…“ erklärte er.
Alexandra sah wieder den Ring an. Genau, im Mai war Chris zu ihr gekommen. Wer
hätte damals gedacht, wozu sich ihr „Gefallen“ für Jack entwickeln würde. Dass
sich dieser schüchterne junge Kerl, den sie damals eigentlich nur aus Mitleid
eingestellt hatte, zur Liebe ihres Lebens entwickeln würde …
„Es kommt mir vor, als wäre das schon eine Ewigkeit her“, sagte Alexandra leise.
„Soviel ist seitdem passiert.“
„Ja…Dabei ist es erst etwas mehr als ein halbes Jahr.“ Chris kaute nachdenklich
auf seiner Unterlippe herum. „Alex, bist du wirklich sicher, dass du mich
heiraten willst?“
Alexandra sah ihn erstaunt an.
„Natürlich. Ich war überrascht, dass du mich gefragt hast, aber…“
Sie machte eine Pause. Chris wich ihrem Blick aus und glättete übertrieben
gründlich eine Falte in seiner Bettdecke.
„Lag die Betonung auf „heiraten“ oder auf „mich“?“ fragte sie dann behutsam.
Chris schluckte hörbar.
„Ich will nur nicht, dass du etwas tust, das du später bereust.“
Alexandra seufzte irritiert. Erst bat er sie, ihn zu heiraten, dann machte er
sich Sorgen, dass sie ihre Einwilligung bereuen könnte. Sollte ihr noch einmal
jemand etwas über die Unentschlossenheit der Frauen vorjammern.
Aber sie schob diesen Gedanken schnell beiseite. Chris hatte gute Gründe, so
unsicher zu sein, zumindest aus seiner Sicht. Energisch steckte sie sich den
Ring wieder an seinen Platz an ihrem Ringfinger, dann drehte sie sich zu Chris
und legte ihm ihre Hand auf die Wange.
„Ich werde es niemals bereuen, was war, spielt keine Rolle, das einzige was
zählt, ist unsere Zukunft, okay?“ sagte sie eindringlich. „Ich bin kein
romantischer Teenager mehr, der noch nicht realistisch denken kann und alles
durch eine rosarote Brille sieht. Chris, ich liebe dich so, wie du bist. Hast du
verstanden?“ Noch während sie sprach, erinnerte sie sich, dass sie so etwas
Ähnliches schon einmal zu ihm gesagt hatte.
Chris presste die Lippen zusammen und nickte.
„Ja…es ist manchmal nur so schwer zu glauben“, flüsterte er. „Das alles hier.
Das war immer mein Traum, eine Familie, ein Hund, ein…ein Haus…“
Alexandra lächelte. Sie hatte also recht gehabt. Chris wünschte sich das, was
seine Eltern gehabt hatten, was sie ihm vorgelebt hatten. Und wenn sie ehrlich
war, dann wünschte sie sich das auch. Eine richtige Familie, deren Mitglieder
zusammenhielten und füreinander da waren. Ihr wurde plötzlich klar, dass sie
Mary Jo in gewisser Weise immer ein wenig beneidet hatte.
Ihre Freundin hatte Eltern, die unbändig stolz auf ihre Tochter gewesen waren,
obwohl sie noch während des Studiums schwanger geworden war und gleich
geheiratet hatte, um nur noch Hausfrau und Mutter zu sein. Mary Jo hatte ein
inniges Verhältnis zu ihren Geschwistern, natürlich gab es Reibereien, aber so
schnell wie der Streit aufflackerte, so schnell waren die Flammen auch wieder
gelöscht.
Spontan beugte sie sich vor und gab Chris einen Kuss auf die Nasenspitze.
„Und du bist mein Traum“, erklärte sie mit rauer Stimme. Dann zuckte sie
überrascht zusammen. Der Verursacher dieser rasanten Entwicklung schien sich in
seiner Rolle vernachlässigt zu fühlen und machte sich bemerkbar.
„Was ist los?“ fragte Chris alarmiert.
Statt einer Antwort nahm Alexandra seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.
Chris hatte schon mehrmals versucht, die Bewegungen des Babys zu fühlen, doch
bisher war es dem kleinen Wicht immer gelungen, seinem Daddy ein Schnippchen zu
schlagen. Bei diesen Gelegenheiten hatte es sich immer mucksmäuschenstill
verhalten und sich nicht gerührt.
„Da scheint noch jemand unbändig glücklich zu sein. Pass auf….“
Chris’ Gesicht nahm einen konzentrierten Ausdruck an, während er seine Hand
vorsichtig gegen ihre Bauchdecke presste. Ha, da war es wieder. Heute schien das
Baby in bester Laune zu sein.
„Oh Mann…“ hauchte Chris und sah Alexandra fassungslos an.
„Hast du’s gespürt?“
„Ja…“ brachte er gerade noch so hervor. „Tut das nicht weh?“ fragte er dann
besorgt.
Alexandra schüttelte den Kopf.
„Nein. Es ist zwar nicht angenehm, wenn der Zwerg meine inneren Organe als
Trampolin benutzt, aber weh tut es eigentlich nicht.“
Chris schwieg und schien gespannt zu warten, ob er noch einmal einen Tritt
abbekommen würde. Doch das Baby hatte sich wohl wieder beruhigt und war
zufrieden, dass es die ihm gebührende Aufmerksamkeit abbekommen hatte.
„Meinst du, es schläft jetzt?“ fragte Chris.
„Keine Ahnung, du bist doch inzwischen der Experte“, entgegnete Alexandra und
grinste, um ihren Worten die Spitze zu nehmen.
Chris warf ihr einen verlegenen Seitenblick zu.
„Ich will doch nur wissen, was da so alles passiert“, versuchte er, sich zu
rechtfertigen.
„Mhm“, brummte Alexandra. „Und treibst mich dabei in den Wahnsinn“, fügte sie
mit liebevollem Spott hinzu. „Ich glaub, wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe,
dass du das Baby die restlichen fünf Monate mit dir rumtragen könntest, dann
würdest du sie nutzen, stimmts?“
„Ich will dich doch nicht nerven“, verteidigte sich Chris. „Aber…okay, du hast
recht“, gab er zu. „Mich würd’s interessieren, wie das ist, wenn du ein Baby im
Bauch hast.“
Alexandra fragte sich, wieso sie dieses Geständnis so gar nicht überraschte.
Ihre Feststellung war eigentlich ein Scherz gewesen. Aber das war mal wieder
typisch Chris, wenn er sich mit etwas befasste, dann gründlich und bis ins
letzte Detail.
Ein Kichern entschlüpfte ihr, als sie sich ihren Freund und zukünftigen Ehemann
hochschwanger vorstellte. Vielleicht sollte sie ihn mal zu Mary Jo schicken,
nach deren eingehender Aufklärung über diverse Schwangerschaftsbeschwerden wäre
er von der Idee vermutlich nicht mehr so angetan.
„Laut Mary Jo ist es am Schluss so, als würdest du ständig einen riesigen Kürbis
vor dir hertragen“, lachte Alexandra. „Nicht besonders angenehm.“
„Das mein ich doch nicht“, sagte Chris vorwurfsvoll. „Alex, nun sei doch mal
ernst.“
Das reizte Alexandra noch mehr zum Lachen und sich musste sich schwer
zusammenreißen. Chris war einfach zu niedlich, wenn er über irgendetwas
entrüstet war. Und im Moment war er das zutiefst.
„Okay.“ Alexandra räusperte sich und sah Chris an. Schmollte er da etwa? Beinahe
hätte sie wieder wie ein alberner Teenie angefangen zu kichern.
„Es muss doch irre sein, da einen kleinen Menschen in dir drin zu haben, das hab
ich gemeint“, erklärte Chris leise. „Zu spüren, wie er sich bewegt. Und zu
wissen, dass das ein Teil von dir ist.“
Alexandra öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann jedoch wieder.
Ihre Heiterkeit war verflogen und hatte einer tiefen Nachdenklichkeit Platz
gemacht. Sie war kein besonders gefühlsbetonter oder gar poetisch veranlagter
Mensch, aber dennoch verstand sie, was Chris versuchte, ihr begreiflich zu
machen.
„Es ist irre“, sagte sie nach einer ganzen Weile. Es war schwierig für sie, ihre
Gefühle in Worte zu fassen, Gefühle, die sie bisher noch nicht erforscht hatte.
Sie war jetzt eben schwanger, würde ein Baby bekommen und freute sich inzwischen
irgendwie auch darüber. Aber viel mehr hatte sie noch nicht darüber nachgedacht.
„Da ist schon so was wie eine Verbindung“, sagte sie langsam. „Ich hab keine
Ahnung, wie ich das beschreiben soll, so richtig habe ich mir da noch keine
Gedanken darüber gemacht. Aber es ist, glaub ich, schon was Besonderes…“
Während sie sprach, hatte Chris begonnen, ihr mit der Hand über den Bauch zu
streicheln. Er hatte den Kopf auf seinen angewinkelten Arm gestützt und die
Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, während er ihr lauschte. Es war
eigenartig, aber er schien sich wirklich mehr mit dieser Schwangerschaft
auseinanderzusetzen als Alexandra selbst. Nicht nur durch das Sammeln von
Informationen, sondern er versuchte sich auch vorzustellen, was in einer Frau
vorging, die ein Kind erwartete.
Alexandra wurde wieder einmal bewusst, wie sensibel und verletzlich Chris
tatsächlich tief in seinem Inneren war, was für ein empfindsamer und vor allem
einfühlsamer Mensch sich hinter seiner für Fremde so ruppigen Fassade verbarg.
Er trug noch immer am liebsten schwarze Klamotten, zerfranste, schwarze Jeans
und schwarze T-Shirts, vorzugsweise mit irgendwelchen Sprüchen oder den Logos
irgendwelcher Punk- und Rockbands. Seine Kleidung schien wie eine Rüstung für
ihn zu sein, die andere davor warnte, ihm zu nahe zu kommen.
Alexandra hob die Hand und strich die Haare zur Seite, die wie ein Vorhang sein
Gesicht vor ihr verbargen. Chris sah sie überrascht an.
„Warum willst du eigentlich erst im Sommer heiraten?“ fragte sie.
Chris senkte den Blick.
„Weil…weil ich da erst richtig frei sein werde…Im Moment bin ich ja nichts
weiter als ein Sträfling, der halt unter Aufsicht draußen rumlaufen darf. Ich
dachte eben, dass das ein schöner Anfang für ein neues Leben wäre. Und das Baby
wäre dann auch schon da…“
Alexandra lächelte wehmütig. Ja, genau das hatte sie eigentlich aus Chris’
Gestammel nach seinem Antrag herausgehört. Er wollte diesen Teil seines Lebens
erst ein für allemal abgeschlossen wissen, bevor er sie heiratete. Ihr wäre es
egal gewesen, dass Chris noch Bewährung hatte, es wäre jetzt vermutlich auch
noch einfacher, solange das Baby nicht da war und es hätte dann auch schon
Chris’ Nachnamen. So würde es erst einmal Hastings heißen…
Alexandra O’Connor. Hörte sich hübsch an. Plötzlich wurde Alexandra klar, dass
das, was für Chris ein neuer Anfang sein würde, für sie einen Abschluss
darstellen würde. Sie würde diesen Namen, der in L.A. für Einfluss, Macht und
Reichtum stand, endgültig ablegen.
Mit ihrer Mutter hatte sie schon seit Monaten nicht mehr telefoniert. Als sie
vor einigen Tagen versucht hatte, sie anzurufen, war sie nicht zu Hause gewesen
– oder hatte sich verleugnen lassen. Alexandra hatte mit ihrer Mutter reden
wollen, um sich darüber klar zu werden, was sie tun sollte. Ob sie ihrer Familie
sagen sollte, dass sie ein Kind erwartete oder nicht. Sie hatte einfach das
Bedürfnis verspürt, die Stimme der Frau, die sie geboren hatte, zu hören und
festzustellen, ob sie eigentlich noch eine tiefere emotionale Bindung zu ihr
verspürte.
Seltsam, dass man sich bei der eigenen Mutter darüber so unsicher sein konnte.
Aber das lag wohl daran, dass Catherine Hastings nie großartiges Interesse ihren
Kindern gegenüber aufgebracht hatte, sich nie für deren große und kleine
Kümmernisse interessiert hatte. Dafür waren Nannies, extra aus Großbritannien
importiert, zuständig gewesen. Und später, als Alexandra im Teenie-Alter gewesen
war, hatte sie sich gern bei der damaligen Haushälterin ihre Sorgen von der
Seele geredet. Louisa war an Krebs gestorben, kurz nach Alexandras Weggang.
Damit hatte es für sie keine Verbindung mehr zu ihrem Elternhaus gegeben.
Es war eigentlich immer Alexandra gewesen, die versucht hatte, Kontakt
aufzunehmen, niemals ihre Mutter. Und oft hatten diese Telefongespräche in einem
Streit geendet. Vielleicht war es an der Zeit, sich auch emotional endlich
völlig von ihrer Familie zu lösen, die sie sowieso nicht so akzeptieren konnte,
wie sie war.
Der Gedanke tat ein weh, doch nicht so weh, wie sie es eigentlich erwartet
hätte. Vielleicht lag es daran, dass sie im Grunde genommen schon vor langer
Zeit abgeschlossen hatte, sich das aber nie richtig bewusst gemacht hatte. Sie
war jetzt dabei, ihre eigene Familie zu gründen, mit dem Menschen, der sie mit
allen ihren Stärken und Schwächen liebte.
„Alex?“
Fragend sah Chris sie an und Alexandra merkte, dass sie wohl schon eine ganze
Weile in ihrer eigenen Gedankenwelt gefangen gewesen sein musste. Sie setzte
sich halb auf und gab Chris einen Kuss auf den Mund, wobei sie ihm sanft über
die Wange streichelte.
„Das ist okay“, sagte sie. „Eine Hochzeit im Juli wird bestimmt wunderschön.“
Es war ein grauer, wolkenverhangener Wintertag.
Auch wenn es hier in Südkalifornien in der Küstenregion keinen Schnee gab, so
konnte es doch empfindlich kalt werden.
Fröstelnd zog Chris die Schultern hoch, während er darauf wartete, dass
Alexandra die Tür des Wagens schloss und zu ihm kam. Ihr Gesicht war ernst, als
sie neben ihn trat und seine Hand ergriff, um sie zu drücken. Sie hatte einen
Strauß schneeweißer Rosen dabei.
Alexandra hatte beschlossen, die Tage nach Weihnachten für einen wohlverdienten
Urlaub zu nutzen. Die vergangenen Monate seit Eröffnung der Praxis waren so
hektisch und emotional belastend gewesen, dass sie der Meinung gewesen war, sie
hätten diese kurze Auszeit verdient.
Gestern Abend war sie dann mit der Idee gekommen, die freie Zeit für einen
Ausflug nach Los Angeles zu nutzen. Chris hatte zuerst nicht gewusst, wieso,
doch dann hatte Alexandra ihn gefragt, ob er eigentlich schon einmal am Grab
seiner Eltern gewesen war, seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde.
Chris war ganz still geworden.
Nein. War er nicht. Er hatte die Möglichkeit dazu nicht gehabt und er hatte sich
davor gefürchtet. Hatte sich davor gefürchtet, weinend an diesem Grab
zusammenzubrechen und sich in seiner Trauer zu verlieren.
Es hatte eine Weile gedauert, bis Alexandra ihn hatte dazu überreden können,
dieser Idee zuzustimmen. Sie hatte alles bereits geplant, sie würden in Los
Angeles in einem Hotel übernachten und erst am folgenden Tag wieder
zurückfahren. Jack und Ian würden sich in der Zeit um Charlie kümmern. Sämtliche
Einwände, die Chris hätte aus organisatorischen Gründen haben können, waren
damit schon entkräftet gewesen.
Er hatte sich also nur noch mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob er es
wollte.
An die Beerdingung seiner Mutter konnte er sich noch so genau erinnern, als wäre
es gestern gewesen. Sie hatte an einem strahlend schönen Sommertag im August
stattgefunden. Es war drückend heiß gewesen, das schwarze Hemd, das Chris
getragen hatte, hatte bald unangenehm feucht an seiner Haut geklebt.
Seine Mutter hatte sehr viele gute Freunde und Bekannte gehabt, sie war in der
Nachbarschaft und in der Gemeinde wegen ihres fröhlichen, hilfsbereiten Wesens
sehr beliebt gewesen. Alle waren sie gekommen, um sie auf ihrem letzten Weg zu
begleiten und ihm und seinen Vater Trost zu spenden. Nur dass es für diesen
Verlust keinen Trost gegeben hatte…
Chris wusste nicht, wie er diesen Tag überstanden hatte, ohne zusammenzuklappen.
Er hatte nicht einmal mehr weinen können. Zwei Tage vorher hatte er am
Krankenbett seiner Mutter gestanden und zusehen müssen, wie sie gestorben war.
Es waren Ferien gewesen und er war wie jeden Tag ins Krankenhaus gekommen, um
sie zu besuchen, ihr vorzulesen und sich mit ihr zu unterhalten. Doch an diesem
Nachmittag war sie nicht wach gewesen, als er ihr Zimmer betreten hatte. Ihr
Gesicht hatte einen noch bleicheren, ungesunderen Hautton gehabt als sonst und
sie hatte schwer und rasselnd geatmet.
Er war nach draußen auf den Flur gegangen, um eine Krankenschwester zu holen und
diese hatte sofort einen Arzt herbeigerufen. Dann hatte man versucht, seinen
Vater telefonisch zu erreichen, während Chris hilflos neben dem Bett gestanden
war und die Hand seiner Mutter festgehalten hatte, als könnte er dadurch
verhindern, dass der Tod sich anschlich und sie ihm wegnahm.
Als sein Vater nach einer Stunde eingetroffen war, war Giovanna O’Connor bereits
tot gewesen und Chris hatte sich nur noch hemmungslos schluchzend in die Arme
seines vor Trauer erstarrten Vaters werfen können.
„Gehen wir rein?“
Chris war dankbar, dass Alexandras sanfte Stimme ihn aus seinen traurigen
Erinnerung holte. Sie drückte ihm nochmals aufmunternd die Hand, dann gingen sie
gemeinsam auf das Tor des Friedhofs zu, auf dem sich das Grab seiner Eltern
befand.
***
„Sie wären jetzt bestimmt stolz auf dich, wenn sie dich sehen könnten“, sagte
Alexandra leise und strich ihm tröstend über den Rücken. Fast unbewusst lehnte
sich Chris an die junge Frau neben ihm, als könnte allein ihre Nähe den Schmerz
in Grenzen halten, der ihn zu überwältigen drohte.
Sie standen vor dem Grabstein, der in schlichten Goldlettern die Aufschrift
„Giovanna O’Connor, geliebte Ehefrau und Mutter“ mit dem Geburts- und
Sterbedatum trug. Darunter war nur der Name von Chris’ Vater aufgeführt,
ebenfalls mit diesen Daten. Unsinnigerweise frage sich Chris ausgerechnet jetzt,
wer sich damals um die Beerdigung gekümmert hatte.
Tränen stiegen ihm in die Augen und verschleierten seine Sicht. Ob seine Mom und
sein Dad wirklich Grund hätten, stolz auf ihn zu sein? Alexandra schien seine
unausgesprochenen Zweifel zu spüren.
„Sie wären stolz auf dich“, wiederholte sie bestimmt. „So stolz, wie ich es
bin.“
Chris senkte den Kopf und versuchte krampfhaft, ein Aufschluchzen zu
unterdrücken. Wieso konnten seine Eltern jetzt nicht vor ihm stehen und ihm das
selbst sagen? Wieso war ein kalter, grauer Grabstein alles, was von ihnen übrig
geblieben war?
Tränen der Trauer und der Verzweiflung tropften auf den Blumenstrauß, den
Alexandra ihm in die Hände gedrückt hatte. Er hatte es gewusst. Er hatte
gewusst, dass er hier auf diesem Friedhof zusammenbrechen würde.
Die Blumen wurden ihm aus seinen tauben Händen genommen und behutsam vor den
Grabstein gelegt. Chris schluchzte auf. Als der das letzte Mal hier gewesen war,
war nur ein Name darauf gestanden.
Ihm wurde plötzlich klar, dass er sich nie richtig von seinem Vater hatte
verabschieden können. Die Teilnahme an der Beerdigung war ihm ja untersagt
worden. Nun, da er vor diesem Grab stand, kam die ganze Trauer wieder hoch und
er begriff, dass er nie realisiert hatte, dass sein Vater wirklich tot war und
er ihn nie mehr sehen würde.
„Chris?“ erklang Alexandras besorgte Stimme wie aus weiter Ferne. Dann wurde er
in eine heftige Umarmung gezogen, leise, tröstende Worte drangen nur
verschwommen an sein Ohr und Chris verlor seine so mühsam aufrecht erhaltene
Beherrschung.
Am ganzen Körper zitternd klammerte er sich an Alexandra, hielt sie fest, als
bestünde die Gefahr, sie könnte ihn ebenfalls verlassen.
***
„Danke“, sagte Alexandra und nahm das Tablett mit der Kanne heißen Tees von der
Angestellten des Zimmerservices an der Tür entgegen. Sie drückte der jungen Frau
noch ein Trinkgeld in die Hand, bevor sie sich umwandte und mit dem Tablett
zurück in das Schlafzimmer der kleinen Suite ging.
So hatte sie sich diesen Tag eigentlich nicht vorgestellt. Sie hatte nicht
erwartet, dass Chris am Grab seiner Eltern fast einen hysterischen Zusammenbruch
habe würde. Alexandra war zu Tode erschrocken, als sie gemerkt hatte, wie sehr
Chris dieser Friedhofsbesuch mitgenommen hatte. Er war kreidebleich gewesen, in
Tränen aufgelöst und hatte am ganzen Körper gezittert. Sie war heilfroh gewesen,
als sie endlich am Hotel angekommen waren und sie ihn aufs Zimmer hatte
verfrachten können. Die neugierigen Blicke, die ihnen gefolgt waren, hatte sie
geflissentlich ignoriert.
Alexandra hatte Chris ins Bett gesteckt und danach eine Kanne Tee bestellt.
Chris Haut hatte sich eiskalt angefühlt und sie hatte fast den Eindruck gehabt,
er stünde unter einer Art Schock.
Jetzt war er etwas ruhiger und sah ihr mit vom Weinen geröteten Augen entgegen.
Alexandra stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab und goss etwas Tee in eine
Tasse. Dann fügte sie eine großzügige Portion Zucker hinzu. Sie merkte, dass
ihre Hände ebenfalls zitterten. Es war ein furchtbares Erlebnis gewesen, Chris
heute so zu sehen. Sie hatte erwartet, dass der Friedhofsbesuch emotional
verlaufen würde, aber nicht in diesem Ausmaß.
Sie setzte sich auf die Bettkante und reichte Chris die Tasse mit der heißen,
dampfenden Flüssigkeit. Nachdem er sich aufgesetzt hatte, griff er dankbar
danach und schloss seine Hände darum, um sie aufzuwärmen.
„Es tut mir leid“, flüsterte Alexandra und strich Chris sanft über die Wange.
Chris starrte sie ein paar Sekunden lang mit zusammengepressten Lippen an, bevor
er die Tasse zur Seite stellte und ihre Hände mit seinen eigenen umfasste.
„Nein,“ sagte er mit rauer, fast krächzender Stimme. „Es war…es war gut so. Ich
glaub, ich hab das gebraucht.“
Alexandra schüttelte verständnislos den Kopf. Er hatte diesen
Beinahezusammenbruch gebraucht? Hatte er denn nicht schon genug mitgemacht?
Chris schien ihre Verwirrung zu spüren.
„Alex…ich hatte bis heute nicht richtig begriffen, dass mein Vater wirklich tot
ist. Erst als ich seinen Namen auf diesem Grabstein gelesen hab…es war wie ein
Schlag. Ich…ich weiß nicht, was ich mir die ganze Zeit vorgestellt hab, dass er
weggegangen ist, irgendwo anders lebt…aber ich hab mir nie vorgestellt, dass er
in diesem Grab liegt…“ Chris schluckte heftig. Seine Augen begannen wieder zu
glitzern.
Und plötzlich verstand Alexandra.
Chris hatte nie richtig Abschied von seinem Vater nehmen können. Er hatte die
Nachricht erhalten, hatte irgendwie damit fertig werden müssen, dass niemand
mehr da war, zu dem er gehen konnte, wenn er aus dem Gefängnis entlassen werden
würde…Aber es hatte für ihn keinen Abschluss gegeben. Tief in seinem Innersten
hatte Chris den Tod seines Vaters nie akzeptiert. Erst vor ein paar Stunden…
„Chris….“
Er schüttelte den Kopf und rutschte ein wenig zur Seite, wobei er die Bettdecke
etwas anhob. Er musste nichts sagen, es war offensichtlich, dass er ihre Nähe
jetzt viel mehr brauchte als heißen Tee oder tröstende Worte, die sowieso nichts
geändert hätten.
Alexandra nickte wortlos, bevor sie ihre Schuhe abstreifte und zu Chris unter
die Decke schlüpfte. Es war erst kurz nach fünf, viel zu früh, um schon zu Bett
zu gehen. Aber nach diesem emotionalen Desaster von heute Nachmittag brauchten
sie beide ein wenig Ruhe.
Chris zog sie eng an sich und legte seine Hand auf ihren Bauch.
„Ich bin so froh, dass du vorhin dabei warst,“ sagte er. „Allein hätte ich das
nicht gepackt.“
Alexandra drehte den Kopf, um Chris ins Gesicht sehen zu können.
„Ich bin auch froh, dass ich dabei war, um dich auffangen zu können,“ entgegnete
sie und kuschelte sich näher an ihren Freund. Chris hatte aufgehört zu zittern
und wirkte zu ihrer Erleichterung wieder gefasst und ruhig. „Aber…wenn ich
gewusst hätte, wie sehr dich das mitnimmt, dann wäre ich mit der Idee nicht
angekommen.“
„Alex…“. Chris schluckte. Dann sah er Alexandra eindringlich an. „Es war nötig,
dass ich mich dem mal gestellt hab. Hättest du das nicht alles schon so genau
geplant gehabt, dann wäre ich vielleicht noch länger davor weggelaufen.
Jetzt…jetzt kann ich das endlich abschließen. Mein Dad ist wirklich tot und wird
nicht mehr zurückkommen.“
Alexandra schwieg. Sie versuchte nachzuvollziehen, was in Chris vorgegangen war.
Er hatte ihr gesagt, dass sein Vater gestorben war, doch da er dessen Grab nie
besucht hatte, sich nie mit der Tatsache konfrontiert hatte, dass Rory O’Connor
wirklich darin lag, hatte er wohl immer die irrationale Hoffnung gehegt, dass
dieser doch noch am Leben war. Zumindest hatte sie das so verstanden.
„Ich möchte morgen noch mal hin,“ sagte Chris plötzlich in die Stille des
Zimmers hinein.
***
Die Hände tief in den Taschen ihres Mantels vergraben beobachtete Alexandra
Chris dabei, wie er vor dem Grabstein seiner Eltern kniete und mit dem
Zeigefinger die Buchstaben entlang fuhr.
Sie war nicht davon überzeugt gewesen, dass es eine gute Idee war, noch mal
hierher zu kommen, doch Chris hatte darauf bestanden. Los Angeles war zwar nicht
aus der Welt, aber es waren immerhin etwa sechs Stunden Fahrt von San Francisco
und so schnell würden sie die Reise nicht wieder machen.
Also hatte Alexandra nachgegeben und hoffte nun, dass Chris sich selbst richtig
eingeschätzt hatte.
Die Blumen, die sie gestern mitgebracht hatte, sahen noch ganz frisch aus, da es
in der Nacht geregnet hatte.
Alexandra wagte es, ihre Aufmerksamkeit ein paar Sekunden von Chris abzuwenden,
und sah sich um. Das hier war einer der älteren Friedhöfe von L.A., aber
nichtsdestotrotz sauber und gepflegt. Der Rasen um die Grabsteine herum war
sorgfältig gemäht, die Wege mit hellem Kies aufgeschüttet…Es war ein friedlicher
Ort.
Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie Chris aufstand und mit gefalteten Händen
zum Himmel hinaufsah.
„Weißt du, was schön wäre?“ fragte er leise.
„Was?“
„Wenn sie jetzt irgendwo dort oben auf einer Wolke sitzen und herunterschauen
würden. Und wissen würden, dass es mir gut geht und ich glücklich bin.“
Wortlos trat Alexandra neben Chris und legte ihm einen Arm um die Taille.
„Vielleicht ist es ja so,“ erwiderte sie. „Wo auch immer sie sind, vielleicht
können sie dich ja wirklich sehen.“
Chris atmete tief durch.
„Wir sollten jetzt fahren,“ sagte er. „Charlie wird Ian und Jack schon fast in
den Wahnsinn getrieben haben.“
Sie hatten das Friedhofstor schon fast erreicht, als Alexandra noch einmal
zurückschaute. Der Grabstein war von hier aus noch zu sehen. Im Stillen schickte
sie ein Dankgebet an die beiden Menschen, die für die Existenz dieses
großartigen jungen Mannes an ihrer Seite verantwortlich waren. Und gleichzeitig
schwor sie ihnen, dafür zu sorgen, dass er immer glücklich sein würde.
Alexandra konnte nicht wissen, dass sie schon bald hilflos würde zulassen
müssen, dass dieser Schwur gebrochen wurde…
Tief atmete Chris die klare Nachtluft ein,
nachdem der die Schiebetür der Terrasse von Ians Wohnung geschlossen hatte. Es
war eine Stunde vor Mitternacht und drinnen in der Wohnung vergnügten sich die
Mitglieder von Ians Band mit ihren Ehefrauen und Freundinnen bei der
Silvesterparty, zu der Ian alle eingeladen hatte.
Diesmal hatte Chris Alexandra überreden müssen, die Einladung anzunehmen, die
diese aus Rücksicht auf ihn hatte ablehnen wollen. Sie war der Meinung gewesen,
es wäre ihm unangenehm, mit Leuten zusammenzutreffen, die etwas von dem ahnten,
was mit ihm in San Quentin passiert war. Vor Ians Band war die Sache mit der
Verhandlung und was darin passiert war, kaum geheim zu halten gewesen.
Doch so sehr Chris früher vor der Konfrontation mit Menschen zurück geschreckt
war, die, wenn auch nur vage, etwas von seiner Vergangenheit wussten, so
entschlossen war er nun, sich dieser Konfrontation zu stellen. Er würde sich
nicht mehr in einem Mauseloch verkriechen und allem aus dem Weg gehen. Zu viele
Leute kannten die Wahrheit und akzeptierten ihn dennoch und Chris war überzeugt,
dass er nun auch mit möglicher Ablehnung und Verachtung würde umgehen können. Er
musste sich einfach beweisen, dass er es konnte.
Darum befand er sich nun hier auf dieser Party. Besser gesagt, er hatte
kurzzeitig die Flucht ergriffen, um nun, in der letzten Stunde dieses Jahres, in
Ruhe noch ein Mal über all das nachzudenken, was es ihm im wahrsten Sinne des
Wortes alles beschert hatte.
Lautes Gelächter ließ ihn einen Blick in den hell erleuchteten Wohnraum
zurückwerfen. Alexandra saß auf dem Sofa, daneben Julie, die eigentlich mehr
halb auf ihrem aktuellen Lover lag, dem Gitarristen der Band, Andy, wenn Chris
sich recht erinnerte. Und er erinnerte sich daran, dass Ian mal gesagt hatte,
dass Andy ein notorischer Weiberheld war. Da schienen sich also zwei gefunden zu
haben.
Chris schüttelte leicht den Kopf und wandte sich wieder der Aussicht zu, die
sich ihm bot. Von dieser Dachterrasse aus konnte man hinunter ins Tal blicken,
genau wie von „seinem“ Platz aus in der Nähe von Alexandras Haus. Nur dass seine
Stimmung heute nicht trübe und verzweifelt war, sondern voller Hoffnung und
Zuversicht. Chris konnte das nächtliche Panorama genießen, die funkelnden
Lichter, die Sterne am Himmel und den gelegentlichen Anblick einer Leuchtrakete,
die von jemandem abgeschossen wurde, der es nicht erwarten konnte, das Neue Jahr
zu begrüßen.
Für Chris würde das Mitternachtsläuten den Abschied von einem Jahr bedeuten, das
ihm soviel Widersprüchliches gebracht hatte. Er hatte darin den absoluten
Tiefpunkt erreicht, und war kurz darauf mit dem Wertvollsten beschenkt worden,
was ein Mensch sich nur wünschen konnte. Etwas, dass mit keinem Vermögen der
Welt zu bezahlen war. Jemanden, der einen bedingungslos liebte und akzeptierte.
Die Terrassentür wurde geöffnet und gleich darauf wieder geschlossen, nachdem
eine dunkle Gestalt hinausgeschlüpft war. Chris kniff die Augen zusammen. Es war
Jack, der da ein paar Meter von ihm entfernt an der Brüstung lehnte und
ebenfalls nachdenklich in die Nacht hinausstarrte.
Chris räusperte sich und Jack fuhr erschrocken herum. Er hatte wohl nicht damit
gerechnet, dass noch jemand hier draußen war.
„Chris?“ Jacks Stimme klang überrascht. „Du hast wohl auch ein paar ruhige
Minuten nötig, um deine persönliche Jahresbilanz zu ziehen“, stellte er dann
nach ein paar Sekunden fest.
„So ähnlich“, gab Chris zu. „So toll und lustig wie die Party ist, ich hab
einfach ein wenig Zeit für mich gebraucht.“
„Verständlich. Hat sich ja einiges getan für dich.“
„Für dich doch auch“, entgegnete Chris leise.
Jack lachte trocken auf und winkte ab.
„Ich hab denn Mann meines Lebens gefunden, wurde geoutet und vor Gericht
gezerrt, musste meinen Job hinwerfen und hab jetzt `nen neuen und
interessanteren Job…. Ja, ist einiges passiert. Aber nicht soviel wie bei dir.“
„Bei euch kann ja auch keiner schwanger werden.“ Kaum hatte Chris den Satz
ausgesprochen, fuhr er sich schon mit der Hand zum Mund. Ups, das war jetzt wohl
ein wenig unter die Gürtellinie gewesen. „Sorry“, murmelte er verlegen.
Doch zu seiner Erleichterung bewies Jack, dass er Humor hatte und fing an zu
lachen.
„Schon gut“, gluckste sein Ex-Bewährungshelfer. „Was wahr ist, ist wahr. Du
hättest vor einem Jahr wohl nicht gedacht, dass du so schnell mit so was
konfrontiert wirst.“
Chris presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Nein, beim letzten
Jahreswechsel hatte seine Zukunft noch düster ausgesehen. Es hatte niemanden
gegeben, der sich einen Deut um ihn geschert hatte und darum, was aus ihm wurde.
Und nun…Nun würde er bald wieder eine Familie haben, hatte Menschen, die ihn
mochten und für ihn da waren.
„Nein, hab ich nicht“, sagte er und brachte ein schiefes Lächeln zustande. „Und
dass ich heute hier stehe, das hab ich hauptsächlich dir zu verdanken und dass
du mir immer wieder ein Chance gegeben hast.“
Jack seufzte und trat ein paar Schritte auf Chris zu, bis er direkt vor ihm
stand. Das Licht, dass aus dem Wohnzimmer drang, ließ die Gläser seiner Brille
spiegeln.
„Ich hab nur gesehen, was in dir steckt, den Rest hast du allein geschafft“,
sagte er ruhig und bestimmt. „Du hättest noch soviel Hilfe von außen bekommen
können, wenn dir der Wille gefehlt hätte, durchzuhalten, dich wieder
aufzurappeln und ein neues Leben zu beginnen, dann hätten dir die besten Chancen
nichts genutzt. Glaub mir, ich bin schon zu oft enttäuscht worden, um mir noch
Illusionen zu machen. Früher dachte ich mal, ich könnte jedem helfen, aber das
stimmt nicht. Es gibt immer wieder Menschen, die nicht wollen oder die einfach
aufgegeben haben. Zu denen hast du Gott-sei-Dank nie gehört.“
„Na ja, aber ein Musterbeispiel war ich wohl auch nicht.“ Chris spürte, wie
seinen Wangen bei dem unerwarteten Lob von Jack warm wurden.
Jack lächelte. „Nein, das nicht. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass du alles
und jeden für deine Situation verantwortlich gemacht hast, nur nicht dich
selbst. Und das machen die meisten, nicht nur Leute, die verurteilt worden sind.
Du warst da wenigstens realistisch, hatte ich den Eindruck.“
Chris steckte die Hände in die Taschen seiner Jacke und zog die Schultern hoch.
Während er an Jack vorbei auf die Stadt hinuntersah, überdachte er, was dieser
soeben gesagt hatte.
Jacks Eindruck stimmte nur teilweise. Chris hatte immer vor sich selbst
zugegeben, dass er selbst dafür verantwortlich gewesen war, dass er im Gefängnis
gelandet war. Aber er hatte auch die Umstände verflucht, die ihn an diesem
verhängnisvollen Abend an diesem Überfall hatten teilnehmen lassen. Wäre seine
Mutter bloß nicht gestorben und hätte ihn und seinen Vater allein
zurückgelassen. Damit hatte das ganze Unglück schließlich angefangen…
„Vielleicht“, brummte er schließlich unbestimmt.
Jack sah aus, als wollte er noch etwas sagen, wurde jedoch durch das Öffnen der
Terrassentür unterbrochen. Alexandra steckte ihren Kopf heraus und musterte sie
beide erstaunt.
„Hier seid ihr“, sagte sie fast vorwurfsvoll. „Es ist zehn vor zwölf und ihr
werdet vermisst.“ Dabei sah sie augenzwinkernd Chris an.
„Was, schon so spät?“ Jack sah überrascht auf seine Armbanduhr. „Na, dann
beenden wir wohl die Philosophiestunde und widmen uns wieder unseren Liebsten.“
Damit drängte er sich an Alexandra vorbei zurück in die Wohnung. Alexandra trat
auf die Terrasse hinaus und ging auf Chris zu. Sie legte ihm die Arme um den
Nacken.
„Alles okay bei dir?“ fragte sie sanft.
Chris nickte. „Jetzt schon“, flüsterte er, bevor er Alexandra an sich zog und
sie zärtlich küsste.
Kurz darauf wurde ihre Zweisamkeit von den anderen Partygästen gestört, die mit
Sektgläsern in der Hand ebenfalls herauskamen, um das Feuerwerk, das um
Mitternacht losbrechen würde, zu genießen.
„Alex, deine Jacke. Nur Liebe allein wärmt auch nicht.“
Julie war mit Alexandras Jacke zu ihnen herübergekommen und Chris nahm sie ihr
ab, um Alexandra hinein zu helfen. Eine Geste, die normalerweise mit einem
Augenrollen quittiert wurde, doch heute wurde er dafür mit einem liebevollen
Lächeln belohnt.
Julie rief Ian zu, dass Chris und Alexandra noch nichts zum Anstoßen um
Mitternacht hätten und eine Minute später hielt Alexandra einen Sektkelch mit
Orangensaft in der Hand, während Chris ganz traditionell mit einem Glas Sekt
beliefert worden war, welches er naserümpfend beäugte.
„Ich mag das Zeug eigentlich nicht“, flüstere er Alexandra ins Ohr.
„Du musst ja nur dran nippen“, kam die ebenso leise Antwort zurück. „Was zählt,
ist die Geste. Du kannst den Rest ja nachher wegkippen, wenn’s keiner sieht.“
Chris fühlte eine Berührung an seinem Bein und sah hinunter. Charlie, den sie
ebenfalls mit auf die Party genommen hatten, drängte sich zwischen ihn und
Alexandra. Ihm schien das Gedränge auf dem Balkon und das nun langsam massiver
einsetzende Knallen der Feuerwerkskörper nicht geheuer zu sein und so suchte er
Schutz bei „seinen“ Menschen.
Alexandra beugte sich zu dem Hund hinunter und tätschelte ihm beruhigend die
Seite.
„Ist ja gut, Kleiner, wir sind ja da“, gurrte sie.
Charlie winselte und leckte ihr die Hand. Er schien nicht gerade begeistert zu
sein von der Art und Weise, wie die Menschen das Neue Jahr begrüßten. Für seine
empfindliche Tierohren war die Knallerei vermutlich eine Qual. Aber wenigstens
wurde in der unmittelbaren Umgebung des Anwesens nicht geballert und Charlie
schien eher von der Aufregung um ihn herum nervös zu sein.
Die Musik, die aus dem Wohnzimmer drang, brach ab und wurde durch die Stimme
eines Radiosprechers ersetzt, der den Countdown zum Jahresende ankündigte.
Das Gelächter und Geschnatter auf dem Balkon verstummte, es herrschte einen
Moment lang Totenstille, bevor alle im Chor lauthals den Countdown mitzuzählen
begannen.
„Zehn, neun, acht...“
Chris stellte sein Glas auf der Brüstung ab und legte beide Arme um Alexandra,
um sie an sich zu ziehen. Keiner von beiden beteiligte sich an dem Geschrei, sie
genossen es, die letzten Sekunden dieses Jahres in ihrer eigenen kleinen Welt zu
verbringen.
„Ich wünsch dir ein wundervolles, glückliches Neues Jahr“, flüsterte Alexandra,
als der Countdown heruntergezählt war und alle anderen in lautes Johlen und
Gelächter ausbrachen. Glückwünsche wurden ausgetauscht, doch Chris beachtete das
alles nicht.
„Ich dir auch“, flüsterte er zurück und küsste Alexandra zärtlich und
ausdauernd.
Schließlich wurde er durch ein Tippen auf seine Schulter unterbrochen und sah
auf.
„Tut mir ja leid, euch zu stören, aber hier sind noch ein paar Leute, die ihre
Neujahrswünsche bei euch abgeben wollen“, grinste ihn eine amüsierte und leicht
angeheiterte Julie an, die erst ihm um den Hals fiel bevor sie Alexandra der
gleichen Behandlung unterzog.
Die folgenden Minuten waren sie beide dann damit beschäftigt, Glückwünsche
auszutauschen und mit den anderen Gästen anzustoßen.
„Nun lasst mich doch auch mal“, übertönte eine quengelnde Stimme mit
unverkennbarem französischen Akzent das fröhliche Stimmengewirr und ein
schwarzhaariger, junger Mann drängelte sich zu Alexandra und Chris.
Chris schluckte und biss sich auf die Lippe. Die Stimme gehörte zu Henri, einem
von Ians Gästen, der mit seinem Partner ebenfalls auf der Party war.
Henri war…eigentlich mit Worten nicht zu beschreiben. Chris hatte gewusst, dass
auch zwei homosexuelle Pärchen anwesend sein würden, er hatte sein Unbehagen
darüber versucht, wegzuwischen, doch nichts hätte ihn auf Henri vorbereiten
können.
„Ah, mes chères, lasst uns anstoßen“, tönte Henri, als er vor ihnen stand und
hielt erst Alex, dann Chris sein Glas hin. Er war einen Kopf kleiner als Chris
und ganz in schwarz gekleidet. Das war an sich nichts besonderes, nur…Henri war
femininer als jede Frau, die Chris in seinem ganzen Leben getroffen hatte,
Anwesende eingeschlossen.
„Du trinkst aber keinen Alkohol, chérie?“ fragte Henri Alexandra. „Das ist nicht
gut für das bébé, hein?“
„Nein, das ist nur Orangensaft.“
Chris konnte schon an Alexandras Tonfall erkennen, dass sie das Lachen gewaltsam
unterdrücken musste. Es war auch schwierig, ernst zu bleiben, wenn einem Henri
permanent mit seinen Händen vor der Nase herumfuchtelte.
„Très bon, sonst `ätte ich ein ernstes Wort mit deinem Freund `ier reden
müssen“, sagte Henri befriedigt. „Er muss gut auf dich aufpassen.“
„Oh, das tut er schon.“ Alexandra drückte Chris’ Hand.
Dieser wagte nicht, sie anzusehen, da er fürchtete, dann in Gelächter
auszubrechen. Es mochte nicht ganz fair sein, sich derart über Henri zu
amüsieren, aber es war einfach zu irritierend, einen Mann vor sich zu haben, der
sich affektierter benahm und sprach als jede Frau.
„Henri, wo bist du denn schon wieder?“
Henris Freund stand am anderen Ende der Terrasse und winkte auffordernd. Zu
Chris’ Erleichterung beschloss der Franzose, dass er sich nun genug mit ihm und
Alexandra beschäftigt hatte und stakste durch die Menge zurück zu seinem Partner
– der sich im Übrigen genauso „normal“ benahm wie Ian oder Jack oder jeder
andere Mann.
Charlie machte sich wieder durch ein Winseln bemerkbar. Er schien hier draußen
überhaupt nicht glücklich zu sein, nicht einmal Chris’ und Alexandras Nähe
konnten daran etwas ändern.
„Gehen wir rein“, beschloss Alexandra. „Wir können uns das Feuerwerk auch vom
Fenster aus ansehen.“
Zwei Minuten später standen sie in der abgedunkelten Wohnung am Fenster und
sahen nach draußen, hinunter ins Tal. Chris hatte die Arme von hinten um
Alexandra geschlungen und den Kopf auf ihre Schulter gelegt. Zusammen
betrachteten sie das mitternächtliche Schauspiel, das sich ihnen bot.
Zahllose bunte Leuchtraketen erhellten den Nachthimmel, konkurrierten mit ihrem
Glanz mit den Lichtern der darunter liegenden Stadt. Ein vergängliches
Schauspiel, denn während die Lichter bis zum Morgengrauen leuchten würden,
dauerte die Pracht der Raketen nur wenige Sekunden. Es war so unsinnig und
dennoch so wunderschön.
„Ich hab das nun schon oft genug gesehen, aber es raubt mir jedes Jahr aufs neue
den Atem“, sagte Alexandra versonnen und lehnte sich an Chris, wobei sie ihre
Hände auf seinen verschränkte. „Nächstes Jahr um diese Zeit sind wir schon
längst zu dritt…“ fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.
„Ja. Eine richtige Familie....“
Alexandra lachte leise.
„Wenn mir das einer letztes Silvester prophezeit hätte, den hätte ich schlicht
und einfach für verrückt erklärt. Ich und Mama…“
„Was denkst du, wie’s mir geht? Aber ich würde es nicht anders wollen…“
Alexandra drehte sich in seinen Armen herum, um ihn ansehen zu können. Ihr
Gesicht trug einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck.
„Chris…ganz ehrlich, ich könnte mir niemand anderen vorstellen, mit dem zusammen
ich ein Kind haben wollte. Du…du machst mich zwar manchmal total irre, aber du
interessierst dich dafür und….“ Sie zuckte mit den Schultern und schien nach den
richtigen Worten zu suchen. „Na ja, für Mike waren die Babies einfach da, und
Mary Jo hat sich um alles kümmern müssen. Sie hat’s ja gern gemacht,
aber…Manchmal hätte sie sich schon gewünscht, dass Mike ein wenig mehr an allem
teilnimmt. Ich glaub, mit dir wird das ein wenig anders sein….“
„Natürlich…ich…das ist doch auch mein Kind, warum sollte ich mich nicht darum
kümmern wollen?“ entgegnete Chris und schluckte. „Alex…willst du wirklich
jemanden einstellen, wenn das Baby da ist?“
Das war ein Punkt, der Chris schon seit dem Zeitpunkt beschäftigte, als
Alexandra das erste Mal davon gesprochen hatte, eine Art Haushälterin
einzustellen, die auch auf das Kind achten würde. Er wollte nicht, dass eine
Fremde bei ihnen im Haus aus und ein ging und vielleicht mehr Zeit mit dem Baby
verbringen würde als er oder Alexandra.
„Du magst den Gedanken nicht, stimmt‘s?“ seufzte Alexandra. „Aber ich weiß
nicht, wie’s sonst funktionieren soll. Ich möchte die Praxis nicht aufgeben,
nachdem ich so viel Zeit und Mühe hineingesteckt habe, Geld muss ich auch
verdienen…Nein, Chris, das soll kein Vorwurf sein“, sagte sie hastig, als Chris
den Kopf abwandte und sich auf die Lippe biss.
Nun, wenn er nicht plötzlich einen Geistesblitz hatte, wie man ohne vernünftige
Ausbildung genügend Geld verdienen konnte, um eine Familie zu ernähren, dann
würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als Alexandras Plan zu akzeptieren.
Außer…
„Dann kümmere ich mich eben um das Baby und um den Haushalt“, sagte er zaghaft.
„Du? Chris, glaubst du wirklich, dass du das möchtest…?“ Ungläubig sah Alexandra
ihn an. „Was ist mit deinem Traum, dich selbständig zu machen? Du könntest auch
eine Ausbildung anfangen, wenn du deine Abschlussprüfung in der Tasche hast.“
Chris zuckte mit den Schultern. Je mehr er darüber nachdachte, umso besser
gefiel ihm der Gedanke. Das Kind würde nicht von einer Fremden betreut werden,
gelegentliche Aufträge, wenn er denn welche bekam, konnte er auch Samstags
ausführen, und sollte er sich wirklich entschließen, nach seinem Abschluss etwas
zu studieren, dann konnte er das genauso gut bei einer Fernschule machen. Wenn
er jemals das Geld dafür haben sollte.
„Das kann ich in zwei, drei Jahren immer noch machen, wenn der Zwerg größer ist
und in den Kindergarten geht,“ erklärte er bestimmt. „So alt bin ich dann auch
noch nicht.“
„Na, wenn du meinst…“ Ganz konnte Alexandra ihre Zweifel nicht aus ihrer Stimme
halten. „Aber eines sag ich dir jetzt schon: Von der Wäsche lässt du die
Finger…“
„Geh schon“, rief Alexandra und eilte zur
Haustür, um sie zu öffnen. Es war schon nach acht und sie fragte sich, wer so
spät noch vorbeikam.
Sie war inzwischen am Anfang des sechsten Monats und ihre Schwangerschaft war
nicht mehr zu übersehen. Chris hatte sich etwas beruhigt, nachdem sie ihm
energisch klar gemacht hatte, dass sie sich gut fühlte und dass es sie verrückt
machte, wenn er jede ihrer Bewegungen mit Argusaugen beobachtete.
„Mr. Trippet?“ begrüßte sie den Besucher etwas irritiert.
Der Besitzer von Charlies „Verhängnisvoller Affäre“ hatte sie vor zwei Tagen
angerufen, um ihr mitzuteilen, dass Betsy ihre Welpen bekommen hatte. Anfang
April, wenn die Kleinen etwa zwei Monate alt waren, würde er sie vorbeibringen,
damit Alexandra dann ein Zuhause für sie finden konnte. Es waren zum Glück nur
acht Stück gewesen. In drei Wochen wollte sie Fotos von den Welpen machen und
den Versuch starten, sie zu vermitteln.
„Guten Abend, Doktor Hastings“, sagte Mr. Trippet. „Tut mir leid, dass ich so
spät noch störe, aber wir haben da ein kleines Problem.“ Damit streckte er ihr
den Schuhkarton, den er in der Hand hielt, entgegen.
Alexandra fragte sich erst, was sie mit dem alten Handtuch sollte, das achtlos
hineingeknüllt worden zu sein schien, bis sie ein leises Fiepen vernahm.
„Das ist der Kleinste von dem ganzen Wurf. Na, eigentlich ist es ein Mädchen.
Konnte sich nicht gegen die anderen durchsetzen und kriegt kaum Milch ab. Also,
entweder, man zieht sie mit der Flasche auf oder…“ Der große bullige Mann
kratzte sich verlegen am Kopf. „Wir haben leider keine Zeit dafür. Und da es ja
praktisch Ihre Hunde sind…Für die Kleine da brauchen Sie mir auch nichts zu
bezahlen“, fügte er hastig hinzu.
Alexandra nahm wie betäubt den Schuhkarton entgegen. Sie hätte mit vielem
gerechnet, aber damit nicht.
„Vielleicht kriegen Sie sie ja durch. Schönen Abend noch“, verabschiedete sich
Mr. Trippet und ging mit schnellen Schritten zurück zu seinem Auto.
Alexandra schloss die Tür und starrte in den Karton, in dem sich nun etwas zu
bewegen begann. Eine Sekunde später erschien ein kleiner, schwarzer, wuschliger
Kopf zwischen den Falten des Tuches.
„Was war denn?“ Plötzlich stand Chris vor ihr, daneben Charlie, der neugierig
den Karton beäugte.
„Wir haben Zuwachs bekommen“, antwortete Alexandra mit schwacher Stimme. „Einen
von Charlies Welpen.“
„Wie?“ Chris trat näher. „Mann, ist der süß“, entfuhr es ihm. „Wieso haben wir
den jetzt schon gekriegt? Er ist doch noch so klein.“
„Sie“, verbesserte ihn Alexandra automatisch. „Das ist ein Hundemädchen. Weil
sie zu schwach ist und sich nicht gegen die anderen durchsetzen konnte. Darum
müssen wir jetzt versuchen, sie mit der Flasche großzuziehen. Geh mal ins
Behandlungszimmer, hinten im Schrank müsste eine Dose mit Milchpulver sein. Und
daneben stehen Fläschchen. Die bringst du dann in die Küche.“
Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, begann Alexandra wieder
praktisch zu denken. Das Hundebaby brauchte jetzt erst einmal gehaltvolle
Nahrung, damit es eine Überlebenschance haben würde.
Sie ging in die Küche und stellte den Karton auf dem Tisch ab. Dann holte sie
das kleine Tier heraus, um es genauer in Augenschein zu nehmen.
Es war etwas größer als ein Meerschweinchen, mit einem schwarzen, wuscheligen
Fell. Viel Ähnlichkeit mit Charlie hatte es nicht. Aber etwas Genaueres würde
man erst sagen können, wenn der kleine Hund älter war.
Chris betrat mit den gewünschten Sachen auf dem Arm den Raum und stellte sie auf
der Küchentheke ab. Er kam zu ihr an den Tisch und gemeinsam sahen sie auf das
fiepsende kleine Wesen hinunter.
„Pass auf, dass sie nicht runter fällt“, befahl Alexandra. „Ich mach inzwischen
die Milch.“
Während sie sich eilig darum kümmerte, beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie
Chris den Welpen samt Handtuch vorsichtig hochnahm. Sie seufzte innerlich. Ein
Hundebaby mit der Flasche großzuziehen war anstrengend und ihnen stand eine
turbulente Zeit bevor. Dann lächelte sie. Sie war Tierärztin geworden, weil sie
Tiere liebte und ihnen helfen wollte. So etwas gehörte immerhin auch dazu.
Nachdem sie die Milch in der Mikrowelle erwärmt hatte, ging sie mit dem
Fläschchen hinüber zum Tisch. Chris hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und hielt
das Hundebaby in seiner Armbeuge.
„Willst du?“ fragte Alexandra und hielt ihm die Flasche hin, nachdem sie sie
nochmals geschüttelt und die Temperatur geprüft hatte. „Wär ein gutes Training“,
fügte sie grinsend hinzu.
Chris zögerte kurz, dann nahm er die Flasche.
„Und jetzt?“
„Halt ihr den Nuckel vor die Schnauze. Wenn wir Glück haben, dann fängt sie
gleich an zu trinken.“
Und sie hatten Glück. Nach ein paar vergeblichen Anläufen begriff der kleine
Hund, dass das Plastikding vor seiner Nase Futter bedeutete und begann, gierig
daran zu saugen.
Alexandra fühlte, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete, als sie Chris dabei
beobachtete, wie er den Welpen fütterte. Er schien total versunken in diese
Aufgabe zu sein, fasziniert von dem kleinen Wesen. Was würde es für ihn erst
bedeuten, wenn er seine Tochter oder seinen Sohn in den Armen halten würde?
„Sie braucht einen Namen“, befand Chris, nachdem der kleine Hund anscheinend
satt war und ein zufriedenes Schnaufen ausstieß.
„Sieht so aus.“
Als Chris zu ihr herüberschaute, wusste Alexandra, was die Stunde geschlagen
hatte. Es war ja nicht so, dass sie nicht selbst daran gedacht hatte. Als sie
Charlies Tochter gesehen hatte, hatte sie sich sofort in sie verliebt. Sie
würden in diesem Jahr ihre „Familie“ also nicht nur um ein, sondern um zwei
Mitglieder erweitern…
„Lucy“, sagte Chris nach einer Weile. „Was hältst du von Lucy?“
Er kraulte das Hundebaby, das eingeschlafen zu sein schien, sanft über den
Rücken. Charlie, der die ganze Zeit daneben gestanden war und die Prozedur
neugierig beobachtete hatte, blaffte.
„Charlie ist einverstanden“, lachte Alexandra und tätschelte dem aufgeregten
Papa die Seite. „Dann heißt sie also Lucy.“
***
„Chris, nun beeil dich doch“, rief Alexandra ungeduldig.
Es war zum wahnsinnig werden. In den vergangenen vier Wochen hatte sie ein wenig
mehr Ruhe vor Chris bekommen, er hatte seine Babyforschung auf ein erträgliches
Maß reduziert, was sie allerdings hauptsächlich Lucy zu verdanken hatte. Das
kleine Hundemädchen hatte sich Chris als Ersatzmama auserkoren – was vermutlich
zum Teil auch an den Haaren lag – und hielt ihn von morgens bis abends auf Trab.
Und Lucy war auch die Ursache dafür, warum Alexandra hier auf der Veranda stand
und zähneknirschend wartete, bis Chris endlich erschien.
Eigentlich hatten sie dir Tür schon fast hinter sich geschlossen gehabt, als
Chris eingefallen war, dass er Jack noch etwas Wichtiges sagen musste. Dieser
hatte sich für den heutigen Abend großzügigerweise als Hundesitter rekrutieren
lassen.
„Bin schon da.“ Leicht atemlos kam Chris aus dem Haus und schloss die Tür hinter
sich. „Ich hab vergessen, Jack zu sagen, wie lange er die Milch in der Mikro
warmmachen muss, damit sie genau die richtige Temperatur hat. Und dass er Lucy
in einer Stunde füttern muss.“
Alexandra widerstand der Versuchung, die Augen himmelwärts zu rollen. Hatte er
nicht, sie war daneben gestanden, als er es Jack erklärt hatte.
„Okay, nachdem Jack nun bestens und umfassend informiert ist, können wir ja
endlich gehen“, sagte sie. „Ich würde die Eröffnung ungern verpassen.“
Vor zwei Wochen war eine Einladung zu einer Vernissage ins Haus geflattert, die
hier in San Francisco stattfinden sollte. Die Künstlerin war niemand anders als
eine von Alexandras Highschoolfreundinnen, die es mittlerweile geschafft hatte,
sich einen Namen auf dem Kunstmarkt zu erarbeiten.
Nicht, dass Alexandra sich besonders viel aus Kunst machte oder etwas mehr als
das Nötigste davon verstand, aber sie freute sich darauf, ihre ehemalige
Schulkameradin zu treffen und einfach mal wieder etwas Anderes zu sehen.
Seit Lucy bei ihnen war, waren sie kaum mehr gemeinsam aus dem Haus gekommen, da
sie das Hundekind nicht über einen längeren Zeitraum allein lassen wollten und
konnten. Charlie hatte sich zwar als geduldiger Papa erwiesen, aber Lucy war
völlig auf Chris fixiert.
Sie schlief inzwischen in einer kleinen Kiste, die neben Chris’ Bett auf dem
Boden stand. Die ersten paar Tage hatte Chris sie allerdings mit zu sich ins
Bett genommen. Alexandra hatte zuerst protestieren wollen, doch dann war ihr
eingefallen, dass sie das gleiche mit Charlie gemacht hatte, nachdem sie ihn
damals gefunden hatte. Und der war etwas älter gewesen. Also hatte sie
geschwiegen und darauf vertraut, dass Chris von selbst auf die Idee kommen
würde, dass Lucy lernen musste, in ihrem Kistchen zu schlafen.
Einen Vorteil hatte es jedenfalls, dass Lucy bereits bei ihnen war. Sie war
gutes Werbematerial. Alexandra hatte ein Foto der Welpen in ihrem Wartezimmer
aufgehängt, mit einem kurzen Text, dass diese Kleinen ein gutes Zuhause suchten.
Es hatten sich schon drei Leute gemeldet, die Interesse bekundet hatten, das in
Entzücken umgeschlagen war, als sie Lucy gesehen hatten. Ein Mitglied von Ians
Band würde eventuell auch einen davon nehmen und Ian selbst war dabei, zu
überlegen, ob er nicht einen „Wachhund“ bräuchte. Es sah also aus, als würde sie
alle Ergebnisse von Charlies Fehltritt vermitteln können.
Lucy würde natürlich bei ihnen bleiben. Alexandra liebte das Hundemädchen
genauso abgöttisch wie Chris, sie hätte es niemals übers Herz gebracht, sie
wieder herzugeben. Ob sie nun einen Hund hatten oder zwei, das spielte schon
keine Rolle mehr.
Chris’ Projekt im Haus war im Moment das Kinderzimmer. Es war fast fertig, er
hatte noch das Fenster ausgetauscht, das etwas undicht gewesen war. Letzte Woche
hatte er den Teppich verlegt und am kommenden Samstag wollten sie Möbel kaufen
gehen.
Die Vorbereitungen für die Zwergenankunft waren also in vollem Gange. Von Mary
Jo würden sie einige Sachen bekommen, unter anderem eine Wickelkommode und einen
Kinderwagen. Ihre Freundin plante im Moment keinen weiteren Nachwuchs, Jamie
schien ihr irgendwie die Lust darauf genommen zu haben. Der kleine Satansbraten
war anstrengender als Zwillinge.
Eigentlich könnte es gar nicht besser laufen. Auf Alexandras Geburtstagsfeier im
Januar hatten sie und Chris ihren Freunden verkündet, dass sie im Juli heiraten
wollten. Die Nachricht war mit großem Hallo aufgenommen worden, in Mary Jos und
Julies Augen waren Herzchen aufgeleuchtet, während Jack und Pat Chris scherzhaft
zu seinem Mut gratuliert hatten. Das Ganze war, wie immer, wenn Pat in der Nähe
war, in eine heillose Frozzelei ausgeartet. Alexandra musste noch immer lachen,
wenn sie daran dachte.
Zufrieden lächelte Alexandra vor sich hin, während sie zu Chris hinüber sah, der
den Wagen steuerte. Nun kannten sie sich bald ein Jahr und in diesem Jahr hatte
sich ihr Leben von Grund auf verändert. Und alles nur zum Besseren. Alexandra
war glücklich, so glücklich, wie noch nie in ihren ganzen achtundzwanzig
Lebensjahren…
Die Vernissage fand in einer großen und bekannten
Galerie in der Innenstadt von San Francisco statt. Den Wagen konnten sie in
einem nahegelegenen Parkhaus abstellen. Lautes Stimmengewirr empfing sie, als
sie Hand in Hand das Foyer der Ausstellungsräume betraten.
Alexandra warf Chris einen Blick von der Seite zu. Er war noch nie auf so einem
Event gewesen, brachte auch kein großes Interesse für Kunst auf und war nur ihr
zuliebe mitgekommen, beziehungsweise weil er sie nicht hatte allein gehen lassen
wollen. Sein Gesicht trug einen Ausdruck purer Skepsis, als er die anderen
Besucher musterte.
Es schien ein bunt gemischtes Völkchen zu sein, von Leuten in Abendkleidung bis
hin zu eher extravaganten Avantgardisten oder ausgeflippten Freaks. Manche davon
waren sicher Kunststudenten, vermutete Alexandra. Chris würde mit seiner
eigenwilligen Kleidung und Frisur jedenfalls nicht auffallen.
Sie selbst hatte sich für diesen Anlass für eine dunkle Jeans, ein dunkelgrünes,
tunikaähnliches Oberteil, das unterhalb der Brüste geschnürt wurde und locker
ihren nun recht ansehnlichen Babybauch umspielte und einen dunklen Blazer
entschieden. Alexandra war froh, dass sie bis auf den Bauch ihre Figur
weitgehend behalten hatte. Ihre Beine und ihr Hintern waren schlank wie eh und
je. Sie hatte schon befürchtet, wie Mary Jo in alle Richtungen
auseinanderzugehen.
„Kennst du da jemanden?“ flüsterte Chris ihr ins Ohr, während er seine Augen
über die Menge wandern ließ.
„Nein, bis jetzt noch nicht“, gab Alexandra im gleichen Tonfall zurück. „Ist mir
auch egal, ich freu mich drauf, Shannon wiederzusehen, auch wenn sie nicht viel
Zeit haben wird.“
Sie suchten sich ein Plätzchen, von wo aus sie einen guten Blick auf das Podium
hatten, dass in einer Ecke des Foyers aufgebaut war. Alexandra spürte, wie Chris
neben ihr herumzuzappeln begann und unterdrückte ein Seufzen. Sie hätte wohl
doch lieber ihn zu Hause lassen und Jack mitnehmen sollen. Der brachte
wenigstens ein wenig Verständnis auf für Kunst.
Zu ihrem und Chris’ Glück mussten sie jedoch nicht lange auf das Erscheinen der
Künstlerin warten. Zuerst sprach der Besitzer der Galerie ein paar Worte, danach
hielt Shannon eine kleine Rede, in der sie sich bei ihren Eltern und ihren
Lehrern bedankte und ihren Werdegang ein wenig schilderte, bevor sie die
Vernissage für eröffnet erklärte.
Alexandra musste zugeben, dass sie ihre Freundin beinahe nicht wieder erkannt
hatte. Shannon war in der Highschool immer ein graues Mäuschen gewesen, das sich
nur für ihre Malerei interessiert hatte. Die selbstbewusste junge Frau mit den
langen, dunkelrot gefärbten Haaren, dem extravaganten schwarzen Kleid und dem
auffälligen Modeschmuck erinnerte nur noch wenig an die graue Maus von damals.
„Wow, sieht ein wenig gothicmäßig aus, deine Freundin“, flüsterte Chris ihr ins
Ohr. „War die schon immer so drauf?“
„Nein, eigentlich nicht. Und jetzt komm mit, wie sehen uns erst ein wenig um,
jetzt stehen zu viele Leute bei ihr. Vielleicht erwische ich sie nachher mal in
einer ruhigen Minute alleine.“
Damit packte sie Chris’ Hand und zog ihn ohne Umschweife hinter sich her, hinein
in die Ausstellungsräume.
***
Etwa eine Stunde später stand Chris allein vor einem riesigen, bunten Gemälde,
ein Glas Orangensaft in der Hand und langweilte sich. Vor einer Viertelstunde
etwa war die „Künstlerin“ auf Alexandra zugestürzt und hatte sie kurzfristig
entführt, um ein wenig mit ihr über alte Zeiten zu plaudern. Ihn hatte sie gar
nicht beachtet. Chris war nicht böse gewesen, dass er nicht in diese Einladung
mit einbezogen worden war. Diese Shannon schien ihm etwas verrückt zu sein,
genauso wie einige Leute hier, den Bemerkungen nach zu urteilen, die sie so von
sich gaben. Was war nur so fantastisch, so „innovativ“ an diesen Klecksereien?
Auf den meisten konnte man nicht einmal erkennen, was sie darstellen sollten.
Nachdenklich beäugte Chris das Kunstwerk an der Wand, während er an seinem Glas
nippte. Schön bunt und fröhlich war es ja, vielleicht…
„Ein wunderbares Werk, nicht wahr?“ sagte plötzlich eine Stimme neben ihm.
Chris wandte sich um. Die Sprecherin war eine hübsche, schwarzhaarige Frau, etwa
in Alexandras Alter – vermutete er zumindest.
„Och ja, ganz nett…“ entgegnete er unbestimmt.
Sein Gegenüber zog die elegant gezupften Augenbrauen hoch.
„Sie scheinen kein Fan von moderner Kunst zu sein, habe ich recht?“
Chris zuckte mit den Schultern.
„Wie man’s nimmt…“
Die Frau lachte. Es war ein tiefes, dunkles Lachen. Sie schien ehrlich amüsiert
zu sein, dennoch fühlte Chris sich nicht beleidigt. Irgendwie war ihm die Frau
sympathisch.
„Warum sind Sie dann hier, wenn Sie damit nichts anfangen können?“ Sie deutete
auf das Gemälde.
„Meine Freundin hat `ne Einladung bekommen. Da bin ich eben mitgegangen.“
„Aha. Wissen Sie, ich bin Innenarchitektin und habe für meine Kunden schon ein
paar Bilder von dieser Malerin gekauft. Manche haben allerdings keine Ahnung von
Kunst und möchten ihre Häuser nur mit etwas dekoriert haben, das gerade modern
ist.“
Chris schüttelte den Kopf. Es gab wirklich verrückte Leute. Wer ließ sich schon
gern von einer Fremden die Wohnung einrichten? So was machte man doch selber.
„Sie meinen, jemand hängt sich das Zeug tatsächlich an die Wand, auch wenn es
ihm vielleicht gar nicht gefällt?“ fragte er nach.
„Manchmal ja“, nickte die junge Frau. „Mein Name ist übrigens Lucia Bertolli.
Sie können mich gern Lucia nennen.“ Damit reichte sie Chris die Hand.
„Ich bin Chris. Chris O’Connor“, stellte er sich vor.
Er hatte keine Ahnung, was es war, aber irgendetwas an dieser Frau zog ihn an
und ließ ihn seine übliche Zurückhaltung gegenüber Fremden vergessen.
Wahrscheinlich lag es daran, dass sie ihm so offen und freundlich gegenübertrat.
„Okay Chris…“ Lucia grinste ihn schelmisch an. „Würden Sie mir verraten, worüber
Sie vorhin nachgedacht haben, als Sie das Bild so versonnen betrachtet haben?“
Chris biss sich auf die Lippe und warf der Innenarchitektin einen prüfenden
Blick von der Seite zu. Konnte er ihr das wirklich sagen? Immerhin schien sie
einen gesunden Sinn für Humor zu haben.
„Na ja…wahrscheinlich kriegen Sie jetzt dann gleich die Krise und halten mich
für einen absoluten Banausen…“ begann er zögernd und ließ den Rest Orangensaft
in seinem Glas kreisen. „Ich hab mir überlegt, ob ich unser Garagentor nicht
auch so bunt anmalen soll. Ich meine, kann ja nicht so schwer sein, ein paar
Kübel Farbe und ein paar Pinsel…“
Wie Chris erwartet hatte, brach Lucia in schallendes Gelächter aus. Zerknirscht
sah er sie an.
„Ich hatte recht, Sie halten mich jetzt für einen Banausen…“
Die junge Frau schnappte nach Luft und wischte sich ein paar Lachtränen aus den
Augenwinkeln. Dann beugte sie sich näher zu Chris und legte ihm die Hand auf den
Arm.
„Nein, tu ich nicht „, gluckste sie vergnügt. „Ich glaube, Sie sind einer der
wenigen ehrlichen Menschen hier“, fügte sie verschwörerisch zwinkernd hinzu.
„Mein Verlobter ist der gleichen Meinung, allerdings nur unter vier Augen. Er
ist Anwalt und ich wollte sein Büro ein wenig moderner gestalten, aber er hat es
mir kategorisch verboten. Er meinte, sein Vater, dem die Kanzlei gehört, würde
einen Herzanfall bekommen. Sie müssten dieses Büro mal sehen, alles dunkelbraun
und muffig.“
Chris atmete erleichtert auf. Wenigstens war sie nicht sauer oder hielt ihn für
primitiv und ungebildet.
„Störe ich?“
Chris fuhr erschrocken zusammen, als er die unbekannte Männerstimme neben sich
hörte und trat schnell einen Schritt von Lucia weg.
„Justin, schleich dich doch nicht an wie ein Kater auf Mäusejagd“, tadelte Lucia
den Mann, der sich nun an ihre Seite gestellt hatte.
Er war groß und schlank, mit braunen, leicht gewellten Haaren und grauen Augen,
die Chris nun skeptisch von oben bis unten musterten. Er war einer der Leute,
die überaus korrekt in einem Smoking zu diesem Ereignis erschienen waren.
Zumindest dachte Chris, dass der schwarze Anzug ein Smoking war, so genau kannte
er sich da nicht aus. Jedenfalls war der Typ ihm nicht so sympathisch wie Lucia.
Er wirkte irgendwie steif und unnahbar.
„Ich bin nicht geschlichen, du warst nur so vertieft in deine Unterhaltung, dass
du mich nicht gehört hast“, entgegnete der Mann namens Justin. „Willst du uns
nicht vorstellen?“
„Natürlich, mein Lieber“, lächelte Lucia. „Das hier ist Chris O’Connor, in dem
du einen Verbündeten in deiner Abneigung gegen moderne Kunst gefunden hast.
Chris, das ist mein Verlobter…“
„Hey, Chris, tut mir leid, dass ich dich solange allein gelassen habe.“
Etwas atemlos tauchte Alexandra plötzlich neben ihm auf und unterbrach damit die
Vorstellung. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit gleich darauf Chris
Gesprächspartnern zu und der freudige, amüsierte Ausdruck auf ihrem Gesicht
verwandelte sich in ungläubige Überraschung.
„Justin?“
Es war einfach fantastisch gewesen, mit Shannon
zu plaudern. Ihre Freundin war viel lebhafter und offener als früher in der
Schule. Natürlich war ihr Alexandras Schwangerschaft gleich ins Auge gestochen
und sie hatte sofort wissen wollen, ob sie verheiratet wäre und mit wem.
Als Alexandra ihr erklärt hatte, dass sie den Bund fürs Leben zwar noch nicht
geschlossen hatte, aber mit dem Vater ihrer Babys hier war, war Shannon eine
Sekunde lang geschockt gewesen. Sie hatte Chris kaum beachtet, allerdings schien
ihr seine augenscheinliche Jugend dennoch aufgefallen zu sein. Alexandra hatte
alle Mühe gehabt, ihre Freundin davon zu überzeugen, dass sie sich nicht an
einem Schuljungen vergriffen hatte, sondern dass Chris bald zweiundzwanzig
werden würde. Das hatte Shannon wieder etwas beruhigt.
Alexandra ließ sich durch derartige Reaktionen nicht mehr irritieren. Sie
wusste, dass ihre Nachbarn hinter vorgehaltener Hand über sie redeten, weil sie
ein uneheliches Kind erwartete und der Vater noch ein Teenager zu sein schien,
gerade mal alt genug, um den Führerschein zu haben. Mrs. Appleby hatte sie und
Chris wie Luft behandelt und so ihrer Empörung Ausdruck verliehen. Vor zwei
Wochen war die alte Schnepfe allerdings ins Altersheim gekommen und Alexandra
hätte lügen müssen, wenn sie behauptet hätte, dass es ihr leid getan hatte.
Wenigstens waren die meisten ihrer „Kunden“ da toleranter. Sie hatte zwar schon
den einen oder anderen neugierigen Blick geerntet, seit ihre Schwangerschaft
nicht mehr zu verbergen war, doch nur ein paar von den Leuten, die regelmäßig
mit ihren Haustieren zu ihr in die Praxis kamen, hatten tatsächlich gewagt, zu
fragen. Und je nachdem, wenn sie gespürt hatte, dass ehrliches Interesse
dahinter stand und nicht nur boshafte Neugier, hatte Alexandra offen und ehrlich
geantwortet.
Nun, sie hatte gewusst, dass nicht jeder eine Beziehung zwischen ihr und Chris
für gut befinden würde, als sie sich darauf eingelassen hatte. Doch Alexandra
war zu selbstbewusst, als dass sie sich dadurch würde aus der Ruhe bringen
lassen. Es gab weitaus Schlimmeres als ein paar abschätzige Blicke oder
gehässige Bemerkungen hinter ihrem Rücken.
Leider war die Unterhaltung viel zu kurz gewesen, der Besitzer der Galerie war
hinzugekommen und hatte Shannon mitgeteilt, dass es ein paar Interessenten für
einige ihrer Bilder gäbe, um die sie sich kümmern müsse. Shannon hatte sich
daraufhin von ihr verabschiedet, nicht ohne ihr eine ziemlich eigenwillig
gestaltete Visitenkarte in die Hand zu drücken und sie zu bitten, sie doch
einmal anzurufen, sie wäre noch eine Woche in der Stadt.
Die beiden Frauen hatten sich mit einer Umarmung verabschiedet und Alexandra
hatte sich auf die Suche nach Chris gemacht, den sie so schmählich verlassen
hatte. Sie hoffte, er war ihr nicht böse deswegen und hatte sich während ihrer
Abwesenheit wenigstens ein bisschen amüsiert, und wenn auch nur über die Bilder,
denen er ziemlich skeptisch gegenübergestanden war und bei deren Betrachtung er
sich die eine oder andere lästerhafte Bemerkung nicht hatte verkneifen können.
Nun, Kunst war eben Geschmackssache.
Sie entdeckte ihn nach einigem Suchen vor einem riesigen Gemälde, wo er mit zwei
Leuten stand, mit denen er sich unterhielt. Es musste ein Paar zu sein, der
Mann, den sie nur von hinten sehen konnte, hatte den Arm besitzergreifend um die
Taille der hübschen, schwarzhaarigen Frau gelegt. Der Kleidung nach schienen sie
eher zu den Oberen Zehntausend zu gehören. Alexandra, die Chris zu Genüge
kannte, fragte sich unwillkürlich, in wie viele Fettnäpfchen er wohl getreten
sein mochte.
Darauf hoffend, dass die beiden eine gehörige Portion Humor hatten,
beschleunigte Alexandra ihre Schritte.
„Hey, Chris, tut mir leid, dass ich dich solange allein gelassen habe“,
entschuldigte sie sich etwas atemlos bei ihrem Freund. Dann wandte sie sich zu
den beiden Fremden, die bei Chris standen…und erstarrte.
„Justin?“ hauchte sie ungläubig.
Alexandra hatte ihren Bruder seit damals, als sie von zu Hause weggegangen war,
nicht mehr gesehen. Das war vor neun Jahren gewesen, kurz nach ihrem
Highschoolabschluss. Damals war er fast noch ein Junge gewesen, ein wenig
linkisch und unbeholfen, vor allem im Umgang mit Frauen. Der Justin, der da vor
ihr stand, wirkte sehr selbstsicher und weltmännisch. Im Moment sah er
allerdings etwas komisch aus, wie er sie da mit offenem Mund anstarrte. Nach der
ersten Schrecksekunde musste sie ein Grinsen unterdrücken.
„Alex?“
„Du kannst deine Karpfenimitation aufgeben, ich bin’s wirklich“, gab Alexandra
zurück. „Schön, dich mal wieder zu sehen.“
Justin klappte verwirrt den Mund zu und ließ seinen Blick über Alexandra
schweifen. Seine Augen weiteten sich fast unmerklich, als er ihren Babybauch
bemerkte und die Tatsache, dass sie Chris’ Hand ergriffen hatte.
„Du…?“
„Ja, ich bin schwanger und das hier ist mein Verlobter“, antwortete Alexandra
mit fester Stimme auf die unausgesprochene Frage.
Als sie Justin erkannt hatte, war ein wahrer Taifun an Gefühlen über sie
hereingebrochen. Freude, den großen Bruder nach so langer Zeit wieder zu sehen,
Trauer, dass keiner von ihnen in den vergangenen neun Jahren den Mut aufgebracht
hatte, den anderen zu kontaktieren und die noch immer schwelende Wut darüber,
dass Justin ihr damals nicht mehr zur Seite gestanden, sondern sich völlig aus
ihrem Streit mit ihren Eltern ausgeklinkt hatte.
Herausfordernd hob sie das Kinn und funkelte Justin nun kampflustig an. Wenn er
es wagen sollte, jetzt plötzlich den großen Bruder herauszukehren, jetzt, wo sie
längst eine erwachsene Frau war, dann würde er seinen eigenen Namen nicht mehr
wissen, wenn sie mit ihm fertig war. Dass er von Chris nicht begeistert war,
dass konnte sie mit geschlossenen Augen auf eine Meile Entfernung erkennen.
Chris schien sich nicht besonders wohl in seiner Haut zu fühlen, denn er
umklammerte ihre Hand mit einem fast schmerzhaften Griff. Ihm musste inzwischen
eingefallen sein, wer Justin war, immerhin hatte sie ihm einmal Bilder von sich
und ihrem Bruder gezeigt. Darauf waren sie beide noch Teenager gewesen, aber so
stark verändert hatte sich Justin nun auch nicht.
„Entschuldigt bitte, aber was ist hier eigentlich los? Wer sind Sie?“ mischte
sich nun die schwarzhaarige Frau an Alexandra gewandt in das Gespräch. Justin
selbst schien es irgendwie die Sprache verschlagen zu haben.
„Tut mir leid, mein Bruder scheint seine Manieren wohl im Auto liegengelassen zu
haben. Ich bin Alexandra Hastings, das schwarze Schaf der Familie oder das
Skelett im Küchenschrank. Suchen Sie sich was aus“,, erklärte Alexandra mit vor
Ironie triefender Stimme und reichte der anderen Frau die Hand. „Als was genau
er mich bezeichnen möchte, das müssen Sie Justin fragen.“
Sie hatte vorhin noch mitbekommen, dass diese Frau Justin als ihren Verlobten
vorgestellt hatte und war verletzt, dass ihr Bruder sie nie erwähnt zu haben
schien. Sonst hätte sie doch schon erraten müssen, in welcher Beziehung sie
selbst zu Justin stand. Schön zu wissen, dass sie in ihrer Familie noch immer
die „persona non grata“ war, von der man auch gegenüber Personen, die man zu
heiraten gedachte, nicht sprach.
„Lucia Bertolli“, antwortete Justins Verlobte fast automatisch, während sie
Alexandras Hand schüttelte. „Entschuldigen Sie, aber Justin hat mir nie erzählt,
dass er ZWEI Schwestern hat…“
Der Blick, den sie Justin dabei zuwarf, versprach diesem eine heiße
„Aftershowparty“, und das beileibe nicht im positiven Sinne. Alexandra musste
sich ein zufriedenes Grinsen verkneifen. Dass sie Mitleid mit ihrem Bruder
hatte, konnte sie nicht behaupten. Das Gefühl, dass sie verspürte, war wohl eher
Schadenfreude zu nennen.
„Ach, das wird ihm wohl entfallen sein, immerhin haben wir uns neun Jahre lang
nicht gesehen. Da vergisst man so etwas schon mal“, entgegnete sie gespielt
lässig.
Alexandra wusste selbst nicht genau, wieso sie ihren Bruder mit einem wahren
Giftregen überschüttete. Wahrscheinlich war die alte Wut wieder hochgekocht und
hatte sich mit der Verletztheit darüber, dass Justin sie seiner Verlobten
gegenüber so einfach unterschlagen hatte, zu einer ätzenden Brühe vermischt.
„Alex…so war das nicht. Du verstehst das völlig falsch“, protestierte Justin,
der nun endlich sein Sprachvermögen wieder entdeckt zu haben schien. „Ich kann
dir das erklären…“
„Nun, auf diese Erklärung wäre ich allerdings auch neugierig“, wurde er von
Lucia unterbrochen. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und fixierte
Alexandras Bruder mit einem Unheil verkündenden Blick.
„Oh ja, Justin, mich würde es auch interessieren, was du dazu zu sagen hast“,
bemerkte Alexandra bitter.
Es war ihr einfach unmöglich, sich zurückzuhalten, nun, nachdem der Damm endlich
einmal gebrochen war und Gefühle, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass
sie noch existierten oder jemals existiert hatten, an die Oberflache drängten.
Jegliches Verständnis für Justins damalige Situation, seine finanzielle
Abhängigkeit von ihrem Vater, verflüchtigte sich in einer Wolke aus Zorn und
Bitterkeit. Für Alexandra zählte jetzt nur ihre jahrelang verdrängte
Enttäuschung darüber, dass sie nach ihrer Flucht vor ihrem herrschsüchtigen,
dominanten Vater auch den geliebten Bruder verloren hatte.
Justin mochte ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber gehabt haben, weil er sich
nicht verteidigt und ihren Vater umzustimmen versucht hatte, aber das
rechtfertigte noch lange nicht sein jahrelanges Schweigen.
„Alex, es tut mir leid...“
„Was tut dir leid?“ fauchte Alexandra wütend. „Dass du es neun Jahre lang nicht
für nötig gehalten hast, mich mal zu fragen, wie es mir geht? Dass du dich nicht
wenigstens nach Tante Claires Tod bei mir gemeldet hast? Dass du sogar deiner
Verlobten gegenüber unterschlagen hast, dass zu zwei Schwestern hast und nicht
nur eine? Herzlichen Dank, mein Lieber, jetzt weiß ich wenigstens was du von mir
hältst. Ich bin sogar dir nicht mehr gut genug, den Nachnamen Hastings zu
tragen. Aber keine Sorge, dass wird sich bald ändern!“
Alexandra war immer lauter geworden. Sie spürte, wie sie vor Wut zitterte, am
liebsten hätte sie ausgeholt und ihrem Bruder eine gescheuert.
Justin war bei ihrer Tirade immer bleicher geworden und hatte sich unruhig an
den Knoten seiner perfekt gebundenen Fliege gegriffen. Er schien sich im Moment
ganz weit weg zu wünschen. Wobei er mit diesem Wunsch beileibe nicht alleine
war.
Alexandra wollte gerade den Mund öffnen und ihm den Todesstoß versetzen, indem
sie ihm erklärte, dass er sich ihretwegen dahin scheren konnte, wo der Pfeffer
wuchs und dass sie ihn nie wieder sehen wollte, als Chris, der die ganze Zeit
schweigend neben ihr gestanden war und ihre Hand festgehalten hatte, sich
plötzlich bemerkbar machte.
„Alex, ich glaub, das reicht jetzt“, sagte er leise. „Wir haben schon jede Menge
Zuschauer.“
Chris‘ Worte holten Alexandra zurück aus ihrem tranceähnlichen Zustand
rotglühender Rage. Ein schneller Blick zur Seite zeigte ihr, dass die Gespräche
der umstehenden Gäste verstummt waren und die meisten das Schauspiel, das sich
ihnen bot, neugierig zu beobachten schienen.
Großartig, so hatte sie sich diesen Abend eigentlich nicht vorgestellt. Sie
hätte gut und gerne darauf verzichten können, die Aufmerksamkeit der Besucher
von den Bildern und der Künstlerin auf sich zu ziehen und dabei möglicherweise
noch für einen kleinen Skandal zu sorgen. Hoffentlich war niemand hier, der sie
und Justin kannte.
„Du hast recht“, sagte sie gepresst. „Wir sollten jetzt lieber gehen. Es war
schön, Sie kennen zu lernen, Lucia“, verabschiedete sie sich hastig von der
Verlobten ihres Bruders, die der Auseinandersetzung mit wachsendem Entsetzen
gelauscht hatte. „Schade, dass es nicht unter andern Umständen war.“
Ihren Bruder würdigte Alexandra keines Blickes, sondern wandte sich abrupt ab
und steuerte auf den Ausgang zu. Chris, dessen Hand sie noch immer in ihrer
hielt, folgte ihr gezwungenermaßen auf dem Fuß.
Sie ignorierte die neugierigen Blicke, die ihren Weg nach draußen begleiteten.
Sollten doch alle denken, was sie wollten, das war ihr sowas von egal. Ihre Wut
begann langsam etwas zu verrauchen und sie musste zugeben, dass es gut getan
hatte, Justin die Meinung zu sagen. Zumindest einen kleinen Teil davon. Ihr
Bruder hatte Glück gehabt, dass Chris sie daran erinnert hatte, dass sie nicht
allein gewesen waren, sonst hätte sie ihn verbal in tausend kleine Fetzchen
zerpflückt. Anwalt hin oder her, gegen sie hatte auch Justin Hastings, der
Schrecken der Staatsanwaltschaft und Erbe einer der bekanntesten Kanzleien
Kaliforniens, nicht die geringste Chance.
Als sie nach draußen traten atmete Alexandra erst einmal tief die kühle
Nachtluft ein. Die Galerie lag in einer Straße mit Boutiquen, Geschäften und
Bars, zahllose Nachtschwärmer waren unterwegs, lachten und scherzten
miteinander. In der Ferne hörte man das Heulen einer Polizeisirene, ein
vertrautes Geräusch in dieser Stadt.
Justin so einfach stehen zu lassen war wie eine Befreiung gewesen. Sie brauchte
ihn nicht, sie brauchte niemanden aus ihrer Familie, genauso wenig, wie man sie
in den vergangenen Jahren gebraucht hatte.
„Alex? Bist du okay?“ erklang Chris‘ besorgte Stimme neben ihr. Alexandra drehte
sich zu ihm um und versuchte ein Lächeln.
„Ja, geht schon. Ich bin da drin wohl ein wenig zu arg ausgerastet...“
Chris seufzte und fuhr sich durch die Haare.
„Mann, ich dachte schon, du springst ihm jetzt gleich an die Gurgel“, gab er zu.
„Er hätt’s zwar verdient gehabt, aber Lucia hat mir halt leid getan. Die scheint
wirklich nett zu sein.“
„Ja, den Eindruck hatte ich auch…“
Alexandra blinzelte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Jetzt, wo die
Wut langsam abflaute, begann sich die Trauer und Enttäuschung in den Vordergrund
zu drängen. Schämte Justin wirklich so sehr für sie, dass er sie nicht einmal
seiner Verlobten gegenüber erwähnen wollte? Was hatte sie denn so Schlimmes
getan, außer etwas anderes zu studieren, als ihre Familie für sie vorgesehen
hatte? Man könnte fast meinen, sie hätte ein Kapitalverbrechen begangen oder
wäre als Prostituierte geendet. Sie war Tierärztin geworden, verdammt noch mal,
hatte einen höchst respektablen Beruf und inzwischen sogar eine eigenen Praxis!
Zählte das denn überhaupt nichts?
Erst als Chris ihr seine Jacke über die Schultern legte, merkte Alexandra, dass
ihre Zähne zu klappern begonnen hatten. Sie hatte keine warme Jacke an, nur den
dünnen Blazer, und der war eindeutig nicht geeignet dafür, damit in der Kälte
herumzustehen.
„Komm, wir fahren nach Hause“, sagte Chris sanft. „Du erkältest dich sonst noch.
Und das ist der Kerl doch nicht wert.“
Alexandra schluckte und zog die Jacke fester um sich. Er hatte recht. Justin war
es nicht wert, dass sie sich über ihn noch Gedanken machte. Er hatte sie vor
neun Jahren im Stich gelassen und heute schien sie für ihn nicht mehr zu
existieren. Auch wenn sie für sich bereits mit ihrer Familie abgeschlossen
hatte, das, was sie heute erfahren hatte, hatte weh getan, furchtbar weh…Justin
war der einzige gewesen, mit dem sie sich eine wirkliche Aussöhnung noch
irgendwie hätte vorstellen können.
„Alex, bitte komm mit.“
Chris nahm sie sanft am Arm und führte sie in Richtung der Tiefgarage, wo sie
den schwarzen Pick-up geparkt hatten. Alexandras blauen wollten sie verkaufen
und sich stattdessen einen SUV anschaffen, irgendwo brauchten sie ja Platz für
einen Babysitz, wenn das Baby mal da war.
Fürsorglich half Chris Alexandra in den Wagen und schloss die Beifahrertür,
bevor er selbst einstieg und den Motor startete.
Alexandra presste die Lippen zusammen, als sie an der hell erleuchteten Galerie
vorbeifuhren. Das Haus bestand aus mehreren Stockwerken, die Außenwände waren
komplett verglast und man konnte den Gästen zusehen, wie sie sich angeregt
unterhielten oder an den ausgestellten Kunstwerken vorbeiflanierten.
Wie hatte dieser Abend, auf den sie sich so sehr gefreut, der noch so gut
angefangen hatte, nur so fürchterlich enden können?
Chris stand im Keller und räumte die Wäsche aus
dem Trockner in den Wäschekorb. Alexandra war oben in der Küche und hatte nach
dem Mittagessen angefangen zu bügeln. Chris hätte ihr das gerne abgenommen, aber
er hatte leider feststellen müssen, dass er mit allem, was mit Waschen und
Bügeln zu tun hatte, auf Kriegsfuß zu stehen schien. Zumindest war Alexandra der
Meinung, dass er in dieser Beziehung eine wandelnde Katastrophe darstellte.
Während er die T-shirts und Pullover fein säuberlich in den Korb schichtete,
damit sie nicht unnötig noch mehr zerknuddelt wurden, wanderten seine Gedanken
zum Vorabend zurück.
Alexandra hatte die Begegnung mit ihrem Bruder wahnsinnig mitgenommen. Diesmal
war sie es gewesen, die sich haltsuchend im Bett an ihn geklammert hatte und
Chris hatte es fast das Herz zerrissen, diese sonst so starke und selbstbewusste
Frau dermaßen aufgelöst zu sehen. Wäre Justin Hastings in diesem Moment in der
Nähe gewesen, dann hätte dieser ein massives Problem gehabt.
Wie konnte man nur so dumm seinen, einen so großartigen Menschen wie Alexandra
aus seinem Leben zu verbannen? Denn genau das war es, was Justin Hastings getan
hatte. Was die ganze Familie Hastings getan hatte.
Chris schnaubte, während er mit dem Wäschekorb unter dem Arm nach oben ging.
Alexandra hatte damals recht gehabt, als sie gesagt hatte, seine Eltern waren
zwar nicht mehr am Leben, aber er hatte wenigstens die Gewissheit, dass sie ihn
immer geliebt hatten, ganz gleich, was er angestellt hatte. Sie hätten ihn beide
regelmäßig im Gefängnis besucht und ihn mit offenen Armen bei seiner Entlassung
am Gefängnistor abgeholt. Er wäre immer ihr Sohn geblieben, egal was passiert
wäre.
Dieser Hastings-Clan dagegen hatte sich von Alexandra abgewandt, nur weil sie
mit irgendwelchen dämlichen Traditionen gebrochen hatte. Nein Danke, bevor er so
eine Familie hatte, war er lieber Einzelkind und Vollwaise.
Er mochte gar nicht wissen, was diese Leute erst von ihm und seiner
Vergangenheit halten würden. Doch die Gefahr, dass er mit ihnen zusammentreffen
musste, bestand ja wohl kaum. Zum Glück. Sie mochten vielleicht auf ihn
hinabsehen und ihn für unter ihrer Würde halten, weil er im Gefängnis gewesen
war, aber er würde genauso wenig seine Verachtung für jemanden verbergen können,
der sein eigenes Kind aus so nichtigen Gründen verstieß.
Chris trug den Korb in die Küche und stellte ihn auf einem Stuhl neben dem
Küchentisch ab, auf dem schon ein anderer, ebenso voller Korb mit Wäsche darauf
wartete, wieder in Form gebracht zu werden. Alexandra stand vor der Spülmaschine
und hatte gerade angefangen, sie auszuräumen. Chris ging zu ihr und packte sie
sanft um die Taille, um sie zur Seite zu schieben.
„Hey, lass mich wenigstens das machen“, sagte er. „Sonst komm ich mir total
überflüssig vor.“
Alexandra richtete sich aus ihrer gebückten Haltung auf und blies sich eine
Haarsträhne, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, aus dem Gesicht.
„Du wirst hier niemals überflüssig sein“, grinste sie und gab ihm einen Kuss auf
die Nase. „Wer sollte denn sonst meine Launen ertragen und wen sollte ich
rumscheuchen können?“
„Charlie?“ ging Chris auf das Geplänkel ein.
„Der würde mir aber keine Vorträge darüber halten, was ich essen darf und was
nicht, wie lange ich schlafen muss, wann ich…“
Chris fing reumütig an zu lachen.
„Komm schon, so schlimm bin ich nicht“, gluckste er. „Außerdem muss jemand auf
dich aufpassen.“
„Oh doch, du bist schlimm“, gab Alexandra gespielt empört zurück. „Du bist eine
schlimmere Muttergans als Mary Jo oder ich es jemals sein könnten. Aber du bist
meine Muttergans.“
Sie legte ihm die Arme um den Nacken und sah ihn liebevoll an.
„Ich bin keine Muttergans“, schmollte er.
„Dann eben ein Mutterganter“, scherzte Alexandra. „Gib’s auf, du hast keine
Chance. Den Titel hast du einfach weg.“
Gleich darauf qietschte sie auf, weil Chris ihr mit einer Hand unter den
Pullover gefahren war und ihr mit den Fingerspitzen langsam die Taille hinauf
strich. Er grinste verschmitzt, Alexandra war an dieser Stelle total kitzelig.
Rache war eben doch süß und er war KEIN großer weißer Vogel…
Das Läuten der Türglocke unterbrach ihre verspielten Kabbeleien. Chris löste
sich von Alexandra, während Charlie schon nach draußen gejagt war. Sie konnten
ihn im Hausflur erwartungsvoll winseln hören. Lucy zog es vor, in ihrem Körbchen
liegen zu bleiben und abzuwarten, was ihr Herrchen tun würde.
„Wollte Julie heute noch vorbeikommen?“ fragte Chris.
„Keine Ahnung.“ Alexandra zuckte mit den Schultern. „Der Zeit nach könnte sie es
schon sein.“
Julie kam in letzter Zeit öfter mal am Sonntag Nachmittag vorbei, einfach auf
eine Tasse Kaffee und um ein wenig zu plaudern. Manchmal kamen auch Ian und Jack
dazu. Das wurde meist eine äußerst erheiternde Angelegenheit, da Julie es sich
nicht nehmen ließ, auf Teufel komm raus mit Ian zu flirten.
Chris ging nach draußen, um herauszufinden, ob seine Vermutung richtig war.
Schon automatisch griff er nach Charlies Halsband, da sie dem Hund sein
Lieblingsbegrüßungsritual noch immer nicht hatten vollständig abgewöhnen können.
Der Besucher war jedoch weder Julie, noch Jack oder Ian. Chris’ Augen verengten
sich zu Schlitzen, als er Justin Hastings von oben bis unten musterte und sich
überlegte, ob er Charlies Halsband vielleicht so „ganz aus Versehen“ loslassen
sollte. Was wollte der Typ denn noch hier? Hatte er Alexandra denn gestern Abend
nicht schon genug wehgetan?
Alexandras Bruder schien im ersten Moment genauso verblüfft zu sein. Er hatte
wohl erwartet, dass Alexandra ihm die Tür öffnen würde. Ja Hallo? Hatte sie
diesem Idioten denn beim gestrigen Zusammentreffen nicht deutlich genug zu
verstehen gegeben, dass sie mit ihm, Chris, zusammenlebte?
„Ich würde gern mit Alexandra sprechen. Ist sie da?“
Keine Begrüßung, keine Entschuldigung für die Störung. Nur kühle, beherrschte
Arroganz. Was dachte der Kerl sich eigentlich, wer er war?
Chris befahl Charlie mit einem scharfen Kommando, sich hinzusetzen und Ruhe zu
geben, was der Hund auch sofort tat. Er schien zu spüren, dass etwas nicht
stimmte und starrte den ungebeteten Gast misstrauisch an, wobei er ein leises
Knurren von sich gab.
„Kann sein, dass Sie mit Alex reden wollen. Ich glaub aber nicht, dass das auf
Gegenseitigkeit beruht. Also setzen Sie sich wieder in Ihren feinen Schlitten
und verschwinden Sie“, sagte Chris und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen
den Türrahmen.
Zufrieden beobachtete er, wie Justin Hastings’ Gesicht sich verdüsterte und er
Charlie einen unsicheren Blick zuwarf, der sich nach Chris’ Befehl wirklich auf
seine Hinterpfoten niedergelassen hatte, den ungebeteten Besucher aber weiterhin
misstrauisch beäugte. Sollte Hastings ruhig ein wenig schwitzen.
„Hören Sie, wie wäre es, wenn Sie einfach meiner Schwester sagen würden, dass
ich hier bin, und sie entscheiden lassen. Und halten Sie um Gottes Willen diesen
Hund fest.“
Aha, der Typ hatte Angst vor Hunden. Chris grinste.
„Charlie tut keinem was, nur solchen Leuten, die Alex irgendwie aufregen“,
erwiderte er. „Das mag er überhaupt nicht.“
Justins Hastings holte tief Luft und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht.
Die Arroganz war völlig aus seinem Benehmen verschwunden. Charlies Gegenwart
schien im doch etwas stark zuzusetzen, was Chris ihm eigentlich nicht verdenken
konnte. Der Mischling wirkte schon allein durch seine Größe etwas bedrohlich,
wenn man ihn nicht kannte, vor allem dann, wenn er das Fell sträubte und mit
angelegten Ohren ein lautes Grollen von sich gab. Doch Mitleid konnte er keines
aufbringen. Darum unterließ er es auch, Charlie wieder am Halsband zu fassen.
Der Hund würde sich nun ruhig verhalten, aber das konnte Hastings nicht wissen.
Sollte er ruhig ein wenig in seinem eigenen Saft schmoren.
„Mr. …O’Connor, nicht wahr?“
Chris nickte spöttisch. Welche Ehre, der Herr erinnerte sich sogar an seinen
Namen. Er warf einen prüfenden Blick zurück in den Flur. Zu seiner Erleichterung
war die Küchentür angelehnt. Hoffentlich wurde Alexandra jetzt nicht gleich
neugierig und kam nachsehen, wer da eigentlich an der Tür war und warum er so
lange brauchte.
„Es gibt ein paar Dinge, die ich gern aufklären würde“, redete Alexandras Bruder
weiter und lenkte dadurch Chris’ Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Darum ist es
auch wichtig, dass ich mit Alexandra sprechen kann. Wenn Sie mich schon nicht
reinlassen wollen, dann holen Sie sie wenigstens her.“
„Damit Sie ihr erklären können, dass sie verrückt ist, mich heiraten zu wollen?“
rutschte es Chris heraus.
Darüber, was Alexandras Familie von ihm halten würde, machte Chris sich keine
Illusionen. Aus dem Wenigen, was er von seiner Freundin erfahren hatte, konnte
er froh sein, dass sie so gut wie keinen Kontakt mehr zu diesen Leuten hatte.
Ihr Bruder war vermutlich nur hier, um sie von einem in seinen Augen großen
Fehler abzuhalten.
Er musterte Justin Hastings unauffällig. Der Kerl trug einen grauen Anzug unter
einem eleganten, dunkelblauen Wollmantel. Unter einem Ärmel blitzte eine goldene
Armbanduhr hervor. Der Wagen, der vor dem Haus an der Straße geparkt war, war
ein glänzendes, weinrotes Jaguar-Cabriolet. Alles nicht ganz billig.
Chris biss sich auf die Lippe und zum ersten Mal fragte er sich, ob er Alexandra
auf Dauer wirklich glücklich machen konnte. Sie hatte zwar nie so genau darüber
gesprochen, aber ihm wurde plötzlich klar, in welchem Luxus sie aufgewachsen
sein musste. Hausarbeit war für sie als Teenager vermutlich ein Fremdwort
gewesen, es hatte bestimmt Angestellte gegeben, die sich um derartige
Banalitäten gekümmert hatten. Und nun stand sie in ihrer Küche und bügelte
Wäsche, nicht nur ihre eigene, sondern auch seine.
Sie hatte ihr altes Leben vor neun Jahren freiwillig hinter sich gelassen, doch
sehnte sie sich nicht manchmal doch danach zurück, solche missliebigen Arbeiten
wieder irgendwelchen Hausmädchen zu überlassen? Wenn sie mit ihm zusammenbleiben
würde, dann würde sie ihr ganzes weiteres Leben lang auf derartige
Annehmlichkeiten verzichten müssen. Würde sie sich nicht irgendwann fragen, ob
es nicht besser gewesen wäre, jemanden zu heiraten, der ihr den Luxus bieten
konnte, den sie aus ihrer Jugend gewohnt war?
Justin Hastings machte eine entnervte Handbewegung, was Charlie, der die
Spannung spüren musste, die von Chris ausging, zu einem warnenden Knurren
veranlasste.
„Verdammt, ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen auf irgendwelche idiotische
Diskussionen einzulassen, sondern…“
„Treibt dich das schlechte Gewissen her?“ erklang eine spöttische Stimme hinter
Chris und er fuhr herum.
Alexandra stand mit verschränkten Armen im Flur und starrte ihren Bruder finster
an. Chris’ Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Er wollte nicht, dass sie
mit Justin Hastings redete. Einerseits, weil sie sich dann wieder aufregen würde
und andererseits, weil er das fürchtete, was dieser ihr vermutlich zu sagen
hatte.
Alexandra sah zu ihm und schien seine Sorge zu spüren. Ihr Blick wurde sanft,
als sie einen Schritt zu ihm näher trat und eine Hand auf seinen Arm legte.
Chris musste sich beherrschen, um ihr nicht um den Hals zu fallen und sie
anzuflehen, die Tür einfach zuzuknallen und ihren Bruder zum Teufel zu schicken.
Dieser hatte einfach kein Recht, sich in irgendetwas einzumischen, was Alexandra
betraf.
„Keine Sorge, Baby“, flüsterte sie, bevor sie sich wieder ihrem Bruder zuwandte.
„Justin, ich hab…“
Aus der Küche drang ein Krachen und dann ein schrilles, jämmerliches Aufjaulen.
„Lucy!“
***
Während Chris, gefolgt von Charlie, in die Küche stürzte, blieb Alexandra noch
einen Moment stehen und starrte ihren Bruder an. Trotz ihrer Wut und
Enttäuschung liebte sie ihn noch immer. Als sie noch ein Kind gewesen war, war
er im riesigen, unpersönlichen Haushalt ihrer Eltern ihr Vertrauter gewesen, dem
sie all ihre großen und kleinen Kümmernisse hatte anvertrauen können. Das hatte
sich erst geändert, als sie älter geworden war und ihren eigenen Kopf zu
entwickeln begann. Justin dagegen war immer ein gehorsamer Sohn gewesen, der
genau das getan hatte, was von ihm erwartet wurde.
„Tut mir leid Justin…aber zwischen uns ist alles gesagt. Bitte geh“, flüsterte
sie, bevor sie sich umwandte und ebenfalls in die Küche hastete, um sich der
nächsten Katastrophe zu stellen.
Alexandra hatte mit etwas weitaus Schlimmerem gerechnet, als dem Anblick, der
sich ihr dort bot. Chris kniete auf dem Boden neben einem Wäschehaufen und warf
Kleidungsstücke rechts und links von sich weg, während Charlie aufgeregt mit der
Nase darin herumschnuffelte. Aus dem Haufen hörte man ein mitleiderregendes
Fiepsen.
„Wie hat sie das denn geschafft?“ entfuhr es Alexandra, als sie den Wäschekorb
bemerkte, den Chris bereits zur Seite geschubst hatte. Eilig kniete sie sich
ebenfalls nieder, was mit ihrem Bauch nicht mehr so ganz einfach war, um bei der
Ausgrabungsaktion zu helfen.
Dann tauchte ein kleiner, schwarzer Wuschelkopf unter einer Bluse auf und Chris
zog den jammernden Unglückswurm ins Freie, um ihn gleich darauf ängstlich zu
untersuchen.
„Ich glaub, ihr ist nichts passiert“, stieß er dann erleichtert hervor und
drückte das Hundekind tröstend an sich. Charlie musste sich ebenfalls von der
Unversehrtheit seines Sprösslings überzeugen und beschnuffelte Lucy eingehend,
wobei er mit allen vier Pfoten in die frischgewaschene Wäsche tapste. Nun, für
heute hatte sich die Bügelarbeit wohl halbiert.
Alexandra seufzte dankbar auf und rieb sich über die Stirn. Jetzt fiel ihr ein,
dass sie eine Bluse aus dem Korb genommen hatte, als sie die Stimme ihres
Bruders erkannt hatte. Sie hatte die Bluse zurückgeworfen und hatte die Küche
verlassen. Dabei hatte sie nicht darauf geachtet, dass ein Ärmel bis auf den
Boden hing. Der musste Lucy wohl als verführerisches Spielzeug erschienen sein.
Ein erschreckender Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Wie würde es erst sein,
wenn der Zwerg da war? Er oder sie würde nicht immer klein und hilflos bleiben,
sondern wachsen, mobil und neugierig werden. Wenn so ein Hundewelpe schon so
einen Aufruhr verursachen konnte, wozu war dann erst ein Kleinkind in der Lage?
„Chris? Ich glaub, das mit dem Käfig war keine schlechte Idee…“ sagte sie
beklommen und dachte dabei an die Bemerkung, die er nach Jamies
Badverschönerungsaktion gemacht hatte.
Chris, der Lucy noch immer auf dem Arm hielt, sie streichelte und beruhigend auf
sie einredete, sah auf. In seinen dunklen Augen stand deutlich der Schrecken der
vergangenen Minuten geschrieben.
„Dass hab ich mir auch gerade überlegt“, erwiderte er mit einem missglückten
Lächeln.
Justin Hastings stand vor der noch immer weit
geöffneten Haustür und starrte unentschlossen in den Flur hinein. Alexandra
hatte ihn gebeten zu gehen. Der junge Anwalt schluckte und ballte seine Hände,
die er tief in seinen Manteltaschen vergraben hatte, zu Fäusten. Was hatte er
denn erwartet? Dass sie ihm um den Hals fallen würde? Oh nein, nicht Alexandra.
Ihm war erst bei der Auseinandersetzung mit Lucia in ihrem Hotelzimmer klar
geworden, wie sehr es seiner Schwester wehgetan haben musste, als sie erfahren
hatte, dass seine Verlobte nichts von ihr wusste. Lucia hatte ihm gehörig den
Kopf gewaschen, ihm etwas von Familienzusammenhalt und Geschwisterliebe erzählt.
So genau hatte Justin das gar nicht mitbekommen.
Seine Gedanken hatten wie wild um die Frage gekreist, wie er seinen Fehler
wieder gut machen konnte, wie er die vergangenen neun Jahre wieder gut machen
konnte und seine Feigheit von damals.
Nach einer größtenteils schlaflosen Nacht und einem endlos langen Spaziergang am
Vormittag hatte er beschlossen, Alexandra aufzusuchen. Ihre Adresse kannte er
auswendig, auch wenn sie das vielleicht nicht glauben würde. Sogar ihre
Telefonnummer.
Justin sah über seine Schulter zu seinem Wagen. Er könnte jetzt wieder feige
sein und aus Alexandras Leben verschwinden, so wie sie es wollte. Dann würde er
aber nie mehr den Mut aufbringen, mit ihr zu reden. Er, der Juniorchef einer der
bekanntesten Anwaltskanzleien von Los Angeles, die Größen aus der Wirtschaft,
der Politik und dem Showbiz vor Gericht vertrat.
Er straffte die Schultern. Nein, er würde jetzt in dieses Haus gehen und einen
letzten Versuch starten, Alexandra zu bitten, ihm zuzuhören. Wenn sie ihn dann
wieder aufforderte, zu gehen, dann erst würde er sich geschlagen geben und ihrem
Wunsch entsprechen.
Im Hausflur wäre er beinahe über herumliegendes Hundespielzeug und eine
Sporttasche gestolpert. Aus einem Raum am Ende des Flurs drangen Stimmen und
Justin folgte deren Klang.
Schließlich stand er in der offenen Küchentür und sah, wie seine Schwester
inmitten eines Haufens Wäsche kniete und mit diesem Jungen sprach, der einen
kleinen, schwarzen Hund auf dem Arm hatte. Das sollte wirklich der Vater des
Babys sein, das sie erwartete? Justin schüttelte unwillkürlich den Kopf. Was
hatte sie sich dabei nur gedacht?
„Wenigstens müssen wir uns nicht gleich am Anfang Sorgen deswegen machen“, sagte
Alexandra und strich dem Jungen, Chris, wenn Justin sich korrekt an dessen
Vornamen erinnerte, sanft über den Arm, bevor sie den kleinen Hund kraulte.
„Na ja, wir könnten auch alles einzäunen, was gefährlich werden könnte.“
Alexandra warf den Kopf zurück und begann, herzlich zu lachen.
„Gott, Chris, uns würden alle für verrückt erklären…“ prustete sie. „Stell dir
doch mal vor, du müsstest irgendeinem Fremden erklären, wieso dein Kind mit
seinen Spielsachen in einem Käfig sitzt oder wieso um deine Möbel überall Gitter
sind…“
Als Justin Alexandra so fröhlich sah, wurde ihm plötzlich schmerzhaft bewusst,
wie sehr er sie eigentlich vermisst hatte. Sie war der einzige Mensch gewesen,
der die strenge Steifheit des Hastings-Haushaltes gelegentlich aufgelockert
hatte. Karen hatte ihren Vater angebetet und hätte nie etwas gegen dessen Willen
getan, und er selbst hatte sich niemals dazu durchringen können, sich gegen
Marcus Hastings’ Regiment aufzulehnen. Nur Alexandra hatte das gewagt…
Der riesige Hund, der inmitten der Wäsche stand, wandte plötzlich den Kopf und
sah zu ihm herüber. Justin hielt den Atem an. Seitdem er einmal von einem Hund
gebissen worden war, hatte er panische Angst vor ihnen. Er fragte sich
unwillkürlich, ob Alexandra sich daran noch erinnerte.
„Platz, Charlie“, sagte Alexandra scharf, während sie langsam aufstand, wobei
sie ihn nicht aus den Augen ließ. Eine scharfe, senkrechte Falte stand zwischen
ihren Augen. Das Lachen war völlig aus ihrer Stimme verschwunden, sie klang
jetzt kalt und abweisend.
Der Junge blickte ebenfalls zu Justin herüber und erhob sich.
„Justin, ich sag es dir zum letzten Mal: Du hast in meinem Leben nichts mehr zu
suchen, genau so wenig, wie ich in deinem Leben einen Platz habe. Also geh jetzt
bitte.“
Alexandras Stimme klang kühl und beherrscht, doch Justin glaubte, ein winziges
Zittern darin zu hören. Das gab ihm wieder Hoffnung und den Mut, das zu sagen,
weswegen er hergekommen war. Wenigstens das sollte sie wissen, auch wenn sie ihn
danach wirklich hinauswerfen sollte.
„Alex, ich hab Lucia nichts von dir erzählt…weil…weil ich mich geschämt
habe…nicht für dich“, fügte er hastig hinzu, als er das drohende Aufblitzen in
Alexandras Augen sah.
„Ich habe mich für mein eigenes Verhalten geschämt“, gestand er leise und sah
auf den Boden vor seinen Füßen. „Ich was so verdammt feige damals und hab dich
im Stich gelassen, weil ich Angst hatte, Vaters Unterstützung zu verlieren, wenn
ich mich auf deine Seite stelle.“
„Das weiß ich“, entgegnete Alexandra spöttisch. „Aber du warst irgendwann fertig
mit dem Studium und hast dein eigenes Geld verdient. Außerdem hättest du dich ja
heimlich bei mir melden können, ich hätte dich schon nicht verpetzt.“
Justin hob den Kopf und sah erst seine Schwester an, bevor er Chris einen
flüchtigen Blick zuwarf. Der Junge betrachtete ihn mit kaum verhohlener
Abneigung und Verachtung. Er hat recht, dachte Justin bitter. Ich habe meine
Schwester im Stich gelassen und verdiene nichts anderes.
„Alex…ich…das war alles nicht so einfach für mich…“
„Ach, denkst du, es war einfach für mich?“ unterbrach ihn Alexandra mit einer
wütenden Handbewegung. „Natürlich hatte ich Tante Claire und natürlich war ich
nicht ganz auf mich allein gestellt…Aber dass du mich auch fallen gelassen hast,
das war…“
„Es tut mir leid“, flüsterte Justin. „Ich…ich hätte nicht herkommen sollen. Was
ich getan habe, kann man nicht verzeihen, das sehe ich ein. Ich wollte nur, dass
du nicht noch schlechter von mir denkst und mich noch mehr hasst, als du es
sowieso schon tust.“
„Ich hasse dich nicht“, sagte seine Schwester rau. „Ich bin nur stinkwütend auf
dich. Stinkwütend und enttäuscht.“
***
Alexandra starrte ihren Bruder finster an. Dass er zugegeben hatte, dass er sich
für sein eigenes Verhalten geschämt hatte, hatte ihre Wut und Enttäuschung etwas
gedämpft. Und dass er, der erfolgreiche, souveräne Anwalt, so geknickt vor ihr
stand, tat ein Übriges.
In ihr tobte ein Kampf. Sollte sie Justin jetzt einfach rauswerfen und ihm
sagen, sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben und er solle sie in Zukunft
nicht mehr belästigen oder sollte sie mit ihm reden, ihm die Gelegenheit geben,
zerschlagenes Porzellan wenigstens notdürftig zu kitten?
Alexandra hatte nicht gelogen, als sie ihm gesagt hatte, sie würde ihn nicht
hassen. Hass war ein zu starkes Gefühl. Es war eher eine Art Gleichgültigkeit.
Sie hatte versucht, mit dem Kapitel „Hastings-Clan“ abzuschließen, da aus dieser
Richtung sowieso nichts Positives mehr zu erwarten war, und es war ihr
größtenteils auch gelungen. Mit Justin verbanden sie aber auch jede Menge
schöner Erinnerungen. Zu ihrer Schwester hatte Alexandra nie eine Beziehung
gehabt, der drei Jahre ältere Justin jedoch war der Held ihrer Kindheit und
Jugend gewesen. Er hatte ihre „Verfehlungen“ gedeckt und damit oft den Zorn
ihres Vaters auf sich gelenkt.
Als Justin gegangen war, um dem Wunsch des Vaters entsprechend in Harvard Jura
zu studieren, hatte dieses glorreiche Heldenbild den ersten Sprung bekommen.
Justins große Liebe war die Musik gewesen, klassische Musik. Er spielte virtuos
Klavier und hatte als Junge schon kleinere Stücke komponiert. Und er wäre für
sein Leben gern auf die Musikhochschule gegangen. Doch er hatte diesen Wunsch
aus Rücksicht auf seinen Vater fallengelassen. Oder war es Angst gewesen?
„Das verstehe ich“, sagte Justin leise. „Wenn ich könnte, dann würde ich die
Zeit zurückdrehen und alles ganz anders machen. Aber…“
„Das kannst du nicht“, vervollständigte Alexandra den Satz. „Das kann niemand.“
Dabei sah sie zu Chris hinüber, der Lucy noch immer auf dem Arm hielt.
Nein, Geschehenes ungeschehen machen konnte niemand. Aber man konnte versuchen,
damit umzugehen und das Beste daraus zu machen, wenn das irgendwie möglich war.
Justin war gekommen, um sich zu entschuldigen. Ziemlich spät zwar, fast zu spät,
aber ein Teil von Alexandra hing noch immer an ihrem großen Bruder.
An dem Justin, der einmal von einem Hund gebissen wurde, weil sie ihm befohlen
hatte, er solle diesen festhalten. Der Hund war bei einer Beißerei mit einem
anderen Hund am Ohr verletzt worden und Alexandra hatte die Wunde untersuchen
wollen. Dass Tier war von ihren Bemühungen nicht besonders angetan gewesen und
hatte sich gewehrt. Der Leidtragende war nur nicht Alexandra gewesen, sondern
Justin, der einen Biss in den Arm davongetragen hatte.
Das ging Alexandra durch den Kopf, während sie überlegte, was sie nun tun
sollte. Und schließlich fasste sie einen Entschluss.
„Komm mit nach oben“, sagte sie kurz angebunden. „Da können wir in Ruhe reden.
Chris, pass bitte auf, dass Charlie hier bleibt“, bat sie und sah zu ihrem
Freund hinüber, der sie mit undeutbarer Miene beobachtete.
Chris war nicht begeistert davon, dass sie sich mit Justin tatsächlich
unterhalten wollte, das konnte Alexandra deutlich mit jeder Faser ihres Körpers
spüren. Sie ahnte, wieso. Er fürchtete Justins Ablehnung und dass sie,
Alexandra, Zweifel daran bekommen könnte, ob sie das Richtige tat. Vielleicht
hätte sie beleidigt sein sollen, weil er ihr das zutraute, doch das brachte sie
nicht übers Herz.
Nachdem sie Chris ein letztes, beruhigendes Lächeln geschenkt hatte, von dem sie
hoffte, dass er verstand, was sie damit sagen wollte, winkte sie Justin, dass er
ihr folgen sollte.
„Mutter ist in einem Sanatorium in der Schweiz?“
Alexandra hatte noch immer Mühe, das soeben gehörte zu verdauen. Ihre Mutter war
bei einer Festlichkeit zusammengebrochen, man hatte sie ins Krankenhaus
gebracht, und dort hatten die behandelnden Ärzte festgestellt, dass sie
hochgradig tabletten- und alkoholabhängig war.
„Ja, sie soll dort ein ganzes Jahr bleiben“, nickte Justin. Er saß gegenüber von
Alexandra in einem Sessel, während sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht
hatte. „Es war ein ziemlicher Schock für uns alle. Niemand hat die all die Jahre
über etwas davon gemerkt, nicht einmal Vater. Sie hat es gut versteckt.“
Alexandra schüttelte den Kopf. Ihre schöne, unnahbare Mutter war also eine
Drogensüchtige gewesen. Und das seit Jahren.
„Wieso?“ fragte sie.
Justin sah sie verständnislos an.
„Was wieso?“
„Na, wieso hat sie das getan? Sie muss doch einen Grund gehabt haben für ihre
Trinkerei“, erklärte Alexandra ungeduldig.
„Ich weiß nicht“, entgegnete Justin verwirrt. „Ich hab sie nur einmal kurz
gesehen, bevor sie nach Zürich abgeflogen ist. Vater hat auch nichts darüber
gesagt.“
Entnervt stieß Alexandra ein lautes Seufzen aus. Das war wieder einmal typisch.
Anstatt sich um die Ursache zu kümmern, nach dem „Warum“ zu fragen, schickte man
denjenigen, der aus der Rolle gefallen war, weg. Es gab genügend gute
Suchtkliniken hier in Kalifornien, aber da hätte die Gefahr bestanden, dass die
Boulevardpresse etwas spitzkriegte und die Sache ausschlachtete. Das Risiko
hatte ihr Vater wohl nicht eingehen wollen.
„Wie geht es ihr jetzt?“ erkundigte sich Alexandra. Wenigstens darauf konnte sie
sich doch wohl eine Antwort erhoffen.
„Besser. Vater lässt sich regelmäßig über ihre Fortschritte informieren.“
Alexandra beugte sich etwas nach vorne.
„Ach, tut er das, ja?“ sagte sie ironisch. „Wie aufmerksam von ihm.“
Alexandra konnte sich den Gedanken nicht verkneifen, wie ihre Eltern es bei dem
steifen und gleichgültigen Umgang, den sie miteinander pflegten, es tatsächlich
geschafft hatten, drei Kinder zu zeugen. Vermutlich waren es künstliche
Befruchtungen gewesen.
„Alex, sie soll so wenig Kontakt wie möglich zur Außenwelt haben“, erklärte
Justin pikiert. „Das hat der Arzt, der sie behandelt, so angeordnet.“
Alexandra presst die Lippen zusammen und schnaubte verächtlich. Justin war noch
immer ein treuer Gefolgsmann seines Vaters. Schlechtes Gewissen ihr gegenüber
hin oder her, an erster Stelle standen für Justin Hastings der Ruf der Familie
und die Kanzlei. Daran würde sich so schnell wohl nichts ändern.
„Na ja, solltest du irgendwann doch einmal mit ihr sprechen, dass richte ihr
bitte meine herzlichsten Grüße aus, und dass ich hoffe, dass sie bald wieder
gesund wird.“
Justin nickte.
„Danke, das werde ich“, erklärte er, ihren Sarkasmus ignorierend.
Unbehagliches Schweigen machte sich zwischen den Geschwistern breit. Alexandra
hatte eigentlich erwartet, dass Justin ihr eine langatmige, verwickelte
Erklärung für sein langes Schweigen liefern würde, doch stattdessen hatte er
ihr, nachdem sie es sich hingesetzt hatten, von dem Zusammenbruch ihrer Mutter
berichtet. Genauer gesagt, er hatte gekniffen, obwohl er derjenige gewesen war,
der um ein Versöhnungsgespräch gebeten hatte.
„Du…du wirst also bald heiraten, hab ich das richtig verstanden?“ fragte Justin
nach einer Weile.
„Im Sommer, nachdem das Baby geboren ist.“
Alexandra wappnete sich innerlich für das, was nun kommen würde. Das war nicht
der verständnisvolle Bruder, an den sie sich aus ihrer Teenagerzeit erinnerte.
Es war wohl ein Fehler gewesen, auf seine Bitte um ein Gespräch einzugehen. Sie
saßen nun schon fast eine halbe Stunde hier und er hatte noch mit keinem Wort
den angeblichen Grund für sein Hiersein erwähnt. Entweder war er wirklich zu
feige dazu, ihr alles zu erklären oder er hatte gelogen und wollte sie nur
aushorchen.
„Alex…bitte versteh das nicht falsch….“ Justin zerrte unbehaglich am Knoten
seiner Krawatte. „Aber…wie alt ist der Junge eigentlich?“
„Der Junge hat einen Namen und wird zweiundzwanzig. Du brauchst also keine Angst
zu haben, dass ich bei dir angekrochen komme und dich anflehe, mich bei einer
Anzeige wegen Verführung Minderjähriger vor Gericht zu vertreten“, schnaubte
Alexandra verächtlich.
„Zweiundzwanzig? Oh, das…das ändert natürlich einiges…Wie hast du ihn kennen
gelernt?“
„Justin, was soll das? Alles, was mich und Chris betrifft, geht dich einen
feuchten Kehricht an. Wir sind zusammen, wir sind glücklich und wir werden
heiraten. Das muss dir reichen. Bist du hier, um mir Moralpredigten zu halten?
Vorhin hörte sich das noch ganz anders an…“
Justin hob seine Hände zu einer besänftigenden Geste.
„Bitte, ich hab mir eben Sorgen um dich gemacht. Ich…“
„Die Sorgen hättest du dir vielleicht vor neun Jahren machen sollen.“ Mit vor
Wut blitzenden Augen beugte Alexandra sich vor. „Aber nein, da war das warme
Nest, dass unser Vater für dich vorbereitet hatte, ja wichtiger.“
„Verdammt Alex, nun mach aber mal `nen Punkt! Was hätte ich denn machen sollen?
Du kennst Vater, er hatte für jeden von uns einen Plan entworfen, an den wir uns
halten sollten. In unserer Familie ist es eben Tradition, entweder Jura oder
Medizin zu studieren. Karen hat ihm den Gefallen getan und Jura studiert, von
mir hat er es geradezu erwartet, da er bestimmt hat, dass ich die Kanzlei einmal
weiterführen soll. Ich bin nun einmal nicht so ein Rebell wie du, der nur an
sich denkt!“
„Ich denke nur am mich? Sag mal, geht’s dir nicht gut? Unser Vater hat sich
rücksichtslos über unsere Talente, unsere Neigungen hinweggesetzt und erwartet,
dass alles und jeder nach seiner Pfeife tanzt. Hat er etwa an uns gedacht, ob
wir glücklich werden? Nein, mein Lieber, das war ihm scheißegal. Es ging ihm
doch nur darum, seinen persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen, seine Macht über uns
auszunutzen und diesen Scheißtraditionen zu folgen!“
Alexandra war aufgestanden und hatte die Hände zu Fäusten geballt. Dieser letzte
Satz hatte sie empfindlich getroffen. Wie konnte Justin ihr nur unterstellen,
sie würde nur an sich denken? Nur weil sie es gewagt hatte, sich gegen ihren
Vater zu stellen und ihren Traum zu verwirklichen? Weil sie mutig genug gewesen
war, auf den Rückhalt des Hastings-Clans zu verzichten und alle zum Teufel zu
schicken?
„Alex, bitte setz dich wieder, so war das nicht gemeint“, sagte Justin, der
ebenfalls aufgestanden war. „Du solltest dich in deinem Zustand vielleicht nicht
so aufregen.“
„Mein Zustand geht dich gar nichts an! Und von wegen, das war nicht so gemeint.
Vielleicht hast du mich vermisst und dich geschämt, das will ich dir gar nicht
wegnehmen, aber du warst auch ein gotterbärmlicher Feigling!“
Inzwischen schrie Alexandra vor Wut. War er deshalb gekommen? Um ihr
vorzuhalten, SIE hätte egoistisch gehandelt? Dabei war sie nur vor dem ganzen,
verlogenen Gesellschaftszirkus weggelaufen und hatte versucht, ihr eigenes Leben
zu leben.
Plötzlich flog die Tür auf und Chris stürzte in den Raum.
„Alex?“ fragte er erschrocken und warf Justin einen anklagenden Blick zu, bevor
er auf sie zukam und sie an sich zog. Alexandra schloss die Augen und lehnte
sich schwer an ihn. Die Auseinandersetzung mit ihrem Bruder hatte sie einiges an
Kraft gekostet. Das Baby schien ebenfalls nicht erfreut über ihren Gemütszustand
und beschwerte sich mit einem kräftigen Tritt.
„Autsch.“ Unwillkürlich entschlüpfte ihr der leise Ausruf und sie legte eine
Hand auf ihren Bauch, als könnte sie ihr Kind damit beruhigen.
Gleich darauf verfluchte sie ihre mangelnde Beherrschung, denn nun schrillten
bei Chris anscheinend sämtliche Alarmglocken.
„Was ist? Ist was mit dem Baby? Tut dir was weh? Alex, sag doch was!“ Ohne Luft
zu holen feuerte Chris die Fragen auf sie ab, während er sie behutsam auf das
Sofa drückte und sie besorgt ansah. „Soll ich Doktor Perreiro anrufen? Oder dich
ins Krankenhaus bringen?“
Alexandra atmete tief durch, um ihren rasenden Herzschlag und vor allem ihre
aufgewühlten Emotionen wieder unter Kontrolle zu bringen. Nein, ihr ging es
soweit gut, sie war nur einfach ausgerastet. Das musste sie jetzt allerdings
versuchen, einem panischen Chris klarzumachen, der vor ihr kniete und sie mit
seinen braunen Augen völlig verstört anstarrte.
„Nein, ist schon okay. Es war nichts“, wehrte sie ab und versuchte dabei,
möglichst überzeugend zu wirken.
„Bist du sicher?“
Alexandra gelang es, ein Lächeln hervorzuzaubern, obwohl ihr im Moment eher nach
Heulen zumute war. Aber das würde Chris nur noch mehr in Panik versetzen.
„Ganz sicher. Wirklich“, bekräftigte sie und legte eine Hand auf Chris’ Wange,
während sie mit der anderen behutsam über ihren Bauch streichelte. Das Baby
schien sich glücklicherweise wieder beruhigt zu haben.
Chris’ Aufregung hatte sich ebenfalls etwas gelegt, doch dies war paradoxerweise
ein weniger wünschenswerter Umstand, denn nun hatte er Zeit, seine
Aufmerksamkeit dem Verursacher des Ganzen zu widmen. Nach einem letzten,
besorgten Blick auf Alexandra stand er auf und wandte sich an Justin.
„Ich glaub, es ist besser, wenn Sie gehen“, sagte er in einem Ton, den Alexandra
bei ihm noch nie vernommen hatte.
„Hören Sie, es tut…“
„Mister Hastings, es ist mir egal, ob es Ihnen leid tut oder nicht. Sie haben
Alex aufgeregt und das lasse ich nicht zu. Also verschwinden Sie und kommen Sie
nie wieder hierher.“
Chris hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte Justin mit vor Zorn
glitzernden Augen an. Alexandra hielt es für besser einzugreifen, denn im Moment
traute sie Chris durchaus zu, dass er handgreiflich wurde, wenn Justin nicht
tat, was er von ihm verlangte.
„Geh Justin, bitte…“ sagte sie leise. „Es ist alles zwischen uns gesagt.“
Justin sah sie einen Moment lang an, bevor er die Arme ausbreitete und sie mit
einer hilflosen Geste wieder fallen ließ.
„Wie du willst, Alex. Aber…es tut mir wirklich leid, ich wollte nicht, dass es
so kommt…“
Dann wandte er sich an Chris.
„Ich wollte sie wirklich nicht aufregen.“
„Sehen Sie hier jemanden, den das interessiert? Gehen Sie einfach, den Weg
kennen Sie ja. Die Hunde sind übrigens in der Küche und können Ihnen nichts
tun.“ Chris’ Stimme triefte vor Spott bei diesem letzen Satz.
Justin atmete noch einmal tief durch und schien noch etwas sagen zu wollen, doch
er überlegte es sich anders. Worte hätten nun sowieso nichts mehr geändert. Er
nickte Alexandra zu, bevor er sich umdrehte und den Raum verließ.
Alexandra seufzte und fuhr sich mit den Händen erst über das Gesicht und dann
durch die Haare. Nun, das war ja nicht gerade gut gelaufen. Ein Wort hatte das
andere gegeben und schon waren sie mitten im schönsten Streit gewesen. Ihre
Lebensauffassungen waren wohl doch zu verschieden und an Toleranz in dieser
Beziehung schien es ihnen beiden zu mangeln. Dieses Gespräch hatte von Anfang an
unter einem schlechten Stern gestanden.
Chris stand noch immer da und starrte zur Tür, durch die Justin verschwunden
war. Als unten die Haustür mit einem lauten Krachen ins Schloss fiel, zuckte
Alexandra zusammen und sah zu Chris auf.
„Das war’s jetzt wohl“, sagte sie mit einem mühsamen Lächeln. „Ich…“
Tränen stiegen ihr in die Augen.
Als Chris sich neben sie auf das Sofa setzte und sie in die Arme nahm, kuschelte
sie sich verzweifelt an ihn und verbarg ihr Gesicht in seinem Nacken. Wieso war
sie nur auf diese Vernissage gegangen? Wieso nur hatte Justin dort sein und alte
Wunden aufreißen und neue schlagen müssen?
„Ich hätt’ dem Typen einen Tritt in den Hintern geben und ihn zu seiner
Scheißkarre schleppen sollen, anstatt mich auf eine Diskussion mit ihn
einzulassen“, sagte Chris mit vor unterdrückter Wut bebender Stimme, während er
sie sanft hin- und herwiegte. „Wenn er noch mal hier auftaucht, dann mach ich
das auch.“
Alexandra schluckte. Lieber, süßer Chris. Sie versuchte, sich das vorzustellen
und musste unter Tränen lächeln. Ja, das würde er tun. Er würde wegen ihr auch
handgreiflich werden. Auch wenn Alexandra das nicht erleben wollte, allein der
Gedanke daran, dass Chris sich so für sie einsetzen würde, erzeugte ein warmes,
wohliges Gefühl in ihrem Herzen.
Sie hob den Kopf und sah Chris an.
„Den Ärger ist er nicht wert“, entgegnete sie und schniefte. „Knall ihm einfach
die Tür vor der Nase zu oder lass Charlie das erledigen. Justin hat eine
Todesangst vor Hunden, der Anblick allein reicht schon.“
Chris schnaubte.
„Das hab ich gemerkt. Er hat sich ja fast in die Hosen gepinkelt, als ich
Charlie losgelassen hab’. Und so was ist mit dir verwandt?“
„Justin war nicht immer so.“ Versonnen streichelte Alexandra über Chris’ Brust.
„Er…irgendwann wurde das, was mein Vater sagte, das Wichtigste auf der Welt für
ihn. Er hatte auch Träume, hat sie aber auf dem Friedhof der Familientradition
begraben. Das hat ebenfalls zu unserer Entfremdung beigetragen.“
Aufmerksam sah Chris sie an.
„Wieso habt ihr euch eigentlich so in die Wolle gekriegt? Ich mein, er hat doch
vorhin ganz vernünftig gewirkt…“
„Weil…ich hab immer darauf gewartet, dass er sich bei mir entschuldigt, dass wir
über unsere Entfremdung reden…Stattdessen hat er angefangen, sich nach dir zu
erkundigen, angeblich aus Sorge. Das war vielleicht ein Grund, aber die Kritik
war ihm deutlich auf die Stirn geschrieben. Ich hab ihm erklärt, dass ihn unsere
Beziehung nichts angeht…von da ab hat sich dann eins ins andere gefügt…“
Alexandra bemerkte, wie Chris die Lippen zusammenpresste und den Blick abwandte.
„Was ist?“
„Ich…“ Chris räusperte sich. „Sehnst du dich nicht manchmal nach einem
einfacheren Leben, wo du dich nicht um alles kümmern musst?“ fragte er dann
leise. „Ich mein, wenn du jemanden heiraten würdest, der Geld hat oder
wenigstens einen vernünftigen Beruf…Es wär vieles leichter für dich.“
Alexandra blinzelte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie das Gesagte
verarbeitet hatte und in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen. Ging
etwa irgendein heimtückischer Virus um, der nur männliche Gehirne befiel und sie
aufweichte?
„Sag mal, hast du dir vorhin den Kopf gestoßen? Chris, wie oft soll ich dir das
noch sagen? DU bist der Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen
will! Du bist derjenige, mit dem ich abends einschlafen und morgens aufwachen
will, nicht irgendjemand mit einem dicken Bankkonto!“
„So hab ich das…“
„Verdammt Chris, ich liebe dich! Es ist mir völlig egal, dass du jünger bist,
dass du kein Geld hast und dass du im Gefängnis warst. Du bist derjenige, der
mich gelehrt hat, dass es die wahre Liebe doch gibt, auch für mich. Kannst du
das denn nicht endlich akzeptieren?“
Alexandra biss sich auf die Lippe, als sie einen erneuten Tritt in die
Rippengegend spürte. Der Zwerg war anscheinend nicht happy darüber, dass sein
Daddy so angebrüllt wurde. Oder ihr Daddy. Sie hatten sich das Geschlecht des
Babys nicht sagen lassen, sondern wollten sich überraschen lassen.
Chris schluckte und zog seine Unterlippe zwischen die Zähne. Er sah derart
schuldbewusst aus der Wäsche, dass Alexandras Ärger verrauchte und sie die Hand
hob, um ihm zärtlich über die Wange zu streicheln.
„Sorry, ich wollte dich nicht so anfahren, aber…Wir hatten das Thema oft genug.
Bitte hör auf, dir darüber Sorgen zu machen, dass du nicht gut genug für mich
wärst. Das ist nicht wahr. Und außerdem…Ich kann mir nicht vorstellen, dass es
nur einen einzigen Mann auf der ganzen Welt gibt, der es außer dir mit mir
aushalten würde“, grinste sie verschmitzt.
Chris schloss für einen Moment die Augen und schüttelte den Kopf. Dann lachte er
leise.
„Vielleicht hast du recht, mit dem letzten Satz, meine ich…“
Alexandra war erleichtert, dass sie Chris aus seiner depressiven Stimmung hatte
reißen können, doch seine breitwillige Zustimmung konnte sie auch nicht auf sich
sitzen lassen. Er hätte wenigstens ein bisschen protestieren können und ihr
versichern können, dass sie die umgänglichste Frau des Universums war. Das
schrie geradezu nach Rache…
„Ach, findest du?“ fragte sie mit gefährlich glitzernden Augen und piekste Chris
in die Seite. Nicht nur er kannte ihre Schwachstellen, sondern sie auch seine.
„Alex…“ quiekte er auf und hob abwehrend die Hände. „Hör auf, ich nehm das
zurück. Du bist…“
„Zu spät, mein Lieber…“
Nur wenige Sekunden später hatte Alexandra es geschafft, ihren zukünftigen
Ehemann auf ein quietschendes, kicherndes Etwas zu reduzieren, welches sich von
hilflosen Lachattacken gequält unter ihr auf dem Sofa wand und um Gnade
bettelte. Es hatte gewisse Vorteile, schwanger zu sein und mit höchster
Rücksichtnahme behandelt zu werden, denn Chris versuchte nur schwach, sie
abzuwehren.
Schließlich erbarmte sich Alexandra und stellte ihre Kitzelattacke ein. Chris
lag rücklings auf dem Sofa, schnappte verzweifelt nach Luft, während sie auf
seinen Hüften saß und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete.
„Soooo, hast du mir was zu sagen?“ fragte sie und fuhr ihm spielerisch mit dem
Zeigefinger über die Brust.
„Du…du bist ein Engel“, japste Chris. „Der Traum…jedes Mannes…Du bist
wunderschön…immer lieb und…und gutgelaunt…sanftmütig….Nicht!“ quiekte er, als
Alexandras Zeigefinger gefährlich in die Nähe seiner Taille wanderte.
Zufrieden grinsend zog Alexandra ihren Finger zurück und beugte sich nach vorne,
um Chris einen Kuss auf die Nasenspitze zu geben. Das war etwas schwierig, ihr
Bauch war ihr bei dem Unterfangen etwas im Weg, doch sie schaffte es.
„Entschuldigung akzeptiert“, befand sie großmütig.
Chris seufzte erleichtert auf.
„Gott-sei-Dank“, murmelte er atemlos. „Noch länger, und du hättest
Wiederbelebungsversuche machen dürfen.“
Alexandra krabbelte mühsam von Chris herunter. Diese emotionale Achterbahnfahrt
der letzten Stunde hatte sie mehr ausgelaugt, als sie zugeben mochte. Ein Baby
mit sich herumzutragen konnte einem ganz schön Energie rauben. Aber diese
letzten Minuten mit Chris hatten ihr einiges von ihrer inneren Ruhe
zurückgebracht. Es hatte ihr gut getan, ihn lachen zu hören und sich von diesem
Lachen anstecken zu lassen. Mochte Justin sich mit seiner bornierten Einstellung
zum Teufel scheren, sie brauchte ihn nicht.
„Na, das wollen wir doch vermeiden“, gab Alexandra mit einem Grinsen zurück.
„So, wir sollten jetzt lieber runtergehen und nachsehen, was dein kleines
Schätzchen wieder verbrochen hat. Ich hoffe, wir brauchen jetzt keine neue
Kücheneinrichtung.“
Chris rappelte sich vom Sofa hoch und folgte Alexandra, die schon vorausgegangen
war.
„Mein Schätzchen? Ich dachte, Lucy gehört uns beiden?“ protestierte er empört.
„Ja, genauso wie Charlie inzwischen uns beiden gehört, außer er hat was
angestellt. Dann ist er plötzlich wieder mein Hund…“
Ungeduldig seufzend warf Justin Hastings die Akte zur Seite, die er seit einer
Stunde versuchte zu studieren. Seit diesem verhängnisvollen Streit mit seiner
Schwester waren nun sechs Tage vergangen, doch die Erinnerung daran hatte ihn
noch immer nicht losgelassen. Was war da nur schief gelaufen? Warum hatte er
sich nicht überwinden können, sich einfach bei ihr zu entschuldigen? Es war nun
einmal nicht richtig von ihm gewesen, sie damals fallen zu lassen wie eine heiße
Kartoffel.
Nun, wie Justin sich nachträglich eingestehen musste, hatte wohl auch ein wenig
der Neid eine Rolle gespielt. Der Neid darauf, dass Alexandra ihrem Herzen
gefolgt war und das getan hatte, was SIE wollte.
Sie hatte gesagt, sie wäre glücklich…Und im Grunde genommen hatte sie auch einen
glücklichen Eindruck gemacht, vor allem dann, wenn sie diesen Jungen angesehen
hatte. Justin schüttelte den Kopf. Als er Chris das erste Mal getroffen hatte,
auf dieser Vernissage, da hatte er wirklich geglaubt, seine Schwester wäre
verrückt geworden und hätte sich mit einem Jugendlichen eingelassen. Das war
auch ein Grund gewesen, warum er mit ihr hatte reden wollen.
Nun, zumindest hatte er die Information erhalten, dass der Vater ihres Kindes
nicht mehr minderjährig war, nur ein paar Jahre jünger als Alexandra. Danach war
ja so ziemlich alles aus dem Ruder gelaufen.
Lucia hatte natürlich wissen wollen, wie sein Gespräch mit Alexandra gelaufen
war. Sie war nicht besonders glücklich gewesen, als er ihr von seinem Misserfolg
berichtet hatte.
Das war nur ein weiteres Problem, das Justin nun hin- und herwälzte. Seine
Verlobte war ziemlich enttäuscht von ihm und er hatte alle Hände voll zu tun, um
sie wieder versöhnlich zu stimmen.
Das nächste Problem war sein Vater. Sollte er ihm erzählen, dass er bald
Großvater werden würde, dass seine jüngste Tochter, deren Namen man in seiner
Gegenwart möglichst nicht erwähnen sollte, ein Kind bekam? Justin war sich nicht
sicher, ob seinen Vater das überhaupt interessieren würde. Aber andererseits
gehörte Alexandra noch immer zur Familie, und die Familienehre ging Marcus
Hastings über alles.
Justin lehnte sich in seinem Sessel zurück und starrte nachdenklich aus dem
Fenster. Was fand sie nur an diesem Jungen? Und vor allem, wo hatte sie ihn
kennen gelernt? Justin war sich sicher, dass Chris O’Connor aus eher einfacheren
Verhältnissen stammte. Er hatte nicht den Eindruck eines College-Studenten auf
ihn gemacht, nicht mit dieser Kleidung, die eher zu jemandem gepasst hätte der
auf der Straße zu Hause war. Vielleicht hatte ihn Alexandra ja dort aufgegabelt,
immerhin hatte sie schon als Kind ein Herz für Streuner gehabt.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Überlegungen. Seine Sekretärin steckte
den Kopf zur Tür herein.
„Mister Hastings? Ihr Vater lässt Sie zu sich bitten. Es sei wichtig.“
Justin hob die Augenbrauen. Was konnte heute schon so wichtig sein? Alle
größeren Fälle waren entweder abgeschlossen oder gut unter Kontrolle. Vielleicht
ging es um eine überraschende Entwicklung oder um einen neuen Fall. Justin stand
auf und zog seinen Krawattenknoten, den er vorher gelockert hatte, wieder fest.
Sein Vater hasste Nachlässigkeiten.
„Danke. Ich werde gleich in sein Büro gehen.“
Und er hasste es, wenn man ihn warten ließ…
***
„Hättest du die Güte, mir das zu erklären?“
Sprachlos starrte Justin das Hochglanzfoto in der Zeitschrift an, die sein Vater
ihm hingeworfen hatte. Es zeigte ihn und Alexandra auf dieser verflixten
Vernissage, ganz offensichtlich im Streit. Was noch schlimmer war, Alexandras
Schwangerschaft war darauf deutlich zu erkennen. Unbewusst griff Justin nach
seinem Krawattenknoten, um ihn wieder zu lockern. Das waren nun Komplikationen,
mit denen er nicht gerechnet hatte…
Er schluckte und richtete den Blick auf den groß gewachsenen Mann hinter dem
schweren Kirschbaumholzschreibtisch. Marcus Hastings hatte sich erhoben und
starrte ihn wütend an. Seine grauen Augen blitzten und erinnerten Justin
unwillkürlich an ein ähnliches Paar Augen, das ihn vor ein paar Tagen genauso
angesehen hatte. Alexandra mochte ihre Familie ablehnen, doch die Verwandtschaft
mit diesem Mann konnte sie nicht ableugnen…
Er räusperte sich.
„Ich…“
„Du triffst deine Schwester und hältst es nicht für nötig, mich davon in
Kenntnis zu setzen, dass sie schwanger ist? Wer ist der Vater?“ donnerte Marcus
Hastings.
Justins Gedanken rasten. Diese verdammten Klatschreporter.
„Ich…dachte nicht, dass dich das interessieren würde“, erklärte er mit schwacher
Stimme. „Du wolltest doch noch nie über Alex…Alexandra reden.“ In letzter
Sekunde fiel ihm noch ein, dass sein Vater die Abkürzung von Alexandras Namen
ebenfalls hasste.
„Das spielt hier keine Rolle. Wenn meine Tochter ein Kind erwartet, dann
interessiert mich das natürlich. Also, weißt du, wer der Vater ist? Ist sie
wenigstens verheiratet?“
Marcus Hastings setzte sich in seinen Stuhl zurück und legte die Fingerspitzen
aneinander, während er seinen Sohn unter buschigen, weißen Augenbrauen hervor
beobachtete.
Justin begann unter diesen Blick zu schwitzen und widerstand gerade noch der
Versuchung, seine Krawatte noch weiter zu lockern. Sein Vater benahm sich, als
wäre Alexandra sechzehn und nicht achtundzwanzig. Verdammt, was sollte er nur
sagen? Lügen? Sagen, sie hätten sich nur gestritten und er wüsste sonst nichts?
Von der Wahrheit würde sein Vater nicht begeistert sein.
„Nein, verheiratet ist sie noch nicht, aber sie hat es vor. Mit dem Vater des
Babys lebt sie zusammen und scheint glücklich zu sein“, antwortete er
schließlich zögernd. Nun, das war zumindest die Wahrheit, auch wenn er ein paar
Details lieber ausgelassen hatte. Sollte sein Vater auf die irrwitzige Idee
kommen, nach San Francisco zu fliegen und Alexandra wegen etwas zur Rede
stellen, dass er ausgeplaudert hatte, dann könnte er sich schon mal seinen
Grabstein bestellen.
Marcus Hastings griff nach der Zeitung und studierte das Foto nochmals
eingehend. Zu Justins Erleichterung war es so fotografiert, dass Chris darauf
größtenteils von Alexandra verdeckt wurde. Der Text dazu war auch wenig
verfänglich. „Justin Hastings, Staranwalt aus L.A., bei einem erbitterten
Streitgespräch mit einer jungen Frau. Wer ist die unbekannte, schwangere
Schönheit?“ Nun ja, es kam darauf an, was man unter verfänglich verstand.
„Sein Name?“
Die herrische Stimme seines Erzeugers ließ Justin hochschrecken.
„Bitte?“
„Herrgott, Junge! Zum Glück bist du im Gerichtssaal nicht so schwer von Begriff,
sonst hätten wir ein ernsthaftes Problem. Der Name von diesem Kerl, der deine
Schwester geschwängert hat!“
Verdammt. Justin biss sich auf die Lippe und überlegte fieberhaft. Wenn er
leugnete, den Namen zu kennen, dann würde er die Sache nur verzögern, aber nicht
verhindern. Marcus Hastings hatte Mittel und Wege, sich die gewünschten
Informationen zu beschaffen. Er musste nur jemanden nach San Francisco schicken,
der das für ihn herausfand. Und erfuhr er dann auch noch durch einen dummen
Zufall, dass er, Justin gelogen hatte, dann hatte er ein gewaltiges Problem.
Er war also sozusagen zwischen zwei verfeindete Fronten geraten und musste sich
für eine Seite entscheiden. Und wie vor neun Jahren siegten sein Respekt und
seine Angst vor seinem Vater.
„O’Connor. Chris O’Connor“, antwortete Justin schließlich und betete, dass er
damit keinen großen Fehler begangen hatte.
***
Marcus Hastings starrte die Tür an, durch die sein Sohn und Erbe soeben wieder
den Raum verlassen hatte. Justin war nervös gewesen, extrem nervös, und das
gefiel ihm überhaupt nicht. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Genauer gesagt, mit diesem Chris O’Connor stimmte etwas nicht.
Alexandra war immer dasjenige seiner Kinder gewesen, dass ihm die meisten Sorgen
bereitet, aber auch den meisten Respekt abverlangt hatte. Von Karen war er
vergöttert worden, Justin hatte sich widerspruchslos seinen Wünschen gefügt…Nur
Alexandra hatte es gewagt, ihm die Stirn zu bieten.
Aber bei allem Respekt für Alexandra hatte er es nie dulden können, dass sie
sich ihm widersetzte. Nachdem seine beiden älteren Kinder Jura studiert hatten,
hatte er für Alexandra eine Karriere als Medizinerin vorgesehen. Er hätte sie in
einer der renommiertesten Privatkliniken unterbringen können. Doch dieses sture
Mädchen war damals auf und davon und war bei dieser Schauspielerin
untergekommen, die sie bei ihrer verrückten Rebellion auch noch unterstützt
hatte.
Marcus Hastings war sicher, dass Alexandra das alles nur aus Trotz getan hatte,
um ihm zu zeigen, dass sie sich von ihm nichts befehlen ließ. Wahrscheinlich
bereute sie mittlerweile, was sie getan hatte und war nur zu stolz, es zuzugeben
und zurückzukommen. Niemand gab den Rückhalt der Familie Hastings freiwillig
auf. Es war ein Name, der einem Tür und Tor öffnete, sei es in der Geschäftswelt
oder in der Welt des Showbusiness. Marcus Hastings hatte dafür gesorgt, dass ein
Teil seines Vermögens gut angelegt war und ihm die besten Verbindungen
bescherte…
Er beugte sich vor und drückte auf einen Knopf der Gegensprechanlage.
„Martha? Sagen Sie Thomas Bescheid, dass ich ihn in meinem Büro sehen möchte.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, unterbrach das Oberhaupt der Familie Hastings
die Verbindung. Martha wurde dafür bezahlt, ihm jederzeit zur Verfügung zu
stehen. Sie hatte jede Minute ihrer Arbeitszeit an ihrem Schreibtisch zu
verbringen. Somit war es ihm gar nicht in den Sinn gekommen, abzuwarten, ob
seine Anordnung bestätigt wurde.
Fünf Minuten später betrat ein etwa fünfzigjähriger, schlanker Mann mit
wässrigen, stechendblauen Augen das Büro. Thomas war seit dreißig Jahren hier in
der Firma tätig, hatte als Bürobote angefangen und sich zu einer Art Faktotum
emporgearbeitet. Wenn es darum ging, Informationen zu beschaffen oder sich
diskret um bestimmte unliebsame Dinge zu kümmern, war er derjenige, den Marcus
Hastings damit beauftragte. Auf die Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit von
Thomas war Verlass.
„Mr. Hastings?“
Mit einer knappen Verbeugung blieb der in einen schwarzen Anzug gekleidete Mann
vor dem Schreibtisch seines Arbeitgebers stehen und sah diesen mit
ausdruckslosem Blick an.
„Ich will, dass Sie Alles über einen gewissen Chris O’Connor herausfinden, der
mit meiner jüngsten Tochter Alexandra zusammenlebt. Mit Alles meine ich Alles.
Wo wurde er geboren, wer sind seine Eltern, wo ging er zur Schule, wo arbeitet
er, wer sind seine Freunde, was für eine Schuhgröße hat er…Verstanden?“
Nur das Heben einer dunklen Augenbraue zeugte von der Überraschung, die Thomas
über diesen Auftrag zu verspüren schien.
„Betrachten Sie de Sache als erledigt, Sir“, entgegnete der Mann. „Wünschen Sie
sonst noch etwas?“
„Nein, nichts weiter. Ach, sagen Sie beim Hinausgehen Martha, dass sie mir eine
Tasse Tee und etwas Gebäck bringen soll.“
Dass Thomas sich mit einem knappen Nicken seines Kopfes verabschiedete und dann
lautlos wieder verschwand, nahm Marcus Hastings schon gar nicht mehr war. Zu
sehr war er in die Betrachtung des Fotos versunken, das Alexandra auf dieser
Vernissage zeigte…
„Weißt du, wo ich den Autoschlüssel hingelegt hab?“
Mit den Händen in seinen Hosentaschen kramend betrat Chris die Küche, wo
Alexandra auf einem Küchestuhl herumlümmelte und die Beine auf einem anderen
abgelegt hatte.
„Der liegt auf dem Kühlschrank, da wo du ihn heute Mittag deponiert hast, aus
welchen Gründen auch immer.“
Nach einem vorsichtigen Blick auf seine Freundin ging Chris zu besagtem
Kühlschrank und schnappte sich den Schlüssel. Er war einkaufen gewesen,
vermutlich hatte ihn der Schlüssel irgendwie beim Einräumen gestört und darum
hatte er ihn dort abgelegt.
Alexandra war in den letzten Tagen ungenießbar gewesen. Es waren noch etwa vier
Wochen bis zum errechneten Geburtstermin und das Netz der Landminen um sie herum
hatte sich extrem verdichtet. Chris wagte manchmal kaum noch, sie anzusprechen,
da er immer öfter Gefahr lief, eine Explosion ungeahnten Ausmaßes zu
verursachen. Natürlich tat es ihr hinterher immer zutiefst leid, dass sie ihn so
angefahren hatte, was dann in einer wortreichen, gefühlvollen Entschuldigung
resultierte.
Hätte Chris aufgrund seiner intensiven Forschungsarbeit nicht gewusst, dass
dieses Verhalten ziemlich normal war, dann hätte er vielleicht in den Glauben
verfallen können, jemand hätte seine Freundin mit einer völlig durchgeknallten,
schizophrenen Furie vertauscht. So aber konnte er sich an die Hoffnung klammern,
dass er nach diesen letzten vier Wochen die Alexandra wiederbekommen würde, die
er kannte. Und sie hatte ja auch noch ihre lichten Momente...
„Ich geh dann mal. Bevor ich zu Doktor Winslow fahre, will ich noch kurz in den
Baumarkt, ich brauch noch Schrauben und Holzleim. Soll ich dir was mitbringen?“
„Ja, `nen Flaschenzug, damit ich mich selber hochziehen kann, wenn ich aufstehen
will“, grollte Alexandra.
Chris seufzte. Aha, wir waren wieder in einer dieser Stimmungen. Er konnte ja
verstehen, dass es nicht angenehm war, von Rückenschmerzen geplagt zu werden,
nicht zu wissen, wie man sich hinlegen soll und seine Innereien als Boxsack
missbrauchen zu lassen...Aber er konnte schließlich auch nichts daran ändern.
Ihm fiel ein, was einer der zukünftigen Väter bei der Schwangerschaftsgymnastik
gesagt hatte, als die Frauen einmal außer Hörweite gewesen waren. Dass es immer
noch besser sei, die weiblichen Launen zu ertragen als selber in dieser Lage zu
sein. Und nach allem, was Chris so mitbekommen hatte, vor allem über die Geburt
an sich, musste er dieser Aussage von ganzem Herzen zustimmen. Da ertrug er doch
lieber Alexandras kratzbürstige Bemerkungen.
Er ging zu ihr hinüber und kniete sich neben sie hin.
„Ach Alex…kann ich irgendwas machen, damit es dir besser geht?“ fragte er
zaghaft.
Alexandra verschränkte die Arme über ihrem nun wirklich ziemlich ansehnlichen
Bauch und sah auf ihn hinunter. Chris erwartete schon eine schnippische Antwort,
doch plötzlich wurde der Ausdruck ihrer Augen weich und sie packte eine
Haarsträhne hinter seinem Ohr und zog liebevoll daran.
„Nein…oder doch…Gib mir einen Kuss, sag mir dass du mich liebst, obwohl ich ein
Walfisch mit unerträglichen Launen bin und versprich mir eine Rückenmassage für
heute Abend“, grinste sie reumütig.
Chris grinste erleichtert zurück. Also doch keine Hinrichtung, zumindest heute
nicht.
„Du bist kein Walfisch. Ich liebe dich über alles und die Rückenmassage kriegst
du auch“, versprach er, während er wieder aufstand und sich zu Alexandra
hinunterbeugte, um die noch ausstehende Forderung zu erfüllen. Dann warf er
einen Blick auf die Küchenuhr.
„Jetzt muss ich aber wirklich los, sonst schaffe ich das nicht mehr. Bis später.
Und ihr seid brav und macht keinen Ärger“, befahl er den beiden Hunden, die
einträchtig nebeneinander auf Charlies Teppich lagen und ihn und Alexandra mit
gespitzten Ohren und heraushängenden Zungen beobachteten.
Lucy war immens gewachsen seit dem Zeitpunkt, als sie vor fast drei Monaten in
dieser Schuhschachtel bei ihnen angekommen war. Aus dem unbeholfenen Hundebaby
war ein richtiger kleiner Rabauke geworden, der seinem Vater außer im Aussehen
in jeder Weise ähnelte. Sie war wie ihre Geschwister etwas schlanker als ihre
Mutter, doch das zottelige, schwarze Fell hatten sie alle von der
Neufundländerhündin geerbt.
Als Trippet vor zwei Wochen die restlichen Welpen vorbeigebracht hatte, hätte
Chris ihren zukünftigen Besitzern am liebsten abgesagt. Die schwarzen Wollknäuel
hatten einfach zu süß ausgesehen. Doch ein Welpe im Haus war mehr als genug, wie
er schweren Herzens hatte einsehen müssen und schließlich waren die zukünftigen
Herrchen und Frauchen von ihm und Alexandra auf Herz und Nieren geprüft worden.
Charlies Sprösslinge hatten alle ein gutes Plätzchen bekommen. Zwei davon
konnten sie sogar gelegentlich besuchen, da Ian wirklich einen der Rüden
genommen hatte und einer seiner Bandkameraden eine Hündin. Das war zumindest ein
kleiner Trost.
Chris bücke sich und streichelte Lucy, die schwanzwedelnd zu ihm gerannt war,
als sie anscheinend begriffen hatte, dass er das Haus verlassen wollte.
„Nein, Kleine, du kannst nicht mit“, lachte er. „Geh zurück und ärgere deinen
Daddy.“
Dann richtete er sich wieder auf und winkte Alexandra noch einmal zu, bevor er
endgültig das Haus verließ.
***
Skeptisch musterte Chris die schon recht baufällig wirkende Lagerhalle, in dem
sich der Laden befinden sollte, an den ihn ein hilfreicher Mitarbeiter des
Baumarktes verwiesen hatte. Die Schrauben, die er benötigte, hatten sie dort im
Moment nicht geführt, aber hier in dieser Eisenwarenhandlung sollte es angeblich
alles Mögliche und Unmögliche geben, was Schrauben anbelangte.
Nun, fragen kostete nichts. Glücklicherweise war er gut in der Zeit und die
Eisenwarenhandlung hatte sowieso auf seinem Weg zu Doktor Winslow gelegen. Ihm
war nur nie aufgefallen, dass hier ein Laden war, der Hof sah eher aus wie ein
verlassener Schrottplatz, mit in einem wüsten Durcheinander vor sich
hinrostender Autoteile und Altmetall.
Chris zog eine Grimasse und schloss den Wagen ab, bevor er langsam auf die offen
stehende Tür zuging, über der ein verblichenes Schild mit der Aufschrift „Ben
Myers“ hing.
Ein muffiger Geruch nach altem Schmieröl und Getriebefett empfing Chris, als er
den Laden betrat. Es war düster, nur ein paar flackernde Leuchtstoffröhren
erhellten den langgestreckten, scheinbar fensterlosen Raum, in dem sich ein
übervolles Regal and das andere reihte.
Mit hochgezogenen Augenbrauen näherte sich Chris der Ladentheke, die sich vor
den Regalen befand. Mochte ja sein, dass es das Zeug, dass er brauchte, hier
gab, doch wie jemand etwas in diesem Chaos finden wollte, das war für ihn ein
Mysterium.
Es war totenstill in dem riesigen Raum, nur von draußen drang ab und zu das
Geräusch eines vorbeifahrenden Autos herein. Chris zog unwillkürlich die
Schultern hoch. Irgendwie war das hier gruselig. Dann schüttelte er den Kopf
über sich selbst. Wahrscheinlich war der Eigentümer irgendein verhutzeltes,
altes Männchen, dessen Großvater das Geschäft gegründet hatte.
Chris überlegte gerade, ob er einfach mal rufen sollte, als er die abgegriffene
Messingklingel auf der staubigen Holztheke entdeckte. Er schlug einmal darauf
und zuckte zusammen. Sie hatte einen schrillen, unangenehmen Klang und war
vermutlich auf dem ganzen Gelände zu hören.
Nachdem der Ton verklungen war, dauerte es ein paar Sekunden, bis Schritte und
ein seltsames, schlurfendes Geräusch begleitet von einer Art Klopfen zu hören
waren. Es schien von weiter hinten zu kommen und Chris blickte suchend in diese
Richtung.
Schließlich trat eine Gestalt hinter einem Regal hervor, bei deren Anblick Chris
der Gruß, den er hatte aussprechen wollen, im Halse stecken blieb.
***
Ein paar Sekunden lang vergaß Chris zu atmen und starrte den Mann in dem
schmutzigen, blauen Arbeitsmantel nur an. Dieser stand unter einer der
Neonröhren, deren Licht sich auf seinem kahlen Schädel spiegelte. Unter den
hochgekrempelten Ärmeln des Arbeitsmantels ragten muskelbepackte Unterarme
hervor, deren dunkle Behaarung fast bis zu den Fingern reichte. Mit einer Hand
stützte der Mann sich schwer auf einen Gehstock. Das war das Klopfen gewesen,
das Chris gehört hatte.
„Was willst du, Junge?“ fragte der Mann unwirsch. Seine Stimme klang, als wären
seine Stimmbänder mit Sandpapier aufgeraut worden.
Chris öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Er spürte, wie ihm der Schweiß
ausbrach und seine Knie anfingen, zu zittern.
Das ist er nicht, das ist er nicht…Diese vier Worte begannen in Chris’ Kopf zu
hämmern, in einem monotonen, immer schneller werdenden Rhythmus. Die Statur, die
Glatze, das alles waren nur oberflächliche Ähnlichkeiten. Carl Lewis hatte wegen
verschiedener Gewaltverbrechen noch zwanzig Jahre abzusitzen.
„Also entweder du sagst mir jetzt, was du willst oder zu ziehst wieder ab“,
bellte der Mann und trat näher. Dabei konnte Chris sehen, dass er ein Bein
nachschleifte.
Er schluckte, um die Trockenheit in seiner Kehle zu beseitigen. Das da vor ihm
war nur ein verbitterter, unfreundlicher Kerl und keine fleischgewordene
Wirklichkeit seiner Alptraumgestalten.
Den Blick fest auf den Mann hinter der Theke gerichtet atmete Chris tief durch.
Das da war nicht Carl Lewis, nur jemand, der ihm ähnlich sah. Kein Grund zur
Panik. Trotzdem schien sein Herzschlag noch immer seine Brust sprengen zu wollen
und er verspürte das fast unwiderstehliche Bedürfnis, einfach kehrtzumachen und
so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Aber dann hätten seine Ängste
den Sieg davongetragen…
„Sag mal, Junge, verstehst du kein Englisch oder was?“
Die nun leicht entnervt klingende Stimme des Carl-Lewis-Abziehbildes unterbrach
Chris’ inneren Monolog. Er gab sich einen mentalen Tritt in den Hintern.
„Entschuldigung, ich…ich bräuchte nur etwa zweihundert von diesen
Holzschrauben“, würgte er schließlich hervor und zog sein „Anschauungsobjekt“
aus der Hosentasche.
Die Schrauben waren für die hintere Veranda bestimmt, deren Bodenbretter schon
teilweise recht morsch waren und die Chris in der nächsten Woche austauschen
wollte. Mit weit ausgestrecktem Arm legte er die Schraube vorsichtig auf die
Theke.
Der Mann dahinter griff danach und runzelte die Stirn.
„Zweihundert von den Dingern willst du? Na dann komm mal mit, die sind da hinten
im Regal. Musst du dir selber runterholen, mein Bruder ist gerade nicht da und
ich kann auf keine Leiter steigen.“ Damit klopfte er sich mit der Hand auf sein
lahmes Bein.
Chris sah dem davonhinkenden Mann hinterher und biss sich hart auf die Lippe.
Heilige Scheiße, was denn noch alles?
Nun, es gab wohl nur zwei Alternativen. Die Geister gewinnen lassen und gleich
abhauen oder diesem Typen da folgen, die verdammten Schrauben holen, ihm das
Geld dafür geben und mit dem Wissen davonfahren, dass man stärker war als seine
Angst…
„Gott, ich wär ein paar Mal am liebsten abgehauen oder hätt dem Kerl eins mit
dem Zeug, das da rumlag, übergezogen. Diese Scheißschrauben waren im hintersten
Winkel, ich musste dann an dem Typen vorbei…Ich hätt ja nicht mal weg gekonnt,
wenn der was versucht hätte…“
Nachdenklich zurückgelehnt sah Doktor Winslow ihrem Patienten zu, der nervös mit
den Händen gestikulierend in ihrem Büro auf und ab lief. Sie hatte Chris schon
bei der Begrüßung angesehen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Er
war zwar immer etwas angespannt vor seinen Terminen, doch so aufgeregt hatte sie
ihn schon lange nicht mehr erlebt. Sie hatte eine gute Viertelstunde gebraucht,
um ihn soweit zu bringen, dass er ihr erzählte, was geschehen war. Dann waren
die Worte wie ein Sturzbach aus ihm heraus gebrochen.
„Ich…als ich von der Leiter wieder runter kam…da stand er mitten im Gang
zwischen diesen Regalen und hat mich angesehen…Keine Ahnung wieso…Und in dem
Moment war er für mich Lewis…“
Chris blieb stehen und wandte sich ihr zu. In seinem Gesicht stand die pure
Verzweiflung geschrieben.
„Ich hab keine Ahnung, was ich gemacht hätte, wenn er auch nur einen Schritt auf
mich zugekommen wäre. Auf einem Regalbrett neben mir lag ein Hammer, denn da
anscheinend jemand vergessen hatte. Ich war fast so weit, mir das Ding zu
schnappen. Doktor Winslow, wenn der Typ nur eine falsche Bewegung gemacht hätte,
ich glaub, dann hätte ich zugeschlagen…“
Mit einem Aufstöhnen ließ Chris sich in einen Sessel fallen und verbarg das
Gesicht in seinen Händen.
„Was ist dann passiert?“
Bevor die Psychologin einen Kommentar zu dieser Geschichte abgab, wollte sie sie
erst zu Ende hören. Chris sah auf.
„Er…er hat sich umgedreht und ist wieder nach vorn gegangen. Dann bin ich ihm
gefolgt, hab bezahlt…und bin weggefahren.“
„Sehr gut.“
„Was ist daran sehr gut?“ fragte Chris entgeistert. „Ich…ich hab mir überlegt,
dem Kerl mit dem Hammer eins überzuziehen, nur weil…“
„…weil Sie in einer beängstigenden Situation waren“, vervollständigte Doktor
Winslow den Satz und beugte sich vor. „Chris, ich kenne Myers, ich habe bei ihm
auch schon einmal was gekauft. Mir war es auch nicht ganz wohl dabei, allein mit
ihm in dieser Halle zu sein, und ich stand die ganze Zeit auf der anderen Seite
der Ladentheke und hätte jederzeit davonrennen können. Er ist…ein unangenehmer
Mensch.“
„Es war ja nicht nur das…“ flüsterte Chris. „Es war unheimlich, ja, aber…das
Schlimmste für mich war seine Ähnlichkeit mit…mit diesem Schwein. Und deshalb
hätte ich beinahe…Was ist, wenn so etwas noch Mal geschieht und…und…“
Die Psychologin schwieg und starrte auf den leeren Block, der auf ihren Knien
lag. Sie verstand, was Chris so belastete. Die Erkenntnis, dass er fast einen
Unschuldigen angegriffen hätte, nur weil dieser zufällig einem seiner
Vergewaltiger ähnlich gesehen hatte. Und die Angst, es eines Tages wirklich zu
tun und einen Menschen möglicherweise zu töten.
Sie wusste im Moment nicht, wie sie Chris diese Angst nehmen sollte, da sie
einen durchaus realen Hintergrund hatte. Er wäre nicht das erste Gewaltopfer,
das etwas Derartiges tat, wenn auch unabsichtlich. Doch es konnte ihn dennoch
ins Gefängnis bringen.
„Chris…ich kann Ihnen nicht versprechen, dass so etwas nie mehr vorkommen wird.
Ich kann Ihnen auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass Sie am
Ende doch immer die Kontrolle behalten werden…Aber etwas weiß ich.“ Hier machte
sie eine Pause, um das Folgende besser auf Chris einwirken zu lassen, der sie
hoffnungsvoll und verstört zugleich ansah.
„Sie waren Ihren Schilderungen nach zu urteilen heute in einer für Sie äußerst
bedrohlich erscheinenden Situation. Sie fühlten sich in die Enge getrieben, auch
wenn das sicherlich nicht Myers’ Absicht war. Und dennoch haben Sie letzten
Endes den Bezug zur Realität nicht verloren. Sie wussten immer, dass das nicht
der Kerl war, der Sie…der Ihnen soviel Schreckliches angetan hat.“
Chris schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich war so nah dran“, würgte er hervor.
„Nah dran gewesen zu sein heißt aber nicht, etwas tatsächlich getan zu haben“,
sagte Doktor Winslow ruhig. „Was würden Sie tun, wenn Sie Carl Lewis eines Tages
tatsächlich gegenüberstehen würden? In einer Situation, in der er keine
Bedrohung für Sie darstellen würde? Wo Ihnen alle Möglichkeiten offen stünden?
Denken Sie genau nach, bevor Sie antworten.“
Die Psychologin lehnte sich wieder in ihrem Sessel zurück und beobachtete Chris,
der die Augen schloss und sich mit den Händen durch die Haare fuhr. Er hatte
sich sehr verändert, seit er das erste Mal vor etwa einem halben Jahr seinen
ersten Termin bei ihr wahrgenommen hatte. Aus dem verschreckten, verstörten Kind
– denn viel mehr war er trotz seines Alters er nicht gewesen – war ein
erwachsener junger Mann geworden, der entschlossen war, sein Leben zu meistern,
der bald heiraten und Vater werden würde. Chris war ein Patient, auf den sie
stolz sein konnte und der ihr bedingungslosen Respekt abverlangte.
Doktor Winslow war sich fast sicher, die Antwort auf ihre Frage zu kennen. Im
Lauf der Zeit hatte sich ein fundiertes Vertrauensverhältnis zwischen ihr und
Chris aufgebaut, er sprach mit ihr über Gefühle, über die er mit sonst niemandem
reden würde. Er hatte von seinen Rachegefühlen gesprochen, gegenüber allen, die
dazu beigetragen hatten, ihn zu diesem fast gebrochen Häufchen Mensch zu machen,
dass er am Anfang gewesen war. Aber er hatte auch gesagt, dass Rache nichts von
dem wieder gut machen würde. Dass es ihm deshalb nicht besser gehen würde.
„Ich würd gehen.“ Chris hob den Kopf und sah sie an. „Ich glaub, ich würd
einfach gehen. Ich würde mir Mühe geben, nicht weg zu rennen, die Befriedigung
würde ich ihm nicht geben wollen. Aber ich würde mir mein Leben nicht noch mehr
versauen, indem ich ihm etwas antue. Das wäre es nicht wert.“
Doktor Winslow nickte. Ja, diese Antwort hatte sie erwartet. Chris war seine
Gegenwart und seine Zukunft wichtiger als Rache an der Vergangenheit. In dieser
Beziehung war er erwachsener und vernünftiger als manch einer ihrer älteren
Patienten.
„Dann sollten Sie sich nicht zu viele Sorgen wegen des heutigen Ereignisses
machen“, sagte sie bestimmt. „Jeder von uns trägt Ängste mit sich herum, würde
in bestimmten Situationen kopflos und ohne zu überlegen reagieren. Sie haben
sich heute von Ihrer Angst nicht überwältigen lassen. Chris, nicht jeder mit
Ihrer Vergangenheit hätten das geschafft. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt,
dass Sie einer der stärksten Menschen sind, die ich während meiner Arbeit kennen
gelernt habe…Was Sie mir gerade erzählt haben, bestärkt diesen Eindruck nur.“
Sie schenkte Chris ein warmes Lächeln.
„Sie…Sie glauben also, dass ich mir zu viele Gedanken deswegen mache? Dass
ich…dass ich eigentlich…normal reagiert habe?“ fragte er vorsichtig. „Ich
meine…normal für meine Verhältnisse?“
„Normal für Ihre Verhältnisse“, bestätigte die Psychologin. „Und ganz ehrlich,
wäre ich an Ihrer Stelle gewesen, allein mit Myers in diesem Laden, in die Ecke
gedrängt ohne Fluchtweg, ich glaube, ich hätte mich auch nach einer Waffe
umgesehen…Das nennt man wohl Überlebensinstinkt.“
Ein wenig von seiner Anspannung schien Chris nun zu verlassen. Er schaffte es
sogar, ihr Lächeln zu erwidern, wie Doktor Winslow beruhigt feststellte.
„Danke“, sagte er leise. „Sie haben da mal wieder ein bisschen was in meinem
Kopf gerade gerückt.“
„Dazu bin ich schließlich da.“ Doktor Winslow legte den Block zur Seite. Sie war
heute gar nicht dazu gekommen, irgendwelche Notizen zu machen. Das musste sie
später nachholen.
„Schon…aber bei Ihnen hab ich immer das Gefühl, dass Sie mich wirklich ernst
nehmen und zu verstehen versuchen. Ich bin froh, dass Alex mich damals zu Ihnen
geschleppt hat und nicht zu jemandem anderen.“
Die Psychologin musste schmunzeln. Chris konnte so entwaffnend ehrlich sein,
dass es einem im ersten Moment die Sprache verschlug.
„Nun, dass sie Sie herschleppen musste, spricht ja nicht gerade für meinen Ruf“,
scherzte sie, ihn absichtlich missverstehend, um die Stimmung etwas
aufzulockern.
„Nein, so hab ich das nicht gemeint“, protestierte Chris verlegen. Dann schienen
ihm ihre belustigt funkelnden Augen aufzufallen und seine Wangen verfärbten sich
leicht rosa.
„Ich weiß, wie Sie das gemeint haben“, beruhigte Doktor Winslow ihren Patienten
und stand auf. „Geht es Ihnen nun wieder besser?“
„Ja. Danke noch Mal.“ Chris war ebenfalls aufgestanden und reichte ihr die Hand
zum Abschied. „Bis nächste Woche.“
Nachdem sich die Tür hinter Chris geschlossen hatte, seufzte die Psychologin
auf. Wenn nur alle ihre Patienten so gut auf die Therapiesitzungen ansprechen
würden. Chris war zwar noch nicht soweit, um wirklich allein klar zu kommen,
aber ein Ende war abzusehen. Beim nächsten oder übernächsten Mal würde sie ihm
vorschlagen, die Sitzungen auf zwei pro Monat zu reduzieren, als Testphase.
Das es dazu nicht mehr kommen würde, konnte sie an diesem Nachmittag noch nicht
ahnen…
Mit mehr Kraft als nötig bearbeitete Alexandra mit dem Fleischklopfer die beiden
Steaks, die vor ihr auf einem Holzbrett auf der Küchentheke lagen. Sie war
frustriert. Frustriert und schlecht gelaunt.
Chris sollte innerhalb der nächsten halben Stunde von seinem Termin bei Doktor
Winslow zurückkommen. Der arme Kerl hatte es in letzter Zeit wirklich nicht
einfach mit ihr gehabt. Alexandra konnte sich manchmal selber nicht leiden. Aber
diese Warterei, dass die Zeit bis zur Geburt endlich verging, macht sie noch
verrückt. Weniger, weil sie ihr Baby endlich in den Armen halten wollte, als
vielmehr, weil sie sich wie ein zu stark aufgeblasener Luftballon zu fühlen
begann.
Wenn diese ruhigen Momente nicht wären, wo sie an Chris gekuschelt im Bett oder
auf dem Sofa lag und er fasziniert versuchte, die Bewegungen des Babys zu
ertasten, dann wäre sie vermutlich schon längst durchgedreht. Ihn dabei zu
beobachten, wie er mit fast schon kindlicher Freude versuchte, Kontakt zu seinem
ungeboren Sohn oder seiner ungeborenen Tochter herzustellen, entschädigten
Alexandra für vieles. Doch leider nicht für alles. Ihr fehlte der Sport, die
Möglichkeit, sich zu verausgaben und sich damit vom Stress und manchem
Alltagsfrust zu befreien. Schwangerschaftsgymnastik war kein Ersatz dafür.
Ab nächster Woche würde sie noch nicht einmal mehr ihre Arbeit als Ablenkung
haben. Für den Rest der Schwangerschaft hatte sie eine Vertretung eingestellt,
einen älteren Kollegen, der vor kurzem seine Praxis aufgegeben hatte, aber
festgestellt hatte, dass er ohne seinen Beruf doch noch nicht leben mochte.
Sicher, es war in letzter Zeit schon etwas beschwerlich geworden, sie hatte die
Öffnungszeiten etwas reduzieren müssen, weil ihr das Stehen langsam schwer
gefallen war, aber sie hatte etwas zu tun gehabt. Ab nächster Woche blieb ihr
nur noch die Warterei.
Chris war aufgeregter als sie wegen der Geburt. Sie hatten vor kurzem darüber
diskutiert, ob er dabei sein sollte. Alexandra war von der Vorstellung nicht
begeistert. Sie wusste, wie sensibel er war und fürchtete, dass es zuviel für
ihn werden könnte. Immerhin machte es nicht einfach „Plopp“ und das Baby war da.
Aber bisher kämpfte Chris tapfer um sein Recht, als Vater dabei sein zu dürfen,
wenn sein Kind auf die Welt kam. Sollte er seine Meinung nicht ändern, dann
würde sie wohl oder übel zustimmen.
Alexandra zog eine Grimasse, als sie sich an das letzte Gespräch vor ein paar
Tagen über dieses Thema erinnerte…
~
„Wieso willst du denn unbedingt dabei sein?“ Irritiert sah Alexandra Chris an,
der neben ihr im Bett lag. Er hatte den Kopf auf seinem angewinkelten Arm
abgestützt und zupfte an einer ihrer Locken herum. Sie selbst lag ihm zugewandt
auf der Seite. Auf dem Rücken schlafen ging einfach nicht mehr.
„Na, ich will dich nicht allein lassen. Immerhin bin ich ja schuld dran…“
„Wir beide sind verantwortlich dafür.“
„Ja…aber dann bringen wir beide es auch zur Welt.“
Alexandra seufzte entnervt. Chris war wieder in einer seiner sturen Stimmungen,
genau wie damals, als er unbedingt mit dem Kampfsporttraining hatte anfangen
wollen. Nichts, was sie sagte, würde ihn von seinem Entschluss abbringen können.
Aber Alexandra wäre nicht Alexandra gewesen, wenn sie so einfach nachgegeben
hätte.
„Eine Geburt ist kein Spaß“, sagte sie langsam. „Glaubst du wirklich, dass du
das packst?“
Sie sprach es nicht aus, doch sie meinte damit, ob er es durchstehen würde, wenn
sie vor Schmerz schrie und er nichts dagegen tun konnte, außer daneben zu sitzen
und ihr gut zuzureden.
Chris schluckte fast hörbar und wich einen Moment lang ihrem forschenden Blick
aus. Aha, doch nicht ganz so überzeugt. Alexandra gab sich schon fast der
Hoffnung hin, ihn zumindest ein wenig weich gekocht, Zweifel in ihm gesät zu
haben, als er wieder aufsah.
„Du musst es doch auch packen. Meinst du echt, ich könnte irgendwo draußen
sitzen und dich damit allein lassen?“
Okay, Hoffnungen zerschlagen. Allem Anschein nach würde sie Chris wohl kaum
davon abbringen können, mitzukommen. Außer sie würde ihn kurz vor dem
Geburtstermin von Jack und Ian entführen lassen. Doch den Gedanken schob
Alexandra schnell beiseite. Das würde er ihr nie verzeihen – und sie sich auch
nicht.
~
Ja, sie musste sich wohl damit anfreunden, dass Chris sie in den Kreißsaal
begleiten würde. Es war ja nicht so, dass er nicht wusste, was auf ihn zukommen
würde, aber es war etwas anderes, darüber einen Artikel zu lesen als zusehen zu
müssen, wie die eigene Frau oder Freundin darum kämpfte, das gemeinsame Kind zur
Welt zu bringen.
So, die Steaks waren wohl nun endgültig tot. Alexandra legte den Fleischklopfer
beiseite und griff nach den Gewürzdosen, die sie neben sich aufgebaut hatte. Nur
nicht zuviel würzen, das vertrug sie im Moment nicht. Gott, sie würde
wahrscheinlich einen Freudentanz aufführen, wenn das hier endlich vorbei war.
Ein Tritt in ihrem Bauch ließ sie die Gewürzdose, die sie gerade in der Hand
hielt, beiseite stellen und tief durchatmen. So wie es aussah, würde sie den
Zwerg so bald es ging mit ins Training nehmen, er oder sie bewies jetzt schon
großartiges Talent, was Kicks anbelangte.
Charlie, der der es mit einer Engelsgeduld über sich ergehen ließ, von Lucy als
Kletterfelsen missbraucht zu werden, spitzte plötzlich die Ohren und stand auf.
Dabei purzelte sein Töchterchen von seinem Rücken und jaulte erschrocken auf. Im
nächsten Moment jedoch hatte sie sich schon wieder erholt und folgte ihrem Vater
laut quiekend hinaus in den Flur. Bellen konnte man das, was sie zur Zeit von
sich gab, beim besten Willen noch nicht nennen. Jedenfalls nicht bei einem Hund
ihrer Größe.
Alexandra seufzte und schüttelt den Kopf. Während Charlie noch immer in erster
Linie ihr Hund war, so gehörte Lucy mit Leib und Seele Chris. Er war derjenige
gewesen, der sie mit der Flasche großgezogen hatte, bis sie normales
Welpenhundefutter fressen konnte und ihm gehörte ihr ganzes kleines Hundeherz.
Für Lucy hatte er sogar seine Hemmungen überwunden und auch Charlie wieder in
ins Schlafzimmer gelassen. Der war neidisch auf Lucy geworden, weil diese dort
schlafen durfte, von wo er verbannt worden war. Als Kompromiss löschten sie nun
das Licht, wenn sie sich liebten oder nutzten tagsüber jede Gelegenheit, um
einmal ungestört zu sein.
Das Quieken nahm an Lautstärke zu, als die Haustür geöffnet wurde. Alexandra
hörte Chris lachen und liebevoll auf Lucy einreden. Die Zuneigung beruhte
jedenfalls auf Gegenseitigkeit. Es war wohl gut so, dass sie sich wirklich
darauf geeinigt hatten, dass er „Hausmann“ spielen würde, sobald das Baby da
war. Die Hunde würden anfangs sowieso schon eifersüchtig genug sein, dass da
plötzlich jemand da war, dem man mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihnen.
Alexandra grinste, als sie sich einen gestressten Chris mit schreiendem Baby auf
dem Arm vorstellte, umgeben von zwei um Zuwendung bettelnden Hunden, und
überkochenden Kochtöpfen…
Der Gegenstand ihrer amüsanten Phantasien kam mit einer begeistert hechelnden
Lucy auf dem Arm in die Küche. Ein Kichern entschlüpfte Alexandra, als sie die
beiden betrachtete. Kein Wunder, das Lucy Chris so liebte, sie hatten beide die
gleiche Strubbelfrisur und die gleiche Haar- beziehungsweise Fellfarbe. Die
hellen Strähnen waren bei Chris schon längst verschwunden, seine nun wieder
pechschwarzen Haare hatte er sich von Kay erst vor kurzem wieder zurechtstutzen
lassen.
„Lang kannst du das mit ihr aber nicht mehr machen, sie ist schon ziemlich groß
geworden“, schmunzelte Alexandra, als Chris auf sie zukam um ihr einen
Begrüßungskuss zu geben.
„Oh ja…und schwer“, lachte Chris. Lucy fing an, in seinen Armen zu strampeln und
er setzte sie wieder auf den Boden, von wo aus sie mit heraushängender Zunge und
schwanzwedelnd zu ihm aufschaute.
Chris lehnte sich mit der Hüfte gegen die Küchentheke und verschränkte die Arme,
während er Alexandra forschend musterte.
„Geht’s dir wieder besser?“ erkundigte er sich vorsichtig, als erwartete er
jeden Moment eine Explosion.
Alexandra fühlte eine Welle von Schuldgefühlen in sich hochsteigen. Er traute
sich ja schon fast nicht mehr, sie anzusprechen. Du liebe Zeit, war sie wirklich
so eine Furie geworden? Dann dachte sie an heute morgen, als Chris sie nur
gefragt hatte, was für Patienten heute schon eingeplant waren. Sie hätte ihm
beinahe den Kopf abgerissen, weil sie sich wieder bevormundet gefühlt hatte. Oh
ja, sie war eine Furie…
„Ja, ich bin okay“, sagte sie und bemerkte, wie er sich fast unmerklich ein
wenig entspannte.
Sie stellte die Pfanne, die sie gerade auf den Herd hatte stellen wollen, zur
Seite und wandte sich Chris zu, der sie mit schiefgelegtem Kopf ansah.
„Tut mir leid, das ich die letzten Tage so…so unerträglich war. Es ist nur…ich
kann mich kaum noch vernünftig bewegen, jedenfalls nicht so wie vorher, ich fühl
mich, als würde ich jeden Moment platzen und ich könnte wegen jedem Mist
anfangen zu heulen. Und…und du musst das alles ausbaden…“
Alexandra spürte die Tränen in ihren Augen aufwellen. So, jetzt war es also
wieder soweit. Sie hasste dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Sie wollte Chris ja
eigentlich meistens gar nicht so anfahren, aber der Frust ließ sie einfach um
sich schlagen. Und Chris war normalerweise der Einzige, der da war, und
demzufolge alles abbekam.
„Hey, Alex, ist doch alles nicht so schlimm. Ich lebe ja noch.“
Chris zog sie seitlich an sich und schlang seine Arme um ihre nicht mehr
vorhandene Taille. Alexandra lehnte sich an ihn und drehte sich ein wenig, so
dass sie wenigstens ihren Kopf in seinem Nacken verbergen konnte.
„Ich bin so ein Ungeheuer“, schluchzte sie. „Du…du tust alles für mich…und…und
ich schnauze dich nur noch an. Wie kannst du das nur mit mir aushalten.“
Sie fühlte, wie Chris ihr mit einer Hand durch die Haare strich und sie ganz
fest an sich drückte. Nein, er hatte es nicht verdient, so wie sie ihn die
letzten Tage behandelt hatte. Er war immer verständnisvoll, hilfsbereit,
liebevoll, ganz egal, wie ekelhaft sie zu ihm war. Jetzt ging es ihm endlich
einigermaßen gut, er hatte nur selten Alpträume in der Nacht, und wenn, dann
waren sie nicht heftig…dafür musste sie sich zu einem wandelnden Alptraum bei
Tag für ihn entwickeln.
Die Tränenflut ließ sich einfach nicht mehr stoppen. Alexandra hatte absolut
keine Ahnung was mit ihr los war. Sie war sich selber fremd. Ihre gelegentliche
Kratzbürstigkeit hatte sich zur alltäglichen Gewohnheit entwickelt, sie war
genervt, schlecht gelaunt und ließ all ihre negativen Gefühle an Chris aus. Und
nun machte sich das schlechte Gewissen bemerkbar.
Fast willenlos ließ Alexandra sich von Chris zu einem Stuhl führen und sich von
ihm auf seinen Schoß ziehen. Sie umarmte ihn heftig.
„Alex…komm schon, hör auf zu weinen“, bat Chris. „Ich bin dir doch nicht böse,
wirklich nicht. So schlimm warst du ja auch wieder nicht.“
Alexandra löste sich ein wenig von ihm und wich zurück, um ihm ins Gesicht zu
sehen. Riesige braune Augen blickten sie ernsthaft und flehend an.
„Lügner, “schniefte sie vorwurfsvoll. „Ich bin…“
„Du bist das Wichtigste für mich auf der Welt“, wurde sie von Chris
unterbrochen. „Ich weiß doch, dass das Alles jetzt gerade nicht einfach für dich
ist“, fügte er leise hinzu. „und ich weiß auch, dass du das Meiste gar nicht so
meinst.“
Alexandra schluckte und wischte sich mit dem Handrücken über ihre tränennassen
Wangen. Zu was für einem Jammerlappen hatte sie sich da nur entwickelt. Einem
unberechenbaren, kratzbürstigen Jammerlappen. Wut über sich selbst stieg in ihr
hoch. Du liebe Zeit, die paar Wochen würde sie jetzt auch noch rumkriegen. Auf
diesem Planeten liefen im Moment wahrscheinlich Millionen Schwangere herum – und
sie schob hier so einen Aufstand.
„Tut mir leid“, sagte sie schließlich und brachte ein schiefes Lächeln zustande.
„Ich verspreche dir, mich zu bessern, großes Indianerehrenwort.“
Chris betrachtete sie einen Moment lang forschend, bevor auch er anfing zu
lächeln.
„Viel Zeit hast du ja nicht mehr dafür“, grinste er verschmitzt und streichelte
ihr dabei über den Bauch. „Dich zu bessern, meine ich. Wenn das Baby endlich da
ist, dann krieg ich hoffentlich endgültig die alte Alex zurück, die mich nur
etwa alle zwei, drei Tage mal am Spieß rösten will…“
***
Es war ein herrlicher Frühlingstag. Chris saß mit einer Tasse Kaffee in der Hand
auf den Stufen der hinteren Veranda und sah Charlie und Lucy beim Herumtollen
zu. Alexandra war oben, ein Mittagsschläfchen halten und er wollte den
Freitagnachmittag noch dafür nutzen, die restlichen Blumen einzupflanzen.
Sie wollten die Hochzeit hier im Garten feiern und Chris hatte es sich in den
Kopf gesetzt, diesen dafür in ein Blumenmeer zu verwandeln. Natürlich hatte er
keine Ahnung gehabt, wie er das bewerkstelligen sollte, aber Mary Jo hatte sich
da als großartige Ratgeberin erweisen. Er hatte Alexandra von seinen Plänen
nichts erzählt, sie wunderte sich zwar über sein plötzliches Interesse an
Gartenarbeit, hatte aber nicht weiter nachgeforscht.
Chris hatte immer wieder über den Vorfall diese Woche mit diesem
Carl-Lewis-Double nachgedacht, vor allem darüber, was Doktor Winslow danach zu
ihm gesagt hatte. Es war vielleicht ein glücklicher Zufall gewesen, dass er
gleich darauf einen Termin bei ihr gehabt hatte. Sie hatte ihm die Panik, dass
er wirklich einmal ausrasten und jemanden schwer verletzen oder gar umbringen
würde, wenigstens größtenteils wieder ausreden können. Eine gewisse Sorge war
zwar geblieben, doch die war so gering, dass Chris damit leben und sie in den
hintersten Winkel seines Bewusstseins verbannen konnte.
Chris trank seinen Kaffee aus und stand auf. Genug gefaulenzt, wenn er heute
noch ein Stück weiterkommen wollte, dann musste er sich ranhalten. Es war
sowieso schwierig, hier im Garten etwas zu tun, wenn einem die Hunde dauernd
zwischen den Füßen herumwuselten. Besonders Lucy hielt es anscheinend für ein
großartiges Spiel, alles, was er eingegraben hatte, wieder auszugraben. Aber
auch Charlie stand ihr nicht viel nach.
Chris hatte gerade seine Tasse auf dem Gartentisch abgestellt, der auf der
Veranda stand, als Charlie die Ohren spitzte und aufmerksam zur Straße
hinaussah. Chris fragte sich, ob er wohl einen anderen Hund gesehen hatte, als
er Schritte hörte und gleich darauf zwei Männer um die Hausecke bogen. Einer
davon war Kendall, Marcs Vorgesetzter, der andere ein Polizist.
„Hallo Chris“, begrüßte ihn Kendall knapp.
„Mr. Kendall? Was…was machen Sie denn hier?“ fragte Chris verwirrt und warf dem
Polizisten einen argwöhnischen Blick zu. Er hatte ein flaues, unangenehmes
Gefühl im Magen. Dieser Polizist behielt ihn mit der Hand an seiner Waffe genau
im Auge, Kendalls Gesicht trug einen undurchdringlichen Ausdruck… Chris
beschlich die unerfreuliche Vorahnung, dass er den Grund für diesen Besuch nicht
mögen würde.
Kendal holte tief Luft. Dann zog er ein Schriftstück aus seiner Jackentasche und
entfaltete es, bevor er es Chris reichte.
„Es tut mir leid, aber…bei einer Überprüfung hat sich herausgestellt, dass bei
Ihrem Bewährungsverfahren ein Fehler unterlaufen ist. Bis das geklärt ist, ist
die Bewährung rechtlich unwirksam.“
Chris hatte das Blatt Papier zwar entgegengenommen, jedoch noch keinen Blick
darauf geworfen. Stattdessen starrte er Kendall verständnislos an.
„Was…was soll das heißen…unwirksam? Ich bin seit fast eineinhalb Jahren draußen,
jetzt hab ich noch zwei Monate vor mir…“ Er schluckte. Unwirksam, hatte Kendall
gesagt. Unwirksam hieß soviel wie nichtig. Wenn seine Bewährung also nichtig
war…
Ein eisiger Klumpen der Angst begann sich in seinem Magen zu formen, als ihm die
Bedeutung dieses Wortes bewusst wurde. Und der Grund, warum Kendall in
Begleitung eines Polizisten hier war.
Verschwommen nahm er wahr, dass Charlie verhalten knurrte. Der Hund schien zu
spüren, dass hier etwas nicht in Ordnung war, dass der Besuch dieser beiden
Männer nichts Gutes bedeutete.
Kendall räusperte sich.
„Soweit ich das sehe, sollte es kein Problem sein, dass Ihre Bewährung auch
nachträglich bestätigt wird. Allerdings…“
„Was allerdings?“ Chris’ Stimme zitterte. Er kannte die Antwort bereits, auch
wenn er es nicht wahrhaben wollte.
„Die Zeit bis zum Abschluss der Überprüfung werden Sie in San Quentin verbringen
müssen.“
Schwarze Punkte begannen vor Chris’ Augen zu tanzen. San Quentin…Zurück in
diesen Alptraum. Weil irgendwo ein dummer Fehler unterlaufen war.
„Chris, machen Sie jetzt bitte keinen Ärger, das würde sich nur ungünstig
auswirken. Nehmen Sie sich einen Anwalt, das wird die Sache beschleunigen.“
Sie waren gekommen, um ihn zurück zu bringen. Um ihn von seinem Zuhause
wegzuholen, und…von Alex.
Er schrak zusammen, als mit einem Krachen die Tür zur Veranda aufflog.
„Was ist hier los? Wieso stehen ein Polizeiauto und ein Polizeibeamter vor
meinem Haus?“
Chris sah hoch zu Alexandra, die mit geballten Fäusten auf der Treppe stand. Sie
trug einen bequemen Jogginganzug und Wollsocken. .Es schien, als wäre sie gerade
eben aufgestanden. Ihr Pferdeschwanz hatte sich halb aufgelöst und einzelne,
wirre Strähnen ihrer widerspenstigen Locken hingen ihr ins Gesicht. Großer Gott,
er konnte sie doch jetzt nicht alleine lassen. Das konnte doch niemand von ihm
verlangen.
Kendall setzte zu einer Erklärung an, wurde jedoch von lautem Reifenquietschen
unterbrochen, das irgendwo von der Straße her bis in den Garten hallte.
„Was wollen Sie hier?“ fragte Alexandra nochmals und kam herunter, um sich neben
Chris zu stellen. „Jetzt stehen Sie nicht herum wie eine Marmorstatue, sondern
erklären mir, was der Zirkus soll.“
Chris wünschte sich nichts mehr, als sich an Alexandra klammern zu können und
darauf zu vertrauen, dass sie ihn beschützen würde, dass sie ihm sagen würde,
dass das alles nicht wahr wäre. Doch das war eine schöne Illusion, die nichts
mit der kalten, harten Realität zu tun hatte, die so plötzlich über sie
hereingebrochen war.
„Doktor Hastings…“
Was Kendall zu Alexandra sagte, nahm Chris gar nicht mehr richtig wahr. Das
einzige, was er mitbekam, war, dass es eine ziemlich heftige Auseinandersetzung
wurde. Er sah hinunter zu Lucy, die sich, verstört von den lauten Stimmen, eng
an seine Beine drängte.
Seine kleine, heile Welt schien sich gerade aufzulösen und es gab nichts, was er
dagegen tun konnte. Er musste Alexandra allein lassen, Lucy, Charlie…Und er
musste in seine persönliche Hölle zurück.
Marc fluchte, wie er noch nie in seinem Leben geflucht hatte. Wenn ihn seine
Mutter jetzt gehört hätte, dann hätte sie sich wohl gefragt, ob sie bei seiner
Erziehung irgendetwas falsch gemacht hatte. Er gebrauchte sämtliche Flüche und
Kraftausdrücke, die ihm in seinen Leben jemals untergekommen waren, um seiner
Frustration Herr zu werden.
Ausgerechnet jetzt musste jede Ampel rot sein.
„Verdammte Hühnerscheiße“, knirschte er. „Nun mach…“
Kaum hatte die Ampel umgeschalten, gab er auch schon Gas. Wieso hatte Kendall
ihm auch nicht früher Bescheid geben können. Der Kerl wusste doch, dass er mit
Chris befreundet war. Aber vielleicht war genau das der Grund gewesen. Sein Boss
hatte wohl befürchtet, dass seine Freundschaft zu Chris für ihn stärker gewogen
hätte als sein Pflichtgefühl. Womit er nicht ganz unrecht hatte. Und vor diesem
Dilemma hatte Kendall ihn wohl bewahren wollen.
Marc scherte sich nicht um irgendwelche Geschwindigkeitsbeschränkungen. Mit
quietschenden Reifen bog er schließlich in die Straße ein, in der Chris mit
Alexandra wohnte und betete, dass er noch nicht zu spät war, dass er vorher noch
mit Chris reden und ihm klar machen konnte, dass er um Gottes Willen nicht
durchdrehen sollte. Denn genau das fürchtete er, würde passieren.
Verdammter Kendall. Wieso hatte der Typ das nicht ihm überlassen? Er war für
Chris verantwortlich. Er hätte sich darum kümmern müssen. Kendall hatte doch
keine Ahnung, was es für Chris bedeuten würde, nach San Quentin zurück zu
müssen.
Seine Hoffnungen, Chris vorbereiten, ihm klarmachen zu können, dass er das
durchstehen würde, zerschellten in winzige Partikel, als er den Polizeiwagen vor
Alexandras Haus parken sah. Marc stoppte dahinter und stieg eilig aus. Er
ignorierte den Beamten, der im Vorgarten stand, und wollte gerade das Gartentor
öffnen, als Kendall von hinten aus dem Garten kam, dahinter ein Polizist, der
Chris führte, dessen Hände mit Handschellen gefesselt waren. Marc blieb stehen
und schüttelte abwehrend den Kopf. Verdammt, wieso war er denn nicht schneller
gewesen?
Chris hielt den Blick starr vor sich auf den Boden gerichtet. Seine ganze
Haltung drückte Hoffnungslosigkeit und Resignation aus. Das war nicht der Junge,
der ihm noch vor ein paar Tagen halb lachend, halb stöhnend erklärt hatte, er
wäre froh, wenn der „Zwerg“ endlich da und Alexandra wieder sie selbst wäre.
„Chris!“ Marc nahm sich nicht die Zeit, seinen Vorgesetzten zu grüßen. Er trat
hastig auf seinen Freund zu, der langsam den Kopf hob. Marc erschrak über den
leeren, stumpfen Ausdruck in Chris’ Augen.
„Hey, das wird schon wieder“, sagte er hilflos. „Das…das ist nur eine Formsache.
Du bist im Null-Komma-Nichts wieder draußen.“ Er wusste, dass er log, doch das
war ihm völlig egal. Es würde sicherlich ein paar Wochen dauern, bis die
Überprüfung abgeschlossen war. Die kalifornischen Behörden waren nicht gerade
für ihre Schnelligkeit und Effektivität bekannt. Aber das war nichts, was Marc
Chris im Moment sagen würde. Er sah schon fertig genug aus.
„Passt du auf Alex auf? Und…und auf die Hunde? Und ruf Mary Jo an, sie hat die
Kurzwahl 1…Marc, tust du das?“ fragte Chris mit erstickter Stimme.
„Klar…mach dir deswegen keine Sorgen“, entgegnete Marc und sah nun zum ersten
Mal zu Alexandra, die neben dem Polizeibeamten stand, der Chris festhielt. Sie
hatte die Arme um sich selbst geschlungen und ihr Blick war starr auf ihren
Freund gerichtet. Ihr Gesicht war kreidebleich und Marc fürchtete, dass sie
jeden Moment zusammenbrechen würde.
„Danke“, war alles was Chris noch hervorbrachte, bevor er sich widerstandslos
zum Polizeiwagen führen ließ.
„Wir sehen uns am Montag im Büro.“ Kendall folgte den Polizisten. Marc bemerkte
erst jetzt, dass der Wagen seines Vorgesetzten vor dem der Polizisten geparkt
war. Die ganze Situation erschien ihm wie ein bizarrer Alptraum, wie mussten
sich erst Alexandra und Chris dabei fühlen?
Chris saß nun auf dem Rücksitz des Polizeiwagens. Er hatte sich halb umgedreht
und sah zu Alexandra. Marc schnitt dieser Blick geradezu wie ein Messer in sein
Herz. Die hilflose Wut, die nach Kendalls Anruf in ihm aufgestiegen war kehrte
mit aller Macht zurück. Es mochte ja etwas schief gegangen sein bei diesem
Bewährungsverfahren, aber wieso hatte das noch aufkommen müssen? Wieso überhaupt
und wieso jetzt?
Der Streifenwagen fuhr los. Hinter sich hörte Marc ein unterdrücktes Schluchzen
und wandte sich zu Alexandra um, die mit leerem Blick auf die Stelle starrte, wo
eben noch der Wagen mit Chris gestanden hatte.
„Hey…“ sagte er, völlig ahnungslos, was er jetzt mit Alexandra anfangen sollte.
Die beiden Hunde saßen nebeneinander vor dem Gartentor und starrten in die
Richtung, in der das Auto verschwunden war, das ihr Herrchen mitgenommen hatte.
Der kleinere schwarze Hund stieß ein klägliches Winseln aus. Marc war froh, dass
Chris noch die Geistesgegenwart besessen hatte, den beiden mit einigermaßen
fester Stimme zu befehlen, dass sie da bleiben sollten.
Alexandra sah ihn nur ausdruckslos an, bevor sie sich umdrehte und zurück in den
Garten hinter dem Haus ging. Marc schloss das Gartentor, damit die beiden
Vierbeiner nicht doch noch auf die Idee kamen, dem Auto hinterher zu rennen und
folgte ihr dann hastig. Das einzige, was er jetzt für Chris tun konnte, war sein
Versprechen einzulösen und sich um Alexandra zu kümmern. Wenigstens das, wenn
schon nichts anderes.
„Alex, warte“, rief er, doch Alexandra beachtete ihn gar nicht.
„Was willst du jetzt machen?“ versuchte er es noch mal, während er hinter ihr
die Stufen der Veranda hinaufeilte.
„Chris einen Anwalt besorgen.“
Marc folgte Alexandra ins Haus und sah ihr zu, wie sie das Telefon hochnahm und
im Telefonbuch nach einer Nummer suchte. Der eingebaute Anrufbeantworter
blinkte, doch das schien sie gar nicht zu interessieren.
Es schien sie auch nicht zu interessieren, dass er mitgekommen war, denn sie
würdigte ihn keines Blickes, während sie mit jemandem namens Sam telefonierte,
und diesem Jemand relativ ruhig und sachlich schilderte, was soeben geschehen
war. Aus dem, was er mitbekam, schloss Marc, dass Alexandras Gesprächspartner
besagter Anwalt war. Gut, somit war dieses Problem schon gelöst. Aber so ganz
traute Marc dem Frieden nicht. Er konnte nur erahnen, was es für Chris
bedeutete, nach San Quentin zurück zu müssen, aber Alexandra musste es wissen.
So wie er sie einschätzte, würde sie nicht zögern, ihm ihre Meinung dazu
mitzuteilen, sobald sie einen klaren Gedanken fassen konnte.
Sie beendete das Gespräch und warf das Telefon auf den Tisch. Dann legte sie den
Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Marc konnte sehen, dass ihr die Tränen
über die Wangen rannen. Er räusperte sich.
„Alex?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Alexandra ihn gehört zu haben schien und ihm
ihr Gesicht zuwandte. Auf den Ausdruck purer, ungezügelter Wut in ihren grauen
Augen war er nicht vorbereitet.
„Wieso verdammt noch mal hast du nicht angerufen und uns gewarnt?“
Marc hatte erwartet, dass sie ihn anschreien würde, doch ihre Stimme klang
eiskalt und beherrscht. Ihm lief ein Schauer über den Rücken und ihm wurde
plötzlich klar, dass Alexandra niemand war, mit dem er sich gerne anlegen würde.
Dass ihr Zorn sich nun auf ihn zu konzentrieren schien, gefiel ihm ganz und gar
nicht.
„Alex, ich hab…“
„Ich dachte, Chris wäre dein Freund!“ unterbrach sie ihn und kam auf ihn zu.
Marc wich unwillkürlich eine Schritt zurück. Schwanger oder nicht, er traute ihr
durchaus zu, dass sie handgreiflich werden würde. Besänftigend hob er die Hände.
„Hör zu, Chris ist mein Freund. Das steht vor allem anderen, auch vor meinem
Job. Ich hab…“
„Wieso hast du dann nicht Bescheid gesagt, dass die Polizei zu uns unterwegs
ist, du Mistkerl? Wieso hast du zugelassen, dass sie Chris abholen? Das steht er
nicht durch! Scheiße, Marc, er hat gesagt, er bringt sich eher um als dahin
zurückzugehen!“
Jetzt schrie Alexandra doch. Die Tränen strömten ihr über das Gesicht und sie
machte keinen Versuch, sie wegzuwischen.
Marc raffte all seinen Mut zusammen und trat auf sie zu, um ihr die Hände auf
die Schultern zu legen. Er hatte keine Ahnung, wie er Alexandra beruhigen
sollte, er machte sich ja selbst wahnsinnige Sorgen um Chris und ihre Worte
waren nicht gerade förderlich für seinen Seelenfrieden gewesen. Chris würde doch
nicht wirklich versuchen, Selbstmord zu begehen? Doch nicht, wenn es soviel für
ihn gab, wofür es sich zu leben lohnte?
„Alex, ich hab versucht anzurufen. Ich hab auf euren Anrufbeantworter
gesprochen, weil niemand rangegangen ist. Kendall hat mir erst Bescheid gesagt,
als er schon zu euch unterwegs war“, sagte er schnell, bevor Alexandra ihn
wieder unterbrechen konnte. „Ich bin so schnell es ging hergekommen. Aber auf
diese Entscheidung selbst hatte ich keinerlei Einfluss. Bitte glaub mir, ich
würde nie etwas tun, das Chris in irgendeiner Weise schaden könnte.“
Die Wut in Alexandras Augen machte bei Marcs Worten nach und nach einer
unbeschreiblich tiefen Verzweiflung Platz. Marc spürte, wie Alexandras Schultern
nach unten sackten und ein Teil der Anspannung ihren Körper verließ. Stattdessen
begann sie zu zittern.
„Mein Gott, Marc, wie konnte das nur passieren?“ flüsterte sie. „Wieso muss er
denn zurück? Er hat doch nichts falsch gemacht…“
Marc hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte. Diese Fragen hatte er
sich selbst schon gestellt und keine Erklärung dafür gefunden, außer dass Fehler
eben vorkamen und dass das die übliche Vorgehensweise war. Doch das half
niemandem weiter, am allerwenigsten Chris oder dessen Freundin. Vorsichtig zog
er Alexandra, die nun hemmungslos schluchzte, in seine Arme und versuchte ihr
auf diese Weise wenigstens ein bisschen Trost zu spenden. Dabei betete er, dass
Chris vernünftig bleiben und sich nicht zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen
lassen würde.
***
Chris saß auf einem unbequemen Stuhl in einer Art Wartezimmer, neben sich ein
Gefängniswärter, und hielt den Blick starr auf den Boden zu seinen Füssen
gerichtet. Dieser war grau, wie alles hier in San Quentin. Nachdem die
Bürokratie erledigt gewesen war, hatte man ihn zur „Entlausung“ gebracht, einer
routinemäßigen Maßnahme, die bei allen Neuankömmlingen durchgeführt wurde, damit
kein Ungeziefer eingeschleppt wurde. Seine graue Anstaltskleidung hatte er
bereits bekommen. Nun saß er hier und wartete darauf, zur ärztlichen
Eingangsuntersuchung geführt zu werden, die auch eine Leibesvisitation
beinhaltete. Den Gedanken daran versuchte Chris so gut wie möglich zu
verdrängen. Er war damals beim ersten Mal schon geschockt gewesen und er hatte
keine Ahnung, wie er jetzt auf diesen empfindlichen Eingriff in seine
Intimsphäre reagieren würde.
Chris hatte bisher alles wie in Trance über sich ergehen lassen, die Fahrt
hierher, die Übergabe an das Wachpersonal…. Wie eine Marionette hatte er alles
mit sich machen lassen, hatte getan, was man von ihm verlangte. Es war, als
würde sein Gehirn sich weigern, die Tatsache zu akzeptieren, dass er wirklich
wieder hier war. Auf einer Bewusstseinsebene klammerte Chris sich an die
irrationale Hoffnung, dass er vorhin im Garten einfach eingeschlafen war und
dass ihn jeden Moment Charlies nasse, schlabbernde Zunge aus diesem Alptraum
rausholen würde. Oder dass Lucy ihm auf den Bauch hüpfte, weil ihr langweilig
geworden war. Oder dass Alexandra ihn mit einem amüsierten Grinsen wachrütteln
würde.
Es konnte einfach nicht sein, dass das hier passierte, durfte nicht sein. Es gab
soviel, worum er sich kümmern musste, Alexandra brauchte ihn doch dringend…
Doch es war keine dieser drei Möglichkeiten, die ihn aus seinem nicht enden
wollenden Gedankenkarussell herausriss, sondern eine gleichgültige, männliche
Stimme.
„Bringen Sie ihn rein. Ist ja hoffentlich der letzte für heute. Ich will endlich
nach Hause.“
Chris fühlte, wie er am Arm gepackt und hochgezogen wurde. Dann wurde er in ein
ärztliches Behandlungszimmer geführt. Nach all dem düsteren Grau tat das Weiß
der Einrichtung seinen Augen weh. Gequält kniff er sie zu und hoffte, dass es
schnell gehen würde. Nicht, dass er so scharf darauf war, dass man ihn in seine
Zelle brachte, aber er hatte einen abgrundtiefen Horror davor, sich von diesem
Mann vor ihm anfassen zu lassen.
Chris schaltete völlig ab, während er sich zwang, die Untersuchung über sich
ergehen zu lassen. Die Fragen, die man ihm stellte, beantwortete er fast tonlos.
Der Arzt leuchtete ihm in die Augen, hörte sein Herz ab, maß seinen Puls und
nahm eine Blutprobe.
„Soweit alles in Ordnung. Jetzt kommen wir zum unangenehmeren Teil.“
Dieser Geschmack in ihrem Mund war widerlich. Einfach nur widerlich. Eine
Mischung aus faulen Eiern und noch etwas anderem, das Alexandra in ihrem
vernebelten Zustand nicht genau definieren konnte. Am liebsten wäre sie wieder
eingeschlafen, doch mit diesem ekligen Geschmack auf der Zunge konnte sie das
nicht. Wo kam der nur her?
Mühsam begann sie zu blinzeln. Grelles Licht stach ihr ihn die Augen und dann
sagte ihr auch ihr Geruchssinn, dass das hier definitiv nicht ihr Schlafzimmer
war. Ein Hauch von Desinfektionsmittel lag in der Luft, was sie ein wenig an den
Geruch in ihrem Behandlungszimmer erinnerte. Alexandra riss die Augen auf und
starrte an die in strahlendem Weiß gestrichene Decke, als ihr die Ereignisse der
vergangenen Stunden lawinenartig wieder ins Gedächtnis polterten.
Die Polizisten, die Chris abgeholt hatten…Die abgrundtiefe Verzweiflung in
seinem Blick…Das Gefühl, jemand würde ihr mit einem stumpfen Gegenstand das Herz
ganz langsam zerfleischen…Marc…dann der blitzartige, reißende Schmerz in ihrem
Bauch…
Das Baby. Mit einem leisen Aufschrei versuchte Alexandra sich aufzurichten, nur
um gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zurück in die Kissen zu
fallen. Jetzt wusste sie, was sie gleich zu Beginn gestört hatte. Ihr Bauch war
zu flach. Und jetzt erinnerte sie sich auch wieder daran, was gestern geschehen
war. Marc hatte einen Krankenwagen gerufen, der sie ins Krankenhaus gebracht
hatte. Und dann…Den Schmerzen nach zu urteilen mussten Ärzte einen Kaiserschnitt
gemacht haben. Aber was war mit dem Baby?
Vorsichtig setzte Alexandra sich auf. Scheiße, tat das weh. Doch sie ignorierte
den Schmerz, es gab Wichtigeres zu tun als darauf zu achten. Zuerst musste sie
herausfinden, ob es ihrem Kind gut ging, dann würde sie sich darum kümmern, was
mit Chris passiert war. Ob Sam schon etwas herausgefunden hatte. Sie schlug die
Decke zurück und wollte gerade die Beine über die Bettkante schwingen, als die
Tür aufging und Mary Jo das Zimmer betrat.
„Oh Gott, Alex, du bist wach“, rief ihre Freundin und eilte zu ihr. „Warte, ich
helfe dir.“
„Mary Jo, was ist mit meinem Baby?“
Alexandra schlug das Herz bis zum Hals, während sie in Mary Jos Gesicht nach
einer Antwort auf ihre Frage suchte. Lieber Gott, bitte, lass nichts mit dem
Baby passiert sein, flehte sie lautlos. Nicht auch das noch.
Mary Jo begann zu lächeln. „Du hast ein Mädchen. Ein gesundes kleines Mädchen…“
Alexandra schloss die Augen. Mit dem Kind war alles in Ordnung. Wenigstens hatte
der Himmel da ein Einsehen gehabt. Aber Chris war nicht hier um seine
neugeborene Tochter auf dieser Welt zu begrüßen und sie in die Arme zu nehmen.
Diesen unwiederbringlichen Moment hatte man ihm gestohlen und keine Macht der
Welt würde ihm das wiedergeben können. Es würden vielleicht Wochen verstreichen,
bis er das tun konnte. Und wie mochte es ihm jetzt gehen?
„Alex?“ erklang Mary Jos besorgte Stimme und Alexandra spürte, dass ihre Wangen
feucht waren. Zornig wischte sie die Tränen weg. Heulen half auch nichts, weder
ihr selbst noch ihrem Freund.
„Ich bin okay“, würgte sie hervor und sah ihre Freundin an.. „Hast du…hast du
was von Chris gehört?“
„Mr. Adams ist mit der Anwältin ins Gefängnis gefahren“, erklärte Mary Jo und
setzte sich neben Alexandra auf das Bett. „Sie braucht ein paar Unterschriften
von Chris, damit sie Akteneinsicht bekommt. Mehr weiß ich im Moment auch nicht.
Alex, dass wird schon wieder“, fügte sie hinzu und legte einen Arm um Alexandras
Schultern.
„Das hoffe ich“, flüsterte Alexandra erstickt. „Ich…ich hab doch keine Ahnung,
was ich ohne Chris tun soll.“
Dankbar ließ sie sich von Mary Jo in eine Umarmung ziehen und begann leise zu
schluchzen. Sie konnte diese nagende Angst einfach nicht abschütteln, dass Chris
sich etwas antun würde, so, wie er es angedroht hatte. Ihre einzige Hoffnung
war, dass ihre Liebe und der Gedanke an das Baby ihm die Kraft und den Mut geben
würden, diesen Horror durchzustehen. Was für Gefahren in San Quentin auf ihn
lauerten, daran wollte sie gar nicht denken. Und schon gar nicht daran, wie
Chris sich im Angesicht dieser Gefahren fühlen mochte. Sie waren doch beide
felsenfest davon überzeugt gewesen, dass dieser Teil seines Lebens endgültig und
für immer abgeschlossen war. Chris hatte sich das letzte Jahr mustergültig
verhalten, hatte noch nicht einmal einen Strafzettel wegen Falschparkens
kassiert. Er war gesetzestreuer gewesen als die meisten „normalen“ Bürger…
„Willst du dir die Kleine denn nicht ansehen?“ fragte Mary Jo, als Alexandra
sich wieder etwas beruhigt hatte. „Du musst auch noch ihren Namen angeben. Ihr
habt doch einen ausgesucht, nicht wahr?“
Alexandra schluckte und nickte. Ja, sie hatten einen Mädchen- und einen
Jungennamen ausgesucht. Einen Namen, den sie dem Kind gemeinsam hatten geben
wollen. Aber jetzt würde sie es allein tun müssen.
Mary Jo löste sich sanft von ihr und stand auf. „Ich sag der Schwester Bescheid,
dass sie dir das Baby bringen soll, okay?“
***
Chris schlug die Augen auf. Die Neonröhre an der Decke flackerte unregelmäßig
und erhellte den kalten Raum mit den rohen, feuchten Steinwänden nur wenig. Er
runzelte die Stirn. Wie war er hierher gekommen?
Er schloss die Augen wieder und versuchte sich zu erinnern, doch da war nichts.
Er hatte doch nichts getan, dass ihn an diesen Ort hätte bringen können. Dieser
Ort, das musste das „Loch“ sein, wie es von den Insassen von San Quentin genannt
wurde. Häftlinge, die bei einem massiven Regelverstoß erwischt worden waren oder
sich auf Prügeleien eingelassen hatten, wurden hierher gebracht. Sozusagen ins
Gefängnis im Gefängnis.
Chris hätte nie gedacht, dass er das Loch jemals von innen sehen würde. Er
kannte es bisher nur aus den Beschreibungen der Anderen. Es war ein winziger
Raum mit einer harten Pritsche, ohne Decke oder Kissen, in der Ecke eine
stinkende, verdreckte Toilette, daneben ein halbverrostetes Waschbecken. Die
einzige Belüftung war ein kleines, vergittertes Viereck in der schweren
Stahltür.
Er konnte soviel darüber nachgrübeln wie er wollte, doch er kam einfach nicht
auf den Grund, warum er hier war. Mit einem leisen Aufstöhnen rollte er sich auf
die Seite und zuckte zusammen. Sein linker Brustkorb war extrem empfindlich, als
hätte er dort einen Schlag abbekommen. Langsam und vorsichtig setzte Chris sich
auf und betastete seine Rippen. Das Atmen schmerzte ein wenig und er hoffte,
dass nichts gebrochen war.
Er fühlte sich wie fünfmal durchgekaut und wieder ausgespuckt. Kein unbekanntes
Gefühl, doch diesmal wusste er nicht, wieso. Sein rechter Arm tat ebenfalls weh
und als er den Ärmel seines Hemdes ein Stück hoch rollte, bemerkte er den
riesigen blauen Fleck auf dem Unterarm. Du liebe Zeit, hatte er sich etwa
tatsächlich geprügelt? Das war so gut wie unmöglich, er war Schlägereien immer
aus dem Weg gegangen, weil er sowieso nie eine Chance gehabt hätte. Er war
einfach nicht der Typ für so etwas.
Verzweifelt schüttelte Chris den Kopf. Was um alles in der Welt war nur
passiert? Wieso war er denn nicht in der Lage sich daran zu erinnern, woher er
diese Verletzungen hatte? Fing er jetzt etwa langsam an, durchzudrehen? Ein
Wunder wäre es ja nicht, nach allem, was geschehen war.
Wenigstens hatte das Ganze auch etwas Gutes. Er musste Lewis zumindest ein paar
Stunden lang nicht ertragen. Vielleicht hatte man ihn ja sogar zu mehreren Tagen
im Loch verdonnert, das wäre noch besser. Chris war die Einsamkeit in dieser
verkommenen Zelle tausendmal lieber als auch nur fünf Minuten von Lewis’
Gegenwart.
Mit beiden Händen fuhr er sich durch die Haare und stutzte. Das konnte doch
nicht sein. Sie waren viel zu kurz, gingen ihm knapp bis über die Schulter.
Lewis würde ausflippen, wenn er das sah. Chris wurde fast schlecht vor Angst und
sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sein Zellengenosse und „Beschützer“
ließ nicht mit sich spaßen und hatte Chris mehr als einmal drastisch vor Augen
geführt, was für Folgen es hatte, wenn er etwas tat, das ihm nicht gefiel. Und
das würde ihm definitiv nicht gefallen.
Bevor Chris in totaler Panik versinken konnte, lenkte ihn jedoch die Frage ab,
wieso seine Haare jetzt plötzlich so kurz waren. Er hatte sie sich weder selbst
abgeschnitten, noch konnte er sich daran erinnern, dass es jemand anders getan
hatte. Was war hier eigentlich los? Das konnte er doch nicht vergessen haben?
Hatte das vielleicht etwas mit dem Grund für seine Strafe zu tun?
Aber wenn, dann musste ihn doch Lewis verprügelt haben. Hatte ihn vielleicht für
seinen Ungehorsam bestrafen wollen, wegen der kurzen Haare. Nur…wieso war er
dann hier und nicht Lewis? Vielleicht gab es ja mehrere Zellen wie diese und
Lewis war in einer der anderen.
Chris biss sich auf die Unterlippe, bis sie fast zu bluten begann, während er
sich darauf konzentrierte, in seinen Erinnerungen nach den Ereignissen zu
wühlen, die zu seinem Hiersein geführt hatten. Während er überlegte, rieb er
sich fast unbewusst seine geröteten Handgelenke. Sie waren an einigen Stellen
leicht aufgeschürft, anscheinend hatte er sich gegen die Handschellen gewehrt,
mit denen man ihn gefesselt haben musste.
Plötzlich erstarrte er. Auf der Innenseite beider Handgelenke waren Narben zu
sehen, als hätte er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Fassungslos
betrachtete Chris diese Male. Der Wärter hatte ihn doch damals gefunden, mit ihm
geredet und ihn von seinem Vorhaben abgebracht. Er hatte es nicht getan, da war
Chris sich ganz sicher. Er hatte es vorgehabt, aber…
Er fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach, obwohl jedes Fünkchen Wärme aus seinem
Körper gewichen war. Seine Hände begannen zu zittern und sein Atem kam in
kurzen, abgehackten Stößen. Großer Gott, war es jetzt wirklich soweit gekommen?
War er verrückt geworden? Wusste er nicht mehr, was real war und was Einbildung?
Hatte Lewis es geschafft, ihn mit seinen Grausamkeiten so weit zu treiben, dass
sein Gehirn sich weigerte, manche Erinnerungen preis zu geben? Was war schlimmer
, als die brutalen Vergewaltigungen, die Schmerzen, die sein Zellengenosse ihm
regelmäßig und mit Absicht zufügte, die Demütigungen, wenn er von Lewis’
gezwungen wurde, einem von dessen Kumpanen zu Willen zu sein, während Lewis
selbst dabei zusah. Keiner von denen stand Lewis in Brutalität nach, es gefiel
ihnen, machte sie an, wenn Chris vor Schmerz schrie und weinend darum bettelte,
dass sie doch aufhören sollten. Lewis teilte nicht gern, doch manchmal schuldete
er dem einen oder anderen seiner Freunde einen „Gefallen“ und die forderten
grundsätzlich nur das Eine…Erst vor ein paar Tagen war es wieder so weit gewesen
und Chris wurde übel, wenn er nur daran dachte. Es war doch vor ein paar Tagen
passiert oder bildete er sich das jetzt etwa ein und es war gestern gewesen oder
vor zwei Monaten?
Chris war so gefangen in seiner Verzweiflung, dass er das Öffnen der Tür nicht
hörte und den Wärter erst wahrnahm, als dieser direkt vor ihm stand und ihn
unsanft am Arm packte um ihn hochzuziehen. Instinktiv versuchte Chris
zurückzuweichen, doch der Kerl war stärker als er.
„Na, haben wir uns wieder beruhigt?“ fragte der Mann spöttisch und zerrte ihn
nach draußen vor die Zelle, wo ein anderer Wärter bereits darauf wartete, Chris
Handschellen anzulegen. „Deine Anwältin will mit dir sprechen. Ich hoffe, du
benimmst dich manierlich, sonst wanderst du gleich wieder hierher, klar?“
Chris starrte den Wärter, der gesprochen hatte, verstört an. Welche Anwältin?
Unruhig wanderte Marc in dem kleinen Raum mit den
vergitterten Fenstern auf und ab. Die einzigen Möbelstücke waren ein
zerkratzter, grauer Tisch und ein paar Stühle. An dem Tisch saß Sam Lindstroem,
die Anwältin, die Alexandra angerufen hatte, bevor sie zusammengebrochen war.
Gestern war erst einmal das komplette Chaos ausgebrochen, nachdem Alexandra zu
allem Überfluss auch noch Wehen bekommen hatte. Zum Glück war ihm noch
eingefallen, was Chris gesagt hatte und er hatte diese Freundin angerufen, die
innerhalb von fünf Minuten vor der Tür gestanden war und das Kommando übernommen
hatte. Mrs. Anderson hatte sich um alles gekümmert, angefangen davon, dass
Alexandra ihre Tasche mit ihren Sachen dabei hatte als der Krankenwagen kam bis
zur Versorgung der Hunde, die später von Sanders und dessen Freund abgeholt
worden waren.
Danach war sie mit ihm ins Krankenhaus gefahren. Marc war sich dabei wie ein
Schuljunge vorgekommen, der seiner Mutter Rede und Antwort stehen musste, denn
Mrs. Anderson hatte erst Ruhe gegeben, als sie auch das kleinste und
unwichtigste Detail aus ihm herausgequetscht hatte. Ein Gutes hatte es
wenigstens gehabt, sie waren beide von ihrer Sorge um Alexandra abgelenkt
gewesen.
Sie hatten dort auf diesem Krankenhausflur gesessen, auf diesen harten
Plastikstühlen, als eine Schwester auf sie zugekommen war und gefragt hatte, ob
sie die Begleitung von Alexandra Hastings wären. Dann hatten sie erfahren, dass
man hatte einen Kaiserschnitt machen müssen, dass alles gut gegangen wäre und
Mutter und Kind wohlauf waren. Marc hätte nicht erleichterter sein können, wenn
es sich um Anne und seinen eigenen Nachwuchs gehandelt hätte.
Ja, und nun war er hier und brannte darauf, Chris zu erzählen, dass er Vater
geworden war. Es würde zwar auf der einen Seite ein Schlag für ihn sein, da er
hatte unbedingt bei der Geburt dabei sein wollen, aber andererseits würde es ihm
den Mut und die Kraft geben, durchzuhalten. Alexandra war für Chris das
Wichtigste auf der Welt, er würde alles für sie tun. Und nun war da noch jemand,
der ihn dringend brauchte. Marc tat es nur leid, dass er nicht wenigstens ein
Foto des Babys hatte mitbringen können, doch heute Morgen war einfach keine Zeit
mehr gewesen, um ins Krankenhaus zu fahren.
Diese Anwältin machte einen äußerst kompetenten Eindruck, sie wirkte
entschlossen und durchsetzungsfähig und Marc traute ihr durchaus zu, dass
Verfahren auf Rekordzeit zu beschleunigen. Die zuständigen Stellen würden
vermutlich alles tun, nur um sie wieder loszuwerden. Marc hatte wenig Erfahrung
in derartigen Angelegenheiten, doch so wie er die Behörden kannte, würden sie
die Sache verschleppen, wenn niemand da war, der ihnen sozusagen Feuer unter dem
Hintern machte. Und Sam schien ein Flammenwerfer zu sein.
„Würden Sie sich bitte setzen, Sie machen mich total verrückt“, seufzte Sam.
„Deswegen kommt er auch nicht schneller her.“
„Ach, verflixt, ich werde erst wieder ruhig sein, wenn ich mit Chris geredet
habe. Diese ganze Sache ist ein einziger Alptraum.“
Marc zog sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich verkehrt herum
darauf. Sam hatte ja recht, sein Herumgerenne würde Chris nicht herzaubern. Also
würde er sich zusammenreißen und sich ruhig verhalten. Nervös klopfte er mit den
Fingern auf der Stuhllehne herum und sprang sofort wieder auf, als endlich die
Tür aufging und Chris von einem Wärter hereingeführt wurde. Die Begrüßung blieb
Marc jedoch beim Anblick seines Freundes im Hals stecken.
Chris sah fürchterlich aus. Er war kreidebleich und dunkle Schatten lagen unter
seinen Augen. Die graue Anstaltskleidung, die man ihm gegeben hatte, schien ein
paar Nummern zu groß zu sein und ließ ihn dadurch noch zierlicher wirken, als er
eigentlich war. Viel zu jung, um all das durchgemacht zu haben wovon Marc sich
sicher war, nur einen winzigen Bruchteil zu wissen.
Sam war ebenfalls aufgestanden und trat auf Chris zu.
„Hallo Chris“, sage sie und streckte ihm zur Begrüßung die Hand hin, nachdem der
Wärter ihm die Handschellen abgenommen hatte. „Wie geht es Ihnen?“
Das gehauchte „Gut“ war kaum zu verstehen und eindeutig gelogen. Zögernd ergriff
Chris die dargebotene Hand und schüttelte sie.
„Setzen Sie sich. Ich habe leider nicht viel Zeit, daher muss ich gleich zur
Sache kommen. Ich brauche einige Unterschriften von Ihnen, damit ich
Akteneinsicht bekomme und offiziell von Ihnen autorisiert bin, Sie bei der
Prüfung Ihrer Bewährung zu vertreten. Machen Sie sich bitte keine Sorgen, wir
werden das Ganze schnellstmöglich über die Bühne bringen, damit Sie bald zurück
nach Hause können.“
Während Sam geredet hatte, hatte sie Chris genötigt, sich zu setzen und mehrere
Formulare aus ihrer Aktentasche gezogen. Diese breitete sie vor ihm auf dem
Tisch aus und reichte ihm einen Kugelschreiber. Marc hatte den Eindruck, dass
Chris überhaupt nicht wusste, wie ihm geschah, denn er würdigte die Blätter und
den Stift keines Blickes sondern starrte Sam stattdessen verwirrt an.
„Ähm…hören Sie, das muss ein Irrtum sein…Ich…ich hab kein Geld für einen
Anwalt…“
„Darüber machen Sie sich keine Sorgen, das ist erledigt. Oder denken Sie etwa,
Alex würde wollen, dass Sie eine Sekunde länger als notwendig hier drin
verbringen?“ Sam fackelte nicht lange und drückte Chris den Kugelschreiber in
die Hand. Dann deutete sie auf die Stellen, wo er unterschreiben sollte. Chris
sah sie noch einen Moment lang unsicher an, bevor er seine Aufmerksamkeit auf
die Formulare richtete.
Marc beobachtete ihn stirnrunzelnd. Das war nicht der Chris, den er kannte, der
ihm noch vor ein paar Tagen halb lachend, halb stöhnend sein Leid geklagt hatte,
der aufgeregt gewesen war, weil das Baby bald kommen sollte und gleichzeitig vor
Freude darüber gestrahlt hatte. Das hier war ein völlig anderer Mensch.
Verstört, verschüchtert und völlig durcheinander.
Er hatte eigentlich erwartet, dass Chris ihn mit Fragen überhäufen würde, wie es
Alexandra ging, ob alles mit ihr in Ordnung war. Stattdessen hatte er ihn bisher
nicht beachtet, so als würde er ihn überhaupt nicht kennen. War Chris etwa
wütend, weil er sich verraten fühlte? Aber wäre seine Sorge um Alexandra nicht
stärker gewesen als alles andere?
Marc fühlte eine Welle von Schuldgefühlen in sich hochsteigen, auch wenn er sich
rein objektiv gesehen nichts vorzuwerfen hatte. Aber Kendall hatte von seiner
Freundschaft mit Chris gewusst und ihn daher bis zum allerletzten Moment außen
vor gehalten.
Er presste die Lippen zusammen und sah zu, wie Chris die Schriftstücke überflog
und fast unmerklich erstarrte, als er am Ende des ersten angelangt war. Der
Junge schreckte regelrecht zusammen, als Sam ihn ansprach.
„Chris? Stimmt etwas nicht?“
Chris sah hoch. „Nein…Alles…alles okay…Wo muss ich unterschreiben?“ Seine Stimme
klang merkwürdig heiser.
„Hier, neben dem Datum. Chris, sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?“
Besorgt musterte ihn Sam, ein Gefühl, das Marc durchaus nachvollziehen konnte.
Chris’ Verhalten war ihm langsam aber sicher nicht mehr geheuer. Er verhielt
sich, als wären er und Sam vollkommen Fremde für ihn.
Chris’ Antwort auf Sams Frage bestand aus einem Nicken. Er unterschrieb die
anderen Schriftstücke und Marc sah, dass seine Hand dabei zitterte. Er musste
mehrmals absetzen und wieder von Neuem beginnen.
„Sehr gut“, sagte Sam schließlich befriedigt. Sie schien, abgesehen von einer
gewissen Verwirrtheit anscheinend nichts Ungewöhnliches an Chris’ Verhalten zu
bemerken. Nun, sie hatte ihn auch schon eine ganze Weile lang nicht gesehen und
die Situation war immerhin beängstigend für Chris. Marc dagegen machte sich
wirkliche Sorgen.
Sam nahm die unterschriebenen Vollmachten und verstaute sie in ihrer
Aktentasche.
„So, jetzt muss ich aber wirklich los. Marc wird Sie über alles Weitere
aufklären und sobald ich Neuigkeiten habe, melde ich mich bei Ihnen. Lassen Sie
sich nicht unterkriegen, Chris, Sie schaffen das schon.“ Sie griff nach Chris’
Schulter und drückte sie kurz, bevor sie sich abwandte und zur Tür ging, die der
Wärter für sie öffnete.
Chris senkte den Kopf und richtete den Blick auf die verkratzte Tischplatte.
Marc hatte die ganze Seit gestanden und setzte sich nun ihm gegenüber auf den
Stuhl, den Sam soeben verlassen hatte. Ihm war ein aberwitziger Verdacht
gekommen. Er betete, dass sich dieser Verdacht nicht bestätigen würde, doch es
gab einiges, dass darauf schließen ließ, dass Chris nicht einfach nur völlig
verstört war, wie er anfangs gedacht hatte, sondern dass der Junge schlicht und
einfach keine Ahnung hatte, wer er selbst oder Sam waren.
Marc räusperte sich und sah zu dem Wärter neben der Tür. Sollte er wirklich
recht haben, dann wäre es wohl weniger von Vorteil, wenn jemand davon erfahren
würde. Er konnte Chris also kaum direkt mit seiner Vermutung konfrontieren,
solange sie nicht alleine waren. Aber er konnte versuchen, herauszufinden, ob er
recht hatte und wie weit sein Freund sich an nichts erinnerte.
„Gibt es noch irgendetwas, was du fragen möchtest? Wie es jetzt weitergeht, um
Beispiel? Oder…etwas Anderes?“ Forschend musterte er Chris und hoffte, dass er
sich doch getäuscht hatte, dass der Junge nur durcheinander war. Aber wenn er
sich jetzt nicht nach Alexandra erkundigte…
Seine Befürchtungen wurden bestätigt. Chris schluckte und sah ihn dann von unten
her argwöhnisch an.
„Ja…was passiert jetzt?“ fragte er leise.
Marc schloss für einen Moment die Augen. Verdammter Mist. Es war doch
unvorstellbar, dass Chris nicht wissen wollte, wie es seiner schwangeren
Freundin ging, nachdem es in den letzten Wochen für ihn fast kein anderes Thema
mehr gegeben hatte als Alexandra und das Baby, das sie erwartete. Ihm musste
doch klar sein, dass Alexandra sich furchtbar über seine Verhaftung aufgeregt
hatte und in ihrem Zustand war das nicht wünschenswert gewesen. Marc kannte
Chris inzwischen gut genug, um zu wissen, dass dieser über eine unglaubliche
Sturheit verfügte und dass Alexandra das Wichtigste in seinem Leben war. Er
hatte sich zwar zu Beginn Sorgen gemacht, dass sein Freund eine Dummheit machen
würde, sollte sich die Gelegenheit ergeben, doch dann hatte er sich gesagt, dass
Chris wissen musste, dass sie alles tun würden, um ihn so schnell wie möglich
wieder hier raus zu holen. Und dass er den Willen haben würde, zu Alexandra
zurückzukehren.
Marc hatte Kendall gestern Abend noch privat angerufen und seinen Vorgesetzten
zur Rede gestellt. Es war ihm egal gewesen, ob der damit seinen Job riskierte.
Er war viel zu wütend gewesen, um darüber nachdenken zu können. Kendall
reagierte zu seiner Überraschung sogar noch ziemlich verständnisvoll. Er
erklärte ihm auch, dass er Chris gesagt hatte, dass er nur für kurze Zeit nach
San Quentin zurückmüsse, bis die ganze Angelegenheit geklärt und die
Formalitäten erledigt seien. Mehr hätte Marc auch nicht tun können – außer
zuzulassen, dass der Junge die Flucht ergriff und sich dadurch noch tiefer in
den Schlamassel gebracht hätte.
Wie dem auch sei, was geschehen war, war geschehen. Marc konnte jetzt nur
versuchen, Chris Mut zuzusprechen, ihm klarzumachen, dass er das Gefängnis in
kurzer Zeit würde verlassen können.
„Miss Lindstroem wird alles daran setzen, die Angelegenheit so gut wie möglich
zu beschleunigen. Es ist schließlich nicht deine Schuld, dass die zuständige
Stelle vor über eineinhalb Jahren geschlampt hat. Du hast dich einwandfrei
verhalten, während du draußen warst, also sollte es im Grunde genommen keine
größeren Probleme geben.“
Marc beugte sich vor und verschränkte auf der Tischplatte die Hände ineinander.
Chris ließ sich Zeit, um über das Gesagte nachzudenken. Er musste vorhin, als er
das Datum auf diesen Vollmachten gesehen hatte, gemerkt haben, dass etwas ganz
und gar nicht stimmte, hatte aber Angst, es zuzugeben. Und Marc wollte ihn jetzt
nicht darauf ansprechen. Er konnte nur versuchen, ihm unauffällig wenigstens die
wichtigsten Informationen zukommen zu lassen, damit er nicht völlig ahnungslos
war. Es war besser, wenn niemand hier im Gefängnis davon Wind bekam. Es konnte
sein, dass es sowieso keinen interessierte, aber Chris hatte schon soviel Pech
gehabt, dass Marc kein Risiko eingehen mochte.
„Okay“, murmelte Chris vor sich hin. „Dann…dann muss ich also nur noch ein paar
Wochen hier überstehen. Das krieg ich schon hin. Und Anfang Juli bin ich ja dann
endgültig frei.“ Er schenkte Marc ein unsicheres, missglücktes kleines Lächeln.
„Genau das wollte ich hören“, entgegnete Marc. „Bis zum Ende deiner Strafe bin
ich noch dein Bewährungshelfer, also werde ich mich weiterhin um dich kümmern.“
Chris’ Augen weiteten sich leicht, als er diese Information zu verarbeiten
schien. Zumindest wusste er jetzt, wen er eigentlich vor sich hatte. Bisher
musste er da ja ziemlich im Nebel gestanden sein. Marc nahm sich vor, beim
nächsten Treffen dafür zu sorgen, dass sie allein waren. Vielleicht konnte Sam
ihm dabei helfen, das zu organisieren. Dann würde er versuchen herauszufinden,
was eigentlich los war, woran Chris sich überhaupt erinnern konnte. Ob er nur
Alexandra und ihr gemeinsames Leben „vergessen“ hatte oder ob da mehr fehlte.
Allerdings wusste er, wann seine Strafe beendet sein würde, also konnte er nur
an einem teilweisen Gedächtnisverlust leiden.
„Danke“, kam die leise Antwort. In Chris’ Blick war jedoch neben Dankbarkeit
noch etwas anderes, viel Stärkeres zu lesen. Misstrauen und Argwohn. Marc
erinnerte sich daran, wie Chris zu Beginn ihrer Bekanntschaft gewesen war. Es
war ihm schwer gefallen, jemandem zu vertrauen, das hatte er selbst zugegeben.
Er hatte eine Weile gebraucht, bis er ihm, Marc, vertraut hatte.
„Gern geschehen. Hast du sonst noch eine Bitte? Soll ich dir bei meinem nächsten
Besuch etwas Bestimmtes mitbringen?“
Chris schüttelte den Kopf. „Nein, nichts.“
Marc seufzte. Er konnte jetzt nichts mehr tun. Chris schien seine Anwesenheit
sogar unangenehm zu sein, er sah mehr auf die Tischplatte als irgendwo anders
hin. Vielleicht war es am Besten, wenn er gehen würde. Er und Sam hatten sich
erkundigt, ob Chris in den normalen Vollzug geschickt werden würde, zu den
anderen Sträflingen, doch man hatte ihnen mitgeteilt, dass der Junge erst einmal
in Einzelhaft bleiben würde, bis über seine Bewährung entschieden war. Marc war
erleichtert über diese Auskunft gewesen. Und jetzt war er es noch mehr. Dieser
Chris bei den anderen Sträflingen? Nach allem, was er inzwischen wusste, wäre
das in etwa so, als würde man ein Lämmchen zu einer Horde tollwütiger Hunde in
den Zwinger sperren.
Ihm fiel zum wiederholten Mal ein was Alexandra gesagt hatte. Dass Chris sich
lieber umbringen würde als zurück ins Gefängnis zu gehen. Das Wissen, dass
Alexandra und sein Baby draußen auf ihn warteten, hätte ihm vielleicht
zusätzlich Kraft gegeben, durchzuhalten. Marc spielte mit dem Gedanken, Chris
davon zu erzählen, doch er hatte keine Ahnung, was er damit anrichten würde.
Also ließ er es lieber bleiben. Er hätte ihm das nicht einfach innerhalb von
fünf Minuten erklären können und außerdem stand der Wärter an der Tür und hörte
ihnen zu. Das Wichtigste war, dass Chris die Zeit unbehelligt von den anderen
Gefangenen verbringen würde und wusste, dass er bald entlassen werden würde.
Damit musste Marc sich im Moment zufrieden geben. Er seufzte fast unhörbar.
„Hör zu, es sind nur ein paar Wochen, die du hier bleiben musst, dann bist du
wieder draußen. Also mach keinen Unsinn, okay?“
Chris senkte den Kopf und sah auf seine Hände, die zusammengefaltet auf der
Tischplatte vor ihm lagen.
„Nein, mach ich nicht. Nicht jetzt…“ flüsterte er.
„Gut…Dann werde ich mich jetzt verabschieden. Sobald Miss Lindstroem Neuigkeiten
hat, werde ich mit ihr herkommen. In Ordnung?“ Während er sprach erhob Marc sich
von seinem Stuhl. Er wollte nicht gehen, wollte Chris hier nicht zurücklassen,
doch er hatte keine andere Wahl. Er musste sich zuerst im Klaren darüber werden,
wie er sich ihm gegenüber weiterhin verhalten sollte. Er war mit so einem
Problem noch nie konfrontiert worden, war noch nie auf jemanden getroffen, der
unter Amnesie litt.
Chris stand ebenfalls auf. Die Frage beantwortete er nur mit einem knappen
Nicken. Der Wärter trat auf ihn zu und legte ihm die Handschellen wieder an.
Marc hätte schreien können, als er sah, wie teilnahmslos Chris die Prozedur über
sich ergehen ließ. Als ginge ihn das alles überhaupt nichts an.
Der Wärter öffnete die Tür und bedeutete Marc, voraus zu gehen. Marc warf Chris
noch einen letzten Blick zu, dann drehte er sich um und verließ den Raum. Auf
ihn wartete schon das nächste Problem. Wie sollte er Alexandra das Ganze
beibringen? Das einzig Positive, was er ihr sagen konnte, war, dass Chris in
relativer Sicherheit sein würde, dass er nicht in den regulären Vollzug kommen
würde.
Wenigstens dahingehend beruhigt verließ Marc San Quentin. Er konnte ja nicht
damit rechnen, dass das Schicksal mit Chris noch nicht fertig war, sondern
dessen Einlieferungspapiere einem zerstreuten Vollzugsbeamten in die Hände
gespielt hatte, der die Anweisung „Einzelhaft“ schlichtweg übersehen hatte…
***
Fasziniert beobachtete Alexandra, wie das Baby in ihren Armen am Nuckel der
Milchflasche saugte und dabei leise, schmatzende Geräusche von sich gab. Sie
hatte sich anfangs fast nicht getraut, ihre Tochter anzufassen, sie sah so
winzig aus und so zerbrechlich – und doch so perfekt. Obwohl sie über einen
Monat zu früh auf die Welt gekommen war, hatte sie bereits einen dichten Schopf
pechschwarzer Haare, die wild in alle Himmelsrichtungen abstanden.
Alexandra war bei ihrem Anblick, als die Schwester sie ihr in die Arme gelegt
hatte, in Tränen ausgebrochen. Vor Freude, weil das Baby gesund war und vor
Trauer, weil Chris nicht hier war und dieses einmalige Erlebnis nicht mit ihr
teilen konnte. Er würde seine Tochter frühestens in ein paar Wochen sehen
können, denn sie mit ins Gefängnis zu nehmen, wenn sie ihn besuchte, war
undenkbar.
Gina sah ihrem Vater jetzt schon so ähnlich…Nicht nur die Haare, auch die Form
der Augen, des Mundes und der Nase waren zu hundert Prozent Chris. Ein
Vaterschaftstest wäre hier im Falle des Falles wirklich nicht nötig. Diese
unglaubliche Ähnlichkeit trieb Alexandra immer wieder die Tränen in die Augen.
„Soll ich ein paar Bilder machen? Für’s Familienalbum und…für Chris?“ fragte
Mary Jo sanft. „Ich hab ein Fotohandy dabei, Mike könnte die Bilder dann
ausdrucken.“
Alexandra wandte ihre Aufmerksamkeit für ein paar Sekunden von ihrer kleinen
Tochter ab und sah ihre Freundin an, die am Fuß des Bettes saß und sie
beobachtete.
„Das…wäre eine gute Idee“, lächelte sie mühsam. „Dann hätte er wenigstens ein
Foto von ihr, wenn er schon nicht…“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippe, um
nicht wieder anzufangen zu heulen.
Mary Jo stand auf und trat neben Alexandra, um ihr die Hand auf die Schulter zu
legen.
„Alex, es wird alles wieder gut“, sagte sie. „Chris hat soviel überstanden, er
wird auch das durchstehen. Du musst an ihn glauben. Er liebt dich so sehr und
jetzt ist da noch jemand, der ihn braucht. Bitte lass dich nicht hängen.“
Alexandra schluckte und nickte, während sie ihren Blick wieder auf Gina
richtete, die noch immer mit geschlossenen Augen eifrig an ihrer Flasche
nuckelte. Mary Jo hatte ja vollkommen recht, sie durfte jetzt nicht in
Depressionen verfallen, damit würde sie Chris am wenigsten helfen. Außerdem war
sie jetzt allein für Gina verantwortlich, solange Chris nicht da war.
„Werd ich schon nicht“, flüsterte sie. „Danke Mary Jo, ich weiß gar nicht, was
ich ohne dich machen würde.“
„Keine Ursache, wozu sind Freunde schließlich da? Wenn die Kleine fertig ist mit
Trinken, dann machen wir ein paar Bilder, in Ordnung? Und…was ich die ganze Zeit
schon fragen wollte: Wie seid ihr eigentlich auf den Namen Gina gekommen?“
Eigentlich hätte es Alexandra kaum für möglich gehalten, doch Mary Jo schaffte
es durch ihr Geplauder tatsächlich, sie für ein paar Minuten von ihrem Kummer
abzulenken. Alexandra erklärte ihr, dass Gina eine Kurzform für Giovanna war,
den Namen von Chris’ verstorbener Mutter. Giovanna war ihnen beiden zu lang
erschienen.
Mary Jo machte ein paar Bilder, von dem Baby alleine und mit Alexandra zusammen
und versprach, dass Mike sofort ein paar Ausdrucke davon machen würde, die Marc
bei seinem nächsten Besuch mitnehmen konnte. Sie waren gerade fertig mit ihrer
kleinen Fotosession, als es an der Tür klopfte und Chris’ Bewährungshelfer und
Freund gleich darauf zaghaft den Kopf ins Zimmer streckte.
Alexandra musste sich beherrschen, um nicht aufzustehen und auf ihn zuzustürzen,
um ihn mit Fragen zu bestürmen, doch das Baby auf ihrem Arm und die frische
Kaiserschnittwunde hielten sie davon ab. Ungeduldig winkte sie Marc herein.
„Hast du Chris gesehen? Wie geht es ihm? Was hat er gesagt? Weiß er schon, dass
er Daddy ist und dass es uns gut geht? Marc, nun red schon!“ Am liebsten wäre
Alexandra nun doch aus dem Bett gesprungen und hätte den jungen Mann
geschüttelt, der Mary Jo mit einem Kopfnicken begrüßte und langsam auf das Bett
zukam.
„Ich würd ja, wenn du mich zu Wort kommen lassen würdest“, entgegnete er
trocken. Dann fiel sein Blick auf Gina. „Du liebe Zeit, ist das ein süßes
kleines Ding“, entfuhr es ihm.
„Marc…bitte…Was ist mit Chris?“ Alexandra war nicht verborgen geblieben, dass
Marcs Lächeln gezwungen wirkte und ein unangenehmes Gefühl begann sich in ihr
breit zu machen. Etwas stimmte nicht und er wusste nicht, wie er es ihr
möglichst schonend beibringen sollte. Instinktiv presste sie Gina ein wenig
fester an sich.
Marc sah zu Boden und strich unsicher sich mit der Hand über das Kinn. Das trug
natürlich nur dazu bei, Alexandras Beunruhigung zu einer ausgewachsenen Panik
mutieren zu lassen.
„Mr. Adams, was ist los? Ist Chris etwas passiert?” mischte sich Mary Jo ein und
verließ ihren Platz auf dem Bett, um sich vor Marc mit verschränkten Armen
aufzustellen. „Nun reden Sie schon, sehen Sie nicht, dass Sie Alex aufregen? Was
ist mit dem Jungen?“
Marc holte tief Luft, während Alexandra das Gefühl hatte, ihr Herz müsste jeden
Moment zerspringen. Bitte, lieber Gott, lass mit Chris alles in Ordnung sein,
bitte…
„Ich weiß nicht, ob ich wirklich recht habe mit meiner Vermutung, aber…als ich
heute mit Chris gesprochen habe, hatte ich den Eindruck…es schien mir, als würde
er mich gar nicht kennen, genauso wenig wie Sam.“
Verständnislos starrte Alexandra den jungen Mann an.
„Was soll das heißen, er hat dich nicht gekannt?“ fragte sie. „Hat er dich
ignoriert, weil er sauer auf dich ist?“
Marc schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, das wäre so“, seufzte er. „Nein, er hat
mich nicht erkannt, er hat reagiert, als hätte er mich oder Sam noch nie zuvor
gesehen. Und das war meines Erachtens nach nicht gespielt.“
„Wollen Sie damit etwa sagen, Sie glauben, dass Chris sein Gedächtnis verloren
hat?“
Mary Jos Frage hallte in Alexandras Ohren wider. Das war Blödsinn. Wieso hätte
Chris sein Erinnerungsvermögen verlieren sollen? Sie wollte schon anfangen,
hysterisch zu lachen, als Marc langsam mit dem Kopf nickte.
„Ja, das will ich.“
***
Während Chris äußerlich völlig unberührt
erscheinend dem Wärter folgte, der vor ihm herging, tobte in seinem Inneren ein
wilder Aufruhr.
Er hatte gerade noch ein Gespräch mit dem Direktor über sich ergehen lassen, in
dem er so gut wie gar nichts gesagt hatte, sondern dem Mann nur mehr oder
weniger zugehört hatte. Inzwischen hatte er eine grobe Ahnung davon, wieso er im
Loch gelandet war, angeblich war er ausgerastet und hatte einen Wärter
angegriffen. Den Grund für diesen Ausraster hatte er allerdings nicht ganz
verstanden, dazu war er wieder zu sehr von seinen eigenen Überlegungen abgelenkt
gewesen.
Chris hatte versucht, das, was der Direktor zu ihm sagte und die Informationen,
die er von dieser Anwältin und diesem Marc erhalten hatte, zu einem einigermaßen
klaren Bild zusammenzusetzen. Es war ihm nicht ganz gelungen, zu viele
Puzzleteile fehlten, doch nun hatte er zumindest eine vage Ahnung, wo er
eigentlich im Moment stand.
So, wie es aussah, fehlten ihm etwa eineinhalb Jahre seines Lebens. Eineinhalb
Jahre, die er anscheinend in relativer Freiheit draußen verbracht hatte. Aber wo
und mit wem, das hatte er bisher nicht ergründen können. War diese Zeit so
furchtbar gewesen, noch furchtbarer als sein Aufenthalt in San Quentin, dass
sein Gedächtnis sich weigerte, ihn auf diese Erinnerungen zugreifen zu lassen?
Oder war er wirklich schlicht und einfach verrückt geworden?
Diese Anwältin hatte einen Alex erwähnt, der sich um die Kosten kümmern würde.
Wer war der Typ und wieso war er bereit, für ihn, Chris, Geld auszugeben? Hatte
er bei ihm gelebt? War der Kerl etwa…? Chris schauderte. Den Gedanken wollte er
nicht zu Ende denken. Er mochte und konnte sich einfach nicht vorstellen, dass
er sich mit einem Mann eingelassen hatte. Nicht nach all dem, was ihm von
Männern angetan worden war. Er hätte sich doch mit Sicherheit nie freiwillig von
einem Kerl anfassen lassen. Aber aus welchem Grund sollte dieser Alex sonst Geld
für ihn ausgeben, einen Anwalt bezahlen? Wenn Chris eines hier im Gefängnis
gelernt hatte, dann das, dass man für jeden Gefallen bezahlen musste. Den
Glauben an positive menschliche Eigenschaften wie Freundschaft und Güte, Mitleid
und Selbstlosigkeit hatte er dagegen verloren.
Die Narben an seinen Handgelenken fielen ihm wieder ein. Sie mussten aus der
Zeit stammen, an die er sich nicht erinnern konnte. Chris hatte eigentlich
gedacht, dass er über den Punkt hinweg gewesen war, wo er sich hätte umbringen
können, aber es musste etwas geschehen sein, das ihn in so tiefe Verzweiflung
gestürzt hatte, dass er keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte. Doch was?
Hatte es etwas mit diesem Alex zu tun gehabt? Er war doch fest entschlossen
gewesen, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Die Ankunft an seinem offensichtlichen Bestimmungsort schreckte Chris aus seinen
Gedanken. Zu seiner unendlichen Erleichterung schien es wenigstens nicht der
Zellentrakt zu sein, in dem er „früher“ gewesen war – ein „Früher“ das für ihn
eigentlich ein „Gestern“ war. Lewis war also nicht hier und würde auf ihn
warten.
Chris hätte sich am liebsten in irgendeine Ecke verkrochen und versucht, dieses
Gedankenchaos in seinem Kopf zu ordnen, die einzelnen Fragmente
zusammenzusetzen. Er fühlte, wie ihm dieses Durcheinander Kopfschmerzen zu
bereiten begann.
Man nahm ihm die Handschellen ab und einer der Wärter führte ihn durch den
Zellenblock, der etwas moderner zu sein schien als der, in dem er den größten
Teil seiner Gefängniszeit verbracht hatte. Die Zellen waren jedoch hier wie dort
durch Gittertüren verschlossen, die den Insassen nur wenig Privatsphäre gönnten.
Neugierige Blicke folgten ihnen, die Chris so gut es ging ignorierte. Ihm war
schlecht vor Angst, genau wie damals, als er an seinem ersten Tag durch diesen
anderen Block geführt worden war. Nur dass er dieses Mal eine konkrete
Vorstellung davon hatte, wovor er Angst haben musste. Chris kämpfte mit aller
Kraft den Drang nieder, sich schreiend auf den Boden zu werfen und sich zu
weigern, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Es hätte nichts genutzt, man
hätte ihn mit Gewalt in seine zukünftige Zelle geschleppt. Wenigstens wurden die
Blicke diesmal nicht von anzüglichen Bemerkungen begleitet.
Chris wusste genau, was ihn erwarten würde. Denn eines war klar, er würde sich
kaum wehren können, gegen solche Dreckskerle wie Lewis einer war. Oder Jackson.
Typen wie die beiden gab es mit Sicherheit in jedem Zellenblock. Chris klammerte
sich an die Hoffnung, dass er diese Demütigungen nicht mehr lange würde ertragen
müssen. Was war schon eine Vergewaltigung mehr oder weniger, bei all dem
Furchtbaren, das man ihm bereits angetan hatte? Er war zu abgestumpft, um sich
davon in blinde Panik versetzen zu lassen. Seine größte Angst war, dass ihn
jemand mit einer Krankheit angesteckt hatte, so wie diesen Jungen, den er erst
in der Schreinerei kennen gelernt hatte. Chris stolperte über diesen Gedanken.
Das war nicht „erst“ gewesen“.
Sie hielten vor einer Zelle an. Der Wärter nahm Chris die Handschellen ab, schob
die schwere Gittertür auf und bedeutete ihm hineinzugehen. Chris holte tief Luft
und wagte nicht, aufzusehen. Er wollte nicht wissen, wer sein Zellengenosse war,
vermutlich wieder so ein perverser Dreckskerl, der nur darauf warten würde, bis
nachts die Lichter gelöscht würden. Den Blick starr auf en Boden gerichtet
betrat er die Zelle.
„Summers, das ist dein neuer Zellengenosse. Kein Ärger, verstanden?“ bellte der
Wärter und ließ die Tür wieder ins Schloss einrasten. Dann entfernten sich seine
Schritte und Chris war allein mit dem Mann, mit dem er die nächsten Wochen auf
engstem Raum verbringen würde.
***
„Ja…ja…leck mich doch am Arsch“, kam es missmutig vom oberen Bett und Chris hob
unwillkürlich den Kopf, um sich den Typen anzusehen, der lässig ausgestreckt
darin lag und ihn nun abschätzend musterte.
„Was?“
Chris zuckte bei dem aggressiven Tonfall der Frage leicht zusammen. Der Kerl war
jung, etwa in seinem Alter. Schmutzigblonde Haarsträhnen lugten unter einem
roten Bandana hervor. Er trug statt des grauen Hemdes nur ein ärmelloses Shirt,
das seine muskulösen Oberarme betonte, um die sich mehrere Tribals schlängelten.
„Sag mal, bist du irgendwie behindert?“ Jetzt setzte sich der Kerl auf und
sprang mit einem geschmeidigen Satz auf den Boden. Chris wich soweit wie möglich
zurück, was in dem winzigen Raum nicht ganz einfach war.
„Hey, Alter, ich beiß nicht. Solange du dich an meine Regeln hältst, werden wir
hier drin blendend miteinander auskommen. Alles klar? Oder verstehst du mich
nicht?“
Chris starrte sein Gegenüber ängstlich an. Er konnte seinen Zellengenossen noch
nicht einschätzen und war instinktiv vorsichtig. Möglicherweise war er ja auch
so ein Psycho wie Lewis. Die meisten der Kerle, die ihn missbraucht hatten,
waren etwas älter gewesen, doch dass das eine Regel war, darauf konnte er sich
schließlich nicht verlassen. Der Typ hier hätte ihn wahrscheinlich im
Null-Komma-Nichts überwältigt, wenn er es darauf anlegen würde.
„Doch“, antwortete er schließlich leise.
„Na, geht doch. Ich bin Darryl, das da ist dein Bett und das dein Spind.“ Der
Kerl deutete auf einen der grauen Blechschränke, die in einer Zimmerecke
standen.
Chris nickte. „Ich…ich heiße Chris“, stellte er sich schließlich vor.
„Und wieso bist du hier?“
„Überfall auf eine Tankstelle.“ Noch während er das sagte, fiel Chris wieder
ein, dass das so ja nicht richtig war. Man hatte ihm die Bewährung gestrichen,
darum war er hier. Nur konnte er sich an die Umstände nicht erinnern.
„Ich bin hier, weil ich den Freund von meiner Alten krankenhausreif geschlagen
hab. Die Drecksau hat sich an meine kleine Schwester rangemacht. War nicht
besonders gesund für ihn“, erklärte Darryl.
„Oh…das…das tut mir leid, das mit deiner Schwester, meine ich.“ Chris versuchte,
diesen Darryl irgendwie einzuordnen. Er wirkte ziemlich aggressiv und
selbstbewusst, Eigenschaften, die Chris liebend gern selbst besessen hätte.
Damit hätte er es hier drin sicherlich leichter gehabt.
„Mir auch“, knurrte Darryl und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den
Tisch, der in der Ecke stand. Darauf waren Zeitschriften und ein paar Coladosen
verteilt.
„Die Kleine war vierzehn, als er sich besoffen über sie hergemacht hat und sie
hat sich anfangs nicht getraut, irgendjemandem was zu sagen. Ich hab sie dann
mal heulend im Bett gefunden und aus ihr rausgekitzelt, was passiert ist. Und
dann hab ich mir die Sau gekauft…“
Darryl machte bei diesen Worten ein derart finsteres Gesicht, dass Chris froh
war, dass dieser Zorn nicht ihm galt.
„Wie lang hast du denn dafür bekommen?“ fragte er zögernd, nur um überhaupt
etwas zu sagen.
„Die haben mich zu sechs Jahren verknackt. Das Schwein hatte keinen heilen
Knochen mehr. Aber ich kann nicht sagen, dass mir irgendwas leid tut…“
Chris warf Darryl einen forschenden Blick zu. Nun, er sah nicht aus, als würde
er sich irgendetwas von irgendjemandem gefallen lassen, es würde wohl auch
keiner wagen, ihn anzufassen. Darryl machte eher einen gefährlichen Eindruck.
Seine ganze Haltung schien zu schreien „Leg dich mit mir an und du wirst es
bereuen.“ Ihn hatte wohl kaum jemand gewagt zu belästigen oder gar zu
vergewaltigen.
„Kann ich verstehen“, entgegnete er leise. „Ich hab zwar keine Schwester, aber…“
„Das Ganze ging über zwei Monate und keiner hat was gemerkt. Der Typ ist jetzt
auch im Knast, aber nicht hier. Wär auch zu gefährlich für ihn.“ Darryl schlug
mit der Faust in die offene Handfläche seiner anderen Hand.
Chris hole tief Luft und entspannte sich ein kleines bisschen. Sein neuer
Zellengenosse schien zumindest auf den ersten Blick nicht zu den Typen zu
gehören, vor denen er so einen Horror hatte. Vielleicht würde er wenigstens in
diesem winzigen Raum seine Ruhe haben. Draußen konnte er zumindest versuchen,
der Gefahr aus dem Weg zu gehen, auch wenn das schwierig war, aber hier drin
hätte er nicht die geringste Chance.
Das einzige was er in Bezug auf diesen Darryl nun tun konnte, war abzuwarten.
Vielleicht würde er ihn ja in Ruhe lassen…
***
„Adams denkt also, dass Chris sein Gedächtnis verloren hat?“
Alexandra nickte nur und starrte ihre Bettdecke an. Jack war vor einer halben
Stunde gekommen, um sie zu besuchen und sie auf den neuesten Stand zu bringen,
was Chris’ Bewährungsverfahren betraf. Es war zwar Samstag, aber Sam hatte ein
paar Beziehungen spielen lassen und einen Gefallen eingefordert, so hatten sie
schon ein bisschen was erreichen können.
„Ich wollte es im ersten Moment auch nicht glauben…Aber als Marc mir dann
geschildert hat, wie Chris sich verhalten hat…Das ist nicht mein Chris.“
Alexandra verschränkte die Arme vor der Brust, als könnte sie sich dadurch
selbst Halt geben. Sie sah zu Gina hinüber, die selig in ihrem Bettchen
schlummerte und von dem Tumult, der in ihrer Mutter tobte, keine Ahnung hatte.
„Verfluchte Scheiße. Wir müssen ihn so schnell wie möglich da rauskriegen. Sam
denkt, dass die Prüfung nächste Woche schon in die Wege geleitet werden könnte,
wenn alles gut geht. Aber alles in allem könnte es trotzdem drei Wochen dauern,
bis Chris wieder frei ist.“
„Er kann doch nicht wirklich alles vergessen haben…“ flüsterte Alexandra. „Jack,
was ist, wenn wir damit versuchen, ihn rauszubekommen?“
„Das ist keine gute Idee. Man würde ihn in die Psychiatrie schicken. Und das
wollen wir unter allen Umständen vermeiden. Ich ruf nachher Sam an und rede auch
noch mal mit Adams. Wir müssen unbedingt herausfinden, bis zu welchem Zeitpunkt
Chris sich erinnern kann. Und wie viel er jetzt weiß.“
Alexandra schluchzte trocken auf. Eigentlich hätte das einer der glücklichsten
Tage in ihrem Leben sein sollen. Ihre Tochter war auf der Welt, sie war gesund
und munter, obwohl sie ein paar Wochen zu früh geboren worden war…Aber nun war
Chris im Gefängnis und hatte allen Anschein nach gar keine Ahnung davon, dass er
kurz davor gewesen war, Vater zu werden beziehungsweise diesen Status inzwischen
erlangt hatte.
„Dann lassen wir ihn da drin und warten ab, willst du wohl sagen?“
„Sam hat sich erkundigt, Chris kommt in Einzelhaft. Er hat mit den anderen
Sträflingen nichts zu tun. Also wird ihm auch nichts passieren.“
Alexandra schloss die Augen. Toll, ihm würde nichts passieren. Das sollte sie
jetzt anscheinend beruhigen. Wenn sie Chris besuchen würde, dann würde er sie
wie eine Fremde behandeln.
„Ist nicht schon genug geschehen?“ fragte sie bitter. „Chris wollte unbedingt
dabei sein, wenn sein Baby auf die Welt kommt, das hat man ihm genommen. Und
jetzt weiß er anscheinend gar nichts mehr davon. Nichts von dem Baby, nichts von
uns. Das soll ich jetzt einfach so hinnehmen?“
„Ich verstehe, dass du wütend bist, das bin ich auch. Aber wir müssen jetzt
ruhig bleiben. Sam kann verlangen, dass man sie mit Chris allein reden lässt.
Entweder Adams oder ich werden sie dabei begleiten und dann werden wir ja sehen,
was an unseren Vermutungen dran ist.“
Das, was Jack sagte, hörte sich vernünftig an. Doch Alexandra wollte nicht
vernünftig sein. Sie wollte am liebsten den Idioten finden, der das Ganze
verbockt hatte. Man konnte Chris doch nicht dafür büßen lassen, dass ein
Behördenvertreter bei seiner Arbeit geschlampt hatte. Das war einfach nicht
fair. Man hätte diese Prüfung doch auch durchführen können, ohne ihn in dieses
Höllenloch zu schicken.
„Was ist, wenn er sich nie mehr erinnern kann? Soll ich dann auch noch
vernünftig sein?“ fragte Alexandra tonlos. Weinen konnte sie nicht mehr, zu oft
waren ihr heute schon die Tränen gekommen. Sie fühlte sich völlig erschöpft und
ausgelaugt.
Jack seufzte. „Daran wollen wir noch nicht einmal denken, hast du gehört? Wie
wäre es, wenn du versuchen würdest, dich morgen mit Doktor Winslow in Verbindung
zu setzen? Ich schätze, in diesem besonderen Fall wäre sie nicht böse, wenn du
sie am Sonntag störst.“
Alexandra sah Jack an, während sie über seinen Vorschlag nachdachte. Natürlich,
wieso hatte sie nicht schon selbst daran gedacht? Sie mussten die Psychologin
unbedingt konsultieren, bevor sie irgendetwas unternahmen.
„Das mache ich, gleich morgen früh. Und dann gebe ich dir Bescheid.“
Chris hatte keine Ahnung, wie spät es war. Das
Zellenlicht war schon vor Stunden gelöscht worden, nur das Licht, das vom Gang
hereindrang, erhellte spärlich den Raum. Er konnte nicht einschlafen. Erstens
weil er auf jede Bewegung Darryls in dem Bett über ihm lauschte und zweitens,
weil er noch immer damit beschäftigt war, den heutigen Tag und alles was er
erfahren hatte, zu verarbeiten.
Für ihn war es immer noch erst gestern gewesen, dass er von Lewis erst
verprügelt und dann brutal vergewaltigt worden war, weil einer von dessen
Freunden sich über ihn beschwert hatte. Bei dem Gedanken daran wurde ihm wieder
übel und er konnte kaum glauben, dass er wenigstens Lewis los war. Auch wenn
Darryl beschließen würde, ihn zu seiner Hure zu machen, schlimmer konnte der
kaum sein. Niemand konnte schlimmer als Lewis sein. Chris fing schon bei dem
Gedanken an seinen Peiniger an zu zittern. Hoffentlich würde er ihn nicht
wiedersehen müssen während er hier war.
Das Bett über ihm knarrte und es erklang ein leises Seufzen. Chris hielt den
Atem an. War der Kerl über ihm wach? Angestrengt lauschte er in die Dunkelheit,
doch alles war wieder ruhig. Vielleicht gehörte Darryl nicht zu diesen
Schweinen. Als dieser ihn heute angesehen hatte, hatte Chris in seinem Blick
keine Spur dieser abschätzenden Gier bemerkt, die er schon in so vielen anderen
Augenpaaren gelesen hatte.
Chris fiel der Typ wieder ein, der anscheinend sein Bewährungshelfer war. Er
fragte sich, ob dieser Marc gemerkt hatte, dass er sich an nichts erinnerte.
Wenn es ihm heute nicht aufgefallen war, dann würde es ihm aber sicher bei
seinem nächsten Besuch auffallen. Und was dann? Würde man ihn trotzdem hier
lassen oder in eine Irrenanstalt stecken? Immerhin war es nicht normal, dass man
so mir nichts, dir nichts eineinhalb Jahre vergaß.
Chris hatte keine Ahnung, was in so einem Fall üblich war. Er hatte einmal,
ziemlich am Anfang seiner Gefängniszeit, mitbekommen, wie ein Sträfling
durchgedreht war und man ihn weggebracht hatte. Er war nicht mehr
wiedergekommen. Irgendwie bezweifelte er, dass man den Typ einfach am Ende
seiner Strafzeit frei gelassen hatte, wenn man ihn als verrückt eingestuft
hatte.
Also musste er versuchen, sich so gut es ging durch das nächste Gespräch mit
dieser Anwältin und seinem Bewährungshelfer durchzuschlängeln. Er hoffte, dass
die beiden noch nichts gemerkt hatten, dieser Marc hatte ihn schon etwas seltsam
angesehen. Vielleicht konnte er durch vorsichtiges, unauffälliges Fragen mehr
über die Zeit herausfinden, die in seinen Erinnerungen fehlte. Den Rest musst er
eben mit ein wenig dazu fantasieren. So schwer konnte das schließlich nicht
sein. Er musste sich doch nur noch zwei Monate irgendwie durchschmuggeln, dann
war er endlich frei und konnte von hier auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Darryl stieß ein lautes Schnarchen aus und Chris zuckte zusammen. Den Kerl im
Bett über ihm hatte er einen Moment lang ganz vergessen. Nun, bisher sah es
zumindest so aus, als würde er wenigstens heute Nacht seine Ruhe haben…
***
Am nächsten Morgen folgte Chris Darryl in den großen Speisesaal des
Zellenblocks. Jeder Block hatte einen eigenen Speisesaal, wofür Chris unendlich
dankbar war. Lewis war aller Wahrscheinlichkeit noch hier in San Quentin, wenn
er nicht verlegt worden war, und er konnte wirklich darauf verzichten, das
perverse Schwein zu treffen.
Darryl hatte ihn zwar nicht dazu aufgefordert, doch Chris hielt sich unbewusst
in dessen Nähe. Nach seiner anfänglichen Redseligkeit gestern war sein
Zellengenosse in Schweigen verfallen und hatte sich, bis das Licht gelöscht
worden war, mit seinen Zeitschriften beschäftigt und Chris weitestgehend
ignoriert. Er schien zumindest keine akute Bedrohung darzustellen und das hieß
für Chris in seiner momentanen Situation schon fast, dass er so etwas wie ein
Freund war.
Chris stellte sich hinter Darryl in der Reihe für die Essensausgabe an und sah
sich dabei vorsichtig um. Man schenkte ihm wenig Beachtung, soweit er das
feststellen konnte. Gut so, er legte keinen gesteigerten Wert auf
Aufmerksamkeit. Denn Aufmerksamkeit zu erregen bedeutete hier drinnen so gut wie
immer etwas Negatives, sei es nun bei den anderen Gefangenen oder bei den
Wärtern.
Heute Morgen hatte er das erste Mal bewusst in einen Spiegel gesehen, seitdem er
im „Loch“ aufgewacht war. Dabei hatte er sich nicht mit dem Chris verglichen,
bei dem seine Erinnerung aufhörte, sondern mit dem unschuldigen Jungen, der er
bei seiner Einlieferung vor fünf Jahren gewesen war. Dabei war Chris klar
geworden, dass er während seines Aufenthalts in San Quentin immer vermieden
hatte, sich im Spiegel zu betrachten. Er hatte sich nicht selbst in die Augen
blicken können, hatte nicht sehen wollen, was aus ihm geworden war.
Doch heute Morgen hatte er es getan. Das Gesicht im Spiegel war ihm vertraut
gewesen und doch wieder so fremd. Er war älter geworden, erwachsener, von dem
verspielten Teenager, der er vor dem Tod seiner Mutter gewesen war, hatte er
darin keine Spur mehr entdecken können. Ein Teil davon war mit seiner Mutter
gestorben, der Rest dann hier im Gefängnis. Besonders der Ausdruck in seinen
Augen hatte ihn erschreckt. Stumpf und leer hatten sie ihn aus dem Spiegel
angesehen. Als wäre er innerlich tot.
Schließlich war Chris an der Reihe und nahm sich ein Stück Brot, Butter und
Marmelade, dazu noch eine große Tasse Milchkaffee. Kein besonders umfangreiches
Frühstück, doch er hatte im Grunde genommen gar keinen Hunger und hatte sich nur
etwas genommen, um nicht irgendwann umzukippen. Er hatte gestern das Abendessen
schon ausfallen lassen. Eigentlich war es den Gefangenen nicht erlaubt, während
der Mahlzeiten in den Zellen zu bleiben, doch Chris hatte dem Wärter erklärt,
dass ihm schlecht wäre und dass er sowieso nichts essen könne. Dieser hatte ihn
mit hochgezogenen Augenbrauen gemustert und war dann schulterzuckend
weitergegangen, nachdem er die Zellentür verriegelt hatte.
Suchend sah Chris sich um, nachdem er die Reihe verlassen hatte. Darryl stand
nur ein paar Meter entfernt und flüsterte mit einem anderen Gefangenen, einem
großen, bulligen Typen mit tätowierten Unterarmen und mehreren Zahnlücken.
Chris blieb stehen. Sein Zellengenosse hatte ihm zwar wortlos zu verstehen
gegeben, dass jeder sich um seinen eigenen Kram zu kümmern hatte, aber er war
nun einmal der einzige, den er hier kannte.
Darryl verabschiedete sich von dem anderen Typen und ging weiter, auf einen der
langen Tische zu, an dem schon einige Männer saßen und sich beim Frühstück
unterhielten. Er nickte ihnen zu und setzte sich an den Eckplatz. Chris fasste
sich ein Herz und ging ebenfalls zu diesem Tisch.
„Ist hier noch frei?“ fragte er schüchtern.
„Hier gibt’s keine feste Sitzordnung, also tu, was du nicht lassen kannst.“
Darryls Antwort war zwar nicht ermutigend, aber auch kein direktes „Hau ab und
lass mich in Ruhe.“ Also stellte Chris sein Tablett ab und setzte sich seinem
Zellengenossen gegenüber.
„Du bist also der Frischling?“ fragte ein Kerl schräg gegenüber. „Was hat so ein
Krümel wie du denn angestellt, `nen Lutscher geklaut?“
Raues Gelächter folgte dieser Feststellung und die Aufmerksamkeit der Männer am
Tisch richtete sich auf Chris. Nicht gut.
Chris schluckte und sah in die Runde. Die Typen waren schwer einzuschätzen, sie
machten alle den Eindruck, als wären sie schon einige Jahre hier – und hätten
auch noch einige Jahre vor sich.
„Er ist wegen `nem Überfall auf `ne Tankstelle hier“, warf Darryl mit vollem
Mund ein, als Chris nicht antwortete.
„Hätt` ich ihm gar nicht zugetraut“, grinste der Sprecher von vorhin.
„Du solltest nicht immer nach dem Äußeren gehen. Kann gefährlich werden.“
Chris warf seinem Gegenüber einen dankbaren Blick zu. Er wollte sich mit
niemandem hier am Tisch anlegen, sondern einfach seine Ruhe haben. Trotz seines
Widerwillens biss er in das Brötchen, welches er vorher mit Butter und Marmelade
bestrichen hatte, nur um seinen Händen etwas zu tun zu geben.
„Hey, Dev, lass die Kids lieber zufrieden, du hörst doch, kann gefährlich
werden“, erklang eine spöttische Stimme vom Nebentisch. „Frag Lance, der kann
dir das bestätigen.“
Wieder fingen die Männer an zu lachen und Darryl zeigte ihnen eine mehr als
eindeutige Geste mit der Hand. Chris bewunderte unwillkürlich seinen Mut. Er
schien sich den Respekt dieser Kerle hart verdient zu haben und musste wohl noch
immer tagtäglich darum kämpfen.
Nach dem Frühstück mussten die Sträflinge selbst ihre Tabletts aufräumen. Chris
hielt sich dabei wieder in der Nähe von Darryl, der ihn jedoch kaum Beachtung
schenkte. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte. Es war Sonntag, nach
dem Frühstück hatten die Sträflinge die Möglichkeit, den Gottesdienst in der
Gefängniskapelle zu besuchen. Chris hatte diese Gelegenheit manchmal genutzt,
wenn Lewis es zugelassen hatte. Nicht aus religiösen Gründen, er hatte schon
lange aufgegeben, Gott um Hilfe zu bitten, sondern weil diese Stunde für in die
einzige Zeit war, in der er wenigstens ein bisschen zur Ruhe kommen und keine
Angst zu haben brauchte. Vielleicht sollte er den Gottesdienst besuchen, um
weiter nachzudenken. Und um sich etwas einfallen zu lassen, wie er um den
Hofgang und den Gemeinschaftsraum herumkam. Er wollte den anderen Häftlingen
einfach so viel wie möglich aus dem Weg gehen, die Gefahr, von einem oder
mehreren als „Opfer“ für ihre perversen Gelüste auserkoren zu werden,
minimieren. Es gab zwar Wärter, die Aufsicht führten, aber die konnten ihre
Augen nicht überall haben und Chris hatte die Erfahrung gemacht, dass sie auch
oft genug einfach wegsahen.
„O’Connor!“
Chris zucke zusammen und wandte sich in die Richtung, aus der die Stimme
erklungen war, und sah einen Wärter auf sich zukommen.
„Ja, Sir?“ antwortete er vorsichtig. Er hatte gelernt, dass es vorteilhafter
war, den Wachleuten respektvoll zu begegnen. Sie waren dann eher geneigt, einmal
ein Auge zuzudrücken.
„Du bist vorübergehend zur Putzkolonne eingeteilt. Sieht ja so aus, als ob du
uns bald wieder verlassen würdest“, lächelte der Mann spöttisch. „Summers soll
dich morgen mitnehmen.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, entfernte sich der Wärter wieder. Chris warf
einen Blick zu Darryl, der die Augen himmelwärts drehte.
„Na klasse, bin ich jetzt zum Babysitter abkommandiert?“ knurrte er. „Aber sonst
bleibst du mir vom Leib, ich hab selber genug damit zu tun, hier klar zu
kommen.“
Chris nickte nur. Er war ja schon froh, dass man ihn nicht wieder an seinen
alten Arbeitsplatz zurückgeschickt hatte, wo es sicher noch einige gab, die über
seine „Karriere“ Bescheid wussten. Die Gerüchte würden so oder so bald anfangen,
die Sträflinge der Zellenblöcke trafen sich an den verschiedenen Arbeitsstätten
und beim Hofgang. Er konnte nur hoffen, dass es nicht so schnell gehen würde,
dass er dann vielleicht schon wieder weg war. Und natürlich, dass er solange
allen gefährlichen Situationen aus dem Weg gehen konnte.
***
Es war wieder der gleiche Raum wie vor drei Tagen, in den Sam und Marc geführt
wurden, um Chris zu treffen. Sam war inzwischen eingeweiht und Marc war von
Doktor Winslow mit eingehenden Instruktionen versorgt worden, was er tun und was
er besser lassen sollte. Die Psychologin war geschockt gewesen, als sie von dem
Verdacht in Kenntnis gesetzt worden war, den Marc hatte.
„Was denken Sie, wie er reagieren wird, wenn wir ihn damit konfrontieren?“
fragte Sam.
Marc fuhr sich nervös durch die Haare. Er hoffte inständig, dass er keinen
Fehler machen würde.
„Keine Ahnung. Mr. Sanders meinte, dass er wahrscheinlich erst einmal alles
abstreiten wird. Er hat ihn ja gleich nach seiner Entlassung getroffen und er
sagte, das wäre ein ganz anderer Chris gewesen als der, den wir kennen. Und ihm
fehlt anscheinend alles, was mit Alex zu tun hat. Das ist schlimm. Erst als er
bei ihr war, ist es allmählich aufwärts gegangen.“
„Das hat Jack auch zu mir gesagt. Er war trotzig, verschlossen, aggressiv…“
Marc seufzte und lehnte sich gegen den Tisch. „Vielleicht wäre es besser
gewesen, Sanders das hier übernehmen zu lassen.“
„Diese Psychologin sagte doch, es wäre besser, den Jungen nicht mit zu vielen
neuen Gesichtern zu überfordern. Möglicherweise kennt er Jack ja auch nicht
mehr. Er muss sowieso schon völlig durcheinander sein. Wenn ich mir vorstelle,
mir würden die letzten ein, zwei Jahre fehlen…“ Sam schüttelte hilflos den Kopf.
„Ein Grund mehr, Chris so schnell wie möglich hier raus zu holen.“
„Hoffentlich schaffen wir das auch“, sagte Marc gepresst. „Ich…“
Das Öffnen der Tür unterbrach ihn. Chris wurde von einem Wärter hereingeführt.
Sam drehte sich um.
„Hallo Chris“, begrüßte sie ihn. „Ich habe die Erlaubnis, mit meinem Mandanten
allein zu sprechen“, fügte sie dann an den Wärter gewandt hinzu und reichte
diesem ein Schriftstück. Er überflog es kurz und nickte dann.
„In Ordnung, Madam, aber dann bleiben die Handschellen dran. Nach seinem letzten
Ausraster gehen wir kein Risiko ein, tut mir leid.“
„Ausraster?“ fragte Marc und nahm gleichzeitig wahr, wie Chris den Wärter
betreten ansah.
„Er ist bei der Eingangsuntersuchung auf einen von uns und beinahe auf den Doc
losgegangen“, antwortete der Mann spöttisch. „Wir mussten ihn zu zweit
festhalten, damit der Doc die Untersuchung beenden konnte.“
Marc wechselte einen Blick mit Sam. Davon hatten sie bisher noch nichts gehört.
Und Chris’ Gesichtsausdruck nach zu urteilen war es diesem auch das Neueste.
„Also gut, wenn Sie meinen…“, sagte die Anwältin zögernd. „Ich bin zwar
überzeugt, dass das unnötig ist, aber wenn das die Bedingung ist, unter der ich
mit meinem Mandanten allein sprechen darf, dann muss ich das natürlich
akzeptieren.“
Der Wärter nickte. „Klopfen Sie an die Tür, wenn Sie fertig sind.“ Damit tippte
er sich grüßend an seine Schirmmütze und verließ den Raum.
„Setzen Sie sich, Chris.“ Sam berührte Chris leicht am Arm und führte ihn zu
einem der Stühle, auf dem sie ihn sanft niederdrückte. Dann setzte sie sich
ebenfalls und sah Marc auffordernd an.
***
Chris klopfte das Herz bis zum Hals. Er hatte die letzten beiden Tage eigentlich
recht gut überstanden. Darryl hatte ihn zwar weitestgehend links liegen lassen,
er hatte ein paar abschätzende Blicke von ein paar Häftlingen bekommen, doch es
war nichts passiert. Chris hatte die Kerle einfach ignoriert, sich aber ihre
Gesichter gemerkt, damit er wusste, wem er möglichst aus dem Weg gehen sollte.
Nun saß er hier und musste diese zwei Leute davon überzeugen, dass mit ihm alles
in Ordnung war. Er war sicher, dass er ein riesiges Problem haben würde, wenn
die beiden etwas spitzkriegten und er wollte in keine psychiatrische Anstalt. Er
musste nur endlich hier rauskommen, dann würde sich alles andere schon finden.
„Wissen…wissen Sie schon etwas Neues?“ erkundigte er sich vorsichtig und sah
dabei die Frau an, von der er nur wusste, dass sie seine Anwältin war. Ihren
Namen hatte er zwar auf einem der Dokumente, die er hatte unterschreiben müssen,
gelesen, dieser Marc hatte ihn auch einmal erwähnt, aber in seiner Verwirrtheit
hatte Chris ihn wieder vergessen.
„So, wie es aussieht, dürfte das Ganze recht schnell gehen. Ich habe ein paar
Verbindungen spielen lassen, Ihre Akte wird derzeit bereits geprüft und in zwei
Wochen könnte schon die Anhörung stattfinden, vielleicht sogar schon früher. Wir
haben Glück, zumindest in den letzten zwölf Monaten gab es keine negativen
Einträge seitens Ihres Bewährungshelfers in der Akte. Im Grunde genommen sollte
es kein Problem geben.“
„Was ist mit diesem Vorfall bei der Untersuchung?“ mischte sich der Mann ein,
der die Anwältin begleitet hatte. Marc war sein Name, wenn Chris sich recht
erinnerte, und er war sein Bewährungshelfer.
„Sie meinen, ob der sich negativ auswirken könnte? Nun, wenn niemand verletzt
wurde…“ Die Anwältin zuckte mit den Schultern. „Ich schätze, man wird dem
Vorfall kein großartiges Gewicht beimessen – vorausgesetzt so etwas wiederholt
sich nicht.“
„Was war da eigentlich los?“
Chris schluckte und sah zu dem jungen Mann hoch, der am Tisch lehnte und ihn
genau zu beobachten schien. Erstens gefiel ihm dessen Blick überhaupt nicht,
machte ihm geradezu Angst, und zweitens hatte er absolut keine Ahnung, was
wirklich geschehen war. Das er einen Wärter angegriffen hatte, hatte der
Direktor ihm ja schon vorgehalten, nur dass das bei der Eingangsuntersuchung
passiert war, hatte Chris nicht recht mitbekommen oder wieder vergessen. Wieder
ein Puzzleteil mehr. Nur half ihm das jetzt im Moment recht wenig.
„Ich…ich weiß nicht mehr genau. Ich hab wohl um mich geschlagen…und dann haben
sie mich dafür ins „Loch“ gesteckt“, gab er zögernd zu.
„Ins Loch?“
„Ja, so `ne Art Einzelzelle, nur nicht besonderes bequem.“ Chris versuchte ein
schiefes Lächeln. „Da kommt man rein, wenn man Mist gebaut hat.“
„Okay…“ erwiderte Marc und strich sich über das Kinn.
Chris atmete innerlich auf. Gut, diese Klippe war umschifft. Ihm brannten so
viele Fragen auf der Zunge, doch er wusste nicht, wie er sie unauffällig stellen
sollte. Die vergangenen zwei Nächte hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen,
wie er mehr über seine Zeit in Freiheit herausfinden konnte, ohne Verdacht zu
erwecken. In dieser Hinsicht war es gut, dass Darryl so selten mit ihm redete,
so musste er sich schon keine Lügen einfallen lassen. Sein Zellengenosse hatte
zwar mittlerweile mitbekommen, dass er nur hier war, weil etwas bei seiner
Bewährung geprüft werden musste, aber nicht nach dem „Wieso“ und „Warum“
gefragt. Und, was am wichtigsten war, Darryl schien wirklich keinerlei sexuelles
Interesse an ihm zu haben.
Marc verließ seinen Platz am Tisch und begann, die Hände in den Taschen seiner
Jeans vergraben, unruhig hin und her zu laufen. Er wirkte angespannt und nervös.
Dann drehte er sich abrupt um und starrte Chris an.
„Chris, du kannst mit dem Versteck spielen aufhören, wir wissen was los ist.“
Chris fühlte regelrecht, wie sein Herz einen Moment lang aussetzte zu schlagen.
Dann hoffte er, er hätte die Andeutung falsch verstanden, denn woher sollten
diese beiden den wissen, dass er diese riesige Lücke in seinem Gedächtnis hatte?
Er hatte beim letzten Treffen doch kaum etwas gesagt, konnte sich somit doch
nicht verraten haben. Vielleicht hatten sie einen Verdacht, aber Chris hatte
nicht vor, diesen zu bestätigen.
„Wie…wie meinen Sie das? Ich spiele kein Versteck, wieso sollte ich?“ fragte er
und war froh, dass er es schaffte, seiner Stimme dabei einen überraschten und
ein wenig aggressiven Klang zu geben.
Sein Bewährungshelfer trat an den Tisch und stützte sich mit beiden Händen
darauf ab, während er Chris mit seinen Augen fixierte.
„Weil du Angst hast“, entgegnete er ruhig. „Aber das brauchst du nicht, wir sind
deine Freunde und wollen dir helfen.“
Chris presste die Lippen zusammen und starrte zurück. Eine Aussage stimmte, er
hatte eine Scheißangst. Aber dass sie ihm nur helfen wollten, daran konnte er
nicht glauben. Und seine Freunde waren sie auch nicht. Ein Bewährungshelfer
konnte kein Freund sein, das hatte er von anderen Gefangenen schon gehört. Das
waren miese Typen, die einen schikanierten, wo sie nur konnten. Wenn er zugab,
sich an gewisse Dinge einfach nicht erinnern zu können, wäre er in einer
Anstalt, bevor er „Piep“ sagen könnte. Und das konnte er nicht wirklich als
Hilfe definieren.
„Ich weiß noch immer nicht, wovon Sie reden.“
Der Mann seufzte. „Chris, ich bin nicht blöd. Denkst du wirklich, ich hätte
nicht gemerkt, dass du am Samstag gar nicht wusstest, wer wir sind? Du kannst
dich an uns nicht erinnern und auch nicht daran, was in den letzten Monaten
geschehen ist.“
„Das ist lächerlich“, fauchte Chris. Verzweiflung begann sich in ihm breit zu
machen. Sie hatten ihn ertappt. Aber er würde nichts zugeben, gar nichts.
„Wenn das so lächerlich ist, wieso erzählst du uns dann nicht, wo du gelebt
hast, bevor man dich hierher zurückgebracht hat.“
Chris schluckte, um die Trockenheit in seinem Mund zu bekämpfen. Dieser Marc
ließ einfach nicht locker. Fieberhaft kramte er in seinem Gehirn, ob vor drei
Tagen vielleicht die eine oder andere Bemerkung gefallen war, aus der er etwas
machen konnte.
„Bei Alex“, platzte er schließlich trotzig heraus und betete, dass seine wilde
Raterei stimmte. Immerhin bezahlte dieser Typ seine Anwältin, also musste eine
nähere Beziehung zu ihm bestehen. Über Details wollte Chris sich keine Gedanken
machen, er konnte und wollte sich einfach nicht vorstellen, dass er sich
freiwillig mit einem Mann eingelassen hatte. Genauso wenig, wie er sich über den
Grund für diese Narben an seinen Handgelenken Gedanken machen wollte.
Sein Bewährungshelfer richtete sich überrascht auf und Chris begann innerlich
schon zu triumphieren. Bingo, er hatte also wirklich bei diesem Alex gelebt.
Sein Triumphgefühl erlosch aber genauso schnell, wie es aufgeflackert war, denn
eine Bestätigung seiner Vermutung hatte er sich eigentlich nicht gewünscht. Dass
der Typ einfach jemand war, der ihn aus lauter Gutmütigkeit aufgenommen hatte
und aus diesem Grund auch die Anwaltskosten bezahlte, das erschien Chris so
absurd wie eine Kuh auf einem Surfbrett.
Seine beiden Besucher sahen sich an und schienen stumme Botschaften
auszutauschen. Es war Marc, der sich räusperte und wieder das Wort an ihn
richtete.
„Bei Alex also…und weiter?“
„Wie weiter?“
„Was hast du dort gemacht?“
So, jetzt saß er in der Falle. Chris hatte keinen blassen Schimmer, was Marc
hören wollte, was ihn aus dieser Misere retten würde. Da nützte ihm seine
blühende Fantasie auch nichts, wenn er nicht den geringsten Anhaltspunkt hatte,
aus dem er eine Geschichte spinnen konnte. Also trat er die Flucht nach vorne
an. Er stand auf.
„Was wird das hier eigentlich? Ein Verhör? Ich dachte, Sie wollten mir helfen,
hier raus zu kommen?“ fragte er zurück. „Sie sind mein Bewährungshelfer, also
wissen Sie doch, was ich bei Alex gemacht habe.“ Obwohl Chris innerlich
zitterte, sah er Marc herausfordernd an.
„Chris, beruhigen Sie sich wieder“, mischte sich nun die Anwältin ein. „Wir
wollen Ihnen nichts Böses. Aber es ist ganz eindeutig, dass mit Ihnen etwas
nicht stimmt, und wenn wir Ihnen wirklich helfen sollen, dann müssen Sie uns die
Wahrheit sagen.“
„Mit mir ist alles in Ordnung“, entgegnete Chris gepresst. „Sind wir jetzt
endlich fertig?“
„Verdammt, wieso…“, fuhr sein Bewährungshelfer auf.
„Lassen Sie es gut sein, Marc, ich denke, es reicht für heute.“ Die Anwältin war
nun ebenfalls aufgestanden und warf ihrem Begleiter einen warnenden Blick zu,
bevor sie sich an Chris wandte. „Chris, auch wenn Sie es nicht glauben wollen
oder können, wir sind Ihre Freunde“, sagte sie eindringlich. „Bitte denken Sie
darüber nach. Wie kommen wieder, sobald der Termin für die Anhörung feststeht,
dann können wir noch einmal miteinander reden. Als Ihre Anwältin können Sie mich
auch jederzeit anrufen, das ist Ihr gutes Recht. Ich lasse Ihnen meine
Visitenkarte hier.“ Damit steckte sie ihm ein kleines Kärtchen in die Tasche
seines Hemdes.
Erleichtert, dass das Gespräch nun beendet zu sein schien, nickte Chris nur. So
hatte er schon keine Gelegenheit mehr, sich zu verplappern und den beiden eine
Angriffsfläche zu bieten. Er konnte ihnen einfach nicht vertrauen, durfte es
nicht. Sie waren auch nur ein Teil dieses Systems, das ihn dahin gebracht hatte,
wo er jetzt war. Ganz weit unten.
„Also gut, dann…“, seufzte Marc und ging zur Tür, um zu klopfen, und dem Wärter
davor zu signalisieren, dass sie fertig waren.
***
„Verdammt, verdammt, verdammt!“ Marc hatte es gerade noch geschafft, seine
Frustration zu beherrschen, bis sie im Auto saßen. „Wieso kapiert dieser kleine
Idiot nicht, dass wir ihm nur helfen wollen?“
„Ich glaube, er hat einfach nur Angst.“
Marc warf der Anwältin, die den Wagen gestartet hatte und diesen nun aus der
Parklücke herausmanövrierte, einen Seitenblick zu. Dass Chris Angst hatte, hatte
er auch gespürt. Vielleicht hatte er das Ganze völlig falsch angefangen, hätte
erst noch versuchen sollen, sein Vertrauen zu gewinnen, als ihn so schnell mit
ihrer Vermutung zu konfrontieren. Erst da hatte der Junge völlig dicht gemacht.
„Aber wieso? Wenn ich an seiner Stelle wäre, mich an meinen Teil meines Lebens
nicht erinnern könnte, dann wäre ich froh, wenn da jemand wäre, der mir davon
erzählen könnte. Das ist doch völlig unlogisch.“
„Irgendwie ja, aber auch irgendwie nein.“
„Danke, die Antwort hilft mir jetzt wirklich sehr weiter.“
„Marc…er vertraut uns einfach nicht, dass ist alles. Wie sollte er auch, er
kennt uns ja nicht. Und das ist auch nicht der Chris, den wir kennen. Wir müssen
ihm Zeit geben.“
Marc verschränkte die Arme und starrte aus dem Seitenfester. Ja, genau das
gleiche hatte Jack auch zu ihm gesagt, dass der Chris, der Alexandra hatte
heiraten wollen, kein Vergleich zu dem Chris vor eineinhalb Jahren war. Dass
dieser Chris ein verstörtes Kind gewesen war, das um sich geschlagen hatte,
sobald ihm jemand zu nahe gekommen war. Erst Alexandra hatte es geschafft,
Zugang zu ihm zu finden und sein Vertrauen zu gewinnen.
„Okay…mal angenommen, Sie haben recht. Was machen wir dann jetzt?“
„Wir holen ihn zuallererst da raus und alles andere überlassen wir Alex und
dieser Psychologin. Die beiden kennen den Jungen am besten. Und das nächste Mal
nehme ich Jack mit, dann sehen wir, ob Chris sich wenigstens an ihn erinnert.“
***
Chris wurde von dem Wärter zurück in den Zellenblock geführt, wo er mit sechs
anderen Häftlingen, darunter Darryl, dabei gewesen war, den Boden zu schrubben.
Für Chris war es eine angenehme Arbeit, ein Wachtposten hatte sie die ganze Zeit
im Auge und so fühlte er sich relativ sicher.
Der Name dieser Anwältin war ihm wieder eingefallen, nachdem er diesen Raum
verlassen hatte. Lindstroem hieß sie. Nicht, dass der Name irgendeine Erinnerung
in ihm wachrief. Aber sie kannte ihn anscheinend von früher, aus der Zeit, die
in seinem Gedächtnis fehlte. Was er da mit ihr zu tun gehabt hatte, darüber
konnte er nur rätseln. Er hatte sich doch draußen anscheinend einwandfrei
verhalten. Vielleicht war sie ja eine Bekannte von diesem Alex und daher kannte
er sie. Oder besser gesagt, sie ihn.
Verflixt, er musste einfach durchhalten, bis er frei war. Richtig frei. Er war
jetzt so nah dran, das alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben
anzufangen. Er würde das, was man ihm hier in San Quentin angetan hatte, ganz
tief in sich drin verschließen, so dass es nicht mehr an die Oberfläche dringen
konnte. Er würde Kalifornien ganz verlassen, würde irgendwohin in den Norden
gehen, nach Montana oder Wyoming. Vielleicht würde er dort zur Ruhe kommen und
vergessen können.
Nachdem der Wärter ihm die Handschellen abgenommen hatte, ging Chris zu der
Stelle, wo er seinen Putzeimer und den Schrubber zurückgelassen hatte. Es war
eine stumpfsinnige Arbeit, doch genau das, was er jetzt brauchte. Dabei konnte
er nachdenken, seine Gedanken sortieren. Er hatte also wirklich bei diesem Alex
gelebt…
„Alex?“
Erschrocken fuhr Alexandra hoch, als sie Mary Jos Stimme hörte. Sie saß mit Gina
auf dem Rücksitz der Anderson’schen Familienkutsche, mit der ihre Freundin sie
aus dem Krankenhaus abgeholt hatte.
„Sind wir schon da?“
Mary Jo hatte sich halb umgedreht und betrachtete sie besorgt.
„Ist mit dir alles in Ordnung?“
Alexandra schluckte und nickte.
„Ja…ich bin nur ein wenig…“
Sie biss sich auf die Lippe und sah zu ihrer Tochter, die neben ihr friedlich in
im Babysitz schlummerte. Ihre kleinen Hände waren zu Fäusten geballt und sie
trug einen knallroten Strampelanzug mit kleinen, quietschgelben Enten vorne
drauf, den Chris erst vor ein paar Wochen gekauft hatte, weil er ihm so gefallen
hatte.
„Schon gut, du brauchst nichts zu erklären“, sagte Mary Jo sanft und löste ihren
Sicherheitsgurt. „Gehen wir rein.“
Alexandra ließ zu, dass ihre Freundin sich um Gina kümmerte, während sie selbst
ausstieg und ihr Haus betrachtete, als hätte sie es noch nie zuvor gesehen. War
es wirklich erst eine Woche her, dass ihre Welt zusammengebrochen war? Eine
Woche, in der sich ihr Leben wieder einmal völlig umgekrempelt hatte? Eigentlich
sollte sie jetzt mit Chris hier stehen, er hätte sie und Gina nach Hause holen
sollen, nicht Mary Jo. Doch der war nicht da, wusste nicht, dass er jetzt eine
Tochter hatte, konnte sich nicht ja nicht einmal daran erinnern, dass er eine
Freundin hatte, die er bald hatte heiraten wollen.
„Komm, Alex.“ Mary Jo berührte sie leicht am Arm und ging dann mit der
schlafenden Gina in ihrer Babywippe voraus durch den Vorgarten und die Treppen
zur Veranda hinauf. Vor der Tür drehte sie sich um.
„Alex?“
Alexandra gab sich einen Ruck. Es half alles nichts, das Leben ging weiter, auch
wenn sie das Gefühl hatte, vor einer Woche wäre die Welt zum Stillstand
gekommen. Langsam folgte sie ihrer Freundin und kramte in ihrer Handtasche nach
ihrem Hausschlüssel.
Mary Jo, Julie, Jack und Ian und auch Marc hatten sich in dieser Woche als
fantastische Freunde erwiesen. Alexandra hatte keine Ahnung, was sie ohne diese
fünf hätte machen sollen. Mary Jo hatte wie ein General die Aufgaben verteilt,
hatte sich darum gekümmert, dass der Tierarzt, den Alexandra als Vertretung
eingestellt hatte, informiert worden und einen Schlüssel für das Haus bekommen
hatte, damit er in die Praxis konnte und sie hatte sich mit Julie abgesprochen
und organisiert, dass Alexandra die zwei, drei Tage mit Gina nicht allein zu
Hause war. Eine von beiden würde sich tagsüber immer bei ihr aufhalten. Die
Hunde waren bei Jack und Ian gut aufgehoben, auch wenn sie anfangs nichts
gefressen und jaulend vor der Wohnungstür gesessen hatten. Besonders Lucy schien
das Ganze hart getroffen zu haben, sie fraß zwar inzwischen wieder wenigstens
ein bisschen, lag aber laut Jack die meiste Zeit nur traurig unter dem Tisch.
Kein Wunder, Chris war das Zentrum ihrer kleinen Hundewelt und nun trauerte sie.
Marc und Jack hielten Alexandra über die aktuellen Entwicklungen auf dem
Laufenden. Dass Chris nicht hatte zugeben wollen, dass er sich an gewisse Dinge
nicht erinnern konnte, das verstand Alexandra sogar. Sie kannte seinen Horror
davor, als psychisch labil oder gar krank eingestuft zu werden und dafür in
irgendeine Anstalt eingewiesen zu werden. Aber sie wusste auch, dass Chris, als
er damals entlassen worden war, niemanden gehabt hatte, zu dem er hätte gehen
können. Keine Verwandten und keine Freunde. Und das machte sie verrückt. Das
Wissen, dass er im Moment in dem Glauben leben musste, dass es niemanden gab,
der nach seiner Entlassung für ihn da sein, sich um ihn kümmern würde und dem er
wichtig war.
In der Küche stellte Mary Jo die Babywippe mit Gina erst einmal auf dem
Küchentisch ab. Dann drehte sie sich zu Alexandra um, die in der Tür stehen
geblieben war.
„Was ist los, Mädchen?“
„Oh Gott, ich…“ Alexandra wollte es nicht, doch sie brach wieder einmal in
Tränen aus. Es war so gespenstisch still hier, wie in einer Gruft. Kein Radio
lief, kein Hund hechelte, kläffte oder fiepste und vor allem fehlte eines: Die
Gegenwart von Chris.
Mit ein paar schnellen Schritten war Mary Jo bei ihr und nahm sie in die Arme.
Alexandra lehnte sich an ihre Freundin und versuchte, die Fassung wieder zu
gewinnen. Tränen halfen doch nichts, sie musste jetzt einfach stark sein. Chris
war doch nicht gestorben, er war nur gerade nicht da. Er würde wieder zu ihr
zurück kommen, daran musste sie einfach glauben.
„Hey, es wird alles wieder gut“, sagte Mary Jo und strich ihr beruhigend über
den Rücken. „Du bist nicht alleine, wir alle helfen dir und Chris da durch.
Komm, jetzt setzt du dich erst mal hin, ich mach dir einen Tee und dann legst du
dich ins Bett und schläfst ein wenig. Ich kann noch ein wenig bleiben und mich
um Gina kümmern. Okay?“
Alexandra nickte stumm und ließ sich von ihrer Freundin zu einem Stuhl führen.
Mit einer leichten Grimasse setze sie sich. Die Wunde von dem Kaiserschnitt
spürte sie noch immer und sie durfte sich in den nächsten Wochen auch noch nicht
übermäßig anstrengen, hatte man ihr gesagt.
Morgen wäre Besuchstag in San Quentin. Alles in Alexandra schrie danach, diese
Gelegenheit wahrzunehmen, Chris wiederzusehen, doch keiner ihrer Freunde hielt
das für eine gute Idee. Jack hatte am energischsten protestiert. Er hatte ihr in
allen Einzelheiten erklärt, wie so ein Besuch ablief, dass sie sich erst einmal
in einer Warteschlange würde einreihen müssen, um dann nach möglicherweise
stundenlanger Warterei noch eine Leibesvisitation über sich ergehen zu lassen,
bevor sie Chris würde für eine halbe Stunde sehen können. Einen Chris, der nicht
einmal wissen würde, wen er vor sich hatte.
Die Tatsache, dass so eine Aktion nach einer Bauchoperation wenig ratsam wäre,
hatte Alexandra nachgeben lassen. Das und Doktor Winslows Rat, Chris jetzt nicht
zu überfordern.
Vorgestern hatte die Psychologin Alexandra im Krankenhaus besucht. Sie war
aufrichtig bestürzt über die ganze Angelegenheit gewesen, darüber, dass man
Chris zurück nach San Quentin gebracht hatte und über seinen augenscheinlichen
Gedächtnisverlust. Sie hatte eine Theorie entwickelt, warum Chris anscheinend
nur sein Leben „draußen“ vergessen zu haben schien. Wenn er alles vergessen
hatte, denn das wussten sie noch immer nicht. Sobald sie etwas Neues wegen der
Anhörung erfuhren, würde Jack ihn deswegen aufsuchen, und um herauszufinden, ob
sich Chris an ihn erinnern konnte.
Doktor Winslow glaubte, dass Chris, oder besser gesagt, sein Unterbewusstsein,
sich schützen wollte. Wenn er die glückliche Zeit „vergaß“, sich in seine dunkle
Vergangenheit zurückzog, dann konnte er seine unerwartete Rückkehr nach San
Quentin besser verkraften. Es gab keine glücklichen Erinnerungen und keine
Verzweiflung, weil er nicht bei Alexandra sein konnte. Chris hatte vermutlich
auch nicht gewusst, dass man ihn in eine Einzelzelle stecken würde, also hatte
er damit rechnen müssen, wieder vergewaltigt zu werden. Und hier hatte sein
Verstand womöglich mit einem Kurzschluss reagiert und ihn in eine Zeit zurück
katapultiert, wo das für ihn alltäglich gewesen war, wo er den Missbrauch
akzeptiert hatte.
Anfangs war Alexandra dieser Erklärung gegenüber skeptisch gewesen, doch nach
einer Weile erschien sie ihr sogar logisch. Chris war in den letzten Monaten
glücklich gewesen, das hatte er ihr immer wieder gesagt und sie hatte es auch
gespürt. Diese Verhaftung musste ihm den Boden unter den Füßen weggezogen haben.
Auch wenn man ihm erklärt hatte, es sein nur vorübergehend, für Chris
verkörperte San Quentin die Hölle schlechthin, bevölkert mit Monstern und
Dämonen seiner Vergangenheit. Es musste so unendlich grausam für ihn gewesen
sein, aus seinem glücklichen, geregeltem Leben gerissen und in diesen
Hölleschlund zurückgeworfen zu werden.
Mary Jo stellte zwei Tassen auf den Tisch und setzte sich ebenfalls.
„Julie kommt später vorbei und kümmert sich um dich und die Kleine, bevor sie
zur Arbeit geht“, erklärte sie. „Ich kann noch ein bisschen bleiben, aber dann
muss ich nach Hause, weil Mike heute Abend ein Geschäftsessen hat.“
Alexandra nickte. „Danke“, flüsterte sie. „Ich…es tut mir leid, dass ich für
dich und für die anderen so eine Belastung bin. Ich…ich wüsste gar nicht, was
ich ohne euch getan hätte…“
„Mach dir darüber keine Gedanken, du hättest das Gleiche für jeden von uns
getan“, protestierte Mary Jo energisch. „Wozu sind Freunde schließlich da?“
„Trotzdem…ich hab euer Leben in der letzten Woche ganz schön durcheinander
gebracht“, seufzte Alexandra, während sie mit dem Löffel in ihrer Tasse
herumrührte.
„Vergiss es. Wir alle mögen dich und Chris und haben das gern getan. Du gewöhnst
dich jetzt erst einmal wieder ein und morgen oder übermorgen bringt Jack dir
dann die Hunde zurück.“
Ein winziges Lächeln stahl sich auf Alexandras Lippen. „Jetzt hat Ians Wohnung
wohl eine Komplettrenovierung nötig“, versuchte sie zu scherzen. „Er hat schon
über Bruce gestöhnt, dass der ihm sämtliche Schuhe zerkaut.“
Mary Jo lachte. „Ich glaub, über die Woche mit Charlie und Lucy kann der Gute
inzwischen ein Buch schreiben.“
***
Innerlich zitternd folgte Chris den anderen Sträflingen hinaus in den Hof. Es
war Sonntagnachmittag und es war üblich in San Quentin, dass die
Gefängnisinsassen ein paar Stunden draußen an der frischen Luft verbrachten.
Chris hatte es zwar geschafft, sich letzten Sonntag davor zu drücken, doch der
Wärter, der ihn und Darryl heute aus ihrer Zelle herausgescheucht hatte, hatte
sich von seiner Behauptung, dass es ihm nicht gut ginge, nicht beeindrucken
lassen.
Chris blinzelte, als er in den sonnenlichtüberfluteten Gefängnishof trat. Das
war die einzige Gelegenheit, wo sich alle Häftlinge der vier Zellenblocks
treffen konnten. Hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht und Gerüchte verbreitet.
Mit Gewehren bewaffnete Posten standen oben in den Wachtürmen und beobachteten
die Vorgänge im Hof unter ihnen. Allerdings wusste Chris aus Erfahrung, dass sie
ihre Augen nicht überall haben konnten und dass es auch hier genügend verdeckte
Stellen gab, wo die Häftlinge ihren illegalen Aktivitäten wie dem Drogenhandel
oder der Prostitution nachgingen – oder nachgehen mussten.
Er hatte gemerkt, wie einige der Männer ihm immer wieder abschätzende Blicke
zugeworfen hatten, wie hinter seinem Rücken über ihn getuschelt wurde. Es hatte
anscheinend nicht lange gedauert, bis sich herumgesprochen hatte, dass er Lewis’
Hure gewesen war. Auch Darryl schien etwas darüber zu Ohren gekommen zu sein,
denn der behandelte ihn seit zwei Tagen nicht einfach nur mit kühler Ignoranz,
sondern Chris spürte dessen Verachtung fast körperlich. Aber solange er ihn
wenigstens nicht anrührte…
Die Hoffnung, dass Darryl ihm helfen würde, hatte Chris schon nach kürzester
Zeit begraben. Sein Zellengenosse hatte ihm unmissverständlich zu verstehen
gegeben, dass er auf sich allein gestellt wäre. Chris hatte dennoch immer
versucht, sich in dessen Nähe aufzuhalten. Der Typ schien hier drin schon einen
gewissen Ruf zu haben und wurde trotz seiner Jugend respektiert. Wenn Darryl ihm
schon nicht aktiv helfen würde, dann konnte er sich zumindest hinter dessen
Reputation ein wenig verschanzen. Bisher zumindest hatte er damit Erfolg gehabt.
Musste er in die Gemeinschaftsdusche mit den Anderen, achtete er darauf, dass
auch Darryl dort war, genau wie bei all den anderen Gelegenheiten, wo kein
Wärter in unmittelbarer Nähe war. Chris hoffte, dass der Respekt, den seine
Mithäftlinge vor Darryl hatten auch ein wenig auf ihn selbst abfärbte. Dass
diese Kerle vielleicht wenigstens glaubten, dass dieser ihn schützte.
Darryl, der vor ihm gegangen war, drehte sich plötzlich um.
„Hör mal, lass dir bloß nicht einfallen, mir jetzt wie ein Schoßhund
nachzulaufen. Ich hab ein paar Sachen zu erledigen“, fauchte er. „Ich musste
kämpfen, um meinen Arsch zu retten, also tu das gefälligst auch.“
Chris zuckte zusammen, als Darryl ihn böse anblickte.
„Ich-ich wollte nicht…“ stammelte er.
Darryl schnaubte. „Bleib da, wo dich die Posten im Blick haben. Und wenn dir
einer zu nahe kommt, dann gib ihm `nen Tritt in die Eier. Wenn du jetzt nicht
aufpasst, endest du wieder als Hure für den halben Block. Ich kann dir nicht
helfen, da musst du schon selber durch.“ Damit wandte er sich ab und ging davon,
auf einen seiner Freunde zu, den er mit Handschlag begrüßte. Die beiden redeten
kurz miteinander, dann entfernten sie sich und verschwanden in der Menge.
Chris blickte ihnen nach und biss sich auf die Lippe. Er hatte sich also nicht
getäuscht, Darryl wusste es, genauso wie alle Anderen. Heute und die nächsten
Tage würden das reinste Spießrutenlaufen werden. Jetzt wo sein Zellengenosse und
unfreiwilliger Beschützer weg war, fühlte er sich völlig hilflos. Darryl hatte
ihm zwar unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er auf sich allein
gestellt war, doch seine Gegenwart hatte Chris doch ein gewisses Gefühl der
Sicherheit gegeben. Das war jetzt weg.
Der Gefängnishof war etwa hundert Meter lang und hundert Meter breit, eigentlich
genügend Raum, um unerwünschter Gesellschaft fernzubleiben. Irgendwo hier
draußen trieb sich auch Lewis mit seiner Clique herum. Chris sah sich um und
hoffte, dass er in der Menge untergehen würde, dass weder Lewis noch einer von
dessen Freunden ihn entdecken würde. Es waren zwar schon eineinhalb Jahre
vergangen – was er noch immer nicht so ganz glauben konnte – aber Lewis war
nachtragend wie ein Elefant.
Chris hatte damals mit keinem Wort erwähnt, dass er mit einem der Betreuer, die
in San Quentin mehr recht als schlecht die Funktion von Sozialarbeitern
erfüllten, über die Einleitung eines Bewährungsverfahrens gesprochen hatte. Im
Gerichtsurteil war zwar festgelegt worden, dass erst das letzte Jahr seiner
Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könnte, doch dieser Betreuer hatte nach
Durchsicht seiner Akte gemeint, dass gegen eine Bitte um ein Vorziehen der
Bewährungszeit nichts sprach. Und letztendlich war das Ersuchen anscheinend
durchgegangen, wenn er seit Januar letzten Jahres draußen gewesen war.
Die Erinnerung daran, wie und wann er die Nachricht bekommen hatte, dass er San
Quentin verlassen durfte, war weg. Irgendwo kurz vorher war der Faden wie mit
einer Schere abgeschnitten. Es war sozusagen alles im undurchdringlichen Nebel
verschwunden, was mit seiner Zeit in relativer Freiheit zu tun hatte.
Was Lewis wohl dazu gesagt haben mochte, dass sein „Spielzeug“ ihm von einen Tag
auf den anderen nicht mehr zur Verfügung stand? Chris konnte sich nicht
vorstellen, dass er sich von dem Schwein verabschiedet hatte. Er wollte es
eigentlich auch gar nicht wissen. Lewis war ein Psychopath, er hatte es
wahrscheinlich als persönliche Beleidigung aufgefasst, dass Chris ihn so
unerwartet „verlassen“ hatte.
Chris kniff die Augen gegen die strahlende Sonne zusammen. Noch etwas, das ihn
immer daran erinnerte, dass in seinem Gedächtnis diese riesige Lücke klaffte.
Der letzte Hofgang, an den er sich erinnern konnte, hatte im Winter
stattgefunden, es war kalt gewesen und hatte leicht genieselt. Jetzt war es
spätes Frühjahr, dem Datum nach zu urteilen, das auf dieser
Einverständniserklärung gestanden hatte. Als Chris das gesehen hatte, als sein
Gehirn die nötigen mathematischen Kalkulationen vorgenommen und er endlich
registriert hatte, was diese paar Zahlen auf dem Papier bedeuteten, hatte seine
Welt die größte aller Erschütterungen erfahren. Er war entsetzt gewesen, das
soviel Zeit vergangen war, an die er anscheinend keinerlei Erinnerung hatte,
aber unter all der Verwirrung hatte sich auch ein Stückchen Erleichterung Raum
verschafft. Erleichterung, dass es nur noch zwei Monate waren, bis er San
Quentin endgültig vergessen konnte.
Er ging ein Stück weiter in den Hof hinein und warf einen Blick zu den
Wachtürmen hinauf. Die Sicherheit, die die Posten dort oben versprachen, war
trügerisch. Ganz am Anfang seiner Zeit hier war ein Sträfling mitten auf dem Hof
erstochen worden, den Täter hatte man nie ermitteln können. Die, die etwas
gesehen hatten, hatten geschwiegen, sei es aus Angst oder aus Solidarität.
Darryls Rat, sich im Sichtbereich der Wachtposten aufzuhalten, war also so gut
wie nichts wert. Sich an den zweiten zu halten, das hätte Chris nie gewagt. Er
konnte nicht kämpfen, hatte es nie gelernt und war demzufolge hier drin wehrlos
wie ein neugeborenes Kätzchen gegen eine Meute Wölfe. Verflixt, wohin war Darryl
nur verschwunden? Vielleicht hätte er sich doch nicht so einfach abwimmeln
lassen sollen. Chris zog die Schultern hoch und vergrub die Hände in den
Hosentaschen. Wieso hatte dieser Wärter ihm vorhin bloß nicht geglaubt?
Plötzlich erspähte er Darryl etwa dreißig Meter weiter weg. Sein Zellengenosse
spielte Basketball mit drei anderen Kerlen. Chris schluckte. Ihm konnte doch
wohl keiner verbieten, dabei zuzusehen, oder? Unschlüssig starrte er hinüber.
Bevor er sich jedoch in Bewegung setzen konnte, verspürte er einen unsanften
Stoß im Rücken und fuhr mit einem erschreckten Aufkeuchen herum. Sein Innerstes
erstarrte zu Eis, seine Lungen weigerten sich, zu funktionieren, als er in das
hämisch grinsende Gesicht vor sich sah.
„Lange Zeit nicht gesehen, Kleiner…“
Alexandra seufzte schwer und sah wehmütig auf
ihre Tochter hinunter, die schlafend in ihrem Babybettchen lag. Es war noch
ziemlich früh am Morgen, sie hatte Gina bereits gewickelt und gefüttert, danach
war die Kleine wieder eingeschlummert. Mary Jo hatte ihr anfangs mit diesen
Aufgaben zur Hand gehen müssen, da Alexandra Angst gehabt hatte, sie könne etwas
falsch machen oder das Baby verletzen. Heute war Mittwoch und in den vergangenen
drei Tagen hatte sie ein wenig mehr Routine bekommen.
Nach einem letzten, prüfenden Blick in das Bettchen wandte Alexandra sich ab und
ging ins Bad, um zu duschen und sich anzuziehen. In einer Stunde würde Doktor
Bingham kommen, der die Praxis noch ein paar Wochen lang an ihrer Stelle führen
würde, bis sie ihr Leben wieder einigermaßen geregelt hatte und die Folgen des
Kaiserschnitts endgültig vergessen waren.
Es würde alles viel komplizierter werden, als sie es sich vorgestellt hatte.
Chris würde zwar zurückkommen, doch er würde die Rolle, für die er sich
freiwillig bereit erklärt hatte, nicht ausfüllen können. Sie würde jemanden
einstellen müssen, der sich um das Kind und um den Haushalt kümmerte. Genau das
hatte Chris nicht gewollt, aber ihr blieb nichts anderes übrig. Ihre Ersparnisse
würden auch nicht ewig reichen, sie musste Geld verdienen.
Alexandra hatte Doktor Winslow natürlich gefragt, ob sie glaubte, dass Chris
sich wieder an alles erinnern würde, wenn er San Quentin erst hinter sich
gelassen hatte und wieder zu Hause war, in seiner vertrauten Umgebung. Die
Psychologin hatte ihr gesagt, sie solle sich nicht zu große Hoffnungen darauf
machen, das menschliche Gehirn war ein höchst kompliziertes Organ und ließ sich
nicht berechnen. Es wäre möglich, dass Chris innerhalb kürzester Zeit seine
Erinnerungen zurück bekommen würde, aber es konnte auch sein, dass dieser Teil
seines Lebens für ihn unwiederbringlich verloren war.
In der Nacht nach diesem Gespräch hatte Alexandra keine Sekunde lang geschlafen,
geweint, bis sie einfach keine Tränen mehr hatte. Nicht um sich, vielmehr um den
Chris, in den sie sich im Verlauf des vergangenen Jahres immer mehr verliebt
hatte, der die große Liebe ihres Lebens geworden war und der im Moment nicht
mehr zu existieren schien. Der laut Doktor Winslow vielleicht nie mehr
zurückkehren würde. Dieser Gedanke zerriss ihr noch immer das Herz und sie
klammerte sich verzweifelt an die fast irrationale Hoffnung, das Chris nur zu
ihr nach Hause kommen musste, um diese Blockade in seinem Kopf zu überwinden.
Nachdem sie geduscht hatte, zog Alexandra sich an und fuhr sich schnell mit
einer Bürste durch die noch feuchten Haare, bevor sie sie zu einem Pferdeschwanz
band. Dann zog sie sich an und ging wieder ins Schlafzimmer zurück. Gina schlief
noch immer. Alexandra schaltete das Babyphon ein und ging nach unten in die
Küche, wo sie von Charlie begeistert begrüßt wurde.
Charlie hatte die einwöchige Trennung von ihr einigermaßen gut überstanden, er
kannte zumindest Jack schon lange genug, nur Lucy machte ihr immer noch Sorgen.
Aus dem aufgedrehten Hundekind war ein trauriges, kleines Fellbündel geworden,
das nur das Nötigste fraß. Sie hatte sichtbar an Gewicht verloren und verbrachte
die meiste Zeit des Tages in ihrem Korb in der Küche. Dabei hielt sie ihren
Blick immer fest auf die Küchentür gerichtet, als erwartete sie, dass Chris
jeden Moment hereinkommen und ihr kleines Hundeuniversum wieder gerade rücken
würde.
Alexandra tat es fast körperlich weh, Lucy so zu sehen. Sie hasste es, wenn
Tiere leiden mussten, aber noch mehr belastete es sie, dass sie so intensiv mit
Lucy mitfühlen konnte. Auch ihre Welt lag in Trümmern und sie hoffte auf ein
Wunder, das alles wieder in Ordnung bringen würde.
Charlie sprang an ihr hoch und bettelte um ein paar Streicheleinheiten, die
Alexandra ihm gedankenverloren gewährte. Dann brühte sie sich eine Tasse Kaffee
auf und setzte sich an den Küchentisch. Während sie in der heißen Flüssigkeit
herumrührte, vergaß sie die Welt um sich herum und gab sich ganz ihren Gedanken
hin.
Chris war nun seit eineinhalb Wochen in diesem Höllenloch. Alles in Alexandra
schrie danach, nach San Quentin zu fahren und ihm wenigstens zu versichern, dass
er nach seiner Entlassung nicht alleine da stehen würde, dass er einen Ort
hatte, den er als Heim bezeichnen konnte, und Freunde, die sich um ihn kümmern
würden. Doch sie wusste, dass sie zumindest heute damit keinen Erfolg haben
würde. Die Besuchszeiten im Gefängnis waren streng geregelt, nur sonntags waren
Besuche möglich. Und letzten Sonntag hätte sie die Strapazen nicht überstanden.
Stundenlanges Anstehen und Warten waren keine Beschäftigung für eine Frau, die
eine Woche zuvor ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hatte. Ein kleiner
Trost war, dass Chris inzwischen wusste, dass er ein Zuhause hatte, zumindest
das hatten ihn Marc und Sam wissen lassen können.
Der nächste Sonntag jedoch näherte sich und Alexandra war wild entschlossen,
sich diesmal von nichts und niemandem abhalten zu lassen, Chris zu besuchen. Sie
wollte ihn wenigstens sehen, kurz mit ihm reden, auch wenn sie sich dabei fühlen
würde, als würde ihr jemand das Herz mit einem stumpfen Löffel portionsweise aus
dem Leib schneiden. Auch wenn Marc ihr versichert hatte, dass Chris in
Einzelhaft war, sie musste wissen, sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass
er zumindest körperlich unversehrt war.
Das schrille Läuten des Telefons, das vor ihr auf dem Tisch lag, riss Alexandra
aus ihren düsteren Überlegungen. Sie griff danach.
„Hallo?“
„Alex? Ich hab Neuigkeiten.“
Es war Sam. Alexandra setzte sich gerade hin und verzog das Gesicht. Diese
verdammte Narbe schmerzte noch immer bei bestimmten Bewegungen.
„Was ist los? Habt ihr einen Termin für die Anhörung?“ fragte sie fast atemlos.
„Das auch. Nur…Es wird möglicherweise schwieriger werden, als ich angenommen
habe. Chris wurde vorzeitig auf Bewährung entlassen. Damals hat man versäumt,
dem zuständigen Richter, der ihn verurteilt hat, seine Akte zur Prüfung zukommen
zu lassen, da dessen Unterschrift dazu nötig gewesen wäre, um die Bewährung
rechtlich wirksam werden zu lassen. Ich hab Himmel und Hölle in Bewegung
gesetzt, damit seinem Büro Chris’ Akte am Freitag zugestellt wurde, aber…“ Sam
machte eine Pause.
„Was aber? Ist der Kerl irgendwo im Dschungel im Urlaub und unerreichbar?“
„Nein. Ich habe gestern Nachmittag mit ihm telefoniert. Er hat die Akte bekommen
und bereits durchgesehen. Aber er ist der Ansicht, dass er das Ersuchen damals
nicht unterschrieben hätte und es auch heute nicht tun würde.“
„Und das heißt?“
„Das heißt, wenn wir Richter Cavendish nicht dazu bringen können, der Empfehlung
des Bewährungsauschusses zu folgen, die meiner Meinung nach auf jeden Fall
positiv für Chris ausfallen sollte, und seine Unterschrift auf die
Entlassungspapiere zu setzen, dass der Junge dieses halbe Jahr sozusagen
nachsitzen muss.“
Alexandra blinzelte und schüttelte den Kopf, während sie versuchte, das Gesagte
zu begreifen. Chris sollte möglicherweise nicht nur bis zum Ende seiner
eigentlichen Strafe in San Quentin bleiben, sondern die versehentlich vorzeitig
gewährte Bewährungszeit nachholen? Es hing alles nur von dieser verfluchten
Unterschrift von diesem verfluchten Richter ab, der Chris vor fünf Jahren in
diese Folterkammer geschickt hatte? Dem es egal gewesen war, dass er einen
Teenager, der einmal, ein einziges Mal eine falsche Entscheidung getroffen
hatte, einer Horde Verbrecher in die Hände gegeben hatte?
„Alex? Sind Sie noch dran?“ erklang Sams besorgte Stimme aus dem Telefon. „Hören
Sie, es ist noch nicht vorbei. Wir warten die Anhörung am Freitag ab, wenn der
Ausschuss zu Chris Gunsten entscheidet –wovon ich felsenfest überzeugt bin -
dann setze ich mich noch einmal mit Richter Cavendish in Verbindung und versuche
ihn zu überzeugen. Notfalls fliege ich nach L.A. und rede persönlich mit ihm.“
Alexandra war aufgestanden und ging mit dem Telefonhörer am Ohr nervös in der
Küche auf und ab, während sie Sams Erklärungen lauschte. Wie war der Name des
Richters, der Chris’ Schicksal in den Händen hielt? Ein winziges Fünkchen
Hoffnung begann in ihr zu glimmen.
„Sam, der Richter heißt Cavendish? Norman Cavendish?“ vergewisserte sie sich
angespannt.
„Richtig…Kennen Sie ihn etwa?“
Alexandra rieb sich über die Stirn und nickte, bevor ihr einfiel, dass Sam sie
ja nicht sehen konnte.
„Ja…“, sagte sie. „Sehr gut sogar. Seine Frau ist die Patentante meines Bruders
und beide sind eng mit meinen Eltern befreundet…“
Ihre Gedanken überschlugen sich. Richter Cavendish...Als sie noch zu Hause
gewohnt hatte, hatte sie ihn und seine Frau regelmäßig getroffen. Das Ehepaar
war oft zu Gast bei ihren Eltern gewesen. Er war ihr immer wie ein umgänglicher,
freundlicher Mensch erschienen. Onkel Norman hatten sie und ihre Geschwister ihn
genannt. Dieser Mann sollte dafür verantwortlich sein, dass Chris all dieses
Grauen hatte durchmachen müssen?
„Denken Sie, Sie könnten ihn dahingehend beeinflussen, nachträglich sein
Einverständnis zu Chris’ Bewährung zu geben?“
Alexandra atmete tief durch und schluckte ihre Wut und Empörung hinunter.
„Ich fliege heute noch nach L.A und spreche mit ihm“, antwortete sie knapp. „Ihm
wird nichts anderes übrig bleiben, als mir zuzuhören. Danke, dass Sie mich
angerufen haben, ich muss jetzt Schluss machen.“ Damit beendete sie das
Gespräch. Ein paar Sekunden lang starrte sie das Telefon in ihrer Hand an ohne
es wirklich wahrzunehmen. Dann begann sie entschlossen eine Nummer zu tippen.
Sie hatte sich geschworen, mit ihrer „alten Welt“ nichts mehr zu tun haben zu
wollen, hatte diesen Schwur nach der Sache mit Justin erneuert. Sie wollte
eigentlich nicht auf Beziehungen von früher zurückgreifen, den Namen „Hastings“
benutzen, um sich Vorteile zu verschaffen, die andere nicht hatten. Doch hier
ging es um Chris. Den Vater ihres Kindes und den Mann, den sie liebte. Für ihn
würde sie alles tun, durchs Feuer gehen und auch ihren verdammten Stolz
hinunterschlucken. Und sie würde ihre Wut beherrschen.
***
Jack Sanders warf den Aktenordner auf den zerschundenen Tisch vor sich und
seufzte. Heute war er an der Reihe, Chris einen Besuch abzustatten. Einerseits,
weil es Neuigkeiten gab, erfreuliche zur Abwechslung und andererseits, weil sie
herausfinden wollten, ob Chris sich wenigstens an ihn erinnerte.
Alexandra wäre am liebsten mitgekommen, Sam hatte sie mit Mühe und Not davon
überzeugen können, dass man sie nicht zu Chris lassen würde. Besuche waren unter
der Woche untersagt. Darauf, sie als Mitarbeiterin auszugeben, hatte sich die
Anwältin nicht eingelassen. Wenn es aufgekommen wäre, hätte sie das ihre
Zulassung kosten können. Also war Jack nun allein hier und wartete auf das
Erscheinen von Chris.
Diese letzten eineinhalb Wochen hatten an den Nerven aller gezehrt, die zum
engeren Freundeskreis von Chris und Alexandra zählten. Es war nicht nur die
Sorge um Chris, die sie alle beschäftigte, sondern auch, wie Alexandra mit dem
Ganzen zurecht kommen würde. Mary Jo, Julie und er hatten regelrechte
Krisensitzungen abgehalten, in denen sie besprachen, wie sie Alexandra am besten
helfen konnten. Immerhin würde es nicht einfacher werden, wenn Chris nach Hause
kam – Alexandra war für ihn eine Fremde.
Das Öffnen der Tür unterbrach Jacks Überlegungen und er sah auf. Chris wurde von
einem Wärter hereingeführt.
„Tag“, sagte der Mann. „Wollen Sie mit ihm allein reden?“
Jack nickte, während er den Blick nicht von Chris abwandte. Du liebe Zeit, was
war denn mit dem Jungen passiert? Er hatte einen kaum verheilten Riss in der
Unterlippe und den Wangenknochen unterhalb des rechten Auges zierte ein blauer
Fleck.
„Gut, dann bleiben die Handschellen dran.“ Der Wärter nahm das
Erlaubnisschreiben entgegen, das Jack ihm automatisch entgegengestreckt hatte.
„Sie melden sich, wenn Sie fertig sind.“
Mit einem kurzen Tippen des Zeigefingers an seine Mütze zog der Wärter die Tür
hinter sich zu und Jack war mit Chris allein, der sich noch keinen Millimeter
bewegt hatte. Er hatte noch nicht einmal den Kopf gehoben.
„Chris?“
Der junge Mann sah auf. Da erschien kein Funken des Erkennens in den dunklen
Augen. Jack presste die Lippen zusammen. Chris konnte sich also auch an ihn
nicht erinnern. Zumindest hatten sie jetzt wenigstens diese Information.
„Ich bin Jack Sanders und arbeite für deine Anwältin. Willst du…willst du dich
nicht setzen, da redet es sich leichter?“ Jack lächelte Chris ermutigend an.
Als sie sich gegenübersaßen, räusperte sich Jack und faltete die Hände vor sich
auf dem Tisch. „Sam…Miss Lindstroem lässt dir mitteilen, dass die Anhörung am
Freitag, also übermorgen stattfindet. Man hat deine Akte nochmals geprüft. Da du
vor der festgesetzten Bewährungszeit entlassen wurdest, hätte damals schon eine
zweite Prüfung deines Ersuchens stattfinden müssen, das wurde aber versäumt. Und
der Richter, der dich verurteilt hat, hätte zustimmen müssen.“
Chris sah ihn jetzt aufmerksam an. Auf seinem Gesicht war keine Regung zu
erkennen und Jack dachte unwillkürlich an den trotzigen, verschlossenen Jungen
zurück, den er vor eineinhalb Jahren hier abgeholt hatte. Damals hatte er auch
keinen Zugang zu ihm finden können.
Nachdem Chris nichts sagte, fuhr Jack fort. „Sam hat sich wirklich für dich
eingesetzt, nur ihr und ihren Verbindungen hast du es zu verdanken, dass das
Ganze so schnell abgewickelt wurde. Sie tut alles, um diesen Richter zu
überzeugen, dass er deiner Bewährung nachträglich zustimmt. Du hast wirklich
sehr gute Karten und genügend Leute, die aussagen werden, dass du nicht zu
Unrecht freigelassen wurdest und dass du dir ein geregeltes Leben aufgebaut
hast.“ Jack musterte Chris prüfend. „Marc Adams wird das bezeugen, genau wie ich
als dein ehemaliger Bewährungshelfer. Und natürlich Alex.“
Chris richtete den Blick auf seine gefesselten Hände, die er auf die Tischplatte
gelegt hatte.
„Werden sie am Freitag auch da sein?“ fragte er leise. „Als Zeugen, meine ich.“
„Ja, wir werden alle da sein“, bestätigte Jack, erleichtert darüber, dass Chris
endlich so etwas wie Interesse zeigte. „Alex macht sich wahnsinnige Sorgen um
dich. Genauer gesagt, sie ist schon ganz krank vor Sorge.“
Chris sah auf. Er schien über irgendetwas überrascht zu sein. Vermutlich
darüber, dass es so viele Menschen gab, denen etwas an ihm lag. Jack wusste,
dass Chris nach seiner Entlassung damals wirklich mutterseelenallein auf der
Welt gestanden hatte, seine Eltern waren tot und zu Freunden von früher hatte er
keinen Kontakt mehr gesucht. Und es war ihm unendlich schwer gefallen, neue
Freundschaften zu knüpfen. Der Chris vor ihm konnte sich vermutlich nicht
vorstellen, dass er das eines Tages doch wieder geschafft haben sollte, andere
Menschen an sich heran zu lassen.
„Alex…sie macht sich Sorgen um mich?“ fragte Chris stockend.
Jack wunderte sich einen Moment lang über die eigenartige Betonung des Wortes
„sie“, doch dann sagte er sich, dass er sich da vermutlich getäuscht hatte.
„Ja, tut sie. Alex ist eine sehr gute Freundin von mir, ich hab dich vor knapp
einem Jahr zu ihr geschickt, weil sie Hilfe bei Renovierungsarbeiten an ihrem
Haus brauchte. Seitdem wohnst du bei ihr.“
Jack beobachtete Chris genau. Der Junge presste die Lippen fest aufeinander und
schwieg.
„Chris, es ist in Ordnung“, sagte er behutsam. „Wir wissen, was los ist. Du
brauchst keine Angst zu haben, niemand will dich für verrückt oder geisteskrank
erklären, weil du dich an manche Dinge nicht erinnern kannst.“
„Ich…“Chris schüttelte den Kopf und brach ab.
Jack betrachtete ihn einen Moment lang und beschloss dann, das Thema fallen zu
lassen. Die Gefahr war zu groß, dass Chris wieder völlig blockierte, wie er es
schon bei Adams getan hatte, als dieser ihn damit konfrontiert hatte.
Stattdessen stellte er die Frage, die ihm auf der Zunge brannte, seitdem Chris
den Raum betreten hatte.
„Woher hast du eigentlich diese Verletzungen da im Gesicht?“ erkundigte er sich
in beiläufigem Tonfall.
Chris zuckte zusammen und fasste sich unwillkürlich mit den gefesselten Händen
an die Lippe. Egal was, es konnte erst vor zwei, höchstens drei Tagen passiert
sein. Auch die Prellung unterhalb des Auges sah frisch aus.
„Das ist nichts, war `ne kleine Auseinandersetzung, die keiner mitbekommen hat“,
murmelte Chris, während er die Tischplatte wieder wahnsinnig interessant zu
finden schien.
Jack runzelte die Stirn. Auseinandersetzung mit wem? Wohl kaum mit einem der
Wärter, er hatte gesagt, es hätte niemand mitbekommen. Aber Chris war in
Einzelhaft, ohne Kontakt zu anderen Gefangenen.
„Eine Auseinandersetzung? Mit wem?“ äußerte er seine Gedanken laut.
„Keine Sorge, diesmal war es kein Wärter“, erklärte Chris leise und vermied es,
Jack in die Augen zu sehen. „Am Sonntag hatte ich ein wenig Ärger beim Hofgang,
mit…mit einem anderen Sträfling.“
Jack setzte sich auf. „Beim Hofgang? Aber…du bist doch in Einzelhaft...“
Überrascht hob Chris den Kopf. „Einzelhaft? Nein, ich…ich bin ganz normal in
einem der Zellenblocks…“
Sprachlos starrte Jack sein Gegenüber an. Chris war im normalen Vollzug
gelandet? Obwohl man Sam versichert hatte, dass das nicht der Fall sein würde?
Du liebe Zeit, sie alle hatten sich die ganze Zeit darauf verlassen, dass Chris
in relativer Sicherheit war, dass ihm wenigstens nichts geschehen konnte. Und
jetzt erst kam durch Zufall heraus, dass das alles gar nicht stimmte. Chris war
nicht in einer Einzelzelle gewesen. Die Verletzungen in seinem Gesicht
erschienen Jack plötzlich in einem völlig anderen Licht und er hätte am liebsten
frustriert auf den Tisch geschlagen. Eine Prügelei? Ja, sicher… Der alte Chris
hätte vielleicht den Bruchteil einer Chance gehabt, er hätte sich wehren können,
hätte gewusst, warum er sich wehren musste…
Aber dieser Chris hier, der nichts hatte, wofür es sich zu kämpfen lohnte, der
an Vergewaltigungen und Missbrauch sozusagen gewöhnt war…was hätte er einem
Angreifer entgegenzusetzen gehabt? Jack schüttelte fassungslos den Kopf. Großer
Gott, Alexandra würde durchdrehen, wenn sie davon erfuhr. Erst der
Gedächtnisverlust, dann dass hier…
„Mr. Sanders…Stimmt was nicht?“ Chris’ raue Stimme riss Jack aus seinen
Horrorvorstellungen von einer tobenden Alexandra.
Jack atmete tief durch und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Er musste
sofort mit Sam telefonieren. Und sich dann darum kümmern, herauszufinden, was
für eine Schweinerei hier geschehen war. Irgendjemand hatte hier gewaltig
geschlampt.
„Nein. Es…es ist alles in Ordnung“, antwortete Jack und warf Chris einen Blick
zu. Dabei gab er sich Mühe, nicht zu betroffen zu wirken.
„Es hat wirklich keiner von den Wärtern mitbekommen, das…das kann sich nicht
negativ bei der Anhörung auswirken“, flüsterte Chris. „Mr. Sanders…ich muss hier
raus“, fügte er gequält hinzu und presste gleich darauf die Lippen zusammen, als
hätte er damit schon zuviel gesagt.
Jack spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Dieser letzte Satz war für ihn nur
eine Bestätigung, dass seine schlimmsten Befürchtungen den Tatsachen
entsprachen. Es war also wieder geschehen…
Alexandra gab dem Taxifahrer ein großzügiges
Trinkgeld, bevor sie aus dem Taxi ausstieg. Sie hatte sich vom Flughafen direkt
hierher in den Verwaltungsbezirk fahren lassen. In dem großen, grauen Gebäude
vor ihr hatte Richter Norman Cavendish sein Büro. Alexandra hatte kurz vor dem
Abflug in San Francisco dort angerufen und von der Sekretärin die Auskunft
erhalten, dass der Richter kurz nach ein Uhr wieder in seinem Büro sein würde.
Jetzt war es halb zwei.
Alexandra holte tief Luft und begann, die Treppen zum Haupteingang
hinaufzusteigen. Nur drei Straßen weiter lag das Gebäude, in dem sich die
Anwaltskanzlei ihres Vaters befand.
Gleich nachdem sie mit Sam telefoniert hatte, hatte sie sich auf dem Flughafen
angerufen und sich einen Platz in der nächsten Maschine reservieren lassen, die
nach Los Angeles geflogen war. Zum Glück war der Flug erst um halb zwölf
gegangen, genügend Zeit also, um Mary Jo als Babysitter zu organisieren und zum
Flughafen zu fahren.
Während des Fluges hatte Alexandra Zeit gehabt, nachzudenken. Zum Glück nicht
genug Zeit, um sich in ihre Wut hineinzusteigern, die sie darüber empfand, dass
ein Mensch, den sie seit ewigen Zeiten kannte, von dem sie geglaubt hatte, er
wäre verständnisvoll und fair, grausam genug gewesen war, ein halbes Kind an
einen Ort zu schicken, der für erwachsene Männer zu einer Hölle werden konnte.
Das Büro des Richters lag im dritten Stock, wie ihr der Wachmann unten
mitteilte. Er rief dessen Sekretärin an und erkundigte sich, ob er eine
Besucherin nach oben schicken durfte. Alexandra musste ihren Namen angeben, nach
zwei Minuten bekam sie die Erlaubnis, in das Büro zu kommen.
Schließlich stand sie mit rasendem Herzschlag vor der schweren, dunkel gebeizten
Eichentür, auf der ein glänzendes, poliertes Messingschild mit der Aufschrift
„Richter N. Cavendish“ angebracht war. Alexandra atmete tief durch. Sie hoffte,
dass sie die richtigen Worte finden würde, die den Richter davon überzeugen
würden, das verflixte Dokument zu unterschreiben, das für Chris die Freiheit
bedeutete.
Auf ihr Klopfen hin erklang ein gedämpftes “Herein“ von einer weiblichen Stimme.
Alexandra gab sich einen Ruck und trat in das Vorzimmer, wo hinter einem großen
Schreibtisch eine ältere Frau saß, die bei ihrem Anblick aufstand und sie
freundlich anlächelte.
„Guten Tag, Miss Hastings. Der Richter erwartet Sie bereits. Bitte treten Sie
ein.“ Damit öffnete sie die Tür zu einem geräumigen, im alten englischen Stil
eingerichteten Büro. Alexandra nickte der Sekretärin dankend zu und betrat den
Raum.
Der Richter kam ihr bereits mit ausgestreckten Händen und mit einem strahlenden
Lächeln entgegen. Er war ein großer, weißhaariger Mann, der ein wenig zur Fülle
neigte. Er sah noch genauso aus, wie Alexandra ihn in Erinnerung hatte.
„Alexandra, Mädchen…Das ist ja eine Überraschung“, begrüßte er sie und nahm ihre
Hände in seine. „Komm, setz dich und erzähl mir, was dich herführt. Ich habe
dich ja schon Jahre nicht mehr gesehen. Wolltest du deinem alten Onkel Norman
nur einen Besuch abstatten?“
Alexandra ließ sich von dem älteren Mann zu einem bequemen, braunen Ledersessel
führen, der mit noch zwei anderen in einer Ecke um einen edlen, dunklen
Kirschbaumtisch herum gruppiert war.
„Louise, bitte bringen Sie uns Kaffee und etwas Gebäck“, bat der Richter seine
Sekretärin, die nach einer kurzen, bestätigenden Antwort wieder nach draußen
verschwand. Dann setzte er sich den Sessel gegenüber von Alexandra.
Alexandra verschränkte ihre Hände ineinander. In ihr tobte ein wahrer Sturm
teilweise völlig gegensätzlicher Gefühle. Hoffnung, dass ihr Nennonkel
Verständnis für ihre Bitte zeigen würde, der Wunsch, aufzuspringen und all ihre
Wut und Verzweiflung hinauszuschreien, ihn wissen zu lassen, was er einem Jungen
angetan hatte, der eine Dummheit gemacht hatte, deren Konsequenzen er in seiner
jugendlichen Ignoranz nicht hatte abschätzen können. Es hätte andere Mittel und
Wege gegeben, Chris zu bestrafen, Mittel, die seinem Alter angemessen gewesen
wären.
Sie biss sich auf die Lippe. Nein, mit Anschuldigungen und Vorwürfen würde sie
wohl kaum etwas erreichen. Sie musste diplomatisch vorgehen, Verständnis für
Chris’ Situation wecken.
Alexandra lächelte gezwungen. „Nein…eigentlich ist das nicht „nur“ ein Besuch…“
begann sie zögernd. „Ich…“
Das Erscheinen von Louise, beladen mit einem Tablett mit Kaffeegeschirr und
einer Schale Gebäck unterbrach sie, verschaffte ihr noch eine kurze Galgenfrist,
um die richtigen Worte zu finden, ihr Anliegen zu schildern.
Nachdem Louise den Kaffee eingeschenkt hatte, verschwand sie wieder und der
Richter wandte seine volle Aufmerksamkeit nun Alexandra zu.
„Soso, also kein Besuch…“ schmunzelte er. Dann wurde er wieder ernst. „Hast du
Ärger, Mädchen?“ fragte er ganz direkt.
Alexandra schluckte und schüttelte den Kopf. „Nein…nicht direkt. Es geht nicht
um mich, sondern…sondern um jemanden, der mir sehr wichtig ist…“
Richter Cavendish lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete sie
forschend.
„Und dieser jemand hat Ärger, habe ich recht?“
Alexandra nickte. Ja, und den Ärger hat er teilweise dir zu verdanken, dachte
sie bitter. Sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem Mann ihr gegenüber
ihre Meinung ins Gesicht gebrüllt. Doch das konnte sie sich um Chris’ Willen
nicht erlauben.
„Er ist vor einem Jahr auf Bewährung entlassen worden. Vorzeitig. Man hat damals
versäumt, deine Zustimmung einzuholen, die du als derjenige hättest geben
müssen, der ihn verurteilt und die Strafe festgesetzt hat“, sagte sie gepresst.
„Das kam jetzt auf und er musste zurück ins Gefängnis.“
„Redest du von diesem O’Connor? Der, dessen Anwältin mich gestern angerufen
hat?“ fragte Cavendish scharf und setzte sich auf. „Ich wusste doch, dass da
mehr dahintersteckt“, murmelte er dann vor sich hin.
„Ja…ich meine Chris“, erwiderte Alexandra. Dann jedoch wurde sie aufmerksam.
„Was meinst du, du wusstest, dass da mehr dahintersteckt? Wohinter?“
„Nichts Wichtiges“, wiegelte der Richter schnell ab und wich ihrem Blick aus.
Alexandra mochte sich zwar dagegen sträuben, doch in zumindest einer Eigenschaft
glich sie ihrem Vater. Sie besaß eine brillante Kombinationsgabe. Eigentlich
hätte sie schon früher darauf kommen können. Onkel Norman war ein sehr guter
Freund ihrer Familie. Es war kein Zufall gewesen, dass die Unstimmigkeit bei
Chris’ Bewährungsverfahren ausgerechnet jetzt aufgekommen war. Ein paar Wochen,
nachdem sie ihren Bruder getroffen und dieser Chris kennen gelernt hatte.
Die Akten von Straftätern waren nicht jedermann zugänglich. Nur der Polizei und
der Justiz. Justin hatte es anscheinend nicht lassen können, ihr hinterher zu
spionieren. Sie hatte ihm Chris’ vollen Namen verraten, bei den Mitteln, die ihm
zur Verfügung standen, war es ihm vermutlich ein Leichtes gewesen,
herauszufinden, dass Chris im Gefängnis gewesen war.
„Hat Justin dir erzählt, er bräuchte Chris’ Akte wegen eines Falles?“ fragte sie
ins Blaue hinein. „Und du hast ihm den Gefallen getan, sie ihm zu besorgen? Er
durfte sie sich ansehen, dabei ist ihm aufgefallen, dass mit Chris’ Bewährung
etwas nicht stimmt, was er dir gegenüber natürlich nur ganz beiläufig erwähnt
hat…“ Alexandras Stimme klang ganz heiser, so sehr musste sie sich beherrschen,
nicht laut los zu schreien.
„Alexandra…“
Alexandra stand auf. „So war es doch, nicht wahr?“ flüsterte sie.
***
Etwa eine Stunde, nachdem Alexandra dieses Gespräch mit Richter Cavendish
geführt hatte, saßen die elf Anwälte der Kanzlei Hastings&Partner bei einer
Besprechung um den großen rechteckigen Tisch des Konferenzraumes. Justin
Hastings hielt gerade unter den kritischen Blicken seines Vaters, seiner älteren
Schwester und seinen Anwaltskollegen einen Vortrag über die Vorgehensweise in
einem anstehenden Verfahren, als plötzlich die Tür aufflog und mit einem lauten
Krachen an die Wand knallte.
Dem jungen Anwalt blieben die Worte im Hals stecken, als er Alexandra im
Türrahmen stehen sah. Ein Blick in ihre auf ihn gerichteten Augen genügte, um
ihn um seine körperliche Unversehrtheit fürchten zu lassen.
„Du Schwein“, zischte die junge Frau, während sie mit langen Schritten auf ihn
zukam. Kurz bevor sie ihn erreichte, ballte sie eine Hand zur Faust und holte
aus. Justin hob noch abwehrend die Hände und öffnete den Mund, um seine
Schwester zu beschwichtigen, doch im nächsten Moment fühlte er einen Schlag wie
von einem Eisenhammer am Kinn und taumelte zurück. Nur der hinter ihm stehende
Tisch bewahrte ihn davor, wie ein Sack zu Boden zu gehen. Die anderen Männer und
Frauen waren aufgesprungen und starrten Alexandra sprachlos an. Diese ignorierte
ihre Zuschauer vollkommen, sondern konzentrierte ihre Aufmerksamkeit völlig auf
ihren Bruder.
„Du weißt doch hoffentlich, wofür das war?“ fragte sie drohend. „Dafür, dass du
dich in mein Leben eingemischt hast. Dafür, dass du gelogen hast, um an Chris’
Akte heranzukommen. Dafür, dass er wegen dir jetzt wieder im Gefängnis sitzt.“
„Alex…hör zu…das…“ stammelte Justin und wich zurück. „Du…du musst doch einsehen,
dass dieser Kerl nichts für dich ist…Er ist ein Taugenichts, ein Verbrecher aus
der Gosse…Wir wollten dich nur schützen…“
Justin begann zu dämmern, dass das wohl nicht die richtigen Worte gewesen waren,
als Alexandras Augen sich zu Schlitzen verengten und sie ihm bei seinem
Auseichmanöver auf dem Fuß folgte. Es war, als würde die Welt um sie herum nicht
existieren, als wären sie völlig allein in diesem Raum. Die anderen Anwälte
hatten einen sicheren Abstand zu Alexandra eingenommen, nur Marcus Hastings und
Karen saßen noch und beobachteten das Schauspiel ungläubig.
„Red nur weiter, ich hör dir zu“, knirschte sie. „Sag mir aber, wenn du fertig
bist, damit ich dir meine Meinung dazu klarmachen kann.“
„Er hat dich doch nur ausgenutzt….Ich wette, du wusstest noch nicht einmal, dass
er im Gefängnis war…“
„Doch, wusste ich.“ Alexandras Stimme klang eiskalt.
„Wie…du wusstest…“
„Das reicht jetzt!“
Justin zuckte zusammen. Für einen kurzen Augenblick wagte er es, den Blick von
seiner Schwester abzuwenden und auf seinen Vater zu richten. Der hatte sich von
seinem Stuhl erhoben und starrte Alexandra unter seinen buschigen Augenbrauen
hervor zornig an.
„Bitte verlassen Sie den Raum.“ Marcus Hastings brauchte seine Stimme nicht zu
erheben, um Gehör zu finden. Einer nach dem Anderen gehorchten seine Mitarbeiter
seiner Anordnung, nicht jedoch ohne Alexandra einen letzten, neugierigen Blick
zuzuwerfen. Ein paar von ihnen kannten die junge Frau, wussten, dass sie die
„verlorene“ Tochter ihres Arbeitgebers war und würden ihre Kollegen in den
nächsten Minuten, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, mit
aufgeregtem Getuschel über ihre Identität aufklären.
Justin sah hilfesuchend zu seinem Vater. Dieser hatte schließlich das Ganze
eingefädelt, hatte ihn zu Onkel Norman geschickt, um diese verflixte Akte zu
beschaffen. Natürlich unter einem Vorwand, denn er hatte vor seinem alten Freund
natürlich nicht zugeben wollen, dass seine jüngste Tochter mit einem Kriminellen
liiert war.
Dieser O’Connor war zwar nur wegen dieses Tankstellenüberfalles verurteilt
worden, doch wer wusste schon, was er vorher noch alles angestellt hatte. Man
beschloss nicht von einem Tag auf den anderen kriminell zu werden, das war
zumindest die Meinung seines Vaters. Sie verdienten alle zwar ihren
Lebensunterhalt damit, Leute zu verteidigen, die das Gesetz übertreten hatte,
doch diese Leute hatten Geld, das den Geruch von Kriminalität überdecken konnte.
Ein Normalsterblicher konnte sich die Dienste von Hastings&Partner natürlich
nicht leisten.
Nachdem Justin die Aktenkopie durchgesehen und diesen Fehler beim
Bewährungsverfahren entdeckt hatte, war er mit seinem Bericht zu seinem Vater
gegangen. Dieser war sowieso schon mehr als wütend über Alexandras „Entgleisung“
gewesen und als er erfahren hatte, dass dieser Kerl, der es gewagt hatte, seine
Tochter zu schwängern, auch noch unrechtmäßig auf freiem Fuß war, hatte er
Justin mit schneidender Stimme befohlen, sich darum zu „kümmern“.
Justin hatte geschwankt, ob er versuchen sollte, seinen Vater zu überreden, die
Sache auf sich beruhen zu lassen. Es war einige Zeit seit seinem Besuch bei
Alexandra vergangen, das anfängliche Unverständnis und die Empörung über ihre
Partnerwahl hatte nachgelassen, er hatte sich gesagt, dass es schließlich die
Entscheidung seiner Schwester war, mit wem sie ihr Leben verbringen wollte. Doch
für diese Einsicht war es zu spät gewesen, da sie ihm erst gekommen war, nachdem
er seinen Vater über die Unstimmigkeiten, die er entdeckt hatte, informiert
hatte.
Marcus Hastings hatte ihm befohlen, Onkel Norman beiläufig mitzuteilen, was ihm
aufgefallen war. Natürlich war dieser, wie erwartet, empört gewesen und hatte
die nötigen Schritte einleiten lassen. Allerdings alles, ohne etwas von den
wahren Hintergründen von Justins Interesse an diesem Ex-Sträfling zu ahnen.
Alexandra war von den drei Hastings-Sprösslingen immer der Liebling des Richters
gewesen, wenn er gewusst hätte, dass sie mit diesem jungen Mann zusammenlebte
und sogar ein Kind von ihm erwartete, dann hätte er sich möglicherweise zuerst
mit ihr in Verbindung gesetzt, bevor er etwas unternommen hätte. Norman
Cavendish war als Richter bekannt für seine harten Urteile, doch für Alexandra
hatte er immer eine Schwäche gehabt. Trotz oder vielleicht sogar wegen ihres
rebellischen Wesens.
Nachdem die Familie „unter sich“ war, kam Marcus Hastings um den Tisch herum auf
seine beiden jüngeren Kinder zu, während Karen es vorzog, das Ganze aus sicherer
Distanz und mit spöttischem Gesichtsaudruck zu beobachten. Justin wusste genau,
dass seine ältere Schwester die Szene immens genoss, vor allem der Kinnhaken,
den Alexandra ihm verpasst hatte, musste sie innerlich zum Jubeln gebracht
haben. Sie war eine vom Ehrgeiz zerfressene Frau und stand mit ihm in ständigem
Konkurrenzkampf, da sie ihrem Vater beweisen wollte, dass sie in ihrem Beruf
besser war als ihr Bruder und eine würdigere Nachfolgerin.
Die Hände auf dem Rücken verschränkt kam Hastings Senior schließlich vor Justin
und Alexandra zum Stehen.
„Hättest du die Güte, mir zu erklären was dieser Auftritt hier soll?“ fragte der
ältere Mann beherrscht. Er hatte seine Stimme nicht erhoben, das brauchte er gar
nicht, seine ganze Haltung, die Aura von Macht und Arroganz, die ihn umgab, ließ
normalerweise jeden, auf den sein Unmut fiel, bis ins Innerste erzittern.
„Tu nicht so, als ob du keine Ahnung hättest, wieso ich hier bin“, fauchte
Alexandra. „Im Grunde genommen steckst du doch dahinter.“
Justin musste sich zusammenreißen um nicht erschrocken aufzukeuchen. Er hätte es
nie gewagt, so mit ihrem Vater zu reden. Aber Alexandra war schon immer anders
gewesen und im Moment schien sie vor lauter Wut sowieso jenseits von Gut und
Böse zu sein. Wie gerne hätte er jetzt die Fähigkeit besessen, mit dem Finger zu
schnippen und im nächsten Moment ganz weit weg zu sein.
„Sprich nicht in diesem Ton mit mir, junge Dame“, forderte Marcus Hastings nun
musterte seine jüngste Tochter von oben bis unten. „Das verbitte ich mir.“
„Ach ja? Tust du das?“ entgegnete Alexandra mit vor Spott triefender Stimme und
wandte sich ihrem Vater nun ganz zu. „Nur schade, dass mich das nicht
interessiert. Hörst du? Es ist mir scheißegal, was du dir verbittest, du hast
mir gar nichts zu sagen und du hast in meinem Leben auch nichts zu suchen!“
Vater und Tochter standen sich mit zornfunkelnden Augen gegenüber, keiner von
beiden bereit, auch nur einen Millimeter Boden aufzugeben. Sie erinnerten Justin
unwillkürlich an ein paar Raubkatzen auf dem Sprung, die jeden Moment
aufeinander losgehen würden, um sich in einen tödlichen Kampf zu verstricken,
aus dem nur einer als Sieger hervorgehen konnte. Und Justin war sich gar nicht
sicher, dass er sein Geld auf seinen Vater gewettet hätte.
„Wenn du dein Leben an einen Kriminellen wegwirfst, dir von ihm ein Kind machen
lässt, dann geht es mich sehr wohl etwas an!“
„Du und deine Scheißfamilienehre! Steck sie dir sonst wohin und fahr damit zur
Hölle! Aber wag es ja nicht noch einmal, deine dreckigen Finger in meine
Angelegenheiten zu stecken, sonst jage ich dir die ganze Bude hier in die Luft!“
Justin hielt den Atem an und konnte nicht anders. Er musste seine Schwester
einfach für ihren Mut bewundern. Sicher hatte sie den letzten Satz nicht ernst
gemeint, aber er selbst hätte es nie gewagt, so mit seinem Vater zu reden,
geschweige denn, die Stimme gegen ihn zu erheben, so wie Alexandra es gerade
getan hatte. Ihr Geschrei hatte man vermutlich bis auf den Flur hinaus gehört.
„Hast du diese Art und Weise zu reden etwa von diesem Kerl gelernt?“ fragte
Hastings Senior nun eisig. „Wenn ich mich recht erinnere, dann war diese
Gossensprache in unserem Haus nicht üblich.“
„In unserem Haus war nichts üblich, was in anderen Häusern üblich war“, gab
Alexandra in der gleichen Tonlage zurück. „Und was mein Benehmen anbelangt…Ich
merke es zumindest, wenn es dem Menschen, mit dem ich mein Leben teile, schlecht
geht. Du bist armselig, Vater, wirklich armselig. Ihr alle seid armselig.“ Damit
sah sie von ihrem Vater zuerst zu Justin und dann zu Karen, die noch immer mit
verschränkten Armen auf ihrem Stuhl saß.
„Du musst es ja wissen, Schwesterchen“, sagte Karen höhnisch. „Dich mit einer
Gossenratte einzulassen, das hätte ich nicht mal dir zugetraut. Was ist übrigens
mit dem Balg, das du erwartet hast? Bin ich nun Tante geworden oder nicht?
Obwohl – auf diese zweifelhafte Ehre kann ich gut und gerne verzichten. Ich mag
keine Rotzgören.“ Angelegentlich betrachtete sie ihre perfekt manikürten
Fingernägel.
Im ersten Moment glaubte Justin, Alexandra würde auf Karen losgehen. Doch dann
beherrschte sie sich.
„Keine Sorge, es besteht kaum die Gefahr, dass mein Kind dich jemals kennen
lernt. Schließlich will ich nicht, dass es Alpträume bekommt“, erklärte
Alexandra mit täuschender Lässigkeit. Dann trat sie einen Schritt zurück.
„Nachdem ich nun gesagt habe, was ich zu sagen habe, verschwinde ich wieder.
Haltet euch fern von mir und meiner Familie. Ich hoffe wirklich, ich muss keinen
von euch wieder sehen.“ Damit drehte sie sich um und verließ den Raum, nicht
ohne die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zuzuschlagen.
Die Stille, die sich im Raum nach Alexandras Verschwinden ausbreitete, war
geradezu beängstigend. Justin wagte es nicht, den Blick auf seinen Vater zu
richten, aus Angst, dort eine Anklage wegen seiner Stümperei zu lesen. Doch er
hatte keine Ahnung, was er hätte anders machen sollen. Es war einfach ein
dummer, unglücklicher Zufall, dass Alexandra die Wahrheit herausgefunden hatte.
***
Nachdem sie das Gebäude verlassen hatte, in dem sich die Anwaltskanzlei ihrer
Vaters befand, spürte Alexandra, wie der Adrenalinschub, der sie die vergangenen
Stunden angetrieben hatte, nachzulassen begann. Schwarze Punkte tanzten vor
ihren Augen und sie musste sich auf die Treppenstufen setzen, da sie sonst
zusammengebrochen wäre. Tief atmete sie durch und presste den Kopf auf ihre
Knie. Sie hoffte, dass das Schwindelgefühl schnell wieder vergehen würde.
Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrem Rücken und sah auf.
„Geht’s dir nicht gut?“ fragte Justin, der neben ihr auf den Stufen kauerte,
ängstlich.
Unwillig schüttelte Alexandra seine Hand ab. Es war ein wenig viel verlangt,
dass sie so schnell vergessen sollte, was ihr Bruder angerichtet hatte. Wenn sie
es ihm überhaupt jemals vergessen würde.
„Lass mich in Ruhe und geh wieder rein“, entgegnete sie unwirsch. „Ich brauch
deine Hilfe nicht, du hast schon genug getan.“
„Ich…wollte dir nie wehtun…“ flüsterte Justin. „Vater hat ein Foto von mir und
dir auf dieser Vernissage in irgendeinem Klatschblatt gesehen. Ich hab ihm den
Namen von Chris gesagt und er hat Thomas auf ihn angesetzt. Und dann…musste ich
diese Akte besorgen. Vater hat getobt, als er erfuhr, dass der Vater deines
Kindes ein Krimineller ist. Du weißt ja…Familienehre. Ich mache mir einfach
Sorgen um dich, dass dieser Chris dich möglicherweise nur ausnutzt und…“
„Wieso hast du mich nicht einfach angerufen und gefragt?“ unterbrach Alexandra
ihren Bruder.
Justin schüttelte ungläubig den Kopf. „Nach unserem letzten Gespräch? Alex, sei
ehrlich, du hättest mich doch nicht mal sagen lassen, warum ich anrufe, sondern
mir gleich erklärt, dass ich mich zum Teufel scheren soll.“
Alexandra wandte den Blick ab und sah hinaus auf die Straße. Das konnte sie
nicht abstreiten, sie hätte sich definitiv geweigert, auch nur ein weiteres Wort
mit ihrem Bruder zu wechseln. Wenn sie nur ein wenig mehr Energie übrig gehabt
hätte, dann hätte sie ihm vorhin auch eine geknallt, anstatt doch mit ihm zu
reden.
„Ihr hattet kein Recht euch in mein Leben einzumischen“, sagte sie gepresst. „Du
hast keine Ahnung, was Chris alles durchgemacht hat. Was jetzt mit ihm passiert
ist. Und meine Tochter ist deswegen einen Monat zu früh auf die Welt gekommen,
weil ich mich so über Chris’ Verhaftung aufgeregt habe. Er hat sie noch nicht
mal gesehen. Und das soll ich euch verzeihen? Ist das nicht ein wenig viel
verlangt?“ fragte sie bitter.
Justin schwieg betreten. „Es tut mir leid“, würgte er hervor. „Wenn ich könnte,
würde ich das alles rückgängig machen…“
Alexandra stand auf und sah auf den gesenkten Kopf ihres Bruders hinunter. Sie
fühlte sich so…leer. Jegliche Wut, jeglicher Hass hatte sich verflüchtigt,
zurückgeblieben war nur Gleichgültigkeit, gegenüber ihrem Nennonkel und auch
gegenüber ihrer Familie. Cavendish hatte ihr versprochen, Chris’ Bewährung
nachträglich zuzustimmen. Er war zwar nicht besonders erfreut gewesen, als sie
ihm von ihrer Beziehung zu Chris erzählt hatte, dass dieser sogar der Vater
ihres Kindes war, doch sie hatte ihn davon überzeugen können, dass Chris es
nicht verdient hatte, in San Quentin wegen eines Behördenfehlers bleiben zu
müssen.
Nachdem sie Cavendish das Versprechen hatte abringen können, die nötigen
Dokumente zu unterschreiben, hatte sie sich nicht mehr beherrschen können und
ihn gefragt, wieso er so ein hartes Urteil gegen eine Minderjährigen
ausgesprochen hatte. Bei dessen Erklärung war jegliche Dankbarkeit, die sie
verspürt hatte, wieder verflogen. Der Richter war ein streng konservativer Mann
und der Ansicht, dass nur empfindliche Strafen Verbrecher von Wiederholungstaten
abschreckten. Dabei nahm er auf das Alter der Angeklagten keinerlei Rücksicht.
Chris’ Weigerung, die Namen seiner Komplizen zu nennen, hatte er dahingehend
ausgelegt, dass der Junge keine Reue und Einsicht zeigte, und ihn daher zur
höchstmöglichen Strafe für einen Jugendlichen verurteilt.
Als sie das hörte, hatte Alexandra es nicht mehr ausgehalten. Eigentlich hatte
sie Schweigen bewahren und nichts von Chris’ Martyrium erwähnen wollen, doch
dieser selbstgerechte, verbohrte Mann im Sessel gegenüber, der scheinbar keine
Ahnung hatte, was er mit seiner Einstellung anrichtete, sollte wissen, wie die
Realität aussah. Mit ausdrucksloser Stimme hatte sie in dürren Worten
geschildert, was mit Chris passiert war, was vermutlich mit unzähligen anderen
Jugendlichen und jungen Männern in den Gefängnissen geschah. Die wenigsten von
ihnen gingen damit an die Öffentlichkeit, ein paar suchten nach ihrer Entlassung
professionelle Hilfe oder vertrauten sich wenigstens einer nahe stehenden Person
an. Die meisten litten mehr oder weniger still vor sich hin, gingen daran
zugrunde oder begingen weitere Verbrechen, um sich an der Gesellschaft zu
rächen, die so etwas zugelassen hatte.
Alexandra wusste nicht, was der Richter dazu gesagt hatte, ob ihr Ausbruch ihn
zum Umdenken veranlasst hatte. Ob ihm überhaupt klar war, was in den
Gefängnissen vor sich ging. Ob er eine Ahnung davon hatte, was es für die
Betroffenen bedeutete, missbraucht und vergewaltigt zu werden. Sie war gegangen,
ohne eine Reaktion abzuwarten, denn sie hatte noch etwas zu erledigen gehabt.
Cavendish hatte ihre Vermutung bestätigt, dass Justin Chris’ Akte in den Fingern
gehabt hatte. Es war illegal, er hatte keinen rechtlichen Grund gehabt, die Akte
einsehen zu dürfen, sie hätte ihn deswegen anzeigen können, doch was hätte ihr
das Ganze gebracht? Was hätte es Chris genutzt?
Alexandra seufzte tief. Justin tat die ganze Aktion also leid. Schön für ihn,
ihr tat der Kinnhaken, den sie ihm verpasst hatte, überhaupt nicht leid. Nicht,
dass sie ein Schlägertyp war, das gewiss nicht, doch Worte waren ihr in diesem
Fall nicht ausreichend genug gewesen, um ihrer Wut Luft zu machen. Auf dem
kurzen Weg vom Büro des Richters zur Kanzlei hatte sie sich immer mehr in diese
Wut hineingesteigert und war schließlich beim Anblick ihres Bruders explodiert.
„Es gibt Dinge, die kann man nicht rückgängig machen. Und man kann sie auch
nicht entschuldigen, das hab ich dir schon mal gesagt“, antwortete sie. „Lass es
gut sein Justin, es hat keinen Sinn. Ich will wirklich nur noch, dass ihr alle
euch von mir fernhaltet. Ich will keinen von euch wiedersehen.“
Justin schien weiter in sich zusammenzusinken, doch Alexandra konnte kein
Mitleid für ihn aufbringen. Jeder war für seine Handlungen selbst verantwortlich
und musste mit deren Konsequenzen leben.
Ein Taxi hielt am Bordsteinrand und eine elegant gekleidete Frau stieg aus.
Alexandra ergriff die Gelegenheit und winkte dem Taxifahrer, zu warten. Als sie
sicher war, dass der Mann sie bemerkt hatte, wandte sie zu ihrem Bruder um.
„Machs gut Justin,“ sagte sie einfach. „Leb dein Leben…und halte dich aus meinem
raus.“
Als sie im Taxi saß und den Fahrer gebeten hatte, sie zum Flughafen zu bringen,
sah sie ein letztes Mal zu ihrem Bruder, der sich nicht bewegt hatte und noch
immer auf der Treppe saß und sie beobachtete. Sie nickte ihm zum Abschied zu und
wandte dann den Blick ab. Dieses Kapitel war für sie nun endgültig
abgeschlossen.
***
„Was?“
Fassungslos starrte Alexandra ihren Freund an. Es war später Abend, sie war vor
zwei Stunden vom Flughafen zurückgekommen und hatte auf dem Rückweg Gina von
Mary Jo abgeholt. Sie hatte noch ein Weilchen mit ihrer Freundin geredet, froh,
jemanden zu haben, bei dem sie ihren ganzen Frust abladen konnte. Kurz nachdem
sie Gina ihr Fläschchen gegeben und sie ins Bett gebracht hatte, war Jack
aufgetaucht. Sie hatte ihm sofort erzählt, was sie in L.A. erreicht hatte, doch
Jack schien darüber nicht genauso erleichtert zu sein wie sie. Dabei hatte sie
ihm noch nicht einmal etwas von Justins „Verrat“ berichtet. Als sie allerdings
den Grund dafür erfahren hatte, hatte es ihr den Boden unter den Füßen
weggezogen.
„Ich habe natürlich gleich protestiert und Chris wurde wirklich in Einzelhaft
verlegt, aber…“
Alexandra starrte blicklos vor sich auf die Tischplatte. Jack saß ihr gegenüber
und sah sie mitleidig an. All ihre Zuversicht, dass alles doch noch ein gutes
Ende finden würde, war mit einem Schlag wie weggewischt. Reichte es denn nicht
endlich? Was hatte Chris denn nur so Schreckliches getan, dass er so bestraft
wurde.
„Wieso? Wieso hört das nicht endlich auf?“ flüsterte sie.
„Vielleicht…vielleicht hab ich mich ja auch getäuscht und es war wirklich nur
eine Prügelei…“ entgegnete Jack, doch er hörte sich nicht sehr überzeugt von
dieser Theorie an.
„Das glaubst du doch nicht wirklich.“ Alexandra lachte bitter auf. „Als ich
angefangen habe, mit Chris zu trainieren, hatte er keine Ahnung davon, wie man
sich wehren kann. Er konnte ja nicht mal zuschlagen.“
Jack schüttelte den Kopf. „Verdammt, warum haben wir uns denn nicht schon früher
erkundigt,“ schnaubte er frustriert und schlug mit der flachen Hand auf die
Tischplatte.
„Zu spät.“
„Alex…bitte mach dich jetzt nicht fertig deswegen. Übermorgen ist Chris so gut
wie sicher frei. Er hat mich übrigens auch nicht erkannt, also wissen wir jetzt,
dass er sich wirklich an seine ganze Bewährungszeit nicht erinnern kann.
Außerdem…er war zu mir nicht ganz so abweisend und aggressiv wie zu Adams und
Sam.“
„Soll mich das jetzt beruhigen?“ Alexandras Hand zitterte, als sie sich damit
über die Stirn fuhr. Sie wusste, was diese Vergewaltigungen für Chris
bedeuteten, sie hatte ihn oft genug nach seinen Alpträumen in den Armen
gehalten. Und jetzt war es wieder geschehen.
„Nein…ich weiß nicht. Aber wir können im Moment ja doch nichts tun.“
Alexandra schloss die Augen. Nein, sie konnten mal wieder nichts tun. Gar
nichts. Nur abwarten und für Chris da sein, wenn er wieder frei war. Hoffen,
dass er das zulassen würde. Sie hatte noch absolut keine Ahnung, wie sie ihm
beibringen sollte, dass sie davon wusste, was im Gefängnis mit ihm geschehen
war, dass sie es akzeptierte, dass sie ein Paar waren und sogar hatten heiraten
wollen. Vor allem hatte sie keine Ahnung, wie sie ihm sagen sollte, dass sie ein
gemeinsames Kind hatten.
Chris würde völlig verstört zu ihr zurück kommen, alles, was sie mit viel Liebe
und Verständnis erreicht hatte, lag nun in Trümmern. An die Therapie bei Doktor
Winslow, was er dabei gelernt hatte, konnte Chris sich nicht erinnern. Es war
eine Sache, ihm zu verstehen zu geben, dass er nicht alleine war, sondern dass
er Menschen hatte, die sich um ihn sorgten und ihn samt seiner Vergangenheit
akzeptierten. Aber es war eine ganz andere, ihm eine komplette kleine Familie
samt Baby zu präsentieren. Chris war ein Mensch, der Verantwortung sehr ernst
nahm, der nicht davor weglief sondern sich ihr stellte. Das mit dem Baby hatte
ihn umgeworfen, als er es erfahren hatte, und da war es ihm schon relativ gut
gegangen, er war sich ihrer Liebe sicher gewesen und hatte etliche
Therapiesitzungen hinter sich gehabt. Alexandra fürchtete, dass ihn diese
Verantwortung im Moment jedoch völlig überfordern würde…
Chris wischte sich die schweißnassen Hände zum
wiederholten Mal an seiner Hose ab. Eben hatte Mr. Sanders seine Aussage
gemacht. Nach dessen Worten hatte er sich nach anfänglichen Schwierigkeiten
mustergültig verhalten. Alles in Allem hatte Sanders ein sehr positives Bild von
ihm gezeichnet. Chris war sich nur nicht ganz sicher, ob sein ehemaliger
Bewährungshelfer nicht ein wenig schwindelte, denn dem Inhalt der Aussage nach
musste er fast ein Engel gewesen sein.
Er sah hinüber zu den drei Mitgliedern des Bewährungsausschusses, die
miteinander flüsterten. Diese drei Männer also hatten es in der Hand, was weiter
mit ihm geschehen sollte. Chris hoffte inständig, dass sie einen guten Eindruck
von ihm bekommen hatten.
Vor einer Stunde hatte man ihn in diesen kahlen Raum im Verwaltungsgebäude des
Gefängniskomplexes gebracht, wo seine Anwältin schon auf ihn gewartet hatte. Er
hatte noch eine halbe Stunde Zeit gehabt, um mit ihr zu reden, doch diese
dreißig Minuten waren eine einzige Qual gewesen. Er hatte nicht reden wollen,
sondern sich fieberhaft gewünscht, dass alles endlich vorüber und diese
unerträgliche Spannung beendet wäre.
„Ganz ruhig, Chris, es sieht sehr gut für Sie aus,“ flüsterte seine Anwältin
neben ihm.
„Glauben Sie wirklich?“ fragte Chris hoffnungsvoll.
Miss Lindstroem nickte. „Ja. Sogar Richter Cavendish hat zugestimmt und die
nötigen Dokumente unterschrieben, unter dem Vorbehalt, dass der
Bewährungsausschuss bereit ist, Ihre Bewährung nachträglich zu bestätigen. Und
der war die härteste Nuss zu knacken, dass können Sie mir glauben.“
Chris wollte noch etwas sagen, wurde aber vom Eintreten seines aktuellen
Bewährungshelfers unterbrochen, der ihm auf seinem Weg zu seinem Stuhl
aufmunternd zulächelte. Chris schluckte und verschränkte seine Hände auf der
Tischplatte, um sie ruhig zu halten, während er Marc Adams’ Aussage lauschte.
Dieser hatte ebenfalls nur lobende Worte für ihn. Chris fragte sich
unwillkürlich, ob er sich in dem Mann getäuscht hatte. Möglicherweise konnte man
ihm ja wirklich vertrauen und er hätte mit ihm reden, ihm die Wahrheit sagen
sollen. Bei Sanders hatte er ja auch nicht protestiert, als dieser ihm zu
verstehen gegeben hatte, dass er Bescheid wusste.
Marc beendete seine Aussage und wurde entlassen.
Der Vorsitzende, ein korpulenter, grauhaariger Mann mit Brille, sah kurz auf ein
Blatt Papier, das vor ihm lag. „Rufen Sie bitte Doktor Hastings herein,“ bat er
den Wachmann an der Tür.
Chris hielt den Atem an. Jetzt würde er diese mysteriöse Alex zum ersten Mal
sehen. Du liebe Zeit, er hatte wirklich die ganze Zeit gedacht, sie wäre ein
Mann. Dass „Alex“ auch die Abkürzung für Alexandra war, daran hatte er einfach
nicht gedacht. Wie sie wohl war? In Chris hatte sich irgendwie die Vorstellung
von einer mütterlichen, schon etwas älteren Frau festgesetzt, die ihn aus
Mitleid aufgenommen und sich um ihn gekümmert hatte. Dieses Bild hatte einfach
etwas Tröstliches an sich.
Darum blieb ihm im ersten Moment auch gewissermaßen die Luft weg, als die Frau,
bei der er anscheinend das vergangene Jahr verbracht hatte, den Raum betrat. Sie
trug einen dunklen Hosenanzug mit weißer Bluse, die widerspenstige blonde Mähne
war zu einem Pferdeschwanz gebändigt. Chris konnte sie nur anstarren. Du liebe
Zeit, das war ja eine wirklich tolle Frau. Viel jünger, als er sie sich
vorgestellt hatte. Der war er wichtig genug, dass sie ihm einen Anwalt bezahlte?
Das war doch ein Traum. Sicher wusste sie nicht, dass er…
„Bitte nehmen Sie Platz, Doktor Hastings,“ sagte der Vorsitzende höflich und
deutete auf den Stuhl, der vor dem langen Tisch stand, hinter dem die drei
Mitglieder des Ausschusses saßen.
Alex…nein, Doktor Hastings blickte kurz zu ihm herüber, bevor sie der
Aufforderung folgte. Chris’ Herz machte einen Satz. Sie hatte wunderschöne graue
Augen…
Der Vorsitzende stellte seine Fragen, die Doktor Hastings mit ruhiger, klarer
Stimme beantwortete. Ja, Chris hatte für sie gearbeitet, hatte ihr bei den
Renovierungsarbeiten ihrer Tierarztpraxis geholfen, war ihr später dort zur Hand
gegangen oder hatte Reparaturen am Rest des Hauses durchgeführt. Er hatte bei
ihr gewohnt, und nein, sie hatte nie irgendwelche Probleme mit ihm gehabt. Ja,
er würde auch weiterhin bei ihr angestellt bleiben und ein Dach über dem Kopf
haben.
„Hören Sie…Chris ist es gelungen, sich ein normales Leben aufzubauen, obwohl er
als Teenager ins Gefängnis gekommen ist und nicht die Möglichkeit hatte, wie die
meisten anderen Jungen seines Alters langsam zu lernen die Verantwortung für
sich selbst zu übernehmen. Erst wurde er von einem Tag auf den anderen quasi
entmündigt, dann musste er sich genauso schnell wieder draußen zurechtfinden.
Er…er hat es nach ein paar Startschwierigkeiten geschafft. Bitte machen Sie das
nicht damit zunichte, indem Sie die nachträgliche Bewilligung dieser Bewährung
verweigern.“
Die hübsche blonde Frau hielt den Blick fest auf die drei Männer vor ihr
gerichtet während sie sprach, als könnte sie diese damit hypnotisieren und ihnen
ihren Willen aufzwingen. Chris ertappte sich dabei, wie er betete, dass sie
Erfolg haben möge. Auch wenn Miss Lindstroem ihm wiederholt versichert hatte,
dass alles gut gehen würde, Chris war schon zu oft vom Regen in die Traufe
gekommen, war schon zu oft enttäuscht worden, als dass er ihren Worten hätte
vorbehaltlos Glauben schenken können.
Der Vorsitzende bedankte sich bei Doktor Hastings für ihre Aussage, was so viel
hieß, dass sie nun gehen konnte. Zögernd stand die junge Frau auf. Es sah aus,
als wollte sie noch etwas sagen, doch dann entschloss sie sich doch anders. Sie
warf ihm noch einen kurzen Blick zu, in dem Chris zu seiner Überraschung so
etwas wie Verzweiflung zu lesen glaubte, dann verließ sie das Zimmer. Chris
starrte ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte.
Erst ein Räuspern ließ ihn herumfahren und seine Aufmerksamkeit wieder auf das
„Tribunal“ richten, dass nun über seine Zukunft entscheiden würde.
„Mr. O’Connor, möchten Sie noch etwas zu den Aussagen hinzufügen? Sie scheinen
ja einen ziemlich guten Eindruck auf Ihre beiden Bewährungshelfer und Ihre
Arbeitgeberin gemacht zu haben.“
Chris warf seiner Anwältin einen hilflosen Blick zu. Sollte er sich äußern oder
nicht? Miss Lindstroem nickte ihm ermutigend zu. Chris schluckte und fuhr sich
mit der Zunge über die trockenen Lippen.
„Ich…ich wollte nur sagen, dass ich hoffe, dass Sie mir diese Chance geben…Dass
ich…dass Sie nicht glauben, dass es damals nicht richtig war, mich zu entlassen.
Ich hab nicht vor, jemals wieder etwas Kriminelles zu tun, bestimmt nicht…“
Chris nahm all seinen Mut zusammen und sah die drei Jurymitglieder mit einem,
wie er hoffte, aufrichtigen Gesichtsausdruck an.
Der Vorsitzende musterte ihn ein paar Sekunden lang peinlich genau, dann warf er
seinen beiden Kollegen einen Blick zu, bevor er sich wieder Chris zuwandte.
„Nun…nachdem was wir heute gehört haben…Ihre Akte ist zwar nicht blütenweiß, es
gibt schon die eine oder andere Unregelmäßigkeit…Aber darüber kann man in
Anbetracht der wirklich positiven Bewertungen hinwegsehen.“ Der ältere Mann
lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Chris an. „Mr. O’Connor, nachdem
Richter, der Sie damals verurteilt hat, sich unserem Urteil anschließen wird,
ist Ihre Bewährung hiermit bestätigt. Sie können Ihre Entlassungspapiere in
einer Stunde an der Pforte abholen.“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Chris begriff, was diese letzten Sätze
bedeuteten. Er war frei, beziehungsweise würde es in zwei Monaten endgültig
sein. Er konnte San Quentin jetzt verlassen. Auch wenn er die letzten beiden
Tage in einer Einzelzelle verbracht hatte, eine Ablehnung hätte bedeutet, dass
er wieder in den normalen Vollzug zurück geschickt worden wäre. Aber das war
vorbei, endgültig vorbei. Er verbarg das Gesicht in seinen Händen. Nie wieder
Angst haben müssen, dass…
Ein sanftes Rütteln an seinem Arm ließ ihn aufschrecken. Miss Lindstroem sah in
mit einem glücklichen Lächeln an.
„Chris, Sie sind frei,“ sagte sie eindringlich. „Kommen Sie, verabschieden Sie
sich bei der Jury, dann gehen wir nach draußen zu den Anderen.“
Chris nickte. Sprechen konnte er nicht, die Erleichterung schnürte ihm noch
immer die Kehle zu. Mit wackeligen Knien stand er auf und ließ sich von seiner
Anwältin zu den drei Männern ziehen, die gerade über sein Schicksal entschieden
hatten. Zumindest fühlte sich das für ihn so an. Obwohl er sich nicht erlaubt
hatte, zu sicher an einen guten Ausgang zu glauben, er hatte keine Ahnung, was
er getan hätte, hätten sie ihm mitgeteilt, er müsse noch ein weiteres halbes
Jahr hier verbringen, weil die verfrühte Bewährung unrechtmäßig gewesen sei.
Nachdem er seinen Dank herausgewürgt hatte und jedem einzelnen die Hand gegeben
hatte, zog Miss Lindstroem ihn zur Tür.
„Gott, Alex muss von der Warterei ja schon halb verrückt geworden sein,“ hörte
Chris sie vor sich hin murmeln.
Dann traten sie in den Gang hinaus, wo sie von aufgeregten Stimmen empfangen
wurden, die Chris nicht unterscheiden konnte. Vor seinen Augen verschwamm alles
und er musste sich mit einer Hand an der Wand abstützen, um nicht umzukippen. Er
hatte in den vergangenen beiden Tagen kaum etwas gegessen, wenn er sich recht
erinnerte, dann war das letzte Mal gestern Morgen gewesen.
Jemand stand plötzlich neben ihm und legte ihm die Hand um die Taille, um ihn
davor zu bewahren, umzukippen. Chris erstarrte, doch dann sah er in zwei graue
Augen, die verdächtig glänzten und ihn voller Sorge anblickten.
„Bist du okay?“ fragte die junge Frau leise.
Chris nickte mühsam.
„Ja…danke, Doktor Hastings,“ flüsterte er.
„Alex,“ verbesserte sie ihn und schloss eine Moment lang die Augen. Als sie sie
wieder öffnete, war der Schmerz darin deutlich zu erkennen. Chris fragte sich,
wie er diese großartige Frau, die sich anscheinend das vergangene Jahr um ihn
gekümmert hatte, so einfach hatte vergessen können.
„Alex,“ bestätigte er rau.
Der Wärter, der die ganze Szene mit unbeteiligter Miene verfolgt hatte, mischte
sich nun ein.
„O’Connor, ich bringe Sie jetzt zum Direktor und dann holen wir Ihre Sachen. Sie
können unten an der Pforte auf ihn warten,“ fügte er an Alexandra und die beiden
Männer gewandt hinzu. „Wird nicht lange dauern.“
Chris spürte, wie die junge Frau ihn widerstrebend losließ, nicht jedoch ohne
ihm aufmunternd den Arm zu drücken. Er fühlte sich seltsam verlassen, als sie
einen Schritt zurücktrat. Bevor er sich jedoch über dieses merkwürdige Gefühl
wundern konnte, winkte ihm der Wärter.
Kommen Sie.“
Chris warf einen letzten Blick auf diese blonde Frau, die ihn anscheinend so gut
zu kennen schien, dann folgte er gehorsam der Aufforderung. Er wollte nur noch
Eines. So schnell wie möglich San Quentin verlassen. Danach war Zeit genug, um
sich Gedanken zu machen und Fragen zu stellen.
***
Nachdem Alexandra sich das Gesicht mit kaltem Wasser bespritzt und es mit einem
Papierhandtuch abgetrocknet hatte, starrte sie blicklos in den Spiegel über dem
Waschbecken.
Sie war mit Jack und Marc zur Pforte gegangen, um dort auf Chris zu warten. Sie
hatte nicht verhindern können, dass ihr auf dem Weg dorthin die Tränen gekommen
waren. Ihr wurde erst jetzt klar, dass sie insgeheim gehofft hatte, ihr Anblick
allein würde genügen, um Chris die Erinnerung zurückzubringen. Die Erinnerung
daran, was sie geteilt hatten, an ihre Liebe, an das Vertrauen, das zwischen
ihnen geherrscht hatte. Tränen der Enttäuschung mischten sich mit Tränen der
Erleichterung und sie schluchzte laut auf, als Jack sie tröstend an sich zog und
ihr beruhigende Worte ins Ohr flüsterte. Es war einfach nicht fair, das Leben
war nicht fair.
Nun stand sie hier in dieser Toilette in der Nähe der Gefängnispforte und
versuchte, sich zu beruhigen, versuchte wenigstens den äußeren Anschein von
Gelassenheit wiederzuerlangen. Chris brauchte sie jetzt stark, nicht schwach und
verheult. Sie atmete tief durch und zupfte ein paar Haarsträhnen zurecht. Ihre
Augen waren noch leicht gerötet, und sie blinzelte ein paar Mal. Nun, so sollte
es einigermaßen gehen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis Chris auftauchte.
Er musste nicht unbedingt sehen, dass sie geweint hatte.
Alexandra strich sich die Bluse glatt und ging nach draußen zu ihren beiden
Begleitern, die auf zwei der Stühle saßen, die dort im Gang standen. Jack erhob
sich und kam ihr entgegen.
„Geht’s wieder?“ fragte er teilnahmsvoll.
Alexandra nickte und zwang sich zu einem Lächeln. „Ja…Danke für die Schulter zum
Ausheulen.“
„Immer doch,“ lächelte Jack zurück. „Sollen wir dich noch nach Hause begleiten?“
„Nein…ich glaub nicht, dass das nötig ist,“ lehnte Alexandra ab. „Ich komm schon
allein mit Chris klar. Das hab ich früher schließlich auch geschafft.“
„Was willst du ihm eigentlich sagen?“
Alexandra biss sich auf die Lippe und sah zu Boden. Genau das hatte sie sich
selbst auch schon gefragt. Es war alles so verflixt kompliziert. Chris hatte
sich anfangs selbst so sehr für das verachtet, was mit ihm geschehen war, er
hatte sich geschämt und mit allen Mitteln versucht zu verhindern, dass jemand
etwas darüber herausfand. Nachdem er mit ihr geschlafen hatte, hatte er aus
lauter Verzweiflung versucht, sich umzubringen, weil er eine Beziehung nicht auf
einer Lüge hatte aufbauen wollen und sich nicht hatte vorstellen können, dass
Alexandra sich nicht voller Abscheu von ihm abwenden würde, wenn sie erfuhr, was
er im Gefängnis geworden war. Es war zum Verrücktwerden…
„Das weiß ich noch nicht genau, nicht alles auf einmal jedenfalls,“ gab sie
zurück.
„Er wird es früher oder später durch Zufall herausfinden, und wenn ihn nur
irgendjemand drauf anspricht, wie es seiner Freundin geht – oder seinem Kind.“
Alexandra seufzte tief auf. Jack hatte natürlich vollkommen recht. Sie konnte
Chris weder in seinem Zimmer einsperren noch ihn vierundzwanzig Stunden lang
bewachen, damit er mit niemanden sprach, der eine neugierige Bemerkung machen
konnte. Er brauchte nur durch Zufall einen der Tierbesitzer zu treffen, die
schon von Anfang an zu ihr in die Praxis kamen. Es gab einige, die chronisch
kranke oder alte Tiere hatten und diese regelmäßig zur Untersuchung
vorbeibrachten. Manche von ihnen wussten über sie und Chris Bescheid. Oder die
Nachbarn. Alexandra pflegte zwar noch immer keine Kontakte, aber inzwischen
hatte es sich sicherlich rumgesprochen, dass sie und Chris zusammen waren und er
der Vater ihres Kindes war. Sie wollte gar nicht wissen, was man über sie beide
getuschelt hatte, nachdem Chris in Handschellen abgeführt worden war. Und dann
war da ja noch Gina. Wie sollte sie das Baby erklären?
„Ich muss es ihm sagen, das ist klar…nur weiß ich ehrlich gesagt noch nicht,
womit ich anfangen soll,“ erklärte Alexandra. „Zuerst einmal hole ich ihn nach
Hause…und dann sehe ich weiter. Gina ist übers Wochenende bei Mary Jo, damit ich
mich ganz auf Chris konzentrieren kann.“
„Wieso lässt du nicht Doktor Winslow mit ihm reden…Okay, blöder Vorschlag, Chris
würde völlig dichtmachen, wenn er merkt, dass er mit jemanden redet, dem nur ein
Hauch von Psychologiestudium anhaftet…“ Jack grinste schief. „Und er würde es
merken, dumm ist der Junge nicht.“
Alexandra nickte. Nein, dumm war Chris nicht, aber er konnte ein sturer,
verbohrter Esel sein. Doktor Winslow teilte diese Meinung, nur hatte sie es
sachlicher ausgedrückt. Seine Sturheit hatte ihn durchhalten lassen, aber sie
war ihm auch massiv im Weg gestanden.
Schritte erklangen und ließen sie sie aufsehen. Chris kam den Gang herunter,
begleitet von einem Wärter. Die kleine Sporttasche, in der sie ihm die Jeans und
das schwarze T-shirt mitgebracht hatte, das er nun trug, hatte er am Tragegurt
über der Schulter hängen. Er hatte abgenommen, die Jeans, die noch vor drei
Wochen perfekt gepasst hatte, saß nun locker auf seinen schmalen Hüften und
wurde nur vom Gürtel am Rutschen gehindert. Alexandras Herz zog sich schmerzhaft
zusammen. Chris sah so zerbrechlich aus. Das war nicht mehr der lebendige,
humorvolle junge Mann, der im Lauf ihrer Beziehung allmählich unter all dem
Schmerz, der Unsicherheit und den Schuldgefühlen zum Vorschein gekommen war, das
war wieder der verschlossene, verschüchterte Junge, den sie vor einem Jahr als
Hilfskraft eingestellt hatte.
Wie in drei Teufels Namen sollte sie sich ihm gegenüber nun verhalten und was
sollte sie ihm sagen?
***
Es war Abend, laut Radiowecker sechs Uhr vierzig,
um genau zu sein. Chris saß auf seinem Bett in dem gemütlichen Zimmer, das seine
Arbeitgeberin ihm als sein Reich präsentiert hatte. Er hatte es auf Anhieb
gemocht, das breite Bett, die in warmen Farben gehaltene Einrichtung.
Nachdenklich betrachtete er den Haufen Bilder, der vor ihm auf der Bettdecke
ausgebreitet war. Bilder von sich, von seinen Eltern, die er seit Jahren nicht
in den Händen gehabt hatte.
Eng an ihn gekuschelt lag Lucy neben ihm und stieß gelegentlich zufriedene
Seufzer aus. Chris sah auf den jungen Hund hinunter. Er konnte noch immer kaum
glauben, dass die Kleine wirklich ihm gehörte. Da erschien es ihm ja noch viel
wahrscheinlicher, dass sie tatsächlich Charlies Tochter war, der es sich vor dem
Bett bequem gemacht hatte und anscheinend eingeschlafen war. Zumindest ließ ein
gelegentliches Schnarchen das annehmen. Besonders ähnlich sahen sich die beiden
ja nicht.
Vorsichtig kraulte Chris das schwarze, wuschelige Fellbündel hinter den Ohren,
während er sich an seine Ankunft hier erinnerte.
~
„Wir sind da.“
Die knappe Feststellung der jungen Frau neben ihm schreckte Chris aus seinen
Gedanken. Erst jetzt bemerkte er, dass der schwarze Pick-up in der
Garageneinfahrt eines schon etwas älteren Hauses in einer gutbürgerlichen
Wohngegend stand. Die ganze Fahrt über hatten sie alle beide geschwiegen, was
Chris ganz recht gewesen war. Ihm brannten zwar so viele Fragen auf der Zunge
aber er wusste nicht, wie er sie formulieren oder welche er zuerst stellen
sollte. Die letzten beiden Tage hatte sich sein ganzes Denken nur um diese
Anhörung gedreht, was danach kommen würde, war für ihn nicht wichtig gewesen.
Doch nun war dieses „danach“ da und er hatte noch keine Ahnung, was er damit
anfangen sollte.
Chris löste den Sicherheitsgurt und öffnete nach einem kurzen Blick zu Alexandra
die Wagentür und stieg aus. Er folgte ihr in den Vorgarten. Sie hatten die
Treppe zur Veranda noch nicht erreicht, als die Haustür aufflog und ein heller
und ein dunkler Schatten laut bellend aus dem Inneren des Hauses hervorschossen.
Im nächsten Moment hatte Chris die größte Mühe, zwei begeistert kläffende Hunde
davon abzuhalten, ihn zu Boden zu reißen.
„Keine Bange, die wollen dir nichts tun, sie sind nur froh, dass du wieder da
bist.“ Alexandra musste schreien, um sich bei dem Höllenlärm, den die beiden
Vierbeiner veranstalteten, Gehör zu verschaffen.
Chris ließ seine Tasche fallen und ging in die Hocke. Er hatte keine Angst vor
den Hunden gehabt, er war nur erschrocken, weil sie so plötzlich aufgetaucht
waren und ihn so wild angesprungen hatten. Der kleine schwarze Hund, besser
gesagt, ein Welpe, probierte sofort, auf seinen Schoß zu klettern, der andere
leckte ihm mit seiner großen Schlabberzunge enthusiastisch über das Gesicht. Bei
dem Versuch, diese liebevolle, aber etwas unerwünschte Sympathiebekundung
abzuwehren, verlor Chris das Gleichgewicht, landete auf dem Hosenboden und hatte
gleich darauf den schwarzen Wuschel in den Armen, der wie ein Schweinchen
quiekte und ihm ebenfalls das Gesicht abschleckte.
Chris konnte nicht anders, er begann zu lachen. Er hatte keine Ahnung, wann er
das letzte Mal einen Grund gehabt hatte, zu lachen, daran konnte er sich nicht
erinnern. Nicht in den Jahren in San Quentin jedenfalls. Doch diese mehr als
überwältigende Begrüßung, dieser Hund, der die unglaublichsten Quietschtöne von
sich gab, waren einfach zuviel. Es war wie eine Art Befreiung, löste die
Klammer, die um sein Herz lag und ließ ihn ein paar Sekunden lang das Grauen
vergessen, das er erlebt hatte. Er lachte, bis ihm die Tränen kamen und vergrub
sein Gesicht in dem weichen, schwarzen Fell des Hundes, der sich nun langsam
beruhigte und sich zitternd an ihn schmiegte.
„Heiliger Himmel, wenn ich gewusst hätte, das die zwei so ein Spektakel machen,
dann hätte ich sie nicht raus gelassen“, hörte Chris eine weibliche Stimme
sagen, die nicht Alexandra gehörte. „Das war ja bestimmt bis nach San Diego zu
hören.“
Er hob den Kopf und blinzelte. Neben der jungen Tierärztin stand eine weitere
Frau mit sehr blonden Haaren und sah kopfschüttelnd auf ihn und das schwarze
Wuscheltier hinunter. Der andere Hund hatte sich ebenfalls beruhigt und lag nun
hechelnd im Gras.
„Was hast du denn gedacht, was sie tun“, entgegnete Alexandra. „Immerhin waren
die beiden zwei Wochen lang auf Chris-Entzug.“
Die andere Frau öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, schloss ihn dann
aber wieder.
„Was haltet ihr davon, wenn wir reingehen? Die Nachbarn hatten ihre Show“,
bemerkte sie schließlich und Chris wurde das Gefühl nicht los, dass sie
eigentlich hatte etwas ganz anderes sagen wollen.
„Gute Idee.“ Alexandra bückte sich und zog den schwarzen Hund an seinem Halsband
von Chris’ Schoß, damit dieser aufstehen konnte. „Das ist übrigens Lucy. Sie ist
DEIN Hund, das heißt, du bist allein für sie verantwortlich. Und dieses
Ungeheuer da ist Charlie, der gehört mir.“
Chris starrte die junge Frau verblüfft an. „Mein Hund? Ich…ich hab einen Hund?“
Dann biss er sich auf die Lippe und warf der anderen Frau einen erschrockenen
Blick zu. Wusste sie Bescheid oder hatte er sich soeben verraten?
„Ja, du bist stolzer Hundebesitzer…mal mehr, mal weniger stolz“, antwortete
Alexandras Freundin und streckte ihm ihre Hand hin, um ihm hoch zu helfen.
Automatisch griff Chris danach.
„Ich bin übrigens Julie“, stellte sich die Frau vor, als Chris stand.
„Willkommen daheim.“
Verlegen senkte Chris den Blick. „Danke“, flüsterte er.
„Jetzt kommt erst mal rein. Ich hab euch ein bisschen was zum Essen vorbereitet,
falls ihr Hunger habt. Könnt ihr euch aufwärmen. Alex, wie schaffst du nur
irgendwas, wenn dir die zwei Chaoten dauernd zwischen den Füssen herumpanschen?
Wenn du dem einen erfolgreich ausgewichen bist, dann fliegst du beinahe über den
anderen…“
Julies munteres Geplapper ließ Chris seine Verlegenheit vergessen. Er folgte den
beiden Frauen ins Haus, die beiden Hunde dicht an seiner Seite. Lucy gehörte
also ihm…
~
Chris schüttelte den Kopf. Julie war nur noch etwa eine Viertelstunde geblieben,
hatte während dieser Zeit aber unablässig gequasselt. Chris war ihr dankbar
dafür gewesen, so hatte er sich unauffällig ein wenig umsehen können. Das Haus
wirkte sehr anheimelnd und gemütlich, im vorderen Bereich war eine
Tierarztpraxis, hinten befand sich die großzügige Wohnküche, in der er sich
sofort heimisch fühlte.
Nachdem Julie gegangen war, hatte sich sehr schnell verlegenes Schweigen
ausgebreitet, das Alexandra schließlich mit der Frage gebrochen hatte, ob er
müde sei und ob sie ihm sein Zimmer zeigen sollte. Chris hatte erleichtert
genickt. Niemand hatte bisher seinen offensichtlichen Gedächtnisverlust
angesprochen, auch wenn alle davon zu wissen schienen. Doch sie gingen wie
selbstverständlich damit um, schienen es zu akzeptieren und ihn nicht als
geisteskrank abzustempeln.
Dann hatte Alexandra ihn nach oben in eben diesen Raum geführt. Bevor sie die
Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte sie noch gesagt, wenn er irgendwas
brauchen würde, dann solle er einfach nach ihr rufen, sie wäre entweder unten in
der Küche oder nebenan im Wohnzimmer.
Alexandra hatte bei diesen Worten gelächelt, doch Chris hatte gespürt, wie
traurig sie war. Wegen ihm? Nun, es war traurig, sein Gedächtnis zu verlieren.
Ob er es wohl bald wieder zurückgewinnen würde? Das war etwas, das Chris sich
nun sehnsüchtig wünschte. Jetzt, wo er genau wusste, dass diese Zeit hier nicht
schlecht gewesen sein konnte. Nur das mit den Narben an seinen Handgelenken
konnte er sich nicht erklären. Hatte er etwa nach seiner Entlassung versucht,
sich umzubringen? Bevor er hier gelandet war? Warum? Was war geschehen? Dass es
während seiner Zeit hier einen Grund dafür gegeben hätte, konnte er sich nicht
vorstellen.
Chris nahm eines der Fotos in die Hand, die vor ihm lagen. Es zeigte ihn und
seine Mutter an seinem vierzehnten Geburtstag. Da war die Welt noch in Ordnung
gewesen. Sie hatten gerade das Haus einigermaßen fertig renoviert und seine
Geburtstagsparty gleichzeitig zur Einweihungsfeier erklärt. Chris lächelte
wehmütig, als er an diesen Tag dachte. Sie waren alle so ausgelassen und
übermütig gewesen.
Es klopfte an der Tür und Chris sah überrascht auf. Er hatte eigentlich den
ganzen Nachmittag verschlafen, hatte sich nach einer ausgiebigen Dusche, und den
Gefängnisgeruch, der in seiner Einbildung noch immer an ihm haftete,
abgewaschen. Nur den Geruch, das Andere war nicht verschwunden, trotz der ganzen
Flasche Duschgels, die er verbraucht hatte. Der Schmutz hatte sich unter seine
Haut hineingeätzt, wie eine unsichtbare Tätowierung, und würde nie wieder
weggehen. Dann hatte er sich in einem bequemen T-Shirt und einer Boxershorts ins
Bett gekuschelt. Er war müde gewesen, so unendlich müde, die Schlaflosigkeit und
Anspannung der letzten Tage hatten schließlich ihren Tribut gefordert. Mit Lucy
im Arm war er in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen.
Es klopfte nochmals, dann wurde die Tür vorsichtig geöffnet und Alexandra
steckte den Kopf herein.
„Du bist ja doch wach“, sagte sie. „Darf ich reinkommen?“
Chris nickte und schob schnell den Haufen Bilder zusammen, um ihn wieder in der
Schachtel zu verstauen, die daneben stand.
Alexandra kam herein und blieb vor dem Bett stehen.
„Die Hunde müssen noch mal raus. Willst du mitkommen?“
„Raus?“
„Wenn du morgen keine Pfützen wegwischen willst, ja, dann müssen sie raus.“
Chris biss sich auf die Lippe. Klar, die Hunde waren den ganzen Nachmittag
anscheinend hier im Zimmer gewesen. Irgendwann mussten sie auch mal gewisse
Geschäfte erledigen – und das vorzugsweise nicht vor seinem Bett. Sollte er
Alexandra begleiten? Es wäre vielleicht ganz schön, endlich einmal wieder
draußen spazieren zugehen, ohne Mauern, ohne bewaffnete Bewachung und vor allem
ohne Angst. Andererseits wäre er lieber hier im Bett geblieben, einem Ort, an
dem er sich im Moment sicher und geborgen fühlte.
„Chris?“
Alexandras Stimme unterbrach seine intensiven Abwägungen des Für und Widers. Das
ziemliche vernehmliche Knurren seines Magens half ihm bei seiner Entscheidung,
ob er das Bett nun verlassen und sich der Welt stellen sollte oder nicht.
„Hast du Hunger? Weißt du was, ich mach dir noch was zu essen, und danach gehen
wir zusammen mit Charlie und Lucy Gassi. Ich bezweifle sowieso, dass ich Lucy
von dir wegkriege. Also kannst du gar nicht anders, außer du willst ein nasses
Bett haben.“ Alexandra betrachtete ihn mit schräg geneigtem Kopf, ein sanftes
Lächeln umspielte ihre Lippen.
Fast gegen seinen Willen lächelte Chris zurück. Was konnte denn so schlimm daran
sein, mit seiner Arbeitgeberin einen kleinen Spaziergang zu machen? Er würde auf
jeden Fall die nächsten zwei Monate, bis seine Bewährung abgelaufen war, hier
verbringen. Da konnte er sie schließlich nicht immer anschweigen. Außerdem war
er neugierig darauf, was sie ihm erzählen konnte.
„Nein, das…das ist wohl nicht so angenehm“, entgegnete er. „Ich zieh mich nur
an, dann komm ich runter.“
Alexandra nickte zustimmend, dann wandte sie sich ab und verließ das Zimmer.
Chris wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann warf er die
Decke zurück und kletterte aus dem Bett.
***
Alexandra warf Chris, der mit Lucys Leine in der Hand neben ihr herschlenderte,
immer wieder einen Blick von der Seite zu. Eigentlich hätte er für das
Hundemädchen gar keine Leine gebraucht, denn sie weigerte sich kategorisch, sich
nur einen Meter von ihm zu entfernen, geschweige denn, ihn aus den Augen zu
lassen. Alexandra konnte ihr das durchaus nachfühlen, sie hatte sich den ganzen
Nachmittag über beherrschen müssen, nicht dauernd nach oben zu laufen und sich
zu überzeugen, dass Chris wirklich in ihrem eigentlich gemeinsamen Schlafzimmer
im Bett lag.
Gestern hatten Jack und Ian ihr geholfen, das Kinderzimmer so umzuräumen, dass
das alte Bett, das auf den Dachboden verbannt worden war, wieder hineinpasste
und Alexandra hatte ihre ganzen Sachen in dieses Zimmer umgeräumt. Bis Chris
sich wieder erinnerte, würde sie dort bei Gina schlafen.
Inzwischen begann es zu dämmern, für einen Spaziergang durch den Park war es
also schon zu spät. Das war einer der Nachteile, wenn man in einer Stadt im
Süden lebte. Die Tage waren kürzer als im Norden. Ein Vorteil allerdings war,
dass um diese Zeit nur noch wenige Leute in ihren Gärten oder auf der Straße
waren. Alexandra wollte nicht unbedingt, dass Chris mit neugierigen Blicken oder
gar Fragen von ihm völlig fremden Menschen belästigt wurde. Vor allem dann
nicht, wenn diese Fragen verräterisch sein konnten.
„Chris…entschuldige bitte, wenn ich jetzt davon anfange…aber an was genau kannst
du dich eigentlich nicht erinnern?“ erkundigte sie sich zögernd.
Chris erstarrte unmerklich und sah kurz zu ihr. Dann lächelte er verkrampft.
„Falsche Frage“, sagte er dann. „Ich…ich weiß nur, an was ich mich erinnern
kann, nicht was ich vergessen hab.“
Alexandra blieb stehen. „Das hab ich doch gemeint“, entgegnete sie irritiert.
Chris blieb ebenfalls stehen, mied jedoch ihren Blick. „Ich weiß…ich…kann es nur
nicht so genau erklären. Irgendwie ist alles weg, was mit meiner Zeit draußen zu
tun hat. Ich weiß noch nicht mal mehr, dass ich damals die Bewährung bekommen
hab, nur dass ich das Ersuchen eingereicht hab.“
Alexandra schloss eine Sekunde lang die Augen und nickte. Genau so, wie sie es
vermutet hatten. Vielleicht hatte Doktor Winslow ja tatsächlich recht mit ihrer
Theorie.
„Okay…dann weiß ich jetzt wenigstens, was ich dir alles erzählen muss“, scherzte
sie mühsam, obwohl ihr die Worte beinahe im Hals stecken bleiben wollten.
„Du hältst mich also nicht für verrückt?“ Chris’ Stimme klang zaghaft.
„Nein…nein…Bestimmt nicht. Du bist nicht verrückt, nur weil du an Amnesie
leidest. Darum hast du es anfangs nicht zugegeben, nicht wahr? Weil du Angst
hattest, dass man dich in eine Anstalt steckt.“
Chris nickte nur und ging langsam weiter. Alexandra beeilte sich, ihn
einzuholen.
„Das will niemand. Ob du’s glaubst oder nicht, du hast eine Menge Freunde
gewonnen, während du bei mir gelebt…und gearbeitet hast. Marc zum Beispiel,
deinen Bewährungshelfer. Mit ihm zusammen machst du Kampfsport. Ihr seid
ziemlich gut.“
Chris blieb wieder stehen und drehte sich entgeistert zu ihr um. „Ich mach was?“
..“Jiu-Jitsu um genau zu sein. Hast du vor etwas über einem halben Jahr
angefangen.“
Chris starrte völlig in Gedanken versunken vor sich auf den Boden. Alexandra
beobachtete ihn genau. Dachte er jetzt vielleicht darüber nach, dass ihm dieses
Wissen um seine Fähigkeiten vielleicht davor hätte bewahren können, wieder
vergewaltigt zu werden? Dass er sich hätte wehren können, wenn er nicht alles
vergessen hätte? Sie spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und
schluckte mühsam. Das mit dem Gedächtnisverlust würden sie sicherlich in den
Griff kriegen, daran glaubte Alexandra ganz fest, aber was war, wenn Chris von
irgendeinem Schwein mit einer Krankheit angesteckt worden war? Sie musste ihn
dazu bekommen, sich untersuchen zu lassen. Aber wegen einer möglichen
HIV-Infektion würden sie erst in einem halben Jahr Gewissheit haben…
„Ich hab…also gelernt, zu kämpfen? So wie die in den Filmen?“
„Nicht ganz so…Das ist viel Show. Aber du hast gelernt dich zu wehren.“ Während
sie weitergingen, erzählte Alexandra Chris, wie er eigentlich auf die Idee
gekommen war, diesen Sport anzufangen, allerdings ohne die geringste Andeutung,
dass sie genau wusste, wieso. Es wäre vielleicht die ideale Gelegenheit gewesen,
das Thema anzusprechen, der Einstieg war da, doch der Ort dafür war völlig
ungeeignet.
„Und du machst das also auch?“ Chris musterte sie respektvoll.
„Ja…ich hab dir einiges beigebracht. Immerhin hab ich zwei schwarze Gürtel.“
Chris schwieg und schien sich das Ganze intensiv durch den Kopf gehen zu lassen.
„Kannst du…kannst du mir ein paar Sachen zeigen? Vielleicht fällt mir dann alles
wieder ein?“ fragte er schließlich hoffnungsvoll. „Nicht nur, wie ich das
gelernt hab, sondern auch der Rest.“
Alexandra seufzte bedauernd. „Das geht im Moment nicht…Ich…ich hatte vor kurzem
eine Operation und da darf ich mich noch nicht übermäßig anstrengen.“ Sie hätte
zwar gern nach diesem Strohhalm gegriffen, den die Idee darstellte, doch das war
nicht möglich.
„Du wurdest operiert?“ Chris blieb wieder stehen und sah sie besorgt an.
„Was…was Schlimmes?“
Alexandra fiel ein, dass Chris panische Angst hatte, jemanden, der ihm nahe
stand, durch eine Krankheit zu verlieren. Sie hätte sich wohl lieber eine
Ausrede einfallen lassen sollen, doch dafür war es jetzt zu spät. Außerdem
musste sie ihm sagen, dass sie ein Kind hatte, Mary Jo würde Gina am Sonntag
Abend wieder zurück bringen. Alexandra vermisste die Kleine, auch wenn sie
wusste, dass sie in den besten Händen war.
Nein…es war ein Kaiserschnitt, vor zwei Wochen“, sagte sie beiläufig und ging
weiter. Charlie zerrte wie verrückt an seiner Leine und ließ ihr auch gar keine
Wahl. Ihn nervten diese dauernden Unterbrechungen, er wollte all den aufregenden
Gerüchen folgen, die hier draußen nur darauf warteten erforscht zu werden. Und
natürlich musste er sein Revier markieren. Seine Tochter dagegen blieb jedes Mal
lammfromm neben Chris stehen, einfach nur zufrieden damit, dass ihr Herrchen
wieder da war.
„Ein…ein Kaiserschnitt? Du…hast ein Baby bekommen?“ Es hatte einige Zeit
gedauert, bis Chris das verdaut hatte und ihr nachgeeilt war. Jetzt ging er vor
ihr, rückwärts, um ihr ins Gesicht sehen zu können. „Warte doch mal…wo ist das
Baby jetzt? Es ist doch nicht…“ Wieder blieb er stehen.
Alexandra hielt ebenfalls an und seufzte tief auf. Es war definitiv keine gute
Idee gewesen, Chris mitzunehmen. Bei dem Tempo mit den vielen Unterbrechungen
würde es Stunden dauern, bis sie die übliche Abendrunde beendet hatte. Und hier
draußen auf der Straße war einfach nicht der richtige Ort, um über gewisse
Themen zu reden.
„Dem Baby geht es gut, es ist bei einer Freundin.“
„Wieso?“
„Weil…weil ich mir das Wochenende über für dich Zeit nehmen wollte. Es gibt
soviel, was du nicht mehr weißt…“
„Du hast wegen mir dein Kind weggeben?“ Chris starrte sie fassungslos an.
„Chris, sieh mich nicht so an als wäre ich eine Rabenmutter. Ich liebe meine
Tochter über alles, aber Mary Jo wird sich gut um sie kümmern“, erklärte
Alexandra ungeduldig.
„Das…das hab ich damit nicht gemeint“, flüsterte Chris und senkte den Kopf, um
interessiert den Boden zu seinen Füßen zu betrachten.
Die Erkenntnis, was er damit meinte, war für Alexandra wie ein Schlag in die
Magengrube. Sie hatte vergessen, wie wenig Chris von sich selbst gehalten hatte,
bevor er diese Therapie begonnen hatte. Sie machte ein paar Schritte, bis sie
direkt vor ihm stand.
„Chris, du bist mir sehr wichtig“, sagte sie eindringlich. „Und es ist mir
wichtig, dass du deine Erinnerungen wieder zurück bekommst. Sie sind ein Teil
von dir, ein Teil von dem Chris den ich…den ich gekannt habe, bevor du nach San
Quentin musstest.“
Chris sah auf. Alexandra erschrak über die Qual, die sich in seinen braunen
Augen spiegelte. „Alex…du weißt doch gar nicht…“ er brach ab und drehte sich
schnell weg, um sich mit der Hand über das Gesicht zu wischen.
Sogar Charlie schien zu merken, dass jetzt nicht der Zeitpunkt für irgendwelche
Kapriolen war, denn er hatte sich auf den Gehsteig gelegt und wartete geduldig
und mit heraushängender Zunge, dass der Spaziergang endlich fortgesetzt werden
würde. Alexandra beschloss jedoch, dass es für heute genug war. Sie berührte
Chris leicht an der Schulter.
„Komm, wir gehen zurück nach Hause. Ich lass die Hunde noch raus in den Garten,
das muss für heute reichen“, sagte sie sanft.
Chris nickte nur und bückte sich zu Lucy, um sie zu streicheln. Dann folgte er
Alexandra, allerdings in einigem Abstand. Er schien mit seinen Gedanken allein
sein zu wollen. Alexandra fragte sich, was sie jetzt tun sollte. Sie hatte die
Andeutung, die Chris gemacht hatte, sehr wohl verstanden. Zu oft hatte sie diese
Diskussion mit ihm geführt, zu oft hatte er sie damit verrückt gemacht, dass er
sich wegen seiner Vergangenheit minderwertig fühlte.
Sie waren nicht weit auf ihrem Spaziergang gekommen, schon nach wenigen Minuten
erreichten sie wieder das Haus. Chris folgte Alexandra hinein und nahm Lucy die
Leine ab, um sie an die Garderobe zu hängen. Eine völlig unbewusste Geste, doch
Alexandra stockte der Atem. Genau das hatte Chris früher auch getan, während sie
selbst die Hundeleinen immer über dem Treppengeländer drapierte. Sie hatte beide
Leinen auch von dort weggenommen während Chris daneben gestanden war.
„Wieso hast du das gemacht?“ fragte sie.
„Was?“
„Die Leine da hin gehängt.“
Chris schüttelte verwirrt den Kopf. „Da gehört sie doch hin“, erklärte er
unsicher.
„Nicht wenn es nach mir geht.“ Alexandra starrte ihn unverwandt an. „Du hast das
gemacht, ich nie. Ich war immer wütend, wenn ich mit Charlie raus wollte und
diese dämliche Leine nicht gefunden hab, weil da Jacken oder Mäntel drüber
hingen.“
„Wirklich?“ Ein winziges, hoffnungsvolles Lächeln breitete sich auf Chris’
Gesicht aus. Dann betrachtete er die Hundeleine. „Ich…ich hatte einfach das
Gefühl, dass das ihr Platz ist. Meinst du, dass das ein gutes Zeichen ist? Dass
ich mich bald wieder an Alles erinnern werde?“
Alexandra presste die Lippen zusammen und versuchte, die Tränen zurück zu
halten. Großer Gott, wie sehr sie sich das wünschte…
***
Es war drei Uhr morgens, als Alexandra mit dem merkwürdigen Gefühl aufwachte,
dass etwas nicht stimmte. Was, das konnte sie nicht genau definieren. Sie
knipste die Nachttischlampe an und setzte sich auf.
Gestern Abend hatte sie sich noch mit Chris in die Küche gesetzt und ihm mit
strenger Zensur von seinem Leben bei ihr erzählt und davon, was sie von der Zeit
davor wusste. Das Meiste hatte Chris kommentarlos hingenommen, hatte
interessiert gelauscht, nur als sie ihm erzählte, dass er ihr auch in ihrer
Praxis geholfen hatte, reagierte er genauso überrascht wie bei der Eröffnung,
dass er Kampfsport lernte.
Nun, Chris war in diese Aufgabe mit der Zeit hineingewachsen, das versuchte sie
ihm dann klar zu machen. Über die Tatsache, dass er dabei war, den
Highschoolabschluss nachzumachen, zeigte er sich weniger erstaunt. Allerdings
deprimierte es ihn etwas, dass zumindest im Moment die eineinhalb Jahre Lernerei
umsonst gewesen waren, da die Prüfungen in einem Monat stattfinden würden und
das notwendige Wissen dafür im gleichen dunklen Loch verschwunden war wie die
Erinnerungen an den Rest dieses Zeitraumes zwischen seinen beiden
Gefängnisaufenthalten.
Was persönliche Dinge anbelangte hatte Alexandra Stillschweigen bewahrt. Chris
sollte erst das Gefühl haben, dass sie Freunde gewesen waren und dass er ihr
vertraut hatte und dass sich daran nichts geändert hatte, bevor sie ihm alles
sagte. Damit folgte sie dem Rat von Doktor Winslow, mit der sie vor dem Tag der
Anhörung ein langes Gespräch geführt hatte.
Alexandra sah hinunter auf Charlie, der vor ihrem Bett lag und den Kopf gehoben
hatte. Er spitzte die Ohren und blaffte leise. Dann stand er auf und trabte zur
Tür. Dort angelangt wandte er den Kopf und sah sie auffordernd an, bevor er die
Schnauze zwischen den Spalt von Türrahmen und Tür schob und diese aufschubste.
Er hasste noch immer geschlossene Räume, darum durfte Alexandra Türen nicht
schließen.
„Verdammt“, murmelte sie und kletterte aus dem Bett. Charlie liebte seinen
Nachtschlaf, es musste schon etwas Wichtiges sein, das ihn aufscheuchte. Sie
schlüpfte in ihre Pantoffel und warf sich hastig ihren Morgenmantel über bevor
sie dem Hund nach draußen folgte. Entgegen ihrer Erwartungen machte Charlie
jedoch nicht vor Chris’ Zimmer halt, sondern lief nach unten. Alexandra blieb
unschlüssig stehen. Sie hatte das unangenehme Gefühl, dass es Chris nicht
besonders gut ging, dass es das war, was sie aufgeweckt hatte. Aber wieso war
Charlie dann nach unten gelaufen? Mit bösen Vorahnungen öffnete sie die Tür zu
Chris’ Zimmer. Die Nachttischlampe war an, das Bett war zerwühlt, doch von Chris
und Lucy keine Spur.
Alexandra fluchte leise und eilte Charlie hinterher. In Küche brannte zwar
Licht, doch auch sie war leer. Dafür stand ihr Hund winselnd vor der Tür, die
zum Garten führte.
Mit einem erleichterten Seufzen eilte Alexandra zur Tür und öffnete sie leise,
um hinaus in die Dunkelheit zu spähen. Und richtig, da saß Chris mit dem Rücken
zu ihr auf den Verandastufen, neben sich Lucy, die ihm den Kopf in den Schoß
gelegt hatte. Er schaute hinauf in den sternenübersäten Nachthimmel. Alexandra
trat hinaus.
„Hey Chris“, sagte sie sanft, um ihn nicht zu erschrecken. Langsam ging sie zu
ihm und setzte sich neben ihm auf die Stufen. Dabei zog sie die Schultern hoch
und fröstelte. Tagsüber war es zwar warm, doch in der Nacht wurde es empfindlich
kühl. Chris war im Gegensatz zu ihr vollständig angezogen, sogar auf eine Jacke
hatte er nicht verzichtet. Diese alte, abgetragene Lederjacke, die er sich
standhaft weigerte, in die Altkleidersammlung zu geben.
„Hey“, antwortete er fast unhörbar und senkte den Kopf, ohne sie anzusehen.
„Konntest du nicht schlafen?“
Er schüttelte den Kopf und seufzte.
„Hast du schlecht geträumt?“ wagte sich Alexandra vor. Vermutlich war das der
Grund, warum er hier draußen saß. Weil er nicht mehr einschlafen wollte.
Chris warf ihr einen kurzen Seitenblick zu und schwieg. Doch das war Bestätigung
genug. Alexandra biss sich auf die Lippe und fragte sich, ob sie ihm jetzt sagen
sollte, dass sie Bescheid wusste, dass sie für ihn da war und dass er mit ihrem
Verständnis und ihrer Unterstützung rechnen konnte. Es war eine gute
Gelegenheit, sie hatte noch das gesamte Wochenende Zeit, um mit dem emotionalen
Fallout umzugehen, den diese Enthüllung mit Sicherheit nach sich ziehen würde.
Chris hatte sich zu Tode geschämt, hatte geglaubt, dass jeder, der davon erfuhr,
ihn verachten würde. Alexandra konnte es nicht ertragen, zu wissen, dass er sich
genau damit zu allem anderen auch noch quälte.
„Du kannst mit mir darüber reden. Ich…ich weiß es“, flüsterte sie.
Chris fuhr herum. Im Lichtschein, der von der Küche auf die dunkle Veranda
herausdrang, konnte Alexandra deutlich das ungläubige Entsetzen auf seinem
Gesicht sehen. Und auch, dass er geweint haben musste.
„Was…was weißt du?“ fragte er heiser.
„Was mit dir im Gefängnis passiert ist.“ Alexandra sah Chris unverwandt an,
versuchte ihm durch ihren Blick zu vermitteln, dass sie deswegen nicht auf ihn
herabsah, dass er für sie ein genauso wertvoller Mensch war wie jeder andere.
Chris’ Augen wurden weit. „Mit mir ist gar nichts passiert“, stieß er hervor.
„Nichts, hörst du?“ Er sprang auf und Lucy winselte erschrocken.
Alexandra zwang sich zu Ruhe. Auf diese Reaktion hätte sie eigentlich
vorbereitet sein sollen. Logisch, dass Chris erst alles abstreiten würde.
„Du hast es mir selbst erzählt“, entgegnete sie. „Ich hab dich damals nicht
verachtet und ich tue es heute nicht. Chris, bitte, du brauchst Hilfe, allein
kommst du damit nicht klar.“ Eindringlich sah sie den jungen Mann an, der vor
ihr am Fuß der Treppe stand und nur abwehrend den Kopf schüttelte.
„Nein…ich brauch keine Hilfe, weil nichts geschehen ist“, würgte er hervor. „Ich
weiß nicht, was ich da erzählt hab, aber es war gelogen.“
Langsam stand Alexandra nun ebenfalls auf und ging die beiden Stufen hinunter in
den Garten, so dass sie nun direkt vor Chris stand. Es tat ihr in der Seele weh,
als er vor ihr zurückwich.
Nur das Zirpen der Grillen im Gebüsch und der entfernte Lärm einer Straße waren
zu hören, während sie dastanden und sich ansahen. Alexandra überlegte
verzweifelt, was sie sagen oder tun konnte, um Chris’ Vertrauen zu gewinnen, ihn
dazu zu bringen, sie an sich heran zu lassen.
„Chris…bitte…Du bist damit nicht allein. Es totzuschweigen ändert nichts, du
machst es damit nicht ungeschehen“, sagte sie eindringlich. „Glaub mir, ich
kenne dich besser, als du dir vorstellen kannst.“
Chris schüttelte nur wild den Kopf, so dass seine schwarzen Strähnen um seine
Schultern flogen.
„Nein…das ist alles nicht wahr…ich hätte doch nie…“ Er brach ab und starrte sie
fast panisch an, als ihm anscheinend bewusst wurde, was er soeben indirekt
zugegeben hatte. Genau das, was er noch vor einer Minute kategorisch
abgestritten hatte.
„Scheiße“, flüsterte er erstickt und hob die Hände in einer hilflosen Geste, nur
um sie gleich darauf wieder fallen zu lassen. „Ich...lass mich in Ruhe...“ Damit
wandte er sich um und wollte wegrennen. Alexandra griff nach seinem Arm.
„Chris, Weglaufen ist keine Lösung“, flehte sie. Verflucht, wieso hatte sie nur
davon angefangen. „Bitte, bleib, und lass uns in Ruhe darüber reden.“
Chris riss sich los. „Ich kann nicht.“
Rückwärts gehend bewegte er sich in Richtung Hausecke. „Ich…ich muss jetzt
einfach allein sein und nachdenken, okay? Bitte versuch nicht, mich aufzuhalten,
es nützt nichts.“
Alexandra hätte am liebsten geschrieen, doch damit hätte sie die halbe
Nachbarschaft aufgeweckt. Die Leute hatten schon genug zu tuscheln, sie mussten
nicht auch noch unfreiwillig Zeugen dieser Auseinandersetzung werden.
„Versprich mir, dass du keinen Unsinn machst“, bettelte sie, während sie
krampfhaft versuchte, die Tränen zu unterdrücken, die in ihren Augen brannten.
Chris zögerte einen Moment lang. „Versprochen“, sagte er rau. Dann drehte er
sich um und war in der nächsten Sekunde um die Hausecke verschwunden. Lucy stieß
ein Kläffen aus und rannte ihm hinterher. Alexandra wollte sie zurückhalten,
doch die junge Hündin war schneller. Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff sie
sich an den Bauch. Abruptes Bücken stand noch nicht auf der Liste der
Bewegungen, die sie bedenkenlos ausführen konnte. Sie konnte nur hoffen, dass
Chris merken würde, dass Lucy ihm folgte und auf sie acht geben würde.
Allerdings war fraglich, wer mehr auf wen achten musste…
***
Nachdem Chris den Garten verlassen hatte, fing er an zu rennen. Den kleinen
schwarzen Schatten, der ihm mit heraushängender Zunge und fliegenden Ohren
beharrlich folgte, bemerkte er nicht.
Er bemerkte auch nicht die Tränen, die ihm übers Gesicht liefen.
Wo um alles in der Welt war nur die Erleichterung geblieben, die er noch vor
nicht einmal vierundzwanzig Stunden verspürt hatte? Die Erleichterung, endlich
der Hölle entronnen zu sein? Weg, ersetzt durch das Entsetzen darüber, dass die
Frau, die ihm fast wie ein rettender Engel erschienen war, die er schon dafür
respektierte, dass sie ihn ohne Rücksicht auf seine kriminelle Vergangenheit
eingestellt und aufgenommen hatte, sein schwärzestes Geheimnis kannte.
Sie hatte gesagt, sie würde ihn nicht verachten. Wie konnte sie darüber
hinwegsehen, dass er eine Hure gewesen war, wenn er selbst es mit Sicherheit nie
können würde, wenn er selbst keine Selbstachtung mehr besaß? Aus ihr musste das
pure Mitleid gesprochen haben. Und was hatte ihn da nur geritten, ihr
anzuvertrauen, was im Gefängnis passiert war? Vor allem, was genau hatte er ihr
erzählt? Dass er vergewaltigt worden war oder die glorreichen Einzelheiten, wie
er zur Hure geworden war und dass er irgendwann aufgehört hatte, die Männer zu
zählen, die seinen Körper auf die widerlichste Art und Weise benutzten?
Chris hatte sich so sehr gewünscht, ein neues Leben anzufangen, zumindest die
Erinnerungen ganz weit im hintersten Winkel seines Bewusstseins zu begraben.
Nachdem er Alexandra kennen gelernt hatte, hatte er sich gewünscht, dass sie
nicht nur seine Arbeitgeberin und Zimmerwirtin war, sondern auch eine Freundin.
Er hatte gehofft, dass er es geschafft hatte, dass sie ihn respektierte. Doch
diese Hoffnung konnte er nun begraben.
Seine Lungen begannen zu brennen und er verlangsamte seine Schritte. Chris hatte
keine Ahnung, wie lange er schon gerannt war, genauso wenig wusste er, wo er
eigentlich war. Irgendwann war er abgebogen, in eine Seitenstraße gelaufen, doch
wann das gewesen war, konnte er nicht mehr sagen. Hier sah es genauso aus wie in
der Straße, in der Alexandra wohnte. Schmucke Einfamilienhäuser, in denen
anständige, gesetzestreue Bürger wohnten, die brav ihre Steuern zahlten und am
Sonntag in die Kirche gingen und die auf so etwas wie ihn nur naserümpfend
herabsehen würden.
Du lieber Himmel, wie hatte er sich nur solchen Illusionen hingeben können? Wie
hatte er nur glauben können, wenn er endlich draußen wäre, dann wären seine
schlimmsten Probleme gelöst? Er war nur Lewis los und die Kerle, die auf
schnellen Sex mit ihm aus gewesen waren. Diese Schweine, die ihn benutzt und
gequält hatten.
Wie hatte er das nur vor eineinhalb Jahren überstanden? Wie war er damals mit
diesen Schuldgefühlen, diesem Ekel vor sich selbst, dieser Angst, dass man es
ihm ansehen könnte umgegangen? War das der Grund für die Narben an seinen
Handgelenken? War ihm alles zuviel geworden, war er deshalb seinem Vorsatz
untreu geworden, sich nicht umzubringen? Und warum war er jetzt nicht tot? Warum
musste er all das noch einmal durchmachen?
Chris war so mit sich selbst beschäftigt, dass er beinahe in die Absperrung
hineingelaufen wäre, die vor einer Baustelle auf dem Gehweg warnte. Er hielt an
und starrte wie betäubt das Warnschild an, bevor er sich zusammenriss und die
Fahrbahn betrat, um auf die andere Straßenseite zu gehen. Ein Wagen kam entgegen
und Chris kniff wegen des grellen Scheinwerferlichtes blinzelnd die Augen
zusammen. Es gab also noch andere Leute, die um diese Zeit unterwegs waren. Er
beeilte sich, über die Straße zu kommen. Kaum hatte er den Gehsteig erreicht,
als der Wagen auf seiner Höhe war und mit einem ohrenbetäubenden
Reifenquietschen und Hupkonzert zum Stehen kam. Gleich darauf hörte Chris ein
jämmerliches Aufjaulen und erstarrte.
„Verdammt, kannst du nicht auf deinen Hund
aufpassen?“ schimpfte der Fahrer des Wagens lautstark, nachdem er die Scheibe
heruntergelassen hatte. „Nimm ihn verdammt noch mal an die Leine!“
Chris konnte sich nicht bewegen. Seine Gedanken überschlugen sich. Lucy. Sie
musste ihm gefolgt sein und er hatte sie nicht bemerkt. Großer Gott, das durfte
nicht sein. Er hatte sich vom ersten Moment an in dieses schwarze Fellknäuel
verliebt, dass ihm zum ersten Mal nach Jahren zum Lachen gebracht hatte. Seine
Freude, als er erfahren hatte, dass sie tatsächlich ihm gehörte, war
unbeschreiblich gewesen. Nein, er durfte sie jetzt nicht verloren haben, das
würde er sich nie verzeihen. Vielleicht war sie ja nur verletzt. Bitte, sie
durfte nicht tot sein, nicht sie auch noch. Von dort wo er stand, konnte er
nicht sehen, was sich vor dem Wagen befand und vielleicht wollte er es gar nicht
wissen, wollte den kleinen Hundekörper nicht reglos auf der Straße liegen sehen.
„Sag mal, Junge, hast du was genommen? Hol den Hund da endlich weg“, bellte der
Mann hinter dem Steuer, ein unsympathischer fetter Kerl mit Halbglatze und
Schnauzbart.
Chris schüttelte seine Erstarrung ab und hastete zu dem Wagen. Bevor er ihn
jedoch erreicht hatte, erschien ein kleiner schwarzer Kopf hinter dem
Vorderreifen. Als Lucy ihn sah, quiekte sie auf und rannte auf ihn zu. Chris
ging in die Hocke und breitete die Arme aus. Eine Sekunde später hatte er ein
winselndes und japsendes Wuscheltier auf dem Schoß.
„Ist ja gut“, murmelte er mit wackliger Stimme. „Ist ja alles gut, meine
Kleine.“
„Verdammt, du hast wirklich Glück gehabt, dass ich ihn nicht erwischt hab“,
knurrte der Mann noch.
Dass der Fahrer dann noch weiter schimpfend die Scheibe wieder hochkurbelte und
anfuhr, nahm Chris nicht wahr. Er presste Lucy fest an sich, unendlich
erleichtert, dass sie am Leben und ihr außer einem Riesenschrecken anscheinend
nichts passiert war.
Während er mit Lucy in den Armen dort mitten auf der Straße kniete wurde ihm
plötzlich klar, dass er jetzt nicht nur für sich selbst verantwortlich war,
sondern auch für sie. Alexandra hatte ihm erzählt, wie sehr sie getrauert hatte,
nachdem er verhaftet worden war, dass alle sich Sorgen um sie gemacht hatten,
weil sie kaum etwas gefressen hatte. Wenn schon für sonst nichts, dann musste er
für sie weiterleben, musste für sie sein Leben in den Griff bekommen.
Chris drückte einen Kuss auf den wuscheligen Kopf und stand auf. Dann sah er
sich um. Wenn er den Weg zurückging, dann müsste er eigentlich zu der Straße
kommen, in der Alexandra zu Hause war. Soweit er sich erinnern konnte, war er
nur einmal abgebogen.
Er hatte zwar keine Ahnung, wie er der jungen Frau nun gegenübertreten, was er
sagen oder tun sollte, doch er konnte sich auch nicht ewig auf der Straße
herumtreiben. Ob jetzt, in drei Stunden oder drei Tagen, die Situation, der er
sich stellen musste, blieb die gleiche.
„Ich schätze, da muss ich jetzt durch“, sagte er zu Lucy, die er noch immer auf
dem Arm hatte, bevor er tief durchatmete und sich auf den Rückweg zu ihrem
gemeinsamen Zuhause machte.
***
Alexandra saß am Küchentisch und starrte blicklos in die volle Kaffeetasse vor
sich. Sie hatte Kaffee gemacht, um wenigstens etwas zu tun zu haben, während sie
auf Chris’ Rückkehr wartete. Dass er nicht zurückkommen könnte, daran weigerte
sie sich zu denken. Lucy war bei ihm, er würde hoffentlich schon wegen des
Hundes keinen Unsinn machen. Chris hatte ein ausgeprägtes
Verantwortungsbewusstsein, das hatte sie im Laufe ihrer Beziehung immer wieder
feststellen dürfen.
Nachdem Alexandra damit fertig gewesen war, sich selbst mit Vorwürfen zu
überhäufen, dass sie Chris auf den Missbrauch im San Quentin angesprochen hatte,
hatte sie jedoch angefangen, die Sache vernünftig zu betrachten. Es gab keinen
„passenden“ oder „richtigen“ Zeitpunkt für dieses Gespräch. Es würde immer
unangenehm und sehr, sehr schwer sein, wie sie es auch drehte und wendete. Da
mussten sie beide durch, und das je früher, desto besser. Sie konnte nur hoffen,
dass sie die richtigen Worte finden würde, um Chris davon zu überzeugen, dass
sie auch meinte, was sie sagte.
Was ihre Beziehung anbelangte, da war sie nicht so ganz sicher, was sie tun
sollte, ob sie ihm jetzt schon eröffnen konnte, dass sie zusammen waren.
Schließlich war da noch Gina. Alexandra fürchtete, dass das zuviel werden
könnte, dass Chris sich von so viel Verantwortung regelrecht erdrückt fühlen
würde. Sie durfte nicht vergessen, dass sie es mit dem Jungen zu tun hatte, der
er vor eineinhalb Jahren gewesen war, im Inneren ein verängstigter Teenager, der
gerade erst lernte, für sich selbst die Verantwortung zu tragen. Im Gefängnis
hatte er nicht wirklich erwachsen werden können, sämtliche Entscheidungen waren
ihm abgenommen worden. Und sein Vertrauen in die „Erwachsenen“ war dort drinnen
nachhaltig zerstört worden. Es war schon fast ein kleines Wunder, dass er es
allmählich, aber in relativ kurzer Zeit geschafft hatte, sich wieder auf andere
Menschen einzulassen, ihnen zu vertrauen und Freundschaften aufzubauen.
Was den Gedächtnisverlust anbelangte, hatte Alexandra begonnen, Hoffnung zu
schöpfen. Die Sache mit der Hundeleine hatte ihr bewiesen, dass die Erinnerungen
zwar verschüttet waren, aber unter der Oberfläche darauf lauerten,
hervorzubrechen. Es war nur eine Kleinigkeit gewesen, aber einfach typisch
Chris. Wenn er solche Dinge „wusste“, dann würden auch andere folgen.
Alexandra warf einen Blick auf die Uhr, die quälend langsam vor sich hin zu
ticken schien. Es war halb fünf, Chris war seit knapp eineinhalb Stunden weg.
Charlie hatte es sich auf seinem Teppich bequem gemacht und gab gelegentlich ein
Schnarchen von sich. Er zumindest schien sich keinerlei Sorgen darüber zu
machen, dass sein Töchterchen und Chris bald wieder heil und gesund wieder
auftauchen würden. Hunde waren doch auch für ihren sechsten Sinn bekannt, oder
nicht? Wenn sie sich also an Charlies Einschätzung der Angelegenheit
orientierte, dann konnte sie sich beruhigt zurücklehnen. Nur, wie realistisch
war ihr Hund?
Noch während sie mental über die Existenz oder Nicht-Existenz von Charlies
sechstem Sinn philosophierte, wachte dieser plötzlich auf und hob mit einem
leisen Blaffen den Kopf. Keine zehn Sekunden später öffnete sich die Tür zum
Garten und Chris kam herein, mit einer hechelnden Lucy auf dem Arm.
Alexandra merkte jetzt erst, wie angespannt sie die ganze Zeit über gewesen war.
Dennoch zwang sie sich zur Ruhe und blieb sitzen. Chris sah sie erst an, dann
senkte er den Blick und bückte sich, um Lucy abzusetzen. Sie rannte gleich zu
ihrem Wassernapf und winselte enttäuscht, als sie feststellen musste, dass er
leer war. Chris folgte ihr und nahm den Napf hoch, um ihn dann am Spülbecken
aufzufüllen. Dabei vermied er es, zu Alexandra hinüber zu sehen.
„Pass auf, dass das Wasser nicht zu kalt ist, sonst kriegt sie Bauchschmerzen“,
sagte Alexandra automatisch. Chris blickte kurz auf, dann hielt er einen Finger
unter den Wasserstrahl. Er leerte das Wasser, das er bereits in die Schüssel
gefüllt hatte, wieder aus und ließ frisches hineinlaufen. Als er fertig war,
trug er die Schüssel zu ihrem Platz zurück, wo Lucy sich sofort gierig drauf
stürzte. Nur das Schlabbern und Schmatzen der jungen Hündin war in der folgenden
Minute zu hören.
„Willst du auch eine Tasse Kaffee?“ erkundigte sich Alexandra schließlich, als
sie das Schweigen einfach nicht mehr aushielt. Chris stand noch immer neben Lucy
und beobachtete sie.
„Ja…gern“, entgegnete Chris leise.
„Dann komm und setz dich her.“ Alexandra stand auf und holte eine weitere Tasse
aus dem Schrank, um sie mit Kaffee aus der Thermoskanne zu füllen. Als sie sich
wieder umdrehte, saß Chris ihrem Platz gegenüber am Tisch und fuhr mit dem
Fingernagel einen der unzähligen Kratzer auf der Tischplatte nach. Sie stellte
wortlos die Tasse vor ihn hin und ließ sich wieder auf ihrem Stuhl nieder.
Unbehagliches Schwiegen breitete sich aus.
„Tut mir leid, dass ich vorhin weggelaufen bin“, flüsterte Chris nach einer
Weile. „Aber…es war…ich…“
„Du brauchst es mir nicht zu erklären“, unterbrach ihn Alexandra. „Ich kann mir
denken, wieso.“
Chris schluckte und schloss die Augen. Es war ihm anzusehen, wie schwer es ihm
fiel, jetzt mit ihr zu reden. Alexandra wäre am liebsten zu ihm gegangen und
hätte ihn in die Arme genommen, um ihm zu versichern, dass alles wieder gut
werden würde, dass sie für ihn da wäre, egal was das Schicksal noch für ihn
bereit hielt. Doch erstens ahnte sie, dass Chris eine Berührung jetzt nicht
zulassen würde und zweitens wollte sie kein Versprechen abgeben, dass sie
möglicherweise nicht würde halten können. Sie würde für ihn da sein, keine
Frage, doch die Floskel „alles wird gut“ hätte selbst in ihren eigenen Ohren wie
der pure Hohn geklungen.
„Wann…?“ Die Frage war kaum zu verstehen, so leise hatte Chris gesprochen.
„Ein paar Monate, nachdem du zu mir gekommen bist. Ich hab dich aus einem
Alptraum geweckt, da kam mir das erste Mal der Verdacht. Und…ein paar Wochen
später hast du mir dann meinen Verdacht bestätigt.“ Die Umstände, unter denen
sie ein paar schockierende Einzelheiten erfahren hatte, verschwieg sie.
„Und dann?“
Alexandra verkrampfte ihre Hände um ihre Kaffeetasse. Ein Glas wäre zersprungen,
hätte sie so fest zugegriffen. Vor ihrem inneren Auge stieg das Bild von Chris
auf, wie er in dieser riesigen Blutlache auf dem Badezimmerboden gelegen hatte.
Die Erinnerung an diesen Augenblick trieben ihr fast die Tränen in die Augen. Es
war so grauenhaft gewesen…
„Hab…hab ich da versucht, mich umzubringen?“ fragte Chris mit kleiner Stimme.
Alexandra starrte ihn überrascht an. Woher wusste er, dass er einen
Selbstmordversuch unternommen hatte? Dann fielen ihr die Narben ein. Natürlich,
sie waren nicht zu übersehen. Noch etwas, dass ihm die ganze Zeit zu schaffen
gemacht haben musste.
„Ja…du hast es mir erzählt und dir kurz darauf die Pulsadern aufgeschnitten“,
antwortete sie und trank einen Schluck ihres schon fast kalten Kaffees. Ihre
Kehle fühlte sich staubtrocken an. „Ich hab dich gefunden und den Notarzt
gerufen.“
Alexandra seufzte tief auf und strich sich mit der Hand eine Haarsträhne hinter
die Ohren. Chris wirkte relativ ruhig und gefasst, vielleicht konnte sie ihm den
Rest nun auch noch erzählen.
„Jack war dabei, als ich dich gefunden habe. Als dein damaliger Bewährungshelfer
hat er dir die Wahl gelassen zwischen einer ambulanten Therapie und einer
Aufnahme deines Selbstmordversuches in deine Akte und damit die Einweisung in
eine psychiatrische Anstalt zur Untersuchung. Du hast dich dann für die Therapie
entschieden.“
Chris stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch auf und verbarg sein Gesicht
in seinen Händen. Dabei schüttelte er den Kopf.
„Was…was hab ich dir erzählt?“ fragte er mit einem leisen Schluchzen.
Okay, doch nicht so ruhig und gefasst. Chris hatte eben nur mal wieder bewiesen,
was für ein guter Schauspieler er war. Doch jetzt begann die Fassade zu bröckeln
und der verstörte, verängstige Junge, der fürchtete, verabscheut oder ausgelacht
zu werden, kam zum Vorschein. Alexandra hielt es nun nicht mehr aus. Sie konnte
nicht sitzen bleiben und zusehen, wie Chris zusammenbrach. Entschlossen stand
sie auf und ging zu ihm hinüber auf die andere Seite des Tisches, um sich auf
den neben ihm stehenden Stuhl niederzulassen. Sanft zog sie ihm die Hände vom
Gesicht weg und legte ihm eine Hand unters Kinn, um ihn so zu zwingen, sie
anzusehen.
„Chris…Ich…ich hab dich sehr gern. Als ich das über dich erfahren habe, war ich
hilflos und wütend…aber ich hab dich deswegen keine Sekunde lang verachtet“,
sagte sie eindringlich. „Du hast das damals geglaubt, darum hast du versucht,
dich umzubringen.“
Chris’ dunkle Augen schwammen in Tränen, als er sie ansah und sich krampfhaft
bemühte, nicht loszuheulen.
„Du hast mir ziemlich viel darüber erzählt, was in San Quentin mit dir passiert
ist. Das mit diesem Jackson, von Carl Lewis…“ Alexandras Stimme begann zu
schwanken und sie strich Chris über die Wangen, um die Tränen wegzuwischen, die
ihm nun übers Gesicht kullerten.
„Du…du weißt das auch?“
Alexandra nickte und presste die Lippen zusammen. Wenn sie jetzt nicht
aufpasste, dann würde sie ebenfalls anfangen zu heulen. Es reichte schon, dass
Chris nun wirklich die Beherrschung zu verlieren schien und ein weiteres
Aufschluchzen nicht mehr unterdrücken konnte.
„Komm her“, sagte sie rau und packte ihn vorsichtig an den Schultern, um ihn an
sich zu ziehen. Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung ließ Chris es mit sich
geschehen, dass sie ihre Arme um ihn schloss und ihm beruhigend über den Rücken
strich, während sein Körper immer wieder von heftigen Schluchzern geschüttelt
wurde.
Den ersten, den schlimmsten Schritt hatten sie geschafft. Chris wusste jetzt,
dass sie für ihn da war, dass sie die grausame Wahrheit über seine Vergangenheit
in San Quentin kannte und ihn auch damit akzeptierte. Er wusste, dass er nicht
alleine war, dass er jemanden hatte, mit dem er reden, bei dem er sich ausheulen
konnte.
Alexandra hatte keine Ahnung, wie lange sie hier mit Chris in den Armen gesessen
hatte, als die Schluchzer schließlich weniger wurden und schließlich ganz
verstummten. Die Vorderseite ihres Morgenmantels war jedenfalls durchnässt von
Chris’ Tränen und ihre Arme wurden allmählich taub.
Schließlich bewegte sich Chris und wich zurück. Seine Augen waren geschwollen
vom Weinen, er sah so hilflos und verloren aus, dass Alexandra das Gefühl hatte,
als wäre ihr Herz von einer Faust umschlossen, die ganz langsam zudrückte. Es
tat so unendlich weh, Chris so zu sehen. Wie hatte er nach seiner Entlassung nur
die ersten Monate überstehen können, ganz allein und verlassen, ohne einen
Menschen, der sich wirklich um ihn sorgte und kümmerte? Jack hatte sicherlich
sein Bestes getan, doch Chris hatte ihn nicht an sich heran gelassen, war
verschlossen und aggressiv gewesen.
„Tut mir leid“, wisperte Chris und sah verlegen zur Seite.
„Schon gut. Ich bin für dich da, schon vergessen?“ Alexandra lächelte mühsam.
„Was hältst du davon, wenn wir noch mal rauf gehen und ein paar Stunden
schlafen? Morgen…besser gesagt heute Vormittag reden wir weiter, okay?“
„Okay“, gab Chris mit belegter Stimme zurück.
Alexandra ließ ihn los und erhob sich. Chris folgte ihrem Beispiel. Lucy, die
neben seinem Stuhl gelegen war, sprang ebenfalls auf. Gemeinsam mit den Hunden
gingen sie nach oben. Vor Chris’ Zimmertür blieben sie stehen.
Alexandra berührte Chris sanft am Arm. „Bitte versuch ein bisschen zu schlafen.
Und wenn du nicht alleine sein willst, mein Zimmer ist gleich nebenan. Komm
rüber, wenn du reden möchtest…oder einfach nur Gesellschaft brauchst. Ich bin
immer für dich da.“
Chris zog die Schultern hoch und nickte, bevor er die Tür öffnete und mit Lucy
in seinem Zimmer verschwand. Alexandra starrte die geschlossene Tür an. Alles in
ihr schrie danach, ihm zu folgen, ihm immer und immer wieder zu versichern, dass
sie ihn liebte, egal was passiert war. Doch sie musste ihm erst einmal Zeit
geben, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie Bescheid wusste. Für Chris
waren seine Scham und die Angst vor der Abscheu anderer Menschen fast schlimmer
gewesen als die Tatsache, dass er vergewaltigt worden war beziehungsweise die
eigenen psychischen Probleme. Damit musste er nun erst einmal zu Rande kommen.
Als sie endlich in ihrem eigenen Bett lag, fragte sie sich zum unzähligsten Mal
an diesem Tag, ob es richtig war, was sie da tat. Sie fütterte Chris
häppchenweise mit der Realität, wollte ihm Zeit geben, die eine Sache ein wenig
zu verdauen, bevor sie ihm die nächste vorsetzte. War das ihm gegenüber fair?
Wäre es nicht vielleicht doch besser, ihm alles zu sagen, ihm von ihrer Liebe,
von ihrer Beziehung zueinander zu erzählen, von Gina? Würde es ihm nicht mehr
helfen, wenn er wusste, dass er eine richtige kleine Familie hatte? Doch kaum
hatte sie diesen Gedankenstrang zu Ende gedacht, als ihr daran auch schon wieder
Zweifel hatte. Es war zum Verrücktwerden, sie drehte sich nur im Kreis. Und
nichts fühlte sich wirklich richtig an.
Seufzend drehte sie sich auf die Seite und sah auf Charlie hinunter, der vor
ihrem Bett auf dem Boden lag.
„Wenn ich doch nur wüsste, was ich machen soll“, murmelte sie mehr zu sich als
zu dem Hund, bevor sie das Licht löschte und die Augen schloss. Sie war so
furchtbar müde und erschöpft, die vergangenen Stunden, nein, die vergangenen
beiden Wochen waren so unendlich anstrengend gewesen. Und die nächsten beiden
Tage würden mit Sicherheit auch kein Urlaub werden. Während sie noch darüber
nachdachte, wie sie die Sprache darauf bringen sollte, dass Chris sich ärztlich
untersuchen lassen musste, dämmerte sie langsam hinüber in den Schlaf.
***
Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte ging Chris hinüber zum Bett und
setzte sich auf die Bettkante. Lucy folgte ihm und kletterte hinauf, um sich
dann mit einem zufriedenen Seuzfer zu einem Ball zusammenzurollen. Sie gähnte,
wobei sie ihre rosafarbene Zunge so weit wie möglich herausstreckte, nur um sie
gleich darauf wieder mit einem leisen Schmatzen verschwinden zu lassen.
Chris fühlte sich, als hätte man ihn in eine dieser Industriewaschmaschinen
gesteckt und den Programmknopf auf „Dauerschleudern“ gestellt. Im Moment wusste
er nicht so genau, wo eigentlich oben oder unten war.
Einer seiner größten Ängste hatte er sich heute Nacht stellen müssen. Der Angst,
dass jemand von seiner Vergangenheit als Gefängnishure erfuhr. Er war weder vor
Scham gestorben noch hatte Alexandra ihn angesehen, als wäre er ein besonders
widerliches Insekt. Im Gegenteil, sie war ihm mit Verständnis und Mitgefühl
begegnet, hatte ihn in die Arme genommen und getröstet. Chris war zwar weit
davon entfernt, sich bei dem Gedanken wohl zu fühlen, dass sie wusste, was man
mit ihm gemacht hatte, doch durch ihr einfühlsames Verhalten war es kein Grund
für ihn, in Panik auszubrechen oder gar an Selbstmord zu denken. Allerdings
schien das nicht immer so gewesen zu sein.
Er betrachtete die Innenseite seiner Handgelenke. Alexandra hatte gesagt, er
hätte ihr von den Ereignissen in San Quentin erzählt und sich danach die
Pulsadern aufgeschnitten. Irgendwie hatte Chris das Gefühl, dass das nicht alles
gewesen sein konnte. Wenn sie ihm damals ebenso verständnisvoll mit ihm
umgegangen war, dann hätte er doch verrückt sein müssen, um so etwas zu tun.
Verrückt oder völlig am Ende.
Etwas, das er seit Tagen versuchte, zu verdrängen, bahnte sich seinen Weg wieder
zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins. Toni, der Junge aus der
Schreinerei, dessen Schicksal ihm eiskalt vor Augen geführt hatte, in welcher
Gefahr er schwebte. Jackson und Lewis hatten zwar meist Kondome verwendet und
darauf geachtet, dass die Kerle, an die sie ihn für Geld oder Gefälligkeiten
„ausliehen“, das ebenfalls taten, doch es hatte auch Typen gegeben, denen alles
egal gewesen war. So wie diese Latino-Gang…Chris schauderte, als er an diesen
Nachmittag dachte. Wenn er schon hatte einen Teil seines Gedächtnisses verlieren
müssen, wieso dann nicht diesen, der die dreieinhalb Jahre San Quentin
beinhaltete?
Eine grauenhafte Ahnung stieg plötzlich in Chris auf. Hatte er sich etwa testen
lassen und ein positives Ergebnis zurückbekommen? War das der Grund gewesen,
warum er sich hatte umbringen wollen? Hatte er deshalb Alexandra von den
Vergewaltigungen erzählt? Das wäre zumindest eine logische und für ihn
nachvollziehbare Erklärung. Er hatte mit dem Gedanken an einen langsamen,
qualvollen Tod einfach nicht weiterleben wollen. Chris schlang die Arme um
seinen Körper, da die Raumtemperatur plötzlich unter Null gefallen zu sein
schien und er zu frieren begann. Nein, das durfte nicht sein…Nicht auch das
noch.
Wieder betrachtete er die feinen Narben. Es gab nur einen Menschen, der ihm
sagen konnte, ob seine Befürchtungen der Wahrheit entsprachen, ob er sich
wirklich mit dieser schrecklichen Krankheit angesteckt hatte. Alexandra musste
es wissen und sie befand sich im Zimmer nebenan.
In Chris tobte ein Kampf, ob er hinübergehen und sie einfach fragen sollte. Ob
er es wissen oder ob er den Schlag noch hinauszögern wollte. Denn dass es so
war, dessen war er sich nun fast sicher. Er sah zu Lucy, die inzwischen tief und
fest zu schlafen schien. Hatte er sie darum bekommen? Damit sie ihn ablenken
sollte, ihn aufheitern? War Alexandra deshalb so nett so ihm, weil sie genau
wusste, dass sein Schicksal besiegelt war, dass er nur noch ein paar Jahre zu
leben hatte?
Seine Hand zitterte, als er sie ausstreckte, um über Lucys weiches Fell zu
streicheln. War sein Leben nun tatsächlich schon vorbei, bevor es richtig
angefangen hatte?
Seufzend schob Alexandra den Stapel Post, den sie
vorher aus dem Briefkasten geholt hatte, zusammen und sah auf die alte
Küchenuhr. Es war halb elf. Als sie vor eineinhalb Stunden aufgestanden war,
weil Charlie keine Ruhe mehr gegeben hatte, war aus Chris’ Zimmer noch kein Laut
gedrungen. Sie hatte nicht reingesehen, weil sie ihn nicht hatte stören wollen,
wenn er noch schlief.
Aber inzwischen machte sie sich Sorgen, denn wenigstens Lucy hätte
herunterkommen müssen, um ihr kleines Geschäft im Garten zu erledigen. Alexandra
sah sich schon mit Putzeimer und Schrubber bewaffnet den Boden wischen. Nein,
also darauf hatte sie nun wirklich keine Lust. Mit einem letzten Blick hinaus in
den Garten, wo Charlie bei strahlendem Sonnenschein in einer Ecke ein Loch
buddelte, stand sie vom Küchentisch auf und ging nach oben.
Im Schlafzimmer war es noch immer mucksmäuschenstill. Vorsichtig drehte
Alexandra den Türknopf und öffnete die Tür. Der Anblick, der sich ihr bot,
brachte sie zum Lächeln. Chris lag in der Mitte des breiten Bettes, fast völlig
unter den Decken vergraben, nur ein wirrer Schopf schwarzer Haare lugte hervor.
Lucy hatte sich dicht an ihn gekuschelt und sah auf, als Alexandra das Zimmer
betrat. Sie winselte leise.
„Hey, du Mini-Ungeheuer“, flüsterte Alexandra. „Gewöhn dich bloß nicht zu sehr
daran, im Bett zu schlafen, das ist gerade ein Ausnahmezustand, hörst du?“
Lucy nieste als Antwort und Alexandra nahm sie hoch. Eigentlich duldete sie es
nicht, dass die Hunde ins Bett kamen, aber für Chris war sie bereit, im Moment
beide Augen zuzudrücken. Es würde nur ziemlich schwierig werden, Lucy wieder an
den Normalzustand zu gewöhnen, wo sie in Betten und auf Sofas nichts zu suchen
hatte.
„Wir zwei gehen jetzt runter und du darfst mal raus in den Garten. Ich hab keine
Lust, die Matratze wegen dir reinigen zu lassen.“
Auf Zehenspitzen schlich Alexandra wieder aus dem Zimmer und trug Lucy nach
unten in die Küche, wo sie sie auf den Boden setzte. Sie hatte schon fast
erwartet, dass das Hundemädchen kehrt machen und wieder nach oben rennen würde,
doch ihr erster Weg war durch die offene Tür hinaus auf die Veranda und in den
Garten, wo sie sich erst einmal erleichterte.
Alexandra folgte ihr und beobachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Na, sehr viel länger hätte ich wohl nicht warten dürfen“, bemerkte sie trocken.
Sie vergewisserte sich, dass Charlie noch mit seiner Ausgrabungsaktion
beschäftigt war, dann ging sie zurück in die Küche.
Gleich nach dem Aufstehen hatte sie Mary Jo angerufen und sich nach Gina
erkundigt. Der Kleinen ging es gut, bei der Gelegenheit hatte Alexandra ihrer
Freundin auch gleich eine kurze Zusammenfassung von Chris’ erstem Abend zu Hause
gegeben. Sie hatten jedoch nur kurz miteinander sprechen können, da Jamie im
Hintergrund gebrüllt hatte und Mary Jo sich dann hastig verabschieden musste.
Alexandra bekam fast ein schlechtes Gewissen, wenn sie daran dachte, dass sie
ihrer Freundin zu ihrem eigenen Tohuwabohu noch ihr Baby aufgehalst hatte.
Lucy kam wieder in die Küche hereingewackelt und stürzte sich auf ihren
Fressnapf. Sie hatte gestern Abend schon mehr gefressen als in den letzen beiden
Wochen in drei Tagen. Wenn sie so weitermachte, würde sie ihren Gewichtsverlust
schnell wieder aufholen. Wenigstens ihre Welt war wieder völlig in Ordnung.
Alexandra seufzte tief. Wenn sie das nur auch von ihrer eigenen sagen könnte…
Sie wusste nicht wieso, aber plötzlich hatte sie das Bedürfnis, nach oben zu
gehen und sich einfach zu vergewissern, dass Chris wirklich dort im Bett lag.
Völlig idiotisch, sie hatte ihn doch erst vor ein paar Minuten mit eigenen Augen
gesehen, doch der Drang war einfach da und ließ sich nicht ignorieren. Also gab
sie ihm nach.
Im Schlafzimmer angekommen setzte sich Alexandra auf die Bettkante und
betrachtete ihren schlafenden Freund, der sich noch tiefer unter den Decken
vergraben zu haben schien. Er lag auf der Seite, mit dem Gesicht zu ihr. Im
Schlaf wirkte seine Züge weich und entspannt. Die Verletzungen, von denen Jack
ihr erzählt hatte, waren fast verheilt. Es war nicht fair. Es war einfach nicht
fair, dass ausgerechnet Chris, der in seinem Leben schon soviel hatte
durchmachen müssen, das alles auch noch hatte passieren müssen. Unbändiger Hass
auf Justin und ihren Vater stieg wieder in ihr hoch. Wieso hatten sich die
beiden nach so langer Zeit wieder in ihr Leben einmischen müssen? Wieso
ausgerechnet jetzt? Jahrelang hatte sie für ihre Familie nicht existiert. Warum
hatten sie sie nicht einfach weiterhin ignorieren können?
Alexandra konnte der Versuchung nicht widerstehen, Chris anzufassen. Sie hatte
diese kleinen Berührungen, die liebevollen Blicke, die sie sich im Laufe eines
Tages immer wieder zugeworfen hatten, so sehr vermisst. Langsam streckte sie
ihre Hand aus und strich ihm vorsichtig durch die Haare. Wie gern hätte sie sich
jetzt zu ihm unter die Decke gekuschelt und ihn in die Arme genommen.
Sanft streichelte sie ihm immer wieder durch die verstrubbelten Strähnen. Ihre
Familie war schuld an dieser Tragödie. Alexandra hatte keine Ahnung, was sie tun
würde, wenn es sich herausstellen sollte, dass dieser Gefängnisaufenthalt noch
fatalere Folgen haben sollte, als er es sowieso schon tat. Wenn Chris sich in
diesen zwei Wochen mit einer unheilbaren, tödlichen Krankheit angesteckt hatte.
Alexandra biss die Zähne zusammen um nicht aufzuschluchzen. Er hatte wie durch
ein Wunder dreieinhalb Jahre überstanden, hatte unzählige Vergewaltigungen über
sich übergehen lassen müssen. Es konnte doch einfach nicht sein, dass so etwas
nun ausgerechnet in diesen zwei Wochen geschehen war.
Chris’ Atemrhythmus veränderte sich plötzlich, wurde unruhiger und Alexandra zog
schnell ihre Hand zurück. Sie hatte ihn eigentlich nicht aufwecken sondern nur
ein wenig Zeit mit ihm verbringen wollen, ohne dass sie auf jedes Wort, das sie
sagte, achten musste.
Seine langen Wimpern begannen zu flattern und schließlich öffnete er die Augen.
Erst blinzelte er verwirrt, als hätte er keine Ahnung, wo er sich befand, dann
richtete er seinen Blick auf Alexandra und sie meinte, Erleichterung darin lesen
zu können.
„Guten Morgen, Schlafmütze“, sagte sie leise.
„Morgen“, antwortete Chris mit vom Schlaf heiserer Stimme. „Wie…wie spät ist
es?“
„Gleich elf.“
„Oh…“ Ein Anflug von Schuldbewusstsein huschte über Chris’ Gesicht. Dann rieb er
sich verschlafen die Augen, während er sich aus seinem Nest herausschälte und
aufsetzte.
Schon okay. Du brauchst deshalb kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab nur
vorhin Lucy geholt um sie raus in den Garten zu lassen.“
Chris nickte sah sie von der Seite her verlegen an. „Danke. Eigentlich hätte ich
mich ja darum kümmern müssen…“
„Egal. Hauptsache, sie hat nicht ins Bett gepinkelt. Das hat sie doch nicht,
oder?“
Entsetzt tastete Chris über die Decken und hob diese dann an, um die Matratze
der gleichen Behandlung zu unterziehen. Alexandra glaubte zwar nicht, dass Lucy
ihre Erziehung soweit vergessen hatte und nicht wenigstens auf den Boden
gegangen war, doch bei einem Welpen konnte man nie ganz sicher sein. Das war
genauso wie bei Kindern. Jamie war sauber, aber wenn er zu müde war, um
aufzustehen oder zu vertieft in sein Spiel, dann vergaß er schon mal, dass er ja
keine Windeln mehr trug.
„Nö, alles trocken“, seufzte Chris erleichtert, als er mit seiner Untersuchung
fertig war. „Tut mir leid, ich hätte dran denken sollen, dass sie raus muss. Ist
noch ein bisschen neu für mich.“ Verlegen zuckte er mit den Schultern.
„Daran gewöhnst du dich schon noch. Oder…vielleicht fällt es dir ja bald wieder
mit allem Anderen ein.“
Chris sah sie an und seine Augen weiteten sich, bevor er den Blick abwandte und
seine Hände fast unbewusst in der Bettdecke verkrampfte.
„Was ist?“
Chris öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder, als hätte er etwas fragen
wollen, es sich gleich darauf aber wieder anders überlegt. Anscheinend war es
nichts Angenehmes, denn er schien einen gewaltigen inneren Kampf mit sich
auszufechten. Bevor Alexandra ihn jedoch nochmals fragen konnte, sah er sie an
und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Dann löste er seine Hände
von der Decke und drehte sie so, dass die Innenseite seiner Handgelenke zu sehen
war.
„Warum hab ich das gemacht?“ fragte er fast unhörbar. „Bin ich…bin ich krank?“
„Nein Chris, nein…Man muss doch nicht krank sein, um einen Selbstmordversuch zu
begehen“, protestierte Alexandra entsetzt. „Du…du warst am Ende…du bist einfach
nicht mehr damit klar gekommen, was geschehen ist…“ Sie biss sich auf die
Unterlippe. Ja, er war nicht mehr damit klar gekommen und sie war unwissentlich
die Ursache dafür gewesen, weil sie nicht hatte ahnen können, was für
Schuldgefühle sie in ihm auslösen würde, als sie mit ihm geschlafen hatte.
„So hab ich das nicht gemeint…Hab ich…“ Chris holte tief Luft. „Ich hab Aids,
nicht wahr?“ fragte er schließlich mit zittriger Stimme. „Darum hab ich
versucht, mich umzubringen…“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Alexandra begriff, was Chris da von sich
gegeben hatte. Er glaubte tatsächlich, er hätte sich aus Angst vor dieser
Krankheit umbringen wollen?
„Nein“, flüsterte sie schließlich. „Nein, du warst damit nicht infiziert. Du
hast dich testen lassen, kurz nach deiner Entlassung und ein halbes Jahr später.
Du warst gesund…“ Den Test, den Doktor Langton veranlasst hatte unterschlug sie,
das spielte jetzt keine Rolle.
„Was? Ich…ich hab das nicht? Bist du sicher?“
Oh Gott…Alexandra fühlte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Nein, sie war sich
nicht sicher, dass er JETZT vollkommen gesund war. Sie wünschte sie wäre es. Sie
wünschte, sie wäre jetzt so sicher wie damals nach diesem Test.
„Alex?“
Reiß dich zusammen, betete sie sich immer wieder vor, fast wie ein Mantra.
Anscheinend verdrängte Chris, dass er in diesen zwei Wochen wieder vergewaltigt
worden war, das Ergebnis von vor weniger als einem Jahr also keine Bedeutung
mehr hatte. Sie musste jetzt mit ihm darüber reden.
„Chris…dass das Ergebnis damals negativ war, das…das heißt nicht, dass es noch
immer so ist…“ würgte sie mühsam hervor.
„Was meinst du damit?“
Riesige dunkelbraune Augen sahen sie verständnislos und ein wenig ängstlich an.
Alexandra hätte Chris am liebsten in die Arme genommen und ganz fest an sich
gedrückt, als ob sie ihn damit vor allem Schlimmen auf dieser Welt beschützen
könnte. Er trug wieder dieses flatterige T-Shirt mit dem Schaf vorne drauf, das
Alexandras Laune immer gehoben hatte, wenn sie ihn darin gesehen hatte. Nur
heute funktionierte das nicht. Sie konnte ihn weder umarmen, weil er das
wahrscheinlich nicht zulassen würde und beschützen konnte sie ihn auch nicht.
Sie streckte ihre Hand aus und berührte vorsichtig den schon verblassenden
Bluterguss auf Chris’ Wange. Chris wich ein Stück zurück und runzelte die Stirn.
„Was meinst du?“ wiederholte er.
„Dass du…dass du jetzt infiziert worden sein könntest…Du warst doch wieder bei
diesen Drecksschweinen…“
So, nun hatte sie es ausgesprochen. Und anstatt, dass sie sich nun leichter
fühlte, war das Gewicht, dass ihr das Herz abzudrücken drohte, nur noch schwerer
geworden. Vorher hatte diese Möglichkeit nur in ihrem Kopf existiert, doch
nachdem sie die Worte ausgesprochen hatte, war es die kalte, harte Realität.
Alexandra ließ Chris nicht aus den Augen. Die Möglichkeit einer Ansteckung war
zwar ihre größte Sorge, doch nicht die einzige. Chris mochte diese
Vergewaltigungen – vermutlich war es nicht nur einmal passiert – in seinem
derzeitigen Zustand als nicht schlimmer als alle vorangegangen empfunden haben,
aber wenn Doktor Winslow tatsächlich recht hatte mit ihrer Theorie, dann hatte
er sich aus genau diesem Grund ja in seine Vergangenheit „geflüchtet“. Was das
allerdings für in bedeuten würde, wenn er sein Gedächtnis wieder finden würde,
davor hatte Alexandra schreckliche Angst.
Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Chris begriff was sie hatte
andeuten wollen. Er wurde erst kreidebleich, dann schoss ihm das Blut in die
Wangen und er richtete seinen Blick auf seine Hände, die er ineinander
verkrampft hatte.
„Da…da ist nichts passiert…“ flüsterte er schließlich. „Nicht, seit…nicht in den
letzten zwei Wochen…“
So etwas wie Hoffnung begann sich in Alexandra zu regen. Doch sie blieb
misstrauisch. Chris hatte auch den Missbrauch an sich zuerst vollständig
abgestritten, als sie ihn mit ihrem Wissen darum konfrontiert hatte. Sie hätte
ihm zwar gerne geglaubt, wagte es jedoch nicht.
„Und woher hast du dann diese Verletzungen?“ zwang sie sich zu fragen. „Bitte
erzähl mir nicht, dass du dich geprügelt hast, ich weiß, dass du kein
Schlägertyp bist.“
Chris hob den Kopf und sah sie mit einem Blick an, der sie unwillkürlich an ein
verwundetes Tier erinnerte. Hilflos und voller Qual.
„Ich…“
In diesem Moment wurde die nur angelehnte Tür aufgeschoben und Lucy zwängte sich
durch den entstandenen Spalt. Mit einem hellen Kläffen rannte sie auf das Bett
zu, um dann schwanzwedelnd und laut winselnd darum zu betteln, von Chris
hochgenommen zu werden. Dankbar für die Ablenkung beugte dieser sich aus dem
Bett und holte den kleinen Hund zu sich auf den Schoß. Alexandra beobachtete
resigniert, wie Lucy Chris erst liebevoll über das Gesicht leckte, um sich
gleich darauf mit einem zufriedenen Schnaufen auf der Decke zusammenzurollen.
Chris begann, ihr den Rücken zu kraulen. Seine Hand zitterte dabei.
Alexandra seufzte lautlos. Er wollte nicht mir ihr darüber reden, konnte es
einfach nicht, weil er sich wahrscheinlich so abgrundtief dafür schämte. Darum
versuchte er auch immer erst alles abzustreiten.
„Du musst mir nichts erzählen“, sagte sie weich. „Versprich mir nur, dass du
dich testen lässt, ja? Es gibt Medikamente, Behandlungsmethoden…“
Chris hörte auf; Lucy zu kraulen, doch den Kopf hielt er weiterhin gesenkt. Dann
nickte er schweigend. Alexandra schloss die Augen. Also doch…
„Ich bin dann unten, falls du etwas brauchst.“ Damit stand sie auf, obwohl sich
ihre Glieder anfühlten, als hätte sie Bleigewichte daran hängen. Langsam ging
sie rückwärts zur Tür, nur um sich dann schnell umzudrehen und den Raum fast
fluchtartig zu verlassen. Die Tränen schossen ihr in die Augen, während sie die
Treppe hinunter rannte.
***
„Lange Zeit nicht gesehen, Kleiner…“
Chris konnte nicht atmen. Sein Körper fühlte sich an wie gelähmt, als würde er
gar nicht zu ihm gehören. Sie hatten ihn also tatsächlich entdeckt, in diesem
Pulk von hunderten von Gefangenen. Eine Sekunde lang wurde ihm fast schwarz vor
Augen und er hoffte schon, dass er ohnmächtig werden würde, nur um dieses
ekelhafte Grinsen mit den halbverfaulten Zahnstümpfen nicht mehr sehen zu
müssen. Biggs war der widerlichste von Lewis’ Freunden, ein Kerl mit fettigen
Haaren, unreiner Haut und stinkendem Atem.
„Ob du’s glaubst oder nicht, es gibt da jemanden, der es kaum erwarten kann,
dich wiederzusehen…“
Biggs’ Worte rissen Chris aus seiner Erstarrung und er versuchte,
zurückzuweichen. Der Kerl hatte jedoch seinen Arm gepackt und hielt ihn mit
einem schmerzhaften Griff fest. Als wäre das nicht schon genug fühlte Chris
etwas Spitzes in seiner Seite. Er wusste was das war. Ein selbstgemachtes
Messer. Die Aufseher mochten noch so gründlich mit ihren Durchsuchungen sein,
sie fanden niemals alle illegalen Besitztümer der Gefangenen, seien es nun
Drogen oder Waffen. Genau so wenig, wie sie ihre Augen überall haben konnte und
das nutze Biggs nun aus.
„Ich wette, dir geht’s genauso….“ Biggs zeigte ihm wieder seine schwarzen
Zahnstümpfe und Chris schauderte vor Ekel.
„Lass mich doch einfach in Ruhe“, würgte er hervor. „Bitte….“
Biggs lachte kurz auf. Ein hämisches, meckerndes Lachen.
„Nachher“, grinste er. „Erst einmal kommst du mit und sagst Hallo zu deinem
guten alten Freund….“
Der Druck in Chris’ Seite verstärkte sich, während Biggs ihn unbarmherzig mit
sich zog, in Richtung einer der schmalen Überdachungen, die bei Regen oder
Sonnenschein ein wenig Schutz bieten sollten. Sie schützten aber auch vor den
Blicken der Wachen von oben, was von gewissen Kreisen ausgiebig genutzt wurde.
Sie hatten Lewis` „Stammplatz“, an den Chris sich nur zu gut erinnern konnte,
fast erreicht, als er sich zu sträuben begann.
„Nein…ich geh da nicht hin.“ Seine Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren
schrill und hysterisch. Ein paar Häftlinge sahen neugierig zu ihnen herüber,
drehten sich aber schnell wieder weg, als sie Biggs erkannten. Keiner wollte mit
dem Kerl Schwierigkeiten haben.
Biggs blitzte ihn böse an. „Stell dich nicht so an. Ist doch nichts, was du
nicht schon kennst Oder…“
Der Druck von dem Messer wurde noch etwas stärker und Chris spürte, wie es den
Stoff seines Hemdes durchbrach und ihm die Haut in seiner Nierengegend
aufritzte. Er traute Biggs durchaus zu, dass er zustechen würde. Kein schöner
Tod, hier auf dem Gefängnishof jämmerlich zu verbluten.
Er hätte am liebsten losgeheult, als Biggs ihn weiterzerrte und ihm schließlich
einen groben Stoß in den Rücken versetzte, der ihn in den wartenden Kreis von
etwa zehn Häftlingen taumeln ließ, von denen Chris die meisten erkannte. Kumpane
von Lewis, genau so gemein und abartig wie dieser.
Lewis selbst stand mit einem selbstgefälligen Grinsen da, die Beine gespreizt
und die tätowierten Arme vor dem massiven Brustkorb verschränkt. Er war zwei
Köpfe größer als Chris und dreimal so schwer.
„Hallo Kleiner“, sagte er in diesem schleppenden Tonfall, den Chris so sehr
hasste. „Da bist du ja wieder. Das war nicht nett von dir, dass du dich einfach
so aus dem Staub gemacht hast. Es hat `ne ganze Weile gedauert, bis ich Ersatz
für dich gefunden hab.“
Unwillkürlich folgte Chris’ Blick dem von Lewis, der zu einem Jungen von etwa
achtzehn Jahren gewandert war, der völlig verschüchtert an der Wand lehnte.
Dunkelblonde Haare ringelten sich um seine Ohren, fielen auf seine Schultern und
seine Augen waren dunkel geschminkt. Er hatte ein sehr weiches, fast
puppenhaftes Gesicht. Lewis mochte seine „Spielzeuge“ gern so weiblich wie
möglich.
„Aber er ist nicht so gut wie du, noch lange nicht. Du warst schon was ganz
Besonderes…“ Lewis ließ seine Arme fallen und ging langsam auf Chris zu. Ein
erwartungsvolles Kichern kam von einem der Umstehenden.
Chris’ Angst steigerte sich zu unermesslicher Panik. Sein Herz raste, kalter
Schweiß lief ihm den Rücken hinunter und ließ ihn schaudern. Zu oft schon hatte
er diese Situation erlebt. Von oben war durch die Überdachung nicht zu sehen,
was hier vor sich ging, Lewis’ Freunde bildeten eine undurchdringliche Mauer,
die die Vorgänge hier von der Außenwelt, sprich den anderen Häftlingen und den
Aufsehern, abschirmte. Er saß in der Falle.
Chris begann, den Kopf zu schütteln. Es war ihm egal, dass seine Abwehr Lewis
nur noch mehr anturnen würde. Er konnte sich ihm nicht einfach widerstandslos
fügen. Nicht jetzt, wo er so kurz davor stand, das alles endgültig hinter sich
zu lassen. Außerdem würde es mit Sicherheit nicht dabei bleiben, dass nur Lewis
ihn vergewaltigte. Früher hatte Lewis immer darauf geachtet, dass ihm nicht
allzu viel passierte, dass er nicht zu sehr verletzt wurde. Dazu gab es jetzt
keinen Grund. Und außerdem hatte er den starken Verdacht, dass das Schwein sich
dafür rächen wollte, dass er damals einfach verschwunden war.
Lewis kam näher. Wie hypnotisiert starrte Chris seinen ehemaligen Zellengenossen
und „Beschützer“ an. Er musste sich nicht umsehen, um zu wissen, dass Lewis’
Kumpane die Szene mit glänzenden Augen beobachteten, voller Gier und Vorfreude,
wie ein Wolfsrudel, dass darauf wartete, dass der Leitwolf dem Opfer den
Todesbiss versetzte und damit das Zeichen für das Festmahl gab.
Der Schlag kam unerwartet. Chris’ Kopf flog zur Seite und er griff sich mit
einem leisen Aufschrei an die Wange. Er schmeckte Blut, der Schlag hatte ihm die
Lippe und die Innenseite der Wange aufgerissen. Aber nicht nur das, er hatte ihn
auch aus seiner Erstarrung gerissen.
„Dir zeig ich jetzt, was es bedeutet, mich sauer zu machen“, knurrte Lewis und
rieb sich die Hände. „Stell dich da an die Wand“, befahl er dann. „Du weißt ja
hoffentlich noch, wie ich dich haben will.“
Ja, Chris wusste, was das hieß, hatte es schon unzählige Male erleben müssen.
Lewis würde ihn hier vor seinen Kumpanen vergewaltigen, würde ihn demütigen und
der Lächerlichkeit preisgeben. Etwas machte „Klick“ in seinem Kopf. Nein, er
würde diesem Schwein nicht gehorchen. Nicht jetzt, nie wieder. Er würde es nicht
freiwillig über sich ergehen lassen, auch wenn eine kleine Stimme in seinem
Hinterkopf ihm zuflüsterte, dass er verrückt war, dass er alles nur schlimmer
machen würde. Wenn er sich dagegen wehrte, würde es nur zehnmal mehr wehtun.
Doch Chris ignorierte diese Stimme und schüttelte wieder den Kopf, wobei er ein
kleines Stück zurückwich.
„Nein“, sagte er und war erleichtert, dass seine Stimme dabei nicht wie das
Piepsen eines aus dem Nest gefallenen Vogels klang
Lewis blinzelte ungläubig. „Was hast du da gerade gesagt?“
„Nein“, wiederholte Chris, wobei er sich fragte, ob die warnende Stimme in
seinem Kopf nicht vielleicht doch recht hatte. Doch nun war es zu spät, um
umzukehren.
„Du willst also die harte Tour.“ Ein unerwartetes, fast zufriedenes Grinsen
breitete sich auf Lewis’ hässlichem Boxergesicht aus. Chris wurde bei dem
Anblick übel.
„Das macht mir sowieso mehr Spaß, du kleine Hure.“
Chris konnte sich nicht erklären, wie er es geschafft hatte, doch in der
nächsten Sekunde lag Lewis auf dem Boden und hielt sich laut stöhnend und
fluchend den Unterleib. Lewis hatte nach ihm gegriffen und dann…
Chris wollte entsetzt zurückweichen, doch gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein,
dass hinter ihm eine menschliche Mauer stand, die kollektiv glücklicherweise
genauso verblüfft wie er selbst über Lewis’ empfindliche Niederlage zu sein
schien. Er drehte sich um und sah sich Biggs gegenüber, der ihn fassungslos
anstarrte.
„Was…“ stammelte der Kerl verwirrt, doch dann fing er sich und versuchte nach
Chris zu greifen. Dieser duckte sich blitzschnell weg, packte Biggs’ Arm und
verwendete den Schwung des Mannes, um ihn zu seinem Kumpel auf den Boden zu
werfen, wobei er mit einem gezielten Tritt nachhalf. Chris verschwendete keine
Zeit mehr, sich über irgendetwas zu wundern, oder auf die Reaktionen von Lewis’
Freunden zu warten, sondern nutzte deren Überraschung über seine massive und vor
allem effektive Gegenwehr dazu, sich zwischen ihnen hindurch zu drängen und auf
den Hof hinaus zu laufen, wo er sich hektisch nach dem nächst besten Aufseher
umsah. Hinter sich konnte er Lewis’ Geschrei hören, der sich nicht darum
scherte, wer alles seine Verstimmung mitbekam.
Chris war klar, dass er sich nur einen Aufschub verschafft hatte. In ein paar
Minuten würden ein oder sogar zwei der Kerle, denen er gerade entronnen war,
Jagd auf ihn machen und ihn wieder zu Lewis zurückschleppen. Panik drohte ihm
die Luft abzuschnüren. Noch einmal würde er nicht soviel Glück haben. Während er
voller Verzweiflung überlegte, wie er dieser Gefahr entgehen konnte, wie er die
Aufmerksamkeit der Wärter auf sich lenken konnte, ohne etwas zu tun, das ihn
wieder ins „Loch“ bringen und seine Entlassung gefährden würde, stand plötzlich
Darryl vor ihm.
„Du hast dich mit diesem Irren angelegt?“ fragte sein Zellengenosse ungläubig
und sah in die Richtung, aus der noch immer Lewis’ Fluchen zu hören waren.
Chris nickte nur. Reden konnte er nicht, sein Herz fühlte schlug so stark, dass
es sich anfühlte, als würde es seine Stimmbänder abdrücken.
„Mann...“ hauchte Darryl voller Ehrfurcht. „Verdammt, das hätte ich dir gar
nicht zugetraut. Los, komm mit da rüber, die Wachen werden aufmerksam.“
Erleichtert darüber, dass ihm jemand weitere Entscheidungen abnahm, ließ Chris
sich in die Nähe eines der Wachtürme ziehen. Ein Blick nach oben zeigte ihm,
dass Darryl recht gehabt hatte, die Aufseher hatten ihre gewohnte Lässigkeit
aufgegeben und beobachteten die Vorgänge im Hof nun mit Argusaugen. Unter den
Häftlingen herrschte Unruhe, es flogen immer wieder neugierige Blicke zwischen
Chris und seinen Widersachern hin und her, es wurde aufgeregt getuschelt, ab und
zu erklang verhaltenes Gelächter. Lewis und seine Clique waren gefürchtet, aber
nicht gerade beliebt, zumindest nicht unter den „normalen“ Gefangenen, die
einfach nur ihre Zeit absitzen wollten.
„Carl Lewis…heilige Scheiße…Was hast du mit dem Typen bloß angestellt, dass er
so tobt? Vor allem, wie bist du dem entwischt?“
Chris schloss kurz die Augen und atmete tief ein, um seinen immer noch rasenden
Herzschlag zu beruhigen. Dann wandte er sich zu Darryl, der ihm mit großen Augen
ansah.
„Ich hab deinen Rat befolgt“, sagte er mit zittriger Stimme.
~
Gedankenverloren streichelte Chris durch das weiche Fell von Lucy, die noch
immer in seinem Schoß lag und nur durch ein gelegentliches Winseln verriet, dass
sie wach war. Dieser Sonntagnachmittag stand Chris noch so lebhaft in
Erinnerung, als hätte das Ereignis eben erst stattgefunden. Er war danach bei
Darryl geblieben, hatten dessen Fragen, wie er es denn nun wirklich geschafft
hatte, Lewis zu entkommen, über sich ergehen lassen, ohne diese allerdings
tatsächlich beantworten zu können. Er konnte sich ja selbst nicht erklären, was
da in ihm vorgegangen war. Erst als Alexandra ihm erzählt hatte, dass er
angefangen hatte, Kampfsport zu machen, hatte sich der Nebel um dieses Rätsel
gelichtet. Er hatte anscheinend unbewusst auf das Gelernte zurückgegriffen,
hatte es dadurch endlich geschafft, sich zu wehren und nicht immer nur als Opfer
dazustehen.
Dieser Hofgang war ohne weitere nennenswerte Vorkommnisse abgelaufen. Lewis und
seinen Leuten war der Boden anscheinend zu heiß geworden, sie hatten die Wachen
nicht noch weiter provozieren und deren Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen,
die möglicherweise eine penible Zellendurchsuchung nach sich gezogen hätte.
Dabei wäre wohl Einiges ans Tageslicht gekommen, was niemand sehen sollte.
Am nächsten Tag war Chris nach dem Abendessen von einem Mitgefangenen
angesprochen worden, der ihm von Lewis ausgerichtet hatte, es wäre nicht vorbei,
er solle sich schon auf das nächste Zusammentreffen freuen. Der kleine
Zwischenfall hätte die Vorfreude nur noch mehr angeheizt. Chris war ein eisiger
Schauer über den Rücken gelaufen. Ihm war klar, dass für Lewis die Sache noch
nicht beendet war, der Kerl hatte jetzt noch einen Grund mehr, sich an ihm
rächen zu wollen.
Als Mr. Sanders ein paar Tage später mit der Nachricht erschienen war, dass
diese Anhörung noch vor dem Wochenende stattfinden sollte, wäre Chris vor
Erleichterung am liebsten in Tränen ausgebrochen. Er hatte sich schon die ganze
Zeit den Kopf darüber zerbrochen, wie er um den Hofgang herumkommen könnte, ohne
etwas anzustellen, dass ihn ins „Loch“ und damit außerhalb von Lewis’ Reichweite
bringen oder sich selbst eine Verletzung zuzufügen, die einen Aufenthalt auf der
Krankenstation nach sich ziehen würde. Beide Lösungen hätten auch zu einer
Verlängerung seines Aufenthaltes hier in San Quentin führen können.
Mr. Sanders musste aber Alexandra auch von den Verletzungen in seinem Gesicht
erzählt haben, ebenso davon, dass er nicht in Einzelhaft gewesen war, wie es
eigentlich hätte sein sollen. Und sie hatte wegen seiner Vorgeschichte natürlich
daraus geschlossen, dass er wieder vergewaltigt worden war.
Er war also doch nicht krank, hatte sich wie durch ein Wunder nichts von diesen
Schweinen eingefangen, die ihn wieder und immer wieder missbraucht und gequält
hatten. Der Erleichterung darüber war jedoch gleich wieder von einer Welle von
Schamgefühlen gefolgt. Scham darüber, dass Alexandra so genau über ihn Bescheid
zu wissen glaubte. Und zugegebenermaßen, hätte er sich nicht unbewusst an seine
anscheinend doch beträchtlichen Kampfsportkenntnisse erinnert und Lewis und Co.
damit überraschen können, dann hätte sie wohl sogar recht gehabt.
Seine Gedanken blieben bei Alexandra hängen. Sie schien sich wirklich etwas aus
ihm zu machen. Sie mussten gute Freunde geworden sein in der Zeit, die er für
sie gearbeitet hatte. Dass sie dachte, er wäre während seines kurzen
Aufenthaltes in San Quentin wieder vergewaltigt worden, belastete sie
anscheinend stark. Aber sie hatte ihn nicht gedrängt, darüber zu reden, dass
rechnete er ihr hoch an – obwohl es nichts gab, worüber er hätte reden müssen.
Es war ja nichts passiert. Chris seufzte. Er hätte vorhin wohl versuchen müssen,
sie davon zu überzeugen, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte, als sie ihn
gebeten hatte, sich testen zu lassen. Stattdessen hatte er zugestimmt, was sie
erst recht in ihrer Überzeugung bestärkt hatte. Oh Gott, was war er nur für ein
Trottel.
Vorsichtig setzte er Lucy zur Seite und schob die Decke von seinen Beinen. Sein
Magen knurrte wie verrückt, obwohl er eigentlich keinen Appetit hatte, wenn er
daran dachte, wie dumm er sich benommen hatte. Er sollte vielleicht lieber mal
runtergehen und die Sache aufklären. Einerseits, weil es ihm aus irgendeinem
Grund total unangenehm war, dass Alexandra das jetzt glaubte. Und andererseits,
weil er sie beruhigen wollte. Warum ihm ausgerechnet das unangenehm war, konnte
Chris sich nicht erklären. Er begann sich doch langsam damit abzufinden, dass
sie Bescheid wusste über seine Karriere als Hure, hauptsächlich deswegen, weil
er nicht einmal einen Hauch von Verachtung bei ihr gespürt hatte, nur Mitgefühl
und Verständnis. Und weil er sich sagte, dass er mit Sicherheit nicht geblieben
wäre, wenn er sich nicht wohl bei ihr gefühlt hätte.
Barfuss tapste Chris hinüber zum Kleiderschrank und zog ein frisches T-Shirt
heraus. Schwarz mit einem Totenkopf vorne drauf. Passte zu seiner Stimmung, also
zog er es sich über, nachdem er sich seines Schlaf-Shirts entledigt und dieses
über den Stuhl neben dem Schrank geworfen hatte. Das Schaf auf dem Shirt schien
ihn ermutigend anzugrinsen. Chris schüttelte den Kopf und lächelte traurig.
Dieses Shirt und zwei weitere, ähnlich kindische, hatte ihm seine Mutter noch
kurz vor ihrem Tod gekauft. Sie hatte wirklich einen seltsamen Humor gehabt.
Aber er fühlte sich ihr nahe, wenn er eines davon trug. Er hatte die Shirts
damals mit ein paar anderen Klamotten, seinen Lieblings-CDs, seinen Fotos und
ein paar Erinnerungsstücken von seinem Vater zusammenpacken lassen und mit ins
Gefängnis genommen, in der irrationalen Hoffnung, dass er sie würde behalten
können. Doch natürlich hatte man sie ihm abgenommen. Bei seiner Entlassung
musste er die Tasche mit den Sachen zurückbekommen haben. Jetzt war Chris froh,
dass er das Zeug damals mitgenommen hatte. Er hatte keine Ahnung, was mit dem
Rest passiert war, nachdem sein Vater gestorben war. Vermutlich waren die Möbel
verkauft worden, um die Beerdigung zu bezahlen. Geld hatte sein Vater bei seinem
Tod bestimmt nicht gehabt, er hatte von der Sozialhilfe gelebt, als er ihn das
letzte Mal im Gefängnis besucht hatte. Doch er hatte Pläne gehabt, sich wieder
einen Job besorgen und für ihn, Chris, da sein wollen, wenn er aus dem Gefängnis
entlassen wurde. Doch dann war alles anders gekommen…
Chris wischte sich hastig über die Augen und zog sich fertig an. Sein Vater war
ebenso tot wie seine Mutter, daran ließ sich nichts ändern. Heulen half da auch
nichts mehr. Er musste versuchen, allein klar zu kommen. Ganz allein war er ja
zum Glück nicht, er hatte zumindest Lucy, auch wenn ihm der Hund keine Hilfe
sein konnte, so war es doch tröstlich zu wissen, dass es noch jemanden gab, dem
er etwas bedeutete. Und dann war da noch Alex…
Er ging hinüber zum Bett und hob Lucy hoch, die ihn die ganze Zeit über nicht
aus den Augen gelassen hatte, als hätte sie Angst, er könne sich von einer
Sekunde zur anderen in Luft auflösen, wenn sie einmal nicht hinsah.
„Komm, Kleine, wir gehen jetzt runter“, flüsterte er. „Keine Bange, ich lass
dich nicht mehr alleine.“
Mit Lucy auf dem Arm stieg Chris die Treppe hinunter. Ihm grauste vor dem
Gespräch mit Alexandra, aber er wollte es auch hinter sich bringen.
In der Küche fand er sie nicht, ebenso wenig im Garten, nur Charlie lag faul auf
der Veranda im Sonnenschein und begrüßte ihn mit einem leisen Bellen. Ratlos sah
Chris sich um. Vielleicht war sie vorne, dort wo die Praxisräume sich befanden.
Er setzte Lucy ab und verließ die Küche wieder. Und richtig, eine Tür dort war
nur angelehnt und leises Fluchen war aus dem Zimmer zu hören. Zaghaft klopfte
Chris und schob die Tür dann langsam auf. Und richtig, Alexandra befand sich in
dem kleinen Raum, der ihr anscheinend als Büro diente und saß am Schreibtisch.
Sie schien ihn nicht gehört zu haben, denn sie schimpfte noch immer vor sich hin
und starrte angestrengt auf den Computerbildschirm vor sich.
„Wieso willst du Scheißding das nicht drucken? Ich rate dir wirklich, das zu
machen, was ich von dir will, oder du landest auf der Müllkippe, du dämlicher
Schrotthaufen.“ Damit versetzte sie dem Drucker einen nicht gerade sanften
Schlag. Unbeeindruckt von Beschimpfungen, Drohungen und tätlichen Angriffen
verharrte dieser in Untätigkeit.
„Du musst ihn anmachen…“ Chris musste sich ein Lächeln verkneifen. Das sah doch
ein Blinder, dass der Drucker nicht eingeschaltet war.
Alexandra fuhr herum. „Hey…Gott, hast du mich erschreckt, ich hab dich gar nicht
gehört“, keuchte sie.
„Tut mir leid, ich hab geklopft…“ Chris zuckte entschuldigend mit den Schultern.
Dann trat er näher und schaltete das ungerechterweise misshandelte Gerät ein.
Der Drucker summte und begann kurz darauf, pflichtbewusst seine Aufgabe zu
verrichten.
„Ich bin wirklich zu blöd“, murmelte Alexandra. „Ich versteh die Dinger einfach
nicht…“
„Hast du…hast du das in der Schule denn nicht gelernt?“ Chris biss sich auf die
Lippe. Er hatte keine Ahnung, wie alt Alexandra eigentlich war. Dreißig? Sie
hatte eine eigene Praxis, wirkte sehr selbstbewusst, hatte ein Kind…Sie musste
definitiv um einiges älter sein als er. Trotzdem fand er sie irgendwie
attraktiv. Gleich darauf schalt er sich mental einen Idioten. Als ob eine solche
Frau Interesse an so jemanden wie ihm haben könnte. Und da war ja auch noch der
Vater von dem Baby. Wo der wohl war? Wer verließ denn eine Frau wie Alexandra,
die noch dazu schwanger von einem war? Musste ein schönes Arschloch sein.
„Doch. Aber alles, was mit Computern zu tun hatte, ist an mir vorbeigerauscht
wie ein Schnellzug. Ich konnte mir gerade mal genug aneignen und vor allem
merken, um damit durchs Studium zu kommen. Meine Doktorarbeit musste ich mir von
einem Freund aufpolieren lassen, sonst wäre sie von den Prüfern gar nicht erst
akzeptiert worden.“ Alexandra kicherte bei der Erinnerung daran wie ein
Teenager.
Der Drucker war fertig mit seiner Arbeit und sie wandte sich um, um die
bedruckten Blätter herauszunehmen. Es schienen Rechnungen zu sein, soweit Chris
sehen konnte. Alexandra seufzte erleichtert auf, nachdem sie ihr Werk inspiziert
hatte.
„Scheint okay zu sein“, sagte sie zufrieden. „Jetzt hab ich wenigstens schon die
Woche aufgearbeitet, in der ich im Krankenhaus war.“
„Wie…?“
„Ach so, das weißt du ja noch gar nicht…“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.
„Ich habe eine Vertretung eingestellt, vorübergehend. Ich wollte sowieso einen
Monat vor der Geburt aufhören zu arbeiten, weil es einfach nicht mehr ging mit
dem dicken Bauch. Zum Glück hat der Kollege genau dann angefangen, als ich weg
war. Du wirst ihn am Montag kennen lernen.“
„Oh…“ Chris sah zu Boden, während er diese Informationen verarbeitete. Ein
Kollege hatte sie gesagt…Hatte der Kerl mitbekommen, was hier los gewesen war,
dass er verhaftet und ins Gefängnis zurück gebracht worden war? Auf abschätzige
Blicke konnte Chris gut und gerne verzichten. Dann fiel ihm etwas ein, was ihm
bisher noch gar nicht aufgefallen war. Das Kind war vor zwei Wochen zur Welt
gekommen. Vor zwei Wochen hatte man ihn anscheinend abgeholt. Chris hatte keinen
blassen Schimmer von Schwangerschaft und Kinderkriegen, aber in Filmen war es um
des Dramas Willen oft so, dass schwangere Frauen ihre Babies dann bekamen, wenn
sie sich gerade über irgendetwas wahnsinnig aufgeregt hatten. Hatte er
jedenfalls schon ein paar Mal gesehen. Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihm
auf.
„Alex…wieso…wieso…“, stotterte er und deutete schließlich auf Alexandras nun
wieder relativ flachen Bauch.
„Was denn?“ Verwirrt sah sie an sich herunter, bevor sie ratlos den Kopf
schüttelte. „Was meinst du?“
„Wieso…hast du das Baby bekommen?“ gelang es Chris schließlich hervorzuwürgen.
Oh Gott, war er etwa dafür verantwortlich, dass das Kind vor zwei Wochen zur
Welt gekommen war? Hatte Alexandra sich aufgeregt? Sie hatte gesagt, dieser
Kollege hätte einen Monat vor der Geburt anfangen sollen, aber das Baby war ja
schon da. Zu früh…
Alexandra stand auf und kam auf ihn zu. Chris wich einen Schritt zurück.
„Es war wegen mir, nicht wahr?“ flüsterte er. „Was…was ist mit dem Baby? Es ist
gar nicht bei deiner Freundin…“ Eine Riesenwelle voller Panik gepaart mit
unbeschreiblichen Schuldgefühlen stieg in Chris hoch und drohte ihn zu
überrollen und unter ihrer Last zusammenzubrechen zu lassen. Voller Angst
starrte er Alexandra an.
Alexandra wusste im ersten Moment gar nicht, was sie sagen sollte. Auf die Idee,
dass Chris anhand ihrer Äußerungen herausfinden könnte, dass Gina eigentlich zu
früh geboren worden war, war sie noch gar nicht gekommen. Sie schalt sich
innerlich einen Trottel. Natürlich, er war nicht dumm. Wieso hatte sie ihm das
mit der Schwangerschaftsvertretung auch so ausführlich erklären müssen? Sie
legte ihm vorsichtig die Hände auf die Schultern. Chris wehrte sie zwar nicht
ab, schloss aber gequält die Augen und sah zur Seite während er sichtlich mit
den Tränen kämpfte.
„Mit dem Baby ist alles in Ordnung, Chris“,, sagte sie eindringlich. „Hör auf
dir Vorwürfe zu machen. Es war nicht deine Schuld.“
Sie fühlte, wie seine Schultern nach unten sackten.
„Also stimmt es…“
„Ja, Gina ist einen Monat zu früh auf die Welt gekommen. Nachdem…nachdem die
Polizei dich abgeholt hat, haben die Wehen eingesetzt. Man musste einen
Kaiserschnitt machen, weil sie nicht richtig lag. Aber sie ist gesund und
entwickelt sich prächtig, ich war am Mittwoch mit ihr beim Arzt und der war
hochzufrieden.“
Alexandra wollte mit ihren Worten Chris zwar beruhigen, aber sie sagte auch die
Wahrheit. Der Kinderarzt, der Gina untersucht hatte, war überrascht gewesen,
dass das kleine Mädchen sich so gut zu entwickeln schien. Wenigstens darüber
musste sich niemand mehr Sorgen machen.
Chris sah auf. Seine Augen wirkten vor Kummer fast schwarz und glänzten
verdächtig feucht.
„Kann ich…kann ich das Baby sehen?“ fragte er leise.
„Chris…Gina geht es gut…“ Noch während sie sprach, wurde ihr klar, dass Chris
sich durch Beteuerungen nicht würde beruhigen lassen. Sie seufzte. „Also gut,
ich ruf Mary Jo an und sag ihr, sie soll sie fertig machen, dann hole ich sie.
Willst du mitkommen?“
Chris schluckte und schwieg. Es war ihm anzusehen, dass er noch immer nicht
glaubte, dass mit dem Kind alles in Ordnung war. Alexandra ließ ihn los und ging
an ihm vorbei in den Flur. Ihre Rechnungen hatte sie vergessen, damit hatte sie
sowieso nur angefangen, weil sie sonst vor lauter Nachdenken verrückt geworden
wäre. Dass Chris zugestimmt hatte, sich testen zu lassen, hatte ihr das letzte
Fitzelchen Hoffnung geraubt, dass sie und Jack sich doch geirrt haben könnten.
Außer ihnen beiden wusste niemand davon. Marc und Julie hatten Chris zwar mit
den schon abheilenden Verletzungen im Gesicht gesehen, doch sie waren beider der
Meinung, dass er tatsächlich in Einzelhaft gewesen war.
Das Allerschlimmste jedoch war, es würde ein halbes Jahr dauern, bis eine
Ansteckung würde definitiv ausgeschlossen werden können. Ein halbes Jahr voller
Hoffen und Bangen. Nein, nicht mehr daran denken, befahl sie sich energisch. Ein
Problem nach den anderen anpacken, so wie es sich ergab. Jetzt musste Chris erst
einmal überzeugt werden, dass es seiner Tochter wirklich gut ging – auch wenn er
keine Ahnung davon hatte, dass er Ginas Vater war.
„Ich geh telefonieren. So lange hast du Zeit, dir zu überlegen, ob du mitfahren
willst oder ob du lieber hier wartest“, sagte sie, als von Chris noch immer
keine Antwort auf ihre Frage gekommen war. Dann drehte sie sich um und ging in
die Küche, um Mary Jo wissen zu lassen, dass ihre Babysitterdienste nicht mehr
länger benötigt wurden. Sie hoffte nur, dass ihre Freundin nun keine
ausgedehnten Erklärungen von ihr erwarten würde, sondern einfach nur das tat,
worum sie sie bat.
Eine halbe Stunde später hielt Alexandra wieder vor ihrem Haus. Mary Jo hatte
sehr verständnisvoll reagiert und keine Fragen gestellt, warum sie Gina so
schnell wieder heim holen wollte. Alexandra war ihrer Freundin so unendlich
dankbar. Mochte Mary Jo auch normalerweise eine Klatschtante sein, wenn es
darauf ankam, dann redete sie nicht, sondern handelte. Sie hatte nur gesagt,
wenn sie Ruhe bräuchte wegen Chris, dann könne sie ihr Gina später gerne wieder
bringen.
Nun, das würde sie auf sich zukommen lassen. Erst einmal sollte Chris sich mit
eigenen Augen davon überzeugen, dass es Gina wirklich ein normales, gesundes
Baby war. Alexandra stieg aus und holte die Kleine mit ihrem Babysitz aus dem
Wagen. Sie schlief tief und fest, die kleinen Händchen hatte sie zu Fäusten
geballt und Mary Jo hatte ihr heute einen süßen gelben Strampelanzug mit einem
blauen Elefanten vorne drauf angezogen. Alexandra musste lächeln, als sie Gina
betrachtete. Sie war wirklich ein goldiger, kleiner Schatz.
„Guten Tag, Doktor Hastings.“ Die Stimme eines ihrer Nachbarn ließ Alexandra
hochschrecken.
„Guten Tag“, grüßte sie hastig den älteren Mann, der neben dem Wagen in ihrer
Einfahrt stand und sie neugierig beobachtete. Ihr fiel sein Name nicht ein, nur
dass er ein paar Häuser weiter auf der anderen Straßenseite wohnte.
„Das ist aber ein nettes kleines Ding. Junge oder Mädchen?“
„Ein Mädchen“, gab Alexandra zurück. Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt,
sich von einem neugierigen Nachbarn ausquetschen zu lassen. Die Leute hier in
der Straße wussten relativ wenig von ihr, genau wie sie wenig von ihnen wusste,
aber die Ereignisse in letzter Zeit hatten sie wohl ziemlich populär werden
lassen. Es kam wohl sehr, sehr selten vor, dass jemand hier in der Gegend von
Polizisten abgeführt wurde und Alexandra konnte sich vorstellen, dass einige
ihrer Nachbarn vor Neugier fast zerplatzten. Sie hatte kein Problem damit,
sollten sie doch.
„Wie heißt sie denn?“ fragte der Mann weiter.
„Gina.“ Alexandra griff nach der bunten Tasche, in der Ginas
„Überlebensausrüstung“ verstaut war, bestehend aus Windeln, Babypuder,
Fläschchen, Babynahrung und allerlei anderem Zeug, von dessen Existenz sie
vorher nichts geahnt hatte, und hängte sie sich über die Schulter, bevor sie die
Wagentür zuschlug. Vorsichtig, damit der Knall Gina nicht weckte.
„Ein hübscher Name“, befand ihr unerwünschter Gesprächspartner. „Da gab es mal
eine italienische Schauspielerin, die so hieß, die werden Sie aber nicht mehr
kennen.“ Er lachte und schien angestrengt zu überlegen, was er noch sagen
konnte, um sie zur Preisgabe weiterer Informationen zu bringen, ohne zu
aufdringlich zu wirken. Wäre Alexandra nicht so angespannt gewesen, dann hätte
sie sich vielleicht sogar darüber amüsiert. Aber sie wollte ins Haus, zu Chris,
der vermutlich wie auf Kohlen saß. Er hatte beschlossen, auf sie zu warten,
einem Zusammentreffen mit einer weiteren Fremden, die er zwar nicht kannte, die
aber über die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens mehr wusste als er selbst,
schien er sich doch nicht gewachsen zu fühlen.
„Ich mochte den Namen einfach“, sagte sie nur und wandte sich dann ab. „Nett,
mit Ihnen geplaudert zu haben“, rief sie über die Schulter und eilte durch den
Garten und die Stufen zur Haustür hoch. Bevor sie die Tür öffnete, atmete sie
noch einmal tief durch. Sie konnte nur hoffen, dass Chris die Ähnlichkeit
zwischen dem Baby und sich selbst nicht auffallen würde. Noch nicht, es war noch
viel zu viel zwischen ihnen unausgesprochen.
Alexandra begann sich langsam damit abzufinden, dass es ziemlich lange dauern
konnte, bis Chris sein Gedächtnis wieder zurück bekam, wenn überhaupt. Eine
Möglichkeit, die sie zwar weit von sich schob, die aber dennoch präsent war. Die
Kleinigkeiten, an die er sich zu „erinnern“ schien, waren nur Schatten, nichts
Reales.
Sie betrat den Flur. Alles war still, so still wie an dem Tag, als sie mit Mary
Jo vom Krankenhaus nach Hause gekommen war. Gleich darauf schalt Alexandra sich
einen Dummkopf für diesen Vergleich. Chris war wieder da. Sie ging in die Küche
und stellte den Babysitz mit der schlafenden Gina auf den Küchentisch. Ein Blick
durch die offene Verandatür zeigte ihr, dass Chris draußen auf den Stufen saß.
Leise trat sie zu ihm hinaus.
Er schien sie nicht gehört zu haben, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt
Charlie und Lucy, die miteinander im Sonnenschein im Gras herumtollten. Die
Hunde waren ebenso glücklich wie sie, dass Chris wieder da war. Von den
Komplikationen konnten sie ja nichts ahnen.
„Chris?“
Chris zuckte zusammen und fuhr herum. Mit großen, erschrockenen Augen sah er zu
ihr hoch.
„Du bist schon wieder da?“
„Mary Jo wohnt nur ein paar Straßen weiter. Willst du…?“
Er nickte zögernd und stand auf. Alexandra ergriff seine Hand und zog ihn mit
sich in die Küche. Es war verrückt, Chris würde jetzt gleich sein Kind zum
ersten Mal sehen, wusste aber nicht, dass es sein Kind war.
„Darf ich vorstellen, das ist Gina“, sagte Alexandra betont munter, als sie
zusammen vor ihrer kleinen Tochter standen, die seelenruhig ihre erste Begegnung
mit ihrem Daddy zu verschlafen schien. Ihr war zum Weinen zumute, doch sie
schluckte ihre Trauer über die Grausamkeit des Schicksals hinunter. Es gab
Menschen, die schlimmer dran waren, Kinder, die ihre Väter nie kennen lernen
würden, weil diese bei einem Unfall oder bei einem der sinnlosen Kriege, die
dieses Land führte, ums Leben gekommen waren. Das war ein schwacher Trost, aber
dennoch ein Trost, an den Alexandra sich in diesem Moment zu klammern versuchte.
Chris legte den Kopf schief und beäugte den Inhalt des Babysitzes argwöhnisch.
„Ist es…ist es nicht ein wenig arg klein?“ fragte er unsicher. „So mini sind die
doch normalerweise nicht, oder?“
Trotz ihrer melancholischen Stimmung musste Alexandra lachen. „Doch, die sind so
klein. Gina hat sehr gut aufgeholt, sie ist ein ganz normal großes Baby. Überleg
mal, wie Babies auf die Welt kommen, die können schlecht größer sein.“
Chris warf ihr einen verlegenen Seitenblick zu, während ihm das Blut in die
Wangen schoss.
„Ich meinte nur…weil sie doch zu früh geboren wurde und so“, murmelte er.
Schlagartig wurde Alexandra ernst und griff wieder nach seiner Hand, die sie
vorher losgelassen hatte.
„Da gibt es nichts, wofür du dir Vorwürfe machen müsstest“, sagte sie
eindringlich. „Gina geht es gut und mir geht es gut. Hör auf, dich schuldig
wegen etwas zu fühlen, wofür du nichts kannst.“
Chris seufzte leise und fuhr sich mit seiner freien Hand durch die Haare.
„Es wäre aber nicht passiert, wenn ich nicht da gewesen wäre…“
Alexandra musste sich fast auf die Zunge beißen, um sich davon abzuhalten, ihm
zu erklären, dass Gina dann gar nicht existieren würde.
„Chris, Schluss damit!“ sagte sie stattdessen energisch. „Du. Bist. Nicht.
Schuld. Geht das endlich in deinen sturen Schädel rein?“
Dass sie etwas lauter geworden war, merkte sie erst, als Chris sie
eingeschüchtert ansah und gleich darauf Gina anfing, loszubrüllen. In einer
Lautstärke, die in keinem Verhältnis zu ihrer Größe stand.
„Oh, Mist“, fluchte Alexandra und öffnete die Gurte, die das Baby sicher in dem
Sitz hielten. Dann nahm sie Gina heraus und wiegte sie sachte hin und her.
„Schhhh, mein Schätzchen, Mama tut es leid, dass sie dich aufgeweckt hat….Ja,
ist ja gut….“
Alexandra hätte sich selbst liebend gern eine Ohrfeige verpasst. Außer dem
Aussehen hatte Gina noch etwas von ihrem Vater geerbt, nämlich seine Sturheit.
In ihrem zarten Alter äußerte sich das dahingehend, dass sie, wenn sie schon mal
schrie, sich das zu einer wahren Schreiorgie entwickelte. Normalerweise war sie
ein ruhiges, zufriedenes Baby, aber wenn sie sauer war, dann ließ sie sich nur
schwer beruhigen. Und aus dem Schlaf gerissen zu werden zählte für sie eindeutig
zu den Dingen, die sie mit wahrer Inbrunst hasste. Eine Woche allein mit ihr
hatte für Alexandra gereicht, um das festzustellen.
„Gibst du mir mal den Schnuller?“ bat sie Chris, der Gina fasziniert dabei
beobachtete, wie sie mit ihren Ärmchen und Beinchen wütend in der Luft
herumruderte und sich dabei die Seele aus dem Leib brüllte.
Es dauerte eine Sekunde, bis Chris reagierte und den Schnuller nahm, der mit
einem Clip und einer Kette an dem Babysitz befestigt war, und ihn ihr mit
ausgestrecktem Arm reichte. Näher schien er sich nicht heranzuwagen, was
Alexandra ihm nicht verdenken konnte. Ein Grund, warum Eltern Kindergeschrei so
gleichgültig über sich ergehen ließen, war wohl, dass einfach ihr Hörvermögen
mit der Zeit geschädigt wurde.
Der Schnuller wurde sofort wieder ausgespuckt und es wurde weiter geschrieen.
Draußen im Garten begann Charlie zu jaulen, ob aus Sympathie oder ob er sich
gestört fühlte, das wusste wohl nur er selbst. Alexandra warf einen Blick an die
Decke, als würde ihr von dort oben Hilfe zuteil werden und fing an, hin und her
zu gehen und Gina dabei beruhigende Worte zuzuflüstern – mit wenig Erfolg.
„Vielleicht hat sie ja Hunger…“ erklang Chris Stimme hinter ihr und Alexandra
drehte sich um. Sie sah auf die Uhr.
„Da kannst du recht haben“, erklärte sie erleichtert. Klar, Mary Jo hatte ihr ja
noch gesagt, dass Gina wahrscheinlich bald aufwachen und hungrig sein würde.
Also musste ein Fläschchen her, und das so schnell wie möglich.
„Setz dich“, befahl Alexandra knapp.
„Was?“
„Ich muss Gina füttern.“
„Aber…ich sollte lieber rausgehen…“ stammelte Chris. Seine Wangen, die gerade
erst wieder ihre normale Farbe angenommen hatte, färbten sich abermals knallrot
und er wich zurück.
„Red keinen Unsinn.“ Alexandra schnaubte entnervt. „Setzt dich da hin und halt
Gina mal für mich.“
„Ich soll…?“ Chris’ Stimme klang plötzlich eine Oktave höher.
Alexandra blinzelte irritiert. Dass er ein Baby halten sollte, konnte doch keine
derartige Panik in ihm auslösen, auch wenn besagtes Baby noch immer schrie wie
am Spieß.
„Keine Sorge, du kannst sie mir gleich wieder geben“, beruhigte sie ihn. „Ich
muss nur ihr Fläschchen warm machen. Wenn ich sie in den Babysitz zurücklege,
dann schreit sie noch mehr.“
„Fläschchen?“ echote Chris, während er sich schicksalsergeben auf den ihm
zugewiesenen Stuhl sinken ließ.
Alexandra drückte ihm den kleinen Schreihals in die Arme und zeigte ihm, wie er
das Köpfchen halten musste.
„Klar, Fläschchen“, sagte sie dabei. „Einen Hamburger wollte ich ihr bestimmt
nicht…oh…“ Jetzt war es an Alexandra, zu erröten. Plötzlich war ihr aufgegangen,
wieso Chris so schnell den Rückzug beim Stichwort „Babyfüttern“ hatte antreten
wollen. Für ihn hatte das wohl „Stillen“ geheißen.
Hastig wandte sie sich ab und kramte in der Babytasche nach dem Fläschchen und
dem Milchpulver, um ihre eigene Verlegenheit zu überspielen. Sie hatte nie
vorgehabt, zu stillen, schon deshalb nicht, weil sie ja wieder zu arbeiten
anfangen musste. Und nach dem Kaiserschnitt hatte sie sowieso nicht genügend
Milch gehabt.
Endlich war das Fläschchen fertig und Alexandra prüfte, ob die Milch die
richtige Temperatur hatte. Zufrieden mit dem Ergebnis ging sie zu Chris hinüber,
der sich leise mit Gina unterhielt. Das Schreien war einem leisen Jammern
gewichen, was Alexandra verblüfft zur Kenntnis nahm.
„Hey, kleine Maus, du kriegst ja gleich was zu Essen…siehst du, geht doch, du
brauchst hier gar nicht so `nen Riesenaufstand zu schieben…“
Wäre sie nicht daneben gestanden, dann hätte sie es nicht geglaubt. Chris hatte
es tatsächlich fertig gebracht, Gina zu beruhigen und das innerhalb von weniger
als fünf Minuten. Was hatte sie nur die ganze Zeit falsch gemacht? Sie
schüttelte irritiert den Kopf und hielt Chris dann kurzentschlossen die Flasche
mit der Milch hin.
„Du bist engagiert“, sagte sie trocken.
Verwirrt sah Chris erst die Flasche an, dann Alexandra.
„Was soll ich denn damit?“
„Du hast Lucy auch immer gefüttert, du kannst das.“ Auffordernd wedelte
Alexandra mit dem Fläschchen. Dass Gina so auf Chris reagierte musste wohl daran
liegen, dass er sich während der Schwangerschaft so oft mit ihrem, Alexandras,
Bauch unterhalten hatte. Sie erkannte seine Stimme. Alexandra musste ein
Schmunzeln unterdrücken, als sie daran dachte. Es war immer zu göttlich gewesen
und sie hatte dabei nicht lachen dürfen….
Mit einem zweifelnden Blick ergriff Chris schließlich die Milchflasche und hielt
den Nippel vorsichtig an Ginas Mund. Er keuchte erschrocken auf, als sie gleich
danach schnappte und dann gierig zu saugen begann. Fasziniert beobachtete er sie
dabei.
Alexandra setzte sich auf den Stuhl neben Chris. Dass die erste Begegnung so…so
harmonisch verlaufen würde, hätte sie sich im Leben nicht träumen lassen. Sie
hatte eher erwartet, dass Chris das Baby mehr oder weniger ignorieren würde, wie
es die meisten jungen Männer seines Alters getan hätten. Aber Chris war eben
nicht wie die Meisten…Dafür, dass er auch alles vergessen hatte, was er über
Babies gelernt hatte, machte er seine Sache wirklich gut, das musste sie ihm
lassen. Sie hatte sich beim ersten Mal Fläschchengeben mit Sicherheit blöder
angestellt.
Gina hatte ihre Mahlzeit etwa zur Hälfte beendet, als Chris plötzlich anfing zu
sprechen. Alexandra erfasste den Sinn seiner Worte zuerst nicht, da er nicht
aufsah und sie dachte, er würde sich mit Gina unterhalten.
„Es ist nichts passiert in diesen zwei Wochen.“
Erst als sie die Bedeutung des Satzes verstanden hatte, wurde ihr plötzlich
bewusst, dass sie diese Sorge vorübergehend völlig vergessen hatte. Mit einem
Schlag war alles wieder da, doch Chris wollte allen Ernstes behaupten, dass er
noch mal davon gekommen war?
„Wieso warst du dann verletzt?“ fragte sie leise.
„Weil…der Kerl, der damals, bevor ich entlassen wurde, mein…’Beschützer’ war, am
Sonntag beim Hofgang versucht hat, mich…Ich hab mich gewehrt und…das hat ihn und
die anderen so überrascht, dass…dass ich abhauen konnte…“
Alexandra verkrampfte die Hände in ihrem Schoß und schloss die Augen. Sie wollte
Chris so gern glauben, wagte es aber noch nicht.
„Warum hast du dann heute Morgen eingewilligt, dich testen zu lassen?“
Sie hörte Chris tief durchatmen. Er hatte den Kopf noch immer gesenkt, sein
Gesicht konnte sie nicht sehen, da es von einem dichten Vorhang schwarzer
Strähnen verdeckt war.
„Weil ich… nicht darüber reden konnte. Es war einfacher…“
„Und jetzt?“
„Ich…ich will nicht, dass du dir Sorgen machst…wegen dem Baby…Ich kann mich
eigentlich mit nichts angesteckt haben…“
Wegen dem Baby. Diese Worte hallten in Alexandras Kopf nach. Er dachte doch
nicht wirklich, dass sie nur wegen Gina Angst gehabt hatte und nicht wegen ihm
selbst. Dann seufzte sie unhörbar. Doch, das dachte er.
„Chris…ich hab mir nicht wegen Gina Sorgen gemacht, nicht nur jedenfalls,
sondern wegen dir. Ich bin fast durchgedreht, als ich hörte, dass du doch nicht
in Einzelhaft warst und diese Verletzungen hattest. Ich hatte wahnsinnige Angst
um dich.“ Alexandra biss sich auf die Lippe. Sie hatte das Zittern ihrer Stimme
nicht verhindern können und fürchtete nun, dass sie zuviel verraten hatte.
Chris hob den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit ihr zu. Seine Augen waren
geweitet, eine Mischung aus Hoffnung, Überraschung und Erleichterung war darin
zu lesen.
„Ich hab dir doch gesagt, dass wir Freunde sind. Denkst du wirklich, dass mich
das kalt gelassen hätte, wenn du…wenn du wieder vergewaltigt worden wärst? Es
ging dir gut, bevor du abgeholt wurdest, die Therapie hat dir geholfen, deine
Zeit im Gefängnis zu verarbeiten“, versuchte Alexandra ihre Gefühle zu erklären.
Chris presste die Lippen zusammen und sah wieder auf Gina hinunter, die ihre
Mahlzeit beendet hatte. Er stellte die leere Flasche auf den Tisch. Alexandra
streckte die Arme aus.
„Gib sie mir“, sagte sie und nahm ihm das Baby ab. Halbwegs fachmännisch brachte
sie Gina dazu, ihr „Bäuerchen“ zu machen. Sie hatte sich in der vergangenen
Woche schon einige Male gewünscht, sich nicht immer standhaft geweigert zu
haben, sich auf näheren Kontakt mit Mary Jos Nachwuchs einzulassen, als der noch
im Miniaturzustand gewesen war.
Gina war jetzt satt und zufrieden. Alexandra brachte sie nach oben und legte sie
in ihr Kinderbettchen. Seufzend betrachtete die junge Frau ihr schlafendes
Töchterchen. Auch wenn ihr Vorhaben, dieses Wochenende nur für Chris da zu sein,
nun ins Wasser gefallen war, sie war nicht unglücklich deswegen. Vielleicht war
Ginas Anwesenheit gar nicht so schlecht, jetzt, wo Chris sich sozusagen schon
mit ihr angefreundet hatte. Und möglicherweise half sie seinem Gedächtnis ja auf
die Sprünge.
Jedenfalls war Gina, wenn auch nur indirekt, die Ursache dafür gewesen, dass
Chris freiwillig von dem von ihm so gefürchteten Thema angefangen hatte.
Alexandra war fast schwindelig vor Erleichterung geworden, als sie begriffen
hatte, dass ihm weitere grauenhafte Erlebnisse erspart geblieben waren – und
damit auch die Gefahr einer Ansteckung.
Alexandra vergewisserte sich, dass Gina wirklich eingeschlafen war, dann ging
sie wieder nach unten in die Küche, wo Chris noch immer am Tisch saß. Er wirkte
sehr nachdenklich und bedrückt. Neben seinem Stuhl auf dem Boden lag Lucy, die
vorhin schon hereingekommen war, während er Gina noch gefüttert hatte.
Alexandra setzte sich zu ihm.
„Du hast das ziemlich gut gemanagt vorhin. Darf ich dich als Babysitter
engagieren, wenn ich wieder anfange zu arbeiten?“ versuchte sie die Atmosphäre
mit einem kleinen Scherz aufzulockern.
Und wirklich, der Hauch eines Lächelns spielte um Chris` Lippen.
„Ich weiß nicht…ich hab keine Ahnung von Babies, genauso wenig wie eigentlich
von Hunden…“ Unsicher zuckte er mit den Schultern.
„Das war nicht ernst gemeint“, sagte Alexandra. Dann machte sie eine Pause.
Chris wirkte wieder einmal so jung und verletzlich auf sie. Wie hatte er es nur
fertig gebracht, sich tatsächlich gegen dieses Schwein zu wehren? Er hatte ihr
Lewis einmal beschrieben, sich körperlich gegen den durchzusetzen war schon eine
gewaltige Leistung.
„Du hast diesem Lewis also tatsächlich eine reingewürgt?“ fragte sie betont
flapsig, um dem Gespräch eine beiläufige Note zu geben, so als wäre es etwas
ganz Alltägliches, sich über eine verhinderte Vergewaltigung zu unterhalten.
Chris schluckte, dann holte er tief Luft. Es fiel ihm sichtlich schwer, darüber
zu reden.
„Ich…genau weiß ich nicht mehr, was eigentlich abgegangen ist. Ich hab ihn,
glaub ich, in die Eier getreten, plötzlich lag er vor mir auf dem Boden und
schrie Zeter und Mordio. Seine Kumpel waren dann total überrascht und ich konnte
abhauen. Aber…noch mal hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft“, sagte
Chris schließlich leise.
„Aber du hast den Mut aufgebracht, dich zu wehren. Du hast anscheinend
instinktiv das angewandt, was du im Training gelernt hast. Chris, ich bin so
stolz auf dich“, brach es aus Alexandra hervor.
Jetzt erhellte ein richtiges, wenn auch zaghaftes Lächeln Chris’ Gesicht.
„Wirklich?“
„Ja…Ich hatte solche Angst, dass Alles, was du erreicht hast, zerstört worden
ist, dass du jetzt vielleicht auch noch mit Aids oder einer anderen schlimmen
Krankheit infiziert worden bist. Aber…du hast es geschafft, dich nicht
unterkriegen zu lassen. Und das macht mich so wahnsinnig stolz…“
Anscheinend hatte sie damit die richtigen Worte gefunden, um Chris zu
überzeugen, dass sie es wirklich ehrlich gemeint hatte, als sie sagte, er wäre
ihr wichtig. Sie hatte das Gefühl, sie hatte damit die Mauer, die Chris um sich
herum aufgebaut hatte, ein klein wenig zum Wanken gebracht. Alexandra konnte
nicht genau sagen, woran es lag, doch er wirkte plötzlich zugänglicher, offener,
nicht mehr so verkrampft und verschlossen wie vor wenigen Minuten, wo er sich
fast jeden Buchstaben einzeln abgerungen hatte.
„Ich…wäre am Anfang beinahe ausgeflippt, als ich gemerkt hab, dass mir ein
ganzes Stück von meinem Leben fehlt“, platzte Chris heraus. „Ich hab zuerst
gedacht, jetzt ist es so weit, jetzt bin ich reif für die Klapse...ich wusste
nicht, wieso ich so kurze Haare hatte und…und woher die Narben kamen.“ Er sah
auf seine Handgelenke hinunter. „Es war so irr und ich hatte solche Angst…und
dann hab ich gemerkt, dass das nicht viele kleine Aussetzer waren sondern ein
ganz großer…Verstehst du?“
Alexandra nickte nur. Sagen konnte sie nichts, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Es musste furchtbar für Chris gewesen sein, zu glauben, er wäre verrückt
geworden. Schließlich fing sie sich wieder. Sie musste seine Offenheit nutzen,
um vielleicht in Erfahrung zu bringen, was die Ursache dafür gewesen sein
könnte, dass er sein Gedächtnis verloren hatte.
„Wann hast du es eigentlich gemerkt?“ fragte sie rau.
Chris hob die Hand und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Als ich im
„Loch“ aufgewacht bin.“
„Im Loch?“
In der folgenden Viertelstunde versuchte Chris Alexandra zu erklären, was in ihm
vorgegangen war, als er dort in dieser heruntergekommenen Zelle aufgewacht war.
Wie er sich gefühlt hatte, als er Marc und Sam getroffen hatte, sein Horror
davor, sich zu verraten.
„Hast du eine Ahnung, was deine Amnesie ausgelöst haben könnte? War da
irgendetwas…Ungewöhnliches?“ erkundigte Alexandra sich angespannt, als Chris
eine Pause machte.
Chris sah sie überrascht an. „Wie meinst du das?“
„Du warst doch in einer Therapie. Ich hab mit deiner Psychologin gesprochen,
nachdem Marc mir von seinem Verdacht erzählt hat, dass mit dir etwas nicht
stimmt. Sie…sie meinte, dass der Gedächtnisverlust eine Art Selbstschutz
war…weil du es nicht ertragen hättest, mit den Erinnerungen an die Freiheit
zurück ins Gefängnis zu gehen.“ So, nun hatte sie es ausgesprochen. Alexandra
hoffte inständig, dass sie Chris mit der Bemerkung über Doktor Winslow nicht
verschreckt hatte und er sich wieder in sein Schneckenhaus zurückziehen würde.
Aber er suchte selbst nach Erklärungen für das, was vorgefallen war und es wäre
wohl nicht fair gewesen, ihm das zu verschweigen. Sie hatte keine Ahnung,
inwieweit sein Selbstmordversuch und die anschließende Therapie in dieser
Sitzung zur Sprache gekommen waren. Vielleicht wusste Chris ja gar nichts davon.
„Meine…Psychologin?“
„Ja. Sie heißt Doktor Winslow und ihr hattet ein sehr gutes Verhältnis. Du
konntest mit ihr über alles reden und sie hat dir wirklich geholfen.“
Chris stand auf und begann hin- und her zu laufen. Alexandra wagte nichts zu
sagen. War es ein Fehler gewesen ihn jetzt darauf anzusprechen? Quälend langsam
verstrichen die Sekunden, in denen Chris schwieg und angestrengt nachzudenken
schien.
„Man kann sein Gedächtnis verlieren, wenn man etwas Schlimmes erlebt, oder?“ Er
blieb stehen und sah Alexandra fragend an.
„Kann man…“ antwortete sie. „Nach genaueren Erklärungen müsstest du Doktor
Winslow fragen…“
Chris schüttelte den Kopf. „Nein…ich will mit niemandem Fremden reden. Noch
nicht“, fügte er hinzu, als er Alexandras enttäuschten Blick sah. „Ich kann
einfach nicht.“
Alexandra unterdrückte ein Seufzen. Was hatte sie denn erwartet? Eigentlich war
es schon verwunderlich, dass Chris zu ihr so viel Vertrauen zu haben schien.
Dass er wenigstens ein bisschen offen war. Wenn Jack mit seinen Warnungen recht
behalten hätte, dann hätte Chris sich vollkommen eingeigelt und seine Stacheln
aufgestellt.
„Okay, dann versuchen wir eben alleine, herauszufinden, was geschehen ist“,
sagte sie. „Aber…Doktor Winslow könnte dir vielleicht helfen, schneller deine
Erinnerungen wieder zu bekommen.“
Chris presste die Lippen aufeinander. „Möglich“, flüsterte er. „Aber es geht
nicht.“
Alexandra begann einzusehen, dass sie ihn zu sehr bedrängte. Es war vielleicht
noch zu früh, sie musste ihm Zeit geben und darauf vertrauen, dass sein Wunsch,
sein Gedächtnis wieder zu vervollständigen, bald stärker sein würde als seine
Hemmungen.
Vielleicht sollte sie ihm doch sagen, dass sie zusammen waren und Gina seine
Tochter war. Das würde ihm doch den nötigen Ansporn geben, sich schnellstmöglich
wieder erinnern zu wollen. Doch etwas ließ Alexandra zögern. Chris wirkte noch
zu unsicher. Sie musste einfach Geduld haben…
Eine Woche war nun vergangen. Eine Woche, seitdem
Alexandra Chris in San Quentin abgeholt und wieder nach Hause geholt hatte. Eine
Woche, die sie fast an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hatte.
Und Chris war nur indirekt die Ursache dafür gewesen. Pat war aufgekreuzt und
hatte Chris zu seinem neuen Status als Daddy gratulieren wollen. Alexandra hatte
ihrem Freund zwar bei seinem Besuch bei ihr im Krankenhaus reinen Wein darüber
eingeschenkt, was geschehen war, mit der Bitte, im Dojo nichts davon zu
erzählen, doch er wusste nichts davon, dass Chris sein Gedächtnis verloren
hatte. Zum Glück war Chris zu dem Zeitpunkt in seinem Zimmer gewesen und
Alexandra hatte Pat abgefangen. Notgedrungen hatte sie ihm dann von der
verfahrenen Situation erzählt, ohne allerdings auf die Gründe einzugehen. Pat
war betroffen gewesen und hatte versprochen, den Mund zu halten und die anderen
Vereinsmitglieder davon abzuhalten, ihnen ebenfalls einen Besuch abzustatten.
Beim Abschied hatte er sie gebeten, ihn wissen zu lassen, wenn er ihr irgendwie
helfen könnte.
Pat war nicht das einzige Problem geblieben. Ihre Praxis lag nun einmal in ihrem
Haus und manchmal ging es dadurch zu wie in einem Taubenschlag. Sie hatte einige
„Stammpatienten“ und auch wenn deren Besitzer nichts von Chris’ Verhaftung
mitbekommen hatten, so wussten doch viele, dass sie beide ein Paar waren und nun
ein gemeinsames Kind hatten, welches der Grund für Alexandras vorübergehende
Auszeit war. Sie war nicht umhin gekommen, auch Doktor Haynes, ihren Kollegen,
einzuweihen, damit er Chris nicht darauf ansprach. Aber jede Sprechstunde wurde
zu einem Nervenkrieg, da sie immer damit rechnen musste, dass jemand auf Chris
traf, der ihn kannte und über seine Lebensumstände Bescheid wusste.
Zum Glück hielt Chris sich viel oben auf, schon aus dem Grund, den Leuten aus
dem Weg zu gehen. Und er beschäftigte sich mit seinen Schularbeiten. Er hatte
festgestellt, dass er sich an viele Dinge, die er im Laufe der letzten
eineinhalb Jahre gelernt hatte, tatsächlich noch erinnern konnte und hoffte
darauf, dass das seinem Gedächtnis den entscheidenden Kick liefern würde. Aber
er weigerte sich noch immer kategorisch, sich mit Doktor Winslow zu treffen.
Missmutig betrachtete Alexandra den Wäscheberg vor sich, der in drei Körben vor
ihr verteilt auf dem Küchentisch stand. Sie konnte sich wirklich eine
angenehmere Beschäftigung für einen Freitagnachmittag mit herrlichem
Frühlingswetter vorstellen. Die Sprechzeit war vorbei, Doktor Haynes war bereits
nach Hause gegangen und es war Ruhe eingekehrt. Sie hatte mit dem älteren
Kollegen vereinbart, dass er sie noch ein, zwei Wochen vertreten würde, so
lange, bis sie jemanden gefunden hatte, der sich tagsüber, während sie
arbeitete, um Gina und den Haushalt kümmern würde. So lange, bis Chris sich
vielleicht einmal erinnerte, konnte sie einfach nicht warten. Außerdem war
Kinderhüten und Haushalt einfach nicht ihr Ding, etwas das sie schon vorher
gewusst und das sich jetzt nur bestätigt hatte. Sie begann, sich unausgefüllt
und rastlos zu fühlen. Wenn sie nicht gefürchtet hätte, Doktor Haynes zu
beleidigen, dann hätte sie schon begonnen, wieder in der Praxis mitzuarbeiten.
So aber nahm sie nur gelegentlich die Patienten in Empfang, wenn der Andrang zu
groß wurde.
Es half alles nichts, vom Anstarren wurde der Berg nicht kleiner. Zum Glück
bestanden zwei Körbe aus Handtüchern und aus Babysachen, die musste man nur
zusammenlegen. Unglaublich, was so ein kleiner Zwerg innerhalb von ein paar
Tagen an Wäsche produzierte. Mit einem lauten Seufzer machte sich Alexandra an
die Arbeit. Nachdem sie mit den Babysachen und den Handtüchern fertig war holte
sie das Bügelbrett und widmete sich der restlichen Wäsche. Eigentlich ging es
erstaunlich schnell, wenn man sich einmal dazu überwunden hatte. Allerdings war
Bügeln eine Tätigkeit, die nicht viel geistige Aufmerksamkeit erforderte und so
blieb Alexandra viel Zeit, um ihren Gedanken nachzuhängen.
Es hatte nicht nur zermürbende Momente in der vergangenen Woche gegeben, sondern
auch solche, die Hoffnung machten. Hoffnung, dass Chris anfing, sich allmählich
wieder zu erinnern. Es waren kleine Dinge gewesen, zum Beispiel wie er ganz
selbstverständlich ein paar Hundekuchen für Charlie und Lucy aus dem Schrank
geholt hatte, obwohl er deren Aufbewahrungsort noch nicht gekannt haben konnte.
Mit Gina schien er sich blendend zu verstehen, nachdem er seine anfängliche
Scheu überwunden hatte. Es machte ihm Spaß, sie zu füttern, sich mit ihr zu
beschäftigen, nur vor dem Wickeln ergriff er die Flucht. Es lag Alexandra fern,
ihm das übel zu nehmen, sie hätte sich ihm meist gerne angeschlossen.
Was die Nächte anbelangte, so waren diese ruhig verlaufen, soweit sie das
einschätzen konnte. Chris schien zumindest keine massiven Alpträume zu haben.
Aber sie wusste, dass er die Nachttischlampe brennen ließ, sie hatte den
Lichtschein unter seiner Tür gesehen, wenn sie nachts aufstehen musste, weil
Gina Hunger hatte. Ein- oder zweimal hatte sie die Tür geöffnet, weil sie
gedacht hatte, Chris wäre noch wach, doch er hatte tief und fest geschlafen. Nur
Lucy hatte aufgesehen. Das Hundemädchen schlief noch immer bei ihm im Bett, ein
Zustand, den Alexandra noch nicht übers Herz gebracht hatte zu beenden. Aber in
naher Zukunft würde sie mit Chris darüber sprechen müssen, sonst würde Lucy sich
zu sehr daran gewöhnen.
„Na, wenn das nicht ein Bild für Götter ist...“ erklang eine lachende Stimme von
der Tür zur Veranda. Alexandra fuhr herum.
„Julie! Schleich dich doch nicht so an wie Sitting Bull auf dem Kriegspfad!“
„Anschleichen ist gut“, grinste ihre Freundin und kraulte Charlie, der glücklich
hechelnd neben ihr stand, den Kopf. „Da hat man bei Charlie keine Chance. Hast
du nicht gehört, wie er ‚Hallo’ zu mir gesagt hat?“
Alexandra schnitt eine Grimasse. Nein, hatte sie nicht. Sie war zu sehr in ihre
Überlegungen versunken gewesen, hinter ihr hätte wohl ein Einbrecher das ganze
Haus leer räumen können, wenn Charlie nicht gewesen wäre und demjenigen ganz
schnell das Fürchten gelehrt hätte.
Julie kam herein. „Am Probleme wälzen gewesen?“
Alexandra nickte und schaltete das Bügeleisen aus. Der Besuch ihrer Freundin war
eine willkommene Unterbrechung, nicht nur der eintönigen Hausarbeit, auch des
Gedankenkarussels, das im Hintergrund immer ablief und das nur ein Thema kannte:
Wann sollte sie Chris was und wie viel sagen? Das Problem wurde immer akuter,
wie ihr die Erfahrungen der vergangenen Woche gezeigt hatten. Sie mochte sich
nicht vorstellen, wie Chris reagieren, wie er sich fühlen würde, wenn er von
einem Fremden durch Zufall erfuhr, dass Gina seine Tochter war.
„Ja“, seufzte sie. „Es ist alles einfach so verflixt kompliziert…“
„Weißt du was, Alex, ich mach uns jetzt eine schöne Tasse Kaffee, du räumst den
ganzen Krempel da weg und dann schüttest du Tante Julie dein Herz aus. Wär doch
gelacht, wenn wir nicht ein wenig Ordnung in das ganze Chaos bringen könnten. Wo
ist denn dein Schätzchen?“ fragte Julie, während sie sich schon der Kaffeekanne
bemächtig hatte.
„Oben“, gab Alexandra zurück. „Er vergräbt sich in Schularbeiten. Die
Abschlussprüfungen sind Ende Juni. Komischweise kann er sich an das Meiste von
dem Zeug, das er dafür gelernt hat, erinnern. Nur alles Andere fehlt…“
„Keine Fortschritte?“
„Doch, Kleinigkeiten, die er eigentlich nicht wissen dürfte, die aber
selbstverständlich für ihn zu sein scheinen. Nur eben nichts wirklich
Wichtiges.“
„Aber er redet mit dir? Ich meine, über den ganzen Mist, der mit ihm passiert
ist?“
Alexandra hatte die Wäsche aus dem Weg geräumt, indem sie sie einfach wieder in
die Wäschekörbe gelegt hatte, sauber zusammengefaltet, versteht sich. Nun ließ
sie sich auf einen Stuhl fallen und sah Julie resigniert an.
„Nicht mehr seit letztem Wochenende. Ich schätze, er hat mir geglaubt, dass ich
ihn trotz seiner Vergangenheit mag und respektiere…aber er…er ist so
verschlossen wie eine Kokosnuss!“ Frustriert warf sie die Hände in die Luft, um
sie danach in ihren Schoß fallen zu lassen.
„Das hat Jack doch prophezeit, wenn ich mich nicht täusche“, bemerkte Julie
trocken und drückte auf den Einschaltknopf der Kaffeemaschine. Dann setzte sie
sich Alexandra gegenüber.
„Schon…aber ich hab keine Ahnung, was in Chris jetzt wirklich vorgeht. Er steht
ja praktisch wieder ganz am Anfang. Manchmal kommt er mir innerlich so zerrissen
vor, als wüsste er nicht, wo er hingehört, als würde er gern offener sein, kann
aber nicht. Verstehst du das?“ Verzweifelt suchte Alexandra nach den richtigen
Worten, um ihrer Freundin klar zu machen, was sie fühlte. Es tat richtig gut,
endlich einmal aussprechen zu können, was sie die ganze Zeit bewegte. Natürlich
hätte sie jeden ihrer Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen können, aber
sie hatte sich immer wieder gesagt, dass sie schon alleine damit fertig werden
würde. Würde sie auch, davon war sie überzeugt, doch sie fühlte auch, wie die
Last auf ihren Schultern ein wenig leichter wurde, nur weil sie mit Julie
darüber redete.
„Ich denk, ich weiß, was du meinst. Aber dir ist schon klar, dass er erst seit
einer Woche wieder draußen ist? Du solltest dich wirklich mal länger mit Jack
unterhalten…“ Julie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und zog die Augenbrauen
hoch.
Alexandra seufzte und biss sich auf die Lippe. Sie musste nicht erst mit Jack
reden, das hatte sie schon hinter sich. Ihr Freund hatte sie ja
unmissverständlich davor gewarnt, von Chris zuviel auf einmal zu erwarten. Er
hatte seine Erfahrungen mit ihm schon hinter sich. Aber sie war doch nicht
Chris’ Bewährungshelfer, vor dem er Respekt haben musste. Sie war seine
Freundin, verdammt noch mal. Das hatte sie ihm doch deutlich zu verstehen
gegeben.
„Das weiß ich doch alles“, stieß sie hervor. „Aber ihr habt alle keine Ahnung,
wie schwer es ist, mit Chris zusammenleben zu müssen, aber ihn nicht anfassen zu
dürfen. Gestern Abend haben wir zusammen fern gesehen und irgendwann hab ich
mich dabei ertappt, wie ich ein Kissen in die Hand genommen habe und es ihm auf
den Schoß werfen wollte, um mich zu ihm hin zu kuscheln…“ Frustriert fuhr
Alexandra sich mit der Hand über die Augen. „Ich hab’s gerade noch gemerkt. Aber
er hat mich schon ziemlich komisch angesehen.“
„Und wieso sagst du es ihm dann nicht?“
„Weil ich Angst habe. Weil auch Doktor Winslow meint, dass es für Chris in
seiner jetzigen Situation zu viel sein könnte. Was ist, wenn er sich fragt, wie
er sich überhaupt mit mir hat einlassen können? Was ist, wenn ich ihn dadurch
ganz verliere?“
Alexandra sprang auf und ging hastig zur Verandatür. Mit verschränkten Armen
lehnte sie sich an den Türrahmen und sah hinaus in den sonnenüberfluteten
Garten. Sie wollte das Mitleid in Julies Augen jetzt nicht sehen, das hätte sie
einfach nicht ertragen. Eigentlich waren das ihre geheimsten Gedanken, über die
sie mit niemand hatte sprechen wollen. Aber die Worte waren einfach so aus ihr
herausgesprudelt, ohne dass sie es hatte verhindern können.
Alte Unsicherheiten, die sie jahrelang verdrängt hatte, waren wieder ans
Tageslicht gekommen. Ihre beiden Ex-Freunde, denen sie nicht gut genug gewesen
war. Der eine hatte in ihr nur ein Mittel zum Zweck gesehen, der andere hatte
sie als Spielzeug benutzt. Ja, sie hatte Angst, wie Chris darauf reagieren
würde, wenn er erfuhr, dass sie zusammen gewesen waren, dass sie sogar hatten
heiraten wollen. Die Bemerkung, die er damals bei ihrer ersten gemeinsamen
Autofahrt gemacht hatte, fiel ihr wieder ein. Dass sie ja schon älter sei.
Vielleicht würde er sie ja jetzt für zu alt halten…
***
Frustriert klopfte Chris mit dem hinteren Ende seines Bleistiftes auf den
Schreibtisch. Er brütete nun schon seit drei Stunden über dem Mathe-Stoff, der
für diese verflixte Abschlussprüfung verlangt wurde. Als er von Alexandra
erfahren hatte, dass er sich darauf vorbereitet hatte, an der nächsten Prüfung
teilzunehmen, hätte er sich vor Verzweiflung die Haare raufen mögen. Wenn er
eineinhalb Jahre dafür gebraucht hatte, um das ganze Zeug zu lernen, dann
brauchte er gar nicht daran zu denken, diesen Plan weiterzuverfolgen. Er konnte
nur auf nächstes Jahr warten.
Doch zu seiner Überraschung kam ihm immer mehr bekannt vor, je länger er sich
mit den Schulbüchern und seinen Notizen beschäftigte. Er konnte sich zwar nicht
an die Umstände erinnern, unter denen er verschiedene Aufgaben gelöst hatte,
aber der ganze Stoff stellte nichts Neues für ihn dar. Das war doch komplett
irr. Der ganze Schulkram, den er in sein Gehirn hineingestopft hatte, war noch
da, aber die entscheidenden Informationen machten Urlaub.
Angefangen, die Sachen herauszuziehen, hatte er eigentlich nur aus dem Bedürfnis
heraus, seinen Geist mit irgendetwas zu beschäftigen, sich von den quälenden
Erinnerungen abzulenken. Stundenweise gelang es ihm sogar, doch immer wieder
wanderten seine Gedanken zurück nach San Quentin, zu all dem Fürchterlichen, das
dort mit ihm geschehen war.
Es war zwar tröstlich zu wissen, dass er es schon einmal geschafft hatte,
einigermaßen damit klar zu kommen, doch im Moment konnte er sich nicht
vorstellen, wie ihm das gelungen war. Alexandra hatte schon mehrmals diese
Therapeutin erwähnt, aber Chris war einfach noch nicht so weit, sich auf eine
Therapie einzulassen. Er musste erst einmal seine Gedanken und Gefühle
sortieren. Und das konnte er am besten alleine, ohne dass ihn jemand mit
irgendeinem Psychokram zuquatschte.
Ein Zerren an seiner Jeans riss ihn aus seinen Überlegungen und er sah unter den
Tisch. Dort saß Lucy und hatte sich mit wahrer Inbrunst in eines seiner
Hosenbeine verbissen. Anscheinend war ihr mal wieder langweilig geworden und sie
sehnte sich nach ein bisschen Aufmerksamkeit. Er hatte zwar ein paar Spielsachen
für sie mit nach oben genommen, aber alleine machte ihr Spielen keinen Spaß,
zumindest nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.
Mit einem leisen Lachen legte Chris seinen Stift weg und bückte sich unter den
Tisch, um Lucy zu streicheln und sie hochzuheben. Dabei fiel sein Blick auf ein
rechteckeckiges, schmales Päckchen, das ganz hinten an der Wand lag. Er rutschte
vom Stuhl und versuchte danach zu greifen. Lucy war begeistert, ihr Herrchen auf
Augenhöhe zu haben und leckte ihm begeistert über das ganze Gesicht.
„Bah, Lucy…danke schön“, beschwerte er sich und wehrte sie ab. Das Hundemädchen
schien das für ein großartiges Spiel zu halten und verbiss sich erst einmal in
seiner Hand, um liebevoll darauf herumzukauen. Mittlerweile hatte Chris zum
Glück genügend Erfahrungen mit ihr gesammelt, um zu wissen, dass sie nicht
richtig zubeißen würde. Er tat ihr den Gefallen und alberte ein wenig mit ihr
herum, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Päckchen zuwandte, wegen dem er
ursprünglich unter den Tisch gekrabbelt war.
In der einen Hand besagtes Päckchen, das sich bei näherem Hinsehen als
Papiertasche für Fotos entpuppte, und unter den anderen Arm Lucy geklemmt stand
Chris mühsam wieder auf. Lucy zappelte und japste wie verrückt.
„Ruhe“, sagte Chris streng. „Wenn du mit mir Bilder gucken willst, dann musst du
brav sein.“
Er warf die Tüte vor sich auf den Tisch und setzte sich mit Lucy auf dem Schoß
wieder hin. Während er den Hund kraulte, um ihn zu beruhigen, betrachtete er
nachdenklich seinen Fund. Seine Fotos waren das nicht, zumindest keine, an die
er sich erinnern konnte. Die Tüte sah aber relativ neu aus und war auch nicht
eingestaubt, was darauf schließen ließ, dass sie erst vor kurzem unter den
Schreibtisch gerutscht sein konnte. Also musste der Inhalt wohl ihm gehören.
Chris atmete tief durch. Bilder aus der Zeit, an die er sich nicht erinnern
konnte. Was war da drauf? Er starrte noch einige Sekunden auf diese Tüte, bis
ihm klar wurde, was er da tat.
„Mann, was bin ich doch für ein Trottel“, sagte er zu Lucy. „Das Ding ist doch
nicht giftig. Wird zwar komisch sein, die Bilder anzuschauen, aber vielleicht
fällt mir ja was dazu ein.“
Er setzte sich Lucy auf dem Schoß zurecht und öffnete das mysteriöse Päckchen.
Ein Stapel Fotos fiel heraus, den Chris mit einer Mischung aus Hoffnung,
Faszination und Neugier betrachtete.
Chris setzte sich Lucy auf dem Schoß zurecht, damit sie nicht runterfallen
konnte und nahm das oberste Bild in die Hand. Es zeigte Alexandra, wie sie die
Kerzen auf einer Geburtstagstorte ausblies. Chris ertappte sich dabei, wie er
begann, die Kerzen zu zählen. Die genaue Anzahl war nicht zu erkennen, es
mussten etwa achtundzwanzig oder neunundzwanzig sein. Also war er mit seiner
Schätzung doch nicht ganz falsch gelegen. Normalerweise tat er sich da ja etwas
schwer.
Das nächste Bild zeigte ihn selbst, wie er eine Kuchengabel mit einem Stück
Torte so hielt, als wolle er damit jemanden außerhalb des Bildbereiches
beschießen. Neben ihm saß Alexandra und lachte ausgelassen. Chris schmunzelte.
Das musste ja eine heftige Geburtstagsfeier gewesen sein. Auf dem nächsten Bild
war die blonde Frau zu sehen, die er bei seiner Ankunft hier vor einer Woche
getroffen hatte, Julie hieß sie, wenn er sich recht erinnerte.
Chris sah sich die weiteren Bilder mit wachsendem Interesse an. Alle Personen,
die darauf zu sehen waren, schienen sich prächtig amüsiert zu haben –
einschließlich ihm selbst. Es gab sogar ein Foto von Alexandra und ihm, wo er
sie von hinten umarmte und den Kopf auf ihre Schulter gelegt hatte. Gemeinsam
strahlten sie in die Kamera. Dieses Bild betrachtete er besonders lange, bevor
er es zur Seite legte. Er und Alexandra scheinen tatsächlich sehr vertraut
miteinander gewesen zu sein. Ein seltsam warmes Gefühl stieg bei diesem Gedanken
in ihm auf. Er hatte festgestellt, dass ihm Alexandras Meinung über ihn sehr
wichtig geworden war. Sie war schon eine ganz besondere Frau.
Beim nächsten Foto runzelte er die Stirn. Darauf war ein gutaussehender Mann mit
zerzausten blonden Haaren zu sehen, der sich mit Alexandra unterhielt. Sie hatte
ihm dabei die Hand auf den Arm gelegt. Eine ziemlich vertrauliche Geste. Daneben
stand Jack Sanders. War der blonde Kerl etwa Ginas Vater? Chris konnte diesen
Verdacht nicht ganz abschütteln. Er hatte eigentlich vorgehabt, Alexandra danach
zu fragen, aber es hatte sich entweder nicht die Gelegenheit geboten oder er
hatte sich schlicht und einfach nicht getraut. Immerhin war das ziemlich privat
und wenn sie wollte, dass er es wüsste, dann hätte sie es ihm doch gesagt.
Andererseits müsste er den Drecksack doch eigentlich kennen. Soviel wusste er
schon, dass Babies neun Monate von der Empfängnis bis zur Geburt brauchten.
Okay, Alexandra und der Typ waren blond, Gina jedoch hatte schwarze Haare.
Konnte aber dennoch sein, vielleicht war ja jemand von den Großeltern
dunkelhaarig. Mann, manchmal war es doch ganz nützlich, wenn man in Biologie
aufgepasst hatte. Mit einem letzten, präventiv schon mal verachtungsvollen Blick
auf den Blonden legte Chris auch dieses Bild zur Seite. Die andern Bilder waren
weniger interessant, auf einigen war noch eine weitere Frau und ein Mann zu
sehen, denen Chris auch keine Namen zuordnen konnte. Vielleicht sollte er
Alexandra mal bei Gelegenheit bitten, ihm die Fotos zu erklären.
„Was meinst du, Lucy? Glaubst du, das ist der Mistkerl, der Alex mit `nem Baby
hat sitzen lassen? Also wenn, dann sollte er mir lieber nicht über den Weg
laufen…“
Lucy winselte zustimmend und begann, herumzuzappeln. Länger still zu sitzen war
eindeutig nicht eine ihrer Stärken. Chris konnte es ihr nachfühlen, eigentlich
hasste er es, sich hier drin zu vergraben. Er hätte viel lieber etwas am Haus
herumgebastelt, das getan, wofür Alexandra ihn unter anderem ja eingestellt
hatte. Wenn er sich etwas suchte, wo er niemandem über den Weg laufen würde,
wäre das doch ganz okay. Und außerdem musste er doch endlich wieder arbeiten und
nicht nur Alexandra auf der Tasche liegen.
Ein gedämpftes Quäken aus dem Nebenzimmer ließ ihn plötzlich aufhorchen. Gina
schien aufzuwachen. Wahrscheinlich hatte sie mal wieder Hunger. Das
Zusammenleben mit einer Mutter und ihrem Kind hatte Chris’ Respekt vor Frauen
ins Unermessliche steigen lassen. Man war ständig angebunden und konnte nicht
einfach so mal kurz zum Einkaufen gehen, weil man für den Zwerg entweder einen
Aufpasser brauchte oder ihn überall hin mitnehmen musste. Und das konnte sich je
nach Dauer des außerhäuslichen Aufenthaltes zu einer kleinen Expedition
entwickeln, nach dem zu urteilen, was Alexandra alles mitschleppte, wenn sie mit
Gina mal wegfuhr.
Chris setzte Lucy auf den Boden und stand auf. Er hatte beschlossen, mal nach
dem Baby zu sehen, von Alexandra war noch nichts zu hören. Mit Lucy auf den
Fersen verließ er das Zimmer und stand gleich darauf vor Alexandras Zimmertür.
In der Woche, in der er nun wieder hier war, hatte er den Raum noch nie betreten
und er zögerte eine Sekunde. Schließlich war das ihre Privatsphäre. Doch ein
abermaliges jämmerliches Quäken ließ ihn seine Bedenken vergessen und er öffnete
die Tür und trat ein.
Überrascht blickte er sich um. Er hätte nicht erwartet, dass das Zimmer so…so
babymäßig aussah. Die Wände waren in einem sonnigen Gelb gestrichen und ringsum
mit einer blauen Borte verziert, die mit Entchen bedruckt war. Es vermittelte
einem eher das Gefühl, als hätte Alexandra sich im Kinderzimmer einquartiert,
als andersherum. Die einzigen Möbelstücke, die einem Erwachsenen zu gehören
schienen, waren das Bett und ein Kleiderschrank. Beides wirkte in dieser bunten,
kitschigen Babywelt allerdings etwas deplaziert.
Chris ging hinüber zu dem Babybettchen und sah hinein. Gina war wach und schien
über irgendetwas zutiefst unglücklich zu sein. Im Moment jammerte sie nur vor
sich hin, aber aus Erfahrung wusste er inzwischen, dass sich das schlagartig
ändern konnte und sie von einer Sekunde auf die andere auf voller Lautstärke
losbrüllen konnte. Ein Blick zum Babyphon zeigte ihm, dass Alexandra anscheinend
vergessen hatte, es einzuschalten. Er seufzte. Mit der Technik, die einem das
Leben erleichterte, schien sie es nicht so zu haben.
Er beugte sich über das Bettchen und hob Gina vorsichtig heraus. Sie erschien
ihm so winzig, so zerbrechlich, und war dennoch schon ein richtiger kleiner
Mensch. Irgendwie unglaublich, dass er selber auch mal so ein kleines Bündel
gewesen war, das nichts anderes getan hatte als zu schreien, zu futtern und zu
schlafen. Und noch unglaublicher war es, dass jemand es übers Herz gebracht
hatte, sie noch vor ihrer Geburt einfach zu verlassen und ihre Existenz zu
ignorieren. Man zeugte doch nicht einfach ein Baby und machte sich dann aus dem
Staub, weil man zu feige war, sich der Verantwortung für so ein kleines Wesen zu
stellen.
Chris wachsende Empörung über den abwesenden Vater wurde jedoch schnell von
etwas anderem überdeckt, als er Gina auf dem Arm hatte.
„Woha, sag mal…da fällt man ja in Ohnmacht“, beschwerte er sich und rümpfte die
Nase. „Was hast du denn gegessen?“
So flach wie möglich atmend sah Chris sich um. Er konnte jetzt das Babyphon
anschalten und um Hilfe rufen, damit Alexandra kam und sich um die Bescherung
kümmerte. Wahrscheinlich die einfachste und vor allem angenehmste Lösung.
Heiliger Himmel, wie konnte so ein süßes Ding nur so penetrant stinken?
Dann betrachtete er Gina wieder. Alexandra hatte soviel für ihn getan, es wurde
Zeit, dass er sich endlich mal revanchierte. Und so schwer konnte es doch wohl
nicht sein, ein Baby zu wickeln? Technisch jedenfalls nicht, ob es möglich war,
die Aktion ohne Sauerstoffgerät zu überstehen, stand auf einem anderen Blatt.
Aber Alexandra schaffte das doch auch…Chris’ Ehrgeiz war geweckt.
Im angrenzenden Bad fand er, was er für sein heroisches Vorhaben brauchte. Dem
hier herrschenden Chaos schenkte er keine Beachtung, sondern legte Gina auf den
Wickeltisch. Okay, zuerst musste er sie wohl ausziehen.
„Verflixt, wo sind denn da die Knöpfe bei dem Ding…“
Schließlich hatte er es geschafft, Gina von ihrem Strampelanzug zu befreien. Sie
quengelte noch immer vor sich hin, was aber durchaus die Ruhe vor dem Sturm sein
konnte. Also war wohl Eile geboten.
„Hoffentlich weiß Alex zu würdigen, was ich da für sie tue“, seufzte Chris und
holte noch einmal tief Luft, bevor er sich daran machte, die Klebeverschlüsse
der Windel zu lösen. Mit angehaltenem Atem, tapfer die Übelkeit unterdrückend,
die ihn beim Anblick und vor allem beim nun viel intensiveren Geruch des kleinen
Malheurs überkam, entfernte Chris die Windel und knüllte sie dann fest zusammen,
bevor er sie draußen vor der Badezimmertür deponierte.
Wieder zurück, begutachtete er zunächst einmal das nun halbnackte Baby.
Saubermachen musste man es wohl nun auch noch. Chris schnitt eine Grimasse.
Vielleicht sollte er doch lieber Alexandra rufen…Nur der Gedanke daran, dass sie
sich vermutlich darüber krank lachen würde, dass er sich mittendrin hatte
geschlagen gegeben, hielt ihn dann davon ab. Auf dem Wickeltisch stand eine
Packung mit Reinigungstüchern, die anscheinend extra für diesen Zweck bestimmt
war. Vorne drauf war ein glücklich lachendes Baby abgebildet. Chris nahm sie in
die Hand und studierte das Kleingedruckte eingehend. Aha, so machte man das
also…
Fünf Minuten später war Gina sauber und mit der empfohlenen Creme der gleichen
Firma, die glücklicherweise gleich neben der Packung mit den Tüchern gestanden
war, eingecremt und mit Babypuder bestäubt. Allerdings schrie sie nun auch mit
Volldampf. Anscheinend hatte ihr irgendetwas nicht gefallen.
Mist, wo waren denn nur die Windeln? Hektisch blickte Chris sich um. Ah, da auf
dem Boden stand ein Riesenpaket. Er bückte sich und zog eine davon heraus. So,
und wie gehörte das Ding nun an das Baby? Ratlos drehte er die Windel hin und
her, während er sich dafür verfluchte, dass er beim Entfernen der alten nicht
besser aufgepasst hatte. Aber da war sein Gehirn wohl von dem grauenhaften
Geruch zu vernebelt gewesen. Moment, vielleicht stand ja auch hier was auf der
Verpackung…
Chris hatte Glück, der Hersteller hatte in weiser Voraussicht eine geradezu
narrensichere Gebrauchsanweisung mit ein paar deutlichen Bildern auf die
Rückseite gedruckt. Triumphierend die Windel schwenkend beugte Chris sich über
Gina, die ungehemmt brüllte.
„So, jetzt pflastern wir dich noch in das Teil hier rein, dann gehen wir runter
und zeigen Mama, was wir da ganz alleine gemacht haben…“
Chris hatte sich das Ganze jedoch etwas zu einfach vorgestellt. Gina war sauer,
sie hatte Hunger und wollte was zu essen, und zwar gleich. Da interessierte es
sie wenig, dass sie vorher erst wieder schön verpackt und angezogen werden
musste. Als Chris es endlich geschafft hatte, dem Baby die Windel zu verpassen
und ihm die Strampelhose wieder überzuziehen, war er zerzaust, verschwitzt und
völlig erschöpft.
Aber er war auch stolz auf sich…
„Soo, kleine Maus, fertig“, gurrte er und nahm Gina hoch, deren Gesichtsfarbe
inzwischen vor lauter hilflosem Zorn die Farbe einer überreifen Tomate
angenommen hatte. „Wir gehen ja gleich zu Mama, und dann kriegst du was zu
Futtern. Schon Scheiße, wenn man immer jemanden braucht, der einem alles macht.
Jaaaa, wir gehen ja schon…“
Zu Chris’ grenzenloser Erleichterung schien er den virtuellen Lautstärkeregler
gefunden zu haben, denn Ginas Geschrei verstummte, nachdem er sie auf den Arm
genommen hatte, und ging wieder in ein leises Jammern über. So, jetzt aber
schnell ab nach unten, bevor sie wieder loslegte. Das würden seine armen Nerven
nicht aushalten…
Gefolgt von Lucy, die sich mit einem empörten
Kläffen beschwerte, dass nicht sie es war, die die Treppe hinunter getragen
wurde und stattdessen mühselig auf ihren eigenen vier Beinchen jede Stufe
einzeln hinunter klettern musste, machte Chris sich auf den Weg in die Küche.
Die Tür war angelehnt, kein Wunder, dass Alexandra von dem ganzen Drama, das
sich oben abgespielt hatte, nichts mitgekriegt hatte. Chris schnaubte innerlich.
Dafür hatte er was gut bei ihr. Dass er sie nur hätte über das Babyphon holen
müssen, vergaß er großzügig. Immerhin hatte sie ja zuerst vergessen, es
überhaupt anzumachen.
Aus der Küche klangen Stimmen. Frauenstimmen, wie Chris erleichtert feststellte.
Eine davon gehörte Alexandra. Sie hatte also Besuch. Wenigstens war es kein
Mann. Er konnte nichts dafür, aber Männer jagten ihm einen kalten Schauder über
den Rücken. Auch wenn er in San Quentin genügend davon kennen gelernt hatte, die
nichts von ihm wollten, so fragte er sich doch bei jeder neuen männlichen
Bekanntschaft, wie derjenige wohl drauf wäre, was für eine Rolle derjenige in
einem Gefängnis spielen würde.
„Heiliger Strohsack, Alex, ich versteh dich nicht“, rief die fremde Stimme. Sie
klang ziemlich entnervt. „ Was hast du denn zu verlieren? Auch nicht mehr als
jetzt. Gib ihm doch verdammt noch mal die Chance, sich selbst zu entscheiden, ob
er als Vater für Gina da sein kann oder nicht. Der Rest wird sich dann auch noch
finden.“
„Julie, ich hab doch versucht, dir zu erklären, warum ich das nicht kann.“
Chris, der eigentlich schon die Tür hatte öffnen wollen, hielt inne. Die
Besucherin war also die Frau, die ihn vor einer Woche hier willkommen geheißen
hatte. Und die beiden Frauen waren anscheinend in eine hitzige Diskussion über
Ginas Vater verstickt. Er beschloss, noch ein wenig zu warten. Vielleicht erfuhr
er auf diese Art und Weise ein wenig mehr über den Kerl.
„Genau, du hast es versucht, ganz verstanden hab ich das aber nicht. Du denkst
viel zu kompliziert. Entweder er akzeptiert seine Rolle als Daddy für Gina oder
eben nicht. Und so wie ich ihn kenne, wird er das tun. Ihr traut ihm alle viel
zu wenig zu.“
Chris lauschte mit angehaltenem Atem. Das Gespräch drehte sich also wirklich um
Ginas mysteriösen Vater, von dem Alexandra scheinbar nichts mehr wissen wollte,
ihre Freundin sie aber überreden wollte, diesen wieder in ihr Leben zu lassen.
Chris musste seine vernichtende Meinung über Ginas abwesenden Erzeuger
zähneknirschend ein bisschen revidieren. Es sah so aus, als läge eben diese
Abwesenheit nicht nur an diesem selbst, vielleicht hatte er ja die Flucht
ergriffen, als er von Alexandras Schwangerschaft erfahren hatte, und nun wollte
er reumütig zu ihr zurückkehren. Aber Alexandra wollte ihn nicht mehr sehen.
Eine Einstellung, die Chris durchaus nachvollziehen konnte. Allerdings versuchte
er auch, sich vorzustellen, wie er an dessen Stelle reagiert hätte. Er
schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich wäre er in Panik ausgebrochen, aber er hätte
eine Frau nie sitzen lassen. Nie im Leben.
Die Vorstellung an sich, jemals eine Freundin zu haben, mit ihr zu schlafen, war
zwar für Chris im Moment völlig unrealistisch, aber seine Eltern hatten ihn zu
einem verantwortungsbewussten Menschen erzogen. Nein, er würde ein Mädchen in so
einer Situation mit Sicherheit nicht im Stich lassen, davon war er felsenfest
überzeugt.
Alexandra hatte auf Julies Feststellung noch immer nicht geantwortet.
Anscheinend waren ihr die Argumente ausgegangen, oder sie wollte einfach nicht
zugeben, dass ihre Freundin recht haben könnte.
Chris stand der Angelegenheit allerdings auch mit ziemlich gemischten Gefühlen
gegenüber. Natürlich sah er ein, dass es besser wäre, wenn Gina Mutter UND Vater
hätte, die die Sorge und die Verantwortung für sie gemeinsam trugen, aber ein
Teil von ihm fürchtete diesen Unbekannten. Alexandra war sehr wichtig für ihn
geworden, sie schenkte ihm die Sicherheit und die Freundschaft, die er gerade
jetzt so dringend brauchte. Wenn Ginas Vater hier einziehen würde, wäre es damit
wohl vorbei.
Er sah auf das Baby in seinen Armen hinunter und schluckte. Sobald ihr Vater sie
sehen würde, wäre es um ihn geschehen. Wer konnte so einem süßen Ding schon
widerstehen? Er würde Alexandra bestimmt auf Knien um Vergebung anbetteln – und
damit vielleicht sogar Erfolg haben. Schließlich musste sie den Kerl ja mal
geliebt haben, sonst wäre sie doch kaum mit ihm zusammen gewesen.
Gina öffnete die Augen, und gleich darauf verzog sie das Gesicht. Erschrocken
registrierte Chris, dass es mit dem Frieden jetzt wohl vorbei war - ebenso wie
mit seinem unbemerkten Lauschposten. Um nicht in den Verdacht zu geraten, dem
Gespräch zugehört zu haben, stieß Chris die Küchentür hastig mit dem Ellbogen
auf und trat ein, so als wäre er gerade die Treppe herunter gerannt und wäre in
größter Eile. Keine Sekunde zu früh, denn nun begann Gina herzhaft zu brüllen.
„Alex, mach was, sie hat Hunger“, stieß er atemlos hervor und mimte dann den
Überraschten, als er Julie entdeckte. „Oh, Hallo, ich wusste nicht, das Besuch
da ist.“
Alexandra war aufgestanden und beeilte sich, Ginas Fläschchen fertig zu machen.
„Julie kennst du ja noch, oder?“ fragte sie beiläufig.
Chris nickte und warf der kurzhaarigen Blondine einen scheuen Blick zu.
„Keine Angst, ich beiße nicht“, grinste die ihn an. „Ich seh nur so aus.“ Damit
stand sie ebenfalls auf und kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.
„Gib mir doch mal die süße Kleine, ich hab sie ja schon über eine Woche nicht
gesehen.“
Chris war zwar erleichtert, das schreiende Bündel los zu werden, aber
gleichzeitig fühlte er sich auch seltsam beraubt. Dieses gemeinsame
„Wickelerlebnis“ war zwar anstrengend und nicht besonders angenehm gewesen, aber
es hatte ihm Gina noch ein wenig näher gebracht. Sie war auch jemand geworden,
den er nur sehr ungern verlassen würde. Komisch, wie einem so ein kleiner
Schreihals ans Herz wachsen konnte.
Julie wiegte das Baby auf dem Arm und stieß beruhigende Gurrlaute aus. Schien
allerdings nicht zu wirken, Gina schrie nur noch lauter. Erst als Alexandra mit
dem Fläschchen ankam und es Julie in die Hand drückte, damit sie das Baby
füttern konnte, kehrt wieder Ruhe ein. Alexandra wandte sich zu Chris.
„Hat sie vorhin schon geschrieen? Ich hab sie gar nicht gehört…“ sagte sie
verwirrt.
„Kannst du ja auch nicht, wenn du das Babyphon nicht anmachst.“ Chris konnte
nicht verhindern, dass der Hauch eines Vorwurfes in seiner Stimme mitschwang.
„Oh…“ Sie warf einen schuldbewussten Blick in Richtung des kleinen
Lautsprechers, der auf der Küchentheke stand.
„Ich hab sie gehört. Und dann hab ich sie auch gleich gewickelt.“
Nun starrten ihn beide Frauen an, als wären ihm plötzlich grüne Hörnchen und ein
Drachenschwanz gewachsen. Dann begann Julie zu kichern. Alexandra warf ihr einen
strafenden Blick zu, der Bände zu sprechen schien, nur dass Chris nichts von dem
verstand, was stumm zwischen den beiden ausgetauscht wurde. Julie jedenfalls
schien von Alexandras funkelnden Augen wenig beeindruckt zu sein und schüttelte
einfach den Kopf.
„Ich sag ja schon nichts mehr…“
„Du…du hast sie wirklich ganz alleine gewickelt?“ erkundigte sich Alexandra
stirnrunzelnd.
„Nö, Lucy hat mir dabei geholfen“, gab Chris zurück. Was stellten die zwei sich
denn so an? So wild war das nun auch nicht gewesen. Hatte ja alles auf diesen
Verpackungen gestanden. Es war halt von Vorteil, wenn man lesen konnte – und
eine gewisse Portion Unerschrockenheit und Wagemut besaß.
„Wo hast du denn die Windel hingetan?“
Oh…die Windel…Die hätte er vielleicht nicht im Zimmer liegen lassen sollen.
Verlegen rieb er sich über den Nacken.
„Die hab ich oben vor der Badezimmertür vergessen“, gestand er.
Alexandra begann zu schmunzeln. „Ich wär zu gern dabei gewesen…“ sagte sie und
ging an ihm vorbei. „Ich hol sie mal und bring sie raus in die Mülltonne.“ Damit
verschwand sie und Chris konnte sie die Treppe hinauf rennen hören.
„Du bist schon `ne Marke“, grinste Julie.
„Na, ich hab mir halt gedacht, ich probier’s einfach.“ Chris zuckte mit den
Schultern. „Und eigentlich war Gina ja ganz brav…die meiste Zeit jedenfalls“,
fügte er der Wahrheit halber hinzu.
Julie musterte ihn mit einem merkwürdigen Blick, den Chris sich nicht erklären
konnte.
„Du magst sie wohl…“ stellte sie beiläufig fest.
„Ja…klar mag ich sie. Sie ist doch echt niedlich.“ Er sah zu dem Baby auf Julies
Arm, dass sich nur darauf konzentrieren zu schien, das Fläschchen leer zu
bekommen. Er hatte nicht geschwindelt, als er gesagt hatte, dass der Gina
mochte. Eher untertrieben. Irgendetwas an der Kleinen zog ihn magisch an,
vielleicht fand er es aber nur faszinierend, dass sie so auf ihn zu reagieren
schien. Wenn Gina sich von Alexandra nicht beruhigen ließ, dann war sie schon
oft bei ihm gelandet. Einfach aus dem Grund, weil sie dann meistens aufhörte zu
schreien.
„Chris…du hast Besuch.“ Alexandra kam wieder zur Tür herein, allerdings war sie
nicht alleine. Chris fühlte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in seinem Magen
ausbreitete, als er den Mann erkannte, der ihr gefolgt war.
„Hallo Chris.“
„Mister Adams…“ erwiderte er, nachdem er seinen Schrecken überwunden hatte.
Inzwischen kannte er den Nachnamen seines Bewährungshelfers und hielt es für
sicherer, diesen zu benutzen. Der Mann war ihm an sich völlig unbekannt, und er
wollte nicht nur höflich sein, sondern auch eine gewisse Distanz zwischen sich
und ihn bringen. Dass er mit dem Kerl tatsächlich zusammen trainiert haben
sollte, das erschien Chris so unwahrscheinlich wie ein McDonalds-Restaurant auf
dem Mond. Er konnte sich schlichtweg nicht vorstellen, dass er einen Mann
freiwillig so nahe an sich heran gelassen hatte, ohne dabei vor Panik völlig
hysterisch zu werden.
Adams nickte Julie grüßend zu und lächelte beim Anblick der zufrieden an ihrem
Fläschchen nuckelnden Gina.
„Dem Krümelchen scheint’s ja wirklich gut zu gehen“, bemerkte er amüsiert, bevor
er wieder ernst wurde und seine Aufmerksam Chris zuwandte. „Ich bin hier, um mit
dir die restlichen Termine bei mir bis zum Ende deiner Bewährung abzustimmen.
Ist zwar eigentlich nur eine Formalität, aber mein Boss besteht darauf.“
Chris schluckte. Er hatte versucht, alles zu verdrängen, was ihn an seine
Gefängniszeit erinnerte und dazu hatte auch seine Bewährung gehört. Klar, ein
Bewährungshelfer war dazu da, einen zu überwachen, damit man keinen Mist baute.
Und um einen wieder zurückzuschicken, wenn man nicht genau das tat, was er von
einem erwartete. Aber Adams hatte ihm bisher wirklich nur geholfen, seine
Aussage vor dem Prüfgremium war mehr als positiv gewesen, also konnte er wohl
darauf hoffen, dass diese letzten Wochen sozusagen unter Aufsicht nicht so
schlimm werden würden.
„Sicher“, stimmte er leise zu. „Wie…wie soll das denn ablaufen?“
„Alle zwei Wochen tauchst du bei mir im Büro auf, wir quatschen eine halbe
Stunde darüber wie’s bei dir läuft, ob es irgendwelche Probleme gibt, ich
ermahne dich, sauber zu bleiben…das Übliche eben. Und ab und zu soll ich dir
einen überraschenden Besuch abstatten, um zu überprüfen, ob das, was du mir so
erzählst, auch stimmt.“ Adams grinste bei diesen Worten und Chris wusste nicht
genau, ob er sie nun ernst nehmen sollte oder nicht.
„Okay“, stimmte er unsicher zu.
„Du warst immer dienstags bei mir, ich würde sagen, wir behalten das bei.
Kommende Woche würde ich dich also gern in meinem Büro sehen.“
„Kein Problem“, mischte sich Alexandra ein. „Ich bring ihn hin.“
Dankbar sah Chris die junge Frau an. Er hätte zwar schon rausgefunden, wie man
mit dem Bus hinkam, aber ihre Begleitung war ihm natürlich lieber.
Adams sah unschlüssig von einem zum anderen, bevor sein Blick wieder an Chris
hängen blieb.
„Gut. Wir sehen uns also dann…“, sagte er und zögerte kurz. „Ich hoffe wirklich,
dass du dich bald wieder erinnern kannst“, fügte er leise hinzu, wobei er kurz
zu Gina hinüber sah, die ihre Mahlzeit nun beendet zu haben schien.
„Das hoffen wir alle.“
Nach Alexandras knapper Bemerkung verabschiedete sich Adams zu Chris’
Erleichterung und er war wieder mit den beiden Frauen alleine. Der Kerl schien
ja wirklich in Ordnung zu sein, aber für Chris war die Gegenwart eines Mannes
einfach eine Tortur, auch wenn er nicht mit ihm alleine war. Das war auch ein
Grund, warum er sich so sehr in seinem Zimmer vergrub, vor allem während der
Sprechzeiten der Praxis. Er ging damit diesem Arzt aus dem Weg, den Alexandra zu
ihrer Vertretung angestellt hatte und den Leuten, die mit ihren Tieren in die
Sprechstunde kamen.
Chris wurde schlagartig klar, dass er so allerdings nicht weitermachen konnte.
Es war auf Dauer unmöglich, allen Männern aus dem Weg zu gehen, nur weil er sich
dann sicherer fühlte. Seit diesem Spaziergang mit Alexandra vor einer Woche
hatte er das Haus nicht mehr verlassen, hatte mit Lucy und Charlie nur manchmal
im Garten gespielt. Auf diese Art würde er niemals in ein normales Leben
zurückfinden.
Auch Julie verabschiedete sich kurz darauf mit der Entschuldigung, dass sie in
einer Stunde anfangen musste zu arbeiten. Zum Abschied zwinkerte sie Chris
verschmitzt zu und bat ihn, doch wieder einmal mit Alexandra in der Bar, in der
sie kellnerte, vorbeizuschauen. Mary Jo würde mit Sicherheit gerne Babysitter
spielen. Auf Chris’ erstaunten Blick hin erklärte sie, dass er und Alexandra
öfter zusammen dort aufgekreuzt waren, zumindest bevor Lucy bei ihnen abgegeben
worden war und sie vollauf mit dem Hundebaby beschäftigt gewesen waren.
Diese Bemerkung lenkte Chris’ Gedanken wieder in eine völlig andere Richtung. Er
war mit Alexandra zusammen ausgegangen? Beziehungsweise sie mit ihm?
„Hast du Hunger?“ riss ihn Alexandras Stimme aus seinen Überlegungen. Sie hatte
Julie an der Tür verabschiedet und kehrte nun mit Gina auf dem Arm in die Küche
zurück.
Chris fasste sich an den Bauch. Jetzt erst fiel ihm auf, dass er seit heute
morgen nichts mehr gegessen hatte und inzwischen war es drei Uhr Nachmittag.
Sein Magen fühlte sich definitiv etwas leer an.
„Bisschen“, gab er zu.
Alexandra legte Gina in die Babywippe, die auf einem Küchenstuhl stand und ging
zum Kühlschrank.
„Setzt dich, ich mach uns schnell was. Ich hab heut Mittag auch nichts gegessen
und bin halb verhungert.“
Chris folgte ihrer Aufforderung und wählte den Stuhl neben dem Ginas. Die Kleine
sah nicht besonders glücklich darüber aus, so einfach abgelegt worden zu sein
und verzog das Gesicht. Ihr dichter schwarzer Haarflaum stand wirr in alle
Richtungen ab, etwas, worüber Chris sich im Stillen immer wieder amüsierte. Sie
sah aus wie ein kleiner frecher Kobold. Behutsam begann er, sie am Bauch zu
kraulen.
Zum Glück war Lucy mit Charlie im Garten. Das Hundemädchen tendierte ein wenig
dazu, eifersüchtig zu sein, wenn er dem Baby zuviel Aufmerksamkeit schenkte,
aber Alexandra hatte ihm bereits erklärt, dass das völlig normal sei. Charlie
war auch eifersüchtig auf Gina, aber sie versuchte immer, den Hund mit
einzubeziehen. Inzwischen schien er sich einigermaßen daran gewöhnt zu haben,
dass da noch jemand war, mit dem er seine Herrin teilen musste. Auch Lucy würde
sich daran gewöhnen müssen, dass sie kein Monopol auf Chris hatte.
Alexandra deckte den Tisch und stellte dann einen Teller mit Sandwiches in die
Mitte. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und griff nach einem der belegten
Brote. Chris betrachtete erst Gina, dann wanderte sein Blick zu ihrer Mutter.
Sie sahen sich eigentlich gar nicht ähnlich. Wenn man bei so einem winzigen Baby
überhaupt schon feststellen konnte, wem es ähnlich sah.
„Wie findest du Marc eigentlich?“ fragte Alexandra, nachdem sie den ersten
Bissen heruntergeschluckt hatte.
Chris zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung…Er scheint okay zu sein.“
„Das ist er auch. Du und er…ihr wart Freunde. Gute Freunde.“
Überrascht starrte Chris die junge Frau ihm gegenüber an? Freunde? Es fiel ihm
ja schon schwer, zu glauben, dass er mit dem Typen zusammen Kampfsport trainiert
hatte, aber nun sollte er auch noch mit ihm befreundet gewesen sein? War das
nicht gegen irgendwelche Regeln, die besagten, ein Bewährungshelfer müsse seinen
„Schützlingen“ das Leben so schwer wie möglich machen? Aber sie hatte so was ja
schon erwähnt, als sie ihm von seinem Kampfsporttraining erzählt hatte. Er hatte
das mit der Freundschaft jedoch nicht so ernst genommen.
„Schau nicht so, ich sage die Wahrheit. Also mach dir keinen Kopf wegen diesen
paar Wochen. Marc hat dich fünf Monate lang ertragen, ohne dich zu erwürgen,
also wirst du die restliche Zeit mit ihm auch noch überstehen.“
„War ich so schlimm?“ fragte Chris erschrocken. Alexandras Ausdrucksweise ließ
nichts besonders Positives ahnen.
Sie sah eine Sekunde lang verblüfft aus, dann begann sie zu lachen.
„Nein, um Gotteswillen, du warst nicht schlimm. Das war ein Witz und ich wollte
ich eine wenig aufheitern. Du hast einen so unglücklichen Eindruck gemacht. Marc
hatte rein objektiv keinen Grund, etwas an deinem Verhalten auszusetzen. Bei
seinen Beurteilungen in deiner Akte hat seine Freundschaft zu dir keine Rolle
gespielt.“
Chris seufzte erleichtert. „Ach so…“ murmelte er und wich Alexandras Blick aus,
indem er sich wieder Gina widmete, die seinen Zeigefinger nun fest umklammert
hatte und ihn nicht mehr losließ.
„Das war aber nicht alles, nicht wahr? Warum dir Marcs Besuch heute unangenehm
war, meine ich.“ Alexandras Stimme klang sanft. „Du hast Angst vor ihm.“
Chris presste die Lippen zusammen. War er denn so leicht zu durchschauen? Er
hätte das Gefühl jetzt nicht gerade als Angst beschrieben, auch wenn es nahe
dran war.
„Du fühlst dich auch in Doktor Haynes Gegenwart nicht wohl, darum kommst du nie
herunter, wenn er im Haus ist, auch wenn sonst keine Leute da sind. Chris, du
hast ein Jahr lang hier bei mir gewohnt, es hat zwar eine Weile gedauert, bis
ich es begriffen habe, aber du bist Männern nach Möglichkeit immer aus dem Weg
gegangen.“ Alexandra machte eine Pause, als schien sie darauf zu warten, dass er
widersprach. Doch Chris schloss die Augen. Da gab es nichts zu widersprechen, in
Bezug auf ihren Kollegen hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Und mit der
anderen Feststellung vermutlich auch.
„Bevor du zu mir gekommen bist, hast du auf dem Bau gearbeitet. Du hast mir mal
erzählt, dass das für dich der reinste Horror war, nicht wegen der Arbeit an
sich, das hat dir Spaß gemacht, sondern wegen den Männern, mit denen zu
zusammenarbeiten musstest. Du hast immer versucht, deine Angst mit Aggressivität
zu überspielen und dir damit regelmäßig einen Flugschein verdient. Jack hat mich
damals als die letzte Rettung gesehen und mich überredet, dich einzustellen.“
Schweigend lauschte Chris Alexandras Erklärungen. Er konnte nicht abstreiten,
dass sie recht haben mochte. Er hatte nur keine Ahnung, wie er diese Angst
überwinden sollte. Eigentlich konnte er es sich gar nicht erklären, wieso er so
fühlte, er hatte doch soviel Zeit nur in der Gesellschaft von Männern verbracht,
müsste eigentlich abgestumpft sein. Müsste eigentlich wissen, dass nur wenige
Männer wirklich eine Bedrohung darstellten und auch nur unter bestimmten
Umständen. Aber nachdem er das längst vergessene Gefühl von Sicherheit wieder
kennen gelernt hatte, die Abwesenheit der ständigen Gefahr, missbraucht zu
werden, überfiel ihn in der Gegenwart eines anderen Mannes jedes Mal diese
unterschwellige Angst.
Gina riss den Mund auf und gähnte. Sie erinnerte Chris unwillkürlich an ein
hungriges Vogeljunges und er musste lächeln. Seinen Finger hielt sie noch immer
fest. Seine Gedanken wanderten wieder zu ihrem unbekannten Vater zurück. So ein
verfluchter Arsch.
„Sag mal, hörst du mir überhaupt noch zu?“ Alexandras Stimme klang leicht
irritiert und Chris warf ihr einen schnellen Blick zu. Sie hatte die Augenbrauen
hochgezogen und musterte ihn ungehalten.
„Klar hör ich dir zu“, entgegnete er, auch wenn er gedanklich abgeschweift war
und nicht wirklich alles mitbekommen hatte, was sie gesagt hatte.
„Was meinst du also zu meiner Bitte?“ Alexandra schien wieder besänftigt zu
sein.
Chris biss sich auf die Unterlippe. Jetzt wäre es wirklich ganz toll, wenn er
wüsste, wovon sie vorhin geredet hatte. Aber er hatte keine Ahnung. Also setzte
er vorsichtshalber mal einen treuherzigen Gesichtsausdruck auf.
„Ich weiß nicht…“ murmelte er, um eine möglichst neutrale Antwort bemüht, bis er
mehr herausgefunden hatte.
„Ich sag ja nicht, dass du gleich nächste Woche mit Doktor Winslow reden sollst,
aber du musst dich langsam damit anfreunden, dass du ohne Hilfe nicht
weiterkommst. Egal…egal ob es darum geht, dein Gedächtnis wieder zu finden
oder…das andere.“
Also darum war es gegangen. Er hatte sich schon fast gefragt, wann sie wieder
davon anfangen würde. Aber Chris war noch immer der gleichen Ansicht wie vor ein
paar Tagen, nämlich dass er schlicht und einfach nicht konnte – oder wollte.
„Hm“, brummte er daher unbestimmt vor sich hin. Er hatte keine Lust, sich auf
eine Diskussion mit Alexandra einzulassen, schon gar nicht über das Thema. Stur
hielt er den Blick wieder auf Gina gerichtet, die nun eingeschlafen zu sein
schien.
„Chris…bitte, denk ernsthaft darüber nach. Du wirst Doktor Winslow mögen, das
verspreche ich dir.“ Sie konnte wohl nicht locker lassen.
„Mach ich“, gab er zurück, nur damit sie hoffentlich zufrieden war und ihn damit
in Ruhe ließ. Er hörte Alexandra laut aufseufzen.
„Du hast noch gar nichts gegessen“, sagte sie.
Gewonnen. Sie schien aufgegeben zu haben. Chris musste zugeben, dass er wirklich
Hunger hatte und dass die Sandwiches ziemlich verführerisch aussahen.
Vorsichtig, um Gina nicht zu wecken, befreite er seinen Finger aus ihrem
Klammergriff, und nahm sich eines der belegten Brote.
Er fing einen nachdenklichen Blick von Alexandra auf. Da hatte er sich wohl zu
früh gefreut. Sie wollte ihn wohl erst essen lassen und danach wieder damit
anfangen, ihn wegen dieser Psychologin zu bearbeiten. Während er kaute,
überlegte er sich fieberhaft, wie er sie erfolgreich davon abhalten konnte,
wieder in dieser Wunde herumzustochern.
„Was ist eigentlich mit Ginas Vater?“ platzte er dann heraus.
Eigentlich hatte er nur ablenken und gleichzeitig etwas über das Thema
herausfinden wollen, dass ihn die ganze Zeit immer wieder beschäftigt hatte.
Alexandras Reaktion auf seine Frage verblüffte ihn jedoch zutiefst. Ihre Augen
weiteten sich, sie wurde so weiß wie die Wand hinter ihr.
„Was ist eigentlich mit Ginas Vater?“
Obwohl sie eigentlich seit Tagen mit dieser Frage hätte rechnen müssen, kam sie
für Alexandra aus heiterem Himmel. Und obwohl sie unablässig darüber nachdachte,
wann und vor allem wie sie Chris die Wahrheit sagen sollte, etwas, wobei ihr im
Grunde genommen keiner helfen konnte, hatte sie keine Ahnung, was sie nun sagen
sollte.
Sie konnte Chris jetzt doch nicht einfach hinknallen, dass Ginas Erzeuger hier
am Tisch saß und gerade ein Sandwich verspeiste.
„Er…er ist im Moment nicht verfügbar“, würgte sie schließlich hervor.
Chris sah sie verwirrt an. „Was meinst du mit ‚nicht verfügbar’? Ist
er…abgehauen?“
Alexandra stand auf. Stillsitzen war nicht mehr drin, dazu war sie zu nervös.
Sie wollte nicht offen lügen, aber was sollte sie darauf antworten? Sie ergriff
ihren Teller und trug ihn hinüber zur Spülmaschine. Dabei spürte sie deutlich
Chris’ Blicke in ihrem Rücken.
„Man könnte es vielleicht so bezeichnen…ja“, sagte sie schließlich, nachdem sie
den Teller im Geschirrspüler deponiert und die Klappe wieder geschlossen hatte.
„Und…weiter? Denkst du, er kommt zurück?“
Alexandra schloss die Augen. „Ich weiß es nicht“, flüsterte sie.
„Aber...er kann doch sein Kind nicht so einfach im Stich lassen.“ Fassungslos
sah Chris erst Gina an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Alexandra zuwandte.
„Was für ein Kerl tut denn so was?“
Stumm schüttelte Alexandra den Kopf. „Chris…lassen wir das Thema, ja?“ sagte sie
mühsam. „Ich will über die Sache nicht reden.“
Chris schwieg eine Weile und sie hoffte, dass er ihre Bitte erfüllen würde, doch
als er wieder anfing zu sprechen, musste sie feststellen, dass er so schnell
nicht locker lassen würde.
„Wie war er? Ich meine, du musst ihn doch…gemocht haben. Oder…oder hast du ihn
gar nicht richtig gekannt?“
Alexandra spürte, wie sie langsam aber sicher die Beherrschung verlor. Tränen
schossen ihr in die Augen, die sie zornig wegwischte.
„Chris…bitte…es gibt Dinge, über die ich einfach nicht reden will. Du solltest
das doch verstehen.“
Das schien geholfen zu haben. Chris wandte schnell den Kopf ab.
„Tut mir leid…ich wollte dir nicht weh tun…“ sagte er leise. „Ich…ich könnte mir
nur nicht vorstellen, meine Freundin im Stich zu lassen, wenn sie ein Baby
bekommt. Das ist doch nur mies…“
Alexandra presste die Lippen zusammen. Es war besser, wenn sie darauf nicht
antwortete. Entweder sie rückte mit der Wahrheit heraus oder sie tischte Chris
eine faustdicke Lüge auf. Keines von beidem wollte sie tun, also schwieg sie
eisern.
Chris schien zu merken, dass er keinen weiteren Kommentar von ihr bekommen
würde, denn er stand auf und sah sie verlegen an.
„Ich…ich geh dann wieder hoch“, murmelte er.
Alexandra nickte nur. Als Chris an ihr vorbei ging, hielt sie ihn jedoch am Arm
fest.
„Passt du nachher auf Gina auf, wenn ich mit Charlie spazieren gehe? Er muss
sich mal wieder austoben, das geht immer so schlecht, wenn man einen Kinderwagen
dabei hat.“ Sie schenkte ihm ein sanftes Lächeln, um ihm zu zeigen, dass sie
nicht böse auf ihn war wegen seiner Fragerei.
„Klar…“ grinste Chris schief. „Ist ja keine große Sache, jetzt weiß ich ja
schon, was ich tun muss, wenn Stinkbombenalarm ist.“
Alexandra lachte auf, obwohl sie noch immer einen Kloß im Hals hatte. „Ich wär
wirklich zu gerne dabei gewesen. Bevor ich gehe, schreib ich dir noch auf, wie
man ein Fläschchen zubereitet. Wenn du es geschafft hast, Gina zu wickeln, dann
schaffst du das auch.“
„Okay…“ Damit verließ Chris die Küche und gleich darauf hörte sie, wie er die
Treppe nach oben ging und dabei wie üblich zwei Stufen auf einmal nahm.
Alexandra sank auf den Stuhl, auf dem Chris noch vor einer Minute gesessen
hatte. Mit einem Aufstöhnen verbarg sie das Gesicht in den Händen. Sie war so
eine dumme Pute. Gerade eben hatte sie eine perfekte Gelegenheit verpasst, Chris
über die wahren Umstände von Ginas „Entstehungsgeschichte“ aufzuklären. Als sie
die Szene wieder und wieder vor ihrem inneren Auge Revue passieren ließ, wurde
ihr klar, dass sie einen riesigen Fehler gemacht hatte.
Chris wäre zweifellos schockiert gewesen, doch vermutlich hätte er die Wahrheit
verkraftet. Er wäre nicht ausgeflippt und er wäre nicht weggelaufen, das Wissen,
Ginas Vater und der Mann zu sein, den sie liebte und den sie hatte heiraten
wollen, hätte ihn vielleicht dazu gebracht, alles daran zu setzen, sein
Gedächtnis wieder zu erlangen, sprich, er wäre endlich dazu bereit gewesen, sich
von Doktor Winslow behandeln zu lassen.
Oh Gott, was hatte sie da nur angerichtet. Sie hatte zwar nicht unbedingt
gelogen, aber es war nahe dran. Chris hatte ihr eine direkte Frage gestellt und
sie war ausgewichen. Weil sie sich so sehr in ihre Ängste hineingesteigert und
zu feige gewesen war, ihm eine Chance zu geben, zu beweisen, dass sie sich
irrte. Julie hatte vollkommen recht gehabt, dass das, was sie da tat, nicht fair
gegenüber Chris war. Doktor Winslow mochte eine sehr gute Psychologin sein, doch
auch sie konnte Fehler bei ihren Einschätzungen machen. Immerhin hatte sie noch
kein einziges Wort mit Chris gewechselt, seitdem er aus San Quentin zurück war.
***
Nachdem Chris vergeblich versucht hatte, sich wieder mit seinen Schularbeiten zu
beschäftigen, hatte er entnervt aufgegeben und sich auf das Bett geworfen. Lucy
hatte er nach minutenlangem herzzereissenden Winseln zu sich hochgeholt. Sie
hatte ihm zufrieden den Kopf auf den Bauch gelegt und döste nun vor sich hin.
Allerdings war diese Auszeit vom Lernen nicht die beste aller Ideen gewesen,
denn beim An-die-Decke-starren war er erst recht ins Grübeln gekommen.
Dieser Kerl musste Alexandra ganz schön weh getan haben, dass sie nicht über ihn
reden mochte. Hatte sie ihn so sehr geliebt? Chris fühlte ein seltsames Gefühl
in sich hochsteigen, das er erst nicht identifizieren konnte. Er hielt es für
Wut auf den Mistkerl, bis er realisierte, dass Wut sich anders anfühlte. Das,
was ihn da aus dem Hinterhalt überfallen hatte, war etwas, an das er sich nur zu
gut erinnerte. Dieses Gefühl hatte er gehabt, als sein Highschoolschwarm mit
einem Typen abgezogen war, der älter war und schon einen eigenen Wagen besaß…
Mit einem Ruck setzte Chris sich auf. Lucy winselte überrascht. Diesmal jedoch
beachtete er sie nicht, sondern bedeckte mit beiden Händen seine glühenden
Wangen.
Das war unmöglich. Verrückt. Durfte nicht sein. Er mochte Alexandra, hielt sie
für eine attraktive Frau, aber…Heilige Scheiße, er konnte sich doch nicht in sie
vergafft haben. Das war bestimmt nur, weil sie sich so um ihn kümmerte, weil sie
so nett zu ihm war und weil sie ihm das Gefühl vermittelte, dass sie ihn
aufrichtig mochte. Er bildete sich da sicher nur was ein. Er war nicht
eifersüchtig auf diesen Kerl, den er wohl gekannt hatte, aber an den er sich
nicht erinnern konnte.
Chris stöhnte leise auf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Was machte
er sich da denn vor? Er HATTE sich in diesen paar Tagen hoffnungslos und
unbemerkt in Alexandra verliebt. Bei ihr fühlte er sich geborgen, verstanden und
akzeptiert. Auch wenn er über vieles einfach noch nicht reden konnte, er wusste
inzwischen, dass er jederzeit zu ihr kommen konnte, wenn er es nicht mehr
aushielt.
War das vorher auch schon so gewesen? Hatte er da auch mit seinen Gefühlen für
sie kämpfen müssen? Verfluchter Mist, was war das nur für ein Durcheinander.
Plötzlich wünschte Chris sich nichts sehnlicher, als sich wieder erinnern zu
können. Er wollte wissen, was mit Ginas Vater gelaufen war und wie er selbst
sich dabei verhalten hatte.
War das nicht ein Grund, wenigstens ein Mal mit dieser Psychologin zu reden?
Vielleicht konnte sie ihm ja wirklich dabei helfen, schneller an seine
verschütteten Erinnerungen zu gelangen. Oder vielleicht hatte er mit ihr darüber
geredet, was hier losgewesen war.
Chris gratulierte sich zu dieser genialen Idee, auch wenn ihm gar nicht wohl
dabei war, jemandem gegenüberzutreten, der so viel von ihm wusste, dem er
vielleicht seine schlimmsten Erlebnisse anvertraut hatte. Aber diese Doktor
Winslow oder wie auch immer sie hieß war seine einzige Chance, etwas
herauszufinden.
Gedankenverloren begann er Lucy zu kraulen. Morgen früh würde er Alexandra
beiläufig um die Telefonnummer der Psychologin bitten und am Montag gleich bei
ihr anrufen und einen Termin ausmachen. Und…vielleicht war die Frau ja wirklich
in Ordnung. Ein Teil von ihm sträubte sich zwar immer noch dagegen, sich in die
Fänge eines Seelenklempners zu begeben, aber er hatte es schon einmal getan,
laut Alexandra sogar mit ziemlichem Erfolg.
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn aufsehen. Das war noch etwas, an das er sich
gewöhnen musste. Dass er eine Privatsphäre hatte, dass niemand das Recht hatte,
ihm seine Gesellschaft aufzuzwingen.
„Herein“, rief er nach dem zweiten Klopfen und gleich darauf steckte Alexandra
den Kopf durch den Türspalt.
„Ich bin kurz bei Mary Jo, sie hat eventuell jemanden gefunden, der für den Job
als Ginas Babysitter geeignet wäre. Ich laufe hin und nehme Charlie bei der
Gelegenheit gleich mit. Passt du dann auf Gina auf?“
Chris schluckte. Noch ein Fremder in seinem Leben. Fremde, besser gesagt.
Irgendwie gefiel ihm die Vorstellung gar nicht. Nicht nur wegen ihm selbst,
sondern auch wegen Gina. Ein Kind gehörte doch zu seiner Mutter. Natürlich
verstand er, dass Alexandra gar keine andere Wahl hatte, sie musste arbeiten und
Geld verdienen, aber er fand es nicht richtig. Seine Mutter war immer für ihn da
gewesen…
„Klar pass ich auf sie auf“, sagte er. „Kein Problem.“
„Okay. Falls sie aufwacht und Hunger hat, ich hab unten einen Zettel an den
Kühlschrank gehängt, wie man ihr Fläschchen zubereitet. Falls doch was sein
sollte, du erreichst mich auf dem Handy. Mary Jo hat die Kurzwahl 1.“ Damit war
sie auch schon wieder verschwunden.
Kurzwahl 1…An irgendetwas erinnerte Chris das. Er hatte es zu jemandem
gesagt…Unten im Garten. Zu Adams…
Bevor Chris nach diesem verschwommenen Erinnerungsfetzen greifen konnte, war
dieser schon wieder im undurchdringlichen Nebel verschwunden. Frustriert schlug
er mit der Hand auf die Decke neben sich.
„Scheiße“, fluchte er erstickt und strich gleich darauf Lucy, die erschrocken
aufgesprungen war, beruhigend über den Kopf. „Nein, Kleine, ich bin nicht auf
dich sauer.“
Nein, er war auf sich selbst wütend, weil er sich nicht erinnern konnte. Wie war
diese Theorie noch gewesen, die Alexandra ihm erklärt hatte? Dass er sich in
seine Vergangenheit zurückgezogen hatte, damit er die zwangsweise Rückkehr nach
San Quentin besser verkraften konnte. Na Klasse. Jetzt war er wieder draußen und
es war noch immer alles weg. Stattdessen wachte er nachts auf und musste sich
erst vergewissern, dass das nicht seine Zelle in San Quentin war und dass Lewis
nicht jeden Moment auf die Idee kommen konnte, seinen Spaß haben zu wollen.
Chris seufzte. Er konnte sich ja eigentlich das ganze Wochenende über Zeit
lassen, darüber nachzudenken, ob er wirklich zu dieser Psychologin gehen wollte.
Inzwischen wurden die Zweifel schon wieder stärker. Am liebsten würde er sich
einfach hier in diesem Zimmer verkriechen, bis ihm von selbst alles wieder
einfiel. Aber alleine wäre er hier auch nicht, in seinen Träumen begannen die
Schreckgespenster aus dem Gefängnis ihn zu besuchen, allen voran Lewis.
Bisher war es ihm noch gelungen, die vielen schlaflosen Stunden seiner Nächte
vor Alexandra zu verbergen, doch wie lange noch würde sie sich täuschen lassen?
Letzte Nacht war er wach gewesen, als sie vorsichtig die Tür geöffnet und
hereingesehen hatte. Er hatte die Augen zugekniffen und sich schlafend gestellt,
bis er sicher sein konnte, dass sie wieder gegangen war.
Er hörte unten die Haustür zuschlagen. Alexandra war weg. Eine seltsame Leere
breitete sich in ihm aus, jetzt, wo er wusste, dass sie nicht mehr im Haus war.
Da „kannte“ er sie seit gerade mal einer Woche und mochte sich ein Leben ohne
sie gar nicht mehr vorstellen. Verwechselte er Dankbarkeit vielleicht mit
Verliebtsein? Angst, dass er hier nicht mehr würde bleiben können, wenn Ginas
Vater zurückkam, mit Eifersucht?
Chris presste die Lippen fest aufeinander. Er wurde hier noch verrückt, wenn er
nicht endlich Antworten auf seine Fragen bekam. Also war doch ein Besuch bei
dieser Psychologin angesagt. Verdammt, wie oft wollte er seine Meinung darüber
denn noch ändern? Am besten suchte er sich jetzt irgendeine Ablenkung. Es
reichte schon, dass er sich vermutlich die nächsten beiden Nächte den Kopf
darüber zerbrechen würde, was er tun sollte.
„Gehen wir mal nach Gina gucken“, sagte er zu Lucy und rutschte vom Bett, wobei
er den Hund nahm und auf den Boden setzte.
Alexandra hatte beide Türen offen gelassen, damit er das Baby hörte, wenn es
quengelte. Nun, das hatte ja auch nichts mit Technik zu tun, dachte Chris
amüsiert, während er die Tür zu Alexandras Zimmer vorsichtig aufschob.
Gina schlief selig in ihrem Bettchen und eigentlich wollte Chris den Raum gleich
wieder verlassen, um sie nicht zu wecken, als sein Blick auf ein Fotoalbum fiel,
das auf der Kommode neben dem Kinderbett lag. Es war ein Album, wie es eine
Freundin seiner Mutter angelegt hatte, nachdem ihre Tochter auf die Welt
gekommen war. Darin waren die ersten Bilder nach der Geburt eingeklebt worden.
Chris hatte das damals herzlich wenig interessiert, mit vierzehn hatte man
nichts für so kleine Quietschkugeln übrig. Er hatte die Flucht ergriffen vor all
dem „Süß“ und „Herzig“- Gequassel der Frauen, die bei diesem Kaffeeklatsch bei
seiner Mutter zusammengekommen waren.
Aber heute war das was anderes, vor allem, wenn man diese Quietschkugel, der
dieses Album gewidmet war, ziemlich gut kannte, sie gefüttert und unter Einsatz
seines Lebens sogar
gewickelt hatte. Also griff Chris neugierig danach und setzte sich neben dem
Kinderbett auf den Teppich. Er warf einen prüfenden Blick durch die Gitterstäbe
des Bettchens und nachdem er sich vergewissert hatte, dass Gina noch schlief,
öffnete er das Album.
Wie erwartet, befanden sich darin Bilder, die kurz nach der Geburt entstanden
sein mussten. Gleich vorne auf der ersten Seite war eine Grossaufnahme von Ginas
Gesicht, auf der sie noch ziemlich zerknautscht aussah. Die schwarzen Haare
standen völlig wirr von ihrem Köpfchen ab, etwas, das sich noch nicht geändert
hatte. Chris schmunzelte.
Das nächste Bild zeigte Alexandra mit Gina auf dem Arm. Es musste ihm
Krankenhaus entstanden sein. Alexandra sah darauf ziemlich erschöpft aus. Sie
lächelte zwar in die Kamera, aber ihre Augen hatten einen traurigen Ausdruck.
Chris betrachtete dieses Foto ziemlich lange, bevor er weiterblätterte. Es
folgten weitere Bilder von Gina, allein oder mit Alexandra, Mr. Sanders, Julie
und einer unbekannten Frau, die wahrscheinlich diese Mary Jo war, bei der Gina
das vergangene Wochenende hatte verbringen sollen.
Das Album war zu etwa einem Drittel mit Fotografien gefüllt. Als Chris am Ende
angelangt war, blätterte er langsam wieder zurück. Er wollte es gerade endgültig
zuklappen, als ihm auffiel, dass vorne noch etwas handschriftlich eingetragen
war, etwas, das er zu Beginn gar nicht bemerkt hatte.
Es war Ginas „Steckbrief“. Chris ließ seine Augen über die Zeilen wandern. Ginas
Name, ihr Geburtstag, die genaue Zeit, wann sie auf die Welt gekommen war, ihre
Größe und ihr Geburtsgewicht, der Name ihrer Mutter, der Name ihres…
Das Album entglitt Chris’ Händen und rutschte auf den Boden…
Etwas abgekämpft näherte sich Alexandra ungefähr
zwei Stunden später ihrem Haus. Die Frau, die Mary Jo ihr empfehlen wollte,
hatte sich als völlig ungeeignet herausgestellt. Sie hatte vorher im Haushalt
eines Bekannten der Andersons aus dem Country-Club gearbeitet. Mary Jo hatte
Mrs. Douglas, so hieß die Frau, zu sich nach Hause gebeten, damit Alexandra sie
kennen lernen konnte.
Aber Alexandra hatte schon beim Vorstellen gespürt, dass sie mit Mrs. Douglas
nie im Leben glücklich geworden wäre. Und Chris schon zweimal nicht. Sie war
eine etwa fünfzigjährige, sehr kompetent, aber auch sehr streng wirkende Frau.
Das passte überhaupt nicht zu ihnen. Also hatte Alexandra sich bald wieder mit
der Bemerkung verabschiedet, sie würde sich in den nächsten Tagen melden.
Allerdings hatte sie den Eindruck gehabt, dass Mrs. Douglas auch nicht besonders
von ihr und vor allem von Charlie angetan gewesen war.
Sie hatte mit Charlie noch einen ausgiebigen Spaziergang gemacht, war mit ihm
über eine Wiese getollt, wobei sie aber gemerkt hatte, dass sie noch nicht allzu
fit war. Die Narbe des Kaiserschnitts machte ihr noch zu schaffen und sie war
weit davon entfernt, ihre alte Kondition zu haben. Schließlich hatte sie mit
einem glücklich hechelnden Hund im Schlepptau auf den Heimweg gemacht.
Chris hatte nicht angerufen, also musste er mit allen eventuell aufgetretenen
Schwierigkeiten selbst fertig geworden sein. Alexandra kam immer mehr zu der
Einsicht, dass sie ihm die Wahrheit sagen konnte und musste. Es war zu spüren,
wie sehr er Gina mochte. Je länger sie es noch hinauszögerte, umso schlimmer
würde es später werden. Oder wenn er sich selbst erinnerte oder es gar von
anderen erfuhr. Sie musste den Sprung ins kalte Wasser jetzt einfach wagen.
Als sie die Tür aufschloss, war sie soweit, ihm alles zu sagen. Heute noch, am
besten jetzt gleich. Sie nahm Charlie die Leine ab und hängte sie über das
Treppengeländer, ehe sie nach oben ging. Zuerst wollte sie nach Gina sehen,
bevor sie Chris gegenübertrat.
Das Kinderbett war leer. Alexandra runzelte die Stirn. Die Küche war verlassen
gewesen, ebenso das Wohnzimmer. Hatte Chris das Baby mit zu sich ins Zimmer
genommen? Vermutlich, es war ja auch einfacher so. Das Herz schien ihr aus der
Brust springen zu wollen, als sie an die Tür des Nebenraumes klopfte. Sie
wartete, doch niemand forderte sie zum Eintreten auf. Alexandra zögerte den
Bruchteil einer Sekunde, dann drehte sie leise den Türknopf. Vielleicht war
Chris ja eingeschlafen…
Das Bild, das sich ihr bot, als sie die Tür öffnete, zauberte trotz ihrer
Nervosität ein Lächeln auf ihre Lippen. Chris saß am Kopfende des Bettes, den
Kopf auf den angezogenen Knien und betrachtete Gina, die vor ihm auf der Decke
lag. Lucy war anscheinend ausnahmsweise einmal auf den Boden verbannt worden,
denn sie saß sehnsüchtig winselnd auf dem Teppich vor dem Bett. Alexandra trat
ein.
„Hey, ich bin wieder da“, sagte sie.
Chris reagierte nicht, es schien, als hätte er sie gar nicht wahrgenommen.
Stattdessen hielt der den Blick weiterhin stur auf Gina gerichtet. Alexandra
bekam es langsam mit der Angst zu tun. War etwas mit dem Kind? Hastig eilte sie
zum Bett und seufzte erleichtert auf, als sie sah, dass ihre Tochter wach war.
„Chris? Stimmt was nicht?“
Alexandra setzte sich auf die Bettkante und wartete geduldig auf eine Antwort.
Was um alles in der Welt war nur los mit ihm? Schließlich hob Chris den Kopf und
sah sie mit geröteten Augen an.
„Wieso hast du’s mir nicht gesagt?“ flüsterte er.
Alexandras Herz, das noch immer raste wie nach einem Marathonlauf, setzte
beinahe aus. Hatte er es etwa herausgefunden? Aber wie…
Die Antwort erhielt sie, als Chris das Album hochhob, das Mary Jo mit den Fotos,
die sie gemacht hatte, für Gina angelegt hatte.
„Das lag auf der Kommode drüben in deinem Zimmer. Ich…ich hab’s mir angesehen,
tut mir leid, dass ich geschnüffelt habe, aber…“ Er brach ab. Seine Augen
begannen wieder zu glänzen. „Warum? Hast du dich so sehr dafür geschämt mit
mir…“
„Nein! Chris, um Himmels Willen. Nein!“
Alexandra sprang auf. Oh Gott, in was hatte sie sich da nur reingeritten? Wieso
hatte sie nur dieses Fotoalbum offen herumliegen lassen, wenn sie wusste, dass
Chris das Zimmer betreten würde? Er hatte den Eintrag gelesen. Hatte gelesen,
dass er Ginas Vater war, über den sie sich geweigert hatte, zu sprechen.
„Warum denn dann? Warum hast du mir nicht gesagt, dass Gina auch mein Baby ist?“
Zwei große Tränen kullerten über Chris’ Wangen.
Hilflos stand Alexandra da. Wie sollte sie denn dieses Chaos denn nun bloß
wieder entwirren? Verdammt, wäre sie Chris’ Fragen heute Nachmittag doch bloß
nicht ausgewichen. Sie hätte ihm vorsichtig und behutsam die Wahrheit beibringen
können und hätte es jetzt nicht mit einem völlig aufgelösten und verstörten
Freund zu tun – der ja nicht einmal wusste, dass sie zusammen waren.
„Und…und warum hast du überhaupt mit mir…. Das war, bevor du es wusstest, nicht
wahr?“
„Nein…ich…es ist eben passiert…“ Alexandra sah sich außerstande, eine
vernünftige Erklärung abzugeben. Stattdessen stammelte sie hilflos herum,
während sie fieberhaft überlegte, wie sie die Dinge ins richtige Licht rücken
konnte. Chris schien sich da etwas zusammenfantasiert zu haben, das so gar nicht
der Realität entsprach. Wie recht sie mit dieser Annahme hatte, sollte sie in
den nächsten Sekunden erfahren.
„Klar…und danach hast du es bereut“, fauchte Chris mit tränenerstickter Stimme.
„Warum hast du mich eigentlich nicht gleich rausgeworfen? Oder spätestens,
nachdem du alles erfahren hast? Muss doch ein ziemlicher Schock für dich gewesen
sein, zu hören, dass der Typ, mit dem du in die Kiste gestiegen bist, im Knast
`ne Hure war.“
Für Alexandra war jeder Satz, jedes einzelne Wort ein Schlag ins Gesicht. Sie
hatte geglaubt, zwischen sich und Chris eine Basis des Vertrauens geschaffen zu
haben, auf der sie dann alles andere würde aufbauen können. Was er ihr jetzt an
den Kopf warf, zeigte ihr, wie sehr sie sich doch getäuscht hatte.
„Das ist doch alles nicht wahr“, würgte sie hervor. „Du weißt doch gar nicht…“
„Nein, ich weiß gar nichts! Weil du mir nichts gesagt hast! Was bitte soll ich
mir denn denken? Willst du mir etwa erzählen, dass wir ein Liebespaar waren?
Dass sich eine Frau wie du mit so etwas wie mir eingelassen hat?“ fragte Chris
voller Bitterkeit. Er sprach leise, was das, was er sagte, aber nicht weniger
wie Peitschenhiebe wirken ließ.
„Hast du mich aus Mitleid weiter hier wohnen lassen? Weil du ein schlechtes
Gewissen hattest? Gott, der arme Junge, den kann ich doch jetzt nicht einfach
auf die Straße setzen!“ Chris’ Augen funkelten vor unterdrückter Wut und
Verzweiflung. „Hast du mir eine Frist gesetzt? Dass ich bis zum Ende meiner
Bewährung bleiben darf und dann gehen kann? Und mein Baby hierlassen muss?“
Alexandra spürte regelrecht, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Das, was
Chris ihr da unterstellte, traf sie bis ins Mark. Sie war nicht mehr imstande,
sich in seine Lage hineinzuversetzen, brachte kein Verständnis mehr für seine
Wut auf, sondern fühlte sich nur noch abgrundtief von seinen Anschuldigungen
verletzt. Hatte sie ihm denn in der vergangenen Woche denn nicht immer und immer
wieder gezeigt, wie wichtig er für sie war, dass seine Vergangenheit für sie
keine Rolle spielte?
„Du redest kompletten Schwachsinn!“ zischte sie unterdrückt, aus Rücksicht auf
Gina. Wenn das Baby nicht gewesen wäre, dann hätte sie Chris jetzt angebrüllt.
„Schwachsinn? Was war dann das heute Nachmittag, als ich dich nach Ginas Vater
gefragt habe? Wieso hast du’s mir da nicht einfach gesagt?“
„Und was hätte ich dir sagen sollen? Ach, ganz vergessen, übrigens, du bist
Ginas Daddy.“ Alexandra gestikulierte wild mit den Händen.
„Es wäre zur Abwechslung mal die Wahrheit gewesen und keine Heuchelei!“
In der folgenden Stille hätte man eine Maus atmen hören können. Für Alexandra
war es, als würde die Zeit stillstehen. Sie starrte Chris an, der verbissen
zurückstarrte. Das einzige, was ihn und auch sie selbst vor einer vernichtenden,
vielleicht nicht mehr wieder gut zu machenden Antwort rettete, war Ginas
plötzlich einsetzendes Weinen.
Alexandra sah kurz zu ihrer Tochter hin. Anscheinend hatte der Streit, obwohl
sie beide erstaunlich leise gesprochen hatte, die Kleine völlig verstört. Sie
widerstand dem Drang, sie hochzunehmen und sie zu beruhigen und trat einen
Schritt zurück. Sollte Chris das doch übernehmen. Sie wollte nur noch raus hier.
Weg von diesen Anklagen, diesen Unterstellungen.
„Du weißt ja, wie du sie beruhigen kannst“, sagte sie kalt. Ihre Stimme zitterte
dabei unmerklich und verriet damit, wie verletzt sie war. Dann drehte sie sich
um.
„Wohin willst du?“ Chris war vom Bett gesprungen und stand nun hinter ihr.
„Weg.“
„Du…du kannst doch jetzt nicht weg…“
Alexandra warf einen Blick über die Schulter. „Natürlich kann ich“, antwortete
sie mit eisiger Stimme und ging weiter.
„Aber Gina weint…“
„Du bist ihr Vater, wie du so schön festgestellt hast, also verhalt dich so.
Außerdem bist du nicht der einzige, der auf und davon gehen kann, statt zu
bleiben und zu reden.“ Damit ließ sie Chris endgültig stehen.
Tränenblind rannte sie die Treppe hinunter und stolperte aus dem Haus. Keine
Sekunde länger hätte sie es in diesem Zimmer ausgehalten, ohne einen Heulkrampf
zu bekommen. Wie konnte Chris ihr nur unterstellen, alles geheuchelt zu haben?
Schluchzend eilte Alexandra zu ihrem Wagen. Irgend jemanden brauchte sie jetzt
zum Reden, allerdings waren weder Mary Jo noch Julie dafür geeignet, da beide
dafür plädiert hatten, sie solle Chris so bald wie möglich die Wahrheit sagen,
weil einfach die Gefahr zu groß war, dass er es selbst herausfand. Von den
beiden hätte sie wenig Trost und Zuspruch zu erwarten, und so dumm sie sich
dabei vorkam, den brauchte sie jetzt einfach.
Als sie im Wagen saß, ließ sie die Stirn auf das Lenkrad sinken und schluchzte
laut auf. Wie hatte Chris das alles nur so negativ interpretieren können? Sie
hatte ihn doch nur schützen wollen. Davor, mit zu vielen Problemen auf einmal
konfrontiert zu werden. Dazu war die Angst gekommen, dass er wieder vergewaltigt
worden war. Hatte er denn all ihre Gespräche vom vergangenen Wochenende
vergessen, war all ihre Mühe, zwischen ihnen ein entspanntes, freundschaftliches
Verhältnis zu schaffen, umsonst gewesen? Er konnte doch nicht wirklich glauben,
dass sie geheuchelt hatte.
Am liebsten wäre Alexandra jetzt zurück ins Haus gestürmt und hätte Chris
gehörig die Meinung gesagt. Hätte ihm unmissverständlich klar gemacht, wie sehr
er sie verletzt hatte. Doch ein letzter Rest gesunder Menschenverstand, der
inmitten ihrer Wut, Enttäuschung und Gekränktheit noch übrig geblieben war,
hielt sie davon ab. Eine aufgebrachte Alexandra war eine Alexandra, die redete,
ohne nachzudenken. Die Gemeinheiten austeilte, ohne einen Gedanken daran zu
verschwenden, was sie beim anderen damit anrichtete. Stattdessen wischte sie
sich mit dem Jackenärmel über ihr Gesicht und startete den Wagen. Mit
quietschenden Reifen fuhr sie rückwärts aus der Einfahrt.
***
Chris war zur Zimmertür gelaufen und wollte noch versuchen, Alexandra zurück zu
halten. Ihm war schlagartig klar geworden, dass das, was er gesagt hatte,
zutiefst unfair gewesen war. Alexandra hatte nicht geheuchelt, auch wenn ihre
Motive, warum sie ihm nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt hatte, für ihn in
tiefster Dunkelheit lagen.
Sie war zu schnell gewesen. Er hörte noch die Haustür zuschlagen und gleich
darauf den Wagen wegfahren. Verdammt, was hatte er da nur angerichtet.
Verzweifelt lehnte er die Stirn an das kühle Holz des Türrahmens und schloss
einen Moment lang die Augen. Warum hatte er sie denn nicht einfach ausreden
lassen, anstatt sie mit immer neuen Anklagen zu überschütten?
Babygeschrei begann, die anklagende Stimme seines Gewissens zu übertönen. Oh
Gott, Gina war ja auch noch da. Hastig ging Chris zum Bett zurück und nahm seine
kleine Tochter hoch, nachdem er sich auf die Bettkante gesetzt hatte. Ihr
kleines Gesicht war tränenüberströmt und sie weinte jämmerlich.
„Pscht, Mäuschen, ist ja alles gut“, flüsterte er zärtlich und wiegte sie sanft
in seinen Armen. Nachdem er ihr eine Zeitlang allen möglichen Unsinn in
Babysprache erzählt hatte, beruhigte sie sich langsam wieder. Chris sah sich
suchend auf dem Bett um, irgendwo musste doch auch der Schnuller sein.
Schließlich fand er ihn und steckte ihn Gina in den Mund. Zu seiner
Erleichterung nahm sie ihn und nuckelte zufrieden daran.
Chris seufzte zittrig auf. Als er vorhin seinen Namen in diesem Fotoalbum
gelesen hatte, war diese winzige kleine Welt, die er sich in der vergangenen
Woche zurechtgezimmert und in der er sich halbwegs sicher vorgekommen war, wie
ein Kartenhaus zusammmengebrochen. Er hatte sich belogen und betrogen gefühlt
und das ausgerechnet von dem einzigen Menschen, dem er angefangen hatte, zu
vertrauen.
Was er vorhin zu Alexandra gesagt hatte, glaubte er nicht wirklich. Er hatte
sich nur so sehr in seine Wut über das Schicksal, dass ihm sein Gedächtnis
geraubt hatte, und in seine Enttäuschung, dass Alexandra ihm vorenthalten hatte,
dass Gina sein Kind war, hineingesteigert, dass er einfach ein Ventil gebraucht
hatte um Dampf abzulassen.
Ein leises Wuffen ließ Chris aufsehen. Charlie kam zur Tür herein getrottet und
legte sich vor das Bett, wo Lucy saß und winselnd um Aufmerksamkeit bettelte.
Der große Mischling stupste sein Töchterchen an und leckte ihr liebevoll über
die Schnauze, als wollte er ihr sagen, dass sie doch nicht alleine sei.
Chris schaute auf die zwei Hunde hinunter und musste trotz seiner Trauer
unwillkürlich lächeln. Die beiden, besonders Lucy, hatten ihm so sehr geholfen,
die Erinnerungen an San Quentin wenigstens ein bisschen zu verdrängen. Ihnen war
es wirklich egal, dass er ein Ex-Sträfling und eine Gefängnishure war.
Aber Alexandra hatte gesagt, ihr wäre das auch egal…Okay, nicht wortwörtlich,
doch die Bedeutung war im Grunde genommen die gleiche gewesen. Und eigentlich
hatte Chris ihr das zum Schluss auch abgenommen. Nur hatte seine Entdeckung sein
Vertrauen erst einmal zerstört. Sie hatte ihn belogen, und zwar nur ein paar
Stunden vorher. Chris presste die Lippen zusammen, als er das Gespräch in der
Küche noch einmal Revue passieren ließ.
Nein, im Grund genommen hatte sie nicht gelogen, nicht direkt jedenfalls. Sie
hatte gesagt, Ginas Vater wäre im Moment nicht verfügbar…Wenn man es von der
Seite betrachtete, dann steckte da sogar ein Fünkchen Wahrheit dahinter.
Was Chris allerdings völlig unbegreiflich erschien, war, wie es eigentlich dazu
kommen hatte können, dass Alexandra mit ihm geschlafen hatte. Zumindest einmal
hatten sie „es“ wohl tun müssen, schließlich lag der Beweis dafür ja hier in
seinen Armen und schlummerte zum Glück wieder friedlich.
„Ich wünschte, ihr zwei könntet reden und mir sagen, was wirklich passiert ist“,
sagte er leise zu Charlie und Lucy, die ihn mit gespitzten Ohren aufmerksam
beobachteten. „Warum Alex mir nichts von Gina gesagt hat.“
Charlie legte den Kopf schief und winselte.
„Ich war vorhin wohl nicht ganz fair zu ihr.“ Chris biss sich auf die
Unterlippe. „Aber…“
Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Allein würde er wohl keine Antworten auf
die Frage finden, warum Alexandra so gehandelt hatte. Vorsichtig, um Gina nicht
zu wecken, stand Chris auf. Diese Julie hatte sich heute so angehört, als wäre
sie nicht gerade glücklich über Alexandras Verhalten in dieser Sache.
Vielleicht…vielleicht konnte er sie ja anrufen und fragen. Ja, das war eine gute
Idee. Ihre Nummer war bestimmt im Telefon gespeichert.
Chris trug Gina hinüber ins Nebenzimmer. Nachdem er sie in ihr Bettchen gelegt
hatte, stand er da und schaute sie an. Seine Hände umklammerten das Geländer,
während er noch immer zu begreifen versuchte, dass dieses winzige Mädchen
tatsächlich ein Teil von ihm war, dass er etwas zu ihrer Entstehung beigetragen
hatte. Soviel dazu, dass er keine Familie mehr hatte. Gina war jetzt seine
Familie.
Dieser Gedanke ließ ein eigenartiges, warmes Gefühl in ihm aufwellen. Als er das
Gefängnis verlassen hatte, hatte er seine Zukunft in düsteren Farben gesehen. Es
hatte ihn nicht nur der hinter ihm liegende Missbrauch belastet, sondern auch
die Tatsache, dass er allein auf sich gestellt sein würde. Man hatte ihm zwar
immer wieder gesagt, er hätte Freunde, doch darauf hatte Chris sich nicht
verlassen wollen. Einfach aus dem Grund, um nicht enttäuscht zu werden.
Aber schließlich hatte Alexandra es doch geschafft, die Mauer, die er um sich
aufgebaut hatte, zum Wanken zu bringen. Er hatte geglaubt, in ihr eine Freundin
gefunden zu haben, jemanden, dem wirklich etwas an ihm lag. Und dann hatte er
dieses Album durchgeblättert…
Chris rutschte neben dem Bett zu Boden. Durch die Gitterstäbe betrachtete er
seine schlafende Tochter. Seine Tochter…Dieses Wort begann plötzlich noch eine
weitere Bedeutung zu bekommen. Es hieß nicht nur Familie, sondern auch
Verantwortung. Er, der noch nicht einmal wusste, wie er selbst allein da draußen
klar kommen sollte, trug nun neben der Verantwortung für einen Hundewelpen auch
noch die für ein Baby...
Seltsamerweise kam Chris nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde der
Gedanke, diese Verantwortung allein Alexandra aufzubürden. Stattdessen machte er
sich Sorgen darüber, wie er es denn schaffen sollte, ein guter Vater für Gina zu
sein, wo er doch seine eigenen Eltern, besonders seine Mutter, noch immer so
sehr vermisste und ihren Beistand gebraucht hätte.
Chris verfluchte sich abermals dafür, Alexandra keine Gelegenheit gegeben zu
haben, ihm ihre Handlungsweise zu erklären. Er bekam schon langsam Kopfschmerzen
von seinen Grübeleien.
Lucy versuchte winselnd, auf seinen Schoß zu krabbeln. Die beiden Hunde waren
ihm in Alexandras Zimmer gefolgt und das Hundemädchen schien sich vernachlässigt
zu fühlen und forderte nun seine Aufmerksamkeit. Chris zog sie an sich und
knuddelte sie.
„Ach Lucy...“ seufzte er und drückte ihr einen Kuss auf den schwarzen,
wuscheligen Kopf. In trübe Gedanken versunken ließ er den Blick durch den Raum
schweifen. Es war ein richtiges Babyzimmer, mit bunten Vorhängen und dieser
Entchenborte. Nur der Kleiderschrank und Alexandras Bett passten hier überhaupt
nicht hinein. Das war ihm schon aufgefallen, als er das erste Mal hier
hereingekommen war. Es sah irgendwie seltsam aus…
Chris hörte auf damit, Lucy zu kraulen. Genau, es sah seltsam aus.
„Er hat dich eine Heuchlerin genannt?“
Schniefend nickte Alexandra. Sie saß auf dem Sofa in Ians Wohnung und hatte sich
in der vergangenen Viertelstunde bei Jack ausgeheult, der sie erst tröstend in
den Arm genommen hatte und nun aufgebracht hin- und herlief.
„Dieser verflixte kleine Idiot. Hat er denn überhaupt eine Vorstellung von dem,
was du wegen ihm alles durchgemacht hast?“ explodierte Jack und blieb stehen.
„Jack, ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll…“ Alexandra fing wieder an
zu schluchzen. Sie hasste sich selbst dafür, so weinerlich zu klingen, aber
Chris’ Anschuldigungen hatten sie bis ins Mark getroffen. Und da hatte sie doch
tatsächlich geglaubt, sie hätte sein Vertrauen gewonnen. Von wegen, er traute
ihr die übelsten Gemeinheiten zu.
Wut hätte sie ja noch verstanden, aber das, was er ihr da an den Kopf geworfen
hatte…
„Du bleibst jetzt erst mal hier. Ich fahr zu dir nach Hause, seh nach Gina und
wasch Chris mal gründlich den Kopf“, grollte Jack. „Er hat absolut kein Recht,
dich so….“
„Tust du nicht.“
Alexandra sah überrascht auf, als sie Ians Stimme plötzlich von der Tür her
vernahm. Sie hatte Jacks Lebenspartner gar nicht hereinkommen hören. Wie lange
stand er schon da und lauschte ihren Jammereien?
Er schien gerade aus der Werkstatt zu kommen, wo Alexandra ihn vorhin, als sie
zum Aufzug gestürmt war, gar nicht gesehen hatte. Sie hatte nur Francis
getroffen, der ihr bestätigt hatte, dass Jack oben in der Wohnung war.
Die Hände in den Taschen seines Blaumanns vergraben kam Ian näher. Jack starrte
seinen Freund empört an.
„Spinnst du? Jemand muss ihm klar machen, dass er Alex so nicht behandeln kann.
Du weißt nicht, was er…“
„Ich hab genug gehört“, wurde er von Ian unterbrochen.
„Ach ja? Findest du das etwas in Ordnung?“
Ian seufzte entnervt und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es ist nicht in Ordnung, dass er
Alex eine Heuchlerin genannt hat. Aber das ist noch lange kein Grund für dich,
den Jungen noch mehr fertig zu machen.“
„Wie meinst du das?“ mischte Alexandra sich in das Gespräch.
Ian unterbrach sein Blickduell mit Jack und wandte seine Aufmerksamkeit der
jungen Frau zu, die wie ein Häufchen Elend auf seinem Sofa saß.
„Sagt mal, denkt ihr eigentlich nicht auch mal dran, wie Chris sich jetzt fühlen
muss? Wie es ihm überhaupt geht? Er muss sich ja komplett verarscht vorkommen…“
Alexandra zuckte zusammen. Ian hatte ziemlich laut gesprochen. Elvis, Ians Hund,
der schon die ganze Zeit versuchte, die Aufmerksamkeit seines Herrchens zu
erlangen, begann zu kläffen und Ian nahm ihn hoch.
„Aber Alex der Heuchelei zu bezichtigen ist schon etwas hart“, grollte Jack.
Ian seufzte. „Okay, ihr zwei. Jetzt sag ich euch mal was. Mir hat die Idee,
Chris im Unklaren darüber zu lassen, dass er und Alex zusammen sind und Gina
sein Kind ist, von Anfang an nicht gefallen. Ich hab nichts gesagt, weil es mich
im Grunde genommen nichts angeht und weil ihr Chris besser kennt als ich.“ Er
machte eine Pause und sah seinen Freund und Alex nacheinander an. „Aber wenn ich
mich mal in seine Situation reinversetze…ganz ehrlich, ich wäre lieber zu
jemandem zurückgekommen, der mich liebt, trotz allem, was mit mir passiert ist.
Es…es hätte mir einfach so was wie ein Gefühl von Sicherheit gegeben…“ Ian
presste die Lippen zusammen und konzentrierte sich darauf, seinem Hund den
Rücken zu kraulen.
Alexandra starrte ihn an. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle. Ian hatte recht.
Sie waren so blind gewesen. Sie, Doktor Winslow und Jack. Natürlich hatten sie
Chris nur schützen, ihm nicht soviel zumuten wollen…Aber sie hatten etwas
vergessen. Das, was Chris am dringendsten gebraucht hätte, war Sicherheit und
Geborgenheit. Etwas, das ihm seine Eltern gegeben hätten, wenn sie noch am Leben
gewesen wären. Und sie hatte doch an deren Grab geschworen, auf Chris
aufzupassen und ihn glücklich zu machen. Ein Schwur, den sie nicht hatte halten
können, weil ihr die Behörden dazwischen gefunkt hatten. Aber danach…Sie hätte
ihn auffangen müssen, nicht nur als Freundin, sondern als Partnerin.
„Mann, sogar diese Psychologin meinte, es wäre besser, Chris anfangs nichts zu
sagen“, protestierte Jack. „Er sollte erst einmal wieder zu sich finden.“
„Lass gut sein, Jack, Ian hat vollkommen recht“, sagte Alexandra leise, während
sie ihr Papiertaschentuch zerpflückte. „Es hörte sich in der Theorie so
vernünftig an und ich war auch fest davon überzeugt, dass es so richtig ist…Aber
wir haben alle vergessen, wie schwierig es sein würde, die Wahrheit vor Chris zu
verbergen und vor allem haben wir vergessen, wie…wie allein Chris sich fühlen
würde, wenn er…“ Sie biss sich auf die Lippe, um nicht wieder anzufangen zu
weinen.
Sie machte Doktor Winslow keinen Vorwurf. Die Ärztin hatte ihr den Rat gegeben,
den sie für richtig gehalten hatte. Aber sie selbst, die Chris eigentlich am
besten von allen kannte, hätte erkennen müssen, was er wirklich brauchen würde.
Liebe. Vorurteilsfreie, aufrichtige Liebe. Ein warmes, schützendes Nest, in dem
er sich sicher fühlen konnte. All das hätte sie ihm bieten können.
Und noch etwas musste Alexandra sich nun eingestehen. Nicht nur die Meinung der
Psychologin war ausschlaggebend gewesen für ihre Entscheidung, sondern ihre
eigene Angst davor, wie Chris auf die Nachricht reagiert hätte, mit ihr zusammen
zu sein. Dass er entsetzt darüber gewesen wäre. Sechs Jahre waren nicht die
Welt, aber sie war älter als er, das ließ sich nun einmal nicht abstreiten. Und
vielleicht war sie ja im Grunde genommen gar nicht sein Typ, er konnte in diese
Beziehung mit ihr ja einfach nur hineingeschlittert sein, weil sie eben da
gewesen war.
Sie war ja so egoistisch gewesen…
„Ich fahr nach Hause“, verkündete sie und stand auf. Die beiden Männer sahen sie
an, Ian zustimmend und Jack besorgt.
„Soll ich nicht doch lieber mitkommen?“ fragte Jack. „Nur falls er wieder
ausflippt…“
„Jack, halt dich da raus, das müssen die zwei selbst regeln.“ Ian warf seinem
Lebensgefährten einen warnenden Blick zu. „Alex ist alt genug.“
Alexandra schenkte Jack ein mühsames Lächeln. „Danke Jack…aber ich versuch’s
erst mal alleine. Ich hab mich da schließlich reingeritten, jetzt muss ich
zusehen, wie ich wieder rauskomme.“
„Bist du wirklich sicher?“
Alexandra nickte. „Ja, Chris hat sich inzwischen bestimmt beruhigt. Hoffe ich…“
fügte sie leise hinzu.
„Wenn nicht, dann ruf mich an“, drängte Jack. „Ich bin dann so schnell wie
möglich bei dir.“
„Mach ich, keine Bange.“ Dankbar legte Alexandra ihrem Freund die Hand auf den
Arm und drückte diesen leicht. „Was täte ich nur ohne dich“, versuchte sie zu
scherzen.
„Alex, red einfach vernünftig mit Chris“, mischte Ian sich ein. „Erzähl ihm
alles von Anfang an, versuch ihm deine Gründe für deine Heimlichtuerei zu
erklären. Das Einzige, was jetzt hilft, ist die Wahrheit.“
Alexandra wandte sich zu Ian, der sie ernst ansah. „Das weiß ich…Ich…ich werde
ihm reinen Wein einschenken“, sagte sie leise. „Und…danke, du hast mir vorhin
wirklich geholfen, wieder durchzublicken.“
Ian lächelte ihr zu. „Keine Ursache. Dazu sind Freunde schließlich auch da.“
***
Chris starrte das Bild in seiner Hand an. Nahm diesmal jede Einzelheit darauf
war. Alexandras glückliches Gesicht, seine funkelnden Augen, als sie gemeinsam
in die Kamera lachten. Und da war noch etwas, dass ihm vorher nicht aufgefallen
war. Am unteren Bildrand konnte man sehen, wie er die Hände schützend über
Alexandras Bauch gelegt hatte. Ihre eigenen lagen darüber.
Langsam ließ Chris die Fotografie sinken. Der für ihn so unfassbare Verdacht,
der ihm vorhin gekommen war, als er sich das Zimmer nebenan genauer angesehen
hatte, schien sich damit nur zu bestätigen. Der Raum war eigentlich als
Kinderzimmer eingerichtet worden, darum mochten der Kleiderschrank und das große
Bett so gar nicht hineinpassen. Die beiden Möbelstücke waren nachträglich
hineingestellt worden.
Wann, danach brauchte er gar nicht mehr zu fragen. Die Frage, wo Alexandra
vorher geschlafen hatte, wagte er sich jedoch fast nicht zu stellen. Chris ließ
den Blick durch sein Zimmer wandern. Es war um erheblich größer als das, in dem
Alexandra mit Gina schlief. Logischerweise hätte sie also dieses als gemeinsames
Zimmer für sich und das Baby einrichten müssen. Hatte sie aber nicht.
Chris ging zum Kleiderschrank. Er benutzte nur einen Teil davon, in den anderen
hatte er noch nie hineingesehen. Das holte er nun nach. Die Fächer waren leer,
doch in einem sah er ganz hinten etwas Weißes blitzen. Er griff hinein.
Es war ein fast durchsichtiges, spitzenbesetztes Hemdchen. Etwas, das mit
Sicherheit nicht ihm gehörte. Chris fühlte, wie sein Mund trocken wurde. Es gab
nur einen Menschen in diesem Haus, dessen Eigentum dieses Wäschestück sein
konnte. Und anzunehmen, dass Alexandra ihre Sachen hier in seinem Zimmer nur
aufbewahrt hatte, war lachhaft.
Die Hand um das Spitzending gekrampft sank Chris auf den Sessel, der neben dem
Kleiderschrank stand. Sein Fund ließ wohl nur einen Schluss zu. Alexandra hatte
ebenfalls hier geschlafen. Es war die einzige logische Erklärung dafür, dass das
andere Zimmer so komplett babymäßig aussah und er dieses Wäscheteil hier
gefunden hatte. Und dann war da noch dieses Foto…
Chris schluckte, um die Trockenheit in seinem Mund zu beseitigen. Es war also
keine einmalige Sache gewesen, kein Fehltritt, keine Laune des Augenblicks oder
was auch immer. Sie waren ein richtiges Paar gewesen, anscheinend mit allem, was
dazu gehörte.
Seine Hände begannen zu zittern. Er konnte förmlich spüren, wie dieses Zittern
langsam in seinem Körper hochkroch und Besitz von ihm ergriff. Ein dumpfes
Gefühl von Panik schlich sich wie aus dem Nichts an ihn heran, krallte sich in
seine Seele, loderte grell auf, wie ein Feuer, in das man Benzin geschüttet
hatte, und drohte ihm die Luft zum Atmen zu rauben. Chris keuchte erstickt auf,
wollte schreien, doch kein Laut kam aus seiner Kehle.
***
Alexandra parkte den Wagen in der Einfahrt vor der Garage. Den ganzen Weg über
hatte sie sich zurechtgelegt, was sie Chris sagen, wie sie ihm ihr Handeln
verständlich machen wollte. Dabei hätte sie zweimal beinahe eine rote Ampel
übersehen und wäre einmal fast einem Sportwagen aufs Heck geknallt. Sie fragte
sich, wie sie es eigentlich geschafft hatte, in ihrem vorherigen Zustand heil
bei Jack anzukommen.
Mit einem mulmigen Gefühl ihm Magen sah sie zum Haus. Sie hatte ein abgrundtief
schlechtes Gewissen Chris gegenüber, nicht nur wegen der verkorksten Situation,
in die sie sie beide manövriert hatte, sondern weil sie ihn mit Gina alleine
gelassen hatte. Mit einer schreienden Gina. Seltsamerweise hatte sie sich keine
Sekunde lang Sorgen um ihre Tochter gemacht, sondern blind darauf vertraut, dass
Chris sich gut um sie kümmern würde, vor allem nun, wo er wusste, dass sie auch
sein Kind war.
Sie stieg aus und ging langsam zum Haus, während sie im Geiste noch einmal
durchging, was sie Chris sagen wollte. Nachdem sie mit zitternden Fingern die
Tür aufgeschlossen hatte, betrat sie den Flur. Also dann…auf in den Kampf, sagte
sich Alexandra und stieg nach einem prüfenden Blick in die Küche die Treppe nach
oben. Sie hatte etwa die Hälfte hinter sich, als sie ein dumpfes Geräusch hörte
und gleich darauf Charlie laut bellte. Alexandra rannte los.
Als sie die offene Tür von Chris’ Zimmer erreichte und sah, warum ihr Hund
gebellt hatte, da schien jeder einzelne Tropfen Blut ihn ihrem Körper zu Eis
erstarren. Chris lag zusammengekrümmt auf dem Boden, die Augen geschlossen, und
schnappte keuchend nach Luft. Dieses röchelnde Geräusch hatte das Potential, sie
in ihre Alpträume zu begleiten.
„Scheiße!“
Fluchend stürzte Alexandra in den Raum und kniete neben Chris nieder. Sie
schubste Lucy sanft zur Seite, die winselnd über Chris’ schweißüberströmtes
Gesicht leckte als wollte sie ihn trösten.
„Chris? Chris, ich bin da, ist alles okay“, rief sie und versuchte, ihrer Stimme
einen sicheren, beruhigenden Klang zu geben, obwohl sie sich selbst auch am
Rande eines hysterischen Anfalles fühlte. Dabei packte sie Chris unter den
Achseln und zog ihn hoch, um ihn in eine sitzende Position zu bringen, damit er
leichter atmen konnte.
Er hatte eine Panikattacke, eine von der schlimmsten Sorte.
„Du musst versuchen, langsamer zu atmen…bitte…“, befahl Alexandra energisch.
„Komm schon, Chris, du kannst das…Einatmen…ausatmen…ein…aus….“
Es schien ihr, als würden Stunden vergehen, bis Chris endlich wieder zu einem
halbwegs normalen Atemrhythmus zurückfand. Er hustete und keuchte, immer wieder
unterbrochen von trockenen Schluchzern. Alexandra hielt ihn fest, beruhigte ihn,
ermutigte ihn, dass er seine Sache gut machte. Schließlich war er soweit, dass
sie ihm hochhelfen und ihn zum Bett hinüber bringen konnte.
Dort ließ er sich einfach auf die Matratze fallen und krümmte sich vornüber.
Alexandra, die sich neben ihm gesetzt hatte, legte ihm leicht die Hand auf den
Rücken. Sie spürte, wie sehr er zitterte. Jetzt, wo sie den ersten Schrecken,
Chris in diesem Zustand vorzufinden, überwunden hatte, fragte sie sich, was
diesen Anfall provoziert haben mochte.
Seit dieser Nacht in der Hütte, wo sie sein Geheimnis herausgefunden hatte, war
Alexandra nicht mehr Zeuge einer richtigen Attacke geworden. Chris hatte
gelernt, damit umzugehen, was er hauptsächlich Doktor Winslow zu verdanken
hatte. Doch das Wissen, was er in so einem Fall tun konnte, war ebenso wie so
vieles andere verloren gegangen.
Alexandra griff in die Tasche ihrer Jacke und zog ihr Handy heraus. Sie drückte
eine Nummer und hielt es sich ans Ohr, während sie Chris beobachtete, ob er
Anzeichen zeigte, dass der Anfall wiederkehrte. Doch er schien sich soweit im
Griff zu haben, dass er ihre vorherigen Anweisungen nun selbständig befolgen
konnte. Mit geschlossenen Augen holte er tief und kontrolliert Luft, wobei er
die Arme fest um seinen Oberkörper geschlungen hatte, als wollte er sich selbst
davon abhalten, so stark zu zittern.
„Mary Jo? Alex hier. Kannst du bitte Gina abholen und dich heute Nacht um sie
kümmern?“
„Ist was passiert?“ fragte die besorgte Stimme ihrer Freundin.
„Kann man so sagen“, seufzte Alexandra. „Chris weiß es…er hat es selbst
herausgefunden und…“
„Ich bin gleich da“, wurde sie von Mary Jo unterbrochen. „Ich schätze, er ist
dir nicht gerade um den Hals gefallen deswegen.“
„So ähnlich…“ gab Alexandra zurück. Das war untertrieben. Doch darauf wollte sie
im Moment nicht näher eingehen. Mary Jo verzichtete auf einen Kommentar der
Marke ‚Hab ich dir doch gesagt’ und verabschiedete sich mit dem Versprechen, in
zehn Minuten vor der Tür zu stehen.
Alexandra seufzte und steckte das Handy zurück in ihre Jackentasche. Auch wenn
Mary Jo jetzt nichts dazu gesagt hatte, sie würde sich zu dem Thema sicherlich
noch Einiges von ihr anhören müssen. Julie und Mary Jo waren entschieden dagegen
gewesen, Chris so lange im Unklaren zu lassen.
„Wen…wen hast du angerufen?“ Chris’ heisere Stimme lenkte ihre Aufmerksamkeit
wieder auf ihr aktuelles Problem.
Sie wandte sich zu ihm. Er sah ziemlich fertig aus, sein Gesicht war aschfahl,
die Haare hingen ihm strähnig und verschwitzt ins Gesicht. Dieser Anfall schien
ihn einiges an Kraft gekostet zu haben. Doch inzwischen atmete er wieder normal
und auch das Zittern hatte nachgelassen, wie Alexandra erleichtert feststellte.
Sie nahm die Hand von seinem Rücken.
„Mary Jo“, entgegnete sie leise. „So lieb ich Gina habe, aber...wir müssen
miteinander reden und Babygeschrei als Begleitung steht dabei nicht auf meiner
Wunschliste. Bei Mary Jo ist sie in den besten Händen, also schau mich nicht so
an.“
Chris senkte den Kopf. „Tut mir leid, was ich da vorhin gesagt hab“, nuschelte
er. „Ich…ich hab das nicht so gemeint…“
„Schon gut…ich war wirklich nicht gerade fair zu dir…“, sagte Alexandra leise.
„Aber darüber unterhalten wir uns nachher. Ich muss ein paar Sachen für Gina
zusammensuchen. Kann ich…kann ich dich ein paar Minuten lang alleine lassen?“
Chris nickte schweigend. Alexandra stand auf, um ins Nebenzimmer zu gehen. An
der Tür drehte sie sich um und sah zurück zum Bett. Chris hatte das Gesicht in
den Händen verborgen. Ängstlich suchte sie nach Anzeichen, dass er weinte, doch
das schien nicht der Fall zu sein. Sie hoffte nur, dass das auch so blieb.
Aus tiefstem Herzen dankbar, so großartige Freunde zu haben, packte sie hastig
das Nötige für das Baby zusammen. Sie war gerade fertig, als es auch schon unten
an der Tür schellte und sie Charlie mit einem Bellen nach unten rasen hörte.
Mary Jo war wirklich schneller als die Feuerwehr. Vorsichtig, um sie nicht zu
wecken, hob Alexandra Gina aus ihrem Bettchen und machte sich auf den Weg nach
unten.
Als sie die Tür öffnete, fand sie einer beunruhigt dreinsehenden Mary Jo
gegenüber, die sie forschend musterte.
„Hallo Alex…ich werd jetzt nicht sagen, dass das ja so kommen musste, keine
Sorge“, sprudelte ihre Freundin hervor, während sie in den Flur trat.
„Danke…“ entgegnete Alexandra müde. „Mich so runtermachen, wie ich es selber
gerade tue, kannst du gar nicht.“
„Wie hat er es denn überhaupt herausgefunden?“
„Das Album lag herum…Und da stand sein Name als Ginas Daddy drin.“
Mary Jo schüttelte den Kopf. „Und wenn es das nicht gewesen wäre, dann wäre es
etwas Anderes gewesen“, sagte sie. „Komm, gib mir Gina, ich bring sie schon mal
ins Auto, ich hab Jamies alten Babysitz vorhin noch schnell eingebaut.“
Alexandra holte die bunte Tasche mit den Fläschchen, der Babynahrung und den
Windeln aus der Küche und brachte dann alles nach draußen zu Mary Jos Auto.
Etwas verloren stand sie daneben und sah zu, wie ihre Freundin Gina behutsam im
Babysitz verstaute. Mary Jo nahm ihr die beiden Taschen ab und stellte diese
ebenfalls auf den Rücksitz. Dann richtete sich ihre Freundin wieder auf und sah
Alexandra an.
„So, ich kümmere mich jetzt um Gina und du siehst zu, dass du das mit Chris
klärst“, sagte sie streng. „Wenn ich dich morgen früh anrufe, dann will ich von
dir hören, dass er restlos alles Wichtige weiß.“
Schuldbewusst sah Alexandra ihre Freundin an. „Danke Mary Jo. Ich hab wirklich
keine Ahnung, was ich ohne dich machen würde…“
„Red keinen Unsinn, verabschiede dich von deiner Tochter und geh wieder rein zu
Chris“, befahl Mary Jo.
Alexandra nickte. Für Dankesreden war jetzt nicht der rechte Augenblick. Es gab
etwas zu erledigen. Sie beugte sich in das Auto und strich Gina, die die ganze
Aufregung komplett verschlafen hatte, liebevoll über den dunklen Haarflaum. Dann
umarmte sie zum Abschied hastig ihre Freundin, bevor sie ins Haus zurück eilte.
Als sie oben im Schlafzimmer ankam, fand sie Chris genauso vor, wie sie ihn
zurückgelassen hatte. Er sah jedoch auf, als sie den Raum betrat. Zwei Meter vom
Bett entfernt blieb sie stehen.
„Mary Jo hat Gina gerade geholt“, erklärte Alexandra, nur um einen Einstieg für
das Gespräch zu finden, das sie nun führen musste.
„Okay…“ flüsterte Chris.
Alexandra atmete tief ein. Sie hätte jetzt lieber all ihre Prüfungen noch einmal
abgelegt als sich dieser von ihr selbst verschuldeten Situation zu stellen. Aber
hätte sie wirklich so viel anders handeln können? Wann wäre denn der richtige
Zeitpunkt gewesen, Chris über sein Leben mit ihr aufzuklären? Er hatte so
verstört gewirkt, als er endlich nach Hause gekommen war…
Vorsichtig, als wäre Chris ein verängstigtes Tier, setzte sie sich zu ihm auf
das Bett, wobei sie darauf achtete, genügend Abstand zwischen ihnen zu lassen.
Den hatte sie bitter nötig, denn andernfalls bestand die Gefahr, dass sie ihm
einfach um den Hals fallen und ihn anbetteln würde, ihr zu verzeihen und sie zu
verstehen. Und damit wäre weder ihm noch ihr selbst geholfen.
„Chris, es…es tut mir so wahnsinnig leid, dass ich dir das mit Gina nicht gesagt
habe. Aber…ich…ich wusste einfach nicht wie…“ begann sie. „Ich dachte, es würde
zu viel für dich sein…Und dann hab ich ja noch geglaubt, dass du wieder…“
Alexandra brach ab. Es war einfach so verdammt schwierig, all das, was sie in
diesen ersten Stunden, nachdem Chris heimgekommen war, gefühlt hatte, auch in
Worte zu fassen.
Chris sagte nichts, sondern sah sie einfach nur an. Alexandra hatte sich noch
nie so sehr gewünscht, die Fähigkeit zu besitzen, Gedanken lesen zu können, wie
in diesem Augenblick.
„Ich hätte vorhin nicht so einfach gehen und dich mit Gina allein lassen
dürfen“, entschuldigte sie sich für ihre aktuellste Verfehlung, während sie
fieberhaft darüber nachdachte, wie sie Chris ihre Beweggründe so erklären
konnte, dass er sie verstand.
„Schon gut, ich war ja auch ziemlich gemein…aber ich war so wütend und
enttäuscht von dir…“ flüsterte Chris und senkte den Blick. „Ich weiß auch nicht,
was eben los war, ich hab nur von einer Minute auf die andere keine Luft mehr
bekommen…“
„Das hattest du früher schon mal…“ Alexandra schauderte, als sie an den
Schrecken dachte, den sie bekommen hatte, als sie Chris da auf dem Boden hatte
liegen sehen. „Es war eine Panikattacke. Doktor Winslow hat dir beigebracht, wie
man damit umgeht. Du hattest es dann ganz gut im Griff.“
„Eine Panikattacke?“ fragte Chris. „Oh Gott, ich hab gedacht, ich würde
ersticken…“
„Ich weiß.“ Alexandra wagte es, die Hand auszustrecken und ihm sanft über die
Wange zu streicheln. Er wich ihr nicht aus, was sie als ein gutes Zeichen ansah.
„Es ist so was wie eine Stressreaktion auf…auf das was passiert ist. So ähnlich
wie die Alpträume, die du hattest.“
Chris schloss die Augen und holte zittrig Luft. „Und…diese Psychotante hat mir
geholfen?“
Trotz ihrer Anspannung spürte Alexandra, wie ein kleines Lächeln über ihre
Lippen zuckte. „Psychotante“ klang so nach ihrem Chris.
„Ja, das hat sie“, bestätigte sie. „Du solltest ihr also eine Chance geben.“
Chris ließ den Kopf hängen und nickte ergeben. „Muss ich wohl…wenn sie mir auch
helfen kann, mich zu erinnern.“
Alexandra seufzte erleichtert. Endlich. Endlich hatte Chris sich bereit erklärt,
mit Doktor Winslow zu sprechen, wenn auch nur indirekt. Aber ihre Erleichterung
hielt nicht lange an. Das Schwerste lag noch vor ihr. Sie musste Chris erzählen,
was sich wirklich in diesem Jahr, das sie zusammen verbracht hatten, zugetragen
hatte.
„Chris…das mit Gina…das war nicht…“
„Ich weiß…“ wurde sie von ihm unterbrochen. „Ich…ich hab Fotos gefunden, von
deiner Geburtstagsfeier…Auf einem waren wir beide drauf und…Ich hab es beim
ersten Mal Ansehen gar nicht so bemerkt, aber…“
Alexandra folgte Chris’ Blick, der zum Schreibtisch gewandert war. Dort lag ein
unordentlicher Stapel Fotos. Sie stand auf und ging hinüber. Sie musste nicht
fragen, welches Foto er meinte. Das, was obenauf lag. Sie konnte sich noch genau
daran erinnern, wie es gemacht worden war. Sie hatten herumgealbert und Pat
hatte sich die Kamera geschnappt und sie beide fotografiert. Es waren so
wundervolle, unbeschwerte Stunden gewesen…
Alexandra nahm das Bild und kehrte zum Bett zurück. Diesmal verzichtet sie auf
einen größeren Abstand, als sie sich wieder neben ihn setzte.
„Du meinst das hier, nicht wahr?“
Chris warf einen kurzen Blick auf das Bild und nickte. „Ginas Zimmer war ein
weiterer Hinweis…Es hat nicht ausgesehen, als hättest du da Platz für ein Baby
gemacht, sondern eher andersherum. Und…und dann hab ich noch das Ding da im
Schrank gefunden“, fügte er hinzu und deutete auf einen weißen Stofffetzen, der
auf dem Boden lag und den Alexandra bei näherem Hinsehen als eines ihrer
Unterhemdchen identifizierte.
„Du hast auch hier geschlafen…“ Chris’ Stimme klang unsicher bei dieser
Feststellung, so, als könnte er eigentlich gar nicht glauben, was er da sagte.
„Ja, das habe ich. Ginas Zimmer war früher deines, bevor du…bevor du hier bei
mir eingezogen bist.“
Alexandras Kehle schnürte sich zusammen, als sie in Chris’ Augen sah. Hoffnung,
Unglauben, Trauer und Verzweiflung spiegelten sich in diesen dunkelbraunen
Tiefen.
„Aber wie…wie ist das eigentlich geschehen?“ brach es aus ihm heraus. „Du…wie
konnte so jemand wie du…“
„Nein, Chris…“ unterbrach ihn Alexandra heftig. „Wir waren einfach zwei
Menschen, die sich ineinander verliebt haben. Nicht die erwachsene Frau und der
blutjunge Ex-Sträfling mit schlimmer Vergangenheit, sondern nur zwei Menschen.
Ich geb zu, als Jack dich sozusagen angeschleppt und an meiner Türschwelle
abgelegt hat, war ich misstrauisch, aber ich hab sehr schnell meine Vorurteile
abgelegt. Du bist für mich erst zu einem Freund geworden…und dann wurde mehr
daraus.“
Alexandra wartete ab, ob Chris sich dazu äußern würde, doch er schwieg und
starrte sie nur unverwandt an. Sie fasste sich ein Herz und begann, die
Ereignisse, die sich im Lauf ihres gemeinsamen Jahres zugetragen hatten, aus
ihrer Sicht zu schildern…
Chris war zum Kopfende des Bettes gerutscht,
hatte die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und hörte Alexandra zu, wie
sie ihm erzählte, wie sich alles zwischen ihnen entwickelt hatte.
Sie erzählte mit ruhiger Stimme, wie sie sich nach und nach immer mehr in ihn
verliebt hatte, von dem Wochenende an diesem See, von dem Verdacht, der in ihr
aufgestiegen war, nachdem sie ihn aus einem Alptraum geweckt hatte, wie sie mit
dieser Doktor Winslow darüber gesprochen hatte, was sie tun konnte, um ihm zu
helfen…
Auch wenn Chris keine Erinnerungen an diese Zeit hatte, er konnte sich durchaus
vorstellen, wie auch er begonnen hatte, Gefühle für die junge Frau ihm gegenüber
zu entwickeln. Gefühle, von denen er bestimmt nie geglaubt hätte, dass sie
erwidert werden konnten, nicht bei seinem Hintergrund. Mochte er damals eine
Weile dafür gebraucht haben, sie zu entwickeln, der Funken war wohl noch immer
tief in seinem Unterbewusstsein vorhanden gewesen und ein paar Tage in
Alexandras Gegenwart hatten gereicht, um diesen Funken wieder anzufachen. Es war
nicht alles weg, was mit diesen eineinhalb Jahren zu tun hatte und das gab Chris
die Hoffnung, dass er auch den Rest wieder finden konnte.
Alexandra kam erst ins Stocken, als sie bei der Nacht anlangte, in der Gina
gezeugt wurde.
„Ich…ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist“, flüsterte sie und starrte
auf ihre Hände. „Ich hatte einfach das Bedürfnis, dir ganz nahe zu sein…dir zu
zeigen, wie viel du mir bedeutest…und dir zu beweisen, dass menschliche Nähe
nichts Schlimmes ist, nicht weh tun muss…“
Chris fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Da hatte er tatsächlich
sein „Erstes Mal“ mit einer Frau gehabt und wusste nichts mehr davon. Etwas,
worüber er und seine Freunde immer fantasiert hatten und das sie sich in den
schillerndsten Farben ausgemalt hatten. Gott, wie weit weg ihm diese Zeit
erschien, als läge ein Jahrhundert dazwischen und nicht nur ein paar Jahre.
Aber nicht das Vergessen-Haben machte ihm zu schaffen, sondern das
Es-Tatsächlich-Getan-Haben. Chris konnte sich schlicht und einfach nicht
vorstellen, soviel Intimität freiwillig mit einem anderen Menschen zu teilen,
nicht nachdem, was ihm alles aufgezwungen worden war. Aber dennoch musste er
sich dazu überwunden haben, hatte er doch laut Alexandra eine nicht unerhebliche
Rolle dabei gespielt, dass es passiert war…
„Aber es war ein Fehler“, flüsterte Alexandra. „Es war wunderschön, aber ein
Fehler. Du hattest keine Ahnung, dass ich wusste, dass du vergewaltigt worden
bist. Danach hast du dir Vorwürfe gemacht…Ich weiß nicht genau, was da in dir
vorgegangen ist, nur das, was du mir später erzählt hast und was in…was in
deinem Abschiedsbrief stand…“
Chris erstarrte. Abschiedsbrief? Er hatte einen Abschiedsbrief geschrieben?
Alexandra beugte sich zu ihm und griff nach seiner Hand. Sie drehte sie und
strich sanft mit dem Daumen über die Innenseite seines Handgelenkes. In diesem
Moment verstand Chris, was sie meinte.
„Das…das war der Grund, warum ich mich umbringen wollte?“ stieß er hervor.
Alexandra sah ihn mit in Tränen schwimmenden Augen an und nickte leicht.
„Ja…du bist in der Nacht noch weggelaufen…anscheinend hast du da schon darüber
nachgedacht…dann bist du aber zurückgekommen und hast mir ziemlich drastisch
geschildert, was im Gefängnis geschehen ist. Ich war so geschockt, obwohl ich es
ja schon wusste. Ich konnte nicht damit umgehen…“ Alexandra machte eine Pause
und holte tief Luft, bevor sie weitersprach. „Du wolltest weg, weil du dachtest,
ich würde dich jetzt hassen und verachten. Ich konnte in dem Moment nicht mit
dir reden, aber ich konnte auch nicht zulassen, dass du gehst. Also hab ich dich
in deinem Zimmer eingeschlossen. Dann kam Jack vorbei, der zu dem Zeitpunkt noch
dein Bewährungshelfer war. Ich hatte ihn angerufen, nachdem ich aufgewacht war
und du nicht da warst. Als ich mit ihm gesprochen habe, wurde mir plötzlich
klar, was es für dich bedeuten musste, dass ich dich einfach allein gelassen und
eingesperrt hatte. Da war es dann fast zu spät…“
Alexandra sah zur Seite und biss sich auf die Unterlippe. Große Tränen liefen
ihr über die Wangen. Chris fühlte sich wie betäubt. Dass er fast vergessen hatte
zu atmen, machte sich erst bemerkbar, als seine Lungen fast schmerzhaft nach
Sauerstoff verlangten und er tief Luft holen musste.
Das also war der Grund für seinen Selbstmordversuch gewesen. Alexandra hatte
anscheinend vieles nicht ausgesprochen, aber er wusste instinktiv, was da in ihm
vorgegangen sein musste. Er hatte sich zu Tode geschämt, sich unendlich schuldig
gefühlt und Angst vor ihrer Ablehnung und Verachtung gehabt. Gefühle, die ihn
auch jetzt begleiteten, seit er San Quentin hatte verlassen dürfen und hier in
diesem Haus lebte, denn ein Teil von ihm konnte noch immer nicht so ganz
glauben, dass ein anderer Mensch wirklich über all diesen Schmutz, der an ihm
haftete, hinwegsehen konnte.
Alexandra schniefte und wischte sich mit einer Hand über die nassen Wangen.
„Es war so grauenhaft…“flüsterte sie. „Da war das viele Blut…ich dachte im
ersten Moment, du wärst tot…“
Stille breitete sich in dem Raum aus, nur hin und wieder unterbrochen von
Alexandras leisem Schluchzen, das sie verzweifelt versuchte, unter Kontrolle zu
bringen. Chris wusste nicht, was ihn dazu getrieben hatte, woher er eigentlich
den Mut genommen hatte, aber plötzlich kniete er neben ihr auf dem Bett und
hatte seine Arme um sie geschlungen.
„Ich leb ja noch…“ würgte er hervor. „Bitte hör auf zu weinen…“
Alexandra schmiegte sich an ihn und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Er
konnte spüren, wie sein T-Shirt von ihren Tränen feucht wurde. Tränen, die sie
wegen ihm vergoss. Wegen ihm…
„Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn du gestorben wärst…Oh Gott, Chris,
ich liebe dich doch so sehr…“
Die Worte klangen gedämpft, da Alexandra ihr Gesicht noch immer an seine Brust
gepresst hatte und sich an ihn klammerte, als würde er sich sonst jeden Moment
in Luft auflösen. Chris wurde es gleichzeitig heiß und kalt, distanziert fragte
er sich, ob das eigentlich physikalisch überhaupt möglich war.
Alexandra hatte gerade gesagt, dass sie ihn liebte. Es war deutlich zu verstehen
gewesen. Was nun an Emotionen auf ihn einstürzten, konnte Chris kaum
beschreiben. All diese Hinweise, die er darauf gefunden hatte, dass sie
tatsächlich zusammen waren, hatten ihn auf diesen Sturm nicht vorbereiten
können, der sich nun in seinem Inneren erhob.
Er konnte die Anziehungskraft nicht leugnen, die sie auf ihn ausübte. Konnte die
Eifersucht, die ihn beim Gedanken an Ginas ehemals unbekannten Erzeuger
überkommen war, nicht mehr als etwas Anderes definieren. War das etwa…Liebe?
Nach so kurzer Zeit?
Chris schloss die Augen und drückte Alexandra noch etwas fester an sich.
Vielleicht erinnerte sich auch einfach seine Seele daran, was er mit dieser
jungen Frau geteilt haben musste. Denn dass er ihre Liebe erwidert hatte, daran
bestand für Chris kein Zweifel. Sie mochte ihre Fehler haben, sie hatte ihn
enttäuscht, weil sie ihm soviel verschwiegen hatte, aber sie hatte es nicht
böswillig getan, um ihn zu verletzen.
Alexandra löste sich ein wenig von ihm, um ihm ins Gesicht zu sehen.
„Ich…ich hab nichts gesagt, weil ich dich nicht mit etwas überfallen wollte,
dass du vielleicht nicht verkraftet hättest“, sagte sie mit einigermaßen fester
Stimme und beantwortete damit eine der vielen unausgesprochenen Fragen. „Und…und
ich hatte auch Angst, dass du…dass du dir nicht vorstellen könntest, mit mir
zusammen zu sein. Ich wollte dir einfach Zeit geben, dich an mich und all das
hier zu gewöhnen, bevor ich…bevor ich dir von Gina und von uns erzähle. Das war
falsch…“
Chris schluckte und hob fast zaghaft die Hand, um ihr über die nasse Wange zu
streicheln. Okay…das waren Gründe, die er verstehen konnte. Und wenn er recht
darüber nachdachte, sogar mehr als das. Jetzt, wo seine Wut, seine Enttäuschung
und schließlich seine Fassungslosigkeit begannen, sich nach und nach zu
verflüchtigen, fing er an, die Dinge auch aus einer anderen Perspektive zu
sehen.
Wie hätte er sich gefühlt, wenn sie ihm gleich nach seiner Ankunft Gina als
seine Tochter vorgestellt hätte? Und sich selbst als seine Freundin? Chris
dachte an den Tag seiner Entlassung. Er war einfach nur froh gewesen, diesen
Horror endlich hinter sich lassen zu können. Doch nach der ersten Nacht hier
hatte er feststellen müssen, dass er zwar einige Meilen zwischen sich und San
Quentin gebracht hatte, dass die Erinnerungen an all den Schmerz, die Scham und
die Demütigungen ihm aber gefolgt waren. Gefühle, durch die er sich entweder
durcharbeiten oder aber sie wegschließen musste. Keines von beidem war ihm
bisher gelungen, sie waren immer noch da, er schaffte es inzwischen nur, sie
zeitweise zu verdrängen.
Chris begann zu dämmern, dass diese vergangenen Wochen für Alexandra auch nicht
gerade einfach gewesen sein mussten. Er wieder im Gefängnis, das Baby…
Etwas von seinen Gedanken musste sich auf seinem Gesicht widergespiegelt haben,
denn Alexandra hob plötzlich die Hand und legte ihm den Zeigefinger auf die
Lippen.
„Keine Schuldgefühle“, sagte sie rau. „Du kannst am wenigsten etwas für das, was
passiert ist.“
„Aber ich…“
Alexandra schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Ich bin froh, dass du jetzt die
Wahrheit kennst und dass wir zusammen einen Weg finden können, um damit
umzugehen. Und das werden wir…“fügte sie hinzu.
Chris senkte den Kopf. Ja, sie würden wohl einen Weg finden müssen. Aber zuerst
einmal musste er sich wohl mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, dass er
eine Freundin hatte und sogar eine kleine Tochter…sozusagen eine richtige
Familie.
„Hey, du schaffst das schon“, sagte Alexandra weich.
„Muss ich wohl.“ Chris gelang es sogar, Alexandra bei diesen Worten ein kleines
Lächeln zu schenken, auch wenn ihm noch so gar nicht danach zumute war….
Nachdenklich sah Chris den beiden Hunden zu, die
unbeschwert miteinander auf dem Rasen herumtollten. Einem Rasen, der mehr einer
Wiese glich, wie ihm beiläufig auffiel. Es hatte sich wohl schon eine Weile
niemand mehr darum gekümmert. Dann sagte er sich, dass das wohl seine Aufgabe
gewesen war.
Er hatte sich einen Gartenstuhl herangezogen, sich hineingesetzt und die Füße
auf das Geländer der Veranda gelegt. Wenn er sich schon den Kopf zerbrechen
musste, dann konnte er das auch in einer bequemen Position tun. Neben ihm auf
dem Tisch stand eine halbvolle Tasse Kaffee, die mittlerweile schon ziemlich
abgekühlt war, wie er gerade eben mit einer angewiderten Grimasse festgestellt
hatte.
Es war noch ziemlich früh am Morgen, das Viertel begann gerade erst so richtig
aufzuwachen. Im Nachbargarten hinter der hohen Holztrennwand konnte er eine Frau
mit ihren Kindern schimpfen hören, die anscheinend nichts Besseres zu tun gehabt
hatten, als sich in ihren Schlafanzügen in den Garten zu schleichen und dort im
Sandkasten zu spielen.
Ein ganz normaler Frühjahrsmorgen in einer ganz normalen amerikanischen
Vorortsiedlung also. Zumindest für jemanden, der keine größeren Probleme hatte
als die, dass die Kinder mal wieder völlig verdreckt waren oder dass die
Morgenzeitung nicht geliefert worden und somit das Frühstück schon im Voraus
verdorben war.
Chris stemmte die Absätze gegen das Geländer und begann, mit dem Stuhl nach
hinten zu wippen. Das hatte er in der Schule schon immer getan, wenn er über
etwas intensiv nachgedacht hatte. Komischerweise half ihm dieses Wippen, sich zu
konzentrieren.
Es war eine lange Nacht geworden. Alexandra hatte ihm wirklich Alles, was ihr in
irgendeiner Weise wichtig erschien, erzählt. Sie hatte ihm Bilder und sogar ein
paar kurze Filme gezeigt, die der Mann von Mary Jo bei verschiedenen
Gelegenheiten gemacht hatte.
Das Eigenartige war, Chris konnte sich an manche Situationen sogar erinnern. An
nichts Konkretes, nur an Bruchstücke oder an bestimmte Sätze, aber für ihn war
es ein Beweis, das diese Erinnerungen dicht unter der Oberfläche lagen und nur
darauf warteten, eine Lücke zu finden, durch die sie hindurchschlüpfen konnten.
Und nun war er fest entschlossen, diese Lücke zu finden, auch wenn das
vielleicht nur mit Hilfe dieser Psychologin möglich war.
Er hatte auch erfahren, warum er wieder in San Quentin gelandet war, wer dafür
verantwortlich war, dass dieser Fehler bei seinem Bewährungsverfahren aufgedeckt
worden war. Alexandra hatte sich beziehungsweise ihre Familie nicht geschont.
Chris war mehr darüber erschrocken, aus welchen Kreisen seine Freundin stammen
musste, als über die Machenschaften ihres Bruders und ihres Vaters. Als wäre es
ihm nicht schon unwahrscheinlich genug erschienen, dass sich eine Frau wie
Alexandra in ihn verliebt hatte, nein, sie schien auch noch aus einer ziemlich
noblen Gesellschaftsschicht zu stammen. Das war ja wie ein Märchen. Prinzessin
verliebt sich in Stallburschen.
Chris verzog das Gesicht. Den Vergleich sollte er bei Alexandra wohl lieber
nicht bringen. Sie war gestern Abend einmal gehörig sauer geworden, als er
seinem Unglauben darüber laut Ausdruck verliehen hatte, dass er ihr einen
Heiratsantrag gemacht und sie diesen angenommen hatte.
Es hatte gedauert, doch schließlich hatte Chris endlich ohne Zweifel glauben
können, dass Alexandra ihn wirklich und aufrichtig liebte, dass sie alles für
ihn tun würde und für ihn sogar unwiderruflich mit ihrer Familie gebrochen
hatte.
Als Alexandra das Gefühl gehabt hatte, sie hätte nun wohl alles erzählt, was
auch nur im geringsten von Wichtigkeit war, war sie plötzlich ganz still
geworden. Sie hatte ihn voller Angst angesehen. Chris schüttelte den Kopf, als
er an diesen Augenblick zurückdachte.
~
„Und?“ fragte Alexandra tonlos. „Gibt es noch etwas, das du…das du wissen
möchtest? Ich glaub, ich hab dir alles gesagt…dir alles gezeigt…“ Sie deutete
auf die silbernen Scheiben, die vor ihr auf dem Couchtisch lagen und auf denen
Momentaufnahmen ihrer gemeinsamen Zeit festgehalten waren.
„Nein…zumindest fällt mir im Augenblick nichts ein“, entgegnete Chris. „Mein
Kopf ist so voll…ich glaub, er platzt gleich.“
Alexandra senkte den Blick auf ihre zusammengefalteten Hände, die in ihrem Schoß
lagen. Irgendwann hatte sie ihn hierher ins Wohnzimmer gezogen, ein paar
Fotoalben und diese DVDs aus dem Schrank geholt. Chris war zwar schon
überwältigt von dem gewesen, was er von ihr im Laufe des Abends erfahren hatte,
doch seine Neugier auf diese Bilder und vor allem die Filme war stärker gewesen.
„Und ich bin morgen wahrscheinlich heiser“, scherzte Alexandra mühsam. Sie warf
einen Blick auf die Uhr des DVD-Recorders. „Ich hab jetzt fast acht Stunden
ununterbrochen geredet.“
„Na ja…es ist nicht so ganz einfach, ein ganzes Jahr im Schnelldurchlauf
zusammenzufassen…“ Chris zupfte an dem Sofakissen herum, dass er sich irgendwann
herangezogen hatte, um etwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte. In
seinem Kopf spukte alles durcheinander, Alexandra konnte nicht viel ausgelassen
haben, von seiner Mitarbeit in der Praxis angefangen, über das, was sie von
seiner Therapie wusste, seine Freundschaft mit Marc, die vielen Ereignisse, die
ihren gemeinsamen Weg gepflastert hatten, wie diese Gerichtsverhandlung, oder
die Geschichte von Charlies Fehltritt, an dem er selbst nicht ganz unschuldig
gewesen war. Aber er hatte ihm Lucy beschert. Und dann natürlich ihre erste
gemeinsame Nacht…
„Nein…ist es wohl nicht“, seufzte Alexandra. Dann sah sie nochmals zur Uhr. „Was
hältst du davon, wenn wir jetzt ins Bett gehen?“
Chris hatte zwar keine Ahnung, wie er es jetzt schaffen sollte, einzuschlafen,
doch er nickte. Auf der einen Seite fühlte er sich total aufgedreht, auf der
anderen völlig erschöpft und erschlagen von der Informationsflut, die in den
vergangenen Stunden auf ihn eingestürmt war. Er würde Zeit brauchen, alles zu
sortieren und zu verarbeiten. Mit einem Seufzen stand er auf und sah Alexandra
an, die sich ebenfalls erhoben hatte. Mit einem Mal erschien ihm die
Vorstellung, jetzt allein mit seinen Gedanken in diesem Bett zu liegen,
beängstigend.
„Schläfst du bei mir?“ bat er schüchtern. „So wie früher?“
Alexandra blinzelte verwirrt. Dann glitt ein erleichtertes Lächeln über ihr
Gesicht.
„Natürlich.“
~
Lucy und Charlie hatten einen alten Arbeitshandschuh entdeckt und spielten nun
Tauziehen damit. Chris grinste, als der die beiden dabei beobachtete. Lucy hatte
zwar keine Chance gegen ihren Vater, aber sie schlug sich wacker. Ja, sie hatte
Kampfgeist, seine Kleine.
Chris’ Gedanken wanderten zurück zur vergangenen Nacht, während er den beiden
Hunden bei ihrem spielerischen Kabbeleien zusah. Alexandra hatte wirklich bei
ihm geschlafen. Beide waren sie ziemlich verlegen gewesen, als sie zusammen
unter die Decken des breiten Bettes geschlüpft waren. Sie hatten sich eine gute
Nacht gewünscht und Alexandra hatte sich auf ihrer Seite zusammengerollt, mit
dem Gesicht zu ihm. Nachdem Chris das Licht gelöscht hatte, hatte sich eine
warme Hand in seine gestohlen und sie ganz fest gehalten.
„Nur damit ich weiß, dass das kein Traum ist“, hatte Alexandra geflüstert. Kurz
darauf hatten ihm ihre regelmäßigen Atemzüge verraten, dass sie eingeschlafen
war.
Zu Chris war der Schlaf nicht so leicht gekommen. Das fahle Licht der
Morgensonne hatte sich bereits unter den Vorhängen hindurch ins Zimmer
geschlichen, als er endlich eingeschlummert war, nur um nach ein paar wenigen
Stunden wieder aufzuwachen.
„Hier bist du“, riss ihn Alexandras Stimme aus seinen Gedanken. Chris wandte den
Kopf.
Neben ihm stand Alexandra, die Haare vom Schlaf völlig zerzaust, in ihrem
dunkelblauen Schlafanzug und mit Socken an den Füßen. Sie hatte die Hände in die
Hüften gestemmt und sah vorwurfsvoll auf ihn hinunter.
„Ich bin aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen“, entschuldigte sich Chris.
Alexandra hatte sich nicht gerührt, als er vorsichtig aus dem Bett gekrabbelt
war und es war ihm ganz recht so gewesen. So hatte er Zeit, mit ein wenig
Abstand über all das, was er gestern erfahren hatte, nachzudenken.
„Ich bin erschrocken, als du nicht mehr da warst…“ sagte Alexandra leise. Dann
zuckte sie mit den Schultern. „Das gestern hat mich auch ziemlich aufgewühlt.“
„Ja…“ Chris sah wieder zu den Hunden hinaus in den Garten. Aufgewühlt war gar
kein Ausdruck für das, wie er sich fühlte.
„Wie geht’s dir?“ erkundigte sich Alexandra.
Chris zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht… Das ist alles irgendwie so
irre. Gestern Morgen wollte ich mich endlich erinnern, weil ich…weil ich dann
wahrscheinlich leichter mit allem fertig geworden wäre und jetzt…“ Er brach ab
und machte eine hilflose Geste mit der Hand. „Jetzt weiß ich plötzlich, dass mir
so viel mehr wichtige Dinge fehlen als das, was diese Therapie gebracht haben
soll.“ Mit einem Ruck stand Chris auf und drehte sich zu Alexandra.
„Du musst daran glauben, dass du dein Gedächtnis wieder zurückbekommst. Es sind
doch noch ein paar Dinge aus dieser Zeit da.“ Bittend legte Alexandra ihm die
Hand auf den Arm.
„Was, wenn nicht? Alex, ich will mich dran erinnern. An das Gute und auch an das
Schlechte. Ich will mich an diese Nacht erinnern, in der wir…“ Verlegen sah er
zur Seite. Er fühlte, wie ihm das Blut heiß in die Wangen schoss und hoffte,
dass Alexandra das nicht bemerken würde.
„Du meinst die Nacht, in der Gina gezeugt wurde?“ fragte Alexandra.
Chris nickte. Er war froh, dass ihre Stimme dabei so sachlich geklungen hatte.
„Was ist, wenn ich mich nie wieder erinnern werde?“
„Das wirst du aber. Bitte Chris, mach dich nicht verrückt. Doktor Winslow hat
gemeint, dass es Wochen oder auch Monate dauern kann, bis so eine Amnesie
verschwindet. Wir müssen Geduld haben.“
Chris sah die junge Frau ihm gegenüber an und seufzte tief. Wenn er doch nur
ihren Optimismus teilen könnte. Aber er wollte auch nicht wochen- oder
monatelang warten, bis sein Gedächtnis sich bequemte, ihm wieder Zugang zu allen
Informationen zu gewähren, die darin gespeichert waren. Er wollte es jetzt
wissen.
Er öffnete gerade den Mund, um Alexandra genau das mitzuteilen, obwohl ihm klar
war, wie kindisch das klingen musste, als Charlie bellte und in der nächsten
Sekunde hinter der Hausecke verschwunden war. Lucy folgte ihm, so schnell sie
ihre noch immer recht kurzen Beinchen tragen wollten.
„Na hoffentlich ist das nur der Briefträger“, brummte Alexandra und sah
naserümpfend an sich herunter. „Ich seh nicht gerade präsentabel aus.“
Doch es war nicht der Briefträger, der die Post einfach im Briefkasten vorne am
Gartentor gelassen hätte, sondern gleich darauf kam zu Chris’ Entsetzen Jack
Sanders in Begleitung eines blonden Mannes um die Ecke. Charlie hüpfte aufgeregt
um die beiden Männer herum.
Chris hatte gestern Abend nicht nur erfahren, dass sein ehemaliger
Bewährungshelfer homosexuell war, sondern das er auch derjenige gewesen war, zu
dem Alexandra nach ihrem Streit gefahren war, um sich auszuheulen. Chris wusste
nicht, was er nun als unangenehmer einstufen sollte, aber er hätte auf jeden
Fall gern noch etwas mehr Zeit gehabt, sich an die Tatsache zu gewöhnen, dass
Sanders auf Männer stand. Anscheinend war er gekommen, um sich zu überzeugen,
dass mit Alexandra alles in Ordnung war.
„Guten Morgen“, grüßte Sanders knapp.
„Morgen Jack, Ian…“ Alexandra schenkte den beiden Männern ein sonniges Lächeln.
Chris nickte ihnen nur zu und hoffte, dass Sanders sich dadurch besänftigen
ließ.
Seine Hoffnung war jedoch vergebens, denn dieser fixierte ihn nun mit einem
düstern Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen.
„Alles okay?“ fragte Sanders Alexandra.
„Ja, Jack. Es ist alles geklärt.“
„Tut mir leid, ich konnte ihn nicht davon abbringen, höchstpersönlich
herzukommen und sich zu überzeugen“, warf sein blonder Begleiter ein. „Ein Anruf
hat ihm nicht gereicht.“
„Schon gut, Ian.“, entgegnete Alexandra und wandte sich dann wieder an Sanders.“
Es ist wirklich lieb von dir, dass du dir solche Sorgen machst. Ich hätte dich
gestern Abend vielleicht selber noch anrufen sollen, aber…“
Chris fing einen Seitenblick von Alexandra auf und sah verlegen zu Boden.
„Na denn…wenn ihr euch geeinigt habt, dann soll es mir recht sein“, sagte
Sanders widerstrebend. „Aber das eine sag ich dir, Chris, wenn du so was noch
Mal bringst, dann kriegst du es mit mir zu tun. Was Alex für dich getan hat, das
ist mit allen Ölmilliarden dieser Welt nicht zu bezahlen. Merk dir das
gefälligst.“
Chris zuckte fast unmerklich zusammen. Sanders schien ziemlich sauer auf ihn zu
sein. Verzweifelt überlegte er, wie er diesen wieder milde stimmen konnte,
immerhin war er ein guter Freund von Alexandra und er würde ihm in Zukunft wohl
noch öfters über den Weg laufen – auch wenn ihm die Vorstellung nicht so ganz
geheuer war, nachdem was er gestern Abend erfahren hatte. Der Blonde, Ian,
musste wohl Sanders Lebensgefährte sein.
„Jack, lass den Jungen in Ruhe. Er hat schon genug auf dem Teller. Du hast doch
gehört, die zwei haben ihre Differenzen beseitigt“, schalt Ian nun. „Und jetzt
komm, ich hab noch einen Motor zu reparieren.“
Chris warf Sanders Begleiter einen dankbaren Blick zu. Er hatte keine Ahnung,
was er hätte sagen sollen und war froh, dass ihn jemand verteidigte, auch wenn
derjenige zu den Menschen gehörte, die er gelernt hatte zu verabscheuen.
„Jack…danke, dass du hergekommen bist, aber Ian hat recht.“ Alexandra trat neben
Chris. „Mit allem. Es war wohl ein bisschen zuviel auf einmal…“ Damit griff sie
nach Chris’ Hand und drückte sie leicht.
Sanders rieb sich den Nacken. „Okay, okay…“ brummte er. „Aber ich will Alex
nicht noch mal heulend vor der Tür stehen haben, klar?“
Chris schluckte. Na ja, so gesehen konnte er Sanders’ Empörung verstehen.
„Jack, so schlimm war es auch nicht“, protestierte Alexandra. „Ich war ein wenig
durch den Wind. Aber jetzt ist wirklich alles in Ordnung.“
„Also Jack, du hast es gehört. Können wir jetzt gehen?“ Ungeduldig zupfte Ian an
Sanders Jacke.
„Ja, ja…ist ja schon gut…“ grollte dieser. „Machs gut Alex, bis dann. Chris…“
Mit einem Nicken verabschiedete sich Sanders und ließ sich von Ian davonziehen.
Bevor die beiden wieder um die Hausecke verschwanden, konnte Chris noch hören,
wie sie sich kabbelten.
„Ich hab dir doch gesagt, dass du eine alte Sorgenwarze bist.“
„Bin ich nicht! Und Alex ist meine beste Freundin, da darf ich mir doch wohl
Sorgen machen.“
„Sag ich doch. Sorgenwarze.“
Neben ihm prustete Alexandra los. „Die zwei sind echt zum Niederknutschen“,
lachte sie. Dann wurde sie wieder ernst und sah Chris an. „Tut mir leid, dass
Jack hier aufgekreuzt ist. Aber ich musste gestern einfach mit jemandem
reden…Ian war übrigens voll auf deiner Seite, falls dich das interessiert.“
Chris zuckte unbehaglich mit den Schultern. Eigentlich war ihm das egal, mit
Homosexuellen wollte er nichts zu tun haben. Am besten versuchte er, die beiden
so gut es ging zu ignorieren.
„Ich hüpfe jetzt kurz unter die Dusche, dann können wir zusammen Gina holen,
wenn du magst“, schlug Alexandra vor.
„Ich soll mitkommen?“ Nervös kaute Chris an seiner Unterlippe herum. Zu
Alexandras Aufklärungsunterricht hatte auch gehört, dass sie ihm gestanden
hatte, dass ihre Freunde darüber im Bilde waren, was mit ihm geschehen war.
Damit kam Chris noch nicht zurecht. Die Scham saß einfach zu tief. Das war ein
weiterer Grund, warum er eben nicht gerade glücklich über Sanders’ Auftauchen
gewesen war.
„Du musst nicht…“ sagte Alexandra sanft. „Wenn du lieber hier bleiben willst,
dann verstehe ich das.“
Erleichtert nickte Chris. Er wollte seine Tochter zwar so schnell wie möglich
wiedersehen, aber es war alles noch zu neu für ihn, als dass er nun auch noch
Bekanntschaft mit ihm völlig fremden Menschen schließen wollte, die so viel von
ihm wussten. Er würde lieber hier auf Alexandra warten…
Lächelnd lehnte Alexandra in der Tür zum Wohnzimmer und betrachtete Chris, der
auf dem Sofa saß und Gina auf dem Schoß liegen hatte. Er schien völlig in ihren
Anblick versunken zu sein. Die beiden waren ein Herz und eine Seele…
Seit zwei Wochen nun wusste Chris, dass die Kleine seine Tochter war. Er liebte
sie inzwischen abgöttisch. Aber dennoch achtete er darauf, dass Lucy sich nicht
vernachlässigt fühlte und nahm sich viel Zeit für die junge Hündin, um mit ihr
zu spielen, sie zu knuddeln und sie zu erziehen.
Chris war nun auch wieder in Behandlung bei Doktor Winslow. An seiner ersten
Sitzung mit der Psychologin hatte Alexandra teilgenommen, um es ihm leichter zu
machen. Sie hatte das vorher mit der Ärztin besprochen und wie es sich dann
herausgestellt hatte, war es eine gute Idee gewesen. Chris war nach und nach
aufgetaut und hatte sich immer mehr an dem Gespräch beteiligt. Diesmal WOLLTE er
sich helfen lassen und war nicht unter Zwang dorthin gegangen.
Inzwischen hatte er bereits vier Sitzungen bei Doktor Winslow hinter sich
gebracht und es waren erste, kleine Erfolge zu verbuchen. Nicht in Bezug auf
sein Erinnerungsvermögen, aber er begann wieder, sich mit seinen Gefühlen
bezüglich der Vergewaltigungen auseinanderzusetzen anstatt alles nur zu
verdrängen.
Alexandra war auch wieder im großen Schlafzimmer eingezogen. Sie hatte Chris
nicht gefragt, er war von selbst zu ihr gekommen und hatte sie schüchtern darum
gebeten. Ginas Kinderbettchen stand nun ebenfalls in diesem Raum. Nur Lucy war
nicht sonderlich begeistert gewesen, denn es hatte bedeutet, dass sie nun auf
das weiche, bequeme Bett verzichten musste.
Natürlich waren sie noch weit davon entfernt, zu einer gewissen Normalität
zurückzukehren. Chris wurde regelmäßig von Alpträumen geplagt, dazu kam, dass
Gina nachts aufwachte und Hunger hatte. Einfach war diese Zeit nicht gerade und
Alexandra fühlte sich manchmal wie durch den Fleischwolf gedreht.
Letzte Woche hatte sie dann wieder selbst zu arbeiten begonnen, allerdings nur
an den Nachmittagen. Die Vormittagssprechstunde würde Doktor Haynes noch eine
Weile fortführen. Der Grund dafür war einerseits, dass sie niemanden gefunden
hatte, der sich tagsüber um Gina kümmern würde, und andererseits, weil sie der
Ansicht war, dass Chris noch mehr Aufmerksamkeit brauchte, als sie ihm hätte
geben können, wenn sie ihre Praxis wieder alleine geführt hätte. Das Babysitten
in den paar Stunden am Nachmittag hatte Chris übernommen, etwas, das ihm
unendlich viel Freude bereitete und ihm das Gefühl nahm, nur eine Belastung zu
sein.
Oh ja, ihr Leben war im Augenblick ziemlich hektisch und voller Stress. Ruhige
Momente wie dieser waren selten.
Chris schien zu spüren, dass er beobachtet wurde und sah auf. Ihre Blicke trafen
sich und er begann, verlegen zu lächeln.
„Es…na ja, es ist für mich immer noch ein kleines Wunder, dass Gina auch mein
Baby ist…“ sagte er leise, fast entschuldigend.
Alexandra richtete sich auf und betrat das Wohnzimmer. „Ich schätze, ein Baby zu
haben ist am Anfang immer ein Wunder. Mir ging es so, als ich sie im Krankenhaus
zum ersten Mal auf dem Arm hatte. Sie sah total zerknautscht aus, aber alles an
ihr hat mich an dich erinnert, angefangen von den Haaren…“ Sie musste schlucken,
als sie daran dachte.
„Ich wär so gern da gewesen“, flüsterte Chris sehnsüchtig, den Blick wieder auf
seine Tochter gerichtet.
Alexandra setzte sich neben ihn. Ja, sie hätte diesen Moment auch lieber mit ihm
geteilt, aber jemand hatte etwas dagegen gehabt, dass sie mit Chris glücklich
wurde. Wenn sie an diesen Jemand dachte, stieg noch immer heiße Wut in ihr hoch.
Eigentlich waren es zwei Personen, ihr Vater und sein Handlanger Justin.
Seit diesem Tag, als sie in der Kanzlei diesen Aufstand gemacht hatte, hatte
sich keiner von beiden mehr bei ihr gemeldet. Alexandra hoffte, dass das so
bleiben würde. Sie hatte es todernst gemeint, als sie gesagt hatte, sie wolle
nichts mehr mit ihrer Familie zu tun haben. Diese Aktion und besonders die
Konsequenzen hatten jedem positivem Gefühl, dass sie noch für einen ihrer
engsten Familienangehörigen hätte aufbringen können, den Todesstoß versetzt.
„Ja…mir hat es beinahe das Herz zerrissen, so sehr habe ich dich vermisst“,
entgegnete sie und streckte die Hand aus, um Gina sachte über die Wange zu
streicheln.
Sie schwiegen beide, während sie ihrer kleinen Tochter beim Schlafen zusahen.
Alexandra wusste, dass Gina für Chris das wichtigste Bindeglied zwischen sich
und seinen verschütteten Erinnerungen war, der lebende Beweis dafür, dass es für
ihn ein Leben nach San Quentin gegeben hatte. Sie mochte ihm hundertmal am Tag
versichern, dass sie sich geliebt hatten, dass sie in noch immer liebte. aber
das waren nur Worte. Gina konnte er anfassen.
„Ich hab Doktor Winslow gefragt, wie lange es noch dauern kann, bis ich mich
erinnere“, unterbrach Chris nach einer Weile die Stille.
„Und?“
„Sie meinte, ich müsse Geduld haben...Es sei noch alles da und ich hätte auch
unbewusst Zugriff darauf. Sie…sie hat gesagt, mit der Therapie selber würden wir
viel schnellere Fortschritte machen als damals beim ersten Mal.“
„Wirklich?“
„Es ist seltsam, manchmal fängt sie mit etwas an und ich weiß genau, worauf sie
hinaus will oder was sie als nächstes sagen wird. So, als hätte ich das alles
schon mal gehört.“
„Hast du ja auch…“ seufzte Alexandra. „Chris, ich wünsche mir nichts mehr als
dass es wieder so wird wie vorher…“
Chris wandte den Blick schnell ab und richtete ihn wieder auf Gina.
„Ich auch…“ flüsterte er erstickt.
Alexandra rückte näher zu ihm und legte ihm vorsichtig den Arm um die Schulter.
Chris schreckte vor Berührungen zurück, besonders dann, wenn er nicht darauf
vorbereitet war. Doch jetzt ließ er es zu, lehnte sogar den Kopf an Alexandras
Schulter.
„Es kommt bestimmt alles wieder in Ordnung“, sagte sie mit fester Stimme.
„Vielleicht…vielleicht dauert es noch eine Weile, aber du wirst dich wieder
erinnern. Ganz sicher.“
An ihrer Schulter spürte sie, wie Chris nickte. Sie durften beide nur nicht den
Glauben und den Mut verlieren. Eines Tages würde sich der Nebel lichten und
Chris würde sein Gedächtnis wieder zurückbekommen…
***
Die Wochen vergingen. Schließlich kam der Tag, an dem Chris seine
Entlassungspapiere ausgehändigt bekommen würde.
Alexandra hatte ihn begleitet und wartete unten im Foyer der Behörde, während
Chris mit klopfendem Herzen langsam die Treppen zu dem Stockwerk hinaufstieg, in
dem Marcs Büro lag. Leicht war es nicht für ihn gewesen, zu seinem
Bewährungshelfer Vertrauen zu fassen, zu viel Negatives hatte er im Gefängnis
über diese Typen gehört, aber Marc Adams hatte es mit viel Geduld geschafft.
Geduld, und indem er Chris bewiesen hatte, dass er wirklich auf seiner Seite
stand. Bei seinem zweiten Besprechungstermin war Marcs Vorgesetzter Kendall
dabei gewesen und Chris hatte sich verzweifelt gefragt, wie er das Gespräch
überstehen sollte ohne dass er sich dem Mann gegenüber verriet. Marc hatte ihm
damit aus der Patsche geholfen, indem er fast die ganze Zeit geredet hatte, bis
dieser Kendall endlich abgezogen war.
Nun war es also endlich soweit. Die fünf Jahre, zu denen er verurteilt worden
war, waren vorüber. Fünf Jahre, die einen anderen Menschen aus ihm gemacht
hatten.
Vor der Bürotür hielt er inne. Wenn er wieder herauskam, würde er die Dokumente
in der Hand halten, die ihm bescheinigten, dass er frei war und gehen konnte
wohin er wollte. Er war dann keinem mehr Rechenschaft für sein Handeln schuldig.
Er musste sich nicht mehr kontrollieren lassen, war keiner Behördenwillkür mehr
ausgeliefert.
Chris atmete tief durch und klopfte an die Tür, bevor er eintrat. Marc saß an
seinem Schreibtisch und blätterte in einer Akte.
„Hallo“, begrüßte Chris ihn und vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jacke.
Mit einem Lächeln sah Marc auf. „Hey Chris. Pünktlich wie immer. Na ja, wer will
schon zum Abholen seiner Entlassungspapiere zu spät kommen“, grinste der junge
Mann. „Setz dich.“ Damit deutete er auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Stimmt“, antwortete Chris und folgte der Aufforderung.
„Okay, ich hab alles hier…“ Marc kramte ein paar Schriftstücke aus der Akte
hervor, mit der er sich beschäftigt hatte. „Du musst mir nur hier unten
unterschreiben, das war’s dann. Keine staatlich verordneten Kontrollen mehr.“ Er
schob Chris eine Empfangsbestätigung für die Dokumente zu.
Chris griff nach dem angebotenen Kugelschreiber und setzte seinen Namen unter
das Schriftstück. Ein seltsames, ungewohntes Gefühl machte sich in ihm breit. Er
war jetzt wirklich frei…
„Danke. Hier sind deine Entlassungspapiere. Geprüft und für in Ordnung
befunden“, erklärte Marc und reichte ihm einen Briefumschlag.
Als Chris den Umschlag endlich in seinen Händen hielt, starrte er ihn erst
einmal sekundenlang nur an. Dass sein nun ehemaliger Bewährungshelfer noch etwas
zu ihm sagte, bekam er nur ganz am Rande mit.
„Was?“ frage er verwirrt und sah auf.
Marc räusperte sich. „Ich hab gefragt, ob du etwas dagegen hast, wenn ich in
Zukunft mal bei dir vorbei schaue, einfach so, als…Freund.“
Chris öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Er wusste ja von
Alexandra, dass er und Marc richtig befreundet gewesen waren, doch ein Gefühl
dieser Art hatte sich bisher nicht einstellen wollen. Ihre Treffen waren immer
in leicht gezwungener Atmosphäre verlaufen, Marc hatte sich zwar die größte Mühe
gegeben, ihm seine Anspannung zu nehmen, ganz war ihm das jedoch nie gelungen.
Für Chris war einfach der Graben zwischen ihnen zu groß gewesen, auch wenn er
dem Mann zumindest soviel vertraut hatte, dass er ihm nichts Böses wollte.
„Das…das wär schon okay…glaube ich…“ stammelte er schließlich. Die Bitte hatte
ihn überrascht und er wusste noch nicht genau, was er davon denken sollte.
Eigentlich wollte er wirklich restlos alles, was ihn an seinen
Gefängnisaufenthalt erinnerte, hinter sich lassen.
Marc schien zu spüren, dass er nicht besonders glücklich über diese Bitte war,
denn er seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die kurz geschnittenen, dunklen
Haare.
„Tut mir leid…“ sagte er bedrückt. „Es ist nur…ich schätze, ich will den Kontakt
zu dir nicht völlig verlieren. Unsere Freundschaft war mir sehr wichtig.“
Chris senkte den Blick und starrte auf den Boden vor seinen Füssen. Das war das
erste Mal, dass Marc davon sprach, dass sie miteinander befreundet gewesen
waren, bevor er das Gedächtnis verloren hatte. Er war ihm also wichtig
gewesen…Nun, es gab nicht besonders viele Menschen in seinem Leben, von denen er
das behaupten konnte, zumindest hatte Alexandra ihm nichts davon erzählt.
„Du kannst mich gern mal besuchen“, sagte er schließlich und sah wieder auf.
„Das meine ich ehrlich, Marc. Vielleicht fällt mir ja bald alles wieder ein und
dann bin ich bestimmt froh, wenn du nicht einfach aus meinem Leben verschwunden
bist.“
Dass er die richtigen Worte gefunden hatte, konnte er daran sehen, dass Marc
wieder anfing, zu lächeln. Herzlich und offen.
„Danke…das finde ich echt großartig.“
Chris biss sich auf die Unterlippe und nickte. Es war richtig gewesen, auf Marcs
Bitte einzugehen. Er musste aufhören, in jedem Mann eine potentielle Bedrohung
zu sehen und Marc war das ideale Objekt, um damit anzufangen. Er zumindest war
nicht homosexuell, so wie Sanders. Außerdem fand Chris ihn eigentlich ganz nett.
„Na dann…“ sagte er und stand auf. „Vielen Dank noch mal für alles, was du für
mich getan hast.“
Marc erhob sich ebenfalls und streckte Chris seine Hand zum Abschied hin. „Keine
Ursache…ich hab’s gern getan. Halt die Ohren steif, Kumpel“, lächelte er.
Die beiden jungen Männer schüttelten sich die Hände, dann drehte Chris sich um
und ging zur Tür. Nun war ein Abschnitt seines Lebens endgültig abgeschlossen.
Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um.
„Man sieht sich dann.“
Marc nickte. „Man sieht sich.“
Als Chris draußen auf dem Gang stand, schloss er die Augen und atmete tief
durch. Seine Hand umklammerte den Umschlag mit den Entlassungspapieren. Es war
wirklich vorbei…
Mit mittlerweile schon routinierten Handgriffen bereitete Chris das Fläschchen
für Gina zu. Für sich und Alexandra hatte er ein paar Sandwiches zum Mittagessen
vorbereitet. Sie würde vermutlich auch bald fertig sein und zu ihm in die Küche
kommen.
Alexandra arbeitete seit drei Wochen wieder alleine. Sie hatten zwar niemanden
gefunden, der sich um Gina kümmerte, aber Chris hatte ihr keine Ruhe gelassen,
bis sie sein Angebot angenommen hatte, dass er das übernehmen würde.
Alexandra hatte sich Sorgen gemacht, dass Gina zu einer Belastung für ihn werden
würde, wenn er sie den ganzen Tag um sich haben musste. Sie tat zwar noch nicht
viel anderes als Essen und Schlafen, aber dennoch beanspruchte sie ein gewisses
Quantum an Aufmerksamkeit. Allerdings war das etwas, das Chris seiner Tochter
gerne schenkte.
Immerhin konnte er ihr nicht viel mehr bieten. Die Prüfung für den
Highschool-Abschluß hatte er sausen lassen, hatte sie auf nächstes Jahr
verschoben, weil er sich einfach nicht genügend hatte konzentrieren können, um
vernünftig zu lernen. Es hatte zuviel gegeben, das ihn beschäftigt und abgelenkt
hatte.
Nachdem der erste Schock über die Entdeckung, dass er ein Kind und eigentlich
auch eine Freundin hatte, abgeflaut war, waren die ersten Bedenken gekommen,
Probleme hatten sich aufgetürmt, so hoch wie die Rocky Mountains.
Er war ein Niemand, hatte kein Geld, keinen Schulabschluss und keinen
vernünftigen Beruf. Noch dazu würden auf seinem Lebenslauf immer diese
dreieinhalb Jahre Gefängnis prangen. Wie also sollte er es schaffen, für ein
Kind zu sorgen? Noch dazu fühlte er sich selber wie ein Kind. Ein Kind, das noch
immer nicht mit dem Tod seiner Eltern zurechtgekommen war, das von einem Tag auf
den anderen in eine grausame Erwachsenenwelt geworfen worden war, die ihn fast
an den Rand des Abgrunds gebracht hatte. Mochte Alexandra ihm auch immer wieder
versichert haben, dass das, was man ihm angetan hatte, für sie keine Rolle
spielte, für Chris spielte es dafür eine viel größere. Er hatte es nicht
geschafft, sich zu wehren, hatte sich schließlich ergeben und aus Angst vor den
Konsequenzen Dinge getan, für die er sich ein Leben lang schämen würde.
Chris nahm das Fläschchen für Gina aus der Mikrowelle und schüttelte es. Sein
Blick fiel dabei auf die Hunde, die neben ihm saßen und ihn aufmerksam
beobachteten. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Lucy war nun fünf Monate alt. Sie war unheimlich gewachsen in der Zeit,
allerdings wäre niemand auf die Idee gekommen, dass Charlie ihr Erzeuger war,
denn sie sah wirklich mehr aus wie ein Neufundländer als alles andere. Ein wenig
schlanker war sie schon, man merkte, dass sie kein reinrassiges Tier war, nur
mit Charlie hatte sie bis auf die Tatsache, dass sie vermutlich genauso groß
werden würde, wirklich keinerlei Ähnlichkeit. Nun ja…laut Alexandra stellte sie
allerdings genauso viel an, wie Charlie es als Welpe getan hatte.
Okay, die Milch hatte die richtige Temperatur. Mit dem Fläschchen in der Hand
ging Chris hinüber zum Küchentisch, auf dem die Babywippe mit Gina darin stand.
Behutsam hob er das Baby heraus und setzte sich, um seine kleine Tochter zu
füttern.
Sie war so ein niedlicher, kleiner Fratz…Chris genoss diese Momente, wo er sie
ganz für sich alleine hatte, von ganzem Herzen. Es waren Momente, in denen sein
schlechtes Gewissen, dass nicht er es war, der für ihre kleine Familie sorgte
und das Geld verdiente, verstummte. Er hätte so viel versäumt…
Alexandra hatte zugegeben, dass sie eigentlich geplant hatten, dass er die Rolle
des „Hausmannes“ übernehmen würde, während sie ihre Praxis weiterführte. Sie
hatte ihm auch erklärt, dass es seine Idee gewesen war, da er nicht gewollt
hatte, dass ihr Kind hauptsächlich von einer Fremden aufgezogen wurde. Chris
fiel es nicht schwer, sich mit diesem Wunsch zu identifizieren, war dies doch
auch mit ein Grund, warum er Alexandra diesen Vorschlag gemacht hatte.
Inzwischen fand er, dass er diese Aufgabe eigentlich recht gut meisterte,
zumindest was Gina anbelangte. Mit der restlichen Hausarbeit stand er ein wenig
auf Kriegsfuß. Chris war zwar ein relativ ordentlicher Mensch, wenigstens im
Vergleich zu Alexandra, aber einen Haushalt zu führen hatte er nie gelernt.
Dafür war immer seine Mutter zuständig gewesen.
Zu Chris’ Überraschung hatte sich hier Mary Jo als unschätzbare Hilfe erwiesen.
Er hatte sie kennen gelernt, als sie eines Tages bei ihnen aufgetaucht war, weil
sie bei Alexandra ein paar Sachen für einen Basar abholen wollte. Als Chris
damals die Tür geöffnet hatte, weil Alexandra ihn darum gebeten hatte, hatte er
geglaubt, es wäre ein Bote, der die bestellten Medikamente für die Praxis
brachte, doch dann war diese Frau vor ihm gestanden, die er bisher nur von
Bildern und aus Erzählungen kannte.
~
„Hallo Chris.“ Mary Jo lächelte ihn freundlich an. „Kann ich reinkommen? Ich war
sowieso in der Gegend, da dachte ich mir, ich kann die Sachen, die Alex mir für
den Basar versprochen hat, gleich selbst mitnehmen. Ist sie denn nicht da?“
Chris schluckte. Natürlich hatte er mitbekommen, dass Alexandra auf dem
Dachboden herumgekramt und ein paar Dinge, von denen sie glaubte, dass sie
entbehrlich wären, in eine Kiste gepackt hatte. Die Aktion war nicht zu
überhören gewesen. Das Zeug stand nun im Hausgang und er hatte die Hunde schon
einige Male davon abhalten müssen, ihrer Neugier zu folgen und darin
herumzuschnüffeln. Heute Nachmittag hätte sie die Kiste endlich wegschaffen
wollen.
„Doch…nein…ich meine, Alex ist nur kurz zum Supermarkt gefahren…“
„Dann kommt sie also gleich wieder?“
„Denk schon…“nuschelte Chris und wich dem Blick der Frau aus. Mary Jo wirkte auf
ihn so bieder in ihrem gelben Kostüm und der weißen Bluse, es war jenseits
seiner Vorstellungskraft, dass sich so jemand freiwillig mit ihm abgeben, ihn
überhaupt zur Kenntnis nehmen würde.
„Darf ich dann auf sie warten? Ich muss sie noch etwas fragen.“
Zögernd trat Chris zur Seite, um Mary Jo ins Haus zu lassen. Sie drängte sich an
ihm und den hechelnden Hunden vorbei in den Flur und steuerte schnurstracks die
Küche an. An der Tür blieb sie stehen und drehte sich um.
„Willst du die Tür nicht zumachen?“ fragte sie.
Erst jetzt merkte Chris, dass er sich noch keinen Zentimeter bewegt hatte, so
verblüfft war er über die plötzliche Invasion, von der er keine Ahnung hatte,
was er mit ihr anfangen sollte. Hoffentlich kam Alexandra bald wieder zurück.
Schließlich konnte er ihre Freundin nicht einfach sich selbst überlassen,
sondern musste wohl versuchen, sie ein wenig zu unterhalten. Nur wie, das war
ihm ein Rätsel. Was redete man mit so einer Frau?
Langsam schloss er die Tür und folgte Mary Jo in die Küche, wo er unschlüssig im
Türahmen stehen blieb. Gina war oben und schlief, sie fiel als Ablenkung schon
mal aus. Fast wünschte sich Chris, dass sie anfangen möge zu schreien, dann
hätte er einen Grund, sich zu entschuldigen und die Flucht zu ergreifen.
„Kann ich…kann ich Ihnen was anbieten? Kaffee oder so?“
„Ach, eine Tasse Kaffee wäre nicht schlecht. Ich bin schon seit heute Morgen um
acht unterwegs, seit ich Susan und Jamie in den Kindergarten gebracht habe.“
Froh, wenigstens etwas zu tun zu haben, ging Chris zur Kaffeemaschine und griff
nach der Kanne.
„Du brauchst mich übrigens nicht zu siezen, aus diesem Stadium sind wir schon
lange heraus“, erklang hinter ihm Mary Jos sanfte Stimme.
Chris warf einen Blick über die Schulter. „Okay…“ sagte er unsicher.
Nach etwa einer Minute Schweigen, in der Chris die Kaffeemaschine vorbereitete
und sich überlegte, worüber er mit Mary Jo wohl reden konnte, ergriff diese
wieder das Wort.
„Habt ihr jetzt eigentlich schon jemanden gefunden, der sich um Gina kümmert,
wenn Alex wieder voll arbeitet?“
Chris drehte sich zu ihr um und lehnte sich an die Küchentheke. Die Hände
vergrub er in den Taschen seiner Jeans.
„Nein…ich hab Alex überredet, mir das zu überlassen…Gina meine ich. Ich…ich hab
ja sonst nichts zu tun und…Na ja, so schwer ist das ja auch nicht, ich hab ja
jetzt schon immer an den Nachmittagen, wenn Alex gearbeitet hat, auf den Zwerg
aufgepasst…“ Er zuckte mit den Schultern.
Mary Jo lächelte. „Du magst sie also wirklich...“
„Klar, was gibt’s an ihr nicht zu mögen? Wär doch unnatürlich. Und außerdem ist
sie ja auch mein Baby.“ Chris senkte den Kopf und fixierte die Spitzen seiner
Schuhe.
„Ich finde es großartig, dass du Alex so unterstützt. Wenn man bedenkt…“ Mary Jo
machte eine Pause. „Wie geht es dir eigentlich?“ fragte sie dann.
Chris schluckte und warf Mary Jo von unten her einen Blick zu. Er hatte noch
immer schwer daran zu kauen, dass Alexandras Freundeskreis über seine
Vergangenheit im Bilde zu sein schien, zumindest was die nackten Tatsachen
anbelangte. Das war ein Grund, warum er diesen Leuten möglichst aus dem Weg
ging, falls mal einer davon hier auftauchte.
„Ganz gut soweit“, antwortete er. Es war zwar nicht so ganz die Wahrheit, aber
Chris hatte nun wirklich nicht das Verlangen, sein mehr als turbulentes
Seelenleben vor jemandem auszubreiten, den er vor gerade mal fünf Minuten
kennengelernt hatte. Es reichte ihm schon, dass er dazu bei Doktor Winslow
gezwungen war.
„Aber erinnern kannst du dich noch immer an nichts?“
„Nein, nichts Bestimmtes jedenfalls.“ Er schüttelte den Kopf.
Zum Glück schien Mary Jo gemerkt zu haben, dass das etwas war, worüber er nicht
sprechen mochte, zumindest nicht mit ihr.
„Wie kommst du denn so mit Gina klar? Ganz so einfach ist es ja nicht, sich um
ein Baby zu kümmern, ich hab schließlich zwei gehabt und spreche da aus
Erfahrung.“
Chris nagte an seiner Unterlippe. Na ja, wenn er es recht bedachte, dann hatte
es schon Momente gegeben, in denen er am Rande der Verzweiflung gewesen war.
Gina war zwar im Allgemeinen recht brav, aber auch sie hatte ihre Anfälle.
Manchmal wollte sie nichts anderes, als herumgetragen werden, dann brüllte sie
sofort los, wenn er es wagte, sie wieder in ihr Bettchen oder in ihre Wippe zu
legen.
„Stimmt schon…“ gab er zu. „Aber ich hab sie wirklich lieb und na ja…Babies sind
halt auch mal ein wenig schwierig. Ich krieg das schon hin.“
Mary Jo sah ein wenig skeptisch drein. Anscheinend traute sie ihm doch nicht
ganz zu, dass er diese Aufgabe auf Dauer meistern würde. Statt ihn zu entmutigen
ließ dieses Misstrauen in Chris allerdings nur den brennenden Wunsch erwachen,
ihr das Gegenteil zu beweisen. Wieso sollte er es denn nicht schaffen, andere
Leute schafften es doch auch? Außerdem hatte er sich schon durch eines der
Babybücher durchgekämpft, von denen Alexandra ein Dutzend besaß. Allerdings
hatte sie deren Vorhandensein ihm in die Schuhe geschoben, was Chris noch immer
nicht so ganz glauben mochte. War er wirklich so babyverrückt gewesen?
„Wenn du Fragen hast, egal was, dann kannst du mich gerne anrufen. Du brauchst
keine Scheu zu haben, dümmer als Alex kannst du dich eigentlich nicht
anstellen.“ Sie lächelte, um ihren Worten die Spitze zu nehmen.
„War Alex denn so schlimm?“ erkundige sich Chris. Das war ihm ja das Neueste,
bisher hatte er sie als ganz kompetente Mutter gesehen.
Mary Jo lachte. „Nun, ganz so tragisch war es nicht…Aber Alex konnte mit Kindern
früher nie besonders viel anfangen, darum war sie anfangs ein wenig überfordert.
Gina kam zu früh zur Welt, sie hatte sich noch nicht so ganz auf ein Baby
eingestellt, dann warst du nicht da…Es war alles ein bisschen schwierig…“
Chris holte tief Luft. Wieder eine Information mehr. Er sollte sich vielleicht
doch öfters mit Alexandras Freunden unterhalten, es gab eben immer noch Dinge,
von denen Alexandra ihm nichts gesagt hatte. Vielleicht nicht mit Absicht,
vielleicht hatte sie es einfach vergessen oder verdrängt oder einfach nicht für
wichtig befunden. .
„Ich weiß…“ sagte er bedrückt.
„Jedenfalls bin ich immer für dich da, wenn du ein Problem hast, egal ob es
wegen Gina ist oder wegen etwas anderem. Nur für den Fall, dass Alex mal nicht
erreichbar sein sollte.“ Mary Jo sah ihn ernst an.
Der erste Eindruck trog eben doch manchmal. Mary Jo war wirklich so, wie
Alexandra sie ihm beschrieben hatte, hilfsbereit und mütterlich. Chris spürte,
wie er ein wenig Zutrauen zu der Frau fasste. Nicht viel, aber immerhin etwas.
„Danke…Ich werds mir merken.“ Er versuchte zu lächeln.
„Gut.“ Mary Jo nickte zufrieden.
Charlie und Lucy spitzten die Ohren und rannten nach draußen in den Flur, ein
untrügliches Zeichen, dass jemand vor der Tür stand. Und richtig, gleich darauf
konnte man das Öffnen der Haustür hören. Alexandra war wieder da.
~
Chris beobachtete Gina, wie sie selbstvergessen an ihrem Fläschchen nuckelte. Oh
ja, Mary Jo hatte immer einen Rat gewusst und Chris war sich mit seinen Fragen
nie irgendwie dumm oder nicht ernstgenommen vorgekommen. Dass sie wusste, was
mit ihm passiert war, war ihm gelungen, zu verdrängen, zumindest dann, als ihm
bewusst geworden war, dass ihre gluckenhafte Art einfach ihre Natur war und
nichts mit Mitleid zu tun hatte.
Wenn doch alles so einfach gewesen wäre wie seine Beziehung zu Alexandras
Freundin…
Chris hatte es immense Überwindung gekostet, zu dieser Doktor Winslow zu gehen.
Dass Alexandra ihn beim ersten Besuch begleitet hatte und sogar mit ins
Behandlungszimmer gekommen war, hatte ihm die Sache ein wenig erleichtert. Er
war froh gewesen, dass er nicht selbst hatte die Geschichte erzählen müssen, wie
er herausgefunden hatte, dass er Ginas Vater war.
Die Psychologin war ihm zum Glück sympathisch gewesen. Sie hatte ihn weder wie
einen Verrückten noch wie ein kleines Kind behandelt, sondern hatte ganz
sachlich mit ihm geredet und ihm erklärt, wie sie die Therapie durchführen
wollte und was sie damit beabsichtigte. Ihm zu helfen, seine Erlebnisse zu
verarbeiten und sein Gedächtnis wiederzufinden.
Chris hatte während der Sitzungen, die meist sehr schmerzhaft für ihn waren,
zumindest begriffen, dass er keine Schuld daran trug, dass er vergewaltigt
worden war. Es war nichts, dass er hätte verhindern können. Was den Rest seiner
Gefühle betraf, die hatte Doktor Winslow gerade mal begonnen, auszuloten. Hass,
Wut, Scham, das Gefühl von Demütigung, die ganze Palette. Und all das gemischt
der Verzweiflung darüber, sich einfach nicht erinnern zu können…
~
„Ich halt das langsam nicht mehr aus…“ flüsterte Chris erstickt und fuhr sich
mit einer Hand über die tränennassen Wangen.
Wieder einmal saß er hier in diesem Raum bei Doktor Winslow und fühlte sich, als
hätte er sich komplett umgestülpt und sein Innerstes schutzlos den Elementen
preisgegeben. Diese Therapiestunde war eine derjenigen, die ihn an den Rand
eines kompletten Zusammenbruches gebracht hatte, so intensiv waren die Gefühle
gewesen, die plötzlich über ihn hereingebrochen waren. Hass auf das Schicksal,
das ihn nach San Quentin gebracht hatte, auf Jackson, Lewis und Konsorten,
seinen Richter, die Wärter, die zugesehen und nichts unternommen
hatten…Verzweiflung, weil trotz der Mühe, die er sich gab, ein Großteil der
Erinnerungen, die er verloren hatte, noch immer durch Abwesenheit glänzte.
„Chris, es braucht Zeit, das alles zu verarbeiten, das wissen Sie doch“, sagte
die Psychologin, die ihm gegenüber saß, mit ruhiger Stimme. „Dafür, dass wir
wieder bei Null anfangen mussten, sind Sie schon sehr weit gekommen.“
Chris stieß ein bitteres Lachen aus. „Klar…Ich hab gerafft, dass ich nichts
dafür kann, dass mich so ein paar kranke Schweine zu ihrem Spielzeug gemacht
haben. Aber das ändert nichts daran, dass ich mich so…so schmutzig fühle…“
„Das werden Sie…“
„Ich weiß, dass ich das überwinden werde.“ Chris sprang auf und ballte die
Fäuste. „Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen, ich hab das ja anscheinend
schon mal geschafft. Aber wieso kann ich mich nicht einfach daran erinnern?
Wieso muss ich da noch mal durch?“
Durch einen Tränenschleier sah er Doktor Winslow an, die ebenfalls aufgestanden
war und nun auf ihn zukam.
„Chris, setzen Sie sich wieder hin“, bat sie und drückte ihn sanft zurück in
seinen Sessel. Dann ging sie vor ihm in die Hocke und ergriff seine Hände.
„Ich weiß auch nicht, warum das so ist“, begann die Psychologin. „Irgendetwas
scheint Sie noch zu blockieren. Aber je ungeduldiger Sie werden, je krampfhafter
Sie versuchen, sich zu erinnern, desto schwieriger wird es. Und es ist doch
nicht so, dass wirklich alles weg ist, es gibt doch so viel, was Ihnen wieder
eingefallen ist.“
Chris schniefte und sah auf Doktor Winslow hinunter, die ihn besorgt musterte.
Klar, ihm waren manche Dinge wieder eingefallen, zum Beispiel das Zeug, das er
für seinen Schulabschluss gelernt hatte. Und Alexandra hatte ihm den Stapel
Babybücher gezeigt, den er anscheinend vor Ginas Geburt gewälzt hatte. Vieles
darin war ihm bekannt vorgekommen. Es gab eine Menge Kleinigkeiten, die er
automatisch wusste, wie etwa wo Alexandra ihre Instrumente in ihrem
Behandlungsraum aufbewahrte. Aber etwas Entscheidendes fehlte dabei…
„Als ich klein war, hat mir meine Mom immer Märchen vorgelesen, wenn ich schon
im Bett lag“, sagte er leise. „An die kann ich mich heute noch erinnern…Und
wissen Sie, woran ich mich noch erinnern kann?“
„Nein.“
„Daran, wie ich mich dabei gefühlt hab. Wie sich meine Mom angehört hat, wenn
sie versucht hat, die verschiedenen Figuren zu sprechen. Wie ihr immer eine
Haarsträhne ins Gesicht gefallen ist und sie sie wieder hinters Ohr gestrichen
hat.“
Chris schluckte. Er hoffte, die Frau vor ihm verstand, was er damit meinte. Er
hatte nämlich keine Ahnung, wie er es anders hätte erklären sollen.
Doktor Winslow ließ seine Hände los und stand auf. Seine Worte schienen sie sehr
nachdenklich gemacht zu haben.
„Sie meinen, hinter den Informationen, die Sie aus ihrem Gehirn abrufen können,
stehen keine Gefühle. Sie…Sie können nichts damit in Verbindung bringen. Das
wollten Sie damit sagen, nicht wahr?“ fragte sie nach ungefähr einer Minute.
Erleichtert nickte Chris. „Ja…das ist so, als wenn Ihnen irgendeine Melodie im
Kopf herumschwirrt, Sie wissen genau, dass Sie den Text dazu kennen, aber er
fällt Ihnen einfach nicht ein. So geht es mir die ganze Zeit…“
Doktor Winslow setzte sich wieder in ihren Sessel und stütze ihr Kinn auf ihre
Hand, während sie ihn aufmerksam beobachtete.
„Was ist mit Alex?“ erkundigte sie sich.
„Was soll mit ihr sein?“
„Was fühlen Sie in Bezug auf sie?“
Mit dieser Frage hatte Chris nicht gerechnet, weshalb er auch eine ganze Weile
brauchte, um eine Antwort darauf zu formulieren.
„Ich…ich kann mir immer noch nicht so ganz vorstellen, dass wir wirklich
zusammen waren…Wenn es Gina nicht gäbe…“ Chris brach ab. Ja, was wäre dann? Er
konnte nicht ableugnen, dass er sich massiv zu Alexandra hingezogen fühlte, dass
er sich in sie verliebt hatte, allerdings auf eine scheue, zurückhaltende Art
und Weise.
„Das meinte ich nicht“, warf Doktor Winslow ein. „Haben Sie bei ihr auch so eine
Art Déja Vu, wenn Sie mit ihr zusammen sind? Sie haben mir doch erzählt, dass
Sie wieder zusammen in einem Bett schlafen. Ist Ihnen diese Situation nicht
vertraut?“
Chris zog seine Unterlippe zwischen die Zähne und zupfte einen Fussel von seiner
Jeans.
Für ihn war es beim ersten Mal merkwürdig gewesen, mit Alexandra in einem Bett
zu schlafen, er hatte diese Bitte schlichtweg nur geäußert, weil er mit seinen
Gedanken nicht allein sein wollte und weil er Angst gehabt hatte, dass er wieder
so eine Panikattacke haben könnte.
Nachdem er gemerkt hatte, dass Alexandras Gegenwart ihm ein Gefühl von
Sicherheit schenkte, hatte er sich langsam entspannt. Sie war vor ihm
eingeschlafen und er hatte in der Dunkelheit ihren ruhigen Atemzügen gelauscht
und sich gefragt, ob er das Alles nicht träumte, ob er die vergangenen Stunden
nicht geträumt hatte.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag er in Alexandras Armen und sah als
erstes ihr Gesicht neben sich. Er entschuldigte sich verlegen, doch sie lächelte
nur und meinte, es wäre schon okay. Er hätte irgendwann in der Nacht schlecht
geträumt und hätte sich dann wohl aus alter Gewohnheit zu ihr geflüchtet. Das
brachte Chris noch mehr in Verlegenheit, wollte er doch vor ihr nicht als
verängstigter kleiner Junge dastehen, sondern ihren Respekt erlangen.
Ja, es hatte sich eingebürgert, dass Alexandra bei ihm schlief. Er war am
nächsten Abend vor Verlegenheit fast gestorben, doch er hatte sie darum gebeten,
die Nacht wieder bei ihm zu verbringen. Und es war normal für ihn geworden,
abends auf seiner Seite des Bettes einzuschlafen und morgens eng an Alexandra
geschmiegt aufzuwachen. Nur Lucy war anfangs nicht besonders begeistert gewesen,
hatte es doch für sie die Verbannung aus ihrem kuscheligen Nest bedeutet.
„Doch…ich fühle mich einfach wohl bei Alex. Wenn sie bei mir ist, dann hab ich
ganz tief drinn das Gefühl, als könnte mir nichts was anhaben“, sagte er
langsam. „Ich…ich hätte nicht gedacht, dass ich es jemals wieder ertragen
könnte, dass mich ein Mensch anfasst, aber bei ihr…“
Doktor Winslow sah ihn forschend an. „Chris, verzeihen Sie mir diese
Frage…Lieben Sie Alexandra?“
Chris schloss die Augen. Das war eine Frage, die er sich selbst schon tausendmal
gestellt hatte und auf die es immer nur eine einzige Antwort gegeben hatte.
„Ja…wenn Sie damit meinen, dass ich ihr vertraue, dass ich immer bei ihr sein
will, dass da ein Loch in mir drin ist, wenn sie mal nicht da ist und dass ich
mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen mag…dann liebe ich sie wohl.
Aber…ich weiß nicht, ob ich jemals in der Lage sein werde…“ Chris brach ab und
öffnete die Augen wieder. Er spürte, wie ihm die Tränen zu kommen drohten und
versuchte, sie wegzublinzeln. „Darum will ich mich ja auch erinnern. Alex hat
gesagt, dass wir glücklich waren, dass wir uns beide auf das Baby gefreut
haben…Ich will das wieder zurückhaben.“
„Ich bin sicher, dass Sie es zurückbekommen,“ sagte Doktor Winslow weich.
~
Gina hatte das Fläschchen bis zum letzten Tropfen Milch geleert und Chris
erwachte aus seinem Tagtraum. Dieses Gespräch mit seiner Psychologin hatte erst
letzte Woche stattgefunden, als Chris’ Verzweiflung so etwas wie einen Höhepunkt
erreicht hatte. Er hatte sich Alexandra gegenüber nichts anmerken lassen, hatte
sie nicht noch zusätzlich zu allem Anderen belasten wollen. Es war ihm durchaus
klar, wie schwer es auch im Moment für sie war. Es vergingen nur wenige Nächte,
in denen sie nicht wegen einem seiner Alpträume hochschreckte und ihn wecken
musste. Außerdem war da noch Gina, die gefüttert werden wollte und die sich
mitten in der Nacht zu Wort meldete.
Am Sonntag hatte Alexandra ihn dann mit einem Picknick zu seinem Geburtstag
überrascht. Nur sie beide und Gina waren in einen Park in Strandnähe gefahren
und hatten dort an einem schattigen Plätzchen unter einem Baum den halben Tag
verbracht. Sie hatten den Hunden beim Herumtollen zugesehen und Chris war zum
ersten Mal bewusst geworden, dass er eigentlich genau das hatte, wovon er als
Teenager geträumt hatte.
Als er daran dachte, was Alexandra ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, musste er
schlucken…
~
„Was ist da drin?“ Verwirrt starrte Chris das kleine, viereckige Päckchen und
den Umschlag in seiner Hand an.
Alexandra, die neben ihm auf der Picknickdecke lag, lächelte ihn liebevoll an.
„Mach’s auf, dann weißt du es.“
Chris entschied sich, zuerst den Briefumschlag zu öffnen. Er dann zog die bunte
Karte heraus und klappte sie auf. Die Innenseite war eng mit Alexandras knapper,
gut lesbarer Schrift beschrieben.
Lieber Chris,
ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem 22. Geburtstag. Ich bin nicht
besonders gut mit Worten, aber ich möchte dir hiermit sagen, dass ich dich über
alles liebe und dass ich dir, was auch die Zukunft bringen mag, für die Zeit
danke, die ich mit dir verbringen darf. Egal, was du noch immer glauben magst,
ich bin glücklich, dass Jack dich vor mehr als einem Jahr zu mir geschickt hat.
Es mag anstrengende, düstere Stunden gegeben haben, aber die schönen Momente mit
dir haben all das mehr als aufgewogen. Du hast mir wieder gezeigt, was es heißt,
zu leben und zu lieben und du hast mir Gina geschenkt. Nichts auf der Welt kann
das aufwiegen oder zerstören.
Alex
Erst als ein Tropfen auf die Schrift fiel, merkte Chris, dass er weinte. Diese
Liebeserklärung mochte nicht die poetischste sein, doch die Aufrichtigkeit, mit
der sie geschrieben worden war, konnte man hinter jedem Wort spüren. Ja,
irgendwo in einem versteckten Winkel seines Bewusstseins hatte er noch immer
winzige Zweifel darüber kultiviert, dass Alexandra ihn wirklich lieben konnte.
Erst als er eine sanfte Berührung an seiner Wange spürte, hob er den Kopf.
Mühsam blinzelte er die Tränen weg.
Alexandra sah ihn betroffen an. „Hey…bitte nicht…ich wollte dich doch nicht
traurig machen,“ sagte sie.
„Ich…ich bin doch nicht traurig….Nicht richtig jedenfalls,“ flüsterte Chris.
„Das war wirklich wunderschön…“
„Jedes Wort ist so gemeint, wie es da steht.“ Alexandra hatte sich aufgesetzt
und seine Hände ergriffen. „Chris, ich weiß, dass du im Moment nicht das Gleiche
für mich empfinden kannst, wie ich für dich…Aber…aber ich….was ich dir sagen
will, ist, dass ich auf dich warten werde, egal, wie lange es dauert.“
Chris starrte auf ihre ineinander verschränkten Hände. Heiliger Himmel, womit
hatte er so eine Frau verdient? Dann dämmerte ihm langsam, was sie da eigentlich
gesagt hatte. Dass er nicht das Gleiche für sie empfand wie sie für ihn.
„Das stimmt so nicht,“ murmelte er verlegen.
„Was meinst du?“
„Dass…dass ich nichts für dich…dass ich dich nicht so mag wie du mich.“ Chris
fühlte, wie ihm das Blut heiß in die Wangen schoss. Er hielt den Kopf gesenkt
und wagte nicht, Alexandra in die Augen zu sehen. Auch wenn sie ihm als erstes
sozusagen eine Liebeserklärung gemacht hatte, er selbst hatte so etwas noch nie
bei einem Mädchen getan und es war eine völlig neue Erfahrung für ihn.
Es schien eine unendlich lange Zeit zu dauern, bis er Alexandras Hand unter
seinem Kinn fühlte, die ihn sanft zwang, den Kopf zu heben. Fast ängstlich sah
er die junge Frau an.
„Danke,“ sagte sie. In ihrer Stimme schwang ein Zittern mit. „Du weißt gar
nicht, was mir das bedeutet.“ Dann beugte sie sich vor und hauchte ihm einen
zarten Kuss mitten auf den Mund.
Chris schloss reflexartig die Augen und genoss den kurzen Moment, den ihre sich
Lippen berührten. Es war sanft, liebevoll, zurückhaltend. Nichts, wovor man
Angst haben musste, nichts, das wehtun konnte. Es war der erste Kuss in seinem
Erwachsenenleben, an den er sich erinnern konnte und Chris war sicher, dass er,
auch wenn er sein Gedächtnis wiedererlangen würde, auf ewig etwas Besonderes für
ihn bleiben würde. Als er spürte, dass Alexandra zurückwich, öffnete er seine
Augen wieder.
Er starrte Alexandra ein paar Sekunden lang an, als würde er sie zum ersten Mal
in seinem Leben sehen. Sie hatte ihre Haare offen, ihre Locken fielen ihr in
wildem Durcheinander über die Schultern. In diesem Moment erschien sie ihm so
wunderschön…
„Willst du…willst du das Päckchen nicht auch öffnen?“ fragte sie unsicher nach
einer Weile des Schweigens. Chris fuhr aus seiner Versunkenheit in ihrem Anblick
auf und sah verwirrt vor sich auf die Decke, wo er besagtes Päckchen deponiert
hatte, bevor er den Umschlag geöffnet hatte.
Vorsichtig entfernte er das Geschenkband und öffnete die kleine bunte Schachtel.
Eine goldene Kette mit einem schlichten, rechteckigen Anhänger kam zum
Vorschein. Chris griff nach dem Schmuckstück und zog es heraus. Beim näheren
Hinsehen bemerkte er, dass das nicht einfach ein Anhänger war, sondern ein
Medaillon.
„An der Seite kann man es aufmachen, siehst du, so.“ Mit einer schnellen
Bewegung hatte Alexandra das Medaillon geöffnet und hielt es ihm vors Gesicht.
Chris wich ein paar Zentimeter zurück, sie hielt es so nahe, dass er das Bild,
das sich darin befand, nicht erkennen konnte.
Als er dann jedoch registrierte, wer auf dem kleinen Foto war, schossen ihm fast
wieder die Tränen in die Augen. Gott, er entwickelte sich echt zu einer totalen
Heulsuse, soviel wie in den letzen Wochen hatte er ja in den ganzen Jahren
seiner Kindheit nicht geheult.
„Das ist ein Foto von Gina, kurz nach der Geburt. So kannst du sie immer bei dir
haben…“
Chris nickte. „Da…da kann man auf der anderen Seite noch ein Bild rein machen…“
würgte er über den schrecklichen Kloß in seiner Kehle hervor. Unsicher sah er
Alexandra an.
Sie lächelte schief und zuckte mit den Schultern. „Ich wusste ja nicht…“
Sie brauchte es nicht auszusprechen, Chris verstand sie auch so. Er hatte ihr
vorher nie gesagt, wie es in ihm drin aussah, dass sie sich genauso in seinem
Herzen eingenistet hatte wie Gina…
~
Chris hatte Gina in ihre Babywippe gelegt, wo sie nun friedlich schlief und sich
wieder auf den Stuhl fallen lassen. Gedankenverloren drehte er das leere
Fläschchen in seinen Händen. Am gleichen Abend noch hatte ihn Alexandra ein Bild
von ihr heraussuchen lassen, dass auf den noch leeren Platz in dem Medaillon
kommen sollte und am nächsten Tag hatten sie es zum Juwelier gebracht. Heute
Abend konnten sie es wieder abholen und dann würde er seine beiden Mädchen
wirklich immer bei sich haben.
Seine Beiden…Die abgrundtiefe Verzweiflung, die letzte Woche in dieser Sitzung
bei Doktor Winslow aus ihm heraus gebrochen war, war zwar nicht verschwunden,
aber sie war abgeschwächt und er begann, wieder etwas positiver in die Zukunft
zu sehen. Er konzentrierte sich endlich auf das, was er bekommen hatte, nicht
auf das, was er verloren hatte. Damit folgte er dem Rat von Doktor Winslow.
Die Tür ging auf und Alexandra kam in die Küche. Chris sah überrascht auf die
Uhr, er hatte über seiner Tagträumerei gar nicht mitbekommen, wie die Zeit
verflogen war.
„Oh Mann, ich hoffe es geht heut Nachmittag nicht genauso weiter wie heut
Vormittag,“ stöhnte sie und steuerte auf die Küchentheke zu, um sich ein Glas
Wasser einzuschenken.
Chris drehte sich auf seinem Stuhl zu Alexandra um. „Hattest du eine Menge zu
tun?“ erkundigte er sich mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. Immerhin
hatte er ein paar relativ gemütliche Stunden verbracht, während sie anscheinend
wie verrückt gearbeitet hatte.
„Ging so…waren nur mal wieder ein paar nervige Tierbesitzer dabei. Wenn ich noch
einmal jemandem erklären muss, dass Schokolade nichts für Hunde ist, dann…“
Chris stand auf und ging zu Alexandra hinüber.
„Tut mir leid,“ sagte er bedrückt.
„Warum entschuldigst du dich für diese Dummköpfe?“ Alexandra sah ihn erstaunt
an.
„Na, weil…weil ich nichts mache, um dir dabei zu helfen. Ich hab’s doch früher
getan….“
„Früher gab es auch keine Gina…“ Alexandra verschränkte die Arme und zog die
Augenbrauen hoch. „Du kannst dich nicht um das Baby kümmern und gleichzeitig in
der Praxis helfen.“
Chris sah zu Boden und betrachtete eingehend eine Wollmaus, die dort unten ihr
Unwesen trieb. Man sollte vielleicht mal wieder den Staubsauger zur Hand nehmen,
auch wenn die Hunde dann ein Riesentheater veranstalten würden, da sie das
Geräusch hassten.
„Chris, was ist denn los?“
Ja, was war denn eigentlich los? Das fragte sich Chris auch gerade. Vor einer
Viertelstunde war er doch eigentlich noch ganz zufrieden mit dem Arrangement
gewesen…
***
Forschend betrachtete Alexandra ihren Freund, der mit gesenktem Kopf vor ihr
stand in irgendetwas auf dem Küchenboden furchtbar interessant zu finden schien.
Es war wieder einmal einer dieser Moment, in denen sie sich wünschte, seine
Gedanken lesen zu können, um ihn besser zu verstehen. Wer behauptete, Frauen
seien undurchschaubar, der kannte Chris nicht.
Chris schwieg noch immer und Alexandra schwante plötzlich, in welche Richtung
seine Gedanken sich bewegten.
„Sag mal…machst du dir jetzt vielleicht ein schlechtes Gewissen, weil ich
arbeite?“ fragte sie unvermittelt. Dass sie damit recht haben musste, sah sie
daran, dass Chris sie an ein paar wirren, dunklen Strähnen vorbei schuldbewusst
ansah.
Alexandra seufzte und breitete die Arme aus, nur um sie dann wieder entnervt
fallen zu lassen.
„Hey, ich glaub das einfach nicht…DU warst doch derjenige, der Gina übernehmen
wollte, damit wir niemanden einstellen müssen, der dann übrigens auch wieder
Geld gekostet hätte. Und außerdem wolltest du sie keiner Fremden überlassen. Hab
ich was vergessen?“
„Nein…“ Chris schüttelte den Kopf und zog die Schultern hoch. „Es ist
nur…ich…ich komm mir trotzdem so nutzlos vor.“
„Nutzlos? Spinnst du?“ Mit offenem Mund starrte Alexandra ihr Gegenüber an.
Lieber Himmel, was für ein Loch hatte er sich denn da wieder gegraben? Chris war
wirklich Meister darin, sich in irgendwelchen Ideen zu verrennen, seien sie nun
negativ oder positiv.
„Was mach ich denn schon groß…Gina schläft doch so viel und sonst kann ich doch
nicht viel tun. Ich trau mich ja nicht mal in den Supermarkt…“
Alexandras Irritation war mit einem Schlag verschwunden. Da also lag der Hund
sozusagen begraben. Sie hatte nie etwas gesagt, aber ihr war natürlich bewusst,
dass Chris es vermied, das Haus zu verlassen. Wären die Termine bei Doktor
Winslow nicht, dann käme er die ganze Woche nicht raus. Darum war sie am Sonntag
absichtlich mit ihm in diesen Park gefahren, damit er sich langsam daran
gewöhnen konnte, dass die Welt da draußen nicht nur beängstigend war.
Vielleicht hatte sie ihn schon zu lange gewähren lassen, ihn zu sehr beschützt.
Vielleicht hätte sie ihn einfach überreden müssen, sie öfters bei Besorgungen zu
begleiten und ihn dazu anhalten müssen, selbständiger zu werden. Stattdessen
hatte sie vielleicht zuviel Verständnis für seine Angst vor seiner Umwelt
gezeigt. Als er vor eineinhalb Jahren aus dem Gefängnis gekommen war, hatte er
doch praktisch allein auf eigenen Füßen stehen müssen, hatte niemanden gehabt,
der sich großartig um ihn gekümmert hatte, jedenfalls nicht so, wie sie es tat.
Jack war schließlich nur sein Bewährungshelfer gewesen.
Alexandra schüttelte den Kopf. Sie hatte einmal mehr einen Fehler gemacht.
„Dann werden wir wohl versuchen müssen, das zu ändern,“ sagte sie ruhig. „Beim
nächsten Einkauf bist du dabei.“
Chris biss sich auf die Unterlippe. „Okay.“
Stirnrunzelnd sah Alexandra ihn an. „Okay?“ echote sie.
„Ja…ich…ich kann mich doch nicht ewig hier vergraben…und wenn wir jemand
treffen, der mich kennt, dann bist du ja da und kannst mir raushelfen.“
So einfach war das gegangen? Kein Zaudern, kein Protest, sondern bereitwillige
Zustimmung? Chris musste selbst gemerkt haben, dass er so auf Dauer nicht
weitermachen konnte.
„Großartig,“ sagte sie. „Dann fangen wir gleich heut Abend damit an. Du wolltest
doch sowieso mit zum dem Juwelier. Danach gehen wir einkaufen.“
Mit energischen Bürstenstrichen fuhr Alexandra sich durch ihre frisch geföhnten
Haare. Sie waren heute wirklich noch gemeinsam im Supermarkt gewesen und Chris
hatte sich gar nicht mal so schlecht dabei gemacht. Es war bei weitem nicht so,
dass er dauernd zusammenschrak oder man ihm großartige Angst anmerkte. Er war es
einfach nur nicht gewohnt, sich allein irgendwo zu bewegen. Sie hatte ihm immer
alles abgenommen und er hatte sich der Einfachheit halber in diese
Bequemlichkeit fallen lassen.
Das würde sich von nun an ändern. Chris hatte selbst beschlossen, sein Leben
wieder so weiterzuführen, wie er es vor seiner Rückkehr nach San Quentin getan
hatte. Er wollte am Haus weiterarbeiten und versuchen, ihr mehr Sachen wie das
Einkaufen abzunehmen. Er wollte seine Selbständigkeit zurück.
Über all das hatten sie beim Abendessen geredet und Alexandra hatte den Eindruck
gehabt, dass ein bisschen von ihrem alten Chris zurückkehrte. Vielleicht war das
die Lösung, der Anstoß, den er brauchte. Ablenkung, Dinge tun, die ihm
eigentlich vertraut waren. Wenn er das Ganze lockerer sah, würde sein Gedächtnis
sich vielleicht endlich zurückmelden.
Etwas allerdings beschäftigte Alexandra, seitdem sie vorhin ein paar Unterlagen
für morgen herausgesucht hatte. Zufällig hatte sie auf den Kalender gesehen, um
sich zu vergewissern, welches Datum morgen war. Dabei war ihr aufgefallen, dass
heute genau der Tag war, an dem sie Chris vor einem Jahr zu Doktor Langton
geschleppt hatte.
Alexandra legte die Bürste zur Seite und betrachtete sich nachdenklich im
Spiegel. War Chris auch aufgefallen, was für ein Datum heute war? Er konnte es
doch kaum vergessen haben. Allerdings war ihm den ganzen Tag über nichts davon
anzumerken gewesen, dass er sich daran erinnert hatte. Alexandra seufzte. Nun,
sie würde bestimmt die letzte sein, die ein Wort darüber verlor.
Nachdem sie das Licht über dem Spiegelschrank ausgemacht hatte, verließ
Alexandra das Bad und ging nach draußen ins Schlafzimmer, wo Chris bereits im
Bett lag. Er hatte sich auf die Seite gedreht und betrachtete das geöffnete
Medaillon, das sie heute Abend noch beim Juwelier abgeholt hatten. Er sah auf,
als sie näher kam und Alexandra setzte sich zu ihm auf die Bettkante.
„Gefällts dir wirklich?“ fragte sie, nur um ein Gespräch zu beginnen und um
herauszufinden, wie Chris im Moment drauf war.
„Klar. Ich hätte mit so was nur nie gerechnet.“
Alexandra presste die Lippen zusammen. „Ich auch nicht“, sagte sie leise und
strich Chris eine Haarsträhne hinters Ohr. Zu ihrer Überraschung lehnte er sich
in die Berührung. Ihr Herz machte einen Satz.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie.
Chris sah sie eine Sekunde lang schweigend an.
„Ich liebe dich auch“, antwortete er dann mit rauer Stimme.
Alexandra biss sich auf die Lippe und spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Sie
hatte kein Wort mehr über das verloren, was Chris am Sonntag als Reaktion auf
ihren „Liebesbrief“gesagt hatte. Dass er sie auf die gleiche Art und Weise
mochte, wie sie ihn. Diesen Moment würde sie ihr Leben lang nicht vergessen,
hatte ihn zu all den anderen, wunderschönen Erinnerungen von ihrer gemeinsamen
Zeit gepackt, an einen ganz besonderen Platz. Chris hatte sich nicht nur einmal,
sondern auch ein zweites Mal in sie verliebt. Es musste ein Zeichen sein. Eine
weitere Bestätigung dafür, was Alexandras Herz schon lange wusste. Chris war der
Mann ihres Lebens und es würde nie wieder einen anderen für sie geben.
Sie streichelte Chris sanft über die Wange. Er war so unglaublich süß und wirkte
so unschuldig, trotz allem, was hinter ihm lag.
„Wir sollten jetzt schlafen“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Gina wird in ein
paar Stunden aufwachen und gefüttert werden wollen.“
Chris sah auf das Medaillon hinunter, das er in der Hand hielt. Behutsam klappte
er es zu und hängte es sich wieder um den Hals.
„Ja…sollten wir wohl.“ Er lächelte schief.
Alexandra lächelte zurück. Dann krabbelte sie über Chris’ Beine hinüber auf ihre
Bettseite und schlüpfte unter ihre Decke. Chris drehte sich zu ihr um.
„Danke, dass du soviel Geduld mit mir hast.“
Alexandra runzelte die Stirn. Chris hatte bei diesen Worten interessiert das
Muster ihrer Bettdecke betrachtet.
„Geduld wobei?“ fragte sie verwirrt. „Wir können doch nichts anders tun, als
darauf zu warten, dass du dich wieder erinnerst. Es ist doch nicht deine
Schuld.“
„Schon…aber…ich meine, ich…ich hab mich wirklich in dich verliebt, aber ich…ich
kann nicht…“ Hilflos brach Chris ab. Seine Wangen waren leicht gerötet und er
sah Alexandra noch immer nicht an.
Alexandra rollte sich auf die Seite und stützte sich auf den Ellbogen. Großer
Gott, was hatte Chris denn da nur wieder für Gedankengänge? Dann schalt sie sich
selbst für ihre Dummheit. Wie lange hatte Chris gebraucht, um nach seinem
Selbstmordversuch den Mut aufzubringen, mit ihr zu schlafen? Drei Monate…Und da
hatten sie sich schon mehr als ein halbes Jahr gekannt. Er hatte Angst vor
körperlicher Nähe gehabt, hatte sich ganz, ganz langsam herantasten müssen.
Chris hatte anscheinend das Gefühl, er müsste sich für diese Angst bei ihr
entschuldigen, die jetzt noch viel ausgeprägter sein musste als damals.
Sie streckte ihre Hand aus und legte sie unter sein Kinn, um ihn dazu zu
zwingen, sie anzusehen. Die Verzweiflung in seinen dunklen Augen erschreckte
sie. Es stimmte ja, er scheute vor Berührungen zurück, wenn er morgens eng an
sie geschmiegt aufwachte, dann zog er sich immer schnell zurück. Nur nachts,
wenn er aus einem Alptraum hochfuhr, ließ er es zu, dass sie ihn in die Arme
nahm und tröstete, da klammerte er sich wortlos an sie, bis er wieder einschlief
oder bis Gina sich meldete und damit eine willkommene Ablenkung lieferte.
„Ich weiß…Du brauchst es mir nicht zu erklären“, sagte sie behutsam. „Wir haben
doch alle Zeit der Welt. Und eines Tages wirst du aufwachen und plötzlich ist
alles wieder da.“ Auch wenn diese Aussage nur ihren Wunschträumen entsprang, sie
hatte das Gefühl, dass Chris im Moment so eine Versicherung brauchte.
„Das…das hoffe ich…“ sagte Chris leise. Dann holte er tief Luft. „Nimmst du mich
in den Arm?“ bat er, unsicher und zögernd.
Alexandras Herz machte einen Satz. Langsam, vorsichtig rutschte sie näher an ihn
heran und setzte sich halb auf. Chris tat es ihr gleich und Alexandra umarmte
ihn leicht. Er verbarg sein Gesicht in ihren Haaren und sie spürte seine warmen
Hände an ihrer Taille.
Gott, wie sehr hatte sie das vermisst. Chris einfach so in den Armen zu halten,
ohne ihn trösten zu müssen, ohne dass er schluchzend aus einem Alptraum erwacht
war und bei ihr Schutz vor den Horrorgestalten der Nacht suchte. Tief atmete sie
seinen Duft ein, eine Mischung aus dem würzigen Duschgel, das er benutzte und
seinem eigenen, unverwechselbaren Chris-Geruch. In diesem Moment wusste sie,
dass alles wieder gut werden würde. Sie hatte keine Ahnung woher, aber sie
wusste es einfach…
***
„Autsch.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht saß Chris auf dem Rasen und rieb sich
das Hinterteil.
Vor ihm stand Alexandra und sah, die Hände in die Hüften gestützt, amüsiert auf
ihn hinunter.
„Du sollst nicht umfallen, sondern zur Seite springen“, grinste sie.
Brummelnd stand Chris auf und klopfte sich den Schmutz von der Sporthose. Er
hatte Alexandra gebeten, ein wenig mit ihm zu trainieren, jetzt, wo sie von
ihrer Ärztin endlich das „Okay“ für die Wiederaufnahme ihres Sportprogrammes
erhalten hatte. Sie ging zwar noch nicht ins Kampfsporttraining, weil sie erst
wieder fit werden wollte, aber sie hatte begonnen, jeden Abend zu joggen. Mit
ein wenig Gymnastik hatte sie schon vor ein paar Wochen angefangen.
„Meine Beine wollten nicht so, wie ich wollte“, beschwerte er sich. „Das ist gar
nicht so einfach, weißt du?“
„Chris, ich weiß, wozu du fähig bist“, erklärte Alexandra geduldig. „Du kannst
das, du brauchst nur ein wenig Übung.“
Chris schnaubte. Übung nannte sie das, wenn ihm schon jeder einzelne Knochen weh
tat. Und dabei hatten sie noch gar nicht einmal richtig angefangen.
„Guck nicht so sauer, es war schließlich deine Idee, dass ich mit dir trainieren
soll. Oder willst du aufhören?“
Chris hätte es nie zugegeben, aber der Gedanke war ihm tatsächlich schon
gekommen. Er hatte insgeheim gehofft, dass er sich an das, was er hier gelernt
hatte, genauso erinnern würde, wie an das Zeug für seine Abschlussprüfung. Nur
spielte ihm da sein Gehirn mal wieder einen Streich und weigerte sich, das
gespeicherte Wissen frei zu geben. Es war einfach nur frustrierend.
Aber er wäre nicht Chris O’Connor gewesen, wenn er diesem Verlangen nachgegeben
hätte. Seine Sturheit, die ihn in seinem Leben schon so oft vor dem Aufgeben
bewahrt hatte, ließ das nicht zu.
„Nein“, murmelte er verbissen und rappelte sich hoch. Er hatte das schon einmal
gemeistert? Gut, dann konnte er es wieder.
Alexandra nickte anerkennend. Chris warf einen flüchtigen Blick hinüber zur
Veranda, wo sie vorher Charlie und Lucy angebunden hatten, da die zwei es für
ein herrliches Spiel gehalten hatten, was er da mit Alexandra tat und sich daran
natürlich beteiligen wollten. Jetzt lagen sie hechelnd nebeneinander und
beobachteten aufmerksam wie zwei Theaterzuschauer, was sich da im Garten vor
ihnen tat. Im Schatten auf dem Gartentisch stand die Babywippe, in der Gina
schlief.
„Okay, dann versuchen wir es noch mal. Es ist nicht schwer, wenn du die
Bewegungsabfolge erst mal drin hast.“
Oh ja…Nichts war schwer, wenn man es schon beherrschte. Wenn er Alexandra so
zusah, dann fragte er sich, ob er es wirklich jemals schaffen würde, sich so
elegant und geschmeidig zu bewegen wie sie. Bei ihr sah das alles so leicht aus,
er dagegen verhedderte sich andauernd.
„Chris, Kampfstellung“, mahnte Alexandra. „Ich greif dich jetzt noch mal an,
ganz langsam, und du versuchst, mich abzuwehren.“
Keine Minute später saß Chris wieder auf dem Boden und hätte am liebsten das
Gras mit beiden Händen ausgerissen. Warum in drei Teufels Namen funktionierte
das einfach nicht so, wie es sollte?
Alexandra streckte ihm ihre Hand hin, um ihm aufzuhelfen. „Halb so schlimm, wir
machen das jetzt noch langsamer. Das wird schon.“
Bevor sie jedoch einen weiteren Versuch starten konnten, sprangen Charlie und
Lucy auf und begannen zu bellen und an ihren Leinen zu zerren. Sie bekamen
Besuch…
Besagter Besuch kam eine Sekunde später um die Hausecke. Chris schluckte, als er
Marc erkannte. Alexandra war zu den Hunden gelaufen, um sie zur Ruhe zu bringen
und sie dafür zu schelten, dass sie Gina aufgeweckt hatten, die ,wütend über die
Unterbrechung ihres Mittagschläfchens, brüllte wie am Spieß.
Marc trat näher. „Hallo, ich hoffe ich störe nicht“, sagte er und sah Chris
unsicher an. „ich wollte nur mal wissen, wie’s bei dir so läuft.“
Chris atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust. Er war
überrascht, dass Marc hergekommen war. Andererseits lag ihre letzte Begegnung
nun drei Wochen zurück und sein ehemaliger Bewährungshelfer hatte ja um die
Erlaubnis gebeten, ihn besuchen zu dürfen.
„Ganz gut soweit“, antwortete Chris zögernd.
Marc nickte. „Das freut mich. Hoppla, ist die kleine Maus gewachsen“, rief er
aus, als Alexandra mit dem Baby auf dem Arm zu ihnen trat. Gina hatte aufgehört
zu schreien und nuckelte zufrieden an ihrem Schnuller.
„Ja, wir düngen sie auch regelmäßig“, scherzte Alexandra. „Da kann sie gar nicht
anders.“
Marc trat näher zu Alexandra und strich Gina sachte mit dem Zeigefinger über
ihren dichten, dunklen Haarflaum.
„Mann, die Kleine sieht ja immer mehr aus wie du“, sagte er verblüfft und warf
Chris einen prüfenden Blick zu, als wollte er sich vergewissern.
Was Besseres hätte er nicht sagen können, um Chris wenigstens einen Teil seiner
Befangenheit zu nehmen. Er war so unglaublich stolz auf sein Töchterchen und
liebte es über alles. Schon lange verging kein Tag mehr, an dem er sich nicht
fragte, wie er es eigentlich nach seiner ersten Entlassung allein geschafft
hatte nicht durchzudrehen. Alexandra, Gina, Lucy und Charlie waren seine kleine
Welt, sie bedeuteten einfach alles für ihn.
„Nicht wahr?“ grinste Alexandra stolz. „Die Jungs werden mal verrückt nach ihr
sein, wenn sie groß ist. Der Sohn meiner Freundin plant jetzt schon, sie mal zu
heiraten.“
„Wie bitte?“ Entsetzt sah Chris Alexandra an.
„Hat Jamie das letzte Mal gesagt, als ich bei Mary Jo war. Allerdings hat er da
wohl mehr daran gedacht, dich als Spielkameraden für sich zu sichern.“ Alexandra
kicherte. „Er war nämlich total enttäuscht, dass du nicht mitgekommen bist.“
Erleichtert atmete Chris auf. Ja, Jamie war ganz heiß auf ihn, das wusste er.
Kaum hatte er das Anderson’sche Haus betreten, kam der kleine Junge schon auf
ihn zugestürzt und wollte, dass er mit ihm spielte. Mary Jo hatte ihm erzählt,
dass er sich früher viel mit dem Zwerg beschäftigt hatte, wenn er und Alexandra
sie besucht hatten.
Dann ging ihm die Bedeutung des vorhergehenden Satzes auf.
„Die sollen sich bloß zurückhalten“, entfuhr es ihm und im gleichen Moment wurde
ihm bewusst, wie albern er sich gerade angehört hatte. Gina war ein drei Monate
altes Baby und würde frühestens in…in achtzehn oder zwanzig Jahren, wenn nicht
sogar noch später, ihr erstes Date haben…zumindest wenn es nach ihm ging.
Alexandra begann zu lachen. „Oh Gott…ich seh das schon vor mir…Chris als
eifersüchtiger Daddy, der Gina bewacht wie Charlie seine Hundeknochen.“
Marc konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und zu allem Überfluss begann Gina
vergnügt zu glucksen, als hätte sie alles verstanden und würde ihn jetzt schon
dafür auslachen. Chris spürte, wie Hitze in seine Wangen stieg.
„Klar, macht euch nur lustig über mich“, grollte er gespielt beleidigt. „Du sei
ganz still, du hast ja keine Kids“, fügte er an Marc gewandt hinzu.
Marc hob abwehrend die Hände. „Ich hab doch nichts gesagt“, schmunzelte er. Dann
wurde er plötzlich ernst. „Woher weißt du, dass ich keine Kinder hab?“
Chris erstarrte. Woher er…
„Du und…Anne, ihr wollt noch ein paar Jahre warten“, sagte er dann tonlos.
Unzusammenhängende Szenen eines Gesprächs, das er mit Marc geführt haben musste,
als Alexandra schwanger gewesen war, zuckten vor seinem inneren Auge auf und
verschwanden wieder. Er hatte das Gefühl, es wäre ein sehr freundschaftliches,
vertrautes Gespräch gewesen.
Nach seinen Worten herrschte erst fassungsloses Schweigen.
„Woher…Chris, woher weißt du das?“ fragte Alexandra aufgeregt.
Chris erwachte aus seinem tranceähnlichen Zustand und schüttelte verwirrt den
Kopf. Das war das erste Mal, dass er bei einem dieser Flashbacks auch nur
annähernd so etwas wie Gefühle vermittelt bekommen hatte. Sonst hatte er immer
nur Bilder gesehen oder flüchtige Szenen, mit denen er nichts, aber auch gar
nichts in Verbindung hatte bringen können. Er sah erst Alexandra an, dann Marc.
„Wir…wir haben da irgendwo in einer Kneipe drüber geredet…Es war laut…“ Er brach
ab und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Wir waren da allein an einem
Tisch.“
„Das stimmt…Ich erinnere mich an das Gespräch. Das war nicht lange, bevor…bevor
sie dich abgeholt haben“, sagte Marc langsam. Er schien ebenso aufgeregt zu sein
wie Alexandra.
„Kannst du dich an noch etwas erinnern?“ mischte sich diese wieder ein und legte
Chris die Hand auf den Arm.
Noch immer wie betäubt schüttelte Chris den Kopf. „Nein…aber…aber so intensiv
waren diese Bilder noch nie. Glaubt ihr…glaubt ihr, dass das ein Zeichen dafür
ist, dass ich anfange, mich wirklich zu erinnern?“
„Gut möglich…“ meinte Marc. Er schien sich wirklich für ihn zu freuen, schoss es
Chris durch den Kopf.
„Doktor Winslow hat gemeint, es könnte auch langsam anfangen und dann immer mehr
werden. Vielleicht ist es das ja.“ Alexandras Augen begannen zu strahlen.
„Vielleicht dauert es jetzt nicht mehr lange, und du hast die verlorene Zeit
zurück.“
Chris biss sich so fest auf die Lippe, dass es wehtat. Vielleicht war es endlich
soweit. Vielleicht bekam er jetzt endlich sein Gedächtnis zurück. Er hoffte es
so sehr…
Missmutig verzog Chris das Gesicht zu einer Grimasse, als er den leeren
Farbkübel anstarrte. Er hatte angefangen, das Geländer der Veranda zu streichen
und eigentlich gedacht, dass die Farbe dafür reichen würde. Doch er schien sich
leicht bei seiner Kalkulation verrechnet zu haben, etwa ein Viertel des
Geländers lag noch vor ihm.
Unschlüssig sah er die beiden Hunde an, die schwanzwedelnd neben ihm standen und
erwartungsvoll hechelten. Beide hatten weiße Farbspritzer im Fell, Lucys Schwanz
wurde sogar von einem weißen Streifen geziert. Zum Glück hatte Alexandra das
noch nicht gesehen, sie war vor einer Stunde mit Gina zu Mary Jo gefahren und
würde erst gegen Abend wiederkommen. Chris hatte die Zeit nutzen wollen, um
endlich wider mal ein paar Arbeiten am Haus zu erledigen.
Seit der Sache mit Marc hatte er keine plötzlichen Flashbacks mehr gehabt. Aber
das war erst eine Woche her. Chris hatte Doktor Winslow davon erzählt und sie
hatte bestätigt, dass es ein gutes Zeichen war. Seine Erinnerungen begannen,
sich langsam aber stetig ihren Weg ans Tageslicht zu bahnen.
Chris stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete sein unvollendetes Werk.
Nein, also so würde er das nicht lassen. Er würde wohl oder übel zum
Einkaufszentrum rüber fahren und noch einen Kübel Farbe kaufen müssen. Alexandra
würde erst heute Abend wiederkommen, Morgen war Sonntag und für nächste Woche
war schlechtes Wetter angesagt. Also entweder strich er heute noch den Rest oder
musste es auf unbestimmte Zeit verschieben.
Chris ging ins Haus und wusch sich am Spülbecken die Hände. Ein wenig mulmig war
ihm schon bei dem Gedanken daran, jetzt allein loszuziehen. Er begleitete
Alexandra zwar nun immer regelmäßig zu Einkäufen oder auf Spaziergänge, aber
ganz allein hatte er das Haus eben noch nicht verlassen. Es war idiotisch, das
wusste er selbst am besten. Aber er fühlte sich einfach sicherer, wenn Alexandra
dabei war.
Vielleicht war es ganz gut so, dass das mit der Farbe passiert war. Er war nicht
gerade gezwungen, sie jetzt gleich zu kaufen, sondern wollte es und würde es
tun. Ein weiterer Schritt nach vorne und vor allem in die Selbständigkeit. Chris
hasste es, sich so von Alexandra abhängig zu fühlen.
Er trocknete sich die Hände ab und sah zu Charlie und Lucy hinüber, die ihm ins
Haus gefolgt waren. Die zwei mussten hier bleiben, er würde mit den beiden
Chaoten im Schlepptau bestimmt nicht Einkaufen gehen und wenn es sich nur um
einen Eimer Farbe drehte. Die zwei schienen Ärger und Chaos magisch anzuziehen.
Draußen im Flur schnappte er sich die Autoschlüssel und drehte sich zu den
beiden Hunden um.
„Ich bin nur mal kurz weg, okay? Ihr stellt nichts an, lasst die Wäsche auf der
Leine und grabt nicht den ganzen Garten um“, befahl er ihnen, bevor er mit einem
letzten, warnenden Blick das Haus verließ.
Am Steuer von Alexandras altem, blauen Pick-up fuhr er zum Einkaufszentrum. Er
war froh, dass Alexandra ihn genötigt hatte, wieder Auto zu fahren. Er hatte mit
sechzehn zwar seinen Führerschein gemacht, danach aber erst wenig und dann gar
keine Gelegenheit mehr gehabt, seine Kenntnisse zu nutzen. Laut Alexandra war er
oft gefahren, wenn sie zusammen unterwegs gewesen waren. Sein Unterbewusstsein
schien sich auch daran zu erinnern und somit hatte er kaum Probleme gehabt, mit
dem Auto und im Straßenverkehr zurecht zu kommen.
Alexandra hatte ihm erzählt, dass sie den blauen Pick-up eigentlich hatten
verkaufen und dafür einen SUV hatten anschaffen wollen. Dieser Plan war durch
seine Verhaftung vereitelt und bisher nicht mehr aufgegriffen worden. Es spielte
im Moment sowieso keine Rolle, Ginas Kindersitz war in dem schwarzen Wagen
eingebaut und den blauen brauchten sie eigentlich gar nicht.
Es war Samstag Nachmittag und dementsprechend viel los beim Einkaufszentrum.
Chris ergatterte noch einen Parkplatz, allerdings ziemlich weit von dem Laden
entfernt, in den er wollte. Bevor er ausstieg, beobachtete er eine Weile seine
Umgebung. Frauen und Männer schoben bis oben hin beladene Einkaufswagen vor sich
her, wieder andere beluden gerade den Kofferraum ihres Autos, einige
schlenderten ganz entspannt mit Einkaufstüten, die mit diversen Modelabels
bedruckt waren, von Geschäft zu Geschäft. Es war ein ganz normaler
Samstagnachmittag in einem Einkaufszentrum.
Chris holte tief Luft. Er würde jetzt da raus gehen, gemütlich bis zum anderen
Ende schlendern, seinen Kübel Farbe kaufen und dann wieder nach Hause fahren.
Was er da vorhatte, war ganz normal und ungefährlich. Da draußen lauerten keine
Typen wie Lewis oder seine Handlanger.
Chris stieg aus und sah sich noch einmal um. Dann schalt er sich selbst für
seine Paranoia. Hier rannten nur ganz normale Leute herum, die ihre Einkäufe
erledigten, genau wie er selbst. Mit einem irritierten Kopfschütteln schloss er
den Wagen ab und steckte die Schlüssel in die Jackentasche. Es war wirklich Zeit
geworden, dass er endlich einmal alleine etwas unternahm.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben schlenderte er betont langsam in
Richtung der Geschäfte. Wenn er schon mal hier war, dann konnte er sich auch die
Schaufenster ansehen, bisher war er nur im Supermarkt gewesen. Außerdem war es
der gleiche Weg, egal ob er nun über den Parkplatz gegangen wäre oder auf dem
Gehsteig vor den Geschäften.
Von rechts näherte sich ein dunkler Van ziemlich schnell. Chris blieb stehen.
Was für ein Idiot raste den auf einem Parkplatz, auf dem auch Kinder
herumliefen, mit einem derartigen Affenzahn?
Der Van war auf seiner Höhe, als er plötzlich anhielt. Chris wollte gerade darum
herumgehen, als die hintere Tür aufging und ein Mann in einem dunklen Anzug
heraussprang. Im nächsten Moment wurde er gepackt und bevor er noch aufschreien
oder versuchen konnte, sich dagegen zu wehren, zerrte ihn der Kerl rücksichtslos
in den Wagen...
***
Den Song, der gerade im Radio gespielt wurde, fröhlich mitpfeifend, fuhr Marc
auf den Parkplatz des Einkaufszentrums. Anne hatte ihm gestern Abend erklärt,
dass sie heute zu ihrer Mutter fahren würde und dass er sich bitteschön darum
kümmern sollte, dass der Kühlschrank für die kommende Woche gefüllt war.
Morgen würde sie zurückkommen und Marc plante, sie mit einem selbst zubereiteten
Abendessen zu überraschen. Er konnte ziemlich gut kochen, tat es eigentlich
leidenschaftlich gern, nur blieb ihm normalerweise zu wenig Zeit dafür. Aber
Annes Rückkehr war der ideale Anlass, die Küche mal wieder ein wenig zu
verwüsten.
Plötzlich schoss ein dunkler Van links an ihm vorbei und schnitt ihn haarscharf.
Marc konnte gerade noch auf die Bremse treten, sonst hätte er ihn gerammt.
„Arschloch!“ schrie er erschrocken. Mann, war der Kerl irre? Wütend gab er
wieder Gas, um weiterzufahren. Dann sah er, wie der Wagen plötzlich anhielt, die
hintere Tür aufgestoßen wurde und ein Mann heraussprang.
„Was zum…“
Der Typ packte einen schwarzhaarigen Jungen, der anscheinend gerade die Straße
hatte überqueren wollen, packte ihn grob und stieß ihn auf den Rücksitz, bevor
er selbst hastig wieder einstieg und die Tür zuschob. Dann raste der Van mit
quietschenden Reifen davon.
Marc hatte die Szene wie erstarrt beobachtet. Verdammte Scheiße, das war doch
Chris gewesen…
Er gab Vollgas. Dass das hier ein Parkplatz war und keine Rennstrecke vergaß er
für den Augenblick völlig. Zum Glück hatten alle Menschen, die sich in
unmittelbarer Nähe des Geschehens befanden, fleißige Schutzengel, die sie in
genau diesem Augenblick, als Marc instinktiv losraste, davon abhielten, die
Straße zu betreten, die den Parkplatz von den Geschäften trennte.
Marc konzentrierte sich darauf, den Wagen, der nun in etwas gemäßigterem Tempo
weiterfuhr, nicht aus den Augen zu verlieren. Was um alles in der Welt sollte
das? Wer konnte ein derartiges Interesse an Chris haben, dass er ihn am
helllichten Tag auf einem Parkplatz entführte? War er nur ein zufälliges Opfer
gewesen oder war er mit Absicht ausgewählt worden?
Sie bogen auf eine vierspurige Straße ein, auf der mehr Verkehr herrschte und
die Verfolgung gestaltete sich etwas schwieriger. Während er den Wagen, in dem
Chris saß, nicht aus den Augen ließ, hangelte er sein Handy aus der
Jackentasche, um die Polizei zu rufen.
Er war gerade dabei, die Nummer einzutippen, als das Entführerauto sich
einordnete um links abzubiegen. Mit einem unterdrückten Fluch warf Marc das
Telefon zur Seite. Scheiße, er musste irgendwie auch auf die andere Spur kommen,
und zwar so, dass ihn die Entführer nicht bemerkten. Mit Handzeichen versuchte
er, sich mit den anderen Autofahrern zu verständigen, dass sie ihn in eine Lücke
reinrutschen ließen.
Zum Glück hatte der Herr oder wer auch immer ein Einsehen und eine nette, junge
Dame winkte ihn in die Lücke vor sich. Zwischen ihm und den Kidnappern befanden
sich nun zwei andere Autos. Marc nagte nervös an seiner Unterlippe herum.
Verdammt, er hatte nicht einmal annähernd die Autonummer im Kopf,
anthrazitfarbene Vans gab es hier wie Sand am Meer. Wenn er den Wagen verlor,
wie sollte die Polizei Chris oder seine Entführer aufspüren können?
Sie bogen auf eine glücklicherweise nun wieder einspurige Straße ein. Marc
strengte sich an, an den anderen Autos vor ihm vorbei zu sehen, um es ja nicht
zu verpassen, wenn der dunkle Van abermals abbiegen sollte. Ans Telefonieren war
nicht zu denken, das hätte ihn im Moment zu sehr abgelenkt.
Nach und nach bogen die beiden Autos, die ihn von dem Van trennten, in
Seitenstraßen ein und Marc holte wieder auf. Er gab sich Mühe, zu erkennen, was
da vorne auf dem Rücksitz vor sich ging, doch die Heckscheibe war dunkel getönt
und der Innenraum nicht einsehbar.
Verdammt, verdammt, in was war Chris da hineingeraten? Hatte er ihnen allen
etwas verschwiegen, etwas, das mit seinem Gefängnisaufenthalt zu tun hatte?
Marc schlug wütend mit der Faust auf sein Lenkrad. Das war das einzige, womit er
sich diese Entführung erklären konnte. Wer sonst sollte ein Interesse an dem
Jungen haben? Chris hätte sich nie freiwillig auf irgendetwas Kriminelles
eingelassen, dafür würde er seine Hand ins Feuer legen. Aber warum in drei
Teufels Namen hatte er nichts gesagt? Hatte er zuviel Angst davor gehabt, doch
für auch was immer es war verantwortlich gemacht zu werden? Angst vor einer
erneuten Verurteilung?
Marc schüttelte verzweifelt den Kopf. Hoffentlich kamen sie da alle heil und
unbeschadet wieder heraus…
Während Marc sich anstrengte, ihnen auf den Fersen zu bleiben, lag Chris
bäuchlings auf dem Boden in diesem Van und wehrte sich verzweifelt gegen seine
Kidnapper, die ihn zu zweit festhielten. In blinder Panik versuchte er, den
Kerl, der auf seinen Beinen saß, hinunterzuwerfen, hatte aber nicht die
geringste Chance.
Brutal wurde ihm schließlich ein Arm auf den Rücken gedreht.
„Hör zu Kleiner, gib Ruhe oder es passiert was“, knurrte eine kratzige Stimme.
„Mir ist es bald egal, dass wir dich unverletzt abliefern sollen, Unfälle
passieren halt mal…“
Chris musste sich auf die Lippe beißen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Der
Dreckskerl, der seinen Arm verdreht hatte, war nicht gerade zimperlich. Wenn er
nicht riskieren wollte, dass er ihm den Arm auskugelte oder gar brach, sollte er
wohl lieber aufhören sich zu wehren.
Zu seiner Überraschung gelang es Chris, trotz seiner Panik, noch halbwegs
vernünftig zu denken. Wenn er jetzt zuließ, dass diese Schweine ihn verletzten,
dann hatte er keine Chance, ihnen zu entkommen, mochte die Gelegenheit auch noch
so günstig sein. Auch wenn es ihn immense Überwindung kostete, war es klüger,
sich im Moment ruhig zu verhalten, und die Kerle in dem Glauben zu lassen, er
hätte sich seinem Schicksal gefügt.
Er dachte an Alexandra und Gina, für die er versuchen musste, einen kühlen Kopf
zu bewahren. Mit dem Gedanken an seine beiden Mädchen beschäftigt gelang es
Chris, sich ein wenig zu entspannen und den Druck, den der eine Kerl auf seinen
Arm ausübte, auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Nach etwa einer Minute, in
der er sich ruhig verhalten hatte, begann sich der Griff, mit dem er
festgehalten wurde, minimal zu lockern. Nicht genug, um sich loszureißen, aber
solange er hier im Wagen war, hatte er sowieso keine Chance, seinen Kidnappern
zu entfliehen. Er musste sie also in Sicherheit wiegen….
„Na, geht doch…“ brummte der Sprecher von vorhin.
„Komischer Auftrag“, erklang eine andere Stimme. „Möchte wissen, was an dem
Jungen so interessant ist.“
„Braucht uns doch nicht zu interessieren, Hauptsache, die Kasse stimmt“, sagte
eine körperlose Stimme, von der Chris vermutete, dass sie dem Fahrer gehörte.
Angestrengt lauschte er der Unterhaltung. Die Typen wollten also im Grunde
genommen gar nichts von ihm, hatten ihn für Geld entführt.
Chris seufzte erleichtert auf. Als sie ihn vorhin auf den Boden des Vans
geworfen hatten, hatte er im ersten Moment gedacht, es wären irgendwelche
perversen Schweine, deren Aufmerksamkeit er erregt hatte und die ihn zu einem
ganz bestimmten Zweck entführt hatten. Zumindest konnte er nun sicher sein, dass
er nicht in akuter Gefahr war.
Die Kerle hatten aber einen Auftraggeber und bei dem Gedanken stieg die Panik
wieder in Chris hoch. Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wer zu
solchen Mitteln greifen würde, um an ihn heranzukommen. Den Grund für seine
Entführung schienen ja nicht mal seine Kidnapper zu kennen.
Chris zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage,
wem er etwas getan haben könnte, das diese Aktion rechtfertigte. Ihm fiel nur
Lewis ein, der etwas gegen ihn haben könnte, doch der saß noch einige Jahre
hinter Gittern. Bei der Erinnerung an seinen Peiniger wurde es Chris übel. Hatte
Lewis etwa über Kontakte nach draußen jemanden beauftragt, der sich an ihm
rächen sollte? Zuzutrauen wäre es diesem kranken Psychopathen durchaus.
Chris spürte, wie die Panik überhand zu nehmen und ihm die Luft abzuschnüren
drohte. Er kniff die Augen fest zusammen und versuchte, so tief und so ruhig wie
möglich zu atmen. Verzweifelt rief er sich ein Bild von Alexandra in Erinnerung,
das Gefühl, das er hatte, wenn sie ihn in den Armen hielt und nach einem
Alptraum tröstete. Liebe, Geborgenheit, Sicherheit…
Nach und nach fiel ihm das Atmen wieder leichter. Verdammt, er durfte sich nicht
so in seine Panikgefühle hineinsteigern, durfte der Angst nicht soviel Raum in
seinem Denken überlassen.
Vielleicht handelte es sich ja nur um eine Verwechslung und er war gar nicht
derjenige, den die Kerle hatten entführen sollen. Immerhin führten sie ja nur
einen Auftrag aus und Irren war menschlich.
Aber was würden sie mit ihm machen, wenn sich herausstellte, dass er der Falsche
war? Sie mussten doch befürchten, dass er zur Polizei gehen würde. Was, wenn sie
das nicht riskieren wollten?
Chris biss sich auf die Lippe, um nicht laut aufzuschluchzen. Wie er es auch
drehte und wendete, er befand sich in einer fürchterlichen Situation.
„Hey, es ist so ruhig da hinten…Lebt der Junge noch?“ erklang wieder diese
körperlose Stimme, diesmal mit einem leicht besorgten Unterton.
Chris wurde daraufhin grob geschüttelt und stieß unwillkürlich einen leisen
Schmerzlaut aus.
„Keine Bange, Dev, dem Kleinen geht’s prächtig“, brummte der Typ, der seinen Arm
noch immer festhielt, mit seinem tiefen Bass. „Wie sind doch keine Amateure und
lassen die Ware noch vor Auslieferung abkratzen.“
„Hab ich nicht behauptet, aber es war so verdächtig still bei euch.“
„Mach du deine Arbeit und lass uns unsere machen“, raunzte Kidnapper Nummer 2,
der auf Chris’ Beinen saß. „Langsam müssten wir doch da sein.“
„Sind wir auch.“
Chris spürte, wie der Wagen wieder um eine Kurve fuhr und langsamer wurde. Sein
Herzschlag beschleunigte sich rapide. Was hieß „da“? Beim Auftraggeber der drei
Kerle? In einem Versteck, wo sie ihn festhalten wollten, bis sie ihn übergeben
konnten?
Er ermahnte sich streng, ruhig zu bleiben. Wenn der Van stoppte und die Kerle
ihn rausholten, dann musste er einen klaren Kopf bewahren. Er musste sie jetzt
nur im Glauben lassen, er hätte sich seinem Schicksal gefügt und den passenden
Moment abwarten, in dem sie unachtsam wurden. Das wäre vermutlich seine einzige
Chance zu fliehen.
Schließlich hielt der Wagen an. Der Fahrer stieg aus und schob die hintere Tür
auf. Chris zwang sich, locker zu bleiben. Wenn er sich jetzt anspannte, dann
würde er damit möglicherweise seine Absichten verraten.
„Der Boss wartet schon“, verkündete der Mann draußen mürrisch. „Los, bringt ihn
raus.“
Also sollte die Übergabe gleich stattfinden. Chris schluckte die wieder
aufsteigende Panik herunter. Nicht durchdrehen, betete er sich immer wieder vor,
als er mit einem brutalen Griff hochgerissen und aus dem Van gezerrt wurde.
Das grelle Sonnenlicht blendete ihn erst einmal und er blinzelte dagegen an. Als
seine Augen sich daran gewöhnt hatten, erkannte er, dass sie sich auf dem Hof
eines verlassenen Fabrikgeländes befanden. Möwengeschrei und entferntes
Meeresrauschen ließen darauf schließen, dass dieser Ort wohl irgendwo in
Ufernähe lag.
Seine Hoffnung, dass er sich würde losreißen und wegrennen können, zerschlug
sich, als sein Arm schmerzhaft auf seinen Rücken gedreht wurde. Die Schweine
schienen genau zu wissen, was sie taten, anscheinend war er nicht ihr erstes
Opfer. Chris hätte beinahe aufgeschluchzt. Was, wenn doch Lewis hinter dieser
Entführung steckte? Er hatte schließlich, obwohl er solange dessen Spielzeug
gewesen war, keine Ahnung von dessen Möglichkeiten. Aber er wusste, dass der
Dreckskerl nachtragend war wie ein Elefant. Und Chris hatte ihm bei ihrem
letzten Zusammentreffen auf dem Gefängnishof nicht nur den Spaß verdorben,
sondern ihn auch noch bis auf die Knochen vor seinen Kumpanen blamiert.
Vielleicht hatte er ja doch jemanden anderen damit beauftragt, sich dafür an ihm
zu rächen…
Chris begann sich nun doch mit aller Kraft gegen den Kerl zu wehren, der ihn
festhielt. Dieser war so überrascht, dass er ihn beinahe losgelassen hätte, aber
nur beinahe. Im nächsten Moment hatte er ihn wieder fest im Griff, auch wenn er
ziemlich zu kämpfen hatte.
„Scheiße, hilf mir mal, der Kleine hat doch Pfeffer im Hintern“, rief der Typ
seinem Kidnapperkollegen zu. Dieser ließ sich nicht lange bitten und packte
Chris’ anderen Arm, bevor dieser reagieren konnte.
„Na, ganz ruhig, Freundchen“, lachte der Kerl.
Chris spürte, wie ihm vor lauter Angst die Tränen in die Augen schossen und
seine Sicht verschleierten. „Bitte…lasst mich gehen“, flehte er. „Ich hab nichts
getan…“
„Interessiert uns nicht, was du getan oder nicht getan hast“, war die knappe
Antwort. „Das ist nur ein Geschäft, nichts Persönliches.“
Chris stolperte und wurde wieder hochgerissen. Die zwei schleppten ihn um den
Van herum und dann stand er schließlich demjenigen gegenüber, dem er anscheinend
so wichtig war, dass er sogar Geld dafür bezahlte, um ihn entführen zu lassen.
Chris blinzelte die Tränen weg, doch auch als er den Mann klar erkennen konnte,
war er der Auflösung dieses Rätsels noch keinen Schritt näher gekommen…
***
Marc war dem Van in sicherem Abstand gefolgt. Er hoffte, dass ihn die Kidnapper
nicht bemerkt hatten, denn sonst hätten er und Chris ein noch gewaltigeres
Problem als sowieso schon an Hals. Aber das Glück schien im hold zu sein, denn
der Wagen vor ihm fuhr zügig und alle Verkehrsregeln befolgend dahin. Die
Mistkerle schienen sich also sicher zu fühlen und waren nicht auf die Idee
gekommen, dass sie verfolgt wurden.
Sie erreichten eine ziemlich heruntergekommene Gegend. Halb zerfallene Gebäude
säumten die Straße, das hier musste früher mal ein blühendes Industrieviertel
gewesen sein. Jetzt lag Unrat auf den Gehsteigen, Glas von zerbrochenen
Fensterscheiben, ein ausgeschlachtetes Auto stand am Straßenrand. Nachts war das
hier mit Sicherheit Gang-Land, wo sich die Straßengangs herumtrieben und ihren
„Geschäften“ nachgingen.
Marcs Herzschlag beschleunigte sich, als er der Van weiter vorne in eine schmale
Gasse zwischen zwei Fabrikgebäuden einbog. Er musste wohl an seinem Zielort
angekommen sein, denn hinter diesem Straßenzug kam gleich das Meer. Marc trat
auf das Gaspedal. Mit Absicht fuhr er an der Gasse vorbei, um den Entführern,
sollten sie ihn doch bemerkt haben, das Gefühl zu geben, der Wagen hinter ihnen
hätte nur zufällig den gleichen Weg gehabt wie sie.
Marc steuerte in die nächste Hofeinfahrt, stoppte sein Auto und stieg hastig
aus, um den Weg bis zur Gasse zurück zu rennen. Im Laufen zog er sein Handy aus
der Jackentasche und wählte die Notrufnummer der Polizei. Eine Frauenstimme
meldete sich.
„Hallo, ich möchte eine Entführung melden“, sagte er atemlos.
Knapp schilderte er die Umstände, unter der die Entführung stattgefunden hatte
und teilte der Frau am anderen Ende der Leitung die Adresse mit, die auf einem
verblichenen Schild an einem der Gebäude stand, die die Gasse säumten, in der
der Van mit Chris verschwunden war.
„Beeilen Sie sich“, drängte er zum Abschluss, dann beendete er das Gespräch und
steckte das Telefon zurück in seine Jacke.
Marc holte tief Luft, bevor er vorsichtig um die Ecke spähte, an der er während
des Telefonates stehen geblieben war. Er konnte nichts Besonderes sehen, außer
einen Teil eines leeren, staubigen Fabrikhofes.
Die Frau hatte ihn angewiesen, genau dort zu bleiben wo er war und auf die
Ankunft der Polizei zu warten, doch dazu war Marc zu aufgeregt. Wer wusste
schon, wie schnell die Gesetzeshüter hier sein würden und was in der
Zwischenzeit mit Chris geschah. Der Junge musste halb wahnsinnig sein vor Angst.
Der Gedanke daran, was sein Freund gerade durchmachte, ließ Marc alle
Vernunftgründe in den Wind schießen. Nein, er musste herausfinden, was da in
diesem Hof vor sich ging. Entschlossen schlich er sich, dicht an die Hauswand
gepresst, vor bis an die Ecke und riskierte einen vorsichtigen Blick in den Rest
des Hofes.
***
„Sie also sind der Kerl, wegen dem meine Tochter sich zum Narren macht.“
Wie betäubt starrte Chris den hochgewachsenen, schlanken Mann an, der neben
einer dunklen Limousine stand. Er wirkte mit seinem dunkelgrauen Anzug und
seiner aristokratischen, herrischen Ausstrahlung in dieser schäbigen Umgebung so
fehl am Platz wie eine Pinguin in der Sahara.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Information, die dieser eine, in
verächtlichem Tonfall gesprochene Satz enthielt, in Chris’ panikvernebeltes
Gehirn einsickerte und ihn erschrocken aufkeuchen ließ. Das war Alexandras
Vater?
Viel wusste er über den Mann nicht, nur dass er ein snobistischer Familientyrann
und schuld daran war, dass dieser Fehler in seinem Bewährungsverfahren
aufgedeckt worden war. Und dass er absolut nicht begeistert davon war, dass er,
Chris, seine Tochter geschwängert hatte.
Chris schluckte heftig. Was sollte er darauf antworten? Er beschloss, erst
einmal zu schweigen und abzuwarten, was Alexandras Vater von ihm wollte.
Allerdings sagte ihm sein Gefühl, dass er nichts davon mögen würde.
Der Mann gegenüber musterte ihn von oben bis unten. Sein Blick war kalt und
abschätzend und Chris wurde peinlich bewusst, dass er seine ältesten Klamotten
trug, eine zerrissene, ehemals schwarze Jeans und ein altes, verwaschenes Shirt.
Er hatte sich nicht umgezogen, bevor er losgefahren war, um die Farbe zu kaufen.
„Sie können ihn loslassen“, befahl Mr. Hastings seinen Kidnappern, die auch
prompt gehorchten. Sie entfernten sich ein paar Schritte, allerdings nicht weit
genug, um nicht im Notfall eingreifen zu können.
Chris war nun frei, aber er machte sich nichts vor. Die Kerle würden eine Flucht
zu verhindern wissen. Hastings hatte sich nicht umsonst die Mühe gemacht, auf
diese Art und Weise an ihn ran zu kommen. Aber warum?
„Sie fragen sich jetzt sicher, warum Sie hier sind“, sprach der ältere Mann
Chris’ Gedanken laut aus.
Chris nickte beklommen.
„Nun, ich will es kurz machen. Ich bin natürlich nicht damit einverstanden, dass
meine jüngste Tochter sich an einen Niemand, noch dazu an einen Ex-Sträfling
wegwirft. Dass mit dem Kind lässt sich nicht mehr ändern. Aber…“ Hastings machte
eine Pause und sah Chris scharf an. „Ich will, dass Sie so schnell wie möglich
aus Alexandras Leben verschwinden. Thomas!“
Ein schwarzgekleideter Mann, den Chris bisher noch gar nicht wahrgenommen hatte,
kam mit einem Koffer herbei, den er auf der Motorhaube der Limousine abstellte
und öffnete. Er war voller Banknoten.
„Hier drin sind 250.000 Dollar, als Startkapital für ein neues Leben weit weg
von hier. Sie verlassen meine Tochter und das Geld gehört Ihnen.“ Hastings
lachte leise. „Erzählen Sie mir nichts von Liebe und Pflichtbewusstsein, Sie
haben bei Alexandra nur einen bequemen Unterschlupf gefunden. Der Rest ist Ihnen
egal, ich kenne solche Leute wie Sie zu Genüge.“
Chris war wie vor den Kopf geschlagen. Dieser Typ bot ihm Geld, damit er
Alexandra verließ? Nachdem sie ihm ein für alle Mal klar gemacht hatte, dass er
in ihrem Leben nichts mehr zu suchen hatte?
„Nun? Was sagen Sie?“ fragte Hastings ungeduldig, nachdem Chris ihn nur
schweigend und fassungslos anstarrte.
Chris spürte, wie die Angst ihn verließ und einer ungeheuren Wut Platz machte.
Was dachte dieser Kerl eigentlich, wer er war? Gott? Er erwartete doch nicht
allen Ernstes, dass er diesen Vorschlag annahm?
„Behalten Sie Ihr Drecksgeld“, fauchte er. „Auch wenn Sie’s nicht glauben
können, ich liebe Alex. Und ich liebe mein Baby. Ich werde meine Familie nicht
im Stich lassen, nur weil es Ihnen nicht passt, dass ich mit Alex zusammen bin.“
Hastings Gesicht verfinsterte sich schlagartig bei diesen Worten, doch er fing
sich überraschend schnell.
„Sie lieben die beiden also?“ lächelte er spöttisch. „Ist es Ihnen denn egal,
was über Alexandra geredet wird? Oh ja…ich habe meine Ohren überall“, bestätigte
der ältere Mann, als Chris scharf die Luft einsog.
„Das stört uns nicht“, entgegnete Chris gepresst.
Hastings begann, mit langsamen Schritten vor ihm auf und ab zu gehen.
„Es stört Sie nicht, dass Ihre Freundin mit abschätzigen Blicken gemustert wird
und dass man hinter ihrem Rücken über sie tuschelt, weil sie einen Kriminellen
in ihr Haus und in ihr Bett gelassen hat? Was ist mit Ihrer kleinen Tochter?
Wird es Sie auch nicht stören, wenn sie eines Tages erfährt, dass ihr Vater
wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis war und sich dort prostituiert hat?
Solche Geheimnisse haben die fatale Tendenz, zum ungünstigsten Zeitpunkt ans
Tageslicht zu kommen. Wollen Sie ihr das wirklich antun? Oder wollen Sie nicht
lieber still und leise verschwinden und nur der unbekannte Daddy bleiben, der
ihre Mutter kurz nach ihrer Geburt im Stich gelassen hat. Wäre das nicht besser,
als dem Mädchen irgendwann erklären zu müssen, warum Sie zur Gefängnishure
wurden?“
Jeder einzelne Satz bohrte sich wie ein Messer in Chris’ Herz. Es waren Dinge,
über die er nachts, wenn er nicht schlafen konnte, nachdachte. Ihm war nicht
entgangen, wie die Leute Alexandra und auch ihn manchmal musterten. Und
Gina…Was, wenn sie jemals erfuhr, was in diesen furchtbaren dreieinhalb Jahren
geschehen war? Hatte Hastings etwa recht mit dem, was er gesagt hatte?
Alexandra hatte gesagt, es wäre ihr egal, was die Leute sagten. Aber konnte es
ihr wirklich auf Dauer egal sein? Konnte es ihr wirklich egal sein, dass ihn zig
Männer auf widerlichste Art und Weise missbraucht hatten?
Chris fühlte, wie Tränen in seinen Augen zu brennen begannen. Was, wenn er
seiner Tochter eines Tages tatsächlich erklären musste, wie es dazu kommen
konnte, dass er sich zur Hure hatte machen lassen? Wäre es nicht besser, das
Geld anzunehmen, es für Gina auf einem Konto zu deponieren und einfach zu gehen?
Irgendwohin, wo man ihn nicht kannte, nichts von seiner Vergangenheit wusste und
ein neues Leben anzufangen?
Chris hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als ihm auch schon klar wurde,
dass er das nicht schaffen würde. Wenn er Alexandra und seine Kleine verlassen
müsste, dann hätte sein Leben jeglichen Sinn verloren. Er hatte das unglaubliche
Glück gehabt, nach der tiefsten Hölle ein winziges Stückchen Himmel zu
ergattern. Konnte jemand tatsächlich so grausam sein, von ihm zu verlangen, das
wieder aufzugeben?
„Nun?“ Hastings musterte ihn ungeduldig. „Werden Sie das Geld annehmen und von
hier verschwinden?“
Chris hob den Kopf und sah den Mann vor ihm fest an. Die anderen Männer, die in
einigem Abstand von ihnen standen, nahm er gar nicht wahr. Er schluckte, um den
Kloß in seiner Kehle, der ihn am Sprechen hindern wollte, zu beseitigen.
„Nein…Ich werd Alex nicht verlassen“, flüsterte er rau. „Nicht, solange sie mich
nicht selbst rauswirft.“
Hastings Augen blitzten zornig auf und er unterdrückte einen Fluch. Dann fing er
sich wieder und nickte mit geradezu beängstigender Gelassenheit, die Chris
unwillkürlich einen eisigen Schauder über den Rücken jagte.
Der ältere Mann räusperte sich. „Also gut…Ich wollte es eigentlich nicht soweit
treiben, aber Sie lassen mir keine andere Wahl.“ Er machte eine Pause und sah
Chris scharf an. „Denken Sie wirklich, dass ich keine anderen Mittel und Wege
kenne, Sie und Alexandra zu trennen? Dass ich es tatsächlich hinnehmen werde,
einen Kriminellen in meine Familie aufnehmen zu müssen?“ fragte er mit
trügerischer Ruhe.
Chris stockte der Atem. „Wollen…wollen Sie mich etwa…umbringen?“ hauchte er und
starrte sein Gegenüber fassungslos an. Das konnte doch wohl nicht ernst gemeint
sein. War der Typ verrückt? Bevor er jedoch wieder in Panik ausbrechen konnte,
lachte Hastings trocken auf.
„Nein…so plump bin ich nicht“, erklärte er fast amüsiert. „Ein paar gefälschte
Beweise, ein, zwei falsche Zeugenaussagen…Und einige Leute in San Quentin hätten
allen Grund, sich zu freuen…“
Chris öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Ton wollte herauskommen.
Tränen, die er die ganze Zeit schon hatte unterdrücken müssen, wellten in seinen
Augen auf und er schüttelte abwehrend den Kopf.
„Das…das können Sie nicht machen“, flüsterte er schließlich erstickt. „Sie…Sie
behaupten, ich wäre kriminell? Und was tun Sie?“
Hastings lachte. Ein hartes, mitleidsloses Lachen. „Ich schütze meine Tochter
davor, in ihr Unglück zu rennen. Das ist schließlich die Pflicht eines Vaters.“
Chris fühlte sich, als würde er innerlich zu Eis erstarren. Sein Leben, von dem
er geglaubt hatte, er würde es mit Alexandras Hilfe wieder in den Griff
bekommen, lag in einem Scherbenhaufen vor ihm. Zerstört von einem Mann, der
herrschsüchtig und engstirnig war, der alles tun würde, um seine Ziele zu
erreichen.
Chris hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte. Sich umdrehen und gehen?
Hastings würde ihn nicht aufhalten, das wusste er jetzt. Wozu auch, er musste ja
nur seine Lügenmaschinerie in Gang setzen. Ob in ein paar Tagen oder ein paar
Wochen, irgendwann würde die Polizei vor der Tür stehen, um ihn abzuholen. Der
Alptraum würde wieder von vorne losgehen.
Das Geld doch annehmen und Alexandra verlassen? Großer Gott, das konnte er
nicht, das würde ihn umbringen…
Tbc...