Autor: cocopelli

Inhalt: Alex, eine junge Tierärztin und erklärte Männerhasserin, stellt einen ehemaligen Strafgefangenen als Hilfskraft ein. Chris ist gerade mal einundzwanzig und hat eine schlimme Zeit im Gefängnis hinter sich. Alex beginnt gegen ihren Willen mehr für Chris zu empfinden und Chris versucht verzweifelt, ein schreckliches Geheimnis über seine Vergangenheit vor ihr zu verbergen.

Altersfreigabe: ab 18

Genre: Allgemein

Teil 1   Teil 2   Teil 3   Teil 4   Teil 5   Teil 6  Teil 7   Teil 8  Teil 9  Teil 10  Teil 11  Teil 12  Teil 13   Teil 14   Teil 15   Teil 16  Teil 17  Teil 18  Teil 19  Teil 20  Teil 21  Teil 22  Teil 23  Teil 24   Teil 25 

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Teil 1

Juli 2002

Beharrlich hielt der zierliche Junge mit den schulterlangen schwarzen Haaren und den weichen, mädchenhaften Gesichtszügen den Blick auf den Rücken der Wache gerichtet, der er zu folgen gezwungen war. Er trug Handschellen. Heute war er siebzehn Jahre alt geworden. Zu jung, um Alkohol und Zigaretten zu kaufen, aber alt genug, um eine fünfjährige Gefängnisstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Kaliforniens anzutreten.

Dabei hatte alles nur eine Mutprobe sein sollen, ein Aufnahmeritual, um endlich einer der berüchtigten Straßengangs von L.A. anzugehören. Chris O`Connor und seine beiden besten Freunde sollten in einem Tankstellenshop Bier und Snacks für eine Party klauen, unter der „Aufsicht“ eines Gangmitgliedes der „Black Tigers“. Leider wurde der Verkäufer aufmerksam und griff zum Telefon, um die Polizei zu rufen. Was danach passierte, erschien Chris noch immer wie ein Alptraum. Luke, das Mitglied der „Black Tigers“, der die drei Jungs begleitet hatte, zog eine Pistole und schoss auf den Mann, der lautlos zusammenbrach.

Chris war wie gelähmt gewesen. Er ignorierte das aufgeregte Geschrei seiner Begleiter und starrte hypnotisiert auf das weiße Hemd des Opfers, auf dem sich mit rasanter Geschwindigkeit ein riesiger Blutfleck ausbreitete. An den Rest konnte sich Chris nicht mehr erinnern. Die Überwachungskamera des Ladens hatte alles aufgezeichnet und im Gerichtssaal hatte er das Video zum ersten Mal gesehen. Seine Freunde hatten ohne ihn das Weite gesucht. Chris war nach endlosen Sekunden aus seiner Erstarrung erwacht und hatte zum Telefon gegriffen, um den Notarzt zu rufen. Dann hatte er versucht, dem bewusstlosen Mann auf dem Boden Erste Hilfe zu leisten. 

Auf dem Video war nicht zu sehen, wer geschossen hatte. Der Tankstellenangestellte, der schwer verletzt überlebt hatte, konnte ihn jedoch entlasten, was Chris jedoch nur bedingt half, da er sich weigerte, die Namen seiner Komplizen, insbesondere den des Schützen, zu nennen. Chris war der einzige gewesen, der auf dem Video eindeutig zu erkennen gewesen war. Für seine falsch verstandene Loyalität gegenüber seinen Freunden musste er nun teuer bezahlen. Der Richter schickte ihn nicht in eine Jugendstrafanstalt, wohin er wegen seines Alters eigentlich gehörte, sondern in ein gewöhnliches Gefängnis. Chris würde den Ausdruck ungläubigen Entsetzens auf dem Gesicht seines Vaters nach der Urteilsverkündung sein ganzes Leben lang nicht vergessen. 

Als die Wache vor ihm anhielt wurde Chris aus seinen Gedanken gerissen. Sie hatten den Zellentrakt erreicht. Der Wärter, der neben ihm gegangen war, nahm ihm die Handschellen ab. 

„Da wären wir“, brummte der Mann.

Ein anderer Wärter nahm Chris in Empfang und winkte ihn durch die Tür des Zellentraktes. Chris schluckte und biss sich auf die Lippen. Er würde nicht weinen, auch wenn sich sein Magen anfühlte, als wäre er mit Eiswürfeln gefüllt und seine Kniegelenke sich aufgelöst zu haben schienen.  

Ein Schritt, noch einer, dann fiel die schwere, vergitterte Tür ins Schloss. Unwillkürlich zuckte Chris zusammen. Der Wärter gab ihm einen groben Stoß in den Rücken.  

„Los, mach schon, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“  

Lautes Johlen und zotige Witze begleiteten Chris` Weg zu seiner Zelle.  

„Mann, sieh dir bloß dieses Püppchen an!“ 

„Hey Kleiner, hat dich deine Mami ganz alleine zum Spielen raus gelassen?“

„Da hat`s jemand besonders gut mit uns gemeint!“

Chris versuchte es dem Wärter gleichzutun und die Männer, mit denen er die nächsten fünf Jahre auf engstem Raum verbringen sollte, zu ignorieren. Es wollte ihm nicht recht gelingen. Doch er schaffte es zu seiner Zelle, ohne zusammenzubrechen und den Wärter anzuflehen, ihn von hier wegzubringen. Er ahnte ja nicht, dass ihn hier die Hölle auf Erden erwartete…

 

Teil 2 

Mai 2006 

Entnervt knallte Alexandra Hastings die Eingangstür ihres Hauses hinter sich zu und schleuderte ihre Handtasche ziellos in eine Ecke. Verdammte Mary Jo und ihre Kuppelversuche. Eine zwanglose Party mit ein paar Arbeitskollegen ihres Mannes und deren Ehefrauen sollte es werden, hatte Mary Jo gesagt. Alexandra solle doch auch kommen, ein wenig Werbung für die Tierarztpraxis machen, die sie in ein paar Monaten, wenn der Umbau des Hauses endlich fertig sein würde, eröffnen wollte. Alles nette Leute mit Kindern, Katze, Hund und Wellensittich, die perfekte Zielgruppe. Allerdings hatte Mary Jo verschwiegen, dass auch zwei Junggesellen dabei sein würden.

„Arschlöcher“, fauchte die junge Frau, während sie in die gemütliche, in dunklem Holz gehaltene Wohnküche stapfte, den einzigen Raum, den sie nicht verändern wollte, da er sie zu sehr an ihre verstorbene Großtante, der das Haus gehört hatte, erinnerte. Liebe süße Tante Claire, die ihr geholfen hatte, ihr Studium zu finanzieren, als Alexandra sich mit ihrer Familie wegen ihrer Berufswahl überworfen hatte. Für einen Spross einer einflussreichen Anwalts- und Arztfamilie schickte es sich einfach nicht, „nur“ Tiermedizin zu studieren.  

Claire Simmons hatte Alexandra bei sich aufgenommen und dem Rest der Sippschaft die Stirn geboten. Als angeheiratete Verwandte und ehemalige Theaterschauspielerin war sie sowieso so etwas wie ein schwarzes Schaf gewesen. Nicht dass das die alte Dame auch nur im Geringsten gekümmert hätte. Sie und Alexandra waren zwar keine Blutsverwandten, doch im Wesen so ähnlich, dass sie Mutter und Tochter hätten sein können. Trotz des großen Altersunterschiedes hatte Alexandra sich mit ihrer Großtante immer blendend verstanden. Vor einem halben Jahr war diese überraschend verstorben und hatte Alexandra das Haus in einer ruhigen Wohngegend in einem Vorort San Franciscos und ein kleines Barvermögen hinterlassen. 

Die Ehe mit Alexandras Großonkel war kinderlos gewesen, also gab es niemanden, der dagegen hätte Einspruch erheben können. Und Alexandra, die zu diesem Zeitpunkt in einer Tierklinik im Norden von San Francisco gearbeitet hatte, hatte beschlossen, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen, und mit dem Geld und dem Haus eine eigene Tierarztpraxis zu eröffnen. 

Seufzend ließ sich die junge Frau auf einen der Küchenstühle an dem großen, dunkel gebeizten Tisch fallen, der in der Mitte des Raumes stand und begann, die Haarklammern aus der Hochsteckfrisur zu entfernen, mit der sie sich soviel Mühe gegeben hatte. Erleichtert schüttelte Alexandra ihre honigblonde Mähne, als sie endlich von allen Klammern befreit war. Normalerweise trug sie die ungebärdige Lockenpracht, die ihr weit über den Rücken hinab hing, in einem einfachen Pferdeschwanz.  

Alexandra hielt sich selbst für unattraktiv und unscheinbar, was ihre wenigen Freunde zur Weißglut brachte. Ihren sportlichen Körper hielt sie für zu dünn, ihren Busen für zu groß, ihr Gesicht mit den regelmäßigen Gesichtszügen, den klaren grauen Augen und dem breiten Mund, der gerne lachte, für nichtssagend. Daher hatte sie auch die Aufmerksamkeit, die ihr die beiden einzigen Junggesellen auf der Party geschenkt hatten, nur für Mitleid gehalten und einen Trick, um sie ins Bett zu bekommen. Die beiden Kerle hatten mit Sicherheit darum gewettet, wer wohl das Rennen machen würde und die als Eisklotz bekannte Alexandra Hastings rumkriegen würde. Männer waren nun einmal Schweine. 

Alex schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Seit Kevin hatte sie nur noch einmal einen Mann an sich heran gelassen. Der gut aussehende Footballspieler hatte sie in ihrem zweiten Collegejahr umworben und Alexandra hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er studierte Jura und Alexandra spielte ernsthaft mit dem Gedanken, sich wegen ihm mit ihrer Familie zu versöhnen und ihren Vater zu bitten, Kevin nach dem Studium einen Job in seiner renommierten Anwaltspraxis zu geben. Nach etwa einem Vierteljahr glückseliger Verliebtheit wurde Alexandra jedoch brutal mit der Wirklichkeit konfrontiert.  

Auf einer Studentenparty hörte sie zufälligerweise eine Unterhaltung zwischen Kevin und einem seiner Kommilitonen mit an, in der sich ihr so genannter Freund, das falsche Dreckstück, über ihre körperlichen und sexuellen Unzulänglichkeiten ausließ. Mit einem Lachen gestand Kevin, dass er nur mit ihr zusammen wäre, weil er hoffte, durch ihre Familie einen besseren Start für seine Karriere zu haben. Sie wäre eigentlich absolut nicht sein Geschmack, ein Bauerntrampel ohne Niveau und es sei unglaublich, dass sie tatsächlich die Tochter von Marcus Hastings sei, einem der bekanntesten Anwälte von L.A.

Nach diesem Satz griff sich Alexandra das nächst beste volle Glas, das ihr in die Finger kam und schüttete es ihrem zukünftigen Exfreund über dem Kopf, bevor sie sich umdrehte und die Flucht ergriff. Sie wollte den Dreckskerl die Tränen nicht sehen lassen, die ihr unaufhaltsam über das Gesicht rannen. Kevin versuchte danach noch mehrmals mit ihr zu reden und sie wieder einzuwickeln, doch Alexandra zeigt ihm die kalte Schulter. 

Mit der gleichen Sturheit, mit der sie ihren Eltern getrotzt hatte, trotzte sie nun dem Geflüster hinter ihrem Rücken und war von diesem Zeitpunkt an immun gegen männliche Annäherungsversuche. Sie schloss ihr Studium als eine der Besten ab und fand eine Stelle an einer Tierklinik, nur eine Stunde Fahrzeit von ihrer Tante entfernt. Mittlerweile war es ihr in Fleisch und Blut übergegangen, Männern gegenüber das Stachelschwein zu spielen und ihre männlichen Kollegen lernten nur zu bald, dass sie sich von Alexandra Hastings fernhalten mussten, wenn sie ihrem männlichen Ego die tödlichen Streiche der scharfen Zunge ihrer neuen Kollegin ersparen wollten. 

Auf einer Party lernte sie dann Nicholas kennen, einen Architekten. Groß, dunkelhaarig, gutaussehend. Er umwarb sie vorsichtig, machte ihr versteckte Komplimente und schickte ihr kleine Geschenke. Alexandra verliebte sich in ihn. Eine Zeitlang schwebte sie wie auf Wolken, nur um durch einen Zufall schlagartig auf die Erde zurückgeholt zu werden. Eines Abends fuhr sie nach der Arbeit zu Nicholas Wohnung, um ihn zu überraschen und ihn zum Essen einzuladen. Er war nicht allein. Eine hübsche, dunkelhaarige Frau öffnete die Tür. Wie sich herausstellte, war es Nicholas Ehefrau, die den gleichen Gedanken wie Alexandra gehabt hatte, und ihrem Mann einen Überraschungsbesuch in seiner Stadtwohnung abstattete.

Noch am gleichen Abend schwor Alexandra einen heiligen Eid, sich nie wieder mit einem Mann einzulassen, auch wenn sie den Rest ihres Lebens im Zölibat leben musste. Dass sie dabei eine halbe Flasche besten schottischen Single Malt in sich hatte, hatte ihrer Entschlossenheit bisher nichts anhaben können. 

Alexandra spürte, wie sich eine kalte Hundeschnauze in die Hand auf ihrem Schoß schob. Sie seufzte und öffnete die Augen. 

„Hey, Charlie.“ 

Die kälbchengroße Promenadenmischung mit dem sandfarbenen, strubbeligen Fell setzte sich hechelnd auf die Hinterbeine und legte ihr eine Pfote auf das Knie. Die junge Frau musste gegen ihren Willen lächeln. 

 „Alles okay, Kumpel“, sagte sie und streichelte ihrem bepelzten Freund über den Kopf. Charlie stieß ein leises Winseln aus. Seit Alex ihn vor einem Jahr als Welpen in einer Mülltonne gefunden hatte, war er ihr abgöttisch ergeben. Ihre damaligen Vermieter waren nicht gerade begeistert von dem quirligen kleinen Fellball gewesen und in gewissem Sinne hatte Charlie Glück gehabt, dass Alexandra das Haus von Tante Claire geerbt hatte. Nicht jeder erachtete ein 60 Kilo schweres Monster als Schoßtier und war bereit, es im Haus zu dulden. 

„Ich weiß, Kleiner, du willst mich trösten. Aber ich bin nicht traurig, nur wütend“, versicherte Alexandra dem Hund. „Bis auf die beiden Idioten war die Party ganz nett und ich hab hoffentlich schon ein paar zukünftige Klienten gewonnen. Vielleicht hätte ich dich mitnehmen sollen.“  

Bei dem Gedanken musste Alexandra grinsen. Mary Jo hatte Charlie ausdrücklich von ihrer Einladung ausgeschlossen. Der Mischling war zwar eine Seele von Hund und Mary Jos Kinder waren verrückt nach ihm, doch in Gesellschaft konnte Charlie sich nicht benehmen. Das letzte Thanksgiving, das sie mit Charlie bei den Andersons gefeiert hatte, hatte bei McDonalds geendet – auf Alexandras Kosten. In einem unbeobachteten Moment hatte Charlie sich in die leere Küche verdrückt, wo der Truthahn darauf gewartet hatte, serviert zu werden, und hatte sein privates Hundethanksgiving gefeiert. Seitdem musste er entweder zu Hause bleiben oder wurde im Garten angebunden. Selbst sein treuer Hundeblick konnte nach diesem Fiasko Mary Jos eiserne Entschlossenheit nicht mehr erweichen. 

Mary Jo war auf dem College Alexandras Zimmergenossin gewesen und hatte das Drama um Kevin hautnah miterlebt. Sie war noch während des Studiums schwanger geworden und hatte den Vater des Kindes, Mike Anderson, geheiratet. Mike war, wie sogar Alexandra zugeben musste, ein äußerst seltenes Exemplar von Mann. Der Vertreter für Computersoftware las seiner Frau jeden Wunsch von den Augen ab und war vernarrt in seine Kinder, die fünfjährige Susan und den dreijährigen Jamie. 

In ihrem unerschütterlichen Optimismus versuchte Mary Jo immer wieder, Alexandra mit in ihren Augen geeigneten Männern zusammenzubringen. Nur leider klafften ihre Vorstellungen von einem Traummann und die von Alexandra ziemlich weit auseinander. Warf man Alexandras Männerhass noch mit in den Mix, dann waren regelmäßige Konflikte vorprogrammiert. Zum Glück war keine der beiden jungen Frauen lange nachtragend und ihre Freundschaft hielt auch den schlimmsten Stürmen stand. 

Viele Freunde besaß Alexandra sowieso nicht. Sehr wenige, wenn man bedachte, dass sie hier in der Gegend seit fast acht Jahren zu Hause war. Es gab noch Julie Winters, von Beruf Kellnerin in einem Club, auf deren Wagen Alexandra eines Tages aufgefahren war. Nachdem sich die beiden Frauen zum Vergnügen der Passanten erst eine Viertelstunde lang angekeift und sich gegenseitig mit allen möglichen Ausdrücken beworfen hatten, hatten sie beschlossen, dass der Schaden gar nicht so schlimm und sie sich eigentlich ganz sympathisch waren. 

Dann gab es da noch Jack Sanders, etwa zwei Jahre älter als Alexandra, ebenfalls eine Collegebekanntschaft und der einzigen Mann, den Alexandra als Freund bezeichnete. Mike zählte nicht, der war nur so etwas wie ein Anhängsel von Mary Jo. Jack hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber den meisten Männern, die Alexandra kannte. Er war schwul. Er war keiner von denen, denen man es mit verbundenen Augen sofort ansah. 

Alexandra hatte seine sexuelle Orientierung nur durch Zufall herausgefunden, als sie ihn erwischt hatte, wie er mit einem Lehrer in dessen Wagen herumgeknutscht hatte. Wer damals in größerer Verlegenheit gewesen war, Jack, dieser Lehrer oder Alexandra, ließ sich nie mit Sicherheit sagen. Jedenfalls wurden Alexandra und Jack nach diesem Vorfall Freunde, nachdem Alexandra geschworen hatte, niemals jemandem etwas davon zu erzählen. 

Jack arbeitete als Bewährungshelfer. Nicht unbedingt ein angenehmer Job, nach dem zu urteilen was er Alexandra manchmal aus seinem Alltag erzählte. Aber Jack war ein ebenso unverbesserlicher Optimist wie Mary Jo und setzte sich wirklich für seine „Klienten“ ein – auch wenn diese sein Engagement oft nicht zu würdigen wussten. Alexandra war sich sicher, dass sie den Job an Jacks Stelle schon längst hingeschmissen hätte. 

Aus diesen drei Menschen bestand der Freundeskreis von Dr. med. vet. Alexandra Hastings. Nicht gerade groß, doch die junge Frau konnte sicher sein, dass sie sich auf diese Leute verlassen konnte. 

„Jetzt brauche ich erst mal eine Zigarette“, seufzte Alexandra und stand auf. Sie rauchte nicht oft und nicht viel, nur wenn sie wütend oder angespannt war – so wie jetzt. Die Schachtel, die sie aus einer Küchenschublade zog, lag dort schon seit über einer Woche und war noch immer halb voll. Ein Zeichen dafür, dass sie sich in letzter Zeit eigentlich zufrieden und ausgeglichen gefühlt hatte. 

Alexandra lehnte in der Tür, die von der Küche zum Garten führte und blies den Rauch nach draußen. Sie mochte den Geruch von schalem Zigarettenrauch nicht im Haus. Das Telefon klingelte und Charlie kommentierte das Geräusch mit einem lauten „Wuff“. Unschlüssig starrte Alexandra auf die glühende Zigarettenspitze und überlegte, ob sie das Läuten ignorieren sollte. Es war mit Sicherheit Mary Jo, die wissen wollte, warum sie die Party so abrupt verlassen hatte. 

„Okay, okay, ich komm ja schon“, brummte sie und drückte die Zigarette in dem Aschenbecher neben der Tür aus. Dann griff sie nach dem Telefon, das auf dem Tisch lag. Wie erwartet war es ihre Freundin, die sie mit einem aufgeregten Wortschwall überfiel. 

„Mary Jo, nun sei doch mal still.“ Vergeblich versuchte Alexandra zu Wort zu kommen. Mary Jo musste unbedingt loswerden, wie enttäuscht Bill und Rick, die beiden Junggesellen, gewesen waren, als Alexandra so plötzlich verschwunden war. Sie waren ja beide so begeistert von ihr gewesen und wollten sie unbedingt wieder sehen.

„Soll ich mir etwa ein Harem zulegen?“ brüllte die junge Frau schließlich in den Telefonhörer. Großartig, sonst war es immer nur ein angebliches Musterexemplar der männlichen Spezies gewesen, dass Mary Jo ihr aufdrängen wollte, nun waren es gleich zwei auf einmal. Alexandras Ausbruch hatte zumindest den Erfolg, das Mary Jo schwieg – ungefähr zwei Sekunden lang.  

„Was?“ 

„Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass ich keinen Mann brauche.“ Alexandra bewunderte sich selbst für die Ruhe, mit der sie diesen Satz äußerte.

„Und ich will auch keinen“, fügte sie hinzu.

„Alex, du bist siebenundzwanzig. Du kannst doch nicht dein ganzes Leben allein verbringen.“  

Das hatte ja wieder kommen müssen. Wenn Alexandra jedes Mal einen Dollar dafür bekommen hätte, wenn sie diese Diskussion mit ihrer Freundin führte, dann wäre sie mittlerweile wohl Millionärin. Das einzige, was sich je änderte, war die Jahreszahl. 

„Ich weiß, wie alt ich bin. Mary Jo, bitte lassen wir das jetzt. Ich bin müde und will ins Bett. Ich ruf dich dann morgen an, ja? Gute Nacht.“ Mit diesen Worten beendete Alexandra das Gespräch und legte das Telefon mit einem tiefen Aufseufzen zurück auf den Tisch. Wenn ihr nicht klar gewesen wäre, dass Mary Jo es nur gut mit ihr meinte, dann hätte sie die Frau schon längst erwürgt und in ihrem Vorgarten verscharrt. 

„Komm Charlie“, sagte sie zu dem Hund, der sie mit schief geneigtem Kopf und gespitzten Ohren beobachtete. „Gehen wir schlafen.“

 

Teil 3

 

Zwei Tage später brütete Alexandra an ihrem Küchentisch über diversen Angeboten für medizinische Geräte und Möbel für ihre Tierpraxis. Sie würde einiges davon gebraucht erstehen können, was gut für ihre finanziellen Reserven war. Ihre eigenen Ersparnisse und das Geld, das sie von ihrer Tante geerbt hatte, würden nicht unbegrenzt reichen.

Und da war auch noch das Problem mit dem Umbau. Alexandra hatte vor, den vorderen Bereich des Hauses, der Tante Claire als Wohnzimmer gedient hatte, als Ordinationszimmer zu nutzen. Die beiden kleineren Räume daneben sollten das Büro und das Wartezimmer werden. Der Anbau, der früher ihrem Onkel, einem passioniertem Jäger und Sammler als Aufbewahrungsort für die Schätze seiner Leidenschaft gedient hatte, sollte zum Tierlazarett umfunktioniert werden.

Zu Alexandras Glück war ihre Großtante ein praktisch denkender Mensch gewesen und hatte die Tabakspfeifensammlung, die Feuerzeug- und Miniaturwhiskyflaschensammlung und diverse andere Gegenstände nach dem Tod ihres Mannes entweder verkauft oder verschenkt.

Alexandra hatte ihren Großonkel, einen großen, immer zu einem Scherz aufgelegten Mann, kaum gekannt, da er bereits gestorben war, als sie noch ein Teenager gewesen war.

Nicht die Einrichtung der Praxis war Alexandras größtes Problem, sondern der Umbau selbst. Sie hatte bereits die Möbel, die sie nicht mehr brauchte, abtransportieren lassen und nur ein paar ausgewählte Erinnerungsstücke behalten.

Alexandra hatte versucht, jemanden anzuheuern, der die gröbste Arbeit erledigt, doch bisher hatte sie mit diesen Hilfskräften nur Pech gehabt. Der erste war am zweiten Tag stockbetrunken zur Arbeit erschienen, der zweite war erst gar nicht mehr aufgetaucht, als er merkte, dass er tatsächlich arbeiten sollte, und der dritte…der dritte hatte tatsächlich den Nerv besessen, sich an Alexandra heranzumachen. Soviel zu ihrer Karriere als Arbeitgeberin.


Mike hatte ihr bereits seine Hilfe angeboten, doch Alexandra scheute sich davor, dieses Angebot anzunehmen. Das wäre nur wieder Wasser auf Mary Jos Mühlen gewesen. Jack hätte ihr liebend gern geholfen, doch der Mann hatte zwei linke Hände und absolut kein handwerkliches Geschick.

Alexandra schob die Papiere von sich und stand auf. Es half alles nichts, irgendwann musste sie mit der Arbeit anfangen, wenn sie in zwei Monaten die Praxis eröffnen wollte. Wenn sie sich dabei auf männliche Hilfe verlassen würde, dann könnte sie die Praxis wahrscheinlich erst in zwei Jahren eröffnen – wenn überhaupt.

Sie stellte gerade ihre Kaffeetasse ins Spülbecken, als es an der Tür läutete. Charlie, der unter dem Tisch gelegen hatte, sprang wie elektrisiert auf und rannte schwanzwedelnd zur Tür. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Bekannter vor der Tür stand. Alexandra folgte ihrem Hund in etwas gemäßigterem Tempo. Charlie hatte die Tendenz, Leute etwas zu überschwänglich zu begrüßen, darum ergriff sie vorsichtshalber sein Halsband, bevor sie die Tür öffnete.

„Guten Morgen, schöne Frau. Schon gefrühstückt?“ grüßte ein lachender Jack mit einer großen Tüte im Arm, die die Aufschrift einer Bäckerei trug. „Ich hoffe, du hast noch etwas Kaffe übrig“, fuhr er fort, während er sich an Charlie vorbei ins Haus drängte. „Ja, Kumpel, dir hab ich auch was mitgebracht“, beschwichtigte Jack den aufgeregten Hund.

Alexandra verschränkte die Arme. Heute war Dienstag, üblicherweise musste Jack arbeiten und ihr Zuhause lag nicht gerade auf seinem Weg zur Arbeit. Und Frühstück hatte Jack ihr auch noch nie vorbeigebracht. Irgendwas musste im Busch sein.

„Hey, Jack, was führt dich so früh in diese Gegend?“ fragte sie misstrauisch.

„Ich wollte dich einfach mal wieder sehen.“ Fröhliche blaue Augen hinter randlosen Brillengläsern grinsten Alexandra freundlich an. Jack war ein eher unscheinbarer Vertreter seines Geschlechts, mit schütteren sandfarbenen Haaren, nicht besonders groß und einem leichten Bauchansatz. Was ihm an gutem Aussehen fehlte, machte er mit seinem Charme und seinem Witz wett.

„Wir haben uns erst am Wochenende getroffen“, erinnerte Alexandra ihn trocken.

Jack ignorierte ihre Antwort und steuerte, gefolgt von Charlie, auf die offene Küchentür zu. Alexandra blieb nichts anderes übrig, als sich den beiden anzuschließen, wenn sie herausfinden wollte, was Jacks Überfall für einen Grund hatte.

„Ah, da steht ja noch eine fast volle Kanne Kaffee.“ Ihr Freund öffnete einen der Schränke und stellte Teller und Taschen auf den Tisch, bevor er Alexandra mit einer einladenden Geste aufforderte, Platz zu nehmen. Dieser kam die ganze Sache immer merkwürdiger vor.

„Jack, fehlt dir was?“ platzte sie heraus, während sie sich auf den angebotenen Stuhl setzte. Jack goss ihr etwas Kaffee ein und legte ihr ein Blaubeermuffin auf den Teller, bevor er sich selbst bediente.

„Nein, alles okay“, antwortete Jack, als er Alexandra schließlich gegenüber saß und biss herzhaft ein Stück von seinem Doughnut ab. „Ich wollte nur mal sehen, wie weit du mit dem Umbau und mit deiner Praxis bist“, nuschelte er.

„Nicht besonders weit“, gab Alexandra zurück. „Eigentlich wollte ich gerade damit anfangen, die Tapeten in meinem zukünftigen Behandlungszimmer zu entfernen.“

„Wieso versuchst du nicht noch mal, jemanden zu finden, der dir hilft?“ Ein zweiter Bissen verschwand in Jacks Mund, gefolgt von einem großen Schluck Kaffee.

„Das Thema hatten wir doch schon“, seufzte die junge Frau. „Ich scheine Männer, die nichts taugen, einfach anzuziehen. Um mir weiteren Ärger zu ersparen, mach ich das meiste selbst.“

Jack legte seinen Doughnut zurück auf den Teller und rückte seine Brille zurecht. Alexandra beobachtete ihn stirnrunzelnd.

„Wenn du dir aber helfen lassen würdest, dann wärst du schneller fertig, könntest die Praxis früher eröffnen und würdest auch schneller Geld damit verdienen, korrekt?“ fragte er beiläufig und sah Alexandra an.

Diese schüttelte verwirrt den Kopf. „Klar, aber…ich schaff das schon. Ich hab einfach die Schnauze voll von unzuverlässigen, betrunkenen Idioten, die nichts anderes im Kopf haben als das, was zwischen ihren Beinen hängt. Jack, was soll die Fragerei?“

„Nun…ich hätte da jemanden, der für diese Art Job genau das Richtige wäre…“
begann Alexandras Gegenüber vorsichtig und hob die Hand, als Alexandra den Mund öffnete, um zu protestieren. „Hör mir erst mal zu, okay?“

Doch so leicht ließ sich die junge Frau nicht zum Schweigen bringen.

„Wenn du mir einen von deinen Jungs aufschwatzen willst, vergiss es“, erklärte sie bestimmt. „Ich will hier keinen kahlköpfigen, tätowierten Ex-Knacki haben.“

„Alex, Chris O`Connor ist weder kahlköpfig noch tätowiert – soweit ich weiß. Er ist ein netter junger Mann, der ziemliches Pech gehabt hat…“

„…und unschuldig ins Gefängnis geraten ist und zudem von Außerirdischen entführt wurde. Blah, blah, blah!“ Alexandras Stimme triefte vor Sarkasmus. Sie konnte kaum glauben, dass Jack tatsächlich von ihr erwartete, einen Kriminellen einzustellen.

„Komm schon, sieh ihn dir wenigstens mal an.“ Jacks Stimme nahm nun einen fast flehenden Tonfall an und Alexandra spürte, wie ihre Wut verrauchte. Jack hatte ihr schon oft genug aus der Patsche geholfen, das wenigste was sie tun konnte war, über ihren Schatten zu springen und sich diesen Kerl wirklich mal anzusehen. Nein sagen konnte sie hinterher immer noch.

Außerdem war sie nun doch etwas neugierig geworden. Es sah Jack gar nicht ähnlich, sie um einen derartigen Gefallen zu bitten. Da steckte mehr dahinter und sie war auf einmal fest entschlossen, herauszufinden, was.

„Also gut…“ antwortete sie schließlich langsam. „Aber keine Tätowierungen, keine Piercings und er sieht auch halbwegs zivilisiert aus? Ich will hier eine Praxis eröffnen und keine Bar“, fügte sie hinzu. „Die Leutchen in der Nachbarschaft sind da ein wenig empfindlich.“ Alexandra wusste genau, wovon sie redete.

Im Besonderen meinte sie damit Mrs. Appleby auf der anderen Seite der Straße, eine etwa siebzigjährige Witwe, die nichts Besseres zu tun hatte, als ihre Nachbarn mit Argusaugen zu beobachten. Sie und Tante Claire hatten sich nicht ausstehen können. Die meisten anderen Nachbarn waren biedere Leute, die morgens zur Arbeit ins Büro gingen, ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten fuhren und jeden Sonntag in die Kirche gingen.

Jack legte theatralisch eine Hand aufs Herz und hob die andere wie zum Schwur.

„Mein Ehrenwort. Keine Tattoos, kein Piercing und Haare hat er auch“, versicherte er. „Ich kann dir den Jungen also heute Nachmittag vorbeischicken?“

 

Teil 4

 

Alexandra räumte das Geschirr vom Mittagessen in die Spüle und fragte sich zum wiederholten Male, welcher Teufel sie heute Morgen geritten hatte, als sie Jacks Bitte nachgegeben hatte.

„Er hat mir bestimmt was in den Kaffee geschüttet“, erklärte sie Charlie und vergaß dabei völlig, dass sie gar nicht aus der Tasse getrunken hatte, die Jack ihr vorgesetzt hatte. Charlie war jedoch zu sehr Gentleman um ihr zu widersprechen und blaffte stattdessen zustimmend.

Erst als Jack weg gewesen war, war Alexandra aufgefallen, dass sie so gut wie gar nichts über den Kerl wusste, den ihr der junge Bewährungshelfer als Hilfskraft aufschwatzen wollte. Sie vertraute Jack zwar soweit, dass sie sicher war, dass dieser Ex-Sträfling nicht wegen irgendeines Gewaltverbrechens verurteilt worden war, doch sie hätte doch gerne Näheres über ihn gewusst.

Vielleicht war er wegen Drogenbesitz oder Autodiebstahl im Gefängnis gewesen. Keine Kavaliersdelikte, aber etwas, mit dem sie leben konnte. Alexandra schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. Das hörte sich ja an, als würde sie ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Jacks Protege einzustellen. Mary Jo würde sie in im Eiltempo in die nächste Nervenheilanstalt einweisen lassen. Nein, sie war schlicht und einfach nur neugierig, wieso Jack ihr diesen Typen aufdrängen wollte.

Daran, dass er in Mary Jos Club „Lasst-uns-einen-Mann-für-Alex-finden“ eingetreten war, dachte sie keine Sekunde. Jack wusste genau, dass er für einen derartigen Versuch in akuter Gefahr schweben würde, sein bestes Stück zu verlieren. Und einen potentiell gewalttätigen Kriminellen würde ihr schon zweimal nicht vor die Nase setzen.

Alexandra war so in ihren Versuch vertieft, das Rätsel, das Jack ihr aufgegeben hatte, zu lösen, dass sie nicht bemerkte, wie Charlie die Ohren spitzte und von seinem Ruheplatz neben dem Küchentisch aufstand. Erst als der Mischling mit einem lauten Bellen durch die Küchentür verschwand, schreckte sie auf und es fiel ihr siedendheiß ein, dass die Vordertür offen war

„Mist. Charlie, bei Fuß“, brüllte sie und raste ihrem vorgeblich tauben Hund hinterher.

Charlie hatte ein extrem selektives Hörvermögen. Er hörte nur das, was er wollte. Kommandos, die in irgendeiner Weise seinen Spaß verdarben, gehörten eindeutig nicht dazu. Charlie liebte es, Besucher zu begrüßen. Leider war seinem Hundehirn nicht klarzumachen, dass die meisten Leute nicht begeistert davon waren, von einem schlabbernden Kalb angefallen zu werden.

Als Alexandra auf die Veranda kam, hörte sie gerade noch einen überraschten Aufschrei und wurde Zeuge, wie ihr Liebling einen Unbekannten auf den Rasen in ihrem Vorgarten niederstreckte. Sie rannte die Treppe hinunter und zerrte Charlie an seinem Halsband zurück. Zu ihrer Erleichterung schien dem Opfer von Charlies Attacke außer einem Schrecken nichts passiert zu sein.

„Böser Hund, Charlie, böser Hund! Marsch, zurück ins Haus.“ Alexandra schüttelte ihren vierbeinigen Freund leicht am Halsband und schob ihn dann in Richtung Treppe.

Charlie warf ihr einen beleidigten Blick aus seelenvollen Hundeaugen zu, bevor er ihrem Befehl Folge leistete und sich trollte. Alexandra seufzte. Charlie war nicht gerade Werbematerial für ihre Kompetenz als Tierärztin. Man sollte meinen, dass sie als solche in der Lage wäre, einen Hund ordentlich zu erziehen.

Mit diesem Gedanken wandte sie sich wieder Charlies Opfer zu, das sich mittlerweile aufgerappelt hatte. Es war ein Teenager, Alexandra schätzte ihn auf etwa siebzehn, extrem schlank, mit strubbeligen, schwarzen, schulterlangen Haaren, die aussahen, als hätte er sich immer wieder mal ein paar Strähnen mit einer Axt abgehackt.

Er trug ein schwarzes T-Shirt mit irgendeinem Bandlogo, eine schwarze Jacke und schwarze, ausgefranste Jeans mit einem Nietengürtel. Das einzige, was das Bild eines trotzigen Rebellen zunichte machte, war das schmale, mädchenhafte Gesicht mit den riesigen, schokoladenfarbenen Augen.

„Tut mir leid, dass mein Hund dich angesprungen hat. Er steckt noch mitten in den Flegeljahren. Ich hoffe, du hast dir nicht wehgetan?“ fragte Alexandra und amüsierte sich trotz ihres vorangegangenen Schreckens, als der Teenager wild den Kopf schüttelte. Wenigstens hatte Charlie keine alte Dame umgeworfen. DAS wäre mit Sicherheit keine gute Werbung für ihre zukünftige Praxis gewesen.

„Nein, mir ist nichts passiert“, versicherte der Junge. „Ich mag Hunde, er hat mich nur überrascht, das ist alles.“ Verlegen fuhr er sich durch die Haare, die dadurch nur noch verstrubbelter aussahen.

Seine Stimme passte ebenfalls nicht zu seinem Outfit, fand Alexandra. Sie war viel zu sanft.

„Trotzdem ist es mir peinlich“, erklärte sie. „Was wolltest du eigentlich?“

Der Junge zog die Schultern hoch und versenkte die Hände in den Hosentaschen während er Alexandra durch ein paar widerspenstige schwarze Strähnen unsicher ansah.

„Mister Sanders schickt mich“, antwortete er schließlich. „Er meinte, Sie hätten vielleicht einen Job…“

Alexandras ungläubiges Erstaunen musste sich in ihrem Gesicht widergespiegelt haben, denn abrupt brach der Junge seine Erklärung ab und starrte zu Boden.

„DU…DU bist Chris O`Connor?“ platzte die junge Frau heraus.

Du liebe Zeit, Jack hatte zwar mit seiner Beschreibung nicht gelogen, aber er hätte ihr wenigstens sagen können, dass er ihr ein halbes Kind schicken wollte. Inwiefern sollte ihr dieser Junge denn eine Hilfe sein? Im Gegenteil, es sah eher danach aus, als wäre er derjenige, der Hilfe benötigte.

„Dr. Hastings, hören Sie, ich brauche diesen Job wirklich.“ Chris schluckte. „Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber ich kann hart arbeiten. Und ich hab Erfahrung, ich hab auf dem Bau gearbeitet und mit…mit meinem Dad das Haus meiner Großmutter renoviert, bevor wir eingezogen sind. Lassen Sie es mich wenigstens versuchen.“

Alexandra hatte ihren ursprünglichen Schock noch nicht ganz überwunden. Das Huhn, das sie mit Jack noch rupfen würde, nahm die Ausmaße eines Dinosauriers an – eines von der großen Sorte. Dieser hinterlistige Mistkerl hatte genau gewusst, was er tat. Alexandra hätte jeden anderen Bewerber ohne Gewissensbisse weggeschickt, doch zu diesen hoffnungsvollen Augen nein zu sagen – das brachte nicht einmal sie fertig. Auch wenn diese Augen einem männlichen Wesen gehörten.

Ihr einziger Trost war der, dass dieser Chris O`Connor nicht ihn ihr übliches Feindschema passte und sie streng genommen ihren Prinzipien nicht untreu wurde. Und genau das musste Jack auch klar gewesen sein.

„In Ordnung“, hörte sie sich widerwillig sagen. „Eine Woche, dann sehen wir weiter.“

 

Teil 5

 

Alexandra lehnte mit verschränkten Armen in der offenen Tür und beobachtete nachdenklich, wie Chris ihren dunkelblauen Pickup mit Abfall belud, der für die Müllhalde bestimmt war. Trotz der frühsommerlichen Hitze trug er wie üblich ein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans. Der einzige Farbtupfer war das dunkelrote Tuch, dass er sich wegen der Sonne im Piratenstil um den Kopf geschlungen hatte. Die junge Frau fragte sich unwillkürlich, ob Chris auch Kleidungsstücke in anderen Farben als Schwarz besaß.

Die Frist, die Alexandra ihrem neuen Helfer gesetzt hatte, war im Nu verstrichen. Schon am ersten Tag, den Chris für sie arbeitete, hatte sie festgestellt, dass er wirklich wusste, was er tat und im Gegensatz zu seinen Vorgängern fleißig und ausdauernd war.

Meistens war sie diejenige gewesen, die ihn abends nach Hause geschickt hatte, sonst hätte er die halbe Nacht durchgearbeitet. Sie hatte es zwar eilig, die Praxis zu eröffnen, doch so eilig, dass sie seinen Arbeitseifer ausnutzen konnte, nun auch wieder nicht. Bereits am zweiten Tag hatte sie es gewagt, Chris allein zu lassen und war ihren üblichen Verrichtungen nachgegangen, wie der Organisation ihrer Praxiseinrichtung.

Alexandra hatte sich zu Beginn entschlossen, sich das Meiste gebraucht zu besorgen und das bedeutete einen ziemlichen Zeitaufwand und eine nervenaufreibende Fahrerei. Sie hatte leider nicht das Glück, den Bestand aus einer Praxisauflösung komplett übernehmen zu können, sondern musste sich alle Geräte und Möbel irgendwo einzeln beschaffen. Ihr einziger Trost war, dass sie sich dabei eine Menge Geld sparte.

Am Wochenende hatte sie sich mit Jack zum Essen getroffen und ihm gehörig den Kopf gewaschen. Nachdem Jack sich gebührend zerknirscht bei ihr entschuldigt hatte, hatte er Alexandra ein paar Details über Chris erzählt, um ihr zu verdeutlichen, warum er gehofft hatte, dass sie den Jungen einstellte.

Chris war als Sechzehnjähriger in seiner jugendlichen Dummheit in einen bewaffneten Raubüberfall auf eine Tankstelle verwickelt gewesen, bei dem ein Mann lebensgefährlich verletzt worden war. Dass er einen Krankenwagen gerufen und bei dem Verletzten geblieben war, hatte sich positiv bei seiner Verhandlung ausgewirkt, dass er sich geweigert hatte, die Namen seiner Komplizen und insbesondere den des Schützen zu verraten, davon war der Richter weniger angetan gewesen. Er hatte Chris zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die dieser in einem regulären Gefängnis verbringen sollte.

An diesem Punkt der Erzählung hatte Alexandra einen empörten Aufschrei nicht unterdrücken können. Als Tochter eines Juristen hatte sie von den Bedingungen in den amerikanischen Gefängnissen gehört und konnte nicht begreifen, wie man ein halbes Kind in eine derartige Anstalt schicken konnte. Es gab genügend Jugendstrafvollzugsanstalten.

Jack konnte ihr diesen Umstand auch nicht erklären, er meinte jedoch, dass der Richter Chris wohl einen Denkzettel wegen seines Schweigens hatte verpassen wollen.

Alexandra erfuhr an diesem Abend noch einiges mehr über den Jungen, den sie mehr oder weniger freiwillig angestellt hatte. Chris war Vollwaise und hatte auch sonst keine Verwandten mehr in den Staaten. Er war weder faul noch hatte Jack den Eindruck, dass er vorhatte, sich auf kriminelle Machenschaften einzulassen. Wenigstens dies hatte der Gefängnisaufenthalt bewirkt.

Was Alexandra allerdings verwunderte, war, dass Chris laut Jack Probleme mit Autoritätspersonen haben sollte. Seine vorherigen Arbeitgeber hatten ihn jedes Mal mit der Begründung gefeuert, dass er sich nicht einfügen konnte und nur Unruhe und Ärger ins Team brachte.

Diesem Urteil konnte Alexandra sich absolut nicht anschließen. Chris war weder aufsässig noch frech noch ignorierte er ihre Anweisungen. Er stellte Fragen oder machte Verbesserungsvorschläge, deren gelegentliche Ablehnung er kommentarlos hinnahm, doch er reagierte nie respektlos. Alexandra zuckte innerlich mit den Schultern. Vielleicht lag es daran, dass sie eine Frau war.

Chris warf den letzen Müllsack auf die Ladefläche und wischte sich mit der Hand über die Stirn. Alexandra richtete sich auf und ging zu ihm hinunter.

„Wenn du fertig bist, dann können wir fahren“, sagte sie. Ich muss nur noch Charlie klar machen, dass wir für ihn keinen Platz mehr haben.“

„Alles klar“, entgegnete Chris mit einem schiefen Lächeln. „In der Zwischenzeit kann ich mir ja noch was zu trinken holen, die Zeitung lesen, den Rasen mähen…“

Alexandra musste schmunzeln. Chris war normalerweise recht schüchtern ihr gegenüber, doch manchmal bekam sie doch einen Hauch seines großzügigen, wenn auch etwas sarkastischen Humors zu spüren. Nicht, dass sie etwas dagegen hatte, im Gegenteil.

„Wenn ich es mir recht überlege, da du sowieso reingehen musst, wenn du etwas trinken willst, kannst du ja diese Aufgabe übernehmen. Ich warte solange hier draußen“, grinste sie und wurde dafür mit einem komisch-entsetzten Augenaufschlag bedacht. Aus einem für Alexandra unerklärlichen Grund liebte Charlie Chris fast genauso sehr wie seine Herrin und erstaunlicherweise hatte der verflixte Hund sogar angefangen, zu gehorchen – allerdings nur, wenn die Befehle von Chris kamen.


„Dann sollten Sie sich aber lieber in den Schatten setzen“, rief Chris ihr über die Schulter zu, bevor er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zu Veranda hinauf eilte und im Haus verschwand.

Alexandra schüttelte lachend den Kopf. Zu ihrer Überraschung genoss sie diese gelegentlichen kurzen Wortgefechte mit dem jungen Ex-Sträfling. Wahrscheinlich lag es daran, dass Chris’ Humor und ihr eigener sich ziemlich ähnlich zu sein schienen.

In erstaunlich kurzer Zeit erschien Chris wieder auf der Veranda und schloss die Tür hinter sich.

„Was hast du gemacht?“ wunderte sich die junge Tierärztin.

Chris zuckte mit den Schultern. Er schien ebenso überrascht zu sein wie Alexandra.

„Ich hab ihm nur gesagt, dass wir gleich wieder zurückkommen.“

„Ist das alles?“ Bevor Alexandra in den Wagen einstieg, warf sie einen forschenden Blick zurück zum Haus. Nichts, kein Bellen, kein Jaulen. Normalerweise machte Charlie ein Riesentheater, wenn man ihn alleine ließ.

„Ja, wirklich“, entgegnete Chris. „Fahren wir jetzt?“

Alexandra beschloss, ihm zu glauben. Im Grunde genommen konnte Charlie nicht besonders viel anstellen, außer vielleicht die Küche verwüsten. Türen konnte er zum Glück nicht öffnen.

Die Müllhalde lag etwa zwanzig Minuten Fahrzeit entfernt. Der Pickup war den ganzen Vormittag in der sengenden Sonne gestanden und die Temperatur darin ähnelte der in einem Backofen. Alexandra drehte die Klimaanlage höher und schob eine CD in den CD-Spieler. Als die ersten harten Rockbeats durch die Lautsprecher klangen, warf Chris ihr einen erstaunten Blick zu.

„Was?“ fragte Alexandra amüsiert und blies sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht.

Chris biss sich auf die Unterlippe. „Na, ja, ich hätte nicht gedacht, dass Sie so eine Art von Musik hören…“

„Und wie genau hättest du meinen Musikgeschmack eingeschätzt?“

„Na ja, eher ruhige Sachen…Klassik oder so…immerhin sind Sie ja schon älter…“

Alexandra hätte beinahe die rote Ampel übersehen und wäre auf den vor ihr haltenden Wagen aufgefahren. Nachdem sie den Wagen mit einem Ruck zum stehen gebracht hatte, drehte sie sich mit zu Schlitzen verengten Augen zu Chris.

„Zu deiner Information, ich bin siebenundzwanzig! Und damit bin ich noch lange keine alte Schachtel!“

Chris starte sie an wie ein hypnotisiertes Kaninchen und tastete unbewusst nach dem Türöffner. Alexandra musste trotz ihrer Empörung lachen.

„Hey, ich fresst dich deshalb nicht gleich auf“, sagte sie. „Eines solltest du dir aber fürs Leben merken: Sprich eine Frau niemals auf ihr Alter an.“

Chris schluckte. „Tut mir leid. So war das eigentlich nicht gemeint. Ich dachte nur…“

Ein lautes Hupkonzert unterbrach seine Entschuldigung. Die Ampel hatte auf Grün umgeschalten und im Rückspiegel konnte Alexandra mehrere Wagen sehen. Der Fahrer hinter ihr gestikulierte wütend mit seinen Händen.

„Ach, Mist“, fluchte sie und fuhr los. Nach eine paar Minuten schweigender Fahrt schielte sie zu ihrem Beifahrer hinüber. Chris beobachtete angelegentlich die vorbeiziehende Landschaft. Anscheinend hatte sie ihn mit ihrem Ausbruch eingeschüchtert.

„Hey, tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe“, sagte sie schließlich. „Ich bin nur ein paar Jahre älter als du und es hat mich wohl etwas schockiert, dass du mich schon zur älteren Generation zählst.“ Dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke. „Sehe ich etwa älter aus als siebenundzwanzig?“

Als sie keine Antwort erhielt, warf sie ihrem Beifahrer einen kurzen Blick zu. Chris starrte sie mit einer Mischung aus Argwohn und klinischem Interesse an und schien sich nicht ganz sicher zu sein, welche Antwort ihn vor einem schrecklichen Schicksal bewahren würde.

„Nein“, antwortete er schließlich zögernd. „Es ist nur…ich kann Menschen schlecht auf ihr Alter schätzen. Sind Sie jetzt sauer auf mich?“

Gegen den ängstlichen Ausdruck in Chris’ großen braunen Augen war auch Alexandras gegen männlichen Charme gestähltes Herz machtlos. Immerhin hatte er in den vergangenen Jahren nicht viel Gelegenheit gehabt, Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht zu machen.

„Blödsinn“, erklärte sie. „Ich war nur…sagen wir neugierig.“

Alexandra hörte, wie der junge Mann neben ihr erleichtert aufatmete und musste schmunzeln.

„Doktor Hastings?“ Chris Stimme klang zaghaft.

„Hm?“

„Die Woche ist heute um. Soll ich morgen wieder kommen?“

Alexandra runzelte die Stirn. Was meinte er damit? Sie bog durch das Tor der Müllhalde und brachte den Wagen zum Stehen.

„Welche Woche?“ fragte sie.

„Als Sie mich eingestellt haben, sagten Sie, dass wir nach einer Woche weitersehen würden. Die Woche ist jetzt um.“

Alexandra durchforstete ihr Gehirn. Hatte sie das wirklich gesagt? Tatsächlich. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Die paar Tage waren wie im Flug vergangen und sie hatte die Probezeit völlig vergessen.

„Natürlich kommst du morgen wieder. Ich dachte, das wäre klar“, erklärte sie. „Du hast nicht übertrieben, als du gesagt hast, du wüsstest, was du tust.“

Chris lächelte sie erleichtert an.

„Danke“, sagte er schlicht und schrak zusammen, als jemand an die Scheibe der Beifahrertür klopfte.

Alexandra stieg aus und grüßte den Besitzer der Halde, einen gemütlichen Mann Ende vierzig mit roten Haaren und einem gewaltigen Bauch, über dem sich sein blauer Arbeitsanzug spannte.

„Hallo, Mister Craig, können wir das Zeug hier abladen?“ Sie deutete auf die mit Tüten und Schachteln gefüllte Ladefläche des Pickups.

„Fahren Sie dort nach rechts, Doc“, entgegnete der Mann. Alexandra hatte dem Hund seiner Tochter gerettet, als dieser Gift auf der Müllhalde gefressen hatte und dafür war er ihr bis in alle Ewigkeit hinein dankbar.

Nachdem sie Chris geholfen hatte, einen Teil des Abfalls abzuladen, schlenderte sie zum „Büro“ hinüber, wo Mister Craig unter einem kleinen Vordach saß und Zeitung las. Sie unterhielt sich eine Weile mit ihm über seine Familie, dann bezahlte sie die Gebühr für ihre Ladung Müll. Der rothaarige Mann wollte das Geld erst nicht von ihr annehmen, doch Alexandra bestand darauf. Während sie noch diskutierte, hörte sie einen Wagen heranfahren. Sie sah sich um und erblickte ihren Pickup mit Chris am Steuer.

„’Nen netten Jungen haben Sie sich da als Hilfe angeheuert“, sagte Craig hinter ihr. „Verdient sich wohl ein wenig Geld neben der Schule.“

Chris war ausgestiegen und sah, die Hände in die Gesäßtaschen seiner verstaubten Jeans gesteckt, zu ihnen herüber. Er sah wirklich nicht älter aus als ein Schuljunge.

„Mhm“, erwiderte Alexandra abgelenkt.

Ihr war wieder eingefallen, was Jack ihr über Chris erzählt hatte und sie fühlte Wut und noch etwas anderes in sich hochsteigen, das sie nicht genau definieren konnte. Mit einem ungeduldigen Seufzen wischte sie die beunruhigenden Gedanken weg und wandte sie wieder Mister Craig zu.

„Sagen Sie Sally und Ihrer Frau einen schönen Gruß von mir. Und wir sehen uns bestimmt noch ein paar mal“, fügte Alexandra hinzu. „Bis dann.“

Als sie sich dem Pickup näherte, machte Chris Anstalten, zur Beifahrerseite hinüberzugehen. Aus einem Impuls heraus winkte Alexandra ab.

„Hast du einen Führerschein?“ fragte sie.

Chris nickte verblüfft. „Ja, aber ich bin schon eine Ewigkeit nicht mehr mit einem Auto gefahren“, gab er zu.

„Dann wird’s Zeit, dass du es mal wieder tust“, entgegnete Alexandra nonchalant und stieg ein. „Worauf wartest du? Die Strecke ist ideal zum Üben.“

Chris sah erst den Wagen an und dann Alexandra, bevor er sich hinter das Steuer setzte und den Motor startete.

„Sind Sie wirklich sicher, dass Sie mich fahren lassen wollen?“ vergewisserte er sich, bevor er den Rückwärtsgang einlegte.

Alexandra rollte mit den Augen. „Kennst du nicht dieses abgedroschene Sprichwort ‚Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul’? Autofahren verlernt man nicht und außerdem liegt es dir mit Sicherheit in den Genen.“ Diese Spitze konnte sie sich beim besten Willen nicht verkneifen.

Chris verzichtete auf eine Antwort, was Alexandra zeigte, dass er zu der eher selten Sorte Mann gehörte, die wusste, wann es klüger war, den Mund zu halten.

Innerlich musste sie grinsen. Wenn Jack ihr vor einer Woche gesagt hätte, dass sie ihm für seine Idee noch dankbar sein würde, dann hätte sie ihm geradeaus ins Gesicht gelacht.

Die Heimfahrt verlief bist auf ein paar kurze Kommentare und Anweisungen von Alexandra schweigend. Alexandra wollte Chris nicht ablenken, doch seine anfängliche Unsicherheit hatte er schnell überwunden. Männer und Autos, dachte sie, untrennbar miteinander verbunden. Chris schien in dieser Beziehung keine Ausnahme zu sein.

Zu Alexandras Überraschung hatte Charlie sich wirklich manierlich verhalten. Er hatte nur einen Stuhl in der Küche umgeworfen und ein wenig am Tischbein herumgenagt. Charlie alleine zu lassen hatte sich in der Vergangenheit meist als Problem erwiesen. Zum Glück hatte sie den Hund früher mit zur Arbeit nehmen können, sonst hätten ihre damaligen Vermieter ihr wohl gekündigt.

Bei ihrer Großtante hätte sie ihn nicht lassen können, sie war in den letzten Jahren gesundheitlich etwas angeschlagen gewesen und mit Charlie auf keinen Fall fertig geworden.

Chris war ihr in die Küche gefolgt und legte den Autoschlüssel auf den Tisch.
„Vielen Dank noch mal“, sagte er verlegen. „Es hat Spaß gemacht.“

„Keine Ursache“, lachte Alexandra, die auf dem Boden kniete und vergebens versuchte, sich von Charlie zu befreien, der ihr voller Begeisterung über ihre Rückkehr das Gesicht ableckte. „Uäch, lass das, du Ungeheuer!“

„Ich geh dann mal und räum den Rest zusammen“, verkündete Chris und verschwand wieder, um sich an die Arbeit zu machen.

Alexandra sah ihm nach. Ursprünglich hatte sie nur geplant, jemanden einzustellen, der die Renovierung ihrer zukünftigen Praxisräume übernahm. Es sollte einfach schnell und relativ professionell gehen, damit sie bald ihre Praxis eröffnen konnte. Jetzt schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie Chris vielleicht bitten konnte, auch den Rest des Hauses zu renovieren.

Es war immerhin fast achtzig Jahre alt und in der Vergangenheit waren außer Schönheitsreparaturen nichts daran gemacht worden. Das Dach der Garage hatte ein Leck und ein paar Dielenbretter der Veranda waren morsch. Und wenn man genauer hinsah, würde man noch unzählige Kleinigkeiten finden, die ebenfalls dringend einer Reparatur bedurften.

Alexandra fasste sich an die Stirn. Nein, Fieber hatte sie keines. Was brachte sie nur dazu, sich um das Wohlergehen eines männlichen Wesens Gedanken zu machen? Männer waren dominant, gewohnt ihren Willen durchzusetzen, benutzten rücksichtslos andere für ihre Ziele und vor allem eines: Gefühllose, unsensible Kreaturen.

Alexandra tätschelte Charlie die Seite und stand auf. Eine Antwort auf diese Frage würde sie auf die Schnelle nicht finden, außerdem hatte sie noch ein paar Telefonate zu erledigen. Was Chris betraf, würde sie abwarten und sehen, wie er sich weiterhin anstellte, bevor sie ihm den Vorschlag machte, der ihr eben durch den Kopf gegangen war.

 

Teil 6

 

Am nächsten Morgen erwachte Alexandra vom penetranten Piepsen ihres Weckers, den sie vergessen hatte, am Vorabend abzuschalten. Heute stand zur Abwechslung mal nichts Dringendes auf dem Programm und sie hätte den Tag langsam angehen können. Missmutig starrte Alexandra den Wecker an und gähnte.

„Was soll’s, dann stehe ich eben doch auf“, brummte sie vor sich hin und schwang die Beine aus dem Bett.

Die Morgensonne malte Kringel auf den in bunten Herbstfarben gehaltenen Teppich, der in der Mitte des dunklen Holzfußbodens lag. Das Zimmer hatte früher ihrer Großtante gehört, nach deren Tod war Alexandra hier eingezogen, da es größer und heller als ihr altes Zimmer war. Die alten Möbel hatte sie entfernt und durch ihre eigenen, hellen Kiefernmöbel, ersetzt, die sie sich für ihre kleine Wohnung in der Nähe ihrer ehemaligen Arbeitsstätte gekauft hatte.

Bis auf die Zeit während ihrer kurzen Affäre mit diesem verheirateten Typen hatte Alexandra jedes Wochenende im Haus ihrer Großtante verbracht. Es hatte sie schwer getroffen, als sie eines Tages in der Klinik den Anruf bekommen hatte, dass der Postbote Tante Claire tot auf dem Küchenfußboden gefunden hatte. Zu ihrer Beerdigung waren auch Alexandras Mutter und ihr Vater gekommen.

Ihre Mutter hatte versucht mit Alexandra zu reden und sich mit ihr zu versöhnen, doch ihr Vater hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er ihr noch immer nicht verziehen hatte, dass sie sich nach der Highschool so radikal seinen Wünschen widersetzt, zu ihrer Großtante gezogen und ihr eigenes Leben gelebt hatte.

Seit der Beerdigung hatte Alexandra ein paar Mal mit ihrer Mutter telefoniert, hatte aber jedes Mal das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter sie noch immer nicht verstand. Es schien, als gäbe sie Alexandra die alleinige Schuld an dem Zerwürfnis.

So war der Kontakt fast wieder eingeschlafen, da Alexandra nicht bereit war, sich auf so subtile Weise Schuldgefühle einreden zu lassen. Es war schwer, immerhin waren es ihre Eltern, doch sie war inzwischen alt genug und hatte genug Lebenserfahrung um zu erkennen, das manche Menschen sich einfach nicht ändern wollten, egal wie man es auch anstellte.

Alexandra sah sich suchend im Zimmer um. Charlie, der normalerweise immer vor dem Sessel neben ihrem Kleiderschrank schlief, war verschwunden. Die Zimmertür, die Alexandra nachts wegen ihm nur anlehnte, da der Hund geschlossene Räume nicht mochte, stand halb auf. Er musste sich also schon nach unten zu seinem Fressnapf geschlichen haben.

Gähnend fuhr sich Alexandra durch die vom Schlaf zerzausten Haare und debattierte mit sich, ob sie zuerst duschen und dann frühstücken sollte oder anders herum. Ihr Magen und das Frühstück trugen den Sieg davon und sie griff nach ihrem hellblauen Morgenmantel, da sie nicht nur mit einem T-Shirt, dass ihr gerade mal über die Oberschenkel reichte, durchs Haus stapfen wollte.

Als Alexandra die Küchentür öffnete, blieb sie verblüfft stehen. Der Tisch war bereits gedeckt und Kaffeeduft kitzelte sie in der Nase.

„Was ist denn…?“

„Guten Morgen“, ertönte eine ihr bekannte Stimme hinter der Küchentheke. „Rührei oder Spiegelei? Das ist so ziemlich das einzige das ich kann.“

Alexandra fuhr herum und starrte den Sprecher mit offenem Mund an.

„Was machst du denn schon hier?“ brachte sie schließlich heraus, nachdem sie die Fähigkeit zu sprechen wieder gefunden hatte.

Chris sah sie verständnislos an. „Sie haben mir gestern angeboten, dass ich hier schlafen kann, nachdem Sie mich ins Motel gefahren hatten. Der Typ dort hat mir doch das Zimmer gekündigt, nachdem Sie ihn mit so einem coolen Kampfsportgriff flachgelegt haben…“

„Oh…“ Alexandra setzte sich auf den nächsten Stuhl. Natürlich, jetzt fiel es ihr wieder ein. Sie hatte Chris gestern Abend zu seinem Motel gefahren und war entsetzt gewesen, wie verwahrlost und heruntergekommen das Gebäude gewesen war.

Übervolle Müllkübel standen vor den Türen, Gerümpel lag überall herum und es sah aus, als würden hier nur gescheiterte Existenzen leben. Bevor sie zu Chris eine Bemerkung darüber machen konnte, kam der Manager, ein widerlicher, ungewaschener Kerl mit halbverfaulten Zähnen zum Wagen und verlangte rüde von Chris die Miete für die folgende Woche. Dieser kramte daraufhin völlig verschüchtert in seiner Hosentasche nach der geforderten Summe.

Alexandra konnte es sich nicht verkneifen, ebenfalls auszusteigen und den Typen zu fragen, ob er mit allen seinen Gästen so umsprang und ob er schon mal was von Höflichkeitsregeln gehört habe. Daraufhin wandte der Typ seine Aufmerksamkeit Alexandra zu und musterte sie auf ziemlich eindeutige Weise von oben bis unten.

Er war etwa zwei Köpfe größer als die junge Frau und doppelt so schwer. Verbal ließ Alexandra seine plumpe Anmache noch über sich ergehen, doch als er Anstalten machte, sie zu betatschen, wurde es ihr zu bunt. Sie hatte nicht umsonst auf der Highschool mit Jiu-Jitsu begonnen und es mittlerweile bis zum schwarzen Gürtel geschafft.

Zwei Sekunden später lag der Kerl auf dem Rücken und schnappte nach Luft wie ein Karpfen auf einer Sandbank. Zwei Minuten später war Chris seine Bleibe los gewesen und Alexandra hatte ihm angeboten, bei ihr zu wohnen.

„Tut mir leid, das hatte ich wohl völlig vergessen“, murmelte Alexandra, bevor ihr auffiel, dass Chris sie interessiert musterte.

Da erst wurde ihr bewusst, was für einen Anblick sie bieten musste. Ihre widerspenstigen Locken standen vermutlich in alle Richtungen und ihren Morgenmantel hatte sie nur übergeworfen, ohne sich darum zu kümmern, ihn zu schließen.

Charlie war ihr Aussehen in aller Herrgottsfrühe schließlich gewohnt und ließ sich nicht so leicht verschrecken. Hastig holte sie ihr Versäumnis nach und verknotete den Gürtel des Morgenmantels mit mehr Kraft als nötig.

„Ich hätte dann gern zwei Rühreier“, sagte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

Chris leicht gerötete Wangen ließen darauf schließen, dass ihm ihr etwas allzu freizügiger Bekleidungszustand durchaus aufgefallen war und Alexandra schalt sich innerlich, dass ihr die Vorkommnisse des vorangegangenen Abends kurzfristig so völlig aus dem Gedächtnis entschwunden waren.

Chris stellte ihren gefüllten Teller vor sie hin und setzte sich ihr dann mit gesenkten Augen gegenüber. Schweigend begann er zu essen. Krampfhaft suchte Alexandra nach einem unverfänglichen Gesprächsthema, um die befangene Atmosphäre aufzulockern.

„Hast du gut geschlafen?“ fragte sie schließlich.

Chris sah auf. „Mhm. Hier ist es wenigstens ruhig. Sie glauben gar nicht, was man in so einem Motel nachts alles mitbekommt…“ Verlegen brach er ab und widmete sich wieder eingehend dem Inhalt seines Tellers.

Alexandra versuchte ein Schmunzeln zu unterdrücken. Sie konnte es sich sehr wohl vorstellen. Die Wände in solchen Motels waren gewöhnlich dünn wie Papier. Chris Bemerkung brachte ihr zu Bewusstsein, wie jung er doch noch war und wie unerfahren. Unwillkürlich fragte sie sich, inwieweit er überhaupt Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht hatte.

Wie alt war er gewesen, als man ihn eingesperrt hatte? Sechzehn, siebzehn? Wenn sie an ihre eigene Jugendzeit zurückdachte, und die Jungs, die sie damals gekannt hatte, dann bezweifelte sie stark, dass er mehr mit Mädchen angestellt hatte als eine gelegentliche Knutscherei – wenn überhaupt. Sie wusste zwar nicht, was nach seiner Entlassung passiert war, doch Chris machte nicht den Eindruck, als fiele es ihm leicht, auf Frauen zuzugehen. Dazu war er zu schüchtern.

„Wo haben Sie das Zeug eigentlich gelernt?“ Alexandras Gedankengang wurde durch Chris’ Frage abrupt unterbrochen und sie brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, was er damit meinte.

„Ich mach Jiu-Jitsu schon seit Jahren. Gelegentlich gebe ich am Wochenende sogar Kurse hier im Gemeindezentrum, hauptsächlich für Frauen und Mädchen. Es geht mir darum, das Wissen zu vermitteln, dass man auch einem körperlich stärkeren Gegner nicht hilflos gegenübersteht, solange man nur weiß, wie man sich gegen ihn wehren kann.“ Alexandra schob ihren leeren Teller von sich. „Es macht mich immer wieder wütend, wenn ich höre, aus welchen Gründen Frauen meine Kurse besuchen. Einige wurden vergewaltigt oder werden von ihrem Partner geschlagen. Die wenigsten machen es einfach so aus Spaß.“

„Sind…sind eigentlich nur Frauen zugelassen?“

Alexandra sah Chris überrascht an. Der Junge hatte einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen, den sie nicht deuten konnte.

„Nein, eigentlich kann jeder kommen. Aber da ich eine Frau bin und Männer sich erfahrungsgemäß von einer Frau nicht gerne was beibringen lassen, sind wir „Weiber“ normalerweise unter uns. Wieso?“

Chris zog die Schulter hoch. „Weil ich gern das nächste Mal an so einem Kurs teilnehmen würde, wenn Sie einen geben. Das wäre doch in Ordnung, oder?“

„Natürlich“, entgegnete Alexandra. „ Du hast Glück, Samstag in zwei Wochen fängt wieder einer an. Ich weiß zwar nicht, was mich geritten hat, mir das im Moment auch noch aufzuhalsen, aber…“ Amüsiert legte Alexandra den Kopf schief, als ihr ein Gedanke kam. „Sag mal, du hast doch jetzt nicht etwa Angst vor mir?“

Chris riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. „Nein, Blödsinn! Ich dachte nur…na ja, die Typen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben immer auf mir herumgehackt, weil ich so jung aussehe…“

„…und da dachtest du, du könntest dir mit so was in Zukunft mehr Respekt verschaffen“, vervollständigte Alexandra den Satz. Sie nickte verständnisvoll. „Kein Problem.“

Wenn sie Chris so ansah, dann konnte sie ihn wirklich verstehen. Sie hätte es ihm zwar nie ins Gesicht gesagt, doch er wirkte trotz seines rebellischen Äußeren mit der wilden Frisur und den meist schwarzen Klamotten zerbrechlich und verletzbar.

Zum Teil rührte es daher, weil sein Auftreten, zumindest ihr gegenüber, nicht zu seinem Aussehen passte, zum anderen, weil er mit seinen weichen mädchenhaften Gesichtszügen und den riesigen, schokoladenfarbenen Augen einfach nicht so taff rüberkam, wie er es vermutlich gerne hätte. Leider gab es genügend Menschen, egal ob Männer oder Frauen, die dies als Schwäche auslegten und es gewissenlos ausnutzten.

 

Teil 7

 

Die zweite Woche, die Chris für Alexandra gearbeitet hatte, war relativ ereignislos vorübergegangen. Alexandra hatte ihm ihr früheres Zimmer gegeben, in dem noch ein alter Fernsehapparat und ihre alte Stereoanlage standen. Abends verschwand Chris meist gleich nach dem Abendessen.

Alexandra hatte nach vielem Bohren herausgefunden, dass er versuchen wollte, den Highschool-Abschluss nachzuholen und dafür in seiner Freizeit lernte. Es hatte sie zwar gewundert, dass man ihm im Gefängnis diese Möglichkeit nicht gegeben hatte, doch sie verzichtete auf weitere Fragen, nachdem sie gemerkt hatte, wie unangenehm Chris dieses Thema war.

Alexandra war gerade dabei, Tapeten und Farbe von ihrem Pickup abzuladen und ins Haus zu tragen, als Mary Jo mit Jamie auf dem Arm durch die Gartentür kam. Sie stellte den Farbkübel, den sie gerade von der Ladefläche gehoben hatte, auf den Boden. Er war sowieso zu schwer und sie würde Chris nachher bitten, ihr ein paar Sachen ins Haus zu tragen. Mit einem strahlenden Lächeln für Jamie ging Alexandra auf die beiden zu.

„Hallo, wer kommt denn da?“ gurrte sie völlig untypisch.

„Lexa!“ quietschte der blonde Lockenkopf vergnügt. „Tsarlie?“ fügte er gleich im Anschluss an.

Alexandra gab sich den Anschein zu schmollen. „Hätte ich mir ja denken können, dass nur mein Hund für dich attraktiv ist. Hallo Mary Jo, wie geht’s dir?“ grüßte sie dann ihre Freundin, die Jamie auf den Boden stellte.

Der kleine Junge tapste begeistert auf seinen pelzigen Freund zu, der mittlerweile aus dem Haus gekommen war, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.

Seltsamerweise wusste Charlie genau, dass er bei den Kindern, besonders bei Jamie, nicht so ungestüm wie sonst sein durfte.

„Hallo Alex“, erwiderte Mary Jo Alexandras Gruß. Sie war eine etwas pummelige Brünette in einem apricotfarbenen Sommerkleid, mit großen blauen Kulleraugen, die trotz ihrer fast achtundzwanzig Jahren noch immer mit kindlicher Unschuld in die Welt zu schauen schienen.
Die Betonung lag auf dem Wort „schienen“. Mary Jo war eine Frau, die durchaus wusste, was sie wollte. Sie war eine Frau mit eisernem Willen, die alles für ihre Familie und ihre Freunde tun würde. Alexandra war froh, eine solche Freundin zu haben, auch wenn sie Mary Jo’s Verkupplungsversuche zum Teufel wünschte.

„Willst du mit reinkommen auf eine Tasse Kaffee?“ bot Alexandra an.

Sie konnte Mary Jo an der Nasenspitze ansehen, dass sie gleich platzen würde, wenn sie den neuesten Klatsch nicht auf der Stelle loswerden konnte.

Wahrscheinlich ließen sich ihre Nachbarn scheiden, ein halbwüchsiges Mädchen aus ihrer Straße bekam ein Kind oder der Sohnemann eines Nachbarn war mit Drogen erwischt worden. Mary Jo sog derartige Neuigkeiten auf wie ein Schwamm um sie dann unverzüglich über all jene zu ergießen, die sie hören wollten oder nicht schnell genug entkommen konnten.

Alexandra war an diese manchmal unerfreuliche Eigenschaft ihrer Freundin gewöhnt und ließ sie in der Regel gewähren. Sie musste ja nicht unbedingt zuhören, sondern nur von Zeit zu Zeit ein zustimmendes oder überraschtes Brummen von sich geben.

„Natürlich.“ Mary Jo war begeistert. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass du Zeit für mich hast, jetzt wo du wieder ohne Hilfe dastehst.“

Chris wählte ausgerechnet diesen Moment, um aus dem Haus zu kommen und Alexandra seine Hilfe beim Entladen des Pickups anzubieten. Und ausgerechnet heute trug er diese zerrissene schwarze Jeans, bei deren Anblick es Alexandra immer in den Fingern juckte, sie ihm vom Leib zu reißen und sie ganz unten in der Mülltonne zu vergraben.

Ein löcheriges schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „FUCK YOU“ und schwarze Springerstiefel vervollständigten sein Outfit. Alexandra stöhnte innerlich auf und schielte zu Mary Jo hinüber. Ihre Freundin starrte Chris, der sie artig grüßte, mit offenem Mund an.

Alexandra wollte lieber nicht wissen, was in Mary Jos Kopf gerade vor sich ging. Erfahrungsgemäß würde sie jedoch nicht lange davon verschont bleiben.

„Ähm, Mary Jo, das ist Chris O’Connor. Er ist meine neue Hilfskraft. Chris, das ist Mary Jo Anderson.“

Chris schenkte Mary Jo, die ihm wortlos zunickte. ein unsicheres Lächeln, bevor er sich an Alexandra wandte.

„Mit dem Behandlungsraum bin ich soweit fertig“, sagte er. „Wollen Sie, dass ich ihn erst tapeziere und streiche, bevor ich hinten weitermache?“

„Gute Idee“, stimmte Alexandra hastig zu. „Wenn der Raum komplett fertig ist, dann kann ich wenigstens schon mal die Möbel und die Geräte bringen lassen.“

Dann drehte sie sich zu ihrer Freundin um, um diese aus der Gefahrenzone zu bringen, bevor ihr noch etwas Unhöfliches herausrutschen konnte.

Glücklicherweise wählte Jamie diesen Augenblick, um Mary Jos Aufmerksamkeit mit einem lauten Brüllen auf sich zu lenken. Die Frau schaltete sofort von besorgter Freundin auf fürsorgliche Mutter um und widmete sich erst einmal ihrem zornigen Sprössling, der schrie, weil es Charlie zu bunt geworden war und der Hund sich zurück ins Haus verzogen hatte.

Schließlich gelang es Alexandra, Mary Jo samt schreiendem Kind in die Küche zu bugsieren, wo sie aus einer Küchenschublade ein paar Wachsmalstifte und Papier hervorzauberte und damit Jamie zum Verstummen brachte. Das kleine Ungeheuer war sofort begeistert und lies sich widerspruchslos auf den Küchenfußboden setzen, wo er sich dann hingebungsvoll damit beschäftigte, ein für alle außer ihm rätselhaftes Kunstwerk zu schaffen.

Alexandra befüllte die Kaffeemaschine und setzte sich dann mit zwei Tassen, von denen sie eine vor ihre Freundin stellte, an den Tisch und wartete. Mary Jo war verdächtig ruhig geblieben. Das sollte sich jedoch schnell ändern.

„Alex, wo um alles in der Welt hast du diesen…diesen…“ Mary Jo suchte nach einem bestimmten Wort und fand es schließlich auch. „…diesen PUNK aufgetrieben? Der ist ja noch schlimmer als alle anderen zusammen!“

„Chris ist kein Punk“, verteidigte Alexandra ihren jungen Helfer. „Er mag ein bisschen…na ja, sagen wir merkwürdig rumlaufen, aber er ist in Ordnung. Er ist schnell und er ist zuverlässig, mehr verlange ich gar nicht.“

„Aber Alex, er sieht aus als wäre er aus der Gosse gekrochen! Denkst du denn gar nicht daran, was deine Nachbarn davon halten?“ ereiferte sich die braunhaarige Frau. „Jetzt erzähle mir bitte mal, wie du zu ihm gekommen bist!“

Alex hielt einen Moment lang die Luft an. Wenn Mary Jo schon so einen Aufstand wegen Chris’ Aussehen machte, was würde sie dann erst sagen, wenn sie erfuhr, das er bis vor einem halben Jahr in San Quentin gewesen war und nun außerdem auch noch bei Alexandra wohnte? Sie würde entweder einen Herzinfarkt vor Entrüstung bekommen oder aber Alexandra entmündigen lassen – oder beides.

„Ein Bekannter hat ihn mir empfohlen. Und bisher kann ich mich nicht beklagen“, antwortete Alexandra schließlich ausweichend.

Dass der Bekannte Jack Sanders gewesen war, verschwieg sie wohlweislich. Mary Jo war nicht dumm, sie hätte den Braten sofort gerochen.

„Also, ich weiß nicht, mir wäre nicht wohl bei dem Gedanken, so einen wild aussehenden Kerl im Haus zu haben“, erklärte Mary Jo stirnrunzelnd. „Wer weiß, auf was für Ideen er kommen könnte, immerhin lebst du allein.“

Alexandra warf einen Blick auf Jamie, der munter vor sich hin brabbelnd an seinem Bild arbeitete. Wer wusste schon, was aus Jamie mal werden würde? Mary Jo würde vermutlich in Ohnmacht fallen, wenn ihr Baby eines Tages mit Lippenpiercing, Tätowierungen oder Schlimmerem nach Hause kommen würde.

„Ich kann auf mich aufpassen“, entgegnete die junge Tierärztin nur.

„Ach ja, hab ich vergessen“, murmelte Mary Jo und zog mit einem Schaudern die Schultern hoch. „Ju-tsu, nicht wahr?“

Alexandra seufzte. „Jiu-Jitsu. Und jetzt erzähl mir mal, weswegen du eigentlich vorbeigekommen bist.“

Wie erwartet, hatte das Ablenkungsmanöver Erfolg und Mary Jo war kurz darauf in einen komplizierten Bericht verstrickt, welcher Nachbar mit wem und wo und wer die beiden dabei gesehen hatte und es dem jeweiligen anderen Partner erzählt hatte und wie die eine Nachbarin zur anderen gesagt hatte, sie hätte es schon immer gewusst, dass da etwas faul war…

„Ach ja, und dann wollte ich noch fragen, ob du uns bei unserem Wohltätigkeitsbasar hilfst.“

Eingelullt von Mary Jos endlosem Geplapper schreckte Alexandra bei diesem abrupten Themenwechsel hoch.

„Welchem Wohltätigkeitsbasar?“ fragte sie alarmiert.

„Von unserem Handarbeitsclub“, erklärte Mary Jo geduldig. „Wir bräuchten noch jemanden für den Getränkeausschank. Es wäre auch nur für ein paar Stunden, nächsten Samstagnachmittag. Melissa, du weißt doch, dieses verhuschte kleine Mäuschen, hat überraschend abgesagt, weil ihr Mann zu einem geschäftlichen Treffen nach Atlanta fliegt und sie ihn begleitet. Du kommst doch, nicht wahr? Dieser Kurs, den du gibst, fängt doch erst übernächste Woche an.“

Alexandra hatte gerade den Mund geöffnet, um genau dies als Ausrede zu benutzen und schloss ihn gleich wieder. Mary Jo schien besser über ihren Terminkalender Bescheid zu wissen als sie selbst.

„Weißt du, eigentlich liegt mir so etwas gar nicht…“ versuchte sie sich aus der Affäre zu ziehen.

„Unsinn! Du kommst und ich werde jedem erzählen, was für eine gute Tierärztin du bist. Das habe ich zwar schon getan, aber wenn sie dich erst einmal kennen gelernt haben, werden sie mir das auch glauben. Es sind sogar ein paar Leute vom Country Club dabei.“

Alexandra atmete tief durch. Mary Jo hatte ja Recht. Wenn sie einigermaßen Erfolg mit ihrer Praxis haben wollte, dann musste sie zusehen, dass sie Patienten anwarb – besser gesagt deren Besitzer.

„Also gut“, seufzte sie ergeben. „Aber wehe, du hetzt mir wieder irgendwelche Junggesellen auf den Hals.“


 

Teil 8

 

 

Müde schloss Alexandra ihre Haustür auf. Es war bereits nach zehn, der Wohltätigkeitsbasar hatte zwar wirklich nur am Nachmittag stattgefunden, doch gleich darauf hatte sich eine Grillparty für alle Beteiligten angeschlossen. Wohl oder übel hatte Alexandra daran teilnehmen müssen.

Sie hatte Mary Jo zur Rede gestellt, doch diese hatte ihr mit einem unschuldigen Augenaufschlag erklärt, sie müsse ja nicht bleiben, deshalb habe sie auch nichts von der Party gesagt. Wenn Alexandra dort nicht ein paar „Geschäftskontakte“ geknüpft hätte, dann wäre Mike wohl seit dem heutigen Abend Witwer und allein erziehender Vater gewesen.

Charlie erschien auf der Treppe und begrüßte sie mit einem leisen „Wuff“ bevor er sich wieder umdrehte und verschwand. Alexandra folgte ihm zu Chris Zimmer, dessen Tür halb offen stand.

Gedämpftes Licht schien in den Flur und sie hörte, dass der Fernseher lief. Alexandra trat näher und klopfte, bevor sie die Tür ganz öffnete. Chris lag, nur mit einem übergroßen T-Shirt, das ausnahmsweise einmal weiß war, und einer dunkelblauen Boxershorts bekleidet auf dem Bett und sah fern während Charlie es sich gerade wieder neben ihm bequem machte.

„Na das sind ja schöne Sitten“, sagte sie, die Hände in die Hüften gestemmt. „Kaum ist die Katze aus dem Haus tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“

Alexandra hätte beinahe gelacht, als sie sah, mit welcher Geschwindigkeit Charlie vom Bett herunter sprang und Chris sich aufsetzte.

„Ähm, tut mir leid…ich wollte nicht…Er war auf einmal im Bett und…“

Als Alexandra den riesigen gelben Smiley auf dem T-Shirt und Chris entsetzt aufgerissene Augen sah, war es um sie geschehen. Sie konnte das Lachen nicht mehr aus ihrer Stimme halten.

„Keine Angst, ich lasse euch beide deshalb nicht im Keller schlafen“, gluckste sie. „Aber du solltest vor dem Schlafengehen lieber die Bettecke ausschütteln, Charlie ist nämlich permanent in der Mauser. Darum sind Betten und Sofas für ihn VERBOTEN. Nicht wahr mein Schatz?“

Charlie wusste genau, wer damit gemeint war. Mit schuldbewusstem Blick schlich er sich zu Alexandra und leckte ihre Hand.

„Natürlich kommst du jetzt wieder angeschleimt, du Monster. Böser Charlie!“

Sanft packte Alexandra den Hund am Nackenfell und schüttelte ihn leicht. „Keine Betten und keine Sofas!“ wiederholte sie. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Chris zu, der sie noch immer betreten ansah.

„Ich bin nicht sauer auf dich, schließlich hätte ich es dir sagen sollen. Du hattest wohl noch nie einen Hund, oder?“

„Nein.“ Chris schüttelte den Kopf. Er hatte die Knie angezogen und die Arme darum geschlungen. „Ich hätte zwar immer gern einen gehabt, aber als ich klein war, hatten wir keinen Platz und später hätte ich sowieso keine Zeit mehr für einen Hund gehabt.“

Alexandra witterte ihre Chance, etwas mehr über ihren Hausgenossen herauszufinden und setzte sich zu ihm auf die Bettkante.

„Du hast mal gesagt, du hättest deinem Vater geholfen, das Haus deiner Großmutter zu renovieren“, erinnerte sie Chris an seine Worte bei ihrem ersten Treffen.

„Ja…mein Dad hatte es geerbt, als ich dreizehn war. Es war eine ziemliche Bruchbude, aber wir haben es wieder in Schuss gebracht. Mom…Mom hat auch mitgeholfen.“

Chris’ Stimme zitterte leicht bei der Erwähnung seiner Mutter und Alexandra erinnerte sich, dass Jack ihr erzählt hatte, Chris wäre Vollwaise.

„Mein Vater nahm einen Kredit auf und machte sich selbständig mit so einer Art Hausmeisterservice. Sie wissen schon, Reparaturen, Gartenarbeiten und all so Zeug. Nach der Schule hab ich ihm immer geholfen. Dann wurde meine Mutter krank…“ flüsterte er. „Sie...sie musste ins Krankenhaus und dort stellte man fest dass sie Leukämie hatte. Sechs Wochen später war sie tot.“

Chris schluckte und Alexandra konnte deutlich sehen, wie er mit den Tränen kämpfte. Er musste seine Mutter sehr geliebt haben. Bevor sie dem Impuls, ihn in die Arme zu nehmen, nachgeben konnte, sprach Chris weiter.

„Für meinen Dad brach eine Welt zusammen. Für ihn war meine Mutter das Wichtigste auf der Welt. Auf einmal war ihm alles egal. Er fing an zu trinken, nahm keine Aufträge mehr an…nach einem halben Jahr mussten wir das Haus verkaufen und sind in unsere alte Gegend zurückgezogen.“ Chris schwieg.

„Was passierte dann?“ fragte Alexandra leise. Obwohl Chris nur von seinem Vater gesprochen und wie sehr dieser seine Frau geliebt hatte, konnte sie doch deutlich spüren, dass Chris damit auch sich selbst meinte.

„Was schon?“ entgegnete Chris bitter. „Die alte Geschichte. Netter Junge gerät in schlechte Gesellschaft, baut Mist und wandert dafür ins Gefängnis.“

Zum ersten Mal während seiner Erzählung blickte er Alexandra direkt an. Ihr blieb fast die Luft weg, als sie die Qual in seinen Augen sah.
„Mein Dad hat die ganze Zeit zu mir gehalten. Er hat mich besucht und mir Mut zu gesprochen. Er hat sogar mit dem Trinken aufgehört. Dann hatte er einen Schlaganfall. Sie haben mich nicht einmal zu seiner Beerdigung gehen lassen.“

Chris wischte sich mit einer Hand über die Augen. „Scheiße“, flüsterte er erstickt.

„Oh Gott, Chris, es tut mir so leid…“ hilflos brach Alexandra ab.

Was sollte sie dazu sonst sagen? Es gab keine Worte um zu beschreiben, was sie fühlte. Mitleid, Trauer, Wut über die Ungerechtigkeit der Welt. Drei Menschen, die sich innig geliebt hatten, waren vom Tod und einem unglücklichen Schicksal auseinander gerissen worden. Ein knapp einundzwanzigjähriger junger Mann, der seine Eltern vielleicht gerade jetzt noch dringend gebraucht hätte, war allein und auf sich selbst angewiesen.

Alexandra konnte den Funken Bitterkeit, der in ihr hoch stieg, wenn sie an ihre eigenen Eltern und ihre Geschwister dachte, nicht ganz unterdrücken. Ihr Vater hatte sie praktisch aus dem Haus geworfen, als sie seinen Wünschen nicht nachkommen wollte. Ihre Mutter hatte es nicht gewagt, sich dagegen aufzulehnen und ihre ältere Schwester und ihr Bruder hatten ebenfalls zu ihrem Vater gehalten.

Doch sie hatte ein Sicherheitsnetz namens Tante Claire gehabt. Was Chris über seinen Vater gesagt hatte, dass er trotz allem zu ihm gehalten hatte, traf sie auf einmal mit voller Wucht. Dieser Mann hatte zu seinem Kind gehalten, obwohl es zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war.

Und dennoch hatte er sterben müssen. Auf der anderen Seite war ihr eigener Vater, der sich von seiner Tochter losgesagt hatte, nur weil ihm die Wahl ihres Berufes nicht angemessen erschienen war. Nicht, dass Alexandra ihrem Vater den Tod gewünscht hätte, doch wo blieb da die Gerechtigkeit?

Alexandra legte Chris die Hand auf den Arm. Dieser sah sie mit in Tränen schwimmenden Augen an.

„Wieso?“ würgte er hervor. „Wieso meine Mom und wieso mein Dad? Wieso ich?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete die junge Frau und musste sich nun ebenfalls ein paar Tränen aus dem Gesicht wischen. „Dinge passieren einfach. Du kannst sie nicht ändern. Egal was du tust, nichts ändert sich. Mein…Mein Vater zum Beispiel will nichts mehr von mir wissen, weil ich etwas anderes studiert habe als er für mich bestimmt hatte. Verrückt, was? Meine Mutter hat sich immer seinem Willen untergeordnet. Ohne meine Tante wäre ich aufgeschmissen gewesen.“

Alexandra griff nach Chris’ Hand und drückte sie. „Auch wenn deine Eltern beide tot sind…du weißt wenigstens, dass sie dich geliebt haben, egal, was auch passiert ist. Das ist vielleicht nur ein kleiner Trost, aber mehr als viele andere Menschen von sich behaupten können.“

Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Alexandra versuchte krampfhaft, ihre Achterbahn fahrenden Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. So entging ihr beinahe, dass Chris zu sprechen begann.

„Ihr Vater hat Sie wirklich rausgeworfen, weil Sie Tierärztin werden wollten?“

Alexandra nickte. „Ja, hat er.“

„Schön blöd von ihm.“ Der Anflug von Verachtung für einen Mann, den er nie gesehen hatte, war deutlich in Chris’ Stimme zu hören.

„Wie meinst du das?“

Chris zuckte mit den Schultern. „Sie sind eine tolle Frau, Doktor Hastings. Und ein guter Mensch. Nicht jeder hätte mir so eine Chance gegeben und sich auch noch um mich gekümmert. Eigentlich müsste Ihr Vater stolz auf Sie sein.“

Alexandra fühlte einen Kloß in ihrer Kehle nach Chris’ Worten. Was sie mit anfänglichem Widerwillen und später einfach automatisch getan hatte, bedeutete für diesen Jungen so unendlich viel mehr. Auf einmal erschien ihr der Gedanke, ihn nach Fertigstellung der Praxis wieder hinauszuwerfen, unerträglich.

„Chris, da ist etwas, dass ich dich noch fragen wollte…“, begann sie zögerlich. „Ich hab dich zwar nur eingestellt, weil ich jemanden brauche, der die Praxisräume renoviert, aber der Rest des Hauses hätte eine gründliche Überholung auch nötig. Hättest du Interesse, das zu übernehmen? Ich kann dir kein Vermögen zahlen, aber du könntest weiter hier wohnen und die Verpflegung wäre auch frei.“

Chris Augen leuchteten im Licht der Nachttischlampe auf wie zwei Sterne. „Im Ernst? Klar, ich meine, wer würde zu so einem Angebot schon „Nein“ sagen. Sie wollen wirklich, dass ich das auch noch mache?“ vergewisserte er sich.

„Ja, sonst, hätte ich dir das Angebot nicht gemacht“, entgegnete Alexandra. „Aber ich warne dich, das wird eine unendliche Geschichte.“

„Ich hab’ keine weiteren dringenden Verabredungen.“ Chris schüttelte glücklich lächelnd den Kopf. „Danke, Doktor Hastings.“

Alex erwiderte sein Lächeln. „Gern geschehen. Eine Bitte hätte ich jedoch noch. Könntest du dich überwinden und mich Alex nennen und „Du“ sagen? Ich fühle mich immer wie meine eigene Großmutter, wenn du mich ansprichst. So groß ist der Altersunterschied zwischen uns beiden ja nun auch nicht.“

Chris sah sie verblüfft an. „Klar, kein Problem. Danke…Alex.“

Alexandra stand auf. Sie hatte heute Abend einiges erfahren, dass ihr Stoff zum Nachdenken für die ganze Woche gegeben hatte.

„Gut, dann gehe ich jetzt schlafen. War ziemlich anstrengend heute.“ Sie ging zur Tür. „Gute Nacht, Chris.“

Bevor Alexandra die Tür hinter sich schloss, warf sie Chris noch einen Blick zu und schüttelte innerlich den Kopf. Mit dem übergroßen T-Shirt wirkte er wie ein Zwölfjähriger. Dann musste sie trotz ihrer melancholischen Stimmung grinsen.

Wahrscheinlich hatte Chris ihren verborgenen Mutterinstinkt geweckt, dem sie nur in sehr seltenen Fällen einen Auftritt erlaubte. Zumindest gehörte Alexandra nicht zu den Frauen, der beim Anblick eines Kleinkindes oder gar Babys in ein Delirium fiel. Dazu war sie im Grunde genommen ein zu nüchtern denkender Mensch.

 

Teil 9

 

Chris lag in seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte an die Decke. Er hatte die Lampe auf dem Nachttisch brennen lassen und deren Schein tauchte den Raum in ein sanftes, dämmeriges Licht. Man konnte noch mühelos den Schnickschnack erkennen, der sich über die Jahre hinweg, als das Zimmer seiner Arbeitgeberin gehört hatte, in den Regalen angesammelt hatte.

Ein paar Pokale standen dort, die sie anscheinend bei Sportwettkämpfen gewonnen hatte, Tierfiguren und auch ein paar Stofftiere. Chris hätte sein neues Domizil nicht unbedingt als typisches Mädchenzimmer bezeichnet, es sah zumindest nicht so aus wie er sich so etwas vorstellte. Kein Pink und kein Flitterkram, sondern warme Farben und diverse Erinnerungsstücke der ehemaligen Bewohnerin.

Chris hatte den Raum von Anfang an gemocht und sich wohl darin gefühlt. Nicht nur das, zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er ein Gefühl der Sicherheit, das ihm in den heruntergekommenen Motels, in denen er seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis gelebt hatte, gefehlt hatte. Für eine richtige Wohnung hatte er nie genug verdient, außerdem hatte er dauernd den Job gewechselt und demzufolge auch die Unterkunft.

Erinnerungen an seine Zeit im Gefängnis kamen wieder hoch, obwohl Chris krampfhaft versuchte, sie zu unterdrücken. Er würde nur wieder Alpträume davon bekommen. Das war auch der Grund, warum er nachts immer eine Lampe in seinem Zimmer brennen ließ. Wenn er dann aus einem dieser schrecklichen Träume hoch schreckte, konnte er wenigstens gleich sehen, dass er nicht mehr in San Quentin in dieser winzigen, vergammelten Zelle war.

San Quentin…Chris schauderte, wenn er an diesen Namen dachte. Er war für ihn zu einem Synonym für unvorstellbare Angst, Schmerz, Grauen und Demütigung geworden. Wie er die Zeit dort überlebt hatte, konnte er sich selbst nicht erklären.

Nach dem Tod seines Vaters war es besonders schlimm gewesen, denn dann hatte es niemanden mehr gegeben, der ihn besucht hatte. Zuvor hatte ihn die Gewissheit aufrechterhalten, dass sein Vater nach seiner Entlassung für ihn da sein würde, doch mit dessen Tod war diese Hoffnung brutal zerschlagen worden. Chris hatte mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen.

Er hätte es auch getan, wenn ihn nicht einer der Wärter, ein gutmütiger Mann im Alter seines Vaters, mit dieser Glasscherbe in der Hand hinter einem Stapel Holz in der Gefängnisschreinerei gefunden hätte. Der Mann, Simmons, wusste sofort, was los war. Den Wärtern blieb wenig von den Vorgängen im Gefängnis verborgen, auch wenn sie im Allgemeinen in die andere Richtung sahen, außer es handelte sich um schwerwiegende Verstöße der Gefangenen. Das, was mit Chris und einigen anderen passierte, fiel leider nicht in diese Kategorie.

Chris war Simmons schon für das Wenige dankbar, das dieser tun konnte, wie die Einteilung zu unbeliebten Diensten wie die Reinigung der Toiletten, wo er zumindest für ein paar Stunden sicher sein konnte, von niemandem belästigt zu werden. Allzu offensichtlich konnte Simmons ihm aber nicht helfen, dass hätte für den Wärter zu Problemen mit seinen Kollegen geführt. Also tat der Mann einfach so, als hätte er Chris auf seiner schwarzen Liste.

Chris Gedanken wanderten zu Dr. Hastings…Alex, verbesserte er sich schnell. Die junge Frau erschien ihm noch immer wie ein Geschenk des Himmels. Am Anfang hatte sie auf ihn barsch und unnahbar gewirkt, doch inzwischen hatte er gelernt, hinter die Fassade zu blicken, hinter der sich ein äußerst warmherziger und mitfühlender Mensch verbarg. Chris musste zugeben, dass er sie mochte.

Jack Sanders hatte ihm nicht viel von Alex erzählt, nur dass sie eine gute Freundin wäre und jemanden suchte, der ein paar Räume ihres Hauses renovierte. Chris hatte mit einem Job für etwa sechs Wochen gerechnet, bevor er wieder auf der Straße stand und sich nach etwas Neuem umsehen musste, dass er ein – wenn auch nur temporäres – Zuhause und eine Stelle für einen längeren Zeitraum bekommen würde, hätte er sich nicht träumen lassen.

Die Arbeit auf den Baustellen in seinen vorhergehenden Jobs war ihm nicht schwer gefallen, er hatte es ja von früher gekannt, als er seinem Vater geholfen hatte. Das Problem waren jedes Mal die anderen Arbeiter gewesen. Nach seiner Entlassung hatte sich Chris erst einmal die Haare geschnitten, er hatte es gehasst, dass man ihn gezwungen hatte, sie sich so lang wachsen zu lassen. Man, das war Curt Lewis gewesen, der Typ, der Chris die letzten zwei Jahre seines Gefängnisaufenthaltes zur Hölle gemacht hatte.

Chris wollte sich die Haare anfangs ganz kurz schneiden, doch als er vor dem Badezimmerspiegel in seinem Motelzimmer stand und sie sich nach hinten aus dem Gesicht hielt, fiel ihm auf, dass er damit nur seine immer noch weichen Gesichtszüge und seine riesigen Augen nur betonen würde.

Also nahm er die Schere und schnitt Strähne für Strähne einzeln ab, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war - eine Frisur, die auffällig genug war, um von seinem Babygesicht abzulenken. Die Sachen, die er als Teenager getragen hatte und die ihm bei seiner Entlassung ausgehändigt worden waren, passten ihm noch immer, da er zwar ein paar Zentimeter gewachsen war, seine Figur sich aber sonst kaum verändert hatte.

Mit seinem ersten Lohn hatte er sich in einem Secondhand-Shop mit diversen schwarzen T-Shirts und schwarzen Jeans versorgt. Er hatte alles getan, um nicht wie der nette, brave Junge von nebenan zu wirken.

All das hatte Chris’ Kollegen jedoch nicht davon abhalten können, ihn bei jeder Gelegenheit zu hänseln. Seine Jugend und sein Aussehen machten ihn unweigerlich zur Zielscheibe ihres Spottes. Er hatte sich geschworen, sich nie wieder etwas gefallen zu lassen, darum kam es teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen, die den Arbeitsablauf störten.

Da Chris üblicherweise der Jüngste und Schwächste und außerdem der Neue in der Hierarchie war, war er immer derjenige, der flog. Dass er sich dabei auch meist noch mit den Vorarbeitern anlegte, half ihm nicht unbedingt.

Doch all das war vorbei, zumindest für eine ganze Weile. Was er nach diesem Job anfangen würde, darüber machte sich Chris im Moment keine Gedanken. Er hoffte, dass er zumindest solange hier bleiben konnte, bis er seinen Highschool-Abschluss in der Tasche hatte. Und dass Alexandra Hastings nie erfahren würde, was in San Quentin passiert war….

 

Teil 10

 

Schließlich kam der Samstag, an dem Alexandras Selbstverteidigungskurs starten sollte. Wie versprochen nahm sie Chris mit. Allerdings musste sie ihm eine Jogginghose von sich selbst leihen, da sich ein derartiges Kleidungsstück in seiner skurrilen Garderobe nicht befand. Sportschuhe hatte er eigentlich auch nicht, nur alte, ausgetretene Turnschuhe, die er normalerweise auf der Straße trug.

Vor der Sporthalle der Schule, in der der Kurs stattfinden sollte, wartete bereits Dr. Winslow auf Alexandra. Die etwa fünfzigjährige, schlanke Frau begrüßte die junge Tierärztin herzlich. Dr. Winslow war Psychologin und betreute unter anderem auch Vergewaltigungsopfer. Sie hatte schon mehrmals Patientinnen in einen von Alexandras Kursen geschickt.

„Hallo Alexandra, schön Sie zu sehen“, grüßte die ältere Frau und trat auf Alexandra zu, um ihr die Hand zu schütteln Chris bedachte sie mit einem freundlichen Nicken, das dieser schüchtern erwiderte.

„Ich wollte vor Beginn der Stunde kurz mit Ihnen reden“, fuhr Doktor Winslow fort und zog Alexandra etwas zur Seite. „Zwei meiner Patientinnen sind unter den Teilnehmern und ich wollte Sie bitten, etwas Rücksicht auf die beiden zu nehmen.“

„Lassen Sie mich raten. Vergewaltigungsopfer?“ fragte Alexandra bitter.

Dr. Winslow nickte ernst. „Sue Parker wurde von einer Straßengang überfallen und vergewaltigt. Sie hatte Glück, dass sie überlebt hat. Janice Monahan hat man in einer Diskothek eine so genannte Vergewaltigungs-Droge ins Glas geschüttet. Sie kann sich bis heute nicht daran erinnern, wer dafür verantwortlich war.“

„Wie sind die beiden denn drauf?“ erkundigte sich Alexandra.

Mit zornigen Frauen musste sie anders umgehen als mit verängstigten. Das hatte sie gelernt, als eine ihrer Schülerinnen in einem vorherigen Kurs ausgerastet war. Zum Glück war Alexandra selbst in diesem Moment deren Partnerin gewesen, sonst hätte die junge Frau ihrem vermeintlichen „Gegner“ schwere Verletzungen zufügen können.

„Sue ist noch immer ziemlich fertig, obwohl die ganze Sache nun schon etwa fünf Monate zurückliegt. Aber so etwas vergisst man nicht, man kann nur versuchen damit zu leben. Sie hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Janice…nun Janice ist voller Hass. Wenn Ihr junger Begleiter an diesem Kurs teilnimmt, dann sollten Sie ihm sagen, dass er sich von ihr fernhalten soll.“

Alexandra presste die Lippen zusammen. Also wieder zwei Problemfälle. Nicht, dass sie das nicht erwartet hätte.

„Danke für den Hinweis“, entgegnete sie. „Werden Sie bei der ersten Stunde dabei sein?“

„Ja. Ich möchte vor allem sehen, ob Sue schon weit genug ist, um das
durchzustehen.“

Die beiden Frauen gingen auf den Eingang zu. Alexandra drehte sich um und winkte Chris, der abwartend in einiger Entfernung stehen geblieben war, mit ihr zu kommen.

Die Stunde verlief überraschend ruhig und erfolgreich. Alexandra teilte Chris als Partnerin eine junge Frau zu, die sich als Laura vorgestellt und als Grund für ihre Teilnahme angegeben hatte, dass sie fürchtete, von einem Stalker verfolgt zu werden. Sie und Chris verstanden sich auf Anhieb, da Laura ein herzliches und offenes Wesen hatte, das Chris aus der Reserve lockte, und waren am Ende der Stunde das Paar, das Alexandra das meiste Lob abverlangte.

„Okay Mädels – und Jungs“, fügte sie mit einem Grinsen in Chris Richtung hinzu, „Schluss für heute. Wir sehen uns dann nächste Woche wieder um die gleiche Zeit.“

Mit verschränkten Armen beobachtete Alexandra die Frauen und Mädchen, die eine nach der anderen die Sporthalle verließen. Manche lachten und scherzten miteinander, andere wiederum gingen mit gesenkten Köpfen hinaus. Sue Parker war eine davon.

Alexandra fragte sich, ob Dr. Winslow recht damit gehabt hatte, die junge Frau in diesen Kurs zu schicken. Wenn die Teilnehmer erst einmal die Grundzüge und Grundtechniken beherrschten, hatte sie vor, realistische Situationen nachzustellen, in denen die Schülerinnen und Chris angemessen reagieren sollten.

Ob Sue das gelingen würde, bezweifelte sie. Janice dagegen war die eine Hälfte des zweiten Paares, das sich gar nicht so schlecht machte. In ihrem Fall machte sich Alexandra mehr Sorgen um den jeweiligen Partner, beziehungsweise Partnerin, falls Janice ausrasten sollte.

Dr. Winslow war bereits gegangen, da sie eine dringende Verabredung hatte und so ging Alexandra ebenfalls in die Umkleidekabine, um zu duschen. Als sie nach draußen kam, wartete Chris bereits auf sie.

„Und, wie hat dir deine erste Stunde gefallen?“ fragte sie.

„Sehr gut.“ Chris Augen glitzerten vor Begeisterung. „Allerdings kann ich mich morgen bestimmt nicht mehr bewegen. Zum Glück ist Sonntag.“

„Tja, wie hat mein alter Lehrer immer gesagt: ‚ Wenn du deine Muskeln spürst, dann lebst du.’“ Alexandra lachte, als sie Chris’ Grimasse sah.

„Dann lebe ich im Moment aber ziemlich intensiv“, beschwerte er sich halb im Spaß bevor er in den Pickup einstieg.

„Du wirst mir doch wohl nicht schlappmachen“, witzelte Alexandra.

In diesem Stil ging es weiter, bis der blaue Pickup in die Hofeinfahrt vor Alexandras Garage fuhr. In Sachen Humor stand Chris ihr in nichts nach. Zu Alexandras Verwunderung, hauptsächlich über sich selbst, waren sie auf dem besten Weg, gute Freunde zu werden.

Die folgenden zwei Wochen vergingen wie im Flug. Alexandra hatte Chris Ende Mai eingestellt und damit gerechnet, dass er mit der Arbeit Ende Juli fertig sein würde, doch dabei hatte sie mit dem Arbeitstempo seiner Vorgänger gerechnet. Als sie Chris darauf ansprach, sagte er nur, dass er es ihr schließlich schuldig sei, dafür zu sorgen, dass sie ihre Praxis so bald wie möglich eröffnen könne.

Ende Juni konnte Alexandra schließlich die Möbel für den Behandlungsraum liefern lassen, die sie bei einem auf Praxen spezialisierten Gebrauchtwarenhändler erstanden hatte.

Zwei muskelbepackte Möbelpacker trugen die schweren Stücke in den Raum und stellten sie nach Alexandras Anweisungen auf. Chris beschäftigte sich damit, die kleineren Teile ins Haus zu transportieren. Alexandra fiel auf, dass er heute nicht ganz bei der Sache zu sein schien und irgendwie nervös wirkte. Er zuckte bei jedem lauten Geräusch und jedem Fluch der Männer zusammen.

Alexandra wollte ihn schon zur Seite ziehen und ihn fragen, was los sei, da wurde ihre Aufmerksamkeit von Charlie abgelenkt, der es nicht lassen konnte, den beiden Männern im Weg zu stehen und sie bei der Arbeit zu behindern. Aufgeregt mit dem Schweif wedelnd lief er im Zimmer hin und her und schnüffelte überall herum, bis Alexandra ihn am Halsband packte und in die Küche verfrachtete.

Als sie zurückkam, mühte Chris sich gerade ab, ein schweres Regal an die Wand zu rücken. Sie wollte zu ihm gehen, um ihm zu helfen, als einer der Männer, Joe, wenn sie sich richtig erinnerte, Chris mit beiden Händen von hinten an den Hüften packte und ihn mit einem gutmütigen Brummen zur Seite schob.

„Lass mal Kleiner, dafür müssen dir noch ein paar Muskeln wachsen“, sagte Joe gönnerhaft und rückte das Regal scheinbar mühelos zurecht.

Alexandra hatte damit gerechnet, dass Chris dem Möbelpacker eine bissige Antwort geben würde, doch stattdessen wich er soweit wie möglich zurück und starrte den Rücken des Mannes mit weit aufgerissenen Augen an. Aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen und sein Atem kam stoßweise. Dann drehte er sich um und rannte aus dem Raum an Alexandra vorbei, ohne sie anzusehen.

Alexandra starrte ihm verwundert hinterher. Was um alles in der Welt war hier gerade passiert?

„Na, der Junge muss wohl noch lernen, einen Spaß zu verstehen“, lachte Joe’s Kollege. „Wo soll das hin, Doc?“

„Auf diese Seite bitte.“ Alexandra zeigte dem Mann, wo sie den Schreibtisch platziert haben wollte. In Gedanken war sie noch immer bei Chris und dessen seltsamen Verhalten. Was war so schlimm am Scherz dieses Möbelpackers gewesen, dass ihn hatte die Flucht ergreifen lassen?

Zum Glück hatten die Männer bis auf einen Schrank inzwischen alles ins Haus getragen und so dauerte es nur noch eine knappe Viertelstunde, bis sie sich von Alexandra verabschiedeten.

Nachdem sie die Haustür geschlossen hatte, machte Alexandra sich auf die Suche nach ihrem Mitbewohner. Auf der hinteren Veranda wurde sie fündig. Dort saß Chris auf der Treppe, die in den Garten hinunter führte, in der einen Hand eine Tasse Kaffee und in der anderen eine Zigarette. Charlie grub hinten an der Hecke zum Nachbargrundstück ein Loch.

Alexandra setzte sich zu Chris auf die Treppe.

„Ich dachte, du rauchst nicht?“

Er hatte sie vor kurzem mit einer ihrer Beruhigungszigaretten in der Hand erwischt, nachdem sie wieder einmal eine Debatte mit Mary Jo über Männer im Allgemeinen und Chris im Besonderen geführt hatte. Er hatte sie mehr als missbilligend angesehen und Alexandra hatte sich gezwungen gefühlt, ihm diese ihr lieb gewordene Angewohnheit zu erklären.

„Tu ich auch nicht.“ Chris nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und begann prompt zu husten.

„Das sehe ich“, entgegnete Alexandra und wartete, bis er sich wieder beruhigt hatte. „Willst du mir vielleicht erzählen, was da drin vorhin passiert ist und wieso du es plötzlich für nötig hältst, dich an meinem geheimen Zigarettenvorrat zu vergreifen? Nachdem du mir einen Vortrag darüber gehalten hast, wie schädlich das Rauchen ist?“

Chris starrte in seine Kaffeetasse. „Ich wollte wissen, ob es hilft. Du hast gesagt, du rauchst nur, wenn du nervös bist und dass es dich dann beruhigt.“

„Und was hat dich vorhin so aufgeregt?“ fragte Alexandra sanft. „Dieser Joe hat nur einen Witz gemacht. Es kann nicht jeder so ein Muskelpaket sein wie diese beiden.“

Chris nahm einen tiefen Schluck von seinem Kaffee und sah sie dann über den Rand der Tasse an.

„Ich weiß nicht“, sagte er schließlich leise. „Der Typ hat mich wohl an jemanden erinnert, der mich…mit dem ich mal Probleme hatte.“

Den Kopf gesenkt, begann er mit dem Zeigefinger den Rand seiner Kaffeetasse entlang zu fahren. Die Zigarette. lag vergessen im Aschenbecher, wo sie langsam vor sich hinglühte.

„Du meinst, im Gefängnis?“ erkundigte sich Alexandra vorsichtig. „Hattest du da öfter Ärger?“

Chris hatte noch nie über seinen Aufenthalt hinter Gittern gesprochen, es war, als wollte er diese Zeit ein für alle mal aus seinem Gedächtnis streichen. Alexandra vermutete, dass es ihm auch irgendwie peinlich war und daher vermied sie es normalerweise, dieses Thema anzuschneiden.

„Gelegentlich…aber das ist Gott-sei-dank vorbei.“

Als Chris aufstand, wusste Alexandra, dass das Thema beendet war. Sie konnte ihn schließlich nicht dazu zwingen, mit ihr darüber zu sprechen. Sie ergriff die Hand, die er ihr hinhielt um ihr aufzuhelfen.

„Chris, wenn du jemals jemanden brauchst zum Reden…du kannst jederzeit zu mir kommen, das weißt du, nicht wahr?“ sagte sie eindringlich, als sie dem jungen Mann gegenüberstand.

Chris steckte die Hände in die Hosentaschen und biss sich auf die Lippe.

„Ich weiß, aber…ich will das alles einfach nur hinter mir lassen.“

„Trotzdem. Manchmal hilft es, wenn man einfach nur darüber redet, was einen belastet. Wenn du eines Tages das Bedürfnis verspüren solltest, dann lass es mich wissen.“
 

Teil 11

 

Die Erfüllung von Alexandras Traum einer eigenen Tierpraxis nahm immer mehr Gestalt an. Inzwischen hatte sie die meisten Geräte, sogar einen Computer, den ihr Mike Anderson günstig besorgt hatte. Alexandra mochte die Dinger nicht besonders, sie hatte sich nur notgedrungen während ihres Studiums damit beschäftigt. Sie hatte immer Besseres in ihrer Freizeit zu tun gehabt, als ihre Zeit in irgendwelchen virtuellen Welten zu verbringen. So stand das Teil noch immer jungfräulich unberührt auf dem großen Schreibtisch in ihrem Behandlungszimmer.

Vor zwei Tagen hatte Alexandra nach längerem wieder einmal mit ihrer Mutter telefoniert. Sie hatte ihr erzählt, dass sie bald ihre Praxis eröffnen würde und zu ihrer Überraschung hatte ihre Mutter ihr zögernd gratuliert. Alexandra meinte sogar, so etwas wie Stolz in ihrer Stimme mitschwingen zu hören. Zumindest kam es bei diesem Telefonat einmal nicht zu einer Auseinandersetzung und Alexandra tat es fast leid, dass nicht wenigstens ihre Mutter zu dem kleinen Fest würde kommen können, das sie geplant hatte. Aber nur fast. Es waren einfach zu viele böse Worte zwischen ihr und ihren Eltern gefallen.

Mary Jo hatte sich inzwischen daran gewöhnt, auf Chris zu treffen, wenn sie bei Alexandra vorbeischaute, auch wenn sie ihm noch immer missbilligende Blicke zuwarf. Chris spürte die Abneigung der Frau und machte sich meistens schnell unsichtbar, wenn Mary Jo auftauchte.

Jack hatte sehr erfreut reagiert, als Alexandra ihn von dem Wechsel von Chris’ Lebensumständen informierte. Chris’ Bewährungsauflagen waren nicht extrem streng, er musste sich lediglich alle zwei Wochen bei seinem Bewährungshelfer melden, war verpflichtet, sich Arbeit zu suchen und durfte den Staat Kalifornien nicht ohne Jacks Wissen und Zustimmung verlassen.

Wie Jack Alexandra gegenüber zugab, hatte er sich zum Schluss Sorgen gemacht, was er mit Chris anfangen sollte, wenn dieser es nicht schaffte, einen Job über einen längeren Zeitraum hin zu behalten. Als Chris’ Bewährungshelfer hatte er zwar einen relativ großen Ermessensspielraum, doch auch er hatte einen Vorgesetzten, vor dem er seine Entscheidungen rechtfertigen musste. So erschien ihm Alexandras Entschluss, Chris auch weiterhin zu beschäftigen, als Gottesgeschenk.

Chris selbst schien ganz zufrieden mit dem Arrangement zu sein. Er hatte sich bisher als äußerst angenehmer Hausgenosse erwiesen, dem es nichts ausmachte, hinter Alexandra herzuräumen, wenn sie im Haus ihr übliches Chaos hinterließ.

Nur durch Zufall hatte Alexandra entdeckt, dass Chris vor vier Tagen, am zweiten Juli, seinen einundzwanzigsten Geburtstag gehabt hatte. Sie hatte beschlossen, ihn mit einem Geschenk zu überraschen, von dem sie allerdings auch profitierte. Bevor sie sich heute Nachmittag mit Julie getroffen hatte, war sie im Einkaufszentrum gewesen und hatte für Chris zwei paar helle Jeans, einige neutrale T-Shirts OHNE irgendwelche Aufdrucke und nicht schwarz, sowie zwei Hemden besorgt, eines in einem sanften Gelbton, das andere dunkelgrün.

Das Haus war dunkel, als Alexandra die Tür öffnete. Es war erst neun Uhr, normalerweise saß Chris um diese Zeit mit seinen Büchern unten in der Küche und lernte, während Alexandra sich mit Plänen für die Praxis beschäftigte.

Die junge Frau legte ihre Pakete auf dem Küchentisch ab und ging nach oben, von wo sie das gedämpfte Geräusch eines laufenden Fernsehgerätes hörte. Die Tür zu Chris Zimmer stand offen, ein deutliches Zeichen, dass Charlie bei ihm war.

Chris lag, mit Jeans und T-Shirt bekleidet und zu einem Ball zusammengerollt auf dem Bett und schien zu schlafen. Charlie lag hinter ihm und hatte seinen Kopf auf Chris’ Hüfte gelegt. Die beiden sahen zusammen überaus niedlich aus und Alexandra war fast versucht, Charlie seine Entgleisung und Chris seine Inkonsequenz durchgehen zu lassen, mit der Betonung auf dem Wort „fast“. Sie hatte nicht über ein Jahr damit verbracht, dem Hund wenigstens ein Mindestmaß an Manieren beizubringen, um nun tatenlos zuzusehen, wie Chris ihre Erziehung wieder zunichte machte.

Energisch betrat sie das Zimmer. Charlie sprang sofort vom Bett herunter und wedelte schuldbewusst mit seinem struppigen Schweif.

„Charlie, du weißt genau, dass du auf dem Bett nichts zu suchen hast!“ sagte sie streng und wies mit dem Finger Richtung Tür. „Raus hier.“

Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit seinem Komplizen zu, der anscheinend aufgewacht war, als er Alexandras Stimme gehört hatte.

„Chris, ich hab dich gebeten, Charlie nicht zu dir ins Bett zu lassen. Was zum Teufel soll das? Willst du mich mit Absicht…“

Alexandras Stimme erstarb, als sie sich den Übeltäter genauer ansah. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß, ein paar nasse Strähnen klebten ihm an den Wangen und sein Atem ging schwer. Jetzt erst fiel ihr auf, dass Chris beide Hände auf seinen Bauch gepresst hielt und ganz offensichtlich starke Schmerzen hatte.

„Was ist los?“ fragte sie und setzte sich auf die Bettkante, um Chris die Hand auf die Stirn zu legen. Sie fühlte sich klamm an, Fieber hatte er keines. Doch etwas stimmte ganz und gar nicht. Als sie heute Nachmittag das Haus verlassen hatte, war er noch putzmunter und damit beschäftigt gewesen, den Garten in Ordnung zu bringen, da die Einweihungsparty dort stattfinden sollte.

„Chris, rede mit mir. Wo genau hast du Schmerzen? Und seit wann?“

„Weiß nicht“, kam die äußerst informative Antwort. „Ich hab einfach nur Bauchschmerzen. Es hat angefangen, als ich rein gegangen bin.“ Der letzte Satz endete mit einem leisen Schluchzen.

Alexandra überlegte fieberhaft, was sie tun sollte. Chris könnte natürlich schlicht und einfach eine Magen-Darminfektion haben, es könnte aber auch etwas Schlimmeres wie eine Blinddarmentzündung sein.

„Hast du dich übergeben? Durchfall?“ forschte sie und strich dem jungen Mann sanft über den Arm. Chris drehte den Kopf ein wenig und sah sie an.

„Ich…ich war vorhin ein paar Mal auf der Toilette, aber ich hab den ganzen Tag fast nichts gegessen…“ würgte er hervor. „Das geht schon wieder weg. Ist nicht das erste Mal, nur so schlimm war’s noch nie…“

„Du hast das öfter?“

„Manchmal“, keuchte Chris und krümmte sich zusammen. „Scheiße, tut das weh.“

Alexandra starrte ihn einen Moment mit zusammengezogenen Augenbrauen an, dann griff sie in ihre Jackentasche und zog ihr Mobiltelefon heraus. Es war zwar schon nach neun, aber Dr. Langton, Tante Claires ehemaliger Arzt, war manchmal länger in seiner Praxis. Alexandra hoffte, dass das heute auch der Fall war, denn andernfalls würde sie Chris ins Krankenhaus bringen müssen.

„Ich ruf bei einem Arzt an, denn ich kenne. Vielleicht können wir noch zu ihm fahren“, informierte sie den jungen Mann.

Für einen Moment schien Chris seine Schmerzen zu vergessen und setzte sich auf.

„Ich brauch keinen Arzt“, protestierte er. „Das vergeht schon wieder. Wirklich! Autsch…“ Mit einem Stöhnen ließ er sich wieder in die Kissen zurückfallen und sah Alexandra flehend an. „Bitte, morgen bin ich bestimmt wieder in Ordnung.“

Doch die junge Frau blieb hart. Sie machte sich wirklich Sorgen um Chris und würde nicht zulassen, dass er sich noch länger herumquälte. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, es war zu seinem Besten. Falls er sich nur Sorgen wegen der Rechnung für die medizinische Behandlung machte, darum würde sie sich schon kümmern.

Alexandra hatte Glück und erreichte Dr. Langton. Nachdem sie ihm das Problem geschildert hatte, bat er sie, am besten sofort mit Chris in seine Praxis zu kommen, da er dort die nötigen medizinischen Geräte hatte, um eine gründliche Untersuchung durchführen zu können.

Chris versuchte zwar noch mal, sich zu sträuben, doch gegen Alexandras Entschlossenheit hatte er nicht die leiseste Chance. Sie half ihm, sich die Schuhe anzuziehen und sah sich dann suchend nach seiner Jacke um. Sie fand sie schließlich unter einem Stapel Zeitschriften auf einem Stuhl. Chris war zwar ordentlich, was den Rest des Hauses anbelangte, doch in seinem Zimmer herrschte der gleiche Zustand wie in jedem Zimmer eines Jungen seines Alters. Auf dem kleinen Tisch beim Fenster lagen seine Schulsachen und ein Teil seiner Klamotten lag verstreut auf dem Boden.

„Komm schon“, sagte Alexandra, als Chris angezogen auf dem Bett saß und sie bittend ansah. Dabei biss er sich vor Schmerzen auf die Lippen.

Kopfschüttelnd half Alexandra ihm hoch und führte ihn die Treppe hinunter nach draußen in den Pickup.

Die Fahrt dauert nur knapp fünf Minuten und Dr. Langton erwartete sie schon an der Tür. Er war ein etwa fünfzigjähriger, für sein Alter noch recht gut aussehender und sportlich trainierter Mann mit leicht ergrauten Haaren.

„Danke, dass wir noch kommen konnten“, begrüßte Alexandra den Arzt, während sie Chris, den Arm um seine Taille geschlungen, in die Praxis führte. Er hatte die ganze Zeit über geschwiegen, Alexandra hatte nur gehört, wie er manchmal den Atem scharf einsog.

„Kein Problem, junge Dame“, entgegnete der ältere Mann freundlich. „Dann bringen Sie den Patienten mal ins Behandlungszimmer.“

Dr. Langton wies Chris an, sich hinter einem Paravent auszuziehen und einen weißen Untersuchungskittel anzulegen und sich dann auf die Untersuchungsliege zu setzen. Währenddessen führte er Alexandra ins Wartezimmer und bat sie, Chris’ Anmeldebogen auszufüllen.

„Die Rechnung schicken Sie bitte an mich, Doktor“, bat Alexandra, als sie begann zu schreiben.

„Natürlich“, bestätigte der Arzt und betrachtete sie neugierig. Er hatte Claire Marsters vor ihrem Tod zwanzig Jahre lang betreut und war über ihre Familienverhältnisse im Bilde. Mehr als einmal hatte ihm die alte Dame unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihr Herz ausgeschüttet, unter anderem auch über die persönlichen Probleme ihrer Großnichte. Daher verwunderte es Dr. Langton etwas, Alexandra mit einem jungen Mann, der fast noch ein Teenager zu sein schien, in seiner Praxis zu sehen und diese Bitte aus ihrem Mund zu hören.

„Darf ich fragen, woher Sie den Jungen kennen?“ fragte er schließlich diplomatisch.

„Er arbeitet für mich und wohnt nebenbei auch bei mir“, erwiderte Alexandra geistesabwesend. „Ich eröffne doch in einer Woche meine Praxis. Chris hat mir beim Umbau geholfen. Hören Sie, Doktor, wegen Kinderkrankheiten, Krankheiten, Allergien und dergleichen müssen Sie ihn selber fragen.“

Sie überreichte dem Arzt den Fragebogen, der ihn kurz überflog. Dann nickte er.

„In Ordnung. Dann werde ich mich mal um den Jungen kümmern.“ Damit ließ er Alexandra allein, die sich unschlüssig in dem Raum umsah. Schließlich griff sie nach einer der Zeitschriften, die auf einem kleinen Tisch auslagen und setzte sich.
Sie hatte gerade angefangen zu lesen, als Dr. Langton zurückkam und sie ins Behandlungszimmer rief.

„Chris möchte, dass Sie bei der Untersuchung dabei sind“, erklärte der Arzt mit hochgezogenen Augenbrauen.

Alexandra legte die Zeitschrift zurück und stand auf. Sie fragte sich, was plötzlich in Chris gefahren war. Sie waren mittlerweile gut befreundet, doch sie konnte sich nicht vorstellen, was ihn dazu bewogen haben mochte, eine derartige Bitte zu äußern.

Als sie das Behandlungszimmer betrat, saß Chris auf der Untersuchungsliege und hatte die Hände in den Schoß gepresst. Ohne seine üblichen schwarzen Klamotten und in dem weißen Kittel, über dessen Kragen sich ein paar Strähnen von schwarzen Haaren kringelten und der ihm nur knapp über die Oberschenkel reichte, sah er noch verletzlicher aus als sonst.

„Chris hat mir erzählt, dass er diese Beschwerden schon mehrmals hatte, aber den Auslöser kennt er nicht. Nach einer Blinddarmentzündung sieht mir das Ganze nicht aus. Ich werde ihn jetzt abtasten, danach machen wir noch eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes. Um eine Entzündung auszuschließen, würde ich ihm anschließend noch gern Blut abnehmen.“

Alexandra nickte verstehend. Die übliche Vorgehensweise. Sie hoffte nur, dass etwas dabei herauskam. Wenn sie Chris nicht überrumpelt hätte und er nicht so angeschlagen gewesen wäre, dann hätte sie ihn nie hierher bringen können. Wenn es ihm morgen wirklich wieder gut gehen sollte, würde sie es kaum schaffen, ihn von einer Untersuchung in einem Krankenhaus zu überzeugen.

Auf Dr. Langton Aufforderung hin legte Chris sich mit dem Rücken auf die Liege und sah den Arzt ängstlich an. Seine Hand suchte fast unbewusst nach der von Alexandra und diese trat näher, um sie zu ergreifen.

„Hey, ist alles nicht so schlimm“, sagte sie mit beruhigender Stimme.

Als Doktor Langton das Gel, das für die Ultraschalluntersuchung notwendig war, auf Chris’ Bauch auftrug, keuchte dieser erschrocken auf.

„Tut mir leid, mein Junge, ich hätte Sie wohl warnen sollen“, entschuldigte sich der Arzt und begann, mit sanftem Druck mit dem Gerät über Chris nun glitschige Bauchhaut zu fahren, während er intensiv auf den dazugehörigen Monitor starrte.

Schließlich schüttelte er den Kopf. „Also, hier scheint alles in Ordnung zu sein. Keine Veränderung oder ein krankhafter Befund, die diese Schmerzen erklären würden. Jetzt können wir nur noch die Ergebnisse der Blutuntersuchung abwarten. Setzen Sie sich mal auf, ich hole nur schnell eine Spritze.“

Mit diesen Worten entfernte sich der Arzt, um das Genannte aus einer Schublade zu holen.

Alexandra konnte Chris ansehen, dass er nicht gerade glücklich darüber war, als Nadelkissen benutzt zu werden, doch zu seiner Ehrenrettung musste sie zugeben, dass er die Prozedur ohne Aufstand über sich ergehen ließ.

„In Ordnung, Sie können sich wieder anziehen. Hier haben Sie ein paar Papierhandtücher, damit Sie sich das Gel abwischen können. Schaffen Sie es denn alleine?“ vergewisserte sich Doktor Langton.

Chris nickte. „Ja. Die Schmerzen sind schon nicht mehr so schlimm.“ Dann setzte er sich auf und rutschte nach einem scheuen Blick auf Alexandra von der Liege herunter, um wieder hinter dem Paravent zu verschwinden.

Dr. Langton winkte Alexandra, ihm in den angrenzenden Raum zu folgen, der als Labor diente. Dort beschriftete er die Blutprobe, um sie in den Kühlschrank zu legen.

„Also, meiner Meinung nach ist der Junge körperlich völlig gesund“, sagte er und wandte sich zu Alexandra. „Er hat zwar ziemliches Untergewicht für sein Alter und seine Größe, aber solange ihm das keine Probleme bereitet…Wie dem auch sei, wenn auch die Blutprobe kein Ergebnis bringt, dann denke ich dass diese Bauchschmerzen eher eine psychische Ursache haben. Zuviel Stress, Verlust eines nahen Angehörigen…solche Dinge.“

Alexandra lehnte sich mit verschränkten Armen gegen einen Schrank und kaute nachdenklich an ihrer Unterlippe. „Seine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben, sein Vater vor etwas mehr als einem Jahr. Vielleicht fühlt er sich schuldig, weil er damals noch im Gefängnis war…“ dachte sie laut.

Dr. Langton horchte auf. „Chris war im Gefängnis?“ erkundigte er sich.

Alexandra gab sich geistig selbst eine Ohrfeige. DAS hätte sie dem Arzt nun nicht unbedingt erzählen müssen.

„Ja…“ bestätigte sie widerstrebend. Dann kam ihr ein Gedanke. „Meinen Sie, das hat etwas mit seinen Beschwerden zu tun?“

Dr. Langton sah sie eine Weile lang schweigend an. Alexandra hätte zu gern gewusst, was er sich dachte. Er machte eigentlich nicht den Eindruck, als würde er Menschen vorschnell verurteilen, aber sie hatte das auch nicht von Mary Jo gedacht und genau das hatte diese in Chris’ Fall getan.

„Nun… ein Aufenthalt im Gefängnis kann besonders für einen jungen Menschen traumatisch sein. Es wäre durchaus möglich, dass diese Schmerzen das Symptom eines erlittenen Traumas sind. Vielleicht sollten Sie ihren jungen Freund dazu überreden, sich einmal mit einem Psychologen zu unterhalten. Ich könnte Ihnen da eine Kollegin empfehlen, Doktor Winslow. Sie ist eine sehr erfahrene Ärztin.“

„Ich kenne Doktor Winslow“, sagte Alexandra, während sie versuchte, die erhaltenen Informationen zu verarbeiten und zu sortieren. „Ein paar Patientinnen von ihr waren in meinen Kursen.“

„Ah, Ihre Großante hat mir von Ihrem Engagement in dieser Beziehung erzählt“, entgegnete Dr. Langton. „Sie war eine nette alte Dame. Leider ist sie viel zu früh verstorben.“

Alexandra spürte einen Kloß in ihrer Kehle, so wie jedes Mal, wenn sie an Tante Claire dachte. Es tat immer noch weh, obwohl es mittlerweile schon ein halbes Jahr her war, dass sie gestorben war.

„Da haben Sie recht“, flüsterte sie und schluckte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Chris müsste inzwischen fertig sein, meinen Sie nicht?“ fragte sie dann betont munter und ging zur Tür, die in das Behandlungszimmer führte.

Chris saß auf einem Stuhl, die Arme um den Bauch geschlungen und sah auf, als Alexandra den Raum betrat.

„Können wir jetzt nach Hause fahren?“

„Sofort, junger Mann“, antwortete Doktor Langton, der Alexandra gefolgt war. „Zuerst gebe ich Ihnen noch ein paar Tabletten gegen die Schmerzen und damit Sie heute Nacht schlafen können. Eine Wärmflasche könnte vermutlich auch nicht schaden. Den Rest habe ich mit bereits mit Ihrer Freundin hier besprochen. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sollten in zwei, drei Tagen da sein. Ich werde meiner Sprechstundenhilfe sagen, dass sie Sie anrufen soll.“

Nachdem sie die Medikamente in Empfang genommen hatte und sich herzlich bei dem ehemaligen Arzt ihrer Tante bedankt hatte, führte Alexandra Chris zum Wagen. Er sah schon etwas besser aus, anscheinend hatten die Schmerzen wirklich bereits nachgelassen. Trotzdem sah sie es nicht als übertrieben an, mit ihm zum Arzt gefahren zu sein. Zumindest wusste sie jetzt, dass seine Beschwerden vermutlich nicht von einer körperlichen Krankheit herrührten.

Doktor Langton hatte gesagt, dass Chris für sein Alter viel zu wenig wog. Aufgrund der etwas weiteren T-Shirts, die er normalerweise trug, war ihr das noch nie so deutlich aufgefallen wie heute Abend. Er war wirklich extrem dünn, und das, obwohl er eigentlich normal aß – zumindest soweit sie das mitbekam. Tagsüber war sie oft unterwegs, daher wusste sie nicht, ob Chris gerne mal das Mittagessen übersprang.

Die Heimfahrt verlief schweigend. Alexandra warf Chris immer wieder prüfende Blicke zu, doch dieser hatte die Augen geschlossen und den Kopf an die Scheibe der Beifahrertür gelehnt.

Zu Hause angekommen half Alexandra ihm die Treppen hoch und wies ihn an, sich umzuziehen. Dann ging sie nach unten, um ein Glas Wasser und eine Wärmflasche zu holen. Als sie zurück nach oben kam, lag Chris bereits im Bett und Charlie, der ihnen gefolgt, war, saß davor und betrachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf.

„Braver Hund“, lobte ihn Alexandra dafür, dass er es sich nicht wieder neben Chris bequem gemacht hatte. Dann stellte sie das Glas Wasser ab und reichte Chris die Wärmflasche, die mit einem weichen, braunen Plüschfell bezogen war.

„Hier, probier mal, ob das Ding nicht zu heiß ist. Und die zwei Tabletten solltest du jetzt nehmen.“

Vorhin in der Küche hatte Alexandra sich die Beipackzettel durchgelesen. Das eine Medikament war gegen Schmerzen, das andere ein Beruhigungsmittel. Anscheinend war es Doktor Langton wirklich ernst mit seiner Vermutung. Alexandra fragte sich, was Chris wohl sonst noch alles vor ihr verbarg. Nicht, dass sie fand, dass er ihr gegenüber zu absoluter Offenheit verpflichtet war weil sie ihm eine Chance gegeben hatte, sondern weil sie hoffte, dass er ihr irgendwann genügend vertrauen würde, um ihre Hilfe zu suchen.

Gehorsam schluckte Chris die beiden Tabletten hinunter und nahm einen kräftigen Schluck Wasser. Dann zog er eine Grimmasse.

„Schmeckt scheußlich“, teilte er Alexandra mit, ohne sie anzusehen.

„Hat Medizin meist an sich“, gab diese trocken zurück. Dann setzte sie sich auf die Bettkante. Unwillkürlich wurde sie an eine andere Gelegenheit erinnert, als sie das gleiche getan hatte und Chris ihr sein Herz ausgeschüttet hatte.

„Chris, du weißt, dass du mir vertrauen kannst, nicht wahr?“ begann sie und wartete, bis der junge Mann nickte. „Wenn es irgendetwas gibt, dass dich bedrückt, dann kannst du mit mir darüber reden, in Ordnung? Egal was.“

Chris wich ihrem Blick aus und Alexandra vermutete, dass sie Recht hatte. Was es auch war, wenn es ihm solche Schwierigkeiten bereiten konnte, dann musste sie es herausfinden, um ihm helfen zu können. Die Frage war nur, auf welche Art und Weise. Das gute Verhältnis, das sie zu ihrem jungen Freund hatte, würde sie durch penetrantes Nachfragen nur gefährden.

„Alex…es gibt da wirklich etwas…aber ich kann nicht darüber reden, mit niemandem“, flüsterte Chris schließlich. „Bitte verzeih mir, auch dass ich heute so ein Feigling war.“

Alexandra starrte ihn verblüfft an. Es gab also tatsächlich etwas, das Chris Sorgen machte. Womit es zusammenhing, darüber konnte sie nur spekulieren und hoffen, dass er ihr eines Tages die Wahrheit anvertrauen würde. Wenn es sein musste, dann würde sie eben so lange warten.

„Das war schon in Ordnung“, entgegnete sie. „Wenn du nichts mehr brauchst, dann gehe ich jetzt, damit du schlafen kannst. Ich lass die Türen auf. Wenn die Schmerzen wieder schlimmer werden sollten, dann ruf mich.“

Damit wandte sich Alexandra zur Tür, nur um durch Chris leise Stimme aufgehalten zu werden.

„Könntest du…Könntest du noch ein wenig bleiben? Nur bis ich eingeschlafen bin?“

Überrascht hielt Alexandra inne. Es sah Chris gar nicht ähnlich, so anhänglich zu sein.

„Sicher“, entgegnete sie verwirrt. Dann fasste sie einen Entschluss, der ihr gar nicht ähnlich sah, wie sie sich eingestehen musste. „Warte einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.“

Alexandra ging hinüber in ihr eigenes Zimmer und zog sich für die Nacht um. Statt nur ihres üblichen T-Shirts streifte sie noch ein paar kurze Sweat-Pants über. Dann putzte sie sich noch die Zähne, bevor sie in Chris’ Zimmer zurückkehrte.

„Ich hoffe, du schnarchst nicht“, scherzte sie, um ihre Nervosität über das, was sie vorhatte, zu überspielen. Chris starrte sie verwirrt an. Seine Verwirrung wurde noch größer, als Alexandra ins Bett krabbelte und zu ihm unter die Decke schlüpfte.

„Was machst du da?“ fragte er fast entsetzt.

„Ich bin hundemüde und hab keine Lust, auf diesem unbequemen Sessel da einzuschlafen“, erklärte Alexandra, bevor sie das Kissen zurecht klopfte und sich auf dem Ellbogen abstützte, um auf Chris hinunterzusehen. Er sah richtig niedlich aus mit diesen weit aufgerissenen Augen und dem völlig verstörten Gesichtsausdruck, schoss ihr durch den Kopf. ‚Oh, Gott, Alex, reiß dich zusammen, das ist ja fast noch ein Baby und außerdem hast du den Männern abgeschworen!’

„Aber…“

„Keine Sorge, du bist krank, also ist deine Unschuld bei mir in den besten Händen“, lächelte Alexandra und beobachtete amüsiert, wie ihrem mehr oder weniger unfreiwilligen Bettgefährten das Blut in die Wangen schoss.

„Ich wollte nicht…ich meine…“ stotterte Chris und knetete den Rand der Bettdecke mit den Fingern. „Du willst wirklich hier schlafen?“ quiekte er schließlich.

Alexandra wurde ernst. „Du hast mich gebeten, bei dir zu bleiben und ich hielt es für eine gute Idee, falls es dir heute Nacht wieder schlechter gehen sollte. Möchtest du lieber allein schlafen?“

Chris sah sie eine Zeitlang unsicher an, dann schluckte er.

„Nein.“ Seine Stimme war nur ein Flüstern und Alexandra hätte ihn beinahe nicht verstanden.

„Gut. Dann…wie gesagt, ich hoffe du schnarchst nicht“, wiederholte sie und kuschelte sich unter die Decke. Tagsüber war es zwar relativ heiß, doch die Nächte waren manchmal recht kühl und durch das geöffnete Fenster drang eine leichte Brise.

Chris starte sie noch immer an.

„Was ist? Hab ich Zahnpasta auf der Nase?“ fragte Alexandra.

„Nein…ich wollte…ich wollte mich nur bedanken, für heute Abend, für…das hier...“ murmelte Chris und senkte die Augenlider.

Alexandra streckte die Hand aus und strich ihm sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Das hätte doch jeder getan“, entgegnete sie.

„Nein, nicht für so jemanden wie mich.“

Diese in so hoffnungslosem Ton hervorgebrachte Antwort brachte Alexandra dazu, sich wieder aufzusetzen.

„Chris, hör auf. Du bist ein genauso wertvoller Mensch wie jeder andere.“ Sie dachte einen Moment lang nach und relativierte diese Aussage dann. “Sagen wir, wie viele andere. Es gibt genügend Leute, denen ich nicht mal die Hand schütteln würde.“ Alexandra gab ein undamenhaftes Schnauben von sich. „Nur weil du mal Mist gebaut hast in deiner Jugend, bist du noch lange kein Abschaum. Also hör auf, dich schlechter zu machen als du bist. Könntest du jetzt bitte das Licht ausmachen? Ich würde heute doch irgendwann mal gerne schlafen.“

Chris sah aus, als wollte er noch etwas entgegnen, doch dann drehte er sich zum Nachttisch und löschte die Lampe. Im Licht der Straßenlaterne, das gedämpft von draußen herein schien, konnte Alexandra gerade noch seine Umrisse erkennen. Er hatte ihr den Rücken zugedreht. Seufzend rückte sie näher zu ihm und legte ihm einen Arm um die Taille.

„Chris, ich hab dich wirklich sehr gern und es ist mir egal, dass du im Gefängnis warst“, wisperte sie eindringlich. „Und jedem, der etwas Hirn hat und sich die Mühe macht, dich kennen zu lernen, wird das Gleiche denken. Also hör damit auf, dich selber runterzumachen, okay?

Chris gab ihr zwar keine Antwort, Alexandra fühlte jedoch, wie er tief den Atem einsog. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Worte auf fruchtbaren Boden fielen.

An Chris’ Rücken gekuschelt, was zugegebenermaßen ein angenehmes Gefühl war, schlief Alexandra schließlich ein.

 

Teil 12

 

Alexandra erwachte, weil sie etwas an der Nase kitzelte. Unwillig öffnete sie die Augen und starrte verblüfft auf den Büschel schwarzer Haare vor ihrem Gesicht, der die Ursache dafür war. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ihr bewusst wurde, zu wem dieser Büschel Haare gehörte und aus welchem Grund sie nicht ihn ihrem eigenen Bett aufgewacht war.

Chris lag, genau wie sie, auf der Seite und hatte sich eng an sie geschmiegt. Seine Hand war in ihr T-Shirt gekrallt, also war an ein unauffälliges und unbemerktes Verlassen des Bettes nicht zu denken. Er schien noch tief und fest zu schlafen.

Alexandra drehte den Kopf, um einen besseren Blick auf sein Gesicht zu bekommen. Chris hatte sowieso sehr weiche Gesichtszüge, die im Schlaf noch kindlicher waren, allerdings ohne zu babyhaft zu wirken. Lange, dichte Wimpern lagen auf hohen Wangenknochen, der sanft geschwungene Mund unter der kleinen geraden Nase lud zum Küssen ein…

Alexandras Gedankenachterbahn kam mit einem lauten Kreischen zum Stillstand. Was hatte sie da gerade eben gedacht? Wie zum Teufel kam sie nur auf solche Ideen? Sie war eine siebenundzwanzigjährige, erwachsene Frau, die von Männern im Allgemeinen nichts hielt und nach zwei bitteren Reinfällen davon überzeugt war, dass sie verlogene Idioten magisch anzog. Chris dagegen war knapp dem Teenie-Alter entwachsen und schien keinerlei Erfahrungen mit Angehörigen des anderen Geschlechts zu haben.

Und dennoch…dennoch hatte Alexandra ein seltsames Gefühl in der Magengegend, wenn sie ihn so betrachtete, und sich vorstellte, wie er diese riesigen braunen Augen öffnete und sie verschlafen anblinzelte…

Alexandra war so in ihre Überlegungen versunken, dass ihr nicht bewusst wurde, dass sie Chris eine Haarsträhne, die ihm ins Gesicht hing, hinter das Ohr zurückstrich. Erst als er sich bewegte und –genau wie in ihrer Fantasie – die Augen aufschlug, zog sie ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Chris ließ sofort ihr T-Shirt los und setzte sich abrupt auf, um sie mit offenem Mund anzustarren.

„Was…Wieso…?“ stammelte er verwirrt.

„Guten Morgen“, sagte Alexandra und versuchte, ihren Gefühlsaufruhr unter Kontrolle zu bringen. Über ihre Emotionen musste sie sich später im Klaren werden. „Wie geht’s deinen Bauchschmerzen?“

„Welchen…?“
Chris’ Hand fuhr zu seiner Leibesmitte. Dann fuhr er sich mit der anderen Hand durch die Haare und schüttelte den Kopf. „Weg“, verkündete er mit vom Schlaf rauer Stimme und sah Alexandra verlegen an, als ihm die Geschehnisse des vorangegangen Abends langsam wieder ins Gedächtnis zurückzukommen schienen.

„Bist du morgens immer so verbal ausdrucksvoll?“ Alexandra konnte ihr Amüsement nicht verbergen.

„Tut mir leid….Ich…das mit gestern Abend…“ Chris biss sich auf die Lippe und atmete ein paar Mal tief durch. „Vielen Dank. Ich war gestern ein bisschen von der Rolle, sonst hätte ich nie...“ Er brach ab und fuhr sich wieder mit der Hand durch die Haare, was diese nur noch wilder in alle Richtungen abstehen lies.

„Mach dir keine Sorgen deswegen“, beruhigte ihn Alexandra. „Bist du sicher, dass wieder alles in Ordnung ist?“

Forschend musterte sie ihren Bettgenossen. Doktor Langtons’ Worte, dass Chris’ Beschwerden möglicherweise psychische Ursachen hatten, kamen ihr wieder in den Sinn. Wenn auch die Blutuntersuchung keinen Befund ergab, dann würde sie ihm Doktor Langtons’ Vermutung mitteilen und ihm vorschlagen, einmal mit Doktor Winslow zu sprechen.

„Bin ich“, entgegnete Chris. „Wir müssen doch die Praxis noch bis zum Wochenende fertig bekommen.“

Die Einweihungsparty. Alexandra seufzte. „Oh ja. Wenn ich gewusst hätte, dass Mary Jo Gott-und-die-Welt einlädt, dann hätte ich darauf verzichtet. Tja, schon vorbei.“ Sie versetzte Chris einen spielerischen Klaps auf den Arm. „Genug gefaulenzt. Wer zuletzt unten ist, kümmert sich für den Rest der Woche ums Frühstück.“

Mit diesem Worten sprang Alexandra aus dem Bett und raste zur Tür. Bevor sie diese öffnete, blickte sie noch einmal zurück. Sie hatte erwartet, dass Chris ihrem Beispiel folgen würde, doch der saß noch immer im Bett und hatte die Bettdecke um seine Hüften gebauscht.

„Was ist los?“ fragte sie erstaunt. „Wenn du denkst, du bist schneller als ich, dann kennst du mich aber schlecht. Oder bist du doch nicht ganz so fit?“

„Doch, doch“, versicherte Chris hastig. Verblüfft sah Alexandra, wie seine Wangen einen interessanten Rotton annahmen – und hätte beinahe laut losgelacht. Aha, da also lag der Storch begraben. Er hatte also ein gewisses morgendliches…Problem und war noch unschuldig genug, um darüber in tödliche Verlegenheit zu geraten.

Verschmitzt grinste Alexandra ihn an. „Viel Spaß…beim Frühstückmachen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten öffnete sie die Tür und verschwand in ihrem Zimmer, um sich anzuziehen.

***

Chris saß noch eine Weile im Bett und starrte die geschlossene Tür an, bevor er die Decke von sich schob und die Beine aus dem Bett schwang. Er wäre vor Verlegenheit beinahe gestorben, als er das wissende Lächeln auf Alexandras Gesicht gesehen hatte. Hoffentlich dachte sie nicht, ES wäre wegen ihr gewesen.

Nicht, dass er sie nicht äußerst attraktiv gefunden hätte, mit ihrer lockigen Löwenmähne und den sanften Rundungen, doch ihm war nur zu bewusst, dass eine Frau wie sie für ihn unerreichbar war. Er musste schon dankbar dafür sein, dass er ihre Freundschaft gewonnen zu haben schien. Chris wollte nicht darüber nachdenken, wie es wäre, wenn Alexandra sich von ihm abwenden würde, wenn sie ihn verabscheute für das, was er getan hatte, was er hatte geschehen lassen.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte er sich so allein gefühlt wie nie zuvor. Jack Sanders war natürlich für ihn da gewesen, doch der Mann wurde dafür bezahlt und Chris konnte sich nie dazu überwinden, ihm zu vertrauen. Eines musste er seinem Bewährungshelfer jedoch zugestehen: Mr. Sanders hatte sich jede erdenkliche Mühe gegeben, ihm zu helfen und hatte ihm letztendlich diesen Job verschafft.

Zu Beginn seiner Bewährung musste Chris mehre Sitzungen bei einem so genannten psychologischen Berater absolvieren, der ihn auf das Leben ‚draußen’ vorbereiten sollte. Der Mann war mehr damit beschäftigt gewesen, diverse Telefonate während dieser Stunden zu erledigen, als sich mit Chris zu unterhalten. Nach Beendigung der Sitzungen hatte der Psychologe ihn für völlig geeignet gehalten, ein Leben in der Gesellschaft zu beginnen.

Chris schnaubte bitter, als er daran dachte. Er war völlig ungeeignet dafür gewesen, war es im Prinzip immer noch. Er war nur ein guter Schauspieler und konnte seine wahren Emotionen hinter einer Maske verstecken, die er je nach Anlass wechselte. Der einzige Mensch, der einen Blick hinter diese Fassade hatte werfen können, war Alexandra.

Bei ihr hatte Chris das Gefühl, sich nicht verstecken zu müssen und auch seine Schwächen zeigen zu können. Er wünschte sich nur, sicher sein zu können, dass sie ihn auch noch akzeptieren würde, wenn sie jemals die ganze Wahrheit über ihn erfahren würde. Doch das war nur ein schöner Traum. Der Mensch, der über so etwas hinwegsah, existierte nicht.

Chris ging in das Bad, das zu seinem Zimmer gehörte, und stellte sich unter die Dusche. Alexandras kindische Wette kam ihm in den Sinn und er musste trotz der düsteren Gedanken, die in seinem Kopf herumschwirrten, lächeln. Als er sie kennen gelernt hatte, hätte er nie geglaubt, dass er eines Tages so ein freundschaftliches Verhältnis mit ihr haben würde.

Sie war ihm so distanziert und unnahbar erschienen, als sie ihm widerstrebend erklärt hatte, was sie von ihm erwartete. Er hatte deutlich gespürt, dass sie nicht geglaubt hatte, dass er die Aufgabe würde meistern können. Anstatt ihn zu entmutigen, hatten ihn diese Zweifel jedoch nur dazu angespornt, zu beweisen, dass er es doch konnte.

Chris stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Dann putzte er sich die Zähne. Nachdem er sich mit den Fingern durch die Haare gefahren war und ein wenig Haargel darin verteilt hatte, schnitt er sich eine Grimasse im Spiegel. Es war sinnlos, sich so viele Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft zu machen.

Was passiert war, konnte er nicht mehr ändern, obwohl die Erinnerungen ihn zu ersticken drohten, wenn es ihnen gelang, aus der Kiste, in die er sie eingesperrt hatte, auszubrechen. Dann kostete es ihn seine ganze Kraft, sie wieder hineinzustopfen und den Riegel davor zu schieben. So wie gestern Nachmittag, als er zufällig einen Blick auf den Kalender geworfen hatte und ihm klar geworden war, was vor genau vier Jahren passiert war….Nein, nicht daran denken.

Chris ballte die Fäuste, um das Zittern seiner Hände in den Griff zu bekommen. Es war vorbei und würde nicht wieder passieren, sagte er sich immer wieder. Vorbei und vergessen. Er durfte jetzt nur nach vorne schauen.

Was die Zukunft betraf, war sein einziges Ziel im Moment, den Schulabschluss nachzumachen. Ansonsten hatte er keinerlei Pläne, er hatte schon früh lernen müssen, dass diese mit einem Schlag durch einen dummen Zufall, eine falsche Entscheidung oder durch ein grausames Schicksal zunichte gemacht werden konnten.

 

Teil 13

 

Als Chris nach unten kam, hörte er Alexandra fröhlich vor sich hin pfeifen. Sie war schon etwas ganz Besonderes. Als er heute Morgen erwacht war und ihm schließlich klar geworden war, wieso sie in seinem Bett war, hatte er sich gewünscht, der Boden möge sich unter ihm auftun und ihn verschlucken. Dabei hatte er nur nicht allein einschlafen wollen, jemanden bei sich haben wollen, der die schrecklichen Erinnerungen im Zaum hielt.

Dass Alexandra derart extreme Maßnahmen ergreifen würde, damit hatte er im Traum nicht gerechnet. Und dann das vorhin noch…

Chris schluckte. Es half alles nichts. Irgendwann musste er ihr wieder gegenübertreten. Er hoffte nur, dass sie keine Bemerkung mehr darüber machen würde.

Mit gespielter Nonchalance betrat er die Küche, wo der Frühstückstisch bereits gedeckt war. Alexandra hatte nicht übertrieben. Wenn sie wollte, war sie wirklich schnell. Lächelnd sah sie auf, als sie ihn hereinkommen hörte. Sie trug ihre übliche Kleidung, Jeans und ein enges T-Shirt, das ihre Rundungen betonte. Die blonde Mähne hatte sie im Nacken mit einem einfachen Gummiband zusammengerafft.

„Ach, auch schon fertig?“ fragte sie ironisch. „Setz dich schon mal hin und genieße es. Die Rühreier sind gleich fertig.“

Chris errötete leicht und setzte sich auf seinen Platz. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Zum Glück übernahm Alexandra das Reden.

„Gestern ist noch eine Lieferung angekommen, Instrumente hauptsächlich. Die müssen wir heute einräumen“, erklärte sie, als sie Chris den Teller mit seinem Frühstück hinstellte. „Ich hoffe, dass bis zum Ende der Woche wirklich alles da ist. Heute Abend kommt Mike vorbei, um mir zu zeigen, wie das mit dem Computer funktioniert. Hoffentlich ist er ein Zauberer. Das einzige, was ich auf dem Ding kann, ist Texte schreiben und ein wenig im Internet surfen.“ Alexandra setzte sich Chris gegenüber. „Was ist, hast du keinen Hunger?“ Mit der Gabel deutete sie auf Chris’ noch immer unberührten Teller.

„Doch, doch“, beeilte Chris sich zu versichern und griff nach einem Toast, um dann langsam mit dem Essen zu beginnen. Als er fertig war, trug er seinen Teller zur Spülmaschine und räumte ihn ein. Er hörte, wie Alexandra ebenfalls aufstand und drehte sich um. Zu seiner Überraschung hatte sie mehrere, in buntes Geschenkpapier gewickelte Päckchen in der Hand.

„Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, „ sagte sie mit einem verlegenen Grinsen. „Du hast deinen Führerschein vorgestern im Auto liegengelassen und da konnte ich nicht widerstehen, einen Blick hineinzuwerfen. Du warst schon wirklich ein süßer Teenie…“ Alexandra zuckte mit den Schultern.

„Es ist nichts Besonderes, nur ein paar Dinge, von denen ich glaube, dass du sie manchmal brauchen könntest. Nicht, dass du das jetzt als Kritik auffasst, ich hab kein Problem mit deinen Klamotten, nur manchmal, wie vielleicht am kommenden Samstag, solltest du vielleicht nicht gerade in zerrissenen schwarzen Jeans und einem T-Shirt mit irgendeinem respektlosen Spruch auf der Brust herumlaufen.“

Chris konnte Alexandra nur anstarren. Sie hatte ihm tatsächlich etwas zum Geburtstag gekauft, soviel hatte er verstanden. Der Rest war in dem Gefühlschaos untergegangen, das diese Aktion in ihm auslöste.

„Ich…ich weiß nicht, was ich sagen soll“, würgte er schließlich hervor.

„Wie wär’s mit ‚Danke Alex’’“, bot ihm Alexandra an. „Nun mach schon auf.“

Chris atmete tief durch. „Danke, Alex“, sagte er und nahm die Päckchen entgegen, um mit ihnen zum Küchentisch zu gehen. Dort öffnete er sie zögernd, während Alexandra ihn gespannt beobachtete.

„Ich weiß, das ist nicht ganz dein Stil, aber…“

„Nein, das ist schon okay“, entgegnete Chris hastig. „Ich freu mich darüber…es ist nur…“

„Was?“

„Ich hab meinen Geburtstag seit einer Ewigkeit nicht gefeiert“, sagte er leise. „An dem Morgen, als ich fünfzehn wurde, ist meine Mom in der Küche zusammengebrochen und musste ins Krankenhaus. Dort haben die Ärzte dann festgestellt, dass sie Leukämie hat. An meinem sechzehnten Geburtstag war ich allein, mein Vater war auf einer Sauftour, um seine Trauer zu ertränken. An meinem siebzehnten Geburtstag, da…da bin ich ins Gefängnis gekommen….“

Chris bemühte sich krampfhaft, die Tränen zu unterdrücken, die hochzukommen drohten. Dann schüttelte er den Kopf. „Da gab’s dann keine Geburtstagsfeiern“, versuchte er mit einem missglückten Lächeln zu scherzen.

Im nächsten Moment fand er sich in einer heftigen Umarmung wieder, die ihn beinahe taumeln ließ.

„Tut mir leid, dass ich dich daran erinnert habe“, flüsterte Alexandra. „Wenn ich das gewusst hätte….“

Chris stand einen Moment lang hilflos da und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Eigentlich hasste er es, wenn ihn jemand anfasste. Doch das hier war irgendwie anders. Dann erwiderte er vorsichtig die Umarmung. Alexandra war fast genauso groß wie er, es war ein angenehmes Gefühl, ihren warmen Körper in den Armen zu halten. Chris schloss die Augen und genoss den kurzen Augenblick von Geborgenheit, bevor er sich von ihr löste und sie an den Oberarmen gepackt ein Stück von sich weg hielt.

„Das ist in schon Ordnung. Ich find das Geschenk wirklich großartig und verspreche, dass ich die Sachen auch tragen werde. Manchmal zumindest, zu besonderen Gelegenheiten“, fügte er nach kurzer Überlegung hinzu. Zu seiner Erleichterung brachte dies das Lächeln auf Alexandras Gesicht zurück.

„Was bezeichnest du denn als besondere Gelegenheit?“

 

Teil 14

 

Die restlichen Tage bis zum Samstag waren angefüllt mit hektischer Aktivität. Mike kam vorbei, um Alexandra den Gebrauch ihres Programms für die Rechnungserstellung zu erklären, war aber nach kurzer Zeit der Verzweiflung nahe.

„Alex, du bist eine intelligente Frau. Wieso kannst du so etwas Simples nicht verstehen“, stöhnte er und ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen. Er war groß und sportlich, mit dunklen, kurz geschnittenen Haaren und einem, netten sympathischen Lächeln.

Alexandra betrachtete ihn zerknirscht. Sie saßen seit zwei Stunden zusammen in dem kleinen Büro vor dem Computer und waren noch keinen Zentimeter weitergekommen. Langsam fürchtete sie, tatsächlich noch jemanden einstellen zu müssen, der die Schreibarbeit für sie erledigte.

„Tut mir leid, Mike, ich hasse das nun mal“, entschuldigte sie sich. „Du könntest genauso gut Chinesisch mit mir reden, das hätte den gleichen Erfolg.“

„Das gibt’s doch nicht. Fangen wie noch Mal von vorn an.“ Entschlossen setzte Mike sich auf.

Alexandra seufzte. Sie schätzte es sehr, dass Mike sich soviel Zeit für sie nahm, doch leider schien es hoffnungslos. Nur, wie sollte sie das einem Computerfreak erklären?

„Ich muss noch kurz zum Baumarkt. Kann ich den Wagen nehmen?“ Chris steckte den Kopf zur Tür herein. Er nickte Mike grüßend zu. Mary Jos Mann war ihm gegenüber toleranter und freundlicher, was Alexandra sehr zu schätzen wusste.

„Sicher, die Schlüssel liegen neben der Kaffeemaschine“, entgegnete Alexandra und sah ihn missmutig an.

Chris schob sich ganz zur Tür herein. „Was ist los?“ fragte er.

„Alex steht mit der modernen Technik auf Kriegsfuss“, erklärte Mike resigniert. „Dabei kann so was jedes Kind. Also komm, noch mal“, forderte er Alexandra auf und begann mit seinen Erklärungen.

Alexandra spürte, wie Chris hinter sie trat und Mikes Ausführungen interessiert zu lauschen schien. Ihre Gedanken schweiften zurück zu heute früh, als sie Chris umarmt hatte. Alle ihre Freunde waren mindestens einen Kopf größer als sie gewesen und sie hatte sich manchmal regelrecht erdrückt und überwältigt von deren Gegenwart gefühlt. Wieso, konnte sie nicht erklären. Chris dagegen…

„Okay Alex, jetzt mach du weiter“, unterbrach Mike ihren Gedankengang.

„Ähm, was?“ fragte sie verwirrt. „Tut mir leid, Mike, ich hab gerade einen Moment nicht zugehört…“ sagte sie kleinlaut.

Mike stieß einen lauten Seufzer aus und schüttelte den Kopf. „Ich glaub, wir lassen das heute lieber. Versuchen wir es nächste Woche noch einmal, wenn du den Kopf wieder frei hast.“

„Aber das ist doch wirklich total einfach“, hörte Alexandra Chris’ Stimme hinter sich. „Wie kann man das nicht verstehen?“

Das brachte für Alexandra das Fass zum Überlaufen. Erst Mike, dann Chris. Hielten die beiden sie denn für völlig bescheuert? Mit einem Ruck stand sie auf und drehte sich zu Chris um.

„Meine Gehirnzellen sind eben auf wichtigere Dinge programmiert“, fauchte sie. „Wenn es so einfach ist, dann mach du es doch.“

Wütend starrte sie Chris an, der erschrocken zurückwich. Dann erhellte plötzlich ein engelhaftes Lächeln ihr Gesicht. Na sicher doch, das war die Lösung. Chris arbeitete sowieso schon für sie. Was sprach dagegen, dass er die Aufgabe übernahm, ihre Rechnungen zu schreiben?

„Das ist es! Du setzt dich jetzt hier hin und lässt dir von Mike alles schön gründlich erklären. Betrachtete dich hiermit zum tierärztlichen Assistenten befördert.“ Damit packte sie Chris und drückte ihn auf den Stuhl, von dem sie gerade aufgestanden war.

„Viel Spaß, ihr beiden“, flötete sie und schloss beim Verlassen des Raumes die Tür mit einem hörbaren Knall.

***

Mike Anderson starrte mit hochgezogenen Augenbrauen die Tür an. Er war einiges gewöhnt von der Freundin seiner Ehefrau, auch dass sie ziemlich launisch sein konnte. Dann fiel sein Blick auf den Jungen, der neben ihm saß und scheinbar genauso wenig wusste, was er über Alexandras Ausbruch denken sollte, wie Mike selbst.

Mary Jo mochte nicht viel von Chris O’Connor halten, doch wenn er es bereits solange unter Alexandras Fuchtel ausgehalten hatte, dann musste er zumindest starke Nerven besitzen. Und er musste entgegen den düsteren Prophezeiungen Mary Jos auch etwas taugen, ansonsten hätte Alexandra ihn schon längst gefeuert.

Mike räusperte sich. „Hat sie das eben ernst gemeint?“ fragte er vorsichtig.

Chris’ Kopf fuhr zu ihm herum. „Ich fürchte ja“, antwortete er kleinlaut. „ Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das noch mal von Anfang bis zum Ende zu erklären? Es ist zwar wirklich ziemlich einfach, aber ich möchte sicher sein, dass ich alles richtig verstanden habe.“

Mike tat ihm den Gefallen und zu seinem Erstaunen und unendlicher Dankbarkeit schien der Junge die ganze Sache wirklich auf Anhieb zu kapieren. Wo er sich vorher zwei Stunden vergeblich mit Alexandra herumgeplagt hatte, konnte Chris nach einer guten halben Stunde mit dem Programm umgehen. Schließlich war Mike mit dem Wissenstand seines Schülers zufrieden.

„Gut, das hätten wir“, sagte er zufrieden. „Noch irgendwelche Fragen?“

Chris schüttelte den Kopf und stand auf. „Nö, ich schätze, ich komm mit dem Ding klar“, erklärte er.

„Alex hat also vor, Sie noch länger zu beschäftigen?“ erkundigte sich Mike interessiert. Bisher war er der Annahme gewesen, Chris’ Arbeit würde mit der Fertigstellung der Praxis enden. Zumindest war ihm das so von seiner Frau mitgeteilt worden. Doch wenn Alexandra wollte, dass der Junge Verwaltungsaufgaben übernahm, dann konnte dies nicht der Fall sein.

„Ich soll auch den Rest des Hauses wieder in Schuss bringen“, teilte Chris ihm bereitwillig mit.

„Ach ja? Alex hat immer gesagt, das könne sie sich im Moment eigentlich nicht leisten…“ murmelte Mike vor sich hin.

Chris zuckte mit den Schultern. „Oh, sie muss mir nicht soviel Lohn zahlen. Sie lässt mich hier wohnen, das Essen ist umsonst, also brauche ich nicht viel Geld zum Leben. Damit ist uns beiden geholfen.“

Es kostete Mike einige Mühe, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Dass Alexandra diesen Jungen hier bei sich wohnen ließ, war ihm das Neueste. Mary Jo wusste mit Sicherheit nichts davon, sie hätte ihm ihre Meinung darüber mit Sicherheit schon längst und ziemlich ausführlich kundgetan. Wenn er es sich recht überlegte, war das wohl der Grund, warum Alexandra es bisher verschwiegen hatte. Mike beschloss, Mary Jo bis auf weiteres nichts davon zu erzählen. Sie würde es vermutlich noch früh genug selbst herausfinden. Er hoffte inständig, dass er zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise sein würde….
 

 

Teil 15
 


Zwei Tage später rief Doktor Langton persönlich an, um mitzuteilen, dass die Ergebnisse von Chris’ Blutuntersuchung zurückgekommen seien. Chris war unterwegs, die letzten Reste Bauschutt entsorgen, so nahm Alexandra den Hörer ab.

„Hallo, Doktor, Chris ist im Moment leider nicht da. Soll er später bei Ihnen vorbeikommen?“ fragte sie. „Sind die Ergebnisse in Ordnung?“

„Alles bestens“, erwiderte der Arzt. „Alexandra, es ist vielleicht ganz gut, dass ich Sie am Telefon habe und nicht Chris. Nachdem Sie mir gesagt hatten, dass er im Gefängnis war, habe ich mir erlaubt, auch einen Test auf Hepatitis und HIV durchführen zu lassen. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass er sich dort etwas in der Richtung geholt hat. Ich weiß nicht, in welchem Verhältnis Sie zu dem Jungen stehen und es geht mich auch nichts an, aber…sehen Sie, Ihre Großtante hat mir immer so viel von Ihnen erzählt, dass Sie wie eine alte Bekannte für mich sind, auch wenn wir uns persönlich nicht oft gesehen haben. Ich mag mit dieser Eigenmächtigkeit meine Grenzen als Arzt überschritten haben, aber ich habe mir einfach Sorgen um Sie gemacht.“

Alexandra war wie vom Donner gerührt. Doktor Langton glaubte, dass sie und Chris…. Aber dann dachte sie an den Abend in der Praxis zurück. Kein Wunder, dass der Mann es nicht ganz von der Hand weisen konnte, dass sie mehr als nur Freunde waren.

„Alexandra? Sind sie noch da?“ tönte es aus dem Telefonhörer.

„Ja…sicher“, stotterte Alexandra. „Tut mir leid, ich war nur einen Moment lang überrascht. Hören Sie, Doktor, ich bin Ihnen nicht böse, aber Chris und ich sind nicht zusammen. Er ist, na ja…so etwas wie ein kleiner Bruder für mich.“

‚Lügnerin’ schalt eine gehässige Stimme in ihrem Hinterkopf, die sie schnell ausblockte.

„Alexandra, es geht mich wirklich nichts an“, sagte Doktor Langton. „Jedenfalls war der Test auf Hepatitis negativ, der HIV-Test dauert noch ein paar Tage. Ich nehme an, es geht dem Jungen inzwischen wieder gut, nachdem ich nichts mehr von Ihnen gehört habe?“

„Ja, am nächsten Tag war alles in Ordnung“, entgegnete Alexandra, dankbar für den Themenwechsel.

„Wenn das noch öfters vorkommen sollte, dann sollten Sie ihn vielleicht wirklich dazu überreden, mit einem Psychologen zu sprechen.“

Alexandra seufzte. „Das wird schwierig. Ich weiß, das da etwas ist, das hat er selbst zugegeben, aber…“

„Ich verstehe. Jedenfalls, wenn Sie ein Problem haben, dann können Sie mich jederzeit anrufen.“

„Vielen Dank, Doktor Langton. Für alles.“

„Keine Ursache, junge Damen. Sobald ich das Ergebnis des HIV-Tests habe, werde ich mich bei Ihnen melden.“

Nach diesen Worten legte der Arzt auf. Alexandra stand noch eine ganze Weile mit dem Hörer in der Hand da und starrte ins Leere. Sie hatte noch keine Sekunde daran gedacht, dass Chris sich eine dieser Krankheiten im Gefängnis geholt haben könnte. Immerhin lebten dort hunderte von Männern auf engstem Raum zusammen. Angenommen, dieser letzte Test fiel positiv aus. Wer sollte Chris die schreckliche Wahrheit beibringen? Was um alles in der Welt sollte sie dann tun?

Alexandra legte den Telefonhörer zurück auf den Küchentisch und setzte sich. Charlie kam zu ihr getrottet und legte ihr den Kopf auf den Schoß. Abwesend führ ihm Alexandra mit der Hand über das struppige Fell.

„Oh, Charlie, hoffentlich hat sich Chris diese furchtbare Krankheit nicht geholt. Er ist doch noch so jung….“ Charlie legte ihr beide Pfoten auf die Knie und stemmte sich hoch, um ihr über das Gesicht zu lecken. Alexandra schob ihn weg.

„Pfui, lass das, ich kann mich selber waschen. Aber du hast Recht, ich sollte mir nicht so viele Gedanken darüber machen, was vielleicht sein könnte. Wenn das Schlimmste passiert, und das ist ein großes ‚Wenn’, dann werden wir schon einen Weg finden, um damit umzugehen.“

Doch trotz ihrer optimistischen Worte konnte Alexandra die sorgenvollen Gedanken nicht ganz verbannen.

 

Teil 16

 

Endlich war der Tag der Eröffnung gekommen. Der Vormittag wurde von hektischer Aktivität bestimmt. Ein Catering-Unternehmen lieferte Platten mit belegten Brötchen und die Getränke, da Alexandra keine Lust gehabt hatte, sich damit auch noch zu befassen. Mary Jo und Julie, die sich bereit erklärt hatten, bei den Vorbereitungen zu helfen, scheuchten Chris herum, der zum Schluss nicht mehr wusste, wessen Auftrag er zuerst ausführen sollte.
 

Julie, eine hübsche, etwa dreißigjährige Frau mit kurzen, karottenrot gefärbten Haaren und einer Vorliebe für hautenge Klamotten, hatte Chris heute das erste Mal zu Gesicht bekommen. Bisher kannte sie ihn nur aus Alexandras Erzählungen. Im Gegensatz zu Mary Jo mochte sie ihn auf Anhieb. Als sie und Alexandra ein paar Minuten lang allein in der Küche waren, konnte Julie endlich loswerden, was ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

„Weißt du Alex, dein Chris ist schon ein ganz schnuckeliges Häschen“, seufzte sie und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Küchentheke.
 

Alexandra hätte beinahe die volle Kaffeetasse fallen lassen, die sie gerade zum Mund führen wollte.

„Julie!“ rief sie empört. „Lass bloß die Finger von ihm!“ Dass ihre lebenslustige Freundin, die nichts anbrennen ließ, Chris ‚schnuckelig’ fand, fehlte ihr gerade noch.

„Was denn?“ fragte Julie mit unschuldigen Augenaufschlag. „Ich darf ihn doch wohl noch süß finden. Oder hast du mir etwas verschwiegen?“ Mit einem süffisanten Grinsen sah sie Alexandra an.

„Nein! Chris und ich sind Freunde. Ich will nur nicht…“ Ja, was wollte sie eigentlich? „Ich will nicht, dass er verletzt wird“, sagte sie schließlich. Sogar ihn ihren eigenen Ohren klang diese Erklärung äußerst lahm.

Julie musterte sie skeptisch. „Wenn du das sagst….Aber keine Bange, er mag zwar ein niedliches Häschen sein, aber ich stehe mehr auf gestandene Männer, wenn du verstehst, was ich meine.“ Sie machte eine viel sagende Geste und zwinkerte Alexandra zu.

Diese schüttelte resigniert den Kopf. Julie war unverbesserlich. Alexandra hatte es vor einer Weile aufgegeben, sich die Namen der Typen zu merken, mit denen sie zusammen war. Sie änderten sich sowieso alle zwei, drei Wochen. In einem zumindest hatte Julie die Wahrheit gesprochen: Chris entsprach wirklich nicht ihrem üblichen Beuteschema.

„Hör mal, Julie, Chris und ich sind wirklich nichts weiter als Freunde. Er muss eine ziemlich üble Zeit hinter sich haben und…irgendwie ruft er das Gefühl in mir hervor, dass ich ihn beschützen muss. Meinetwegen lach mich deswegen aus, aber es ist die Wahrheit.“

Julie schüttelte erstaunt den Kopf. „Du meinst das wirklich ernst“, stellte sie fest. „Alexandra Hastings, Doktor der Tiermedizin, erklärte Männerhasserin, lässt sich von einem Paar großer, brauner Kulleraugen einwickeln. Die Story ist wirklich der Hammer. Nur schade, dass mir das keiner glauben würde.“

„Julie, lass bitte einen Moment lang die Witze“, bat Alexandra. „Ich mag Chris, das ist alles.“

„Wenn du das sagst….“ Julie klang nicht ganz überzeugt. Bevor die beiden Frauen die Diskussion jedoch fortsetzen konnten, wurden sie von Chris unterbrochen, der mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck die Küche betrat.

„Alex, könntest du bitte mal kommen? Mrs. Anderson kann sich nicht entscheiden, wo der Tisch für das Essen hin soll. Ich hab ihn schon mindestens fünfmal umgestellt…“

Alexandra warf Julie, die nur mühsam ihr Amüsement verbergen konnte, einen entnervten Blick zu.

„Bin schon zur Stelle“, sagte sie und folgte Chris. Hinter sich hörte sie ihre Freundin leise kichern.

„Da hast du deinen weißen Kittel wohl gegen die weiße Rüstung getauscht, Alex….“


***


Der Nachmittag wurde ein voller Erfolg. Mary Jo hatte nicht übertrieben, als sie Alexandra versprochen hatte, bei ihren Bekannten Werbung für sie zu machen. Ihre Freundin war Mitglied in mehreren Clubs und Wohltätigkeitsvereinen, deren Mitglieder natürlich auch Haustiere hatten. Und da der nächste Tierarzt etwa zwanzig Meilen entfernt war, war die Eröffnung einer derartigen Praxis auf großes Interesse gestoßen. Alexandra war Mary Jo unendlich dankbar für ihr Engagement, da sie selbst nicht unbedingt gut auf Menschen zugehen konnte und rettungslos verloren gewesen wäre. Da konnte sie ihrer Freundin gerade noch verzeihen, dass sie Chris noch immer reichlich abweisend behandelte.

Dieser schien sich jedoch nicht daran zu stören und begegnete Mary Jo mit stoischer Höflichkeit, wenn es ihm nicht möglich war, ihr aus dem Weg zu gehen.

Zu Alexandras Erleichterung hatte er ihren Wink mit den Klamotten verstanden und trug heute Nachmittag eine der Jeans, die sie ihm gekauft hatte und ein knallrotes T-Shirt. Sogar seine Haare standen heute nicht so wild von seinem Kopf ab wie sonst. Es war merkwürdig, ihn so ‚zivilisiert’ zu sehen.

Was Alexandra allerdings weniger verblüffte, war die Tatsache, dass immer irgendein Mädchen bei ihm war und ihn zuquatschte, wenn er zufälligerweise in ihr Blickfeld kam. Chris war ein hübscher Junge, ohne seine ‚Uniform’ wirkte er viel zugänglicher, es war kein Wunder, dass die Teenager, die mit ihren Eltern mitgekommen waren, nur so auf ihn flogen. Allerdings hatte sie den Eindruck, dass Chris die ganze Aufmerksamkeit unangenehm war. Doch die Mädels ließen sich nicht davon abhalten, ihm bei seinen freiwillig übernommenen Aufgaben, wie dem Ausschenken der Getränke, zu helfen.
 

„Hat sich ziemlich herausgemacht. Wenn die Haare nicht wären, hätte ich ihn kaum wieder erkannt.“ Jack war zu Alexandra getreten und deutete mit seinem halbvollen Glas auf Chris, der gerade eine Kiste Fruchtsaft aus dem Haus hinüber zum ‚Getränkeausschank’ schleppte.

Alex drehte sich zu ihrem Freund um. Es war ziemlich heiß geworden und sie verfluchte sich dafür, dass sie sich heute Mittag nicht doch gegen ihre heiß geliebten Jeans und für ein Sommerkleid entschieden hatte.

„Du hast ihn doch erst letzte Woche gesehen“, entgegnete Alexandra.

„Schon, aber der Typ im Punk-Outfit, der es immer äußerst eilig, hat, wieder aus meinem Büro raus zu kommen, ähnelt diesem Sonnenschein da drüben nicht im Geringsten.“

Alexandra grinste. „Komm mir hier ja nicht auf dumme Gedanken, mein Lieber. Soweit ich weiß ist er stockhetero“, flüsterte sie nach einem prüfenden Blick, ob auch niemand in Hörweite war.

„Alex!“ Jack sah sie peinlich berührt an. „Ich würde doch nie….“

„Schon gut, das war ein Scherz. Ein Scherz!“ In gespielter Kapitulation warf Alexandra die Hände in die Luft. Sie wusste, dass Jack, was seine sexuelle Orientierung betraf, äußerst empfindlich war und größten Wert darauf legte, dass niemand aus seinem beruflichen Umfeld etwas davon erfuhr. Er würde sich nie mit einem Kollegen oder gar ‚Klienten’ einlassen.

„Will ich doch hoffen“, knurrte Jack und nippte an seinem Glas. „Du behältst ihn also weiterhin?“ fragte er wie beiläufig, um das Thema zu wechseln.

„Ja“, nickte Alexandra und sah zu Chris, der sich gerade mit der Tochter einer Bekannten von Mary Jo aus dem Country Club unterhielt. Das hieß, das Mädchen redete auf ihn ein und er hörte ihr freundlich lächelnd zu.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie es war ohne ihn“, sagte sie nachdenklich und hätte sich danach am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie musste Jack nicht gerade auf die Nase binden, dass Chris anfing, mehr zu sein als nur jemand, der für sie arbeitete.

„Freut mich zu hören“, bemerkte dieser jedoch nur. „Er hat noch fast ein Jahr Bewährung vor sich, und ich würde es hassen, wenn er sich das versaut. Ich wusste schon gar nicht mehr, was ich mit ihm anfangen sollte, bevor ich ihn zu dir geschickt habe.“

„Du meinst, er hätte zurück ins Gefängnis gemusst?“ Alexandra senkte ihre Stimme, damit niemand ihr Gespräch mitbekam.

„Wenn er sich draußen nicht zurechtgefunden und die Gefahr bestanden hätte, dass er Mist baut…dann hätte ich die Empfehlung aussprechen müssen, ihn wieder zurückzuschicken.“

Alexandra schwieg. Ihr war nicht klar gewesen, wie viel Macht Jack eigentlich über Chris’ Leben besaß. Wenn Chris einen anderen Bewährungshelfer bekommen hätte, einen der sich nicht soviel Mühe gab, dann wäre er vielleicht schon längst wieder in San Quentin. Ihr schauderte bei dem Gedanken.

„Die Gefahr ist jedoch gebannt, nicht wahr?“

„So wie es aussieht, schon.“

Ein Ehepaar, das Alexandra auf der Party von Mary Jos Handarbeitsclub kennen gelernt hatte, unterbrach ihr Gespräch mit Jack. Die beiden waren schon etwas älter und besaßen eine Yorkshire-Terrier-Zucht. Alexandra plauderte eine ganze Weile mit ihnen über ihre Lieblinge, bevor sie sich wieder den anderen Gästen widmete.

Es wurde bereits dunkel, als sich die letzten Besucher verabschiedeten. Alexandra war stolz darauf, dass es mehr gewesen waren, als sie eigentlich erwartet hatte. Ihre Freunde halfen noch mit, Gläser und Geschirr in die Küche zu schaffen, bevor sich alle erschöpft am großen Küchentisch versammelten, um noch gemeinsam etwas zu trinken.

Alexandra musste ein Lächeln unterdrücken, als sie Mary Jo und ihren Mann, Jack und Julie einträchtig an einem Tisch sitzen sah. Die Vier hätten unterschiedlicher nicht sein können, das einzige, das sie verband war ihre Freundschaft zu Alexandra und normalerweise sahen sie sich nur einmal im Jahr an Alexandras Geburtstag. Mike verstand sich prächtig mit Jack und Julie, doch Mary Jo hielt immer ein wenig Abstand. Sie hatte damals auf dem College die Gerüchte über Jack gehört und war in dieser Beziehung ganz und gar nicht tolerant und mit Julies lockerer Art konnte sie ebenfalls nichts anfangen. Alexandra war das allerdings völlig egal, sie mochte ihre Freunde, so wie sie waren, mit all ihren Fehlern und Macken.

Chris hatte sich auf die Küchentheke gesetzt und verschlang ein Sandwich. Während Alexandra mit ihren Freunden plauderte, beobachtete sie aus den Augenwinkeln, wie er aus den Tiefen seiner Hosentaschen etwas ans Tageslicht beförderte und neben sich auf den Tresen legte. Es sah aus wie ein Haufen zerknüllter Zettel. Neugierig geworden sah sie zu, wie er einen nach dem anderen fein säuberlich glatt strich und dabei den Kopf schüttelte.
 

Alexandra stand auf. Es ging sie zwar nichts an, aber wissen wollte sie trotzdem, was es mit diesen mysteriösen Papierfetzen auf sich hatte. Sie ging hinüber zu Chris.

„Was hast du da?“ erkundigte sie sich und nahm einen der Zettel in die Hand. Es stand eine Nummer darauf, eine Telefonnummer um genau zu sein. Alexandra griff nach den anderen Zetteln. Dann sah sie Chris empört an.

„Sag mal, hast du heute Nachmittag alle Mädchen, die da waren, um ihre Telefonnummern gebeten? Ich glaubs ja nicht!“

Vom Tisch her war ein Kichern zu hören, das sich verdächtig nach Julie anhörte. Chris sah Alexandra entgeistert an.

„Ich hab keine drum gebeten, ehrlich nicht! Die haben sie mir einfach so zugesteckt“, verteidigte er sich vehement.

„Klar, und Charlie ist ein Orang-Utan! Hattest du etwa vor, die alle nacheinander durchzumachen?“

Chris rutschte von seinem Platz auf der Theke. „Nein, hab ich nicht! Wofür hältst du mich? Das waren doch alles noch Kinder!“

„Nach Kindern sahen mir ein paar aber nicht aus.“ Wütend funkelte Alexandra ihren jungen Mitbewohner an. Es stimmte, ein paar der Mädchen hätten durchaus bereits achtzehn oder neunzehn sein können, eigentlich genau im richtigen Alter.

Bevor Chris etwas sagen konnte, das vielleicht noch Öl ins Feuer gegossen hätte, stand Julie auf und stellte sich zwischen die beiden Streithähne.

„Auszeit, Leute!“ rief sie. „Alex, er hat gesagt, er hat die Kids nicht drum gebeten. Also reg dich wieder ab, ja?“

Alexandra öffnete den Mund, um Julie mitzuteilen, sie solle sich um ihren eigenen Kram kümmern, doch dann sah sie den warnenden Gesichtsausdruck ihrer Freundin. Die Erkenntnis, dass sie sich gerade wie eine eifersüchtige Ehefrau aufgeführt hatte, und das im Beisein ihrer Freunde, traf sie wie eine kalte Dusche. Was mochten die anderen von ihr denken? Alexandra wagte einen kurzen Blick auf deren Gesichter. Mary Jo sah äußerst konsterniert aus, Jack und Mike musterten Alexandra verblüfft.

„Was ist das denn?“ Julie fischte eine zerknüllte, lachsfarbene Visitenkarte aus dem Papierhaufen auf der Küchentheke. Stirnrunzelnd las sie den goldfarbenen Aufdruck.

„Johanna Caterall…“, stirnrunzelnd schüttelte sie den Kopf. „Kenne ich nicht.“

„Zeig her.“ Mary Jo war aufgesprungen und schnappte sich die Karte. Ihre Augen wurden so groß wie Wagenräder, während sie die Visitenkarte betrachtete.

„Das glaub ich einfach nicht! Die heilige Johanna! Wer hat dir das gegeben?“ Anklagend hielt sie Chris das lachsfarbene Stück Papier unter die Nase.

„Heilige Johanna?“ echote Alexandra. „Du meinst diese scheinheilige Kuh mit mehr Geld als Verstand aus dem Country Club, die sich immer als Moralapostel aufspielt? Die, über die du dich immer so aufregst?“

„Genau die. Also, woher hast du das?“ Mary Jo wedelte mit der Karte wie ein Racheengel mit seinem Schwert. Chris wich einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände.

„Die hat mir so `ne ältere…ich meine, eine Dame mit so `nem komischen Pudel auf dem Arm in die Tasche gesteckt.“ Er warf Alexandra einen ängstlichen Blick zu, ob diese seinen verbalen Ausrutscher bemerkt hatte. Chris hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, er könne Menschen schlecht auf ihr Alter schätzen und die ‚Dame’ hatte eigentlich ziemlich gut ausgesehen, zumindest wenn man auf den brav zurechtgemachten Hausmütterchentyp stand. Er wollte nicht wieder bis über die Ohren in ein Fettnäppchen hüpfen. „Sie hat gesagt, wenn ich Arbeit bräuchte, dann solle ich sie anrufen.“

Mary Jo schnappte empört nach Luft. Vom Tisch her erklang mühsam unterdrücktes Gelächter, Julie lehnte grinsend an der Theke und Alexandra, die sehr wohl Chris’ Entgleisung und seinen Blick bemerkt hatte, wusste nicht, ob sie lachen oder ihn schlicht und einfach erwürgen sollte. Diese Johanna war etwas über dreißig, wenn sie sich recht erinnerte.

„Das glaub ich einfach nicht!“ kreischte Mary Jo. „Diese scheinheilige Schlampe! Vor zwei Wochen noch hat sie Allison geschnitten, weil die sich von ihrem Mann scheiden lässt und jetzt das! Hat sie sonst noch irgendetwas zu dir gesagt?“ Mit einem unheiligen Glanz in den Augen wandte sie sich wieder an Chris, der eingeschüchtert den Kopf schüttelte. Er hatte sowieso einen Heidenrespekt vor der Frau und in ihrer Erregung war Mary Jo phänomenal.

„Nein, sonst war nichts“, beteuerte er. „Was ist denn so schlimm daran, dass sie mir `nen Job geben wollte?“

Mary Jo starrte Chris ungläubig an. Bevor sie jedoch zu einer scharfen Antwort ansetzen konnte, stand Mike hinter ihr und packte sie sanft am Arm.

„Schatz, ich glaube für heute Abend reicht es. Wir sollten jetzt nach Hause gehen, die Kinder warten sicher schon.“

Alexandra warf Mike einen dankbaren Blick zu. Sie konnte gut auf die Ehre verzichten, Zeuge zu werden, wie Mary Jo Chris und seine Naivität in der Luft zerfetzte. Der Junge hatte anscheinend wirklich keinen blassen Schimmer, wieso diese Johanna ihm ihre Karte gegeben hatte. Alexandra schnaubte innerlich. Chris musste wirklich noch viel lernen.

„Aber…“ versuchte Mary Jo zu protestieren. Doch Mike blieb eisern. Er reichte seiner Frau ihre Handtasche und führte sie mit sanfter Gewalt zur Tür.

„Wir sehen uns“, nickte er den anderen zu.

Alexandra begleitete die beiden zur Tür. „Vielen Dank für eure Hilfe. Ohne euch hätte ich das nicht geschafft“, sagte sie zum Abschied. Dann schloss sie die Tür und lehnte sich aufatmend dagegen. Mary Jo wusste noch immer nicht, dass Chris bei ihr wohnte, geschweige denn, dass er im Gefängnis gewesen war. Wenn sie es einmal erfuhr, dann konnte diese Explosion wahrscheinlich die der Hiroshima-Bombe Konkurrenz machen.

Als sie in die Küche zurückkam, trat Jack ihr entgegen.

„Also, ich breche dann auch auf. Wir sehen uns übernächste Woche“, sagte er an Chris gewandt, bevor er sich endgültig von Alexandra verabschiedete.

Jetzt war nur noch Julie übrig, die Chris, der, die Arme um den Leib geschlungen, an der Küchentheke lehnte, und Alexandra mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck musterte. Ein Gesichtsausdruck, der Alexandra nicht besonders gefiel, da er nichts Gutes verhieß.

„Also Leute, ich werde dann auch mal gehen. War wirklich ein voller Erfolg, Alex. Bringst du mich noch zur Tür?“

Alexandra blieb nichts anderes übrig, als ihrer Freundin in den Flur bis zur Haustür zu folgen.

„Tja…ich wünsch dir noch viel Spaß heute Abend“, sagte Julie augenzwinkernd. „Nächste Woche spielt `ne Band im ‚Joey’s’, wieso kommt ihr beide nicht auch?“

„Ähm, Julie, es ist nicht….“ Alexandra war durchaus klar, was Julies Zwinkern zu bedeuten hatte. Sie konnte ihre Freundin nicht in dem Glauben lassen, zwischen ihr und Chris würde etwas laufen. Doch Julie ließ sie nicht aussprechen.

„Schon gut. Du kannst mich belügen, du kannst Mary Jo belügen und du kannst vielleicht sogar die kleine Maus da drinnen belügen. Aber schaffst du das auch bei dir selbst?“ Julie wartete nicht auf eine Antwort, sondern ging zu ihrem Wagen. Bevor sie einstieg, drehte sie sich noch einmal um.

„Alex, du lebst nur einmal. Darum solltest du jede Chance zum Glücklichsein nutzen, die sich dir bietet. Auch wenn es Leute gibt, die dich vielleicht dafür verurteilen würden. Denk drüber nach.“

Alexandra sah den Rücklichtern des sich entfernenden Wagens nach. Julies Worte gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Log sie sich wirklich selbst an? Sie kannte Chris seit nicht ganz zwei Monaten, erst war er nur jemand gewesen, der für sie arbeitete, dann waren sie gute Freunde geworden und Alexandra fühlte sich inzwischen in gewisser Weise sogar für Chris verantwortlich. Mehr nicht, egal was Julie auch in ihr Verhalten hineininterpretieren mochte.

Alexandra konnte keine anderen Gefühle zulassen, und selbst wenn sie es täte, Chris wäre viel zu jung für sie. Seine kriminelle Vergangenheit spielte bei ihren Überlegungen keine Rolle, auch wenn ihre Familie sich dann endgültig von ihr lossagen würde. Alexandras Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln, als sie sich vorstellte, wie ihr Vater reagieren würde, sollte er Chris jemals kennen lernen. Alle Auseinandersetzungen, die sie mit ihm wegen ihrer Berufswahl gehabt hatte, würden daneben wie gemütliche Plauschestündchen wirken.

Alexandra atmete die kühle Nachtluft tief ein. Es wurde Zeit, dass sie zurück ins Haus ging. Chris würde sich schon fragen, was sie so lange hier draußen machte. Wahrscheinlich erwartete er, dass noch ein gehöriges Donnerwetter über ihn hereinbrechen würde wegen seiner Telefonnummernsammlung. Alexandra schmunzelte, während sie sich auf den Weg in die Küche machte. Sie konnte sich wohl darauf gefasst machen, in den nächsten Tagen mysteriöse Krankheitsfälle bei Haustieren behandeln zu dürfen, deren Frauchen ganz zufällig die Besitzerinnen besagter Telefonnummern waren.
 

Als sie die Küche betrat, war Chris gerade dabei, die Zettel in winzige Fetzchen zu zerkleinern. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er Alexandra nicht bemerkte, bis sie neben ihm stand.

„Was tust du da?“ fragte Alexandra. „Hey, tut mir leid, dass ich dich vorhin beschuldigt habe. Ich hasse nur einfach Typen, die Mädchen für dumm verkaufen und ausnutzen.“

Chris sah sie von der Seite her an. „Und du hast gedacht, ich wäre so ein Idiot, nicht wahr?“ Er hatte seine Zerstörungsaktion beendet und schob die Papierfetzen mit beiden Händen zu einem kleinen Hügel zusammen.

Alexandra konnte lachsfarbene Flecken in dem Haufen erkennen.

„Nein…eigentlich nicht. Ich war nur überrascht und hab wohl ein wenig übertrieben reagiert….“ Alexandra suchte nach Worten. „Eigentlich hätte es mich nicht überraschen sollen, du siehst gut aus und hast genügend Bad-Boy-Image, damit die Mädels nur so auf dich fliegen. Aber das mit dieser Johanna….“ Amüsiert schüttelte sie den Kopf.

„Die wollte mir gar keinen Job anbieten, oder?“ fragte Chris leise.

„Nein, jedenfalls nicht so, wie du dir das anscheinend gedacht hast.“ Prüfend musterte Alexandra ihren Hausgenossen. Er wirkte bedrückt.

„Was ist los?“ fragte sie sanft.

Es dauerte eine Weile bis Chris antwortete. Er sah sie dabei nicht an.
„Es ist einfach nur…widerlich“, flüsterte er.

„Widerlich?“ Diese Reaktion hatte Alexandra nun wirklich nicht erwartet. Verlegenheit vielleicht, vor allem, weil er mit der Nase auf die wahren Motive dieser ‚Dame’ hatte gestoßen werden müssen.

„Ja. Ich bin doch kein…“Chris suchte nach dem passenden Wort und machte eine hilflose Handbewegung, als ihm nichts einfiel. Dann zog er die Schultern hoch.

„Ich glaub, ich geh jetzt ins Bett“, sagte er. „Den Rest können wir morgen aufräumen.“

Bevor Alexandra ihn aufhalten konnte, verschwand er durch die Tür. Sie konnte hören, wie er die Treppe nach oben rannte und dann geräuschvoll seine Zimmertür hinter sich schloss. Fragend sah sie Charlie an, der es sich auf seinem Teppich neben dem Küchentisch bequem gemacht hatte.

„Verstehst du das?“

 

Teil 17

 

Nach einer größtenteils schlaflos verbrachten Nacht und einer kalten Dusche, um wenigstens einigermaßen fit zu werden, stand Alexandra in ihrem Badezimmer und starrte sich nachdenklich im Spiegel an. Julies Abschiedsworte gestern Abend hatten sie nicht losgelassen und sie hatte die halbe Nacht damit zugebracht, Gewissenforschung zu betreiben. Dabei war ihr klar geworden, dass sie durchaus gewisse…romantische Gefühle für Chris entwickelt hatte. Auch wenn er eigentlich nicht unbedingt ihr Typ war.

Nachdem sie diese Tatsache endlich vor sich selbst zugegeben hatte, türmte sich das nächste Problem vor ihr auf. Selbst wenn Chris ihre Gefühle jemals erwidern sollte, hatte Julie es sich zu einfach gemacht. Alexandra hatte zwar ihrer Familie getrotzt, als es um ihr Studium gegangen war, doch würde sie auch der Meinung ihrer Umwelt trotzen können, sollte sich zwischen ihr und Chris tatsächlich etwas entwickeln?

Ihre Nachbarn hatten Chris anfangs schiefe Blicke zugeworfen, doch mittlerweile hatten sie sich an ihn gewöhnt. Sollten sie aber mitbekommen, dass sie und Chris ein Paar geworden waren, dann würden sich die Klatschbasen die Mäuler darüber zerreißen, allen voran Mrs. Appleby. Alexandra zuckte mit den Schultern. Sie war schon mit so vielem fertig geworden, also würde sie auch das überstehen.

Vielleicht machte sie sich auch einfach zu viele Gedanken darüber. Chris’ Reaktion gestern Abend, als ihm bewusst geworden war, was Johanna Caterall tatsächlich von ihm gewollt hatte, hatte doch deutlich gezeigt, was er von einer wie auch immer gearteten Beziehung mit einer älteren Frau hielt. Wie hatte er Johannas Ansinnen genannt? Widerlich. Alexandra schluckte, als sie daran dachte. Sie erinnerte sich an die erste gemeinsame Fahrt, als sie diese CD eingelegt hatte und wie Chris sich über ihren Musikgeschmack gewundert hatte. Für ihn zählte sie anscheinend schon zu einer anderen Generation, obwohl sie gerade mal sechs Jahre trennten.

Mit energischen Bürstenstrichen begann sie, ihre Haare einigermaßen zu bändigen und band sie zum Schluss zu ihrem üblichen Pferdeschwanz im Nacken zusammen. Dann ging sie zurück in ihr Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Charlie lag auf seinem Teppich und beobachtete sie aufmerksam.

„Du hast es gut, weißt du das?“ seufzte Alexandra. „Du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen, was andere über dich denken könnten. Ich wünschte, für mich wäre das auch so einfach…“

Charlie winselte.

„Wenn ich mir überlege, dass vor zwei Monaten alles noch so einfach war, mein einziges Problem war, wie ich das mit dem Umbau möglichst schnell und billig hinbekomme. Jetzt hab ich mich vielleicht in einen ehemaligen Strafgefangenen verliebt, der viel jünger ist, mich wahrscheinlich für völlig durchgeknallt halten würde, wenn er es wüsste und der selber genügend Probleme hat, über die er aber nicht reden will.“ Alexandra ließ sich aufs Bett fallen. „Wieso muss immer alles so kompliziert sein?“

Charlie stand auf und stupste ihr Knie mit der Nase an. Alexandra musste lächeln und strich ihm liebevoll über den struppigen Kopf.

„Wenigstens weiß ich, dass du immer zu mir halten wirst, auch wenn alles andere schief geht“, sagte sie. Dann gab sie sich einen Ruck und stand auf. „Ich weiß nicht, wie’s dir geht, aber ich hab Hunger.“

Als Alexandra, gefolgt von Charlie, die Küche betrat, war sie erstaunt, dass das Chaos des gestrigen Abends bereits komplett beseitigt war. Der Küchentisch war für eine Person gedeckt und in einer Thermoskanne stand frischer Kaffee bereit. Chris musste bereits bei Morgengrauen aufgestanden sein, um das alles geschafft zu haben.

Alexandra ging zum Kühlschrank und holte sich eine Platte mit den Resten des Buffets von gestern. Anfangs hatte sie gedacht, sie hätte viel zu viel bestellt, doch gegen später hatte sie eher befürchtet, dass die kalten Platten nicht reichen würden. Im Laufe des Nachmittags waren mindestens hundertfünfzig Leute hier gewesen, sie hätte sich nie träumen lassen, dass diese Eröffnung auf so großes Interesse stoßen würde.

Doch ihre Tante hatte viele Bekannte gehabt, auch jüngeren Alters, die Alexandras Werdegang immer mit großem Interesse verfolgt hatten. Zählte man dann noch Mary Jos Kontakte dazu und die Leute, die sowieso aus reiner Neugier und Interesse gekommen waren, dann war es eigentlich nicht mehr verwunderlich.

Alexandra hatte sich gerade hingesetzt und sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt, als sich die Tür zum Garten öffnete und Chris eintrat. Er trug wieder sein übliches Outfit. Nachdem sie ihn gestern in „normalen“ Klamotten gesehen hatte, wurde ihr bewusst, wie abweisend und ruppig ihn diese Kleidung erscheinen ließ.

„Morgen“, grüßte Chris und streichelte Charlie, der sein Frühstück unterbrochen hatte und zu ihm getrottet war, über den Rücken.

„Morgen. Du warst ja reichlich früh unterwegs“, sagte Alexandra und musterte ihn prüfend. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und schien in der vergangenen Nacht genauso wenig Schlaf wie sie gefunden zu haben.

Chris holte sich eine Tasse und trat zum Tisch.

„Ich konnte nicht mehr schlafen und da dachte ich an das Chaos, das wir hier zurückgelassen haben. Dann bin ich aufgestanden“, entgegnete er schulterzuckend, während er sich einen Berg Zucker in seinen Kaffee häufte.

Alexandra beobachtete ihn dabei. Wenn sie soviel süßes Zeug in sich reinstopfen würde wie Chris, dann würde sie durch keine Tür mehr passen. Doch an ihm schien einfach nichts hängen zu bleiben, er war noch immer so dürr wie damals, als er vor ihrer Tür gestanden hatte – besser gesagt, als Charlie ihn in ihrem Vorgarten niedergestreckt hatte.

„Ist dir das mit dieser Johanna im Kopf herumgegangen?“ fragte sie behutsam.

Sie hatte Chris’ Reaktion noch immer nicht vergessen und war neugierig, was eigentlich dahinter steckte. Natürlich ohne irgendwelche Hintergedanken, wie sie sich selbst eilig versicherte.

Chris sah sie überrascht an und senkte dann schnell die Augenlider.

„Irgendwie schon“, gab er zu und fuhr sich durch die Haare, ein Zeichen dafür, dass er nervös oder verlegen war, wie Alexandra inzwischen herausgefunden hatte. Dann setzte er sich ebenfalls an den Tisch.

„Ich weiß nicht wie ich es erklären soll…“, begann er zögernd. „Ich fand sie ja ganz nett, sie hat mich gefragt, was ich hier mache und woher ich dich kenne. Dann hat sie gemeint, wenn ich Zeit für `nen Nebenjob hätte, dann sollte ich mich bei ihr melden und mir ihre Karte gegeben. Dass sie so was von mir wollte, darauf wäre ich nie gekommen.“

Nachdenklich nippte Alexandra an ihrem Kaffee. Ihr war der Ton aufgefallen, in dem er ‚so was’ gesagt hatte. Fast, als wäre Sex für ihn etwas Schlimmes.

„Weißt du, ich finde es auch nicht richtig, was diese Johanna da abziehen wollte, aber…du solltest dir da wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen. Manch einer an deiner Stelle würde nicht zweimal überlegen sondern zugreifen – sozusagen.“

Chris setzte sich kerzengerade auf. „Was? Einfach so? Ohne das man verliebt ist?“ sprudelte er hervor. „Das könnte ich nicht.“

Alexandra konnte sich ein bitteres Lächeln nicht verkneifen. Chris war wirklich ein seltenes Exemplar von Mann, wenn er so dachte. Doch er war auch noch ziemlich jung und hatte in den vergangenen Jahren keine Möglichkeit gehabt, sich die Hörner abzustoßen, wie man so schön sagte. Mit der Zeit würde sich seine Einstellung schon noch ändern.

„Dann hast du tatsächlich noch nie mit einem Mädchen rumgeknutscht oder geschlafen, das du nicht wirklich geliebt hast?“ Die Frage rutschte ihr heraus, ohne dass sie darüber nachdachte. „Was hast du denn als Teenie bloß getrieben?“

Interessiert beobachtete Alexandra, wie sich Chris Wangen scharlachrot färbten, was einen interessanten Kontrast zu seinen schwarzen Haaren und seiner schwarzen Kleidung bildete. Aha, da war jemand tatsächlich noch Jungfrau.

„Ich hab noch nie …mit einem Mädchen…“

Alexandra musste sich anstrengen, um die geflüsterten Worte zu verstehen. Chris starrte in seine Kaffeetasse, als wäre der Inhalt das Faszinierendste auf der Welt. Sein Geständnis war ihm sichtlich peinlich. Alexandra reichte über den Tisch und ergriff seine Hand.

„Du brauchst dich deshalb nicht zu schämen“, sagte sie sanft. „Immerhin hattest du eine Weile keine Gelegenheit dazu, Mädchen kennen zu lernen. Und dass du Sex ohne Liebe schlimm findest, da kann ich dir nur beipflichten. Lass dir von niemandem einreden, dass es anders ist. Eines Tages wirst du ein Mädchen finden, das du liebst und dann wird es mit ihr umso schöner sein.“

Alexandra fühlte einen leisen Stich, als sie den letzten Satz aussprach. Ja, ein Mädchen, das altersmäßig zu ihm passte.

Chris sah sie unsicher an. „Glaubst du wirklich?“ fragte er leise. „Manchmal hab ich mir schon gedacht, dass mit mir etwas nicht stimmt. Die Typen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben sich immer darüber lustig gemacht, wenn ich mich ihren Aufreiß-Aktionen nicht angeschlossen habe. Denen ging’s immer nur darum, irgendwelche Bräute flachzulegen. So wollte ich das nie….“

Alexandra schluckte. Wieso hatte sie so jemanden wie Chris nicht früher kennen lernen können? Vor diesem ganzen Mist mit Kevin und Nick.

„Mit dir ist schon alles in Ordnung“, versicherte sie ihm und lächelte. „Bleib so wie du bist.“

Sie konnte sehen, wie Chris sich nach ihren Worten sichtlich entspannte. Es war beinahe, als wäre ihm eine schwere Last von der Seele genommen worden.

„Du bist wirklich großartig.“

Alexandra verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee, als sie Chris ernste Stimme hörte und den Inhalt seiner Worte erfasste. Eines musste man ihm lassen, auf Komplimente verstand er sich. Wenn auch nur unbewusst.

„Danke“, keuchte sie und hustete.
„Ich geh dann mal wieder nach draußen, es ist noch einiges zu tun, bis der Garten wieder in Ordnung ist.“ Verlegen stand Chris auf und sah sie an. „Echt, Alex, ich mein das ernst. Ich bin wirklich froh, dass ich bei dir gelandet bin.“

Nachdem Chris gegangen war, brauchte Alexandra geschlagene fünf Minuten, um sich wieder zu sammeln. Wie um alles in der Welt sollte sie es nur schaffen, dem unschuldigen Charme dieses süßen Babys zu widerstehen?

 

Teil 18

 

Die folgende Woche verlief relativ ruhig. Alexandra behandelte ihre ersten tierischen Patienten und Chris war damit beschäftigt, ihre kleine Krankenstation fertig zu stellen und ihr ab und zu zur Hand zu gehen. Er bewies Geschick im Umgang mit Tieren, was Alexandra allerdings nicht sonderlich überraschte, da Charlie ihn mochte und ihm sogar besser gehorchte als ihr.

Zu Alexandras Erleichterung übernahm Chris auch die Aufgabe, die Rechnungen für die Behandlungen auszustellen, da sie mit dem Programm noch immer auf Kriegsfuß stand. Er erntete zwar manch befremdeten Blick von den Besitzern von Alexandras Patienten wegen seines unkonventionellen Aussehens, doch sein freundliches Wesen ließ die Leute schnell darüber hinwegsehen.

Donnerstagabend war Alexandra damit beschäftigt, die sterilisierten Instrumente wieder in die Schubladen einzuräumen, als das Telefon läutete. Chris war noch kurz zum Supermarkt gefahren, um einzukaufen. Der Anrufer war Doktor Langton.

Alexandra fiel plötzlich wieder siedend heiß ein, dass das Ergebnis des HIV-Tests noch ausstand. Sie war die ganze Zeit über so beschäftigt gewesen, dass sie daran überhaupt nicht mehr gedacht hatte. Obwohl sie überzeugt war, überzeugt sein wollte, dass Chris gesund war, beschlich sie ein mulmiges Gefühl, als sie Doktor Langton Stimme hörte.

„Guten Abend, Alexandra. Tut mir leid, dass ich so spät noch störe, aber heute kam das letzte Ergebnis von Chris’ Blutuntersuchung.“

„Und?“ fragte Alexandra mit schwacher Stimme. Bitte, lieber Gott, lass alles in Ordnung sein, flehte sie innerlich. Sie war zwar fest davon überzeugt, dass Chris gesund war, wollte davon überzeugt sein, doch jetzt, wo sie gleich vor vollendete Tatsachen gestellt werden würde, verfiel sie doch in leichte Panik.

„Nichts. Der Junge ist völlig gesund.“

Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden und setzte sich schnell.

„Sicher?“ vergewisserte sie sich. „Ich meine, es kann nichts falsch gelaufen sein?“

„Nein, das Ergebnis ist hundertprozentig sicher, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, der Junge ist in Ordnung.“

„Gott sei Dank.“

„Hatte er noch mal Probleme? Bauchschmerzen?“ erkundigte sich der Arzt.

Alexandra atmete tief durch. „Nein, nicht das ich wüsste. Wir hatten die vergangenen beiden Wochen eine Menge zu tun, da war er vermutlich immer abgelenkt.“

„Tja….Dann ist meine Arbeit hiermit getan. Bitte entschuldigen Sie nochmals, dass ich mich in Ihre Angelegenheiten eingemischt habe, aber….“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich bin froh, dass Sie so gehandelt haben“, unterbrach Alexandra den Arzt. „Es hätte ja auch etwas anderes dabei herauskommen können. Ich muss mich bei Ihnen bedanken.“

Der Rest des Gesprächs drehte sich um die Eröffnung von Alexandras Praxis, zu der ihr Doktor Langton gratulierte. Er wäre gern gekommen, doch sein jüngster Sohn hatte am vergangenen Samstag geheiratet.

Als Alexandra das Gespräch schließlich beendete, atmete sie erst einmal tief durch, um ihre flatternden Nerven zu beruhigen. Dumme Ziege, schalt sie sich selbst. Es ist alles in Ordnung, du hast Doktor Langton doch gehört.

Es ließ sich einfach nicht mehr leugnen. Chris Schicksal lag ihr mehr am Herzen als das eines bloßen Freundes, sonst hätte sie eben nicht so emotional reagiert. Alexandra ließ den Kopf auf den Tisch fallen und stöhnte auf. „Oh Gott.“
 

Teil 19

 

Lautes Stimmengewirr begrüßte Alexandra, als sie mit Chris im Schlepptau die Bar betrat, in der Julie arbeitete. Ihre Freundin hatte nicht locker gelassen, bis Alexandra versprochen hatte, mit Chris am Samstag zu kommen. Heute war außerdem der letzte Tag ihres Selbstverteidigungskurses gewesen und ein paar der Teilnehmerinnen hatten davon geredet, sich abends ebenfalls im „Joey’s“ zu treffen.
Alexandra steuerte die Bar an, an der noch ein paar Stühle frei waren.

„Alex, na endlich, ich dachte schon, du kommst nicht mehr“, begrüßte sie Julie. „Was wollt ihr trinken?“

„Orangensaft, bitte“, entgegnete Alexandra und sah sich in der Bar um. Auf der anderen Seite war die Bühne für die Band aufgebaut, davor befand sich eine kleine Tanzfläche. Das „Joey’s“ war eine gemütliche, etwas größere Kneipe mit dunklen Wandvertäfelungen, in der am Wochenende manchmal Bands spielten. Obwohl Julie Alexandra schon des Öfteren eingeladen hatte, zu kommen, hatte sie dieses Angebot noch nie angenommen. Sie war nun mal nicht auf der Suche nach Zerstreuung, wie Julie es so schön umschrieb.

Alexandra wandte sich zu Chris, vor den Julie gerade eine Cola hinstellte. Sie konnte sich gerade noch die Bemerkung verkneifen, dass dieses Gesöff einem nur die Zähne kaputt machte. Schließlich wollte sie nicht wie seine Mutter klingen. Es reichte schon, dass sie ihn ständig daran erinnerte, dass Fastfood kein Essen, sondern eine Krankheit war. Chris liebte Hamburger und Pommes über alles und trat in Hungerstreik, wenn sie ihm etwas vorsetzte, dessen Farbe auch nur annähernd einer Grünschattierung entsprach.

„Und, wie findest du es hier?“ fragte sie ihn stattdessen.

Chris zuckte mit den Schultern. Er war wieder, wie üblich, ganz in schwarz gekleidet. „Ganz nett“, entgegnete er. „Hast du die Mädels aus dem Kurs irgendwo gesehen?“

Alexandra schüttelte verneinend den Kopf. Es war ihr nicht entgangen, dass Chris sich bestens mit seiner Partnerin Laura verstanden hatte. Sie hätte sich vielleicht Gedanken darüber gemacht, wenn Laura nicht letzte Woche von ihrem neuen Freund abgeholt worden wäre, dem sie Chris sogar vorgestellt hatte.

„Sie werden nachher schon noch auftauchen. Wartest du auf jemanden bestimmtes?“ forschte sie beiläufig.

„Wie…Nein, ich meinte nur….“ Chris biss sich verwirrt auf die Lippe. „Sie sind alle ganz nett, aber für eine Freundin hab ich im Moment keinen Nerv“, murmelte er.

Alexandra musste sich anstrengen, um ihn über das Stimmengewirr um sie herum zu verstehen.

„Na ja, vielleicht wäre es aber nicht schlecht, jemanden zu haben, mit dem du über alles reden kannst“, sagte sie. Und ich könnte vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden, dachte sie schweren Herzens.

„Aber dazu habe ich doch dich“, entgegnete Chris und lächelte treuherzig.

Alexandra schluckte. Nein, Kleiner, sieh mich bitte nicht so an, flehte sie innerlich. Es ist sowieso schon schwer genug.

„Danke“, sagte sie laut. „Aber ein Mensch, mit dem man alles teilen kann, ist doch noch etwas anderes.“

„Und wieso willst du dann keinen Mann?“

Das hatte gesessen. Alexandra wurde nur durch den Umstand, dass die Band endlich anfing zu spielen, vor einer Antwort gerettet. Chris hatte in den vergangenen Monaten mitbekommen, dass Alexandra nicht viel von der Spezies Mann hielt und in der Regel ziemlich kratzbürstig war, wenn ihr jemand zu nahe kam. Von Kevin und diesem Idioten Nick wusste er nichts. Alexandra hatte auch nicht vor, ihm davon zu erzählen. Die Demütigung schmerzte noch immer.

Die Band war überraschend gut, schon nach kurzer Zeit war die Bar brechend voll.

Als jemand ihr von hinten auf die Schulter tippte, drehte sich Alexandra um.

„Hallo, Babe“, grinste Jack ihr ins Gesicht.

„Was machst du denn hier?“ schrie Alexandra, um den Geräuschpegel der Musik zu übertönen. „Seit wann stehst du auf so was?“

Sie deutete zur Bühne, wo die vier Musiker gerade ihre Version von „It’s my life“ von Bon Jovi zum Besten gaben. Die Stimme des Sängers und sein Aussehen passten bestens zu dem Song, wie Alexandra fand.

„Ich bin nicht wegen der Musik hier“, schrie Jack zurück, „sondern aufgrund einer persönlichen Einladung.“

Alexandra starrte ihn verständnislos an. Was meinte er mit persönlicher Einladung…? Dann ging ihr ein Licht auf.

„Wer ist denn der Glückliche?“

Jack beugte sich vor, um ihr die Antwort ins Ohr zu ‚flüstern’. „Wie findest du den Sänger?“

Alexandra fiel die Kinnlade herunter. „Was? Wo hast du den denn kennen gelernt?“

„Vor zwei Wochen im Waschsalon. Wir mussten beide warten und kamen so ins Gespräch…“

Alexandra konnte nur noch den Kopf schütteln. Jack und ein Rockmusiker. Ausgerechnet Jack, der eher auf zuckerige Schmusesongs a la Celine Dijon und Ronald Keating stand. Sie würde was darum geben, bei den beiden mal Mäuschen spielen zu dürfen - nur bis zu einem gewissen Punkt natürlich, auf DIE Vorstellung konnte sie dankend verzichten.

„Kann ich dich zu einem Drink einladen?“

Jacks Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Julie stand hinter der Theke und wedelte mit Alexandras leerem Glas.

„Ja…gibst du mir bitte ein Guinness?“ bat Alexandra ihre Freundin.

Auf den Geschmack war sie bei einem Aufenthalt in Irland gekommen und nach der Bombe, die Jack hatte gerade platzen lassen, hatte sie das Gefühl, etwas Stärkeres als die einheimische Babypisse vertragen zu können.

Julie hob die Augenbrauen, servierte ihr aber kurz darauf das Gewünschte. Jack hatte sich ein Heineken bestellt. Alexandra prostete ihrem Freund zu.

„Na dann, auf gutes Gelingen.“

„Hey, da seid ihr ja, “ quietschte eine aufgeregte Stimme neben Alexandras Ohr.

Es war Laura, Chris’ Trainingspartnerin mit ihren beiden Freundinnen, die ebenfalls am Kurs teilgenommen hatten.

„Wir sitzen da hinten an einem Tisch mit Marc und Steven und wollten gerade vor zur Tanzfläche. Kommst du mit?“ fragte die junge Frau Chris, der abwehrend die Hände hob.

„Sei kein Frosch und erzähl mir jetzt bloß nicht, dass du nicht tanzen kannst, weil du dir den Fuß verstaucht hast. Heute Nachmittag ging’s dir noch blendend. Und außerdem hab ich die Ausrede jetzt schon zweimal gehört.“

Laura packte Chris am Arm und zerrte ihn vom Barhocker.

Alexandra prustete los, als sie seinen hilfesuchenden Blick auffing. Sie wedelte mit den Händen, als wollte sie eine Herde Gänse von sich wegscheuchen.

„Amüsiert euch schön“, rief sie, um die Musik zu übertönen und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, als Laura und ihre Freundinnen einen widerstrebenden Chris mit zur Tanzfläche zogen.

„Du bist eine Sadistin“, sagte Jack. „Überlässt den armen Jungen den Wölfen.“

Alexandra seufzte und nahm einen tiefen Schluck von ihrem Bier. Tat das jetzt gut. Sie trank recht selten Alkohol, doch heute und besonders in diesem Moment hatte sie das Bedürfnis danach. Nicht nur wegen Jack und seinem neuen Lover, sondern weil sie das Gefühl hatte, sie hätte gerade eine Tür zugeschlagen und den Schlüssel dazu weggeworfen.

Das jüngste der Mädchen, die Chris gerade so galant entführt hatten, war etwa in seinem Alter und hatte ihm während der Trainingsstunden immer verstohlene Blicke zugeworfen. Chris hatte das zwar nicht gemerkt und sie behandelt wie alle anderen, doch Alexandra war ihr Verhalten aufgefallen. Vielleicht war es am Besten so.

Das Mädchen würde alles daran setzen, Chris zu erobern. Wenn er erst einmal in festen Händen war, dann konnte sie sich keinen „Was-wäre-wenn“-Phantasien mehr hingeben, dachte Alexandra tapfer. Aber wieso tat der Gedanke daran, Chris mit einer anderen Frau zu sehen, dann so unheimlich weh?

Als die Band Pause machte, kam der Sänger an die Bar, um Jack zu begrüßen. Alexandra musterte die beiden neugierig. Für einen unbeteiligten Beobachter erschien ihr Verhalten wie das zweier guter Freunde. Wenn man allerdings genauer hinsah, dann standen sie dafür etwas zu nahe beieinander und lächelten einander zu strahlend an.

Jack stellte Alexandra schließlich seinen neuen Freund vor. Er hieß Ian Mackenzie und wohnte nur drei Straßen entfernt von Jack. Im richtigen Leben arbeitete er noch in einer Autowerkstatt, von der Musik alleine konnte er nicht leben, wie er zugab. Doch er und seine Band waren dabei, sich um einen Plattenvertrag zu bemühen.

Im Großen und Ganzen war Ian Alexandra sympathisch und schien mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Sie hatte schon befürchtet, er wäre so ein durchgeknallter Freak ohne Bezug zur Realität. So etwas hätte nun wirklich nicht zu Jack gepasst.

Nach einer Viertelstunde verabschiedete sich der Sänger wieder, da die Pause vorbei war und hinterließ einen verträumt dreinschauenden Jack Sanders. Alexandra stieß ihren Freund mit dem Ellbogen in die Rippen.

„Nun krieg dich wieder ein“, sagte sie. „Er kommt ja nachher wieder.“

„Hm?“ Jack sah sie verwirrt an. Großartig, da hatte sie ihn wohl aus einem wundervollen Tagtraum aufgeschreckt.

„Erde an Jack. Noch drei Stunden und er gehört ganz allein dir, “ neckte Alexandra.

Dann sah sie sich suchend um. Chris stand drüben am Tisch der drei jungen Frauen und unterhielt sich mit den beiden jungen Männern, die dort saßen. Als die Musik einsetzte, wurde er jedoch gepackt und wieder nach vorne auf die Tanzfläche gezerrt. Alexandra konnte seinen halb lachenden, halb empörten Aufschrei hören.

„Bringen Sie mir bitte noch ein Guinness?“ sagte sie zu dem Barmann, der Julie kurzzeitig vertrat.

Sie merkte zwar, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg, aber das war ihr völlig egal. Als das volle Glas vor ihr stand, nahm sie einen tiefen Schluck um das dumpfe Gefühl, das sich in ihrem Herzen breit machte, zu betäuben.

„Was hältst du von ihm?“ hörte sie Jack fragen.

Alexandra überlegte einen Moment lang verwirrt, wovon ihr Freund redete, bis ihr wieder einfiel, dass sie soeben seinen Lover kennen gelernt hatte.

„Er scheint nett zu sein“, antwortete sie geistesabwesend.

„Alex, du untertreibst!“ Jack richtete sich empört auf und hielt ihr einen längeren Vortrag über die Vorzüge des Sängers, dem Alexandra nur mit halbem Ohr lauschte.

Als die Band die nächste Pause machte, verabschiedete sich Alexandra kurz, um auf die Toilette zu gehen. Auf dem Weg dorthin merkte sie, dass das dritte Bier, das sie sich genehmigt hatte, doch etwas zuviel gewesen war. Sie musste sich an der Wand abstützen, um nicht ins Taumeln zu geraten. Verflixt, wieso bewegte sich auf einmal der Boden?

Mit Mühe und Not schaffte sie es zur Toilette und wieder zurück in die Bar. Jemand packte sie am Arm, als sie zu ihrem Platz an der Theke gehen wollte.

„Hey Süße, hab dich noch nie hier gesehen. Neu in der Gegend?“

Alexandra beschwor alle Kräfte des Himmels und der Hölle, den Raum zu stabilisieren, damit er nicht mehr so schwankte. Dann drehte sie sich langsam zu dem Sprecher um, der sie noch immer festhielt.

„Lass mich los, du Rhinozeros“, sagte sie kalt und starrte den dunkelhaarigen Typen mit zu Schlitzen verengten Augen an.

„Komm schon Kleine, sei nicht so biestig“, lachte der Kerl. „Wir sind alle hier, um uns zu amüsieren.“ Die drei Männer, die neben ihm standen, begannen ebenfalls zu lachen.

Alexandra sah rot. Amüsieren wollten sie sich? Konnten sie haben. Trotz ihres betrunkenen Zustandes packte sie den Kerl, der sie festhielt, mit schlafwandlerischer Sicherheit und warf ihn mit einem Schleudergriff zu Boden. Die Umstehenden schrieen überrascht auf und wichen zurück. Alexandra trat schwer atmend einen Schritt nach hinten und warf ihre Haare, die sie heute Abend offen trug, über die Schulter.

„Welchen Teil von dem Satz „Lass mich los“ hast du nicht verstanden?“ fauchte sie.

Der Kerl rappelte sich langsam hoch. „Schätzchen, du tickst doch wohl nicht mehr ganz richtig“, raunzte er und machte Anstalten, auf Alexandra zuzugehen.

Es vertrug sich anscheinend nicht mit seiner Mannesehre, vor seinen Kumpanen von einer Frau niedergestreckt zu werden, die einen Kopf kleiner und mindestens dreißig Kilo leichter war als er.

Alexandra duckte sich leicht und nahm eine Abwehrhaltung ein. Wenn der Mistkerl es wagen sollte, sie noch mal anzugrabschen, dann konnte er etwas erleben. Betrunken oder nicht, mit diesem Riesenbaby konnte sie es jederzeit aufnehmen.

Dann stand plötzlich Julie zwischen ihr und Mr. Riesenbaby und sie fühlte, wie sie jemand von hinten um die Taille packte. Vollgepumpt mit Adrenalin wollte sie demjenigen gerade zeigen, dass man sie besser nicht ohne Erlaubnis anfasste, als sie eine bekannte Stimme an ihrem Ohr hörte.

„Alex, lass den Quatsch. Du kannst doch hier nicht einfach irgendwelche Leute verprügeln!“

Chris. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde wich die Anspannung aus ihrem Körper und sie genoss es, sich an ihn zu lehnen. Julie und der Barkeeper, ein wahrer Bär von Mann, bugsierten inzwischen die vier Trolle aus der Bar.

„Alex? Was war denn hier los?“ Jack stand vor ihr und sah sie entgeistert an.

Alexandra richtete sich auf, musste sich aber dann an Chris, der neben sie getreten war, festhalten.

„Der Typ hat mich – hicks – belästigt, “ erklärte sie würdevoll und leicht schwankend.

„Du bist ja betrunken. Sturzbetrunken! “ Jacks fassungsloser Gesichtsausdruck brachte Alexandra zum Kichern.

„Nur ein bis…bisschen. So ein viel bisschen.“ Alexandra zeigte mit Daumen und Zeigefinger etwa einen Zentimeter an.

„Ein ziemliches viel bisschen, “ sagte Jack und wandte sich zu Chris, der Alexandra am Ellbogen festhielt und sie fasziniert beobachtete. „Du bringst sie besser nach Hause. Soll ich mitkommen?“

„Ich…ich glaub, ich schaff das schon“, erklärte Chris.

Jack war nicht so ganz überzeugt davon. „Du hast meine Handynummer. Wenn du Hilfe brauchst, dann ruf mich an.“

Er begleitete Chris und Alexandra, die sich nach anfänglichen Protesten, dass sie eigentlich noch bleiben wollte, willig hinausführen ließ, zu Alexandras Wagen auf dem Parkplatz.

Dort gab es dann allerdings ein Problem.

„Ich fahre“, verkündete Alexandra fröhlich und ließ die Autoschlüssel um ihren Zeigefinger rotieren.

Sie fühlte sich großartig, die frische Luft hatte wahre Wunder getan.

Chris war Jack einen hilflosen Blick zu, der ebenso hilflos mit den Schultern zuckte. In ihrem Zustand war Alexandra unberechenbar, wie um alles in der Welt sollten sie ihr die Schlüssel abnehmen und sie am Fahren hindern? Es blieb ihnen nur der Weg der Diplomatie.

„Alex, ich glaub, das ist keine gute Idee…“ begann Chris vorsichtig.

„Wieso nicht?“ Schwankend drehte sich Alexandra zu ihm um.

„Weil du ein bisschen zu viel getrunken hast und weil du lieber nicht fahren solltest. Bitte gib mir die Schlüssel, “ sagte der junge Mann und streckte die flache Hand aus.

Alexandra studierte seine Handfläche eine paar Sekunden lang im Schein der Straßenlaterne, unter der ihr Pickup geparkt war. Dann sah sie Chris mit leicht geneigtem Kopf an.

„Könntest du vielleicht mal stillstehen?“ beschwerte sie sich. „Von deinem Gewackel wird man ja seekrank.“

Chris lies sich nicht irritieren. „Die Schlüssel, Alex“, erinnerte er sie sanft aber bestimmt.

Alexandra überlegte einige Sekunden. Dann betrachtete sie den Schlüsselring, der noch immer an ihrem Zeigefinger hing. Chris begann schon zu hoffen, dass sie endlich vernünftig wurde, als sie mit einer schnellen Bewegung die Schlüssel in den Ausschnitt ihres T-Shirts steckte.

„Alex!“ rief Jack empört. „Jetzt wirst du wirklich kindisch! Gib jetzt sofort die Schlüssel her!“

„Holt sie euch doch“, entgegnete Alexandra und lehnte sich grinsend gegen ihren Wagen.

Jack raufte sich die Haare. „Ich glaub das einfach nicht. Jahrelang trinkt die Frau keinen Alkohol und ausgerechnet heute gibt sie sich die Kanne.“ Er sah zum Himmel, als würde dort auf geheimnisvolle Weise die Antwort auf seine Frage erscheinen. „Wieso ich?“

Chris betrachtete Alexandra mit verschränkten Armen. „Was machen wir jetzt?“ fragte er Jack.

„Ich hole meinen Wagen und bring euch nach Hause“, entgegnete Jack zähneknirschend. „Außer du bist so lebensmüde und willst ihr die Schlüssel immer noch abnehmen.“

Durch den Alkoholnebel in ihrem Gehirn nahm Alexandra wahr, wie Chris vor sie hintrat und sie forschend musterte.

„Pass bloß auf“, warnte Jack im Hintergrund.

Dann fühlte sie wie eine warme Hand über ihren Bauch strich und nach den Schlüsseln tastete. Alexandra blieb stocksteif stehen und sah Chris in die Augen, während er ihr das T-Shirt aus der Hose zog und nach oben schob. Mit einem schrillen Klappern fielen die Schlüssel heraus und in Chris’ Hand.

Chris trat einen Schritt zurück. „Fahren wir jetzt?“ fragte er. Seine Stimme klang merkwürdig belegt.

Alex lag schon auf der Zunge, dass sie mit ihm überall hin fahren würde, als Jack, der die Lage nun als sicher für Leib und Leben einschätzte, zu ihnen trat und Chris anerkennend auf die Schulter klopfte.

„Respekt, Junge. Du bist mutiger als ich. Soll ich nicht doch lieber mitkommen?“

Alex richtete sich indigniert auf und piekste ihren bebrillten Freund mit dem Zeigefinger in die Brust. „Bah, du Feigling! Kümmere du dich lieber um dein Schätzchen, er wird dich wahrscheinlich schon vermissen, “ schnaubte sie.

Dann drehte sie sich um und versuchte die Beifahrertür, an der sie gelehnt hatte, zu öffnen.

„Scheiße, wieso geht das Ding nich auf“, murmelte sie. „Hey Jungs, da hat jemand mein Auto zugeklebt.“
 

 

Teil 20

 

Chris startete den Wagen und warf Alexandra einen Blick von der Seite her zu. Es war ein schönes Stück Arbeit gewesen sie auf den Beifahrersitz zu bugsieren und sie dazu zu bringen, den Sicherheitsgurt anzuschnallen. Er war fast versucht gewesen, Jacks Angebot, ihnen nachzufahren, anzunehmen. Wie sollte er Alex nur nachher wieder aus dem Wagen raus und ins Haus bringen wenn sie sich weiterhin so benahm?

Seine Gedanken blieben bei Jack Sanders hängen und bei dem, was Alexandra vorhin gesagt hatte. So, wie es sich angehört hatte, war sein Bewährungshelfer also schwul. Chris war sich nicht sicher, was er darüber er denken sollte.

Im ersten Moment war ein Gefühl von Abscheu in ihm aufgestiegen das fast an Hass grenzte. Doch dann hatte er sich gesagt, dass Jack Sanders nie auch nur das leiseste Interesse sexueller Art an ihm gezeigt hatte. Ohne Alexandras Bemerkung wäre er niemals auf die Idee gekommen, dass sein Bewährungshelfer homosexuell war.

„Wieso fährst du nich los?“ nuschelte Alexandra. „Ich glaub nich, dass unser Haus zu uns kommt.“

Sie hatte den Kopf an die Scheibe der Beifahrertür gelehnt und sah zu ihm herüber.

Chris gab sich einen Ruck und schob den Ganghebel auf ‚Drive’. Jack war im Moment sein geringstes Problem. Viel größeres Kopfzerbrechen bereitete ihm die Frage, was er mit Alexandra anfangen sollte, wenn sie zu Hause ankamen und sie wieder beschloss, schwierig zu werden.

Die Fahrt dauerte gerade mal eine Viertelstunde, während der Alexandra schweigend aus dem Fenster der Beifahrertür sah. Chris fragte sich, was in ihr vorgehen mochte. Er hätte sich nie träumen lassen, sie jemals in einem derartigen Zustand zu erleben.

Schließlich bog Chris in die Garageneinfahrt vor Alexandras Haus ein und stellte den Motor ab.

„Wir sind da“, verkündete er überflüssigerweise. Alexandra reagierte nicht.

„Alex? Ist alles in Ordnung? Oder ist dir schlecht?“

„Hm?“ Endlich drehte sich Alexandra zu ihm herum. Es war zwar dunkel, aber dennoch konnte Chris ihre weit geöffneten Augen sehen.

„Gehen wir rein?“ fragte er geduldig.

Als Alexandra nickte, stieg er aus und ging um den Wagen herum, um die Beifahrertür zu öffnen. Alexandra stieg aus und wäre umgefallen, wenn Chris sie nicht festgehalten hätte.

„Hey, soll ich dich lieber tragen?“

„Nein, ich…ich kann selber laufen….glaube ich jedenfalls…, “ entgegnete die junge Frau und klammerte sich an ihn. „Irgendwie dreht sich alles…“

Chris musste lachen. „Also das Zeug, das du dir heute rein gezogen hast, muss ich auch mal probieren. Ist ja abartig.“

Eigentlich war es ganz angenehm, Alexandra so im Arm zu halten. Sie war warm und weich und dennoch voller Spannkraft und Energie. Ein Gefühl, an das man sich gewöhnen könnte. Chris wurde schlagartig wieder ernst. Was dachte er da bloß für einen Unsinn? Alexandra war nichts für ihn.

„Komm jetzt, Charlie wartet bestimmt schon auf uns“, sagte er und schloss die Wagentür, während er mit einem Arm um Alexandras Taille fasste.

Dann half er ihr ins Haus, wo sie von einem freudig winselnden Mischlingshund begrüßt wurden.

„Aus, Charlie, “ befahl Chris. „Frauchen geht’s nicht so besonders.“

Charlie wuffte ihn an, schien aber zu verstehen, dass seine Herrin nicht in Stimmung für eine ausgedehnte Begrüßungszeremonie war.

Chris sah erst die Treppe und dann Alexandra an.

„Kommst du da hoch?“

„Muss ich wohl…irgendwie….“

Alexandra legte ihren Arm um Chris’ Nacken und mit Hängen und Würgen schaffte Chris es, sie die Treppe hinauf zu bekommen. Inzwischen redete Alexandra zwar wieder halbwegs normal, doch ihre motorischen Fähigkeiten ließen Einiges zu wünschen übrig.

Chris öffnete die Tür zu Alexandras Zimmer und half ihr hinüber zum Bett. Dann knipste er die Nachttischlampe an und sah auf sie hinunter.

„Soll ich dir noch mit irgendwas helfen?“ fragte er und biss sich auf die Lippe.

Hoffentlich wollte sie jetzt nicht, dass er ihr beim Ausziehen half. In ihrem derzeitigen Zustand war ihr alles zuzutrauen. Obwohl…der Gedanke hatte schon etwas. Chris war jung und auch wenn er Mädchen gegenüber zurückhaltend war hieß das noch lange nicht, dass er ihnen gegenüber immun war.

Alexandra begann, sich aus ihrer Jacke zu schälen.

„Gott, wieso ist das Ding bloß so eng“, stöhnte sie.

Gleichzeitig versuchte sie, sich die Schuhe abzustreifen.

Chris konnte ihrem Gestrampel nicht länger zusehen und kniete sich hin, um ihr dabei zu helfen.

„Danke“, flüsterte Alexandra. Chris sah hoch. Sie hatte einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen. Dann hob sie die Hand und strich ihm leicht über die Wange.

„Du bist wirklich süß, weißt du dass?“ Alexandras Stimme klang rau. „Ich wünschte nur….“

Chris kam nicht dazu, herumzurätseln, was sie sich wünschte, denn im nächsten Moment beugte sich Alexandra vor und küsste ihn sanft auf den Mund.

Chris war zu geschockt, um zu reagieren. Er konnte Alexandra nur anstarren, die ihn wehmütig anlächelte. Ihre Augen glänzten verräterisch.

„Wieso…?“ würgte er hervor.

„Weil du so bist, wie du bist“, entgegnete Alexandra und strich ihm noch einmal sanft über die Wange. „Ich glaub…ich glaub, ich hab mich in dich verliebt, darum.“

Chris schluckte. Das konnte sie nicht ernst meinen, es war einfach unmöglich. Er war nichts weiter als ein Ex-Sträfling, ein….

„Alex, ich….“

Alexandra legte ihm den Zeigefinger auf den Mund. „Ssschhh! Du musst dazu nichts sagen. Ich weiß, dass du auf diese Art nichts für mich empfindest und du musst dich dafür nicht rechtfertigen. Ich kann aber auch nichts für meine Gefühle.“

Sie gähnte. „Gott, bin ich müde. Ich glaub, ich schlaf jetzt gleich ein.“ Damit ließ sie sich auf das Bett zurückfallen und schloss die Augen.

Es dauerte etwa eine Minute, bis Chris aus der Erstarrung erwachte, in die Alexandras Geständnis ihn versetzt hatte. Die junge Frau lag auf dem Bett, das Gesicht ihm zugewandt, und den tiefen, regelmäßigen Atemzügen nach zu urteilen war sie eingeschlafen.

Chris atmete ein paar Mal tief durch, um seinen rasenden Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen. Hatte sie ihm wirklich gerade eine Liebeserklärung gemacht und war gleich darauf eingeschlafen? Ungläubig schüttelte er den Kopf. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein.

Plötzlich hatte er das Gefühl, hier raus zu müssen, um das Chaos in seinem Kopf wieder zu ordnen. Er stand auf und sah auf die junge Frau hinunter, die seinen mühsam erkämpften und trügerischen inneren Frieden in solchen Aufruhr versetzt hatte.

Ihre blonden Locken, die sie normalerweise zu einem strengen Pferdeschwanz gebändigt trug, umspielten locker ihr Gesicht, während sich ihre Brust regelmäßig hob und senkte. Chris griff nach der Decke, die am Fußende des Bettes lag und breitete sie über Alexandra. Dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Vor seiner Zimmertür blieb er unschlüssig stehen. Nein, er konnte jetzt nicht ins Bett gehen. Er musste nachdenken, sich überlegen, was er jetzt tun sollte. Das konnte er hier nicht tun, nicht mit der Ursache seiner Verwirrung nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt.

Hastig verließ Chris das Haus. Es war kurz vor Mitternacht, der Himmel war bewölkt und es begann leicht zu nieseln. Ziellos lief der junge Mann durch die Straßen.

Alexandras Worte hatten ihm etwas bewusst gemacht was er sich selbst bisher nicht hatte eingestehen können. Er mochte sie nicht nur, nein, auch er hatte sich rettungslos verliebt. Chris hatte nicht geglaubt, dass er dazu überhaupt noch fähig wäre, nicht nach allem, was passiert war.

Das Viertel, in dem sich Alexandras Haus befand, lag auf einem der Hügel, die San Francisco umgaben. Chris erreichte einen kleinen Platz, der mit einer Steinmauer umrandet war und von dem aus man die ganze Stadt überblicken konnte. Es hatte aufgehört zu regnen und er setzte sich auf die Mauer.

Der Schein der Straßenlampen wurde von den umliegenden Bäumen verschluckt. Unter ihm lag die hell erleuchtete Stadt mit ihrem funkelnden Lichtermeer. Weiter hinten waren gegen den dunklen Horizont die Umrisse der Golden Gate Bridge zu erkennen.

Chris kam unwillkürlich der Gedanke, wie passend die Situation doch war. Er saß hier, umgeben von der Dunkelheit und dort unten, zum Greifen nah und doch so unerreichbar fern, waren die einladenden Lichter der Stadt.

Alexandra war für ihn das Licht. Chris lächelte bitter über diesen pathetischen Vergleich. Sie hatte ihm eine Chance gegeben sich zu bewähren, ein Zuhause und ihre Freundschaft. Und nun schenkte sie ihm auch noch ihre Liebe. Eine Liebe, derer er nicht wert war.

Chris fragte sich, wie er Alexandra am Morgen gegenübertreten sollte. Wenn er viel Glück hatte, würde sie sich vielleicht gar nicht an ihr Geständnis erinnern, so betrunken, wie sie heute Abend gewesen war. Doch darauf konnte er nicht hoffen, sein Glück hatte ihn schon so oft im Stich gelassen, wieso sollte es diesmal anders sein?

Dass er ihr sagen konnte, dass er ihre Gefühle erwiderte, das stand außer Frage. Sie verdiente etwas Besseres. Und außerdem hatte er viel zu viel Angst davor, dass sich ihre Liebe in Abscheu verwandeln könnte, wenn sie jemals erfahren würde, was er getan hatte. Das würde ihn umbringen. Lieber begrub er seine Gefühle tief in seinem Innersten und war zufrieden damit, dass sie Freunde waren.

Chris sah zum Himmel hinauf. Die Wolken hatten sich etwas verzogen und die Sterne blinkten hervor, ein blasses Spiegelbild der funkelnden Lichter der Stadt unter ihnen.

Wieso war das Leben nur so kompliziert?
 


Kapitel 21

 

Chris saß am Küchentisch, seine Schulsachen vor sich ausgebreitet, und versuchte seit genau einer Stunde, sich auf den vor ihm liegenden Text zu konzentrieren. Er war noch immer beim ersten Absatz, den er zwar gelesen hatte, doch wenn ihn jemand gefragt hätte, dann hätte er nicht sagen können, ob es sich darin um das Kopulationsverhalten afrikanischer Blattschneiderameisen oder um die Rolle der USA im zweiten Weltkrieg ging. So viel zum Thema Ablenkung.


Chris raufte sich mit beiden Händen die Haare. Er bekam die gestrige Nacht einfach nicht aus seinem Kopf. Bis vier Uhr morgens hatte er dort auf dieser Mauer gesessen und über sein Leben nachgedacht. Was alles schief gelaufen war. Hatte mit dem Schicksal gehadert und sich in hundert verschiedenen Versionen die Frage „Was wäre wenn…?“ gestellt.

Aber eine Lösung für sein Problem hatte er nicht gefunden.

Chris sah zu Charlie hinunter, der neben seinem Stuhl auf dem Boden lag. Der Hund war vor gut zwei Stunden heruntergekommen und hatte ihn hungrig angewinselt. Chris hatte befürchtet, dass Alexandra ihm jeden Moment folgen würde und festgestellt, dass er eigentlich nicht bereit war, ihr gegenüberzutreten.

Doch die Minuten waren verstrichen und es hatte sich nichts gerührt. Mittlerweile war es nach elf und noch immer keine Spur von ihr. Chris hatte seine Schulbücher aufgeschlagen, in der Hoffnung, sich damit auf andere Gedanken zu bringen. Er kam ziemlich gut voran und hoffte, sich im nächsten Frühjahr zur Prüfung anmelden zu können.

Charlie hob den Kopf und spitzte die Ohren. Chris spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. War Alex endlich aufgewacht? Würde sie sich an gestern Nacht erinnern?

Im nächsten Moment läutete es an der Tür. Charlie sprang auf und rannte mit einem Bellen in den Flur. Chris folgte ihm und packte ihn am Halsband, um ihn davon abzuhalten, den Besucher anzuspringen. Vermutlich war es Jack, der wissen wollte, wie der Rest des gestrigen Abends verlaufen war.

Es war jedoch nicht Jack.

„Hallo Alex, ich bin gerade…“ Mary Jo Andersons Stimme erstarb, als sie Chris mit offenem Mund entgeistert anstarrte. „Was machst du denn am Sonntag hier?“

„Ich wohne hier“, schoss Chris zurück. Dieses nervige Weib hatte ihm heute gerade noch gefehlt.

Mary Jo zog eine elegant gezupfte Augenbraue nach oben. „Du wohnst hier? Seit wann denn das?“

Chris fiel plötzlich siedendheiß ein, dass Alex ihrer Freundin aus reinem Selbstschutz vermutlich gar nichts von ihrem Arrangement gesagt hatte. Er selbst hatte zwar deren Mann davon erzählt, aber diese Neuigkeit schien dennoch nicht zu Mary Jo vorgedrungen zu sein. Chris hätte sich selbst für seine große Klappe eine Ohrfeige verpassen können.

„Eine ganze Weile schon“, antwortete er ausweichend. „War für uns beide praktischer und vor allem billiger.“

„Aha“, sagte Mary Jo nur. „Ist Alex zu Hause? Ich wollte nur kurz mit ihr reden.“

Damit drängte sie sich an ihm vorbei in den Flur. Chris blieb nichts anderes übrig, als ihr Platz zu machen.

„Alex schläft noch“, informierte er die junge Frau.

„Alex? Seit wann ist sie eine solche Langschläferin?“ wunderte sich Mary Jo in ätzendem Tonfall.

Chris hatte bisher immer versucht, Mary Jos Spitzen zu ignorieren, doch langsam wurde es ihm doch etwas zu bunt. Was dachte diese Frau eigentlich, wer sie war? Alexandras Vormund?

Chris vergaß alle Höflichkeitsregeln und öffnete den Mund zu einer scharfen Antwort, als ein Wagen vor dem Grundstück hielt und sein Bewährungshelfer ausstieg. Jack sah ihn in der offenen Tür stehen und winkte ihm grüßend zu, während er durch den Garten auf das Haus zuging.

„Na, den gestrigen Abend noch gut überstanden?“ rief der Mann gutgelaunt. „Ich wollte mal sehen, wie es Alex nach ihrer Sauforgie geht“, fügte er hinzu, als er die Treppe zur Veranda hinaufstieg. „Übrigens, ich hab gestern ganz vergessen, dir zu sagen, dass ich deinen Termin von Dienstag auf Donnerstag verlegen musste, gleiche Uhrzeit. Ich bin ab morgen für zwei Tage auf einem Seminar.“

Chris stöhnte bei Jacks Worten innerlich auf. Wie sagte man doch so schön? Und die Scheiße traf auf den Ventilator…. Hinter sich hörte er Mary Jo nach Luft schnappen.

Jack musste das Geräusch wohl auch gehört haben, denn er beugte sich leicht zur Seite, um an Chris vorbei zu schauen. Sein Gesicht nahm einen leicht entsetzten Ausdruck an.

„Oh…Hallo, Mary Jo“, stammelte Jack. “Schön, dich zu sehen.”

“Ach ja? Das bezweifle ich“, entgegnete die junge Frau mit starrer Miene. „Gibt es sonst noch etwas, das ich nicht weiß - oder nicht wissen darf? Ihr seid gerade so schön dabei, die Karten auf den Tisch zu legen, da wollen wir doch nichts auslassen, nicht wahr?“

Chris sah Jack an, der ihm seinerseits einen entschuldigenden Blick zuwarf. Da hatten sie sich eine richtig schöne tiefe Grube geschaufelt. Das Schlimmste daran war, das Alexandra das meiste von Mary Jos Zorn abbekommen würde und bis jetzt noch nicht einmal ahnte, was für ein Unheil sich da über ihrem Kopf zusammenbraute.

Jack ergriff schließlich das Wort. „Ähm, hör mal Mary Jo, ich bin sicher, Alex hat das nicht mit Absicht getan. Du bist doch ihre beste Freundin.“

Er nahm die junge Frau am Arm und führte sie in die Küche, wo er sie auf einen Stuhl drückte. „Sie hatte in den letzten Wochen einfach zu viel um die Ohren und hat bestimmt einfach nicht daran gedacht, dir etwas davon zu erzählen.“

Chris lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen und beobachtete, wie Jack versuchte, Mary Jo zu beruhigen. Sie schien mehr darüber aufgebracht zu sein, dass Alexandra ihr so viel verschwiegen hatte, als darüber, WAS sie ihr nicht erzählt hatte. Vielleicht würde es ja gar nicht so schlimm werden, tröstete er sich gerade, als er Mary Jos Blick auf sich gerichtet sah.

„Du warst also tatsächlich im Gefängnis?“ fragte sie ihn ganz sachlich. „Darf ich fragen, warum?“

Chris schluckte und richtete sich auf. Es war wohl besser, reinen Tisch zu machen.

„Ich…ich hab mit ein paar Kumpels in einer Tankstelle was geklaut. Es war eine Mutprobe“, fügte er hastig hinzu. „Wir wollten endlich auch einer Gang angehören. Einer von der Gang war dabei, als Aufpasser. Der Kerl hinter dem Tresen hat uns erwischt, als wir ein paar Dosen Bier eingesteckt haben und wollte die Polizei rufen. Da hat der Typ aus der Gang eine Pistole gezogen und auf ihn geschossen.“

Chris biss sich auf die Lippe und sah zu Boden.

Jack räusperte sich. „Du hast vergessen, zu erwähnen, dass du bei dem Opfer geblieben bist und den Notarzt gerufen hast“, sagte er. „Sonst wäre der Mann gestorben.“

„Ja….“ Chris lächelte bitter. „Aber dann haben sie mich trotzdem für fünf Jahre ins Gefängnis geschickt, weil ich meine Freunde nicht verraten habe. Hätte ich den Typ, der geschossen hat, verpfiffen, dann hätte sich seine Gang vielleicht an meinem Dad gerächt. Das konnte ich nicht riskieren.“

Chris blinzelte, um die Tränen zu unterdrücken, die ihm bei der Erwähnung seines Vaters hochzukommen drohten. Darum entging ihm, dass Mary Jo aufgestanden war und zu ihm trat.

„Wie alt warst du, als du ins Gefängnis gekommen bist?“ fragte sie.

„Siebzehn. Dreieinhalb Jahre musste ich absitzen, bevor ich auf Bewährung raus durfte. Wenn sich Mister Sanders nicht solche Mühe mit mir gegeben hätte, dann….“

Chris zuckte mit den Schultern. Ihm war klar, dass er es nur dem unerschütterlichen Optimismus seines Bewährungshelfers zu verdanken hatte, dass er nicht wieder nach San Quentin geschickt worden war. Obwohl, zurück gegangen wäre er auf keinen Fall, eher hätte er sich umgebracht.

Er sah auf, als er eine sanfte Berührung ans seinem Arm spürte. Mary Jo sah ihn mit ihren großen, blauen Augen mitfühlend an.

„Chris, ich…es tut mir leid, dass ich so ein Biest war“, sagte sie leise. „Du hast mich immer höflich behandelt und ich war die ganze Zeit so widerlich zu dir, nur weil du…“ sie suchte nach den richtigen Worten, „ nur weil du nicht wie der nette Junge von nebenan aussiehst. Es tut mir aufrichtig leid. Können wir nicht von vorn anfangen?“

Chris war, als hätte ihm jemand einen Sack mit Ziegelsteinen an den Kopf geworfen. Mary Jo Anderson hatte sich entschuldigt? Bei ihm? Für ihr Benehmen? Er musste in eine bizarre Parallelwelt versetzt worden sein. Etwas von seinen Gedanken hatte sich wohl in seinem Gesicht widergespiegelt, denn Mary Jo seufzte tief auf.

„Ich kann dir wohl keinen Vorwurf machen, wenn du mir nicht glaubst.“

„Nein, ich… es ist nur etwas überraschend…“ beeilte Chris sich ihr zu versichern. „Trotzdem, ich würde gern Ihren Vorschlag annehmen und einfach vergessen, was war.“

Wie hatte Alexandra doch mal gesagt? Einem geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul. Wenn ihre Freundin aus für ihn unerfindlichen Gründen beschlossen hatte, den Kurs zu wechseln, dann würde er deren Friedensangebot nicht ablehnen, und wenn es nur Alexandra zuliebe war. Für sie würde er alles tun, sogar Mary Jos Sticheleien und ablehnenden Blicke vergessen.

Mary Jo lächelte und streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Mary Jo und freue mich, dich kennen zu lernen.“

Chris ergriff ihre Hand und schüttelte sie leicht. Er kam sich zwar etwas albern vor, aber wenn er damit Schlimmeres von Alexandra abwenden konnte, sollte es ihm recht sein.

„Ich bin Chris“, erwiderte er und zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln.

Hinter ihnen klatschte Jack in die Hände. „Nun, da ja wieder Friede, Freude Eierkuchen herrscht, würde ich gern wissen, wo Alex eigentlich ist.“

„Hier bin ich. Haltet ihr hier `ne Versammlung ab, oder was?“

 

Kapitel 22

 

Alex wusste nicht wovon sie aufgewacht war, aber sie wünschte, es wäre nicht passiert. Sie hatte einen schrecklichen Geschmack im Mund und ihr Kopf fühlte sich an, als würde darin ein Hornissenschwarm eine Techno-Party feiern. Aufstöhnend drehte sie sich zur Seite um einen Blick auf die Uhr auf ihren Nachttisch zu werfen. Dazu musste sie die Augen öffnen, was sie zu einem weiteren Stöhnen veranlasste.

Sie musste gestern Nacht wohl vergessen haben, die Vorhänge zuzuziehen, denn die erbarmungslose Sonne schien ihr mitten ins Gesicht. Blinzelnd versuchte sie, die Digitalanzeige der Uhr zu entziffern. Eins – Null – Vier….Das konnte doch nicht wahr sein, dachte sie, als ihr Gehirn ihr endlich soweit gehorchte um aus den Zahlen einen Sinn zu machen.

Mühsam setzte sie sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Moment mal, wieso hatte sie ihre Jeans an? Alexandra stützte ihre Ellbogen auf den Knien ab und hielt sich die Schläfen. Wie war sie gestern eigentlich nach Hause gekommen? Das letzte, woran sie sich klar und deutlich erinnern konnte, war, dass Jack ihr seinen neuen Freund vorgestellt hatte. Danach wurde alles ziemlich verschwommen.

„Oh Gott“, seufzte sie. „Ich werde ab sofort abstinent, das schwöre ich bei Allem was mir heilig ist.“

Nachdem Alexandra aufgestanden war um ins Badezimmer zu gehen, musste sie erst einmal innehalten, da der Boden unter ihr anfing zu schwanken. Leise fluchend setzte ihren Weg dorthin fort.

Nach einer ausgiebigen Dusche, während der sie sich ihr noch immer leicht benebeltes Gehirn zermarterte, was gestern eigentlich alles vorgefallen war, stand sie vor dem Badezimmerspiegel und betrachtete sich prüfend. Wenigstens sah sie nicht so schlimm aus wie sie sich fühlte.

Alexandra putzte sich gründlich die Zähne um endlich den abscheulichen Geschmack in ihrem Mund loszuwerden, bevor sie eine lockere Sweathose und ein weites T-Shirt überstreifte. Ihre nassen Haare ließ sie offen.
Nun, auch wenn sie sich nicht erinnern konnte, so war sie doch gestern Abend nicht allein gewesen. Alexandra hoffte, von Chris die fehlenden Teile des Puzzles zu bekommen.

Als sie die Treppe nach unten ging hörte sie Stimmen aus der Küche. Sie konnte nicht genau verstehen was gesprochen wurde, erkannte jedoch Jack und Mary Jo. Was machten ihre Freunde hier? Dann fiel ihr ein, dass Jack ja gestern Abend auch dabei gewesen war. Wahrscheinlich wollt er sich erkundigen wie es ihr ging.

Alexandra betrat die Küche und verstand gerade noch, wie Jack fragte, so sie eigentlich sei.

„Hier bin ich. Haltet ihr hier `ne Versammlung ab, oder was?“

Ihre Freunde starrten sie an, Jack mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement, Mary Jo leicht beleidigt und Chris…sah irgendwie besorgt aus. Was um alles in der Welt hatte sie gestern Nacht bloß angestellt?

„Guten Morgen allerseits“, grüßte Alex mit mehr Elan, als sie eigentlich verspürte.

Sie brauchte zuallererst etwas zu trinken, zwei Aspirin und eine große Tasse schwarzen Kaffee, in genau dieser Reihenfolge. Zu ihrer Erleichterung stand die Kaffeekanne bereits auf dem Tisch.

„Hallo Alex, ich wollte nur mal sehen, wie’s dir heute geht“, sagte Jack. Alexandra meinte, einen Anflug von Schadenfreude in seiner Stimme zu hören.

„Gut soweit“, gab sie zurück. „Und dir? Eine schöne Nacht gehabt? Wundert mich, dass du schon wieder fit bist.“

Sie warf ihrem Freund einen vielsagenden Blick über die Schulter zu, als sie den Kühlschrank öffnete um sich etwas zu trinken zu nehmen. Zu ihrer größten Befriedigung nahm Jacks Gesicht die Farbe eines gekochten Hummers an. Ihre Kopfschmerzen waren schon gar nicht mehr so schlimm.

Alexandra nahm einen tiefen Schluck Wasser, bevor sie sich an ihre Freundin wandte, die sie mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete.

„Was führt dich heute hierher, Mary Jo?“

„Oh, ich wollte dich nur fragen, ob du Lust hast, nächstes Wochenende mit rauf zum Shashta Lake zu fahren. Es wäre doch bestimmt ganz nett, nach all diesem Stress mal raus zu kommen. Du kannst Chris und Charlie gerne mitnehmen.“

Während Mary Jo sprach, hatte Alexandra nochmals aus der Wasserflasche getrunken und verschluckte sich prompt, als sie den letzten Satz hörte.

„Bitte?“ keuchte sie, als sie sich von ihrem Hustenanfall erholt hatte.

„Nun, ich habe erkannt, dass ich Chris die ganze Zeit unrecht getan habe. Der arme Junge hatte es ja wirklich nicht leicht. Oder willst du ihn wirklich mutterseelenallein hier lassen?“ flötete Mary Jo mit zuckersüßer Stimme. „Oh, jetzt muss ich aber wirklich nach Hause, Mike wird sich schon fragen, wo ich bleibe. Ruf mich an, ja?“

Mit diesen Worten winkte sie Alexandra zum Abschied zu. Dann rauschte sie nach einem kurzen Gruß für Chris und Jack zur Tür hinaus.

Alexandra starrte ihr mit der Flasche in der Hand sprachlos hinterher.

„Kann mir hier mal jemand erklären, was hier läuft?“ fragte sie. „Was habt ihr mit Mary Jo angestellt?“

Verwundert beobachtete sie, wie Chris und Jack einen unbehaglichen Blick wechselten.

„Ich warte, Leute.“

Alexandra wurde die ganze Sache unheimlich. Mary Jo wusste also, dass Chris hier wohnte. Dass sie ihn in ihre Einladung mit einbeziehen würde, war allerdings das letzte, das Alexandra erwartet hatte. Es musste einen Grund haben und die beiden Mistkerle hier in ihrer Küche wussten genau was dahinter steckte. Sie war fest entschlossen, diese Verschwörung trotz ihres Brummschädels auf der Stelle aufzuklären.

„Muss ich euch erst bedrohen oder redet ihr freiwillig?“

„Mrs. Anderson weiß Bescheid“, sagte Chris schließlich und schielte an seinen widerspenstigen Strähnen vorbei zu ihr hinüber.

„Okay, sie weiß, dass du hier wohnst und hat es also ganz gut aufgenommen. Gut, dann brauch ich mir deswegen schon keine Sorgen mehr zu machen.“

Erleichtert öffnete Alexandra eine Schranktür und holte eine Dose Aspirin heraus. Nachdem sie zwei davon geschluckt hatte, drehte sie sich wieder um.

Chris nagte an seiner Unterlippe herum und wich ihrem Blick aus. Jack schien die Zimmerdecke unheimlich interessant zu finden.

„Was ist los?“

„Mrs. Anderson weiß wirklich Bescheid. Über alles“, sagte Chris leise. „Sie weiß, dass ich im Gefängnis war und wieso.“

„Du hast ihr das auch noch erzählt? Chris, bist du verrückt geworden? Mary Jo wird mir ellenlange Vorträge halten, dass ich….“

Alexandra hielt inne. Moment mal, ihre Freundin wusste von Chris’ Vergangenheit und hatte ihn dennoch eingeladen, dass Wochenende mit ihrer Familie zu verbringen?

„Was hat sie dazu gesagt?“ forschte sie.

„Alex, sie hat es ganz gut aufgenommen und sich sogar bei Chris entschuldigt, dass sie ihn immer so abweisend behandelt hat. Außerdem war es meine Schuld, dass sie davon erfahren hat. Ich hab Chris gesagt, dass ich seinen Termin verschieben muss und nicht gesehen, dass Mary Jo hinter ihm stand. Sie musste nur noch eins und eins zusammenzählen“, verteidigte Jack Alexandras Hausgenossen.

Alexandra ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen. „Sie mag es ja ganz gut aufgenommen haben, aber ich kann mir trotzdem einen Vortrag anhören“, beschwerte sie sich düster. „Sie wird mich verbal in Stücke reißen, weil ich ihr nicht die Wahrheit gesagt habe. Und sie wird großzügig vergessen, warum ich ihr nichts sagen wollte.“

„Komm schon Alex, so schlimm ist Mary Jo nun auch wieder nicht“, versuchte Jack die Wogen zu glätten. „Wenn sie wirklich so sauer auf dich wäre, dann hätte sie dich doch nicht für das nächste Wochenende eingeladen, oder?“

In diesem Punkt hatte Jack Recht. Eines musste man Mary Jo zugestehen, nachtragend war sie nicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Es war sinnlos, sich jetzt Sorgen darüber zu machen, viel wichtiger war es Alexandra plötzlich, mehr über den gestrigen Abend herauszufinden. Es war ihr zwar peinlich, einzugestehen, dass sie einen Filmriss hatte, doch wenn sie es nicht tat, würde sie nie erfahren, was alles passiert war nachdem ihr Erinnerungsvermögen beschlossen hatte, einen Kurzurlaub einzulegen.

„Sagt mal, was war gestern Abend eigentlich los? Mir fehlt irgendwie alles nach der ersten Pause“, gestand Alexandra kleinlaut.

Jack fing an zu lachen. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst“, prustete er. „Mann o Mann, du hast ganz schön für Aufruhr gesorgt.“

Mit wachsendem Entsetzen hörte Alexandra Jacks farbenfrohe Schilderung von ihrem Benehmen. Sie wäre am liebsten im Boden versunken, als er zu der Stelle kam, wo sie den Autoschlüssel in ihrem T-Shirt versenkt hatte. Mit knallroten Wangen blickte sie zu Chris hinüber, der Jack mit einem eigenartig wehmütigen Lächeln auf den Lippen zuhörte.

„Was danach los war, das musst du Chris fragen. Er hat dich nach Hause und in dein Bettchen gebracht“, schloss Jack mit einem Glucksen.

Alex atmete tief durch. Wenn sie noch etwas Peinliches angestellt hatte, dann wollte sie es jetzt gleich hören.

„Und? Hab ich mich sehr danebenbenommen?“ erkundigte sie sich geknickt.

Ein alarmierender Gedanke schoss ihr durch den Kopf und sie wurde bleich. Sie hatte doch hoffentlich keine Annäherungsversuche unternommen oder Chris gar von ihren Gefühlen erzählt? Lieber Gott, alles, nur das nicht. Mit angehaltenem Atem musterte sie ihren jungen Freund, der angestrengt zu überlegen schien.

„Nein“, sagte Chris zu ihrer Erleichterung. „Du warst dann eigentlich ganz vernünftig, obwohl ich dich fast die Treppe rauf tragen musste.“

Er grinste verschmitzt und Alexandras Herz machte einen Satz. Ein solches Lächeln gehörte verboten.

„Bist du sicher?“ frage sie heiser.

Chris nickte bekräftigend. „Ja. Du bist gleich eingeschlafen“, entgegnete er.

Irgendwie hatte Alexandra das Gefühl, dass Chris nicht die ganze Wahrheit sagte, da er Jack einen raschen Blick zugeworfen hatte, bevor er ihre Frage beantwortet hatte.

„Nun, nachdem ich festgestellt habe, dass im Hause Hastings alles gesund und munter ist, werde ich mich wieder auf den Weg nach Hause machen“, verkündete Jack. „Macht’s gut, Leute, ich finde den Weg alleine hinaus.“

„Schönen Gruß an Ian“, rief Alexandra ihm hinterher und zuckte zusammen.

Der Hornissenschwarm war zwar inzwischen zu einem langsamen Walzer übergegangen, aber laute Geräusche vertrug sie noch immer nicht, schon gar nicht ihre eigene Stimme.

„Willst du was essen?“ fragte Chris, während er seine Bücher schloss und sie zu einem ordentlichen Stapel zusammen schob.

Alexandra fasste sich an den Bauch. Es herrschte zwar eine ungemütliche Leere in ihrem Magen aber sie war sich nicht sicher, ob sie etwas Festes vertragen würde. Lieber noch etwas abwarten.

„Nein, im Moment nicht“, entgegnete sie seufzend. „Sag mal, war gestern Abend wirklich nichts oder wolltest du vor Jack bloß nichts sagen, weil es zu peinlich gewesen wäre?“

Mit angehaltenem Atem wartete Alexandra auf Chris’ Antwort. Hatte sie oder hatte sie nicht, das war hier die Frage. Sie wusste zwar, dass sie vor Verlegenheit wahrscheinlich sterben würde wenn wirklich etwas vorgefallen war, doch lieber wollte sie sich der Sache jetzt stellen und mit Chris darüber reden, als sich die ganze Zeit Sorgen machen und ihr Verhältnis unnötig belasten.

Chris setzte sich ihr gegenüber. „Nein, es war wirklich nichts“, erklärte er fest und sah ihr dabei in die Augen.

„Gut“, sagte Alexandra langsam. Dann würde sie ihm das mal glauben. Erleichterung machte sich in ihr breit. Ihr Geheimnis war also noch immer sicher. Sie merkte wie ihre Kopfschmerzen wieder schlagartig besser wurden.

„Was hältst du eigentlich von Mary Jos Einladung? Möchtest du mitkommen?“ erkundigte sie sich.

Chris zog eine zweifelnde Grimasse. „Ich weiß nicht…. Ich war noch nie an so `nem See.“

„Bitte? Dann wird’s aber mal Zeit!“

Für Alexandra war die Sache damit erledigt. Sie war schon mehrmals mit den Andersons in ihrer Hütte am Shashta Lake gewesen und war sich sicher, dass es Chris dort oben gefallen würde. Über Charlie brauchte sie sich in der Beziehung gar keine Gedanken machen. Für den Hund war die Gegend dort oben das reinste Paradies. Es gab so viele unbekannte Gerüche zu erforschen und außerdem liebte der Hund das Planschen im kühlen Nass.

Bevor sich Alexandra jedoch unbeschwert über die kurze Auszeit freuen konnte, galt es, sich dem Donnerwetter zu stellen, das Mary Jo mit Sicherheit für sie bereit hielt. Zwei Tage später fühlte sich Alexandra der Situation soweit gewachsen, dass sie sich abends ins Auto setzte um ihrer Freundin einen Besuch abzustatten.

Zu ihrer Überraschung war Mary Jo aber weder so wütend noch so gekränkt, wie Alexandra sich das vorgestellt hatte. Sie war eher…nachdenklich.

„Erscheine ich dir wirklich so borniert und intolerant, dass du mir das alles nicht sagen konntest?“ fragte Mary Jo nachdem Alexandra sich wortreich bei ihr entschuldigt hatte.

Die beiden jungen Frauen saßen auf der Veranda, von wo aus sie die Kinder, die im Garten spielten, im Blickfeld hatten. Mike war noch bei einem Kunden.

„Ich weiß nicht….“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Du konntest Chris nie akzeptieren und…ich wollte einfach keinen Streit mit dir, darum habe ich es immer wieder hinausgeschoben.“

„Nun, anfangs dachte ich wirklich, dass der Junge nichts taugt, aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass ich unrecht hatte.“

„Wieso hast du das nie gesagt? Chris dachte die ganze Zeit, dass du ihn hasst“, rief Alexandra aus.

Mary Jo zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht eingestehen, dass ich mich geirrt hatte“, sagte sie. „Du musst doch zugeben, dass er manchmal wirklich verboten aussieht. Diese verwilderte Frisur und diese T-Shirts….Er passt einfach nicht in mein Weltbild. Ich bin nun einmal nicht gar so tolerant wie du.“

„Und jetzt? Wieso kannst du ihn plötzlich akzeptieren? Jetzt, wo du sogar weißt, dass er im Gefängnis war? Ich hätte eher gedacht, dass du ihn nun komplett ablehnen würdest.“

Alexandra gab sich wirklich alle Mühe, Mary Jos verschlungenen Gedankengängen zu folgen, doch es mochte ihr nicht so ganz gelingen.

„Nun, ich hab wohl erkannt, dass nicht jeder so ein Glück haben kann wie ich.“

Sie machte eine weit ausholende Handbewegung, wie um Alexandra zu zeigen, was sie meinte.

„Das schöne Haus, ein gut verdienender Ehemann, der zudem noch ein Schatz ist, zwei gesunde Kinder…. Als Chris mich so panisch angesehen hat, nachdem Jack sein Geheimnis ausgeplaudert hat, wurde mir klar, was für ein egoistisches, oberflächliches Biest ich ihm gegenüber war.

„Das erklärt aber immer noch nicht, wieso du ihn jetzt auf einmal tolerieren kannst.“

Den Einwurf konnte sich Alexandra nicht verkneifen.

Mary Jo lächelte ironisch. „Komm schon, Alexandra. Muss ich dir das wirklich erklären? Ich bin ebenso das Opfer von einem Paar großer brauner Kulleraugen geworden wie du. Chris hat mich in dem Moment irgendwie an…“ sie suchte nach der richtigen Bezeichnung.“…an einen Hundewelpen erinnert, den man gerade von seiner Mutter getrennt hat.“

Alexandra wollte schon protestieren, unterließ es dann aber. Mary Jo hatte den Nagel ja auf den Kopf getroffen. Wenn Chris einen direkt ansah, dann konnte man ihm einfach nicht böse sein.

„Aber wieso hast du ihn dann auch noch in die Einladung zum See mit eingeschlossen? Damit hast du mich wirklich überrascht.“

Mary Jo zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht…“, sagte sie nachdenklich. „Das war eher eine Laune des Augenblicks. Ich habe an meine eigenen Kinder gedacht, dass ich Gott dankbar wäre, wenn sie in einer solchen Situation Hilfe und Unterstützung bekommen würden….Ich kann nur beten, das so etwas nie passiert, aber du hast dein Schicksal ja nicht in der Hand.“ Nachdenklich betrachtete Mary Jo ihre Hände, die sie in ihrem Schoß liegen hatte. „Es muss furchtbar sein, mit siebzehn ins Gefängnis zu kommen und danach ohne einen Menschen, der sich um einen kümmert, dazustehen.“

Alexandra schluckte, als sie daran dachte. Sie hatte Mary Jo ziemlich am Anfang, kurz nachdem sie Chris eingestellt hatte, erzählt, dass er Vollwaise war. Ihre Freundin war damals aber noch völlig auf ihrem Misstrauenstrip gewesen und hatte dieser Tatsache keine großartige Beachtung geschenkt. Aber anscheinend war es ihr nach Chris’ Geständnis wieder eingefallen.

Mary Jo war aber noch nicht fertig mit ihrer Rede.

„Ich glaube, dass du ein gutes Werk getan hast, als du Chris bei dir aufgenommen hast und möchte dich dabei unterstützen. Darum habe ich ihn mit in die Einladung eingeschlossen. Er braucht jetzt so etwas wie eine Familie.“

Jetzt musste Alexandra ein Lächeln unterdrücken. DAS war wieder die Mary Jo, die sie kannte. Immer mit Feuereifer dabei, sich in das Leben ihrer Freunde einzumischen. Chris würde noch sein blaues Wunder erleben und sich nach den Zeiten zurücksehnen, als Mary Jo ihn noch nicht „adoptiert“ hatte.

„ Ihr werdet euch das Schlafzimmer oben teilen müssen. Ist das in Ordnung für dich? Ich meine, du siehst in ihm doch so etwas wie einen kleinen Bruder, nicht wahr? Es gibt ja zwei Betten und man kann den Raum mit einem Vorhang teilen.“

„Hm?“ Mary Jo’s letzte Frage riss Alexandra aus ihren amüsanten Gedanken.

„Ja, natürlich“, versicherte sie schnell. Dass ihre Gefühle Chris gegenüber nicht gerade schwesterlich waren, das konnte sie Mary Jo auf keinen Fall anvertrauen. Sie konnte sich ja selbst nicht verstehen, wie sollte es dann ihrer Freundin gelingen?

Nicht viel später wandte sich Unterhaltung der Planung des Ausfluges für das kommende Wochenende zu. Die beiden Frauen vereinbarten, wer was mitnehmen würde. Als Alexandra Mary Jo schließlich verließ, war ihre Welt wieder in Ordnung. Halbwegs zumindest.
 

Teil 23

 

„Da drinnen sollen wir alle übers Wochenende wohnen?“ Mit zweifelndem Gesichtsausdruck stand Chris vor der Blockhütte, die die Andersons ihr eigen nannten. Es war ein wunderschöner Sommertag, der Himmel spiegelte sich in der weiten Wasserfläche des von Bäumen umrandeten Sees und es herrschte eine herrliche Ruhe nach der anstrengenden Fahrt auf den überfüllten Straßen. Der Shashta Lake lag etwa vier Stunden Autofahrt nördlich von San Francisco im Landesinneren.

Alexandra fand es perfekt. Sie kam gern an den See und hatte schon ab und zu auch ein Wochenende allein hier oben in der Hütte verbracht, vor allem nach dem Tod ihrer Tante, als sie sich darüber klar werden musste, was sie mit der Erbschaft anfangen wollte. Hier oben hatte sie den Entschluss gefasst, ihre eigene Praxis zu eröffnen.

„Es ist genug Platz für alle,“ lachte sie. „Mary Jo und Mike schlafen mit den Kindern unten und wir beide müssen uns den Dachboden teilen.“

„Dachboden?“

„Keine Sorge, es gibt Betten, du brauchst nicht auf dem Boden zu schlafen.“ Alexandra begann, sich immer mehr und mehr zu amüsieren.

Sonderbarerweise hatte Chris während der ganzen Fahrt kaum Fragen über diesen Ort gestellt, stattdessen hatten sie sich über die Reparaturen am Haus unterhalten, die Chris in den nächsten Wochen in Angriff nehmen sollte.
Sie konnte sich das Lachen kaum verbeißen, als Chris die Blockhütte noch immer misstrauisch musterte.

„Komm schon, wir haben noch was zu tun vor dem Abendessen.“

Als sie die Hütte betraten, wurden sie von Mary Jo begrüßt, die dabei war, die mitgebrachten Nahrungsmittel zu verstauen. Die Andersons waren bereits am frühen Vormittag losgefahren und Mike und die Kinder waren auf Erkundungstour.

„Ihr könnt dann mal nach oben gehen und die Betten beziehen,“ ordnete Mary Jo an. „In einer Stunde gibt’s Abendessen.“

Gefolgt von Chris stieg Alex die schmale Treppe ins Dachgeschoß hinauf. Der niedrige Raum war durch einen Vorhang abgeteilt, auf der einen Seite stand ein Einzelbett, auf der anderen ein Doppelbett. Zwei niedrige Regale neben den Betten vervollständigten die Einrichtung. Ein kleines Fenster, das mit Fliegendraht verkleidet war, ließ die Abendsonne herein.

„Ich nehme das Doppelbett,“ verkündete Alexandra und stellte ihre Tasche darauf ab. Sie holte Laken und Kissenbezüge daraus hervor und warf Chris die für ihn bestimmte Bettwäsche zu.

„Worauf wartest du?“ fragte sie, als Chris keine Anstalten machte, ihrem Beispiel zu folgen und sein Bett herzurichten.

„Wo ist hier eigentlich der Lichtschalter?“ Suchend blickte Chris sich in dem Raum um.

Alexandra hielt inne. Sie hätte Chris wohl doch etwas genauer aufklären sollen über das, was ihn hier erwartete. Aber für Warnungen war es jetzt zu spät. Sie griff in die Tasche und zog zwei Taschenlampen heraus.

„Hier,“ sagte sie und reichte Chris eine davon.

„Hier gibt’s keinen Strom?“

„Hinter dem Haus ist ein Generator, aber der ist ziemlich laut und außerdem stinkt er nach Diesel wie die Pest, wenn man ihn laufen lässt.“

Chris schien eine Weile zu brauchen, um diese Information zu verdauen.

„Aber…Wasser gibt es hier schon, oder müssen wir uns im See waschen?“ fragte er schließlich vorsichtig. „Und wo ist die Toilette?“

Alexandra presste die Lippen zusammen, um einen Lachanfall zu unterdrücken. Das konnte ja heiter werden.

„Ja, gibt es. Allerdings wirst du die nächsten zwei Tage auf eine heiße Dusche verzichten müssen. Das Wasser stammt nämlich aus einem Brunnen. Und das Toilettenhäuschen ist hinter der Blockhütte.“

Chris’ Gesichtsausdruck bei diesen Worten raubte ihr allerdings ihre mühsam aufrechterhaltene Beherrschung. Übermannt von hilflosem Gelächter ließ sie
sich rücklings auf ihr halbfertiges Bett fallen.



***



Eine halbe Stunde später, nachdem Alexandra ihren Lachanfall unter Kontrolle gebracht und einen leicht beleidigten Chris besänftigt hatte, gingen die beiden wieder hinunter in die Küche, wo Mike gerade dabei war, den Tisch zu decken. Charlie tollte vor der Hütte mit den Kindern herum.

„Hallo Mike. Hm, das riecht aber lecker,“ bemerkte Alexandra. Ein verführerischer Duft nach geschmolzenem Käse durchzog die kleine Hütte.

„Setzt euch schon mal hin,“ befahl Mary Jo, die geschäftig hin- und her eilte. Sie sah wie immer perfekt aus, selbst mitten in der Wildnis und nach mehreren Stunden anstrengender Arbeit war kein Härchen auf ihrem Kopf in Unordnung. Alexandra beneidete ihre Freundin unwillkürlich um diese Eigenschaft. Sie selbst würde das selbst dann nicht schaffen, wenn sie sich stundenlang nicht von ihrem Stuhl weg rühren würde.

Sie und Chris setzten sich nebeneinander auf eine der Bänke an dem großen Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand. Aus dem Augenwinkel bemerkte Alex, wie Chris sich neugierig umsah. Das Feriendomizil der Andersons war eine typisch amerikanische Blockhütte, wie man sie schon vor hundertfünfzig Jahren gebaut hatte. Mike hatte sie von seinem Großvater geerbt. An den Wänden hingen vergilbte Schwarzweiß-Fotos in altmodischen Holzrahmen, daneben alte Werkzeuge und Küchenutensilien sowie ein paar bunte, indianische Webdecken. Über der Tür war ein riesiges Elchgeweih angebracht.
Mary Jo rief nach den Kindern. Susan und Jamie trotteten, gefolgt von Charlie, nur widerwillig zur Tür herein.

„Hab keinen Hunger,“ verkündete Jamie trotzig, als er auf die Bank gegenüber von Chris krabbelte. Nur sein schmollendes Gesicht mit dem widerspenstigen, blonden Haarschopf darüber war über der Tischkante zu sehen. „Will lieber mit Tsarlie pielen.“

„Das kannst du nachher wieder, wenn wir gegessen haben,“ sagte Mary Jo, während sie eine große, viereckige Schüssel auf dem Tisch abstellte. „Charlie geht nicht weg und außerdem hat er jetzt auch Hunger.“

Sie setzte sich zwischen ihre beiden Kinder und begann, deren Teller zu füllen. Als alle am Tisch versorgt waren, faltete Mary Jo die Hände und sprach ein Tischgebet.

„So, und jetzt lasst es euch schmecken,“ verkündete sie, nachdem sie fertig war.

Während Susan brav zu essen begann, piekte Jamie mit dem Zeigefinger in den Inhalt seines Tellers.

„Mag ich nicht,“ schmollte er.

Alexandra ließ sich genüsslich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen und beobachtete amüsiert den Zwerg auf der anderen Seite des Tisches, der von seinem Abendessen nicht sehr angetan zu sein schien. Mary Jo hatte sich im Anbetracht der Umstände einfach selbst übertroffen, die Gemüselasagne war köstlich. Mary Jo hatte alles verarbeitet, was der Garten so hergab. Karotten, Brokkoli, Paprika, Kartoffeln mit einer fein gewürzten Tomatensoße, und das Ganze mit Käse überbacken. Ein Traum. Aber anscheinend nicht für Kinder.

„Jamie, lass den Unsinn,“ sagte Mary Jo streng. „Du bekommst dieses ungesunde Zeug wie Hamburger und Pommes nicht. Davon wirst du nicht groß und stark, sondern bleibst immer so ein kleiner Knirps. Wenn du deinen Teller nicht brav leer machst, darfst du nachher nicht mit Charlie spielen, sondern musst ins Bett.“

Bei der Erwähnung von Hamburgern und Pommes musste Alexandra plötzlich an ähnliche, nur etwas verbal ausdrucksvollere Diskussionen denken, die sie vor noch gar nicht langer Zeit mit einem gewissen Jemand geführt hatte. Dieser Jemand saß neben ihr auf der Bank und stocherte lustlos in seinem Teller herum. Alexandra konnte ein Kichern nicht ganz unterdrücken und begann zu husten, um diesen Ausrutscher zu tarnen. Das lenkte Mary Jos Aufmerksamkeit kurzzeitig von ihrem widerspenstigen Sprössling ab.

„Alex! Hast du dich verschluckt?“ rief sie besorgt. „Mike, klopf ihr doch mal auf den Rücken.“

Atemlos wehrte Alexandra Mikes Erste-Hilfe-Versuche ab.

„Geht schon wieder,“ keuchte sie. „Muss wohl etwas in die falsche Kehle bekommen haben.“

Der Blick, den Chris ihr zuwarf, sprach Bände und sie musste schwer mit dem Drang kämpfen, in brüllendes Gelächter auszubrechen.

Mary Jo war inzwischen auch darauf aufmerksam geworden, dass Chris noch keinen Bissen gegessen hatte.

„Chris, schmeckt es dir nicht? Oder hast du keinen Hunger? Du wirst doch wohl nicht krank werden?“ Mary Jo war in vollem Muttergans-Modus.

Alexandra spürte, wie Chris neben ihr zusammenschrak. „Doch…doch, es ist alles in Ordnung,“ stammelte er. „Es ist sehr gut, wirklich.“

Wie um diese Aussage zu bestätigen, begann er zögernd zu essen. Zu Alexandra Überraschung leerte er nicht nur seinen Teller in Rekordzeit, sondern ließ sich von Mary Jo, die mittlerweile auch Jamie wenigstens halbwegs und unter Zuhilfenahme von rücksichtloser Erpressung von den Vorteilen gesunden Essens überzeugt hatte, sogar noch eine zweite Portion geben.

Nach dem Essen erbot sich Alexandra, den Abwasch zu übernehmen, damit Mary Jo sich eine Auszeit gönnen und mit sich mit Mike auf der Bank vor der Hütte ausruhen konnte. Chris räumte den Tisch ab, während Alexandra einen Kessel Wasser auf dem Herd erhitzte. Als sie sicher war, dass Mary Jo außer Hörweite war, konnte Alexandra sich nicht verkneifen, ein wenig zu sticheln.

„Hat Mary Jo dich tatsächlich bekehrt und dich überzeugt, dass Gemüse nicht giftig ist oder hattest du nur einfach Angst davor, dass sie dich auch ins Bett schicken würde?“

„So hat’s ja gar nicht mal so schlecht geschmeckt, mit dem Käse drüber, meine ich,“ verteidigte sich Chris. „Ich find nur dieses Salatzeug eklig. Wie kann man nur grüne Blätter essen?“

Alexandra schüttelte seufzend den Kopf. Hier war Hopfen und Malz verloren. Sie machte sich im Geiste eine Notiz, Mary Jo nach dem Rezept für den Auflauf zu fragen und welche Tricks sie auf Lager hatte, um Jamie dazu zu bewegen, etwas zu essen, das er einfach aus Prinzip nicht mochte. Was bei einem dreijährigen Jungen half, konnte man sicher auch bei einem jungen Mann anwenden. So stark entwickelten sich Männer schließlich intellektuell nicht weiter.

Nach dem Abwasch gingen die beiden nach draußen, um Mike und Mary Jo Gesellschaft zu leisten und um den Sonnenuntergang zu beobachten. Chris gestand schließlich auch den Andersons, dass es das erste Mal war, dass er weitab von irgendeiner Stadt mitten in der Wildnis war.

Alexandra war zufrieden, so zufrieden jedenfalls, wie man es sein konnte, wenn das Objekt seiner unerfüllten Sehnsüchte neben einem saß und man wusste, dass es nie mehr als Freundschaft zwischen sich und dem anderen
geben würde.
 

Teil 24

 

Alexandra wusste nicht, weshalb sie aufgewacht war. Durch das geöffnete Dachfenster drang das prasselnde Geräusch heftigen Regens, untermalt vom Pfeifen des Windes, der ums Haus strich. Das Aufleuchten eines Blitzes tauchte das Zimmer für ein paar Sekunden in ein geisterhaftes Licht. Charlie winselte. Er mochte keine Gewitter.

Doch da war noch etwas anderes. Ein Geräusch, das nicht zu der Sinfonie der Naturgewalten zu passen schien. Alexandra lauschte in die Dunkelheit. Da war es wieder. Es drang durch den Vorhang, der die Dachkammer teilte und hörte sich an wie leises Schluchzen.

Alexandra setzte sich auf. Hatte Chris etwa Angst vor Gewittern?

„Chris? Ist alles in Ordnung?“ fragte sie leise.

Keine Antwort. Alexandra griff nach ihrer Taschenlampe, knipste sie an und stand auf. Barfuss tapste sie um den Vorhang herum zu Chris’ Bett, wobei sie hoffte, dass sie sich keinen Splitter von dem rohen Holzfußboden in den Fuß treten würde.

Chris lag zu einem Ball zusammengerollt auf der Seite. Die Augen hatte er fest zugekniffen und seine Hände waren auf seine Ohren gepresst, als könnte er sich dadurch vor der vermeintlichen Bedrohung durch das Gewitter schützen.

Alexandra legte die brennende Taschenlampe auf dem schmalen Regal ab, das als
Nachttisch diente, und setzte sich auf die Bettkante. Da der junge Mann sie gar nicht zu bemerken schien, streckte sie die Hand aus und rüttelte ihn sanft an der Schulter.
Alexandra wäre vor Überraschung beinahe von der Bettkante gerutscht, als Chris mit einem erstickten Aufschrei hochfuhr und bis an die Wand zurückwich. Dort kauerte er mit angezogenen Knien und starrte sie mit schreckgeweiteten Augen an.

„Nein…bitte nicht…“ keuchte er.

Jetzt erst bemerkte Alexandra, dass seine Wangen nass von Tränen waren und dass er am ganzen Körper zitterte. Was sie aber am meisten erschütterte, war die Tatsache, dass er sie gar nicht zu erkennen schien und Angst vor ihr hatte.

„Chris, ich bin’s, Alex,“ sagte sie beschwörend. „Es ist alles gut.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Panik aus Chris’ Augen verschwand.

„Alex?“ wisperte er. Seine Stimme klang flehend, als könne er nicht glauben, dass sie es tatsächlich war und nicht eines der Phantome, die er zu fürchten schien.

„Wer denn sonst?“ entgegnete Alexandra betont ruhig, um ihm einen Anker zu geben, der ihn in die Realität zurückholte. „Hat dich das Gewitter so erschreckt?“ fragte sie behutsam.
Zuerst schüttelte Chris den Kopf, doch dann schien er sich doch anders zu entscheiden und nickte.

„Ja,“ antwortete er keuchend und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen.
Ein Blitz ließ das Zimmer taghell erscheinen und wurde von einem gewaltigen Donnerschlag begleitet. Chris zuckte zusammen und schluchzte unwillkürlich auf. Alexandra beugte sich vor und legte ihm die Hände auf die Schultern.

„Chris, sieh mich an. Sieh mich an,“ befahl sie nochmals, als der junge Mann ihrer Aufforderung nicht gleich Folge leistete. Erst als sie sicher war, seine volle Aufmerksamkeit zu besitzen, fuhr sie fort. „Das Gewitter kann uns nichts anhaben, das Haus hat einen Blitzableiter. Mary Jo würde sonst schon längst hysterisch kreischend durch die Gegend rennen und uns alle in die Autos scheuchen. Weißt du wieso?“ fragte sie, um Chris von dem tobenden Sturm abzulenken.

„Nein,“ würgte dieser hervor. „Ich….“ Er konnte nicht weiter sprechen, denn sein Atem kam in immer abgehackteren Stößen.

Verdammt, dachte Alexandra, das artete ja in eine regelrechte Panikattacke aus. So hatte sie Chris noch nie erlebt. Und sie war sich sicher, dass nicht nur der tobende Sturm die Ursache war. Wieso hatte er vorhin so hysterisch reagiert, als sie ihn angefasst hatte? Ein schrecklicher Verdacht keimte in Alexandra auf und gewisse Vorfälle in der Vergangenheit begannen ihr plötzlich in einem ganz anderen Licht zu erscheinen.

„Oh Gott….“ Chris’ heiserer Aufschrei ließ Alexandra aus ihrer Erstarrung erwachen. Er hatte sich an die Kehle gegriffen und schnappte verzweifelt nach Luft. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Alexandra schob alle anderen Gedanken zur Seite und konzentrierte sich nur noch auf den Jungen, der darum kämpfte, genügend Luft in seine Lungen zu bekommen.
Sie griff nach einer Plastiktüte, die glücklicher weise in ihrer Reichweite auf dem improvisierten Nachttisch lag und packte Chris mit einem energischen Griff, so dass er schließlich seitlich zwischen ihren Beinen saß. Mit einem Arm stützte sie seinen Rücken, mit der anderen Hand umfasste sie die Tüte, so dass oben nur eine kleine Öffnung blieb und hielt sie Chris vor den Mund.

„So, und jetzt schön ruhig atmen, hörst du? Ein und aus, ein und aus…ja, so ist’s gut…Ein….Aus…“

Alexandra kam es vor, als würde eine Ewigkeit vergehen, bis Chris endlich anfing, ruhiger zu atmen. Als er nach der Tüte griff, um sie von seinem Mund zu entfernen, seufzte Alexandra erleichtert auf. Sie hatte keine Ahnung, was sie hätte tun sollen, wenn dieser Trick nicht gewirkt hätte.

„Geht’s wieder?“

Alexandra spürte, wie Chris, der erschöpft an ihrer Brust lehnte, nickte. Er zitterte noch immer leicht, doch es war kein Vergleich mehr zu seinem vorherigen Zustand. Sie hielt ihn mit beiden Armen fest umfangen und vergrub ihr Gesicht in seinem Nacken. Erst jetzt spürte sie, wie viel Kraft ihr das Ganze abverlangt hatte. So saßen sie schweigend einige Minuten, bis Chris sich regte. Sofort ließ Alexandra ihn los.

„Ich…ich glaub, jetzt bin ich wieder okay,“ flüsterte er. „Tut…tut mir leid…ich weiß nicht, was mit mir los war…“ Chris wich Alexandras Blick aus.

„Schon gut, das muss dir nicht peinlich sein. Jeder hat etwas, wovor er sich fürchtet.“ Und du hast anscheinend mehr Grund dazu als viele andere, fügte Alexandra im Stillen hinzu.

„Trotzdem…. Du musst mich wirklich für einen riesigen Feigling halten.“ In der Ferne war ein Donnergrollen des abziehenden Gewitters zu hören und Chris zuckte fast unmerklich zusammen und begann wieder leicht zu zittern.

„Nein, tu ich nicht,“ versicherte ihm Alexandra. „Und jetzt sollten wir schlafen. Außer du möchtest lieber noch über etwas reden…?“ Den letzten Satz äußerte sie, ohne sich sicher zu sein, ob sie jetzt in der Lage war, mit der vermutlichen Ursache von Chris’ Panikattacke umzugehen. Doch wenn er bereit war, sich ihr zu öffnen, dann würde sie diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sie war fast erleichtert, als Chris den Kopf schüttelte.

„Nein…du hast recht, wir sollten jetzt lieber schlafen. Danke…danke, dass du dich vorhin um mich gekümmert hast.“ Er zupfte verlegen am Saum seines T-Shirts. Es war wieder das mit dem riesigen gelben Smiley.

„Schon gut,“ entgegnete Alexandra. Sie streckte sich neben Chris, der erstaunt auf sie hinuntersah, auf dem schmalen Bett aus und stützte sich auf dem Ellbogen auf. Das Gewitter war zwar abgezogen, doch es regnete noch immer heftig. Sie hätte jetzt in ihr eigenes Bett hinübergehen sollen, doch das brachte sie nicht übers Herz.

„Du bleibst hier?“ fragte Chris scheu und Alexandra meinte, so etwas wie Erleichterung in seiner Stimme mitschwingen zu hören.

„Ja.“ Sie schenkte ihrem Bettgenossen ein schiefes Lächeln. „Wir sind beide schlank, das wird schon irgendwie gehen.“ Auf den Gedanken, in ihr weit größeres Bett „umzuziehen“, kam Alexandra nicht, dazu war sie im Geiste viel zu sehr mit etwas anderem beschäftigt.
Chris schluckte mehrmals, dann rutschte er neben die junge Tierärztin. Alexandra zog ihn an sich und bettete seinen Kopf an ihre Schulter, bevor sie nach der Taschenlampe reichte und diese ausknipste.

„Schlaf jetzt, Baby, ich pass auf dich auf,“ flüsterte sie und hauchte fast unmerklich einen Kuss auf Chris’ Haare.



***


Tief atmete Alexandra die klare Morgenluft ein. Sie liebte den Geruch des Waldes nach einem Regenguss, es war, als wäre die Natur frischgewaschen worden und würde wieder in neuem Glanz erstrahlen. Obwohl es nach dem nächtlichen Sturm noch kühl war, kündigte die Sonne doch bereits einen wunderbaren Sommertag an.
Charlie zerrte an seiner Leine und wollte einem vorwitzigen Streifenhörnchen folgen, das sich aber schnell auf einem Baum in Sicherheit gebracht hatte und nun aus luftiger Höhe schadenfroh auf den Hund herunterstarrte.

Von all dem bekam Alexandra nur wenig mit, zu sehr war sie in ihre Überlegungen vertieft. Vergangene Nacht war Chris, vermutlich vor Erschöpfung, relativ schnell eingeschlafen, doch Alexandra hatte noch lange wach gelegen und seinen regelmäßigen Atemzügen gelauscht. Sie war die Ereignisse der vergangenen Monate im Geiste noch einmal durchgegangen und hätte sich für ihre Blindheit ohrfeigen können.

Chris’ Wunsch, an einem ihrer Kurse teilzunehmen, sein seltsames Verhalten bei und nach dem Vorfall mit dem Möbelpacker, sein Widerwillen, sich allein von Dr. Langton untersuchen zu lassen, sein Abscheu, als ihm aufgegangen war, warum diese Johanna ihm ihre Karte gegeben hatte und nun die Panik in seinen Augen, als er sie letzte Nacht für jemand anderen gehalten haben musste…. Doktor Langton musste so etwas geahnt haben, darum hatte er heimlich diese Tests durchführen lassen. Alexandra wünschte nur, der Arzt hätte mit ihr damals über seinen Verdacht gesprochen. ‚Bitte nicht….’ Wie oft mochte Chris vergeblich darum gebettelt haben, verschont zu werden?

Heute Morgen, als Alexandra aufgewacht war, hatte Chris noch tief und fest geschlafen. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, hatte sie ihr Schlaf-T-Shirt aus seinem Griff befreit und war aufgestanden. Sie hatte Mary Jo und Mike gebeten, Chris schlafen zu lassen und war nach einer großen Tasse Kaffee mit Charlie zu einem Spaziergang am See entlang aufgebrochen, um einen klaren Kopf zu bekommen und sich zu überlegen, was sie mit ihrem Wissen anfangen sollte.

Die Vergewaltigungsopfer, die sie bisher in ihren Kursen kennen gelernt hatte, waren alle weiblich gewesen. Dass es auch männliche Missbrauchsopfer gab, darüber hatte sich Alexandra bisher noch keine Gedanken gemacht. Dieses Thema wurde irgendwie totgeschwiegen. Sicher, es gab Anspielungen auf homosexuelle Übergriffe in Gefängnissen in verschiedenen Fernsehserien oder Filmen, doch die wenigsten machten sich vermutlich klar, was diese Anspielungen eigentlich bedeuteten. Auch Alexandra war jedes Mal gedankenlos darüber hinweggegangen.

„Verflixt, Charlie, was soll ich denn jetzt machen? Ich kann ihn doch nicht einfach danach fragen.“

Charlie blaffte, erfreut, dass seine Herrin ihn endlich wieder wahrnahm.

„Ich weiß noch nicht mal, wie ich jetzt mit ihm umgehen soll. Ich kann doch nicht so einfach drüber hinweggehen, als wäre nichts gewesen,“ redete Alexandra weiter. „Gott, wenn ich mir vorstelle, wie’s in ihm drin aussehen muss….“

Alexandra blieb stehen und blickte über die weite Wasserfläche des Sees, über der noch Fetzen des morgendlichen Nebels hingen. Sie hatte sich die ganze Zeit das Gehirn darüber zermartert, wie sie Chris helfen konnte. Dass er Hilfe brauchte, das stand außer Frage.

Er schien zwar fest entschlossen zu sein, seine Zeit im Gefängnis vergessen zu wollen, doch dass im das nicht gelang, das war offensichtlich. Doktor Winslow hatte einmal zu Alexandra gesagt, dass es am besten war, wenn sich Vergewaltigungsopfer ihren Gefühlen und ihren Ängsten stellten und darüber redeten.

Früher oder später würden sie sonst daran zerbrechen. Schweigen und Verleugnen der Tatsache, dass man missbraucht wurde, mochten zwar am Anfang scheinbar helfen, doch irgendwann würden sich die aufgestaute Verzweiflung und der Zorn darüber, was passiert war, ein Ventil suchen.

„Charlie, ich bin ein Trottel,“ rief Alexandra aus. „Ich werde einfach Doktor Winslow fragen, was sie davon hält. Wenn sie mir nicht weiterhelfen kann, dann weiß sie sicher jemanden, der mit so etwas Erfahrung hat.“

Ja, das war eine annehmbare Lösung. Gleich am Montag würde sie die Psychologin anrufen und ihr das Problem schildern. Bis dahin musste sie versuchen, mit Chris so wie immer umzugehen und sich nichts anmerken zu lassen.
 

Teil 25

 

Chris lag auf dem Rücken in seinem Bett und starrte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an die Decke. Vor etwa einer halben Stunde war er von dem Geschrei, das die Kinder vor dem Haus veranstaltet hatten, aufgewacht, hatte sich aber noch nicht aufraffen können, hinunterzugehen.

Das Gewitter in der vergangenen Nacht hatte furchtbare Erinnerungen an die Ereignisse während eines anderen Unwetters geweckt. Es war vor etwa drei Jahren gewesen, nachdem sein damaliger „Beschützer“ – eigentlich war die Bezeichnung der pure Hohn – in ein anderes Gefängnis verlegt worden war. Einerseits war Chris erleichtert gewesen, das Schwein los zu sein, doch andererseits hatte er gewusst, was er von dem Typen erwarten konnte und hatte sich darauf eingestellt. Seltsam, wie man im Gefängnis seine Prioritäten veränderte. Chris waren ein paar Tage ohne Prügel oder sexuelle Dienstleistungen wie Weihnachten und Ostern zusammen erschienen.
 

Er war also wieder Freiwild für die Meute gewesen. Zwei Tage, nachdem Jackson verlegt worden war, war es dann passiert. Er hatte, wie üblich, in der Schreinerei gearbeitet. Draußen hatte sich ein Gewitter zusammengebraut, er konnte sich noch genau an die grellen Blitze erinnern, die die düstere Werkstatt in gleißendes Licht getaucht hatten. Plötzlich hatte ihn jemand von hinten gepackt, ihm den Mund zugehalten und ihn in den angrenzenden Lagerraum geschleppt. Dort hatten bereits vier andere Gefangene gewartet.
 

Chris hatte die fünf Kerle gekannt, es war eine Gang von Latinos gewesen, die schon seit längerem ein Auge auf ihn geworfen und ihn mit anzüglichen Gesten und Bemerkungen verfolgt hatten. Bisher hatte ihn Jacksons Ruf, ein brutaler Schläger zu sein, immer vor deren Annäherungsversuchen geschützt. Doch nun war Jackson nicht mehr da und Chris sah sich allein einer Meute hungriger Wölfe gegenüber, die ihn in Stücke reißen wollte.

Es gelang ihm noch, sich loszureißen und zur Tür zu rennen, doch Juan, der Typ, der ihn hierher geschleppt hatte, war schneller.

„Nicht so eilig, Amigo,“ sagte der Latino mit einem dreckigen Grinsen. „Du willst doch wohl nicht die Party verpassen, die wir extra für dich geplant haben….“

Damit packte er Chris und schleuderte ihn zurück in den Raum, direkt in die wartenden Arme seiner Freunde.

Die Erinnerungen an die Geschehnisse danach waren bestenfalls verschwommen. Das Gelächter und das Johlen der fünf Männer, das Donnergrollen im Hintergrund, der Geruch nach Blut und Samenflüssigkeit und die fürchterlichen Schmerzen, als die Kerle ihn einer nach dem anderen brutal vergewaltigt hatten, hatten sich jedoch für immer in seine Gedächtnis eingebrannt.

Chris holte zitternd Atem und schluckte. Gestern Nacht war er wieder in diesem Lagerraum gewesen. Hatte lautlos darum gefleht, dass die Kerle von ihm ablassen mögen und es endlich vorbei sein würde. Als Alexandra zu ihm ans Bett gekommen war, hatte er sie im ersten Moment gar nicht erkannt. Die Erleichterung, die er verspürt hatte, als sein Gehirn endlich registriert hatte, wer da neben ihm saß, war unbeschreiblich gewesen.

Doch dann war da diese Angst gewesen, die sich wie aus dem Hinterhalt an ihn herangeschlichen und ihm die Luft zum Atmen geraubt hatte. Er hatte gar nicht konkret gewusst, wovor er in dem Moment Angst gehabt hatte, sie war einfach wie aus dem Nichts aufgetaucht.

Alexandra war fantastisch gewesen. Sie war wie ein Fels in der Brandung, unerschütterlich und voller Selbstvertrauen, das sie verstanden hatte, auf ihn zu übertragen. Chris mochte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn sie nicht dagewesen wäre, um ihm zu helfen.

Doch diese Tatsache stellte ihn vor ein neues Problem. Sie würde wissen wollen, was vergangene Nacht mit ihm los gewesen war und er hatte keine Ahnung, was er ihr erzählen sollte. Die Wahrheit stand außer Frage. Also musste er sich schnellstmöglich eine plausibel klingende Lüge einfallen lassen. Chris seufzte gequält auf. Er hasste es, den einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt noch etwas bedeutete, anlügen zu müssen. Doch die Alternative dazu war zu schrecklich, um überhaupt darüber nachzudenken.


***


Als Alexandra zur Blockhütte zurückkam, schien sie verlassen. Sie erinnerte sich daran, dass Mary Jo davon gesprochen hatte, dass sie mit Mike und den Kindern den Tag mit einer befreundeten Familie verbringen wollte, die ebenfalls hier am See ein Haus besaß. Ihre Freundin hatte ihr noch den Weg dorthin beschrieben, falls sie später mit Chris nachkommen wollte. Alexandra hatte diese Möglichkeit offen gelassen, da sie keine Ahnung hatte, wie sich die Angelegenheit mit Chris weiterentwickeln würde.

Alexandra betrat das Haus und ging leise die Treppe nach oben. Mittlerweile war es fast Mittag und sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass Chris noch schlief. Er war in der Regel ein Frühaufsteher, vermutlich ein Überbleibsel aus seiner Zeit im Gefängnis. Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Dachkammer und steckte den Kopf hinein. Wie erwartet war Chris wach und sah auf, als sie die Tür ganz aufmachte und den Raum betrat.

„Morgen, Schlafmütze,“ sagte Alexandra. „Willst du etwa den ganzen Tag im Bett verbringen? Draußen scheint die Sonne. Hast du Lust, nachher schwimmen zu gehen?“

Chris hatte anscheinend eine etwas andere Begrüßung erwartete, denn er warf ihr einen irritierten Blick zu.

„Ich…Ich hab keine Badehose, also wird’s damit wohl nichts,“ entgegnete er schließlich unsicher.

„Keine Sorge, so etwas habe ich mir schon gedacht.“ Alexandra ging zu ihrem Bett, neben dem ihre Reisetasche stand. Sie zog etwas daraus hervor. „Hier, sogar in Schwarz. Ich hoffe nur, ich habe die richtige Größe erwischt.“

„Du hast mir eine Badehose gekauft?“ Fassungslos starrte Chris auf das Kleidungsstück, das Alexandra ihm zugeworfen hatte.

„Ich hab nicht angenommen, dass du dich im Besitz einer solchen befindest.“ Es wunderte Alexandra nun doch etwas, wie leicht sie ihre Befangenheit Chris gegenüber überspielen konnte. Wahrscheinlich lag es daran, dass er sich auch nicht gerade wohl in seiner Haut zu fühlen schien.

„Los komm, zieh dich erst mal an, dann mach ich uns noch was zum Frühstück,“ befahl sie und drehte sich um, um wieder nach unten zu gehen. Chris’ Stimme hielt sie zurück.

„Alex?“

„Ja?“

„Danke…wegen gestern Nacht…“

Alex blieb im Türrahmen stehen und blickte über ihre Schulter zu Chris.

„Wozu sind Freunde denn da?“ sagte sie leise, bevor sie sich abwandte und nach unten ging.

Als Chris ihr schließlich folgte, hatte Alexandra bereits frischen Kaffee gemacht und in der Pfanne brutzelte Schinkenspeck. Sie fügte nur noch die Eier hinzu, dann konnte sie Chris sein verspätetes Frühstück oder verfrühtes Mittagessen – je nachdem wie man es sehen wollte – vorsetzen. Sie selbst begnügte sich mit einem Sandwich, dass sie aber nur zur Hälfte hinunter bekam.

„Ich hoffe, dass trifft deinen Geschmack eher,“ scherzte sie in Anspielung auf das Essen am Vorabend. Diese Bemerkung entlockte Chris sogar ein Lächeln.

„Es hat mir geschmeckt,“ gab er widerstrebend zu. „Ich hab mich früher nur immer aus Prinzip mit meiner Mom darum gestritten, dass ich kein Grünzeug mag. Das ist mir wohl geblieben. Und Salat hasse ich.“

„…weil die grünen Blätter eklig sind,“ fügte Alexandra hinzu und lachte. Es tat gut zu wissen, dass sich nicht alles über Nacht verändert hatte. Chris war noch immer der gleiche Mensch wie vorher, mit all seinen Macken und guten Eigenschaften.

Das Ganze hatte etwas Surreales. Auf einer Bewusstseinsebene hatte sich für sie ihr Verhältnis zu Chris von Grund auf verändert, jetzt wo sie zu wissen glaubte, was man ihm angetan hatte und auf der nächsten erschien ihr alles so wie immer zu sein. Das musste anscheinend ein Mechanismus ihres Unterbewusstseins sein, der ihr helfen sollte, mit diesem furchtbaren Wissen umzugehen.

„Genau,“ bestätigte Chris selbstironisch.

Als er mit dem Essen fertig war, schickte Alexandra ihn nach oben, um sich umzuziehen. Hätte Chris sich kategorisch geweigert, dann hätte sie die Idee mit dem Schwimmen fallenlassen, doch er verschwand ohne Diskussion, nur um ein paar Minuten später mit der Badehose und einem Shirt bekleidet wieder zu erscheinen.

Alexandra musste trotz ihrer noch immer aufgewühlten Gefühle lächeln, als sie Chris sah. Seine Haut hatte einen leichten, natürlichen Braunton, ein Erbe seiner italienischen Mutter, genauso wie seine dunklen Haare und Augen. Sie selbst würde daneben wie ein Käseleibchen wirken.

Chris’ Vater war Ire gewesen, der als Kind mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten gekommen war. Chris hatte ihr einmal Bilder von seinen Eltern gezeigt. Rory O’Connor war ein großer, bulliger Mann gewesen, der seine zierliche Frau um mehr als zwei Köpfe überragt hatte. Alexandra hatte damals festgestellt, dass Chris vollkommen nach seiner Mutter Giovanna schlug, sowohl vom Aussehen als auch vom Körperbau. Sie hatte ihn gefragt, ob er eigentlich auch italienisch konnte, doch das hatte Chris verneint. Als kleines Kind hatte er es zwar gesprochen, doch im Jahr vor seiner Einschulung hatten seine Eltern nur noch Englisch mit ihm geredet und er hatte mehr und mehr vom Vokabular vergessen. Wenn seine Mutter wütend auf ihn gewesen war, hatte sie zwar auf italienisch mit ihm geschimpft, aber das waren so ziemlich die einzigen Gelegenheiten gewesen, wo er die Sprache noch gehört hatte.

Nachdem sie ihren Badeanzug und ein Strandkleid angezogen, ihre Haare hochgesteckt und sich ein paar Badetücher geschnappt hatte, gesellte sie sich zu Chris, der vor der Hütte auf sie wartete und in Gedanken versunken an seiner Unterlippe herumkaute.

„Was ist los?“ fragte Alexandra und griff nach seiner Hand.

„Nichts,“ versicherte er ihr hastig. „Ich war nur noch nie an `nem See beim Baden.“

„Ehrlich?“

„Hey, ich bin in `ner Großstadt aufgewachsen. Meine Eltern hatten nie soviel Geld übrig, um irgendwohin mit mir in Urlaub zu fahren.“

„Aber L.A. liegt doch am Meer. Wart ihr da etwa auch nie?“

„Doch, manchmal,“ entgegnete Chris, während er sich von Alexandra zum Bootssteg, der zur Blockhütte gehörte, hinunterziehen ließ. „Aber das Wasser war immer schweinekalt.“

Sie hatten den Bootssteg erreicht. Die Sonne brannte mittlerweile erbarmungslos herunter und ein Sprung ins kühle Nass würde eine willkommene Erfrischung sein. Und eine willkommene Ablenkung, sowohl für sie selbst als auch für Chris. Nur der Himmel wusste, was in Chris nach dieser Horrornacht vorgehen mochte.

Alexandra warf die Handtücher auf den Boden und streifte ihr Kleid ab, bevor sie sich auf den Rand des Steges setzte und die Beine ins Wasser baumeln lies. Der nächtliche Regenguss hatte den See abgekühlt, doch er hatte noch immer eine angenehme Temperatur.

„Worauf wartest du? Zieh dein T-Shirt aus und setz dich her.“

Alexandra sah zu Chris hoch, der wie angewurzelt hinter ihr stand und sie anstarrte.

„Chris?“

„Ähm…ja,“ stammelte er und leistete ihrer Aufforderung Folge. Er zog eine Grimasse, als er seine Zehen in das Wasser des Sees tauchte. „Das ist ja kalt,“ beschwerte er sich.

„Das ist nur am Anfang,“ beruhigte ihn Alexandra. Dann wurde sie plötzlich ernst. Sie hatte sich zwar vorgenommen, Chris nicht auf die vergangene Nacht anzusprechen, doch mittlerweile war ihr klar geworden, dass sich eine derartige Panikattacke jederzeit wiederholen konnte.

„Chris…ich frag dich jetzt etwas und ich möchte, dass du mir eine ehrliche Antwort gibst, okay?“

Alexandra spürte, wie Chris sich neben ihr versteifte.

„Was…was willst du wissen?“ erkundigte er sich leise.

„Hast du so einen Erstickungsanfall wie letzte Nacht früher schon mal gehabt?“

„Nein, noch nie.“ Chris’ Stimme klang gepresst.

„Gut.“ Alexandra schwieg. Dass es das erste Mal gewesen war, hieß nicht, dass es das einzige Mal bleiben würde. Allerdings würde sie es schwer haben, Chris dazu zu bringen, deswegen ärztliche Hilfe zu suchen. Außer sie sagte ihm ihren Verdacht direkt ins Gesicht und das war wohl keine gute Idee. Immerhin hatte sie keine Ahnung, wie er darauf reagieren würde.

„Würdest du mir dann etwas versprechen?“

„Kommt drauf an…“

„Wenn es wieder passiert, dann gehst du zu Doktor Langton, in Ordnung?“
Alexandra musste eine ganze Weile auf die Antwort auf ihre Bitte warten. Chris vermied es, sie anzusehen und starrte stattdessen auf den See hinaus, auf dem sich mittlerweile ein paar Ruderboote und Kajaks tummelten. Schließlich nickte er.

„In Ordnung,“ sagte er.

„Danke.“ Alexandra ergriff Chris’ Hand und drückte sie. „Sei mir nicht böse, dass ich mich so in dein Leben einmische, aber…ich hab dich sehr gern und ich mach mir Sorgen um dich.“

Jetzt endlich drehte Chris seinen Kopf und sah sie mit einem unlesbaren Ausdruck in seinen großen braunen Augen an. Alexandra fühlte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete.

„Ich…ich hab dich auch sehr gern, Alex, und ich bin dir nicht böse. Danke, dass du für mich da bist,“ flüsterte er.

Alexandra spürte, dass sie gleich losheulen würde, wenn sie nicht sofort etwas unternahm, irgendetwas. Das Wasser erschien ihr der rettende Ausweg zu sein.

„Genug gequatscht,“ rief sie betont munter und packte Chris am Handgelenk. Dann zog sie ihn mit sich, als sie sich in die kühlen Fluten des Sees fallen ließ.

Chris’ überraschter Aufschrei brach abrupt ab, als er mit dem Kopf unter Wasser tauchte. Keuchend und wild um sich schlagend kam er wieder nach oben.

„Bist du irre?“ kreischte er mit sich überschlagender Stimme. „Ich kann nicht….“

Er konnte den Satz nicht beenden, da er zu sehr damit beschäftigt war, sich mit unkoordinierten Paddelversuchen über Wasser zu halten.
Alexandra erkannte ihren Fehler sofort. Natürlich, wo sollte ein Großstadtkind schon schwimmen gelernt haben. Sie hätte sich selbst für ihre Dummheit ohrfeigen können. Mit zwei kräftigen Schwimmstößen brachte sie sich in Chris Nähe’, der sich sofort an sie klammerte und sie unter Wasser zu ziehen drohte.

„Alex…“ keuchte er verzweifelt.

„Chris, du kannst hier nicht ertrinken, das Wasser geht dir gerade Mal bis über Brust! Stell dich hin!“ Während Chris beide Arme um ihren Nacken geworfen hatte, hielt Alexandra seine Taille umfasst, um ihn daran zu hindern, dass er weiter so herumzappelte und um ihm ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihre Worte seine Panik durchbrachen und er ihrer Aufforderung Folge leistete.

Alexandra hielt Chris, der sein Gesicht in ihrem Nacken verbarg, noch immer fest und wartete, bis sein Keuchen etwas nachließ.

„Tut mir leid,“ sagte sie zerknirscht. „Ich hab nicht daran gedacht, dass du vielleicht nicht schwimmen kannst.“

„Ich hab einen Augenblick lang geglaubt, du willst mich ertränken.“ Chris hob den Kopf und starrte Alexandra ungehalten an.

„Oh Chris….“ Alexandras Schuldgefühle wuchsen ins Unermessliche. Da hatte sie sich stundenlang den Kopf darüber zerbrochen, wie sie ihm helfen sollte, und nun war sie selbst die Ursache dafür gewesen, dass er Todesängste ausgestanden hatte, auch wenn sie noch so unbegründet gewesen waren.

„Ich würde dir doch nie mit Absicht wehtun,“ flüsterte sie und strich Chris eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Anstatt ihre Hand wieder wegzunehmen, lies sie sie auf seiner Wange liegen.

Chris Augen verloren ihren anklagenden Ausdruck.

„Das weiß ich….“ entgegnete er und beugte sich unbewusst etwas nach vorne.

Alexandras rationales Denkvermögen beschloss, dies wäre ein guter Augenblick, um sich vorübergehend in Luft aufzulösen. Außer ihr und Chris existierte in diesem Moment nichts und niemand mehr, nicht einmal die beiden Angler, die in einiger Entfernung in ihrem Boot saßen, und das Paar im Wasser interessiert beobachteten.

Als ihre Lippen sich endlich zu einem ersten, zarten Kuss berührten, wusste Alexandra, dass sich noch nie etwas so richtig angefühlt hatte und auch nie wieder so anfühlen würde. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben auf diesen Augenblick gewartet. Und dabei war es nur ein einfacher, unschuldiger Kuss….
Chris wich schließlich als erster zurück.

„Ähm, ich…tut mir…ich weiß nicht, was…,“ stotterte er mit blutroten Wangen.

„Nein, nein, es war meine Schuld…,“ versuchte Alexandra, ihn zu beruhigen. „Und…und mir tut es nicht leid,“ fügte sie hinzu. Schluss mit dem Versteckspiel, sagte sie sich. Als sie die Schuld auf sich genommen hatte, hatte sie gelogen. Der Kuss war allein auf Chris’ Initiative zurückzuführen. Ein Zeichen dafür, dass sie ihm als Frau doch nicht ganz gleichgültig war.

„Nicht? Ich meine, du…es hat dir gefallen?“

„Ja,“ entgegnete Alexandra fest. „Ich hab vorhin nicht übertrieben, als ich gesagt habe, dass sich dich sehr mag. Aber ganz egal, wie du dazu stehst, wir bleiben Freunde.“ So, jetzt war es endlich heraus. Vielleicht hätte sie schweigen und sich zurückhalten sollen, aber sie hatte das Gefühl, dass Chris wissen sollte, dass es doch noch einen Menschen auf dieser Welt gab, der ihn bedingungslos liebte und dem er vertrauen konnte.

„Alex, ich weiß nicht, ob ich…ob ich das kann. Ich würde gern mit dir zusammen sein, mehr als alles andere, aber….“ Hilflos brach Chris seinen
Erklärungsversuch ab und schlang die Arme um seinen Oberkörper. Er begann, leicht mit den Zähnen zu klappern.

„Das ist in Ordnung,“ entgegnete Alexandra, obwohl es ihr beinahe das Herz zerbrach. Sie konnte sich denken, wo das Problem lag. Chris hatte Angst davor, eine Beziehung einzugehen, in der es natürlich zu weitaus intimeren Dingen kommen würde als nur zu einem Kuss. Dazu war er einfach nicht bereit, würde es vielleicht niemals sein, wenn er sich seiner Vergangenheit nicht stellte und versuchte, das Geschehene zu verarbeiten.

„Komm, wir sollten rausgehen, du frierst ja,“ sagte sie und hielt Chris ihre Hand hin.

Gemeinsam wateten sie durch das Wasser an ans Ufer. Alexandra holte die Badetücher und reichte eines davon Chris. Charlie sprang begeistert um die beiden herum, anscheinend in der Hoffnung, dass nun endlich jemand Zeit hätte, mit ihm zu spielen.

“Geht’s oder möchtest du lieber ins Haus und dich umziehen?“ fragte Alexandra, als sie sah, dass Chris noch immer zitterte.

„Ich glaub, ich geh lieber mal rein,“ murmelte dieser. „War doch ziemlich kalt da drin.“

Alexandra sah Chris hinterher, bis er in der Hütte verschwunden war. Gut gemacht, Hastings, dachte sie sarkastisch. Hättest du doch bloß die Klappe gehalten.

Sie wäre Chris liebend gern gefolgt, doch sie hatte das Gefühl, dass er jetzt allein sein musste. Seufzend trocknete sie sich mit ihrem Handtuch ab und legte es anschließend auf den Boden, um sich darauf zu setzen. Charlie streckte sich hechelnd neben ihr aus und gedankenverloren begann sie, seinen Kopf zu kraulen.

„Weißt du Kleiner, irgendeine Macht da oben scheint mich ganz schön zu hassen. Da treffe ich endlich wieder jemanden, in den ich mich verlieben kann und dann hat dieser Jemand eine Wagenladung von Problemen, bei denen ich ihm aber nicht helfen kann, weil er mich nicht an sich ran lässt. Als Sahnehäubchen des Ganzen scheint er auch in mich verliebt zu sein, hat aber Angst davor.“ Alexandra lachte bitter. „Das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals….“

 

Teil 26

 

Chris war völlig verstört von dem, was unten am See passiert war. Präzise ausgedrückt, er war völlig außer sich, dass er Alexandra geküsste hatte und ihr seine wahren Gefühle enthüllt hatte. Gefühle, die er geschworen hatte, zu unterdrücken, da es zwischen ihm und ihr niemals mehr geben konnte als Freundschaft, auch wenn er es sich noch so sehr wünschen mochte.
 

Alexandra hatte zwar gesagt, der Kuss wäre ihre Schuld gewesen, doch Chris wusste genau, was wirklich geschehen war. Er hatte ihren liebevollen Blick gesehen und sich einfach nicht beherrschen können. Und dann war er zu Tode erschrocken. Es war einfach unmöglich.
Chris warf die Badehose achtlos auf den Boden und zog sich seine Jeans an. Dann warf er sich auf rücklings auf sein Bett und starrte an die Decke. Wieso um alles in der Welt war er nicht zu Hause geblieben, dann wäre das alles nicht passiert. Er konnte von Glück reden, dass Alexandra nach letzter Nacht keinen Verdacht geschöpft hatte. Davon war er fest überzeugt, denn dann hätte sie sich mit Sicherheit schon voller Abscheu von ihm abgewandt.
 

Chris kniff die Augen fest zusammen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Er verfluchte Kyle und Jason dafür, dass sie ihn damals überredet und mitgeschleppt hatten, er verfluchte sich für seine eigene Dummheit, mitgemacht zu haben und er verfluchte seine Sturheit, die ihn dazu gebracht hatte, seine Freunde nicht zu verraten und die ihm die ursprünglich fünf Jahre in San Quentin eingebracht hatte. Er hatte zwar Angst gehabt, dass die „Black Tigers“ seinem Vater etwas antun würden, wenn er eines ihrer Mitglieder ans Messer lieferte, doch dafür hätte er mit der Polizei sicher einen Deal aushandeln können.
 

Zum ersten Mal betrachtete Chris die Angelegenheit trotz seiner im Moment aufgewühlten Gefühle aus nüchterner Distanz. Hatten Kyle und Jason seine Loyalität wirklich verdient gehabt? Sie hatten sich nicht um ihn gekümmert, als er im Gefängnis gewesen war. Kein Besuch, nicht einmal ein Brief. Sicher, die Post wurde gelesen, doch ein paar aufmunternde Worte hätten genügt. Sie hätten sich auch einfach bei seinem Vater nach ihm erkundigen können, doch dazu waren sie wohl zu feige gewesen.
 

Chris hatte nach seiner Entlassung einige Male mit dem Gedanken gespielt, die Adressen der beiden herauszufinden und sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, doch was hätte er sagen sollen? Hey Leute, da bin ich wieder, nachdem ich dreieinhalb Jahre lang den Arsch für euch hingehalten habe?
 

Zornig wischte Chris mit einer Hand über die Augen. Nicht einmal den Kampf gegen die Tränen konnte er gewinnen….


***


Alexandra erwachte, weil ihr etwas Nasses, Schlabberiges über das Gesicht fuhr. Mit einem Ruck setzte sie sich auf.
 

„Bah, du Ferkel! Du weißt genau, dass ich das hasse,“ schimpfte sie ihren Hund, dem es anscheinend zu langweilig geworden war, sie beim Schlafen zu beobachten.
Charlie winselte mitleiderregend.
 

„Ja, ich weiß, ich hab dich heute ziemlich vernachlässigt,“ brummte Alexandra und umarmte den Mischling. „Mir ging einfach zuviel im Kopf herum.“
 

Ein prüfender Blick zum Himmel zeigte ihr, dass die Sonne schon ziemlich tief stand. Es musste bereits nach vier Uhr sein. Suchend blickte sie sich um. Von Chris war nichts zu sehen, wahrscheinlich war er im Haus geblieben.
 

Alexandra stand auf und griff nach dem Badetuch, auf dem sie gelegen hatte. Dann zog sie noch ihr Strandkleid an, bevor sie zurück zum Haus ging. Die Andersons würden vermutlich bald zurückkehren und zuvor musste sie die Sache mit Chris noch halbwegs ins Lot bringen. Mary Jo hatte feine Antennen und Alexandra hatte keine Lust, für ihre Freundin eine Geschichte erfinden zu müssen, die die Spannung zwischen ihr und Chris erklärte.
 

Leise öffnete sie die Tür zu Dachkammer und war eigentlich nicht überrascht, Chris schlafend vorzufinden. Während sie noch mit sich selbst darüber debattierte, ob sie ihn wecken sollte, bewegte er sich und schlug die Augen auf.
 

Ein paar Sekunden starrten sie sich gegenseitig an, bevor Alexandra sich räusperte.
„Chris, ich…. Verdammt, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
 

Der junge Mann setzte sich auf und zog die Knie an die Brust. „Ist schon okay,“ entgegnete er. „Beschissene Situation, was?“
 

Diese drastische, aber überaus treffende Beschreibung brachte Alexandra zum Lächeln.
„Kann man wohl sagen,“ bestätigte sie und setzte sich zu Chris aufs Bett. „Hör mal, ich wollte dich vorhin nicht unter Druck setzen, als ich…als ich dir gesagt habe, dass ich mehr als nur Freundschaft für dich empfinde. Ich kann damit leben, wenn du nicht mehr willst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich immer für dich da sein werde, egal was passiert.“ Oder passiert ist, fügte sie innerlich hinzu. Laut wagte sie das nicht auszusprechen.
 

Chris schluckte schwer. „Danke Alex. Ich wünschte, ich könnte dir erklären…“ Er brach ab und malte mit dem Zeigefinger imaginäre Muster auf seiner Bettdecke nach.
 

„Ich auch,“ sagte Alexandra mehr zu sich selbst. „Vielleicht kannst du es ja eines Tages. Aber bis dahin bleiben wir Freunde, versprochen?“
 

Chris schniefte und schien den Tränen nahe. „Versprochen,“ würgte er hervor.
 

Wortlos rutschte Alexandra näher zu ihm und nahm ihn in die Arme. „Ich hab dich lieb,“ flüsterte sie und drückte Chris, der ihre Umarmung verzweifelt erwiderte, fest an sich.


***


Alexandra saß in Doktor Winslow’s gemütlichem, etwas altmodisch eingerichteten Wohnzimmer, durch dessen großzügiges Panoramafenster man eine wundervolle Aussicht auf die Bay von San Francisco hatte. Es war später Nachmittag und die Wolken, die um diese Jahreszeit oft die Golden Gate Bridge vor den Blicken der Touristen und Einheimischen verbargen, hatten sich für den Rest des Tages verzogen.
 

Der Ausflug an den Shashta Lake hatte am späten Samstagnachmittag ein jähes Ende gefunden, nachdem Jamie beim Spielen von einem Baumstumpf gestürzt war und sich den Arm gebrochen hatte. Nachdem der Junge in der nächstgelegenen Notfallklinik versorgt worden war, wollte Mary Jo natürlich nach Hause. Alexandra war deswegen nicht böse gewesen, es hatte sie zusehends angestrengt, sich vor Mary Jo heiter und unbeschwert zu geben.
 

Während der Heimfahrt war Chris schweigsam und in sich gekehrt gewesen. Auch Alexandra hatte nicht viel Lust zum Reden gehabt, zu viele Gedanken waren ihr im Kopf herumgeschwirrt. Als sie schließlich gegen halb zwei endlich zu Hause angekommen waren, hatte Chris ihr noch geholfen, die Sachen auszuladen, dann war er sehr schnell mit einem knappen Gute-Nacht-Gruß in seinem Zimmer verschwunden.
 

Gleich am Montagmorgen hatte Alexandra Doktor Winslow angerufen. Die Psychologin war äußerst betroffen gewesen, als sie den Grund für Alexandras Anruf erfahren hatte und sie für den folgenden Abend zu sich nach Hause eingeladen.
 

„Ich weiß nicht, wie ich die ganze Zeit so blind sein konnte,“ sagte Alexandra. Doktor Winslow hatte ihr schweigend zugehört, während Alexandra ihr erzählt hatte, wie sie zu ihrer Vermutung gekommen war. „Doktor Langton muss so etwas auch in Erwägung gezogen haben, sonst hätte er doch diese Tests nicht durchführen lassen.“
 

Die Psychologin seufzte, während sie nachdenklich ihren Tee umrührte. „Nun, mit Sicherheit können wir es natürlich nicht sagen, aber alles deutet darauf hin, dass Sie recht haben, Alexandra. Es war allerdings gut, dass Sie Chris nicht darauf angesprochen haben. Er hätte dann wahrscheinlich völlig blockiert.“
 

„Aber…was soll ich jetzt machen? Wie soll ich mit ihm umgehen? Es liegt doch auf der Hand, dass er Hilfe braucht.“
 

„Natürlich,“ nickte die ältere Frau. „Sehen Sie, es überrascht mich nicht, dass Chris im Gefängnis vergewaltigt wurde, er ist das typische Opfer dafür. Jung, mit siebzehn eigentlich fast noch ein Kind, keine gewalttätige Reputation, weiß…. Eigentlich war es vorprogrammiert.“
 

„Wie meinen Sie das?“ Alexandra setzte sich auf.
 

„Alexandra, Sie kennen doch mit Sicherheit all diese Witze und Anspielungen…. Es ist traurig aber wahr, dass in unseren Gefängnissen Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Niemand spricht darüber, aber es ist so. Die wenigsten Opfer wagen es, damit zu einem Therapeuten oder gar an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich arbeite ehrenamtlich in einer Anlaufstelle für Vergewaltigungsopfer, die anonym bleiben wollen. Im Laufe der Jahre waren auch einige Männer dabei, viele davon waren im Gefängnis vergewaltigt worden. Was sie mir erzählt haben, lässt mich gravierend an unserem Rechtssystem zweifeln.“
 

Alexandra musste erst einmal tief durchatmen, bevor sie in der Lage war, etwas zu sagen. „Aber wieso? Wieso passiert so etwas? Was ist mit diesen Schweinen los, die anderen Menschen, egal ob Frau oder Mann, so etwas antun?“
 

Doktor Winslow rückte ihre Brille zurecht. „Genau kann ich Ihnen das auch nicht erklären. Ich denke, in erster Linie geht es um Machtausübung, um Dominanz. Beweisen, wer der Stärkere ist. Die wenigsten der Männer, die andere Männer vergewaltigen, sind homosexuell, zumindest im Gefängnis.“
 

Alexandra fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und durch die Haare. „Und was soll ich jetzt in Bezug auf Chris tun?“ fragte sie. Das, was Doktor Winslow ihr gerade erzählt hatte, übertraf ihre schlimmsten Vorstellungen.
 

„Nun, zeigen Sie ihm, dass Sie für ihn da sind,“ entgegnete die ältere Frau. „Mehr können Sie im Moment nicht tun. Sie sollten ihn auf keinen Fall zum Reden zwingen.“
 

Als Alexandra Doktor Winslow’s Wohnung am späten Abend verließ, fühlte sie sich, als hätte sie gerade einen dreistündigen Marathonlauf hinter sich. Es hatte sie zuriefst entsetzt, als sie gehört hatte, wie oft sexuelle Übergriffe tatsächlich in den amerikanischen Gefängnissen passierten. Chris war demzufolge kein Einzelfall.
 

Das meiste davon, was Doktor Winslow ihr erzählt hatte, war Alexandra eigentlich schon klar gewesen, es hatte aber dennoch gut getan, mit jemandem darüber zu reden. Was sie nicht gewusst hatte, war, dass Männer eine Vergewaltigung teilweise anders empfanden als Frauen.

Dass sie viel stärkere Schuldgefühle entwickelten, weil sie den Akt nicht verhindert hatten, weil sie fürchteten, homosexuell zu sein, weil sie in ihrer Panik und ihrem Schmerz möglicherweise körperlich reagiert hatten und weil sie Angst davor hatten, dass andere sich über sie lustig machen und mit dem Finger auf sie zeigen würden oder sie ablehnen würden.
 

Es war also kein Wunder, dass Chris so verschlossen war und Alexandra konnte nur hoffen, dass er irgendwann doch den Mut finden würde, darüber zu reden.
 

 

Kapitel 27

 

Es war ein sonniger Herbsttag Anfang September. Chris war draußen und kletterte auf dem Garagendach herum, um festzustellen, wie groß die Schäden daran waren und ob er es reparieren konnte oder ob es ganz erneuert werden musste. Als Alexandra eine Schere und eine Pinzette aus einem Schrank holte und zufällig aus dem Fenster sah, konnte sie sehen, wie er sich aufrichtete, die Hände in die Hüften stemmte und den Kopf schüttelte. Also konnte sie sich darauf einstellen, dass es mit ein paar neuen Brettern wohl nicht getan sein würde.

Etwa ein Monat war seit diesem schicksalhaften Wochenende vergangen. An der Oberfläche hatte sich an ihrer Beziehung nichts verändert, keiner ihrer Freunde hatte etwas bemerkt, doch Alexandra konnte deutlich die unterschwellige Spannung spüren, die zwischen ihr und Chris herrschte, wenn sie allein waren. Sie hatte auch den Eindruck, dass er ihr aus dem Weg ging. Seufzend drehte sie sich um.

„Also, dann wollen wir mal“, sagte sie. „Würden Sie sie bitte festhalten, während ich die Fäden entferne?“

Sie, das war eine wunderschöne Golden-Retriever-Hündin, die von ihrem Herrchen, einem Arbeitskollegen von Mike namens Ryan Burnett vor zehn Tagen nach einer Auseinandersetzung mit einem Dobermann in ihrer Praxis gelandet war. Ryan hatte völlig hysterisch die Andersons angerufen, da er erst vor ein paar Wochen in diese Gegend gezogen war und Mike hatte ihn dann samt Hund sofort zu Alexandra gefahren. Bonnie hatte ein paar üble Bissverletzungen gehabt, die genäht werden mussten, doch sonst war sie mit einem Schrecken davon gekommen. Charlie hatte sich natürlich sofort in sie verliebt.

„Natürlich“, antwortete Ryan, ein großer Blondschopf mit Vollbart, grünen Augen und einer sportlich durchtrainierten Figur.

Während sie Bonnies Verletzungen versorgt hatte, hatte Alexandra ihn ein wenig ausgefragt, um ihn von seiner Sorge um sein Haustier abzulenken, und erfahren, dass seine Frau ihm kurz vor ihrem Tod vor drei Jahren die Hündin zum Geburtstag geschenkt hatte und er daher sehr an Bonnie hing.

Während Ryan Bonnie festhielt und ihr beruhigende Worte ins Ohr flüsterte, entfernte Alexandra fachmännisch die Fäden und desinfizierte die frisch verheilten Wunden. Es würde eine Weile dauern, bis nachwachsendes Fell die Narben bedecken würde.

„So, fertig“, sagte Alexandra und tätschelte der winselnden Hündin den Kopf. „Keine Bange, in ein paar Monaten bist du wieder so hübsch wie eh und je.“

Erleichtert lachte Ryan auf. „Vielen Dank, Doktor Hastings. Ich weiß gar nicht, was wir ohne Sie getan hätten.“ Verlegen kratzte er sich am Kopf.

„Sie wären zu einem anderen Tierarzt gefahren?“

Alexandra konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. Ihr war durchaus aufgefallen, dass Bonnies Herrchen immer wieder versucht hatte, mit ihr zu flirten, wenn er mit der Hündin zu den Kontrollterminen gekommen war.

„Der wäre aber vermutlich nicht so hübsch gewesen wie Sie.“

Alexandra setzte schon zu einer bissigen Entgegnung an, als Ryan abwehrend die Hand hob.

„Tut mir leid, tut mir leid, das hätte ich wohl nicht sagen sollen. War wohl etwas plump. Können Sie mir noch Mal verzeihen?“

Treuherzig blickte er Alexandra an.

„Dieses eine Mal“, entgegnete die junge Tierärztin warnend, während sie die gebrauchten Instrumente in eine Schale mit Desinfektionslösung warf.

„Das wär’s eigentlich. Bonnie ist wieder fast wie neu. Ich gebe Ihnen noch eine Salbe mit, die Sie die nächsten zwei Wochen auf die frischen Narben auftragen sollten. Sie desinfiziert und unterstützt die Heilung.“

Alexandra öffnete den Medikamentenschrank und zog eine Tube heraus, die sie dem betreten dreinschauenden Ryan überreichte.

„Sonst noch etwas?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

Ryan druckste verlegen herum.

„Ich soll Ihnen einen schönen Gruß von Mary Jo bestellen. Sie lädt Sie für morgen Abend zum Essen ein.“

„Tatsächlich? Sind Sie auch eingeladen?“

Mit verschränkten Armen wartete Alexandra auf die Antwort, die sie eigentlich schon wusste. Verflixte Mary Jo, sie konnte es einfach nicht lassen!

„Ähm, ja…“

„Tut mir leid, geht leider nicht. Morgen bringe ich meinen Wagen in die Werkstatt, die Bremsen funktionieren nicht richtig.“

Für Alexandra war die Angelegenheit damit erledigt, denn sogar ein Volltrottel musste inzwischen erkannt haben, dass sie nicht interessiert war. Sie hatte nur leider vergessen, dass verliebte Männer zu dieser Kategorie zählten….

„Oh, das wäre gar kein Problem.“ Ryans Augen leuchteten auf. „Ihr Haus liegt direkt auf meinem Weg zu den Andersons. Ich kann Sie mitnehmen.“

Prima Alex, gefangen in deinem eigenen Netz, dachte sie sarkastisch. Entweder du stößt den Typ jetzt völlig vor den Kopf oder du nimmst sein Angebot an.

Im Stillen ein schreckliches Schicksal für Mary Jo planend stimme sie Ryans Vorschlag zähneknirschend zu.

***

„Chris? Chris, wo steckst du?“

Alexandra stand fertig angezogen im Hausgang und fragte sich, wo ihr Mitbewohner und Ursache diverser schlafloser Nächte stecken mochte. Er hatte sich den ganzen Tag ziemlich rar gemacht und war nur zum Mittagessen kurz erschienen. Danach war er in ihrem kleinen Praxisbüro verschwunden, hatte ein paar Rechnungen fertig gemacht und sie ihr zur Durchsicht auf den Küchentisch gelegt.

Erst vorhin, als sie ein paar Sandwiches für ihn vorbereitet hatte, war Alexandra eingefallen, dass Chris ja gar nicht wusste, dass sie heute Abend nicht zu Hause sein würde.

Alexandra öffnete gerade den Mund, um seinen Namen nochmals äußerst undamenhaft durchs ganze Haus zu brüllen, als Chris mit einem Handtuch in der Hand oben auf der Treppe erschien und sich die nassen Haare rubbelte. Er trug nur eine Jeans, die gefährlich niedrig auf seinen schmalen Hüften saß.

„Was ist den los? Brennt’s irgendwo? Ich war gerade unter der Dusche“, fügte er überflüssigerweise hinzu.

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute Abend bei Mary Jo bin. Dein Essen steht auf dem Küchentisch, du brauchst dir also keine Pizza kommen zu lassen.“

Chris kam die Treppe herunter. Er war barfuss. Als er vor Alexandra stehen blieb, konnte sie den würzigen Duft des Duschgels riechen, das er benutzt hatte.

„Läufst du oder holt dich Mike? Ich hab den Wagen vorhin noch in die Werkstatt gebracht“, erinnerte er sie.

„Nein, Bonnies Herrchen nimmt mich mit“, erklärte Alexandra.

Chris zog die Augenbrauen hoch.

„Der Typ, der dich so genervt hat mit seinen übertriebenen Komplimenten?“ fragte er ungläubig.

Alexandra erinnerte sich, dass sie ein paar ziemlich boshafte Bemerkungen über Ryan Burnett losgelassen hatte, als Julie sie vorgestern besucht hatte. Chris musste anscheinend in Hörweite gewesen sein und sich nichts dabei gedacht haben, zu lauschen.

Fieberhaft überlegte sie, worüber sie sonst noch alles gesprochen hatten und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Manche Dinge waren nun wirklich nicht für fremde Ohren bestimmt gewesen. Wieso musste Julie auch so eine freizügige Klappe haben? Wenigstens hatten sie nicht über Chris geredet.

„Genau der“, bestätigte Alexandra knapp, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Was dagegen?“

Chris verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie an.

Es klingelte und Charlie rannte mit ohrenbetäubendem Gebell zur Tür und sprang daran hoch. Alex packte ihn am Halsband und zog ihn zurück.

„Oh nein, mein Schatz, du bleibst hier“, sagte sie energisch. „Nimmst du ihn mal?“

Als Chris Charlie fest an seinem Halsband hielt, öffnete Alexandra die Tür, um Ryan zu begrüßen und wusste im selben Augenblick, dass sie sich doch lieber eine Ausrede hätte einfallen lassen sollen, warum sie heute Abend absolut keine Zeit hatte.

Sie konnte Ryans Gesicht nicht sehen, weil es von einem riesigen Blumenstrauß verdeckt wurde. Hinter sich hörte sie trotz Charlies Gekläffe ein verächtliches Schnauben. Alexandra wünschte sich, dass sich die Erde auftun möge und alle männlichen Wesen, die sich in ihrer unmittelbaren Gegenwart befanden, verschlucken möge.

Verlegen grinste Ryan hinter seinem bunten Mitbringsel hervor.

„Guten Abend, Alexandra. Ich darf doch Alexandra sagen?“

Alexandra holte tief Luft. „Natürlich“, entgegnete sie mit einem gezwungenem Lächeln. „Sind die Blumen etwa für mich?“

„Oh…ja“, stammelte Ryan und streckte ihr den Strauß entgegen. Alexandra ergriff ihn und trat zur Seite.

„Kommen Sie doch einen Moment herein, bis ich die Blumen ins Wasser gestellt habe.“

Ryan folgte ihrer Aufforderung nur zu gerne, blieb aber wie angewurzelt stehen, als er Chris erblickte.

„Oh, Chris kennen Sie ja“, rief Alexandra aus der Küche, während sie Wasser in einen großen Putzeimer laufen lies. Sie hatte keine Ahnung, wo sich in ihrem Haushalt eine Vase befand, geschweige denn, ob sie überhaupt eine besaß.

Als sie zurück in den Flur kam, lehnte Chris mit verschränkten Armen und finsterem Gesichtsausdruck an der Wand und Ryan starrte an die Decke.

Plötzlich ging Alexandra auf, wie die Situation auf die beiden Männer aus deren jeweiligem Blickwinkel wirken musste und sie hätte beinahe losgelacht. Für Ryan musste es extrem befremdlich erscheinen, dass ein halbnackter junger Mann im Flur seines Dates stand und ihn feindselig musterte und Chris schien nicht besonders erfreut zu sein, dass sie ein Date hatte. Geschah den beiden Idioten recht, dachte Alexandra rachsüchtig.

„Wir können dann“, teilte sie Ryan mit zuckersüßer Stimme mit. „Du brauchst nicht auf mich zu warten.“

Mit diesen Worten bedachte sie Chris, der daraufhin die Tür mit einem hörbaren Knall hinter ihnen schloss.

Ryan hielt ihr gentlemanlike die Tür seines Wagens auf, bevor er sich selbst ans Steuer setzte und den Wagen startete.

„Ähm, Ihr Freund war nicht besonders erfreut….“

„Oh, Chris ist nicht mein Freund. Jedenfalls nicht mein Freund im Sinne von „Freund“,“ winkte Alexandra mit einer Hand ab, während sie mit der anderen an ihrem Sicherheitsgurt herumnestelte. „Er arbeitet für mich, als Mädchen für alles. Hat Ihnen Mary Jo das nicht erzählt?“

„Nein….“ Ryan schien nicht zu wissen, ob er erleichtert sein sollte oder nicht.

„Oh, wie nachlässig von ihr.“

 

Kapitel 28

 

Es war bereits kurz vor zwei Uhr, als Ryan Alexandra nach Hause brachte. Entgegen ihren Erwartungen hatte ihr der Abend sogar gefallen, weil sie die Gesellschaft endlich einmal für ein paar Stunden von ihren Sorgen abgelenkt hatte. Ryan hatte sich als amüsanter Gesprächspartner entpuppt, nachdem er endlich aufgegeben hatte, ihr so übertrieben zu schmeicheln.

Alexandra lies sich von ihm zur Haustür begleiten. Ihr war klar, was jetzt gleich kommen würde. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung am Gangfenster im oberen Stockwerk wahr, als sie mit Ryan auf die Haustreppe zuging. Es war so flüchtig, dass sie sich dachte, sie müsse sich getäuscht haben.

„Alexandra?“ Ryans Stimme riss sie aus ihren Überlegungen.

„Ja?“

„Ich wollte mich bei Ihnen für einen zauberhaften Abend bedanken und…“

Langsam beugte er sich vor, doch Alexandra legte ihm schnell die Hand auf die Brust und wich einen Schritt zurück.

„Tut mir leid, Ryan, aber…ich möchte das nicht“, sagte sie bestimmt.

Wortlos starrte der Blondhaarige sie an. Enttäuschung und Wut über die Abfuhr stand im deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Ist es wegen diesem Jungen?“ fragte er.

„Sie meinen Chris? Wenn es so wäre, dann würde es Sie kaum etwas angehen, oder?“
Alexandra war auf der Hut. Ryan schien zu der Sorte von Männern zu gehören, die mit Zurückweisungen nicht umgehen konnten.

„Ha, also ist es so“, lachte er verächtlich. „Tagsüber arbeitet er für Sie und nachts wärmt er Ihnen das Bett. Bezahlen Sie ihn dafür etwa auch?“

Alexandra holte weit aus und schlug zu. Ryans Kopf flog zur Seite.

„Runter von meinem Grundstück“, fauchte sie und sah voller Befriedigung, dass die Lippe dieses Mistkerls von ihrem Schlag aufgeplatzt war und ihm ein dünnes Rinnsal Blut über das Kinn lief.

Ryan schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich dann angesichts von Alexandras offensichtlicher Wut anders und ging mit schnellen Schritten zu seinem Wagen. Mit quietschenden Reifen fuhr er davon.

Alexandra atmete tief durch und setzte sich erst einmal auf die Treppe, um sich zu beruhigen. Ihr Instinkt hatte also wieder einmal Recht behalten. Ryan Burnett gehörte auch zu dieser Kategorie Mann, die sie bis aufs Blut hasste.

Aus dem Seitenfach ihrer Handtasche zog sie ein kleines, silbernes Zigarettenetui, das ihrem Großonkel gehört hatte. Bevor sie ins Haus ging, brauchte sie erst einmal eine Zigarette. Oder auch zwei.

***

Die Uhr schlug halb drei, als Alexandra endlich die Tür aufschloss und das dunkle Haus betrat. Chris schien jedoch noch wach zu sein, oben drang Musik aus einem der Räume. Es hörte sich nach Punkrock an. Alexandra seufzte. Erst dieser Ryan, dann würde sie sich auch noch mit Chris auseinandersetzen müssen.

Langsam stieg sie die Treppe hoch. Vor ihrem Zimmer lag Charlie, dem die Musik ebenfalls auf die Nerven zu gehen schien, denn er warf ihr nur einen gequälten Blick zu, als sie das Ganglicht anschaltete.

„Geht das etwa schon die ganze Zeit so?“ fragte Alexandra und beugte sich hinunter, im ihren Liebling hinter den Ohren zu kraulen. „Armer Schatz. Frauchen wird gleich dafür sorgen, dass du schlafen kannst.“

Alexandra richtete sich wieder auf. Sie hatte die Musik vor dem Haus gehört und gedacht, einer der Teenies aus der Nachbarschaft würde eine Party feiern. Ihre Nachbarn auf der anderen Seite, zu der Chris’ Zimmer hin lag, hielten sie mit Sicherheit inzwischen für verrückt.

Alexandra holte noch einmal tief Luft, bevor sie Chris’ Zimmer betrat, die Tür hinter sich schloss und zielstrebig auf die Stereoanlage zusteuerte, um sie auszumachen. Die Stille, die sich danach ausbreitete, war gleichzeitig erholsam und…bedrohlich? Verwundert über diesen Gedanken drehte sich Alexandra zum Bett um, auf dem Chris im Schneidersitz an die Wand gelehnt saß und sie aus zusammengekniffenen Augen anstarrte.

Der Raum lag im Halbdunkel, nur die Lampe auf dem Schreibtisch, auf dem sich Chris’ Schulsachen türmten, brannte. Er war schon lange abends nicht mehr zu ihr in die Küche oder in das kleine Wohnzimmer neben ihrem Schlafzimmer gekommen, um zu lernen und sie bei manchen Dingen um Hilfe zu bitten. Noch etwas, dass sich seit den Ereignissen am Shashta Lake geändert hatte.

„Wieso bist du noch wach?“

Um das Schweigen zu brechen, stellte Alexandra genau die Frage, die sie seit Betreten des Hauses beschäftigte. Sie konnte sich die Antwort zwar denken, doch sie wollte sie aus Chris’ Mund hören. Sie hatte dieses Auf-Samtpfoten-Umeinander-Herum-Schleichen satt.

„War’s schön?“ kam wie aus der Pistole geschossen die Gegenfrage.

Aha, dachte Alexandra sarkastisch, wir sind also tatsächlich eifersüchtig.

„Ja, es war ganz amüsant und…aufschlussreich.“

Befriedigt beobachtete Alexandra, wie Chris’ Lippen sich zu einer schmalen Linie zusammenpressten. Touché.

„Du hast ja `ne ganze Weile gebraucht, um dich an der Haustür von diesem Typen zu verabschieden.“

Sie hatte sich vorhin doch nicht getäuscht, als sie geglaubt hatte, etwas bemerkt zu haben. Chris hatte also das Auto herfahren sehen. Zufällig oder hatte er tatsächlich am Fenster wie ein besorgter Vater auf seine minderjährige Tochter auf sie gewartet? Wobei „besorgt“ wohl das falsche Adjektiv war.

„Soll das jetzt ein Verhör werden? Wer gibt dir eigentlich das Recht dazu?“

Der ganze Frust, die Hilflosigkeit, die sich in Alexandra aufgestaut hatten, wollten plötzlich an die Oberfläche und sie dachte nicht mehr über die Worte nach, die aus ihr hervorsprudelten.

„Du willst mich nicht, aber ich darf auch keinen Anderen ansehen? Ist es das?“

Chris war mit einem Satz aus dem Bett und stand vor ihr. Seine Hände waren zu Fäusten geballt.

„Das habe ich nie gesagt“, presste er hervor. „Ich will…“

„Was? Was willst du eigentlich?“ provozierte Alexandra.

Chris schloss einen Moment lang gequält die Augen. In ihm schien es zu brodeln. Dann packte er Alexandra mit einem schmerzhaften Griff an den Oberarmen.

„Das hier“, sagte er heiser und verschloss Alexandras Mund mit einem Kuss.

Alexandra war im ersten Moment zu überrascht um zu reagieren. Das war kein sanfter, zärtlicher Kuss wie der damals im See, sondern aggressiv und fordernd, fast ein Angriff.

Sie hätte der Sache jederzeit ein Ende machen können, hätte es vielleicht sogar tun sollen, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, Chris von sich zu stoßen. Vergessen waren alle Skrupel und Bedenken, ob es richtig war, ihn gewähren zu lassen.

Alexandra öffnete den Mund, als sie Chris’ Zungenspitze an ihren Lippen spürte. Sie hörte auf zu denken und ließ sich einfach fallen.

Als Alexandra ihre Umgebung wieder bewusst wahrnahm lag, sie rücklings auf dem Bett, mit Chris halb auf ihr. Wie sie dort gelandet war, daran konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Zu sehr hatte sie sich auf die Gefühle konzentriert, die Chris’ Kuss in ihr hervorgerufen hatten.

Keuchend schnappte Alexandra nach Luft, als Chris plötzlich von ihr abließ und schwer atmend auf sie hinuntersah. Seine Augen glitzerten im dämmerigen Licht wie schwarzer Onyx.

„Und? War er besser? Tut mir leid, ich hab leider nicht so viel Erfahrung…Autsch!“

Auf Alexandra hatten Chris’ Worte wie eine kalte Dusche gewirkt. Sie boxte ihn in die Rippen und nutzte seine Verblüffung, um ihn von sich herunter zu rollen und quasi ihre Positionen zu vertauschen. Jetzt war sie diejenige, die oben lag.

„Du dämlicher Idiot, da war überhaupt nichts!“ schäumte sie. „Ich hab diesem eingebildeten Trottel eine gescheuert, als er versucht hat, mich zu küssen. Ich war nur solange draußen, weil ich mich abregen musste. ALLEIN!“

Chris sah sie ungläubig an.

„Und wieso hast du das nicht gleich gesagt?“

Alexandra schloss die Augen und flehte alle Götter dieser Welt um Geduld an.

„Ich sag es dir, wenn du mir erklärt hast, wieso du glaubst, dass es dich etwas angeht“, entgegnete sie schließlich. „Du hältst mich auf Armeslänge von dir fern, gehst mir aus dem Weg, aber kaum taucht jemand auf, der sich für mich interessiert, dann flippst du aus wie ein eifersüchtiges Eichhörnchen. Findest du das nicht ein wenig schizophren?“

Chris drehte den Kopf zur Seite um Alexandras forschendem Blick auszuweichen. Jetzt, wo sie wieder vernünftig denken konnte, war ihr natürlich klar, wieso Chris sich so verhielt. Aber sie hatte nicht vor, die Gelegenheit zu verpassen, ihn vielleicht zum Reden zu bringen.

Es dauerte etwas mehr als eine Minute, bis Chris sie wieder ansah. Seine Augen waren verdächtig feucht.

„Ich…ich dachte, ich hätte dich verloren“, flüsterte er. „Darum bin ich vorhin so ausgerastet. Alex…ich hab dir doch nicht wehgetan, oder?“

Alexandra schüttelte den Kopf. „Nein, hast du nicht“, antwortete sie. „Du müsstest mich doch mittlerweile gut genug kennen, um zu wissen, dass ich mich wehren kann, wenn ich etwas nicht will. Aber dass du tatsächlich gedacht hast, ich hätte mich mit diesem Trottel eingelassen.... Dafür schuldest du mir eine Entschuldigung. Am besten in Form von einem Monat freiwilligem Küchendienst.“

Mit dem letzten Satz hatte sie zumindest erreicht, dass sich ein zaghaftes Lächeln auf Chris’ Gesicht ausbreitete.

„Kannst du noch mal Gnade vor Recht ergehen lassen und mich mit zwei Wochen davonkommen lassen?“ fragte er. Dann wurde er wieder ernst. „Du bist mir nicht böse?“

Als Antwort senkte Alexandra den Kopf und gab ihm einen sanften Kuss.

„Bin ich nicht“, wisperte sie.

Chris hob die Hand, um mit dem Zeigefinger ihre Lippen nachzufahren.

„Ich liebe dich, Alex.“

Dieses mit rauer Stimme hervorgebrachte Geständnis ließ Alexandra zum zweiten Mal an diesem Abend jegliche Vernunft und den Rest der Welt vergessen. Sie wollte nur noch eines: Chris beweisen, dass Intimität zwischen zwei Menschen nichts Schlechtes oder Beängstigendes war. Denn diese Überzeugung war vermutlich der wahre Grund, warum er sich so von ihr zurückgezogen hatte.

„Ich liebe dich auch“, entgegnete sie, bevor sie begann, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen und Chris erneut küsste.

Aus den Küssen wurde bald ein gegenseitiges, vorsichtiges Erforschen des Köpers des Anderen. Alexandra spürte, wie Chris Hände unter ihr T-Shirt wanderten und über ihren nackten Rücken strichen. Als sie zaghaft begannen, am Verschluss ihres BHs zu nesteln, richtete Alexandra sich auf und zog ihr Shirt aus. Die Augen fest auf Chris’ Gesicht gerichtet, ließ sie anschließend die Träger des BHs langsam über ihre Schultern gleiten.

Chris setzte sich ebenfalls auf und starrte sie an.

„Du bist wunderschön…“, flüsterte er fast andächtig.

Alexandra schluckte und griff nach dem Saum von Chris’ T-Shirt. Sie wartete, bis er die Arme hob, damit sie es ihm über den Kopf ziehen konnte. Er war zwar schlank, schlanker noch als sie selbst, doch hatte er sich durch die harte körperliche Arbeit fein definierte Oberkörpermuskeln erworben, deren Spiel bei jeder Bewegung deutlich zu sehen war.

Chris umgriff ihre Taille mit beiden Händen und strich dann langsam nach oben, bis seine Daumen knapp unterhalb ihrer Brüste waren.

„Fass mich ruhig an.“

Ihre eigene Stimme klang fremd in Alexandras Ohren. So oft schon hatte sie in ihren Fantasien diesen Augenblick durchlebt, doch die Realität ließ all ihre Vorstellungen verblassen.

Chris’ Berührungen waren so unendlich zärtlich und vorsichtig, er behandelte sie, als wäre sie aus feinstem Porzellan und würde unter dem leisesten Druck zerbrechen.

Sie küssten sich wieder und wieder, bis Alexandra sich nach hinten in die Kissen fallen ließ und Chris mit sich zog. Chris’ Atem ging schwer und an ihrem Oberschenkel konnte sie den Beweis dafür spüren, dass er genauso erregt war wie sie selbst.

Alexandra gab Chris’ einen sanften Schubs, so dass er auf der Seite lag. Dann beobachtete sie sein Gesicht genau, während sie ihre Hand ganz langsam an seinem Bauch hinunter gleiten ließ, bis sie den Bund seiner Jeans ereichte. Sie strich mit dem Finger daran entlang, bevor sie am Verschluss seines Gürtels anhielt.

Chris schlug die Augen auf, die er während Alexandras Liebkosungen geschlossen hatte. Er schluckte, dann nickte er auf die unausgesprochene Frage, die zwischen ihnen stand.

„Wir müssen nicht…“ sagte Alexandra leise.

Das Letzte, was sie wollte, war, dass Chris sich zu irgendetwas gezwungen fühlte, wozu er nicht bereit war. Auch wenn sie sich dann eine Stunde lang unter eine kalte Dusche stellen musste.

„Ich will es aber“, kam die heisere Antwort. „Bitte, Alex….“

Alexandras Finger begannen zu zittern, als sie langsam die Gürtelschnalle öffnete….

 

Kapitel 29


 

Gedankenverloren spielte Chris mit einer blonden Locke. Immer wieder rollte er sie sich um den Zeigefinger, ließ sie los und sah zu, wie sie wieder in ihre ursprüngliche Form zurückschnellte.

Die Besitzerin besagter Locke lag schlafend neben ihm, ein sanftes Lächeln auf ihrem entspannten Gesicht.

Chris hatte sich nicht vorstellen können, dass es so viel Liebe, soviel Zärtlichkeit auf der Welt gab, bis Alexandra es ihm bewiesen hatte. Er hatte nicht geglaubt, dass man einem anderen Menschen so nahe sein konnte, nicht nur im körperlichen Sinne. Chris fand keine Worte, das Feuerwerk der Gefühle zu beschreiben, das mit Alexandra zu schlafen in ihm ausgelöst hatte. Körperliche Nähe war für ihn in San Quentin zu einem Synonym für Schmerz, Angst, Tränen und unbeschreibliche Demütigung geworden.

Übelkeit stieg in Chris hoch, als er daran dachte, was er im Gefängnis getan hatte. Alle Seife, alles Wasser dieser Welt war nicht genug, um den Schmutz, der an ihm klebte, wieder abzuwaschen. Er hatte gelernt, mit diesem Gefühl zu leben, hatte gelernt, es so weit wie möglich aus seinem Bewusstsein auszublocken. Aber nun brach alles wieder hervor. Nicht nur das, ihm wurde plötzlich klar, dass er auch Alexandra in diesen Schmutz hinuntergezogen hatte, allein dadurch, dass er es gewagt hatte, sie anzufassen.

Eisiges Entsetzen breitete sich in Chris aus. Wie sollte er Alex jemals wieder in die Augen sehen können? Er war ein guter Schauspieler und Lügner, wenn es sein musste, doch den einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutete, in so einer Sache anzulügen…. Was um alles in der Welt hatte er da angerichtet? Wieso nur hatte er Alexandra geküsst und sich aufgeführt, als würde sie ihm gehören? Hätte er doch nur seine verdammte Klappe gehalten.

Alexandra bewegte sich und murmelte etwas vor sich hin. Chris erschrak. Er konnte jetzt nicht mit ihr reden, zuerst musste er sich im Klaren darüber werden, was er jetzt tun sollte, wie er wieder gut machen konnte, was er angerichtet hatte.

Doch Alexandra wachte nicht auf, sondern schlief in seliger Unkenntnis seiner Gewissensqualen weiter.

Vorsichtig verließ Chris das Bett und griff nach seinen Sachen. Er musste erst einmal raus hier, einen klaren Kopf bekommen, und das konnte er nicht, wenn Alexandra nackt neben ihm im Bett lag.

***

Als er die Tür öffnete, wäre Chris beinahe über Charlie gestolpert, der auf der Türschwelle geschlafen hatte. Er beugte sich kurz nach unten, um den Hund beruhigend zu streicheln, damit er nicht bellte und Alexandra weckte. Charlie winselte leise, legte aber dann seinen Kopf wieder auf seine Pfoten. Seine dunklen Hundeaugen folgten Chris, als dieser im Slalom die Treppe hinunterging, um den knarzenden Stellen auszuweichen.

Ein stürmischer Wind schlug Chris entgegen, als er in die kalte Nachtluft hinaustrat. Der Wetterbericht hatte für die nächsten Tage eine Regenfront vorhergesagt. Er trug nur eine dünne Jeansjacke und zog fröstelnd die Schultern hoch, als er die verlassene Strasse entlangging. Die ganze Stimmung passte zu dem, wie es in seinem Inneren aussah, düster, kalt und einsam.

Er erinnerte sich, wie er das letzte Mal in der Nacht so durch die Gegend gelaufen war. Damals war auch Alexandra der Grund dafür gewesen. Chris wünschte sich plötzlich, er wäre damals gegangen, hätte Jack gebeten, ihm eine neue Stelle zu besorgen. Dann wäre die heutige Nacht nie passiert. Doch gleichzeitig wusste er, dass er das nicht fertig gebracht hätte.

Chris fühlte sich innerlich total zerrissen. Er machte sich Vorwürfe, dass er Alexandra hatte merken lassen, wie sehr es ihn verletzt hatte, dass sie mit diesem Ryan ausgegangen war, und wenn es nur zum Abendessen bei den Andersons gewesen war. Er hatte sie herausgefordert und Alexandra hatte die Herausforderung angenommen und mit den gleichen Waffen zurückgeschlagen. Dass mit diesem Ryan nichts passiert war, das spielte keine Rolle mehr.

Chris hatte sich geschworen, Alexandra niemals anzurühren, darum war er ihr auch in letzter Zeit aus dem Weg gegangen. Spätestens seit dem Wochenende an diesem verflixten See war ihm klar gewesen, dass Alexandra ihn wirklich liebte und sie die Worte, die sie damals im betrunkenen Zustand geäußert hatte, todernst gemeint hatte. Chris hatte schon zu zweifeln begonnen, da sie sich danach verhalten hatte wie immer. Doch im Grunde genommen war es ihm ganz recht so gewesen.

Der Wind begann, aufzufrischen und das erste Herbstlaub in einem wilden Tanz durch die Luft zu wirbeln. Chris hatte wieder die Stelle erreicht, von wo aus man die Bay überblicken konnte. Er setzte sich auf die Steinmauer und sah hinunter. Einmal war er mit Charlie auf einem Spaziergang vorbeigekommen und hatte bei Tageslicht die Aussicht betrachtet. Dabei hatte er festgestellt, dass es hier etwa hundert Meter senkrecht in die Tiefe ging. Unten verlief eine schmale, wenig befahrene Straße, die ins Tal hinunterführte.

Jetzt war natürlich nichts davon zu sehen, alles wurde von der Dunkelheit verschluckt.

Chris schlang die Arme um sich. Es war verdammt kalt geworden, doch am schlimmsten war die Kälte in seinem Inneren. In Alexandras Armen, als er mit ihr geschlafen hatte, hatte er sich so warm, so sicher und so geborgen gefühlt. Er wollte dieses Erlebnis keinesfalls missen, auch wenn es ihm vor Augen geführt hatte, was für ein perverser Abklatsch der Realität das, wozu man ihn gezwungen hatte, eigentlich wirklich gewesen war.

Mit jemandem Liebe zu machen, war etwas völlig anderes, dass wusste Chris jetzt. Aber er wusste auch, dass so etwas wie heute Nacht nie wieder passieren würde. Er konnte Alexandra das nicht antun, dazu liebte er sie viel zu sehr. Er konnte sie nicht länger belügen. Sie würde ihn hassen, wenn sie erfuhr, dass er eine Hure gewesen war.

Alexandra war eine so starke, selbstbewusste Frau. Chris konnte sich nicht vorstellen, dass irgend jemand sie zwingen konnte, etwas zu tun, das sie nicht wollte. Er dagegen war nichts weiter als ein Feigling, der nicht gewagt hatte, zu kämpfen, weil er Angst gehabt hatte, damit alles nur noch schlimmer zu machen. Wie sollte Alexandra so jemanden respektieren können?

Chris spürte, wie ihm eine Träne die Wange hinunterlief. Wie sollte er es ihr nur erklären? Er konnte natürlich still und heimlich seine Sachen packen und einfach verschwinden und vielleicht einen Brief hinterlassen. Dann musste er wenigstens den Ekel und Abscheu in diesen grauen Augen nicht sehen.

Er wäre wieder allein und auf sich gestellt, würde in heruntergekommenen Motels leben und sich mit billigen Jobs über Wasser halten. Niemand würde ihn mehr liebevoll wegen seiner Haare necken oder versuchen, ihm getarntes Gemüse zum Abendessen vorzusetzen. Er wäre wirklich wieder allein…

Wie in Trance stand Chris auf und starrte in die Schwärze des Abgrunds. Es wäre so einfach, alle seine Sorgen hätten ein Ende und er wäre wieder mit seinen Eltern vereint….Langsam stellte er einen Fuß auf die Mauer.

 

Kapitel 30

 

Träge streckte sich Alexandra und gähnte ausgiebig. Dann lächelte sie, als sie sich die Ereignisse der vergangenen Nacht wieder in Erinnerung rief. Chris war so süß, so unschuldig gewesen…und so zärtlich. In den wenigen Momenten, in denen sie hatte klar denken können, war es Alexandra unglaublich erschienen, dass er sich diese Eigenschaften trotz der furchtbaren Erfahrungen, die er hatte machen müssen, hatte bewahren können.

Sie warf einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch. Erst kurz nach acht. Chris war vermutlich vorhin aufgewacht und nach unten gegangen, um Frühstück zu machen. Heute war Samstag, die Praxis war geschlossen. Vielleicht wusste er aber auch nicht, wie er ihr begegnen sollte. Der Morgen danach war immer so eine Sache….

Alexandra setzte sich auf und beugte sich aus dem Bett, um nach ihren Klamotten zu angeln. Sie würde erst einmal in ihr Zimmer hinübergehen um zu duschen, bevor sie sich nach unten in die Küche begab.

Charlie, der vor der Tür gelegen hatte, sprang auf und bellte, als Alexandra auf den Flur hinaustrat.

„Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßte sie den Hund schuldbewusst.

Normalerweise schlief er immer bei ihr im Zimmer, doch vergangene Nacht war sie froh gewesen, dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, nachdem sie in Chris’ Zimmer gegangen war.

Charlie winselte herzerweichend und lief zur Treppe. Dann drehte er sich um und kläffte sie auffordernd an. Alexandra schüttelte den Kopf.

„Was ist denn los? Hat Chris dich denn noch nicht gefüttert?“

Das wunderte sie nun doch etwas. Normalerweise konnte man das gar nicht vergessen, Charlie hatte so eine Art an sich, die das verhinderte. Stirnrunzelnd folgte Alexandra dem Hund, der die Treppe hinunter in die Küche rannte und erst vor seinem leeren Fressnapf anhielt.

Die Küche war leer, niemand hatte Kaffee gemacht oder das Frühstück vorbereitet. Merkwürdig, dachte Alexandra, während sie eine Dose Hundefutter öffnete und sie in Charlies Napf schüttete. Wo war Chris nur?

Während Charlie sich heißhungrig über sein Fressen hermachte, inspizierte Alexandra das Erdgeschoss. Chris war weder in den Praxisräumen noch in dem kleinen Büro. Als sie an der Garderobe vorbeikam, fiel ihr auf, dass seine Jacke fehlte.

Alexandra öffnete die Haustür und sah auf die Veranda. Kein Chris. Es regnete in Strömen und ein kalter Wind schlug ihr entgegen. Schnell schloss sie die Tür wieder. Er konnte doch nicht so verrückt gewesen und bei diesem Wetter nur mit einer dünnen Jacke raus gegangen sein?

Mit wachsender Sorge durchsuchte Alexandra den Rest des Hauses, sogar im Keller und auf dem Dachboden sah sie nach. Chris war nirgends zu finden. Schließlich setzte sie sich auf die Treppe und überlegte fieberhaft.

Hatte sie vergangene Nacht einen Fehler gemacht, als sie mit Chris geschlafen hatte? Er hatte gesagt, dass er es wollte, doch hatte er es auch so gemeint? Hatte er sich nicht vielleicht doch unter Druck gesetzt gefühlt, nachdem sie ihm quasi das Messer auf die Brust gesetzt hatte, damit er seine Gefühle eingestand?

„Oh mein Gott“, flüsterte Alexandra und fuhr sich verzweifelt durch die wirren Haare. Es war falsch gewesen, so falsch, auch wenn es sich noch so richtig angefühlt hatte. Chris irrte wahrscheinlichvöllig durcheinander draußen herum, holte sich vielleicht eine Lungenentzündung und alles war ihre Schuld.

Doktor Winslows Worte kamen Alexandra in den Sinn. Die Psychologin hatte auch davon gesprochen, dass manche der Opfer keine andere Möglichkeit mehr sahen als den Freitod, weil sie einfach nicht mit dem zurechtkamen, was mit ihnen passiert war. Was, wenn Chris….

Alexandra sprang auf. Sie musste ihn suchen gehen. Wenn sie Glück hatte, dann würde Charlies Nase ihr dabei helfen können, auch wenn sie das bei dem Wetter bezweifelte. Es wäre außerdem nicht schlecht, wenn ihr noch jemand bei der Suche behilflich sein würde.

Alexandra rannte nach oben in Chris’ Zimmer, wo sie ihre Handtasche hatte liegen lassen, und zog ihr Mobiltelefon hervor. Noch während sie die Treppe wieder hinuntereilte, suchte sie Jacks Nummer heraus und drückte auf „Verbinden“. Es klingelte unendlich lange, bis sie endlich eine verschlafene Männerstimme am anderen Ende hörte.

„Hallo?“

„Jack, ich bin’s, Alex. Hör zu, ich brauch deine Hilfe, Chris ist…“

 

Teil 31

 

 „Jack, ich bin’s, Alex. Hör zu, ich brauch deine Hilfe, Chris ist…“

Bevor Alexandra ihren Satz beenden konnte, hörte sie, wie sich die Haustür öffnete. Sie fuhr herum und merkte, wie ihre Knie vor Erleichterung beinahe nachgaben. Chris war nach Hause gekommen.

„Alex? Hey, könntest du mir vielleicht erklären, was los ist, wenn du mich schon in aller Herrgottsfrühe am Samstag rauswirfst?“ quäkte Jacks indignierte Stimme aus ihrem Telefon.

„Sorry, Jack, falscher Alarm. Ich erklär’s dir ein andermal“, sagte Alexandra hastig und trennte die Verbindung. Dann betrachtete sie Chris genauer. Er war klatschnass, seine Haare klebten ihm am Kopf und auf dem Boden neben seinen Füßen bildeten sich bereits kleine Pfützen. Sein Gesicht war kreidebleich, doch was Alexandra am meisten beunruhigte, war der gehetzte Ausdruck in seinen Augen.

Sie legte das Telefon zur Seite und ging zögernd ein paar Schritte auf ihn zu.

„Chris? Was ist los?“ fragte sie behutsam.

„Ich…ich muss dir…was sagen, Alex….Was Wichtiges…“, würgte er zähneklappernd hervor.

„Ich weiß, Baby. Aber zuerst brauchst du einmal eine heiße Dusche und etwas Trockenes zum Anziehen. Dann reden wir.“ Alexandra trat auf Chris zu und legte ihren Arm um seine Taille. Es brachte sie fast um, ihn so verzweifelt zu sehen, vor allem, da sie wusste, dass sie selbst ein Teil des Grundes dafür war.

Zu ihrer Erleichterung widersprach Chris nicht, sondern ließ sich widerstandslos die Treppe hinauf in sein Zimmer führen. Dort schob Alexandra ihn ins Badzimmer und drehte die Dusche auf, bevor sie anfing, ihm aus den nassen Sachen zu helfen.

Chris war eiskalt und schien sich kaum mehr auf den Beinen halten zu können. Alexandra fürchtete, er würde in der Dusche zusammenbrechen, also zog sie sich kurzentschlossen bis auf die Unterwäsche aus und stieg mit ihm zusammen in die Kabine.

Sie hätte beinahe aufgeschrieen, als das heiße Wasser ihre Haut traf, doch Chris gab keinen Ton von sich. Er hatte die Augen geschlossen und zitterte erbärmlich. Alexandra zog ihn in ihre Arme und hielt ihn fest, während sie sich Vorwürfe wegen ihrer unglaublichen Dummheit machte.

Nach ein paar Minuten spürte sie, wie das Zittern weniger wurde und Chris sich gegen ihre Umarmung zu wehren begann. Sofort ließ sie ihn los.

„Geht’s wieder?“ fragte sie.

Chris nickte, ohne sie anzusehen. Alexandra drehte das Wasser ab und schob die Tür zurück. Sie griff nach einem Duschtuch und wickelte es um ihren Körper, bevor sie Chris ebenfalls eines reichte.

„Ich bring dir was zum Anziehen, dann gehe ich nur kurz rüber in mein Zimmer. Wenn ich zurückkomme, dann…dann kannst du mir sagen, was los ist.“

Alexandra flüchtete fast aus dem Raum, nachdem sie Chris trockene Sachen ins Bad gelegt hatte. Die Stunde der Wahrheit war also gekommen, dachte sie. Wie pathetisch das klang.

Drüben in ihrem eigenen Badezimmer warf Alexandra ihre nasse Unterwäsche in die Wanne und schlüpfte in Windeseile in ein paar Sweatpants und einen Pullover. Dann trocknete sie ihre Haare. So lange hatte sie darauf gewartet, dass Chris sich ihr öffnen und sie endlich in der Lage sein würde, ihm wirklich zu helfen. Und nun, da es endlich so weit war, begannen leise Zweifel an ihr zu nagen, ob sie es wirklich schaffen würde, die richtigen Worte zu finden.

Als Alexandra sich genügend Mut für das, was vor ihr lag, zugesprochen hatte, ging sie zurück in das andere Zimmer. Chris saß mit angezogenen Knien am Kopfende des Bettes. Davor hatte er den Stuhl gestellt, der normalerweise vor seinem Schreibtisch stand. Alexandra runzelte die Stirn, doch dann sagte sie sich, dass er diese Distanz zu ihr jetzt wahrscheinlich brauchte.

Sie setzte sich auf den Stuhl und stützte sich mit den Ellbogen auf die Knie. Chris sah nicht auf, sondern spielte mit einem Fussel auf seiner Hose.

„Erinnerst du dich an den Abend, als du mich zum Arzt gefahren hast, weil ich Bauchschmerzen hatte?“ fragte er nach einer halben Ewigkeit.

„Ja…. Du sagtest, du wüsstest nicht, wieso.“

„Das war gelogen. Ich…ich hatte sie immer, wenn ich an etwas…an etwas Bestimmtes gedacht habe. An dem Abend waren sie besonders schlimm, weil…“ Chris schluckte und atmete tief durch. „An dem Tag vor vier Jahren wurde ich zum ersten Mal im Gefängnis vergewaltigt. Es passierte in der Dusche, ich war da allein mit drei anderen und dann…dann hat mich einer von denen gepackt und…die anderen beiden haben mich festgehalten, während Jackson mich vergewaltigt hat. Dann haben sie sich abgewechselt….“

Alexandra war wie erstarrt, als Chris ihr stockend, aber gefasst erzählte, was während dieser dreieinhalb Jahre in San Quentin passiert war. Mit nüchternen Worten beschrieb er, wie dieser Jackson ihn zu seinem „Besitz“ erklärt hatte und ihn gezwungen hatte, ihm und seinen Freunden zu Willen zu sein. Wie Jackson ihn später gegen Bezahlung an andere Gefangene „ausgeliehen“ hatte.

Fassungslos lauschte Alexandra diesem Bericht. Das war die richtige Bezeichnung dafür, ein kalter, emotionsloser Bericht. Chris ließ nichts aus, nicht einmal, dass er Jackson dankbar gewesen war, dass dieser ihn mit Kondomen versorgt hatte, wenn er ihn gezwungen hatte, sich für eine Schachtel Zigaretten oder ein paar Dollar zu prostituieren.

Alexandra erfuhr auch den Grund, warum Chris während des Gewitters damals am Shashta Lake so ausgeflippt war. Ihr wurde übel und sie musste mit aller Macht gegen den Drang ankämpfen, sich zu übergeben. Sie wusste nicht mehr, was schlimmer war, die Geschichte selbst, oder der distanzierte Ton, in dem Chris sie erzählte.

Es war, als würde er von den Erfahrungen eines anderen Menschen berichten, nicht von seinen eigenen. Das einzige Anzeichen dafür, dass es ihn doch berührte, war das gelegentliche Stocken und das fast unmerkliche Zittern seiner Stimme.

Ein einziges Mal wischte er sich über die Augen, das war, als er über den Tod seines Vaters sprach, wie er sich danach hatte umbringen wollen und dieser Wärter ihn gefunden hatte. Alexandra hätte Chris in diesem Moment am liebsten in den Arm genommen, doch sie hatte das Gefühl, dass er das nicht zugelassen hätte.

„Der letzte Kerl, mit dem ich zusammen war, bevor ich entlassen wurde, war ein richtig sadistisches Schwein. Ich musste mir die Haare lang wachsen lassen, mich schminken, sogar Frauenunterwäsche hat er mir besorgt…Und es hat ihm Spaß gemacht, mir wehzutun…. Ich brauchte nur einmal mit einem der wenigen Freunde, die ich dort hatte, zu reden, dann hat er mich schon verprügelt….Er hat immer einen Gürtel dafür benutzt, keine Ahnung wie er den vor den Wärtern versteckt hat….“

Chris schwieg ein paar Minuten lang und Alexandra begann sich schon vor dem zu fürchten, was sie als nächstes zu hören bekommen würde. Doch Chris schien am Ende seiner Geschichte angekommen zu sein.

„Dann bekam ich überraschend Bewährung. Ich hätte nie gedacht, das mein Gesuch akzeptiert werden würde, aber…anscheinend hat sich irgendjemand da oben zur Abwechslung mal gedacht, dass ich jetzt genug durchgemacht hatte.“

Zum ersten Mal sah Chris auf und warf Alexandra einen kurzen Blick zu.

„Du brauchst dir übrigens keine Sorgen zu machen, ich war nach meiner Entlassung beim Arzt. Ich bin sauber. Noch etwas, wofür ich den Mächten da oben wohl dankbar sein sollte.“ Er lachte bitter auf. „Das war’s, was ich dir sagen wollte. Ich war eine…Hure, die mit zig Männern geschlafen hat. Das gestern Nacht tut mir leid, ich hätte dich nicht anfassen dürfen und ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.“

„Was?“ fragte Alexandra erstickt.

Sie war noch immer dabei, das Gehörte zu verarbeiten und hatte den Sinn von Chris’ letzten Worten nicht ganz verstanden.

„Alex, ich werd nachher meine Sachen packen und gehen. Gib mir nur ein paar Minuten Zeit…“

„Du gehst nirgendwo hin!“ schrie Alexandra und sprang auf. „Bist du völlig irre? Wie kannst du so…so kalt über all das reden?“

Mit ihrem Ausbruch erreichte sie wenigstens, dass Chris sie ansah. Seine Augen waren leer, die Arme hatte er noch immer um seine Knie geschlungen und die Hände so stark ineinander verkrampft, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Das einzige Zeichen dafür, wie aufgewühlt er in Wirklichkeit sein musste.

„Alex, es ist besser so…. Wenn du erst mal drüber nachgedacht hast, wirst du mir recht geben“, sagte er leise. „Du kannst so etwas wie mich nicht lieben, niemand kann das….“

Alexandra musste ihre Hände zu Fäusten ballen, um sich davon abzuhalten, ihn zu schütteln oder gar zu ohrfeigen.

„Hör auf damit“, würgte sie hervor. „Ich…Scheiße, ich kann das jetzt nicht!“

Mit diesen Worten wandte sich Alexandra um und ging mit schnellen Schritten zur Tür. Während diese sie aufriss, zog sie den Schlüssel heraus, der im Schloss steckte. Sie würde nicht zulassen, dass Chris in einem unbeobachteten Augenblick die Flucht ergriff.

„Ich…ich brauch etwas Zeit, um das alles zu verarbeiten“, flüsterte sie, ohne sich umzudrehen. „Aber diese Diskussion ist noch nicht beendet. Ich lass dich nicht so einfach aus meinem Leben verschwinden.“

Mit einem lauten Knall warf Alexandra die Tür hinter sich zu und schloss sie ab. Dann lehnte sie ihre Stirn gegen das kühle Holz.

Wie hatte ihr die Situation nur so entgleiten können?

***

Minutenlang saß Chris regungslos da und starrte auf die geschlossene Tür, bis er hörte, wie Alexandra die Treppe hinunter rannte. Zitternd holte er Atem.

Lange hätte er nicht mehr durchgehalten. Wenn Alexandra ihn angefasst hätte, dann wäre er wahrscheinlich heulend in ihren Armen zusammengebrochen. Die letzte halbe Stunde hatte ihn seine letzten Kraftreserven gekostet.

Er wusste nicht mehr, wie lange er dort oben an diesem Abgrund gestanden und in die Tiefe gestarrt hatte. Irgendwann hatten die ersten Vögel trotz des Regens angefangen zu zwitschern und es war langsam hell geworden.

In diesen Stunden hatte er sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen lassen, von seinen ersten Erinnerungen, als er von seinen Eltern das lang ersehnte Piratenspielzeugschiff bekommen hatte und sie beide stundenlang mit ihm damit gespielt hatten, über seine Schulzeit, seine erste große Liebe, eine Klassenkameradin, die ihn aber nie beachtet hatte, den Tod seiner Mutter, seine Zeit im Gefängnis, bis zur gestrigen Nacht, als Alexandra ihn so unendlich zärtlich in die Welt der Liebe eingeführt hatte.

Der Gedanke an Alexandra hatte ihn schließlich davon abgehalten, zu springen. Sie hatte ihm gesagt, nein gezeigt, wie sehr sie ihn liebte und plötzlich wurde ihm klar, was er ihr damit antun würde. Sie hatte ja keine Ahnung davon, wie wertlos und schmutzig er war. Wenn sie erst einmal wusste, was er in Wirklichkeit für ein Mensch war, dann würde sie ihn verabscheuen und erleichtert sein, ihn los zu sein. Er würde gehen und sie nie wieder sehen.

Chris fuhr sich mit beiden Händen über sein Gesicht. Dabei fiel ihm auf, dass er unnatürlich warm war. Wahrscheinlich hatte er Fieber, aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr, dachte er sich.

Er wollte, nein konnte Alexandra einfach nicht mehr gegenübertreten. Sie würde wiederkommen, wenn sie sich beruhigt und darüber nachgedacht hatte und dann…dann würde er statt Liebe und Freundschaft nur noch Ekel und Hass, weil er sie so erniedrigt hatte. in ihren Augen lesen können. Das könnte er nicht ertragen

Aus diesem Grund hatte Chris seine Sachen packen und verschwinden wollen. Doch diese Möglichkeit hatte Alexandra ihm genommen, als sie seine Tür verschlossen hatte. Durch das Fenster konnte er auch nicht flüchten, dazu lag es zu hoch.

Chris stand auf und ging wie in Trance zu seinem Schreibtisch hinüber. Er zog seinen Schreibblock unter einem Buch hervor, griff nach einem Stift und setzte sich dann wieder auf sein Bett. Er musste wenigstens versuchen, Alexandra zu erklären, warum es keinen anderen Ausweg gab…

 

Teil 32

 

Automatisch, nur im irgendetwas zu tun zu haben, das den Anschein von Normalität besaß, goss Alexandra Wasser in die Kaffeemaschine, steckte eine Filtertüte in den Filter und zählte die Löffel Kaffeepulver pedantisch ab. Normalerweise kippte sie das Kaffeepulver Pi mal Auge einfach hinein. Heute war es anders. Heute war alles anders.

Nachdem sie den Einschaltknopf gedrückt hatte, ihre Hände nichts mehr zu tun hatten, überrollte Alexandra die Realität wie eine gigantische Welle. Dreieinhalb Jahre hatte Chris in dieser Hölle gelebt, war benutzt und erniedrigt worden. Sie konnte nicht einmal ansatzweise begreifen, was er gelitten haben musste. Wie hatte sie nur so naiv sein können, zu glauben, sie würde ihm helfen können? Wieso hatte es im Gefängnis niemanden gegeben, der ihm geholfen hatte? Waren dort alle blind gewesen?

Tränen der Wut und der Hilflosigkeit strömten über Alexandras Wangen, als sie langsam an der Thekenwand entlang zu Boden rutschte. Charlie kam zu ihr getrottet und leckte ihr winselnd über das nasse Gesicht, verstört darüber, seine Herrin so aufgelöst zu sehen.

Alexandra schlang die Arme um ihren Hund und verbarg ihr Gesicht in seinem struppigen Fell. Sie musste versuchen sich zu beruhigen, sich zu überlegen, was sie jetzt tun sollte. Ewig konnte sie Chris nicht oben in seinem Zimmer einsperren, sie musste mit ihm reden, ihm klar machen, dass sie ihn nicht verachtete und dass sie für ihn da sein würde.

Das Klingeln der Türglocke riss Alexandra aus ihren Gedanken. Charlie blaffte und versuchte, sich aus ihrer Umarmung zu lösen. Alexandra ließ ihn los und wischte sich hastig über die Wangen. Wer konnte das sein?

Mühsam rappelte sie sich hoch und ging nach draußen in den Flur, wo Charlie begeistert mit seiner Pfote an der Haustür kratzte. Ein Klopfen ertönte und dann einen bekannte Stimme.

„Alex, bist du zu Hause? Los, mach die Tür auf, du kannst mich doch am Samstag nicht in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett klingeln und dann ohne Erklärung den Hörer wieder auflegen. Ich hab mir Sorgen gemacht. Alex? Nun mach schon!“

Wieder klingelte es.

Alexandra atmete tief durch. Jack. Wenn sie mit jemandem reden konnte, dann war er es. Zögernd öffnete sie die Tür. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen, doch ein Schwall kalter Luft traf Alexandra und ließ sie frösteln.

„Mein Gott, Alex, was ist denn passiert?“ rief Jack betroffen aus, während er Charlies Begrüßungsattacke abwehrte. „Aus, Charlie, nicht jetzt.“

Alexandra trat zur Seite, um ihren Freund ins Haus zu lassen.

„Alex, wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist….Du siehst aus, als wärst du allen Horrorgestalten der Geschichte auf einmal begegnet.“ Jack packte Alexandra an den Oberarmen und sah ihr ängstlich ins Gesicht. „Ist etwas mit Chris passiert? Hat er irgendwas…angestellt?“

Alexandra konnte nur stumm mit dem Kopf schütteln. Sie biss sich auf die Unterlippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken, doch sie konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten. Verzweifelt klammerte sie sich an Jack, als dieser sie in die Arme nahm und ließ sich widerstandslos in die Küche führen.

Dort drückte Jack sie auf einen Stuhl und setzte sich neben sie.

„So, und jetzt erzählst du dem alten Jack, was dich bedrückt. So kenne ich dich gar nicht“, sagte er sanft, als er ihr mit einer Hand ihr Kinn anhob, um ihr ins Gesicht zu sehen.

Flüchtig kam Alexandra der Gedanke, dass sie dabei war, Chris’ Vertrauen zu missbrauchen, wenn sie mit Jack über das sprach, was er ihr erzählt hatte, doch sie konnte einfach nicht anders. In groben Zügen und von vielen Schluchzern unterbrochen schilderte sie ihrem Freund, was Chris im Gefängnis hatte durchmachen müssen.

„Er war so kalt, als würde ihn das alles nicht berühren. Er hätte mir genauso gut den Wetterbericht erzählen können“, weinte sie. „Jack, was soll ich denn jetzt bloß machen?“

Jack schwieg eine ganze Weile.

„So was in der Richtung habe ich mir fast gedacht“, sagte er schließlich leise.

„Wieso hast du mich dann nicht vorgewarnt?“ Anklagend starrte Alexandra ihren Freund an.

Jack zuckte mit den Schultern. „Weil es eben ein Thema ist, über das man nicht redet, schon gar nicht als Mann.“

Genau das Gleiche hatte Doktor Winslow gesagt, erinnerte sich Alexandra.

„Wo ist er jetzt?“ erkundigte sich Jack.

„Oben. Ich hab ihn in seinem Zimmer eingesperrt, weil ich Angst hatte, dass er abhaut. Ich…ich konnte vorhin einfach nicht mit ihm reden…nicht mit diesem, kalten gefühllosen Fremden. Wenn er ausgerastet wäre, damit hätte ich umgehen können, aber ….“ Hilflos brach Alexandra ab und schnäuzte sich mit dem Taschentuch, das Jack ihr hinhielt. „Danke.“

„ Du hast ihn eingesperrt? Alex, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war…“

„Was hätte ich denn machen sollen? Chris hat gesagt, er wolle gehen und das konnte ich nicht zulassen. Ich hab erst mal ein wenig Zeit gebraucht, um das alles zu verarbeiten“, rechtfertigte sich Alexandra.

Dann kam ihr plötzlich ein schrecklicher Gedanke.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass er sich deshalb etwas antun würde? Oh Gott, ich bin so was von dämlich!“

Mit diesen Worten sprang sie auf und eilte zur Tür hinaus in den Flur. Während sie die Treppe hinaufraste, betete Alexandra inständig, dass sie keinen fatalen Fehler gemacht hatte, als sie den Schlüssel zu Chris’ Tür herumgedreht hatte. Wie musste das für ihn ausgesehen haben?

Mit zitternden Fingern schloss sie die Tür auf und stürzte ins Zimmer. Es war leer. Ihr Blick fiel auf die geschlossene Badezimmertür. Voller Angst, was sie dahinter erwarten mochte, riss sie diese auf und begann im gleichen Moment zu schreien…


 

Teil 33

 

Wie betäubt sah Alexandra dem Notarzt und den Sanitätern zu, die sich um Chris kümmerten. Ihr war beinahe das Herz stehen geblieben, als sie ihn dort auf den weißen Badezimmerfliesen in einer dunkelroten Blutlache hatte liegen sehen. Nachdem sie sich in ihrem ersten Schock mit einem Schrei Luft gemacht hatte, hatte sie Jack angebrüllt, er solle den Notarzt rufen und ihr Verbandszeug aus der Praxis holen.

Dann hatte sie sich gewaltsam zu Ruhe gezwungen und Chris’ aufgeschlitzte Handgelenke provisorisch mit ein paar Handtüchern umwickelt, um den Blutfluss zu stoppen. Mit einem Griff an seine Halsschlagader hatte sie sich vergewissert, dass er noch am Leben war. Sein Puls war schwach und unregelmäßig gewesen.

Jack war ins Badezimmer gestürmt, die Arme beladen mit Bandagen und Alexandra hatte Chris Druckverbände angelegt. Dann hatte sie sich neben ihn auf den Boden gekauert und seinen Kopf in ihren Schoß genommen. Jack hatte inzwischen unten auf den Krankenwagen gewartet. Es war Alexandra wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen, bis der Notarzt endlich eingetroffen war und sie sanft, aber bestimmt von Chris weggezogen wurde.

Jetzt wurde Chris von den Sanitätern auf die Trage gehoben und festgeschnallt. Der Notarzt führte eine Kanüle in eine Vene an seinem linken Arm ein und schloss diese an einen Tropf an.

„Bringt ihn runter in den Wagen“, befahl er den beiden Sanitätern. Dann wandte er sich an Alexandra. „Der Junge hat eine Menge Blut verloren. Sie haben ihn wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig gefunden und die Blutung gestillt. Respekt, das war richtig professionell.“

„Kann ich mit ins Krankenhaus fahren?“ würgte Alexandra hervor, ohne auf das Lob einzugehen.

Die Vorwürfe, die sie sich wegen ihres gedankenlosen Verhaltens machte, drohten sie fast zu ersticken. Wie hatte sie Chris in dieser Verfassung nur allein lassen können? Sie hätte sich eigentlich denken können, dass er eine Dummheit machen würde.

„Natürlich“, nickte der Arzt. „Sie müssen allerdings in der Fahrerkabine Platz nehmen.“

Alexandra spürte, wie Charlie sich zitternd an sie drängte. Der Hund war völlig verstört von den Vorgängen, die er nicht verstehen konnte.

„Passt du bitte auch Charlie auf? Er sollte jetzt nicht alleine sein“, bat sie ihren Freund, der mit schneeweißem Gesicht neben ihr stand.

„Sicher“, entgegnete Jack. „Mach dir keinen Sorgen, ich kümmere mich hier um alles.“

Alexandra ergriff seine Hand und drückte sie. „Danke“, flüsterte sie, bevor sie dem Notarzt die Treppe hinunter und nach draußen folgte.

Zwei Minuten später jagte der Krankenwagen mit lautem Sirenengeheul die Straße hinunter.

***

Alexandra kauerte auf einem der harten Stühle auf dem Gang der Notaufnahme des Renfield Memorial und hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Sie wartete nun schon seit einer halben Stunde, doch bisher hatte ihr niemand sagen können, wie es Chris ging.

Alexandra war kein religiöser Mensch, doch in dieser letzten halben Stunde hatte sie soviel gebetet wie in ihrem ganzen bisherigen Leben noch nicht. Da war soviel Blut gewesen, auf dem Boden, auf Chris’ Kleidung…. Fünf Liter flossen durch den Körper eines erwachsenen Menschen, ein Verlust von mehr als eineinhalb Litern innerhalb kurzer Zeit konnte tödlich sein. Alexandra flehte zu Gott, dass sie Chris wirklich noch rechtzeitig gefunden hatte.

Die Tür zur Notaufnahme ging auf.

„Alex! Mein Gott, wie ist das denn nur passiert? Jack hat mich angerufen und mich gebeten, nach dir zu sehen.“

Julie kam auf Alexandra zu gerannt und nahm sie in die Arme.

„Schätzchen, wie geht es dir?“ fragte sie besorgt. „Ist alles in Ordnung? Schon irgendwelche Neuigkeiten von Chris?“

Alexandra konnte nur stumm den Kopf schütteln. Sie war so dankbar dafür, dass sie nicht mehr allein war und sich selbst mit ihren Ängsten wahnsinnig machen konnte.

„Ian kommt nachher vorbei und bringt dir etwas Anderes zum Anziehen“, sagte Julie.

Alexandra sah an sich herunter. Ihr Pullover und ihre Hose waren voller Blutflecken, sie sah aus, als hätte sie die Hauptrolle in einem schlechten Horrorfilm gespielt.

„Das ist…gut.“ Alexandra schluckte. „Julie, ich…ich weiß nicht….“

„Hey, du brauchst jetzt nicht reden, wenn du nicht willst. Ich musste Jack zwar alles aus der Nase ziehen, aber schließlich hat er mir doch erzählt, warum Chris so einen Mist gemacht hat. Diese Schweine gehören allesamt kastriert.“ Julie umarmte sie wieder. „Ich wollte einfach nur für dich da sein, okay?“

Hinter den beiden Frauen ging eine Tür auf und ein junger Arzt betrat den Gang. Er sah sich suchend um und als er Alexandra und Julie erblickt, kam er zu ihnen herüber.

„Sind Sie mit dem Jungen hier, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat?“ erkundigte er sich mit ernster Miene.

Alexandra fühlte, wie ein eisiger Schauer ihren Rücken hinunterlief. Das hörte sich nicht gut an. Unbewusst griff sie nach Julies Hand, und fühlte, wie diese sie beruhigend drückte.

„Ja, ich war dabei, als er eingeliefert wurde. Mein Name ist Alexandra Hastings, Chris wohnt bei mir. Wie…wie geht es ihm?“

Bitte, bitte sag, dass es er wieder gesund wird, flehte Alexandra innerlich. Ihre Verzweiflung musste sich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben, denn der Arzt blickte sie mitfühlend an.

„Er wurde gerade noch rechtzeitig eingeliefert. So, wie es aussieht, sind keine bleibenden Schäden aufgrund des Blutverlustes zu befürchten. Das einzige, was mir Sorgen bereitet, ist, dass er hohes Fieber hat. Das müssen wir erst noch unter Kontrolle bringen.“

Alexandra spürte, wie ihre Knie vor Erleichterung weich wurden. Gerade noch rechtzeitig und keine bleibenden Schäden, hatte der Arzt gesagt. Das Fieber kam wahrscheinlich daher, dass Chris die halbe Nacht draußen in der Kälte verbracht hatte.

„Aber…er wird wieder gesund?“ vergewisserte sie sich.

„So, wie es aussieht, ja“, entgegnete der junge Arzt. „Ich bin übrigens Doktor Myers.“

„Danke, Doktor. Wann kann ich ihn sehen?“

Alexandra konnte es kaum erwarten, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass Chris am Leben war.

„Wir bringen ihn nachher auf die Intensivstation, dann können Sie kurz zu ihm. Da ist allerdings noch etwas, dass ich Sie fragen muss. Wissen Sie, ob er Drogen nimmt?“

„Nein. Ich meine, Chris nimmt keine Drogen, da bin ich ganz sicher“, antwortete Alexandra sofort.

Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sie während des Studiums schon mal Hasch auf irgendwelchen Feten geraucht hatte und dafür einen empörten Blick von ihm geerntet. Chris hasste Drogen.

„Gut“, sagte Doktor Myers. Dann sah er Alexandra prüfend an. „Wissen Sie, weshalb er den Selbstmordversuch unternommen hat?“

Alexandra atmete tief durch. Diese Frage hatte irgendwann kommen müssen.

„Ja…, so ungefähr jedenfalls“, erwiderte sie leise. Dann schüttelte sie den Kopf. „Sie brauchen mir nicht zu sagen, dass er deswegen professionelle Hilfe braucht. Sobald es ihm besser geht, werde ich mich darum kümmern.“

„Sehr gut“, nickte der junge Arzt. Dann verabschiedete er sich.

Alexandra schloss die Augen und schickte ein Dankgebet zum Himmel. So, wie es aussah, würde Chris wieder vollständig gesund werden, zumindest körperlich. Und dann konnte sie daran gehen, sich um die Wunden zu kümmern, die man nicht sehen konnte.

Alexandra fühlte, wie Julie ihr einen Arm um die Schultern legte und sie leicht an sich drückte.

„Na also, Chris geht’s also bald wieder besser“, sagte sie tröstend. „Was hat sich dieser Dummkopf bloß dabei gedacht?“

Bevor Alexandra darüber nachdenken konnte, ob sie Julie erzählen sollte, dass sie kurz vor seinem Selbstmordversuch mit Chris geschlafen hatte, kam Ian zur Tür herein. In der Hand trug er eine Tasche und auf seinem Gesicht spiegelte sich tiefe Besorgnis.

„Hallo Alex, Julie“, begrüßte er die beiden Frauen. „Wie geht es Chris?“

„Er kommt wieder in Ordnung“, antwortete Julie. „Sind das die Sachen für Alex?“

„Ja…und das hier hat Jack auf Chris’ Bett gefunden.“ Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Jackentasche und reichte es Alexandra, die es zögernd entgegennahm.

„Was ist das?“ fragte sie, obwohl sie es sich eigentlich denken konnte.

„Ein Abschiedsbrief. Jack lässt dir ausrichten, es tut ihm leid, dass er ihn gelesen hat, aber er hat ihn nur durch Zufall gefunden und er war nicht adressiert…“ Ian kratzte sich verlegen am Kopf. „Ich geh dann mal und richte Jack aus, dass es dem Jungen soweit gut geht.“ Damit verschwand er wieder.

Alexandra hatte das Gefühl, dass es besser war, wenn sie sich setzte, bevor sie den Brief las. Ein paar Sekunden lang starrte sie das zusammengefaltete Blatt Papier an, bevor sie den Mut fand, es zu öffnen.


Liebe Alex,
ich weiß, dass du mich jetzt hasst, weil ich dir das angetan habe. Ich hätte damals schon gehen sollen, als du mir das erste Mal gesagt hast, dass du mich liebst. Damit meine ich nicht das am See, sondern die Nacht, in der du so betrunken warst.
Ich dachte, ich hätte die Lage unter Kontrolle. Wenn ich einfach nur so tun würde, als wäre nichts passiert, dann könnte nichts schief gehen. Meine eigenen Gefühle für dich habe ich versucht wegzusperren, da ich gewusst habe, dass ich bei dir nie eine Chance haben würde, wenn du die Wahrheit über mich erfahren würdest. Und auf einer Lüge wollte ich keine Beziehung aufbauen.
Vergangene Nacht war die schönste und gleichzeitig die schrecklichste in meinem Leben. Nachdem du eingeschlafen warst, wurde mit klar, was für einen riesigen Fehler ich gemacht habe. Ich bin nichts weiter als eine schmutzige, kleine Gefängnishure und du bist eine wunderschöne, kluge und erfolgreiche Frau.
Ich stand heute Nacht auf diesem kleinen Platz, von dem aus man die Bay sehen kann und wollte hinunter springen. Dann fiel mir irgendwann ein, dass du keine Ahnung haben würdest, wieso ich das getan habe und um mich trauern und dir Vorwürfe machen würdest. Das wollte ich nicht, darum bin ich zurückgekommen, um dir endlich die Wahrheit zu sagen.
Ich liebe dich mehr als alles Andere auf dieser Welt und wollte dich nie verletzen.
Bitte verzeih mir, aber ich kann so einfach nicht mehr weiterleben. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast, besonders für letzte Nacht.
In Liebe
Chris


Der Brief entglitt Alexandras tauben Fingern und flatterte auf den Boden vor Julies Füße. Wieso nur hatte sie Chris heute Morgen allein gelassen? Sie hätte doch merken müssen, in welcher Verfassung er war.

„Ach du liebe Zeit, das arme Baby“, rief Julie aus und schreckte Alexandra aus ihren Selbstanklagen.

Sie sah zu ihrer Freundin auf, die wie vom Donner gerührt mit dem Brief in der Hand dastand.

„Ja, und ich bin schuld daran, dass er jetzt da drin liegt und beinahe gestorben wäre.“ Alexandra brach in Tränen aus. „Er hat mir heute Morgen alles erzählt und ich konnte nicht damit umgehen. Ich hab ihn allein gelassen und eingeschlossen, weil ich nicht wollte, dass er heimlich verschwindet. Und dann….“

Alexandra merkte, wie ihre Freundin sich neben sie setzte und ihr die Hand auf die Schulter legte.

„Alex, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Du weißt doch gar nicht, ob du etwas erreicht hättest, wenn du mit ihm darüber gesprochen hättest. Er ist wahrscheinlich so davon überzeugt, dass du ihn jetzt hassen musst, dass er dir das Gegenteil nie geglaubt hätte. Ich bin nur `ne einfache Kellnerin und kann mich nicht so gut ausdrücken wie deine Freunde vom College, aber ich kenne die Männer: Die sind stocktaub, wenn sie was nicht hören oder nicht von ihrer Meinung abweichen wollen.“

„Ich hätte es aber wenigstens versuchen müssen“, schluchzte Alexandra. „Und dass ich ihn eingesperrt habe…“

Alex, jetzt hör aber auf“, sagte Julie streng. „Du bist nicht für Chris’ Handlungen verantwortlich. Du weißt nicht, ob es was gebracht hätte, wenn du mit ihm gleich geredet hättest und wenn du ihn nicht eingesperrt hättest, dann wäre er vielleicht auf und davon und hätte sich woanders die Pulsadern aufgeschlitzt, irgendwo, wo man ihn nicht so schnell gefunden hätte. Kapierst du das denn nicht?“

Langsam beruhigte sich Alexandra wieder und fuhr sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über das nasse Gesicht. Es war ja nicht so, dass sie Julie nicht glauben wollte oder konnte, aber dennoch fühlte sie sich für Chris` Selbstmordversuch verantwortlich. Wenn sie nicht mit ihm geschlafen hätte, dann wäre nichts davon geschehen.

„Alex, du bist mit ihm ins Bett gegangen nicht wahr?“ fragte Julie leise, während sie den Brief noch einmal durchlas. „Und er hat einen ganzen Berg Schuldgefühle deswegen.“

„Aber ich wusste schon vorher Bescheid“, sagte Alexandra tonlos. „Es sind ein paar Sachen vorgekommen, die mich darauf brachten, was mit ihm passiert ist. Ich hatte nur nicht erwartet, dass es so schlimm war.“

„Mhm. Und Chris glaubt aber, dass er dich quasi…“ Julie suchte nach dem richtigen Ausdruck „na, ‚beschmutzt’ hat. Dass du die Wahrheit schon kanntest und es dir egal war, konnte er schließlich nicht wissen.“

Alexandra brauchte eine Weile, um über Julies Schlussfolgerungen nachzudenken. Natürlich, ihre Freundin hatte Recht. Der Brief und ein paar von Chris` Äußerungen ergaben nun plötzlich einen Sinn. Wenn man denn Chris’ verquere Denkvorgänge als sinnvoll bezeichnen konnte.

„So ein verdammter Idiot! Wie kann man denn nur so bescheuert sein?“ brach es aus Alexandra heraus.

„Männer schaffen das ganz leicht“, entgegnete Julie trocken. „Ihr zwei werdet da einiges aufzuklären haben.“

 

Teil 34

 

Schließlich raffte sich Alexandra dazu auf, auf die Toilette zu gehen und sich umzuziehen. In sauberen Klamotten fühlte sie sich gleich zumindest etwas wohler. Als sie zurückkam, wartete Julie schon auf sie.

„Man hat Chris gerade rüber auf die Intensivstation gebracht. Der nette Doc von vorhin hat gesagt, in einer Viertelstunde kannst du kurz zu ihm“, rief sie.

„Wirklich? War Chris wach?“ fragte Alexandra aufgeregt.

„Ich glaube nicht.“ Julie schüttelte bedauernd den Kopf.

Die fünfzehn Minuten Wartezeit kamen Alexandra vor wie fünfzehn Stunden. Anstatt sich hinzusetzen, lief sie unruhig den Gang auf und ab, bis eine junge Schwester kam und ihr sagte, dass sie Chris jetzt sehen durfte. Sie sah kurz zu Julie hinüber, die ihr einen ermutigenden Blick zuwarf. Dann folgte sie der Krankenschwester.

Als Alexandra an Chris’ Bett stand und auf ihn hinuntersah, konnte sie die Tränen kaum unterdrücken. Wenn das regelmäßige Heben und Senken seines Brustkorbes nicht gewesen wäre, dann hätte man meinen können, er wäre tot. Sein Gesicht war kreidebleich, was die dunklen Ringe unter seinen Augen nur noch mehr hervorstechen ließ.

Nur das monotone Piepen des Herzmonitors, an den Chris angeschlossen war, durchbrach die Stille, die auf der Intensivstation herrschte. Sanft strich Alexandra über Chris’ Wange, die sich unter ihrer Berührung unnatürlich warm anfühlte.

„Bis das Fieber gefallen ist, behalten wir ihn hier auf der Station“, sagte Doktor Myers, der neben Alexandra getreten war. „Es kann eine ganze Weile dauern, bis er aufwacht. Wenn Sie hier in der Nähe wohnen, dann sollten Sie nach Hause fahren.“

„Ich kann ihn jetzt nicht allein lassen“, flüsterte Alexandra.

„Ich verstehe Sie ja“, entgegnete der junge Arzt geduldig. „Aber hier können Sie nicht bleiben und Sie können dem Jungen jetzt sowieso nicht helfen. Geben Sie mir nachher Ihre Telefonnummer, ich werde der diensthabenden Schwester sagen, dass sie Sie sofort verständigen soll, wenn sein Zustand sich ändert oder er aufwacht.“

Es dauerte eine ganze Weile, bis Alexandra sich selbst von der Logik dieses Vorschlages überzeugen konnte. Alles in ihr schrie danach, Chris nicht von der Seite zu weichen.

„In Ordnung“, sagte sie schließlich und strich Chris noch mal über die Wange. „Nur noch ein paar Minuten, dann gehe ich.“

„Sie können gern heute Nachmittag oder heute Abend noch einmal hereinschauen, wenn Sie das wollen. Längere Besuche können wie hier auf der Station leider nur dulden, wenn der Patient in akuter Gefahr schwebt.“

„Ich verstehe“, entgegnete Alexandra und fand diese Aussage seltsamerweise sogar beruhigend.

Chris war also außer Lebensgefahr. Außerdem konnte sie innerhalb einer Viertelstunde bei ihm sein, wenn sie angerufen wurde, das Krankenhaus lag glücklicherweise nicht weit von ihrem Haus entfernt.

Alexandra ließ sich von Julie nach Hause fahren, wo sie von einem aufgeregten Charlie und einem besorgten Jack Sanders empfangen wurde.

„Wie geht’s dem Jungen?“ war Jacks erste Frage, als er die Haustür aufriss, um Alex und Julie hereinzulassen.

Alexandra tätschelte erst Charlie, der begeistert an ihr hochsprang und versuchte, ihr das Gesicht abzulecken, bevor sie sich an Jack wandte.

„Den Umständen entsprechend gut“, antwortete sie und fügte leise hinzu. “Wir haben ihn allerdings gerade noch rechtzeitig gefunden.“

„Gott-sei-Dank“, seufzte Jack. „Kommt erst mal in die Küche, Ian hat gerade frischen Kaffee aufgesetzt.“

 

Kapitel 35
 


Es war später Sonntagnachmittag, als Alexandra ihren Wagen zum dritten Mal an diesem Tag auf dem Parkplatz des Renfield Memorial abstellte. Sie war bereits frühmorgens dort gewesen und hatte erfahren, dass Chris auf ein normales Krankenzimmer verlegt worden war, da seine Temperatur durch die Medikamente, die man ihm gespritzt hatte, in der Nacht fast auf Normalwerte gesunken waren.

Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt noch immer tief geschlafen, genau wie kurz nach dem Mittagessen. Vor etwa einer halben Stunde hatte eine Schwester angerufen und ihr mitgeteilt, dass Chris aufgewacht war und Alexandra, die den noch immer leicht verstörten Charlie nicht hatte allein lassen wollen, hatte die Andersons angerufen und gewartet, bis Mike kam, um ihm Gesellschaft zu leisten.

Alexandra hatte aus ihren Fehlern gelernt und Mary Jo gestern Abend telefonisch von Chris’ Selbstmordversuch erzählt. Ihre Freundin hatte im ersten Moment nicht gewusst, was sie sagen sollte und war dann innerhalb von zehn Minuten vor Alexandras Haustür gestanden.

Wortlos hatte sie Alexandra, die einen Weinkrampf bekommen hatte, umarmt. Allerdings hatte sie selbst dann kurze Zeit später die Tränen auch nicht mehr zurückhalten können, als sie erfahren hatte, wieso Chris versucht hatte, sich umzubringen.

„Wie können Menschen nur so grausam sein“, hatte Mary Jo geflüstert. „Der arme Junge.“

Sie hatte Alexandra schließlich geholfen, dass getrocknete Blut auf dem Boden von Chris’ Badezimmer aufzuwischen und war die Nacht über bei ihr geblieben. Alexandra war ihrer Freundin zutiefst dankbar gewesen, dass sie sie nicht allein gelassen hatte, da sie ansonsten vermutlich kein Auge zubekommen hätte.

Mit schnellen Schritten eilte Alexandra die Treppen zum Eingang des Krankenhauses hinauf. Das Zimmer in dem Chris nun lag, befand sich im zweiten Stock und die Fahrt im Aufzug erschien ihr endlos, obwohl diese nur ein paar Sekunden dauerte. Dann stand sie endlich vor der Zimmertür und plötzlich zögerte sie. Was sollte sie denn jetzt nur sagen?

Alexandra gab sich einen Ruck. Sie musste Chris davon überzeugen, dass seine Vergangenheit keine Rolle spielte, dass sie ihn liebte und dass sie ihm helfen würde, damit zurechtzukommen. Und Alexandra Hastings war eine Frau, die die Ziele, die sie sich gesetzt hatte, erreichte.

Energisch klopfte sie an die Tür und öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten. Es war ein Dreibettzimmer, Chris lag mit dem Rücken zur Tür in dem Bett, das am weitesten von der Tür entfernt war. Neben seinem Bett stand ein Gestell, an dem ein Tropf mit einer wässerigen Lösung befestigt war. Ein Schlauch führte zu Chris’ Arm, der auf der Bettdecke lag.

Die anderen beiden Betten sahen zwar benutzt aus, deren „Bewohner“ aber waren abwesend. Alexandra war das ganz recht, sie wollte bei dem Gespräch nicht unbedingt neugierige Zeugen dabei haben.

Leise näherte sie sich Chris’ Bett. Er hatte die Augen geschlossen und sein Gesicht wirkte noch immer geisterhaft bleich. Die wirren schwarzen Haare, an denen sie ihn gleich erkannt hatte, obwohl sie ihn nur von hinten gesehen hatte, bildeten einen scharfen Kontrast zu den weißen Laken. Alexandras Blick fiel auf die Verbände an Chris’ Handgelenken und sie schluckte. Sie war so knapp davor gewesen, ihn für immer zu verlieren…

Chris schien zu spüren, dass jemand neben seinem Bett stand, denn unvermittelt schlug er die Augen auf. Alexandra konnte den Schock darin sehen, als ihm bewusst wurde, wer da vor ihm stand.

„Hey, Chris“, sagte sie in bewusst neutralem Ton. „Wie geht es dir?“

Chris starrte sie ein paar Sekunden lang schweigend an, bevor er die Augenlieder senkte und ihrem Blick damit auswich.

„Gut“, sagte er mit belegter Stimme.

Alexandra biss sich auf die Lippen. So würde sie nicht weiterkommen.

„Wir sollten miteinander reden, findest du nicht? Vor allem über das hier.“ Sie zog seinen Brief aus ihrer Jackentasche und hielt ihn hoch.

Chris sah erst den Brief an und dann Alexandra. „Wieso? Ich hab doch alles darin erklärt…“, flüsterte er erstickt. „Du brauchst dich nicht für das verantwortlich zu fühlen, was passiert ist. Wenn du mich hättest gehen lassen…“

„Dann hättest du diesen Mist in irgendeinem Motelzimmer gemacht, ja?“ Entgegen all ihrer guten Vorsätze, ruhig zu bleiben und Chris auf vernünftige Art klar zu machen, dass er sich getäuscht hatte, was ihre Gefühle anbelangte, wurde Alexandra nun doch wütend.

„Weißt du eigentlich wie ich mich gefühlt habe, als ich dich da so liegen sah, voller Blut? Mir wäre beinahe das Herz stehen geblieben. Ich dachte einen Moment lang, du wärst tot und es wäre meine Schuld, weil ich dich einfach allein gelassen habe. Ich wusste schon seit dieser Gewitternacht, dass so etwas mit dir geschehen sein muss. Ich hab’s gewusst und hab trotzdem mit dir geschlafen. Und weißt du, warum? Weil es mir egal ist und weil ich dich liebe, du dämlicher Esel!“

Ein lautes Räuspern ließ Alexandra herumfahren. Ein paar Meter von ihr entfernt stand Doktor Myers, der während ihrer Tirade anscheinend unbemerkt den Raum betreten hatte, und starrte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Miss Hastings, das ist keine Art mit jemandem zu reden, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat“, sagte der junge Arzt streng. „Chris braucht Hilfe, keine Vorwürfe. Wenn Sie sich nicht zusammenreißen können, dann muss ich Sie jetzt bitten zu gehen.“

Alexandra spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Doktor Myers hatte Recht, sie hätte Chris nicht anbrüllen dürfen, nicht in seinem derzeitigen, psychisch fragilen Zustand. Sie wandte sich zurück zum Bett, wo Chris sich inzwischen aufgesetzt hatte und sie fassungslos ansah.

„Tut mir leid, ich…da muss wohl eine Sicherung durchgebrannt sein, ich wollte dich nicht so anschreien“, sagte sie zerknirscht.

„Du…du hast es…gewusst?“ stammelte Chris. „Wieso…?“

„Wieso ich nichts gesagt habe? Hättest du es denn zugegeben?“ frage Alexandra zurück.

„Miss Hastings, Chris ist nicht in der Verfassung….“

„Nein, aber….Gott, ich dachte, du hasst mich jetzt.“ Chris beachtete den Einwurf des Arztes überhaupt nicht, sondern sah Alexandra unverwandt an.

„Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass ich dich nicht hasse?“ Alexandra vergaß ihre Schuldgefühle wegen ihres vorherigen Ausbruchs und redete sich wieder in Rage. „Verdammt, ich könnte dich erwürgen, weil du mich so in Angst und Schrecken versetzt hast.“

„Jetzt reicht es!“ Doktor Myers Stimme überschlug sich beinahe. „Miss Hastings, wenn Sie nicht augenblicklich den Raum verlassen, dann hole ich den Sicherheitsdienst!“

„Nein!“ Chris schien zum ersten Mal die Anwesenheit des Arztes wahrzunehmen. „Bitte, Doktor, das ist schon in Ordnung…“ Gequält schloss er die Augen und fasste sich mit einer Hand an die Stirn.

Alexandra erschrak. Hatte sie wieder einen Fehler gemacht in ihrer ungestümen Art? Sie hätte eigentlich wissen müssen, dass Chris einen Tag nach einem so gravierenden Blutverlust und der vorhergegangenen psychischen Belastung noch nich soweit war, eine derartige Auseinandersetzung zu verkraften. Wieso hatte sie nicht Mary Jo mitgenommen, die ihn bemuttert und getröstet hätte?

Alexandra packte Chris besorgt an den Oberarmen. „Was ist los?“ fragte sie ängstlich. „Hast du Schmerzen?“

Zu ihrer Erleichterung schüttelte Chris den Kopf und sah sie mit verdächtig glänzenden Augen an. „Nein, mir ist nur schwindelig. War wohl ein bisschen viel auf einmal…. Und Hunger hab ich jetzt auch….“

Alexandra lachte befreit auf. „Oh Chris…. Komm her.“ Sie setzte sich auf die Bettkante, um ihn zu umarmen und strich ihm dabei sanft über den Rücken. „Du glaubst mir also, dass für mich deine Vergangenheit keine Rolle spielt?“ flüsterte sie an seinem Ohr und fühlte, wie er nickte und ihre Umarmung erwiderte.

Die beiden verharrten so fast eine Minute, Doktor Myers, der sie verblüfft beobachtete, war in völlige Vergessenheit geraten. Schließlich wich Alexandra zurück, um Chris ins Gesicht zu sehen.

„Mach ja nie wieder so einen Blödsinn, hörst du?“ sagte sie mit schwankender Stimme. „Ich wäre durchgedreht, wenn ich dich verloren hätte.“

„Versprochen“, entgegnete Chris leise.

„Und es tut mir leid, dass ich dich vorhin einen dämlichen Esel genannt habe“, fügte Alexandra der Vollständigkeit halber hinzu. „Das war nicht richtig von mir.“

Diese Entschuldigung entlockte Chris ein schiefes Lächeln, als er den Kopf schüttelte. „Das ist schon okay. Als du mir das an den Kopf geworfen hast, da hab ich gewusst, dass du nicht gelogen hast, um mich zu beruhigen. Verrückt, was?“
Alexandra musste lachen. Es war schon merkwürdig. All die sorgfältig ausgewählten Worte, die sie sich auf dem Weg hierher überlegt hatte, hätten Chris wahrscheinlich nicht überzeugt, aber ihr spontaner Ausbruch, den sie gleich darauf bereut hatte, hatte es geschafft. Das Leben wählte doch manchmal recht verschlungene Pfade….

 

Kapitel 36
 


Chris musste noch vier Tage im Krankenhaus bleiben, bis Doktor Myers sich widerstrebend bereit erklärte, ihn zu entlassen. Der Arzt führte zuvor jedoch ein ernstes Gespräch mit Alexandra, in dem er sie darauf hinwies, dass Chris noch immer recht schwach war und viel Ruhe brauchte.

„Außerdem sollten Sie unbedingt dafür sorgen, dass der Junge professionelle psychologische Hilfe bekommt“, sagte Doktor Myers. Er hatte Alexandra in sein kleines Büro neben der Notaufnahme gebeten und saß ihr gegenüber an seinem Schreibtisch. „So ein Selbstmordversuch kommt nicht von ungefähr, dass er Ihnen versprochen hat, es nicht wieder zu tun, heißt nicht, dass er sich an dieses Versprechen in Zukunft halten wird.“

Alexandra atmete tief durch. „Das weiß ich auch“, entgegnete sie. „Ich habe vor, ihn zu einer guten Bekannten, einer Psychologin, zu schicken, die ihm dort weiterhelfen wird, wo ich es nicht mehr kann.“

Der junge Arzt nickte. „Sehr gut. Chris ist ein netter Junge und ich glaube, ich mache mich bei einigen Schwestern äußerst unbeliebt damit, dass ich ihn jetzt schon entlasse“, lächelte er.

Alexandra musste ebenfalls lächeln. Chris hatte einfach etwas an sich, dass bei vielen Frauen eine Art Beschützerinstinkt auf Hochtouren laufen ließ, egal, wie alt sie waren. Sogar sie selbst war nicht dagegen gefeit gewesen, und das wollte wirklich etwas heißen.

Als Alexandra nach ihrer Unterhaltung zu Chris’ Krankenzimmer kam, wartete dieser schon fertig angezogen auf sie. Die Tasche mit den Sachen, die sie ihm vor ein paar Tagen gebracht hatte, stand gepackt neben ihn.

Alexandra griff danach. „Hast du alles?“ fragte sie.

Chris nickte, dann verabschiedeten sie sich von den anderen beiden Patienten, zwei älteren Männern, zu denen Chris allerdings wenig Kontakt gehabt hatte, da diese sich weitestgehend im Gemeinschaftsraum der Station aufgehalten hatten.

Auf dem Weg zum Ausgang trafen sie noch ein paar Krankenschwestern, die es sich allesamt nicht nehmen ließen, Chris gute Besserung zu wünschen.

„Sag mal, was ist das mit dir und älteren Frauen?“ erkundigte sich Alexandra scherzhaft, nachdem eine grauhaarige, äußerst streng wirkende Schwester Chris in den Arm genommen, ihn an ihren voluminösen Busen gedrückt und ihn ermahnt hatte, in Zukunft keinen Unsinn mehr zu machen.

„Ich weiß auch nicht….“ Chris zuckte unbehaglich mit den Schultern. „Ich mach doch gar nichts….“

Alexandra sagte nichts darauf, sondern öffnete die Ausgangstür und trat hinaus. Es war ein trüber Herbstvormittag und vom Meer her wehte ein kühler Wind. Ihre Frage war rein rhethorisch gewesen, die Antwort darauf kannte sie ja bereits.

***

Als Chris und Alexandra zu Hause ankamen, wurden sie von Charlie begeistert begrüßt. Der Hund sprang an Chris hoch und schlabberte ihm liebevoll über das ganze Gesicht. Lachend wehrte Chris ihn ab und kniete sich dann nieder, um ihn zu kraulen.

„Du siehst, es hat sich nicht viel verändert“, sagte Alexandra, um die eigenartige Spannung zu durchbrechen, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, seit sie in den Wagen eingestiegen waren. „Er ist noch immer das gleiche, ungezogene Monster.“

„Jaaa, Charlie, ich hab dich auch lieb“, versuchte Chris den aufgeregten Hund zu besänftigen.

„Er hat dich gesucht, als du nicht da warst“, sagte Alexandra unvermittelt. „Er hat die letzten Tage auch kaum etwas gefressen. Ich hab schon angefangen, mir Sorgen um ihn zu machen.“

Sie bückte sich, um Charlie zu streicheln und um die Feuchtigkeit in ihren Augen vor Chris zu verbergen. Auch wenn sie versuchte, es zu überspielen, der Schock, Chris in einer Blutlache zu finden, saß ihr noch immer in den Knochen und sie würde diesen Anblick wohl bis an ihr Lebensende nicht vergessen.

Chris stand auf. „Alex…ich weiß nicht, was ich….“ Hilflos zuckte er mit den Schultern.

„Mary Jo und Julie haben jeden Abend angerufen und gefragt, wie es dir geht. Jack genauso“, erklärte Alexandra.

Während ihrer Besuche im Krankenhaus hatte sie wenig Gelegenheit gehabt, über solche Dinge zu sprechen. Alexandra war einfach zu erleichtert gewesen, dass Chris sich wieder gefangen zu haben schien und Chris selbst hatte das Thema gemieden wie die Pest.

„Was…was hast du ihnen eigentlich erzählt?“ fragte Chris und sah Alexandra ängstlich an.

Alexandra sog die Luft ein. Konnte sie ihm sagen, dass ihre Freunde die Wahrheit kannten?

„Komm erst mal mit in die Küche, Doktor Myers hat gesagt, du sollst genügend trinken“, sagte sie ausweichend, um Zeit zu gewinnen.

Nachdem Chris am Küchentisch Platz genommen hatte und ein riesiges Glas Orangensaft vor ihm stand, setzte sich Alexandra zu ihm. Chris starrte sie unverwandt an.

„Sie wissen im Großen und Ganzen Bescheid. Jack ist angekommen, kurz nachdem ich…nachdem ich dein Zimmer verlassen hatte. Ich war völlig fertig und…und da hab ich es ihm erzählt. Er war auch derjenige, der deinen Abschiedsbrief gefunden hat. Julie hat es von Jack erfahren, nachdem sie nicht lockergelassen hat, und war dabei, als ich den Brief gelesen habe und Mary Jo…Mary Jo weiß es, weil ich am Abend jemanden zum Reden brauchte….Ich konnte einfach nicht mehr….“

Alexandra starrte auf ihre zusammengefalteten Hände. Inzwischen hatte sie ein schlechtes Gewissen deswegen, doch an diesem Abend war sie so durch den Wind gewesen, dass sie gar nicht darüber nachgedacht hatte, was es eigentlich für Chris bedeuten würde, dass alle Leute aus seinem näheren Umfeld sein Geheimnis kannten.

„Und…und was denken sie jetzt über mich?“ durchbrach Chris leise Stimme schließlich die Stille.

Alexandra sah auf. „Nicht anders als vorher“, entgegnete sie. „Hör auf damit, dir einzureden, dass du verabscheuungswürdig bist wegen dem, was man dir angetan hat. Das stimmt nicht. Vielleicht gibt es Menschen, die so denken würden, aber Jack, die Andersons und Julie gehören bestimmt nicht dazu.“

Chris schluckte. „Wie kannst du da so sicher sein?“ fragte er gepresst.

„Weil ich meine Freunde gut genug kenne, um das beurteilen zu können“, erwiderte Alexandra geduldig. „Außerdem sind sie auch deine Freunde geworden.“

„Vielleicht.“

Chris schien ihre Überzeugung nicht ganz teilen zu können. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass plötzlich so viele Menschen über seine düstere Vergangenheit Bescheid wussten. Alexandra konnte seine Gefühle verstehen, an seiner Stelle würde es ihr vermutlich auch nicht anders gehen.

„Komm, trink das jetzt aus, dann legst du dich ins Bett“, sagte sie und stand auf.

***

Nachdem Chris gehorsam und den ärztlichen Anweisungen entsprechend sein Glas Saft getrunken hatte, folgte Alexandra ihm, als er nach oben ging. Es war seltsam, doch es widerstrebte ihr, ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Als Chris vor seiner Zimmertür stand und zögerte, hielt sie dies für den passenden Augenblick, ihm den Vorschlag zu machen, der ihr schon die ganze Zeit im Kopf herumgeisterte.

„Zu viele Erinnerungen, hm?“ fragte sie, als ihr der Grund für sein Zögern klar wurde.

Chris drehte sich überrascht zu ihr um. „Woher…?“

„Ich war teilweise dabei und ich hab dich im Badezimmer gefunden“, erwiderte Alexandra. „Es ist mir anfangs auch nicht leicht gefallen, das Zimmer zu betreten…“

Chris sah zu Boden. „Es sind nicht nur schlechte Erinnerungen…“ sagte er leise.
Alexandra blinzelte. „Ich weiß. Aber…du kannst bei mir schlafen, wenn du möchtest.“

So, nun hatte sie es ausgesprochen und wartete gespannt auf Chris’ Reaktion. Nichts lag ihr im Moment ferner, als von Chris zu erwarten, dass er sich auf eine Beziehung mit ihr einließ. Dazu hatte er mit zu vielen Problemen zu kämpfen. Was hatte er damals in der Bar gesagt? Für eine Freundin hatte er im Moment „keinen Nerv“. Jetzt verstand Alexandra, was er damit gemeint hatte. Er musste zuerst einmal mit sich selbst ins Reine kommen, bevor er zu mehr als einer Freundschaft bereit war.

„Alex, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, antwortete Chris, nachdem er eine ganze Weile schweigend nachgedacht hatte.

Abwehrend hob Alexandra die Hände. „Hey, ich hab nicht gemeint, dass du…das wir...“

Klasse Alex, jetzt stotterst du schon herum wie ein pubertärer Teenager, dachte sie sarkastisch.

Chris schüttelte den Kopf. „Das…das hab ich gar nicht gemeint“, sagte er schnell und seine Wangen färbte sich leicht rot. „Es ist nur…ich schlafe manchmal ziemlich unruhig und…und ich würde dich nur wach halten…“

„Was meinst du mit „unruhig“?“ Alexandra runzelte die Stirn. Dann verstand sie plötzlich. „Has du Alpträume?“ fragte sie behutsam.

Chris schloss die Augen und nickte. „Ja…nicht immer, aber…manchmal kann ich danach stundenlang nicht wieder einschlafen, dann versuche ich, etwas zu lesen, um mich abzulenken. Ich würde dich nur stören“, fügte er bedrückt hinzu.

„Wieso versuchen wir es nicht einfach mal? Wenn es nicht klappt, dann kann ich immer noch auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen“, versuchte Alexandra Chris zu überzeugen.

Sie wollte ihn einfach Nachts nicht alleine wissen, da sie ihm nicht völlig vertrauen konnte.

„Aber da kann ich doch dann schlafen“, protestierte Chris.

Mist, dachte Alexandra, da hab ich mir die eigene Grube geschaufelt. Komm schon Alex, du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen, lass dir was einfallen.

„Das Sofa ist etwas unbequem und du brauchst noch viel Ruhe hat Doktor Myers gesagt. Ich hab einen gesunden Schlaf und du wirst mich mit Sicherheit nicht stören“, sagte sie laut.

Chris schien mit sich zu kämpfen, ob er Alexandras Angebot nun annehmen sollte oder nicht.

„Okay“, stimmte er schließlich zu und Alexandra atmete innerlich auf.

Auch wenn sie in tatsächlich den kommenden Nächten kein Auge zumachen sollte, das war es ihr wert. Chris würde so schnell keine Gelegenheit mehr haben, irgendwelche Dummheiten zu machen.
 

 

Teil 37
 


Obwohl ihn die Heimfahrt und die Aufregung über Alexandras Eröffnung, dass ihre Freunde auch den Grund für seinen Selbstmordversuch kannten, ziemlich erschöpft hatten, lag Chris hellwach in dem breiten Bett und dachte nach.

Neben der ungeheuren Erleichterung, dass seine Vergangenheit für Alexandra keine Rolle zu spielen schien, machten sich jedoch gehörige Zweifel breit, ob sie in Bezug auf ihre Freunde wirklich recht hatte. Zu lange hatte er in dem Glauben gelebt, dass jeder, der von seiner „Karriere“ als Gefängnishure erfahren würde, ihn dafür verachten oder sich über ihn lustig machen würde.

Er würde Alexandras Beteuerungen wohl erst Glauben schenken können, nachdem er mit Jack Sanders, Julie und Mary Jo zusammengetroffen war und sich selbst davon überzeugen konnte, dass die drei ihn so wie immer behandelten. Gleichzeitig hatte er jedoch eine Heidenangst davor.

Er versuchte zu verstehen, was Alexandra dazu bewogen hatte, mit Jack und Mary Jo darüber zu sprechen. Und auch mit Julie. Er konnte nicht umhin, sich verraten zu fühlen, doch andererseits sagte er sich, dass er Alexandra nicht zum Schweigen verpflichtet hatte, nachdem er ihr die Wahrheit über sich erzählt hatte. Doch hatte er ihr damit wirklich das Recht gegeben, anderen davon zu erzählen? Es war eine schwierige Frage. Hatte er nicht auch Alexandra verraten, als er sich so feige hatte davonstehlen wollen?

Chris hatte viel Zeit dazu gehabt, über die Gründe seines Selbstmordversuches nachzudenken. Er hatte sich so in die Idee verrannt gehabt, dass Alexandra ihn hassen würde, dass er keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte. Er hatte nur noch gewollt, dass endlich alles vorbei wäre.

Inzwischen war ihm klar geworden, was es für Alexandra bedeutet haben musste, ihn blutüberströmt im Badezimmer zu finden. Sie hatte sich schreckliche Vorwürfe gemacht und sich dafür verantwortlich gefühlt. Chris hatte keine Ahnung, wie er ihr diese Vorstellung ausreden sollte. Es war nicht ihre Schuld gewesen, sondern seine eigene. Hätte er ihr doch nur genügend vertraut, um mit ihr zu reden.

Doch was passiert war, war eben passiert. Er hatte wieder einmal Glück gehabt. Glück, dass er überlebt hatte und noch mehr Glück, dass Alexandras Gefühle für ihn sich nicht gewandelt zu haben schienen. Nur seltsam, dass da oben immer jemand bis zum letzten Moment wartete, bis er sich geruhte, einzugreifen. Gott oder wer auch immer musste eine merkwürdige Art von Humor haben. Chris fragte sich, wieso er immer erst ganz unten und in der tiefsten Dunkelheit gefangen sein musste, bevor von irgendwoher eine helfende Hand oder ein Lichtschimmer kamen.

Mit der Zeit wurde das ganz schön stressig.

Als Alexandra ihm angeboten hatte, bei ihr zu schlafen, damit er das Zimmer, das für ihn so gegensätzliche Erinnerungen beinhaltete, nicht betreten musste, hatte ihn in einen Wirrwarr der Gefühle gestürzt. Er hatte anfangs nicht nur wegen seiner Alpträume abgelehnt, sondern auch, weil er nicht sicher war, was er eigentlich wollte.

Auf der einen Seite wünschte er sich nichts sehnlicher, als sich einfach fallen zu lassen, in Alexandras Armen wieder das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu verspüren und sich von ihr beschützen lassen, aber andererseits wollte er sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen, sich von den Ängsten, die ihn plagten, befreien und sich den Dämonen seiner Erinnerung endlich stellen. Er war lange genug davongelaufen und hatte sich vor ihnen versteckt. Es würde ein harter Kampf werden, doch ein Kampf, den er gewinnen wollte…

***

„Ich geh da nicht hin!“

„Und ob du das tust!“

Wütend funkelte Alexandra ihr Gegenüber am Frühstückstisch an. Es war später Sonntagmorgen und sie hatte Chris gerade eröffnet, dass er am kommenden Mittwoch einen Termin bei Doktor Winslow hatte. Wie erwartet, war er nicht gerade begeistert davon gewesen. Und das war eigentlich untertrieben. Chris erinnerte sie im Moment an einen schmollenden Dreijährigen, der seine Suppe nicht essen wollte. Mit verschränkten Armen saß er auf seinem Stuhl und starrte sie finster an.

„Du kannst mich nicht dazu zwingen“, knurrte er. „Ich brauch niemandem, der mich mit irgendeiner Psychokacke vollquatscht. Ich komm alleine klar.“

Alexandra wollte ihm schon an den Kopf werfen, dass die Verbände an seinen Handgelenken eher der Beweis dafür waren, dass das Gegenteil der Fall war, beherrschte sich aber gerade noch. Das würde sie vermutlich keinen Zentimeter weiterbringen.

Gestern Abend noch war Chris so zugänglich gewesen wie nie zuvor. Nachdem sie zu ihm ins Bett geklettert war, hatten sie, als die anfängliche Befangenheit überwunden war, stundenlang miteinander geredet. Chris war ziemlich offen gewesen, was seine Gefühle für sie anbelangte.

Er hatte ihr erklärt, dass er sich nichts mehr wünschte, als mit ihr zusammen zu sein, doch dass er erst mit sich selbst ins Reine kommen musste, bevor er zu mehr bereit war. Es war noch alles so neu für ihn, so ungewohnt, nicht mehr mit der Angst leben zu müssen, dass sie ihn abstoßend wegen dem finden würde, was mit ihm passiert war.

Alexandra hatte langsam zu begreifen begonnen, wie groß der emotionale Tumult wirklich gewesen war, in den ihn ihre gemeinsame Nacht gestürzt hatte. Als sie versucht hatte, sich dafür zu entschuldigen, hatte Chris entschieden abgewehrt. Er hatte ihr erklärt, dass er inzwischen erleichtert darüber war, dass alles so gekommen war.

Als er dann noch mit blutroten Wangen und kaum hörbar hinzugefügt hatte, dass er sich kein schöneres erstes Mal mit einer Frau hätte wünschen können, hatte er so süß ausgesehen, dass Alexandra sich nicht hatte zurückhalten können und ihn stürmisch umarmt hatte. Eng aneinander gekuschelt waren sie schließlich eingeschlafen.

Alexandra schnaubte. Sie konnte kaum glauben, dass dieses bockige Kind ihr gegenüber der junge Mann sein sollte, mit dem sie gestern Nacht eben dieses Gespräch geführt hatte. Nach dem Frühstück hatte sie vorsichtig das Thema Therapie angesprochen und war darauf vorbereitet gewesen, dass sie Chris erst würde von einer Notwendigkeit einer solchen würde überzeugen müssen, doch auf eine derart kategorische Ablehnung war sie nicht gefasst gewesen. Sie zwang sich zur Ruhe.

„Chris, das stimmt nicht. Du kommst nicht alleine klar, verstehst du das denn nicht? Die Alpträume, die Bauchschmerzen, diese Panikattacke…das kann mit der Zeit alles noch schlimmer werden.“

„Das krieg ich in den Griff“, entgegnete Chris mürrisch. „Alex, ich will nicht mit einer Fremden…darüber reden.“

„Erstens kriegst du das nicht in den Griff und zweitens hat Doktor Winslow die nötige Distanz und vor allem die Erfahrung, um dir wirklich zu helfen.“

Alexandras Geduld hing an einem seidenen Faden. Sie versuchte ja, Chris zu verstehen, aber dieser sture Esel machte es einem wirklich nicht leicht.

„Ich werd nicht zu dieser Psychotante gehen! Ich will einfach nicht!“ Chris schob seinen Stuhl zurück und sprang auf. „Sag den Termin ab!“

„Das werde ich nicht und du wirst da hingehen!“

Alexandra stand ebenfalls auf und stemmte die Hände in die Hüften.

„Nein! Verdammt noch mal, du bist nicht meine Mutter!“

Chris’ Stimme überschlug sich fast vor Erregung.

Alexandras Augen verengten sich zu Schlitzen. Jetzt war er zu weit gegangen.

„Dafür bin ich dem lieben Gott aber auf Knien dankbar“, sagte sie kalt.

Chris’ unüberlegte Worte hatten ihr den Altersunterschied zwischen ihnen beiden auf empfindliche Art und Weise wieder ins Gedächtnis gerufen und sie fragte sich unwillkürlich, ob sie vielleicht diejenige war, die eine Therapie brauchte.

Chris schien gemerkt zu haben, dass er mit seinen Worten eine unsichtbare Grenze überschritten hatte, denn er sah sie erschrocken an.

„Tut…tut mir leid, Alex, so war das nicht gemeint“, stammelte er.

Nur das Läuten der Türglocke rettete Alexandra davor, etwas zu sagen, das sie später mit Sicherheit bereut hätte. Bevor sie die Küche verließ, warf sie Chris einen vernichtenden Blick zu.

„Wir sind noch nicht fertig“, zischte sie und knallte beim Verlassen der Küche die Tür hinter sich zu.

Charlie stand bereits schwanzwedelnd vor der Haustür. Automatisch griff Alexandra nach seinem Halsband, während sie Verwünschungen vor sich hinmurmelte. Wie viel einfacher war ihr Leben doch ohne männliche Gesellschaft gewesen.

Noch während dieses Gedankens spürte sie jedoch, wie ihre Wut verrauchte. Diplomatie und Feinfühligkeit gehörten nun einmal nicht zu ihren Stärken und vielleicht hatte sie Chris etwas zu hart angefasst. Aber mit seiner kindischen Weigerung hatte er sie einfach auf die Palme gebracht.

„Hallo Alex.“

Vor der Tür stand Jack und musterte sie erstaunt.

„Darf ich reinkommen?“

„Ja…klar. Tut mir leid, ich war gerade ganz wo anders“, entschuldigte sich Alexandra.

Sie war so sehr in ihre Überlegungen versunken gewesen, dass sie einfach die Tür geöffnet hatte, ohne darauf zu achten, wer draußen auf ihrer Veranda stand.

„Das habe ich gemerkt“, entgegnete ihr Freund trocken. „Was für eine Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“

„Etwa einsfünfundsiebzig, schwarze Haare, braune Augen...“, grollte Alexandra.

„Ziemlich große Laus. Was hat er denn diesmal angestellt?“ fragte Jack halb ironisch und halb besorgt.

„Er will nicht einsehen, dass er professionelle Hilfe braucht.“ Alexandra seufzte. „Wir hatten gerade einen ziemlichen Streit deswegen.“

„DAS kann ich mir vorstellen. Ich kenne Chris inzwischen gut genug und dich kenne ich noch besser.“ Jack lächelte, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen. „Es ist verdammt schwierig, ihn dazu zu bringen, etwas zu tun, das er nicht will.“

„Danke für die verspätete Warnung“, sagte Alexandra. Den Sarkasmus konnte sie aus ihrer Stimme nicht ganz heraushalten. „Darauf wäre ich jetzt nie gekommen.“

„Lass mich einmal mit ihm reden“, bat Jack. „Wo ist er?“

„Küche“, entgegnete Alexandra knapp und ging voraus.

Chris saß am Tisch und zerlegte seine Papierserviette in kleine Fetzen. Als er Jack, der Alexandra gefolgt war, erkannte, wurden seine Augen weit, bevor er den Kopf senkte.

„Hallo Chris“, begrüßte ihn Jack und trat zum Tisch. „Und, wie geht es dir?“

Alexandra ging zur Küchetheke und lehnte sich dagegen. Sie war neugierig, wie Jack es anfangen würde, Chris zu dieser Therapie zu überreden. Allerdings hatte er einen Trumpf im Ärmel, den sie selbst nicht hatte verwenden wollen.

Chris zuckte mit den Schultern. „Gut“, murmelte er, während er an der schon arg lädierten Serviette herumzupfte.

„Freut mich zu hören“, sagte Jack und setzte sich auf den Stuhl, den Alexandra vorher benutzt hatte. „Am Dienstag hast du wieder einen Termin bei mir, gleiche Uhrzeit wie immer.“

Alexandra beobachtete, wie Chris Jack einen kurzen Seitenblick zuwarf.

„Ist in Ordnung.“

„Alex hat mir vorhin erzählt, dass du nicht zu diesem Termin bei Doktor Winslow gehen willst.“ Jacks Stimme klang so beiläufig, als würde er über das Wetter sprechen. „Wieso nicht?“

Chris presste die Lippen zusammen. Alexandra konnte förmlich spüren, wie unangenehm ihm Jacks Gegenwart war, jetzt, wo der Mann sein Geheimnis kannte. Schuldgefühle stiegen in ihr hoch, weil sie diejenige gewesen war, die Jack eingeweiht hatte. Doch das konnte sie jetzt nicht mehr rückgängig machen.

„Ihr könnt mich nicht dazu zwingen“, antwortete Chris fast unhörbar. Damit wiederholte er nur, was er Alexandra vor ein paar Minuten an den Kopf geworfen hatte.

Jack seufzte. „Chris, du bist nicht der erste Ex-Sträfling, denn ich betreue und dem das passiert ist. Jedesmal, wenn ich einen Jungen zugewiesen bekomme, in deinem Alter oder auch ein wenig älter, frage ich mich, ob er auch missbraucht worden ist. Es macht mich manchmal verrückt, wenn ich zusehen muss, wie diese Leute sich dann oft zugrunde richten. Manche fangen an, Drogen zu nehmen oder versuchen, sich an der Gesellschaft zu rächen, indem sie selbst Gewalttaten begehen. Und so landen sie unweigerlich wieder im Gefängnis.“

Chris hob den Kopf und sah Jack zum ersten Mal, seit dieser den Raum betreten hatte, in die Augen.

„Ich hab nicht vor, so eine Scheiße zu machen“, sagte er bestimmt. „Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden, könnt ihr das denn nicht verstehen?“

„Doch“, entgegnete Jack nach einer kleinen Pause. „Ich würde an deiner Stelle wahrscheinlich genauso reagieren.“

„Aber wieso….“

Jack hob die Hand, um Chris zu unterbrechen.

„Das heißt nicht, dass es richtig ist. Du hast einmal versucht, dich deswegen umzubringen, wer sagt, dass du es nicht wieder tun wirst? Gut, nicht exakt deswegen.“

Jack warf Alexandra einen schnellen Blick zu. Er hatte den Abschiedsbrief ebenfalls gelesen und wusste, was der eigentliche Auslöser für Chris’ Kurzschlussreaktion gewesen war.

„Vielleicht tust du es nicht morgen, vielleicht auch nicht nächste Woche, aber was ist in ein paar Jahren? Was, wenn wieder etwas passiert, das dich aus der Bahn wirft? Und das ist nur ein Grund, warum ich genau wie Alex will, dass du diese Therapiesitzungen bei Doktor Winslow machst. Der andere ist, dass ich deinen Selbstmordversuch eigentlich melden und dich in eine psychiatrische Anstalt zur Beobachtung einweisen lassen müsste. Dort würde man feststellen, ob du in der Lage bist, weiterhin „draußen“ zu leben oder ob du möglicherweise eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellst. Du hast immer noch Bewährung…“

Chris wurde bei Jacks schonungslosen Worten weiß wie eine Wand.

„Eine Anstalt? Aber…ich bin doch nicht verrückt! Ich bin ausgetickt, aber…das ist doch kein Grund, mich einzusperren. Mister Sanders, bitte….“

Jack hob beschwichtigend beide Hände.

„Ich hab gesagt, ich müsste es eigentlich tun, nicht dass ich es tun werde. Ich kann eine Menge Ärger deswegen bekommen. Alex und ich haben lange darüber geredet und wir waren beide der Meinung, dass dir der Aufenthalt in so einer Institution mehr schaden als nützen würde. Also werde ich von einer Meldung absehen, wenn du dafür zu den Sitzungen mit Doktor Winslow gehst.“

Chris schloss die Augen und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.

Alexandra konnte ihm ansehen, dass er sich furchtbar in die Enge getrieben fühlte und hätte ihm diese Erfahrung gerne erspart. Doch er hatte ihr und Jack leider keine andere Wahl gelassen. Sie selbst hätte Chris vielleicht noch zwei, drei Wochen Zeit gegeben, doch Jack hatte darauf bestanden, dass er mit dieser Therapie so bald wie möglich anfangen musste.

„Also gut“, würgte Chris schließlich hervor. „Dann geh ich eben zu diesem Termin.“

Jack nickte zufrieden. „Sehr gut“, lobte er. „Chris, niemand von uns will dir schaden, hast du verstanden? Und wenn du erst ein paar Mal mit Doktor Winslow geredet hast, wirst du auch einsehen, dass wir recht hatten.“ Damit stand Jack auf und wandte sich an Alexandra. „Ich schätze, wir haben jetzt alles geklärt. Ich werd dann wieder gehen. Wir sind heute bei Ians Schwester zum Essen eingeladen.“

Alexandra brachte Jack zur Haustür und verabschiedete sich von ihm. Als sie zurück in die Küche kam, saß Chris noch immer noch dort am Tisch, die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Wortlos begann sie, den Tisch abzuräumen.

Anstatt das Geschirr in die Spülmaschine zu stellen, ließ sie Wasser in das Waschbecken laufen. Sie wusste nicht, was sie jetzt zu Chris sagen sollte, ihn allein lassen wollte sie nicht, und das Geschirr zu spülen gab ihr einen Grund, hier bei ihm zu bleiben.

Es war nicht viel Arbeit. Nachdem Alexandra den letzten Teller zur Seite gelegt hatte, um das Wasser ablaufen zu lassen, trocknete sie sich die Hände und drehte sich um.

„Gott, hast du mich jetzt erschreckt“, keuchte sie, als sie entdeckte, dass Chris nur etwa einen Meter hinter ihr stand.

Sie hatte nicht gehört, dass er aufgestanden und zu ihr herübergekommen war.

Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und sah sie von unten herauf an ein paar widerspenstigen schwarzen Haarsträhnen vorbei an.

„Alex, ich möchte mich wegen vorhin entschuldigen“, flüsterte Chris schuldbewusst. „Ich…manchmal bin ich ein solcher Idiot…“

Ein winziger Teil von Alexandra hätte ihm liebend gern beigepflichtet, doch der Rest schmolz unter seinem flehenden Dackelblick dahin wie Butter in der Sonne.

„Das ist schon okay“, erwiderte sie. „Ich würde auch nicht gerade einen Preis dafür gewinnen, wie ich dich behandelt habe. Wieso sagen wir nicht einfach, wir sind quitt, hm?“

Chris stieß einen erleichterten Seufzer aus und lächelte sie zaghaft an.

„Quitt“, bestätigte er. Dann fuhr er sich mit der Zunge nervös über die Lippen und Alexandra merkte, dass ihn noch etwas beschäftigte.

„Was ist los?“ fragte sie.

„Hast du das gewusst, das mit dieser Anstalt, meine ich?“

Alexandra nickte. „Ja, aber…eigentlich wollte ich genau das vermeiden, was Jack vorhin getan hat. Ich wollte, dass du ohne diesen Druck einsiehst, dass es am Besten so ist“, erklärte sie. „Darum habe ich dir nichts davon gesagt.“

„Na ja, dann…dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mit dieser Psychotante zu reden.“ Chris’ Stimme klang resigniert.

„Chris…“ Alexandra brach ab.

Es war vermutlich sinnlos, weiter mit ihm darüber zu diskutieren. Doktor Winslow war eine einfühlsame Frau und, soweit Alexandra es beurteilen konnte, eine fantastische Psychologin und Therapeutin, die sich wirklich für ihre Patienten interessierte. Chris würde mit der Zeit schon merken, dass sie in der Lage war, ihm zu helfen.


 

Teil 38

 

Die folgenden Wochen wurden zu einer harten Zeit für Chris. Schon nach den ersten Stunden mit Doktor Winslow begriff er, was Alexandra damit gemeint hatte, als sie sagte, er würde allein mit seinen Problemen nicht zurecht kommen.

Die Psychologin zwang ihn nicht, ihr sein Martyrium in San Quentin zu schildern, sondern sie brachte ihn dazu, sich endlich den Gefühlen zu stellen, die er so lange im hintersten Winkel seines Unterbewusstseins vergraben hatte. Scham, Schuldgefühle, Angst, Hass auf seinen Peiniger, all das wurde in diesen Sitzungen ans Licht gezerrt. Danach fühlte er sich jedes Mal wie ausgelaugt.

Doktor Winslow erklärte ihm, dass diese Gefühle in seiner Situation völlig normal waren, dass er sie nicht zu verstecken brauchte, sondern mit Menschen, denen er vertraute, offen darüber reden konnte.

Im Bezug auf seine Angst vor Männern, die ihn auf irgendeine Weise an einen seiner Vergewaltiger erinnerten, riet sie ihm, Alexandra zu bitten, mit ihm zu trainieren. Wenn er erst einmal genügend Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten besaß,, sich auch körperlich zu wehren, dann hätte er eine reelle Chance, diese Angst soweit in den Griff zu bekommen, dass sie ihn nicht mehr behinderte und er diese Männer nicht mehr als Bedrohung ansehen würde und normal mit ihnen umgehen konnte.

Denn das war einer der Gründe gewesen, warum er mit seinen früheren Arbeitsstellen Probleme gehabt hatte. Es hatte immer Arbeitskollegen gegeben, die Chris an irgendeinen Typen aus dem Gefängnis erinnert hatten. Er hatte jeden Scherz und jede Bemerkung als Bedrohung aufgefasst und sich auf die einzige Art und Weise gewehrt, zu der er in der Lage gewesen war: Mit ätzenden Antworten und ruppigem Benehmen. Dass er die Männer dadurch nur noch mehr provoziert hatte, das war ihm damals nicht klar gewesen.

Doktor Winslow redete mit Chris auch über seine Angst, von anderen Menschen wegen der Tatsache, dass er vergewaltigt worden war, verabscheut, ausgelacht oder für homosexuell gehalten zu werden. Sie bestätigte ihm zwar, dass es genügend solcher Menschen gab, die dies aus Ignoranz oder auch Unsicherheit tun würden, doch sie versuchte gleichzeitig, ihm klar zu machen, dass er diese Leute dann einfach nicht ernst nehmen durfte.

Es war nicht seine Schuld gewesen, dass er das Opfer sexueller Gewalt geworden war und er hätte keine Chance gehabt, sich dagegen zu wehren. Das war ein Satz, den Chris wieder und wieder zu hören bekam, bis er langsam selbst anfing, daran zu glauben.

Am dankbarsten aber war Chris der Psychologin dafür, dass sie ihn endlich erkennen ließ, dass auch das, was er aus Angst freiwillig mit sich hatte geschehen lassen, nichts anderes als Vergewaltigungen gewesen waren. Sich mit der Tatsache auseinandersetzen zu müssen, dass er sich prostituiert hatte, war eines der Dinge gewesen, die ihn am meisten belastet hatten.

Er fühlte sich noch immer schmutzig deswegen. Als er mit Doktor Winslow darüber sprach, erklärte ihm die Ärztin, dass es zwar verständlich war, dass er so dachte, aber auch, dass dieses Gefühl nicht den Tatsachen entsprach. Wenn er erst einmal tief im Inneren davon überzeugt war, dass er nichts von alledem hätte verhindern können, dass er keine Schuld daran hatte, würde das zumindest nachlassen.

Was Chris aber am meisten an der Psychologin respektierte, war ihr Ehrlichkeit ihm gegenüber. Sie sagte ihm ganz offen, dass ihn die Erfahrungen, die er in San Quentin gemacht hatte, sein ganzes Leben lang begleiten würden. Die Erinnerungen daran würden zwar mit der Zeit verblassen, doch vergessen würde er es nie. Sie konnte ihm nur dabei helfen, damit umzugehen und trotz allem ein halbwegs normales und glückliches Leben zu führen.

Chris, für den manchmal jeder neue Tag ein Kampf gewesen war, gab diese Aussage die Zuversicht, die er jetzt dringend brauchte. Er konnte also wenigstens darauf hoffen, dass er in nicht allzu ferner Zukunft in der Lage sein würde, eine Beziehung mit Alexandra aufzubauen, die mehr als nur Freundschaft war…


 

Teil 39

 

Mit gemischten Gefühlen startete Alexandra ihren Wagen und legte den Rückwärtsgang ein. Es waren jetzt etwas mehr als eineinhalb Monate seit Chris’ Selbstmordversuch vergangen. Heute war es das erste Mal, dass sie es wagte, ihn wirklich einen ganzen Tag lang allein zu lassen.

Sie wollte zu einer Tagung für Tiermediziner, die nördlich von San Francisco in Sacramento stattfand und würde erst spätabends wieder zurückkehren.

Zu Alexandras Erleichterung und auch Überraschung hatte Chris sich schnell damit abgefunden, dass er praktisch gezwungen worden war, diese Therapie zu machen. Er hatte nach den ersten Sitzungen sogar zugegeben, dass sie recht gehabt hatte und dass Doktor Winslow ihm half, sich über verschiedene Dinge klar zu werden.

Alexandra achtete darauf, dass sie Chris immer zu diesen Terminen fahren konnte, die er zweimal die Woche hatte. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich auch als durchaus berechtigt. Mehr als einmal war er völlig aufgelöst gewesen, als sie ihn wieder abgeholt hatte. Manchmal war er bereit, darüber zu reden, meistens jedoch war er still und in sich gekehrt und reagierte abweisend, wenn sie ihn etwas fragte.

Dass Chris nachts bei ihr schlief, war zur Routine geworden. Er hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, dass er Alpträume hatte. Am Anfang war es besonders schlimm gewesen, die Therapiesitzungen schienen schlafende Dämonen geweckt zu haben, denn Chris behauptete, dass er vorher nur alle paar Nächte geträumt hatte und das schon lange nicht mehr so intensiv.

Eine Zeitlang war Alexandra jede Nacht von seinem Schluchzen oder Schreien geweckt worden und hatte ihn wachrütteln müssen. Manchmal hatte er ihr von den Träumen erzählt, in anderen Nächten hatte sich einfach nur zitternd an sie geklammert, bis Alexandra ihn so weit beruhigen konnte, dass er wieder einschlief.

Sie hatte mit Doktor Winslow deshalb telefoniert und die Psychologin wollte Chris daraufhin ein Beruhigungsmittel verschreiben. Dieser hatte sich jedoch geweigert, das „Psychozeug“, wie er es nannte, zu nehmen. Alexandra, die seine Abneigung gegen alle Arten von Drogen kannte, hatte schließlich aufgegeben, ihn davon zu überzeugen zu wollen.

Nach ein paar Wochen jedoch wurden diese Alpträume weniger und waren vor allem nicht mehr so lebhaft. Chris wurde im Ganzen etwas ruhiger und entspannter.

Alexandra nahm das alles mehr mit, als sie es sich anmerken ließ. Sie hatte gewusst, dass keine einfache Zeit vor ihr lag, doch dass es so schlimm werden würde, das hatte sie nicht geglaubt. Vor allem hatte sie sich nicht vorstellen können, dass sie jemals derartige „Muttergans“-Qualitäten entwickeln würde, wie sie es in den vergangenen Wochen getan hatte. Das war immer Mary Jos Metier gewesen und früher hatte sich Alexandra darüber köstlich amüsiert. Jetzt konnte sie nicht mehr darüber lachen.

Sie achtete darauf, dass Chris genügend as, keine Mahlzeiten ausließ, warm genug angezogen war, nicht zuviel arbeitete…und wurde unruhig, wenn er länger als ein, zwei Stunden aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Chris merkte das natürlich und wurde zunehmend ungeduldiger deswegen.

Objektiv betrachtet musste Alexandra zugeben, dass es sie auch nerven würde wenn jemand sie derart bemuttern und kaum aus den Augen lassen würde. Aber in Bezug auf Chris hatte sie ihre Objektivität schon vor langer Zeit verloren.

Mit Mary Jo hatte sie etwa zwei Wochen nach diesem furchtbaren Samstag ein längeres Gespräch geführt. Ihre Freundin war nicht so geschockt darüber gewesen, dass sie mit Chris geschlafen hatte, wie Alexandra sich das vorgestellt hatte. Sicher, anfangs war Mary Jo skeptisch gewesen wegen des Altersunterschiedes und natürlich hatte sie sich Sorgen gemacht, dass Chris mit Aids infiziert sein könnte, doch als Alexandra zumindest diese Befürchtung hatte zerstreuen können, hatte Mary Jo lächelnd den Kopf geschüttelt.


„Weißt du, ich hätte nie geglaubt, dass Chris überhaupt dein Typ wäre. Er ist wirklich süß und…na ja, die Männer, mit denen du zusammen warst oder auf die du geflogen bist, waren immer groß, blond, blauäugig…“

„…und machomäßige Idioten“, vervollständigte Alexandra den Satz . Dann fiel ihr etwas auf. „Sag mal, hattest du da etwa eine Checkliste anhand der du für mich die Traumman-Kandidaten rausgesucht hast?“ fragte sie neugierig.

Die meisten Kerle, die Mary Jo ihr so dezent „vor die Füße“ gelegt hatte, hatten nämlich genau diesem Schema entsprochen.

„Wenn du mich so fragst….Ja“, gab ihre Freundin grinsend zu.


Alexandra bog in die Auffahrt zum Highway 80 ein, der sie direkt nach Sacramento bringen würde. Sie war schon etwas spät dran, da sie Chris noch eine ganze Latte von Anweisungen hatte geben müssen. Er hatte schließlich nur die Augen gerollt und ihr entnervt erklärt, dass er wusste, wie man eine Mikrowelle bediente, herzlichen Dank, und dass er es sich gerade noch verkneifen würde, bei diesen Temperaturen in Shorts und T-Shirt mit Charlie spazieren zu gehen…

Chris hatte eine Weile gebraucht, bis er ihr verziehen hatte, dass nun so viele Leute wussten, dass er im Gefängnis vergewaltigt worden war. Alexandra hatte gemerkt, dass er wegen irgendetwas auf sie wütend gewesen war, doch sie hatte sich den Grund nicht erklären können. Erst als sie ihn eines Tages gefragt hatte, ob er Lust hätte, zum Abendessen mit zu den Andersons zu kommen, war es aus ihm heraus gebrochen.

Natürlich, hier musste es natürlich wieder einen Stau geben. Wahrscheinlich war da vorne immer noch eine Baustelle. Ungeduldig trommelte Alexandra mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, während sie sich an dieses Gespräch erinnerte…


„Nein.“ Chris sah nicht einmal von dem Buch auf, das vor ihm auf dem Küchentisch lag.

„Wieso nicht? Chris, du kannst dich doch nicht ewig hier vergraben.“

Alexandra nahm ihm gegenüber Platz und zog ihm das Buch weg, um seine volle Aufmerksamkeit zu erlangen. Chris langte über den Tisch und holte es sich zurück.

„Du siehst doch, dass ich es kann“, entgegnete er.

„Aber…ist es, weil Mary Jo es weiß?“ fragte Alexandra leise.

Ihre Freundin und Chris hatten sich seither nicht mehr gesehen, ebenso wenig wie Julie.

Chris hob den Kopf und starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an.

„Vielleicht?“

Alexandra seufzte. Also das war es.

„Chris, es tut mir leid, das hab ich dir doch schon gesagt. Ich war an dem Tag nicht ganz ich selbst….“

„Soll es das für mich jetzt leichter machen?“

Chris schloss das Buch mit einem lauten Knall, der Alexandra zusammenzucken ließ.

„Scheiße, Alex, ich hab dir vertraut. Und dann erzählst du es jedem. Wahrscheinlich wissen es Mike, Ian und weiß der Teufel noch wer auch schon. Was glaubst du, wie ich mich dabei fühle?“

Schuldbewusst starrte Alexandra auf die Tischplatte. Dann hob sie den Kopf.

„Heißt das, du vertraust mir jetzt nicht mehr?“ flüsterte sie. „Chris, ich wollte dich nicht…verraten. Und außer Jack, Mary Jo und Julie weiß niemand davon. Kein Mike und kein Ian, das schwöre ich dir.“

„Mary Jo und schweigen? Das glaubst du doch selbst nicht“, schnaubte Chris. „Die Frau ist `ne wandelnde Zeitung. Wieso musstest du ausgerechnet mit ihr noch darüber reden? Du hattest doch schon Mister Sanders und Julie.“

Alexandra schluckte. Chris hatte ja von seiner Warte aus gesehen recht. Sie selbst wäre an seiner Stelle genauso wütend gewesen.

„Das ist richtig“, gab sie zu. „Aber…mit Mary Jo verbindet mich was ganz Besonderes. Sie war immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Wenn ich mal wieder versucht habe, mich mit meinen Eltern zu versöhnen und gescheitert bin, als ich heraus gefunden hab, dass mein damaliger Freund eine miese Ratte ist, als ich zufällig die Ehefrau seines angeblich unverheirateten Nachfolgers kennen lernte….Immer war Mary Jo da und hat die Scherben zusammengekehrt und mich wieder aufgebaut. Und wenn es sein muss, dann kann sie schweigen wie ein Grab. Sie ist oft nervig, aber…im Grunde genommen ist sie ein Goldschatz. Sie war an dem Abend so für mich da, wie ich es eigentlich gern für dich gewesen wäre….“

Chris sah sie nur schweigend an und zog seine Unterlippe zwischen die Zähne.

Alexandra konnte deutlich sehen, wie es in ihm arbeitete.

„Trotzdem, Alex…du hättest ihr nicht zu erzählen brauchen, dass ich…“ er brach ab und stand auf, um zum Fenster hinüberzugehen.

Die Arme um sich selbst geschlungen starrte er hinaus in den Garten.

Alexandra konnte die unsichtbare Mauer, die sich zwischen ihnen befand, fast mit den Händen greifen. Hatte sie mit ihren unbedachten Handlungen, auch wenn sie damals nicht anders gekonnt hatte, etwas unwiederbringlich zerstört, das noch gar nicht richtig begonnen hatte?

Sie schob ihren Stuhl zurück und stand ebenfalls auf, um zu Chris hinüber zu gehen. Ein paar Schritte von ihm entfernt hielt sie an. Er drehte ihr noch immer den Rücken zu. In der Nacht hatte er wieder einen besonders lebhaften Alptraum gehabt, seine Augen waren heute Morgen, als er aufgewacht war, noch immer geschwollen gewesen von den Tränen.

Alexandra hatte ihn festgehalten, es hatte sie fast körperlich geschmerzt, ihn so leiden zu sehen, und unbändiger Hass war in ihr aufgestiegen auf alle, die daran eine Mitschuld trugen, angefangen von diesem Richter, der ihn nach San Quentin geschickt hatte, über die, die nur zugesehen hatten und natürlich die Schweine, die einem halben Kind so etwas hatten antun können.

„Chris?“

Alexandra wagte es nicht, ihn zu berühren, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auch wenn Chris sich nachts in ihre Arme flüchten mochte, tagsüber schreckte er vor körperlichem Kontakt zurück.

Nach einer fast endlos erscheinenden Zeit drehte Chris sich um, um sie anzusehen.

„Vertraust…vertraust du mir jetzt nicht mehr?“ wiederholte Alexandra ihr Frage von vorhin.

Chris legte den Kopf schief und studierte ihr Gesicht mit seinen großen, braunen Augen. Alexandra spürte, wie ihr Herz zu rasen begann. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal derart unsicher gefühlt hatte.

„Doch“, durchbrach Chris’ Stimme schließlich die Stille. „Du bist so ziemlich der einzige Mensch, dem ich wirklich vertraue. Darum…darum bin ich ja so sauer. Alex, ich…ich hab solche Angst, dass die Leute, die das über mich wissen, sich deshalb vor mir ...ekeln. Oder über mich lachen.“

„Das brauchst du nicht“, sagte Alexandra schnell, erleichtert darüber, das Chris bereit zu sein schien, sich mit ihr auszusprechen. „Die drei denken genauso darüber wie ich. Sie würden dich nie dafür verurteilen.“

„Ich würd das so gern glauben“, entgegnete Chris zögernd. „Ich…ich hasse es zwar, dass jemand so etwas Privates über mich weiß, aber…irgendwo wünsche ich mir auch, dass man mich auch mit diesem Wissen akzeptiert. Es ist nur so schwer….Ich hab einfach Angst. Verstehst du das?

Alexandra nickte. „Ja. Aber du wirst nie erfahren, ob das so ist, wenn du zum Einsiedler wirst. Wir…wir müssen ja nicht morgen zu den Andersons gehen, wenn du nicht willst. Vielleicht nächste oder übernächste Woche?“ schlug sie vor.

„Vielleicht…“ stimmte Chris zu Alexandras Erleichterung zumindest halbwegs zu.


Der Stau hatte sich inzwischen aufgelöst und Alexandra gab Gas. Sie musste doch ein wenig lächeln, als sie an das erste Zusammentreffen von Chris und den Andersons dachte. Anfangs war Chris sehr zurückhaltend gewesen und auch Mary Jo hatte nicht so genau gewusst, wie sie mit ihm umgehen sollte, doch ein kleiner Zwischenfall hatte das Eis schließlich gebrochen.

Vor dem Essen hatte Mike Chris und Alexandra Bilder seines letzten Angelausfluges zum Shashta Lake gezeigt. Er war dort mit zwei Bekannten gewesen, die ebenfalls begeisterte Angler waren.

Schließlich waren sie zu einem Foto gekommen, auf dem Mike mit einem etwas mehr als einem Meter großen Fisch zu sehen war.

Alexandra fing an zu grinsen, als sie sich das darauf folgende Gespräch wieder ins Gedächtnis rief…


„Den hast du wirklich in dem See gefangen?“ fragte Chris.

„Natürlich, da gibt’s sogar noch größere von der Sorte“, antwortete Mike stolz. „Warte mal, Oliver hat mal einen gefangen, der war einsfünfzig. Mal sehen, ob ich das Bild finde....“ Eifrig begann er, in der Fotodatei herumzuklicken.

Chris wandte sich zu Alexandra, die neben ihm stand und Mike fasziniert beobachtete. Die Schnelligkeit, mit der dieser mit dem Computer umging, war ihr unbegreiflich.

„Du hast mich in einen See geschmissen, in dem solche Monster leben?“ Chris’ Stimme bebte vor Entrüstung.

„Was?“ Alexandra schreckte auf. „Was meinst du?“

„Der Riesenfisch! Du hast mich da rein geworfen, obwohl du wusstest, dass da solche Viecher drin rumschwimmen! Was, wenn die sauer geworden wären und uns angegriffen hätten!“

Jetzt drehte sich Mike zu ihnen um. „Chris, die haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen“, erklärte er belustigt. „Oder denkst du, Mary Jo würde die Kinder im Wasser planschen lassen, wenn ihnen da Gefahr drohen würde?“

So schnell ließ Chris sich aber nicht überzeugen. „Und wenn da ein Fisch Tollwut hat?“

Alexandra musste Mike bewundern, mit welchem Ernst dieser die Lage zu meistern versuchte. Sie selbst stand am Rande eines hysterischen Lachanfalles. Aber Mike war als Vater solche Fragen wahrscheinlich gewohnt.

„Fische kriegen kein Tollwut“, erklärte er geduldig. „Glaub mir, im Shashta Lake wurde noch nie jemand von einem Fisch angefallen. Wenn da draußen was gefährlich ist, dann sind es vielleicht die Bären.“

„Bären?“ echote Chris ungläubig. „An dem See gibt’s Bären?“ Anklagend sah er Alexandra an. „Davon hast du mir nichts gesagt!“

„Chris, da oben in den Wäldern gibt’s jede Menge Bären. Nun sag bloß nicht, das hättest du nicht gewusst!“

Alexandra hatte das Gefühl, dass Chris für Gelächter jetzt kein Verständnis hätte und beherrschte sich mühsam.

„Ich weiß, dass Bären im Wald leben, so blöd bin ich nicht“, grollte er. „Aber ihr wollt mir doch nicht tatsächlich erzählen, dass ihr Urlaub an `nem See macht, wo solche Viecher herumspazieren!“

Jetzt waren selbst Mike die Erklärungen ausgegangen und er warf Alexandra einen hilflosen Blick zu.

„Chris, die Bären kommen normalerweise nicht zu den Hütten“, sagte Alexandra. „Und wenn man im Wald spazieren geht oder am See entlangläuft, dann muss man nur genügend Lärm machen, damit sie einen hören und verschwinden können. Ich war schon so oft dort und hab noch nie einen gesehen.“ Zumindest nicht aus der Nähe, doch das verschwieg sie lieber.

Chris sah von einem zum andern und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Ihr seid ja verrückt“, verkündete er und verließ kopfschüttelnd das kleine Büro.

„Was war das denn jetzt?“ erkundigte sich Mike amüsiert.

„Großstadtkind“, entgegnete Alexandra und zuckte mit den Schultern.


Der Abend war danach in relativer Harmonie verlaufen. Mary Jo hatte Chris’ Befürchtungen bezüglich der Fische und der Bären viel ernster als ihr Mann und Alexandra genommen und es schließlich geschafft, ihn davon zu überzeugen, dass er nicht von einer Horde von Verrückten umgeben war. Für Chris, der in Los Angeles geboren und aufgewachsen war, der die Stadt vor seinem Gefängnisaufenthalt eigentlich nie verlassen hatte, war ein derart unbeschwerter Umgang mit der Wildnis unbegreiflich gewesen.

Alexandra schmunzelte, während sie den Blinker setzte und den Highway verließ, um auf die Zubringerautobahn nach Sacramento einzubiegen. Ja, es hatte nicht nur schwere Stunden gegeben, sondern auch vergnügliche. Chris hatte ihr in den vergangenen Wochen bewiesen, dass er sich trotz allem nicht unterkriegen ließ und dass er den Tiefpunkt, der zu seinem Selbstmordversuch geführt hatte, überwunden hatte. Und dennoch konnte Alexandra das ungute Gefühl nicht loswerden, dass es vielleicht doch nicht klug gewesen war, ihn einen ganzen Tag lang allein zu lassen.

Aber zum Glück gab es die moderne Technik. Nachdem Alexandra ihren Wagen vor dem Hotel, in dem die Tagung stattfinden sollte, geparkt hatte, griff sie nach ihrem Mobiltelefon.


 

Teil 40

 

Erleichtert stand Chris am Fenster und sah zu, wie der blaue Pick-up davonfuhr. Er liebte Alexandra, sie war für ihn das Wichtigste auf der Welt geworden, doch in den letzten Wochen hatte sie ihn manchmal fast in den Wahnsinn getrieben.

„Und, Charlie, was fangen wir jetzt mit der sturmfreien Bude an?“ fragte er den Hund, der hechelnd neben ihm stand.

Als Antwort leckte Charlie ihm über die Hand.

„Danke, Kumpel“, beschwerte sich Chris und putzte sich die beschlabberte Hand an seiner Hose ab.

Dann beschloss er, nach draußen zu gehen und sich endlich einmal um das Gerümpel zu kümmern, das noch immer in der Garage lagerte. Er hatte die Garage eigentlich schon vor Wochen ausräumen wollen, doch Alexandra hatte es nicht zugelassen, da sie der Meinung gewesen war, er müsse sich noch schonen und das Garagendach hätte bis zum Frühjahr Zeit. Also hatte sie ihn nur kleinere Arbeiten am Haus ausführen und ihn ein wenig in der Praxis helfen lassen, damit er sich nicht völlig nutzlos vorkam.

Zu den Leuten in der Nachbarschaft hatte Alexandra zum Glück nie viel Kontakt gepflegt, mit Mrs. Appleby von gegenüber war sie sowieso zerstritten und so hatte niemand irgendwelche Fragen gestellt, nachdem damals der Krankenwagen vor dem Haus gestanden und Chris abtransportiert worden war. Chris hoffte, dass niemand den Grund dafür mitbekommen hatte, doch solange ihn niemand darauf ansprach, würde er auch damit leben können, wenn es der eine oder andere wusste.

Ein paar Besitzer von Alexandras Patienten hatten nach ihm gefragt, während er im Krankenhaus gelegen war, diesen hatte Alexandra erzählt, dass er einen Unfall gehabt hatte. Ob jeder diese Story geglaubt hatte, konnte Chris nicht beurteilen. Wenn nicht, dann war es sowieso nicht zu ändern.

Nach etwa zwei Stunden hatte er über die Hälfte der Garage ausgeräumt.

Kopfschüttelnd betrachtete er den Haufen, der nun in der Einfahrt lagerte. Zwei verrostete Fahrräder waren darunter, die wohl schon seit dreißig Jahren das Tageslicht nicht mehr erblickt hatten, eine uralte Nähmaschine, ein Wagenrad, ein alter Feuerwehrhelm, verschiedene Werkzeuge, die allerdings zu nichts mehr zu gebrauchen waren und zwei alte Fernseher, an denen die Schaltknöpfe fehlten.

Chris fragte sich, wer auf die Idee kam, all dieses Gerümpel aufzubewahren. Es nahm nur Platz weg und war zu nichts zu gebrauchen. Alexandras Tante musste schon etwas seltsam gewesen sein.

Chris wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war anstrengende Arbeit dank Alexandras übertriebener Fürsorge nicht mehr gewohnt. Morgen würde er vermutlich einen gewaltigen Muskelkater haben, doch das machte ihm nichts aus. Es wurde Zeit, dass er sein normales Leben wieder aufnahm, ob Alexandra nun damit einverstanden war oder nicht. Er wollte ihr schließlich nicht auf der Tasche liegen. Immerhin hatte sie ihm trotz seiner Proteste weiterhin seinen Lohn gezahlt, obwohl er nicht hundertprozentig einsatzfähig gewesen war.

Chris ging ins Haus, um sich etwas zu trinken zu holen. Als er den Kühlschrank öffnete, klingelte das Telefon. Es war Alex.

„Hallo, Chris. Ich bin gerade angekommen und mir ist eingefallen, dass ich vergessen habe, dir zu sagen, dass Mrs. Bennet gegen elf vorbeikommt, um die Vitaminpillen für ihren Pudel abzuholen. Sie hatte gestern keine Zeit dazu. Die Packung steht auf meinem Schreibtisch. Gibst du sie ihr bitte?“

Chris hatte Mühe, ihr zu folgen, da sie so schnell redete.

„Wo stehen die Pillen?“ fragte er.

„Auf meinem Schreibtisch. Was treibst du denn gerade?“

Aha, da hat sie nicht lange gebraucht, dachte Chris amüsiert.

„Ich krame ein wenig herum, nichts Besonderes“, antwortete er ausweichend, während er in ein Doughnut biss, das von Frühstück übrig geblieben war.

„Ich muss dann mal reingehen“, sagte Alex. „Pass auf dich auf.“

„Mach ich. Du auch“, nuschelte Chris und wartete, bis Alexandra die Verbindung trennte.

Er wurde den Verdacht nicht los, dass sie absichtlich „vergessen“ hatte, Mrs. Bennets Besuch zu erwähnen…

Dieser Verdacht erhärtete sich zusehends, als gegen halb zwölf das Telefon wieder klingelte. Chris war gerade mit der Garage fertig geworden und hatte sich die Hände gewaschen. Diesmal wollte Alexandra wissen, ob Mrs. Bennet schon dagewesen war und erklärte ihm nochmals genau, wie lange er den Auflauf, den sie für ihn im Kühlschrank bereitgestellt hatte, in der Mikrowelle erhitzen musste.

Chris seufzte.

„Alex, das hast du mir heute Morgen schon gesagt. Ich weiß, wie das geht, okay?“

„Hab ich das? Ist mir wohl entfallen“, kam die Antwort. „Also, bis heute Abend, ich bin nur mal kurz raus aus dem Vortrag, weil ich dich anrufen und dir das sagen wollte.“

Chris legte das Telefon zurück auf den Küchentisch und öffnete dann den Kühlschrank, um sein Mittagessen zu inspizieren. Genau wie er es sich gedacht hatte.

„Irgendwann wachsen mir jetzt dann lange Fellohren“, teilte er Charlie missmutig mit. „Ich kann bald kein Gemüse mehr sehen.“

Dann sah er erst Charlie an, der ihn aufmerksam beobachtete, und dann wieder die Schale in seiner Hand. So eine Gelegenheit würde er so schnell nicht wieder bekommen…

 

Teil 41
 

 

Mit mehreren Papiertüten in der einen Hand und Charlies Leine in der anderen spazierte Chris eine halbe Stunde später die Straße entlang nach Hause. Es war ein wunderschöner, sonniger Oktobertag, der einen geradezu einlud, sich draußen aufzuhalten.

„Heute darfst du dich mal gesund ernähren“, teilte er dem Mischlingshund, der brav neben ihm hertrottete, schadenfroh mit. Charlie bellte und begann, an seiner Leine zu zerren, als er auf der gegenüberliegenden Seite einen anderen Hund erspähte.

„Lass das, du Monster“, schalt Chris und zog Charlie näher zu sich. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Die Besitzerin des Spaniels, der Charlies Aufmerksamkeit erregt hatte, war eines der Mädchen, die auf Alexandras Eröffnungsparty so schamlos mit ihm geflirtet hatten. Zum Glück hatte er sie seitdem nicht wieder gesehen. Sie war wirklich penetrant gewesen.

Nun begann sie wie wild zu winken, als sie ihn erkannte, und trippelte über die Straße.

„Hallo Chris“, quietschte das Mädchen, eine zierliche Blondine in modischen Klamotten mit unmöglich hohen Stöckelschuhen. Chris fragte sich unwillkürlich, wie man in solchen Dingern laufen konnte. Na ja, laufen konnte man das, was die Kleine da tat, eigentlich nicht nennen. Sie sah eher aus, als würde sie auf rohen Eiern herumtänzeln. Wieso taten sich Frauen nur so etwas an? Er hatte Alexandra noch nie in solchen Schuhen gesehen und würde wahrscheinlich einen Lachanfall bekommen, wenn sie jemals in so etwas erscheinen würde.

„Hallo“, antwortete Chris möglichst neutral. Er konnte sich noch nicht einmal an den Namen des Mädchens erinnern und hoffte, dass sie das nicht merken würde.

„Wie geht’s denn so? Ist das nicht der Hund von der Tierärztin? Musst du dich um ihn kümmern?“ plapperte die Kleine los. Sie war etwa fünfzehn, wenn Chris seinen beschränkten Schätzkünsten trauen konnte.

„Ja, Alex…Doktor Hastings ist nicht da…“ setzte Chris um der Höflichkeit willen zu einer Erklärung an. Er kam jedoch nicht weit.

„Wo treibst du dich eigentlich rum? Ich hab dich noch nie im „Cosmo“ oder in „Danny’s Cafe“ gesehen. Kommst du da nicht hin?“

Chris versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, was das für Lokalitäten waren. Bisher kannte er nur das „Joey’s“.

Bevor er jedoch antworten konnte, redete das Mädchen aber schon weiter. „Wieso hast du dich denn nie bei mir gemeldet? Hast du meine Nummer verloren? Und auf welche Schule gehst du eigentlich? Hab ich damals ganz vergessen, zu fragen.“

Chris war wie erschlagen von diesem Wortschwall. Er konnte sich eigentlich kaum an das Gespräch mit dieser Nervensäge erinnern, da er einfach auf Durchzug geschaltet hatte.

Das Mädchen schien sein Schweigen nicht zu stören, denn sie setzte ihren Monolog unbekümmert fort. Die beiden Hunde waren inzwischen damit beschäftigt, sich ausgiebig zu beschnüffeln und sich sympathisch zu finden, was durch intensives Schwanzwedeln ausgedrückt wurde.

„Hey, heute Abend steigt eine Party bei Ronnie, einem aus der Elften. Hast du nicht Lust, mitzukommen? Wäre bestimmt kein Problem, wenn du mit mir dorthin gehen würdest, Ronnie ist mit meiner besten Freundin zusammen. Du könntest mich ja abholen und….“

„Sorry, ich hab keine Zeit“, unterbrach Chris das Mädchen. Ihm begann zu dämmern, dass er hier nur mit der Dampfhammermethode Erfolg haben würde.

„Wieso nicht? Du musst doch nicht etwa am Samstagabend arbeiten?“

„Doch, weil Doktor Hastings erst spät nach Hause kommt und ich ihr versprochen habe, bei Charlie zu bleiben.“

Chris hoffte, dass sein bestimmter Tonfall Erfolg haben würde.

„Am Samstagabend, wenn alle anderen feiern?“

Das Mädchen schien endlich begriffen zu haben, dass aus dem Date nichts werden würde. Ihre Stimme klang ziemlich enttäuscht.

„Genau“, erklärte Chris. „Und ich geh hier auch nirgends zur Schule und treib mich nicht in Jugendtreffs herum, weil ich dafür leider schon zu alt bin.“

Mann, das hatte sich jetzt ziemlich erwachsen angehört, dachte Chris ironisch. Das Komische an der Sache war, dass er sich manchmal noch immer wie ein Teenager fühlte, sich aber andererseits wegen seiner Erfahrungen gelegentlich uralt vorkam. Im Moment fühlte er sich aber aus anderen Gründen alt.

„Wieso?“ Das Mädchen war wie ein Hund mit einem Knochen. Sie ließ einfach nicht locker. „Du bist doch nicht viel älter als ich.“

Chris seufzte. „Doch. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich hab noch einiges zu erledigen. War nett, mit dir zu plaudern.“

Damit verabschiedete er sich und zog den widerstrebenden Charlie mit sich. Das Mädchen starrte ihm verdattert hinterher. Sie schien es absolut nicht gewohnt zu sein, dass etwas nicht nach ihrem Willen lief. Chris schüttelte den Kopf. Solche verwöhnten Gören hatte er früher schon nicht ausstehen können. In seiner Klasse hatte es auch ein paar davon gegeben, in eine davon hatte er sich dummerweise in jugendlichem Unverstand verliebt gehabt. Dieses Mädchen erinnerte ihn sogar ein wenig an sie.

Das war aber vor unendlich langer Zeit gewesen, in einem anderen Leben. Nachdem er Alexandra kennen gelernt hatte, hatte sich sein Geschmack in Bezug auf das weibliche Geschlecht beträchtlich gewandelt. Unkompliziert musste seine Traumfrau sein, witzig und gleichzeitig verständnisvoll, selbstbewusst und unabhängig, keine Modepuppe, die sich dauernd Gedanken um ihr Aussehen machte. Genau diese Eigenschaften zeichneten Alexandra aus. Chris konnte es eigentlich noch immer nicht fassen, dass sie sich tatsächlich in ihn verliebt hatte.

Charlie blieb stehen und beschnüffelte einen Baum, bevor er das Bein hob und sein Revier markierte. Chris wartete geduldig, bis der Hund sein Geschäft erledigt hatte und sie weitergehen konnten.

Eigentlich hatte er von so etwas als Teenager geträumt. Ein Häuschen in einem Vorort, ein Hund, eine Partnerin, mit der man Pferde stehlen konnte….

Dieser Traum war jedoch zu Asche zerfallen, als er seine Gefängnisstrafe hatte antreten müssen und er schließlich fast nicht mehr daran geglaubt hatte, gesund und lebend aus diesem Höllenloch herauszukommen. Alexandra hatte diesen Traum jedoch wieder auferstehen lassen und ihm Hoffnung gegeben. Hoffnung, dass er wahr werden würde, wenn Chris es nur wollte und darum kämpfte.

Sie hatten das Haus erreicht und nachdem Chris die Gartentür hinter sich geschlossen hatte, nahm er Charlie die Leine ab. Der Hund mochte es nicht, wenn er angeleint war, doch da er leichte Hörprobleme zu haben schien, wenn es darum ging, Kommandos zu befolgen, hatte man keine andere Wahl, wenn man mit ihm das Grundstück verließ.

In der Küche stellte Chris die Tüten auf dem Tisch ab und holte den Gemüseauflauf aus dem Kühlschrank. Ein Anflug von schlechtem Gewissen beschlich ihn, als er der Schüssel zusah, wie sie sich langsam in der Mikrowelle drehte. Alexandra hatte sich in den letzten Wochen wirklich viel Mühe mit dem Kochen gegeben, etwas, das eigentlich untypisch für sie war. Doch für ihn hatte sie es getan.

„Ich werf das Zeug ja nicht weg, sondern du kriegst es“, sagte er zu Charlie, der neben ihm saß und erwartungsvoll zu ihm aufsah. „Und ich hab langsam schon Entzugserscheinungen. Sechs Wochen lang keine Hamburger, Pommes oder Pizzas. Ich weiß gar nicht, wie ich das überlebt hab.“

So getröstet nahm Chris nach dem Piepen die Schale aus der Mikrowelle und leerte deren Inhalt in Charlies Fressnapf.

„Vorsicht, das ist heiß“, warnte er, doch der Hund ließ sich nicht abhalten, sondern stürzte sich gleich auf den unerwarteten Leckerbissen.

Was das Fressen anbelangte, war Charlie nicht wählerisch. Er schien sogar eine Vorliebe für Gemüse entwickelt zu haben.

Chris warf Charlie noch einen Blick zu und schnappte sich dann seine Tüten, um damit nach oben zu gehen. Vorher kontrollierte er noch, ob die Haustür verschlossen war. Mrs. Bennet war kurz nach elf dagewesen und hatte die Vitaminpillen abgeholt und ihm einen Gruß an Alexandra ausgerichtet. Somit sollte er jetzt eigentlich bis zum Abend seine Ruhe haben.

Chris setzte gerade einen Fuß auf die erste Treppenstufe, als das Telefon läutete. Mit einem leisen Fluch ging er zurück in die Küche.

„Ja bitte?“

„Hallo, Chris, ich bin’s, Alex. Ich hab gerade Mittagspause und da wollte ich nur kurz anrufen und mich erkundigen, ob das Essen geschmeckt hat.“

Chris sah zu Charlie hinüber, der damit beschäftigt war, seine Schüssel blitzblank zu lecken.

„Jaaa, das Essen war fantastisch...“ entgegnete er.

„Dann ist es ja gut.“ Alexandras Stimme klang erleichtert und Chris’ schlechtes Gewissen meldete sich wieder zu Wort. Da hatte sie sich extra wegen ihm solche Mühe gegeben und was tat er? Verfütterte das liebevoll zubereitete Gericht an Charlie.

„Was machst du denn gerade?“

Die Frage riss Chris aus seiner Selbstgeißelung. „Oh…ich wollte gerade raufgehen, ein wenig fernsehen, mich ausruhen…“, entgegnete er und betrachtete schuldbewusst die Tüten in seiner Hand.

„Ausruhen? Geht’s dir nicht gut?“ Jetzt klang Alexandra alarmiert.

„Nein…Doch! Ich bin okay, wirklich! Mach dir keine Sorgen.“

Chris’ Schuldgefühle waren plötzlich wie weggeblasen. Aha, das war also der wahre Grund für den Anruf. Die Frau konnte es einfach nicht lassen.

„Bist du sicher?“

„Ja, bin ich“, antwortete Chris ungeduldig. „Alex, ich bin WIRKLICH okay. Du brauchst mich nicht dauernd anzurufen.“

„Chris, ich will dich doch nicht kontrollieren.“

„Das tust du aber.“

Alexandra schwieg eine ganze Weile.

„Entschuldige“, sagte sie schließlich. „Ich werd mich in Zukunft beherrschen. Wir sehen uns dann heute Abend. Pass auf dich auf.“

Jetzt musste Chris grinsen. Was sollte ihm beim Abhängen vor dem Fernseher schon großartig passieren? Dass der Gummibaum in der Ecke des Wohnzimmers plötzlich zum fleischfressenden Monster mutierte und ihn mit Haut und Haaren verschlang?

„Mach ich. Du aber auch“, antwortete er. „Bis später dann.“

Nachdem er die Verbindung getrennt hatte, sah er das Telefon nachdenklich an. Jede Wette, dass das nicht der letzte Anruf gewesen war. Chris versuchte, Alexandras Besorgnis zu verstehen, doch er fand, dass sie es langsam übertrieb. Er hatte ihr schon mindestens hundertmal versichert, dass er mit Sicherheit nicht die Absicht hatte, noch einmal so einen Blödsinn zum machen. Doktor Winslow war ebenfalls zufrieden mit seinen Fortschritten. Wieso also konnte Alexandra ihm nicht vertrauen?

In einem Anfall von kindischem Trotz öffnete Chris den Kühlschrank und legte das Telefon hinein. Wenigstens würde er dann das Klingeln nicht mehr hören. Gefolgt von Charlie stapfte er danach pfeifend die Treppen hinauf, um es sich oben im Wohnzimmer gemütlich zu machen.

Nachdem er den Fernseher eingeschalten und sich einen Zeichentrickfilmkanal herangezappt hatte, packte er seine Schätze vor sich auf dem Couchtisch aus. Einen Schokomilchshake Extra Large, einen doppelten Cheeseburger, zwei Hamburger und eine Riesenportion Pommes, lauter Köstlichkeiten, die ihm eine Ewigkeit, so schien es ihm zumindest, verboten gewesen waren.

Voller Vorfreude biss Chris in den Cheeseburger und genoss das weiche, gummige Gefühl zwischen seinen Zähnen. Dann lehnte er sich bequem zurück, um die Geschehnisse auf dem Bildschirm zu verfolgen. Ein Gundam-Wing-Marathon. Perfekt….

 

Teil 42

 

Mit quietschenden Reifen hielt Jack seinen Wagen vor Alexandras Haus an. Vor zwanzig Minuten hatte ihn seine Freundin leicht hysterisch auf seinem Mobiltelefon angerufen und ihn gebeten, sofort zu ihr nach Hause zu fahren, da Chris nicht ans Telefon ging, und das seit über einer Stunde.

Jack war in der Umkleidekabine seines Fitness-Studios gewesen und hatte sich gerade umgezogen, als ihn der Anruf erreicht hatte. Er hatte sich nicht mehr die Zeit genommen, sich wieder seine Straßenklamotten anzuziehen, sondern hatte seine Sachen gepackt und war sofort losgerannt. Er glaubte zwar nicht, dass etwas passiert war, doch er wollte sich später keine Vorwürfe machen, falls er sich doch geirrt haben sollte.

Jack stieg aus dem Wagen aus und rannte hastig durch den Garten und die Treppen hinauf zur Tür. Abgeschlossen. Zum Glück hatte er den Schlüssel, den Alexandra ihm letzte Woche für diesen Fall vorbeigebracht hatte, an seinem Schlüsselbund. Mary Jo, die eigentlich am nächsten wohnte, war dieses Wochenende mit ihrem Mann und ihren Kindern auf Verwandtenbesuch, daher hatte Alexandra ihn als Feuerwehr für den Notfall auserkoren.

Jack schloss die Tür auf und trat in den Flur. Charlie kam ihm freudig entgegen und wuffte ihn an. Von oben drang das Geräusch eines laufenden Fernsehgerätes.

„Ist Chris oben?“ fragte Jack den Hund und ging an ihm vorbei, um nach einem Blick in die Küche die Treppe hinaufzueilen.

Vorsichtig öffnete er die halb angelehnte Tür des kleinen Wohnzimmers und begann, vor Erleichterung zu grinsen.

Chris lag, unter eine Wolldecke gekuschelt, auf dem Sofa und schlief. Der Tisch vor ihm war übersät von Papiertüten und Plastikschachteln einer bekannten Fast-Food-Kette. Jack erinnerte sich, dass er auf dem Weg hierher an einem solchen Laden vorbeigekommen war.

Der Fernseher lief auf voller Lautstärke, was Chris aber nicht in seinem Schlummer zu stören schien. Zwei riesige Kampfroboter lieferten sich gerade ein Gefecht, das von lautem Geballere begleitet wurde, die Hintergrundmusik war auch nicht gerade leise. Jack beugte sich über den Tisch und griff nach der Fernbedienung, um den Fernseher auszumachen. Die Stille, die danach herrschte, war geradezu erholsam.

Jack überlegte sich gerade, wie er Chris wohl am besten wach bekam, ohne ihn zu Tode zu erschrecken, als dieser sich bewegte und verschlafen zu blinzeln begann.

„Was ist denn…?“ Der Satz endete in einem unterdrückten Aufschrei und Chris fuhr hoch und starrte Jack mit schreckgeweiteten Augen an.

„Was…was machen Sie denn hier?“ fragte er.

Jack bemerkte die Angst, die in dieser durchaus berechtigten Frage mitschwang und trat zurück. Chris Blick wanderte für einen Augenblick zur Tür, als wollte er die Entfernung abschätzen und ob er sie schneller erreichen konnte als Jack.

„Alex hat mich angerufen und mich gebeten, vorbeizuschauen, weil du seit über einer Stunde nicht ans Telefon gegangen bist“, erklärte Jack ruhig und versuchte, so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken.

Chris war inzwischen aufgestanden und schob sich unauffällig zur Tür hinüber, um eine Fluchtmöglichkeit zu haben, sollte sich die Lage doch nicht als harmlos erweisen. Alte Gewohnheiten waren schwer abzulegen, dachte Jack bitter. Das System, welches es ermöglicht hatte, dass diesem Jungen hatte so etwas Furchtbares widerfahren können, war mehr als nur eine Schande.

„Alex?“ Chris sah einen Moment verwirrt aus. Die Verwirrung verwandelte sich jedoch schnell in Verlegenheit. „Oh….hab das Telefon wohl nicht gehört.“

„Kein Wunder bei dem Krach“, bemerkte Jack trocken. „Wie kann man dabei nur schlafen und dann aufwachen, sobald es ruhig wird.“

Chris zuckte nur mit den Schultern. „Wie sind Sie eigentlich rein gekommen? Ich hab doch abgeschlossen.“

„Alex hat mir einen Schlüssel gegeben. Für Notfälle. Und das ist ja wohl ein Notfall gewesen.“

Chris sog den Atem scharf ein und fuhr sich mit einer Hand durch die vom Schlaf zerzausten Haare.

„Sie hat Sie also hergejagt, weil sie dachte, ich hätte….“ Chris vervollständigte den Satz nicht, das brauchte er auch gar nicht, denn Jack wusste auch so, was er meinte.

„Chris…“

„Nein, ist schon gut“, entgegnete Chris. „Man kann mir nicht trauen, dass brauchen Sie mir nicht zu erzählen. Ich frag mich nur, warum ich diese Therapie mache, wenn es doch sowieso sinnlos ist und ich bei der nächsten Gelegenheit vielleicht Schlaftabletten nehme oder mich aufhänge.“

Jack seufzte. „Chris, so darfst du das nicht sehen. Alex vertraut dir, aber sie hat einfach Angst…“

„Ja, das weiß ich. Am Anfang war es so schlimm, dass ich fast nicht allein auf die Toilette gehen konnte oder unter die Dusche.“ Chris Stimme wurde immer lauter. „Gott-sei-dank muss ich mich kaum rasieren, sonst hätte ich mittlerweile einen Vollbart, weil sie nämlich sämtliche Rasierklingen unter Verschluss hält. Es wundert mich nur, dass wir noch Küchenmesser frei zugänglich in den Schubladen haben und ich mich allein damit in der Küche aufhalten darf. Mister Sanders, Alex macht mich noch wahnsinnig!“

Jack starrte Chris an, der nach seinem Ausbruch dastand und die Arme um seinen Oberkörper geschlungen hatte. Sprachen sie wirklich von der gleichen Frau? Er kannte Alexandra als nüchterne, praktisch denkende Person, die sich durch nichts so leicht ins Bockshorn jagen ließ. Sie war zwar ein Hitzkopf, jedoch nicht übermäßig emotional veranlagt. War ihr dieser Junge wirklich so unter die Haut gegangen, dass sie alle Vernunft vergaß und sich aufführte wie eine überfürsorgliche Glucke? Andererseits glaubte er nicht, dass Chris ihn anlog, nachdem er Alexandra vorhin live am Telefon erlebt hatte.

„Tja, ich kann dich verstehen…“ sagte er langsam. „Aber trotzdem sollten wir jetzt Alex anrufen und ihr sagen, dass alles in Ordnung ist.“

Damit zog er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und drückte Alexandras Kurzwahlnummer. Chris beobachtete ihn mit zusammengepressten Lippen.

„Jack? Ist Chris in Ordnung?“ erklang Alexandras panische Stimme nach einmaligem Klingeln am anderen Ende.

„Ja, er steht gesund und munter vor mir“, entgegnete Jack. „Er ist vor dem Fernseher eingeschlafen und hat das Telefon nicht gehört.“

„Kann ich mit ihm sprechen?“

Jack zögerte und warf Chris einen prüfenden Blick zu. „Das ist gerade keine gute Idee“, sagte er schließlich. Chris sah nicht so aus, als wäre er im Moment zu einem vernünftigen Gespräch mit Alexandra in der Lage.

„Wieso nicht? Jack, was ist passiert?“

Jack richtete den Blick entnervt an die Zimmerdecke. Die richtige Alexandra musste von Aliens entführt und durch dieses völlig gestörte Exemplar ausgetauscht worden sein.

„Nichts ist passiert. Er ist…nun ja…leicht sauer, weil du ihm nicht zutraust, einen Tag lang allein zu sein“, erklärte er diplomatisch und ignorierte Chris’ leises Schnauben.

„Oh“, kam vom anderen Ende der Leitung. „Ist er wirklich nur leicht sauer oder…?“

„Eher ziemlich“, gab Jack zu. „Sieht so aus, als hättest du heute Abend einiges zu erklären und in Ordnung zu bringen.“

„Da hab ich wohl ein wenig über das Ziel hinaus geschossen“, antwortete Alexandra kleinlaut.

„Ein wenig ist gut.“

„Jack, ich…“

„Mir bist du keine Rechenschaft schuldig“, unterbrach Jack seine Freundin.

„Ich weiß. Nur…sag Chris, ich bin in zwei Stunden zu Hause. Ich hab jetzt einfach keinen Nerv mehr für diese Tagung.“ Alexandra legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Jack wandte seine Aufmerksamkeit wieder Chris und dem Chaos zu, dass auf dem Tisch herrschte.

„Du solltest das lieber verschwinden lassen und ein Fenster aufmachen, wenn du nicht willst, dass Alex den Braten riecht“, bemerkte er ironisch und deutete auf die Verpackungen. „Sie fährt jetzt los und ist in etwa zwei Stunden hier.“

Chris warf ihm einen resignierten Blick zu und begann, den Müll zusammenzupacken. Jack half ihm dabei.

„Ein Kaffee wäre auf den Schrecken nicht schlecht“, sagte Jack augenzwinkernd, um die Lage etwas zu entspannen. Vielleicht konnte er Chris noch dazu bewegen, nicht allzu streng mit Alex ins Gericht zu gehen.

Charlie lief voraus, als Jack, gefolgt von Chris, die Treppe hinunterging. In der Küche stopfte Chris den Müll in eine Plastiktüte und trug ihn dann nach draußen, um jegliche Spuren seiner kleinen Rebellion zu beseitigen. In der Zwischenzeit warf Jack die Kaffeemaschine an. Er stellte zwei Tassen auf den Tisch und öffnete dann den Kühlschrank, um Milch herauszuholen. Er hasste schwarzen Kaffee.

Jack wollte gerade die Kühlschranktür wieder zumachen, als sein Blick auf einen Gegenstand fiel, den er an so einem Ort nie vermutete hätte. Verwundert griff er danach. Hinter sich hörte er, wie Chris hereinkam und drehte sich zu ihm um.

„Bewahrt ihr das Ding im Kühlschrank auf, damit die Akkus länger halten, oder was?“ bemerkte er ironisch.

Chris schluckte verlegen. „Ähm…ich hab…Alex hat heut Vormittag dreimal angerufen und da…“, stammelte er, während ihm das Blut in die Wangen schoss.

Jack grinste amüsiert. „…und da wolltest du einfach deine Ruhe haben, stimmt’s?“

Chris nickte. „So ähnlich“, gab er betreten zu.

„Weißt du, irgendwie verdient ihr einander“, lachte Jack und legte das gut gekühlte Telefon auf den Küchentisch. Dann wurde er wieder ernst.
„Chris, es ist wirklich nicht so, dass Alex dir nicht vertraut. Sie hat einfach nur panische Angst, dich zu verlieren. Bisher ist sie mit Männern nur reingefallen und mit ihrer Familie steht sie seit Jahren mehr oder weniger auf Kriegsfuß. Darum reagiert sie vielleicht ein wenig übertrieben.“

„Das mit ihrer Familie weiß ich“, sagte Chris leise. „Sie hat mir mal davon erzählt. Und das mit den Männern…ich hab mir schon gedacht, dass das der Grund ist, warum sie zu Kerlen meistens so zickig ist.“

„Zickig ist gut. Alexandra kann regelrecht bösartig werden, wenn ihr ein Typ auf die falsche Art kommt“, entgegnete Jack. „Ich hätte nie gedacht, dass ich es noch erleben werde, dass sie sich wieder verliebt. Du musst dich da durch eine Hintertür in ihr Herz geschlichen haben.“

Chris senkte den Kopf. „Manchmal glaube ich, in einem Traum zu leben, aus dem ich jederzeit aufwachen könnte…Hab ich Ihnen eigentlich je dafür gedankt, dass Sie mir diese Stelle besorgt haben?“ fragte er plötzlich und sah wieder auf.

„Nein, hast du nicht. Aber das ist schon in Ordnung. Ich bin immer wieder froh, wenn einer meiner Jungs mit meiner Hilfe den Weg in ein normales Leben zurück findet. Gelingt mir leider nicht immer….“ Jack griff nach der Kaffeekanne und schenkte beide Tassen ein. Dann setzte er sich und sah zu, wie Chris sich eine Riesenportion Zucker in seine Tasse kippte und sich dann mit dieser in der Hand an die Küchentheke lehnte.

„Hätten Sie mich eigentlich wirklich in so eine Anstalt geschickt?“

Jack überlegte einen Augenblick lang, was er sagen sollte. Was hätte er wirklich getan, wenn Chris bei seiner Weigerung geblieben wäre, diese Therapie bei Doktor Winslow zu beginnen?

„Wahrscheinlich nicht“, gab er schließlich zu. „Ich kenne diese Anstalten. Meistens schaden sie mehr als sie nützen und die Leute landen letztendlich in der richtigen Psychiatrie. Aber ich hab keine andere Möglichkeit mehr gesehen als dir damit zu drohen. Erstens war diese Therapie wirklich nötig und zweitens brauchte ich eine gewisse Absicherung, falls die Sache jemals rauskommen sollte. Ich kann deshalb wirklich gewaltigen Ärger bekommen.“

Chris schwieg und kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. Jack kam unwillkürlich der Gedanke, dass dies das längste und vor allem das offenste Gespräch war, das er je mit ihm geführt hatte. Normalerweise war Chris ihm gegenüber äußerst einsilbig und zurückhaltend.

„Haben Sie es schon mal getan? Jemanden einweisen lassen, meine ich?“

Jack seufzte. Das war eine Sache, an die er nicht gerne zurückdachte.

„Einmal“, gab er zu. „Der Kerl war etwas älter als du. Er war nur etwa ein Jahr im Gefängnis gewesen. Als er rauskam, musste er feststellen, dass seine Freundin, die auch noch ein Kind von ihm hatte, mittlerweile einen Anderen hatte und mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte. Er hatte ein Zimmer in einem Wohnblock. Dort hat er den Gashahn von seinem Herd aufgedreht und sich ins Bett gelegt, um zu sterben. Allerdings hat er überlebt. Seine Vermieterin bemerkte den Gasgeruch und rief die Feuerwehr. Er hätte alles in die Luft jagen können und in dem Haus wohnten dreißig Leute. Da blieb mir nichts anderes übrig.“

„Was ist aus ihm geworden?“ erkundigte sich Chris.

Jack nahm einen tiefen Schluck aus seiner Tasse und wünschte, die Flüssigkeit darin wäre Whisky oder etwas ähnlich Starkes. Die Geschichte lag ihm noch immer im Magen, obwohl sie bereits vor drei Jahren passiert war.

„Etwa zwei Wochen nachher erhielt ich einen Anruf. Er hat sich in seinem Zimmer mit einem Strick, den er sich aus seinen Laken zusammengeknotet hatte, erhängt.“
Jack atmete tief durch und sah Chris an. „Darum hätte ich dich wohl kaum dahin geschickt, nicht nachdem ich von Alex erfahren habe, was mit dir passiert ist. Ich hab den Brief gefunden, den du ihr geschrieben hast und…und mir war der eigentliche Grund für deinen Selbstmordversuch klar. Ich weiß allerdings nicht, ob ich an deiner Stelle solange durchgehalten hätte…und vor allem den Mut gehabt hätte, Alex alles zu sagen.“

Chris umklammerte seine Tasse mit beiden Händen, als wollte er sich daran festhalten und starrte auf den Boden. Jack begann schon, sich zu fragen, ob er wohl zu offen gewesen war, als Chris unvermittelt zu sprechen begann.

„Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie ich es geschafft habe. Ich hab jeden Tag einzeln gelebt und war abends immer einfach nur froh, dass ich ihn überstanden hatte. Der einzige Plan, den ich nach dem Knast hatte, war meinen Schulabschluss nachzumachen. Und das hab ich hauptsächlich deshalb angefangen, um mich abzulenken. Erst als ich zu Alex kam, hab ich wieder ein wenig Freude am Leben gefunden. Vor den Typen auf diesen Baustellen hatte ich immer einen Riesenhorror. Aber ich wollte mir von denen auch nichts gefallen lassen. Darum hatte ich da auch dauernd Ärger.“

Jack nickte. „Ja, kann ich mir vorstellen.“

„Ich war wohl `ne arge Prüfung für Sie“, stellte Chris mit einem schiefen Lächeln fest.

„Hm“, brummte Jack, während er an den trotzigen Jungen zurückdachte, der in seinem Büro mit stoischen Schweigen den Donnerwettern gelauscht hatte, mit denen Jack sich Luft gemacht hatte, nachdem Chris mal wieder einen Job verloren hatte.

„Ich hatte schon Schlimmere als dich“, sagte er schließlich. „Du warst schwierig, aber wenigstens kein hoffnungsloser Fall.“

Dass er allerdings am Ende fast nicht mehr gewusst hatte, was er mit Chris anfangen sollte, das verschwieg Jack lieber. Dann hätte er ihm auch erklären müssen, was die Konsequenzen gewesen wären und er glaubte nicht, dass Chris das im Moment so einfach wegstecken würde. Wie er Alexandra bereits bei ihrer Einweihungsparty erklärt hatte, hatte er bald keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als Chris zurück ins Gefängnis zu schicken. Eine Regel, die Jack zutiefst verhasst war, doch da der Junge so verschlossen und unfähig gewesen war, sich einzufügen, wäre ihm am Ende nichts anderes übrig geblieben.

„Tut mir leid, dass ich Ihnen solchen Ärger gemacht habe“, entschuldigte sich Chris kleinlaut.

„Schon okay. Du hast dich ja inzwischen gewaltig gebessert.“ Jack stand auf. „Tja, ich werd dich dann wieder allein lassen. Reiß Alex nachher nicht den Kopf ab wegen dieser Aktion.“

Erleichtert registrierte er, dass Chris zu grinsen begann. Der Junge schien trotz allem eine gesunde Portion Humor zu haben. Musste er wohl, wenn er es geschafft hatte, so lange mit Alexandra unter einem Dach zu wohnen.

„Mach ich schon nicht“, versicherte Chris, während er Jack zur Tür begleitete. „Und vielen Dank noch Mal…für alles.“

„Keine Ursache.“

 

Teil 43


Nachdem Chris die Tür hinter Jack geschlossen hatte, lehnte er sich aufatmend dagegen. Sein Bewährungshelfer hatte ihm viel Stoff zum Nachdenken geliefert, nicht nur in Bezug auf Alexandra.

Als er vorhin aufgewacht war und Jack Sanders vor ihm stand, hätte ihn beinahe der Schlag getroffen. Er war zu Tode erschrocken und sein Fluchtinstinkt, der in Bezug auf Männer einfach ziemlich ausgeprägt war, hatte die Oberhand gewonnen. Erst als auch sein Verstand richtig zu arbeiten begonnen hatte, hatte er sich gesagt, dass Jack für ihn noch nie wirklich eine Bedrohung dargestellt hatte und dass er ihn dank der Tricks, die Alex ihm gezeigt hatte, mit Leichtigkeit hätte überwältigen können. Aber jahrelang praktizierte Gewohnheiten ließen sich nicht so einfach abstellen.

Chris war während des Gesprächs auch klar geworden, was für ein Glück er gehabt hatte, dass Jack Sanders sein Bewährungshelfer war. Ihm war durchaus bewusst, dass der Mann bis zum Ablauf seiner Bewährung entscheiden konnte, ob er draußen blieb oder wieder zurück nach San Quentin musste. Im Gefängnis hatte er einmal mitbekommen, wie ein Mithäftling sich darüber beklagt hatte, dass seine Bewährung aufgehoben worden war, nur weil er ein paar Termine bei seinem Bewährungshelfer verpasst hatte.

Daher hatte Chris immer penibel darauf geachtet, diese Termine immer pünktlich wahr zu nehmen – auch wenn er deren Sinn nie ganz verstanden hatte. Es war immer das gleiche Spiel gewesen. Jack hatte ihn gefragt, ob er irgendwelche Probleme oder Fragen hatte, Chris hatte verneint, außer er stand mal wieder kurz vor einem Rausschmiss, dann hatte Jack ihm einen kurzen Vortrag gehalten und Chris hatte sich verabschiedet und war gegangen.

Natürlich waren diese Gespräche nicht so abgelaufen, wenn er hatte beichten müssen, dass er schon wieder eine Stelle verloren hatte. Ein paar Mal war Jack regelrecht ausgerastet und hatte ihn sozusagen „zur Sau gemacht“. Chris hatte dabei jedes Mal auf Durchzug geschalten und diese Schimpftiraden ohne mit der Wimper zu zucken über sich ergehen lassen. Jetzt, im Nachhinein verstand er natürlich, wieso sein Bewährungshelfer so wütend geworden war. Es war für Jack nicht einfach gewesen, ihm dauernd dabei helfen zu müssen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Chris erinnerte sich noch an den Tag, als Jack ihn angerufen hatte und ihn zu sich ins Büro bestellt hatte. Zwei Tage vorher war er wieder einmal gekündigt worden, weil er sich mit seinem Vorarbeiter herumgestritten hatte, der sich eingebildet hatte, er könne ihm jede Drecksarbeit zuweisen, die kein anderer machen wollte.

Als er das Büro betreten hatte, hatte Jack einen Zettel mit einer Adresse vor ihn auf den Tisch geknallt und ihn barsch angewiesen, sich am Nachmittag dort vorzustellen.

„Und ich warne dich, mein Junge, das ist eine gute Freundin von mir. Ich will keine Klagen hören. Sie braucht jemanden, der ihr bei Renovierungsarbeiten hilft. Wenn du das wieder verbockst, dann wird das diesmal ernsthafte Konsequenzen haben“, hatte Jack drohend gesagt. „Ich musste mit Engelszungen auf sie einreden, damit du überhaupt bei ihr vorbeikommen darfst. Also sieh zu, dass du einen guten Eindruck auf sie machst!“

Chris war vor keinem seiner Vorstellungsgespräche so nervös gewesen wie vor diesem. Der Job hörte sich vielversprechend an, so wie es aussah, würde er weitgehend selbständig arbeiten können und vor allem allein. Er würde nicht dauernd über die Schulter blicken und auf der Hut sein müssen.

Auf dem Weg zu Alexandras Haus war er im Geiste alle möglichen Fragen durchgegangen, die diese Frau im vielleicht stellen konnte und hatte sich die passenden Antworten zurechtgelegt. Auf alles war er vorbereitet gewesen, nur nicht darauf, von einem struppigen Monster angefallen und abgeschleckt zu werden.

All seine sorgsam ausgedachten Argumente und Antworten waren wie weggeblasen gewesen, als sich die hübsche blonde Frau bei ihm für das Benehmen ihres Hundes entschuldigt hatte. Sie hatte einen sehr selbstbewussten Eindruck auf ihn gemacht und wie jemand gewirkt, dem man bestimmt kein X für ein U vormachen konnte.

Als er ihr gesagt hatte, wer ihn geschickt hatte und sie ihn darauf nur ungläubig angestarrt hatte, hatte er schon geglaubt, dass es das gewesen war. Doch irgendwie hatte er sie dann doch überreden können, dass sie ihm zumindest eine Chance gegeben hatte. Und so hatte sich sein Leben von Grund auf verändert….

Das Stupsen einer feuchten Hundeschnauze an seiner Hand riss Chris aus seinen Gedanken. Besagtes struppiges Monster hechelte und sah fragend zu ihm auf.

„Alles okay, Charlie“, sagte Chris und kraulte den Hund hinter den Ohren. „Was hältst du davon, wenn wir beide noch einen Spaziergang zum Supermarkt machen und ein paar feine Sachen für’s Abendessen einkaufen?“

Charlie wedelte mit dem Schwanz und blaffte zustimmend. Chris griff nach der Hundeleine und seiner Jacke und öffnete die Tür. Es wurde Zeit, dass er Alexandra einmal positiv überraschte.

 

Teil 44

 

Mit äußerst gemischten Gefühlen bog Alexandra in die Maple Lane ein, die Straße in der sie wohnte. Es war inzwischen dunkel geworden, sie hatte länger für die Fahrt gebraucht als angenommen, da sie noch eine halbe Stunde im Stau gestanden war. Sie hätte Chris gerne angerufen, doch sie hatte sich nicht getraut. Ihr war nicht aus dem Kopf gegangen, was Jack heute Nachmittag am Telefon gesagt hatte. So wie es sich angehört hatte, war Chris mehr als nur sauer gewesen. Sie konnte nur hoffen, dass er sich inzwischen etwas beruhigt hatte und sich ihre Entschuldigung anhören würde.

Alexandra erkannte sich selbst gerade nicht wieder. Noch nie zuvor war ihr ein anderer Mensch so wichtig gewesen wie Chris. Sie wollte und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sein Selbstmordversuch und die Stunden danach hatten sie das erst so richtig realisieren lassen. Sie wusste nicht, was sie gemacht hätte, wenn er tatsächlich gestorben wäre.

Ganz in ihre traurigen Gedanken versunken lenkte Alexandra den Pick-up in die Einfahrt und konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, sonst wäre sie auf den Haufen Sperrmüll aufgefahren, der dort lagerte.

„Was zum….“ Mit offenem Mund starrte Alexandra auf die Halde. Im Scheinwerferlicht erkannte sie den Inhalt ihrer Garage wieder, den Chris die ganze Zeit schon hatte entsorgen wollen. Anscheinend hatte er ihre Abwesenheit ausgiebig ausgenutzt und genau das getan, woran sie ihn die ganze Zeit gehindert hatte.

Alexandra legte den Rückwärtsgang ein und parkte den Wagen am Straßenrand vor ihrer Gartentür. Sie fragte sich unwillkürlich, ob sie wissen wollte, womit Chris sich heute sonst noch so beschäftigt hatte. Lieber nicht, beschloss sie.

Als sie die Haustür öffnete, kam Charlie ihr schwanzwedelnd entgegen und ein verführerischer Geruch drang aus der Küche. Verblüfft zog Alexandra ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Dann streichelte sie ihrem Hund über den Rücken, bevor sie die Küche betrat.

Chris stand hinter dem Herd und rührte eifrig in einem Topf. Die überlangen Ärmel seines schwarzen Shirts hatte er nach oben gerollt. Seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, trug er nur langärmlige Oberteile, die die Narben an seinen Handgelenken verdeckten. Dieses hatte zur Abwechslung mal keinen Aufdruck auf der Brust. Seine Haare waren feucht, als hätte er vor kurzem geduscht.

„Hallo Chris“, sagte Alexandra leise.

Chris sah auf und legte den Kochlöffel zur Seite.

„Hey. Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst“, antwortete er. Dann senkte er den Blick. „Ich hab mir beinahe Sorgen gemacht, dass etwas passiert ist“, gab er zu.

„Ich hätte ja angerufen, aber….“ Alexandra zuckte hilflos mit den Schultern.

Chris schien ebenfalls nicht so genau zu wissen, was er sagen sollte. Er machte ein paar Schritte, bis er vor Alexandra stand.

„Alex, ich war heut Nachmittag wirklich stinkwütend“, sagte er ruhig. „Ich bin mir wie ein Kleinkind vorgekommen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und du kannst mich nicht wie eines behandeln, nur weil ich einmal, ein einziges Mal, durchgedreht bin. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe und den werde ich nicht wiederholen. Glaubst du mir das endlich?“

Alexandra schluckte. „Ich weiß, dass du kein Kind bist, sehr gut sogar“, flüsterte sie. „Ich kann nur einfach diese Angst nicht abschütteln…“

„Alex…ich geh nirgendwohin, weder so noch so, solange du mich nicht rauswirfst“, sagte Chris und umfasste ihre Taille, um sie an sich zu ziehen.

Alexandra legte ihm die Arme um den Nacken. Ihr war nicht nur ein Stein vom Herzen gefallen, dass Chris ihr nicht mehr böse zu sein schien, sondern eine ganze Gerölllawine.

„Das werde ich bestimmt nicht tun“, schwor sie. „Und ich verspreche dir, dass ich mich in Zukunft zusammenreißen und mich nicht mehr wie eine hysterische Glucke benehmen werde. Heißt das eigentlich auch, dass du nicht mehr bei mir schlafen willst und ich dich nicht mehr zu Doktor Winslow fahren darf?“

Ängstlich sah Alexandra Chris ins Gesicht. Immerhin hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass er seine Selbständigkeit zurückwollte. Zu ihrer Erleichterung schüttelte Chris den Kopf.

„Nein“, sagte er zögernd. „Ich hab damit nicht gemeint, dass ich dich…nicht brauche. Das tue ich nämlich. Sehr sogar.“

Der ernsthafte Klang von Chris’ Stimme trieb Alexandra fast die Tränen in die Augen. Als Antwort zog sie Chris an sich und umarmte ihn. Sie spürte, wie er sich zuerst versteifte, sich aber gleich wieder entspannte und die Umarmung erwiderte.

„Hab dich lieb“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Ich dich auch“, antwortete Alexandra zittrig. Sie fürchtete, dass sie jetzt wirklich gleich anfangen würde zu heulen.

Normalerweise hatte sie nicht gerade nahe am Wasser gebaut, doch die Aufregung heute Nachmittag und jetzt die Erleichterung, dass Chris ihr nicht mehr böse zu sein schien, dieser ganze emotionale Stress forderte seinen Tribut.

Alexandra zwinkerte krampfhaft und schluckte. Dann schob sie Chris sanft von sich.

„Hab ich noch Zeit zum Duschen, bevor das Essen fertig ist? Die hatten dort die Heizung auf Hochtouren laufen. War nicht gerade angenehm“, sagte sie gewollt burschikos, um die sentimentale Stimmung zu vertreiben.

„Klar, ich fang nicht ohne dich an“, entgegnete Chris und ließ sie los. „Aber beeil dich.“

„Fünfzehn Minuten“, rief Alexandra, während sie bereits die Treppe hinauf rannte.

Die Viertelstunde würde sie jetzt dringend brauchen, um ihre wild durcheinander wirbelnden Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Chris hatte gesagt, dass er sie brauchte…

***

Die fünfzehn Minuten waren noch nicht ganz um, als Alexandra frisch geduscht und mit einem bequemen, graublauen Hausanzug bekleidet wieder in der Küchentür stand. Chris hatte inzwischen den Tisch gedeckt und ein paar Teelichter angezündet, die er auf ein Holzbrettchen gestellt hatte. Das grelle Deckenlicht war aus, nur die Lampe über der Küchentheke brannte noch und tauchte den Rest des Raumes in ein angenehmes, gedämpftes Licht. Die Atmosphäre wirkte richtig…romantisch?

„Kann ich dir noch was helfen?“ fragte Alexandra, als Chris den Topf, in dem er vorher so emsig gerührt hatte, auf ein weiteres Holzbrett stellte.

„Nein, setz dich. Ich hol nur noch die Spaghetti“, entgegnete Chris.

Spaghetti? Alexandra hatte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr italienisch gegessen.

Was gibt’s denn eigentlich?“ fragte sie neugierig, während sie sich auf einem Stuhl niederließ.

„Spaghetti Bolognese“, erklärte Chris und stellte die Schüssel mit den Nudeln auf den Tisch.

Er ergriff Alexandras Teller und häufte ihr eine großzügige Portion darauf, gefolgt von der Soße. Danach bediente er sich selbst und setzte sich Alexandra gegenüber.

Diese schüttelte den Kopf. „Ich wusste gar nicht, dass du Kochen kannst“, stellte sie fest.

Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „Kann ich auch nicht richtig. Als ich klein war, hab ich meiner Mom manchmal dabei geholfen. Ein paar Sachen sind hängen geblieben, besonders, wie man meine Lieblingsgerichte zubereitet.“ Gespannt wartete er, bis Alexandra den ersten Bissen probiert hatte. „Schmeckt’s?“

Mit vollem Mund nickte Alexandra.

„Traumhaft“, sagte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. „Wieso hast du so was nicht schon früher getan?“

„Keine Ahnung. Hat sich nie ergeben.“

„Und heute?“

„Heute war mir einfach danach“, entgegnete Chris und sah Alexandra an. „Da ist übrigens noch Tomatensalat.“

Er deutete mit seiner Gabel auf eine Schüssel, die etwas auf der Seite stand und die Alexandra beinahe übersehen hätte.

„Du hast einen Salat gemacht?“

Die Bemerkung konnte sich die junge Tierärztin nun einfach nicht verkneifen. Zu ihrer Erleichterung nahm Chris sie ihr nicht übel, sondern begann zu lachen.

„Na ja, ich mag die Dinger schon lieber zermatscht und mit Konservierungsstoffen gewürzt, aber sie sind wenigstens nicht grün“, grinste er verschmitzt.

Alexandra musste ebenfalls lachen. „Du bist einfach unverbesserlich“, sagte sie und füllte die kleine Glasschale neben ihrem Teller mit sauber geviertelten Tomatenstückchen. Chris hatte sich wirklich Mühe gegeben.

Das Gespräch wandte sich danach eher allgemeinen Themen zu. Alexandra erzählte Chris von der Tagung, die im Großen und Ganzen recht interessant gewesen war. Sie hatte zwei ehemalige Kommilitoninnen getroffen und einer der Dozenten war der Chef der Tierklinik gewesen, an der sie gearbeitet hatte.

Chris erwähnte beiläufig, dass er am Montag den Sperrmüll wegbringen und danach im Baumarkt Bretter und Dachpappe für das Garagendach besorgen würde, weil er, wenn das Wetter einigermaßen hielt, in der kommenden Woche das alte Dach herunterreißen wollte. Alexandra musste sich auf die Zunge beißen, um ihren Protest zurückzuhalten. Dieser wäre jetzt bestimmt nicht gut angekommen und sie wollte die entspannte Stimmung nicht zerstören. Sie musste einfach lernen, wieder loszulassen, und darauf zu vertrauen, dass Chris wusste, was er sich zumuten konnte.

Nachdem sie fertig gegessen hatten, räumten sie gemeinsam den Tisch ab.

„Was hältst du jetzt von einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher?“ fragte Alexandra.

So etwas passierte eher selten, sie selbst war abends oft noch in der Praxis beschäftigt, mit Putzen, Instrumente sterilisieren und einordnen, all den Sachen, die während des normalen Praxisbetriebes liegen blieben. Manchmal half Chris ihr dabei, besonders, wenn mehr Arbeit anfiel. Er dachte sich nichts dabei, einen Putzeimer voll Wasser und einen Schrubber in die Hand zu nehmen und den Behandlungsraum zu wischen, etwas, dass so manch anderer Mann verächtlich als Frauenarbeit abgetan und sich geweigert hätte, es zu tun.

„Zu mehr bin ich heute sowieso nicht mehr in der Lage“, stöhnte Chris und strich sich über den Bauch. „Ich glaub, ich hab zuviel gegessen. Wenn ich nicht aufpasse, dann werd ich noch kugelrund.“

Alexandra warf Chris einen prüfenden Blick zu und verzog die Lippen zu einem Schmunzeln.

„Keine Sorge, davon bist du noch meilenweit entfernt. Ich wünschte, ich könnte auch alles so unbekümmert in mich hineinstopfen wie du.“

Miteinander über die jeweiligen Essgewohnheiten des Anderen scherzend gingen sie die Treppe nach oben. Alexandra genoss das humorvolle Wortgefecht. Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie so etwas das letzte Mal getan hatten und ihr wurde plötzlich bewusst, wie sehr sie diese Gelegenheiten vermisst hatte. Doch bei aller Heiterkeit war Alexandra auch klar, dass Chris noch immer schwer mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hatte.

Die Alpträume waren seltener geworden und auch nicht mehr so intensiv wie am Anfang, als er die Therapie begonnenen hatte, doch noch immer schreckte Alexandra in manchen Nächten hoch, weil sie spürte, wie Chris sich unruhig im Bett zu wälzen begann.

„Was willst du sehen? Eher `nen Action-Film oder `nen Krimi…oder was Romantisches….“

Chris saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa und blätterte in der Fernsehzeitschrift. Alexandra war noch mal in die Küche hinuntergegangen, um etwas zu trinken zu holen. Sie stellte die Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Tisch und setzte sich neben ihn.

„Lass sehen“, forderte sie und nahm ihm die Zeitschrift aus der Hand. „Hm,
„Titanic“ kommt…oder „Fluch der Karibik“…Kennst du den?“

„Nö. Hab mal was darüber gelesen, aber gesehen hab ich ihn nicht.“

Alexandra öffnete schon den Mund um Chris zu erklären, dass er etwas verpasst hatte, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er zu dem Zeitpunkt, als der Film in den Kinos gelaufen war, ganz andere Probleme gehabt hatte.

„Wird dir gefallen“, sagte sie stattdessen und griff nach der Fernbedienung.

Alexandra behielt Recht. Chris amüsierte sich köstlich über die Kapriolen dieses verrückten Piratenkapitäns namens Jack Sparrow. Irgendwann im Verlauf des Fernsehabends kuschelten sie sich zusammen unter die Wolldecke, die Chris sich am Nachmittag aus der Kommode geholt hatte.

Alexandra lag hinter ihm auf der Seite, den Kopf auf einen angewinkelten Arm gestützt, der andere Arm lag locker um Chris’ Taille. Chris hatte seine Hand mit ihrer verschränkt und so sahen sie sich gemeinsam den Film an. Charlie lag auf dem Boden zwischen Tisch und Fernseher und schien zu schlafen. Gelegentlich gab er ein leises Winseln von sich oder ein etwas lauteres Schnarchen.

Als der Abspann des Films zu laufen begann, drehte Chris sich auf den Rücken und sah zu Alexandra auf.

„Mann, der Typ war ja wirklich genial“, grinste er. „Schade, dass ich das nicht im Kino gesehen habe.“ Er wurde plötzlich ernst und senkte die Augenlider.

Alexandra ahnte, was jetzt in ihm vorging. Er dachte an den Grund, warum ein Kinobesuch nicht möglich gewesen war.

„Chris?“

„Hm?“

„Wie geht es dir jetzt eigentlich? Ich meine, ganz ehrlich, keinen von deinen Standardsprüchen „Ich komm schon klar“ oder so….“

Alexandra nahm eine der schwarzen Strähnen, die auf Chris’ Schulter lag und rollte sie um ihren Finger, während sie auf eine Antwort wartete. Seine Haare waren ein ganzes Stück gewachsen, seitdem er bei ihr lebte. Inzwischen sahen sie kaum noch verstrubbelt aus, besonders dann nicht, wenn er kein Gel benutzte.

Chris schwieg eine ganze Weile. Dann blickte er hoch.

„Besser. Du und Mister Sanders, ihr hattet recht. Das mit der Therapie war nötig. Nicht wegen…wegen dem Selbstmordversuch, darüber bin ich hinweg, aber….In mir hatte sich soviel aufgestaut, manchmal wusste ich gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Und…und dann kam auch noch die Sache mit dir dazu….Das klingt alles ziemlich wirr, was?“

„Ja…ich meine nein.“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Ich bin nur froh, dass Doktor Winslow dir helfen kann.“

Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum.

„Was…was siehst du eigentlich in mir? Ich meine…ich bin um soviel jünger als du, hab noch nicht mal den Highschool-Abschluss, war im Gefängnis und-“

Alexandra legte Chris schnell ihren Zeigefinger auf den Mund.

„Sag es nicht“, warnte sie mit erstickter Stimme.

Chris ergriff ihre Hand und setzte sich auf.

„Doch“, sagte er und seine Stimme zitterte nur ganz leicht. „Ich war eine Hure und zig Typen hatten ihren Spaß mit mir. Ich kann es jetzt endlich aussprechen ohne zusammenzuklappen.“ Er machte eine Pause. „Was also siehst du in mir?“

Alexandra hatte sich ebenfalls aufgesetzt. Ihre Augen schwammen in Tränen. Es tat weh, Chris so reden zu hören, und daran erinnert zu werden, was für eine grauenhafte Zeit hinter ihm lag. Zu wissen, dass er diese Erfahrungen bis an sein Lebensende nicht vergessen würde. Zu hören, wie wenig er von sich selbst hielt.

„Ich sehe…eine wundervollen jungen Mann, der trotz all der…schlimmen Dinge, die in seinem Leben passiert sind, nie den Mut verloren hat, gestolpert ist, aber wieder aufgestanden ist, der tapfer ist und klug, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, den ich stolz bin, meinen Freund zu nennen zu dürfen und den ich über alles liebe!“

Mit einem Aufschluchzen warf Alexandra die Arme um Chris und verbarg ihr Gesicht in seinen Haaren, während sie darum rang, ihre Fassung wiederzugewinnen.

Sie fühlte, wie Chris sie umarmte und fest an sich drückte.

„Ich liebe dich auch“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich weiß nur nicht, ob ich so jemanden wie dich verdient habe.“

„Dämlicher Esel“, würgte Alexandra hervor. „Du verdienst noch viel, viel mehr.“

Sanft packte Chris sie an den Schultern und schob sie weit genug von sich, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte.

„Jetzt sind wir also wieder beim „dämlichen Esel“ angelangt, ja?“ versuchte er zu scherzen. „Wenn das ein Kosename werden soll, dann lässt deine Auswahl sehr zu wünschen übrig.“

Alexandra wischte sich die Tränen von den Wangen und musste lachen.

„Ich werde versuchen, mich zu bessern“, schniefte sie. „Chris?“

„Was?“

Etwas gab es noch, dass ihr auf der Seele lag und über das sie bisher noch nie gesprochen hatten. Zumindest nicht ausführlich. Chris hatte immer abgeblockt. Vielleicht war er jetzt bereit, darüber zu reden.

„Damals, als ich dich allein gelassen und eingesperrt habe….Nein, lass mich ausreden“, bat sie, als Chris eine abwehrende Handbewegung machte.

„Du hast keine Schuld“, sagte er fest.

„Darum geht es mir nicht. Ich…ich will dir nur erklären, wieso….“ Alexandra atmete tief durch und suchte nach den richtigen Worten. „Mein ganzes Leben lang konnte ich immer irgendwie mit allem umgehen, das mir in den Weg geworfen wurde. Der Ärger mit meinen Eltern, mit meinen Geschwistern, diesen Idioten von Ex-Freunden…auch mit dem Wissen, was mit dir im Gefängnis geschehen sein musste. Ich hatte mir Lösungen überlegt, Sachen, die ich dir sagen wollte....Und dann, als du mir endlich die Wahrheit erzählt hast, und du so unnahbar warst, so…so kalt…. Da konnte ich auf einmal nicht mehr. Ich wollte dir helfen, mehr als alles andere auf der Welt und wusste nicht, wie. Ich fühlte mich so unfähig, so hilflos….“

Chris senkte den Kopf und starrte auf seine Hände.

„Alex, ich…ich war damals wie in Trance….Wenn…wenn ich in dem Moment nicht alle Gefühle abgeschalten hätte, dann hätte ich vor lauter Heulen kein Wort rausgebracht….“

„Oh Chris…Wie konntest du nur glauben, dass ich dich deshalb hassen würde…“

Chris zuckte mit den Schultern. Dann sah er Alexandra an.

„Ich weiß nicht. Ich hatte die ganze Zeit solche Angst, dass du es irgendwie rausfinden würdest und….“ Er brach ab und schluckte.

„Ich hab’s auch rausgefunden. In der Hütte, als dieses Gewitter war und du diesen Alptraum hattest, da wurde mir plötzlich klar, was mit dir los war. Vielleicht hätte ich da schon mit dir darüber reden sollen. Aber ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte“, sagte Alexandra.

„Ich hätte es wahrscheinlich sowieso nicht zugegeben.“ Chris fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Alex, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wir…wir haben vielleicht beide Fehler gemacht, aber jetzt sind wir hier und…zusammen, auch wenn ich noch nicht so ganz….“

„Das ist egal. Wir haben alle Zeit der Welt“, unterbrach ihn Alexandra. „Du machst diese Therapie bei Doktor Winslow weiter, hast hier deinen sicheren Job bei mir, Jack wird dir bestimmt keine Probleme machen, sonst bekommt er es mit mir zu tun….In sieben Monaten läuft deine Bewährung sowieso ab. Du bist jetzt in Sicherheit. Was soll schon groß passieren?“

Später sollte Alexandra oft an diesen Abend und vor allem an diesen Satz zurückdenken und sich fragen, wie sie so naiv hatte sein können…

 

Teil 45

 

Mit äußerst gemischten Gefühlen bog Alexandra in die Maple Lane ein, die Straße in der sie wohnte. Es war inzwischen dunkel geworden, sie hatte länger für die Fahrt gebraucht als angenommen, da sie noch eine halbe Stunde im Stau gestanden war. Sie hätte Chris gerne angerufen, doch sie hatte sich nicht getraut. Ihr war nicht aus dem Kopf gegangen, was Jack heute Nachmittag am Telefon gesagt hatte. So wie es sich angehört hatte, war Chris mehr als nur sauer gewesen. Sie konnte nur hoffen, dass er sich inzwischen etwas beruhigt hatte und sich ihre Entschuldigung anhören würde.

Alexandra erkannte sich selbst gerade nicht wieder. Noch nie zuvor war ihr ein anderer Mensch so wichtig gewesen wie Chris. Sie wollte und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sein Selbstmordversuch und die Stunden danach hatten sie das erst so richtig realisieren lassen. Sie wusste nicht, was sie gemacht hätte, wenn er tatsächlich gestorben wäre.

Ganz in ihre traurigen Gedanken versunken lenkte Alexandra den Pick-up in die Einfahrt und konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, sonst wäre sie auf den Haufen Sperrmüll aufgefahren, der dort lagerte.

„Was zum….“ Mit offenem Mund starrte Alexandra auf die Halde. Im Scheinwerferlicht erkannte sie den Inhalt ihrer Garage wieder, den Chris die ganze Zeit schon hatte entsorgen wollen. Anscheinend hatte er ihre Abwesenheit ausgiebig ausgenutzt und genau das getan, woran sie ihn die ganze Zeit gehindert hatte.

Alexandra legte den Rückwärtsgang ein und parkte den Wagen am Straßenrand vor ihrer Gartentür. Sie fragte sich unwillkürlich, ob sie wissen wollte, womit Chris sich heute sonst noch so beschäftigt hatte. Lieber nicht, beschloss sie.

Als sie die Haustür öffnete, kam Charlie ihr schwanzwedelnd entgegen und ein verführerischer Geruch drang aus der Küche. Verblüfft zog Alexandra ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Dann streichelte sie ihrem Hund über den Rücken, bevor sie die Küche betrat.

Chris stand hinter dem Herd und rührte eifrig in einem Topf. Die überlangen Ärmel seines schwarzen Shirts hatte er nach oben gerollt. Seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, trug er nur langärmlige Oberteile, die die Narben an seinen Handgelenken verdeckten. Dieses hatte zur Abwechslung mal keinen Aufdruck auf der Brust. Seine Haare waren feucht, als hätte er vor kurzem geduscht.

„Hallo Chris“, sagte Alexandra leise.

Chris sah auf und legte den Kochlöffel zur Seite.

„Hey. Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst“, antwortete er. Dann senkte er den Blick. „Ich hab mir beinahe Sorgen gemacht, dass etwas passiert ist“, gab er zu.

„Ich hätte ja angerufen, aber….“ Alexandra zuckte hilflos mit den Schultern.

Chris schien ebenfalls nicht so genau zu wissen, was er sagen sollte. Er machte ein paar Schritte, bis er vor Alexandra stand.

„Alex, ich war heut Nachmittag wirklich stinkwütend“, sagte er ruhig. „Ich bin mir wie ein Kleinkind vorgekommen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und du kannst mich nicht wie eines behandeln, nur weil ich einmal, ein einziges Mal, durchgedreht bin. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe und den werde ich nicht wiederholen. Glaubst du mir das endlich?“

Alexandra schluckte. „Ich weiß, dass du kein Kind bist, sehr gut sogar“, flüsterte sie. „Ich kann nur einfach diese Angst nicht abschütteln…“

„Alex…ich geh nirgendwohin, weder so noch so, solange du mich nicht rauswirfst“, sagte Chris und umfasste ihre Taille, um sie an sich zu ziehen.

Alexandra legte ihm die Arme um den Nacken. Ihr war nicht nur ein Stein vom Herzen gefallen, dass Chris ihr nicht mehr böse zu sein schien, sondern eine ganze Gerölllawine.

„Das werde ich bestimmt nicht tun“, schwor sie. „Und ich verspreche dir, dass ich mich in Zukunft zusammenreißen und mich nicht mehr wie eine hysterische Glucke benehmen werde. Heißt das eigentlich auch, dass du nicht mehr bei mir schlafen willst und ich dich nicht mehr zu Doktor Winslow fahren darf?“

Ängstlich sah Alexandra Chris ins Gesicht. Immerhin hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass er seine Selbständigkeit zurückwollte. Zu ihrer Erleichterung schüttelte Chris den Kopf.

„Nein“, sagte er zögernd. „Ich hab damit nicht gemeint, dass ich dich…nicht brauche. Das tue ich nämlich. Sehr sogar.“

Der ernsthafte Klang von Chris’ Stimme trieb Alexandra fast die Tränen in die Augen. Als Antwort zog sie Chris an sich und umarmte ihn. Sie spürte, wie er sich zuerst versteifte, sich aber gleich wieder entspannte und die Umarmung erwiderte.

„Hab dich lieb“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Ich dich auch“, antwortete Alexandra zittrig. Sie fürchtete, dass sie jetzt wirklich gleich anfangen würde zu heulen.

Normalerweise hatte sie nicht gerade nahe am Wasser gebaut, doch die Aufregung heute Nachmittag und jetzt die Erleichterung, dass Chris ihr nicht mehr böse zu sein schien, dieser ganze emotionale Stress forderte seinen Tribut.

Alexandra zwinkerte krampfhaft und schluckte. Dann schob sie Chris sanft von sich.

„Hab ich noch Zeit zum Duschen, bevor das Essen fertig ist? Die hatten dort die Heizung auf Hochtouren laufen. War nicht gerade angenehm“, sagte sie gewollt burschikos, um die sentimentale Stimmung zu vertreiben.

„Klar, ich fang nicht ohne dich an“, entgegnete Chris und ließ sie los. „Aber beeil dich.“

„Fünfzehn Minuten“, rief Alexandra, während sie bereits die Treppe hinauf rannte.

Die Viertelstunde würde sie jetzt dringend brauchen, um ihre wild durcheinander wirbelnden Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Chris hatte gesagt, dass er sie brauchte…

***

Die fünfzehn Minuten waren noch nicht ganz um, als Alexandra frisch geduscht und mit einem bequemen, graublauen Hausanzug bekleidet wieder in der Küchentür stand. Chris hatte inzwischen den Tisch gedeckt und ein paar Teelichter angezündet, die er auf ein Holzbrettchen gestellt hatte. Das grelle Deckenlicht war aus, nur die Lampe über der Küchentheke brannte noch und tauchte den Rest des Raumes in ein angenehmes, gedämpftes Licht. Die Atmosphäre wirkte richtig…romantisch?

„Kann ich dir noch was helfen?“ fragte Alexandra, als Chris den Topf, in dem er vorher so emsig gerührt hatte, auf ein weiteres Holzbrett stellte.

„Nein, setz dich. Ich hol nur noch die Spaghetti“, entgegnete Chris.

Spaghetti? Alexandra hatte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr italienisch gegessen.

Was gibt’s denn eigentlich?“ fragte sie neugierig, während sie sich auf einem Stuhl niederließ.

„Spaghetti Bolognese“, erklärte Chris und stellte die Schüssel mit den Nudeln auf den Tisch.

Er ergriff Alexandras Teller und häufte ihr eine großzügige Portion darauf, gefolgt von der Soße. Danach bediente er sich selbst und setzte sich Alexandra gegenüber.

Diese schüttelte den Kopf. „Ich wusste gar nicht, dass du Kochen kannst“, stellte sie fest.

Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „Kann ich auch nicht richtig. Als ich klein war, hab ich meiner Mom manchmal dabei geholfen. Ein paar Sachen sind hängen geblieben, besonders, wie man meine Lieblingsgerichte zubereitet.“ Gespannt wartete er, bis Alexandra den ersten Bissen probiert hatte. „Schmeckt’s?“

Mit vollem Mund nickte Alexandra.

„Traumhaft“, sagte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. „Wieso hast du so was nicht schon früher getan?“

„Keine Ahnung. Hat sich nie ergeben.“

„Und heute?“

„Heute war mir einfach danach“, entgegnete Chris und sah Alexandra an. „Da ist übrigens noch Tomatensalat.“

Er deutete mit seiner Gabel auf eine Schüssel, die etwas auf der Seite stand und die Alexandra beinahe übersehen hätte.

„Du hast einen Salat gemacht?“

Die Bemerkung konnte sich die junge Tierärztin nun einfach nicht verkneifen. Zu ihrer Erleichterung nahm Chris sie ihr nicht übel, sondern begann zu lachen.

„Na ja, ich mag die Dinger schon lieber zermatscht und mit Konservierungsstoffen gewürzt, aber sie sind wenigstens nicht grün“, grinste er verschmitzt.

Alexandra musste ebenfalls lachen. „Du bist einfach unverbesserlich“, sagte sie und füllte die kleine Glasschale neben ihrem Teller mit sauber geviertelten Tomatenstückchen. Chris hatte sich wirklich Mühe gegeben.

Das Gespräch wandte sich danach eher allgemeinen Themen zu. Alexandra erzählte Chris von der Tagung, die im Großen und Ganzen recht interessant gewesen war. Sie hatte zwei ehemalige Kommilitoninnen getroffen und einer der Dozenten war der Chef der Tierklinik gewesen, an der sie gearbeitet hatte.

Chris erwähnte beiläufig, dass er am Montag den Sperrmüll wegbringen und danach im Baumarkt Bretter und Dachpappe für das Garagendach besorgen würde, weil er, wenn das Wetter einigermaßen hielt, in der kommenden Woche das alte Dach herunterreißen wollte. Alexandra musste sich auf die Zunge beißen, um ihren Protest zurückzuhalten. Dieser wäre jetzt bestimmt nicht gut angekommen und sie wollte die entspannte Stimmung nicht zerstören. Sie musste einfach lernen, wieder loszulassen, und darauf zu vertrauen, dass Chris wusste, was er sich zumuten konnte.

Nachdem sie fertig gegessen hatten, räumten sie gemeinsam den Tisch ab.

„Was hältst du jetzt von einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher?“ fragte Alexandra.

So etwas passierte eher selten, sie selbst war abends oft noch in der Praxis beschäftigt, mit Putzen, Instrumente sterilisieren und einordnen, all den Sachen, die während des normalen Praxisbetriebes liegen blieben. Manchmal half Chris ihr dabei, besonders, wenn mehr Arbeit anfiel. Er dachte sich nichts dabei, einen Putzeimer voll Wasser und einen Schrubber in die Hand zu nehmen und den Behandlungsraum zu wischen, etwas, dass so manch anderer Mann verächtlich als Frauenarbeit abgetan und sich geweigert hätte, es zu tun.

„Zu mehr bin ich heute sowieso nicht mehr in der Lage“, stöhnte Chris und strich sich über den Bauch. „Ich glaub, ich hab zuviel gegessen. Wenn ich nicht aufpasse, dann werd ich noch kugelrund.“

Alexandra warf Chris einen prüfenden Blick zu und verzog die Lippen zu einem Schmunzeln.

„Keine Sorge, davon bist du noch meilenweit entfernt. Ich wünschte, ich könnte auch alles so unbekümmert in mich hineinstopfen wie du.“

Miteinander über die jeweiligen Essgewohnheiten des Anderen scherzend gingen sie die Treppe nach oben. Alexandra genoss das humorvolle Wortgefecht. Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie so etwas das letzte Mal getan hatten und ihr wurde plötzlich bewusst, wie sehr sie diese Gelegenheiten vermisst hatte. Doch bei aller Heiterkeit war Alexandra auch klar, dass Chris noch immer schwer mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hatte.

Die Alpträume waren seltener geworden und auch nicht mehr so intensiv wie am Anfang, als er die Therapie begonnenen hatte, doch noch immer schreckte Alexandra in manchen Nächten hoch, weil sie spürte, wie Chris sich unruhig im Bett zu wälzen begann.

„Was willst du sehen? Eher `nen Action-Film oder `nen Krimi…oder was Romantisches….“

Chris saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa und blätterte in der Fernsehzeitschrift. Alexandra war noch mal in die Küche hinuntergegangen, um etwas zu trinken zu holen. Sie stellte die Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Tisch und setzte sich neben ihn.

„Lass sehen“, forderte sie und nahm ihm die Zeitschrift aus der Hand. „Hm,
„Titanic“ kommt…oder „Fluch der Karibik“…Kennst du den?“

„Nö. Hab mal was darüber gelesen, aber gesehen hab ich ihn nicht.“

Alexandra öffnete schon den Mund um Chris zu erklären, dass er etwas verpasst hatte, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er zu dem Zeitpunkt, als der Film in den Kinos gelaufen war, ganz andere Probleme gehabt hatte.

„Wird dir gefallen“, sagte sie stattdessen und griff nach der Fernbedienung.

Alexandra behielt Recht. Chris amüsierte sich köstlich über die Kapriolen dieses verrückten Piratenkapitäns namens Jack Sparrow. Irgendwann im Verlauf des Fernsehabends kuschelten sie sich zusammen unter die Wolldecke, die Chris sich am Nachmittag aus der Kommode geholt hatte.

Alexandra lag hinter ihm auf der Seite, den Kopf auf einen angewinkelten Arm gestützt, der andere Arm lag locker um Chris’ Taille. Chris hatte seine Hand mit ihrer verschränkt und so sahen sie sich gemeinsam den Film an. Charlie lag auf dem Boden zwischen Tisch und Fernseher und schien zu schlafen. Gelegentlich gab er ein leises Winseln von sich oder ein etwas lauteres Schnarchen.

Als der Abspann des Films zu laufen begann, drehte Chris sich auf den Rücken und sah zu Alexandra auf.

„Mann, der Typ war ja wirklich genial“, grinste er. „Schade, dass ich das nicht im Kino gesehen habe.“ Er wurde plötzlich ernst und senkte die Augenlider.

Alexandra ahnte, was jetzt in ihm vorging. Er dachte an den Grund, warum ein Kinobesuch nicht möglich gewesen war.

„Chris?“

„Hm?“

„Wie geht es dir jetzt eigentlich? Ich meine, ganz ehrlich, keinen von deinen Standardsprüchen „Ich komm schon klar“ oder so….“

Alexandra nahm eine der schwarzen Strähnen, die auf Chris’ Schulter lag und rollte sie um ihren Finger, während sie auf eine Antwort wartete. Seine Haare waren ein ganzes Stück gewachsen, seitdem er bei ihr lebte. Inzwischen sahen sie kaum noch verstrubbelt aus, besonders dann nicht, wenn er kein Gel benutzte.

Chris schwieg eine ganze Weile. Dann blickte er hoch.

„Besser. Du und Mister Sanders, ihr hattet recht. Das mit der Therapie war nötig. Nicht wegen…wegen dem Selbstmordversuch, darüber bin ich hinweg, aber….In mir hatte sich soviel aufgestaut, manchmal wusste ich gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Und…und dann kam auch noch die Sache mit dir dazu….Das klingt alles ziemlich wirr, was?“

„Ja…ich meine nein.“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Ich bin nur froh, dass Doktor Winslow dir helfen kann.“

Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum.

„Was…was siehst du eigentlich in mir? Ich meine…ich bin um soviel jünger als du, hab noch nicht mal den Highschool-Abschluss, war im Gefängnis und-“

Alexandra legte Chris schnell ihren Zeigefinger auf den Mund.

„Sag es nicht“, warnte sie mit erstickter Stimme.

Chris ergriff ihre Hand und setzte sich auf.

„Doch“, sagte er und seine Stimme zitterte nur ganz leicht. „Ich war eine Hure und zig Typen hatten ihren Spaß mit mir. Ich kann es jetzt endlich aussprechen ohne zusammenzuklappen.“ Er machte eine Pause. „Was also siehst du in mir?“

Alexandra hatte sich ebenfalls aufgesetzt. Ihre Augen schwammen in Tränen. Es tat weh, Chris so reden zu hören, und daran erinnert zu werden, was für eine grauenhafte Zeit hinter ihm lag. Zu wissen, dass er diese Erfahrungen bis an sein Lebensende nicht vergessen würde. Zu hören, wie wenig er von sich selbst hielt.

„Ich sehe…eine wundervollen jungen Mann, der trotz all der…schlimmen Dinge, die in seinem Leben passiert sind, nie den Mut verloren hat, gestolpert ist, aber wieder aufgestanden ist, der tapfer ist und klug, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, den ich stolz bin, meinen Freund zu nennen zu dürfen und den ich über alles liebe!“

Mit einem Aufschluchzen warf Alexandra die Arme um Chris und verbarg ihr Gesicht in seinen Haaren, während sie darum rang, ihre Fassung wiederzugewinnen.

Sie fühlte, wie Chris sie umarmte und fest an sich drückte.

„Ich liebe dich auch“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich weiß nur nicht, ob ich so jemanden wie dich verdient habe.“

„Dämlicher Esel“, würgte Alexandra hervor. „Du verdienst noch viel, viel mehr.“

Sanft packte Chris sie an den Schultern und schob sie weit genug von sich, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte.

„Jetzt sind wir also wieder beim „dämlichen Esel“ angelangt, ja?“ versuchte er zu scherzen. „Wenn das ein Kosename werden soll, dann lässt deine Auswahl sehr zu wünschen übrig.“

Alexandra wischte sich die Tränen von den Wangen und musste lachen.

„Ich werde versuchen, mich zu bessern“, schniefte sie. „Chris?“

„Was?“

Etwas gab es noch, dass ihr auf der Seele lag und über das sie bisher noch nie gesprochen hatten. Zumindest nicht ausführlich. Chris hatte immer abgeblockt. Vielleicht war er jetzt bereit, darüber zu reden.

„Damals, als ich dich allein gelassen und eingesperrt habe….Nein, lass mich ausreden“, bat sie, als Chris eine abwehrende Handbewegung machte.

„Du hast keine Schuld“, sagte er fest.

„Darum geht es mir nicht. Ich…ich will dir nur erklären, wieso….“ Alexandra atmete tief durch und suchte nach den richtigen Worten. „Mein ganzes Leben lang konnte ich immer irgendwie mit allem umgehen, das mir in den Weg geworfen wurde. Der Ärger mit meinen Eltern, mit meinen Geschwistern, diesen Idioten von Ex-Freunden…auch mit dem Wissen, was mit dir im Gefängnis geschehen sein musste. Ich hatte mir Lösungen überlegt, Sachen, die ich dir sagen wollte....Und dann, als du mir endlich die Wahrheit erzählt hast, und du so unnahbar warst, so…so kalt…. Da konnte ich auf einmal nicht mehr. Ich wollte dir helfen, mehr als alles andere auf der Welt und wusste nicht, wie. Ich fühlte mich so unfähig, so hilflos….“

Chris senkte den Kopf und starrte auf seine Hände.

„Alex, ich…ich war damals wie in Trance….Wenn…wenn ich in dem Moment nicht alle Gefühle abgeschalten hätte, dann hätte ich vor lauter Heulen kein Wort rausgebracht….“

„Oh Chris…Wie konntest du nur glauben, dass ich dich deshalb hassen würde…“

Chris zuckte mit den Schultern. Dann sah er Alexandra an.

„Ich weiß nicht. Ich hatte die ganze Zeit solche Angst, dass du es irgendwie rausfinden würdest und….“ Er brach ab und schluckte.

„Ich hab’s auch rausgefunden. In der Hütte, als dieses Gewitter war und du diesen Alptraum hattest, da wurde mir plötzlich klar, was mit dir los war. Vielleicht hätte ich da schon mit dir darüber reden sollen. Aber ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte“, sagte Alexandra.

„Ich hätte es wahrscheinlich sowieso nicht zugegeben.“ Chris fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Alex, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wir…wir haben vielleicht beide Fehler gemacht, aber jetzt sind wir hier und…zusammen, auch wenn ich noch nicht so ganz….“

„Das ist egal. Wir haben alle Zeit der Welt“, unterbrach ihn Alexandra. „Du machst diese Therapie bei Doktor Winslow weiter, hast hier deinen sicheren Job bei mir, Jack wird dir bestimmt keine Probleme machen, sonst bekommt er es mit mir zu tun….In sieben Monaten läuft deine Bewährung sowieso ab. Du bist jetzt in Sicherheit. Was soll schon groß passieren?“

Später sollte Alexandra oft an diesen Abend und vor allem an diesen Satz zurückdenken und sich fragen, wie sie so naiv hatte sein können…

 

Teil 46

 

Am nächsten Morgen, als sie beim Frühstück saßen, sah Alexandra aus dem Fenster und hatte plötzlich eine Idee. Das sonnige Wetter war geradezu ideal.

„Sag mal, warst du eigentlich schon jemals unten in der Stadt, seit du hier bist? Ich meine, so touristenmäßig?“

„Was?“ Chris sah von dem Brötchen hoch, das er gerade mit einer dicken Schicht Marmelade bestrich. „Nö. Ich bin zwar schon mit dem Bus durchgefahren, aber ich hatte nie die Zeit oder die Lust, mir alles anzusehen.“

„Hättest du heute Lust?“

„Auf `nen Stadtbummel? Wieso nicht?“

Eine halbe Stunde später saßen sie mit einem aufgeregten Charlie auf dem Rücksitz und Alexandra am Steuer im Auto und fuhren in Richtung San Francisco. Nach etwa einer weiteren halben Stunde erreichten sie einen großen Parkplatz, auf den Alexandra einbog und den Wagen abstellte.

„Von hier an geht’s zu Fuß, mit dem Bus und mit dem Cable Car weiter“, verkündete sie. „In der Innenstadt oder in der Nähe der Touristenattraktionen eine Parkgelegenheit zu finden ist fast unmöglich.“

Alexandra verbrachte einen vergnüglichen Tag damit, Chris einige der Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Sie fuhren ein paar Mal mit einem Cable Car, einer Art offener Trambahn, die es in San Francisco seit 1873 gab, die auch so aussah und deren Sicherheit Chris anfangs etwas misstrauisch gegenüberstand, bis er entdeckte, wie viel Spaß es machte, außen auf dem Trittbrett mitzufahren.

Zu Mittag aßen sie an der Fischermen’s Wharf, dem alten Hafen, wo Alexandra Chris überredete, die Muschelsuppe zu probieren, die in großen, ausgehöhlten Brotlaiben auf dem Fischmarkt verkauft wurde. Die Reste des Brotlaibs verfütterten sie an Charlie und die aufdringlichen Möwen, die überall herumflatterten.

Am Nachmittag bummelten sie durch die Chinatown und amüsierten sich über die teilweise doch recht seltsamen Waren, die dort in kunterbuntem Sammelsurium in den Läden zum Verkauf angeboten wurden. Besonders die Lebensmittelläden hatten es Chris angetan. Er fand die vielen getrockneten Fische, Krebse und teilweise unidentifizierbaren Dinge, über deren Herkunft Alexandra lieber keine Überlegungen anstellen wollte, einfach nur faszinierend.

„Die essen das Zeug wirklich?“ fragte er vor einem Geschäft, über dessen Eingangstür ein riesiger, getrockneter Plattfisch hing.

„Du isst ja auch diese Fastfood-Pampe“, entgegnete Alexandra trocken. „Ich seh da keinen großen Unterschied.“

„Da gibt’s sehr wohl einen Unterschied!“

„Na, ich weiß nicht…. Da weiß man doch nie, was wirklich drin ist. Vielleicht kauft MacDonalds seine Zutaten ja hier….“ Alexandra lachte, als sie Chris’ empörten Aufschrei hörte.

Zum Abschluss des Tages fuhren sie mit dem Wagen noch zur Golden Gate Brücke hinaus, die sie von der Fishermen’s Wharf aus nur aus der Ferne hatten bewundern können.

„Wenn wir schon da sind, dann laufen wir jetzt auch noch bis auf die andere Seite“, forderte Alexandra ihre beiden Begleiter auf, als sie vom Parkplatz aus den Hügel erklommen hatten, auf dem der Anfang der Brücke lag.

„Was, du willst uns jetzt noch da rüber jagen?“ jammerte Chris, der von der Kletterei ziemlich ins Keuchen gekommen war und sich vornüber gebeugt die Seiten hielt.

„Was ist los?“ fragte Alexandra alarmiert. „Ist dir schlecht? Sollen wir lieber zurückgehen? Verflixt, ich hätte wissen müssen, dass das heute für dich zu viel wird….“

Chris richtete sich auf. „Nein, mir geht’s gut, nur ein bisschen außer Atem“, versicherte er schnell. „Vielleicht sollte ich anfangen, mit dir joggen zu gehen.“

„Chris, bist du sicher?“

„Alex….“ Als Alexandra Chris’ warnenden Blick auffing, verstummte sie. Sie wäre beinahe wieder in ihre alte Gewohnheit zurück verfallen, ihn wie ein kleines Kind zu behandeln. Und das hatte sie ja versprochen zu unterlassen.

Chris blieb es jedoch erspart, zu Fuß die Golden Gate Bridge überqueren zu müssen, da Charlie schon nach wenigen Metern streikte. Der Lärm und das Zittern der Brücke, das durch die vielen Autos und Lastwagen verursacht wurde, ließen sich den Hund verstört an Alexandras Beine drücken. Also gingen sie zum Parkplatz zurück.

„Sollen wir nachher zum Abendessen ins Joey’s gehen?“ fragte Alexandra, als sie den Wagen startete. „Der Kühlschrank ist leer und ich hab irgendwie keine Lust, etwas zu kochen.“

„Arbeitet Julie heute?“

Alexandra warf Chris, der angelegentlich aus dem Seitenfenster starrte, einen kurzen Blick zu.

„Ja, sie hat meistens Sonntagabend Dienst.“

„Von mir aus.“

Die Antwort klang nicht sehr begeistert. Alexandra wusste auch, warum. Chris hatte Julie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie selbst und Julie trafen sich ab und zu in einem kleinen Cafe in der Nähe von Julies Wohnung oder telefonierten miteinander. Julie kam nur selten zu Alexandra nach Hause und nach Chris’ Selbstmordversuch war sie kein einziges Mal dort gewesen. Sie war die einzige, die noch von Chris’ Vergangenheit wusste und die er noch nicht getroffen hatte.

„Wenn du lieber doch nicht willst…“

„Nein, ist schon gut. Einmal muss es ja doch sein.“

 

 

Teil 47

 

 

Am nächsten Tag gegen elf Uhr stand Chris mit seiner Werkzeugkiste in der einen und einer Pappschachtel in der andern Hand vor dem Mietshaus, in dem Julie lebte. Es sah genauso aus wie all die anderen Häuser in dieser Straße, grau, mit teilweise abblätternder Farbe und erinnerte Chris ein wenig an das Haus, in dem er als Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte, bevor sie das Häuschen seiner verstorbenen Großmutter geerbt hatten.

Julie hatte ihn gestern Abend behandelt wie immer. Keine mitleidigen oder betroffenen Blicke, keine Zurückhaltung bei dem was sie sagte, es war so, als hätte sie die ganze Sache nicht mitbekommen. Und das hatte Chris unheimlich gut getan. Dass es jemanden gab, der ihn nicht mit Samthandschuhen anfasste, obwohl er über seine Vergangenheit Bescheid wusste, über einen kleinen Teil zumindest.

Nicht, dass er nicht froh über das Verständnis war, dass Jack Sanders ihm entgegenbrachte oder dankbar für die Fürsorglichkeit, die Mary Jo an den Tag legte, wenn sie ihn traf, aber Julies Verhalten hatte ihm gezeigt, dass er trotz allem noch immer ein normaler junger Mann war. Inzwischen war seine Wut darüber, dass Alexandra ihren Freunden von dem, was mit ihm passiert war, erzählt hatte, völlig verraucht und einem Gefühl der Dankbarkeit und Erleichterung gewichen, dass diese Menschen, die so etwas wie eine Familie für ihn geworden waren, ihn trotz allem gern hatten und akzeptierten.

Alexandra war eine ganz andere Sache. Er brauchte ihre Liebe und ihre Fürsorge mittlerweile wie die Luft zum Atmen. Natürlich nervte es ihn wenn, sie wieder einmal übertrieben hatte, so wie am vergangenen Samstag, doch im Grunde genommen war er froh, dass es jemanden gab, der sich so um ihn sorgte. Es war beileibe nicht so, dass er sie als Mutterersatz ansah, das nun wirklich nicht. Dazu war sie viel zu jung und vor allem zu attraktiv. Sie war für ihn einfach die beste Freundin geworden, die ein Mensch sich nur wünschen konnte und vor allem eines: Die Frau, die er über alles liebte.

Chris stellte die Werkzeugkiste auf den Boden neben sich und studierte die Klingelschilder. Ihm fiel auf, dass er Julies Nachnamen gar nicht kannte. Aber es gab da ein Schild mit „J. Deveraux“. Das musste sie wohl sein…. Nach dem ersten Klingeln tat sich nichts, auch nicht nach dem zweiten. Chris fragte sich schon, ob Julie ihre „Verabredung“ vielleicht vergessen hatte, als im zweiten Stock über ihm ein Fenster hochgeschoben wurde und ein karottenroter Haarschopf erschien.

„Chris, bist du das? Mist, mein Wecker ist kaputt. Warte, ich mach auf.“

Der Haarschopf verschwand wieder und gleich darauf ging der Türsummer und Chris konnte die Tür öffnen.

Der Geruch, der ihn empfing, erinnerte ihn wieder an seine Kindheit. Anscheinend rochen all diese Mietshäuser gleich, nach einer Mischung aus Moder, alter Farbe, Essen und vielen anderen, unidentifizierbaren Dingen.

Chris ging die Treppe nach oben in den zweiten Stock, wo Julie ihn schon in der offenen Wohnungstür erwartete. Sie trug einen schwarzen, knielangen Kimono, ob sie überhaupt etwas darunter anhatte, darüber dachte Chris lieber nicht nach. Es sah jedenfalls nicht danach aus. Es musste gestern Nacht spät geworden sein, denn sie schien sich nicht die Zeit genommen haben, sich abzuschminken. Mit dem verlaufenen Kajal unter den Augen erinnerte sie Chris unwillkürlich ein wenig an einen Waschbären.

„Hey“, begrüßte er sie und hob die Pappschachtel. „Ich war vorhin im Baumarkt, weil ich sowieso etwas besorgen musste. Da hab ich gleich die Ersatzteile für deine Dusche mitgenommen. Was ich nicht brauche, das kann ich wieder zurückbringen.“

„Du bist wirklich ein Schatz! Aber jetzt komm erst mal rein. Willst du auch `nen Kaffee?“

„Klar.“

Chris folgte Julie in die Küche und sah sich um. Es sah ziemlich chaotisch aus. Sämtliche Oberflächen waren mit irgendwelchem Krimskrams, Dosen, Schachteln oder Zeitschriftenhäufchen bedeckt. Julie schien sich nicht dazu überwinden zu können, gelesene Zeitungen wegzuwerfen. Sogar den Tisch musste sie erst frei räumen, damit wenigstens zwei Kaffeetassen darauf Platz fanden.

„Sorry wegen der Unordnung“, entschuldigte sie sich. „Bin seit zwei Wochen nicht zum aufräumen gekommen. Eigentlich wollte ich ein wenig früher aufstehen und wenigstens in der Küche ein wenig Platz schaffen, weil nachher eine Freundin vorbeikommt, um mir die Haare zu färben, aber…der Scheißwecker hat mir da `nen Strich durch die Rechnung gemacht.“

„Hey, kein Problem. Kann ich mir die Dusche vielleicht mal ansehen, bis der Kaffee fertig ist?“

„Sicher, komm mit.“

Das Badezimmer sah irgendwie genauso aus wie die Küche. Zwei riesige Körbe voller Schmutzwäsche standen in einer Ecke, ein kleines Regal quoll über vor Kosmetika, Modeschmuck und lauter Dingen, ohne die manche Frauen einfach nicht auszukommen schienen. Chris’ Erfahrung auf diesem Gebiet war äußerst beschränkt, Alexandra besaß nicht viel in dieser Richtung, doch Julie schien ihm schon ein wenig extrem zu sein.

Eine erste Untersuchung der Duscharmaturen zeigte Chris, dass da nicht mehr viel zu retten war.

„Tja, das muss alles weg. Wird `ne Weile dauern. Ich ruf lieber nachher Alex an und geb ihr Bescheid, damit sie sich keine Sorgen macht.“

Julie sah ihn an und schüttelte den Kopf.

„Du bist wirklich ein seltenes Exemplar Mann. Kommst doch tatsächlich auf die Idee, dass sich deine Freundin vielleicht sorgen könnte, wenn du später aufkreuzt als sie erwartet.“

Chris verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

„Reiner Selbstschutz“, gab er zurück. „Sonst kommt sie wieder auf die Idee, mir Mister Sanders auf den Hals zu hetzen.“

Julie zog die Augenbrauen hoch. „Ach ja? Wieso habe ich das Gefühl, dass das eine interessante Geschichte sein könnte?“ fragte sie neugierig.

Chris lachte. „So interessant nun auch wieder nicht.“

„Na, ich weiß nicht….“

Sie gingen zusammen in die Küche zurück, wo inzwischen der Kaffee fertig war. Julie wollte den Kaffeefilter in den Müll werfen und stöhnte auf.

„Scheiße. Der ist ja übervoll.“ Dann drehte sie sich zu Chris um. „Könntest du vielleicht…?“

„Gib schon her. Wo sind die Mülltonnen?“

Julie war wirklich ein absoluter Chaot. Alexandra war zwar manchmal etwas unordentlich, doch Julie schlug einfach alles, was Chris in seinem Leben bisher gesehen hatte. Wenn das so weiterging, dann würde dieser Vormittag noch höchst amüsant werden.

„Danke. Wenn du raus kommst, rechts um die Ecke. Während du runter gehst, zieh ich mir mal schnell was über. Kay müsste eigentlich auch jeden Augenblick kommen.“

Ach ja, die Friseuse. Chris fragte sich, ob diese Frau vom gleichen Kaliber war wie Julie. Wenn ja, dann konnte es ja wirklich heiter werden. Wahrscheinlich würde er sich Silikon in die Ohren stopfen müssen, damit er die Gespräche der beiden nicht mit anhören und vor Verlegenheit zerfließen würde.

Chris hatte gerade die Wohnungstür hinter sich geschlossen und wollte mit dem Müllbeutel in der Hand die Treppe hinuntergehen, als Julie sie noch einmal von innen öffnete.

„Hier, nimm den Schlüssel mit, damit du nachher nicht läuten musst“, sagte sie und gab ihm ihren Schlüsselring.

Die Tür der Wohnung nebenan öffnete sich und ein älteres Ehepaar trat in den Flur.

„Hallo, Mister und Mistress Halliwell“, grüßte Julie freundlich, erntete jedoch nur ein knappes Nicken. Die beiden älteren Herrschaften musterten Chris, der ebenfalls gegrüßt hatte, missbilligend.

„Also, diese Deveraux…. Jetzt macht sie noch nicht einmal vor Teenagern Halt…“ flüsterte die Frau ihrem Mann lautstark ins Ohr. „Es ist wirklich eine Schande. Der arme Junge.“

Chris fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Am liebsten hätte er sich in eine Maus verwandelt und wäre in einem Loch verschwunden, das es sicher hier irgendwo zwischen den alten, ausgetretenen Dielenbrettern gab. Julie schien die Bemerkung jedoch wenig zu stören, im Gegenteil.

„Also, Schätzchen, bis gleich, ich kann kaum erwarten, dass du zurück kommst“, flötete sie laut genug, dass das Paar, das mittlerweile auf der Treppe war, sie noch hören konnte.

„Julie“, zischte Chris.

„Was denn? Lass sie doch denken, was sie wollen“, antwortete Julie schulterzuckend. „Und jetzt geh schon.“

Chris blieb nichts anderes übrig, als ihrer Aufforderung Folge zu leisten, da sie nach ihren Worten die Tür geschlossen hatte. Er wartete jedoch, bis das ältere Ehepaar das Haus verlassen hatte, bevor er die Treppe hinunterging.

Julie war wirklich unmöglich. Es war ihm schon peinlich genug gewesen, dass die beiden ihn für ihren jugendlichen Liebhaber gehalten hatten, aber hatte sie dem Ganzen noch eins draufsetzen müssen?

Als er wieder in die Wohnung zurückkam, war Julie wenigstens angezogen, wenn auch ziemlich aufreizend mit einer enganliegenden schwarzen Hose und einem knappen, weitausgeschnittenem Oberteil. Sie stand in der Küche und schenkte den Kaffee in die Tassen.

„Wieso hast du das vorhin gemacht?“ fragte Chris. „Die beiden denken doch jetzt, dass wir...dass ich…“

„Hey, tut mir leid, wenn dir das unangenehm war. Die beiden haben sich nur schon ein paar mal beim Vermieter über mich beschwert, weil ich angeblich zu laut bin“, sagte Julie. „Denk dir nichts, du kennst sie ja nicht mal.“

„Ja schon, aber….“ Chris konnte eigentlich nicht erklären, warum ihm das so peinlich war. Er sah zu Boden.

„Na komm schon, was ist denn so schlimm daran? Würdest du dich etwa schämen, wenn’s so wäre? Bin ich so eine Schreckschraube?“ erkundigte sich Julie belustigt.

„Nein, du bist keine Schreckschraube, es ist nur…ich weiß nicht, wie ich das erklären soll….“ Chris wusste es wirklich nicht. Er hatte sich einfach nur nicht wohl dabei gefühlt.

„Wenn es wegen Alex ist und weil ihr zusammen seid, da mach dir mal keinen Kopf drüber. Die würde drüber lachen.“ Julie trat vor Chris hin und legte ihm einen Finger unters Kinn, damit er den Kopf hob und sie ansah. „Oder…ist es wegen etwas anderem? Du weißt schon….“

Chris schluckte. Daran hatte er überhaupt nicht gedacht.

„Nein, das ist es nicht. Ich kann’s wirklich nicht erklären.“ Er schüttelte den Kopf.

„Na, dann ist doch alles in Butter. Reg dich nicht auf, wenn die beiden nichts gesagt hätten sondern es nur gedacht hätten, dann hätten wir doch die gleiche Situation, oder nicht? Wär’s dann genauso schlimm für dich?“

Chris zögerte mit der Antwort. Dann atmete er tief durch.

„Nein“, gab er zu. „Ich wäre aber gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass sie so was denken.“

„Aber es wäre immer noch das Gleiche gewesen. Mach dir nicht so viele Gedanken darüber, was andere von dir halten. Egal, ob sie es dir ins Gesicht sagen oder nicht. Deine eigene Meinung von dir ist wichtig und die von denen, die du liebst oder die für dich wichtig sind. Nicht die von irgendwelchen Leuten, die du mal zufällig irgendwo triffst. Verstehst du?“

„Ich glaub schon“, entgegnete Chris langsam und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Küchentisch.

Es war seltsam, Julie mal so ernsthaft und philosophisch zu erleben. Es passte irgendwie nicht zu ihr. Sie war ihm immer ein wenig…oberflächlich erschienen, nett, aber oberflächlich. Er hatte jetzt das Gefühl, dass sie nicht nur von dem Vorfall eben redete, sondern von seiner ganzen Situation. Ihre nächsten Worte bestätigten seine Vermutung.

„Siehst du. Und für mich bist du immer noch die gleiche süße Maus wie vorher. Bevor ich das über dich wusste, meine ich. Ich hab zwar `ne Scheißwut auf die Drecksschweine, die dir was getan haben, aber du selber hast dich für mich nicht verändert. Oder…oder wie ich dich sehe….“ Julie machte eine ungeduldige Handbewegung. „Ach, verdammt, ich bin einfach nicht gut mit Worten. Jedenfalls…wenn ich dich jetzt nicht wie ein rohes Ei behandle, dann ist es deshalb, weil ich schätze, dass du schon genügend Leute hast, die das tun und nicht, weil ich die ganze Sache locker sehe. Alles klar?“

Chris nickte. „Ja…Du hast recht…Es ist schwer, wenigstens zeitweise zu vergessen, wenn alle einen immer wieder besorgt ansehen. Alex ist einfach fantastisch, immer für mich da, wenn ich sie brauche und ich wüsste nicht, was ich ohne sie tun sollte. Aber sie macht sich auch manchmal zu viele Sorgen um mich. Na ja, ich schätze, das alles ist nicht ganz leicht für sie…und irgendwie hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hab, ich würde sie…ausnutzen.“

Chris war über sich selbst erstaunt, dass er so relativ unbefangen mit Julie über seine Gefühle reden konnte. Doktor Winslow hatte ihn wieder und wieder dazu ermutigt, offener zu sein und nicht immer zu versuchen, alles mit sich selbst auszumachen. Das mit dem schlechten Gewissen und dem Ausnutzen war ihm eben erst bewusst geworden und er sah Julie hilfesuchend an.

„Quatsch!“ entfuhr es dieser im Brustton der Überzeugung. „Ich kenn Alex seit drei Jahren und hab miterlebt, wie sie ein paar eiskalte Abfuhren an ein paar wirklich nette Typen ausgeteilt hat. Glaub mir, sie ist kein Mensch, den man ausnutzen kann. Sie ist total gaga wegen dir, dass hab ich schon gemerkt, als ich euch das erste Mal zusammen gesehen hab, damals bei ihrer Eröffnungsparty. Du tust ihr genauso gut wie sie dir.“

Chris schwieg und dachte über das eben Gehörte nach. Alexandra hatte ihm immer wieder versichert, dass sie ihn liebte. Und er liebte sie.

„Wahrscheinlich hast du recht“, entgegnete er schließlich.

„Ich hab immer Recht.“ Julie grinste ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse an. „Und ich bin froh, dass Alex mit dir endlich den Richtigen gefunden hat. Mit ihr auszugehen war manchmal schon `ne schwere Prüfung für mich. Zu Männern selbst haben wir zwar `ne ähnliche Einstellung, aber bei der Suche nach dem Traumtyp eine völlig gegensätzliche.“

„Wie meinst du das?“

„Na, Alex hat gar nicht nach einem Typen gesucht. Oh Mann, das hättest du manchmal erleben sollen, wie sie die Kerle, die sie angebaggert haben, zur Schnecke gemacht hat. Die konnten einem echt leid tun.“ Julie schüttelte den Kopf. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Und ich sag mir immer, wie soll ich den Richtigen finden, wenn ich sie nicht alle ausprobiere?“



 

Teil 48

 

Alexandra sah zum hundertsten Mal auf die Uhr, die in ihrem Behandlungsraum hing. Es war bereits halb fünf. Chris hatte mittags angerufen und Bescheid gesagt, dass er für die Reparatur doch etwas länger brauchen würde. Doch wie lange konnte es dauern, eine kaputte Duscharmatur auszutauschen?

Wenn Alexandra sich nicht geschworen hätte, Chris wieder mehr Freiraum zu lassen, dann hätte sie schon längst zum Telefonhörer gegriffen und bei Julie angerufen, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung wäre und wann Chris nach Hause kommen würde. Aber so konnte sie sich nur damit beschäftigen, die gebrauchten Instrumente vom Nachmittag zu reinigen und in den Sterilisator zu räumen, ihren Vorrat an Medikamenten zum dritten Mal überprüfen und immer wieder auf die Uhr zu blicken.

Der letzte Patient war vor einer halben Stunde dagewesen. Es war eine Katze mit einer Augenentzündung gewesen und Alexandra hatte der Besitzerin Augentropfen mitgegeben und ihr gezeigt, wie sie das Tier selbst weiterbehandeln konnte.
Seufzend sah Alexandra aus dem Fenster. Noch immer kein blauer Pick-up in der Einfahrt. Sie würde Chris noch eine halbe Stunde Zeit geben, dann würde sie alle Versprechungen in den Wind schießen und zum Telefon greifen.

Alexandra ging in das kleine Büro hinüber, um nachzusehen, ob für heute noch irgendwelche Termine eingetragen waren. Im Bestellbuch stand nichts. Wenn also nicht noch ein Notfall auftauchen würde, dann war’s das heute wohl gewesen. Sie knipste das Licht im Büro aus und zog ihren weißen Kittel aus, um ihn an dem Haken an der Tür in ihrem Behandlungsraum aufzuhängen. Dann löschte sie auch dort das Licht und ging in die Küche.

Charlie lag unter dem Tisch und nagte an einem Knochen herum, den sie ihm heute Morgen gegeben hatte.

Alexandra konnte damit zufrieden sein, wie ihre Praxis lief. Sie hatte einige Stammpatienten, meist etwas betagte Haustiere mit ebenso betagten Herrchen oder Frauchen, aber inzwischen auch drei Hundezüchter. Und natürlich auch die Laufkundschaft, die nur auftauchte, wenn akut Not am Hund, an der Katze oder irgendeinem anderen Liebling war. Alles in allem konnte Alexandra sich nicht beklagen.

Um sich die Zeit zu vertreiben, bis ihr Ultimatum abgelaufen war, begann sie, die Kartoffeln zu schälen, die sie heute Mittag bereits gekocht hatte. Zum Abendessen würde es Steaks mit Bratkartoffeln geben. Ein weiteres „Friedensangebot“ an Chris, den sie in letzter Zeit zugegebenermaßen mit Gemüse etwas überfüttert hatte.

Natürlich hatte es auch Fleisch, Fisch und Geflügel gegeben, aber für jemanden, der Fast-Food über alles liebte, musste diese Diät eine Tortur gewesen sein. Alexandra hatte sich vorgenommen, auch in dieser Beziehung in Zukunft ein Auge zuzudrücken und sich nicht mehr einzumischen, wenn Chris sich ab und zu einen seiner geliebten Hamburger genehmigen wollte. Vielleicht hatte sie ja wirklich etwas übertrieben….

Nach etwa fünfzehn Minuten spitzte Charlie die Ohren und sprang auf, um in den Flur hinauszulaufen. Ein paar Sekunden später hörte sie Chris lachen und gleich darauf erschien er in der Küchentür.

„Hey, tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, sagte er und betrat den Raum.
Alexandra starrte ihn an.

„Was ist denn mit dir passiert?“

„Gefällt’s dir nicht?“

Unsicher fuhr Chris sich mit der Hand durch die Haare.

In den vergangenen fünf Monaten waren seine Haare mehrere Zentimeter gewachsen und von der ursprünglichen „Frisur“ war eigentlich nicht mehr viel übrig gewesen. Chris hatte sich zum Schluss auch nur selten die Mühe gemacht, sie mit Gel zu stylen und so war der unfachmännische Schnitt kaum noch aufgefallen.

Jetzt waren seine Haare etwa auf die damalige Länge gekürzt, teilweise leicht unregelmäßig gestuft, so dass sie gewollt verstrubbelt aussahen, und ein paar helle Strähnchen willkürlich darin verteilt, die aber so unauffällig waren, dass man sie nur bei genauerem Hinsehen bemerkte.

„Doch…aber was hat dich auf die Idee gebracht, heute auch noch zum Friseur zu gehen?“ erkundigte sich Alexandra verblüfft.

„Als ich bei Julie war, ist eine Freundin von ihr vorbeigekommen, um ihr die Haare zu färben. Nachdem ich mit der Dusche fertig war und Julie blonde Haare hatte, hat Kay mir eigentlich mehr aus Spaß angeboten, mir `ne neue Frisur zu verpassen. Und so hat sich das halt ergeben….Gefällt’s dir wirklich?“

Alexandra brauchte ein paar Sekunden um diese Informationen zu verarbeiten. Julei hatte jetzt blonde Haare? Und wer war Kay? Sie fühlte das kleine Teufelchen Eifersucht ihren Rücken hoch krabbeln….

Trotzdem lächelte sie. „Ich find die Frisur fantastisch. Steht dir wirklich.“

Und das meinte Alexandra auch so. Der freche Schnitt war der perfekte Kontrast zu Chris’ weichen, fast femininen Gesichtszügen. War er vorher schon süß und anziehend gewesen, so würde sie jetzt die Frauenwelt mit der Fliegenklatsche von ihm weg schlagen müssen.

Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „War eigentlich `ne Laune des Augenblicks. Ich hab gerade aufgeräumt, als Kay Julie die Haare gefönt hat und da hat sie mich gefragt, ob ich jetzt dran wäre. Julie war gleich Feuer und Flamme, du kennst sie ja. Und gegen zwei Weiber auf einmal hatte ich keine Chance….“

„War die Frisur deine Idee oder die von…Kay?“ erkundigte sich Alexandra betont beiläufig, während sie zwei Pfannen auf den Herd stellte.

Sie hätte zu gern gewusst, wie diese Friseuse aussah und wie alt sie war, doch allzu offensichtlich konnte sie auch nicht fragen.

„Eigentlich meine, das mit diesen Strähnen stammt aber von Kay und Julie. Es war noch ein wenig von der Farbe übrig und….Na ja, das ist das Ergebnis.“
„Aha…. Hast du eigentlich schon Hunger?“ fragte Alexandra, während sie angestrengt überlegte, wie sie unauffällig mehr über diese ominöse Kay herausfinden konnte.

Chris wirkte so locker und entspannt wie schon lange nicht mehr und sie brannte darauf, zu erfahren, was ihn in diesen Zustand versetzt hatte.

„Mhm“, brummte er. „Kay hat zwar was zum Mittagessen mitgebracht, aber das war lauter so Diätzeug. Fast noch schlimmer als Gemüse. Wieso sind die meisten Frauen eigentlich dauernd auf Diät? Du bist es doch auch nicht.“

Alexandra fiel im ersten Moment keine Antwort darauf ein. Chris hatte manchmal eine Art an sich, Fragen zu stellen, die so simpel waren, die einen aber gerade deshalb völlig aus der Bahn werfen konnten.

„Na, um die Figur zu erhalten und euch Männern zu gefallen“, entgegnete sie schließlich. „Und ich brauch das nicht, weil ich viel Sport treibe.“

Das zumindest entsprach den Tatsachen, Alexandra achtete darauf, mindestens dreimal in der Woche zu joggen und gelegentlich trainierte sie auch noch Jiu-Jitsu, um in Form zu bleiben.

Chris sah sie stirnrunzelnd an. „Also ich weiß nicht….“

„Was weißt du nicht?“

„Na, ich weiß nicht, ob ich mit `ner Frau klarkommen würde, die über jeden Bissen nachdenkt, wie viel Kalorien drin sind, bevor sie ihn sich in den Mund steckt…. Wo bleibt denn da der Spaß?“

Alexandra wollte gerade die Kühlschranktür öffnen, um die Steaks herauszuholen, doch Chris’ Worte ließen sie innehalten.

„Was willst du eigentlich damit sagen?“ fragte sie irritiert.

„Keine Ahnung.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Nur das es total bescheuert ist. Was ist an ein paar Kilo zuviel denn so tragisch? Was gibt’s denn zu essen?“

„Ähm…Bratkartoffeln und Steaks“, entgegnete Alexandra schwach.

„Cool. Bin gleich wieder da. Ich will nur kurz unter die Dusche, ich fühl mich als hätte ich Flöhe.“ Damit verschwand er und Alexandra hörte ihn die Treppe nach oben rennen.

„Was ist denn mit dem heute los?“ fragte sie Charlie, der sehnsüchtig auf die beiden Fleischstücke starrte, die Alexandra aus dem Kühlschrank holte und zum Herd hinübertrug.

Natürlich bekam sie keine Antwort. Während sie die Kartoffeln und die Steaks briet, zerbrach Alexandra sich den Kopf darüber, ob sie Julie schon jemals etwas von einer Kay hatte erzählen hören. Oder ob sie diese Frau vielleicht sogar schon einmal getroffen hatte.

Sie war noch immer zu keinem Ergebnis gekommen, als Chris zurückkam.

„Deckst du bitte den Tisch? Ich bin gleich fertig.“

Fünf Minuten später saßen sie sich am Tisch gegenüber und Alexandra häufte erst eine Portion Bratkartoffeln auf Chris’ Teller, bevor sie sich selbst bediente.

„Lass es dir schmecken“, forderte sie Chris auf, der gewartete hatte, bis sie selbst zum Besteck griff.

„Das brauchst du mir nicht zweimal sagen. Ich bin halb verhungert.“ Chris schnitt sich ein Stück Fleisch ab und steckte es sich in den Mund. Dann schloss er genießerisch die Augen. „Genau das, was ich nach dem Nachmittag brauche…“

Alexandra witterte ihre Chance, mehr zu erfahren.

„Wieso?“ fragte sie unschuldig.

Chris schluckte den Bissen, den er gerade im Mund hatte, erst hinunter, bevor er antwortete.

„Na ja, solange die beiden sich daran erinnert haben, dass ich da war, ging’s ja…. Aber zwischendrin haben die das immer wieder vergessen.“ Er piekte eine Kartoffel auf seine Gabel. „Mann, ich dachte immer, Kerle wären schlimm….“

Alexandra schwante, worauf er hinauswollte. Julie nahm wirklich kein Blatt vor den Mund und wenn ihre Freundin genauso war, dann musste Chris’ Bild vom weiblichen Geschlecht heute Nachmittag eine gewaltige Erschütterung erlebt haben.

„Worüber haben sie denn so gesprochen?“ erkundigte sie sich vorsichtig, auch wenn sie es sich durchaus vorstellen konnte.

Amüsiert beobachtete sie, wie Chris Wangen einen leicht rötlichen Farbton annahmen. Dann fing er an zu husten. Alexandra sprang auf und klopfte ihm ein paar Mal auf den Rücken.

„Danke“, keuchte Chris mit hochrotem Kopf. „Geht schon wieder.“

Alexandra setzte sich zurück auf ihren Stuhl.

„Es ging wohl um Thema Nummer Eins, wie immer bei Julie, nicht wahr?“ fragte sie, als Chris sich wieder beruhigt hatte.

„So ungefähr.“ Chris stocherte nachdenklich auf seinem Teller herum, bevor er aufsah. „Reden eigentlich alle Frauen so über die Typen mit denen sie…?“

Es dauerte einen Augenblick, bis Alexandra klar wurde, was er meinte.

„Nein“, antwortete sie. „Ich würde nie so über dich reden. Und wenn Julie mal jemanden trifft, den sie wirklich liebt, dann wird sie über den auch nicht mehr so herziehen.“

„Glaubst du wirklich? Kay ist verheiratet, hat einen Sohn in meinem Alter und die war fast noch schlimmer als Julie.“

„Kay ist verheiratet?“

Blitzschnell kalkulierte Alexandra im Kopf, dass Julies Freundin also um die Vierzig sein musste, wenn sie einen erwachsenen Sohn hatte. Und in festen Händen war sie auch. Ihre Laune wurde sofort besser.

„Ja. Der Mann tut mir echt leid.“

„Vielleicht hat er es ja verdient“, mutmaßte Alexandra. Ihre Sympathien gegenüber Julies Freundin waren inzwischen beträchtlich gestiegen.

„Alex!“ beschwerte sich Chris. „Ich musste mitanhören, wie sie Julie in allen Einzelheiten erzählt hat, wie sie ihn dazu rumgekriegt hat, dass er ihr ein paar Ohrringe kauft, die sie unbedingt haben wollte. Und gleich darauf sind sie ins Bad gekommen, weil sie Julie die Farbe aus den Haaren waschen musste. Ich wär vor Verlegenheit fast gestorben...“

Alexandra biss sich auf die Lippe um nicht laut aufzulachen. Einerseits tat Chris ihr zwar leid aber andererseits entbehrte die Situation nicht einer gewissen Komik.

„Und wie haben sie dich dann dazu gebracht, dass du dich in Kays Klauen begeben hast?“ erkundigte sie sich.

„Das war später, als ich eigentlich schon gehen wollte. Sonst war Kay ja ganz nett und als sie mir angeboten hat, mir auch noch die Haare zu schneiden, da konnte ich irgendwie nicht nein sagen. Ich hab eh schon überlegt, ob ich’s nicht wieder selber machen soll. Die waren schon verflixt lang.“

Alex beobachtete, wie Chris den Inhalt seines Tellers in sich hinein schaufelte. Die Ereignisse des Nachmittags schienen ihm jedenfalls nicht auf den Magen geschlagen zu haben. Im Gegenteil, er wirkte, wie sie schon festgestellt hatte, als er nach Hause gekommen war, ziemlich gelöst.

„Wie ist diese Kay denn so? Wenn sie nicht gerade über ihren Mann vom Leder zieht, meine ich“, erkundigte sich Alexandra neugierig.

„Och, sonst ist sie wirklich witzig. Während sie mir die Haare geschnitten hat, hat sie in einer Tour geredet. Sie hat von ihrem Sohn erzählt, der in San Diego bei ihrem Bruder arbeitet. Sie tunen Autos, bauen sie um, motzen den Motor auf….“

Chris machte eine Pause und nahm sich eine großzügige zweite Portion Bratkartoffeln.

„Wieso nimmst du nicht gleich die ganze Schüssel?“ fragte Alexandra ironisch. Es war nur noch ein kleiner Rest zurückgeblieben.

„Willst du nichts mehr?“ fragte Chris überrascht. Manchmal war Ironie wirklich an ihm verschwendet.

Alexandra schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nicht so hungrig. Und abends esse ich nie so viel.“

Chris griff nach der Schüssel und leerte sich auch noch den Rest der Kartoffeln auf den Teller.

„Oh ja, und dann hat Kay mir noch angeboten, wenn ich mal dringend `nen Job brauchen sollte, dann könnte sie mit ihrem Bruder reden. Ich sag ja, die Frau war echt nett, sie kennt mich doch eigentlich gar nicht und hat mir trotzdem so ein Angebot gemacht.“

Alexandra fiel die Gabel aus der Hand. „Du willst weg?“

Chris wandte seine Aufmerksamkeit von seinem Teller zu ihr und sah sie verständnislos an.

„Was? Wie kommst du denn darauf?

„Du hast doch gerade gesagt…“

Alexandra brach ab und überlegte noch einmal genau. Er hatte ihr nur von diesem Angebot ERZÄHLT und nicht, dass er mit dem Gedanken spielte, es zu nutzen. Ganz ruhig, Alex, dachte sie. Hör endlich auf, wegen jeder Kleinigkeit, die Chris betrifft, in die Luft zu gehen. Irgendwann wird es ihm zuviel.

„Vergiss es“, murmelte sie und griff nach ihrer Gabel. „Ich bin heute etwas wirr. Muss wohl am Wetter liegen.“

Chris zog die Augenbrauen hoch. „Alex, ich würde dich nie freiwillig verlassen“, sagte er ernst. „Das weißt du.“

Als Alexandra in Chris’ ehrliche braune Augen blickte spürte sie einen Kloß im Hals. Natürlich war ihr das klar. Sie war nur schon zu oft verletzt worden, als dass sie etwas als garantiert hinnehmen konnte. Menschen änderten sich, Gefühle änderten sich, auch wenn sie selbst sicher war, dass sie für Chris nie etwas anderes empfinden würde als unerschütterliche Liebe. Und sie konnte nur hoffen, dass seine Gefühle für sie genauso beständig waren. Immerhin war er noch so jung….

„Ja, das weiß ich“, flüsterte sie.


 

Teil 49

 

Alexandra lag im Bett und gähnte. Das sanfte, durch einen gelben Lampenschirm gedämpfte Licht ihrer Nachttischlampe war die einzige Lichtquelle, die den Raum erhellte. Charlie lag auf seinem Teppich im Halbdunkel und schlummerte. Ein gelegentliches Zucken seiner Ohren verriet, dass er vermutlich schon in einem wunderschönen Hundetraum gefangen war. Chris war noch im Bad und putzte sich die Zähne.

Auf ihrer Bettdecke lag eine Zeitschrift, die sie eigentlich noch lesen wollte, doch Alexandra fürchtete, dass ihr dabei die Augen zufallen würden. In letzter Zeit fühlte sie sich oft müde und erschöpft, wahrscheinlich waren das noch immer Nachwehen der emotionalen Anspannung nach Chris’ Selbstmordversuch. In den letzten beiden Wochen war sie seltener durch seine Alpträume aus dem Schlaf geschreckt worden und doch musste sie aufpassen, dass sie tagsüber, wenn sie sich einmal hinsetzte und nichts tat, nicht einfach einnickte.

Vielleicht brauchte sie einfach nur mal ein paar Tage Urlaub mit Schlafen und absolutem Nichtstun.

Alexandra sah auf, als Chris aus dem Badezimmer kam. Er trug nur eine Boxershorts und eines seiner voluminösen Schlaf-T-Shirts. Dieses war gelb mit einem Schaf vorne drauf. Sie fragte sich unwillkürlich, wo er diese Dinger nur immer auftrieb, vor allem, weil sie sich so grundlegend von seinem üblichen Outfit unterschieden.

Als er sich dem Bett näherte griff Chris sich mit einer Grimasse an die Schulter.

„Was ist?“ fragte Alexandra.

„Ach, nichts. Irgendwie stand ich heute mal `ne ganze Weile so blöd in dieser engen Duschkabine. Muss mir was gezerrt haben. Bis morgen ist das wieder weg.“

Chris kletterte ins Bett und kuschelte sich unter die Decke.

„Soll ich dir den Rücken massieren? Das hilft bestimmt“, bot Alexandra an. Bis morgen war das sicherlich nicht weg.

Chris warf ihr einen skeptischen Blick zu. „Meinst du?“

„Ja, meine ich. Ich kann massieren, ich hab auf dem College mal einen Kurs für Sportmassage besucht, falls du dir da Sorgen machst.“

Ihr Bettgefährte sah noch immer nicht sehr überzeugt aus. Ob es daran lag, dass er an ihren Fähigkeiten zweifelte oder ob es schlicht und einfach die typisch männliche Reaktion war, erst einmal alles abzulehnen, was man nicht kannte, das konnte Alexandra so genau nicht definieren. Sie setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett.

„Zieh das T-Shirt aus und leg dich auf den Bauch. Das ist eine ärztliche Anordnung“, rief sie über die Schulter, während sie ins Bad ging.

Sie hatte zwar kein richtiges Massageöl zur Hand, doch ihre Körperlotion würde den gleichen Zweck erfüllen.

Als sie zurückkehrte, saß Chris, noch immer angezogen, im Bett.

„Alex, das ist echt nicht nötig…“, versuchte er zu protestieren.

„Doch, ist es. Jetzt mach schon“, kommandierte Alexandra und wartete, bis Chris vor sich hinbrummelnd ihrem Befehl Folge geleistet hatte.

Als er endlich vor ihr auf dem Bauch lag kniete sie neben ihn und träufelte ein wenig von der Lotion auf ihre Handfläche. Dann verrieb sie diese etwas um sie anzuwärmen. Leichter Vanilleduft stieg ihr in die Nase.

„Okay, dann wollen wir mal. Entspann dich….“

Mit geübten Griffen, aber sehr sanft, begann Alexandra Chris’ Schultern langsam zu massieren.

„Meine Güte, du bist ja völlig verspannt“, murmelte sie vor sich hin. Chris’ Schultermuskeln waren wirklich hart wie Stein. Leise stöhnte er auf, als sie die schmerzende Stelle erwischte.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Alexandra. „Das tut jetzt erst einmal ein bisschen weh, wird aber gleich besser.“

Alexandra massierte Chris Rücken, bis sie merkte, dass die Verspannungen sich etwas zu lösen begannen. Bis auf ein gelegentliches Zischen, wenn sie an eine empfindliche Stelle kam, gab Chris keinen einzigen Laut von sich.

Sie genoss es, seine warme, weiche Haut unter ihren Händen zu spüren. Sie genoss die Vertrautheit, die zwischen ihnen bestand, obwohl oder gerade weil der sexuelle Aspekt in ihrer Beziehung noch eine völlig untergeordnete Rolle spielte. Chris war noch nicht bereit zu mehr, was Alexandra völlig verstehen konnte.

Bis auf gelegentliches Kuscheln und Schmusen, ein paar keusche Küsschen lief nicht viel zwischen ihnen und sie kam sich manchmal vor, als wäre sie wieder ein unschuldiger Teenager, der ungeduldig und voller banger Vorfreude auf das „Erste Mal“ wartete. Auch wenn es in ihrem Fall das zweite Mal wäre….

Aber am wichtigsten war es für sie, dass Chris die schrecklichen Erlebnisse im Gefängnis soweit verarbeiten konnte, dass er irgendwann imstande sein würde, ein wenigstens halbwegs glückliches Leben zu führen. Ihr war klar, dass er dazu Zeit brauchen würde, dreieinhalb Jahre voller Angst und Qualen steckte man nicht so einfach weg, es würde mit Sicherheit etwas davon zurückbleiben.

Chris würde immer nach außen hin unsichtbare Narben auf seiner Seele haben, sie musste mit Rückschlägen rechnen und eine Beziehung mit ihm würde nicht einfach werden. Aber Chris war ihr all das wert, das und noch viel mehr.

Als sie mit Chris damals geschlafen hatte, hatte sie keine Gedanken an Verhütung verschwendet. Sie hatte einfach nicht daran gedacht, mit allem, was danach geschehen war sowieso nicht. Erst zwei Wochen später, als sie den Beweis gehabt hatte, dass nichts passiert war, war Alexandra bewusst geworden, wie leichtsinnig sie gewesen war.

Kurze Zeit später hatte sie sich die Pille besorgt, nur als Vorsichtsmaßnahme. Sie hatte keine Ahnung, wann Chris bereit sein würde, ihre Beziehung auch auf eine intimere Art und Weise fortzusetzen, doch sie glaubte kaum, dass es geplant sein würde. Und sie wollte sich und Chris diesen Augenblick nicht durch ungeschicktes Hantieren mit einem Kondom verderben, immerhin konnte sie sicher sein, dass sie beide gesund waren.

Ein Aufseufzen von Chris riss Alexandra aus ihren Gedanken.

„Besser?“ fragte sie.

Chris stützte sich auf die Ellbogen und bewegte probeweise die Schultern.

„Hm“, brummte er. Dann rollte er sich auf den Rücken. „Okay, du hattest Recht.“

„Ich hab immer Recht.“

„Du hörst dich an wie Julie“, schoss Chris zurück und grinste sie lausbübisch an. „Aber das kannst du jetzt öfters machen.“

Wenn Alexandra nicht neben ihm gesessen hätte, dann hätte sie jetzt weiche Knie bekommen. Es raubte ihr jedes Mal den Atem, wenn er sie so anlächelte.

„Und was bekomme ich als Belohnung dafür?“ Alexandra rutschte der Satz heraus bevor sie es verhindern konnte.

Chris schlug die Augenlider nieder. Als er sie wieder öffnete, hatten seine Augen einen merkwürdigen, unlesbaren Ausdruck.

„Einen Kuss?“ flüsterte er.

Alexandra musste erst einmal schlucken, bevor sie antworten konnte. Meinte er das jetzt wirklich ernst?

„Hört sich gut an.“

Sie versuchte, ihrer Stimm einen beiläufigen Klang zu geben obwohl ihr Herz raste wie verrückt. Da letzte Mal hatte sie sich so gefühlt, als ihr Highschool-Schwarm sie gebeten hatte, seine Begleiterin für den Abschlussball der zehnten Klasse zu sein.

Chris setzte sich auf. „Ein Kuss…nicht mehr…“

„Okay…

Nervös befeuchtete sich Alexandra die Lippen. Sei nicht albern, Alex, schalt sie sich selbst. Er hat dir doch keinen Heiratsantrag gemacht….

Chris legte den Kopf schief und sah sie an. Dann beugte sich zu ihr und berührte mit dem Mund sanft den ihren. Dabei fuhr er mit der Zungenspitze zögerlich über ihre Unterlippe.

Alexandra schloss die Augen und gab sich ganz den Gefühlen des Augenblicks hin. Da war nichts von der anfänglichen Aggressivität, der entfesselten Leidenschaft ihrer ersten gemeinsamen Nacht zu spüren, die beinahe in einer Tragödie geendet hatte.

Alexandras Lippen teilten sich und gewährte Chris’ Zunge Einlass. Sie hatte sich fest vorgenommen, passiv zu bleiben, Chris bestimmen zu lassen, was er wagte und was nicht. Er schmeckte nach der Pfefferminzzahnpasta, mit der er sich vorhin die Zähne geputzt hatte. Vorsichtig, zärtlich erforschte er mit seiner Zunge ihren Mund und Alexandra spürte, wie ihr ein wohliger Schauer den Rücken hinunter ran.

Wenn sie diesen Augenblick doch nur festhalten könnte….

Viel zu schnell war der Kuss zu Ende. Als würde sie aus einem Traum erwachen, sah Alexandra Chris an. Er schien genauso aufgewühlt wie sie selbst zu sein. Sein Atem ging schneller, seine dunklen Augen waren weit offen.

Alexandra hob ihre Hand und streichelte seine Wange.

„Das war…“

„Ja…“

Chris ergriff Alexandras Hand und hauchte einen Kuss auf die Handfläche.

„Alex, ich…“

„Was?“ fragte Alexandra, nachdem Chris nicht weitersprach, sondern sie nur schweigend anstarrte. Ihre Hand hielt er noch immer fest.

„Ich würde das gern noch mal tun“, sagte er leise. Inzwischen schien er wieder in der Lage zu sein, einen vollständigen Satz zu formen.

„Bist du sicher? Ich meine, ich würde auch gerne, aber….“

Chris ließ sie nicht ausreden sondern zog sie mit sich hinunter, so dass sie sich seitlich gegenüber lagen. Seine Augen glänzten.

„Sieh es als Vorschuss“, sagte er mit belegter Stimme. „Aber nur Kuscheln, ja?“
fügte er schüchtern hinzu.

„Nur Kuscheln“, bestätigte Alexandra fast unhörbar.

Nachdem er dieses Sicherheitsnetz unter sich aufgespannt hatte, verlor Chris seine Scheu. Aus einem Kuss wurden mehrere, jeder davon intensiver als der vorhergehende. Alexandra überließ Chris das Ruder, erst als sie seine Hände unter ihrem Oberteil über ihren nackten Rücken wandern fühlte, erlaubte sie es sich, ihn ebenfalls zu berühren.

Sie streichelte über seinen Arm, dann über seine Schultern. Sie malte mit den Fingern kleine Kreise seine Wirbelsäule entlang und fuhr schließlich hauchzart mit der Fingerspitze über seine Hüfte.

Chris schnappte nach Luft und presste instinktiv seinen Unterleib an den ihren. Alexandra konnte deutlich spüren, was für eine Wirkung diese Kuschelsession auf ihn hatte. Ihr selbst ging es nicht anders. Chris’ warmen Körper an ihrem zu spüren macht sie fast verrückt. Doch sie beherrschte sich. Sie machte aber auch keine Anstalten, Chris aufzuhalten, als er sie heftig küsste und begann, sich mit langsamen, kreisenden Bewegungen seiner Hüften an sie zu drängen.

Alexandra legte die Arme um ihn und streichelte seinen Nacken. Sie schmiegte sich eng an ihn und gab dem Verlangen nach, seinem Beispiel zu folgen.

Chris brach den Kuss ab und verbarg aufkeuchend sein Gesicht in ihren Haaren. Er klammerte sich an sie, während seine Bewegungen immer schneller wurden.

Alexandra schloss die Augen und hielt Chris fest, als sie spürte, wie ein Zittern durch seinen Körper lief und seine Finger sich schmerzhaft in ihre Schultern krallten. Ein letztes ersticktes Aufkeuchen, dann lag er schwer atmend in ihren Armen.

Ein unbeschreibliches Gefühl der Zufriedenheit durchströmte Alexandra. Chris vertraute ihr genug, um sich bei ihr völlig fallen lassen zu können. Es spielte keine Rolle für sie, dass sie dabei nicht zum Höhepunkt gekommen war, wichtig war ihr im Moment nur, dass Chris heute Abend einen großen Schritt in Richtung einer wirklichen Beziehung mit ihr getan hatte.

Alexandra merkte, wie Chris Atemrhythmus sich langsam wieder normalisierte. Sein Gesicht hatte er jedoch noch immer in ihren Haaren versteckt.

„Chris? Ist alles in Ordnung?“ fragte Alexandra leise und strich ihm liebevoll durch die verwuschelten Haare.

Als Chris endlich den Kopf hob und sie ansah, waren seine Wangen vor Verlegenheit dunkelrot.

„Alex…das war…ich wollte eigentlich nicht…“ stammelte er.

Alexandra lächelte und schob ihm eine verschwitzte Haarsträhne hinters Ohr.

„Hey, das ist okay. Ich fand es….“Sie suchte nach dem passenden Wort. „Ich fand es schön.“

„Aber ich hab nur an mich gedacht…“ Chris senkte den Blick. „Und…“

„Nein. Denk nicht mal daran, dich jetzt wieder auf einen Schuldtrip zu begeben“, sagte Alexandra sanft, aber bestimmt. „ Ich liebe dich. Genauso wie du bist. Alles an dir. Das ganze Chris-Paket. Dass ich jetzt nicht…gekommen bin, das ist egal. DU bist wichtig für mich, verstanden?“

Chris biss sich auf die Lippe und nickte. Dann verzog er das Gesicht.

„Ich glaub, ich muss jetzt noch mal unter die Dusche…“

 

Teil 50

 

Gedankenverloren lenkte Chris den Pick-up durch den Vormittagsverkehr. Er war auf dem Weg zu Jack Sanders, um seinen Besprechungstermin wahrzunehmen. Er fand diese Termine jetzt noch überflüssiger als früher, aber den Formalitäten musste Genüge getan werden.

Das, was gestern Abend zwischen ihm und Alexandra passiert war ging ihm noch immer nicht aus dem Kopf. Soweit hatte er es eigentlich nicht kommen lassen wollen. Aber Alexandras Nähe, ihr weicher Körper an seinen gepresst, hatte ihn kurzfristig den Verstand verlieren lassen, und er hatte vergessen, dass er sich diesbezüglich strenge Zurückhaltung auferlegt hatte. Er wollte erst das Chaos in seinem Inneren in den Griff bekommen, bevor er sich auch auf eine sexuelle Beziehung mit Alexandra einließ.

Auch wenn Doktor Winslow und Alexandra ihm erklärt hatten, dass er nicht „schmutzig“ war wegen dem was passiert war, fühlte sich Chris noch immer nicht ganz wohl in seiner Haut. Er wusste, dass er die Tatsache dass er vergewaltigt und als Hure missbraucht worden war, am besten als Teil seines Lebens akzeptierte und versuchen musste, damit abzuschließen. Ein unschöner, grauenvoller Teil, den er nicht so einfach abschütteln konnte, so sehr er sich dies auch wünschen mochte. Aber er durfte nicht zulassen, dass er seine Zukunft ruinierte.

Chris dachte an seine erste Sitzung bei Doktor Winslow zurück. Alexandra hatte ihn hingebracht und er hatte die ganze Fahrt über kein Wort mit ihr gesprochen. Mit äußerstem Widerwillen hatte er Doktor Winslows Behandlungsraum betreten.
Chris stoppte den Wagen an einer roten Ampel, während er sich an diesen Tag erinnerte…

~

„Hallo Chris, wir haben uns ja schon kennen gelernt. Setzen Sie sich doch“, sagte die Psychologin freundlich, nachdem sie ihm die Hand geschüttelt hatte und führte ihn zu einer bequem aussehenden Sitzgruppe, die sich in einer Ecke des Raumes befand. Eine Zimmerpalme stand in einem großen Pflanzkübel daneben, an den Wänden hingen ein paar, in warmen, ruhigen Farbtönen gehaltene Bilder.
Doktor Winslow nahm Chris gegenüber Platz und griff nach einem Schreibblock, auf dem bereits Notizen waren.

„Alexandra hat mir schon ein wenig über Sie erzählt. Das sollte den Einstieg für uns beide ein wenig leichter machen.“

Chris schnaubte innerlich. Leichter, na klar. Er wollte überhaupt nicht hier sein und mit einer völlig Fremden „darüber“ reden. Er wollte in Ruhe gelassen werden und seine Erinnerungskiste wieder fest verschließen, mit vielen Schlössern, die niemand knacken konnte.

Doktor Winslow schien seine Abneigung der Situation gegenüber zu spüren.

„Chris, ich weiß, dass das nicht einfach für Sie ist. Sie sind nicht freiwillig hier, nicht wahr?“

Chris presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Alex und Mr. Sanders mochten ihn gezwungen haben, diesen Termin wahrzunehmen, aber das war auch schon alles, wozu sie ihn zwingen konnten. Wenn es sein musste, dann würde er diese Stunden eben durchstehen und einfach auf Durchzug schalten. Immerhin hatte er nie versprochen, dass er mit Doktor Winslow REDEN würde…

Die ältere Frau seufzte.

„In Ordnung. Ich möchte, dass Sie mir jetzt einfach nur zuhören. Sie sind nicht der erste junge Mann, der deswegen bei mir ist. Neben meiner Praxis arbeite ich noch ehrenamtlich bei einer Betreuungsstelle für Vergewaltigungsopfer. Ich habe schon einige Männer behandelt, die in der gleichen Lage waren wie Sie. Eine Vergewaltigung ist immer ein traumatisches Erlebnis, das das Leben eines Menschen von Grund auf verändert. Man fühlt sich schuldig, schmutzig, ist zornig und hilflos, man würde sich vielleicht am liebsten in irgendeinem Loch verkriechen und nie wieder hervorkommen.“

Chris schluckte. Doktor Winslows Worte trafen ihn tief in seinem Inneren. Sie hatte seine Gefühle nur zu genau beschrieben. Gefühle, die er versuchte, zu vergessen und verdrängen.

„Sie haben vor etwas mehr als einer Woche einen Selbstmordversuch unternommen.“ Doktor Winslow sah auf ihre Notizen. „Möchten Sie vielleicht darüber mit mir reden?“

Chris schloss die Augen. „Nein“, würgte er hervor. „Das ist vorbei. Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Woher wollen Sie das wissen?“ Die Psychologin betrachtete ihn aufmerksam.

„Weil…der Grund ist weg“, antwortete Chris leise. „Alex weiß, was passiert ist und…sie verachtet mich nicht deswegen. Ich hatte Panik, dass sie mich hassen würde und da…da konnte ich einfach nicht mehr…“

„Ihnen liegt sehr viel an Alexandra, nicht wahr?“

„Ja…sie hat mir ein Zuhause gegeben und….“ Chris brach ab. Er hatte schon mehr preisgegeben als er eigentlich wollte.

„Hm, ich verstehe….“ Doktor Winslow rieb sich mit der Hand über die Stirn. „Chris, eines muss Ihnen klar sein. Sie können vor dem, was geschehen ist, nicht davonlaufen, indem Sie es verdrängen und verleugnen, auch vor sich selbst. Die Vergangenheit wird Sie immer wieder einholen und es kann jederzeit etwas vorkommen, dass Sie daran erinnert. Das kann ein Geräusch, eine Situation, ein Geruch oder einfach eine Person sein, die jemandem ähnelt, der Sie vergewaltigt hat. Ich kann Ihnen dabei helfen zu lernen damit umzugehen, aber dazu müssen Sie mich an sich heranlassen, mit mir über Ihre Gefühle reden.“ Die ältere Frau beugte sich vor und sah Chris eindringlich an. „Denken Sie genau nach und fragen Sie sich, ob Sie es wirklich alleine schaffen, damit fertig zu werden.“

~

Chris stoppte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude, in dem sich Jacks Büro befand. Er stieg nicht gleich aus, sondern dachte noch weiter über diesen ersten Termin bei Doktor Winslow nach. Diese „Psychotante“, wie er sie in seiner Frustration anfangs betitelt hatte, hatte es wirklich geschafft, ihn aus seinem Schneckenhaus herauszulocken. Nicht gleich in der ersten Sitzung, dazu war Chris zu stur gewesen, doch bei ihrem nächsten Treffen, nachdem er genügend Zeit gehabt hatte, über ihre Worte nachzudenken, hatte er ihr mitgeteilt, dass er ihre Hilfe annehmen wollte.

Es war immer noch schwer für ihn gewesen, über seine Gefühle zu sprechen, die Psychologin hatte es jedoch durch behutsames Fragen geschafft, dass er sich ihr öffnete. Er hatte sich während dieser Folgesitzungen mehrmals die Seele aus dem Leib geheult, doch er hatte auch gespürt, wie das Gewicht, das jahrelang auf ihm gelastet hatte, etwas leichter geworden war.

Chris sah auf die Uhr am Armaturenbrett. Er würde sich beeilen müssen, wenn er nicht das erste Mal zu einem Termin mit Jack zu spät kommen wollte.

Zwei Minuten später betrat er leicht atemlos das Bürogebäude und steuerte auf de Treppe zu. Jacks Büro lag im dritten Stock, er hätte auch den Aufzug benutzen können, doch Chris hasste es, mit Fremden, vor allem wenn es Männer waren, auf so engem Raum eingepfercht zu sein. Und die Gefahr bestand in einem Gebäude wie diesem immer.

Im Vorbeigehen rief er der Frau am Empfang einen hastigen Gruß zu. Sie war schon in den Fünfzigern, mit leicht ergrauten Haaren und etwas füllig. Joan war ihr Name und sie hatte oft ein freundliches Wort für ihn übrig.

Er hatte schon fast die Treppe erreicht, als er ihre Stimme hörte.

„Chris, warte.“

Chris drehte sich um und ging zurück.

„Was ist los?“ fragte er erstaunt. „Ich bin spät dran.“

„Da gibt es etwas, dass du wissen solltest“, sagte Joan und sah ihn durch ihre runden Brillengläser ernst an.

„Was meinen Sie?“ fragte Chris verwirrt. Jetzt erst fiel ihm auf, dass in dem üblicherweise menschenleeren Foyer überall kleine Grüppchen standen, die sich tuschelnd unterhielten.

„Es geht um Mr. Sanders. Er hat….“

„Chris O’Connor?“

Chris fuhr erschrocken herum. Hinter ihm standen ein Mann und eine Frau. Der Mann war etwa einen Kopf größer als Chris, breitschultrig, mit leicht ergrauten, rötlichen Haaren und einem Bauchansatz. Er trug einen dunkelgrauen Anzug. Die Frau hatte dunkle, halblange, glatte Haare und war mit einem ebenfalls grauen Hosenanzug bekleidet. Sie machten irgendwie einen offiziellen Eindruck auf Chris.

„Ja…das bin ich“, sagte er zögernd und durchforstete fieberhaft sein Gehirn nach einem Grund, der das Interesse der beiden an ihm erklären könnte. Er war sich auch nicht nur des geringsten Verstoßes gegen irgendeine Vorschrift oder gar ein Gesetz bewusst.

„Detective Jensen“, stellte sich die Frau vor, die Chris angesprochen hatte und hielt ihm ihre Dienstmarke vors Gesicht. „Das ist mein Kollege Detective Miller. Wir müssen Sie bitten, mit uns zu kommen.“

„Ich…ich hab nichts getan“, stammelte Chris. Joans kryptische Bemerkung über Mr. Sanders und seine Verwunderung über das ungewöhnlich bevölkerte Foyer waren vergessen. Das Bedürfnis, wegzulaufen, sich in den Wagen zu setzen und so schnell wie irgend möglich nach Hause zu Alexandra zu fahren, war fast übermächtig und er musste sich beherrschen, ihm nicht nachzugeben.

„Mister O’Connor, dass möchten wir nicht hier in der Öffentlichkeit diskutieren.“ Detective Jensen nickte mit dem Kopf in Richtung der Leute, die sie bereits neugierig beobachteten. „Bitte kommen Sie mit mir und meinem Kollegen mit.“ Sie drehte sich um und ging auf den Fahrstuhl zu.

Der Mann, Detective Miller, machte eine einladende Handbewegung und Chris blieb nichts anderes übrig, als der Aufforderung nachzukommen. Der mitleidige Blick, den Joan ihm zuwarf, war nicht gerade förderlich für seinen Seelenfrieden und Chris’ Knie begannen zu zittern, als er hinter Detective Jensen den Fahrstuhl betrat.

 

Teil 51

 

Die beiden Detectives führten Chris in einen Raum im ersten Stock, der aussah, als würde er normalerweise für Besprechungen genutzt. Ein großer, rechteckiger Tisch und mindestens fünfzehn Stühle, die um ihn herum standen, waren die einzigen Möbelstücke.

Detective Miller zog einen der Stühle hervor.

„Setzen Sie sich“, sagte er barsch.

Zögernd gehorchte Chris. Er war völlig verstört, da er sich nicht erklären konnte, was die beiden Polizisten von ihm wollten. Und er hatte Angst. Angst, dass irgendetwas geschehen war, dass ihn zurück nach San Quentin bringen konnte.

Auch wenn er sich beim besten Willen nicht zu erklären vermochte, was es sein könnte. Das einzige „Vergehen“, dessen er sich bewusst war, war sein Selbstmordversuch, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass das von Interesse für die Polizei sein sollte. Wenn man es überhaupt als Vergehen bezeichnen konnte.

Oder war es etwa wegen dieses Überfalls vor fast fünf Jahren? Chris fühlte, wie eisige Kälte in ihm hoch kroch und sich in seinem Körper breit machte. Er hatte doch dafür bezahlt, dass er daran beteiligt gewesen war und sich geweigert hatte, seine Komplizen zu verraten, mit dreieinhalb Jahren seines Lebens, seiner Unschuld und seinen Träumen von einer glücklichen Zukunft. Er hatte doch gerade erst damit angefangen, sein Leben in den Griff zu bekommen und das kleine Pflänzchen Hoffnung in seinem Herzen gesät, dass es doch noch etwas Glück auf dieser Welt für in geben konnte und dass er es sich erlauben durfte, wieder Träume zu haben. War etwas geschehen, das ihm all das wieder nehmen konnte und seine Hoffnungen unwiederbringlich zerstören würde?

Diese Angst schnürte ihm die Kehle zu und er versuchte, langsam und kontrolliert zu atmen, so, wie Doktor Winslow es ihm beigebracht hatte.

Die beiden Detectives nahmen ihm gegenüber Platz und Detective Miller schlug eine Akte auf. Seine Akte. Chris hatte gar nicht wahrgenommen, dass der Mann sie die ganze Zeit mit sich getragen hatte.

Detective Jensen warf einen Blick in den beigefarbenen Hefter, den ihr ihr Kollege zugeschoben hatte, und schien die erste Seite einen Moment lang zu studieren, um sich deren Inhalt einzuprägen. Dann wandte sie sich an Chris.

„Sie wurden also im Januar dieses Jahres auf Bewährung entlassen?“

Chris nickte beklommen. Seine Hände waren feucht und klebrig und er wischte sie hastig an seiner Hose ab. Wenigstens hatte die Atemtechnik, die er von der Psychologin gelernt hatte, geholfen, ihn etwas von seiner Panik abzulenken.

Er fragte sich, was die Frage sollte. Es stand doch alles in dieser verflixten Akte. Nervös rutschte Chris auf seinem Stuhl herum und wünschte sich, dass die beiden zur Sache kommen würden, damit er endlich wusste, was man ihm vorwarf.

„Und Jack Sanders war die ganze Zeit über Ihr Bewährungshelfer?“

Wieder nickte Chris. Konnte diese Frau denn nicht lesen? Diese Ungewissheit machte ihn noch verrückt.

„Welches Verhältnis hatten Sie zu ihm?“

„Bitte? Ich verstehe nicht....“ Verwirrt starrte Chris Detective Jensen an, die bei diesem Verhör anscheinend die Wortführerin war. Ihr Kollege begnügte sich damit, ihn mit Argusaugen zu beobachten.

„Wie war Ihr Verhältnis zu Mr. Sanders? Sahen Sie ihn eher als jemanden, der Ihnen helfen wollte oder….“

Chris runzelte die Stirn. Was war hier eigentlich los? Wo war Mr. Sanders? Plötzlich fiel im wieder ein, dass Joan ihm vorhin hatte etwas sagen wollen, das seinen Bewährungshelfer betraf. Ging es etwa hier gar nicht um ihn selbst oder etwas, das er getan hatte?

„Was ist mit Mr. Sanders? Wieso ist er nicht hier?“ Chris vergaß einen Moment lang seine Angst und richtete sich auf. „Ich hätte jetzt eigentlich einen Termin bei ihm.“

„Das wissen wir“, entgegnete Detective Miller ungeduldig. „Würden Sie jetzt bitte unsere Frage beantworten?“

Chris sah von einem zum anderen. „Gut“, sagte er schließlich. Das war keine Lüge. Er hatte keinen Grund, sich über Jack Sanders zu beklagen.

„Wie gut?“

„Na, gut eben. Er hat mir immer geholfen, auch wenn ich nicht immer ganz einfach war.“ Die Fragerei irritierte Chris langsam aber sicher. Konnten ihm die beiden denn nicht endlich sagen was eigentlich los war?

„Wussten Sie, dass Jack Sanders homosexuell ist?“ Jetzt meldete sich wieder Detective Jensen zu Wort.

„Was?“ Chris dachte einen Augenblick lang, er hätte sich verhört. Worum ging es hier überhaupt? Was hatte Mr. Sanders’ Privatleben mit dieser für ihn völlig mysteriösen Angelegenheit zu tun? Chris’ Gedanken überschlugen sich. Konnte er zugeben, dass er seinen Bewährungshelfer auch privat kannte oder dieses kleine Detail von ihm wusste? Alexandra hatte ihm mal erklärt, dass ihr Freund es vermied, seine sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zuzugeben.

Möglicherweise würde das dem Mann und auch ihm selbst eher schaden als nützen. Chris hatte zwar keine Ahnung, inwiefern es relevant sein sollte, ob er über die sexuellen Präferenzen seines Bewährungshelfers Bescheid wusste oder nicht, aber er beschloss, lieber auf der sicheren Seite zu bleiben.

Die beiden Detectives musterten ihn abwartend.

„Nein“, sagte Chris fest. „Das wusste ich nicht. Ist das ein Verbrechen?“

„Es ist kein Verbrechen“, antwortete Detective Jensen. Dann faltete sie die Hände vor sich auf dem Tisch. „Mr. O’Connor, ich werde Ihnen nun eine Frage stellen, und ich bitte Sie dringend, diese wahrheitsgemäß zu beantworten. Ich versichere Ihnen, dass Ihnen daraus keinerlei Nachteile entstehen werden.“ Sie machte eine Pause um diese Worte auf Chris einwirken zu lassen. „Hat Mr. Sanders Sie jemals sexuell belästigt oder sexuelle Gefälligkeiten dafür eingefordert, dass er über etwaige Verstöße Ihrerseits gegen Ihre Bewährungsauflagen hinwegsieht oder hat er Sie damit erpresst, dass er Sie zurück ins Gefängnis schicken würde, wenn Sie derartige Gefälligkeiten nicht erbringen würden?“

Chris fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Schlag in den Magen versetzt. Übelkeit stieg in ihm hoch. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber damit nicht. Wie kamen diese Leute nur auf die Idee, dass Mr. Sanders etwas so Abscheuliches getan haben sollte? Dass er nicht besser war als die Schweine im Gefängnis, die Chris über Jahre hinweg gewissenlos als Sexspielzeug missbraucht hatten.

Es musste ihm wohl anzumerken gewesen sein wie sehr ihn diese Frage getroffen hatte, denn die Frau sah ihn besorgt an. Zumindest tat sie so. Ihr Kollege dagegen betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen wie ein seltenes Insekt unter dem Mikroskop.

„Mr. O’Connor? Ist alles in Ordnung?“

Chris erwachte aus seiner Erstarrung.

„Ja…“ würgte er hervor. „Alles bestens. Und nein, Mr. Sanders hat… er hat nie versucht mich zu….“ Chris konnte nicht weiter sprechen. Er wollte hier raus.

„Sind Sie sicher? Mister Sanders wurde heute Morgen verhaftet, weil eine Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung gegen ihn gestellt wurde. Die Anzeige stammt von einem jungen Mann in etwa Ihrem Alter, den Mr. Sanders ebenfalls betreut. Wir vermuten, dass das nicht der einzige Fall ist und dass es auch noch andere Opfer gibt. Wenn Sie also reden wollen, dann ist das die beste Gelegenheit. Mr. Sanders hat jetzt keinen Einfluss mehr auf Ihre Bewährung….“

Chris hielt es nicht mehr aus. Er sprang auf.

„Nein, Mr. Sanders hat nie etwas Derartiges versucht. Kann ich jetzt gehen?“

Die beiden Detectives warfen sich gegenseitig einen Blick zu, mit dem sie sich eine unausgesprochene Nachricht zukommen zu lassen schienen.

„Ja, Sie können gehen“, sagte die Frau und stand ebenfalls auf. Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche. „Hier ist meine Nummer. Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, dass Sie uns sagen wollen, dann rufen Sie mich bitte an.“ Damit reichte sie Chris die Karte über den Tisch.

„Die brauche ich nicht.“ Chris schüttelte abwehrend den Kopf und trat ein paar Schritte zurück. „Ich habe Ihnen alles gesagt, was es zu sagen gibt.“

Er drehte sich um und floh aus dem Raum.

***

„Was denkst du?“ fragte die Frau ihren Kollegen.

„Der Junge lügt“, entgegnete dieser schulterzuckend. „Er war viel zu nervös. Hast du gesehen, wie blass er geworden ist? Ich dachte einen Moment lang, er kippt um. Sanders hat vielleicht irgendetwas gegen ihn in der Hand. Darum wagt er nicht zu reden.“

„Was sollen wir jetzt machen?“ Detective Jensen lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tischkante.

„O’Connor ist zwar der einzige von Sanders’ „Klienten“, der Stephen Allington im Alter nahe steht, aber wir werden uns erstmal auch die Anderen vorknöpfen. Vielleicht auch ein paar von Sanders’ „Ehemaligen“, wenn wir sie ausfindig machen können. Und ich werde mir O’Connors Akte mal genauer ansehen. Vielleicht gibt es etwas, mit dem wir arbeiten können.“ Miller strich sich nachdenklich übers Kinn.

„Hoffentlich. Dieses Schwein muss seine gerechte Strafe bekommen. Ein guter Anwalt könnte ihn vielleicht frei bekommen, immerhin ist dieser Allington ja kein unschuldiger Chorknabe und theoretisch hätte er die ganze Sache auch erfinden können….“

„Ziehst du diese Möglichkeit in Betracht? Dass Allington das Ganze erfunden hat?“

Jensen schüttelte den Kopf. „Nein. Dass ein junger Mann bei so etwas lügt, halte ich eher für unwahrscheinlich. Möglich, aber unwahrscheinlich. Und er ist bestimmt kein Einzelfall oder der Erste. Darum sollten wir unbedingt noch ein weiteres Opfer auftreiben, damit diesem Sanders mit Sicherheit das Handwerk gelegt werden kann…“

 

Teil 52

 

 „So, mein Kleiner, das hätten wir“, gurrte Alexandra. „Sie können Mr. Button jetzt zurück in seinen Käfig setzen, wir sind fertig“, sagte sie zu der Besitzerin des Graupapageis, die ihren Liebling gehalten hatte, während Alexandra damit beschäftig gewesen war, ihm die Krallen zu schneiden.

„Vielen Dank, Doktor Hastings“, strahlte die etwa vierzigjährige, etwas mollige Frau und folgte Alexandra’s Aufforderung.

Als Mr. Button auf seiner Stange saß, sträubte er erst einmal sein Gefieder und schüttelte sich.

„Blöde Kuh, blöde Kuh“, krächzte er indigniert und in seiner Würde verletzt, bevor er anfing, seine Federn, die durch die unsanfte Behandlung etwas verrutscht zu sein schienen, methodisch und mit größter Sorgfalt wieder zurecht zu zupfen. Dabei warf er Alexandra und seiner Herrin immer wieder misstrauische Blicke zu.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich die Frau errötend. „Meine Kinder bringen dem Vogel immer solche Ungezogenheiten bei….“

Alexandra lachte und winkte ab. „Denken Sie sich nichts dabei. Es ist schon faszinierend, dass Papageien immer ausgerechnet die unpassendsten Worte aufschnappen und es schaffen, sie bei den passendsten Gelegenheiten loszuwerden.“

Die Frau nickte erleichtert.

„Ja, da haben Sie recht. Wenn Sie wüssten, wie oft Mr. Button mich schon in tiefste Verlegenheit gestürzt hat. Einmal war der Chef meines Mannes zu Besuch, und als der mit Mr. Button geredet hat, da hat dieser verflixte Vogel ihn als“, sie senkte die Stimme, „als „Arschgesicht“ bezeichnet. Ich wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken und mein Mann sah aus, als würde er Mr. Button jeden Moment den Hals umdrehen. Nur sein Chef hat Gott-sei-Dank Humor bewiesen und gelacht. Trotzdem war das mehr als peinlich.“

„Kann ich Ihnen nachfühlen“, entgegnete Alexandra und dachte mit einem Schmunzeln an all die Gelegenheiten zurück, bei denen sie trotz aller Tierliebe von Hundesteaks geträumt hatte.

Sie brachte die Frau samt Vogelkäfig zur Tür und verabschiedet sich, bevor sie den nächsten Patienten aufrief, eine schneeweiße Angorakatze mit einem vereiterten Zahn. Nachdem auch dieser Fall verarztet war und Alexandra das um einen Zahn ärmere, aber nun schmerzlose Tier an seine glückliche Besitzerin zurück geben konnte, sah sie auf die Uhr. Es war halb zwölf. Chris müsste eigentlich bald von seinem Termin bei Jack zurückkommen. Danach hatte er nur kurz beim Supermarkt vorbeifahren und ein paar Sachen einkaufen sollen.

Den ganzen Vormittag über hatte sie immer wieder die gestrige Nacht beschäftigt. Chris war einfach nur süß gewesen, so wie Chris eben war. Alexandra konnte sich immer wieder nur fragen, wie jemand in diese Augen hatte schauen können und ihm dennoch hatte so furchtbar weh tun können. Wie ein Mensch überhaupt einem anderen Menschen so etwas Schreckliches zufügen konnte.

Als Chris aus der Dusche gekommen war, hatte Alexandra schon fast geschlafen. Sie hatte nur noch gespürt, wie er sich neben sie gelegt und sich vorsichtig, um sie nicht zu wecken, an sie gekuschelt hatte. Dann hatte er ihr einen zarten Kuss auf die Wange gehaucht und das Licht gelöscht.

Heute Morgen hatten sie dann beide verschlafen. Nach einem hastigen Frühstück hatte Chris noch den Pick-up abgeladen, das hatte er gestern Abend nicht mehr geschafft, und war nach einem liebevollen Abschiedskuss losgefahren.

Alexandra gähnte. Verdammte Müdigkeit. Vielleicht sollte sie einfach mal versuchen, ein paar Tage lang schon um neun ins Bett zu gehen.

Sie hatte gerade den Sterilisator mit den Instrumenten eingeschaltet als die Türglocke schellte. Doch noch keine Mittagspause . Alexandra drückte auf den Türöffner, der sich im Behandlungsraum befand und ging nach draußen in den Flur, um den Neuankömmling zu begrüßen. Es war jedoch kein Patient.

„Ian, was machst du denn hier?“ fragte sie überrascht. „Was ist passiert?“

Der blonde Sänger machte einen aufgeregten, völlig verstörten Eindruck. Das Hemd, das er über einem T-Shirt trug, war schief zugeknöpft, seine Haare waren ungekämmt und standen in alle Richtungen.

Alexandra und er waren nicht das, was man befreundet nennen konnte, sie hatte ihn nur ein paar Mal flüchtig gesehen, wenn sie Jack auf einen Sprung besucht hatte, während Chris bei seinen Abendterminen bei Doktor Winslow gewesen war. Ian war meist eingetroffen, wenn sie sich gerade von Jack verabschiedet hatte.

„Jack ist heute morgen verhaftet worden“, würgte Ian hervor.

„Was?“ Alexandra glaubte, sich verhört zu haben. „Wieso? Jack und verhaftet? Machst du Witze? Er bezahlt ja sogar seine Strafzettel pünktlich!“ Sie schüttelte den Kopf.

„Kein Witz. Heute Morgen war die Polizei da und hat ihn mitgenommen.“ Ian lehnte sich an die Wand und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Die Verzweiflung war ihm deutlich anzumerken.

„Was wirft man ihm denn überhaupt vor?“ Alexandra erschien die ganze Sache noch immer total unwirklich. Der gesetzestreue, pedantische Jack Sanders sollte irgendetwas Kriminelles getan haben, das sogar eine Verhaftung rechtfertigte? Unmöglich.

Ian holte tief Luft und wich ihrem Blick aus. „Versuchte Vergewaltigung“, sagte er leise.

„Bitte?“ Alexandra fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Sack Ziegelsteine an den Kopf geworfen. „Aber das ist jetzt ein Witz!“

„Scheiße, nein!“ brach es aus Ian hervor. „Jack betreut gerade so einen Typen, so etwa neunzehn, glaube ich, der Bewährung hat. Er wurde wegen illegaler Autorennen und Drogenbesitz verurteilt. Sein Daddy ist irgendein Typ mit Kohle ohne Ende. Jack hatte nur Probleme mit dem kleinen Mistkerl. Heute wollte er mit seinem Vorgesetzten darüber reden, dass man diesen Allington doch in den Knast schickt, weil das mit der Bewährung sinnlos ist. Er hat seine Termine nicht eingehalten, sich über Jack und seine Strafe nur lustig gemacht…Jack hat’s irgendwann gereicht. Und da hat sich die Ratte eben was einfallen lassen….“ Ian ballt in hilfloser Wut die Hände zu Fäusten.

„Chris hatte doch heute einen Termin bei Jack. Ist er schon wieder hier?“ fragte er unvermittelt. „Vielleicht hat er etwas erfahren. Ich durfte noch nicht mit Jack reden, weil sie ihn erst einmal verhören…“

„Chris? Nein…er ist noch nicht hier“, sagte Alexandra langsam. Großer Gott, wie würde Chris reagieren, wenn er davon erfuhr? Sie glaubte zwar keine Sekunde lang, dass an der Anschuldigung etwas Wahres dran war, aber Chris war aufgrund seiner Vergangenheit etwas sensibel bei so einem Thema….Plötzlich sah sie seine Verspätung in einem etwas anderem Licht.

Hastig zog sie ihren weißen Mantel aus. Wieso bloß hatte sie Chris heute Morgen ihr Mobiltelefon nicht mitgegeben? Dann hätte sie ihn jetzt anrufen können.

„Kannst du mich in die Stadt fahren? Zu der Behörde, wo Jack arbeitet?“

„Wieso? Denkst du, die werden dir etwas sagen?“ fragte Ian verwirrt.

„Nein, aber Chris ist vielleicht noch dort“, rief sie, während sie Charlie aus der Küche holte, in die er während ihrer Sprechzeiten immer verbannt war.

„Wieso soll er noch dort sein?“

„Frag nicht, mach einfach“, drängte Alexandra, öffnete die Haustür und schob Ian hinaus. Im letzten Moment dachte sie noch daran, nach ihrer Jacke und Charlie’s Hundeleine zu greifen.

Ian fuhr einen roten, voll restaurierten Ford Mustang, ein Liebhaberfahrzeug, doch er protestierte nicht, als Alexandra Charlie auf den Rücksitz verfrachtete.

Schweigend, jeder seinen Gedanken nachhängend, fuhren sie los.

Alexandra wusste nicht wieso, aber sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass Chris vermutlich zu durcheinander war, um auf dem Weg nach Hause zu sein. Wahrscheinlich lief er gerade ziellos durch die Gegend und versuchte, sich zu beruhigen.

Sie konnte sich vorstellen, dass das mit Jack ein ziemlicher Schock gewesen sein musste. Dass Chris es gar nicht erfahren haben könnte, diese Idee schob Alexandra sofort zur Seite. Es war einfach zu unwahrscheinlich. Die Anzeige war mit Sicherheit Thema Nummer Eins an Jack’s Arbeitsplatz und irgendjemand würde Chris schließlich erzählt haben, warum sein Termin mit seinem Bewährungshelfer heute geplatzt war.

„Denkst du, sie haben Chris verhört?“

Ians Frage riss Alexandra aus ihren Überlegungen.

„Wie kommst du darauf?“

„Weil die Polizei bestimmt alle von Jack’s Leuten verhören wird. Kann ich mir zumindest vorstellen.“

„Du hast zu viele Krimis gesehen“, entgegnete Alexandra.

Ian seufzte. „Ich hoffe, dass sie es tun werden. Dann werden sie ja sehen, dass Jack so was gar nicht getan haben kann. Er opfert sich für seinen Job und für seine Jungs auf.“

„Ich weiß….“ Alexandra schob Charlie, der seinen Kopf nach vorne streckte und ihr ins Ohr schnaufte, zurück. „Bleib gefälligst hinten“, befahl sie.

„Sag mal…wieso machst du dir eigentlich solche Sorgen wegen Chris?“ Ian war ihr einen kurzen, neugierigen Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Verkehr lenkte. „Ihm wird doch nichts vorgeworfen.“

Alexandra sah starr gerade aus. „Nein, aber….“ Sie konnte es Ian nicht sagen, Chris würde ihr dafür den Kopf abreißen. Na ja, vielleicht nicht gerade dass, aber er würde sich wieder verraten fühlen.

„Was aber?“ Ian ließ nicht locker. Anscheinend lenkte ihn das Thema von seinen eigenen Sorgen ab.

„Kann ich dir nicht sagen“, erklärte Alexandra mit zusammengebissenen Zähnen.

„Hat es was mit seinem Selbstmordversuch zu tun? Oder….“ Ian machte eine Pause und zog zischend die Luft ein. „Scheiße. Ist ihm so was tatsächlich mal passiert? Ist er….“ Er beendete den Satz nicht. „Wollte er sich deshalb damals umbringen? Jack hat mir nie den Grund gesagt…“

Alexandra lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Ian war nicht dumm, es war klar, dass er seine eigenen Schlussfolgerungen zog. Aber sie hatte nicht vor, seine Vermutungen zu bestätigen.

„Ian…ich kann es dir nicht sagen, also lassen wir das Thema, okay? Hast du dich um einen Anwalt für Jack gekümmert?“

Zu ihrer Erleichterung kam Ian ihrer Bitte nach und ging stattdessen auf ihre Frage ein. Er nickte.

„Ja, gleich nachdem die Polizei mit Jack weg war, hab ich eine Freundin angerufen, die Strafverteidigerin ist. Sie ist jetzt bei ihm im Polizeipräsidium.“

„Gut…“ Wenigstens das Problem war gelöst.

Der Rest der Fahrt verlief in angestrengtem Schweigen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Alexandra hoffte inständig, dass Chris noch dort war, wo sie ihn vermutete. Als sie den Parkplatz vor der Behörde erreichten, erspähte Alexandra sofort ihren Wagen. Ihre Hoffnung schien sich erfüllt zu haben.

„Ich hatte recht, Chris muss noch hier sein“, rief sie. Der Ford Mustang stand kaum, als sie schon die Tür aufriss und ausstieg.

„Warte hier mit Charlie. Ich geh rein und seh nach, ob Chris noch irgendwo im Gebäude ist.“

Damit warf Alexandra die Autotür zu und rannte zum Eingang. Nachdem sie das Foyer betreten hatte, sah sie sich erst einmal um und erspähte eine ältere Frau, die hinter einer Empfangstheke saß und etwas in einen Computer eintippte.

Vielleicht konnte sie ihr weiterhelfen. Eilig ging Alexandra auf sie zu.

„Entschuldigen Sie bitte, ich suche jemanden namens Chris O’Connor. Er hatte heute einen Termin bei Mr. Sanders. Er ist etwa so groß wie ich, jung, schlank, schwarze Haare-“

„Ich kenne Chris“, wurde sie von der älteren Frau unterbrochen. „Netter Junge. Das mit seinem Bewährungshelfer ist eine schlimme Sache….“ Sie schüttelte den Kopf.

Wenn Alexandra nicht so besorgt wegen Chris gewesen wäre, dann hätte sie die Gelegenheit genutzt, um mehr zu erfahren. So jedoch ging sie nicht näher auf die vage Andeutung ein.

„Ich weiß“, sagte sie nur knapp, um weitschweifigen Erklärungen vorzubeugen. Die Frau schien in mitteilungsbedürftiger Stimmung zu sein und nur auf Ermunterung zu warten. „Ist Chris noch hier?“

„Nein. Er ist vor…“ die Frau sah auf ihre Armbanduhr. „…vor etwa eineinhalb Stunden hier raus gerannt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Zwei Detectives haben ihn vorher verhört, was dabei herausgekommen ist, das weiß noch niemand. Der arme Junge…“, fügte sie mitleidig hinzu.

„Wie meinen Sie das?“ Jetzt war Alexandra doch alarmiert.

„Na, das liegt doch wohl auf der Hand“, erklärte die Frau. „Die Polizei wollte bestimmt wissen, ob Mr. Sanders so etwas auch schon bei anderen versucht hat. Und dann rennt der Junge Hals über Kopf davon. Was soll man sich denn da anderes dabei denken?“

Alexandra biss sich auf die Unterlippe. Chris hatte mit seinem Verhalten Jack wohl keinen großen Dienst erwiesen, auch wenn sie ihn verstehen konnte. Er musste mehr als ein Schock für ihn gewesen sein. Im Stillen verfluchte sie das Schicksal, das Ian ihr nicht früher hatte Bescheid geben lassen oder Chris einen späteren Termin gegeben hatte.

„Haben Sie gesehen, in welche Richtung er gelaufen ist?“

„Ich glaube, rüber zum Park“, entgegnete die Frau und zeigte schräg aus dem Gebäude hinaus. „Sind Sie eine Freundin von ihm?“ fragte sie neugierig.

„Ja. Danke für die Auskunft“, antwortete Alexandra und wandte sich hastig ab.

„Keine Ursache, Miss. Ich hätte so etwas nie von Mr. Sanders gedacht. Er war immer so ein höflicher, korrekter Mann. Da sieht man, wie man sich täuschen kann…“

Den letzten Satz hörte Alexandra schon gar nicht mehr. Sie wollte jetzt nur eines, nämlich Chris finden und sich versichern, dass mit ihm soweit alles in Ordnung war.

Sie lief zum Wagen, um Charlie zu holen und um Ian zu sagen, dass er nach Hause fahren solle.

„Wieso?“ fragte dieser, nachdem Alexandra sich bedankt und Charlie an die Leine gelegt hatte. „Was ist, wenn du ihn nicht findest? Ich könnte dir helfen.“

„Nein“, wehrte Alexandra bestimmt ab. „ Ich weiß nicht, wie Chris jetzt auf dich reagieren würde. Und Charlie findet ihn auf jeden Fall.“

„Aber…“

„Ian, ich weiß, dass es dich brennend interessiert, was Chris vielleicht erfahren hat, aber glaub mir, wie können wahrscheinlich froh sein, wenn er mit mir darüber redet. Also, bitte fahr nach Hause. Ich ruf dich später an oder komm vorbei, wenn ich sicher sein kann, dass ich Chris allein lassen kann, okay?“

„Na gut….“ Ian schien einzusehen, dass Alexandra recht hatte, wenn auch äußerst widerstrebend. „Hier ist meine Visitenkarte mit meiner Handynummer. Bitte ruf mich an, sobald du etwas weißt.“

Alexandra nahm die Karte und steckte sie in ihre Jackentasche.

„Mach ich, keine Sorge. Und jetzt fahr.“ Damit schlug sie die Tür zu und wartete, bis Ian den Motor startete und wegfuhr. Sie wollte sicher sein, dass er ihr nicht folgte und Chris möglicherweise noch mehr verschreckte als er es vermutlich sowieso schon war.

„Und jetzt suchen wir Chris“, sagte sie zu Charlie, der hechelnd zu ihr aufsah. „Komm.“

Als sie den Park erreichten, machte Alexandra Charlie von der Leine los. Ihr war klar, dass sie damit gegen die Parkvorschriften verstieß, doch das war ihr ziemlich egal. Sie wollte nur so schnell wie möglich Chris aufspüren.

„Such Chris, Charlie. Such!“

Der Hund ließ sich diesen Befehl ausnahmsweise nicht zweimal sagen. Mit einem freudigen Aufjaulen rannte er davon, mit Alexandra dicht auf den Fersen. Es dauerte nur etwa eine Minute, vielleicht auch zwei, bis sie um eine Hecke herum bogen und Alexandra Chris auf einer Bank bei einem Brunnen sitzen sah.

Aufatmend blieb sie stehen und sah zu, wie Charlie über den Rasen zu Chris hinjagte. Er bellte aufgeregt, und als er Chris erreicht hatte, stellte er ihm die Vorderpfoten auf die Knie und schleckte ihn begeistert ab.

Chris umarmte den Hund und verbarg sein Gesicht in dessen struppigem Fell. Als Alexandra näher kam, blickte er auf und sie konnte an den Tränenspuren auf seinen Wangen und den geröteten Augen erkennen, dass er geweint hatte.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Heute Morgen war alles noch so friedlich gewesen. Sie hatte endlich hoffen können, dass Chris, wenn schon nicht auf dem Weg der Heilung, dann doch auf dem Weg der Besserung war und ihre Beziehung eine reelle Chance hatte, sich normal weiterzuentwickeln. Jetzt fürchtete sie, dass sie zwar einen Schritt nach vorne, aber gleich darauf zwei wieder zurück getan hatten.

„Hey Chris“, sagte sie und blieb, die Hände in den Jackentaschen vergraben, vor ihm stehen.

 

Teil 53

 

Chris saß auf einer Bank in dem kleinen Park neben dem Bürogebäude. Es war ruhig hier, nicht weit von ihm sprudelte ein Springbrunnen und etwas weiter hinten, unter ein paar mächtigen, alten Bäumen befand sich ein Spielplatz, auf dem ein paar Kinder, bewacht von ihren Müttern, jauchzend miteinander Fangen spielten. Die Wärme der Herbstsonne, die auf ihn herunter schien, nahm er gar nicht wahr. Es war, als wäre sein Innerstes zu Eis erstarrt, das nie wieder auftauen würde.

Chris sah den Kindern zu und fragte sich, ob er jemals so unschuldig, so unbeschwert gewesen war. Es war für ihn fast nicht mehr vorstellbar….

Er hatte keine Ahnung, seit wann er hier saß. Nachdem er diesen Raum verlassen hatte, war er, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, die Treppe hinunter und aus dem Gebäude gerannt. Zum Fahren war er zu aufgewühlt gewesen, darum war er erst einmal hierher gekommen, um sich zu beruhigen und um nachzudenken.

Er war einige Zeit durch den Park gelaufen, ohne seine Umgebung richtig wahrzunehmen. Er hatte alles wie durch einen Schleier gesehen, die Büsche und Bäume, die Menschen die ihm entgegen gekommen waren und die ihm betroffene oder neugierige Blicke zugeworfen hatten. Erst nach einer Weile hatte Chris gemerkt, dass seine Wangen nass vor Tränen waren und sie zornig weggewischt.

Jack Sanders war einer der wenigen Menschen gewesen, denen Chris begonnen hatte, sein Vertrauen zu schenken. Seit vergangenem Samstag hätte er ihn sogar zögerlich als Freund bezeichnet.

Nun war alles anders. Wut und Hass auf diesen Mann, der fast ein Jahr lang sein Schicksal in den Händen gehalten hatte, ihm immer wieder gepredigt hatte, wie wichtig es war, dass er sich bemühte, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen und sich auf keine kriminellen Machenschaften einließ, beherrschten Chris’ Gefühlswelt. Wie scheinheilig Sanders doch gewesen war.

War dieser junge Mann sein erstes Opfer gewesen oder hatte es schon andere vor ihm gegeben? Bei wie vielen hatte er Erfolg gehabt? Wieso hatte Sanders ausgerechnet ihn selbst verschont? War er einfach nicht sein Typ gewesen?

Diese und andere Fragen beschäftigten Chris, seit er sich auf diese Bank gesetzt hatte. Der Tumult in seinem Inneren und die Friedlichkeit seiner Umgebung standen in einem geradezu lächerlichen Gegensatz. Wunden, die gerade erst einmal angefangen hatten, ein wenig zu verheilen, waren wieder aufgerissen worden, schmerzten, als hätte man Säure in sie hineingegossen.

Er dachte an das Verhör mit den beiden Detectives zurück. Wie sein Verhalten auf die beiden gewirkt haben musste, seine überstürzte Flucht. Vermutlich dachten die beiden jetzt, er hätte etwas zu verbergen. Hatte er auch, nur nicht so, wie sie es vermutlich erwarteten.

Chris wünschte Jack zwar, dass er für das büssen musste, was er getan hatte, das er ins Gefängnis kam und lernte, was es hieß, gezwungen zu werden, unaussprechliche Dinge zu tun, die einem langsam aber sicher die Seele zerstörten, aber er würde nicht lügen, um dieses Ziel zu erreichen. Ein kleines bisschen, ein winzig kleines bisschen Dankbarkeit war unter all dem Hass noch geblieben. Dankbarkeit dafür, dass er ihm Alexandra gegeben hatte.

Aufgeregte Bellen ließ Chris hochschrecken und im nächsten Moment spürte er eine nasse, raue Hundezunge über sein Gesicht schlabbern. Charlie.

Er schlang die Arme um den warmen Körper des Hundes und legte die Wange an dessen Seite. Wenigstens ein Wesen, das ihn nie verraten würde. Charlies Gegenwart war irgendwie tröstlich. Sie bedeutete jedoch, dass auch jemand anders hier sein musste. Chris hob den Kopf und sah direkt in Alexandras besorgtes Gesicht.

„Hey Chris“, sagte sie leise.

„Hey“, würgte er hervor. „Du…du weißt es also schon?“

Alexandra nickte. „Ja….Ian war bei mir und hat es mir erzählt. Er hat mich hergefahren. Ich hab mir schon gedacht, dass du…dass du ziemlich fertig deswegen bist.“

Chris lachte bitter auf. „Fertig? Der Typ, der mich jederzeit hätte zurück in diese Hölle schicken können, hat andere auf widerlichste Art und Weise erpresst, damit er genau das nicht mit ihnen macht. Fertig ist gar kein Ausdruck für das, wie ich mich fühle…“

„Chris, ich glaub nicht, dass Jack das getan hat. Der Kerl, der ihn angezeigt hat ist…“

„Du denkst also, dass er unschuldig ist?“, unterbrach Chris die junge Frau. Er schob Charlie sanft von sich und stand auf. „Tatsächlich?“

„Ja….Jack würde so etwas nie tun. Inzwischen müsstest du ihn doch gut genug kennen, um das zu wissen.“ Alexandra zog eine Hand aus ihren Jackentaschen und legte sie ihm auf den Arm. In ihren Augen stand ein beschwörender Ausdruck.

Chris trat einen Schritt zurück.

„Ihn kennen?“, fragte er. „Ich kenne einen Jack Sanders, der immer fair zu mir war, der mir immer wieder eine Chance gegeben hat. Aber ist das wirklich der einzige Jack Sanders, den es gibt? Weißt du das mit Sicherheit?“

Alexandra starrte ihn nur entsetzt an.

„Was meinst du damit?“

„Manche Menschen haben zwei Gesichter, das meine ich.“ Chris fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe und wich Alexandras Blick aus. „Weißt du, wie oft mir irgendein Kerl im Knast Süßigkeiten geschenkt hat, mir Familienfotos gezeigt und mir von seiner Frau und seinen Kindern erzählt hat? Manchmal war es bevor und manchmal war es nachdem er mir befohlen hat, mich umzudrehen und….“ Chris schluckte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Die Typen konnten mich ficken und danach zur Besuchsstunde mit ihren Frauen oder ihrer Familie gehen. Oder umgekehrt. Denkst du, die hätten das von ihrem Daddy oder ihrem Ehemann geglaubt? Willst du mir immer noch sagen, dass ich diesen Dreckskerl kennen müsste?“

Den letzten Satz konnte Chris nur flüstern. Er schloss die Augen und schlang die Arme um sich. Trotz der warmen Herbstsonne zitterte er vor Kälte. Einer Kälte, die aus seinem Inneren kam.

„Wir sollten jetzt nach Hause fahren“, hörte er Alexandras raue Stimme nach einiger Zeit. Sie schien es aufgeben haben, ihn von Jacks Unschuld überzeugen zu wollen, für den Moment wenigstens. Es war auch besser so. Chris hätte es nicht ertragen, jetzt weiter mit ihr darüber zu diskutieren.

 

Teil 54

 

Alexandra warf Chris, der neben ihr auf dem Beifahrersitz saß und angelegentlich aus dem Seitenfenster starrte, immer wieder forschende Blicke zu. Nachdem er ihr vorhin so drastisch den Grund für seinen Glauben an Jacks Schuld geschildert hatte, hatte sie lieber den Mund gehalten. Sie konnte Chris verstehen, doch es war für sie einfach nicht vorstellbar, dass Jack das, was man ihm vorwarf, wirklich getan hatte.

Natürlich hatte sie die kleine Zusatzinformation über das angebliche „Opfer“, das Jack angezeigt hatte. Bisher hatte sie Chris noch nichts davon erzählen können und im Moment wagte sie es auch nicht. Später, wenn er sich etwas beruhigt hatte, würde sie versuchen, noch einmal mit ihm darüber zu reden. Sie konnte nur hoffen, dass das alles ihn nicht wieder ganz an den Anfang zurückgeworfen und Doktor Winslows und ihre eigenen Bemühungen zunichte gemacht hatte.

Nachdem Alexandra den Wagen vor der Gartentür geparkt hatte, da die Auffahrt voller Baumaterial für das Garagendach war, stieg Chris wortlos aus und ging mit schnellen Schritten ins Haus. Alexandra folgte ihm etwas langsamer mit Charlie.

Als sie das Haus betrat war Chris schon auf der Treppe und auf dem Weg nach oben. Sie vermutete, dass er jetzt einfach allein sein wollte.

Alexandra seufzte. Wenn sie doch nur wüsste, wie sie mit ihm jetzt umgehen sollte. Ein heulender, verstörter Chris, den sie in den Arm nehmen und trösten konnte war ihr tausendmal lieber als der, mit dem sie es im Augenblick zu tun hatte. Der kratzbürstig und abweisend war und sie nicht an sich heran ließ.

Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass die einzige Nahrung, die sie heute zu sich genommen hatte, ein hastig hinuntergeschlungenes Stück Toast gewesen war. Bevor gegen halb drei die nächsten Patienten kamen, sollte sie vielleicht zusehen, dass sie etwas aß. Nur im Moment war ihre Kehle wie zugeschnürt und sie würde wohl keinen Bissen hinunterbringen.

Alexandra wollte gerade in die Küche gehe, um sich wenigstens eine Tasse Tee zu machen, als Chris die Treppe wieder herunterkam. Er hatte sich anscheinend hastig umgezogen und trug seine Arbeitskleidung, eine zerfranste Jeans und ein altes, verblichenes Sweat-Shirt.

„Was hast du vor?“, fragte Alexandra überrascht.

„Ich geh nach draußen, das Garagendach abdecken.“ Chris ging, ohne sie anzusehen, an ihr vorbei zur Haustür.

„Jetzt? Chris, ich weiß nicht. Du bist doch….“

„Mir geht’s gut! Fängst du schon wieder an, mich zu bevormunden?“, schnappte er und funkelte sie an.

Alexandra schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief durch. Okay, vielleicht hatte er ja Recht. Er war alt genug, um zu wissen, wozu er in der Lage war, was er jetzt vielleicht sogar brauchte. Und sie war wieder in ihre Muttergans-Rolle zurückgefallen.

„Nein, das wollte ich nicht“, entgegnete sie ruhig. „Ich mache mir nur Sorgen um dich, das ist alles.“

„Brauchst du nicht. Ich werd schon damit klar kommen, dass Sanders ein Schwein ist, das allen etwas vorgespielt hat.“

Trotz allen Verständnisses, das Alexandra für Chris’ Situation aufbringen konnte, platzte ihr jetzt der Kragen. Sie wusste, warum er so dachte, doch Jack war einer ihrer besten Freunde, sie glaubte nicht, dass er in der Lage wäre, jemanden sexuell zu nötigen und sie weigerte sich, ihn vorschnell zu verurteilen.

„Jack ist nicht so wie diese Dreckskerle aus dem Gefängnis“, erklärte sie beherrscht. „Du kennst noch nicht mal alle Fakten und du schickst ihn schon aufs Schafott. Findest du das fair?“

„Was ist schon fair“, schnaubte Chris. „Das Leben bestimmt nicht.“

„Wir müssen uns daran aber kein Beispiel nehmen, verdammt noch mal! Hör dir doch erst mal an, was Ian mir über den Kerl erzählt hat, der Jack angezeigt hat!“

Alexandra konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme lauter wurde.

„Na klar doch, Ian“, entgegnete Chris spöttisch. „Ich soll ausgerechnet dem vertrauen, was sein Lover erzählt. Nein Danke, das muss ich mir jetzt wirklich nicht geben.“

Damit drehte er sich um und griff nach der Türklinke.

„Der Junge ist der Sohn eines ziemlich reichen Typen. Er hat Jack nur Probleme bereitet. Heute wollte Jack mit seinem Boss darüber reden und die Empfehlung aussprechen, dass man den Kerl die Bewährung streicht und ihn einsperrt. Du weißt selbst, wie tolerant Jack ist und wie viel Mühe er sich gibt, um so etwas zu vermeiden. Also muss Einiges vorgefallen sein.“

Alexandra machte eine Pause. Wenigstens hatte Chris innegehalten und schien trotz seiner vorherigen Weigerung ihren Worten zu lauschen.

„Auch wenn du Recht mit der Feststellung hast, dass die meisten Menschen zwei Gesichter haben, vielleicht sogar noch mehr, das heißt nicht, dass das zweite Gesicht immer etwas Negatives sein muss. Jack ist kein Vergewaltiger, da bin ich mir sicher.“

Chris wandte sich nicht mehr zu Alexandra um, aber er verharrte mit gesenktem Kopf regungslos etliche Sekunden.

„Ich denk drüber nach“, flüsterte er schließlich, bevor er die Tür öffnete und nach draußen ging.

Alexandra lehnte mit dem Rücken and die Wand und starrte zu Boden. Ja, wohl fast jeder Mensch hatte mehrere Gesichter, mehrere Seiten seines Ichs, sie selbst und Chris mit eingeschlossen. War Alexandra gegenüber Fremden eher reserviert, Männern gegenüber, die sich zu ihr herablassend verhielten, weil sie eine Frau war oder die schlicht und einfach unverschämt mit ihr zu flirten versuchten, meistens ziemlich aggressiv, so kannten ihre Freunde sie doch als warmherzige, hilfsbereite Person, auf die sie sich in jeder Situation verlassen konnten. Und in letzter Zeit hatte Alexandra noch eine neue Seite an sich entdeckt: Die fürsorgliche Geliebte…

Und Chris konnte auf der einen Seite schüchtern und hilfsbedürftig sein und auf der anderen aggressiv und stur. Und das waren nur ein paar der völlig gegensätzlichen Eigenschaften von Chris O’Connor.

Charlie winselte und stupste Alexandras Hand mit der Nase an. Das riss diese aus ihren philosophischen Betrachtungen.

„Ja, ich weiß, du bist ein bisschen durcheinander“, sagte sie und streichelte dem Hund über den Kopf. „Ich auch. Gestern war noch alles soweit in Ordnung, Chris einfach nur ein lieber, süßer Kerl, und heute herrscht das Chaos und er ist kalt und abweisend. Und Jack steckt bis über beide Ohren in der Scheiße.“

Der Hund wuffte mitfühlend und wedelte mit dem Schwanz, während Alexandra ihn hinter den Ohren kraulte.

„Was Jack betrifft…ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er so was getan hat…“

 

Teil 55

 

Alexandra stand in der Küche und bereitete ein paar Sandwiches zu. Zum Kochen hatte sie heute Abend einfach keinen Nerv mehr. Chris hatte den ganzen Nachmittag draußen auf beziehungsweise mit dem Garagendach verbracht und anscheinend seine ganze aufgestaute Wut und Frustration daran ausgelassen. Die entfernte Dachpappe und die alten Bretter waren jedenfalls immer mit einem hörbaren Krachen auf dem Boden vor der Garage gelandet.

Er war erst herein gekommen, als es zu dunkel geworden war, um weiter zu arbeiten und dann gleich nach oben verschwunden. Alexandra seufzte laut. Ihr fiel ein, dass sie versprochen hatte, Ian anzurufen oder bei ihm vorbeizuschauen, wenn sie Näheres von Chris erfahren hatte. Das war zwar nicht der Fall, aber sie sollte ihm wenigstens Bescheid geben, dass sie noch nichts Neues wusste. Außerdem interessierte es sie, ob er selbst vielleicht neue Informationen hatte.

Alexandra stellte den Teller mit den Sandwiches auf den Küchentisch, damit Chris ihn sah, wenn er herunterkam und doch endlich Hunger haben sollte. Das Schinkenbaguette, das sie mittags noch für ihn bereitgestellt hatte, war vorhin noch immer unberührt auf der Küchentheke gestanden. Charlie hatte sich über den unerwarteten Leckerbissen gefreut, auch wenn das Baguette schon etwas trocken gewesen war.

Etwas unschlüssig nahm Alexandra das Telefon in die Hand. Chris konnte jeden Moment herunterkommen und sie wusste nicht, wie er inzwischen über die ganze Angelegenheit dachte. Zweifelte er nun am Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen gegen Jack oder hatte er den Mann schon verurteilt?

Alexandra beschloss, dass es wohl besser wäre, wenn Chris von dem Gespräch mit Ian erst einmal nichts mitbekam. Jedenfalls nicht, solange sie nicht miteinander geredet hatte. Darum verließ sie die Küche und ging nach vorne zu ihrem Behandlungszimmer, dort würde sie ungestört sein. Bevor sie es jedoch erreichte, läutete die Türglocke.

Charlie rannte an ihr vorbei und winselte. Das Bellen bei diesem Geräusch hatte sie ihm mittlerweile abgewöhnen können, es hatte sich nach der Eröffnung ihrer Praxis doch als etwas störend erwiesen, dass der Hund bei jedem Patienten eine Riesenaufstand machte. Aber er liebte es noch immer, Besucher zu begrüßen.

Alexandra ergriff Charlies Halsband und öffnete die Tür.

Auf der Veranda, im Licht der Außenlampe, standen Ian und eine ihr unbekannte Frau.

„Hallo Ian, ich wollte dich gerade anrufen…“ sagte Alexandra verwirrt.

Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt, dass Ian selbst mit Chris reden wollte. Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihm klarmachen sollte, dass es besser wäre, wenn er wieder nach Hause fahren würde. Dabei vergaß sie völlig die große, schlanke Frau mit den kurzen, braunen Stoppelhaaren neben ihm.

„Nicht mehr nötig“, sagte diese Frau mit einer angenehmen, rauchigen Stimme. „Mein Name ist Samantha Lindstroem, Sam für meine Freunde. Ich bin Jacks Anwältin. Und Sie müssen Doktor Alexandra Hastings sein, habe ich recht?“ Sie reichte Alexandra die Hand.

Alexandra wusste nicht wie ihr geschah. Und so etwas kam sehr, sehr selten vor. Ein Beweis dafür, wie durcheinander sie selbst wegen dieser ganzen Sache war. Verblüfft ergriff sie die dargebotene Hand und schüttelte diese.

„Hallo“, entgegnete sie. „Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen. Nennen Sie mich doch Alex…Und kommen Sie rein.“

Sie trat zu Seite, um den beiden Besuchern Platz zu machen. Sie konnte nur hoffen, dass Chris sich benehmen würde, sollte er beschließen, nachzusehen, wer gekommen war.

„Nur, wenn Sie mich Sam nennen.“

Alexandra musterte die Anwältin unauffällig. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Hose, schwarzes Rollkragenshirt, schwarzer Blazer. Ihr Gesicht war braungebrannt und dezent geschminkt. Alexandra schätzte die Frau auf etwa Ende zwanzig, Anfang dreißig, also im gleichen Alter wie Jack und Ian.

„In Ordnung Sam“, lächelte sie nervös.

„Alex, Sam würde gern mit Chris reden, wegen des Verhörs von heute Vormittag“, warf Ian ein. „Man hat ihr zwar gesagt, dass er befragt worden ist, aber ihr sonst keine Informationen darüber gegeben und sie würde gern wissen, was da gelaufen ist.“

Alexandra holte tief Luft. „Chris hat sogar mit mir noch nicht darüber gesprochen“, musste sie zugeben. „Und ich weiß nicht, ob er jetzt überhaupt schon dazu bereit ist.“

„Wieso fragst du dann nicht einfach?“ erklang eine Stimme von oben.

Alexandras Kopf fuhr hoch. Oben am Treppengeländer stand Chris, die Hände darauf gestützt, und sah zu ihr und den anderen herunter. Er hatte sich geduscht und umgezogen und trug jetzt eine der Jeans, die sie ihm zum Geburtstag gekauft hatte sowie eines seiner langärmligen schwarzen Shirts.

Alexandra versuchte vergeblich, aus Chris’ Gesichtsausdruck herauszulesen, in welcher Stimmung er sich befand. Es war, als hätte er sich ein Maske übergezogen. Doch wenigstens schein er nicht allzu aufgebracht über die Invasion zu sein, die Ian und Sam für ihn darstellen mussten.

„Vielleicht wollte ich das ja noch tun“, entgegnete Alexandra vorsichtig. „Ian kennst du ja und das ist-“

„Ich weiß“, wurde sie von Chris unterbrochen, der langsam die Treppe herunterkam. „Ich war schon im Flur, als du die Tür aufgemacht hast. Sie sind Mr. Sanders’ Anwältin?“ Damit wandte er sich an die braunhaarige Frau, die ihn neugierig von oben bis unten musterte.

„Ja, das bin ich. Nennen Sie mich ruhig Sam“, antwortete diese.

„Warum gehen wir nicht in die Küche und ich mache uns etwas Kaffee oder Tee“, schlug Alexandra vor.

Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder besorgt sein sollte. Im Gegensatz zu heute Mittag wirkte Chris jetzt geradezu gelassen und entspannt. Dass der äußere Schein jedoch bei ihm manchmal recht trügerisch sein konnte, hatte sie inzwischen jedoch auch gelernt. Darum wollte sie dem Frieden nicht so recht trauen.

Charlie trabte voraus und machte es sich auf seinem Stammplatz bequem, während er die Besucher wachsam musterte.

Alexandra ließ Ian und Sam den Vortritt. Dann wandte sie sich zu Chris.

„Bist du sicher, dass du jetzt mit den beiden reden willst?“ flüsterte sie.

Chris nickte stumm. Dann ging er ebenfalls in die Küche und Alexandra blieb nichts anderes übrig, als im zu folgen.

„Setzt euch doch“, forderte sie Ian und Sam auf. „Kaffee oder Tee?“

Nachdem sich alle für Ersteres entschieden hatten und die Kaffeemaschine munter vor sich in röchelte, setzte Alexandra sich ebenfalls an den Tisch. Chris hatte zwischenzeitlich Tassen, Milch und Zucker auf den Tisch gestellt und sich anschließend auf die Küchentheke geschwungen, wo er nun mit ausdruckslosem Gesicht saß.

„Okay“, sagte Alexandra. „Erst einmal würde mich interessieren, wie es Jack eigentlich geht.“

„Nun, ich habe den halben Nachmittag mit ihm verbracht, nachdem die Polizei ihr Verhör beendet hatte“, erklärte Sam. „Er ist ziemlich fassungslos und schockiert.“

Ian verbarg sein Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. „Ich versteh das einfach nicht“. Seine Stimme klang dumpf. „Weiß dieser junge Idiot denn nicht, was er da anrichtet? Er zerstört das Leben eines Menschen….“

„Das ist ihm vermutlich egal.“ Sam schlug einen Hefter mit Notizen auf. „Wie dem auch sei, wir können nicht mehr ändern, was passiert ist. Ich habe hier eine Liste der Männer, die Jack zur Zeit betreut. Sie werden alle in den nächsten Tagen von der Polizei befragt. Ich schätze, man wird das Hauptaugenmerk auf solche Personen richten, die Allington im Alter nahe stehen. Und hier kommt Chris ins Spiel….“ Sie warf dem jungen Mann, der die ganze Unterhaltung wie unbeteiligt zu verfolgen schien, einen kurzen Blick zu. „Er ist im Moment der einzige, der altersmäßig passen würde, alle anderen sind fünfundzwanzig und älter.“

„Wieso glauben Sie, dass die Polizei diesen Personenkreis ausschließen wird?“ erkundigte sich Alexandra verblüfft.

„Man wird sie nicht völlig ausschließen, aber jüngere Menschen stellen nun einmal die leichteren Opfer dar. Und der Ankläger wird vermutlich versuchen, Jack ein bestimmtes Verhaltensmuster zu unterstellen. Daher diese Eingrenzung“, erklärte die Anwältin geduldig.

„Ich verstehe.“

Die Kaffeemaschine gab ein letztes, lautes Röcheln von sich, als wäre sie gerade in die ewigen Jagdgründe der Küchengeräte eingegangen. Charlie hob den Kopf und wuffte das Gerät indigniert an.

„Ja, Kleiner, ich weiß“, sagte Alexandra und stand auf. „Ich muss das Ding mal entkalken.“

Mit der Kaffeekanne in der Hand sah sie Chris an. „Möchtest du auch eine Tasse?“

Chris schüttelte den Kopf. „Nein. Gibst du mir bitte ein Glas Milch?“

Alexandra musste sich fast auf die Zunge beißen, damit sie ihn nicht fragte, was los war. Normalerweise trank Chris keine Milch, außer im Kaffee und bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er Cornflakes oder Müsli zum Frühstück as.

„Klar. Soll ich sie dir ein bisschen in der Mikro warm machen?“

Alexandra hoffte, dass ihre Stimme neutral klang und nichts von ihrer Sorge verriet. Er war wohl doch nicht so ruhig und unbeteiligt, wie er sich den Anschein zu geben versuchte.

Alexandra goss den Kaffee in die auf dem Tisch stehenden Tassen, bevor sie sich um die Milch für Chris kümmerte. Als sie ihm das Glas reichte, ergriff er es dankbar und nahm einen großen Schluck.

Den kleinen Milchbart auf seiner Oberlippe leckte er mit einer schnellen Bewegung seiner Zungenspitze weg und erinnerte Alexandra damit unwillkürlich an ein Kätzchen. Fast unbewusst streckte Alexandra die Hand aus und streichelte ihm sanft über die Wange. Sie war erleichtert, als Chris sich in ihre Berührung hineinlehnte und sie dankbar ansah. Er war also nicht wütend auf sie.

Ein Räuspern vom Küchentisch her schreckte Alexandra aus ihrer stummen Zwiesprache mit Chris und sie drehte sich um.

„Alex, Sam wollte mit Chris noch über das Verhör von heute Vormittag reden.“ Ian warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.

„Ja, das wollte ich“, bestätigte die Anwältin und stand auf, um zur Theke herüberzukommen. „Ich würde gern wissen, was man Sie alles gefragt hat.“

Chris stellte das Glas, das er noch in der Hand hielt, zu Seite und umklammerte mit beiden Händen die Kante der Küchenarbeitsplatte, auf der er saß.

„Die beiden Detectives…ich hab ihre Namen vergessen, es waren ein Mann und eine Frau….Sie haben mich gefragt, ob ich wusste, das Mr. Sanders homosexuell ist.“

„Was hast du ihnen gesagt?“ erkundigte sich Ian.

„Ich hab gelogen.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Ich hatte ja noch keine Ahnung was die blöder Fragerei sollte und hab geglaubt, es hätte was mit mir zu tun und dass ich irgendetwas Falsches getan hatte…. Und dann diese dämliche Frage.“

„Und weiter?“ Sam sah Chris forschend an.

Alexandra merkte, dass er mit der Antwort zu kämpfen hatte und ergriff seine Hand. Seine Finger schlossen sich mit fast schmerzhaftem Druck um die ihren.

„Dann wollten sie wissen, ob Mr. Sanders mich…ob er mich jemals belästigt hätte, oder…oder mich gezwungen hätte, mit ihm…“ Chris stockte und fuhr sich mit seiner freien Hand übers Gesicht.

„Sie haben das verneint?“ Sam’s Stimme klang sachlich.

Chris nickte stumm.

„War das die Wahrheit?“

„Sam!“ Ian war aufgesprungen und starrte seine Freundin erregt an. „Was soll das? Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“

„Man wird Chris möglicherweise vor Gericht oder in einer Vorverhandlung als Zeugen befragen. Und der Staatsanwalt wird mit allen Mitteln versuchen, Jacks Schuld zu beweisen.“ Sam verschränkte die Arme vor der Brust. „Willst du mir einen Vorwurf daraus machen, dass ich wissen will, woran ich bin und womit ich rechnen muss?“

Ian ließ sich auf seinen Stuhl zurück fallen und starrte unglücklich vor sich hin.

„Nein“, flüsterte er schließlich.

„Gut. Also, haben Sie diesen Detectives die Wahrheit gesagt?“ Sam sah Chris aufmerksam an.

Alexandra spürte, wie Chris’ Griff stärker wurde.

„Ja...das habe ich. Mr. Sanders hat mich niemals angerührt und er hat mir gegenüber nie anzügliche Bemerkungen gemacht.“ Seine Stimme klang klar und fest.

Zufrieden nickte Sam und von Ian war ein erleichtertes Seufzen zu hören.

„Gut. Wenigstens ein Pluspunkt für uns. War sonst noch etwas Erwähnenswertes?“

Alexandra spürte, dass Chris zögerte. Sie hatte keine Ahnung, wie diese Vernehmung abgelaufen war, doch die Bemerkung der älteren Frau an der Anmeldung der Behörde fiel ihr wieder ein. Chris war wie von tausend Teufeln verfolgt aus dem Gebäude gehetzt

Sie öffnete schon den Mund, um Sam genau das mitzuteilen, als Chris ihr zuvorkam.

„Ich schätze, die beiden haben mir nicht geglaubt“, gab er zu. „Ich…ich war so durcheinander und wollte nur so schnell wie möglich raus. Vielleicht…vielleicht dachten sie, dass ich ein schlechtes Gewissen habe oder so….“ Er senkte den Kopf und starrte auf den Boden.

Sam stieß einen unterdrückten Fluch aus und begann in der Küche hin und her zu laufen.

„Das ist weniger gut“, murmelte sie vor sich hin.

Dann blieb sie stehen und drehte sich zu Chris um, der noch immer Alexandras Hand fest umklammert hielt.

„Nicht gut, aber nicht zu ändern. Ich werde Sie als Zeugen der Verteidigung benennen, der aussagen wird, dass Jack sich immer korrekt benommen hat, dann haben wir wenigstens einen besseren Start. Sind Sie damit einverstanden? Die Anklage würde Sie vermutlich sowieso vorladen.“

Alexandra fing Chris’ Hilfe suchenden Blick auf. Sie nickte ihm aufmunternd zu.

„Sam hat wahrscheinlich recht“, bestätigte sie die Einschätzung der Anwältin.

Chris atmete tief durch.

„Also gut. Machen Sie, was Sie für richtig halten“, erklärte er bedrückt.

„Sehr gut.“ Sam wandte sich zu Ian. „Wolltest du noch irgendetwas sagen oder können wir gehen? Ich habe noch einiges vorzubereiten.“

Ian stand auf. „Das ist okay.“ Er trat zu Chris und Alexandra. „Chris, ich wollte mich nur bei dir bedanken“, sagte er zögernd.

„Wofür? Dass ich die Wahrheit gesagt habe?“ Chris sah ihn verwundert an.

Ian stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Das auch. Aber…die ganze Sache ist bestimmt nicht ganz einfach für dich….“

Alexandra stand nahe genug bei Chris, um zu spüren wie er sich bei diesen Worten versteifte. Eine Zehntelsekunde später warf er ihr einen ungläubigen und anklagenden Blick zu.

„Ich hab nichts gesagt“, sagte sie leise. „Ian hat gemerkt, wie aufgeregt ich war wegen dir und…er musste nur noch eins und eins zusammenzählen.“

Chris schloss die Augen und senkte den Kopf. Es war ihm anzusehen, wie unendlich peinlich es ihm war, dass Ian und nun auch Jacks Anwältin wussten, was mit ihm passiert war.

„Oh mein Gott…“, kam es von Sam. „Kein Wunder, dass Sie nur noch weg wollten, nachdem Sie von der Sache mit Jack erfahren haben.“

Alexandra merkte, dass Chris langsam aber sicher am Ende seiner Kräfte angelangt war und sie sah ihre beiden Gäste vielsagend an.

Ian verstand den Wink sofort und auch Sam nickte.

„Du brauchst uns nicht zu Tür zu bringen, Alex“, erklärte Ian. „Ich ruf dich an, sobald ich etwas Neues weiß.“

„Danke“, entgegnete Alexandra. „Kommt gut nach Hause.“

Sie achtete nicht weiter auf Ian und Sam, die nach einem letzten, betroffenen Blick auf Chris die Küche und das Haus verließen. Ihre volle Aufmerksamkeit richtete sich auf den jungen Mann, der mit geschlossenen Augen reglos dasaß und versuchte, tief und regelmäßig Luft zu holen.

„Chris?“ fragte Alexandra alarmiert.

Er hatte seit dieser Nacht am Shashta Lake keine Panikattacke mehr gehabt und sie hatte gehofft, dass das weiterhin so bleiben würde. Im Moment sah es jedoch so aus, als wäre diese Hoffnung vergebens und sie legte ihm den Arm um die Taille um ihm von der Theke herunterzuhelfen.

Als er stand, holte Chris noch ein paar Mal tief Atem, dann öffnete er die Augen und sah Alexandra an.

„Ist schon vorbei“, flüsterte er. „Mach dir bitte keine Sorgen.“

Das war leichter gesagt als getan. Chris sah aus, als würde er jeden Monet zusammenklappen. Erst dieser Schock heute Vormittag, dann hatte er sich ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein ohne nennenswerte Pause körperlich verausgabt, schließlich noch der unerwartete Besuch von Ian und dieser Anwältin….

„Weißt du was? Ich glaube, für heute reicht es uns beiden. Was hältst du davon, wenn du deine Milch austrinkst und dann gehen wir ins Bett?“

Alexandra fühlte sich selbst wie ausgelaugt. Wie musste es da Chris gehen? Das Ganze hatte ihn emotional tausendmal mehr mitgenommen als sie selbst. Die Ruhe würde ihnen beiden gut tun.

Chris nickte zögernd. Etwas schien er jedoch noch auf dem Herzen zu haben, denn er sah aus, als wollte er etwas sagen, wusste aber nicht wie.

„Was ist denn?“ erkundigte sich Alexandra. „Du weißt doch, dass du mit mir über alles reden kannst, nicht wahr?“ fügte sie behutsam hinzu.

Chris druckste noch ein wenig herum, dann überwand er sich schließlich.

„Du…hast doch noch ein paar von den Tabletten, die Doktor Langton dir damals für mich mitgegeben hat?“

„Hast du Schmerzen?“ fragte Alexandra betroffen. „So schlimm?“

Sie hätte vorhin schon dran denken solle, dass etwas in dieser Art nicht stimmte, als Chris sie um die Milch gebeten hatte.

Seit diesem Abend, als sie ihn zu Doktor Langton geschleppt hatte, hatte er nichts mehr von Bauchschmerzen gesagt. Aber so wie sie Chris kannte, hatte das nicht viel zu bedeuten. Er hatte wahrscheinlich einfach geschwiegen und die Zähne zusammengebissen um sie nicht zu beunruhigen. Das er sie jetzt um die Tabletten bat, war nur ein weiterer Beweis dafür, wie fertig er wirklich war.

Chris nickte fast unmerklich.

„Es ist jetzt immer schlimmer geworden“, flüsterte er und presste eine Hand auf seinen Bauch, während er sich an die Küchentheke lehnte, auf der er kurz vorher noch gesessen hatte.

„Verdammt“, fluchte Alexandra. Sie ließ Chris los, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er ihr nicht umkippen würde und ging hinüber zum Küchenschrank, wo sie ihre Medikamente aufbewahrte. Die beiden Schachteln, die sie von Doktor Langton bekommen hatte, lagen ganz vorne. Sie nahm beide heraus.

Du nimmst jetzt gleich zwei Schmerztabletten, dann bringe ich dich rauf“, ordnete Alexandra ihn ihrem besten „Und-wage-ja-keinen-Widerspruch“-Ton an.

Sie nahm Chris’ Hand und schüttete ihm zwei der weißen Kügelchen auf die Handfläche. Dann reichte sie ihm ein Glas Wasser.

„Nun mach schon“, forderte sie ihn auf, als er nur dastand und die Tabletten anstarrte.

Chris hob den Kopf und sah sie an. „Alex…es tut mir leid, dass ich so eine Last für dich bin….“ Seine braunen Augen waren voller Qual und glänzten verdächtig feucht. Als er blinzelte, löste sich eine einzelne Träne und rollte ihm über die Wange. „Ich mach dir nur Probleme.“

„Oh Gott….“

Alexandra traf die Erkenntnis wie ein Schlag, dass sie wieder einmal alles falsch gemacht hatte. Jetzt, wo Chris dringend ihre liebevolle Fürsorge gebraucht hätte, war sie sachlich und distanziert geblieben, um ihm nicht das Gefühl zu geben, dass sie ihn bemuttern und wie ein Kind behandeln wollte. Dafür glaubte er jetzt, dass er eine Belastung für sie war. Manchmal war sie einfach ein unsensibler Stoffel.

Mit einem Kloß im Hals, der ihr die Luft abzuschnüren drohte, trat Alexandra vor Chris hin und legte ihm die Hände auf die Schultern.

„Du bist keine Last für mich, wie kommst du denn darauf? Du bist mein Freund und ich liebe dich“, sagte sie eindringlich. „Du kannst doch nichts dafür, dass….“

Alexandra schluckte und zog Chris, dem inzwischen noch mehr Tränen über die Wangen kullerten, an sich.

„Schhhh, Baby, ist ja gut“, flüsterte sie und strich ihm beruhigend über den Rücken. Innerlich verfluchte sie diesen Dreckskerl, der diese ganze verdammte Angelegenheit mit seiner Falschaussage ins Rollen gebracht hatte. Konnte dieser junge Idiot sich überhaupt vorstellen, was er damit angerichtet hatte?

Wenn sie Pech hatten, dann war Chris dadurch vielleicht wieder ganz an den Anfang zurückgeworfen worden, an den Punkt, bevor er die Therapie bei Doktor Winslow begonnen hatte. Ganz zu schweigen von den Folgen für Jack. Selbst wenn er freigesprochen werden würde, diese Anzeige und die damit verbundenen Enthüllungen würden vermutlich das Ende seiner Karriere als Bewährungshelfer bedeuten.

„Komm, nimm jetzt die Tabletten und dann gehen wir rauf, okay?“

Alexandra drückte Chris noch einmal fest an sich, bevor sie sich nach hinten lehnte, um ihm ins Gesicht zu sehen.

„Okay“, schniefte er. „Alex?“

„Was ist denn?“

„Ich…ich bin so froh, dass…dass ich dich habe…“
 

 

Teil 56

 

Alexandra stand unter der Dusche und ließ das warme Wasser auf ihren Körper hinunterprasseln. Sie hasste es, mit dem Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase ins Bett zu gehen, darum duschte und wusch sie sich die Haare normalerweise abends. Auch nach Stunden, nachdem sie die Praxis verlassen hatte, hing dieser Geruch noch darin fest.

Alexandra hatte sich schon oft gefragt, warum es noch niemandem gelungen war, ein Mittel zu erfinden, das einen angenehmen Duft verströmte. Sie liebte ihren Beruf, doch das war eines der Dinge, auf die sie gut und gerne hätte verzichten können.

Vorhin hatte sie Chris geholfen, sich umzuziehen und ihn dann ins Bett gesteckt. Sie hatte ihn mit einer Wärmflasche versorgt und eine Tasse Pfefferminztee auf seinen Nachttisch gestellt. Das war die praktische Seite ihrer Hilfe gewesen.

Danach hatte Alexandra sich neben Chris auf die Bettkante gesetzt und versucht, ihm zu erklären, wieso sie vorhin so sachlich gewesen war. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie die richtigen Worte gefunden hatte, doch sie hoffte, dass Chris seine Unsicherheit überwunden und sie verstanden hatte. Zumindest hatte er etwas beruhigter ausgesehen.

Alexandra stellte das Wasser ab und trat aus der Duschkabine. Während sie sich abtrocknete fielen ihr die Worte wieder ein, die sie erst vor ein paar Tagen zu Chris gesagt hatte. ‚Was soll schon groß passieren….’ Unwillkürlich fragte sie sich, ob sie damit den Zorn irgendeiner Gottheit auf sie alle herab beschworen hatte.

War es wirklich erst gestern gewesen, dass Chris sich in ihren Armen hatte völlig fallenlassen? Dass er und ihre Beziehung zueinander eine große Hürde überwunden hatten? Alexandra kam es vor als lägen zwischen gestern und heute Abend nicht vierundzwanzig Stunden, sondern ein halbes Leben.

Dann wanderten ihre Gedanken zu Jack. Wie mochte er sich jetzt fühlen? Sie hatte keine Sekunde lang die Anschuldigungen gegen ihren Freund geglaubt, auch wenn Chris anderer Meinung sein mochte. Alexandra konnte sich nicht vorstellen, dass Jack zu so etwas fähig sein sollte. Dieser Junge musste einfach gelogen haben.

Sie zog sich ihr Pyjamaoberteil über den Kopf und gähnte. Vielleicht sollte sie ihre Haare lieber fönen, da sie vermutlich einschlafen würde, bevor sie von selbst getrocknet waren.

Als Alexandra zehn Minuten später zurück ins Schlafzimmer kam, schien Chris bereits zu schlafen. Sie trat an das Bett heran und sah auf ihn hinunter. Er lag auf der Seite und sein Gesicht wirkte entspannt, die Schmerztabletten und die Wärmflasche mussten ihre Wirkung getan haben.

Sie wusste noch immer nicht, was er jetzt eigentlich über die ganze Angelegenheit dachte. Chris konnte verschlossen sein wie eine Auster, wenn er über eine bestimmte Sache nicht reden wollte. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Weigerung, an Jack’s Schuld zu glauben, keinen Keil zwischen sie getrieben hatte.

Alexandra hob ihre Bettdecke und schlüpfte vorsichtig darunter, um Chris nicht zu wecken. Dann löschte sie ihre Nachttischlampe. Auf dem Rücken liegend starrte sie in die Dunkelheit, die nur vom entfernten Licht einer Straßenlaterne, das durch die geschlossenen Vorhänge drang, ein ganz klein wenig erhellt wurde.

Sie spürte, wie Chris ein wenig näher zu ihr rutschte, seine Wange an ihre Schulter schmiegte und eine Hand auf ihren Bauch legte.

„Chris?“ flüsterte sie.

Als Antwort erhielt sie jedoch nur tiefe, regelmäßige Atemzüge. Alexandra schluckte und streichelte sanft über Chris’ Hand. Dass er hatte tatsächlich einschlafen können, bewies nur, wie erschöpft er gewesen sein musste nach diesem Tag.

Alexandras eigene Erschöpfung machte sich nun mit aller Macht bemerkbar. Sie ließ ihre Hand auf der von Chris liegen und schloss die Augen. Sekunden später war sie ebenfalls eingeschlafen.

***

„Nein! Nicht....Bitte nicht….“

Lautes Schluchzen riss Alexandra aus dem Schlaf. Mit einem Schlag war sie hellwach und knipste die Nachttischlampe an. Sofort wandte sie sich zu Chris, der sich unruhig hin- und herwälzte und sich hoffnungslos in der Bettdecke und den Laken verheddert hatte. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie ihn jetzt besser nicht packen und wachrütteln sollte, da er sie im ersten Moment sonst für einen seiner imaginären Peiniger halten würde.

„Chris!“ rief sie. Als dies keine Wirkung zeigte, versuchte sie es noch mal, diesmal etwas lauter.

Mit einem leisen Aufschrei erwachte Chris und wollte sich aufsetzen. Als ihm das wegen der ineinander verwickelten Laken und der Bettdecke nicht gelang, schluchzte er panisch auf.

„Hey, alles okay, du bist in Sicherheit!“ Alexandra versuchte, ihre Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen, auch wenn sie sich alles andere als ruhig fühlte.

„Niemand kann dir etwas tun…“

Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus und strich ihm über die Wange. Chris Kopf fuhr herum und er starrte sie keuchend an.

„Oh Gott…Alex….“

„Ich bin ja da“, sagte Alexandra und half ihm, sich aus den verhedderten Laken zu befreien. Kaum hatte Chris sich aufgesetzt, fiel er ihr schon um den Hals und klammerte sich an sie.

„Ich hasse diese Träume“, flüsterte er erstickt. „Wieso können sie nicht endlich aufhören….“

Alexandra erwiderte seine Umarmung, hielt ihn einfach nur fest, wie sie es schon viele Male zuvor getan hatte.

„Ich weiß es auch nicht“, entgegnete sie hilflos. Gegen diese Träume gab es kein Wunderheilmittel, sie konnten nur hoffen, dass sie mit der Zeit seltener wurden und vielleicht, ein großes „vielleicht“, verschwinden würden.

Chris’ Atem wurde ruhiger und er löste sich ein wenig von Alexandra.

„Danke“, sagte er rau. „Entschuldige bitte, dass ich dich aufgeweckt habe….“

Niedergeschlagen wich er ihrem Blick aus.

„Chris….“ Alexandra schüttelte den Kopf.

„Vielleicht sollte ich doch wieder in meinem Zimmer schlafen, dann störe ich dich wenigstens nicht.“ Chris ließ sie los und wischte sich mit dem Handrücken über die nassen Wangen.

„Lass den Quatsch“, fauchte Alexandra. „Ich will nicht, dass du damit alleine bist, hörst du?“

Chris sah sie erschrocken an. „Ich meinte doch nur…“

„Ich weiß, was du gemeint hast“, entgegnete Alexandra, die ihren Ausbruch schon wieder bereute, etwas sanfter. „Du willst mir nicht zur Last fallen. Aber das tust du nicht, das habe ich dir doch schon gesagt. Wir schaffen das schon“, fügte sie eindringlich hinzu.

Es dauerte eine paar Sekunden, bis Chris zögernd nickte. Er schien erleichtert zu sein, dass sie seinen Vorschlag nicht angenommen hatte. Kein Wunder, mit solchen Träumen wäre sich auch nicht gern allein geblieben.

„Willst du mit mir darüber reden was du geträumt hast?“

Chris senkte den Kopf und krallte seine Finger in seine Bettdecke, die um seine Hüften gewickelt war.

„Das Übliche.“ Seine Stimme zitterte leicht. „Von…von diesem ersten Mal in der Dusche…nur….“ Er schwieg und rieb sich mit der Hand über die Stirn.

„Was nur?“

Diesen Traum kannte Alexandra. Chris hatte ihr zwar nur sehr selten Einblick in seine quälende Alptraumwelt gewährt, aber von diesem Traum hatte er ihr einmal, von vielen Schluchzern unterbrochen, erzählt. Er hatte dieses Ereignis bei seinem „Geständnis“ kurz vor seinem Selbstmordversuch zwar erwähnt, aber es ausführlich geschildert zu bekommen, war etwas völlig anderes gewesen.

Während Chris danach in einen unruhigen Schlummer gefallen war, war Alexandra bis zum Morgengrauen wach gelegen, hatte ihn in ihren Armen gehalten und versucht, ihre wild tobenden Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wenn dieser Jackson und seine beiden Kumpane in diesem Moment vor ihr gestanden wären, dann hätte sie diese Schweine für das, was sie einem halben Baby angetan hatten, mit Wonne langsam und äußerst schmerzhaft umgebracht.

„Diesmal…diesmal war Mr. Sanders dabei und…hat zugesehen…“ würgte Chris schließlich hervor.

Im ersten Moment wusste Alexandra nicht, was sie darauf sagen sollte. Das, was am Tag zuvor passiert war, war also der Auslöser für den Alptraum gewesen. Wenigstens hatte Chris aber nicht geträumt, dass Jack einer seine Vergewaltiger war.

„Chris…glaubst du wirklich, dass es stimmt, was Jack vorgeworfen wird?“ fragte sie.

Chris schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Mr. Sanders war immer…er war eigentlich immer nett zu mir, außer ich hab ihn mal wieder auf die Palme gebracht, weil ich einen Job verloren hatte. Aber er hat nie etwas versucht….“

Alexandra seufzte. Wenigstens war er nicht mehr hundertprozentig überzeugt von Jacks Schuld und hegte Zweifel.

„Chris, hör zu. Ich kenne Jack schon jahrelang, er ist eine Seele von Mensch, der alles für seine Freunde tun würde. Darum bin ich sicher, dass er nichts Unrechtes getan hat. Dass er dafür hatte sorgen wollen, dass Allingtons Bewährung aufgehoben wurde, verstärkt diese Sicherheit nur. Und außerdem…waren denn alle deine Mitgefangenen miese Vergewaltiger?“

Chris sah Alexandra nachdenklich an, während er auf seiner Unterlippe herumkaute.

„Nein…das waren sie nicht“, gab er schließlich zu. „Es gab nur ein paar Cliquen, die…die das gemacht haben. Aber wenn die dich im Visier hatten und…. Nur ein einziges Mal hat gereicht, und du warst Freiwild. Das ist nicht nur mir so gegangen.“

Sie saßen sich jetzt im Schneidersitz gegenüber. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte Alexandra, dass es kurz nach zwei war. Charlie lag auf seinem Teppich und beobachtete sie mit einem Auge. Er stieß ein unwilliges Schnauben aus, bevor er auch dieses wieder schloss und sich erneut seinen Hundeträumen hingab.

„Okay…“, sagte Alexandra langsam. „Ich kann verstehen, dass du an Jacks Unschuld Zweifel hast, aber ich bin froh, dass du für ihn aussagen wirst. „

Chris zupfte an seiner Decke herum. Er hatte sich eigentlich ziemlich schnell beruhigt nach seinem Alptraum, viel schneller als früher und Alexandra fühlte die Hoffnung in sich aufsteigen, dass ihn diese Sache doch nicht soweit zurückgeworfen hatte, wie sie anfangs befürchtet hatte.

„Weißt du…als ich erfahren hab, wieso er verhaftet worden ist…da hab ich mich gefühlt als würde alles um mich herum einstürzen. Ich war entsetzt, wütend, voller Hass…. Ich hab gerade erst angefangen, ihm wirklich zu vertrauen und vielleicht sogar so etwas wie einen Freund in ihm zu sehen. Und dann das….“

Alexandra hatte keine Ahnung, was sie darauf sagen sollte. Chris’ Gefühle waren nur zu verständlich, von seiner Warte aus betrachtet.

„Heute Nachmittag, als ich draußen war, hab ich über das nachgedacht, was du gesagt hast. Nachdem ich meine Wut ein wenig abreagiert hatte.“

Alexandra musste unwillkürlich lächeln. Ja, das war deutlich zu hören gewesen. Chris hatte sich wirklich keine Mühe gegeben, unnötigen Lärm zu vermeiden. Sie hatte schon fast darauf gewartet, dass einer ihrer Nachbarn ankam und sich beschwerte.

„Und…da ist mir klar geworden, dass ich Mr. Sanders vielleicht doch zu schnell verurteilt habe. Vielleicht. Darum hab ich zugestimmt, für ihn auszusagen. Immerhin hab ich es ihm zu verdanken, dass ich jetzt hier bin. Er hat mir etwas sehr Wertvolles geschenkt….“ Chris sah Alexandra ernst an. „Doktor Winslow hat recht gehabt, als sie mal gesagt hat, dass ich nicht ewig so hätte weitermachen können. Irgendwann wäre ich durchgedreht und…hätte einfach Schluss gemacht, weil ich das alles nicht mehr ertragen hätte.“

Alexandra lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter, als sie das hörte. In Chris’ Augen konnte sie die Bestätigung lesen, dass er jedes seiner Worte so meinte, wie er es gesagt hatte. Die Vorstellung, was mit ihm passiert wäre, wenn Jack nicht auf die Idee gekommen wäre, ihn zu ihr zu schicken, wenn er nicht so hartnäckig geblieben wäre und wenn sie selbst nicht ihre Meinung schließlich geändert hätte, raubte Alexandra fast den Verstand. Vielleicht hätte er dann eines Tages versucht, sich in irgendeinem schmuddeligen Motelzimmer das Leben zu nehmen und niemand wäre gekommen und hätte ihn gerade noch rechtzeitig gefunden….

„Chris, bitte sag so etwas nicht“, sagte sie mit zittriger Stimme. „Ich will gar nicht daran denken….“

Sie konnte nicht weiter sprechen und warf stattdessen ihre Arme um Chris und drückte ihn fest an sich, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Nein, ein Leben ohne ihn konnte und wollte sie sich nicht mehr vorstellen.

Chris erwiderte ihre Umarmung.

„Ich auch nicht“, flüsterte er, das Gesicht in ihren Haaren vergraben. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass ich hier bei dir bin. Manchmal hab ich nur solche Angst, dass dir das alles zuviel wird. Ich weiß, dass ich oft nicht einfach bin….“

Alexandra musste trotz ihrer Tränen lachen. „Und wer hat gesagt, dass es einfach ist mit mir zu leben?“ Sie lockerte ihren Griff ein wenig und lehnte sich zurück um Chris ins Gesicht zu sehen.

„Es wird mir nie zuviel werden, mich um dich zu kümmern und für dich da zu sein, wenn du mich brauchst“, versprach sie.

Alexandra meinte, was sie sagte. Jahrelang hatte sie davor zurückgescheut, sich wieder mit einem Mann einzulassen, aus Angst, erneut verletzt zu werden. Sie hatte ihren Abneigung gegen den männlichen Teil der Bevölkerung gepflegt und kultiviert wie eine empfindliche tropische Zimmerpflanze.

Und nun hatte sie jemanden gefunden, der sie um ihrer selbst willen liebte und sie brauchte und nicht, weil er eine schnelle, unverbindliche Bettgeschichte suchte oder weil sie Verbindungen zu L.A.’ s High Society hatte, die sie zwar nicht pflegte, die aber dennoch vorhanden waren. Es hatte eine Menge Leute im Umfeld ihrer Familie gegeben, die ihre Eltern insgeheim dafür verurteilt hatten, dass sie Alexandra nur wegen ihrer Berufswahl und ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von ihrer Familie hatten fallenlassen.

Sie hatte ihren Topf mit dem Goldschatz am Ende des Regenbogens gefunden, etwas verdellt und verbeult, aber so unendlich viel kostbarer als alle anderen Schätze der Welt.

So empfand Alexandra Chris und ihre Liebe zu ihm. Er hatte Erfahrungen hinter sich, die einen schwächeren Menschen schon längst zerstört hätten, er würde diese Erfahrungen sein Leben lang mit sich herumtragen, sie würden seine Beziehung zu ihr und die zu anderen Menschen immer beeinflussen – aber Alexandra würde ihn um nichts in der Welt mehr hergeben wollen.

„Alex?“ Chris’ Stimme unterbrach ihre Gedankengänge.

„Was?“

„Es tut mir leid, dass ich heut so eklig zu dir war.“

Alexandra seufzte. „Das ist schon okay. Ich hätte an deiner Stelle wahrscheinlich noch viel schlimmer reagiert.“

Sie gähnte. Die paar Stunden Schlaf hatten so gut wie nichts geholfen die bleierne Müdigkeit aus ihrem Köper zu vertreiben.

„Was hältst du davon, wenn wir jetzt versuchen, noch ein wenig zu schlafen?“ fragte sie. „Oder…möchtest du noch reden?“

Chris schüttelte den Kopf. „Nein…ich denke nicht…“, sagte er leise. „Ich bin todmüde.“

„Ich auch“, entgegnete Alexandra und klopfte ihr Kissen zurecht, bevor sie sich hinlegte.

Dann sah sie zu Chris hoch, der noch keine Anstalten machte, ihrem Beispiel zu folgen. Sie hob ihre Bettdecke ein Stück an.

„Komm her“, forderte sie ihn auf.

Chris sah einen Moment lang so aus, als wollte er widersprechen, doch dann schob er seine eigene Decke zur Seite und schlüpfte mit unter ihre. Er schmiegte sich eng an Alexandra.

„Danke“, flüsterte er.

„Keine Ursache.“

Alexandra streckte ihre Hand aus und knipste die Nachttischlampe aus. Sie lag auf dem Rücken und Chris’ Kopf ruhte an ihrer Schulter, während er seine Hand mit der ihren auf der Bettdecke unterhalb ihrer Brust verschränkt war. Eine Zeitlang waren nur ihrer beider Atemzüge zu hören, gelegentlich untermalt von einem Schnaufen aus Charlie’s Richtung.

Obwohl Alexandra den Schlaf herbeisehnte, er wollte einfach nicht kommen. Zuviel schwirrte ihr im Kopf herum. Chris schien es nicht anders zu gehen.

„Alex?“ vernahm sie seine Stimme nach einer Weile. „Schläfst du schon?“

„Nein“, brummte sie.

„Was glaubst du wie’s jetzt weitergehen wird?“

„Keine Ahnung. Vielleicht kommt Jack bis zur Verhandlung gegen Kaution frei.“

„Wann wird die Verhandlung wohl sein?“

„Wird eine Weile dauern, schätze ich.“

Alexandra drückte Chris’ Hand. Sie konnte sich denken, was ihn beschäftigte. Er hatte Angst davor, vor Gericht aussagen zu müssen, vor all den Fragen, die man ihm unweigerlich stellen würde und die böse Erinnerungen wachrufen würden.
Sie hörte ihn leise seufzen.

„Wenn das alles doch bloß schon vorbei wäre….“
 

 

Teil 57

 

Am Vormittag des nächsten Tages half Chris Alexandra in ihrer Praxis. Es war ungewöhnlich viel los, angefangen von einem Hund mit einer vereiterten Pfote über eine Katze mit entzündeten Ohren bis zu einem Meerschweinchen mit einem gebrochenen Bein. Chris nahm die neuen Patienten auf und bereitete die Karteikarten der Stammpatienten vor, er übernahm die ganze Hintergrundarbeit, so dass Alexandra sich nur noch um die Behandlung selbst kümmern musste.

Es verblüffte die junge Tierärztin immer wieder, wie schnell er begriffen hatte, worauf es ankam. Während sie nervös wurde, wenn vier Patienten warteten und einer auf ihrem Behandlungstisch saß, blieb Chris die Ruhe selbst.

Aber so war es mit allem was er tat. Er konzentrierte sich auf die ihm gestellte Aufgabe und schien alles andere zu vergessen. Und genau das musste der Grund sein warum er sich immer mit Feuereifer in eine Arbeit stürzte. Um wenigstens für kurze Zeit seine Probleme und seine Vergangenheit vergessen zu können.

Manche Menschen wären in so einer Situation gar nicht mehr in der Lage, sich zu irgendetwas aufzuraffen, würden sich gehen lassen oder vielleicht dem Alkohol oder Drogen verfallen, aber für Chris war es vermutlich ein Weg, um sein Leben zu meistern.

Eigentlich hatte Alexandra das jetzt erst begriffen, nach der Sache mit Jack. Chris hatte einfach etwas tun müssen, irgendetwas, um sich abzulenken und um seine Gedanken zu ordnen. Ihr war auch klar geworden, dass sie einen Fehler gemacht hatte und ihm nicht geholfen hatte, als sie ihn anfangs, nach seinem Selbstmordversuch, verhätschelt hatte.

Die Fähigkeit, komplett in eine Aufgabe zu versinken und alles andere um sich herum zu vergessen, hatte Chris wohl so lange durchhalten lassen. Früher oder später wäre ein Zusammenbruch zwar unvermeidlich gewesen, wie Chris selbst zugegeben hatte, aber ohne diese Fähigkeit hätte er es wohl nicht soweit geschafft.

Heute Abend hatte er wieder einen Termin bei Dr. Winslow, zu dem Alexandra ihn bringen würde. Während Chris bei der Psychologin war, wollte sie zu Ian fahren und sich erkundigen, ob sich etwas Neues in Jacks Fall ergeben hatte.

Schließlich war der letzte Patient verarztet und hinauskomplimentiert. Geschafft fuhr sich Alexandra mit der Hand über die Stirn. In dem Moment kam Chris ins Behandlungszimmer.

„Was ist los?“ fragte er besorgt.

Er bot einen ungewohnten Anblick in einem von Alexandras weiteren, weißen T-Shirts, das er sich schnell geholt und übergezogen hatte, als sich die Praxis gleich morgens zu füllen begonnen und Alexandra ihn gebeten hatte, hier zu bleiben und zu helfen, anstatt sich weiter um das Garagendach zu kümmern.

„Nichts. War nur ein wenig stressig“, lächelte sie müde.

„Wieso gehst du nicht schon rüber in die Küche und ich mach hier fertig“, bot Chris ihr an.

Entgegen ihrer üblichen Art nickte Alexandra dankbar. Normalerweise hätte sie protestiert, doch heute fühlte sie sich wirklich kaputt. Chris hatte ihr schon oft genug geholfen, die Instrumente zu reinigen und in den Sterilisator zu geben, also würde er es auch alleine schaffen.

„Zieh dir Latexhandschuhe an“, rief sie über die Schulter, als sie ihren weißen Mantel auszog und aufhängte.

„Ja, Mama“, gab Chris zurück und grinste sie an.

Alexandra schüttelte den Kopf. Sie hatte mittlerweile ihre Empfindlichkeit bezüglich des Altersunterschiedes zwischen ihnen beiden komplett abgelegt. Was waren schon sechs Jahre? Wenn sie erst einmal in den Vierzigern waren, dann würde das niemanden mehr interessieren.

Außerdem war sie froh, dass Chris nach dem Schock von Gestern seinen Humor und sein inneres Gleichgewicht wieder gefunden zu haben schien.

Sie ging hinüber in die Küche, wo sie von Charlie enthusiastisch begrüßt wurde, der sich mal wieder entschieden gelangweilt haben musste, da er es geschafft hatte, zwei der unteren Küchenschubladen, wo sie alte Tücher und Lappen aufbewahrte, zu öffnen und den Inhalt in der ganzen Küche zu verstreuen.

„Ach Charlie…“ Alexandra stemmte die Hände in die Hüften und sah sich missmutig um. „Du bist ein Ungeheuer!“

Das sandfarbene Monster bellte als wollte es widersprechen. Als Alexandra sich bückte, um eines der Tücher, das vor ihren Füßen lag, aufzuheben, schnappte Charlie sich das andere Ende und gleich darauf war sie in ein munteres Tauziehen mit ihrem Hund verwickelt.

Charlie japste und knurrte, Alexandra schimpfte und kicherte gleichzeitig, und in diese Szene platzte kurz darauf Chris, der den Lärm gehört haben musste und gekommen war, um nachzusehen, was los war.

Mit einem ungläubigen Blick betrachtete er die beiden Kampfhähne und das sie umgebende Chaos aus bunten Tüchern und fing an zu lachen.

„Lach nicht“, beschwerte sich Alexandra, obwohl sie selbst sich in dieser Hinsicht nicht beherrschen konnte. „Hilf mir lieber!“

Mit viel Gekicher und dem tragischen Opfer eines alten Küchenhandtuches gelang es ihnen schließlich gemeinsam, Charlie wieder zur Raison zu bringen.

Keuchend, in Charlies Fall hechelnd, saßen sie sich auf dem Küchenfußboden gegenüber.

Alexandra und Chris sahen erst Charlie an, der ein triumphierendes Hundegrinsen aufgesetzt hatte, dann warfen sie sich gegenseitig einen Blick zu.

Alexandra konnte nicht anderes, sie prustete abermals los. Damit steckte sie auch Chris an, der sich auf den Rücken fallen lies und haltlos kicherte.

„Der Hund macht mich noch verrückt“, stöhnte sie, als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, und hielt sich die vom vielen Lachen schmerzenden Seiten.

„Deine Erziehung“, entgegnete Chris, während er sich auf die Ellbogen stützte und atemlos nach Luft schnappte.

Alexandra packte das Tuch, beziehungsweise einen kläglichen Rest davon, knüllte es zusammen und warf es nach Chris, der es aufjuchzend fing.

„Blödmann“, schnaubte sie gespielt empört.

„Ich sag nur die Wahrheit“, verteidigte sich Chris und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

Alexandra wurde ernst. „Das hat gut getan“, stellte sie fest.

Chris holte tief Atem. „Ja…Sowas hab ich, glaub ich, nach Gestern gebraucht…“

Er rappelte sich hoch und streckte Alexandra dann eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Als sie sich gegenüberstanden, beugte sich Alexandra vor und hauchte ihm einen schnellen Kuss auf den Mund.

„Ich auch“, gestand sie. Dann sah sie sich um.

„Na, dann wollen wir diesen Saustall mal wieder aufräumen. Vielleicht sollte ich über hundesichere Schlösser an den Schränken nachdenken….“

***

Eine halbe Stunde später war die Küche wieder in einem präsentablen Zustand und Alexandra hatte für sich und Chris einen kleinen Imbiss vorbereitet, der aus ein paar Sandwiches und einem Obstsalat als Nachspeise bestand. Gegen Obst hatte Chris zu ihrer Erleichterung keine Einwände, sonder aß es sogar recht gern. Bei Kiwis vergaß er sogar seine Allergie gegen grüne Farbe.

Beide nippten gerade an ihrem Kaffee, als es an der Tür klingelte. Alexandra stellte ihre Tasse hin und stand auf.

„Ich geh schon“, sagte sie und rieb Chris im Vorbeigehen aufmunternd die Schulter. Möglicherweise war es Ian mit Neuigkeiten über Jack.

Doch da hatte Alexandra sich getäuscht. Nachdem sie die Tür geöffnet hatte sah sie sich Mary Jo gegenüber, die mit Jamie auf dem Arm auf ihrer Veranda stand und aufgeregt mit einer Zeitung wedelte.

„Hast du die Zeitung heute schon gelesen?“ sprudelte sie statt einer Begrüßung aufgeregt hervor. „Jack wurde wegen versuchter sexueller Nötigung verhaftet. Es ist in dem Artikel zwar nur von einem Jack S. die Rede, aber wie viele Jack S. gibt es die dreißig sind, homosexuell sind und als Bewährungshelfer in San Francisco arbeiten? Außerdem ist auch ein Bild drin, ziemlich schlecht zwar und ein schwarzer Balken über den Augen, aber wenn man weiß, wen es darstellen soll, dann erkennt man ihn sofort. Glaubst du, er hat das wirklich getan?“

Alexandra stand mit offenem Mund in der Tür. Mary Jos Wortschwall hatte sie regelrecht überrollt und sie brauchte ein paar Sekunden, um den Sinn dessen, was ihre Freundin ohne einmal Luft zu holen da von sich gegeben hatte, zu erfassen und zu verarbeiten. Ihr Gesichtsausdruck konnte bei diesem Vorgang nicht sehr intelligent gewesen sein, denn Mary Jo musterte sie besorgt.

„Alex, geht’s dir nicht gut? Tut mir leid, dass ich dich damit so überfallen habe, aber ich weiß, dass du keine Zeitung hast und wollte dir das sagen, schon wegen Chris….“

Alexandra schüttelte den Kopf, um die Benommenheit, die Mary Jos Wortkanonade ausgelöst hatte, zu vertreiben.

„Danke“, entgegnete sie. „Komm erst mal rein.“ Sie trat zur Seite, um ihre Freundin eintreten zu lassen.

„Tsarlie!“ juchzte Jamie begeistert, als er seinen vierbeinigen Freund erblickte und strampelte in den Armen seiner Mutter, um heruntergelassen zu werden. Als diese ihn abgesetzt hatte, stürzte er sich gleich auf den Hund, der noch einen Kopf größer war als er und schlang ihm die Ärmchen um den Hals. Charlie ließ sich alles ohne mit der Wimper zu zucken gefallen, eines musste man ihm lassen, mit Kindern hatte er wirklich sehr viel Geduld. Wenn es ihm wirklich zu dumm wurde, dann ging er einfach.

„Ich hab’s schon gehört“, informierte Alexandra ihre Freundin über ihren aktuellen Wissenstand. „Und nein, ich glaube nicht, dass Jack das getan hat, was man ihm vorwirft.“

„Und woher willst du das wissen?“ fragte Mary Jo zweifelnd. „Ich meine, ich wäre froh, wenn es so wäre, aber…“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du kannst in einen Menschen nicht hineinschauen.“

„Ich kenne Jack“, erklärte Alexandra. „Und außerdem…Gehen wir in die Küche, dann erzähl ich dir alles. Willst du eine Tasse Kaffee?“

Alexandra ging voraus, während Mary Jo versuchte, ihren widerspenstigen Sprössling von Charlie abzuklauben. Was ihr schließlich auch gelang, allerdings unter lautem Protestgeschrei von Jamies Seite. Er ließ sich erst von seiner Mutter in die Küche führen, als er sah, dass Charlie Alexandra gefolgt war.

Chris stand auf, als Mary Jo die Küche betrat und vergrub die Hände in den hinteren Taschen seiner Jeans.

„Hallo“, sagte er.

Alexandra hatte das Gefühl, dass er sich nicht so ganz wohl in seiner Haut fühlte und befürchtete, dass Mary Jo gleich anfangen würde, ihn zu bemitleiden. Womit er nicht so ganz unrecht hatte….

„Hallo Chris“, legte ihre Freundin auch gleich los. „Du meine Güte, das muss ja schrecklich für dich sein. Ausgerechnet Jack….“

Mary Jo schien jegliche Unsicherheit Chris gegenüber vergessen zu haben, sie war jetzt voll in ihrem Element.

„Wie habt ihr den eigentlich davon erfahren? Hast du nicht normalerweise dienstags immer deinen Termin bei ihm? Hast du es da gehört?“

Alexandra fing Chris’ hilfeflehenden Blick auf und beschloss, Mary Jos Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit auf sich zu lenken. Ihre Freundin konnte einen Menschen mit ihrer Fragerei regelrecht erschlagen.

„Ja, hat er, aber nur, dass Jack verhaftet wurde und warum. Von Ian und Jacks Anwältin haben wir dann noch etwas mehr erfahren. Jetzt setz dich erstmal, erzähl mir, was in der Zeitung steht und dann sag ich dir, was wir wissen.“

Mary Jo legte die mitgebrachte Zeitung auf den Tisch und setzte sich auf den angebotenen Stuhl. Jamie hatte inzwischen das Interesse an Charlie verloren und fand das Sandwich, das noch vom Mittagessen übrig war, faszinierender.

„Hab Hunger“, piepste er und steuerte auf Chris zu, der sich ebenfalls wieder hingesetzt hatte. Vor ihm angekommen, hob er die Arme.

„Wauf“, verkündete er, das „R“ schien ihm bei bestimmten Worten noch immer leichte Probleme zu bereiten.

Mary Jo hob die Augenbrauen. „Du kannst dich geehrt fühlen, inzwischen kennt er dich anscheinend gut genug, um dich zu seinen Freunden zu zählen.“

Chris starrte den kleinen Jungen, der ihm normalerweise nie viel Aufmerksamkeit gezollt hatte, überrascht an.

„Er will, dass ich ihn auf den Schoß nehme?“ vergewisserte er unsicher bei Mary Jo.

Diese nickte aufmunternd. „Ja. Nun nimm ihn schon hoch, sonst fängt er an zu brüllen. Das tut er zur Zeit immer, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht.“

Alexandra beobachtete mit einem Schmunzeln, wie Chris hastig Mary Jos Aufforderung nachkam. Die Vorstellung von Jamies Geschrei in seiner unmittelbaren Nähe schien ihm nicht sonderlich zu behagen.

Vorsichtig setzte Chris Jamie auf seinen Schoß und hielt den Jungen fest, während dieser es sich bequem machte. Als endlich alles zu seiner Zufriedenheit war, zeigte Jamie mit dem Finger auf das Sandwich, dass noch auf dem Teller in der Mitte des Tisches lag.

„Mag ich!“

„Wie sagt man?“ ermahnte Mary Jo ihn streng.

Der Junge warf seiner Mutter einen finsteren Blick zu.

„Bitte sön“, schmollte er schließlich.

Mary Jo beugte sich vor und zerteilte das Sandwich in kleine, handliche Stücke, bevor sie den Teller in Jamies Reichweite schob. Hungrig fiel der Junge darüber her.

Alexandra stellte eine Tasse Kaffee vor seine Mutter auf den Tisch und musste ein Lachen unterdrücken über das Bild, das Chris und der kleine Junge zusammen boten. Jamie verspeiste voller Begeisterung das Sandwich, verkrümelte sich und den Tisch, und Chris sah aus, als hätte er eine lebende Zeitbombe auf dem Schoß.

Er hatte wohl noch nie viel Umgang mit kleinen Kindern gehabt…. Unwillkürlich schoss Alexandra die Frage durch den Kopf, ob Chris wohl ein guter Vater wäre. Vermutlich schon, er hatte normalerweise eine Geduld wie ein Esel und hatte es sogar geschafft, dass Charlie ihm besser gehorchte als ihr, seinem Frauchen.

Dann fragte sie sich, ob sie heute vielleicht aus Versehen irgendeine berauschende Substanz eingeatmet hatte. Sie hatte sich noch nie über Kinder Gedanken gemacht, eigentlich war das Thema für sie erledigt gewesen. Einerseits aus Mangel an dem geeigneten Samenspender und Versorger, andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie eine gute Mutter wäre. Dazu liebte sie ihre Unabhängigkeit zu sehr.

„Alex? Hörst du mir eigentlich zu?“

„Was?“ Erschrocken sah Alexandra ihre Freundin an. „Hast du mit mir geredet?“

Mary Jo runzelte die Stirn „Natürlich. Ich erzähl dir gerade, was in der Zeitung stand. Von diesem Jungen, der Jack angezeigt hat. Er hat ausgesagt, dass…“

„Das gibt’s doch gar nicht!“

Beide Frauen wandten sich Chris zu, der die Zeitung zu sich herangezogen hatte, und den Artikel auf der dritten Seite, der sich eingehender mit Jacks Verhaftung beschäftigte, aufmerksam studierte.

„Was ist los?“ erkundigte sich Alexandra erstaunt.

„Den Typ kenn ich!“ rief Chris und deutete auf ein Foto, das, etwas unscharf, einen jungen Blondschopf zeigte, der gerade mit einem älteren, grauhaarigen Mann redete.

Das Bild musste auf irgendeiner Party geschossen worden sein, die beiden Männer trugen Anzüge und im Hintergrund waren drei Frauen in Cocktailkleidern und mit Sektgläsern in der Hand zu sehen.

„Das ist Stephen Allington“, erklärte Mary Jo. „Der Andere ist sein Vater. Steht unter dem Bild. Welchen von beiden kennst du denn?“

„Für den Vater hab ich `ne Zeitlang gearbeitet, er hat auch eine Baufirma. Den Alten hab ich nie gesehen, aber der junge Allington war ein paar Mal auf der Baustelle….“

„Tatsächlich? Und? Was machte er für einen Eindruck?“ erkundigte sich Alexandra aufgeregt.

„Reicher, verzogener College-Bengel.“ Chris schnitt eine verächtliche Grimasse. „Er kam immer mit so `nem gelben Ferrari vorgefahren. Musste angeblich im Auftrag von seinem Daddy nach dem Rechten sehen. In Wirklichkeit war er nur scharf auf die Tochter von `nem Arbeiter, die mit ihrem Dad in einem Wohnwagen in der Nähe der Baustelle lebte.“

„Weißt du sonst noch was über ihn?“

Chris nickte ernst. „Ja….In der letzten Woche, in der ich dort gearbeitet hab, gab’s Riesenstunk. Das Mädchen, mit dem er rumgemacht hat, war schwanger von ihm gewesen. Da hat er sie anscheinend gezwungen, abtreiben zu lassen. Aber anstatt ihr einen richtigen Arzt zu bezahlen hat er sie zu irgendeinem Pfuscher geschickt. Wenn ihr Dad damals nicht früher heimgegangen wäre, weil es ihm an dem Tag total mies ging, dann wäre die Kleine draufgegangen.“

„Und dann?“

„Dann war erst Mal der Teufel los. Lowell, der Vater, brüllte auf der ganzen Baustelle herum, dass er den Bastard umbringen würde, der seiner Tochter das angetan hatte. Er hat schnell spitzgekriegt, wer der Vater von dem Baby gewesen sein musste. Er wollte Allington Junior anzeigen, weil der ja schon neunzehn, aber seine Tochter erst fünfzehn war.“

„Und? Hat er’s getan?“ fragte Mary Jo gespannt.

„Nö. Zwei Tage später war Lowell samt Wohnwagen verschwunden und die anderen Arbeiter haben gemunkelt, das Lowell überraschend zu Geld gekommen sei….“

„Ah, ja. Da war wohl Daddy’s helfende Hand im Spiel“, bemerkte Alexandra zynisch. „Schönes Früchtchen. Und so was soll mit so einer Anzeige durchkommen. Der Kerl ist ja mehr als unglaubwürdig.“

Chris entwand Jamie, der fertig mit seinem Sandwich war und sein Interesse nun wieder auf andere Dinge richten konnte, die Zeitung.

„Hey, lass das“, sagte er sanft. „Deine Mama braucht das noch.“

Damit schob er die Zeitung den zwei Frauen zu, die ihm gegenübersaßen und ihn und Jamie amüsiert beobachteten.

Jamie drehte sich auf Chris’ Schoß um und sah ihn überrascht an.

„Mama bwaucht das noch?“ erkundigte er sich.

„Mhm. Da steht was Wichtiges drin.“

„Was ist wichtig?“

„Eine Geschichte von einem bösen Mann“, erklärte Chris geduldig.

„Hat der böse Mann temacht?“

„Er hat gelogen und einem anderen Mann damit ganz schön weh getan.“

Jamie schwieg und drehte sich wieder zum Tisch mit der Zeitung um, die er nachdenklich betrachtete. Alexandra hätte trotz allem am liebsten losgelacht, als sie den ernsten Ausdruck und das Stirnrunzeln auf dem pausbäckigen Kindergesicht sah.

Ein erleichtertes Aufseufzen konnte sie sich jedoch nicht verkneifen. Chris hatte gesagt, der böse Mann in der Zeitung hätte gelogen. Hieß das, er glaubte nun auch definitiv an Jacks Unschuld?

„Muss der böse Mann jetzt auf dem Sofa slafen?“ tönte Jamies Stimmchen, gerade als Alexandra Chris danach fragen wollte, ob er seine Meinung wirklich vom Zweifeln in Überzeugung geändert hatte.

Mary Jo stand hastig auf.

„Ähm, mir fällt gerade ein, wir müssen Susan ja noch abholen.“

Sie ging um den Tisch herum, um Chris von ihrem missratenen Sprössling zu befreien. Es gab eine kurze Rangelei und empörtes Protestgebrüll, doch dann hielt sie ihren Sohn auf dem Arm. Jamie schrie Zeter und Mordio, weil er seinen neuen Freund und interessanten Gesprächspartner noch nicht so schnell wieder verlassen wollte. Alexandra konnte sehen, wie Chris zusammenzuckte, es war wirklich erstaunlich, was für einen Lärm so ein kleiner Zwerg produzieren konnte.

Mary Jo schien dagegen völlig immun zu sein.

„Ich lass euch die Zeitung da. Vielleicht können wir heute Abend noch Mal telefonieren“ sagte sie zu Alexandra. Dann verabschiedete sie sich eilig.

Alexandra sah ihrer Freundin kopfschüttelnd hinterher. Als mit dem Schließen der Haustür auch wieder Ruhe eingekehrt war, wandte sie sich Chris zu, der leicht belämmert dreinschaute.

„Mann, wieso werden die denn nicht mit einem Lautstärkeregler geliefert oder `nem Schalldämpfer“, stöhnte er und bohrte mit dem Zeigefinger in einem Ohr herum. „Da kriegt man ja einen Gehörschaden, wenn so einer neben dir loslegt.“

„Du hast dich aber vorhin ganz tapfer geschlagen“, entgegnete Alexandra. „Ich dachte schon, jetzt schreit er los, als du ihm die Zeitung weggenommen hast.“

Chris sah sie verwundert an.

„Ich hab nur vernünftig mit ihm geredet“, erwiderte er. „Wieso hätte er das nicht verstehen sollen?“

Alexandra öffnete den Mund und schloss ihn dann aber wieder, da ihr darauf keine Antwort einfiel. Wieder eine dieser Chris-Fragen, die eigentlich nicht beantwortbar waren. Zumindest nicht von ihr. Mary Jo hätte da vielleicht einiges dazu zu sagen gehabt.

„Was war eigentlich mit Mary Jo los? Vorhin sah es so aus, als hätte sie alle Zeit der Welt und würde erst wieder gehen, wenn sie alles erfahren hatte und dann rennt sie plötzlich auf und davon. Meinst du, sie hat wirklich vergessen, dass sie Susan abholen muss?“ fragte Chris neugierig.

Alexandra grinste. Die Frage konnte sie beantworten.

„Was glaubst du wohl, wie Jamie auf die Strafe mit dem auf-dem-Sofa-schlafen gekommen ist?“

Chris sah sie erst verständnislos an, doch dann wechselte sein Gesichtsausdruck von Verwirrung zu Unglauben.

„Du meinst, Mike muss auf dem Sofa schlafen, wenn Mary Jo sauer auf ihn ist?“

Alexandra nickte. „Und darum hat sie die Flucht ergriffen, bevor Jamie noch mehr pikante Details aus dem Andersonschen Familienleben preisgeben konnte…“

Chris schüttelte leicht den Kopf. „Na toll“, brummte er. „Das heißt, wenn du Kids hast, musst du immer in Sorge sein, was sie bei Fremden über dich rumerzählen, wenn du nicht dabei bist.“

„Tja, Elternschicksal“, Alexandra zuckte mit den Schultern. Dann wechselte sie jedoch das Thema. „Hast du das vorhin eigentlich ernst gemeint, als du gesagt hast, dieser Allington hätte gelogen?“

Chris stützte die Ellbogen auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Er holte tief Luft, bevor er zu einer Antwort ansetzte.

„Ja“, sagte er schlicht. „Ich hab den Scheißkerl mal live gesehen, er hat `ne Statur wie ein Football-Spieler. Mr. Sanders wäre lebensmüde gewesen, wenn er den hätte zu was zwingen wollen…“

„Ist das alles? Was ist mit Jack? Denkst du immer noch, er wäre überhaupt zu so etwas in der Lage?“

Chris schwieg lange Zeit.

„Nein“, sagte er schließlich leise. „Zumindest wünsche ich mir, dass es so ist.“ Er sah Alexandra an. „Ich will, dass sich so schnell wie möglich alles aufklärt, dass Mr. Sanders freikommt und dass ich meinen Bewährungshelfer zurückbekomme. Die teilen mir jetzt bestimmt einen Anderen zu. Das können auch ganz schön miese Typen sein, die einem das Leben mit Absicht schwer machen.“

Nachdenklich nippte Alexandra an ihrem Kaffee.

„Ich glaub nicht, dass du dir da große Sorgen machen musst. Es ist doch alles in Ordnung. Du gehst einer geregelten Arbeit nach, hast die Stelle jetzt schon seit Monaten, nimmst regelmäßig und pünktlich deine Besprechungstermine wahr…. Was will jemand mehr von dir verlangen?“
 

 

Teil 58

 

Gegen Abend an diesem Tag fuhr Alexandra Chris zu Doktor Winslow. Während Chris bei der Psychologin war, wollte sie kurz bei Ian vorbeischauen, um zu erfahren, was es Neues gab und ihm berichten, was Chris ihr über Stephen Allington erzählt hatte.

Alexandra sah während der Fahrt immer wieder kurz zu Chris hinüber, der schweigend aus dem Fenster der Beifahrertür starrte. Es war nicht ungewöhnlich, dass er auf dem Weg zu Doktor Winslow so still war. Alexandra hatte fast das Gefühl, er würde seine Kräfte immer für das schonen, was vor ihm lag.

Sie hatten fast das Haus erreicht, in dem sich die Praxisräume befanden, als Alexandra das Schweigen nicht mehr aushielt.

„Wirst du mit Doktor Winslow über die Sache mit Jack reden?“ fragte sie.

Chris wandte den Kopf und sah sie an.

„Ja, ich glaub schon“, seufzte er. „Ich bin…ich bin noch immer nicht ganz drüber weg…“

Alexandra stoppte den Wagen vor dem Haus und legte Chris eine Hand aufs Knie.

„Hey, das wird schon wieder“, sagte sie sanft. „Du lässt dich davon doch nicht aus der Bahn werfen, oder?“ versuchte sie ihn zu ermutigen.

Chris schüttelte den Kopf. „Nein…“, entgegnete er leise. „Ich muss rein, wir sind sowieso schon fast zu spät“, sagte er dann.

Alexandra beugte sie zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Halt die Ohren steif“, scherzte sie mit einem schiefen Lächeln.

Chris öffnete die Autotür und lächelte halbherzig zurück.

„Mach ich, keine Bange.“

Alexandra sah ihm nach, wie er zum Eingang ging und sich dort noch einmal zu ihr umdrehte und winkte. Sie winkte ebenfalls und wartete, bis er im Haus verschwunden war, bevor sie den Wagen startete und losfuhr.

Chris kriegt das schon wieder auf die Reihe, sprach sie sich selbst Mut zu. Er war in so kurzer Zeit so weit gekommen, er würde auch diese Sache und den ganzen Rattenschwanz, den sie nach sich zog, überstehen.

Knapp zehn Minuten später fuhr Alexandra in den Hof von Ians Werkstatt. Er war verlassen und es sah so aus, als hätten die Mechaniker schon Feierabend gemacht. Als sie jedoch ausstieg und Charlie vom Rücksitz holte, kam ein etwas jüngerer Mann in einem blauen Arbeitsanzug auf sie zu. An dem kahl geschorenen Schädel und den vielen Piercings in einem Ohr erkannte Alexandra den Schlagzeuger von Ians Band.

„’N schönen Abend, Miss“, grüßte er sie freundlich. „Sorry, wir haben heute schon geschlossen. Wollen Sie das Auto wieder in Schuss bringen lassen?“ Er musterte ihren guten, alten Pick-up kritisch. „Hat zwar noch nicht ganz das Alter von unseren üblichen Aufträgen, aber der Boss macht sicher gern `ne Ausnahme für Sie. Netter Hund übrigens“, fügte er hinzu und tätschelte Charlie, der ihn neugierig beschnüffelte, den Kopf.

Jetzt erst fiel Alexandra auf, dass sich in dem Hof nur Wagen schon etwas betagteren Alters befanden. Eine wunderschöne alte Corvette mit diesen geschwungenen Kotflügeln und ein Jaguar E-Type standen unter einer Überdachung. Sie interessierte sich zwar nicht sonderlich für Autos, aber die etwas älteren Modelle hatten es ihr schon manchmal angetan. Jack hatte ihr gar nicht erzählt, dass Ian Fahrzeuge nicht nur reparierte, sondern hauptsächlich restaurierte.

„Danke“, entgegnete Alexandra.“ Aber ich bin wegen etwas anderem gekommen. Ist Ian zu Hause?“

Jack hatte ihr einmal erzählt, dass die Autowerkstatt, in der Ian arbeitete, seinem Onkel gehörte, der sich aber aus dem Geschäft zurückgezogen und die Leitung seinem Neffen überlassen hatte. Ian lebte in der Wohnung über der Werkstatt.

Der Kahlköpfige zögerte. „Er ist oben…. Aber ich weiß nicht, ob er in Stimmung für Besuche ist…. Er hat gerade eine Menge um die Ohren.“

„Ich bin Alexandra Hastings, eine Freundin von Jack Sanders“, stellte sich Alexandra nun vor. „Ich hab ein paar Neuigkeiten für Ian, die Jack betreffen.“

Das Gesicht ihres Gegenübers erhellte sich sichtlich.

„Sie sind also Alex? Das ändert die Sache natürlich. Kommen Sie mit, ich bring Sie rauf“, forderte er sie auf. „Ich bin übrigens Francis. Ian und ich sind schon eine ganze Weile befreundet.“

Alexandra folgte Francis durch die Werkstatt, in der noch weitere Autos in mehr oder weniger zerlegtem Zustand standen, zu einem breiten Lastenaufzug, dessen Eingang durch ein Faltgitter versperrt war.

Nachdem Francis auf einen Knopf gedrückt hatte und man hörte, dass sich der Aufzug vom oberen Stockwerk nach unten in Bewegung setzte, drehte er sich zu Alexandra um.

„Ian ist ganz schön durch den Wind wegen dem, was mit Jack passiert ist. Wir alle, die Band und das Team hier, können es einfach nicht fassen“, sagte er ernst.

„Ich auch nicht“, entgegnete Alexandra grimmig.

Mit einem lauten Krachen kam der Aufzug zum Stehen und Francis schob das Gitter zurück. Sie stiegen ein und fuhren ruckelnd nach oben. Charlie drängte sich während der kurzen Fahrt eng an Alexandras Beine, ihm schien die Sache nicht ganz geheuer zu sein.

Ians Wohnung bestand aus einem großen Raum, der gleichzeitig Küche und Wohnzimmer war. Zwei Türen, die sich auf der Seite befanden, die dem Aufzug gegenüberlag, führten vermutlich ins Bad und ins Schlafzimmer. Die Einrichtung war ziemlich spartanisch, es gab eine Küchenzeile, deren Front aus Edelstahl bestand und einen riesigen Esstisch aus dunkel gebeiztem Holz mit den dazu passenden Stühlen. Der Boden war mit Industrieparkett ausgelegt.

Ian saß auf einem gemütlichen, dunkelbraunen Sofa, vor sich auf dem Couchtisch eine halbleere Flasche Bier und sah ihnen entgegen. Er machte einen erschöpften, deprimierten Eindruck.

„Hallo Ian“, sagte Alexandra und blieb neben dem Sofa stehen, während Charlie sich erst einmal daran machte, die Wohnung und die ihm unbekannten Gerüche eingehend zu untersuchen.

„Hey“, grüßte der blonde Sänger müde zurück. „Setzt dich doch“, forderte er Alexandra auf und deutete auf einen Sessel, der auf der anderen Seite des Tisches stand. „Kann ich dir was anbieten?“

Alexandra zog ihre Jacke aus und warf sie über die Sessellehne, bevor sie Ian’s Aufforderung nachkam.

„Nur ein Glas Wasser“, bat sie.

Ian machte Anstalten aufzustehen, doch Francis kam ihm zuvor.

„Lass, ich mach schon. Mit Kohlensäure oder ohne?“

„Ohne bitte.“

Alexandra faltete die Hände ihn ihrem Schoß. Die Situation war ungewohnt für sie. Jack hatte zwar schon früher Freunde gehabt, doch Alexandra hatte diese nie kennen gelernt. Dass er sich ihr gegenüber offen zu Ian bekannt und ihn ihr damals im „Joey’s“ sogar offiziell als seinen „Neuen“ vorgestellt hatte, war wohl ein Beweis dafür, dass er glaubte, seine große Liebe gefunden zu haben.

Wen sie sich Ian so anschaute, dann konnte Alexandra Jack sogar verstehen. Der Mann sah, objektiv betrachtete, nicht nur gut aus, sondern hatte einen jungenhaften Charme und ein sympathisches, offenes Wesen. Sie konnte sich vorstellen, dass die Frauen auf ihn nur so flogen und dass schon so manch eine eine herbe Enttäuschung hatte verkraften müssen, wenn sie herausfand, dass Ian grundsätzlich kein sexuelles Interesse für das weibliche Geschlecht aufbrachte. Vielleicht machte ihn ihr das so sympathisch, dachte Alexandra ironisch.

Francis stellte ein gefülltes Glas vor ihr auf den Tisch und unterbrach damit ihre Gedanken.

Alexandra bedankte sich und wandte sich dann an Ian. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Francis sich mit verschränkten Armen gegen den Esstisch lehnte. Ian schien nichts gegen seine Gegenwart zu haben, also nahm sie an, dass sein Mitarbeiter und Bandkollege über die ganze Sache im Bilde war.

Sie erzählte Ian, was sie heute von Chris über Stephen Allington erfahren hatte.
Francis schnaubte hörbar im Hintergrund.

„Möchte wissen, wie der Typ bloß auf die Idee kommt, dass man ihm das abkaufen wird.“

„Daddy hat nun mal Kohle und einen gewissen Einfluss und er lenkt damit davon ab, dass Jack eine Empfehlung gegen seine Bewährung aussprechen wollte“, erklärte Ian bitter. „Was sind dagegen schon das Leben und die Karriere eines kleinen Staatsangestellten.“

Alexandra beugte sich vor. „Hast du mit Jack heute reden können?“ erkundigte sie sich gespannt. „Wie geht’s ihm?“

Ian zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

„Ich hab ihn heute Nachmittag kurz gesehen. Er ist noch immer total geschockt. Sam hat ihm aber Mut machen können, dass sie ihn da rauskriegt. Morgen wird der Richter eine Kaution festlegen.“

Erleichtert atmete Alexandra auf.

„Na, Gott-sei-Dank. Wenigstens ein kleiner Lichtblick. Dann kannst du ihn ja morgen nach Hause holen.“

Bedrückt nickte Ian.

„Ja, aber...Jack ist ziemlich fertig. Er wollte nie, dass jemand an seinem Arbeitsplatz davon erfährt, dass er auf Männer steht. Und jetzt weiß es die halbe Stadt….“

Alexandra griff nach ihrem Glas und nahm einen Schluck Wasser. Sie verstand, was Ian damit sagen wollte. Jack hatte immer ein Geheimnis aus seiner sexuellen Orientierung gemacht, weil er mit der oft daraus resultierenden Ablehnung durch Andere nicht besonders gut umgehen konnte. Er wollte als Mensch für seine Fähigkeiten und für das, was er tat, geschätzt und nicht wegen seiner Homosexualität in irgendeine Schublade abgelegt und möglicherweise lächerlich gemacht werden.

„Das lässt sich jetzt wohl nicht mehr ändern“, entgegnete sie. „Aber die Hauptsache ist doch, dass seine Unschuld bewiesen wird. Über alles andere kann Jack sich später Gedanken machen.“

„Ja…“ Ian sah nicht so aus, als hätten ihn Alexandras Worte besonders aufgemuntert.

„Ist doch halb so schlimm, dass es jetzt bekannt ist“, warf Francis ein. „Schwule werden doch heute nicht mehr so diskriminiert wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Denkt doch nur an all die Promis, die schwul sind oder waren. Rock Hudson, Freddy Mercury und weiß der Geier wer noch alles. So what? Wir haben auch alle kein Problem damit, dass Ian auf Kerle steht.“

Ian schenkte seinem Freund ein halbherziges Lächeln.

„Aber ihr seid nicht nun mal nicht die breite Masse und Jack ist nicht ich. Mir ist es verdammt egal wer über mich Bescheid weiß und was man über mich denkt. Jack ist da ein wenig anders…“

„Dann muss er halt umdenken“, gab Francis lakonisch zurück. Dann sah er auf die Uhr. „Mann, schon so spät. Sorry, Leute, muss zusehen, dass ich nach Hause komme, muss heute Abend bei meiner Kleinen babysitten. Meine Frau hat eine Verabredung mit ihren Freundinnen. Weiberabend.“

Er zwinkerte Alexandra vielsagend zu. Diese konnte bei der Vorstellung von Francis mit einem kleinen Kind, das an seinem Hosenbein hing, ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

„Viel Spaß, wünschte sie ihm. „War nett, Sie kennen zu lernen.“

„Gleichfalls“, grinste Francis und verabschiedete sich noch von Ian, bevor er wieder den Aufzug betrat und damit nach unten fuhr.

Ian lehnte sich zurück und seufzte. Charlie kam zu ihm und legte ihm seine Pfote aufs Knie. Damit entlockte er dem Mann wenigstens ein kleines Lächeln und erntete ein paar Streicheleinheiten.

„Ich hoffe, dass Jack damit klarkommt“, sagte Ian gedankenverloren, während er mit einem von Charlies Hängeohren spielte.

Alexandra musste nicht nachfragen, sie wusste auch so, was er meinte.

„Wird er schon“, erwiderte sie zuversichtlich. „Er hat ja dich als bestes Beispiel. Und als Freund“, fügte sie hinzu.

„Ja…hoffentlich reicht ihm das….“ Ian ergriff seine Flasche Bier und nahm einen tiefen Schluck.

***

„Chris? Kann ich reinkommen?“

Alexandras Stimme klang dumpf durch die geschlossene Badezimmertür. Mit der Zahnbürste im Mund drehte Chris sich um und öffnete die Tür um seine Arbeitgeberin und Freundin hereinzulassen.

Alexandra drängte sich an ihm vorbei ins Bad.

„Muss mir nur noch schnell meine Haare zusammenbinden, dann bin ich weg“, erklärte sie und schnappte sich eine ihrer Haarspangen, die in einem kleinen Korb auf dem Fensterbrett lagen.

Chris beugte sich über das Waschbecken um sich den Mund auszuspülen und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Alexandra mit geübten Griffen ihre Haare zusammenband. Es war für ihn zu einem vertrauten und liebgewordenen Ritual geworden, ihr bei ihren allmorgendlichen Versuchen zuzusehen, ihre wilde Lockenpracht zu bändigen. Ihm gefielen ihre Haare offen besser, doch ihm war auch klar, dass sie bei der Arbeit und bei alltäglichen Verrichtungen so nur im Weg gewesen wären. Dafür genoss er es umso mehr, beim Kuscheln mit Alexandra mit diesen honigblonden Locken zu spielen.

Sie stellte sich neben Chris, um einen prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen.

„Okay, so geht’s“, murmelte sie zufrieden. Dann wandte sie sich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.

„Bin in zwei Stunden wieder zurück. Länger sollte der Termin beim Steuerberater nicht dauern“, teilte Alexandra ihm mit. „Wenn doch ein Patient kommt, dann soll er entweder warten oder du gibst ihm einen späteren Termin. Und…“

„…Und ansonsten werde ich keine Fremden reinlassen, mir von keinem Vertreter was aufschwatzen lassen, acht geben, dass Charlie nichts anstellt und mich bemühen, dass Haus nicht in die Luft zu jagen,.“ vervollständigte Chris den Satz und grinste sie an. „Hab ich was vergessen?“

„Blödmann“, schalt Alexandra und boxte ihn freundschaftlich in den Arm. Chris taumelte zurück und hielt sich gespielt empört die „schmerzende“ Stelle.

„Hey, kein Grund, mich zu misshandeln“, beschwerte er sich. „Ich wollte nur sichergehen, dass ohne dich alles läuft.“

„Na klar doch…Jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen. Bis später!“ Alexandra beugte sich vor und gab ihm einen schnellen Kuss, diesmal auf den Mund, bevor sie sich umdrehte und verschwand. Chris sah ihr kopfschüttelnd nach.

Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie wirklich aufhörte, ihn übermäßig zu bemuttern und zu bevormunden. Obwohl, bemuttern ließ er sich manchmal ganz gern von ihr, vor allem, wenn es ihm irgendwie dreckig ging. So wie an dem Abend, nachdem er von der Anklage gegen Mr. Sanders erfahren hatte, und der darauf folgenden Nacht.

Chris ging ins Schlafzimmer und holte sich ein sauberes Shirt aus dem Kleiderschrank, den er nun mit Alexandra teilte. Er war nach seinem Selbstmordversuch nur noch ein einziges Mal in seinem alten Zimmer gewesen, und damals hatte er nur seine wenigen Besitztümer mit Alexandras Hilfe zusammengepackt und in diesen Raum gebracht. Seitdem hatte er das Zimmer nicht mehr betreten.

Gestern bei dem Termin bei Doktor Winslow hatte er der Psychologin sein Herz ausgeschüttet. Er war anfangs so wütend auf Alexandra gewesen, weil diese auf Mr. Sanders Seite gestanden und die Anschuldigungen von vornherein nicht geglaubt hatte. Chris hatte sich von ihr regelrecht verraten gefühlt. Erst nachdem er sich mit körperlicher Arbeit ein wenig abreagiert hatte und zum Nachdenken gekommen war, hatte sich dieses Gefühl ein wenig verflüchtigt und er hatte begonnen, ihre Gründe für ihre Einstellung zu verstehen. Dann hatte er ein schlechtes Gewissen gehabt, weil er sie so mies behandelt hatte.

Doktor Winslow war sehr verständnisvoll gewesen und hatte ihm wieder einmal erklärt, dass er sich für seine Gefühle nicht schämen musste. Seine Wut war völlig normal gewesen, genauso wie seine Enttäuschung und sein Hass auf Jack Sanders. Niemand konnte ihm einen Vorwurf deswegen machen. Er hatte sich von diesen negativen Gefühlen jedoch nicht blenden lassen, sondern war vernünftigen Argumenten noch zugänglich gewesen.

Als Chris sie gefragt hatte, ob sie selbst glaubte, dass Mr. Sanders unschuldig wäre, hatte sie ihm jedoch erklärt, dass sie das nicht beurteilen könne, da sie den Mann ja nicht kannte. Sie hatte ihm jedoch geraten, auf seinen gesunden Menschenverstand und sein Gefühl zu hören und sich weder von seiner Vergangenheit noch von Mr. Sanders’ Freunden, zu denen natürlich auch Alexandra gehörte, beeinflussen zu lassen.

Ein äußerst nachdenklicher Chris hatte Doktor Winslows Praxis nach dieser Sitzung verlassen.

Er war zwar sicher gewesen, dass Mr. Sanders in Stephen Allingtons Fall unschuldig gewesen war, hatte sich aber gefragt, ob sein Bewährungshelfer so etwas wirklich noch nie versucht hatte oder versuchen würde. Nachdem er damals durch Zufall von dessen Homosexualität erfahren hatte, war er bei den darauf folgenden Treffen eine Zeitlang etwas nervös gewesen und hatte Mr. Sanders genau beobachtet. Doch nichts hatte darauf hingedeutet, dass dieser ihn auf irgendeine Weise „anmachen“ wollte und Chris hatte die Sache nach einer Weile sogar wieder so gut wie vergessen.

Und nach Mr. Sanders’ „Feuerwehreinsatz“ und dem anschließenden Gespräch war dieser ihm eher wie ein Freund erschienen denn als jemand, der sein Schicksal in seine Händen hielt und über sein Leben bestimmen konnte.

Chris warf einen Blick auf die Uhr auf Alexandras Nachttisch. Es war kurz nach acht. Er würde jetzt erst einmal gemütlich frühstücken und dann mit Charlie einen kleinen Spaziergang machen. Vor neun würde normalerweise sowieso kein Patient auftauchen und er musste auch nicht ans Telefon der Praxis gehen.

Chris wunderte sich immer wieder, wie viel Spaß es ihm doch machte, Alexandra bei ihrer Arbeit zu helfen. Eigentlich war er eher jemand, der handwerkliches Geschick hatte, ihm machte es Freude, etwas zu reparieren oder mit den Händen zu schaffen. Wenn er durch seinen Vater nicht zur Arbeit am Bau gekommen wäre, das Gefängnis nicht dazwischen gefunkt hätte, dann hätte er sich nach der Schule wohl in einer Autowerkstatt beworben.

Durch seine Mithilfe in Alexandras Praxis hatte er entdeckt, dass er auch ein gewisses Organisationstalent besaß. Etwas, woran es bei Alexandra manchmal etwas haperte, sie wurde unter Stress leicht nervös und wusste oft nicht, wo sie anfangen sollte. Es passierte zwar nur sehr selten, doch sie war dann immer froh, wenn er ihr die ganze Hintergrundarbeit abnahm und sie sich nur um ihre tierischen Patienten kümmern musste. Dann war da natürlich noch der Bürokram, das Schreiben der Rechnungen, das Alexandra hasste wie die Pest. Schon aus dem Grund, weil der Computer nie das tat, was sie von ihm wollte…

Und noch etwas Positives hatte sein Engagement in dieser Beziehung bewirkt. Er hatte wieder gelernt, einigermaßen normal mit anderen Menschen umzugehen, sie nicht als potentielle Feinde zu betrachten. Die Besitzer und Besitzerinnen von Alexandras Patienten waren ihm fast durchweg freundlich begegnet und er hatte seine Hemmungen relativ schnell verloren. Manche hatten ihn zwar anfangs etwas seltsam gemustert, vermutlich wegen seiner Kleidung und seiner Frisur, doch da er sich nicht hatte beirren lassen und immer höflich geblieben war, hatten sie das bald wieder vergessen.

Was Chris jedoch am meisten an dieser Arbeit gefiel, war, dass er Alexandra damit einen Gefallen tun und ihr wirklich helfen konnte. Sie hatte ihm soviel gegeben, ein Heim, eine Perspektive für die Zukunft und vor allem eines: Ihre Liebe, von der Chris noch immer so ganz überzeugt war, dass er sie wirklich verdiente. Aber Alexandra arbeitete unermüdlich daran, ihm auch diese letzten Zweifel zu nehmen.

 

Teil 59

 

Chris saß unten in dem kleinen Büro und druckte die Rechnungen aus, die er in der letzten halben Stunde getippt hatte. Es hatten zwei Leute angerufen, einer davon war der Besitzer dieser Yorkshire-Terrier-Zucht gewesen, der darum gebeten hatte, dass Alexandra gegen Abend doch einmal bei ihm vorbeikommen sollte, da eine seiner Hündinnen nicht fressen wollte. Chris hatte dem Mann versprochen, dass Alexandra ihn sofort anrufen würde sobald sie wieder zurück war und sich eine Notiz auf einen Klebezettel geschrieben, den er am PC-Bildschirm anbrachte, damit er nicht vergaß, es Alexandra auszurichten.

Der zweite Anruf eben war von einer Frau gewesen, die wissen wollte, ob Dr. Hastings ihr helfen würde, einen Wurf reinrassiger Pudelwelpen an neue Besitzer zu vermitteln. Sie war völlig aufgelöst gewesen und Chris hatte den Eindruck gehabt, dass sie von der Situation völlig überfordert war.

Wahrscheinlich eines dieser reichen, verwöhnten Hühner, für die ein Hund nur ein Schoßtier war, dass man der Show wegen beim Einkaufsbummel auf dem Arm herumtrug und dem man pinkfarbene Schleifchen ins Fell band und ein pinkfarbenes, mit Strasssteinen besetztes Halsband umlegte.

Er hatte sich ihre Nummer geben lassen und ihr ebenfalls versprochen, dass Alexandra sie zurückrufen würde. Nachdem er aufgelegt hatte, schüttelte er sich erst einmal. Pudel…Chris mochte Hunde, aber für diese verhätschelten, teilweise kahl rasierten Rasseviecher konnte er keine großen Sympathien aufbringen. Ein Hund war ein Hund und sollte ein Hund bleiben, dem es auch mal erlaubt war, sich beim Löcher buddeln über und über mit Dreck zu beschmieren.

Er warf Charlie, der neben ihm auf dem Boden lag, einen Blick zu. Da war ihm dieses sandfarbene Ungeheuer, dass er schon unzählige Male hatte sauber bürsten oder sogar baden dürfen doch tausendmal lieber.

Chris musste grinsen als er an einen Vorfall während der Renovierungsarbeiten dachte, der Alexandra erst zur Weißglut gebracht und dann bei ihr einen ungehemmten Lachanfall verursacht hatte. Er selbst und Charlie hatten die ganze Sache an diesem Tag nicht so komisch gefunden…

~
Chris war fast damit fertig die Decke des Behandlungszimmers zu streichen. Nur die Ränder und die Ecken musste er noch sauber ausmalen, da die Wände in einer anderen Farbe gestrichen werden sollten. Er stellte die Leiter in die Ecke in der er anfangen wollte und den Farbkübel oben auf die letzte Stufe. Dann wandte er sich kurz ab um nach der Flasche Wasser zu greifen, die auf der Fensterbank stand, und etwas zu trinken. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch und fuhr herum.

Charlie stand mit den Vorderpfoten auf der Leiter und schnüffelte neugierig an dem Eimer. Durch sein Gewicht brachte er die Leiter leicht ins Schwanken
.
„Geh sofort da weg!“ rief Chris und war mit einem Satz neben Charlie. Der Hund erschrak und stieß sich mit den Pfoten von besagter Leiter ab. Damit brachte er das ganze Gebilde jedoch noch mehr ins Wanken und bevor Chris reagieren konnte fiel es auch schon mit einem lauten Krachen um und ein fast voller Eimer weißer Farbe ergoss sich über ihn, Charlie und den Gott-sei-Dank mit Folie abgedeckten Boden.

Chris fluchte lautstark, Charlie bellte wie verrückt und dann erschien Alexandra in der offenen Tür um nachzusehen, was das ganze Tohuwabohu bedeuten sollte.

„Was zum…WAS HAST DU MIT MEINEM HUND ANGESTELLT?“ kreischte sie los und deutete anklagend auf Charlie, der eine volle Ladung abbekommen hatte und dessen Fell nun nicht mehr sandfarben, sondern dick mit weißer Farbe überzogen war.

Chris selbst sah auch nicht viel besser aus, er hatte die Kappe vorher abgenommen, die er beim Streichen getragen hatte und seine Haare waren nun komplett mit Farbe bedeckt. Zu allem Überfluss fühlte er wie ihm ein etwas breiteres Rinnsal den Rücken hinunterlief und in die Hose…Und da stand diese Verrückte und beschuldigte ihn…IHN, dass er ihrem Hund etwas angetan hatte.

„ICH hab gar nichts gemacht!“ brüllte Chris zurück und vergaß völlig seine Scheu seiner Arbeitgeberin gegenüber. „IHR Hund hat die Leiter umgeworfen!“

Charlie wählte ausgerechnet diesen Augenblick um einen Versuch zu starten, sich von der unangenehme Nässe in seinem Fell zu befreien. Er schüttelte sich kräftig und ausdauernd und ein Regen von weißen Farbspritzern besprenkelte die Wände, das Fenster in seiner Nähe…und sein Frauchen, das abermals laut aufschrie.

„Charlie, du…du Ferkel!“ Alexandra flüchtete aus der offenen Tür. Sie wagte sich erst wieder herein als Charlie aufgehört hatte, sich zu schütteln.

Chris konnte ein Grinsen nicht unterdrücken als er sie sah. Schuhe, Jeans, T-Shirt, Haare und Gesicht waren voller kleiner weißer Farbtupfen. Charlie hatte ganze Arbeit geleistet.

„Verdammt, wie krieg ich dich bloß wieder sauber?“ jammerte Alexandra, die ihren Groll gegen Chris vergessen zu haben schien und der wohl klar geworden sein musste, dass ihr Katastrophenhund an dem Desaster die alleinige Schuld trug.

„Ich könnte ihn ja zum Streichen benutzen, dann geht wenigstens ein Teil von der Farbe raus“, bot Chris an, dem immer mehr die Komik der Situation zu Bewusstsein kam.

Alexandra sah ihn vorwurfsvoll an. „Das ist NICHT komisch“, schnaubte sie. „Hast du eine Ahnung wie sehr Charlie es hasst, gebadet zu werden?“

„Wahrscheinlich genauso sehr wie ich es hasse, mir einen halben Kübel Farbe aus den Haaren waschen zu müssen“, entgegnete Chris sarkastisch.

Alexandra’s Augenbrauen schnellten nach oben und sie schien ihn zum ersten Mal seit sie dieses Chaos entdeckt hatte genauer zu betrachten. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie begann zu lachen.

„Ich könnte euch ja beide zusammen in den Zuber hinten im Garten stecken und euch abschrubben“, gluckste sie. „Wäre wahrscheinlich am einfachsten.“

Das wiederum fand Chris nicht besonders komisch. Dennoch war er froh, dass Alexandra ihre anfängliche Wut anscheinend vergessen hatte und ihn nicht mehr für den Schuldigen hielt.

„Sie sollten das lieber gleich machen“, sagte er. „Wenn die Farbe erst trocknet dann wird’s schwierig.“

Alexandra wurde wieder ernst und nickte zustimmend. „Du hast Recht. Aber dann solltest du dich an deinen eigenen Rat halten und erst Mal unter die Dusche hüpfen, bevor du die Sauerei hier beseitigst.“

Genau das tat Chris auch. Er brauchte eine halbe Ewigkeit und den gesamten Vorrat an heißem Wasser, um seine Haare wieder sauber zu bekommen. Als er aus der Dusche stieg, hörte er Alexandra unten im Garten schreien und fluchen. Sie war anscheinend mit ihrer Charlie-Reinigungs-Aktion in der Zwischenzeit noch nicht sehr weit gekommen….
~

Chris schüttelte den Kopf, als er von seinem gedanklichen Abstecher in die Vergangenheit wieder in die Realität zurückkehrte. Die Sache damals erinnerte ihn doch schwer an das Chaos von gestern, das Charlie in der Küche veranstaltet hatte.

Nur dass das einfacher zu beseitigen gewesen war. Chris schauderte, als ihm einfiel, wie lange er gebraucht hatte, um die Farbspritzer wieder vom Fenster abzubekommen. Auf dieses hatte nämlich die Sonne geschienen und sie waren knochentrocken gewesen, als er vom Duschen zurückgekommen war…

Chris nahm die Rechnungen aus dem Drucker und legte sie zur Seite. Alexandra würde sie sich später ansehen. Dann überlegte er, was jetzt noch zu tun war. Bevor es ihm jedoch einfiel, hob Charlie den Kopf und winselte. Eigentlich brauchten sie gar keine Glocke, der Hund war mindestens genauso zuverlässig.

Chris stand auf und ging hinaus zur Tür, nicht ohne Charlie vorher mit scharfer Stimme zu ermahnen, dass er gefälligst bleiben sollte wo er war. Er hatte Glück, dies war eine der seltenen Gelegenheiten bei denen der Hund tatsächlich gehorchte.

Chris öffnete und sah sich einem kleinen Männchen mittleren Alters gegenüber, das mit seinem braunen Anzug, einem beigefarbenen Hemd mit passender Krawatte, einer Halbglatze und einer Aktentasche in der Hand aussah wie ein Buchhalter aus vergangenen Zeiten. Durch eine Hornbrille blinzelten kurzsichtige, wässrig-blaue Augen. Er hatte kein Tier dabei, das möglicherweise tierärztliche Hilfe benötigen konnte, also tippte Chris auf Staubsaugervertreter oder Ähnliches und bereitete sich seelisch darauf vor, den Mann freundlich, aber bestimmt abzuwimmeln.

„Sind Sie Chris O’Connor?“ quäkte der Besucher und warf Chris’ Konzept einer höflichen Abfuhr damit völlig über den Haufen. Woher zum Teufel kannte ihn der Typ?

 

Teil 60

 

 Chris starrte das Männchen erst einmal eine Weile ratlos an, bevor er sich zu einer Antwort aufraffen konnte.

„Ja, der bin ich“, entgegnete er vorsichtig. „Was wollen Sie von mir?“

„Ich bin Ronald Whiteman, Ihr neuer Bewährungshelfer“, erklärte der Buchhalterverschnitt. „Würden Sie mich bitte hereinlassen, damit wir uns kurz unterhalten können?“

Verblüfft trat Chris zur Seite und ließ seinen zukünftigen Bewährungshelfer ins Haus. Charlie kam aus dem Büro, sah den Mann kurz an und begann drohend zu knurren.

„Um Gotteswillen!“ schrie Mr. Whiteman. „Schaffen Sie das Vieh weg! Das ist ja bösartig! Gehört der Hund etwa Ihnen?“

„Nein…“ Chris war noch immer völlig verdattert. Das sollte wirklich sein neuer Bewährungshelfer sein? Das konnte ja heiter werden…

„Würden Sie ihn dann BITTE irgendwo einsperren, wo er niemandem gefährlich werden kann?“ forderte Mr. Whiteman energisch. Seine Stimme klang in seiner Erregung noch unangenehmer als zuvor.

Chris packte Charlie am Halsband und zog ihn zurück in das kleine Büro.

„Sei brav, hast du gehört?“ befahl er dem Hund und hoffte, dass er gehorchen würde.

Charlie sah Chris mit schief geneigtem Kopf an und bellte, als wollte er ihm sagen, dass er ihn mit diesem unsympathischen Kerl eigentlich nicht allein lassen wollte.

„Ist ja gut. Ich schaff das schon, keine Bange“, flüsterte Chris und kraulte den Mischling hinter den Ohren. Dann ging er zurück in den Gang, wo Mr. Whiteman ungeduldig auf ihn wartete und schloss die Tür hinter sich.

„Und wem gehört dieses gefährliche Biest, wenn ich fragen darf?“ Der Mann schien sich einfach nicht beruhigen zu können.

„Charlie gehört Doktor Hastings, der Frau, für die ich arbeite. Er ist nicht gefährlich, keine Ahnung, was er heute hatte und wieso er geknurrt hat.“

Das war gelogen. Chris wusste sehr wohl, wieso Charlie diesen Kerl angeknurrt hatte. Er hätte selbst gern die Haare gesträubt und die Zähne gefletscht.

„Hunde sind immer potentiell gefährlich, besonders so große“, teilte Mr. Whiteman Chris mit. „Es ist unverantwortlich, ihn ohne Maulkorb herumlaufen zu lassen, sagen Sie das bitte seiner Besitzerin.“

Chris brummte etwas Unbestimmtes als Antwort. Den Teufel würde er tun. Alexandra würde ihn über einem offenen Feuer rösten wenn er nur andeuten würde, dass ihr Schätzchen einen Maulkorb tragen sollte. Und er konnte dieses Gefühl durchaus nachvollziehen…

„Gibt es einen Ort hier, an dem wir uns unterhalten können?“

Chris wollte dem Mann schon erklären, dass sie genau das doch schon taten und es gern auch hier fortsetzen konnten, doch er verkniff sich diese Antwort. Immerhin würde er, wenn er Pech hatte, die nächsten sechs, sieben Monate von ihm und seinem Wohlwollen abhängig sein.

„Gehen wir in die Küche“, sagte er resigniert und ging voraus.

Mr. Whiteman folgte ihm und steuerte gleich auf den Küchentisch zu, wo er seine Aktentasche abstellte und darin herumkramte. Chris war plötzlich froh, dass er nach dem Frühstück noch schnell aufgeräumt hatte. Der Mann machte den Eindruck, als würde er auch auf herumstehendes Frühstückgeschirr und Toastkrümel allergisch reagieren.

Schließlich beförderte Mr. Whiteman eine Akte aus den Tiefen seiner Tasche hervor. Unaufgefordert setzte er sich und schlug diese auf. Nachdem er seine Brille zurechtgerückt hatte begann er darin zu blättern, bis er bei der letzten Seite angelangt war. Dann faltete er die Hände und sah Chris, der an der Küchentheke lehnte und nervös an seinen Ärmeln herumzupfte, prüfend an.

„Sie arbeiten also seit fast einem halben Jahr für Doktor Hastings? Und wohnen auch hier im Haus?“ näselte er.

„Ja“, entgegnete Chris. „Steht das nicht alles da drin?“

„Natürlich. Ich gehe nur gern auf Nummer Sicher.“ Mr. Whiteman kritzelte etwas in die Akte. „Als was arbeiten Sie hier?“

Chris zuckte mit den Schultern. „Eigentlich als Mädchen für alles. Ich hab für Doktor Hastings die Praxisräume renoviert, jetzt bringe ich das Haus in Schuss, helfe ihr in ihrer Praxis…Ich mach einfach alles, wofür sie mich gerade braucht.“

„Hm, ungewöhnlich“, murmelte sein Bewährungshelfer und schrieb wieder etwas auf. „Sie haben vorher Ihre Stellen ziemlich häufig gewechselt….“

Chris atmete tief durch. Das war eine Frage, die er nicht so gern beantwortete.

„War eben nie das Richtige“, entgegnete er lahm.

Mr. Whiteman schnalzte mit der Zunge. „Nun, dann hoffen wir, dass diese Stelle weiterhin das Richtige für Sie bleibt. Ich werde nämlich nicht so nachsichtig mit Ihnen sein wie mein Vorgänger…“

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er Chris abschätzend an.

Chris musste sich auf die Lippe beißen um den Mann nicht herausfordernd zu fragen, was er damit andeuten wollte. Es war ihm im Grunde genommen ja klar. Aber er hasste diesen verächtlichen Blick in diesen widerlichen, wässerigen Augen….

Das Drehen eines Schlüssels in einem Türschloss war zu hören, Charlie bellte wie wild und gleich darauf ertönte Alexandras Stimme.

„Hey, Kleiner, wieso hat Chris dich denn da alleine eingesperrt?“

Charlie winselte und japste Mitleid erregend. Der Hund war wirklich ein großartiger Schauspieler, das musste man ihm lassen. Wäre Chris nicht so wütend auf diesen Giftzwerg gewesen, der da vor ihm saß, dann hätte er jetzt wohl gelacht.

„Jaaa, ist ja gut. Wo ist Chris denn?“

Charlie bellte ein Mal, dann erschien er hechelnd in der offenen Küchentür, gefolgt von einer erstaunten Alexandra.

„Wieso hast du Charlie…Wer ist das denn?“ fragte sie, als sie Mr. Whiteman, der nun aufgestanden war, in ihrer Küche entdeckte.

„Ronald Whiteman“, stellte sich der Giftzwerg, wie Chris ihn nun im Geiste nannte, Alexandra vor und trat zu ihr, um ihr die Hand zu schütteln. Dabei musterte er sie bewundernd von oben bis unten. „Ich bin Mr. O’Connors neuer Bewährungshelfer.“

„Aha, sehr erfreut“, entgegnete Alexandra verblüfft. „Doktor Alexandra Hastings.“

„Ich bin hergekommen, weil ich Mr. O’Connor kennen lernen und mit ihm die Termine für unsere zukünftigen Treffen besprechen wollte. Dass ich dabei auch seine charmante Arbeitgeberin treffen darf, freut mich natürlich besonders.“

Chris dachte, er hätte sich verhört. Was war denn auf einmal in den Typen gefahren? Fing der jetzt etwa an mit Alexandra zu flirten? Das konnte doch wohl nicht wahr sein.

„Oh…Danke.“ Alexandra schien etwas verwirrt zu sein.

Charlie knurrte leise und Chris sah mit Befriedigung, wie sein Bewährungshelfer dem Hund einen ängstlichen Blick zuwarf. Er wartete gespannt auf die Forderung nach einem Maulkorb und auf Alexandras unvermeidliche Reaktion darauf. Doch er wurde enttäuscht.

„Einen netten Hund haben Sie da“, schleimte sich die schmierige Qualle ein. „Was ist denn das für eine Rasse?“

Chris konnte in Alexandras Gesicht lesen, dass sie drauf und dran war, Mr. Whiteman einen Bären aufzubinden. Sie würde dem Typen gleich erklären, dass Charlie ein balinesischer Reisfeldhütehund war, der extra dafür gezüchtet worden war, die Reispflanzen vor der Ernte zusammen zu treiben.

Das hatte sie mal zu einem Kerl gesagt, der sie auf der Straße bei einem Spaziergang mit Charlie dumm angemacht hatte. Chris feuerte Alexandra im Stillen an, auch wenn er wusste, dass es vielleicht unklug war wenn sie sich den Giftzwerg zum Feind machte.

„Keine bestimmte“, entgegnete Alexandra zu Chris’ Überraschung. „Er ist ein Mischling.“

„Oh“, machte Mr. Whiteman nur. „Trotzdem, ein nettes Hündchen.“

Charlie knurrte wieder.

Mr. Whiteman trat nervös einen Schritt zurück und klatschte in die Hände, was Charlie ein Bellen ausstoßen ließ.

„Charlie“, zischte Alexandra. „Benimm dich. Tut mir leid, Mr. Whiteman“, sagte sie dann an den Giftzwerg gewandt. Chris wunderte sich über die Höflichkeit, mit der sie seinen Bewährungshelfer behandelte. Wer Alexandra kannte, der konnte deutlich sehen wie sehr sie diesen Mann verabscheute. Ein Gefühl, das er durchaus teilte.

„Ach, lassen Sie ihn nur. Er meint es bestimmt nicht so, sondern verteidigt nur sein hübsches Frauchen“, säuselte Mr. Whiteman.

Chris schloss kurz die Augen und rieb sich die über die Stirn. Wenn das noch lange so weiterging würde er irgendwann Kopfschmerzen bekommen.

„Ähm…ja.“ Alexandra warf Chris einen hilflosen Blick zu, den dieser mit einem entnervten Augenrollen beantwortete.

„Nun, ich denke, dann wäre alles geklärt“, sagte der Giftzwerg und ging zum Tisch zurück um Chris’ Akte in seine Tasche zu packen. Dann wandte er sich wieder an Alexandra und zog eine Karte aus seiner Tasche.

„Hier ist meine Nummer. Wenn Sie irgendwelche Probleme mit Mr. O’Connor haben sollten, dann rufen Sie mich bitte an. Ich lege sehr großen Wert darauf, eng mit den Arbeitgebern meiner…Klienten zusammenzuarbeiten.“

Mit spitzen Fingern ergriff Alexandra die Karte. Ihr Gesicht war eine ausdruckslose Maske.

„Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird“, erklärte sie kühl. „Chris und ich hatten noch nie Probleme miteinander. Es läuft alles bestens.“

Mr. Whiteman warf Chris einen zweifelnden Blick zu, den dieser mürrisch erwiderte. Wenn der Typ nicht bald ging dann würde er hier noch auf der Stelle vor Wut platzen.

„Nun…man kann ja nie wissen…“

„Ich komme mit Chris schon klar“, entgegnete Alexandra energisch und trat zur Seite um Mr. Whiteman damit zu zeigen, dass er doch bitte an ihr vorbeigehen und endlich ihr Haus verlassen sollte. Zumindest verstand Chris dieses Signal so. Nicht aber der Giftzwerg.

„Bitte zögern Sie dennoch nicht, mich anzurufen, wenn irgendetwas vorfallen sollte“, drängte Mr. Whiteman.

„In Ordnung, das werde ich“, entgegnete Alexandra mit zusammengebissenen Zähnen und einem mörderischen Ausdruck in den Augen, den der Mann jedoch nicht zu registrieren schien.

„Also gut…. Dann möchte ich mich jetzt recht herzlich von Ihnen verabschieden. Sie sind eine außergewöhnliche Frau, Doktor Hastings, einem Kriminellen so großes Vertrauen entgegenzubringen, dass Sie ihn sogar bei sich wohnen lassen.“

Mr. Whiteman schwebte ihn seliger Unwissenheit darüber, wie wenig ihn von einem schrecklichen Schicksal als Hundefutter trennte. Chris schwankte, ob er vor Wut kochen oder in haltloses Gelächter über den ungläubigen Ausdruck auf Alexandras Gesicht bei diesen Worten ausbrechen sollte.

„Ich kann auf mich aufpassen, Mr. Whiteman“, sagte Alexandra mit seidenweicher Stimme. „Ich habe nicht umsonst einen schwarzen Gürtel in Jiu-Jitsu….“

„Ach…Tatsächlich?“ quäkte der Giftzwerg und musterte Alexandra entsetzt.

Anscheinend gehörte er zu der Sorte von Männern, die von einer Frau erwarteten, dass sie zu ihnen aufsah, sie bewunderte und ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablas. Alexandras Worte schienen dafür gesorgt zu haben, dass einige Illusionen zerplatzten.

Mr. Whiteman sah auf seine Armbanduhr.

„Oh, ich habe ja noch einen Termin“, erklärte er hastig. „Es war wirklich sehr nett, mit Ihnen zu plaudern, Doktor Hastings. Leider muss ich jetzt gehen.“

Damit schob er sich an Alexandra vorbei zur Tür, wobei er darauf achtete, Charlie nicht zu nahe zu kommen. Chris ignorierte er vollkommen.

„Mr. Whiteman?“

Der Mann drehte sich zu Chris um und sah ihn irritiert an.

„Ja?“

„Wann soll ich eigentlich zu Ihnen ins Büro kommen?“

Mr. Whiteman schien einen Moment lang völlig aus dem Konzept gebracht zu sein. Dann wandte er sich an Alexandra.

„Wäre es Ihnen recht wenn ich Mr. Sanders’ übliche Termine beibehalte?“

Alexandra warf erst Chris einen fragenden Blick zu, bevor sie nickte.

„Das hat sich ganz gut eingespielt. Ich denke, das wäre in Ordnung. Kommen Sie, ich bringe Sie noch zur Tür.“

Chris atmete erst ein Mal tief durch, nachdem der Giftzwerg und Alexandra die Küche verlassen hatten.

Der Kerl war übler, als er es sich vorgestellt hatte. Er war darauf vorbereitet gewesen, damit leben zu müssen, dass sein neuer Bewährungshelfer wahrscheinlich nicht so verständnisvoll sein würde wie Mr. Sanders, doch Whiteman übertraf seine schlimmsten Befürchtungen.

Wie um alles in der Welt sollte er die kommenden Monate mit Mr. Ronald Whiteman, Kotzbrocken extaraordinaire, nur heil und vor allem in Freiheit überstehen?

***

Nachdem die Haustür endlich hinter Mr. Whiteman ins Schloss gefallen war, kam Alexandra in die Küche zurück. Unverhüllter Zorn stand in ihrem Gesicht geschrieben. Chris lehnte mit verschränkten Armen an der Küchentheke und sah ihr entgegen.

„Dieser…dieser widerliche….“ Alexandra schienen die passenden Worte zu fehlen.

„Genau meine Meinung“, knirschte Chris. „Dieses verdammte Arschloch! Weißt du was er mir unterstellt hat? Dass ich…dass Mr. Sanders….“

Tränen der Wut und der Demütigung stiegen ihm in die Augen, als er nur daran dachte.

Dann fühlte er, wie sich zwei Arme um ihn legten und er an einen weichen, warmen Körper gezogen wurde. Mit einem zornigen Aufschluchzen ließ er sich in diese tröstliche Umarmung fallen und klammerte sich fest an Alexandra, die ihm mit einer Hand beruhigend über den Rücken streichelte.

„Hey, das wird schon. Wir kriegen das schon hin“, flüsterte sie.

Chris löste sich ein wenig von ihr und lehnte sich zurück, um ihr ins Gesicht blicken zu können.

„Du hast leicht reden. Du musst diesen Arsch ja nicht alle zwei Wochen sehen“, sagte er bitter.

„Nein. Aber wenn er den ersten Schock überwunden hat, dann wird er es sich womöglich zur Aufgabe machen, dich zu kontrollieren und mich zu befragen, ob du dich auch anständig aufführst. Hast du seinen Blick gesehen, als ich ihm gesagt hab, dass ich Kampfsport machen?“ versuchte Alexandra zu scherzen.

„Na Klasse, auf dich scheint er es ja auch abgesehen zu haben, wenn auch etwas anders. Wie konntest du nur so ruhig bleiben?“

„Ich hab mir einfach die ganze Zeit vorgebetet, dass das der Typ ist, der im Moment über dein Leben entscheiden kann. Da war es ganz einfach.“

Chris schnaubte. „Jetzt darfst du dich wegen mir also auch noch mit einer liebestollen Qualle herumschlagen. Reife Leistung, Chris“, lobte er sich selbst sarkastisch.

Alexandra ließ ihn los und legte ihm stattdessen die Hände auf die Wangen. Ernst sah sie ihn an.

„Hey, das ist schon okay. Wenn er beim Herumscharwenzeln um mich vergisst, dich zu piesacken und dir das Leben schwer zu machen, dann ist es mir das wert.“

 

Teil 61

 

Mr. Whiteman sollte an diesem Tag nicht die einzige Prüfung bleiben, die Chris’ Geduld und Seelenfrieden auf die Probe stellte.

Alexandra hatte noch eine Weile versucht, ihm Mut zuzusprechen und ihn zu beruhigen, dann war auch schon der erste Patient für diesen Tag aufgetaucht. Chris war im letzten Moment noch eingefallen, ihr die Anrufe auszurichten, dann war er nach oben gegangen um sich seine Arbeitskleidung anzuziehen. Heute wollte er endlich den Rest des Garagendaches herunterreißen und später, wenn noch Zeit blieb, den Schutt entsorgen.

Als er nach draußen ging, kam gerade Mrs. Appleby aus ihrer Haustür. Automatisch grüßte Chris, wurde aber wie üblich ignoriert. Er seufzte. Die alte Schrulle hatte eigentlich mit jedem in der Straße wegen irgendetwas Streit.

Chris hatte Alexandra einmal gefragt, worüber sie sich eigentlich mit ihr gezofft hatte, doch Alexandra hatte nur mit den Schultern gezuckt und ihm erklärt, dass sie diesen Streit und dieses gegenseitige Nichtbeachten eigentlich von ihrer Tante geerbt hatte. Sie selbst hatte mit Mrs. Appleby noch nie Probleme gehabt, außer dass diese Frau einfach eine chronische Nörglerin war, der nichts und niemand recht war und die mit sich und der Welt im Allgemeinen in permanenter Unzufriedenheit lebte.

Chris beäugte missmutig den Haufen Schutt, der bereits in der Einfahrt lag. Er hatte sich vorgestern keine große Mühe gegeben, alles einigermaßen ordentlich zu stapeln, sondern die Bretter und die Fetzen der alten Dachpappe einfach auf einen kunterbunten Haufen hinuntergeworfen. Vielleicht sollte er erst einmal Mr. Craig und dessen Reich einen Besuch abstatten, sobald Alexandra wieder zurück war.
Er zog sich die Arbeitshandschuhe an und begann, die Überreste des alten Daches auseinanderzusortieren, damit nachher das Beladen des Pick-ups schneller gehen würde.

Nach etwa einer halben Stunde, als er schon ziemlich am Ende mit seiner Arbeit war, stoppte ein dunkler Wagen vor dem Haus. Chris richtete sich auf und hielt sich die Hand über die Augen, damit ihn die Sonne nicht so sehr blendete und beobachtete, wie ein Mann und eine Frau ausstiegen.

„Scheiße“, fluchte er leise als er das Paar erkannte. Es waren die beiden Detectives, die ihn am Dienstag verhört hatten. Sie sprachen kurz miteinander, dann kamen sie auf ihn zu.

Charlie spitzte die Ohren und sah fragend zu Chris auf. Er schien dessen Unruhe zu spüren und auch, dass es etwas mit diesen Leuten in dunklen Trenchcoats zu tun hatte, die nun das Grundstück betraten, das der Hund als sein Revier betrachtete.

Charlie freute sich normalerweise über Besucher und hoffte immer, einen Spielkameraden zu finden oder einfach jemanden, der ihn kraulte, doch nach diesem feindlich gesinnten Mann heute morgen waren alle seine Sinne auf Alarmstufe Rot was Leute betraf, die ihm, Chris oder Alexandra zu nahe kamen. Er trabte diesen beiden Unbekannte ein paar Schritte entgegen, sträubt sein Fell und begann ungehalten zu knurren….

***

Detective John Miller packte seine Kollegin am Arm, um sie am Weitergehen zu hindern. Dieser riesige Hund, der zähnefletschend vor dem Jungen stand, den sie ein weiteres Mal befragen wollten, machte den Eindruck als würde er ihnen jeden Moment an die Kehle springen wollen.

Vorhin im Wagen hatten sie besprochen, dass er diesmal das Reden übernehmen würde. Vielleicht würde er es schaffen, das Vertrauen von Chris O’Connor zu gewinnen und ihn dazu zu bringen, ihnen anzuvertrauen, was Jack Sanders gegen ihn in der Hand hatte. Doch um mit ihm zu sprechen mussten sie erst ein Mal an diesem Höllenhund vorbei.

Der Junge machte keinerlei Anstalten, den Hund festzuhalten oder ihn zurückzurufen. Er starrte ihn und seine Kollegin wie hypnotisiert an, mit Augen, die fast zu groß für das schmale, fast feminine Gesicht wirkten.

Detective Miller hatte Chris O’Connors Akte eingehend studiert. Es hatte ihn verblüfft, dass man einen Siebzehnjährigen nach San Quentin geschickt hatte, der Richter, der bei seiner Verhandlung den Vorsitz geführt hatte, musste wohl einen äußerst schlechten Tag gehabt haben. Der Junge konnte dort kaum eine Chance gehabt haben, nicht mit dieser fast zierlichen Figur und diesem Aussehen.

Im Gegensatz zu Stephen Allington war O’Connor das perfekte Opfer für so jemanden wie Jack Sanders. Im Verhör hatte Sanders zu Protokoll gegeben, dass er die Empfehlung hatte aussprechen wollen, Stephen Allingtons Bewährung aufzuheben und ihn ins Gefängnis zu schicken und dass diese Anzeige nur ein Versuch war, von dieser Tatsache abzulenken und ihn unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

In Anbetracht von Allingtons Statur und Auftreten wären Detective Miller und seine Kollegin fast geneigt gewesen, Sanders’ Beteuerungen, dass er seine Stellung niemals auf derart widerliche Art und Weise ausnutzen würde, Glauben zu schenken – wenn da nicht die vorangegangene Zeugenvernehmung von Chris O’Connor gewesen wäre. Sanders mochte Allington nicht angefasst haben, aber dieser Junge hier hatte eindeutig verdächtig reagiert, als seine Kollegin ihn gefragt hatte, ob Sanders ihn jemals sexuell belästigt hätte.

Wenn er mit seinem Verdacht recht hatte, und Detective Miller war sich beinahe sicher, dass es so war, dann würde Sanders dafür bezahlen. Er hatte selbst einen Sohn, nur ein paar Jahre jünger als Chris O’Connor und wollte sich nicht ausmalen, was er tun würde, sollte seinem Jungen jemals so etwas passieren.

Der Hund knurrte noch immer.

„Mr. O’Connor?“

Die Anrede schien den Jungen aus seiner Erstarrung zu reißen und er trat ein paar Schritte vor um den Hund am Halsband zu packen und ihn leicht zu schütteln.

„Aus, Charlie! Gib Ruhe!“ befahl er, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder den beiden Detectives zuwandte.

„Tut mir leid, normalerweise ist er nicht so…..“

„Schon gut“, entgegnete Detective Miller und kam damit einer empörten Beschwerde seiner Kollegin zuvor, die sich an seinen Arm klammerte.

Der Hund hatte nun aufgehört zu knurren und O’Connor ließ ihn wieder los.

„Ist das nicht etwas gefährlich, ihn frei herumlaufen zu lassen?“ fragte Detective Jensen. Der Schreck schien ihr noch immer in den Knochen zu stecken.

„Ich sagte doch, normalerweise ist er nicht so. Vielleicht haben Sie ihn ja erschreckt“, verteidigte der Junge seinen Hund, der nun aussah, als könne er kein Wässerchen trüben und sogar verhalten mit dem Schwanz zu wedeln begann.

„Das ist ja wohl…“

„Lass gut sein, Liz“, unterbrach Detective Miller seine Kollegin. „Wir sind nicht die Hundepolizei. Haben Sie einen Moment Zeit, um noch ein paar Fragen zu beantworten?“ Damit wandte er sich wieder an den jungen Mann, der sie unglücklich ansah.

„Sicher“, entgegnete dieser resigniert. „Sollen wir reingehen?“

Die beiden Detectives folgten Chris O’Connor in das Haus. Dort führte er sie in eine gemütliche Küche. Miller sah sich neugierig um.

„Sie wohnen also auch hier?“

„Ja. Alex…Doktor Hastings hatte die Idee, nachdem ich eine Weile für sie gearbeitet habe. Ist einfacher so. Kann ich Ihnen was anbieten?“

„Vielleicht etwas Wasser bitte“, entgegnete Detective Jensen und kam ihrem Kollegen zuvor.

Sie warf dem Hund, der sich auf einem Teppich neben dem Küchentisch niedergelassen hatte und sie hechelnd beobachtete, einen argwöhnischen Blick zu.

O’Connor stellte eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser auf den Tisch.

„Setzten Sie sich doch“, forderte er die beiden Detectives auf.

Miller rückte einen Stuhl für seine Kollegin zurecht, bevor er ebenfalls Platz nahm. Die Szene erinnerte ein wenig an die bei der ersten Befragung im Gebäude der Behörde.

Der Junge lehnte mit verschränkten Armen an der Küchentheke und sah vor sich auf den Boden. Es würde vermutlich nicht einfach werden, etwas aus ihm herauszubekommen, mit gezielten Fragen würden sie hier wohl wenig erreichen. Also hatte Detective Miller beschlossen, seine Taktik zu ändern. Er musste ihn erst einmal dazu bringen, dass er zu ihnen Vertrauen fasste.

„Chris…ich darf Sie doch Chris nennen, oder?“

Der Junge nickte, ohne aufzusehen.

„Hören Sie, es mag Ihnen nicht leicht fallen, darüber zu reden, aber wenn Sie uns erzählen, was sich zwischen Ihnen und Jack Sanders abgespielt hat, dann würden Sie sich und uns einen großen Gefallen tun. Wenn er Sie mit irgendetwas erpresst, dann sagen Sie es uns, es lässt sich mit Sicherheit eine Lösung finden. Uns geht es hauptsächlich darum, zu verhindern, dass Sanders so etwas noch Mal tut. Und natürlich darum, dass er seine gerechte Strafe erhält.“

Detective Miller war aufgestanden und zu Chris getreten.

„Egal, was es ist, wenn Sie gegen Sanders aussagen, dann lässt sich der Staatsanwalt mit Sicherheit zu einem Deal überreden, damit Sie nicht zurück ins Gefängnis müssen, weil Sie gegen eine Ihrer Bewährungsauflagen verstoßen oder irgendwelchen Blödsinn angestellt haben. Damit hat Sanders Sie doch erpresst, nicht wahr?“

Der Junge schwieg lange Zeit und schien nachzudenken. Als er endlich den Kopf hob und anfing zu sprechen, dachte Miller schon, jetzt hätte er ihn soweit, doch diese Hoffnung wurde enttäuscht.

„Mr. Sanders hat mich weder erpresst noch hat er mich jemals angerührt. Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Zwischen uns ist nie etwas passiert und ich glaube auch nicht, dass Sie jemanden finden werden, der ihn wegen so etwas beschuldigt. So ein Mensch ist er nicht.“

„Und woher wollen Sie ihn so gut kennen?“ erklang Detective Jensens spöttische Stimme vom Tisch her. „Sie wussten ja nicht einmal, dass er homosexuell ist.“

Der Junge atmete tief durch.

„Das war gelogen“, gestand er. „Mr. Sanders ist ein guter Freund von Alex. Dadurch habe ich auch diese Stelle bekommen. Er hat sie überredet, mich einzustellen. Und deswegen hab ich auch irgendwann mitbekommen, dass er schwul ist.“

Detective Miller strich sich mit der Hand über das Kinn. Das alles erklärte aber noch nicht O’Connors Reaktion, als er erfahren hatte, welches Vergehens sein Bewährungshelfer beschuldigt wurde.

Diesen Gedanken äußerte er dann auch laut.

„Warum sind Sie dann am Dienstag so überstürzt geflüchtet, als meine Kollegin Sie gefragt hat, ob Sanders Sie jemals belästigt hätte?“

Der Junge wurde blass und presste die Lippen aufeinander.

„Das…das hatte andere Gründe…“ würgte er schließlich hervor und sah zur Seite. „Es hatte nichts mit Mr. Sanders zu tun.“

Detective Miller schwieg. Natürlich, unter diesem Aspekt betrachtet ergab das ganze einen Sinn. Der Junge hatte vermutlich keine einfache Zeit in San Quentin gehabt und unvermittelt mit diesen Anschuldigungen gegen seine Bewährungshelfer konfrontiert zu werden, hatte unvermeidlich schlechte Erinnerungen wach rufen müssen. Kein Wunder, dass er erst einmal weggelaufen war.

„In Ordnung“, sagte Miller langsam. „Sie sind also sicher, dass Sie nichts gegen Mr. Sanders vorbringen wollen?“

„Ja“, entgegnete O’Connor leise und mied noch immer seinen Blick. „Mr. Sanders hat mir die ganze Zeit über nur geholfen. Ich hab ihm eine Menge zu verdanken…“

Miller sah zu seiner Kollegin hinüber, die den Jungen stirnrunzelnd musterte.

„Hast du noch irgendwelche Fragen?“

Sie schüttelte den Kopf und stand auf.

„Nein, im Moment nicht.“ Dann sah sie auf ihre Armbanduhr. „Wir sollten jetzt sowieso gehen, um drei haben wir noch einen Termin.“

Detective Miller nickte.

..“Gut. Chris, ich schätze das wäre alles. Sollten Sie uns doch noch etwas sagen wollen, ich lasse Ihnen meine Karte hier.“ Damit legte er seine Visitenkarte auf die Küchentheke.

Die beiden Detectives verabschiedeten sich. An der Tür drehte sich Miller noch ein Mal zu Chris um.

„Gibt es eigentlich jemanden, mit dem Sie reden können?“ fragte er.

Der Junge schluckte, als ihm klar zu werden schien, was der Detective damit meinte.

„Ja…Mr. Sanders…er hat mich zu einer Psychologin geschickt…“

***

Nachdem Detective Miller sich angeschnallt hatte, sah er zum Haus zurück. Der Junge kniete neben dem Hund, der ihnen zur Tür gefolgt, war und hatte die Arme um dessen Hals gelegt, um ihn an sich zu drücken.

Miller fühlte Mitleid in sich aufsteigen. O’Connor war damals rechtmäßig verurteilt worden, aber hatte man ihn nicht in einen Jugendstrafvollzugsanstalt schicken können? Manchmal verstand er das ganze System nicht. Was hatte es denn für einen Sinn, jemanden, der ein Verbrechen begangen hatte, für ein paar Jahre hinter Gitter zu schicken, wenn dieser Jemand, wenn er wieder frei war, entweder noch schlimmer war als zuvor oder psychisch ein gebrochener Mensch. Wie das dem Wohl der Gesellschaft dienen sollte, hatte Detective Miller in fünfundzwanzig Jahren Polizeidienst nicht verstanden.

„Da hatten wir wohl keinen großen Erfolg“, riss ihn die Stimme seiner Kollegin, die den Wagen startet, aus seinen Gedanken.

„Doch“, entgegnete Detective Miller. „Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass er doch die Wahrheit gesagt hat.“

Frustriert schnaubte die Frau.

„Dann kommt Sanders mit einem guten Anwalt also möglicherweise davon?“

Erstaunt starrte Detective Miller sie. an.

„Liz, worum geht es dir eigentlich? Die Wahrheit herauszufinden oder den Kerl in den Knast zu bringen, weil er nun mal schwul ist?“

Die Hände auf dem Lenkrad verkrampften sich.

„Ich hasse solche Typen eben“, knirschte Detective Liz Jensen. „Das ist doch einfach nicht normal.“

Miller schüttelte den Kopf, schwieg aber. Seine Kollegin schien im Gegensatz zu ihm massive Vorurteile gegen Homosexuelle zu haben. Sie würde jeden Stein umdrehen, um eventuell doch noch jemanden zu finden, der gegen Sanders aussagen würde.

Einerseits war das in Ordnung und die Aufgabe eines guten Polizisten, aber Miller begann langsam zu befürchten, dass Liz auch nicht davor zurückschrecken würde, Zeugen zu manipulieren und ihnen etwas einzureden. Schon harmlose Gesten, wie ein Arm um eine Schulter, konnten unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, als Belästigung gewertet werden.

Insgeheim beschloss Detective Miller, morgen mit dem Captain darüber zu sprechen und diesen darum zu bitten, Liz von diesem Fall abzuziehen. Wenn es sein musste, dann würde er eben allein weiter ermitteln. Eine Menge Arbeit, aber immer noch besser, als einen Unschuldigen ins Gefängnis zu bringen.

 

Teil 62

 

Alexandra parkte den Wagen vor dem Grundstück. Sie sah hinüber zur Garage, doch weder Chris noch Charlie waren zu sehen. Ein Großteil des Schutts war bereits sortiert und für den Abtransport vorbereitet. Vielleicht wollte Chris damit nachher noch rüber zur Mülldeponie fahren.

Sie ergriff ihre Arzttasche und stieg aus. Nach einer gründlichen Untersuchung der kranken Hündin hatte sie deren Besitzer beruhigen können, es hatte sich vermutlich nur um eine harmlose Magenverstimmung gehandelt.

Alexandra ging ins Haus, wo sie von einem schwanzwedelnden Charlie empfangen wurde. Er drehte jedoch gleich wieder um und rannte zurück in die Küche. Alexandra folgte ihm.

Sie war überrascht, Chris am Küchentisch sitzen zu sehen, den Kopf in beide Hände gestützt. Eine Flasche Wasser und zwei Gläser standen auf dem Tisch und sie konnte sich nicht erinnern, dass diese schon dort gestanden waren, als sie vor eineinhalb Stunden das Haus verlassen hatte. War in der Zwischenzeit jemand hier gewesen?

„Chris?“

Er sah auf.

„Was ist denn passiert?“

Besorgt setzte sich Alexandra neben ihn und legte ihm die Hand auf den Arm.

Chris seufzte.

„Die Polizei war hier, die beiden Detectives, die mich am Dienstag schon ausgequetscht haben.“

Alexandra fluchte. Wieso hatten diese Typen ausgerechnet dann kommen müssen, wenn sie nicht da war?

„Und?“

„Na, was schon. Sie haben mich noch Mal wegen Mr. Sanders gelöchert.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Ich hab ihnen das gleiche erzählt wie vor zwei Tagen…“

„Ist das alles?“

Chris schien in einer merkwürdigen Stimmung zu sein, die Alexandra sich nicht erklären konnte. Seltsam ruhig.

„Diesmal haben sie mir wohl geglaubt, dieser Detective Miller jedenfalls…“, sagte er leise und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.

„Woher weißt du das?“

„Er wollte wissen, wieso ich weggelaufen bin…Ich hab’s ihm natürlich nicht gesagt, aber…irgendwie muss er es wohl erraten haben....“ Mit einem Anflug von Verzweiflung blickte er Alexandra an. „Sag mal, steht mir das irgendwo auf der Stirn geschrieben, dass ich…dass ich vergewaltigt worden bin?“

Im ersten Moment fand Alexandra keine Worte, um diese Frage zu beantworten. Was sollte sie dazu schon sagen? Dass fast jeder, der ein wenig über die Verhältnisse in den amerikanischen Gefängnissen Bescheid wusste und sich darüber einmal Gedanken gemacht hatte, sich ausmalen konnte, was einem Jungen in Chris’ Alter und mit seinem Aussehen dort passierte?

„Nein, natürlich nicht“, entgegnete sie langsam, um Zeit zu gewinnen. „Aber…manche Leute, ganz besonders die, die unmittelbar damit zu tun haben, wissen eben, was abläuft.“


„Na toll.“ Chris’ Stimme klang bitter.

„Hey…dass heißt doch nicht, dass Alle Bescheid wissen. Du bindest ja nicht jedem auf die Nase, dass du im Gefängnis warst.“

Alexandra biss sich auf die Lippe. Sie selbst hatte diese nicht unwesentliche Tatsache vor ein paar Monaten Dr. Langton „auf die Nase gebunden“ und als Resultat hatte der Arzt diese Bluttests durchführen lassen. Chris wusste immer noch nichts davon und Alexandra fragte sich, ob jetzt vielleicht der Moment war, wo sie es ihm beichten sollte. Zumindest hätte sie nun einen passenden Einstieg.

„Da…da ist noch etwas, dass du vielleicht wissen solltest…“ begann sie vorsichtig.

„Ach, noch mehr so motivierende Nachrichten?“

Alexandra zuckte schuldbewusst zusammen. Vielleicht doch nicht ganz so passend. Dennoch nahm sie ihren ganzen Mut zusammen.

„Als wir damals bei Dr. Langton waren, da ist mir rausgerutscht, dass du ein Ex-Sträfling bist…Und da hat er, ohne mir vorher etwas zu sagen, auch einen Aids- und Hepatitis-Test durchführen lassen. Er hat wohl auch so etwas geahnt, mir aber nichts davon gesagt. Beide Tests waren negativ.“

Alexandra hatte schnell gesprochen, ohne Atem zu holen und ohne abzusetzen. Ängstlich sah sie Chris an.

Dessen Augen weiteten sich entsetzt und er sprang ohne ein Wort auf. Sein Stuhl fiel krachend um und Charlie bellte erschrocken.

„Was?“

Alexandra stand ebenfalls auf und ging auf Chris zu. Der wich ein paar Schritte zurück.

„Chris, es tut mir leid. Bitte glaub mir, ich hatte danach ein total schlechtes Gewissen. Doktor Langton hat mich gefragt, ob dir irgendetwas Traumatisches in der letzten Zeit passiert ist und…und da hab ich sozusagen laut gedacht…“

„Und wie oft hast du noch „laut gedacht“?“ fauchte Chris. Er schien jetzt ernsthaft wütend zu sein.

„Das war das einzige Mal, das schwöre ich“, rief sie verzweifelt. „Und wenigstens wissen wir, dass du keine dieser Krankheiten hast.“

Chris starrte sie noch einen Augeblick lang an, dann drehte er sich wortlos um und riss die Tür zur hinteren Veranda auf. Eine Sekunde später fiel sie mit einem lauten Knall hinter ihm zu.

Alexandra sank zurück auf ihren Stuhl und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Sie hätte es ihm wohl doch nicht sagen sollen. Nicht jetzt, wo er sowieso schon total durch den Wind gewesen war. Erst dieser Fuzzy heute morgen, dann die Polizei und jetzt hatte sie ihm das noch um die Ohren klatschen müssen. Wann lernte sie endlich, wann es besser war, den Mund zu halten?

Eine Viertelstunde verbrachte Alexandra damit, sich selbst in Grund und Boden zu verdammen, dann hielt sie es nicht mehr aus und folgte Chris nach draußen.

Er saß auf dem Geländer der Veranda und ließ die Beine baumeln. Als er Alexandra sah, wandte er den Blick ab.

„Chris, es tut mir wirklich leid“, versuchte sie ihn zu besänftigen. „Aber…wenigstens weißt du doch jetzt…“

„Das wusste ich schon vorher“, unterbrach er sie. „Ich war gleich nach meiner Entlassung bei einem anonymen Test und ein halbes Jahr später noch mal.“

„Wirklich?“

„Wirklich. Ich hab dir doch gesagt, dass ich sauber bin und du dir keine Sorgen machen musst.“

„Wann?“ fragte Alexandra verwirrt. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern.

Chris seufzte. „Als ich dir mein ziemlich überflüssiges Geständnis gemacht habe. Oder hast du mich die ganze Zeit für so blöd und verantwortungslos gehalten, dass ich mit dir geschlafen hätte, wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass ich dich nicht mit irgendwas anstecke?“

Alexandra schwieg. Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. Sie hatte ja gewusst, dass Chris gesund war.

„Was ist?“ fragte Chris ungeduldig. „Jetzt, wo wir schon bei den Geständnissen sind, kannst du mir das ruhig auch noch sagen.“

„Ich hab nicht darüber nachgedacht, ehrlich“, entgegnete sie schließlich. „Ich war nur einfach froh, dass du dir nichts eingefangen hattest und mit allem, was passiert ist, kam ich nie auf diese Idee.“


„Dafür muss ich jetzt wohl dankbar sein.“

Chris’ Unmut über ihre Enthüllung schien sich noch in keinster Weise gelegt zu haben. Er war noch immer wütend.

„Chris, bitte lass uns vernünftig darüber reden“, bat Alexandra. „Damals wusste ich doch noch gar nicht was mit dir los war. Doktor Langton war sehr verständnisvoll, den einzigen Vorwurf, den ich ihm machen könnte, ist der, dass er mir nichts von seinem Verdacht gesagt hat. Und mir selber, dass ich so blauäugig war und damals nicht schon von selbst darauf gekommen bin.“

Stirnrunzelnd sah Chris sie an. Alexandra fragte sich, was jetzt wohl in ihm vorgehen mochte. Sie wusste, dass er sich noch immer zutiefst für das schämte, was man im Gefängnis mit ihm gemacht hatte, wozu man ihn gezwungen hatte.

„Ach, verdammt“, fluchte er plötzlich und sprang vom Geländer herunter. Erregt lief er vor Alexandra hin und her.

„Was glaubst du eigentlich, was für eine Scheißangst ich die ganze Zeit gehabt hab, dass mich einer von diesen Drecksschweinen mit so was ansteckt? Mir war’s sogar lieber, wenn sie nur wollten, dass ich…“ Chris machte eine Pause und schloss die Augen. „Danach musste ich wenigstens nur immer kotzen.“

Alexandra fühlte Übelkeit in sich hochsteigen. Sie war Chris zutiefst dankbar, dass er keine genauere Beschreibung der Vorgänge lieferte, darauf konnte sie wirklich verzichten.

„Weißt du, wieso ich dann wirklich sofort zu `nem Arzt gegangen bin, nachdem ich frei war?“

Stumm schüttelte sie den Kopf.

„Eine Woche bevor ich entlassen wurde kriegten wir `nen Neuzugang in unserem Block. Schlank, lange, blonde Haare, geschminkt…. All die notgeilen Säcke waren sofort hinter ihm her, er hat sie regelrecht angemacht. Mir war’s recht, dann ließen sie mich wenigstens in Ruhe. An meinem vorletzten Tag hab ich mit dem Typen in der Schreinerei zusammengearbeitet und wir waren ein Weile allein. Ich hab ihn gefragt, ob ihm das wirklich Spaß machen würde. Soll ich dir sagen, was er darauf geantwortet hat?“

„Was?“ flüsterte Alexandra.

„Er sagte, er wolle so viele wie nur möglich von den Schweinen mitnehmen….“

„Oh Gott…“

Blindlings tastete Alexandra nach dem Geländer. Ihr war jetzt wirklich übel und sie merkte, wie die Welt vor ihren Augen verschwamm.

„Alex?“ hörte sie Chris’ entsetzte Stimme wie aus weiter Ferne und fühlte gleich darauf, wie sie gepackt und hochgehoben wurde.

Sie legte ihren Kopf an Chris’ Schulter und schlang ihre Arme um seinen Nacken.

„Geht gleich besser“, sagte sie schwach, während Chris sie hastig in die Küche trug.

„Leg mich auf den Boden und schieb den Hocker von da drüben unter meine Beine“, kommandierte Alexandra mit zittriger Stimme.

Chris schien einen Moment lang unschlüssig zu sein, doch dann gehorchte er. Nachdem er Alexandra’s Anweisungen ausgeführt hatte, holte er ein Kissen von der Bank in der Ecke und schob es ihr vorsichtig unter den Kopf. Dann beugte er sich besorgt über sie.

„Alex? Wie geht’s dir jetzt? Soll ich dir noch irgendwas bringen, Wasser, irgendein Medikament…“ Ängstlich sah er sie an.

„Ein Glas Wasser vielleicht“, entgegnete Alexandra.

Sie fühlte, wie das Schwindelgefühl langsam nachließ und das Blut in ihren Kopf zurückzufließen schien. Dafür fühlte sich ihr Mund an, als wäre er mit Watte ausgestopft.

Charlie war ebenfalls hinzugekommen und winselte beunruhigt, während er Alexandra’s Hand ableckte.

„Hey, Kleiner, alles okay. Gleich bin ich wieder auf den Beinen“, tröstete sie den Hund und kraulte ihn hinter dem Ohr.

Da kniete auch schon Chris wieder neben ihr und half ihr, sich halb aufzusetzen, damit sie etwas trinken konnte. Durstig leerte Alexandra das Glas, bevor sie es Chris zurück gab.

„Danke. Ich glaub, jetzt geht’s mir besser. Hilfst du mir auf?“

„Bist du sicher?“ Tiefe Sorge stand noch immer in Chris’ dunklen Augen.

„Ja, ich bin okay. War wohl der Mangel an Schlaf und das vorhin…“ Alexandra brach ab, als sie den Ausdruck von verzweifeltem Schuldbewusstsein auf Chris’ Gesicht sah.

„Dann bin ich also dafür verantwortlich“, flüsterte er niedergeschlagen.

Alexandra atmete tief durch. Von stinksauer bis zu Tode betrübt in wie vielen Minuten?

„Hey, nun mach aber mal einen Punkt. Die Sache mit Jack hat mich ziemlich fertig gemacht, darum hab ich wahrscheinlich nicht so gut geschlafen. Und in einer Beziehung gibt es auch Mal Streit. Du hattest vorhin ja Recht, ich sollte besser aufpassen, wem ich was erzähle. War der Typ dann der Grund, weshalb du gleich zu einem Arzt gegangen bist?“

Alexandra wechselte bewusst das Thema, um ihn von seiner Selbstgeißelung abzulenken.

„Ja…Ich hätte das vielleicht verdrängt und vor mir hergeschoben…aber Tony, so hieß er, hat mir bewusst gemacht, wie real das Risiko eigentlich war…Die paar Tage Warten auf das Ergebnis waren die Hölle….“ Chris schlang die Arme um sich selbst und schüttelte den Kopf. „Ein halbes Jahr später war ich dann noch Mal. Da hab ich schon bei dir gearbeitet und hab den Arztbesuch mit einem Termin mit Mr. Sanders verbunden. Diesmal hatte ich nicht so `nen Horror, weil Lewis panische Angst vor Ansteckung hatte und….er hat’s halt nie ohne Gummi getan. Und wenn er mich mal für `ne halbe Stunde an jemanden anderen verkauft hat, dann hat er drauf bestanden, dass der auch so’n Ding benutzt…“

Alexandra streckte die Hand aus und strich Chris leicht über die Wange. Manchmal total verschlossen und manchmal von einer erschreckenden Offenheit. Ein Indiz dafür, wie innerlich zerrissen er eigentlich war.

Alexandra hatte sich mehr darauf eingestellt, dass Chris nicht oder nur selten über seine Vergangenheit im Gefängnis reden wollte, daher schockierte sie diese gelegentliche Offenheit immer im ersten Moment.

„Hilfst du mir jetzt hoch?“ bat sie leise.

Als sie sich dann gegenüberstanden, Chris hatte sie nicht losgelassen, da er anscheinend Angst hatte, dass sie wieder umkippen würde, spürte Alexandra, dass der Raum um sie herum leicht schwankte.

„Machst du bitte Kaffee? Ich glaub, den brauch ich jetzt, um wieder auf die Beine zu kommen. In einer halben Stunde muss ich die Praxis aufmachen.“

„Willst du das heute nicht lieber lassen? Was ist, wenn es dich wieder umhaut?“

„Quatsch, bis dahin bin ich wieder fit“, widersprach Alexandra energisch. Sie löste sich von Chris, ging zum Tisch und setzte sich auf einen Stuhl.

Chris sah sie zweifelnd an, machte sich dann aber daran, das Gewünschte vorzubereiten. Er benutzte den Wasserkocher, da die Kaffeemaschine elendiglich lange brauchen würde. Alexandra hatte immer wieder vergessen, sie zu entkalken. Schließlich kam Chris mit zwei Tassen in der Hand zu ihr an den Tisch. Er holte noch Milch und Zucker, dann setzte er sich neben sie.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nahm sich Alexandra an Chris ein Beispiel und kippte eine Unmenge Zucker und Milch in ihre Tasse. Ihr war noch immer etwas flau im Magen und schwindelig, doch das heiße Getränk würde ihren Kreislauf schon wieder aufputschen.

Charlie war zu Alexandra gekommen und hatte ihr den Kopf in den Schoß gelegt. Sie kraulte den Hund, während sie vorsichtig an der dampfenden Flüssigkeit nippte.

„Genau das hab ich jetzt gebraucht“, seufzte sie.

„Bist du wirklich sicher, dass du wieder okay bist? Es wäre vielleicht doch besser wenn du dich hinlegen würdest. Oder, vielleicht zu Doktor Langton gehen würdest“, sagte Chris. Er schien sich noch immer nicht von seinem Schrecken erholt zu haben.

Alexandra sah ihn belustigt an.

„Und wer ist jetzt hier die Muttergans? Chris, mir hat’s vorhin einfach die Beine weggezogen. Ich hab zu wenig geschlafen, wahrscheinlich auch zu wenig gegessen, da passiert so was schon mal. Also mach dir keine Sorgen.“

Chris malte mit dem Finger unsichtbare kleine Muster auf der Tischplatte.

„Ich...meine Mom ist damals auch einfach nur so umgekippt und dann…“

Alexandra legte ihm die Hand auf den Arm. So betrachtet konnte sie seine Besorgnis verstehen.

„Chris, ich bin gesund. Hör zu, wenn es dich beruhigt, dann verspreche ich dir, dass ich zu Doktor Langton gehe, wenn mir noch Mal schwindlig wird, okay?“
Erleichtert nickte Chris.

„Ja, das ist okay.“

 

 

Teil 63

 

Als Alexandra an diesem Abend aus dem Badezimmer kam, saß Chris im Schneidersitz auf dem Bett und hielt das gerahmte Familienfoto in der Hand, das ihn im Alter von etwa vierzehn mit seinen Eltern zeigte. Alexandra kannte dieses Bild, es war vor einem blühenden Rhododendron mit hunderten von weißen Blüten aufgenommen worden. Chris stand zwischen seine Eltern, die beide einen Arm um seine Schultern gelegt hatten. Alle Drei strahlten um die Wette.

„Was ist?“ fragte sie, nachdem sie hinter Chris aufs Bett geklettert war und ihm das Kinn auf die Schulter gelegt hatte, um das Bild ebenfalls zu betrachten.

Chris war ein wirklich niedlicher Teenie gewesen und man hatte damals schon gesehen, dass er einmal zu einem gutaussehenden jungen Mann heranwachsen würde

„Ich weiß nicht…Irgendwie musste ich heute einfach an meine Eltern denken…“

„Wieso?“

Chris drehte den Kopf, um Alexandra anzusehen.

„Weißt du…ich hasse es, wenn wir streiten oder wenn ich sauer auf dich bin…“

„Hey, das gehört nun mal dazu, wenn man zusammen ist.“ Alexandra strich Chris sanft über den Rücken. „Und du hattest ja recht.“

„Meine Mom und mein Dad haben sich selten gestritten, aber wenn…Mann, dann flogen die Fetzen. Mom hat dann immer auf italienisch losgebrüllt, das Dad natürlich nicht verstanden hat. Zum Schluss lagen sie sich aber immer in den Armen und haben miteinander gelacht…“

„Na, ist doch irgendwie wie bei uns“, versuchte Alexandra zu scherzen. „Fast jedenfalls. Wir vertragen uns doch auch hinterher wieder.“

Ein wehmütiges Lächeln umspielte Chris’ Mund.

„Ja…“ flüsterte er, während er liebevoll mit dem Zeigefinger über die Fotografie strich.

„Sie hätten dich gemocht“, sagte er unvermittelt.

„Meinst du? Hätten sie nichts dagegen gehabt, dass ihr einziger Sohn mit einer „älteren“ Frau zusammen ist?“

Chris schüttelte den Kopf. „Nein…für meine Mutter wäre es am Wichtigsten gewesen, dass ich glücklich bin und mein Dad hätte ihr nie widersprochen. Außerdem bist du doch gar nicht soviel älter als ich.“

„Bist du das denn? Glücklich?“

Chris stellte das Bild zurück auf seinen Nachttisch. Dann drehte er sich zu Alexandra um und ergriff ihre Hände.

„Ja, das bin ich. So glücklich, wie ich nur sein kann. Alex, ich will dich nie verlieren…“

Alexandra schluckte.

„Ich dich auch nicht“, entgegnete sie. „Egal, was passiert, wir bleiben zusammen.“

Eng aneinandergekuschelt lagen sie danach im Bett, das Licht hatten sie gelöscht, und Chris erzählte ihr von seinen Eltern. Alexandra lauschte der Geschichte gebannt, so ausführlich hatte er mit ihr noch nie über seine Familie gesprochen.

Die beiden hatten sich in dem kleinen Gemüseladen kennen gelernt, der Giovanna Polettis Vater gehörte. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Doch Papa Poletti wollte nichts davon hören, dass seine jüngste Tochter einen Amerikaner heiratete, noch dazu einen irischer Abstammung. Es gab da einen jungen Mann aus einer guten Familie, ebenfalls ein Italiener, der Giovanna glühend verehrte und ihrem Vater bereits zu verstehen gegeben hatte, dass er sie um ihre Hand bitten wollte.

Alles Bitten und Flehen nützte nichts, Papa Poletti blieb hart und verbot seiner Tochter, diesen dahergelaufenen Iren, wie er Rory O’Connor nannte, jemals wieder zu sehen.

Giovanna jedoch blieb stur. Eines Nachts packte sie ihre Sachen, hinterließ einen Abschiedsbrief und verließ mit ihrem Geliebten San Diego. Gleich darauf heirateten die beiden und neun Monate später wurde Chris geboren. Das Paar zog mit dem Baby nach Los Angeles, wo Rorys Mutter lebte. Sie war zu Beginn nicht gerade begeistert von ihrer Schwiegertochter, doch Giovannas sonniges Wesen ließ sie ihren Groll über die Wahl ihres Sohnes schnell vergessen. Und da war ja auch noch Mini-Chris, in den sich die ältere Mrs. O’Connor sofort verliebte.

Das junge Paar zog in eine winzige Wohnung, da Giovanna ihre Schwiegermutter zwar inzwischen mochte, aber nicht mit ihr unter einem Dach wohnen wollte. Erst nach dem Tod von Mrs. O’Connor siedelte die kleine Familie in deren Häuschen um. Rory war das einzige Kind gewesen und so gab es niemanden, mit dem er das Erbe teilen musste.

Chris hatte eine glückliche Kindheit. Seine Eltern hatten zwar nicht viel Geld, doch es mangelte ihm nie an Aufmerksamkeit und Fürsorge. Giovanna konnte nach Chris keine Kinder mehr bekommen und so schenkte sie all ihre Liebe ihrem einzigen Sohn und natürlich ihrem Ehemann.

„Als Mom starb, da war es, als wäre die Sonne untergegangen und würde nie mehr aufgehen“, flüsterte Chris. „Ich konnte es tagelang nicht glauben, dass sie nie mehr zur Tür hereinkommen würde, mich nie wieder wegen irgendeinem Blödsinn auf italienisch ausschimpfen...“ Er machte eine Pause und schloss die Augen. „…oder mich nie mehr in den Arm nehmen und mich trösten würde, wenn mal wieder irgendetwas schief gegangen war…“

Alexandra legte die Arme um Chris und hielt ihn fest. Ihr Herz weinte für den unschuldigen Jungen, der seine Mutter verloren hatte, als er sie noch so dringend gebraucht hätte.

„Was ist eigentlich mit deinen Verwandten, der Familie deiner Mutter, meine ich?“ fragte sie nach einer Weile, als sie sicher sein konnte, ihrer Stimme wieder trauen zu können.

„Keine Ahnung, wir hatten nie Kontakt zu ihnen. Dad hat ihnen geschrieben als Mom im Krankenhaus lag und wir wussten, dass sie schwer krank war. Es ist nie eine Antwort gekommen…“ Chris schnaubte. “Wahrscheinlich wissen sie gar nicht dass Mom tot ist und es interessiert sie auch nicht.“

Alexandra schwieg. Die ganze Sache erinnerte sie auf seltsame Art und Weise an ihre eigene Situation. Sie war zwar nicht wegen eines Mannes von ihrer Familie sozusagen verstoßen worden, aber das Ergebnis war das Gleiche. Die einzige Person, zu der sie noch ab und zu Kontakt hatte war ihre Mutter und diese sporadischen Telefongespräche endeten meist in einem Streit. Mit ihrem Vater hatte Alexandra schon seit Jahren nicht mehr gesprochen, ebenso wenig wie mit ihren Geschwistern.

„Das weißt du doch nicht“, entgegnete sie. „Vielleicht ist der Brief nie angekommen.“

Chris zuckte mit den Schultern.

„Ist ja auch egal. Ich brauch sie nicht“, sagte er trotzig.

Alexandra wären einige Gegenargumente eingefallen, doch sie zog es vor, diese nicht zu äußern. Die ganze Geschichte lag mehr als zwanzig Jahre zurück, die Gemüter hatten sich mit Sicherheit längst beruhigt und vielleicht hätte es Giovannas Eltern doch interessiert, was aus ihrer Tochter geworden war. Und vielleicht hätten sie gern ihren Enkel kennen gelernt. Man sollte die Hoffnung nie aufgeben, obwohl Alexandra selbst sie bei ihrer eigenen Familie verloren hatte.

„Wie viele Geschwister hatte deine Mutter eigentlich?“ fragte sie.

„Fünf, glaube ich. Drei Schwestern und zwei Brüder. Sie hat nicht oft von ihnen gesprochen. Aber ich schätze, sie hat sie vermisst…“

Das konnte Alexandra nachfühlen. Mit Karen, ihrer Schwester, hatte sie zwar nie viel verbunden, aber dass vor neun Jahren nicht einmal ihr Bruder Justin, das mittlere der drei Hastings-Kinder, zu ihr gehalten hatte, hatte weh getan und schmerzte noch immer. Aber er hatte damals mitten im Jura-Studium gesteckt, das er auf Wunsch ihres Vaters begonnen hatte und hatte wohl gefürchtet, dessen Unterstützung zu verlieren. Feige, aber dennoch verständlich. Alexandra hatte ihm längst verziehen, doch Justin hatte sich nie bei ihr gemeldet. Er arbeitete er jetzt genau wie Karen, für ihren Vater und stand vermutlich völlig unter dessen Fuchtel.

Tiefe, regelmäßige Atemzüge ließen sie erkennen, dass Chris eingeschlafen war. Wieder war ein stressiger, ereignisreicher Tag zu Ende gegangen. Alexandra hoffte, dass nun endlich wieder ein wenig Ruhe einkehren würde, wenigstens vorübergehend, damit sie Kräfte für das sammeln konnten, was vor ihnen lag.


 

Teil 64

 

Alexandras Wunsch schien wenigstens teilweise in Erfüllung zu gehen. Der folgende Tag blieb weitestgehend ereignislos, bis auf einen Anruf von Ian, der sie wissen ließ, dass Jack nun auf Kaution frei war und jetzt bei ihm wohnte. Ihm ging es nicht besonders gut und er wollte im Moment noch niemanden sehen und mit niemandem sprechen.

Ein weiterer Anruf kam von Julie, die, etwas verspätet, nun auch von Jacks Verhaftung erfahren hatte. Alexandra verbrachte eine gute Stunde damit, ihre Freundin darüber aufzuklären, was eigentlich passiert war.

Nachdem Alexandra sie dahingehend hatte beruhigen können, dass Jack vermutlich freigesprochen werden würde, galt Julies Hauptsorge Chris und wie er es aufgenommen hatte.

Alexandra war wieder einmal überrascht, dass ihre oft so oberflächlich erscheinende Freundin soviel Einfühlungsvermögen bewies. Es war doch mehr an Julie dran als ihre manchmal etwas zu offenherzige Arte vermuten ließ.

Julie war erst zufrieden gestellt, als sie mit Chris selbst reden konnte. Das Gespräch war ziemlich einseitig, Chris antwortete meist mit einem Brummen oder einem wenig informativen „Ja“ oder „Nein“. Die längste Äußerung war „Mach dir keine Sorgen, Julie, ich bin okay. Alex passt schon auf mich auf.“ Aber er lächelte, als er Alexandra den Hörer zurückgab.

Der Freitag verlief ansonsten recht ruhig, worüber niemand im Hause Hastings böse war.

Samstag Vormittag ging Alexandra mit Chris Einkaufen. Sie schickte ihn zwar oft allein, aber manchmal brauchte frau eben Dinge, für die ein männliches Wesen einfach kein Verständnis und Gefühl aufbrachte. Chris bildete in dieser Beziehung keine Ausnahme.

Nachdem Chris ihr einmal statt Waschpulver ein Paket Waschmaschinenentkalker mitgebracht hatte, übernahm sie derartige Besorgungen lieber selbst. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was in seinem Einkaufswagen gelandet wäre, wenn sie jemals auf die irrwitzige Idee gekommen wäre, Tampons auf seine Einkaufsliste zu schreiben. Vermutlich hätte er ihr irgendetwas aus dem Baumarkt mitgebracht…

Sie fuhren raus ins Einkaufszentrum, da Chris festgestellt hatte, dass er noch ein paar Schulbücher brauchte und es dort neben diversen anderen Geschäften auch eine große Buchhandlung gab. Charlie musste diesmal zu Hause bleiben, was etwas missmutig von ihm aufgenommen wurde. Alexandra ermahnte ihn beim Abschied streng, keinen Unsinn anzustellen und die Schubladen in Ruhe zu lassen. Zur Sicherheit gab sie ihm aber noch einen großen Kauknochen, den sie für eine derartige Gelegenheit in Reserve hatte und hoffte, dass dieser den Hund eine Weile beschäftigen würde.

Am Einkaufszentrum angekommen, trennten sie sich. Alexandra wollte sich in der Zeit, die Chris in der Buchhandlung verbrachte, den Wonnen eines kurzen Einkaufsbummels hingeben. Außerdem hatte Chris erwähnt, dass er mit Mike wegen eines Internetanschlusses telefoniert hatte und sich von diesem hatte erklären lassen, was er dafür brauchte. Deswegen wollte er auch noch in den Computerladen. Also konnte es etwas dauern, bis er fertig war.

Mit der Vereinbarung, sich in eineinhalb Stunden vor dem Supermarkt zu treffen, verabschiedete sich Chris von Alexandra mit einem kleinen Kuss. Alexandra sah ihm nach, wie er davon schlenderte. Obwohl er sich inzwischen nicht mehr gar so wild und provokativ kleidete, sah er immer noch aus wie ein rebellischer Teenager. Alexandra lächelte vor sich hin. In diesen sanften, verletzlichen Rebellen hatte sie sich schließlich verliebt…

Sie blickte sich um. Ah ja, da vorne war der Laden, den sie unbedingt allein und ungestört hatte aufsuchen wollen…

Knappe eineinhalb Stunden später stand Alexandra ungeduldig wartend mit mehreren Einkaufstüten in der Hand vor dem Supermarkt. Wo steckte Chris bloß? Ein paar Bücher und Kabel zu kaufen konnte doch nicht so lange dauern. Eigentlich hätte es eher umgekehrt sein müssen, Chris hätte an ihrer Stelle hier stehen und ungeduldig vor sich hinschimpfen müssen. Sie konnte noch nicht einmal ihre Einkäufe im Wagen verstauen, da Chris gefahren war und die Autoschlüssel dabei hatte.

„Alex? Mensch, das gibt’s ja nicht!“

Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr Alexandra herum. Da stand Patrick, ihr alter Sportkamerad, mit dem zusammen sie jahrelang trainiert hatte und hatte seine Arme weit ausgebreitet.

„Pat!“ rief sie überrascht und stürzte auf ihn zu.

Ungeachtet der vielen Tüten an ihren Handgelenken umarmte sie den blonden, groß gewachsenen Mann stürmisch.

„Hey, ist ja toll, dich mal wieder zu sehen! Wir haben uns ja total aus den Augen verloren“, lachte Patrick und drückte sie fest an sich.

Alexandra kannte Patrick schon vor der Sache mit Kevin. Er war einer der wenigen gewesen, denen sie irgendwann zumindest einen Teil davon erzählt hatte. Er zählte auch zu den wenigen Männern, die vor ihrer scharfen und bissigen Zunge größtenteils sicher waren.

Pat und sie hatten oft gemeinsam auf Prüfungen hin trainiert und waren ein eingespieltes Team gewesen. Vor etwa eineinhalb Jahren war er nach der Geburt seiner Tochter mit seiner Frau nach Idaho gezogen, wo deren Eltern lebten. Sie hatten sich zwar versprochen, in Kontakt zu bleiben, doch wie bei so vielem im Leben war daraus nichts geworden.

„Was machst du denn hier?“ fragte Alexandra, nachdem sich die Aufregung über das unerwartete Wiedersehen etwas gelegt hatte.

„Bin vor kurzem hergezogen, das war doch nichts für mich in Idaho. Ich bin und bleibe nun mal Kalifornier. Und du? Trainierst du noch bei Jeff?“

Alexandra schüttelte den Kopf. „Nicht mehr regelmäßig. Meine Tante ist gestorben und hat mir ihr Haus hinterlassen. Ich hab mir dort eine eigene Praxis eingerichtet. Macht `ne Menge Arbeit und da nimmst du die eineinhalb Stunden Fahrt hin und zurück nicht mehr so oft in Kauf.“

Patrick machte ein betroffenes Gesicht. „Hey, tut mir leid wegen deiner Tante. War `ne nette Frau.“

„Ja, das war sie…“

Alexandra sah zu Boden. Patrick hatte Tante Claire mal bei einem Wettbewerb kennen gelernt, an dem Alexandra teilgenommen und zu dem ihre Tante sie begleitet hatte. Die beiden hatten sich auf Anhieb gut verstanden und Tante Claire hatte bedauert, dass Patrick bereits in festen Händen war, da sie ihn sich gut hätte als Schwiegerneffen vorstellen können.

„Hey, hättest du nicht Lust, wieder mehr zu trainieren, wenn die Gelegenheit dazu da wäre?“ unterbrach Patrick nach etwa einer Minute das unbehagliche Schweigen, das sich ausgebreitet hatte.

„Wie meinst du das?“

Patrick grinste verlegen. „Weil ich vor drei Monaten hier in der Nähe ein eigenes Dojo aufgemacht habe. Klein, aber fein und mein. Willst du’s dir vielleicht mal ansehen? Ich könnte auch noch `nen zusätzlichen Trainer gebrauchen….“

Alexandra sah ihren alten Sportkameraden erstaunt an.

„Du hast ein Dojo eröffnet? Wirklich? Na klar sehe ich mir das an! Über den Trainerposten müssen wir uns noch unterhalten.“

„Es wäre ja nur ein-, höchstens zweimal die Woche. Dafür darfst du auch umsonst bei mir trainieren.“

Patricks hoffnungsvollem Blick und der Versuchung, endlich wieder regelmäßig ihren geliebten Sport ausüben zu dürfen, konnte Alexandra nicht widerstehen.

„Einverstanden“, sagte sie und reichte Patrick ihre mit Tüten behängte Hand.

Der schlug ein und starrte dann amüsiert auf eine der Taschen.

„Victoria’s Secret? Alex, du schockierst mich…“

Gespielt empört schnalzte er mit der Zunge.

„Hab ich nicht mit dir mal über die Verworfenheit der Männer diskutiert, die auf Reizwäsche stehen und die Frauen angeblich nur als Sexobjekte sehen? Das warst doch du, oder?“

Alexandra fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. An diese Diskussion konnte sie sich noch recht gut erinnern. Sie hatte hitzig den Standpunkt vertreten, dass alle Männer, nun ja, fast alle, nur notgeile Böcke waren, für die Frauen nur gut genug für’s Bett oder ihre Karriere waren.

„Das war ich“, gab sie zerknirscht zu. „Aber da ist keine Reizwäsche drin, nur…“

Ja, was nur? Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie doch ein paar recht scharfe Teile erstanden. Und sie hatte dabei an Chris gedacht. Sie wusste, dass er sie begehrenswert fand, egal, was sie trug, doch sie war auch neugierig auf seine Reaktion, wenn er sie einmal in etwas anderem als nur ihrer normalen Baumwollunterwäsche sehen sollte. Nicht heute Nacht und vielleicht auch nicht morgen Nacht, aber irgendwann würde der Zeitpunkt kommen, an dem sie auch die letzte Hürde in ihrer Beziehung nehmen würden. Und für die Zeit danach hatte sie schon mal vorgesorgt…

Aber das konnte sie Patrick schlecht erklären und so suchte sie krampfhaft nach einer Ausflucht.

Patrick verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie forschend.

„Komm schon, Alex, du kannst es mir sagen“, schmeichelte er. „Es gibt da jemanden, wegen dem du das Zeug gekauft hast.“

Alexandra holte tief Luft. Wenn sie Patrick in Zukunft öfter treffen würde, dann würde er es ja sowieso erfahren. Also konnte sie gleich die Wahrheit sagen.

„Also gut, ich habe einen Freund“, gestand sie zögernd.

„Ha, wusste ich es doch, dass du irgendwann kapitulierst“, triumphierte Patrick.

Alexandra seufzte. Genau aus diesem Grund hatte sie es eigentlich hinauszögern wollen, Patrick von Chris zu erzählen. Er würde sich einen Riesenspaß daraus machen, ihr diese Tatsache bei jeder Gelegenheit unter die Nase zu reiben. Sie hatte ihn damals vermutlich zuviel Nerven gekostet…

„Alex?“

Sie fuhr herum, als sie Chris’ Stimme hinter sich hörte. Er hatte sich also doch endlich herbequemt.

Sie hätte eigentlich erwartet, ihn mit vollen Einkaufstüten zu sehen, nach der Zeit zu urteilen, die er gebraucht hatte um zu ihrem Treffpunkt zu kommen, doch er hatte nur eine kleine Pappschachtel in der Hand.

„Sag mal, was hast du denn fast zwei Stunden lang getrieben?“ erkundigte sie sich vorwurfsvoll.

Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „In der Buchhandlung hatten sie die Sachen nicht da, die ich haben wollte, es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis die Verkäuferin sie mir bestellt hat, dann hab ich Mrs. Enderby getroffen, die mir ein Ohr abgekaut hat wegen ihren beiden Pekinesen, und im Computerladen musste ich auch eine Weile warten, weil so viel los war. Tut mir leid.“

„Du hast Mrs. Enderby getroffen? Was wollte sie denn schon wieder?“

„Ach, ihre Hunde leiden wieder mal an Verstopfung. Ich hab ihr gesagt, sie soll ihnen keine Schokopralinen mehr geben, so wie du es auch immer tust.“

Alexandra lächelte sarkastisch. „Da hat sie sich sicher gefreut.“

„Begeistert war sie nicht, aber sie hat mir versprochen, dass sie es mal eine Weile versuchen würde.“

„Sie hat was?“ Alexandra starrte Chris mit offenem Mund an. Patrick, der der Unterhaltung interessiert lauschte, hatte sie völlig vergessen.

„Das glaub ich einfach nicht! Ich predige ihr seit Wochen, dass Schokolade nicht gesund für ihre Tiere ist, ohne Erfolg, und du sagst es einmal zu ihr und sie will es wenigstens versuchen? Hast du die Frau hypnotisiert oder was?“

„Hey, tut mir leid, wenn ich euch unterbreche, aber ich muss nach Hause, Becky braucht den Wagen“, meldete Patrick sich zu Wort.

Alexandra drehte sich wieder zu ihm um.

„Oh, Pat, entschuldige, ich bin ein solcher Stoffel. Das ist Chris…Chris, das ist Patrick Delany, ein alter Freund und Sportkamerad von mir. Wir haben uns gerade zufällig getroffen.“

Patrick beugte sich an Alexandra vorbei vor und streckte Chris die Hand hin.

„Hallo, erfreut, dich kennen zu lernen“, sagte er freundlich, wobei er Alexandra allerdings einen überraschten Blick zuwarf.

Nach kurzem Zögern ergriff Chris die dargebotene Hand und schüttelte sie.

„Ja, hallo, gleichfalls“, erwiderte er verwirrt.

Patrick nickte ihm nochmals zu, bevor er sich wieder an Alexandra wandte.

„Ich muss leider wirklich gleich los. Wieso kommt ihr beide nicht einfach heute Abend bei uns vorbei und ich zeige dir bei der Gelegenheit schon mal das Dojo. Wir könnten dann auch besprechen, an welchen Tagen es für dich möglich wäre, das Training zu übernehmen.“

“Ist Becky denn das Recht, wenn du so kurzfristig Gäste einlädst?“

Patrick winkte ab. „Becky sieht das nicht so eng. Notfalls lassen wir etwas vom Italiener an der Ecke zum Essen kommen. Das ist gar kein Problem.“

Nun stimmte Alexandra zu. „Okay, dann kommen wir heute Abend zu dir.“

Sie tauschten noch die Adressen und die Telefonnummern, dann verabschiedete sich Patrick, allerdings nicht, ohne ihr belustigt zuzuwinkern, und eilte davon.

„Alex, worum ging’s hier eigentlich gerade? Wovon hat dieser Patrick geredet?“ erkundigte sich Chris vorsichtig.

Alexandra grinste. Endlich war wieder einmal etwas Positives in ihrem Leben passiert. Nicht, dass sie die Tatsache, dass sie sich in Chris verliebt hatte, als negativ empfunden hätte, nein, das bestimmt nicht.

Aber es hatte in der letzten Zeit soviel Stress und Ärger gegeben, dass sie so eine Aufmunterung, wie Patricks Erscheinen und Angebot für sie darstellte, wirklich gebrauchen konnte. Und sie hatte das regelmäßige Kampfsporttraining einfach vermisst. Die Kurse, die sie gelegentlich gab, waren kein Ersatz dafür, mit einem ebenbürtigen Partner zur trainieren oder sogar mit Leuten, von denen sie noch etwas lernen konnte.

„Patrick hat ein Dojo hier in der Nähe eröffnet. Und er hat mich gefragt, ob ich ihn nicht beim Training unterstützen würde“, erklärte sie vergnügt.

Chris’ Gesicht war ein einziges großes Fragezeichen.

„Was bitte ist ein Dojo? Hört sich eher nach was zum Essen an…“

Alexandra musste sich zusammenreißen, um nicht loszulachen. Klar, wenn man den Begriff noch nie gehört hatte und sie war sich sicher, dass sie ihn Chris gegenüber noch nie gebraucht hatte, dann hörte er sich für einen Außenstehenden schon etwas merkwürdig an und konnte die seltsamsten Assoziationen wecken.

„Ein Dojo ist ein Ort, an dem Kampfsport trainiert wird, Jiu-Jitsu zum Beispiel“, klärte sie Chris auf.

„Aha…“ Chris schien diese Information zu verarbeiten und mit der vorherigen zu verbinden.

„Also dann willst du jetzt bei diesem Patrick trainieren und ihm auch helfen, hab ich das richtig verstanden?“ vergewisserte er sich.

Alexandra war nicht entgangen, dass bei den Worten „dieser Patrick“ etwas wie Eifersucht in Chris’ Stimme mitgeschwungen hatte. Gott-sei-Dank hatte er ihre überschwängliche Begrüßung nicht miterlebt. Er war gewohnt, dass sie Männern gegenüber normalerweise kühl und reserviert war, da hätte sie wohl eine Weile gebraucht um ihm zu erklären, dass Patrick wirklich nur ein guter alter Freund war, der sich zudem noch in einer festen Beziehung befand und sogar ein Kind hatte.

„Genau. Und das wollen wir heute Abend besprechen. Du kommst doch mit, nicht wahr?“

Chris sah sie unschlüssig an.

„Ich will da nicht stören“, sagte er mürrisch. „Ihr habt euch sicher einiges zu erzählen…“

Alexandra schüttelte den Kopf. Wie konnte man nur so kindisch sein.

„Sei nicht albern. Patricks Frau ist auch da. Die zügelt uns schon, wenn wir zu sehr ins Fachsimpeln geraten und euch langweilen. Du gehst mit und fertig!“

Damit war für Alexandra die Sache erledigt. Sie würde nicht zulassen, dass Chris sich in sein Schneckenhaus zurückzog, nur weil sie einen alten Freund getroffen hatte, den er nicht kannte. Sie würde ihm eben heute Nachmittag noch ein wenig von Patrick erzählen, dann würde er schon begreifen, dass seine Eifersucht und Unsicherheit unbegründet waren.

Als Chris schwieg, gab sie ihm einen freundschaftlichen Schubs mit dem Ellbogen.

„Nun guck nicht so mufflig“, beschwerte sie sich. „Du wirst Patrick und Becky mögen. Und jetzt bringen wir das Zeug ins Auto.“ Sie schwenkte ihre Taschen.

„Okay“, seufzte Chris ergeben, wobei nicht ganz deutlich wurde, was er denn nun zustimmte. Dass er sie abends begleiten sollte oder einfach dem, die Sachen im Auto zu deponieren. Er folgte Alexandra, als sie zielstrebig auf ihren Pick-up zusteuerte, den sie bereits in Supermarktnähe geparkt hatten.

***

Beim Abendessen bei den Delanys dauerte es trotz aller Vorbereitung von Alexandra doch eine ganze Weile, bis Chris ein wenig auftaute und etwas mehr als nur einsilbige Antworten gab.

Becky war eine hübsche Rothaarige mit einem ausgeprägten Sinn für Humor, die immer wieder versuchte, Chris in die Unterhaltung mit einzubeziehen.

„Sag mal, wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt? Oder besser gesagt, wie ist es dir gelungen, das Stachelschwein Alex rumzukriegen?“ fragte sie neugierig, als sie alle die Nachspeise löffelten, Vanilleeis mit heißen Himbeeren.

Jenny, das einjährige Töchterchen des Paares, hatte auch eine kleine Kugel bekommen, die sie munter brabbelnd mit ihrem Löffel zermatschte, und auf der Tischplatte ihres Hochstuhls, auf ihrem Lätzchen und ihrem Gesicht verteilte.

Chris’ Wangen färbten sich rosa und er warf Alexandra einen Hilfe suchenden Blick zu.

„Ähm, ich hab für sie gearbeitet, Renovierungsarbeiten am Haus durchgeführt und…und da hat es halt irgendwann gefunkt…“ stammelte er.

„Ist das die Wahrheit, Alex?“ bohrte Patrick grinsend nach. „Bei wem hat’s den zuerst gefunkt, wenn ich fragen darf?“

„Darfst du nicht“, entgegnete Alexandra würdevoll. „Das bleibt unser Geheimnis.“

Sie hatte Chris vor einer Weile gefragt, wann er eigentlich zum ersten Mal so richtig gemerkt hatte, dass sie für ihn mehr war als nur seine Arbeitgeberin und gute Freundin. Er hatte ihr gestanden, dass es in der Nacht gewesen war, als sie ihm im betrunkenen Zustand erklärt hatte, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Danach hatte er vergeblich versucht, dagegen anzukämpfen.

Patrick lachte und reichte über den Tisch um ihr auf die Schulter zu klopfen.

„Schon gut, Mädel, nimm’s mir nicht krumm, aber ich kann einfach nicht widerstehen, dich ein wenig aufzuziehen. Friede?“
Alexandra sah ihren Sportkameraden misstrauisch an. Friede für wie lange? So, wie sie Patrick von früher kannte, würde er nicht so schnell aufhören, sie zu foppen. Na ja, wenn sie es recht bedachte, sie würde an seiner Stelle auch nichts anderes tun, sie hatte ihn zu oft in Streitgespräche über die Unzulänglichkeiten der Männerwelt verstrickt. Jemand mit weniger Humor als Patrick hätte ihr wohl damals schnell die Freundschaft gekündigt. Sie musste aber in einem ungestörten Augenblick dafür sorgen, dass er wenigstens Chris in Ruhe lassen würde.

„Friede“, entgegnete sie. „Wenigstens für heute Abend.“

„Genau“, gluckste Patrick. „Nichts für ungut, Chris, aber Alex hat mir einmal zu oft erklärt, dass sie mit Männern nichts mehr zu tun haben wolle, weil wir einfach so unvollkommene und unnütze Geschöpfe sind.“ Er grinste Chris entschuldigend an.

Der grinste zurück. „Ich weiß. Das muss ich mir auch immer wieder anhören.“

Patrick sah ihn anerkennend an.

„Tatsächlich? Wow, dann hast du starke Nerven, wenn du es mit ihr aushältst.“

Er duckte sich lachend, als Alexandra mit einem empörten Aufschrei ihre Serviette nach ihm warf.

„Idiot! Was tätet ihr denn ohne uns Frauen! Wahrscheinlich in Lehmhütten hausen, Hauptsache, es gäbe dort Stromanschluss für einen Fernseher, einen Kühlschrank für’s Bier und einen Computer!“

Soviel zu Patricks Angebot für einen Waffenstillstand. In diesem Stil ging es noch eine ganze Weile, zu Alexandras Erleichterung beteiligte sich auch Chris an den bissigen Neckereien. Sie musste sich einiges anhören, doch es machte ihr nichts aus, wenn sie ihn dafür unbeschwert lachen hören konnte.

Sie hörten erst auf damit, als Jenny anfing zu quengeln und Becky beschloss, dass es Zeit wäre, die Kleine ins Bett zu bringen. Das Angebot, ihr noch beim Aufräumen zu helfen, lehnte die junge Frau freundlich aber bestimmt ab und schickte die drei stattdessen los um Patricks ganzen Stolz zu besichtigen.

***

Patrick fuhr mit Chris und Alexandra zu dem Gebäude, in dem der Trainingsraum lag. Es befand sich nicht weit entfernt vom Einkaufszentrum. Im Erdgeschoss gab es ein Fitnessstudio, durch die hell erleuchteten Fenster konnte man sehen, dass dort noch reger Betrieb herrschte.

Patrick ging durch den Haupteingang, dann steuerte er die Treppe in den Keller an.

„Hey, liegt dein Dojo unterirdisch? Da muss ich jetzt aber noch schwer drüber nachdenken ob ich dein Angebot annehme. Ich bin doch kein Maulwurf“, frozzelte Alexandra. Rache war süß.

Sie lachte, als Patrick ihr mit einer eindeutigen Geste seiner Hand zeigte, was er von ihrer abwertenden Bemerkung über sein Allerheiligstes hielt. Selber schuld, er hatte angefangen.

Im Keller angekommen, hielt Patrick vor einer der beiden Türen an, die es dort unten gab und kramte in der Tasche seiner Jeans nach dem Schlüssel. Dann öffnete er die Tür mit einer pompösen Geste und machte das Licht an.

„Tada! Bitte einzutreten, Mylady…und Mylord“, fügte er augenzwinkernd an Chris gerichtet hinzu. „Und jetzt sag noch Mal, dass dir das nicht gut genug ist.“

Alexandra ging vor und sah sich um. Zwei Türen gingen seitlich weg, die vermutlich zu den Umkleideräumen und den Duschen führten.

Der Trainingsraum selbst war mit Holzparkett ausgelegt, über die vordere Wand erstreckte sich ein überdimensionaler Spiegel und in einem Regal in der Ecke befanden sich diverse Stöcke und andere Dinge, die man im Training manchmal benötigte.

„Hey, das ist ja ein Traum!“ entfuhr es Alexandra unwillkürlich. „Was war das vorher?“

„’Ne Ballettschule. Ich musste eigentlich nichts machen, außer mir das Zeug da drüben besorgen.“ Patrick deutete auf das Regal.

„Da hast du wirklich Glück gehabt.“

„Und, was sagst du jetzt? Bist du immer noch dabei?“

„Aber sicher! An welchem Tag soll ich das Training übernehmen?“

„Wäre Montag okay? Sonst nur, wenn ich wirklich mal verhindert bin.“

„In Ordnung. Um welche Uhrzeit fängst du mit dem Training an?“

„Halb acht. Und dann eineinhalb Stunden.“

Alexandra überlegte. Um diese Zeit war sie auch schon zu Hause, wenn Chris seine Termine bei Doktor Winslow hatte. Also stünde auch gelegentlichen Vertretungen nichts im Wege. Oder ihrem eigenen Training.

„Du hast deine Aushilfstrainerin und ein neues Mitglied“, sagte sie.

„Das ist absolut megamäßig superklasse!“ freute sich Patrick und strahlte über das ganze Gesicht. „Fängst du Montag gleich an?“

„Hey, warte, ich würde gern erst mal mit dir ein, zwei Stunden trainieren, ich bin ein wenig eingerostet“, protestierte Alexandra lachend. „Übernächste Woche?“

„Auch gut, dann lernst du die Leute kennen“, stimmte Patrick zu. „Es sind meistens welche, die ich aus einem Dojo übernehmen konnte, das vor kurzem
geschlossen hat. Darum gibt’s auch etliche höhere Graduierungen. Langweilig wird’s dir also bestimmt nicht.“

Dann wandte er sich an Chris, der der ganzen Unterhaltung mit ziemlich unbeteiligter Miene gelauscht hatte und etwas verloren wirkte.

„Was ist eigentlich mit dir? Keine Lust, das mal auszuprobieren?“

„Chris hat schon mal an einem der Kurse teilgenommen, die ich ab und zu im Gemeindezentrum gebe“, warf Alexandra ein.

Sie fürchtete, dass Chris sich gedrängt fühlen würde, auf Patricks Vorschlag einzugehen. Hier im Dojo trainierten vermutlich sehr viele Männer und sie hatte keine Ahnung, ob Chris schon weit genug war, es ertragen zu können, wenn ein Mann ihn angriff oder anfasste, ohne dass er ausrastete, auch wenn der Angriff nur gespielt war.

Patrick machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Wenn du an so `nem Kurs teilgenommen hast, dann kannst du ein paar Grundbegriffe und ein paar Tricks. Richtig kämpfen lernst du nur, wenn du regelmäßig trainierst. Und wenn du’s erst mal richtig kannst, dann strahlst du viel mehr Selbstbewusstsein aus und schreckst dadurch mögliche Angreifer vielleicht schon mal ab.“

Alexandra stöhnte innerlich. Hatte Patrick das jetzt sagen müssen? Es war ja nicht so, dass sie nicht wollte, dass Chris Jiu-Jitsu anfing, sie machte sich nur Sorgen, ob er das Training und alles, was damit verbunden war, durchstehen würde.

„Ich seh’s mir mal an“, antwortete Chris ausweichend, aber Alexandra konnte an dem Funkeln in seinen Augen erkennen, dass Patrick ihn fast überzeugt hatte.

„Wäre es okay, wenn ich Alex einfach mal ins Training begleite?“

„Sicher, komm einfach die nächste Woche mit, ganz unverbindlich.“

Herzlichen Dank, Patrick, schnaubte Alexandra innerlich. Jetzt kann ich mir zu Hause den Mund fusslig reden um Chris von dieser Idee wieder abzubringen.

Nach der Besichtigung des Dojos fuhren Chris und Alexandra noch mit zurück zu dem Haus, in dem Patrick wohnte. Sie gingen jedoch nicht mehr mit hinein, sondern Alexandra entschuldigte sich mit der Begründung, dass sie Charlie nicht so lange alleine lassen konnten. Er war heute Mittag schon schwer beleidigt gewesen.

„Du redest von diesem unidentifizierbaren Fellknäuel, das du mal gefunden hast?“ erkundigte sich Patrick, nachdem Alexandra ihm ihr Dilemma geschildert hatte.

„Fellknäuel ist gut“, grinste sie. „Er reicht mir fast bis zur Hüfte.“

Patrick stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Wer hätt’s gedacht.“

„Mach’s gut, Pat, wir müssen jetzt wirklich. Sag Becky vielen Dank für das Essen und liebe Grüße“, verabschiedete sich Alexandra, während sie die Autoschlüssel aus ihrer Jackentasche zog.

„Bis Montag dann“, sagte Patrick, bevor er sich an Chris wandte. „Und du denk mal drüber nach. Würd mich freuen, wenn du dich dazu entschließt, am Training teilzunehmen.“

 

Teil 65

 

 „Wieso zum Geier willst du nicht, dass ich mitkomme?“ fragte Chris frustriert nachdem sie zu Hause waren und Alexandra ihm erklärt hatte, dass es ihr lieber wäre, wenn er sie am Montag nicht begleiten würde.

„Chris…“ Alexandra sah ihn verzweifelt an. Er ließ sich einfach nicht davon abbringen. Vielleicht musste sie ihm wirklich offen ihre Bedenken mitteilen. Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl und bedeutete ihm, das Gleiche zu tun. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich rittlings darauf.

„Also, wieso soll ich nicht mit? Schämst du dich etwa, mit mir gesehen zu werden?“ fragte er herausfordernd. Seine Stimme klang dabei bitter.

„Red keinen Unsinn! Natürlich schäme ich mich nicht für dich!“ Empört wies sie diese Unterstellung zurück.

„Was ist es dann? Wieso willst du nicht, dass ich lerne, mich richtig zu verteidigen?“

Alexandra schloss einen Moment lang die Augen. Wieso kam er denn nicht selbst auf die Idee, dass er wahrscheinlich nicht einmal eine Stunde durchstehen würde?

„Chris, darum geht es doch gar nicht. Ich bin sicher, Patrick hätte nichts dagegen wenn ich am Wochenende im Dojo mit dir allein trainiere. Aber…im regulären Training sind auch sehr viele Männer. Das ist kein Vergleich zu dem Kurs, an dem du teilgenommen hast. Du kannst nicht davon ausgehen, dass du immer eine Frau als Partnerin bekommst. Du musst in die Männerumkleidekabine, in die Männerdusche…Glaubst du wirklich, dass du das schon schaffst?“

Chris sah zu Seite und schluckte. Daran schien er noch gar nicht gedacht zu haben. Alexandra glaubte schon, gewonnen zu haben, als er den Blick wieder auf sie richtete. In seinen dunklen Augen stand wilde Entschlossenheit.

„Ja, das schaffe ich“, sagte er fest. „Ich kann damit umgehen.“

Alexandra rieb sich mit der Hand über die Stirn. Das konnte doch nicht wirklich sein Ernst sein. Sie hatte erst heute, als sie gemeinsam im Supermarkt gewesen waren, gemerkt, wie er sich immer wieder wachsam umgesehen und einen großen Bogen um Typen gemacht hatte, die ihm auf irgendeine Art und Weise bedrohlich erschienen sein mussten. Chris war sich dieses Verhaltens vielleicht gar nicht bewusst, aber es war nun einmal eine Tatsache, dass alle seine Sinne auf Rotalarm waren, sobald fremde Männer in der Nähe waren.

„Das glaube ich nicht“, entgegnete sie leise. „Warte noch ein wenig, mach die Therapie bei Doktor Winslow zu Ende, dann kannst du immer noch damit anfangen.“

Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und starrte sie an. Alexandra wünschte, sie wüsste, was jetzt in ihm vorging. Sie hoffte nur, dass sein gesunder Menschenverstand die Oberhand über seine Sturheit behielt. Denn wirklich verbieten konnte und wollte sie ihm nicht, dass er es wenigstens versuchte. Wie Chris einmal so treffend bemerkt hatte, war sie nicht seine Mutter und er war erwachsen und konnte seine eigenen Entscheidungen treffen - auch wenn diese nicht immer die klügsten waren.

„Nein, ich will nicht warten. Am Montag komm ich mit.“

Alexandra seufzte. Chris’ Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er sich durch nichts umstimmen lassen würde. Also blieb ihr nichts anderes übrig als zu kapitulieren.

„Also gut…“ sagte sie langsam. „Aber ich hab dich gewarnt. Richtiges Kampfsporttraining ist kein Zuckerschlecken.“

***

Für den Rest des Wochenendes mied Alexandra das Thema Training. Sie hoffte noch immer, dass Chris einsehen würde, dass das Ganze noch nichts für ihn war und sie verfluchte Patrick für seine anfeuernden Worte. Das war vielleicht ein wenig ungerecht, der Guteste hatte ja keine Ahnung von Chris’ Hintergrund, aber einen Schuldigen brauchte sie einfach.

Am Montagvormittag, Chris arbeitete wieder am Garagendach und Alexandra hatte gerade eine Pause, da kein Patient da war, erschien unerwarteter Besuch. Sie hörte jemanden draußen reden und ging nachsehen.

Chris stand, die Hände in die Hüften gestützt, auf dem halbfertigen Dach der Garage und unterhielt sich mit Sam, Jacks Rechtsanwältin, die in der Einfahrt stand.

Alexandra ging hinüber, sie war neugierig, was die Frau wollte und ob es wieder irgendwelche Neuigkeiten gab.

„Hallo Sam“, grüßte sie. „Was tun Sie denn hier?“

„Hallo.“

Die beiden Frauen schüttelten sich die Hände.

„Ich wollte Chris nur sagen, dass der Termin für die Verhandlung feststeht. Allington Senior hat ein paar Beziehungen spielen lassen damit die Sache möglichst schnell vom Tisch ist. Vergangenen Freitag in vier Wochen geht es los.“

„So bald schon?“ wunderte sich Alexandra. „Ich dachte immer, das dauert Monate.“

„Nicht, wenn man Einfluss hat. Und Allington will seinen verzogenen Fratz so schnell wie möglich mit blütenreiner Weste dastehen sehen.“

„Also ich bin ehrlich gesagt froh, dass es so schnell geht“, meldete sich Chris zu Wort, der vom Dach heruntergestiegen war und sich zu ihnen gesellt hatte. „Diese Warterei macht einen doch verrückt. Wie geht es Mr. Sanders?“ erkundigte er sich bei Sam.

Die Anwältin zuckte mit den Schultern.

„Nicht allzu gut“, sagte sie. „Er hat sich völlig von der Außenwelt abgeschottet und spricht nur mit Ian und mir. Ian macht das ganz verrückt, er weiß schon gar nicht mehr was er tun soll.“

„Soll ich mal versuchen mit ihm zu reden?“ bot Alexandra an. Es beunruhigte sie zutiefst, dass ausgerechnet Jack, den normalerweise nichts so schnell erschüttern konnte, sich derart hängen ließ. Ian hatte das ja auch schon angedeutet, aber dass es so schlimm war, das hatte Alexandra nicht erwartet.

Sam schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das im Moment Sinn machen würde. Geben Sie ihm noch ein paar Tage Zeit, vielleicht fängt er sich ja von selbst wieder.“

„Glauben Sie?“ fragte Alexandra zweifelnd.

„Ich hoffe es, für Jack selbst und für Ian.“

Sam sah auf ihre Armbanduhr.

„Ich muss weiter, hab nachher noch einen Gerichtstermin. Ach Chris, ich würde mit Ihnen irgendwann einmal gerne die Fragen durchgehen, die ich und der Staatsanwalt Ihnen in der Verhandlung stellen werden. Das machen wir aber erst ein paar Tage vorher.“

„Woher wollen Sie denn wissen, was mich der Staatsanwalt fragen wird?“ erkundigte sich Chris.

Sam lachte. „Erstens weiß ich, wie so eine Verhandlung abläuft und zweitens kenne ich Snyder. Der ist ein Golffreund vom alten Allington und wird alles daransetzen, dass der kleine Kronprinz so gut wie möglich dasteht.“ Dann wurde sie ernst. „Es wird nicht ganz einfach für Sie werden. So wie es aussieht, werden keine Zeugen auftauchen, die Jack massiv belasten könnten, daher wird sich die Anklage auf Sie konzentrieren.“

„Wieso? Chris ist doch ein Zeuge der Verteidigung“, warf Alexandra ein.

Sam schüttelte den Kopf.

„Im ersten Bericht der beiden Cops, die ihn vernommen haben, stand leider, dass er sich verdächtig benommen hatte. Das wird Snyder natürlich versuchen auszuschlachten.“ Sie wandte sich wieder an Chris. „ Wie schon gesagt, es wird nicht einfach für Sie werden, daher müssen wir uns gründlich auf die Verhandlung vorbereiten. Snyder wird Ihnen mit Sicherheit einige unangenehme Fragen stellen.“

Chris presste die Lippen zusammen und sah zu Boden. Alexandra konnte deutlich sehen, dass er nun doch nicht mehr so froh darüber war, dass die Verhandlung so bald stattfinden würde. Sie konnte es ihm nicht verdenken.

„Hey, das stehen wir schon durch“, sagte sie aufmunternd und drückte seinen Arm.

Chris nickte bedrückt.

Alexandra kam ein wenig erfreulicher Gedanke.

„Was ist, wenn Allington jemanden schmiert, der Jack dann belastet?“ fragte sie beunruhigt. „Das wäre doch immerhin möglich.“

„Ja, möglich wäre es“, entgegnete Sam langsam. „Wir können nur hoffen, dass seine Angst, dass das auffliegen könnte, größer ist als seine Risikobereitschaft.“

Sie sah abermals auf ihre Uhr. „So, jetzt muss ich aber wirklich verschwinden. Wir sehen uns dann“, rief sie über die Schulter und eilte zu ihrem Wagen.

Chris und Alexandra sahen ihr hinterher. Dann spürte Alexandra, wie sich zwei Arme von hinten um ihre Taille legten und sie an einen warmen Körper gezogen wurde.

„Ich hab Angst“, flüsterte Chris ihr ins Ohr. „Was ist, wenn ich das alles nicht packe und Mr. Sanders nur noch tiefer reinreite?“

„Das wirst du nicht“, entgegnete sie und strich ihm beruhigend über den Unterarm. „Sam wird schon dafür sorgen, dass alles glatt über die Bühne geht.“

 

Teil 66

 

 „Du willst das jetzt allen Ernstes durchziehen?“

Chris griff nach seiner abgewetzten, schwarzen Lederjacke, die an der Garderobe hing und schwang sich seine alte Sporttasche über die Schulter.

„Ja, will ich“, sagte er bestimmt zu Alexandra, die ihn unglücklich ansah.

Hätte sie nicht versucht, ihm die Idee auszureden, dann hätte ihn vielleicht die Courage wieder verlassen, doch ihre Überzeugung, dass er es nicht schaffen würde, hatte ihn nur noch dazu angestachelt.

Chris war entschlossen, Alexandra zu beweisen, dass er stärker war als eine Ängste und sich nicht, bildlich gesprochen, hinter ihren Röcken verstecken würde.

„Also gut“, seufzte Alexandra zu seiner Überraschung. Er hatte mit mehr Widerstand gerechnet.

„Wer fährt?“

Sie hielt die Autoschlüssel auf ihrer Handfläche.

„Gib her.“

Chris griff danach und öffnete die Haustür. Charlie kam angetrabt und bellte vorwurfsvoll, als wolle er sich darüber beschweren, dass seine Menschen ihn schon wieder verlassen wollten.

Alexandra warf Chris noch einen resignierten Blick zu, bevor sie sich zu ihrem Hund hinunterbeugte, um ihm ihren routinemäßigen Vortrag zu halten, den Chris inzwischen auswendig kannte. Er war überzeugt, wenn Charlie reden könnte, dann würde er Alexandra erklären, dass sie sich ihren Atem sparen konnte, er würde sowieso das tun, was ihm Spaß machte. Und das beinhaltete nun mal Küchenschränke auszuräumen, Teppichecken anzuknabbern und diverse andere unliebsame Beschäftigungen. Aber er war nun einmal ein Hund.

Während Alexandra noch versuchte, Charlie zu besänftigen, ging Chris schon mal raus zum Wagen und stieg ein. Die Sporttasche warf er auf den Rücksitz.

So überzeugt, dass er diese eineinhalb Stunden problemlos überstehen würde, war er eigentlich nicht. Er hatte nur so getan. Tief in seinem Innersten hatte er eine Scheißangst. Aber er würde jetzt nicht kneifen und Alexandra sagen, dass sie Recht hatte.

Er würde das letzte bisschen Respekt, das er noch vor sich selbst hatte, verlieren, wenn er das tat. Es reichte schon, dass er sich in den letzten Wochen regelmäßig in Alexandras Arme geflüchtet hatte, wenn er einen Alptraum gehabt hatte oder irgendetwas passiert war, das ihn verstört hatte.

Unwillkürlich fragte er sich, ob Alexandra ihn eigentlich respektierte. Sie liebte ihn, das wusste Chris, aber was war mit Gefühlen wie Achtung und Respekt? Konnte sie ihm diese Gefühle überhaupt entgegenbringen? Oder bemitleidete sie ihn hauptsächlich?

Dann dachte er an die kleine Rede, die sie ihm vor ein paar Tagen gehalten hatte, nachdem er sie gefragt hatte, was sie eigentlich in ihm sah. Danach zu urteilen hielt sie ja doch eine Menge von ihm.

Chris trommelte mit dem Fingern ungeduldig auf dem Lenkrad herum und sah hinüber zum Haus, wo Alexandra gerade Charlie zurückdrängte, um die Tür zu schließen. Langsam wurde es wirklich Zeit, dass sie losfuhren.

Er würde sie heute nicht enttäuschen oder ihre Meinung bestätigen, dass er mit der Situation nicht fertig werden würde. Dazu war Chris fest entschlossen.

Nach etwa zehn Minuten Fahrt erreichten sie das Dojo. Der Parkplatz davor war bereits gut gefüllt, es war zehn vor halb acht. Gerade noch genügend Zeit, um sich umzuziehen. Chris spürte, wie sich ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete, als er an den kleinen Umkleideraum dachte.

„Was ist?“ fragte Alexandra, die bereits ausgestiegen war, besorgt. „Chris, wenn du lieber wieder nach Hause fahren willst…“

„Nein! Alex, gib endlich Ruhe“, entgegnete er heftig.

Alexandra hob beschwichtigend die Hände.

„Schon gut, schon gut…. Aber dann komm jetzt, wir sollten nicht gleich am ersten Abend zu spät kommen.“

Chris stieg aus, griff nach seiner Tasche und warf die Autotür mit mehr Kraft zu als notwendig.

Alexandras Worte und das mulmige Gefühl machten ihm mehr zu schaffen als er jemals zugeben würde. Wenn er nicht so verdammt stur gewesen wäre, dann wäre er ihrem Vorschlag gefolgt und wieder heimgefahren. Stattdessen folgte er Alexandra mit gespielter Unbekümmertheit in das Haus und hinunter in den Keller, wo ihnen bereits munteres Stimmengewirr entgegen drang.

„Ach, da seid ihr ja“, wurden sie gleich von Patrick begrüßt, der mit einigen seiner Schüler zusammenstand und redete.

Alle trugen weiße Kampfsportanzüge mit unterschiedlich farbigen Gürteln. Es waren ein paar Frauen dabei, doch überwiegend bestand die Truppe aus Männern, wie Chris zu seinem Leidwesen feststellen musste.

„Geht euch umziehen, wir fangen gleich an“, drängte Patrick und Alexandra zog Chris am Ärmel mit zu den Umkleidekabinen.

„Chris…du schaffst das“, flüsterte sie, obwohl sie ihn noch vor ein paar Minuten hatte heimschicken wollen. Sie drückte Chris ermutigend die Hand, bevor sie hinter der Tür mit der Aufschrift „Ladies“ verschwand. Chris starrte noch einen Moment die Tür der Herrenumkleidekabine an, dann drückte er entschlossen die Türklinke hinunter und trat ein.

Es war ein kleiner rechteckiger Raum, etwa vier mal fünf Meter groß, dahinter befanden sich ein paar offene Duschkabinen, zu denen man durch einen offenen Durchgang kam. Der Boden und die Wände waren mit kleinen weißen Fliesen bedeckt.

Zwei junge Männer, die sich gerade die Gürtel ihrer Kampfanzüge zubanden, sahen ihn überrascht an.

„Hey, bist du der Neue, von dem Patrick erzählt hat?“ fragte der eine, ein Blondschopf, dem man die Solariumbräune deutlich ansah.

Chris nickte stumm und stellte seine Tasche auf einen freien Platz auf eine der Bänke, die an den Wänden befestigt waren. Schränke gab es hier anscheinend nicht. Er zog sich schnell um, während ihn die beiden beobachteten.

„Schon mal Kampfsport gemacht?“ erkundigte sich der Blonde gönnerhaft.

Chris beschloss, dass er den Typen nicht mochte.

„Nein, nur einen Kurs“, entgegnete er knapp.

Der andere, ein vielleicht knapp fünfundzwanzigjähriger Mann mit kurzen schwarzen Haaren, schüttelte den Kopf.

„Ach, da zeigen sie dir ein paar Tricks, die du nach ein paar Wochen eh schon wieder vergessen hast, wenn du sie nicht regelmäßig übst. Kannst du mit dem hier nicht vergleichen.“

„Ja, das hat Patrick auch schon gesagt. Darum bin ich ja hier.“

Chris sah die beiden Typen herausfordernd an. Er hatte keine Ahnung, wie weit die beiden waren, ob sie noch ziemlich am Anfang waren oder schon erfahren, aber er hatte keine Lust, sich von ihnen von oben herab behandeln zu lassen.

Der Dunkelhaarige lachte.

„Hey, du kannst die Krallen wieder einziehen“, grinste er freundschaftlich. „Ich hab auch erst vor ein paar Wochen angefangen, nachdem ich durch so `nen Kurs auf den Geschmack gekommen bin. Ich bin übrigens Marc und das ist Brandon.“ Er zeigte auf den Blonden.

„Chris“, entgegnete Chris knapp. Marc wurde ihm doch etwas sympathischer.

Die Tür ging auf und Patrick steckte den Kopf herein.

„Wenn die Herrschaften dann fertig wären…Wir würden gern anfangen.“

Die drei beeilten sich, der Aufforderung Folge zu leisten und gingen nach draußen in den Trainingsraum. Chris sah sich um und entdeckte Alexandra, die bei Patrick stand. Sie lächelte ihm zu und er fühlte sich ein wenig getröstet. Wenn wirklich alles schief gehen würde, dann wäre sie da und würde ihn auffangen. Aber er war entschlossen, es nicht dazu kommen zu lassen.

Patrick klatschte in die Hände und die Gruppe wuselte durcheinander um sich aufzustellen. Chris hatte keine Ahnung nach welchem System, doch Marc packte ihn am Ärmel und zog ihn mit sich nach hinten.

„Man stellt sich graduierungsmäßig auf. Vorne die Schwarzgurte, hinten die niederen Ränge.“

Als endlich eine gewisse Ordnung herrschte, klatschte Patrick abermals in die Hände und Stille senkte sich über den Raum. Es waren ungefähr sechzehn Leute, altersmäßig schätzte Chris sie mal auf zwischen zwanzig und vierzig, davon fünf Frauen.

„Ich möchte euch heute eure neue Trainerin vorstellen, die in Zukunft einmal pro Woche meinen Job übernehmen wird“, begann Patrick. „Ihr Name ist Alex und wir kennen uns schon `ne ganze Weile, darum weiß ich, wie gut sie ist. Sie macht den Sport seit zwölf Jahren, sechs Jahre davon haben wir im gleichen Dojo trainiert. Willst du auch noch was dazu sagen, Alex?“

Alexandra trat vor und ließ ihren Blick über die versammelten Schüler schweifen, die in Viererreihen vor ihr standen.

„Hallo, Leute“, sagte sie. „Patrick hat eigentlich schon alles soweit gesagt. Ich hoffe, wir kommen klar miteinander. Um euch alle ein wenig kennen zu lernen, werde ich diese Woche einfach einmal mit euch zusammen trainieren und mir ansehen, wie Patrick die Stunden gestaltet. Und jetzt sollten wir wohl langsam anfangen…“ Damit stellte sie sich in die erste Reihe, wo ein Platz für sie freigehalten wurde.

Dann begann Patrick mit dem Aufwärmtraining und Chris dämmerte langsam, worauf er sich da eingelassen hatte. Nach einer Viertelstunde war er klatschnass geschwitzt, das T-Shirt klebte ihm am Körper und er wischte sich mit einem der Schweißbänder, die er trug, um die Narben an seinen Handgelenken zu verdecken, über die Stirn.

Ein kurzer Seitenblick zu Marc zeigte ihm, dass der auch nicht viel besser dran war. Das beruhigte ihn etwas, doch er mochte nicht an den Muskelkater denken, den er morgen haben würde.

„Kampfstellung!“ rief Patrick.

Daran erinnerte sich Chris noch und er nahm die geforderte Position ein.

Es folgte eine Reihe von Kickübungen, die er, so gut es ging, versuchte mitzumachen. Patrick kam einmal nach hinten und korrigierte bei ihm ein paar Fehler und klopfte ihm anschließend anerkennend auf die Schulter.

„Wird schon“, lobte der Trainer. „Nur das mit dem Kampfschrei musst du noch üben.“

Chris schnaubte innerlich. Die anderen brüllten sich bei den Kicks die Seele aus dem Leib und er fragte sich, woher sie noch die Energie nahmen. Außerdem musste er sich viel zu sehr auf die Bewegungen konzentrieren, als überhaupt noch daran denken zu können, irgendwelche Urlautäußerungen von sich zu geben. Marc schien damit keine Schwierigkeiten zu haben. Und Alex’ Stimme hörte er aus dem ganzen Geschrei auch immer wieder heraus.

„Stop!“ Patrick klatschte wieder in die Hände. „Paarweise zueinanderdrehen! Ihr übt jetzt die Griffe für eure nächste Gürtelprüfung. Ich geh herum und schau es mir an. Und ich will Einsatz sehen, Leute!“

Chris holte tief Atem als er sich zu Marc drehte. Der grinste ihn an.

„Na, schon fertig?“ fragte er.

Chris schüttelte den Kopf. „Geht noch. Ist der immer so ein Sklaventreiber?“

Dann fühlte er, wie jemand ihm von hinten eine Kopfnuss gab und fuhr erschrocken herum.

Patrick stand da und starrte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Das hat der Sklaventreiber gehört. Und zum Mitschreiben: Respekt für den Sensei ist oberstes Gebot…“ Er lächelte dabei, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen.

Chris schluckte. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich kleinlaut.

„Hey, schon okay“, lachte Patrick. „Ich will gar nicht wissen, wie mich die Anderen oft verfluchen, wenn ich sie hart ran nehme.“ Dann wandte er sich an Marc. „Ihr zwei geht die Übungen für die erste Gürtelprüfung durch. Wir beide zeigen sie Chris mal, dann macht ihr sie zusammen. Ich werd mir das `ne Weile ansehen.“

Chris beobachtete die Vorführung genau. Marc war der Angreifer, Patrick wehrte ab. Einige der Techniken kannte er bereits, entweder aus dem Kurs oder weil Alexandra sie ihm einmal beigebracht hatte. Zwei waren allerdings dabei, bei denen ihm nicht so ganz wohl war. Die eine war die Abwehr eines Angriffs von hinten, bei der Anderen saß der Angreifer auf dem Opfer und versuchte es zu würgen. Für Chris waren diese beiden etwas zu nahe an der Realität, die er erlebt hatte.

Es wäre ihm tausendmal lieber gewesen, diese Übungen mit Alexandra durchzuführen, oder wenigstens mit einer der anderen Frauen, doch er konnte Patrick schlecht darum bitten, ohne es zu begründen. Also konnte er nur hoffen, dass er nicht plötzlich austickte.

Viel zu schnell waren Patrick und Marc fertig. Das Herz klopfte Chris bis zum Hals als er Marc gegenüberstand und er versuchte sich krampfhaft zu erinnern, was bei der ersten Technik von ihm erwartet wurde.

Er konzentrierte sich ganz auf Patricks ruhige Stimme, die sie durch diese und die folgenden Übungen führte. Er folgte automatisch den Anweisungen, die der Trainer gab und versuchte, die Tatsache, dass er mit einem Mann teilweise engsten Körperkontakt hatte, zu ignorieren.

Marc war nur etwas größer als Chris, dafür viel muskulöser und stabiler gebaut. Der Umstand, dass er ab und zu einen Scherz machte und Chris ermunterte, verhinderte, dass dessen Gedanken in eine andere Zeit zurück glitten, eine Zeit, in der die Nähe eines anderen Mannes Schmerz und Demütigung bedeutet hatte.

Schließlich kamen sie zu den von Chris gefürchteten Techniken. Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr, die an der Wand hing, in der Hoffnung, dass die Stunde gleich vorbei sein würde und ihm das wenigstens heute erspart bleiben würde, doch das Training würde erst in einer Viertelstunde zu Ende sein.

„Okay, Marc, du legst dich als erster hin. Chris, du spielst den Angreifer, du setzt dich auf seinen Bauch und tust so, als würdest du ihn würgen.“ Patrick wartete, bis sie diese Position eingenommen hatten. „Handkanten in die Seite, Spannung brechen, Würgegriff aufschlagen, ja, gut so, Kinn und Nacken packen….

Chris spürte, wie er herumgewirbelt wurde, auf dem Rücken zu liegen kam und kniff die Augen fest zusammen. Es ist nicht echt, betete er sich immer wieder vor, wie ein Mantra.

„Okay, Wechsel.“

Chris öffnete die Augen und konnte sich gerade noch mental darauf vorbereiten, dass sich nun Marc auf ihn draufsetzte und dessen Hände sich locker um seinen Hals schlossen. Panik begann sich in ihm breit zu machen. Er schloss die Augen wieder und versuchte, tief und ruhig zu atmen.

„Augen auf, Chris! Wie willst du deinen Gegner abwehren, wenn du ihn nicht sehen kannst!“ Patricks scharfes Kommando durchbrach den Nebel aus Panik und grausamen Erinnerungen, der Chris zu verschlingen drohte. Er gehorchte und sah zu Marc hoch, der verwirrt die Stirn runzelte und seinen Griff lockerte.

„Alles okay?“ fragte sein „Angreifer“.

Chris nickte stumm.

„Kommt schon, Jungs, einmal noch“, trieb Patrick sie an und begann, wie bei Marc vorher, die Abfolge der Technik herunterzubeten.

Mit eiserner Willenskraft und Entschlossenheit folgte Chris den Anweisungen und war unendlich erleichtert, als Patrick, nachdem er ihn gelobt hatte, wieder in die Hände klatschte und das Ende des Trainings verkündete.

Er stand auf und streckte Marc, der noch am Boden lag, zögernd die Hand hin, um ihm hoch zu helfen.

„Danke, Kumpel“, ächzte dieser. „Hey, für deine erste Stunde war das gar nicht schlecht. Was war denn vorhin los? Du bist auf einmal weiß wie eine Wand geworden.“

Nervös sah Chris zur Seite.

„Keine Ahnung. Mein Kopf war plötzlich wie leergefegt“, murmelte er.

„Hm…“

Marc schien diese Erklärung nicht völlig zu überzeugen. Doch bevor er weiter nachbohren konnte, wurde Chris zu seiner Erleichterung von Patrick gerettet, der verkündete, dass es zum Abschluss noch einen Freikampf geben würde – zwischen ihm und der neuen Trainerin.

„Hey, komm, dass will ich sehen. Hoffentlich zeigt sie’s Pat mal so richtig“, sagte Marc und zog Chris mit an die Wand, wo er sich mit ein paar anderen auf den Boden hockte. Chris folgte seinem Beispiel.

„Was ist ein Freikampf?“ fragte er und sah zu, wie Alexandra und Patrick sich in der Mitte des Raumes aufstellten.

„Alle Techniken sind erlaubt, Angriff und Abwehr nicht vorgegeben“, gab Marc zurück. „Jetzt pass auf.“

Die beiden Schwarzgurte verbeugten sich voreinander und nahmen die Kampfstellung ein, ein Bein nach vorne, das andere nach hinten, Knie leicht gebeugt, die Arme in Abwehrposition. Und dann ging alles ganz schnell, viel zu schnell für Chris’ Begriffe. Patrick griff unvermittelt mit einem lauten Schrei an. Alexandra konterte und wehrte ab, nur im ihrerseits einen Angriff zu starten.

Mit offenem Mund beobachtete Chris den Kampf. Er hatte Alexandra schon zweimal in Aktion gesehen, doch das ließ sich mit dem hier nicht vergleichen. Es ließ sich mit gar nichts vergleichen, denn das, was man in diesen Kampfsportfilmen immer sah, waren detailliert geplante und choreographierte Stunts, das hier war real. Die Gewalt und die Kraft, die dieser Kampf ausstrahlte, erschreckte und faszinierte Chris gleichermaßen. Er vermochte nicht zu sagen, wer von den beiden besser war.

Schließlich war es Alexandra, die den Kampf beendete. Sie trat zurück und hob die Hand.

„Stop“, keuchte sie. „Ich geb mich geschlagen. Du bist einfach besser in Form.“

Patrick grinste, doch er atmete ebenfalls schwer.

„Ist das alles? Du erkennst meine überlegenen Fähigkeiten nicht an?“

„Welche überlegenen Fähigkeiten denn? Du hast einfach den längeren Atem. Wart nur ab, bis ich wieder richtig im Training bin, dann können wir das hier gern wiederholen!“

Die Zuschauer begannen zu klatschen, einige johlten begeistert. Patrick drehte sich zu seinen Schülern um und verbeugte sich.

„Danke, danke! Und damit ist das heutige Training beendet.“

Für Chris war das das Signal, aufzustehen und zur Umkleidekabine zu spurten. Er wollte um jeden Preis vermeiden, mit all den anderen Männern in der Dusche zu stehen und möglichst schon fertig sein, wenn diese ebenfalls den Umkleideraum betraten.

Hastig zog er sich aus und griff sich sein Handtuch und das Duschshampoo, dann ging er in die Dusche. Als er das Wasser aufdrehte, hörte er, wie jemand den Raum betrat.

„Chris?“

Marc. Was wollte der denn schon wieder?

„Unter der Dusche.“

„Ist mit dir alles in Ordnung?“

Chris verteilte hastig das Duschgel auf seinem Körper und in seinen Haaren um nur ja schnell fertig zu werden, wenigstens bevor Marc ebenfalls die Dusche betreten würde. Dann stellte er sich wieder unter den Wasserstrahl.

Er sollte es ja eigentlich gewohnt sein, mit Männern zu duschen, desensibilisiert, denn nach dieser ersten, grauenhaften Erfahrung im Duschraum im Gefängnis war er unzählige Male mit anderen Häftlingen dort gewesen. Und es war nie wieder passiert, da die Gefahr doch recht groß gewesen war, von den Wärtern erwischt zu werden. Die hatten zwar weggesehen, wenn es nicht allzu offensichtlich gewesen war, doch in eine tatsächliche Vergewaltigung zu stolpern, das hätten einige mit Sicherheit nicht ignoriert.

„Ich bin okay, wirklich“, entgegnet Chris, während er sich den Schaum aus den Haaren spülte.

Marc betrat mit einem Handtuch, das er lässig über die Schulter geworfen hatte, die Dusche. Er hängte es neben das von Chris an einen der Haken und stellte sich unter einen Brausekopf zwei Plätze weiter von Chris.

„Ich dachte schon, dir wär schlecht geworden“, brummte Marc, während er das Wasser über seinen Körper rieseln ließ.

Chris vermied es, zu dem Mann hinüber zu sehen. Draußen ging die Tür auf und lautes Gelächter schallte durch den Raum.

Lachen und Johlen, der seltsame Widerhall, den Stimmen in einem gekachelten Raum verursachten, der Geruch nach Wasser und Seife, all das brachten plötzlich die Erinnerungen zurück und Chris fühlte, wie sich ein eiserner Ring um seine Brust zu legen begann. Nein, nicht hier, nicht nackt unter der Dusche und schon gar nicht mit zehn oder mehr Männern in einem Raum. Aufkeuchend schnappte er nach Luft und stützte sich mit einer Hand an der Duschwand ab.

Plötzlich fühlte er, wie ihn jemand an der Schulter berührte und er fuhr herum.
Neben ihm stand Marc, die Haare voller Schaum und mit einer kleinen weißen Schaumflocke auf der Nase.

„Hey, mit dir stimmt doch was nicht! Was ist los?“ Marcs Stimme klag jetzt ernsthaft besorgt.

Chris starrte wie hypnotisiert erst die Schaumflocke an, bevor sein Blick zu Marcs warmen dunkelgrünen Augen wanderte. Die Nähe eines nackten Mannes hätte ihn eigentlich in einen hysterischen Anfall ausbrechen lassen müssen, dachte er distanziert, doch Marc wirkte eigentlich nicht bedrohlich. Dafür sorgte schon das kleine weiße Schaumgebilde auf seiner Nase, das ihn eher wie eine Karikatur wirken ließ. Chris konzentrierte sich ganz auf Marcs Gesicht, in dem nur Betroffenheit zu lesen war, keine unverhüllte Gier oder ungezügelte Lust, und versuchte, den unbekleideten Zustand seines Gegenübers zu ignorieren.

„Nur ein wenig schwindelig“, antwortete er schwach. „Bin wohl wirklich nichts mehr gewohnt.“

„Bist du sicher? Nicht, dass du hier noch umkippst.“

Chris schüttelte den Kopf.

„Nein, es geht schon.“

Marc musterte ihn misstrauisch und nickte schließlich zögernd.

„Also gut…“ Er ging hinüber zu den Haken und griff nach Chris’ Handtuch, welches er ihm dann zuwarf.

„Hier. Geh lieber raus und zieh dich an, hier wird’s gleich ziemlich eng werden, wenn die ganze Meute antanzt.“

Dankbar fing Chris das Handtuch auf und begann sich abzutrocknen. Draußen erscholl Gelächter und Brandons Stimme übertönte das Stimmengewirr.

„Mann, diese Alex ist schon `ne totale Wildkatze. Die hätte ich gern mal im Bett.“

„Vergiss es, du glaubst doch nicht im Ernst, dass die noch nicht vergeben ist. Bei der Figur und dem Aussehen…“

„Die kriege ich schon rum. Mir konnte noch keine lang widerstehen.“

„Bran, du bist ein alter Angeber. Die Kleine ist `ne Nummer zu groß für dich!“

„Eher ist der kleine Brandon eine Nummer zu groß für sie…Wetten, dass ich sie innerhalb von zwei Wochen flachgelegt habe?“

Die versammelte Horde lachte und hielt dagegen. Dann erschien der erste im Durchgang und schlurfte an Chris vorbei zur nächsten freien Dusche. Der nächste war Brandon und Chris beobachtete ihn aus zu Schlitzen verengten Augen. Alle Angst und Panikgefühle waren vergessen, er kochte nur noch vor Wut. Was fiel diesem Arsch eigentlich ein, so über Alex zu reden?

Brandon schien zu merken, dass Chris etwas gegen ihn hatte. Er musterte ihn ungeniert und Chris war plötzlich froh, dass er sich das Handtuch bereits um seine Hüften geschlungen hatte.

„Was ist, Kleiner? Hast du ein Problem? Stehst wohl selber auf die scharfe Braut.“

Der Blonde stellte sich unter die Dusche und begann, sich einzuseifen. Inzwischen waren auch die restlichen Männer hereingekommen und es wurde ziemlich eng. Chris nahm das alles gar nicht wahr.

„Hör auf, so über sie zu reden“, sagte er rau.

Brandon grinste spöttisch. „Hatte ich doch Recht. Vergiss es, die Kleine braucht `nen richtigen Mann, der ihr zeigt, wo’s langgeht. Und du hättest sowieso keine Chance bei ihr.“

Chris sog scharf die Luft ein und ballte die Hände unbewusste zu Fäusten. Viel fehlte nicht mehr und er würde auf diesen arroganten Dreckskerl losgehen. Was bildete der Typ sich überhaupt ein?

Plötzlich stand Marc neben ihm.

„Bran, lass die Scheiße. Das Mädel ist unsere neue Trainerin und als solche sollten wir sie mit Respekt behandeln. Das gilt für dich wie für alle anderen hier.“

Er sah sich um.

„Was hier abgeht ist mies und unsportlich. Denkt mal drüber nach.“

Er wartete keine Antwort ab, sondern packte Chris am Arm und zog ihn mit sich, hinaus aus dem Duschraum.

Chris war zu verblüfft, um sich dagegen zu wehren. Marc schien es sich zur Angewohnheit zu machen, ihn mit sich zu schleppen, so ungefähr wie eine Katze ihre Jungen. Er war sich nicht so ganz sicher, wie er sich dabei fühlen sollte.

„Lass dich von dem Blödmann nicht provozieren“, sagte Marc leise, damit die Typen in der Dusche ihn nicht hören konnten. „Die anderen sind okay, nur Brandon ist mit seiner dämlichen Klappe so ein Unruhestifter.“

Chris nickte nur und fischte seine Klamotten aus seiner Tasche. Rasch zog er sich an und fuhr sich mit den Händen durch die feuchten Haare. Er hätte vielleicht einen Fön gebrauchen können, doch den hatte Alex drüben in der Damenumkleidekabine. Es war wohl keine besonders gute Idee, da jetzt rüber zu gehen und zu fragen, ob er ihn haben könnte.

Ich geh dann mal raus“, verkündete er.

„Komm gleich nach“, entgegnete Marc. „Wenn da draußen ein Mädel mit rotgefärbten Haaren und schwarzen Klamotten steht, dann sag ihr bitte, dass ich in einer Minute fertig bin.“

„Deine Freundin?“ fragte Chris unwillkürlich.

„Mhm. Ein bisschen verrückt, aber eine ganz liebe, süße Maus.“

Marc wurde Chris immer sympathischer. Er hatte ihm vorhin nicht nur geholfen, nein, er hatte auch Alexandra verteidigt und ihn davor bewahrt, etwas Unüberlegtes zu tun.

Chris ging nach draußen, um auf Alexandra zu warten. Patrick kam ihm entgegen.

„Schon fertig?“ fragte er erstaunt. „Und, wie hat es dir gefallen?“

„Sehr gut“, entgegnete Chris. Bis auf die paar Mal, wo ich beinahe ausgerastet wäre, fügte er im Geiste hinzu.

„Dann bleibst du dabei?“

Darüber hatte Chris sich noch keine Gedanken gemacht. Er war bis jetzt einfach nur froh gewesen, diese erste Stunde heil überstanden zu haben. Aber er wollte nicht aufgeben. Und jetzt hatte er noch einen weiteren Grund dafür. Der Blitz sollte ihn treffen, wenn er Alexandra allein lassen würde, wenn dieser Brandon auch nur in der Nähe war.

„Klar“, lächelte er gezwungen.

„Prima.“ Patrick schlug ihm anerkennend auf die Schulter. „Dann solltest du dir aber einen Gi zulegen.“

Mit dieser rätselhaften Bemerkung öffnete er die Tür zum Umkleideraum und ließ Marc erst an sich vorbei, bevor er darin verschwand.

„Hey, meine Kleine verspätet sich wohl ein wenig“, bemerkte dieser. „Wartest du auch auf jemanden?“

Chris nickte. Er und Alexandra hatten nicht darüber gesprochen, ob sie als Paar auftreten würden oder nicht. Er war davon ausgegangen, dass sie es nicht verstecken, aber auch nicht offensichtlich betonen würden. Immerhin würde Alexandra hier eine gewisse Autoritätsperson darstellen.

Die Tür der Umkleidekabine öffnete sich wieder und Brandon und ein weiterer Typ kamen heraus. Als Brandon Chris sah, blieb er stehen.

„Na, wartest du auf deine Mutter, dass sie dich abholt?“

„Bran, lass den Scheiß“, warnte Marc. „Dir ist doch klar, dass Patrick so etwas nicht duldet.“

Der Blonde lachte spöttisch.

„Ach, komm schon, eine kleinen Scherz wird man doch wohl noch machen dürfen. Willst du mich etwa bei unserem geheiligten Sensei verpfeifen?“

„Du weißt genau, dass ich das nie tun würde. Aber lass Chris zufrieden, er hat dir nichts getan.“ Marcs Stimme klang kühl.

Chris reichte es jetzt langsam aber sicher. Wieso musste er nur immer wieder auf solche Idioten wie diesen Brandon treffen?

Bevor er jedoch etwas Bissiges sagen konnte, kam Alexandra aus der Umkleidekabine. Als sie ihn sah, ging sie sofort auf ihn zu.

„Bei dir alles okay?“ fragte sie besorgt und legte ihm die Hand auf die Schulter, als müsse sie sich vergewissern, dass er wirklich heil und ganz vor ihr stand.

Unter anderen Umständen hätte er ihre Besorgnis jetzt ungeduldig zurückgewiesen, er wollte schließlich nicht vor den Anderen als Weichei dastehen, doch mit einem Seitenblick auf Brandon beugte er sich vor und hauchte Alexandra einen schnellen Kuss auf den Mund.

„Alles klar“, entgegnete er und lächelte sie an. „Fahren wir nach Hause?“

Alexandra starrte ihn einen Moment lang verwundert an.

„Wohin sonst?“ erkundigte sie sich. „Wenn wir Charlie nicht bald aus seiner Einsamkeit erlösen, dann rupft er uns die Tapeten von den Wänden. Glaub mir, das hat er schon mal getan.“

„Dann sollten wir uns wohl lieber beeilen…“

Chris legte einen Arm um Alexandras Taille und steuerte mit ihr zum Ausgang. Dabei konnte er es sich nicht verkneifen, Brandon einen triumphierenden Blick zuzuwerfen. Er wusste genau, dass es kindisch war, aber der ungläubige Ausdruck, der sich auf dem Gesicht dieses Angebers breit machte, war es ihm wert.

„Bis zum nächsten Mal“, rief er über seine Schulter und grinste dabei Marc an, der ihm anerkennend zunickte.

So schlecht war der Abend eigentlich gar nicht gelaufen...

***

Alexandra versuchte, sich ihre Verblüffung über Chris’ Verhalten nicht anmerken zu lassen. Seit wann war er ihr gegenüber so besitzergreifend, vor allem, wenn Andere dabei waren? Sie hatte sehr wohl gemerkt, dass der Blonde sie und Chris seltsam angesehen hatte, als Chris den Arm um sie gelegt hatte. Er ließ sie auch jetzt nicht los, als sie gemeinsam die Treppe hinauf und zum Parkplatz gingen.

Sie kam nicht umhin, sich zu fragen, ob etwas zwischen den beiden vorgefallen war, das Chris zu dieser für ihn untypischen „Macho-Aktion“ provoziert hatte und nahm sich vor, es später herauszufinden. Vor allem aber war sie erleichtert, dass es keine Zwischenfälle gegeben hatte, sondern dass Chris sich anscheinend sogar mit diesem anderen Anfänger angefreundet hatte. Es würde ihm gut tun, auch eigene Freundschaften zu schließen.

Während des gesamten Trainings hatte Alexandra immer wieder zu Chris hinüber gesehen, um sofort zur Stelle sein zu können, sollte irgendetwas schief gehen. Er hatte seine Sache jedoch sehr gut gemacht, auch wenn sie am Schluss, als er und sein Partner unter Patricks Aufsicht die Abwehr dieses Würgegriffs geübt hatten, befürchtet hatte, dass das zuviel für ihn werden würde. Doch er hatte auch das gemeistert, obwohl ihm anzusehen gewesen war, dass er davor am liebsten gekniffen hätte.

Alexandra musste vor sich selbst zugeben, dass sie ihm wirklich nicht zugetraut hatte, diese eineinhalb Stunden durchzustehen. Darum hatte sie auch versucht, ihn davon abzubringen und nur nachgegeben, weil sie Chris’ Sturheit kannte und gewusst hatte, dass sie am Ende nichts erreicht und nur einen heftigen Streit verursacht hätte.

Die Erleichterung, dass Chris sein erstes Training so gut überstanden hatte, machte einem Gefühl von Stolz und neu erwachtem Respekt Platz. Er hatte bewiesen, dass er in der Lage war, über seinen Schatten zu springen. Es musste unheimlich schwer gewesen sein, doch Chris hatte wieder einmal gezeigt, was eigentlich in ihm steckte und dass er sich von nichts und niemanden so leicht würde unterkriegen lassen.

Sie hatten gerade den Pick-up erreicht und Chris sperrte die Autotür auf, als ein roter Mini neben ihnen hielt und eine junge Frau das Fenster herunterkurbelte. Ihre Haarfarbe passte genau zur Farbe ihres Wagens, soweit man das im Licht der Laternen, die den Parkplatz erhellten, erkennen konnte.

„Hey, kommt ihr gerade vom Kampfsporttraining? Wisst ihr vielleicht, ob Marc noch unten ist? Bin ein wenig spät dran“, sprudelte sie hervor.

„Ähm, tut mir leid, wir…“ begann Alexandra, wurde jedoch von Chris unterbrochen.

„Marc ist noch unten“, teilte er der jungen Frau mit. „Ich glaub, wir haben heut ein wenig überzogen.“

„Oh, danke! Dann kann er mich wenigstens mal nicht wegen meiner chronischen Unpünktlichkeit angrummeln“, kicherte die junge Frau. „Bis dann mal!“

Sie fuhr weiter und bog in eine freie Parkbucht ein.

„Wer ist Marc?“ fragte Alexandra.

„Der Typ, mit dem ich trainiert hab. Er scheint ganz nett zu sein“, entgegnete Chris und stieg ein.

Alexandra folgte seinem Beispiel.

Nachdem sie sich angeschnallt hatten fuhr Chris los.

„Und, wie hat es dir heute gefallen? Hattest du es dir so in etwa vorgestellt?“ fragte sie nach einer Weile.

„Mhm. War ganz okay. Aber ob ich das mit dem Geschrei jemals hinkriege, das weiß ich noch nicht genau.“

Alexandra lachte. „Das kommt schon irgendwann, ist alles Übungssache. Und sonst? War es nicht manchmal…beängstigend?“

Chris hielt den Blick starr geradeaus auf die Straße gerichtet. Es dauerte eine Weile, bis er antwortete.

„Doch“, gestand er. „Ein paar Situationen gab es schon, wo ich mir gewünscht habe, dass ich auf dich gehört hätte. Aber…ich hab das durchgestanden, ohne auszurasten. Und…der Abend hat mir eine Menge gebracht…“

Er sah kurz zu Alexandra hinüber, als wolle er sich vergewissern, dass sie verstanden hatte, was er damit meinte.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich hätte vielleicht nicht versuchen sollen, dich davon abzuhalten. Ich wollte dich nur beschützen.“

Chris schüttelte den Kopf.

„Du kannst mich nicht vor allem beschützen. Ich muss einfach lernen, mit bestimmten Dingen klar zu kommen und das kann ich nicht, wenn du mich immer wieder daran hinderst etwas zu tun, von dem du glaubst, dass ich es nicht schaffe.“

„Ich weiß“, flüsterte Alexandra.

Das war die Wahrheit. Ihr war klar, dass Chris seinen Weg allein finden musste, dass sie lernen musste, loszulassen. Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, ob es so wohl den Müttern von Teenagern ging, die plötzlich feststellen mussten, dass ihre Kinder sie nicht mehr so notwendig brauchten, wie sie es gerne hätten. Sie hatte sich wohl einfach zu sehr daran gewöhnt, in Chris jemanden zu sehen, der ihre Hilfe brauchte. Und das war er eigentlich nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so wie am Anfang.

„Hey Alex, ich bin nicht böse deshalb. Du hast dich ja schon erheblich gebessert seit…vorletzter Woche…“

An dem Zögern in Chris’ Stimme erkannte Alexandra, dass er plötzlich registriert hatte, dass dieser Samstag, an dem Jack in ihrem Auftrag bei ihm aufgetaucht war, tatsächlich erst vor knapp über einer Woche gewesen war. Auch ihr schien er schon Monate zurück zu liegen.

„Ist das wirklich erst ein paar Tage her?“ fragte er nachdenklich, als er den Blinker setzte, um in die Maple Lane einzubiegen.

„Genau das hab ich mir auch gerade überlegt“, entgegnete Alexandra. „Ziemlich viel passiert seitdem.“

„Ja…Manchmal reichen auch schon Sekunden, um dein Leben zu ändern…“

Chris parkte den Wagen in der Einfahrt und stieg aus. Alexandra hatte die letzte Bemerkung ziemlich nachdenklich gestimmt. Ja, Chris’ Leben hatte sich in der Sekunde, als dieser Schuss den Tankstellenangestellten getroffen hatte, dramatisch geändert. Und jetzt, Jahre später, hatte dieser Schuss auch Auswirkungen auf Alexandra’s Leben gehabt.

Ohne ihn hätte sie Chris niemals kennen gelernt, hätte sich möglicherweise noch jahrelang von der Männerwelt abgeschottet und wäre als alte, verbitterte Jungfer geendet, umgeben von einer Horde Katzen. Und wäre ihre Tante nicht gestorben, hätte sie nicht jemanden gebraucht, der für sie die Renovierungsarbeiten erledigte, dann hätte sie Chris ebenfalls nicht getroffen. Wenn man so darüber nachdachte, dann war das Leben seltsam. Grausam und gütig zugleich. Auf der einen Seite nahm es, auf der anderen gab es…

***
 

Teil 67

 

In den folgenden zwei Wochen spielte sich schnell eine neue Routine ein. Chris begleitete Alexandra Montags, Mittwochs und Freitags ins Training. Er hatte in manchen Situationen noch immer Probleme, doch bisher war es ihm jedes Mal gelungen, sich rechtzeitig aus den Fängen der Panik zu befreien, die ihn zu verschlingen drohte. Er sprach auch mit Doktor Winslow darüber, diese reagierte zuerst überrascht, doch dann war sie erfreut zu hören, dass Chris den Mut aufgebracht hatte, sich so vielen Ängsten gleichzeitig zu stellen. Sie warnte ihn jedoch davor, sich zuviel zuzumuten und ermahnte ihn, vorsichtig zu sein.

Brandon stellte weiterhin ein Ärgernis dar. Chris versuchte, ihm so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen und einfach nicht hinzuhören, wenn er gehässige Bemerkungen von sich gab. Wenn er jedoch tatsächlich anfangen sollte, sich an Alexandra heranzumachen, der er noch immer nichts von diesem Gespräch in der Männerumkleidekabine erzählt hatte, dann sollte dieser Mistkerl ihn kennen lernen. Dann würde auch Marc ihn nicht mehr zurückhalten können.

Mit Marc hatte Chris sich ein wenig angefreundet, der Mann war witzig und half ihm, wenn auch nur unbewusst, gegen seine Ängste anzukämpfen. Bisher hatte er immer ihn als Trainingspartner gehabt, doch Chris war klar, dass er irgendwann auch mal mit einem der anderen Männer zusammenkommen würde. Er hoffte, dass er auch damit zurecht kommen würde.

Am Dienstag der zweiten Woche musste er dann seinen ersten Termin bei Mr. Whiteman wahrnehmen. Mit äußerstem Widerwillen betrat er diesmal das Gebäude. Fast wäre es ihn lieber gewesen, der Giftzwerg wäre zu ihm nach Hause gekommen, doch dann hätte er nur wieder versucht, sich an Alexandra ran zu schmeißen. Und darauf konnte Chris verzichten. Brandon reichte ihm schon.

Joan war heute nicht vorne am Empfang, stattdessen saß dort eine junge Frau, die ihn leicht desinteressiert musterte, als er danach fragte, wo sich das Büro seines Bewährungshelfers befand. Sie suchte ewig in ihrem Computer herum und Chris war froh, eigentlich eine Viertelstunde zu früh dran zu sein.

Endlich sagte sie ihm die Zimmernummer und mit einem knappen Dank eilte Chris davon. Das Büro lag gleich neben dem von Mr. Sanders und er machte sich im Geiste eine Notiz, diesen nach Whiteman zu fragen. Vielleicht konnte er ihm ein paar Tipps geben, wie er möglichst unbeschadet dessen Regiment überstehen würde.

Chris klopfte an der Tür und wartete, bis ein gedämpftes „Herein“ ertönte. Dann trat er ein. Der Giftzwerg saß hinter einem pedantisch aufgeräumten Schreibtisch, der aussah, als hätte er die Abstände zwischen den drei Aktenstapeln, die darauf lagen, exakt mit dem Lineal ausgemessen.

„Guten Tag“, grüßte Chris höflich.

Mr. Whiteman sah ihn missbilligend an.

„Sie sind fünf Minuten zu früh“, beschwerte er sich indigniert.

„Tut mir leid.“

Chris war es verdammt egal, ob er zu früh dran war. Hauptsache, er war pünktlich zum vereinbarten Termin in diesem Büro.

„Warten Sie bitte in Zukunft draußen, bis Ihr Termin beginnt. Setzen Sie sich da hin.“ Mr. Whiteman deutete auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand und Chris gehorchte. Dann zog der Mann seine Akte aus dem Stapel und schlug sie auf.

„Irgendwelche Probleme?“

„Nein…Sir“, fügte er zähneknirschend hinzu, als sein Bewährungshelfer ihn ob seiner Respektlosigkeit mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.

„Gut…Ihnen ist klar, dass ich mich auch bei Doktor Hastings über Sie erkundigen werde, nicht wahr? Also wäre Lügen zwecklos“, näselte Whiteman.

Chris zog es vor, zu schweigen und nickte nur einfach stumm.

„Sie werden für Mr. Sanders in seiner Verhandlung aussagen?“

Der abrupte Themenwechsel verwirrte Chris etwas. Außerdem, was ging das eigentlich diesen Typen an?

„Ja, das werde ich“, bestätigte er knapp.

„Das wird keinen guten Eindruck machen“, teilte ihm der Giftzwerg mit. „Glauben Sie mir, ich habe nur Ihr Bestes im Sinn.“

Sein Bestes? Chris konnte seinen Bewährungshelfer nur ungläubig anstarren. Seit wann denn dieses? Irgendetwas musste ihm da wohl entgangen sein. Bisher hatte er den Eindruck gewonnen, dass Whiteman nur darauf wartete, dass er einen Fehler machen würde, für den er ihn zurück ins Gefängnis schicken konnte.

„Vielen Dank“, entgegnete Chris nur.

„Sie sollten sich das wirklich noch Mal überlegen“, drängte Whiteman. „Man wird Ihnen nur eine…ähm…Beziehung zu Mr. Sanders unterstellen, wenn Sie für ihn aussagen.“

Sein Gesicht zeigte nun einen ernsthaft besorgten Ausdruck, den man fast hätte für ehrlich halten können, wenn da nicht das verächtliche Aufblitzen seiner Augen gewesen wäre.

Diese scheinheilige Qualle. Innerlich schäumte Chris vor Wut, doch er zwang sich, nichts davon zu zeigen. Er konnte es sich nicht leisten, sich diesen Kerl ganz offen zum Feind zu machen. Also musste er sich anstrengen, zumindest höflich zu bleiben und so zu tun, als wüsste er Whitemans Besorgnis zu schätzen. Allerdings fand er, dass er für diese Bemühungen einen Oscar verdienen würde.

„Mr. Whiteman, ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie sich so um mich bemühen, aber Mr. Sanders hat viel für mich getan. Ich kann ihn nicht einfach im Stich lassen.“

Chris riss seine Augen weit auf und versuchte, möglichst naiv und unschuldig zu wirken. Er wusste genau, wie er dann aussah, seine Lehrer waren früher mit schöner Regelmäßigkeit darauf reingefallen wenn er ihnen irgendetwas vorgelogen hatte, warum er die Hausaufgaben nicht hatte oder zu spät zum Unterricht gekommen war. Das war nicht sehr oft passiert, eigentlich war er ein guter Schüler und zuverlässig gewesen, und deshalb hatte es auch fast jedes Mal funktioniert.

Und es funktionierte auch dieses Mal. Nicht einmal Mr. Whiteman, der ihn sicherlich nicht ausstehen konnte, war gegen diesen Blick immun.

Sein Bewährungshelfer räusperte sich.

„Nun, Sie sollten es sich zumindest gut überlegen, ob Sie es wirklich tun wollen.“

„Das werde ich, Mr. Whiteman“, versicherte Chris mit scheinheiliger Miene.

Der Giftzwerg sah in misstrauisch an und Chris fragte sich schon, ob er vielleicht etwas zu dick aufgetragen hatte. Doch der Moment ging vorüber und Whiteman griff nach einem Kugelschreiber, der genau parallel zu seiner Schreibtischauflage positioniert war. Er notierte etwas in Chris’ Akte.

„Ich denke, das wäre alles für heute“, sagte er schließlich. „In zwei Wochen sehen wir uns wieder.“ Damit klappte er den Hefter zu.

Chris stand auf.

„In Ordnung, Mr. Whiteman. Schönen Tag noch und auf Wiedersehen.“

Die Vorstellung hatte nicht nur einen Oscar verdient, sondern mindestens zwei. Chris drehte sich um und ging zur Tür. Als er gerade die Klinke nach unten drücken wollte, erklang nochmals Mr. Whitemans Stimme.

„Richten Sie Doktor Hastings bitte meine herzlichsten Grüße aus.“

Chris nickte, ohne sich umzudrehen. Der Typ musste den Ausdruck puren Abscheus ja nicht gerade sehen, der sich mit Sicherheit gerade auf seinem Gesicht breit machte.

„Das werde ich, Mr. Whiteman, vielen Dank.“

Als er endlich draußen auf dem Gang stand, stieß Chris einen Seufzer der Erleichterung aus. So schlimm, wie er es sich vorgestellt hatte, war dieser Termin nun doch nicht verlaufen. Er hatte sich zwar gewaltig zusammenreißen müssen, aber im Großen und Ganzen war es glatt über die Bühne gegangen. Wahrscheinlich hatte er das aber Whitemans Begeisterung für Alexandra zu verdanken. Der Kerl wollte sie vermutlich nicht verärgern indem er Chris schikanierte. Immerhin hatte Alexandra deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie mit ihm zufrieden war und keine Beschwerden vorzubringen hatte.

Chris verzog das Gesicht. Hoffentlich beschränkte sich der Giftzwerg darauf, Alexandra aus der Ferne zu bewundern. Er schauderte, wenn er daran dachte, dass Whiteman noch auf die Idee kommen könnte, ernsthaft mit ihr zu flirten.

***

Mittags kam Julie vorbei und Chris konnte sich das Lachen kaum verbeißen, als er Alexandras Gesichtsausdruck beim Anblick ihrer Freundin sah. Er hatte ja ein paar Stunden in der Gegenwart der „neuen“ Julie verbracht, doch wenn man sie zum ersten Mal mit dieser Haarfarbe erblickte, dann war das, gelinde gesagt, schon ein kleiner Schock.

Julie trug eine schwarze Hose und ein schwarzes Oberteil, was die Schockwirkung noch verstärkte.

Alexandra starrte ihre Freundin mit offenem Mund an.

„Wow, ähm, du…du siehst irgendwie so…anders aus…“

„Danke, die Wirkung war ja auch beabsichtigt“, grinste Julie. „Nun sag bloß, du hast es dir nicht vorstellen können, Chris hat doch ein paar süße Strähnchen in der gleichen Farbe.“

Damit zwinkerte sie Chris verschwörerisch zu.

Der schüttelte nur amüsiert den Kopf. Julie war genau die richtige Person, um ihn jetzt ein wenig aufzuheitern. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, Alexandra von seinem Termin bei Whiteman zu erzählen und sich den Frust von der Seele zu reden.

„Ja, schon“, entgegnete Alexandra. „Aber die sind irgendwie nicht so…knallig.“

Julie gluckste vergnügt.

„Ach Schätzchen, krieg dich wieder ein. Die Männer sind total begeistert. Wenn ich `nen Typen kennen lerne, dann meist er ganz scharf drauf, rauszufinden, ob die Farbe echt ist.“

„Ach Julie“, stöhnte Alexandra. „Du bist unmöglich.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Chris zu dämmern begann, was Julie damit gemeint hatte. Dann konnte er sich jedoch nicht beherrschen und fing an zu kichern. Die Stunden mit Kay und Julie hatten dazu beigetragen, ihn gegen die gnadenlose Offenheit der frischgebackenen Blondine abzuhärten. Ohne diese „Rosskur“ hätte er spätestens jetzt die Flucht ergriffen und sich mit irgendwelchen dringenden Besorgungen entschuldigt.

Alexandra sah ihn erstaunt an und Chris begann zu husten.

„Hab mich verschluckt“, entschuldigte er sich, doch sie hatte ihn schon durchschaut und schüttelte den Kopf.

„Ich geb’s auf“, sagte sie nur, doch sie lächelte dabei.

Das Gespräch wandte sich ernsteren Themen wie Jacks Verhaftung und der anstehenden Verhandlung zu. Alexandra klärte Julie über die aktuellen Entwicklungen auf.

Chris entschuldigte sich nach einer Weile, er versuchte, die Gedanken an die bevorstehende Gerichtsverhandlung so gut wie möglich zu verdrängen, außerdem erinnerte es ihn wieder an heute Vormittag, als Whiteman den Versuch gestartet hatte, ihn davon abzubringen, für Mr. Sanders auszusagen. Er fragte sich die ganze Zeit, was der Typ eigentlich damit bezweckte. Vielleicht konnte Alexandra ihm später helfen, Licht in diese mysteriöse Geschichte zu bringen.

***

Alexandra schloss die Haustür hinter ihrer Freundin und schüttelte den Kopf. Die Haarfarbe war wirklich gewöhnungsbedürftig. Es stimmte zwar, Chris hatte ein paar Strähnen im gleichen Farbton, aber diese waren so schmal gehalten, dass sie fast nicht auffielen. Sie würde Julie wohl noch einige Male treffen müssen, bevor sie nicht jedes Mal bei ihrem Anblick geblendet sein würde.

„Chris“, rief sie laut, als sie zur Küche zurückging.

Es war ihr durchaus klar, wieso er sich verzogen hatte. Die Verhandlung lag ihm schwer im Magen und Sams Warnung hatte das Ganze sicher nicht besser gemacht.

Oben öffnete sich eine Tür, Schritte ertönten, dann erschien Chris’ Kopf über dem Treppengeländer.

„Ist Julie schon weg?“

„Ja. Tut mir leid, aber sie kennt Jack nun auch schon eine Weile und wollte wissen, was so los ist.“

Chris kam langsam die Treppe herunter.

„Hey, kein Problem. Die Verhandlung kommt nur bald genug und…“ er zuckte mit den Schultern.

„Du willst nicht mehr drüber nachdenken, als unbedingt nötig“, beendete Alexandra den Satz für ihn.

„So ähnlich“, gab Chris zu. Er stand nun unten im Hausflur.

„Du hast Recht. Ich will auch nicht gerade dran erinnert werden. Hast du Hunger?“

Chris schenkte ihr ein schiefes Lächeln.

„Nicht besonders. Whiteman hat mir ein wenig den Appetit verdorben.“

Alexandra runzelte die Stirn. Dieses widerliche, schleimige Männchen. Sie machte sich im Geiste eine Notiz, Jack oder vielleicht auch Sam zu fragen, ob es eine Möglichkeit gab, dass Chris seinen Bewährungshelfer ablehnen konnte.

„Was ist denn passiert?“ fragte sie, während sie in die Küche vorausging.

Chris ließ sich auf einen Stuhl fallen und in den folgenden fünf Minuten wurde Alexandra mit einer äußerst bildreichen und drastischen Schilderung dieser Sitzung beglückt. Chris’ Ausdrucksweise hatte sich in den vergangen Monaten rapide gebessert, doch wenn er aufgeregt oder wütend war, dann fiel er noch immer in seinen Teenieslang oder noch schlimmer, in die Sprache zurück, die er im Gefängnis gelernt hatte. Bei manchen Ausdrücken zuckte Alexandra, die nicht zimperlich und von Julie her wirklich einiges gewöhnt war, regelrecht zusammen.

„Wieso dieser Wichser unbedingt verhindern will, dass ich für Mr. Sanders aussage, dass hab ich noch immer nicht begriffen. Meinst du, er hat was gegen ihn?“

„Hm, schon möglich. Vielleicht hasst er Homosexuelle und will verhindern, dass Jack seine Stelle zurückbekommt. Oder er kann ihn einfach nicht leiden.“

„Tss. Ich glaub, der Typ kann niemanden leiden. Außer dich. Ich soll dir übrigens seine „herzlichsten Grüße“ bestellen.“

Chris äffte seinen Bewährungshelfer so treffend nach, dass Alexandra trotz allem lachen musste.

„Bedank dich artig von mir, wenn du ihn das nächste Mal siehst“, sagte sie trocken.

Chris brummte etwas Unverständliches vor sich hin.

„Hey, wir können froh sein, dass er mich zu mögen scheint. Das lenkt ihn wenigstens von dir ab.“

Alexandra trat hinter Chris und begann sanft, seine Schultern zu massieren. Er war in der vergangenen Woche öfters in den Genuss einer Massage gelangt, nachdem ihn die ganze Zeit ein fürchterlicher Muskelkater aufgrund des ungewohnten und anstrengenden Trainings geplagt hatte. Zu einer anschließenden „Kuschelsession“ war es zu Alexandras Enttäuschung jedoch nie gekommen, Chris war einfach zu erschöpft gewesen. Sie hatte sich jedoch damit getröstet, dass das nur vorübergehend war, bis seine Muskeln und sein Körper sich an die Anstrengung angepasst hatten. Und dann würde sie schon dafür sorgen, dass er nach einer Massage noch an etwas anderes dachte als ans Schlafen…

***

Zwei Tage später wurde Chris Zeuge eines Telefongespräches zwischen Alexandra und Ian, das ihn äußerst nachdenklich stimmte. Es war bereits spät am Abend, eigentlich wollte sie gerade ins Bett gehen, als das Telefon läutete und Alexandra den Hörer abnahm. Chris bekam logischerweise nur die eine Hälfte mit, doch was er hörte, fand er höchst alarmierend.

„Er tut was?...Ian, du machst Witze…..Nimm ihm das Zeug weg!...Dann sperr ihn ein und wirf den Schlüssel weg!...Blödsinn….Also gut, ich komme morgen Abend vorbei und knöpf ihn mir vor…Doch, das macht Sinn. Wenn ich mit ihm fertig bin, dann weiß er nicht mehr, wo oben und wo unten ist!...Keine Ursache….Du auch!“

„Was ist denn los?“ fragte Chris, nachdem Alexandra die Verbindung getrennt hatte und den Hörer wütend anstarrte, als hätte dieser etwas Unverzeihliches verbrochen.

„Dieser Idiot!“

„Wer? Ian?“

„Nein! Jack!“

Ratlos starrte Chris seine Freundin an, die aufgeregt im Wohnzimmer hin und her lief. Charlie verzog sich vorsichtshalber in die Ecke, ihm schien das ganze auch nicht geheuer zu sein.

„Was hat Mr. Sanders denn getan?“ wagte Chris sich zu erkundigen, nachdem er Alexandra ungefähr eine Minute lang zugesehen hatte.

„Was er getan hat?“ Alexandra blieb stehen und breitete die Arme aus. „Dieses Rindvieh hat angefangen zu saufen, das hat er getan. Er weigert sich, die Wohnung zu verlassen und mit irgendjemand außer Ian zu reden. Und er befindet sich im Dauersuff.“

„Woher kriegt er denn dann den Alkohol, wenn er nicht rausgeht?“ erkundigte sich Chris. Eine logische und legitime Frage, irgendwoher musste das Zeug ja kommen, Ian hatte wohl kaum genügend Vorräte, um einen Dauerrausch zu verursachen.

Alexandra gefiel diese logische Denkweise jedoch überhaupt nicht.

„Das ist doch völlig egal“, knurrte sie. „Der kann morgen was erleben.“

 

Teil 68
 

Es war bereits nach sieben, als Alexandra endlich in den Hof von Ians Werkstatt fuhr. Chris hatte mitkommen wollen, doch sie hatte es ihm ausgeredet. Sie konnte sich vorstellen, in was für einer Verfassung Jack war und das es ihm nicht gerade angenehm sein würde, wenn ausgerechnet Chris ihn so sehen würde. Zumindest würde er so darüber denken, wenn er wieder klar im Kopf sein würde.

In der Werkstatt brannte Licht. Alexandra stellte den Wagen ab und ging zum Tor. Sie öffnete es einen Spalt und schlüpfte hinein.

Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr über die geöffnete Motorhaube eines Wagens gebeugt und schraubte darin herum. Der Hinternform nach zu urteilen war es vermutlich Ian.

Moment Mal, Alexandra musste über sich selbst den Kopf schütteln. Sie hatte wohl eindeutig zuviel Kontakt zu Julie. Seit wann interessierte sie sich denn für die Hinternform der männlichen Spezies?

Alexandra räusperte sich laut, um die Aufmerksamkeit des Mechanikers auf sich zu lenken und um herauszufinden, ob sie mit ihrer Beobachtung richtig lag.

Der Mann fuhr hoch und schlug sich den Kopf an der offenen Motorhaube an.

„Autsch, verdammte Scheiße aber auch!“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Hand an der getroffenen Stelle, drehte er sich zu Alexandra um.

„Hallo Ian. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe“, entschuldigte sich diese und musste ein Schmunzeln unterdrücken. Die Szene eben hätte aus einem schlechten Film stammen können.

„Hey, schon gut“, brummte Ian und wischte sich die schmutzigen Hände an einem noch schmutzigerem Lappen ab. „Ich hab nachgedacht und hab dich nicht reinkommen hören. Danke, dass du hier bist.“

„Jack ist einer meiner besten Freunde, also ist das doch wohl selbstverständlich. Ist er oben?“

„Ja“, seufzte Ian. „Ich muss dich aber warnen, er ist stockbetrunken.“

„Woher hat er den Alkohol eigentlich, wenn er nicht rausgeht? Du wirst ihn doch wohl kaum damit versorgen.“

Auch wenn sie Chris’ Einwand gestern Abend unwillig weggewischt hatte, die Frage hatte sie sich später doch gestellt.

„Lieferservice“, gab Ian trocken zurück. „Erst hat er meine ganzen Whiskyvorräte geplündert, dann ist er auf Wodka umgestiegen, den er sich von dem kleinen Lebensmittelladen an der Ecke liefern lässt.“

Alexandra schauderte.

„Na, dann werde ich mal hochgehen und versuchen, ihn auszunüchtern“, erklärte sie entschlossen.

„Ich komm lieber mit.“

Ian warf den Lappen, den er noch in den Händen hielt, auf einen Werkzeugwagen und wollte zum Aufzug vorausgehen. Alexandra hielt ihn zurück.

„Du bleibst schön hier. Das schaffe ich schon alleine.“

Ian sah sie zweifelnd an.

„Er ist ziemlich übel drauf…“

„Keine Bange, ich bin ein großes Mädchen und kann einiges wegstecken“, entgegnete Alexandra und lächelte schief.

***

Fünf Minuten später betrat Alexandra Ians Wohnung. Sie hatte Ian überzeugen können, dass Jack bei ihr in besten Händen war, sozusagen. Zum Schluss hatte sie den Eindruck gehabt, er machte sich mehr Sorgen um seinen Freund als um sie. Und das war auch richtig so. Jack konnte was erleben.

Alexandra rümpfte die Nase. Die Luft roch abgestanden und nach Alkohol. Die Küchenzeile und der große Esstisch waren übersät mit leeren Pizzaschachteln und MacDonalds-Verpackungen. Dazwischen standen leere Flaschen. Also wenn Ian früher so gelebt hatte, dann war es wohl Zeit gewesen, dass er Jack getroffen hatte, auch wenn der im Moment völlig versumpft war. Sie selbst war ja auch nicht gerade die Ordentlichste, aber bei herumliegendem Müll zog sie eine Grenze.

Suchend blickte Alexandra sich um. Sie hoffte, dass sie die restlichen Räume würde nicht betreten müssen, darauf, Jack aus dem Schlafzimmer zerren zu müssen, konnte sie dankend verzichten.

Ihr Blick blieb an einem unordentlichen Haufen Decken hängen, der auf dem Sofa lag. Bei näherem Hinsehen erspähte sie ein paar dunkelblonde Haarsträhnen, die daraus hervorlugten. Alexandra ging hinüber und blieb neben dem Haufen stehen.

„Jack!“

Der Haufen grunzte unwillig und begann sich zu bewegen. Dann lag er wieder still.

„Jack, wach sofort auf oder ich hole einen Kübel Eiswasser und schütte ihn dir über den Kopf!“

Die Hände in die Hüften gestützt wartete Alexandra, ob sie mit ihrer Drohung Erfolg haben würde. Wenn nicht, dann…

Sie war fast enttäuscht, als Leben in das Deckengewirr kam und ein verschlafenes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen daraus hervorlugte.

„’sn los? Geh weg, Ian…“

„Als ich mich das letzte Mal im Spiegel betrachtet hab, da war ich noch nicht Ian.“

Es dauerte ein paar Sekunden, dann schien Jacks alkoholvernebeltes Gehirn die Informationen, die im zur Verfügung gestellt wurden, zu einem konkreten Bild zusammengesetzt zu haben. Das Ergebnis brachte Alexandra beinahe zum Lachen.

Jack fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch und starrte sie blinzelnd an.

„Alex?“ krächzte er heiser.

„Die Eine und Einzige“, gab Alexandra spöttisch zurück.

Er sah wirklich verheerend aus. Unrasiert seit Tagen, die Augen blutunterlaufen, zerknitterte Klamotten, das war nicht der Jack Sanders, den sie kannte.

„Was willst du denn hier?“

„Aus dir wieder einen Menschen machen. Und dann reden wir.“

Jack ließ sich wieder zurück in sein „Nest“ fallen und tastete mit einer Hand hinter sich.

„Geh nach Hause“, sagte er heiser.

Er hatte gefunden was er suchte, denn er zog eine Flasche Wodka hervor, auf der er anscheinend geschlafen hatte. Bevor er sie jedoch öffnen konnte, beugte sich Alexandra vor und schnappte sie ihm weg.

„Oh nein, du säufst jetzt nicht weiter.“

„Gib mir das sofort zurück!“

Jack versuchte aufzustehen und nach der Flasche zu greifen, die Alexandra außerhalb seiner Reichweite hielt, war jedoch scheinbar noch zu betrunken um seine Bewegungen zu koordinieren. Er rutschte vom Sofa und blieb auf dem Boden sitzen. Flehend sah er zu Alexandra auf.

„Bitte Alex, gib mir die Flasche. Ich ertrag das alles sonst nicht…“

Gegen ihren Willen fühlte Alexandra Mitleid in sich aufsteigen. Aber der Alkohol war keine Lösung. Jack machte damit nur sich, Ian und ihre Beziehung zueinander kaputt.

„Nein, du hörst jetzt auf damit“, sagte sie energisch. „Steh auf, zuerst brauchst du mal `ne ausgiebige Dusche.“

„Ich brauch keine Dusche, ich brauch die Flasche! Gib sie sofort her!“

Mühsam rappelte Jack sich hoch und kam schwankend zum Stehen.

Alexandra trat einen Schritt zurück.

„Du kannst machen, was du willst, du kriegst den Scheiß nicht“, warnte sie.

„Alex, bitte…“

Alexandra überlegte, was sie jetzt tun sollte. Sie hatte keine Lust mehr, mit Jack diese sinnlose Streiterei um eine halbvolle Flasche Wodka fortzusetzen. Während sie ihren Freund wachsam beobachtete, ging sie zur Spüle und öffnete den Verschluss, dann kippte sie die Flasche um.

„Spinnst du?“

Mit einer Geschwindigkeit, die sie Jack gar nicht zugetraut hatte, schon gar nicht in dem Zustand, war dieser bei ihr und versuchte zu retten, was zu retten war. Alexandra ließ die Wodkaflasche in das Spülbecken fallen und packte Jack mit einem geübten Griff.

„Oh nein, so nicht mein Freund. Und jetzt gehen wir erst mal unter die Dusche. Ich weigere mich, mit dir zu reden, wenn du stinkst wie ein Kamelhengst.“

Sie zerrte den sich heftig wehrenden Mann zu der ersten Tür auf der anderen Seite des Raumes und hoffte, dass ihre Wahl die richtige war. Jack mochte vielleicht stärker sein als sie, doch gegen ihre Geschicklichkeit und langjährige Kampfsportroutine hatte er keine Chance. Schon gar nicht, wenn sie ihm den Arm auf den Rücken gedreht hatte und ihn in einer Art Polizeigriff festhielt.

„Lass mich sofort los, du bist ja total irre“, kreischte er hysterisch und versuchte vergeblich, sich loszureißen, als Alexandra die Tür aufstieß.

Bingo, es war das Badezimmer. Großzügig angelegt, mit cremefarbenen Fliesen, einer riesigen runden Badewanne, von der Alexandra nur träumen konnte und…einer geräumigen Duschkabine, die keine Duschwanne besaß, sondern nur einen in den Boden eingelassenen Abfluss. Die Glastür stand offen und Alexandra zerrte Jack hinein.

Eigentlich hatte sie das „Wir“ ja nicht wörtlich gemeint, aber es sah fast so aus, als müsste sie zu ihren Worten stehen. Jack hatte nämlich entschieden etwas gegen eine Dusche einzuwenden, obwohl er wirklich eine vertragen konnte.

„NEIN! Verdammt, LASS LOS“, tobte Jack, während Alexandra mit dem Ellbogen den Hebel nach oben drückte und dabei hoffte, dass er nicht gerade auf eiskalt oder siedend heiß gestanden war.

Ein Schwall kalten Wassers prasselte auf sie beide herunter und Alexandra hätte dem fluchenden und zappelnden Jack beinahe unfreiwillig seinen Wunsch erfüllt. Doch sie biss die Zähne zusammen und hielt ihren Freund weiterhin fest. Dafür schuldete er ihr was. Mindestens ein Essen in einem Fünf-Sterne-Restaurant.

Jack hörte mit einem Schlag auf, sich zu wehren und lehnte sich schwer gegen sie. Alexandra glaubte schon fast, er wäre ohnmächtig geworden, als er plötzlich zu reden begann.

„Tut mir leid“, sagte er leise.

Alexandra lockerte vorsichtig ihren Griff und wich ein wenig zurück, um außerhalb des kalten Wasserstrahls zu stehen. Sie war komplett durchnässt, ihre Kleidung klebte an ihrem Körper und in ihren Schuhen stand vermutlich das Wasser. Ein absolut unangenehmes Gefühl.

Jack drehte sich zu ihr um. Er sah aus wie eine ertrunkene Ratte.

„Du kannst jetzt rausgehen. Den Rest schaffe ich alleine.“

Seine Stimme klang resigniert. Er schaltete das Wasser ab und fuhr sich mit den Händen durch die nassen Haare. Dabei mied er Alexandras Blick.

„Jack, ich…“

„Nein, ist schon gut“, unterbrach er sie. „Ich bin derjenige, der sich hier zum Trottel gemacht hat.“

Wenigstens schien er wieder Herr seiner Sinne zu sein. Jetzt musste sie ihn nur noch dazu bringen, wieder ein wenig optimistisch zu werden und nicht alles so schwarz zu sehen.

Die Badezimmertür flog auf und Ian kam hereingestürmt.

„Mein Gott, was ist denn passiert?“ rief er entsetzt, als er Alexandra und Jack sah.

„Den Krach hat man unten in der Werkstatt gehört. Ich dachte schon, ihr bringt euch gegenseitig um!“

„Wir leben beide noch, wie du siehst“, teilte Alexandra ihm mit. Sie schnitt eine Grimasse. „Du hast nicht zufällig ein paar trockene Klamotten für mich?“

Ian sah sie verblüfft an, beschloss aber anscheinend, dass er lieber nicht wissen wollte, wieso sie und Jack aussahen, als hätten sie gemeinsam in bekleidetem Zustand eine Dusche genommen.

„Klar, komm mit…“

Er warf Jack einen unsicheren Blick zu.

„Ich bin gleich zurück und helfe dir“, versprach er ihm.

Jack nickte wortlos und setzte sich auf den Rand der Badewanne. Er vergrub das Gesicht in beiden Händen. Es schmerzte, ihren sonst so souveränen Freund als gebrochenes Häufchen Elend zu sehen, doch Alexandra konnte nicht verhindern, dass sie dabei an Chris denken musste.

Jack hatte die besten Chancen, dass seine Unschuld bewiesen werden würde. Er würde wahrscheinlich freigesprochen werden und konnte möglicherweise sogar in seinen alten Job zurückkehren. Wenn doch nicht, dann konnte er sich etwas anderes suchen oder schlimmstenfalls sogar in eine andere Stadt ziehen, wo niemand von der Sache wusste. Er war in der Lage, alles hinter sich lassen.

Diese Möglichkeit hatte Chris nicht. Seine Erinnerungen würden ihn immer verfolgen, egal, wohin er ging. Er würde sein ganzes Leben lang von Alpträumen geplagt werden, zumindest gelegentlich, und er würde niemals völlig unbefangen in der Gegenwart anderer Menschen sein können.

Genau das war es, was Alexandra Jack klarmachen wollte. Diese Verhandlung bedeutete nicht das Ende der Welt. Sie war sich sicher, dass die Anklage sich als haltlos erweisen und ihr Freund rehabilitiert werden würde. Er hatte Freunde, die für ihn da waren und einen Geliebten, der zu ihm stand. Er war nicht allein…

 

Teil 69

 

Es war bereits kurz nach Mitternacht, als Alexandra die Haustür aufschloss und den Flur betrat. In einer Tasche trug sie ihre nassen Sachen, Ian hatte ihr einen Jogginganzug und ein Paar Schuhe geliehen, die sie auch mit zwei paar dicken Socken noch immer fast verlor.

Sie hatte sich in Ians Schlafzimmer schnell umgezogen und dann draußen im Wohnraum auf die beiden gewartet. Es hatte über eine halbe Stunde gedauert, bis sie erschienen waren und Alexandra hatte in der Zwischenzeit den Fernseher angemacht, um eventuell verdächtig klingende Geräusche aus dem Badezimmer zu übertönen.

Auch wenn sie keine Probleme mit Homosexuellen hatte, sie musste nicht unbedingt den akustischen Beweis für die Vermutung haben, die in ihrem Hinterkopf herumspukte. Wahrscheinlich zeigte Ian Jack, dass er ihm nicht böse war und ihn immer noch liebte.

Alexandra klickte durch die Programme. Es kam nichts, dass sie großartig interessierte und so wanderten ihre Gedanken doch wieder unfreiwillig zu den beiden Männern ins Badezimmer. Wer von den beiden war wohl…

Sie schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und hielt ihrer Fantasie einen strengen Vortrag über die Wahrung der Intimsphäre ihres besten Freundes. Sie WOLLTE das doch gar nicht wissen. Obwohl…

Endlich ging die Badezimmertür auf und Ian trat heraus. Er zog Jack an der Hand hinter sich her und beendete damit zumindest vorübergehend Alexandras mentalen Krieg mit sich selbst. Beide hatten nasse Haare, was darauf schließen ließ, dass sie möglicherweise gemeinsam geduscht und dabei vielleicht noch andere Dinge getan hatten.

Alexandra fühlte wie ihr das Blut in die Wangen schoss und stöhnte innerlich auf. Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Seit wann interessierte sie sich für das Liebesleben ihrer Freunde? Ihrer MÄNNLICHEN Freunde, wohlgemerkt, die eben zufällig ein Paar waren.

Jack ließ Ians Hand los und räusperte sich.

„Alex, ich wollte mich bei dir wegen vorhin entschuldigen…“

Das lenkte Alexandra nun endlich von ihren ungebetenen Fantasien ab und ermöglichte es ihr, sich wieder darauf zu konzentrieren, weswegen sie eigentlich hergekommen war, nämlich Jack eine Tritt in den Hintern zu geben und ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Sie redeten stundenlang. Alexandra und Ian versuchten Jack klarzumachen, dass diese Anklage und die bevorstehende Verhandlung nicht der Weltuntergang waren, sondern dass er einigermaßen unbeschadet daraus hervorgehen würde. Sam war eine großartige Anwältin, das angebliche „Opfer“ mehr als unglaubwürdig und dass nun öffentlich bekannt war, dass er homosexuell war, mochte für Jack selbst zwar unangenehm sein, doch er musste einfach lernen, sich nicht um die Meinung der Leute zu scheren.

Am Ende hatten sie ihn wenigstens soweit, dass er versprach, keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren und sich auch nicht mehr zu vergraben. Damit er beweisen konnte, dass er dieses Vorhaben ernst meinte, lud Alexandra ihn und Ian für den Sonntag zum Essen ein. Hier jedoch zögerte Jack.

„Was ist mit Chris?“ fragte er. „“Glaubst du wirklich, dass er damit einverstanden sein wird? Ich will ihn nicht in eine unangenehme Situation bringen…“

„Quatsch.“ Ungeduldig wischte Alexandra diesen Einwand weg. „Denkst du, ausgerechnet er würde für dich aussagen, wenn er tatsächlich glauben würde, du wärst zu so etwas fähig? Bestimmt nicht, eher würde die Hölle zufrieren.“

Jack starrte auf seine zusammengefalteten Hände.

„Nein…aber…sein Verhalten während seines ersten Verhörs hat mich ganz schön in die Bredouille gebracht. Diese Jensen hat mich dermaßen in die Zange genommen, ich hätte beinahe alles zugegeben, was sie von mir wollte, nur damit sie mich endlich in Ruhe lassen würde.“

„Bist du deswegen etwa sauer auf ihn?“ erkundigte sich Alexandra. „Dafür konnte Chris nichts. Er ist nun mal sensibel bei diesem Thema, wird es immer sein, aber er hat jetzt kein Problem mit dir.“

„Aber er hatte eines, Ian hat mir davon erzählt“, gab Jack zurück und sah auf. „Er hat am Anfang geglaubt, ich hätte wirklich…“

Alexandra sprang auf.

„Hergott nochmal, Jack. Du weißt, was mit ihm passiert ist. Versetz dich bitte mal in seine damalige Situation. Man hat ihm hingeknallt, dass ein Mensch, dem er vertraut hat, versucht hat, einem anderen das gleiche anzutun, was man ihm selbst zigmal angetan hat. Wärst du da nicht auch erst mal ausgerastet?“

Jack schwieg. Dann schüttelte er den Kopf.

„Nach dem zu urteilen, was ich hier in den vergangenen Tagen veranstaltet habe…Ich bin wohl der letzte, der Chris einen Vorwurf machen dürfte“, gab er schließlich zu.

„Also, dann ist es ausgemacht. Du und Ian, ihr kommt übermorgen zum Mittagessen. Halb zwölf?“

Die beiden stimmten zu, Jack zwar etwas zögernd, aber Alexandra hatte nicht vor, ihm eine andere Wahl zu lassen. Und sie war sich sicher, dass Chris damit einverstanden sein würde, immerhin hatte er ja eigentlich mitkommen wollen.

Kurz darauf hatte sich Alexandra schließlich verabschiedet und war nach Hause gefahren.

Nachdem sie ihre nassen Klamotten in die Waschküche gebracht und auf die Leine zum Trocknen gehängt hatte, ging Alexandra nach oben. Es wunderte sie eigentlich, dass ihr Charlie noch nicht entgegen gekommen war, aber es war schon ziemlich spät. Der Hund konnte auch manchmal recht faul sein.

Die Schlafzimmertür war nur angelehnt und durch den Spalt drang ein schwacher Lichtschimmer. Chris war also noch wach und wartete auf sie. Ein warmes Gefühl machte sich in Alexandra breit. Es war schön, zu wissen, dass es einen Menschen gab, der einen vermisste, wenn man weg war und sei es auch nur für ein paar Stunden.

Sie öffnete die Tür und trat ein. Das Bild, das ihr bot, brachte sie nun allerdings zum schmunzeln. Charlie lag, wie üblich und völlig normal, auf seinem Teppich und döste. Er öffnete nur kurz die Augen und blaffte leise.

Chris dagegen hatte es sich, so wie es aussah, richtig gemütlich gemacht. Er lag quer über dem Bett, mit dem Oberkörper auf ihrer Seite, Schulbücher um sich herum ausgebreitet und hatte anscheinend versucht, sich die Wartezeit mit Lernen zu vertreiben. Dabei musste er allerdings eingeschlafen sein. Sein Kopf lag seitlich auf seinem Schreibblock und in der Hand hielt er noch immer einen Kugelschreiber.

Alexandra schüttelte den Kopf und lächelte. Wie arm war ihr Leben doch gewesen, bevor Chris bei ihr eingezogen war. Sicher, er hatte einen Haufen Probleme mit sich gebracht, doch er war ihr jedes einzelne davon wert.

Alexandra unterdrückte ein Gähnen. Zeit, sich auch in die Falle zu hauen. Leise ging sie ins Bad, um sich umzuziehen und die Zähne zu putzen. Dann jedoch stand sie vor der schwierigen Aufgabe, Chris aus ihrem Bett zu bekommen. Er hatte sich die ganze Zeit nicht gerührt und schien wirklich tief und fest zu schlafen. Wie er das in dieser eigentlich total unbequemen Position schaffte, war Alexandra ein Rätsel.

Sie setzte sich auf das Bett und beugte sich über ihn. Ein paar seidige Haarsträhnen waren ihm über die Wange gefallen und Alexandra ergriff eine davon. Dann begann sie, ihn damit an der Nase zu kitzeln.

Chris zog die Nase kraus und verzog im Schlaf unwillig das Gesicht. Er brummelte etwas Unverständliches und Alexandra begann zu kichern.

Das Geräusch schien Chris nun endlich aufzuwecken. Er öffnete die Augen und blinzelte verschlafen zu ihr hoch. Dabei sah er so niedlich aus, dass Alexandra einen Moment lang die Luft wegblieb.

„Hey“, sagte er mit rauer Stimme. „Wie spät ist es?“

„Halb eins. Hat ein Weilchen gedauert, Jack wieder auf Vordermann zu bringen. Machst du mal ein bisschen Platz, damit ich auch mit ins Bett kann?“

Chris gähnte, dann rutschte er ein wenig zur Seite, so dass er zumindest gerade und nicht mehr quer im Bett lag. Alexandra sammelte seine Bücher ein und nahm ihm den Kugelschreiber aus der Hand.

„Den brauchst du ja jetzt wohl im Moment nicht“, stellte sie amüsiert fest und legte die Sachen auf dem Boden ab. Dann schlüpfte sie unter ihre Decke.
Chris kuschelte sich an sie.

„Hab dich vermisst“, murmelte er. „Ist nicht dasselbe, wenn du nicht da bist.“

Da war es wieder, dieses warme, angenehme Gefühl. Alexandra fragte sich, wie sie die ganze Zeit nur ohne es hatte existieren können. Es erschien ihr jetzt fast so, als hätte früher einfach ein Teil von ihr gefehlt, als wäre sie nicht „ganz“ gewesen. Chris hatte das alles verändert, ihr Leben auf den Kopf gestellt. Und sie wollte nichts davon mehr missen.

„Du fehlst mir auch, wenn du nicht da bist“, gab sie leise zurück.

Chris antwortete nicht, sondern drückte sich nur ein wenig fester an sie. Alexandra dachte schon, er wäre wieder eingeschlafen und wollte gerade das Licht ausmachen, als er doch zu reden anfing.

„Wie geht’s Mr. Sanders jetzt?“

„Ich hoffe, Ian und ich konnten ihm den Kopf wieder gerade rücken. War ein schönes Stück Arbeit.“

Alexandra kicherte, als ihr etwas einfiel. Vor einigen Stunden war sie geistig zu stark mit Jack und seinen Problemen beschäftigt gewesen als dass sie sich darüber großartig Gedanken hätte machen können, aber nun kamen ihr ein paar Einzelheiten zu Bewusstsein, die durchaus höchst amüsant gewesen waren.

„Was ist?“ fragte Chris mit geschlossenen Augen.

„Oh, ich musste gerade an Ian denken. Hättest du gedacht, dass er ein Schlafzimmer mit dunkelrot gestrichenen Wänden, einem dunkelroten Teppich und ein riesiges Bett mit schwarzer Satinbettwäsche hat? Der Raum sieht aus wie eine Höhle. “

Alexandra grinste vor sich hin. Das Zimmer hatte sie im ersten Moment fast erschlagen. Sie hatte nicht gewagt, sich näher umzusehen, da sie Angst hatte vor dem, was sie sonst noch entdecken könnte. Innerhalb kürzester Zeit war sie umgezogen gewesen und war aus dem Raum geflüchtet.

Chris öffnete die Augen und blinzelte sie ungläubig an.

„Was bitte hast du in Ians Schlafzimmer gemacht?“ fragte er argwöhnisch.

„Ian hat mir ein paar trockene Klamotten gegeben, nachdem ich mit Jack unter der Dusche war…“

Alexandra hatte den Satz noch nicht beendet, als ihr bewusst wurde, wie sich das alles anhören musste. Und in der nächsten Sekunde konnte sie sich schon dazu gratulieren, dass sie zum zweiten Mal an diesem Abend einen Mann dazu gebracht hatte, senkrecht auf der Couch beziehungsweise im Bett zu stehen.

„Alex!“

Argwohn hatte sich in Entsetzen verwandelt. Chris hatte sich aufgesetzt und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf sie herunter.

„Wieso warst du mit Mr. Sanders unter der Dusche?“

Seine Stimme klang fassungslos und Alexandra konnte sich nicht beherrschen. Sie prustete los. Ihr Heiterkeitsausbruch trug allerdings nicht im Geringsten dazu bei, Chris zu besänftigen, im Gegenteil.

„Alex, ich find das nicht komisch! Was hast du da heute Abend bloß gemacht?“

Chris’ Empörung stachelte Alexandra jedoch nur zu weiterem Gelächter an. Sie musste sich ebenfalls aufsetzten, da sie sonst keine Luft mehr bekommen hätte.

„Oh mein Gott, du hättest grad eben dein Gesicht sehen sollen…“ japste sie schließlich und wischte sich Lachtränen aus den Augen. „Das war unbezahlbar.“

Chris sah sie nur böse an, was Alexandra wieder zum Kichern brachte.

„Alex, bitte, sag mir endlich, was da los war“, bettelte er.

„Ich fand einfach, dass Jack eine Dusche gebrauchen konnte“, gluckste sie vergnügt. „Er war nicht meiner Meinung, ich musste ihn handgreiflich davon überzeugen. Wir waren aber beide angezogen!“

Chris sah nun etwas beruhigter aus. Etwas.

„Und wieso warst du im Schlafzimmer?“ forschte er.

„Na, irgendwo musste ich die nassen Sachen ja wechseln. Ian hat mir was von sich geliehen.“

„Ach sooo“, seufzte Chris erleichtert. „Mann, musst du mir so einen Schrecken einjagen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu.

Alexandra umarmte ihn lachend.

„Also bitte, inzwischen solltest du mich doch kennen“, scherzte sie.

„Hey, wenn du mir erzählst, dass du bei einem Typen im Schlafzimmer warst und mit dem anderen in der Dusche, und das alles, während ich fast schlafe…“ verteidigte sich Chris.

Dann sah er sie stirnrunzelnd an.

„Ein rotes Schlafzimmer und schwarze Satinbettwäsche?“
 

 

Teil 70

 

Am Sonntag kamen Ian und Jack zum Essen. Chris hatte sich erboten, Pizza zu machen. Wie Alexandra vorhergesagt hatte, hatte er nichts dagegen gehabt, dass sie die beiden Männer eingeladen hatte.

Dennoch war die Stimmung am Tisch etwas befangen, auch wenn jeder voller Lob für den Koch war. Die Unterhaltung wurde hauptsächlich von Ian und Alexandra bestritten, die sich über Belanglosigkeiten unterhielten. Jack hielt sich zurück und warf Chris immer wieder unsichere Blicke zu.

Nach dem Essen sah Alexandra Ian vielsagend an.

„Du meine Güte, bin ich vollgefressen“, stöhnte sie und rieb sich über den Bauch. „Gott-sei-Dank kochst du nicht so oft, sonst könnte ich mir bald eine neue Garderobe zulegen. Also, jetzt brauche ich eine Verdauungszigarette. Du auch?“

Damit wandte sie sich an Ian. Sie wusste, dass Jacks Freund, genau wie sie, gelegentlich rauchte.

„Hört sich gut an“, entgegnete Ian und stand auf. „Gehen wir auf die Veranda?“

Alexandra ignorierte Chris’ missbilligenden Blick und holte sich ihre Zigaretten aus der Küchenschublade, bevor sie mit Ian nach draußen ging. Es ging ihr nicht um die „Verdauungszigarette“, sondern darum, Jack und Chris die Gelegenheit zu verschaffen, allein miteinander zu reden. In letzter Zeit hatte sie das Rauchen sowieso fast aufgegeben.

Ian gab zuerst ihr Feuer, bevor er sich seine eigene Zigarette anzündete.

„Ich glaub, das war eine gute Idee, die beiden allein zu lassen“, sagte er. „Jack war den ganzen Vormittag total hibbelig. Er wollte schon fast absagen.“

„Dann wäre ich aber gekommen und hätte ihn an den Ohren hergezogen“, entgegnete Alexandra und zog an ihrer Zigarette. Eigentlich schmeckte sie überhaupt nicht.

„Darum hat er es schließlich doch nicht gewagt.“

Ian lächelte schief.

„Jack hat einen jesusmäßigen Respekt vor dir. Ich hab keine Ahnung, wie ich dir jemals dafür danken soll, dass du ihm den Kopf zurechtgesetzt hast. Ich wusste schon gar nicht mehr, was ich machen sollte. Hatte Chris wirklich nichts dagegen, dass wir gekommen sind?“

Alexandra lehnte sich an das Geländer der Veranda und sah in ihren Garten hinaus. Die letzten Herbstblumen waren verblüht und er wirkte vernachlässigt. Vielleicht sollte sie sich in den nächsten Tagen einmal darum kümmern.

„Nein. Er war zwar heute Vormittag etwas nervös, aber…ich glaub, er wollte auch mit Jack reden, wegen der ganzen Sache, und ihn etwas wegen seinem neuen Bewährungshelfer fragen.“

„Sie haben ihm also einen Neuen zugeteilt?“ erkundigte sich Ian.

„Mhm. Ein totales Ekelpaket.“

Alexandra drückte ihre Zigarette aus. Sie schmeckte absolut nicht. Vielleicht sollte sie endlich ganz damit aufhören.

„Sollen wir wieder reingehen?“ fragte Ian.

„Nein. Warten wir eine Weile.“

***

Nachdem die Tür hinter Alexandra zugefallen war, warf Chris seinem ehemaligen Bewährungshelfer einen forschenden Blick zu, den dieser unsicher erwiderte. Mr. Sanders sah wirklich nicht besonders gut aus, er hatte abgenommen und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

„Ich mach Kaffee“, erklärte Chris, nur um die unbehagliche Stille zu durchbrechen und um etwas zutun zu haben. „Sie möchten doch auch einen, oder?“

„Ja, danke“, entgegnete der Mann und starrte auf seine zusammengefalteten Hände. „Chris…es tut mir leid, dass du da hineingezogen wirst, wirklich. Ich weiß gar nicht, wie ich das jemals wieder gut machen soll…“

Chris hielt inne. Er hatte gerade den Wasserkocher in der Hand und wollte Wasser hineinfüllen. Die Kaffeemaschine war noch immer nicht entkalkt worden.

„Machen Sie sich keine Vorwürfe. Es ist schließlich nicht Ihre Schuld…“

Mr. Sanders schüttelte den Kopf.

„Ich frage mich die ganze Zeit, was ich hätte tun können, um so etwas zu verhindern. Wie Allington überhaupt auf die Idee gekommen ist, dass ich…“

Er brach ab.

Chris schwieg. Was hätte er auch dazu sagen sollen? Er hatte keine Ahnung, wie Stephen Allington herausgefunden hatte, dass Jack schwul war. Ob er es überhaupt herausgefunden hatte oder ob es nur ein Schuss ins Blaue gewesen war. Und es war ja jetzt auch egal.

Chris schaltete den Wasserkocher ein und bereitete die Kaffeekanne vor. Dann holte er vier Tassen aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch.

„Hat Alex Ihnen schon von meinem neuen Bewährungshelfer erzählt?“ fragte er, während er das Geschirr vom Mittagessen zusammenstellte.

Dabei warf er einen Blick durch das Fenster hinaus auf die Veranda. Zumindest Alexandra hatte ihre Zigarette beendet und gestikulierte wild mit beiden Händen herum. Was sie sagte, konnte Chris nicht verstehen, doch er musste lächeln. Seine Alex war schon wirklich was ganz Besonderes…

„Nein, hat sie nicht. Wen haben sie dir den zugeteilt?“ erkundigte sich Mr. Sanders.

Chris schreckte aus seinen Träumereien auf.

„Einen Typen namens Donald…nee, Ronald Whiteman. Kennen Sie den näher?“

„Großer Gott, DAS ist jetzt dein Bewährungshelfer? Was hat Leroy sich denn dabei bloß gedacht!“

Chris schwante Böses. Das hieß, eigentlich hatte er schon von Anfang an gewusst, dass Whiteman mit Vorsicht zu genießen war, doch nun hatte er die offizielle Bestätigung.

„Wie meinen Sie das?“ fragte er vorsichtig.

„Whiteman ist ein Vollidiot! Ungefähr die Hälfte seiner Leute landet nach spätestens ein paar Monaten wieder im Knast“, erklärte Mr. Sanders.

Chris spürte, wie ihm die Knie weich wurden und er setzte sich auf den nächstbesten Stuhl.

„Was?“

Mr. Sanders schien klar zu werden, dass er ihm nicht gerade Mut gemacht hatte.

„Hey, so habe ich das jetzt nicht gemeint“, sagte er hastig. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Whiteman ist nur einfach unfähig, jemanden zu motivieren. Darum haben seine Leute auch so eine hohe Rückfallquote.“

„Ist es nur das oder…oder hat er schon mal jemanden wegen irgendeiner Kleinigkeit wieder ins Gefängnis gebracht?“

Chris musste diese Frage einfach stellen. Er wusste, dass Whiteman ihn nicht leiden konnte, ihn verachtete, und er machte sich vor jeder Begegnung die größten Sorgen, dass der Mann irgendetwas, was er tat oder sagte, zum Anlass nehmen konnte, ihn zurück ins Gefängnis zu schicken. Und er hätte wohl kaum eine Chance, etwas dagegen zu tun. Wenn das Wort eines Behördenvertreters gegen das eines Ex-Sträflings stand, wem glaubte man dann eher?

Mr. Sanders runzelte die Stirn.

„Nein“, entgegnete er langsam. „Nicht, dass ich wüsste. So einfach geht das auch wieder nicht, eine Aufhebung der Bewährung entscheidet nicht der Bewährungshelfer allein. Ich wollte das mit Allington an dem Tag, als ich verhaftet wurde, mit meinem Vorgesetzten besprechen. Wenn Leroy zugestimmt hätte, dann wäre das Früchtchen in den Bau gewandert. Mach dich nicht verrückt, Leroy ist ein fairer Mann und er kennt Whiteman gut genug. Er würde eine Empfehlung von ihm auf jeden Fall genau prüfen.“

Chris atmete tief durch. Sanders hatte ihn wenigstens ein klein wenig beruhigen können, wenn auch nicht ganz.

„Was hat Allington eigentlich getan?“

Sein Gegenüber schnaubte spöttisch.

„Gegen sämtliche Bewährungsauflagen verstoßen. Er ist für eine Woche nach Hawaii geflogen, obwohl er ohne meine Zustimmung den Staat nicht hätte verlassen dürfen, er hat Termine geschmissen, als ich versucht habe, ihn in seinem Stammclub ausfindig zu machen, habe ich beobachtet, wie er von einem Typen ein paar Pillen gekauft hat und als Krönung des Ganzen hat er dann ein Mädel abgeschleppt, das vielleicht gerade mal fünfzehn war.“

„Wieso haben Sie da nicht die Polizei gerufen?“

„Ach, das wäre sinnlos gewesen“, winkte Mr. Sanders ab. „Er hätte sich nur wieder irgendwie rausgeredet. Ich hab ihn am nächsten Tag angerufen und ihm gesagt, dass ich am Dienstag mit meinem Boss sprechen würde und dass er sich dann von seiner Bewährung verabschieden könne. Abends kam er bei mir vorbei und wollte mir Geld anbieten, damit ich es nicht tue. Ich hab ihn rausgeworfen…“

„Und das war ein Fehler“, vervollständigte Chris den Gedankengang.

„Ja“, nickte Mr. Sanders. „Den ersten Fehler hab ich schon gemacht, als ich ihn von meinem Vorhaben in Kenntnis setzte. Hätte ich doch nur den Mund gehalten…“

Chris warf nochmals einen Blick aus dem Fenster. Alexandra unterhielt sich noch immer mit Ian und er fragte sich, worüber die beiden wohl redeten. Ihm war durchaus bewusst, dass sie ihn mit Absicht mit Mr. Sanders allein gelassen hatte. Sie wollte, dass sie sich aussprachen.

„Mr. Sanders, da…“

„Jack.“

„Was?“

„Nenn mich einfach Jack. Ich bin jetzt keine Respektsperson mehr für dich, also kannst du mich ruhig bei meinem Vornamen nennen und mich duzen. Ich mach das bei dir ja auch schon die ganze Zeit.“

Chris starrte Mr. Sanders, nein, Jack, eine ganze Weile lang verblüfft an. Dieses Angebot hätte er nicht erwartet. Doch in einem Punkt hatte seine Ex-Bewährungshelfer Unrecht.

„Das stimmt nicht“, sagte er leise. „Sie…du bist noch immer jemand, den ich respektiere, schon wegen dem, was du für mich getan hast.“

Jack sah Chris lange an.

„Danke“, entgegnete er schließlich ernst.

„Jack, da…ich wollte mich noch dafür entschuldigen, dass ich anfangs geglaubt hab, dass du…das du das wirklich getan hast. Ich weiß, dass du so was nie tun würdest, aber…bei mir ist da einfach eine Sicherung durchgebrannt und…Alex hat mir erzählt, dass du deshalb eine Menge Ärger hattest…“

Chris schluckte und sah Jack von unten her an.

Der lächelte gezwungen.

„Das mit dem Ärger stimmt wohl. Nur …ich kann verstehen, warum du so reagiert hast. Also vergessen wir das am besten.“

Chris nickte erleichtert. Er hatte sich entschuldigt und Jack hatte ihm verziehen. Eine Sorge weniger, die auf ihm lastete. Aber etwas gab es noch, dass er und auch Alexandra sich die ganze Zeit schon gefragt hatten.

„Kann es übrigens sein, dass dieser Whiteman was gegen dich hat?“

Jack lachte humorlos auf.

„Frag mich lieber, ob es jemanden gibt, gegen den der Kerl nichts hat. Das wäre einfacher und schneller zu beantworten.“

***

„Lief doch ganz gut“, sagte Alexandra, als sie in die Küche zurückkam. Sie hatte gerade Jack und Ian verabschiedet, die nach ein, zwei Tassen Kaffee und ausgiebigem „Kriegsrat“ den Heimweg angetreten hatten.

„Ja“, entgegnete Chris und starrte in seine Tasse.

„Was ist los?“

Alexandra setzte sich neben ihn und strich ihm über die Schulter.

Chris wandte den Kopf und sah sie an. Es war ganz gut gelaufen, er hatte sich mit Jack ausgesprochen, dieser hatte seine Sorge wegen Whiteman ein wenig dämpfen können, aber das Gespräch hatte für ihn auch neue Fragen aufgeworfen. Fragen, die sich nicht so einfach beantworten ließen.

„Wieso muss das alles so sein?“ fragte er leise. „Ich mein, das Leben ist schon schwer genug, man hat Ärger und Probleme, man kann schwer krank werden oder…oder jemand, den man liebt, stirbt…Warum gibt es immer wieder Menschen, die alles nur noch schlimmer machen müssen? Und das ohne guten Grund“

Alexandra blinzelte überrascht. Chris erwartete nicht wirklich von ihr, dass sie eine Antwort auf diese Frage hatte, aber sie hatte wissen wollen, was los war. Und das hatte ihn in diesem Moment beschäftigt.

„Keine Ahnung“, sagte sie erwartungsgemäß. „Ich schätze, dafür gibt’s keine logische Erklärung. Man muss sich wohl einfach damit abfinden.“

Chris seufzte.

„Tja…dann gibt’s wohl auch keine Erklärung dafür, warum sich so viele von diesen Idioten ausgerechnet in meinem Leben tummeln müssen.“


 

Teil 71

 

Missmutig stapfte Chris hinter Alexandra die Treppen hinunter zum Dojo. Wie man es auch drehte und wendete, heute war einfach ein Scheißtag gewesen. Für ihn zumindest. Angefangen hatte es schon morgens, als Sam angerufen und ihn für den Vormittag zu sich in ihre Kanzlei bestellt hatte. Sie wollte mit ihm die Fragen durchgehen, die vor Gericht auf ihn zukommen würden.

Er hatte sich auf dem Weg dorthin verfahren und war eine Viertelstunde zu spät gekommen. Sam hatte zwar nichts gesagt, als er sich deswegen entschuldigt hatte, doch sie hatte ihn missbilligend angesehen.

Die Anwältin hatte mit den Fragen angefangen, sie sie selbst ihm stellen wollte und Chris hatte sich schon gewundert, was das ganze Brimborium um die Vorbereitung sollte, daran war doch nichts Besonderes. Doch dann war sie zur Verhörmethode des Staatsanwaltes übergegangen.

Und damit hatte sie Chris einen gehörigen Schrecken eingejagt. Sam hatte zwar schon angedeutet, dass es unangenehm für ihn werden könnte, doch dass der Staatsanwalt möglicherweise solche Methoden bei einer Zeugenbefragung anwenden würde, darauf war Chris nicht vorbereitet gewesen.

Als er die Kanzlei wieder verlassen hatte, hatte er sich gewünscht, dass Jack’s Anwältin nicht so gründlich gewesen wäre, sondern ihn lieber in seliger Unwissenheit gelassen hätte. Sein Horror vor dem kommenden Freitag hatte sich ins Unermessliche gesteigert und er hatte sich gefragt, wie er diese Verhandlung überstehen sollte.

Als Chris nach Hause gekommen war, war er erst einmal nach oben gegangen und hatte sich umgezogen. Die Garage war inzwischen fertig, das Wetter hatte umgeschlagen, man konnte draußen nicht mehr arbeiten, also hatte Alexandra beschlossen, dass er im Inneren des Hauses weitermachen sollte. Sie hatte ihn gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn er sich zuallererst um sein altes Zimmer kümmern würde, da es nicht in Gebrauch war.

Chris hatte zugestimmt und so hatten sie vergangene Woche gemeinsam alles in Kisten verpackt und die Möbel auf den Dachboden geschafft. Als erstes stand das Badezimmer auf dem Programm. Die alten Fliesen mussten entfernt werden, genau die Arbeit, die Chris gebraucht hatte, um seinen Frust loszuwerden.

Es hatte jedoch nicht lange gedauert und er war dabei gestört worden. Alexandra war in der Tür erschienen und hatte ihm augenrollend mitgeteilt, dass Whiteman da war. Chris war mit ihr nach unten gegangen und hatte sich dann in der folgenden Viertelstunde mitanhören dürfen, wie der Giftzwerg mit Alexandra über ihn redete, als wäre er gar nicht da. Als Krönung des Ganzen hatte der Kerl sie auch noch angeschmachtet und Chris hatte schon fast befürchtet, dass Whiteman jeden Moment der Sabber aus dem Mundwinkel laufen würde.

Es war einfach nur widerlich gewesen. Charlie schien Chris’ Meinung durchaus geteilt zu haben, denn der Hund verschaffte ihm den ersten und einzigen Lichtblick an diesem Tag. Als Whiteman von seinem Platz am Küchentisch aufstand um sich zu verabschieden, Alexandra’s Hand ergriff und sie massiv länger hielt als notwenig, wurde es Charlie zu bunt. Er stellte sich neben Whiteman und hob das Bein….

Chris hatte sich in dem darauf folgenden Geschrei schnellstmöglich unbemerkt davon gestohlen, hastig eine Entschuldigung gemurmelt und war wieder nach oben gerannt. Er hatte die Zimmertür hinter sich zugeworfen und sich dann auf dem Boden einem hysterischen Lachanfall hingegeben. Dabei hatte er geschworen, Charlie gleich am nächsten Tag eine ganze Kiste voller Kauknochen zu kaufen und den Hund nie, nie wieder zu schimpfen, wenn er etwas angestellt hatte.

Alexandra war weniger begeistert gewesen, sie hatte schließlich die Sauerei beseitigen und Whiteman wieder besänftigen müssen.

Abends hatten sie dann einen Riesenstreit, der eigentlich wegen einer Lappalie begonnen hatte. Alexandra wollte, dass er sich für die Verhandlung am Freitag einen Anzug zulegte, weil er damit einen besseren Eindruck auf den Richter machen würde. Chris hatte sich strikt geweigert. Er würde sich nicht „verkleiden“, wie er es nannte. Als Alexandra ihm klarzumachen versuchte, dass es im Leben nun einmal Situationen gab, in denen man sich gewissen Konventionen beugen musste, waren Chris ohnehin schon angespannte Nerven gerissen und er hatte sie angebrüllt, dass ihm das völlig scheißegal wäre. Seine Aussage wäre ja wohl wichtig, und nicht das, was er anhätte.

Daraufhin hatte Alexandra zurück geschrieen, dass er endlich erwachsen werden solle, dass das Leben nicht so einfach wäre, wie er es gerne hätte. Ein Wort hatte das andere gegeben, bis es Chris schließlich gereicht und er sich seine Jacke geschnappt hatte. Er hatte das Haus türeknallend verlassen, um sich bei einem Spaziergang abzuregen.

Eine halbe Stunde später, nach einer ellenlangen Diskussion mit sich selbst, war Chris wieder zurückgekehrt, um sich bei Alexandra zu entschuldigen. Sie hatte ja in gewisser Weise Recht, zu dieser Einsicht war er inzwischen auch gekommen. Er musste einen glaubwürdigen Eindruck bei diesem Richter hinterlassen, der über Jack’s Schicksal entscheiden würde.

Es war schon kurz nach sieben gewesen, als er das Haus wieder erreicht hatte. Alexandra war mit ihrer Sporttasche in der Hand die Treppe heruntergekommen und hatte ihn nur kühl angesehen, als er den Flur betreten hatte. Seine verlegene Entschuldigung hatte sie mit einem „Schon gut, ich hab auch ein wenig überreagiert“ akzeptiert.

Dann hatte Chris noch seine Sachen geholt und sie waren losgefahren. Er hatte jedoch gespürt, dass Alexandra noch immer an ihrem Streit herumkaute, denn sie hatte die ganze Fahrt über eisern geschwiegen. Vermutlich stand ihm heute Abend noch einiges bevor, wenn sie wieder zu Hause waren.

In der Umkleidekabine herrschte reges Gedränge und Chris sah sich unschlüssig um, ob er vielleicht nicht doch noch ein wenig draußen warten sollte, bis ein paar der Männer fertig waren und den Raum verlassen hatten. Mittlerweile hatte er sich an sie gewöhnt und sah sie nicht mehr unbewusst als Bedrohung an. Bis auf einen gewissen Blondschopf natürlich, doch das hatte andere Gründe.

Chris wollte gerade wieder den Rückzug antreten, als Marc ihn zu sich rief.

„Hey, komm hier rüber, neben mir ist noch ein Plätzchen frei.“

Er schlängelte sich durch seine munter miteinander palavernden Sportkameraden und stellte seine Tasche neben die von Marc.

„Na, alles klar bei dir?“ erkundigte sich dieser.

Chris nickte, während er seinen Gi aus der Tasche zog. Alexandra hatte ihn darüber aufgeklärt, dass die Kampfanzüge so hießen und ihm zwei von ihren eigenen gegeben. Nur den weißen Anfängergürtel hatte er sich bei Patrick besorgen müssen.

„Ja, alles bestens.“

Marc wartete, bis Chris fertig war, dann gingen sie zusammen nach draußen.

Alexandra’s Aufwärmtraining war heute Abend, gelinde ausgedrückt, eine Tortur. Sogar die drei Schwarzgurte, die vorne in der ersten Reihe standen, schnauften und stöhnten. Chris wusste genau, wieso. Alexandra versuchte immer, durch Bewegung ihren Frust und ihre aufgestauten Aggressionen loszuwerden. Nur plagte sie sich heute nicht allein wie beim Joggen, sondern sie scheuchte die ganze Truppe herum, einschließlich ihm selbst.

Zu ihrer Verteidigung musste man allerdings sagen, dass sie keinen anfuhr, der mit ihrem Tempo nicht mithalten konnte und eine Pause einlegte. Chris biss die Zähne zusammen und hoffte nur, dass es bald vorbei sein würde, sonst konnte er sich morgen gleich krank melden, da er keinen Muskel mehr ohne höllische Schmerzen würde bewegen können. Denn er würde sich nicht die Blöße geben und sich zwischendrin ausruhen, so wie sogar Marc, dazu war er viel zu stur.

Schließlich schien sie sich ausreichend abreagiert zu haben und zeigte sogar genügend Erbarmen, eine kurze Erholungspause anzuordnen, bevor das eigentliche Training beginnen würde.

Chris und Marc waren wieder zusammen und übten ihre Techniken. Die Konzentration darauf half Chris etwas, sich von den Ereignissen des heutigen Tages abzulenken. Er war inzwischen recht gut geworden und hatte sogar schon einiges an Lob von Patrick einheimsen können. Sogar die beiden Techniken, die er anfangs gefürchtet hatte, hatte er in der Zwischenzeit gemeistert. Dass Marc auch während des gemeinsamen Trainings immer einen Scherz parat hatte, ließ Chris seine Ängste weitestgehend vergessen. Nur in die Dusche stürmte er immer noch als Erster, sobald das Ende der Stunde verkündet worden war.

Einmal kam Alexandra bei ihnen vorbei und sah ihnen ein paar Minuten zu. Chris fühlte sich unwohl unter ihren kritischen Blicken und patzte natürlich. Sie schüttelte jedoch nur den Kopf und erklärte ihm geduldig, was er falsch gemacht hatte. Ihre Stimme war dabei völlig neutral, sie hätte mit jedem anderen genauso reden können, doch als Chris in ihre Augen sah, da leuchteten diese vor Wärme und Zuneigung. Erleichterung machte sich in ihm breit. Sie war also nicht mehr wütend auf ihn wegen ihres Streits, zumindest nicht sehr.

Alexandra verließ Marc und Chris wieder, um den anderen Paaren zuzusehen und Lob und Kritik anzubringen. Es war unvermeidlich, dass sie dabei auch bei Brandon und dessen Partner landete.

Als Chris das aus dem Augenwinkel wahrnahm, war es um seine Konzentration geschehen. Brandon flirtete unverhohlen mit Alexandra, die das jedoch gar nicht zu registrieren schien. Sie war ganz Lehrerin, die einem Schüler etwas erklärte und beibrachte.

Dann trat sie auch noch näher an diesen Mistkerl heran, um ihm eine der Techniken genauer zu erklären und sie mit ihm gemeinsam zu üben. In dem Augenblick sah Chris rot. Die Hände von dieser schleimigen, angeberischen Ratte auf SEINER Alex…

Ein empörter Aufschrei von Marc riss ihn aus seinen Rachgedanken. Sein Partner lag neben ihm auf dem Boden und hielt sich das Handgelenk.

„Sag mal, spinnst du? Du hättest mich abwehren müssen, und nicht mich ins Leere laufen lassen sollen!“

Erschrocken starrte Chris zu Marc hinunter, bevor er sich neben ihn hinkniete.

„Scheiße…tut mir leid…ich…ich hab nicht aufgepasst…“ stammelte er entsetzt.

„Hast du dir was gebrochen?“ fragte er dann ängstlich.

Marc bewegte vorsichtig sein Handgelenk.

„Nee, sieht nicht so aus…Was war den grad los mit dir?“

„Ist was passiert?“

Alexandra war herbeigeeilt und kniete nun an Marc’s anderer Seite.

„Schon okay“, winkte dieser ab. „Kann die Hand noch bewegen.“

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass nichts Ernsteres passiert war, richtete sich Alexandra’s Aufmerksamkeit auf Chris, der ihren Blick schuldbewusst erwiderte.

„Es ist meine Schuld“, sagte er leise. „Ich hab nicht aufgepasst.“

Alexandra sah ihn stirnrunzelnd an.

„Chris, wenn du dich aus irgendeinem Grund nicht konzentrieren kannst, dann ist es besser, wenn du für heute Schluss machst. Du bringst dich und deinen Partner in Gefahr, wenn du unaufmerksam bist“, sagte sie streng. „Ihr hört jetzt am Besten beide auf. Und du lässt dir die Hand morgen vielleicht lieber röntgen“, fügte sie an Marc gewandt hinzu.

„Aye, aye, Madam“, salutierte Marc mit seiner unverletzten Hand. Wenigstens er schien seinen Humor wieder gefunden zu haben.

Chris stand auf und half Marc, ebenfalls aufzustehen.

„Tut mir echt leid“, entschuldigte er sich nochmals.

„Hey, mach dir nichts draus, so was passiert schon mal“, entgegnete Marc und schlug ihm auf die Schulter. „Komm, lass uns verschwinden.“

***

„Sag mal, ist bei euch alles okay?“

Chris band sich gerade die Schnürsenkel und sah bei dieser Frage zu Marc hoch, der fertig angezogen vor ihm stand. Dessen grüne Augen hatten einen besorgten Ausdruck.

„Wie kommst du darauf?“ entgegnete Chris vorsichtig. War es so offensichtlich gewesen, dass Alexandra heute wütend auf ihn gewesen war?

„Ihr beide wart heut nicht so wie sonst“, stellte Marc fest.

Chris biss sich auf die Lippe. Er hatte eigentlich niemanden, mit dem er reden oder den er um Rat fragen konnte, was den Umgang mit Frauen im Allgemeinen und mit Alexandra im Besonderen anbelangte. Marc war ein paar Jahre älter und weiser als er, vielleicht konnte der ihm den einen oder anderen Tipp geben. Sonst gab es nur Jack, den er gut genug kannte, um mit ihm über so ein Thema zu reden. Der hatte im Moment jedoch andere Probleme und war vielleicht nicht ganz der richtige Gesprächspartner für so etwas…

„Wir haben uns vorhin gezofft,“ sagte er langsam. „Wegen einer Kleinigkeit eigentlich. Und ich war ein Idiot. Alex hat nun mal mehr Lebenserfahrung und weiß besser Bescheid als ich, was so läuft. Und das wollte ich mal wieder nicht wahrhaben,“ gab er zu.

Marc setzte sich neben ihn auf die Bank.

„Hm, kenne ich,“ nickte er.

Chris sah ihn überrascht an.

„Ist Anne auch älter als du? Hätte ich gar nicht gedacht.“

Der Dunkelhaarige begann zu lachen.

„Das war ein guter Witz,“ prustete er. „Anne ist fünf Jahre jünger als ich.“

„Aber wieso…“

Jetzt war Chris völlig verwirrt. Was hatte Marc mit seiner Bemerkung dann vorhin gemeint? Die Antwort darauf erhielt er postwendend.

„Du kannst es drehen und wenden wie du willst, Frauen sind immer reifer und vernünftiger als wir unterentwickelten, primitiven Männer. Egal, wie alt sie sind. Ich hab `ne elfjährige Nichte, die es manchmal schafft, mir das Gefühl zu geben, ich wäre ein unwissendes, naives Bürschchen. Nimm das mal zehn und du hast das Gefühl, das Anne mir vermitteln kann.“

Chris starrte nachdenklich vor sich hin. Das, was Marc da sagte, hatte was für sich. Er erinnerte sich daran, dass seine Mutter oft gesagt hatte, sie könne einfach nicht verstehen, wieso Männer nur solche Kindsköpfe wären. Das war damals natürlich immer auf seinen Vater gemünzt gewesen.

Plötzlich spürte er, wie Marc im den Arm um die Schultern legte und ihn leicht schüttelte.

„Hey, Kopf hoch. So schnell, wie sie hochgehen, so schnell kommen sie normalerweise auch wieder runter. Deine Alex hat euren Krach bestimmt schon wieder vergessen, nachdem sie heute `ne ganze Horde Kerle einschließlich dir selber hat bis zur Erschöpfung rumscheuchen dürfen.“

Diese Bemerkung zauberte nun endlich ein Lächeln auf Chris’ Lippen. Oh ja, er konnte sich durchaus vorstellen, dass Alexandra das einen Riesenspaß gemacht hatte, vor allem deshalb, weil heute zufälligerweise keine der Frauen dagewesen war.

Marc ließ ihn wieder los und stand auf. Chris wunderte sich flüchtig, dass er nicht einmal den leisesten Anflug von Panik verspürt hatte, als der andere Mann ihn angefasst hatte. Er hatte die Berührung unbewusst und ganz automatisch als das hingenommen, als was sie gemeint war, nämlich als freundschaftliche Geste eines „Leidensgenossen“.

Chris stand ebenfalls auf und griff nach seiner Tasche. Er wollte lieber nicht warten, bis Brandon zur Tür reinkommen und wieder einen seiner blöden Sprüche loslassen würde. Darauf konnte er heute dankend verzichten.

„Wie geht’s eigentlich deiner Hand?“ erkundigte er sich bei Marc.

Sein schlechtes Gewissen machte ihm schwer zu schaffen, nur wegen seiner dämlichen Unaufmerksamkeit hatte sich sein neuer Freund beinahe ernsthaft verletzt.

„Ach, mach dir keine Gedanken deswegen.“ Marc schüttelte beruhigend den Kopf.

„Ich bin vorhin mehr erschrocken als alles andere. Tut schon fast nicht mehr weh. Aber jetzt hab ich einen Grund, mich von Anne „verarzten“ und bemuttern zu lassen. Glaub mir, so was zieht immer,“ grinste er. „Vielleicht solltest du noch schnell ausrutschen und dir den Knöchel verstauchen, dann vergisst dein Mädchen bestimmt, dass sie sauer auf dich ist.“

Chris sah zu Boden. „Ja, vielleicht…“ murmelte er unbestimmt.

Marc hatte ja keine Ahnung. Er nahm ein geprelltes Handgelenk als Vorwand, um von seiner Freundin bemitleidet und umsorgt zu werden. Kein Verbrechen und für ihn vielleicht sogar ganz amüsant. Er hatte ja auch mit Sicherheit keinen Selbstmordversuch hinter sich, bei dem er fast gestorben wäre und nach dem ihn seine Freundin kaum mehr aus den Augen gelassen hatte. Was für Marc ein harmloser Witz war, war für Chris bitterer Ernst gewesen.

Von draußen ertönte Gelächter und Stimmengewirr, dann ging die Tür auf. Die anderen Kampfsportler kamen in die Umkleidekabine, einer der letzten war Brandon. Chris vermied es, ihn anzusehen und ging grußlos an ihm vorbei auf die Tür zu. Marc folgte ihm.

„Na, ein paar Wölkchen am Liebeshimmel?“

Chris brauchte sich nicht umzudrehen, um herauszufinden, wer ihn angesprochen hatte. Diese verhasste Stimme würde er unter Tausenden erkennen. Die Gespräche der Anderen waren verstummt.

„Mensch, Brandon, jetzt gib endlich mal Ruhe,“ sagte jemand. „Das ist langsam nicht mehr komisch.“

„Wer sagt denn, dass ich Witze mache,“ entgegnete Brandon.

Chris fühlte Marc’s Hand auf seinem Rücken.

„Komm, wir gehen. Hör nicht auf ihn,“ flüsterte ihm der Dunkelhaarige ins Ohr.
Chris atmete tief durch und nickte fast unmerklich. Nein, er würde sich von Brandon nicht zu einer Reaktion provozieren lassen.

„Weißt du, kein Wunder, dass das Mädel heut so mies drauf war. Ihr fehlt es wohl, dass sie mal von `nem echten Mann so richtig hart rangenommen wird.“

Vernunft hin oder her, Chris hatte genug. Er ließ seine Tasche fallen und drehte sich um. Brandon stand mit verschränkten Armen da und starrte ihn mit einem herablassenden Grinsen an.

„Lass die Finger von Alex und hör auf, so über sie zu reden,“ sagte Chris mit klarer, fester Stimme.

Der Blondschopf grinste und schüttelte den Kopf.

„Wer sagt denn, dass sie überhaupt will, dass ich meine Finger von ihr lasse?“ Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich genießerisch über die Lippen. „Kleiner, du hast doch gar keine Ahnung, was eine solche Frau braucht. Wenn ich mir ihr fertig bin, dann bist du Geschichte und mir frisst sie aus der Hand.“

Während Brandon gesprochen hatte, war es totenstill im Raum geworden. Die Blicke der anwesenden Männer wanderten in ungläubiger Spannung zwischen Chris und seinem Widersacher hin und her.

Kaum hatte Brandon ausgesprochen, als Chris sich schon mit einem wütenden Aufschrei auf ihn stürzte. Er kam jedoch nicht weit, Marc, der hinter ihm gestanden war, reagierte blitzschnell, packte ihn von hinten und hielt ihn fest.

„Lass mich los! Du verdammtes Drecksschwein!“ schrie Chris und wehrte sich mit aller Kraft gegen Marc’s Klammergriff.

Es war ihm völlig egal, dass er gegen Brandon vermutlich Null Chancen hatte, dieser Dreckskerl hatte ihn und vor allem Alexandra einmal zu oft beleidigt.

„Das reicht jetzt!“

Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war so von dem Schauspiel, das sich ihnen bot, gefesselt gewesen, dass sie die Person, die unbemerkt eingetreten war, gar nicht bemerkt hatten. Der Neuankömmling musterte die Szene, die sich im bot, mit zornig zusammengekniffenen Augen.


 

Teil 72

 

„Brandon, du bist raus“, sagte Patrick mit eiskalter Stimme. „Ein derartiges Verhalten dulde ich nicht in meinem Dojo Du kannst dich woanders aufführen wie du willst, aber nicht hier, haben wir uns verstanden? Das war dein letztes Training.“

Brandon trat eine Schritt vor. Ungläubiges Erstaunen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Hey Pat, dass war doch nicht ernst gemeint. Kann ich doch nichts dafür, wenn der Kleine gleich ausrastet“, versuchte er sich zu rechtfertigen.

Patrick winkte ungeduldig ab.

„Ich hab die Sache fast von Anfang an mitangehört. Du hast dich einmal zu oft im Ton und in deiner Wortwahl vergriffen. Du bist draußen!“

„Verdammt, du kannst uns doch nicht `ne scharfe Braut als Trainerin vor die Nase setzen und erwarten, dass uns dazu nichts einfällt. Wir sind auch nur Menschen“, sagte Brandon mit vor Wut bebender Stimme.

„Ich erwarte, dass man Sportkameraden gegenüber fair ist, egal ob es ein Mann oder eine Frau ist“, entgegnete Patrick. „Das gilt für alle hier.“

Er sah in die Runde, wo seinem Blick nur betretene Gesichter begegneten.

Nur Chris wusste nicht, ob er Marc, der ihn immer noch festhielt, dankbar sein sollte für sein Eingreifen, oder Patrick, dass er diesen Mistkerl endlich rausgeworfen hatte. Er hätte Brandon am liebsten selbst handgreiflich klar gemacht, dass er gefälligst seine Pfoten von Alexandra lassen und nie, nie wieder so über sie reden sollte.

Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf sagte ihm zwar, dass er gegen seinen größeren und stärkeren Widersacher nicht die geringste Chance gehabt hätte, doch vielleicht wäre es ihm ja doch gelungen, Brandon so weit zu überraschen, dass er wenigstens einen schmerzhaften Schlag hätte anbringen können.

„Hör mal, Pat…“ Brandon schien versuchen zu wollen, zu retten, was zu retten war, doch das plötzliche Auffliegen der Tür unterbrach ihn dabei.

„Lass ihn sofort los!“

***

Alexandra war froh gewesen, als sie das Training heute hatte beenden können. Die Auseinandersetzung mit Chris war ihr noch immer im Magen gelegen und sie hatte sich schon gefragt, ob sie das mit dem Aufwärmtraining heute nicht etwas übertrieben hatte.

Ihr hatte es zwar geholfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen, aber die anderen hatten ganz schön gekeucht und gestöhnt.

Chris war den ganzen Tag schon genervt gewesen, sie hätte, als er ihren Vorschlag abgelehnt hatte, die Sache einfach erstmal auf sich beruhen lassen, ihn sich im Training austoben lassen und dann später noch mal darauf zurückkommen sollen. Oder sie hätte einfach Sam bitten können, das Thema anzusprechen. Die Anwältin war eine neutrale Person, vielleicht hätte sie Chris davon überzeugen können, dass es besser war, wenn er „korrekt“ gekleidet im Zeugenstand erscheinen würde.

Mit ihrem Handtuch, Shampoo und Duschgel bewaffnet ging Alexandra in die Dusche.

Dieser Blonde, Brandon hieß er wohl, war ihr heute Abend massiv auf die Nerven gegangen. Es war ihr schwer gefallen, ihre Zunge im Zaum zu halten und ihm nicht eine gehörige Abfuhr zu verpassen. Nur Patrick zuliebe war sie ruhig geblieben.

In ihrer alten Kampfsportschule hatte sie solche Probleme nie gehabt, die Männer dort hatten sie weniger als Frau denn als ausgezeichnete Sportlerin wahrgenommen. Und wenn es doch einmal einer gewagt hatte, ihr gegenüber eine anzügliche Bemerkung zu machen, hatte ein Blick von ihr genügt, dass der Missetäter sich entschuldigt hatte.

Brandon jedoch schien gegen „sanfte“ Andeutungen, dass er sie gefälligst zufrieden lassen sollte, immun zu sein. Er war so von sich und seinem „männlichen Charme“ überzeugt, dass er sich anscheinend einfach nicht vorstellen konnte, dass eine Frau kein Interesse an ihm haben könnte. Alexandra hoffte nur, dass Chris noch nichts von Brandon’s Annäherungsversuchen mitbekommen hatte.

Aus dem Raum nebenan drangen Stimmen herüber, wegen des rauschenden Wassers konnte Alexandra jedoch nicht verstehen, worüber gesprochen wurde. Es verblüffte sie noch immer jedes Mal, dass Chris keine Schwierigkeiten in der Männerumkleidekabine zu haben schien, zumindest hatte sie nie etwas mitbekommen und er hatte auch nichts darüber gesagt. Natürlich war ihr aufgefallen, dass er immer der Erste war, der nach dem Training verschwand, während sich die anderen noch unterhielten und das eine oder andere ausprobierten.

Die Gemeinschaftsdusche hatte Alexandra einiges Kopfzerbrechen verursacht und sie hatte dies eigentlich als das größte Hindernis für Chris angesehen. Während des Trainings konnte er sicher sein, dass sie immer in der Nähe war, was ihm vermutlich ein gewisses Gefühl von Sicherheit verschaffte.

Doch im Umkleideraum war er auf sich allein gestellt. Dass er das wegsteckte, verlangte Alexandra Respekt ab, mehr als die Tatsache, dass er das Training so stur und ohne sich zu beklagen durchzog. Es gab ihr auch die Hoffnung, dass Chris einen großen Schritt der Besserung getan hatte.

Alexandra spülte die letzten Seifenreste weg und drehte das Wasser ab. Dann griff sie nach ihrem Handtuch um sich abzutrocknen. Laute Stimmen, die von nebenan herüber drangen, ließen sie innehalten und lauschen.

„Lass mich los! Du verdammtes Drecksschwein!“

Das war eindeutig Chris’ Stimme gewesen. Alexandra blieb beinahe das Herz stehen, bevor sie achtlos das Handtuch fallen ließ und nach draußen zu ihren Sachen rannte. Sie schlüpfte hastig in ihre Jeans und ihr T-Shirt. Was um alles in der Welt ging da drüben nur vor? Hatte Chris eine harmlose Geste falsch aufgefasst und war ausgeflippt? Hatte er eine Panikattacke? Oder…

Den Gedanken, dass er einen reellen Grund für diesen Aufschrei gehabt haben könnte, wagte Alexandra nicht zu Ende zu denken.

Mit klatschnassen Haaren und barfuss verließ sie hastig den Raum. Sie machte sich nicht die Mühe, anzuklopfen, bevor sie die Tür zur Männerumkleidekabine aufstieß.

Was sie dort sah, ließ sie erst einmal nach Luft schnappen, bevor sie einen empörten Schrei ausstieß.

„Lass ihn sofort los!“

Marc, der Chris von hinten festgehalten hatte, während alle anderen nur zusahen, trat schnell von Chris weg und starrte sie erschrocken an. Irgendwoher aus dem Hintergrund erklang ein überraschtes und ahnungsvolles „Oh-Oh!“

Alexandra ging drohend und mit geballten Fäusten auf Marc zu. Die restlichen Männer ignorierte sie vollkommen. Ein schneller Blick auf Chris hatte sie beruhigt, dass er soweit in Ordnung zu sein schien, nur etwas aufgeregt. Also konnte sie sich zuerst um den Kerl kümmern, der es gewagt hatte, ihren Freund anzufassen.

„Alex, warte.“

Chris hatte sie am Arm gepackt und sah sie beschwörend an.

„Es ist alles okay“, sagte er.

Alexandra betrachtete sein Gesicht genau. Seine Augen wirkten klar, es lauerte keine versteckte Panik darin und auch sonst deutete nichts darauf hin, warum er vorhin so geschrieen hatte. Aber einen Grund musste er gehabt haben, und der war irgendwo hier im Raum. Und wenn nicht Marc der eigentliche Schuldige war, wer dann?

Sie sah sich um. Die Männer mieden ihren Blick, bis auf Patrick, der mit verschränkten Armen dastand und sie fast schuldbewusst beobachtete.

„Was tust du denn heute hier?“ erkundigte sich Alexandra. Irgendwo musste sie ja anfangen mit ihrer Fragerei.

„Ich hatte was vergessen und wollte eigentlich nur wissen, wie es heute gelaufen ist“, antwortete Patrick.

Normalerweise hätte Alexandra ihn jetzt gefragt, ob er ihr etwa nachspionierte, doch im Moment war ihr etwas anderes wichtiger.

„Gut, dann kannst du mir ja sicher sagen, was vorhin hier los war. Warum hat Marc es für nötig befunden, Chris festzuhalten?“

Jetzt wich auch Patrick ihrem Blick aus.

Alexandra sah alle der Reihe nach an. Hier war wirklich etwas faul, und zwar gewaltig. Sie wandte sich wieder zu Chris.

„Also?“

Chris starrte sie einen Moment lang verzweifelt an, bevor seine Augen sich mit einem komisch-entsetzten Ausdruck darin weiteten.

„Alex, du…du solltest lieber gehen und…und dich fertig anziehen“, stammelte er.

Alexandra stutzte. Was sollte das denn jetzt wieder? Sie WAR angezogen, oder nicht? Doch dann sah sie vorsichtig an sich herunter und unterdrückte einen Fluch.

Sie hatte sich vorhin nicht die Mühe gemacht, ihren BH anzuziehen, sondern nur das dünne weiße T-Shirt übergezogen, das sie unter ihrem Pullover getragen hatte. Sie hatte sich auch nicht richtig abgetrocknet und ihre Haare waren klatschnass gewesen. Das Wasser darin war in ihr T-Shirt gesickert und das klebte nun an ihrem Oberkörper wie eine zweite Haut…

Alexandra atmete tief durch und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

Okay, Alex, strategischer Rückzug, sagte sie sich. Mit Chris scheint alles in Ordnung zu sein, was hier gelaufen ist, das kannst du nachher auch noch herausfinden.

Mit soviel Würde, wie sie in Anbetracht ihres dürftigen Bekleidungszustandes aufbringen konnte, trat sie einen Schritt zurück.

„Okay, ihr wollt mir also nichts sagen. Aber keine Sorge, ich krieg schon noch raus, was hier los war.“

Mit dieser Drohung drehte sie sich um und verließ die Umkleidekabine, nicht ohne die Tür hinter sich zu knallen zu lassen.

 

 

Teil 73

 


Chris zuckte zusammen, wie fast alle anderen auch. Keiner wagte, zu lachen oder eine dumme Bemerkung von sich zu geben, nicht einmal Brandon. Schließlich brach Patrick das Schweigen.

„Ich hoffe für dich, du bist weit, weit weg, wenn sie erfährt, was du da alles von dir gegeben hast“, sagt er zu Brandon.

„Mann, das ist doch völlig normal, dass man so über ne Braut redet“, brauste der auf.

Marc stupste Chris an.

„Komm, lass uns hier verschwinden“, flüsterte er.

Chris nickte. Ihm reichte es jetzt wirklich. Sollte Patrick sich doch noch weiter mit diesem Idioten herumschlagen.

Draußen lehnte Marc sich an die Wand und stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Oh Mann, also mit deiner Alex würde ich mich wirklich nicht gerne anlegen. Als sie da vorhin auf mich zukam, da dachte ich, jetzt schwalbt sie mir gleich eine…“

Chris schob die Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch. Oh ja, den Ausdruck in Alexandras Augen hatte man nur als mörderisch bezeichnen können. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, was sie mit Brandon machen würde, wenn sie herausfand, was tatsächlich der Grund für den ganzen Aufstand gewesen war. Chris glaubte zwar nicht, dass Alexandra den Mistkerl körperlich angreifen würde, doch ihre scharfe Zunge war mindestens genauso schlimm wie ein Satz Ohrfeigen, wenn nicht sogar schlimmer.

„Hm…“ brummte er nur als Antwort.

„Was willst du ihr nachher erzählen?“ erkundigte sich Marc neugierig.

„Keine Ahnung.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte nur, sie wird nicht locker lassen, bis sie alles weiß…“

„Dann sag’s ihr lieber erst, wenn ihr zu Hause seid. So wie ich sie einschätze, würde Brandon sonst das Dojo nicht mehr lebend verlassen…“ scherzte Marc.

Die Tür der Männerumkleidekabine ging auf und Patrick kam heraus. Sein Gesicht trug einen grimmigen Ausdruck.

„So ein verdammter Vollidiot“, fluchte er.

„Reg dich nicht auf, Pat, der Typ wird sich nie ändern. Ich kenn ihn noch von der Schule her, Frauen waren dem nur immer gut genug fürs Bett. Er hat nie verstanden, dass ich lieber was Festes wollte“, versuchte Marc ihn zu besänftigen.

„Darum geht es nicht“, erklärte Patrick ungeduldig. „Was er privat macht, das interessiert mich nicht. Aber hier, in meinem Dojo, hat er sich gefälligst zusammenzureißen. Ich dulde nicht, dass andere Mitglieder runtergemacht werden.“ Patrick sah von Marc zu Chris. „Das ist schon öfter passiert, nicht wahr?“ forschte er.

Weder Marc noch Chris antworteten. Das brauchten sie auch nicht, ihr Schweigen war Patrick Antwort genug.

„Jedenfalls hab ich ihm noch gehörig die Leviten gelesen, als ihr schon weg wart. Und heute war definitiv sein letzter Tag hier.“

„Wessen letzter Tag war heute?“ erklang Alexandras Stimme.

Die drei Männer erschraken, keiner von ihnen hatte das Öffnen der Tür gehört. Alexandra stand nun vollständig angezogen vor ihnen, die halbtrockenen Haare hatte sie zu ihrem üblichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre Tasche stand neben ihr und sie hatte die Hände kampflustig in die Hüften gestützt. Ihre Augen funkelten bedrohlich. Chris kam der flüchtige Gedanke, dass er ausgesprochen froh war, dass ihr Zorn nicht ihm gelten würde.

„Was ist los, Pat? Ist `ne Katze vorbeigekommen und hat deine Zunge gefressen als ich nicht hingesehen habe? Grad konntest du doch noch reden.“

Chris fragte sich, ob es eine Steigerung von froh gab. Wenn ja, dann war er das jetzt. Alexandra war in Hochform und er wollte im Moment nicht an Patricks Stelle sein.

„Hör mal, Alex, die Sache hat sich erledigt. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, so was wird nicht mehr vorkommen“, versuchte Patrick Alexandra zu besänftigen.

„Herzlichen Dank dafür, dass du dich so fürsorglich um das Problem gekümmert hast“, gab Alexandra zurück. „Nur weiß ich immer noch nicht, was das Problem eigentlich war. Könnte mich vielleicht endlich jemand darüber aufklären? Ich würde doch gern erfahren, wieso ich vorhin eigentlich praktisch halbnackt vor einer Horde von Kerlen rumgehüpft bin.“

Patrick atmete tief durch.

„Hör zu, Alex, es ist besser….“

„Wenn du mir jetzt so eine Scheiße erzählen willst, von wegen, es wäre besser ich wüsste nicht, was da drin abgegangen ist, dann erwürge ich dich…“ drohte Alexandra mit frostiger Stimme. „Und jetzt spuck’s endlich aus und lass dir die Würmer nicht einzeln aus der Nase ziehen!“

Patrick kapitulierte und hob ergeben die Hände.

„Also gut, also gut“, seufzte er. „Einer von den Jungs hat ein paar ziemlich blöde Bemerkungen über dich abgelassen und Chris wollte deswegen auf ihn losgehen. Das war der Grund, warum Marc ihn festgehalten hat. Ich hab den Kerl rausgeworfen, also ist die Sache damit erledigt.“

Chris atmete auf. Das war eine knappe, fast wahrheitsgetreue Zusammenfassung der Ereignisse. Allerdings würde ihn das nicht davor bewahren, dass Alexandra ihn noch deswegen „grillen“ würde, wenn sie erst zu Hause waren. Aber wenigstens hatte Patrick ihr nicht gesagt, wer der Schuldige gewesen war. Im Moment traute er Alexandra alles zu, auch dass sie in die Männerumkleidekabine stürmen und Brandon vor versammelter Mannschaft zur Sau machen würde.

„Wer war es?“

Chris schloss die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Oh nein, Pat, sag es ihr bitte nicht, flehte er innerlich. Eine Vision von Alexandra, wie sie in der Dusche eine nackten Brandon verbal in der Luft zerfetzte, umgeben von einem Dutzend ebenso nackter Männer, stieg vor seinem inneren Auge auf und ließ ihn schaudern.

„Es war Brandon, nicht wahr?“

Chris hielt die Luft an. Direkt anlügen würde Patrick Alexandra vermutlich nicht, und wenn er jetzt verneinte, dann wäre es eine faustdicke Lüge.

Patrick ließ sich Zeit mit der Antwort, doch dann gab er auf.

„Ja, es war Brandon“, bestätigte er resigniert. „Aber lass die Angelegenheit bitte ruhen, ich hab ihm vorhin die Meinung gesagt und ihn rausgeschmissen. Es wird also nicht wieder passieren.“

Zu Chris’ Überraschung nickte Alexandra nur.

„Wundert mich eigentlich nicht, der Kerl hat mich die ganze Zeit schon angebaggert. Er hat’s nur immer während des Trainings getan, und da wollte ich keinen Aufstand machen.“

Sie wandte sich zu Chris.

„Deswegen bist du also wütend geworden? Weil er etwas über mich gesagt hat?“

Ihre Stimme klang sanft, die Aggressivität war völlig daraus verschwunden.

Chris schluckte. Mit etwas Glück würde sie nie erfahren, was genau Brandon eigentlich gesagt hatte. Er jedenfalls würde sich darüber ausschweigen.

„Ja“, flüsterte er nur.

Alexandra streckte ihre Hand aus und fuhr ihm sacht mit dem Zeigefinger über die Wange.

„Dann muss ich mich wohl bedanken“, lächelte sie.

Marc, der die ganze Zeit als stiller Beobachter neben Chris gestanden war, räusperte sich verlegen.

„Hey, Leute, was haltet ihr davon, wenn wir von hier abhauen? Ihr wollt doch Bran sicher nicht noch über den Weg laufen, oder?“

***

Chris lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Bett und starrte an die Decke. Alexandra war im Bad und putzte sich die Zähne.

Zu seiner grenzenlosen Verwunderung hatte sie den Vorfall in der Umkleidekabine auf sich beruhen lassen und ihn nicht weiter danach gefragt, was genau Brandon denn nun gesagt hatte. Sie hatte sich einfach mit Patricks Erklärung zufrieden gegeben und war Marcs Vorschlag, zu gehen, ohne Protest nachgekommen. Chris hatte eher erwartet, dass sie warten würde, bis Brandon erscheinen würde, um ihm selbst auch noch die Meinung zu sagen.

Als sie nach Hause gekommen waren, hatten sie erst noch die Schweinerei beseitigen müssen, die Charlie in der Küche mit einem Packen Altpapier veranstaltet hatte, das Chris vergessen hatte, nach draußen in die Garage zu bringen. Chris hatte an seinen Schwur von heute Mittag gedacht und kein Wort darüber verloren, während Alexandra geschimpft hatte wie ein Rohrspatz.

Dann waren sie nach oben gegangen und hatten noch ein wenig ferngesehen.

Und nun lag Chris im Bett und dachte über einige der gehässigen Bemerkungen nach, die Brandon ihm gegenüber in den vergangenen Wochen gemacht hatte.

Brandon hatte ihm, völlig unbewusst, klar gemacht, was für ein dummer, unerfahrener Junge er doch eigentlich noch war. Außer diesem einen Mal mit Alexandra hatte er keinerlei sexuelle Erfahrungen, er hatte keine Ahnung, was einer Frau im Bett gefiel und was nicht. Natürlich wusste er, theoretisch und dank Alexandra auch praktisch, wie die Sache rein technisch ablief, aber was einen Mann „gut im Bett“ machte, davon hatte er keine Ahnung. Dazu kamen dann noch seine Hemmungen, mit Alexandra zu schlafen und in jeder Beziehung mit ihr zusammen zu sein.

Es war nicht so, dass er in letzter Zeit nicht immer öfter daran dachte, wie es wäre, wenn er mit ihr endlich diesen letzten Schritt tun würde. Er war jung und Doktor Winslow hatte ihm geholfen, vieles in einem anderen Licht zu sehen. Aber er hatte einfach Angst.

Angst, im entscheidenden Moment zu versagen, Angst, dass Alexandra ihn mit ihren früheren Freunden vergleichen und feststellen würde, dass er ein grottenschlechter Liebhaber war. Und das Schlimme dabei war, dass Chris keine Ahnung hatte, wie er etwas daran ändern konnte. Wen sollte er denn danach fragen, wie man eine Frau im Bett zufrieden stellte?

Mary Jo schied von vornherein aus, die würde vermutlich eine Herzinfarkt bekommen, Mike kannte er nicht gut genug, vor Marc wollte er nicht zugeben, dass zwischen ihm und Alexandra in Sachen Sex nicht viel lief, Jack und Ian waren ebenfalls ungeeignete Kandidaten, und Julie…Julie war zuzutrauen, dass sie ihm praktische Nachhilfe anbot, so wie er sie kannte.

Oder sie würde so ausführlich werden, dass er vor lauter Verlegenheit und Scham im Boden versinken und nichts davon mitbekommen würde. Außerdem hatte sie mit ihren freizügigen Beschreibungen ihrer Bettgeschichten einen nicht geringen Beitrag zu seiner Verunsicherung geleistet. So sehr sie von einem Mann schwärmen konnte, so vernichtend konnte sie mit ihrem Urteil über ihn auch sein. Chris hatte mehr als einmal Bemerkungen wie „lausiger Liebhaber“ und „Niete im Bett“ gehört.

Natürlich hatte sie das nie ihm selbst erzählt, er war nur leider manchmal in Hörweite gewesen, wenn sie mit Alexandra über ihre neuesten Liebschaften gesprochen hatte.

Chris wusste, dass er derjenige würde sein müssen, der den ersten Schritt tat. Alexandra hatte ihm versprochen, dass sie ihn zu nichts drängen würde.

Doch wie lange noch würde sie geduldig warten, bis er endlich zu mehr als nur Kuscheln bereit war? Er war es ja eigentlich, nur seine Unerfahrenheit ließ ihn immer wieder davor zurückschrecken. Damals, als er mit Alexandra das erste Mal geschlafen hatte, da hatte er überhaupt nicht nachgedacht. Weder über seine Vergangenheit, noch darüber, ob er alles richtig machen würde. Er hatte sich einfach von der Stimmung des Augenblicks mitreißen lassen.

Er wollte das wieder spüren, diese Nähe und Vertrautheit, das Gefühl, vollkommen zu sein. An nichts anderes denken, als an die Frau in seinen Armen. Seine Vergangenheit vergessen und nur für diesen einen Moment leben.

Chris blinzelte. Eine einzelne Träne löste sich aus seinen Augen und er wischte sie schnell weg.

Er musste einfach mit irgendjemandem über sein Dilemma reden. Nur mit wem?


 

Teil 74

 

Alexandra winkte Chris zum Abschied zu, bevor sie den Wagen startete und losfuhr. Sie hatte ihn bei Doktor Winslow abgesetzt und wollte in der Zwischenzeit bei Jack und Ian vorbeischauen, ob bei ihnen alles in Ordnung war und Jack noch ein wenig moralische Unterstützung liefern.

Übermorgen war endlich der Tag der Verhandlung. Laut Sam waren keine weitere n Zeugen aufgetaucht, die Jack in irgendeiner Weise würden belasten können, also sah die ganze Sache noch immer recht positiv für ihn aus.

Demzufolge war Alexandras größte Sorge im Moment Chris, und wie er das alles verkraften würde. Sie fragte sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, dass Sam ihn als Zeugen der Verteidigung benannt hatte. Der Staatsanwalt würde sich auf die kleinste Unsicherheit stürzen und versuchen, Chris in die Enge zu treiben, damit er ihn von einem Zeugen der Verteidigung in einen Zeugen der Anklage verwandeln konnte.

Alexandra hatte gemerkt, dass Chris’ Nervosität und Anspannung mit jedem Tag wuchs, der verging. Darum hatte sie auch darauf verzichtet, ihn wegen der Sache am Montag noch weiter auszufragen. Sie hatte den Verdacht, dass es nicht nur darum gegangen war, dass Brandon dumme Bemerkungen über sie selbst gemacht hatte, sondern dass er auch versucht hatte, Chris zu verunsichern, was ihre Beziehung anbelangte.

Heute Mittag, als Chris kurz außer Haus gewesen war, um etwas zu besorgen, hatte sie deshalb Marc angerufen, dessen Nummer sie sich zuvor von Patrick hatte geben lassen. Marc hatte schließlich zugegeben, dass sie mit ihrer Vermutung Recht hatte. Er hatte nicht mit der Sprache herausrücken wollen, was genau Brandon zu Chris gesagt hatte, doch Alexandra konnte es sich nach der Bestätigung auch so denken. Der Altersunterschied zwischen ihnen ließ sich nun einmal nicht wegleugnen und Chris sah zudem noch jünger aus, als er tatsächlich war. Brandon hatte sich vermutlich darüber lustig gemacht und Chris deswegen gehänselt.

Sie hatte sich bei Marc bedankt und sich noch dafür entschuldigt, dass sie am Montag beinahe auf ihn losgegangen wäre. Marc hatte ihr daraufhin nur erklärt, dass das schon okay wäre, er wäre ihr nicht böse. Er hatte ihr zudem versichert, dass Brandon der einzige gewesen war, der irgendwelchen Unsinn über sie geredet hatte und sie gebeten, deswegen bloß nicht mit dem Gedanken zu spielen, den Trainerposten hinzuschmeißen.

Auf die Idee war Alexandra noch gar nicht gekommen. Sie hatte bestimmt nicht vor, sich von einem einzigen Idioten den Spaß vermiesen zu lassen.

Nachdem sie eine halbe Stunde mit Jack verbracht und ihm Mut gemacht hatte, verabschiedete sie sich wieder, um Chris abzuholen. Sie hoffte, dass die Psychologin ihm hatte helfen können, seine Sorgen wegen der Verhandlung in den Griff zu bekommen.

***

„Sie haben also Angst, dass die Fragen des Staatsanwaltes Sie so sehr verunsichern könnten, dass Sie mit Ihrem Verhalten vor Gericht Jack Sanders schaden könnten?“ brachte Doktor Winslow das, was Chris ihr die vergangene halbe Stunde zu erklären versucht hatte, auf den Punkt.

Chris nickte beklommen. Er saß wieder einmal in einem der knautschigen Sessel in Doktor Winslows Behandlungszimmer und gab sich alle Mühe, seine Gefühle verständlich darzulegen.

„Ja…Sam…Jacks Anwältin, meine ich, ist mit mir das Ganze durchgegangen. Es war schon übel, die Fragen von ihr allein in ihrem Büro gestellt zu bekommen…“ Er schlang die Arme um sich, als würde er frieren. „Wenn ich mir vorstelle, dass der Staatsanwalt mich das alles im Gericht fragt, vor all den Leuten…“

Chris war froh, dass er seine Ängste hatte vor der Psychologin ausbreiten können. Mit Alexandra hatte er darüber nicht sprechen wollen, sie hätte sich nur wieder riesige Sorgen gemacht und ihn damit nur noch mehr verrückt gemacht. Doktor Winslow war neutral und konnte ihm vielleicht einen Rat geben, wie er mit seiner Angst umgehen sollte.

Die Psychologin klopfte nachdenklich mit ihrem Stift auf den Block, den sie auf ihren übereinander geschlagenen Beinen balancierte.

„Sie wollen Mr. Sanders doch helfen, nicht wahr?“ fragte sie.

„Ja, sicher. Ich fürchte nur, dass ich die ganze Sache für ihn noch schlimmer machen könnte…“

Doktor Winslow schüttelte den Kopf.

„Das werden Sie nicht, Chris“, behauptete sie.

Chris schluckte. Das sagte sie so einfach. Sie würde übermorgen ja nicht im Gerichtssaal vor fremden Leuten sitzen und ihre Aussage gegen einen Staatsanwalt verteidigen müssen, der beweisen wollte, dass sie log.

„Woher wollen Sie das wissen?“ flüsterte er.

„Weil Sie einer der stärksten Menschen sind, denen ich während meiner Tätigkeit begegnet bin“, antwortete Doktor Winslow.

Chris starrte sie überrascht an. Das meinte sie doch wohl nicht ernst. Er hatte versucht, sich umzubringen. Und hatte sie etwa schon vergessen, dass er sich bis vor ein paar Wochen hier in diesem Raum manchmal die Seele aus dem Leib geheult hatte?

Doktor Winslow lächelte.

„Ja, Sie haben sich nicht verhört. Chris, um so weit zu kommen wie Sie, brauchen manche meiner Patienten, die teilweise weniger traumatische Erlebnisse hinter sich haben, ein halbes oder vielleicht sogar ein ganzes Jahr. Oder noch länger. Sie haben dreieinhalb Jahre in einer Hölle gelebt und sind nach etwas mehr als zwei Monaten Therapie fast soweit, dass Sie meine Hilfe in absehbarer Zeit nicht mehr benötigen werden, zumindest nicht mehr so oft.“

„Ist…ist das Ihr Ernst?“ fragte Chris. „Sie meinen, ich brauche bald nicht mehr zu Ihnen zu kommen?“

Er wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte oder nicht. Diese Stunden bei Doktor Winslow hatten sich von einem Ärgernis, das er nur wegen Jacks Drohung auf sich genommen hatte, schnell zu einer Art Institution für ihn entwickelt. Er hatte mit der Psychologin über alles reden können, auch über Dinge, über die er nie im Leben mit Alexandra gesprochen hätte. Doktor Winslow hatte ihn nie für seine Ansichten oder Gefühle verurteilt, im Gegenteil, sie hatte ihm zu erklären versucht, warum er so dachte und so fühlte und ihm geholfen, sich selbst besser zu verstehen.

„Ja, so ist es“, bestätigte Doktor Winslow. „Nächste Woche unterhalten wir uns darüber, ob wir die Stundenzahl nicht auf eine Stunde pro Woche reduzieren können. Aber zuerst einmal bringen Sie diese verflixte Gerichtsverhandlung hinter sich, dann sehen wir weiter. In Ordnung?“

„Okay“, entgegnete Chris und fragte sich, was Alexandra wohl zu dieser Neuigkeit sagen würde. Sie würde ohne Zweifel außer sich vor Freude sein.

Der Gedanke an Alexandra brachte ihn auf ein anderes Problem. Er hatte lange hin und her überlegt, ob er tatsächlich mit Doktor Winslow darüber sprechen sollte, doch es war ihm keine andere Lösung eingefallen. Nur, wie sollte er das Gespräch auf dieses Thema lenken? Er konnte schlecht mit der Tür ins Haus fallen.

Nervös rutschte Chris in seinem Sessel hin und her und zupfte an seiner Hose herum. Doktor Winslow schien zu merken, dass ihn etwas belastete, er aber nicht genau wusste, wie er es zur Sprache bringen sollte.

„Chris, ist da noch etwas, über das Sie mit mir reden wollen?“ erkundigte sie sich behutsam.

Chris nahm seinen ganzen Mut zusammen.

„Ja…da gibt es etwas…ich weiß nur nicht, wie ich es sagen soll…“, druckste er herum.

Verdammt, in seinem Kopf hatte sich das Ganze so einfach angehört. Jetzt, unter den gütigen Augen von Doktor Winslow, einer Frau, die mehr als alt genug war, um seine Mutter zu sein, wollten ihm die passenden Worte einfach nicht einfallen.
Doktor Winslow legte den Block zur Seite und beugte sich vor.

„Chris, überlegen Sie nicht lange herum. Stellen Sie mir einfach die Frage“, ermutigte sie ihn.

Chris kaute ein paar Sekunden lang auf seiner Unterlippe herum und überlegte. Wie er es drehte und wendete, es gab keinen indirekten Weg, diese Frage zu formulieren.

„Können Sie mir vielleicht sagen, was einer Frau im Bett so gefällt?“ platzte er schließlich heraus. „Ich meine, Sie sind doch auch eine und…und müssen das doch wissen, oder?“ Unsicher sah er die Psychologin an.

Okay, der direkte Weg war vielleicht doch nicht gerade der ideale gewesen. Doktor Winslow schnappte erst einmal nach Luft, bevor sie sich kerzengerade in ihrem Sessel aufsetzte.

„Nun…ich muss sagen…diese Frage überrascht mich nun doch etwas. Wie um alles in der Welt kommen Sie darauf?“ erkundigte sie sich und starrte Chris verblüfft an.

Chris spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Musste er ihr das jetzt wirklich erklären? Konnte sie ihm denn nicht einfach sagen, was er wissen wollte?

„Na ja…ich…wissen Sie, Alex und ich, wir…ich konnte nicht…“

Hilflos stammelnd brach Chris seinen Erklärungsversuch ab. Es war wohl doch keine so gute Idee gewesen, Doktor Winslow um Rat zu fragen.

„Sie meinen, Sie und Alexandra haben keine…intime Beziehung?“

Stumm schüttelte Chris den Kopf.

„Aber Sie beide sind zusammen? Und jetzt würden Sie gern mit Alexandra schlafen und wissen aber nicht, wie Sie es anfangen sollen? Aber wenn ich es recht verstanden habe, dann waren Sie doch schon zusammen, in der Nacht, bevor Sie versucht haben, sich umzubringen. Und seitdem nicht mehr?“

Chris schüttelte wieder den Kopf. Er hätte es wissen müssen. Frag nie einen Seelenklempner um einen einfachen Rat, er nimmt dein ganzes Innerstes und zerlegt es in seine Einzelteile.

Doktor Winslow lehnte sich zurück und legte nachdenklich ihren Zeigefinger ans Kinn, während sie Chris mit gerunzelter Stirn betrachtete.

„Wieso nicht?“

Chris schreckte auf.

„Wieso was nicht?“

„Wieso haben Sie danach nicht mehr mit Alexandra geschlafen? Ich hatte die ganze Zeit über den Eindruck, dass Sie beide ein Paar sind.“

Chris hätte am liebsten die Zeit um zwei Minuten zurückgedreht, damit er die Frage zurücknehmen konnte. Er hatte Doktor Winslow erzählt, dass er bei Alexandra schlief, dass sie ihn aus seinen Alpträumen weckte und die Psychologin hatte die eigentlich logische Schlussfolgerung gezogen, dass sie auch eine sexuelle Beziehung miteinander hatten. Sie hatte ihn aber nie direkt danach gefragt und Chris hatte nie etwas darüber gesagt, da er einfach nicht darüber hatte reden wollen.

Er senkte den Kopf und starrte auf seine Knie.

„Ich...ich konnte irgendwie nicht. Ich musste erst mit mir selber klar kommen, bevor…Und jetzt…“

„Und jetzt würden Sie gerne mit Alexandra schlafen, haben aber Angst, sie auf irgendeine Art und Weise zu enttäuschen?“ formulierte Doktor Winslow die Frage, die sie bereits gestellt hatte, ein wenig um – und traf damit genau ins Schwarze.

Chris nickte bedrückt.

„Ja…Sie hatte doch schon Freunde vor mir…und Alex ist…sie ist die erste Frau, mit der ich zusammen war. Ich hab doch eigentlich keine Ahnung…“, würgte er hervor.

Mein Gott, war das peinlich. Wie hatte er nur auf diese irrwitzige Idee kommen können, Doktor Winslow in dieser delikaten Angelegenheit um Rat zu bitten? Da hätte er ja wirklich noch lieber Julie gefragt. Die hätte ihn wahrscheinlich angegrinst und sich dann begeistert in die Aufgabe gestürzt, wenigstens theoretisch den perfekten Liebhaber aus ihm zu machen. In eine schlimmere Verlegenheit hätte sie ihn auch nicht bringen können.

Chris Wangen schienen in Flammen zu stehen. Ihm fiel wieder ein, wie seine Mutter sich eines Tages nach dem Mittagessen zu ihm an den Tisch gesetzt hatte und ihn ernst angesehen hatte. Damals war er etwa vierzehn gewesen und hatte angefangen, sich ernsthafter für Mädchen zu interessieren. Das musste seiner Mutter auch aufgefallen sein, denn sie hatte ihm einen kleinen Vortrag darüber gehalten, worauf er achten und was er mit einem Mädchen nicht tun sollte, zumindest nicht ohne die geeigneten „Vorsichtsmaßnahmen“.

Chris wäre damals am liebsten unter den Tisch gerutscht und nie, nie wieder darunter hervorgekommen, so sehr hatte er sich geschämt, mit seiner Mutter über so ein Thema reden zu müssen. Als sie dann auch noch aufgestanden war, ein kleines Päckchen aus einer Küchenschublade geholt und vor ihn auf den Tisch gelegt hatte, das sich bei näherem Hinsehen als eine Packung Kondome herausgestellt hatte, da hatte es Chris vollends die Sprache verschlagen. Was dachte seine Mutter denn von ihm?

Gott-sei-Dank hatte sie dann wenigstens darauf verzichtet, ihm noch den Gebrauch dieser Dinger zu erklären, was er ihr inzwischen auch noch zugetraut hätte. Das hatte am Abend dann sein Vater übernommen, was Chris etwas weniger peinlich gewesen war. Ihm hatte er sogar gewagt, ein paar Fragen zu stellen, die sein Vater ziemlich freimütig und offen beantwortet hatte.

Nur hatte Chris damals in seiner jugendlichen Unschuld nicht die richtigen Fragen gestellt, sonst säße er jetzt nicht hier und würde sich nicht unter dem forschenden Blick seiner Psychologin vor Verlegenheit in seinem Sessel winden.

Doktor Winslow seufzte.

„Chris, Alexandra weiß doch, dass Sie keine…Erfahrungen haben, außer mit ihr, nicht wahr?“

Chris beschränkte sich darauf, die Frage mit einem Nicken zu beantworten. Im Moment hätte er sowieso kein Wort herausgebracht.

Dann begreife ich, ehrlich gesagt, nicht, wo Ihr Problem eigentlich liegt. Wieso reden Sie denn nicht mit Alexandra darüber? Sie würde Sie doch sicher verstehen, oder etwa nicht?“

Chris sah erst Doktor Winslow an, dann starrte er auf den Boden. Irgendwo hatte die Frau ja Recht. Vielleicht sollte er wirklich versuchen, sich mit Alexandra darüber zu unterhalten. Nur würde er ihr damit wieder beweisen, wie jung und dumm er doch war. Und genau das hatte er mit seiner Forschungsaktion vermeiden wollen.

„Chris, wenn zwei Menschen sich aufrichtig lieben, wie das bei Ihnen beiden ja anscheinend der Fall ist, dann kommt es nicht darauf an, dass man beim Sex irgendwelche besonderen „Techniken“ beherrscht. Man lässt sich Zeit, entdeckt gemeinsam, was einem selbst und dem Anderen gefällt und was nicht. Denken Sie nicht auch, dass das viel…sagen wir mal, erfüllender ist, als wenn Sie sich von irgendwoher irgendwelche zweifelhaften Sextipps holen, die sowieso nicht auf alle Frauen zutreffen?“

„Ja“, flüsterte Chris nach ungefähr einer Minute. „Was Sie da sagen, stimmt schon, nur…“

Er schloss die Augen und rieb sich über die Stirn. Nein, eigentlich gab es gar kein „nur“. Er hatte sich von Brandons dummen Bemerkungen und seiner eigenen Unsicherheit verrückt machen lassen.

„Was nur?“ erkundigte sich Doktor Winslow.

Chris sah auf. Er hatte zwar keine Antwort auf seine Frage bekommen, doch die Psychologin hatte ihm bewusst gemacht, dass er sich da einmal mehr in etwas verrannt hatte. Alexandra hatte ihm oft genug zu verstehen gegeben, dass sie ihn so liebte, wie er war. Und dazu gehörte wohl auch seine Unerfahrenheit in sexuellen Dingen.

„Nichts. Ich glaub, ich hab verstanden, was Sie meinen“, erklärte er und grinste verlegen. „Tut mir leid, dass ich Sie vorhin so…so überfahren habe.“

Doktor Winslow lächelte amüsiert.

„Nun…Sie waren jedenfalls der erste Patient, der mir so eine Frage gestellt hat. Eigentlich dachte ich, mich könnte so schnell nichts mehr überraschen“, teilte sie ihm mit. Dann sah sie auf ihre Uhr. „Ich schätze, das wär’s mal wieder für heute. Außer…Sie hätten noch etwas auf dem Herzen?“

Chris stand auf, um sich zu verabschieden.

„Nein, sonst…sonst ist eigentlich alles okay. Vielen Dank, Doktor Winslow, Sie haben da einiges in meinem Kopf wieder gerade gerückt…“

Die Psychologin stand ebenfalls auf und trat vor Chris hin, um ihm die Hände auf die Schultern zu legen.

„Machen Sie sich nicht so viele Sorgen wegen dieser Verhandlung am Freitag“, sagte sie ernst. „Sie schaffen das. Und das andere…das schaffen Sie auch.“

 

Teil 75

 

 „Okay, so geht’s.“

Zufrieden zupfte Alexandra an Chris’ Hemdkragen herum und trat dann einen Schritt zurück, um ihn noch einmal von oben bis unten zu mustern.

Sie waren tatsächlich einkaufen gegangen, nur hatten sie einen Kompromiss geschlossen. In das Ergebnis dieses Kompromisses war Chris nun gekleidet.

Er trug eine neue schwarze Lederjacke, ein dunkelgrünes Hemd, dazu eine Jeans und neue schwarze Stiefel, zu deren Kauf Alexandra ihn allerdings händeringend hatte überreden müssen. Zum Schluss hatte er nachgegeben, weil er doch eingesehen hatte, dass seine alten, abgewetzten Turnschuhe nicht ganz zu diesem Outfit gepasst hätten.

„Meinst du?“ fragte Chris und fuhr sich unsicher durch die Haare, die heute ausnahmsweise einmal züchtig gefönt und gekämmt waren. Er bot einen völlig ungewohnten Anblick in diesen Sachen und mit dieser Frisur, doch er sah auch darin zum Anbeißen aus.

„Mhm, meine ich“, bestätigte Alexandra und warf selbst noch einen kurzen Blick in den großen Schlafzimmerspiegel. Sie hatte sich heute für einen dunkelgrauen Hosenanzug mit einer weißen Bluse entschieden und ihre Haare hochgesteckt.

Eigentlich waren sie doch ein hübsches Paar, fand Alexandra, als sie sich und Chris im Spiegel so nebeneinander stehen sah. Chris war nur etwas größer als sie und er hatte ein klein wenig zugenommen, was ihm nicht schlecht stand.

„Gehen wir dann?“ fragte Chris leise.

Alexandra drehte sich zu ihm um und legte ihm die Arme um den Nacken.

„Du schaffst das heute“, sagte sie beschwörend. „Und wenn dich irgendjemand dumm von der Seite anredet, dann bin ich da, okay?“

Chris nickte zwar, doch sie spürte, wie angespannt er war.

Julie kam und übernahm die Aufgabe, auf Charlie heute aufzupassen, da sie nicht wussten, wann sie zurückkommen würden. Zwei oder drei Stunden konnte man den Hund inzwischen alleine lassen, doch Alexandra mochte sich nicht vorstellen, wie ihr Haus aussehen würde, wenn Charlie sich wirklich einmal langweilte.

Das Gerichtsgebäude befand sich im Civic Center, dem Verwaltungsviertel San Francicsos. Es war ein großes, altes Gebäude aus grauem Sandstein, das zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts gebaut worden war und schon mehrere Erdbeben relativ unbeschädigt überstanden hatte.

Alexandra spürte, wie Chris’ Griff um ihre Hand fester wurde, als sie mit ihm die Stufen zum Eingang hinaufstieg. Im Foyer befand sich eine große Anzeigetafel, auf der die Verhandlungen des heutigen Tages aushingen. Alexandra zog Chris mit sich, um herauszufinden, wo sie denn überhaupt hin mussten.

„Owen Wilkes…Stella Grey…der Staat von Kalifornien…“ murmelte Alexandra vor sich hin, als sie die Zettel studierte. „Ha, da ist es. Gerichtssaal 5 im zweiten Stock. Fahrstuhl oder Treppe?“ fragte sie Chris, obwohl sie sich die Antwort fast denken konnte.

„Treppe“, entgegnete er bedrückt. „Du kannst aber gern…“

„Quatsch. Komm mit.“

Ihre Schritte, als sie die breite, ausgetretene Steintreppe hinaufstiegen, hallten seltsam wider. Alexandra fragte sich unwillkürlich, warum in solchen Gebäuden immer eine Atmosphäre herrschte wie in einer Kirche. Man wagte nicht, ein lautes Wort zu äußern, als liefe man damit Gefahr, die Würde des Hauses zu stören.

Im zweiten Stock angekommen sah Alexandra sich suchend um. Links oder rechts? An der Wand entdeckte sie glücklicherweise ein Hinweisschild, aus dem sie entnehmen konnte, wie sie auf kürzestem Weg zu dem Gerichtssaal kommen würden, in dem Jacks Verhandlung stattfinden würde.

Chris sah aus, als würde er am liebsten kehrtmachen. Ermutigend drückte Alexandra seine Hand.

„Hey, das wird schon“, tröstete sie. „Du sitzt doch nicht auf der Anklagebank.“

„Ich weiß…“ flüsterte Chris unglücklich. „Aber trotzdem wünsche ich mich gerade ganz weit weg…“

Alexandra drehte sich zu ihm und nahm sein Gesicht in beide Hände. Nach seinem Termin bei Doktor Winslow war er relativ ausgeglichen gewesen, eine Stimmung, die noch den ganzen gestrigen Tag angehalten hatte. Erst heute Morgen war er wieder unruhig und zappelig geworden.

„Chris, niemand kann dir etwas vorwerfen. Du gehst da rein, machst deine Aussage, beantwortest die Fragen, die man dir stellt und das war’s. Lass das nicht so nah an dich heran“, sagte sie eindringlich. „Niemand da drin kann dir etwas tun.“

Große braune Augen sahen sie einen Moment lang verzweifelt an. Dann nickte Chris.

„Okay“, erwiderte er tapfer.

Alexandra gab ihm einen schnellen Kuss auf den Mund, bevor sie sein Gesicht wieder losließ und seine Hand ergriff.

„Also dann…auf in den Kampf“, verkündete sie entschlossen.

***

Leicht genervt sah Alexandra auf ihre Uhr. Die Verhandlung lief nun schon seit einer Stunde, der Staatsanwalt befragte gerade Jacks Nachbarin, eine etwa siebzigjährige Frau, der man die Tratschtante schon an der Nasenspitze ansah. Sie hatte gleich zu Anfang ihrer Empörung Luft gemacht, dass sie jahrelang mit „so einem“ Tür an Tür gewohnt hatte. Dabei hatte sie Jack einen verächtlichen Blick zugeworfen.

„Mrs. Brittle, Sie haben also einen Streit in Mr. Sanders’ Wohnung gehört. Konnten Sie verstehen, worum es dabei ging?“ fragte der Staatsanwalt, ein großer, hagerer, streng aussehender Mann in den Fünfzigern.

„Nein, Sir, leider nicht“, entgegnete die alte Frau bedauernd. „Sehen Sie, dieser Rabauke, der unter mir wohnt, hatte diesen Lärm, den er wohl als Musik bezeichnet, wieder so laut, dass ich nicht einmal vom Badezimmer aus etwas genaues hören konnte.“ Sie beugte sich vor. „Wissen Sie, von da aus hört man am besten, was nebenan gesprochen wird“, sagte sie vertraulich.

Der Staatsanwalt, Snyder war sein Name, wie Alexandra sich erinnerte, lächelte dünn.

„Und was passierte dann weiter?“

„Dann ging nebenan die Tür auf, die auf den Hausflur. Und da hat der Junge“, sie deutete auf Stephen Allington, der korrekt gekleidet in einem grauen Anzug neben seinem Anwalt saß, „da hat der Junge geschrieen, dass Mr. Sanders das noch bereuen würde.“

„Woher wissen Sie so genau, dass diese Person, die da geschrieen hat, auch Mr. Allington war?“

„Na, weil ich die Tür einen Spalt aufgemacht habe. Und da hab ich ihn ganz deutlich erkannt“, erklärte Mrs. Brittle, fast entrüstet über die Frage des Staatsanwaltes.

„Sehr gut.“ Staatsanwalt Snyder nickte zufrieden. „Euer Ehren, ich habe keine Fragen mehr an die Zeugin.“

Der Richter, ein grauhaariger, älterer Schwarzer mit einer randlosen Brille, die ihm immer wieder von der Nase zu rutschen schien, sah zu Jack und seiner Anwältin hinüber. Jack machte einen gefassten, ruhigen Eindruck auf Alexandra. Sie war froh, dass ihre Intervention vor ein paar Tagen so großen Erfolg gehabt hatte. Nicht auszudenken, wie es ausgesehen hätte, wenn Jack heute im gleichen Zustand vor Gericht aufgetaucht wäre, wie sie ihn vor einer Woche vorgefunden hatte.

„Miss Lindstroem, Ihre Zeugin“, brummte der Richter.

Sam stand auf und trat zum Zeugenstand.
„Mrs. Brittle, Sie haben Mr. Allington also deutlich gesehen und gehört, als er Mr. Sanders verlassen hat?“

„Ja, das habe ich“, bestätigte die alte Frau eifrig.

„Gut“, sagte Sam langsam. „In welchem Tonfall sagte er, dass Mr. Sanders „das bereuen“ würde“?

Auf Mrs. Brittle’s verständnislosen Blick hin sah Sam sich gezwungen, die Bedeutung ihrer Frage näher zu erläutern.

„Klang er aufgeregt, wütend, verängstigt? Haben Sie sein Gesicht dabei gesehen? War es vor Wut verzerrt oder trug es eher einen fassungslosen Ausdruck? Bitte überlegen Sie genau, bevor Sie antworten.“

Alexandra schaute zu Jack hinüber, der Sam und seine Nachbarin angespannt beobachtete. Die Anklage hatte bereits drei Zeugen vernehmen lassen, einer davon war Allington Senior gewesen, zu dem sein Sohn nach diesem angeblichen Vergewaltigungsversuch gefahren war. Alexandra fragte sich, ob er in diese Scharade eingeweiht war, ob sie vielleicht sogar seine Idee gewesen war, oder ob er genau wie alle anderen auf die Lügenmärchen seines Sprösslings hereingefallen war.

Mrs. Brittle schien angestrengt zu überlegen.

„Es hörte sich…wütend an“, sagte sie schließlich zögernd. „Richtig böse. Und sein Gesicht sah auch zum Fürchten aus, wenn ich es mir recht überlege.“ Sie nickte, wie um ihre Aussage nochmals zu bekräftigen.

„Danke, Mrs. Brittle. Keine Fragen mehr, Euer Ehren.“

Ein leises, zufriedenes Lächeln umspielte Sams Lippen, als sie mit schnellen Schritten zu ihrem Platz neben Jack zurückging.

„Sind wir etwa schon fertig?“ fragte Mrs. Brittle enttäuscht.

Alexandra tat die Frau fast leid, es schien, als hätte sie die ganze Aufmerksamkeit, die ihr ihre Aussage eingebracht hatte, aus vollen Zügen genossen. Aber wirklich nur fast. Vermutlich hatte sie keine Familie, die sich um sie kümmerte und war die meiste Zeit allein. Kein Wunder, dass sie ihren Nachbarn so konsequent hinterher spionierte.

„Ja, Madam, wir sind fertig. Bitte lassen Sie sich vom Gerichtsdiener die Zeugenbescheinigung geben. An der Gerichtskasse erhalten Sie dann das Zeugengeld“, bestätigte der Richter und sah danach zum Staatsanwalt.

„Herr Staatsanwalt, Ihr nächster Zeuge, bitte.“

Nachdem Mrs. Brittle ihren Platz verlassen hatte, stand Stephen Allington auf und betrat den Zeugenstand. Er hielt den Blick gesenkt und machte einen verschüchterten, beschämten Eindruck. Alexandra hörte Ian, der neben ihr saß, mit den Zähnen knirschen und legte ihm beruhigend die Hand auf die geballten Fäuste.

„Hey, ganz cool bleiben. Bis jetzt lief es doch einigermaßen“, flüsterte sie.

Die beiden anderen Zeugen neben Mrs. Brittle und Allington Senior waren Detective Miller und Stephen Allingtons „Therapeut“ gewesen, ein nervöser, aufgeregter, kleiner Mann, der dauernd am Knoten seiner Krawatte herumgezupft hatte, während er seine Aussage gemacht hatte. Er war vermutlich auch ein Golffreund des alten Allington, denn Alexandra hatte den Eindruck gehabt, dass dieser Snyder ihn gekannt hatte.

Laut dem Bericht des Therapeuten litt Stephen Allington sehr unter dem „Vorfall“ und musste angeblich Beruhigungsmittel nehmen, um ein einigermaßen normales Leben führen zu können.

Alexandras Gedanken waren bei dieser Aussage zu Chris gewandert und sie hatte sich gefragt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn sie draußen mit ihm gewartet hätte. Doch dann wäre sie während seiner Vernehmung nicht im Gerichtssaal gewesen, denn man hätte sie während der laufenden Verhandlung mit Sicherheit nicht in den Zuschauerraum gelassen.

Detective Millers Aussage hatte sich im neutralen Bereich bewegt. Als Sam ihn gefragt hatte, ob Stephen Allingtons Verhalten glaubwürdig gewesen war, als er die angebliche versuchte Vergewaltigung zu Protokoll gegeben hatte, hatte der Polizist nur gesagt, zu dem Zeitpunkt habe es keinen Grund gegeben, am Wahrheitsgehalt von Allingtons Worten zu zweifeln.

Der Staatsanwalt begann mit der Befragung des „Opfers“.

Stephen Allington schilderte mit leiser Stimme die angeblichen Vorkommnisse dieses Abends. Er behauptete, Jack habe ihn zu sich in die Wohnung bestellt. Dort habe ihm dieser erst etwas zu Trinken angeboten und ihn dann überraschend gepackt und auf das Sofa geworfen.

Der junge Mann verbarg das Gesicht in den Händen, während sich im Zuschauerraum empörtes Raunen erhob. Alexandra spürte, wie Ian nach ihrer Hand griff und diese mit einem schmerzhaften Griff umklammerte. Sie ließ ihn gewähren, da sie fürchtete, dass Jacks Freund kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren.

„Was passierte dann?“ fragte der Staatsanwalt teilnahmsvoll. „Oder möchten Sie eine Pause machen?“

Allington schüttelte den Kopf.

„Nein“, antwortete er erstickt. „Ich möchte das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

„In Ordnung. Also, was passierte, nachdem Mr. Sanders Sie auf dieses Sofa geworfen hatte?“

„Er…er legte sich auf mich und machte sich…machte sich an meiner Hose zu schaffen…Dabei sagte er, ich solle bloß stillhalten, sonst…sonst würde er dafür sorgen, dass ich ins Gefängnis käme. Aber…aber das konnte ich doch nicht zulassen, dass er so etwas mit mir macht…“

Allington hob den Kopf und sah erst den Staatsanwalt und dann den Richter flehend an.

„Verstehen Sie? Er wollte mich erpressen! Aber ich hab solche Panik bekommen und mich wie verrückt gewehrt. Da ist er von mir runtergefallen und ich konnte aufstehen. Dann bin ich weggerannt.“

Alexandra schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Der Junge sollte zum Film gehen, genügend Talent hatte er. Wer die Hintergrundstory nicht kannte, der würde ihm ohne großartige Nachfragen Glauben schenken.

Snyder wandte sich an den Richter.

„Euer Ehren, das wäre alles.“

Nun durfte Sam sich das angebliche Opfer vornehmen. Mit starrem Gesicht trat die Anwältin zum Zeugenstand, wo Allington versuchte, sich ein möglichst jämmerliches und bemitleidenswertes Aussehen zu geben.

„Was für ein Gefühl hatten Sie, als Sie Mr. Sanders Wohnung so fluchtartig verließen?“ fragte die Anwältin kühl.

„Ich...ich war entsetzt, verstört…“ stammelte Allington.

„Aha…Sie haben die Aussage von der Nachbarin vorhin doch auch gehört, die behauptet, Sie wären wütend gewesen.“

„Einspruch!“ rief Snyder. „Genau das ist es, eine Behauptung. Die Zeugin hat nur ein subjektives Empfinden wiedergegeben. Was Mr. Allington in dem Moment gefühlt hat, das wird er wohl selbst am Besten wissen.“

Der Richter nickte gelangweilt.

„Einspruch stattgegeben.“

Sam ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Wieviel wiegen Sie, Mr. Allington?“

„Ich…ich verstehe nicht…“

„Das war eine ganz simple Frage. Also?“

„Ungefähr fünfundachtzig Kilo.“

„Sie sind etwa einen Meter neunzig groß, nicht wahr? Footballspieler?“

Allington nickte stumm, während Snyder gegen die Frage protestierte.

"Einspruch! Irrelevant!“

„Abgelehnt.“

Sam lächelte zufrieden vor sich hin.

„Mr. Sanders ist etwa einen Meter dreiundsiebzig groß, wiegt zweiundsiebzig Kilo und ist sportlich völlig untrainiert, bis auf gelegentliche, SEHR gelegentliche Besuche im Fitnessstudio. Er muss Sie mit seiner Attacke wohl ziemlich überrascht haben“, stellte sie sarkastisch fest. „Dass er das überhaupt gewagt hat…Immerhin sind Sie um fast einen Kopf größer als er.“

Bevor Snyder den Mund öffnen und seinen Einspruch heraustrompeten konnte, drehte Sam sich zum Richterpult.

„Euer Ehren, ich habe auf meinem Tisch eine Liste der Verstöße, wegen der mein Mandant mit seinem Vorgesetzten über eine Aufhebung von Mr. Allingtons Bewährung sprechen wollte. Ich würde sie Ihnen gerne vorlegen. Er hat den Staat Kalifornien verlassen, ohne sich ordnungsgemäß die Erlaubnis dafür zu holen Das lässt sich anhand einer Passagierliste der United Airlines beweisen. Er ist zu seinen Terminen nicht erschienen, was Sie mit Sicherheit in seiner Akte nachlesen können. Das sind nur die direkt nachweisbaren Vergehen. Mein Mandant bat bereits am Freitag vor diesem Vorfall seinen Vorgesetzten um einen Besprechungstermin, um das weitere Vorgehen mit ihm zu abzustimmen, ohne allerdings einen Grund dafür zu nennen. Das ist ebenfalls nachprüfbar, beziehungsweise wird Ihnen das Mr. Kendall nachher bestätigen können.“

Sam warf Stephen Allington, der ihren Ausführungen mit wachsendem Entsetzen gelauscht hatte, einen verächtlichen Blick zu.

„Ich bin fertig mit meiner Befragung, Euer Ehren.“

Alexandra atmete auf. Die Stimmung im Zuschauerbereich hatte leicht umgeschlagen, in das vorher gezeigte Mitleid begann sich Misstrauen zu mischen. Auch der Richter schien nicht mehr so angetan von Allington zu sein wie zu Beginn. Und der Staatsanwalt flüsterte hektisch mit dem Anwalt, der den jungen Mann begleitet hatte.

Das laute Klopfen des Hammers vom Richtertisch ließ das aufgeregte Gewisper verstummen.

„Ist die Anklage mit ihrer Zeugenvernehmung fertig?“ erkundigte sich der Richter unwirsch. Er schien heute einen etwas schlechten Tag zu haben. Seinem Gesicht nach tippte Alexandra entweder auf Zahnschmerzen oder auf Verdauungsbeschwerden.

„Ja, Euer Ehren, wir sind fertig.“

„Gut. Dann kann die Verteidigung ihren ersten Zeugen aufrufen.“

Sam stand auf.

„Ich bitte Mr. Chris O’Connor in den Zeugenstand.“
 

Teil 76

 

Nervös blickte Chris immer wieder zur Tür des Gerichtssaals hinüber. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, es konnte sich auch um Stunden handeln, die mittlerweile er hier draußen auf dieser harten, unbequemen Holzbank verbracht hatte.

Er hatte zugesehen, wie Allington Senior, Detective Miller und eine alte Frau aufgerufen worden waren. Detective Miller hatte ihm knapp zugenickt, bevor er im Gerichtssaal verschwunden war und Chris hatte beschlossen, diese Geste als Ermunterung zu verstehen. Denn das konnte er jetzt wirklich gebrauchen.

Vielleicht hätte er Alexandra doch bitten sollen, mit ihm hier draußen zu warten, bis er endlich an die Reihe kam. Sie hatten heute Morgen noch darüber geredet und Chris hatte ihr erklärt, dass es ihm lieber wäre, wenn sie bei seiner Aussage im Gerichtssaal wäre. Er wollte einfach die Gewissheit haben, dass sie mit ihm im gleichen Raum wäre, nur ein paar Meter von ihm entfernt, wenn etwas, irgendetwas passieren sollte.

Das Ganze erinnerte ihn einfach zu sehr an seine eigene Gerichtsverhandlung. An die Angst, die immer stärker geworden war, je näher der Moment gekommen war, in dem er den Gerichtssaal betreten musste und in dem über sein weiteres Schicksal entschieden werden würde.

Er hatte nur einen Pflichtverteidiger gehabt, einen jungen, unerfahrenen Anwalt, dem es im Prinzip egal gewesen war, was aus ihm wurde. Etwas Besseres hatte sein Vater sich nicht leisten können, es hatte nichts mehr gegeben, dass er hätte verpfänden können und die Bank hatte ihm keinen Kredit eingeräumt, um einen richtigen Anwalt zu bezahlen.

Chris schauderte, als er an die Verhandlung damals dachte. Er hatte keine Ahnung gehabt, was ihn erwartete, weder vor Gericht, noch im Gefängnis. Eigentlich hatte er ja geglaubt, in eine Jungendstrafvollzugsanstalt eingewiesen zu werden, sein Anwalt hatte gemeint, dass er mit zwei oder drei Jahren davonkommen könnte.

Doch dann hatte sich alles ganz anders entwickelt. Der Staatsanwalt und besonders der Richter hatten seine Weigerung, die Namen seiner Komplizen und gerade den des Schützen zu nennen, als Zeichen gesehen, dass er seine Mitwirkung an dem Überfall eigentlich nicht bereute und den Ernst des Vergehens nicht erkannte. Der Richter hatte ihm mit dieser Strafe einen Denkzettel verpassen wollen, was er in seiner Urteilsbegründung auch angedeutet hatte.

Als er das Urteil gehört hatte und dass er nach San Quentin gebracht werden würde, war Chris wie gelähmt gewesen vor Angst und Entsetzen. Er hatte in der Schule schon manchmal Probleme mit ein paar von den Jungs gehabt, die auf ihm herumgehackt hatten, weil sie fanden, dass er aussah wie ein Mädchen. Nur seine beiden Freunde hatten ihn davor bewahrt, allzu sehr unter den dummen Sprüchen zu leiden. Das war auch mit ein Grunde gewesen, wieso er gleich mit dabei gewesen war, als Kyle vorgeschlagen hatte, dass sie versuchen sollten, in eine der Gangs zu kommen, die das Viertel unsicher machten, in dem sie lebten. Er hatte geglaubt, sich dadurch mehr Respekt zu verschaffen.

Chris fragte sich zum unzähligsten Mal, wie er hatte so naiv sein können, zu hoffen, er würde auch im Gefängnis Freunde finden. Der Kerl, der in der Anfangszeit mit ihm die Zelle geteilt hatte, hatte ihn zwar nie angefasst, doch nachdem er das erste Mal vergewaltigt worden war, hatte der Typ nur noch Verachtung für ihn übrig gehabt.

Chris hatte sich fast jede Nacht in den Schlaf geweint, gebetet, dass alles sich noch als Irrtum herausstellen und er doch in einen Jugendknast verlegt werden würde. Doch das einzige, was passierte, war, dass man ihn in Jacksons Zelle verlegte, nachdem dessen alter Zellengenosse entlassen worden war.

Jackson hatte seltsamerweise einen guten Draht zum Wachpersonal gehabt. Chris hatte sich nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wieso das so war. Er hatte jetzt nicht einmal mehr nachts seine Ruhe gehabt, Jackson war oft zu ihm auf die schmale Pritsche gekommen und hatte sich seinen Spaß geholt, nachdem das Licht ausgemacht worden war. Er hatte kaum noch Gewalt anwenden müssen, Chris war zu verängstigt gewesen, um sich zu wehren. Er hatte einfach nur dagelegen, die Hände in die fadenscheinigen Laken gekrallt und die Zähne zusammengebissen damit er nicht aufschrie, wenn Jackson wieder einmal besonders brutal und rücksichtslos war.

Nach einer Weile hatte sein so genannter Beschützer angefangen, ihn für Geld, Drogen oder Zigaretten an Mithäftlinge zu vermieten. Beim seinem ersten „Kunden“ hatte Chris noch gebettelt, dass dieser ihn in Ruhe lassen möge, doch das hatte den Kerl nur noch mehr angeturnt. Danach hatte Chris es einfach über sich ergehen lassen. Meistens war es auf der Toilette passiert, oder in der Schreinerei, wo er und Jackson gearbeitet hatten, hinter irgendeinem Holzstapel.

Einer seiner „Kunden“ hatte dann einmal von ihm verlangt, dass er ihn mit dem Mund befriedigte. Chris hatte keine Ahnung gehabt, was er tun sollte. Der Typ hatte ihn gezwungen, als es vorbei gewesen war, hatte Chris sich über dessen Schuhe übergeben.

Danach hatte er von Jackson eine Tracht Prügel eingesteckt, die sich gewaschen hatte, weil dieser seinem Kumpan hatte das Geld zurückgeben müssen, das er für Chris’ „Dienste“ bezahlt hatte. Chris hatte daraufhin schnell gelernt, was er tun musste, um einem Mann so schnell wie möglich zum Höhepunkt zu bringen. Er schaffte es schließlich auch, den Brechreiz wenigsten solange zu unterdrücken, bis er außer Sicht war.

Die Besuche seines Vaters waren ein Ereignis gewesen, das Chris gleichzeitig herbeisehnte und fürchtete. Einmal im Monat saßen sie sich in dem kleinen, schäbigen Besuchsraum des Gefängnisses gegenüber, wobei Chris keine Ahnung hatte, was er seinem Vater erzählen sollte. Er war einfach nur froh, einen Menschen zu sehen, der ihn nicht mit Verachtung, Gier oder Gleichgültigkeit betrachtete, sondern mit Liebe und Zuneigung.

Über etwas sprachen sie bei diesen Besuchen nie: Weder über die Schuldgefühle, die Chris in den blauen Augen seines Vaters lesen konnte, noch über das, was mit ihm selbst hinter den Mauern dieses Gefängnisses fast tagtäglich geschah. Sein Vater musste es dennoch gewusst haben, denn einmal sagte er, egal, was auch passiert war oder noch passieren würde, Chris würde immer sein Sohn bleiben und er würde immer für ihn da sein. Nach seiner Entlassung würde er unten am Tor auf ihn warten und sie würden das alles hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen.

Das war das letzte Mal gewesen, dass Chris seinen Vater lebend gesehen hatte. Zwei Wochen später war er in das Büro des Direktors gerufen worden und der hatte ihm mit dürren Worten mitgeteilt, dass sein Vater am Vortag an den Folgen eines Schlaganfalles gestorben war…

„Haben Sie eine Ahnung, wie weit die da drin schon sind?“

Eine tiefe Stimme riss Chris aus seinen Erinnerungen. Erschrocken sah er hoch.

„Chris?“

Vor ihm stand Leroy Kendall, Jacks Vorgesetzter, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und blickte auf ihn herunter. Er war ein großer, athletischer Mann in mittleren Jahren, mit rotbraunen Haaren, die er zu einem Seitenscheitel frisiert trug.

Chris hatte ihn nur ein paar Mal getroffen, bei diesen Begegnungen hatte er immer den Eindruck gehabt, dass Mr. Kendall ein harter, strenger Mensch war, der keinerlei Unsinn durchgehen lassen würde.

Darum stand er auf, als er ihn erkannte.

„Guten Tag, Mr. Kendall“, grüßte er ihn verwirrt.

Kendall musterte ihn prüfend von oben bis unten. Chris war plötzlich froh, dass er auf Alexandra gehört hatte, und nicht in seinen üblichen Punk-Klamotten zu dieser Verhandlung gekommen war.

„Jack hatte Recht, Sie scheinen sich ja wirklich um einiges gebessert zu haben“, bemerkte Kendall mit hochgezogenen Augenbrauen. „Eine Zeitlang war er wirklich kurz vorm Verzweifeln wegen Ihnen.“

Chris sah zu Boden.

„Ich weiß, das hat er mir auch schon gesagt“, entgegnete er. „Aber…aber jetzt ist doch alles in Ordnung, nicht wahr?“

„Natürlich. Wieso fragen Sie?“

Chris kämpfte mit sich, ob er seine Schwierigkeiten mit seinem neuen Bewährungshelfer erwähnen sollte. Dann dachte er sich, dass sich so eine Gelegenheit vermutlich so schnell nicht wieder ergeben würde. Außerdem lenkte ihn das Thema von seinen düsteren Gedanken ab.

„Na ja…Mr. Whiteman scheint nicht so ganz glücklich mit mir zu sein…“ begann er und warf Kendall einen schüchternen Blick zu.

Dieser seufzte.

„Nun, bei der Aufteilung von Jacks Leuten hatten wir das Problem, dass da ein paar Fälle dabei waren, die ziemlich auf der Kippe standen. So jemanden konnte ich Whiteman nicht zuteilen. Bei meiner letzten Besprechung mit Jack hatte ich den Eindruck, dass er mit Ihnen hochzufrieden ist und dass Sie ihr Leben im Griff haben – ohne dass er inzwischen viel dazu tun musste. Das stimmt doch, oder?“

Chris nickte überrascht.

„Ja…ich komm ganz gut klar.“

„Nun, Sie kennen Ronald Whiteman ja inzwischen ein wenig…Ich rede nicht gern schlecht über meine Leute, aber…er ist etwas schwierig. Darum konnte ich ihm niemanden zuteilen, den man mit Fingerspitzengefühl behandeln muss und der noch massive Schwierigkeiten hat, sich an das Leben „draußen“ anzupassen, verstehen Sie?“

„Ich glaub schon…“ erwiderte Chris.

Er wusste nicht, ob er sich dadurch geschmeichelt fühlen sollte oder nicht. Es war einmal mehr ein Beweis dafür, wie unfair das Leben manchmal sein konnte. Jemand wie Whiteman, der seinen Job nur mit Widerwillen verrichtete, konnte einen Menschen im Handumdrehen um seine Bewährung bringen, während andere, wie Jack Sanders zum Beispiel, nichts unversucht ließen, um ihre „Schäfchen“ auf dem rechten Weg zu halten.

Einmal mehr wurde Chris bewusst, wie gut es das Schicksal zur Abwechslung mit ihm gemeint hatte, als es ihm so jemanden wie Jack Sanders als Bewährungshelfer beschert hatte.

„Schön. Das bleibt aber unter uns“, bat Kendall. „Sie werden Whiteman vermutlich sowieso nicht lange ertragen müssen. Mitte nächsten Monats bekommen wir einen neuen Mitarbeiter, dann werden Umverteilungen vorgenommen.“

Ein Neuer? Würde Jack denn nicht wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren, wenn er freigesprochen wurde? Bevor Chris diese Frage jedoch laut äußern konnte, öffnete sich die Tür zum Gerichtssaal und der Gerichtsdiener trat heraus.

„Mr. Chris O’Connor?“ Suchend sah sich der Mann um, bis sein Blick schließlich an Chris und Mr. Kendall hängen blieb.

Chris hatte das Gefühl, als hätte man ihm einen Schlag in den Magen versetzt. Obwohl er die ganze Zeit gewusst hatte, dass man ihn aufrufen würde, schließlich war er aus genau diesem Grund hier, wäre er jetzt, wo es soweit war, am liebsten davongelaufen.

„Ist einer von Ihnen beiden Mr. O’Connor?“ fragte der Mann nochmals.

Chris holte tief Luft. Jetzt war es also so weit. Nun würde sich zeigen, ob Doktor Winslow mit ihrer Prophezeiung, dass er es schaffen würde, diese Verhandlung durchzustehen, Recht behalten würde.

„Ja, das bin ich“, sagte er mit mehr Selbstbewusstsein, als er eigentlich verspürte.

***

„Sie sind also sicher, dass Mr. Sanders sich Ihnen gegenüber nie anzüglich geäußert hat oder sich in irgendeiner Weise verdächtig benommen hat?“ fragte Sam.

Chris sah ihr fest ins Gesicht. Das hatte er die ganze Zeit während dieser Befragung getan, sich nur auf die Anwältin konzentriert. Er hatte weder zu Jack hinüber gesehen noch zu Alexandra. Das brauchte er auch gar nicht, es war, als könnte er Alexandras Anwesenheit körperlich fühlen und daraus Kraft ziehen. Und das genügte.

„Nein, das hat er nicht“, erwiderte er mit fester Stimme.

„Sehr gut.“ Sam schenkte ihm ein winziges Lächeln. Dann wandte sie sich an den Richter und legte ihm einen Schnellhefter auf das Pult, den sie in der Hand gehalten hatte.

„Euer Ehren, dass sind die Aussagen von mehr als zwanzig Zeugen, Männern, die mein Mandant betreut hat und die zu diesem Zeitpunkt alle ungefähr im Alter von Mr. Allington waren. Jeder einzelne davon bestätigt Mr. O’Connors Feststellung, dass Mr. Sanders sich immer korrekt benommen hat.“

„Danke, Miss Lindstroem“, brummte der Richter. „Sind Sie dann fertig mit diesem Zeugen?“

„Ja, Euer Ehren“, entgegnete Sam und warf Chris noch einen aufmunternden Blick zu, bevor sie zu ihrem Platz neben Jack zurückging.

Nun trat der Staatsanwalt vor, den Chris nun zum ersten Mal bewusst wahrnahm.

„Mr. O’Connor, Mr. Sanders war also etwa zehn Monate lang Ihr Bewährungshelfer. Und in dieser ganzen Zeit hat er nie etwas getan, das in Ihnen den Verdacht aufkommen ließ, er wolle ganz bestimmte…sagen wir mal „Dienste“ von Ihnen?“

Ein unangenehmes Gefühl machte sich in Chris’ Magen breit. Seine Stimme weigerte sich fast, ihm zu gehorchen, als er antwortete.

„Nein, er…er hat nie so etwas getan.“

Der Staatsanwalt sah ihn zweifelnd an und ging zu seinem Tisch, um einen dunkelblauen Hefter zu holen. Dann kehrte er zum Zeugenstand zurück.

„Das hier ist eine Kopie Ihrer Akte“, sagte er und schlug den Hefter auf. „Zu Beginn haben Sie ihre Arbeitsstellen gewechselt wie andere Leute ihre Unterwäsche. In Mr. Sanders’ Schreibtisch fanden wir ein Schreiben eines ihrer ehemaligen Arbeitgeber, der sich darin darüber beschwert, dass Sie einen Ihrer Kollegen grundlos mit einem Hammer bedroht hätten. Da Sie noch immer frei sind, scheint Mr. Sanders ja sehr großzügig über Ihre Entgleisung, die vermutlich nicht die einzige war, hinweggesehen zu haben. Ich habe mir sagen lassen, dass so ein Verhalten dazu hätte führen können, dass die Bewährung aufgehoben wird. Vor allem, wenn es wahrscheinlich ist, dass es sich wiederholt. Sie hatten ja anscheinend überall gewisse...Probleme.“

Chris schloss für einen Moment die Augen. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass Jack von diesem Vorfall gewusst hatte. Er hatte damals allein in einem Raum gearbeitet und hatte nicht bemerkt, dass einer der Arbeiter hereingekommen war. Der Typ hatte ihn sowieso schon die ganze Zeit schikaniert und als er plötzlich hinter ihm gestanden war und ihn angesprochen hatte, war Chris ausgerastet. Er war schlicht und einfach nur zu Tode erschrocken und hatte sich mit erhobenem Hammer umgedreht. In diesem Moment war der Vorarbeiter hereingekommen und er war wieder mal eine Stelle los gewesen.

„Mr. Sanders war äußerst tolerant, so wie ich das sehe“, sprach der Staatsanwalt weiter. „Das lässt doch wohl den Schluss ziehen, dass er dafür einen Grund gehabt hat, nicht wahr?“

„Einspruch, Euer Ehren. Der Staatsanwalt stellt Vermutungen an, die jeder Grundlage entbehren“, erklang Sams Stimme.

„Euer Ehren, ich versuche nur, die Wahrheit herauszufinden“, verteidigte Snyder sein Vorgehen. „Und das dürfte wohl im Interesse aller sein.“

„Einspruch abgelehnt“, sagte der Richter knapp. „Und Sie kommen jetzt bitte auf den Punkt“, warnte er den Staatsanwalt.

Snyder schürzte die Lippen und nickte.

„Gut, dann werden wir das Ganze ein wenig abkürzen. Mr. O’Connor, Sie wurden mit siebzehn Jahren in San Quentin eingeliefert. Kein angenehmer Aufenthaltsort für einen Siebzehnjährigen, nicht wahr?“

Chris sah den Staatsanwalt starr an. In seinem Magen schienen sich Eisklumpen zu bilden. Er hatte eine vage Vorstellung davon, worauf der Staatsanwalt hinauswollte. Sam hatte ihm erklärt, was die Anklage würde zu beweisen versuchen, hatte ihn auf bestimmte Fragen vorbereitet, doch Chris spürte, dass er das hier nicht lange durchhalten würde.

„Nun, keine Antwort ist auch eine Antwort“, Snyder machte eine Kunstpause.

„Ich denke, ich kann davon ausgehen, dass Ihre Hemmschwelle gegenüber gewissen…Gefälligkeiten in dieser Zeit deutlich herabgesetzt wurde. Und als Mr. Sanders eine „Bezahlung“ für seine Toleranz Ihnen gegenüber einforderte, empfanden Sie das als gar nicht so abwegig oder erschreckend.“

„Einspruch!“ Sams Stimme war schrill vor Wut. „Euer Ehren, das sind Unterstellungen, die an Widerlichkeit fast nicht zu überbieten sind.“

„Einspruch stattgegeben. Mr. Snyder, mäßigen Sie sich“, ermahnte der Richter den Staatsanwalt streng.

„Tut mir leid, Euer Ehren“, entschuldigte sich der Staatsanwalt scheinheilig. „Ich mache dem Zeugen ja keinen Vorwurf wegen seiner Handlungsweise, ich versuche nur, die Wahrheit herauszufinden.“

„Sie haben keinerlei Beweise für Ihre Behauptungen!“ mischte sich Sam ein. Sie war aufgestanden und zum Richtertisch gekommen.

„Nur weil mein Mandant ein Mensch ist, der sich für seine Leute einsetzt, unterstellen Sie ihm niedere Motive dafür. Mr. O’Connor hatte in der ganzen Zeit keine Probleme mit der Polizei, seit einem halben Jahr hat er einen festen Arbeitsplatz und Wohnsitz. Und das alles nur, weil mein Mandant ihn nicht aufgegeben hat. Und jetzt kommen Sie daher und konstruieren daraus dieses Kartenhaus aus vagen, aus der Luft gegriffenen Vermutungen und Lügen.“

Die Anwältin bebte vor Wut.

„Ruhe jetzt“, donnerte der Richter und schlug mit seinem Hammer auf den Tisch.

„Miss Lindstroem, setzen Sie sich sofort wieder hin oder ich lasse Sie aus dem Gerichtssaal entfernen. Und Sie, Herr Staatsanwalt, halten sich bitte an die Fakten. Dass hier ist eine Gerichtsverhandlung und keine Pressekonferenz für ein Schmierenblatt, ist das klar?“

Chris hatte den Tumult nur am Rande wahrgenommen. Nach dieser letzten Behauptung des Staatsanwaltes hatte sich eine eiserne Klammer um seinen Brustkorb gelegt, das Atmen fiel ihm schwer und seine Hände begannen zu zittern. Wieso nur hatte er sich darauf eingelassen, vor Gericht auszusagen? Er konnte Jack nicht helfen, im Gegenteil, bis jetzt hatte er alles nur noch schlimmer gemacht.

Nicht durch seine Aussage, sondern dadurch, dass er überhaupt hier war. Er hätte sich bei den Anschuldigungen des Staatsanwaltes souverän zurücklehnen und dem Mann ins Gesicht lachen müssen, doch das hätte er nie im Leben fertig gebracht. Stattdessen saß er hier und zitterte vor dem, was man ihn als nächstes fragen würde. Nicht das, was er sagte, würde zu Jacks Verurteilung führen, sondern sein Verhalten. Der Richter würde nie im Leben glauben, dass die Behauptungen des Staatsanwaltes aus der Luft gegriffen waren, wenn er hier im Zeugenstand plötzlich hysterisch wurde. Und Chris merkte, dass er nicht mehr weit davon entfernt war…

 

Teil 77

 

Alexandra klammerte sich an Ians Jackenärmel. Sie konnte kaum glauben, was sie da soeben gehört hatte. Das, was dieser Staatsanwalt da abzog, konnte doch einfach nicht legal sein. Wenn sie auch nur im Geringsten geahnt hätte, dass man Chris derart unter Druck setzen würde, dann hätte sie alles daran gesetzt, um zu verhindern, dass er vor Gericht erscheinen musste.

Sein Gesicht war kreidebleich und Alexandra konnte sogar auf zehn Meter Entfernung am Ausdruck seiner Augen erkennen, dass er kurz vor einem Zusammenbruch stand.

„Was treibt dieses Schwein da bloß?“ knirschte Ian fast unhörbar.

Alexandra konnte die Wut ihres Sitznachbarn mehr als nachfühlen. Der Staatsanwalt versuchte, Chris so in die Enge zu treiben, dass er genau das zugab, was er hören wollte, egal, ob es die Wahrheit war oder nicht.

Nach der Ermahnung des Richters ging der Staatsanwalt zu seinem Tisch und holte ein Blatt Papier aus einer Akte. Dann kehrte er zum Zeugenstand zurück. Das Lächeln dabei auf seinem Gesicht gefiel Alexandra überhaupt nicht.

„Mr. O’Connor…Es ist doch richtig, dass Sie vor etwa drei Monaten im Krankenhaus waren?“

Alexandra wäre beinahe aufgesprungen. Woher wusste der Kerl davon? Besser gesagt, wie viel wusste er?

„Sie wurden mit aufgeschnittenen Pulsadern eingeliefert, nicht wahr?“

„Einspruch! Irrelevant!“ kam es von Sam.

„Abgelehnt. Herr Staatsanwalt, lassen Sie die Spielchen und kommen Sie endlich zum Punkt“, forderte der Richter energisch.

Hilflos musste Alexandra mit ansehen, wie Chris den Staatsanwalt entsetzt anstarrte und sich unwillkürlich über die Narben an seinen Handgelenken rieb.

„Mr. Sanders hat diesen Suizid-Versuch nie gemeldet, obwohl er laut meinen Informationen davon wusste, da er es war, der den Notarzt verständigt hat. Dennoch hat er es unterlassen, den Vorschriften gemäß zu handeln und Sie zu einer psychiatrischen Untersuchung einweisen zu lassen. Wieso?“

Als Chris nicht antwortete, tat Snyder es an seiner Stelle.

„Ich kann es Ihnen auch sagen. Weil er nämlich fürchten musste, dass Sie irgendeinem Arzt erzählen würden, weshalb Sie versucht haben, sich umzubringen. Sie konnten es nämlich nicht mehr ertragen, von ihm als Spielzeug für seine perversen Gelüste benutzt zu werden.“

Eine Sekunde lang herrschte Totenstille im Saal. Dann durchbrach Sams schrille, sich fast überschlagende Stimme das Schweigen.

„Einspruch! Euer Ehren, das geht zu weit“, schrie sie aufgebracht und sprang auf. „Dieser Mann konstruiert Beweise, wo es gar keine gibt!“

Alexandra sprang ebenfalls auf. Es war ihr völlig egal, ob es gegen die Regeln war, sie wollte nur noch zu Chris, der bei den letzten Worten des Staatsanwaltes das Gesicht in den Händen verborgen hatte.

Sie wagte nicht, sich vorzustellen, wie er sich jetzt fühlen musste. Jeder hatte ihm erzählt, dass er es schaffen würde, dass niemand ihm etwas anhaben konnte, dabei hatte man ihm auf plumpe Weise vor Augen geführt, dass das, was im Gefängnis mit ihm geschehen war, ein offenes Geheimnis war. Über die Konsequenzen, die die Enthüllung des Selbstmordversuches für Chris haben würde, mochte Alexandra noch gar nicht nachdenken. Zuerst musste sie ihn ihr herausbringen.

Bevor sie sich jedoch durch die Reihen der aufgeregt murmelnden Zuschauer kämpfen konnte, war Chris abrupt aufgestanden und sah zu Jack hinüber. Erst sah es so aus, als wollte er etwas sagen, doch dann schüttelte er nur wild den Kopf. Im nächsten Moment rannte er am Staatsanwalt, der überrascht zur Seite trat, vorbei und auf die Tür zu.

„Mr. O’Connor, setzen Sie sich sofort wieder hin“, rief der ebenso überraschte Richter, doch Chris hatte schon die Tür aufgerissen und war hinausgestürmt.

„Chris, warte“, schrie Alexandra, doch er hörte ebenso wenig auf sie wie auf den Richter.

Sie ignorierte die aufgeregten Stimmen hinter sich und eilte auf den Gang hinaus. Von Chris war weit und breit nichts mehr zu sehen.

„Wo ist der Junge, der hier gerade raus kam, hingelaufen?“ fragte sie verzweifelt den Mann, der auf einer der Bänke anscheinend auf seine Zeugenvernehmung wartete. Alexandra hatte ihn noch nie gesehen, doch er musste wohl in irgendeiner Verbindung zu Jack stehen.

„Sie meinen Chris O’Connor? Der ist da runter gelaufen, als wäre der Teufel und seine Legionen hinter ihm her. Was war denn da drinnen los?“

Alexandra nahm sich nicht die Zeit, sich zu bedanken oder zu antworten, sondern rannte in die angegebene Richtung. Dabei verfluchte sie die hohen Absätze ihrer Schuhe, die einfach nicht für schnelle Sprints geeignet waren.

Als sie die Treppe erreichte, blieb sie unschlüssig stehen. War er nach oben oder nach unten gerannt? Was hätte sie an seiner Stelle getan? Wahrscheinlich hätte sie einfach nur raus gewollt, raus aus diesem Gebäude, alles hinter sich lassen und alles vergessen.

Alexandra hastete die Treppe hinunter und zum Ausgang. Sie hoffte, dass sie mit ihrer Vermutung Recht behalten würde und Chris war schlicht und einfach in die Tiefgarage gelaufen, in der sie den Wagen geparkt hatten.

Entschlossen lenkte sie ihre Schritte in diese Richtung.

***

Chris saß auf einer Bank im Innenhof des Gerichtsgebäudes, in dem ein kleiner Park angelegt worden war. Die Bank stand etwas versteckt hinter ein paar immergrünen Büschen in einem kleinen Alkoven.

Er hatte die Arme um die angezogenen Beine geschlungen und die Stirn auf die Knie gelegt und versuchte verzweifelt, sich aus dem Sumpf der Erinnerungen, der ihn wie Treibsand zu verschlingen drohte, wieder herauszukämpfen.

Die Worte des Staatsanwaltes waren wie tausend kleine Nadelstiche gewesen, wie Salz auf einer offenen Wunde, von der Chris eigentlich geglaubt oder zumindest gehofft hatte, dass sich darüber langsam feines Narbengewebe gebildet hatte.

Wie es sich herausgestellt hatte, hatte Doktor Winslow Unrecht gehabt. Er war noch weit davon entfernt, auf ihre Hilfe und ihre Unterstützung verzichten zu können, sehr weit. Und er hatte versagt.

Chris schluchzte trocken auf. Er hatte mal wieder alles verbockt, das Vertrauen, das Jack, Alexandra und die Anderen in ihn gesetzt hatte, zutiefst enttäuscht. Anstatt Jack durch seine Aussage zu helfen, hatte er ihn nur noch tiefer in die ganze Sache reingeritten, genau so, wie er es tief in seinem Innersten befürchtet hatte. Er hatte sich einfach zu sehr durch die aufmunternden Worte von Alexandra und Doktor Winslow einlullen lassen, anstatt auf seine innere Stimme zu hören, die ihm immer wieder zugeflüstert hatte, dass er diese Verhandlung nicht durchstehen würde.

Die ganze Situation hatte ihn schon von vornherein zu sehr an seine eigene Verhandlung erinnert, er war schon völlig fertig gewesen, als er endlich den Gerichtssaal betreten hatte. Und dann noch diese subtilen Fragen und Unterstellungen des Staatsanwaltes…

Als dieser Snyder dann schließlich noch seinen Selbstmordversuch ausgegraben und ihn auf seine Weise interpretiert hatte, da hatte irgendetwas in Chris „Klick“ gemacht. Er hatte gewusst, dass er auf keinen Fall noch mehr Anschuldigungen ertragen hätte, sonst wäre er in Tränen ausgebrochen. Darum war er Hals über Kopf davon gelaufen.

Was würde nun geschehen? Würde der Richter Allingtons Beteuerungen Glauben schenken und Jack verurteilen? Oder würde man ihn selbst zurück in den Zeugenstand zwingen?

Ein leises Geräusch ließ Chris aufschrecken. Er hatte gehofft, dass ihn hier so schnell niemand finden würde, nicht, bevor er den Hurrikan von wild durcheinander tobenden Gefühlen in seinem Inneren wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte.

Er hob den Kopf und sah sich einem grinsenden Stephen Allington gegenüber, der gerade genüsslich an einer Zigarette sog. Das Geräusch, das Chris gehört hatte, war das Auf- und Zuschnappen eines Feuerzeugs gewesen.

„Hier hast du dich also verkrochen“, sagte der Blondschopf. „Mann, du hast da einen ganz schönen Aufruhr ausgelöst. Aber wenigstens haben sie `ne kurze Pause eingelegt. Der Staatsanwalt will dich unbedingt zurück in den Zeugenstand holen.“

„Ach ja?“ flüsterte Chris. Im Moment war er zu keiner weiteren Emotion mehr fähig, noch nicht einmal Hass kochte in ihm hoch, als der den Auslöser dieser ganzen Misere betrachtete.

Allington hatte sich wirklich Mühe gegeben, den wohlerzogenen Sohn aus gutem Hause zu mimen. Hellgrauer Anzug, der vermutlich ein Vermögen gekostet hatte, weißes Hemd, Krawatte, blitzblank polierte Schuhe…Dagegen kam Chris sich vor wie ein Ghettokind.

„Klar.“ Allington gestikulierte mit seiner Zigarette. „Hey, tut mir leid, was dir passiert ist…aber jetzt bist du die Schwuchtel ja los. Du hast mir da vorhin echt geholfen, die Anwältin von dem Typen ist ziemlich gut…“

„Ich hab dir also geholfen, ja?“ fragte Chris tonlos. Jetzt fehlte nur noch, dass Allington sich bei ihm bedankte.

„Mhm. Wenn der Drecksack seine Drohung wahr gemacht und mit seinem Vorgesetzten gesprochen hätte, dann hätte ich einpacken können.“

„Du hast also gelogen, um deinen Arsch zu retten…“

Der Blonde stutzte einen Moment lang, dann begann er zu lachen.

„Wenn du es so formulieren willst…ja. Wenn Sanders es wirklich gewagt hätte, mich anzufassen, dann hätte mein Vater nicht die Polizei gerufen, sondern sich selbst drum gekümmert.“

Allington musterte Chris mit einer Mischung aus Sympathie und Mitleid.

„Sei froh, dass ich die Geschichte erfunden hab. Wer weiß, wie lang dich der Schweinehund sonst noch erpresst hätte…“

Chris konnte im ersten Moment nichts dazu sagen. Da stand dieser Kerl und hatte freimütig zugegeben, dass er alles nur erfunden hatte, um zu verhindern, dass Jack mit seinem Vorgesetzten sprach. Und dann hatte er noch den Nerv, ihn zu bedauern.

Chris stand auf.

„Mr. Sanders hat mich nicht erpresst. Er hat mich nie angerührt, verdammt noch mal!“ fauchte er wütend. „Lass du dich doch mal dreieinhalb Jahre zur Hure machen und dir dann solche Sachen an den Kopf werfen. Mal sehen, ob du dann ruhig bleibst. Ach nee, kann ja nicht passieren, Daddy würde das nicht zulassen“, fügte er höhnisch hinzu.

Allington starrte ihn verwirrt an.

„Hey, nun reg dich mal wieder ab“, entgegnete er. „Um so `ne Schwuchtel wie Sanders ist es doch nicht schade.“

Chris schloss die Augen und rieb sich mit der Hand über die Stirn. Was hatte ihn da gerade bloß geritten, Allington sein dunkles Geheimnis anzuvertrauen – ein Geheimnis, das im Prinzip keines war, wie er hatte feststellen müssen. Aber dieses Papasöhnchen sollte ruhig wissen, wie die harte, kalte Realität aussah.

„Mr. Sanders ist ein Mensch, genauso wie du und ich“, sagte er beherrscht. „Und du miese Ratte hast ihn wegen etwas angezeigt, das er gar nicht getan hat. Nur weil du dich nicht an gewisse Regeln halten konntest. Ich hätte Weiß-Gott-Was drum gegeben, wenn ich damals nur Bewährung bekommen hätte und alles dafür getan, damit ich sie mir nicht versaue. Aber die Regeln für uns Normalsterbliche gelten für so reiche Kotzbrocken wie dich ja nicht, nicht wahr? Wenn mal was schief geht, dann suchen wir uns irgendeinen Sündenbock, der für unsere Scheiße geradesteht oder mit dem wir sie vertuschen. Ist doch so, oder?“

„Okay, das reicht. Das muss ich mir von so was wie dir nicht sagen lassen.“

Allington warf seine Zigarette weg und ballte drohend die Fäuste.

Aha, da war es, das wahre Gesicht, dachte Chris distanziert. Das Mitgefühl vorhin war also nur gespielt gewesen, er hatte einfach so wunderbar in die Geschichte gepasst, die Allington Junior und Senior gesponnen hatten.

„Was willst du machen, mich verprügeln?“ fragte Chris kühl. „Und wie redest du dich da dann wieder raus? Hab ich dir deinen Schnuller weggenommen?“

Auf einer gewissen Ebene wusste Chris, dass es verrückt war, was er da tat. Allington zu provozieren war nicht gerade klug, der Kerl war mindestens zwanzig Kilo schwerer als er. Aber er wusste auch, dass er schneller war und ihm ausweichen konnte, sollte der Idiot sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, zuzuschlagen. Und es verschaffte Chris ein gewisses Maß an Befriedigung, ihn derart wütend gemacht zu haben.

Allington holte tatsächlich mit der Faust aus und Chris bereitete sich darauf vor, sich zu ducken und den Schlag abzublocken, als plötzlich eine laute Stimme erklang.

„Das reicht! Allington, runter mit der Hand!“

Detective Miller trat hinter einem Busch hervor. Er war nicht allein, sondern zerrte einen schmächtigen Kerl mit einer Videokamera in der Hand am Hemdkragen hinter sich her.

„Diesmal reden Sie sich nicht raus, unser Freund hier hat nämlich alles aufgenommen. Reporter, nicht wahr?“ fragte er fast liebevoll sein Opfer und schüttelte es leicht.

„Ja, Mann! San Francisco Tribune. Lassen Sie mich gefälligst los, das ist Freiheitsberaubung. Ich hab hier nur meinen Job gemacht.“

„Und ich mach meinen Job und nehme Ihnen die Kamera ab. Das ist nämlich Beweismaterial.“

Damit griff Miller nach der Videokamera und entwand sie dem lauthals protestierenden Reporter.

„Hey, das geht nicht! Das ist meine Kamera! Ich hab nichts Verbotenes getan. Und außerdem brauch ich die Aufnahmen für meine Story. Schon mal was von Pressefreiheit gehört?“

„Schon mal was von Behinderung der Justiz gehört?“ gab der Detective trocken zurück. „Kommen Sie morgen auf’s Revier, hier ist meine Karte, dann können Sie sich Ihre Kamera wieder abholen.“

„Und was ist mit dem Chip?“ erkundigte sich der Reporter herausfordernd.

„Der ist Beweismaterial und kommt ins Archiv, tut mir leid. Aber Ihnen wird schon was einfallen, was Sie in Ihrem Schmierenblatt schreiben können. Und jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen.“

Der Reporter starrte Miller böse an, bevor er seinen Blick zwischen Allington und Chris hin- und herschweifen ließ.

„Hm, wird trotzdem `ne geile Story, schätze ich. Söhnchen von Baulöwen wandert wegen Falschaussage in den Knast. Und alles nur, weil er so blöd war, die Geschichte auszuposaunen…“ Er zwinkerte Allington zu. „Danke, Mann, du hast mir die Miete für nächsten Monat beschert und vielleicht sogar noch ein wenig mehr.“

Dann wandte er sich um und schlenderte pfeifend davon, nicht ohne vorher noch vor dem Detective spöttisch zu salutieren.

Detective Miller wandte seine Aufmerksamkeit nun gänzlich den beiden jungen Männern zu, die ihn mehr oder weniger entgeistert anstarrten.

Chris war eher erleichtert, den Polizisten zu sehen, auf eine wirkliche Schlägerei mit Allington hatte er es eigentlich nicht ankommen lassen wollen. Und langsam machte sich die Erkenntnis in seinem Gehirn breit, was Millers Auftauchen noch bedeutete.

Der Detective musste den Streit und Stephen Allingtons „Geständnis“ gehört haben. Und was noch besser war, es gab sogar eine Videoaufzeichnung davon. Auf dem Film war zwar auch, dass er seine wenig rühmliche Vergangenheit zugegeben hatte, doch eigentlich war das jetzt völlig egal. Der Staatsanwalt hatte ihm eiskalt vor Augen geführt, dass das sowieso zu vermuten war. Und Jack wurde durch das Video eindeutig entlastet. Chris hätte nie gedacht, dass er einem Reporter mal dankbar sein würde.

„Hören Sie, Detective…“ stammelte Allington. „Das war doch alles gar nicht ernst gemeint…“

Miller lächelte freundlich.

„Das, mein Junge, können Sie dem Richter erzählen, nachdem er das Video hier gesehen hat. Außerdem gibt es zwei, nein, drei Zeugen für Ihr Geständnis. Und morgen wird es brühwarm in der Zeitung stehen. Kommen Sie mit“, befahl er und packte Allington am Arm, um ihn mit sich zu ziehen.

„Und Sie kommen auch mit“, sagte er zu Chris gewandt. „Da drinnen sucht alles nach Ihnen wie nach der Stecknadel im Heuhaufen.“


****

Alexandra wurde fast verrückt vor Angst, als sie Chris nicht in der Tiefgarage vorfand. Sie wartete etwa zehn Minuten, in der Hoffnung, dass er doch noch auftauchen würde, doch vergebens. Vielleicht war er ja doch noch irgendwo im Gerichtsgebäude.

Auf dem Weg zurück machte sich Alexandra die größten Vorwürfe, dass sie im Vorfeld nicht erkannt hatte, wie sehr diese Verhandlung Chris mitnehmen würde. Niemand hatte das, anscheinend nicht einmal Doktor Winslow. Auch die Psychologin hatte Chris erklärt, dass er es schaffen würde. Und doch hatte es nur einiger brutaler Unterstellungen seitens des Staatsanwaltes bedurft, um Chris völlig aus der Bahn zu werfen.

Atemlos betrat Alexandra das Foyer und wurde gerade noch Zeuge, wie Detective Miller einen betreten dreinschauenden Stephen Allington zur Treppe führte. Gleich dahinter folgte Chris. Er hatte den Blick auf den Boden gerichtet und ignorierte seine Umgebung vollkommen.

Alexandra wusste nicht, ob sie lachen oder heulen sollte. Er war also die ganze Zeit hier gewesen, hatte sich vermutlich nur irgendwo versteckt, um sich zu beruhigen.

„Chris“, rief sie laut und rannte zu ihm.

Chris fuhr herum. Er machte einen ruhigen, nachdenklichen Eindruck. Alexandra fiel ihm um den Hals, die missbilligenden Blicke einiger vorbeieilender Leute interessierten sie nicht im Geringsten.

„Oh Gott, ich bin so froh, dass du wieder da bist“, flüsterte sie an seinem Ohr.

„Ich war die ganze Zeit da“, gab Chris zurück und drückte sie fest an sich. „Ich brauchte nur ein Time-out, um in meinem Kopf wieder alles auf die Reihe zu kriegen.“

„Wo warst du denn? Und was macht Detective Miller mit diesem kleinen Mistkerl?“ Alexandra lehnte sich ein wenig zurück und musterte Chris forschend. Der lächelte müde.

„Ich war in dem Garten im Innenhof. Und…die Gerichtsverhandlung ist jetzt gelaufen…“

„Nein, Jack hat immer noch eine Chance…“

„Das meine ich nicht“, unterbrach Chris sie. „Allington ist auch in den Garten gekommen. Er hat mit mir geredet und mir dann „anvertraut“, dass er gelogen hat. Pech für ihn, dass ihm ein Reporter gefolgt ist. Und dem Reporter ist Detective Miller gefolgt.“

„Und… was heißt das jetzt?“ fragte Alexandra gespannt.

„Der Reporter hat ein Video gedreht, auf dem alles drauf ist. Detective Miller hat unseren Streit auch gehört. Und das Video will er jetzt dem Richter vorspielen.“

In Alexandras Kopf schwirrte es. Zu ihrer Sorge um Chris war auch die Sorge um Jack gekommen. Chris’ Verhalten hatte ein denkbar schlechtes Licht auf seinen ehemaligen Bewährungshelfer geworfen. Sie hatte sich gefragt, wie um alles in der Welt Jacks Unschuld jetzt noch bewiesen werden konnte, jeder Erklärungsversuch seitens der Verteidigung wäre nur noch als lahme und unglaubwürdige Entschuldigung erschienen.

Allington hatte sich also selbst die Grube geschaufelt. Alexandra hätte sich jetzt freuen sollen, doch ihr war nicht nach Jubeln zumute. Chris hatte zuviel dafür durchmachen müssen, ihm war deutlich anzusehen, wie erschöpft er war.
Sie ergriff Chris’ Hand.

„Komm, gehen wir rauf und bringen den Rest auch noch hinter uns“, sagte sie leise. „Und dann nichts wie ab nach Hause.“


 

Teil 78

 

 „Okay, Jack, würdest du mir jetzt bitte erklären, was du dir dabei gedacht hast, sämtliche Vorschriften zu ignorieren und O’Connors Selbstmordversuch nicht zu melden?“ donnerte Kendall.

Jack, Alexandra und Chris saßen gemeinsam in Kendalls Büro. Nachdem Jacks Vorgesetzter nach der Verhandlung Ohrenzeuge geworden war, wie Sam Jack heruntergeputzt hatte, weil er ihr Chris’ Selbstmordversuch verschwiegen hatte, hatte er Jack und Chris unmissverständlich aufgefordert, sofort in eben dieses Büro zu kommen, um gewisse Dinge zu besprechen. Alexandra hatte darauf bestanden, die beiden zu begleiten, weil sie es gewesen war, die Jack ursprünglich gebeten hatte, zu schweigen. Und weil sie Chris dabei nicht alleine lassen wollte.

„Leroy, ich hab das nicht unüberlegt getan“, erklärte Jack, der versuchte, seiner Stimme einen besänftigenden Klang zu geben.

„Warum ich so gehandelt habe, das kannst du dir selbst denken.“

Er machte eine Pause.

Kendall nickte und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück.

„Du hättest es wenigstens mit mir besprechen müssen“, grollte er. „Diese Vorschriften gibt es nicht zum Spaß. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder sie nach seinem Gutdünken auslegt.“

Dann beugte er sich wieder nach vorne und sah Jack eindringlich an.

„Die Sache ist jetzt öffentlich gemacht worden. Das heißt, sie wird Konsequenzen haben müssen.“

„Was für Konsequenzen?“ mischte sich Alexandra ein.

Sie spürte, wie Chris sich neben ihr auf seinem Stuhl versteifte und hoffte, dass sie mit ihrer Vermutung, dass diese Konsequenzen auch ihn betrafen, nicht richtig lag.

Kendall richtete seine Aufmerksamkeit auf sie, wobei sein Blick auch Chris streifte.

„Ich werde das anordnen müssen, was Jack unterlassen hat. Chris wird sich in einer psychiatrischen Anstalt untersuchen…“

„Nein!“

Alex fuhr zu Chris herum, der die Armlehnen seines Stuhles so fest umklammerte, dass seine Handknöchel weiß hervortraten.

Mit entsetzt aufgerissenen Augen starrte er Kendall an und schüttelte wild den Kopf.

„Ich geh in keine Anstalt. Das ist fast so schlimm wie zurück ins Gefängnis zu müssen. Eher bring ich mich wirklich um…“

Alexandra konnte kaum glauben, was sie da hörte. Was um alles in der Welt redete er da? Damit machte er doch alles nur noch schlimmer, er würde Kendall nur in seiner Überzeugung bestätigen, dass dieser Schritt nötig war.

Sie musste ihn zur Vernunft bringen, und zwar schnell. Doch hier drin im Büro ging das nicht.

Entschlossen stand Alexandra auf und packte Chris am Arm, um ihn hochzuziehen.

„Bitte entschuldigen Sie uns einen Moment“, sagte sie zu Kendall, der sie überrascht ansah.

Dann zog sie Chris mit sich nach draußen auf den Flur, wo dieser sich mit gesenktem Kopf an die Wand lehnte.

„Sag mal, spinnst du?“ explodierte Alexandra, wobei sie sich allerdings bemühte, ihre Stimme zu dämpfen. Es musste ja nicht der ganze Flur mitbekommen, was sie zu sagen hatte.

„Wie kannst du nur so einen Quatsch reden? Jetzt glaubt dieser Kendall doch erst recht, dass das nötig ist. Jack und ich hätten ihm die Idee schon ausgeredet, immerhin machst du eine Therapie. Was also hast du dir da nur dabei gedacht? Verflixt Chris, ich spreche mit dir, sieh mich bitte an!“

Als Chris endlich den Kopf hob, verflog Alexandras Wut schlagartig. Seine schokoladenbraunen Augen schwammen in Tränen.

„Hey, komm schon, wir biegen das schon wieder hin“, sagte sie und strich ihm sanft über die Wange. „Bitte red nie wieder davon, dass du dich umbringen willst“, fügte sie leise hinzu.

„Alex…ich…ich kann einfach nicht mehr, ich will nach Hause“, brach es aus Chris heraus. „Ich will raus hier, weg von diesem ganzen Mist. Ich will heim, was ganz Normales machen, mit dir vor dem Fernseher abhängen oder mit Charlie spielen…Bitte Alex, lass uns gehen…“

Die Tränen liefen Chris inzwischen ungehindert über’s Gesicht und er begann zu schluchzen.

„Ich kann nicht in so eine Anstalt, ich hab solche Angst, dass ich da irgendwas Dummes mache und dass sie mich dann nicht mehr raus lassen…“ weinte er.

Alexandra wusste im ersten Moment nicht, was sie sagen sollte, wie sie Chris trösten sollte. Er hatte vorhin doch noch relativ ruhig gewirkt. Eigentlich hatte sie gehofft, nein, gebetet, dass er den heutigen Tag einigermaßen unbeschadet überstanden hatte, doch wieder einmal hatte er ihr nur bewiesen, was für ein großartiger Schauspieler er sein konnte. Sein Inneres mochte ein einziger großer Scherbenhaufen sein und doch war er in der Lage, sich den Anschein zu geben, als wäre alles in Ordnung.

Alexandra tat das einzige, was ihr in dieser Situation einfiel. Sie zog Chris in die Arme und hielt ihn ganz fest. Dabei spürte sie, wie sehr er zitterte.

„Schhhh, Baby, nicht weinen. Das kriegen wir wieder hin“, flüsterte sie, während Chris sich fast schmerzhaft an sie klammerte und mit aller Kraft versuchte, sein Schluchzen zu unterdrücken.

Zwei Angestellte kamen aus einem benachbarten Büro und musterten sie im Vorbeigehen erstaunt.

Es dauerte ein, zwei Minuten, bis Chris sich einigermaßen gefangen hatte und Alexandra verlegen ein Stück von sich weg schob.

„Geht schon wieder“, schniefte er und fuhr sich mit dem Jackenärmel über das Gesicht. Da Leder jedoch nicht sehr saugfähig war, hatte er nicht viel Erfolg mit dem Versuch, sich die Tränen abzuwischen.

Alexandra ließ ihn los und begann, in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch zu kramen. Wenigstens damit konnte sie ihm helfen.

„Hier.“

Dankbar ergriff Chris das Papiertaschentuch und schnäuzte sich. Er wich Alexandras Blick aus, als diese ihn forschend betrachtete.

„Alles wieder einigermaßen im grünen Bereich?“ erkundigte sie sich besorgt.

Als Chris nickte, atmete sie erleichtert auf.

„Okay, wir gehen da jetzt wieder rein und sprechen mit diesem Kendall noch Mal in aller Ruhe über alles. Ohne Aufstand und ohne Drohungen.“

Als Chris den Mund öffnete, um zu widersprechen, hob Alexandra warnend die Hand.

„Chris, ich weiß, dass du nicht mehr kannst, dass dir das alles heute über den Kopf gewachsen ist, aber jetzt einfach ohne Erklärung abzuhauen, würde die ganze Sache nur noch verschlimmern. Ich glaub, Kendall ist jemand, mit dem man reden kann. Einen Versuch ist es doch wert, oder etwa nicht?“

Es vergingen einige Sekunden, in denen Chris schweigend vor sich auf den Boden starrte. Dann hob er den Kopf.

„Ja, du hast recht…mal wieder“, antwortete er mit einem leicht missglückten Lächeln. „Aber…was ist, wenn er darauf besteht, dass ich…“

„Dann werden wir eine Möglichkeit finden, um damit umzugehen“, entgegnete Alexandra fest. „Die Welt geht deshalb nicht unter und es ist kein Grund, sich umzubringen, hast du gehört?“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr vorhin im Büro fast das Herz stehen geblieben war, als sie Chris diesen Satz hatte sagen hören. Sie hatte gehofft, nein, war überzeugt gewesen, dass er keinen Gedanken mehr daran verschwenden würde, außer jemand würde ihn tatsächlich wieder ins Gefängnis schicken wollen. Und das würde sie niemals zulassen.

„Tut mir leid“, flüsterte Chris. „Ich…ich hab das nicht so gemeint, ich war nur…“

„Ich weiß“, unterbrach ihn Alexandra. „Das alles muss heute furchtbar für dich gewesen sein. Und darum gehen wir jetzt wieder rein und machen diesem Kendall klar, dass es überflüssig ist, dich zur Untersuchung in eine psychiatrische Klinik zu schicken, weil du nämlich schon eine weltklasse Psychologin hast. Und dann fahren wir auf dem schnellsten Weg nach Hause. Okay?“

„Okay.“

Das tapfere, kleine Lächeln, das Chris ihr schenkte, trieb Alexandra fast selbst die Tränen in die Augen. Wie brachte er es nur immer wieder fertig, sich letzten Endes doch nicht unterkriegen zu lassen? Sie selbst war sich überhaupt nicht sicher, ob sie an seiner Stelle noch hier wäre…

 

 

Teil 79

 

 „Leroy…lass den Jungen da raus“, sagte Jack, nachdem sich die Tür hinter Alexandra und Chris geschlossen hatte.

Er war unendlich erleichtert, dass seine Unschuld, wenn auch etwas spektakulär, vor Gericht bewiesen worden war. Und er war Chris zutiefst dankbar, auch wenn es anfangs so ausgesehen hatte, als würde ausgerechnet er der ausschlaggebende Grund für seine Verurteilung werden.

„Jack, das kann ich nicht“, entgegnete sein Vorgesetzter. „Ich kann das nicht so einfach ignorieren. Damit würde ich mich unglaubwürdig machen. Außerdem hast du ihn gerade gehört. Er scheint ziemlich labil zu sein.“

Jack seufzte und rieb sich über die Stirn.

„Hör zu…es ist nicht so, dass ich ihn einfach so hab davonkommen lassen. Ich hab ihn nur vor die Wahl gestellt, entweder Therapie oder Anstalt. Er hat sich für die Therapie entschieden und geht zweimal die Woche zu einer Psychologin – mit sehr gutem Erfolg, wie Alex mir erzählt hat. Schmeiß mich raus, schick mich zum Aktenabstauben ins Archiv, aber erspar Chris diese Untersuchung in einer psychiatrischen Klinik. Du weißt doch auch, wie’s dort zugeht. Und außerdem…sieh dir mal seine Akte an. Er war dreieinhalb Jahre in San Quentin. Was glaubst du wohl, wie’s ihm dort ergangen ist?“

„Jack, du willst mir da eine ganz schöne Verantwortung aufhalsen. Was ist, wenn der Junge doch noch durchdreht, während er Bewährung hat? Was denkst du, wie ich dann dastehe?“

Jack rieb sich über die Stirn und verfluchte Chris’ unbedachte Äußerung. Irgendwie musste er Kendall davon überzeugen, dass er für niemanden eine Bedrohung darstellte.

„Hör zu, Chris wird nicht durchdrehen. Er hat Menschen, die ihm helfen, die für ihn da sind. Im Moment staucht Alex ihn da draußen wahrscheinlich gehörig zusammen, weil er so einen Unsinn dahergeredet hat. Und eines sag ich dir, vor ihr willst du dich nicht rechtfertigen müssen, wenn mit ihm irgendwas passiert, weil du ihn in so eine Anstalt geschickt hast. Eine wütende Bärenmutter ist kein Vergleich zu Alex, wenn es um Chris geht.“

Kendall zog die Augenbrauen hoch bis fast zum Haaransatz und sah Jack überrascht an.

„Ich dachte, Doktor Hastings wäre seine Arbeitgeberin?“

Jack sog scharf die Luft ein. Eigentlich hatte er seinem Vorgesetzten davon nichts erzählen wollen, schließlich war das die Privatangelegenheit seiner Freunde, doch wenn er es sich recht überlegte, dann konnte es sich nur positiv auf dessen Entscheidung auswirken, was denn nun mit Chris geschehen sollte, wenn er erfuhr, dass dieser einen Menschen hatte, der ihm bedingungslosen Rückhalt bot. Immerhin war Chris Vollwaise und hatte keine Familie mehr.

„Ja, das ist sie auch, aber die beiden sind...nun ja...zusammen…“

„Nun…das verblüfft mich jetzt…Ist er nicht ein wenig jung für sie? Doktor Hastings ist eine erwachsene Frau, kein junges Ding.“ Das Erstaunen war deutlich aus Kendall’s Stimme herauszuhören.

„Es mag für einen Außenstehenden vielleicht so aussehen, als würden sie überhaupt nicht zusammenpassen, aber irgendwie funktioniert es. Für mich war es auch eine ziemliche Überraschung, als ich es herausgefunden habe, das kannst du mir glauben. Komm schon, Leroy, gib Chris eine Chance, ich bin sicher, er wird dich nicht enttäuschen.“

Beschwörend sah Jack seinen Vorgesetzten an.

Der hatte begonnen, mit einem Kugelschreiber auf seiner Schreibtischunterlage herumzutrommeln und starrte nachdenklich vor sich hin. Dann richtete er seinen Blick wieder auf Jack.

„Wieso hast du eigentlich so großes Interesse an dem Jungen?“ fragte Kendall. „Ich weiß, dass du dich für deine Leute mehr einsetzt als mancher hier, aber das hier geht über berufliches Engagement hinaus, finde ich.“

Jack richtete sich auf.

„Damit willst du wohl andeuten, dass ich auch ein gewisses…privates Interesse an ihm habe, nicht wahr? Ich hab mich schon gefragt, wann das kommt. Danke, dass du es wenigstens nicht vor Chris zur Sprache gebracht hast“, entgegnete er ironisch.

„Jack, tut mir leid, aber… du musst zugeben, dass die Überlegung eine gewisse Berechtigung hat.“

Jack stand auf und ging hinüber zum Fenster. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Ausblick auf den kleinen Park. Dahinter war die Skyline des Civic Centers zu sehen, mit diesem charakteristischen spitzen Wolkenkratzer.

Wenn er ehrlich war, dann konnte er Leroy keinen Vorwurf machen. Dieser hatte nur offen ausgesprochen, was andere sich denken und hinter vorgehaltener Hand flüstern mochten. Einer der Gründe, warum er immer penibel darauf geachtet hatte, dass keiner in seinem beruflichen Umfeld von seiner Homosexualität erfuhr, war der gewesen, dass man ihm genau so etwas unterstellen konnte, wenn er sich um einen seiner Leute etwas intensiver bemühte. Aber Leroy hatte Unrecht.

Jack drehte sich um.

„Ich mag Chris, das gebe ich zu. Aber ich habe keinerlei…sexuelles Interesse an ihm. Er ist…“ er lachte verlegen, „er ist absolut nicht mein Typ. Ich hab nur von Anfang an gemerkt, dass mehr in ihm steckt, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Und dass er Einiges durchgemacht hat. Wer schickt schon einen knapp Siebzehnjährigen nach San Quentin…“

Jack schüttelte den Kopf.

„Soweit ich weiß, hat er in der ganzen Zeit keinen Tropfen Alkohol angerührt, geschweige denn Drogen genommen. Er raucht ja nicht mal“, fuhr er fort. „Dieser Selbstmordversuch damals war eine Kurzschlussreaktion. Er hat niemanden damit gefährdet, außer sich selbst natürlich. Das vorhin…ich glaub nicht, dass er das wirklich ernst gemeint hat. Nach dem, was heute los war, ist es kein Wunder, dass ihm die Nerven durchgegangen sind. Leroy, bitte lass ihn in Ruhe.“

Kendall schwieg eine ganze Weile und Jack begann zu hoffen, dass seine Worte auf fruchtbaren Boden gefallen waren. Sein Vorgesetzter war in der Regel ein strenger, aber fairer Mensch und vernünftigen Argumenten durchaus zugänglich.

„Also gut“, gab Kendall schließlich nach. „Gib mir die Adresse und die Telefonnummer von dieser Psychologin, ich setze mich mit mir in Verbindung. Ich möchte erst mit ihr reden, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Wenn ihr Urteil gut ausfällt, dann lasse ich wegen dieser Sache mit der Anstalt noch Mal mit mir reden.“

Jack stieß den Atem wieder aus, den er unbewusst angehalten hatte. Dass diese Doktor Winslow Chris positiv beurteilen würde, daran hegte er nicht den geringsten Zweifel.

„Danke“, sagte er schlicht. „Ich hab die Adresse in meinem Büro…wenn es denn noch mein Büro ist.“

Jack konnte nicht genau definieren, worauf er hoffte. Er liebte seinen Job, wollte ihn eigentlich nicht verlieren, aber er hatte gleichzeitig Angst vor den abschätzigen Blicken und vor dem unvermeidlichen Getuschel hinter seinem Rücken, das ihn verfolgen würde. Und er hatte Angst vor den Reaktionen der Männer, die er betreut hatte.

Kendall faltete seine Hände vor sich auf dem Schreibtisch.

„Jack, ich würde dir liebend gern deinen alten Job zurückgeben…trotz deiner Verfehlung in dieser Sache“, er lächelte leicht, „aber…ich stehe vor dem Problem, dass Allington nicht der Einzige bleiben könnte, der auf eine derartige Idee kommt. Es macht dich einfach angreifbar. Verstehst du?“

Jack senkte den Kopf und nickte. Wieder ein Grund, warum er seine sexuelle Orientierung geheim gehalten hatte.

„Ich verstehe“, sagte er leise. „Dann ist es wohl am Besten, wenn ich meine Kündigung einreiche, nicht wahr?“

„Das habe ich nicht gemeint“, widersprach Kendall schnell. „Ich hatte eher daran gedacht, dich zu versetzen, irgendwohin in die Sachbearbeitung.“

Jack schwieg. Er war niemand, dem es Spaß machte, Akten zu wälzen. Als er vorhin zu Kendall gesagt hatte, er solle ihn zum Aktenabstauben in’s Archiv schicken, war das nicht ganz ernst gemeint gewesen. Er würde diese Versetzung zwar akzeptieren, was blieb ihm schon anderes übrig, aber er würde sich nach einem anderen Job umsehen. Zuerst würde er ein wenig Gras über die Sache mit Allington wachsen lassen, aber dann würde ihn hier nichts mehr halten.

„In Ordnung“, sagte er langsam. „Das werde ich wohl so hinnehmen müssen.“

Kendall öffnete den Mund, wahrscheinlich, um sich nochmals zu entschuldigen, wurde jedoch von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.

„Herein“, rief er.

Die Tür ging auf und Alexandra trat ein, gefolgt von Chris, dessen Augen verräterisch gerötet waren. Wenigstens ihm hatte er helfen können, dachte Jack.

„Entschuldigung, Mr. Kendall“, begann Alexandra. „Wir, das heißt Chris, wollten noch einmal mit Ihnen wegen dieser Sache mit dieser Anstalt reden. Chris ist im Moment in Therapie bei einer sehr guten Psychologin, es wäre bestimmt nicht ratsam, ihn da jetzt rauszureißen. Sehen Sie, er hat das vorhin nicht so gemeint. Ich hab ihm deswegen schon den Kopf zurechtgesetzt. Das alles war heute nur einfach furchtbar anstrengend und nervenaufreibend für ihn. Sie…Sie können doch nicht einfach wegen irgendwelcher idiotischen Vorschriften alles zunichte machen wollen, was Doktor Winslow in den vergangenen Monaten erreicht hat. So uneinsichtig kann doch niemand sein!“

Jack musste sich abwenden, um das Grinsen zu verbergen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete. Wenigstens hatte er seinen Humor nicht verloren, wenn schon sein guter Ruf und sein Job dahin waren.

Alexandra hatte es zwar nicht ausgesprochen, aber Jack kannte sie gut genug, um zu wissen, was sie am liebsten noch angefügt hätte. ‚Nicht einmal ein Mann’, den Satz hatte sie sich mit Sicherheit verkneifen müssen.

Die hohe Kunst der Diplomatie war nicht gerade eine Stärke von Alexandra. Direkt bis zum Geht-nicht-mehr. Zum Glück hatte er Leroy bereits überreden können, Chris vom Angelhaken zu lassen, für den Moment jedenfalls.

Kendall schien sich leicht überrollt zu fühlen, denn er starrte die junge Frau einen Moment lang mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Miss Hastings, ich versichere Ihnen…“

„Ich will keine Versicherung hören, dass Chris in der Psychiatrie nichts passieren wird, darauf haben Sie doch gar keinen Einfluss. Halten Sie mich bitte nicht für blöd, nur weil ich blond und eine Frau bin“, entgegnete Alexandra heftig. „Ich appelliere hier nicht an…an Ihre verdammten Vorschriften, sondern an Ihren gesunden Menschenverstand und Ihr Mitgefühl, Mr. Kendall.“

„Ähm, Miss Hastings, ich…“

Jack hielt es für angebracht, an dieser Stelle einzugreifen, da Alexandra bereits wieder dazu ansetzte, seinem Vorgesetzten das Wort abzuschneiden. Leroy hatte zwar Geduld, aber auch nicht unbegrenzt.

„Stopp, Alex, lass auch mal jemand anderen zu Wort kommen, okay?“ warf er mit einer Stimme ein, die keinen Widerspruch duldete.

„Danke, Jack“, sagte Kendall ironisch. Dann wandte er sich Alexandra zu, die wirklich im Moment den Mund hielt. Jack gratulierte sich insgeheim, er war sich nicht sicher gewesen, ob er tatsächlich Erfolg haben würde.

„Miss Hastings, die Angelegenheit habe ich mit Jack bereits geklärt. Ich werde bei dieser Doktor Winslow ein Gutachten anfordern, wenn das positiv ausfällt, dann ist die Sache vom Tisch. Findet das Ihre Zustimmung?“

Der sarkastische Ton, in dem diese Frage vorgebracht wurde, ließ Alexandra fast unmerklich zusammenzucken. Sie warf Jack einen überraschten Blick zu.

„Du hast Mr. Kendall schon alles erklärt?“ fragte sie.
„Habe ich“, nickte Jack. „Und er war vernünftigen Argumenten durchaus zugänglich“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

Alexandra wandte sich wieder an Kendall.

„Oh…, dann sollte ich mich wohl entschuldigen, ich war vorhin ein wenig…forsch“, sagte sie verlegen.

Kendall winkte ab.

„Schon gut“, entgegnete er besänftigt. „Ich brauche jetzt nur noch eine Unterschrift von Chris, mit der er diese Psychologin von ihrer Schweigepflicht entbindet.“


 

Teil 80

 

Alexandra seufzte erleichtert, als sie das Telefon zurück auf den Küchentisch legte. Sie hatte gerade mit Mary Jo gesprochen, die ausführlich hatte wissen wollen, wie die Verhandlung heute gelaufen war. In ihre Neugier hatte sich auch Sorge um Chris gemischt, die Alexandra weitestgehend zerstreut hatte. Es war nicht ganz die Wahrheit gewesen, aber sie wollte nicht, dass Mary Jo morgen hier auftauchte und anfing, Chris zu bedauern und aufzumuntern. Dafür wäre er ihr wohl wenig dankbar gewesen.

Zuvor hatte sie Julie, die wie auf glühenden Kohlen auf sie gewartet hatte, von der Gerichtsverhandlung erzählen müssen. Sie hatte ihre Freundin zwar auf dem Weg zum Gebäude der Bewährungsbehörde angerufen und ihr Bescheid gesagt, dass es noch ein wenig dauern würde, bis sie nach Hause kämen und Julie bei der Gelegenheit über Jacks Freispruch informiert, aber für eine ausführliche Schilderung hatte sie keine Zeit gehabt. Außerdem war Alexandra in Gedanken schon bei dem bevorstehenden Gespräch mit Kendall und dessen Ausgang gewesen.

Chris war sofort nach ihrer Ankunft nach oben verschwunden, er hatte nur kurz Julie begrüßt und sich von ihr umarmen lassen. Ein paar Minuten später hatte Alexandra das Wasser der Dusche rauschen hören.

Julie hatte sich gerade verabschiedet und war in ihr Auto eingestiegen, allerdings mit der Bitte, sie so schnell nicht wieder als Charlie-Babysitter einzuspannen, als das Telefon geläutet hatte. Alexandra hatte erst vermutet, dass es Mary Jo wäre, die Frau hatte manchmal telepathische Fähigkeiten, doch am anderen Ende der Leitung war Doktor Winslow gewesen.

Alexandra hatte die Gelegenheit gleich genutzt, sie von Kendalls bevorstehenden Anruf in Kenntnis zu setzen. Als die Psychologin erfuhr, dass Chris aus dem Gerichtssaal gerannt war, war sie entsetzt.

„Mein Gott, und ich hab dem Jungen noch gesagt, er solle sich keine Sorgen machen, er würde es schaffen“, sagte sie bestürzt.

„Das hab ich auch, aber…wir haben ihn wohl beide falsch eingeschätzt. Er kann sich ziemlich gut verstellen, wenn er will“, entgegnete Alexandra. „Manchmal ist es einfach unheimlich schwierig, zu erraten, was wirklich in ihm vorgeht. Und, ganz ehrlich…dieser Staatsanwalt war mehr als mies.“

„Wie meinen Sie das?“

„Er hat Chris Dinge unterstellt, verschleierte Andeutungen gemacht…Es war eigentlich kein Wunder, dass er ausgerastet ist. Und später….“

Alexandra machte eine Pause. Sollte sie Doktor Winslow erzählen, was Chris in Kendalls Büro gesagt hatte? Sie war seine Therapeutin und Kendall würde sie vermutlich sowieso darauf ansprechen, also war ihr die Entscheidung eigentlich schon abgenommen worden.

„Die Sache mit seinem versuchten Suizid ist raus gekommen, fragen Sie mich nicht, wie. Jedenfalls wollte Jacks Vorgesetzter das nicht einfach so stehen lassen, sondern Chris jetzt zur Untersuchung in die Psychiatrie einweisen lassen. Da hat Chris mit Selbstmord gedroht, wenn er das wirklich tun würde…“

Alexandra hörte ein lautes Seufzen.

„Mein Gott, wie konnte ich mich nur so irren“, sagte die Psychologin. „Haben Sie mit ihm darüber geredet?“

„Ja…er hat mir erklärt, dass er es nicht ernst gemeint hätte…und das glaube ich ihm sogar. Er ist einfach völlig am Ende. Wenn Sie dieses Verhör miterlebt hätten, dann könnten Sie das auch verstehen.“

„Hm…nun, ich werde ja nächste Woche mit ihm darüber sprechen können…Aber das mit dieser Untersuchung hat sich jetzt erledigt, nicht wahr?“

„Ja, Gott-sei-Dank war Jacks Boss nicht so ein sturer Paragraphenreiter. Darum wird er sich nächste Woche mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Danach verabschiedete sich Doktor Winslow, nicht ohne Alexandra zu versichern, dass sie sie jederzeit anrufen könne, sollte sie wegen Chris ihre Hilfe benötigen und dass sie, wenn Kendall sich mit ihr in Verbindung setzen würde, diesem eindeutig klar machen würde, dass eine psychiatrische Untersuchung völlig unnötig und sogar schädlich wäre.

Alexandra war erleichtert gewesen und hatte sich für das Angebot bedankt, immerhin hatte sie keine Ahnung, wie schwer Chris die ganze Sache wirklich genommen hatte und wie schnell er sich wieder fangen würde.

Alexandra sah auf die Uhr. Sie waren vor etwa zwei Stunden nach Hause gekommen. Seitdem hatte sie eigentlich nichts anderes getan, als geredet und geredet. Noch nicht einmal ihren Anrufbeantworter hatte sie abgehört.

Es waren jedoch nur ein paar belanglose Nachrichten darauf, nichts Wichtiges, dass sie sofort hätte erledigen müssen, also konnte sie ebenfalls endlich nach oben gehen.

Aus dem kleinen Wohnzimmer drang das Geräusch eines laufenden Fernsehers. Wenigstens hatte Chris sich nicht ins Bett verkrochen, um still vor sich hin zu leiden, sondern versuchte, sich abzulenken und in die Normalität zurückzukehren.

Nachdem sie sich umgezogen hatte, beschloss sie, Chris Gesellschaft zu leisten. Was hatte er gesagt? ‚Ich will was ganz Normales machen, mit dir vor dem Fernseher abhängen oder mit Charlie spielen’:

Leise öffnete sie die Tür und spähte hinein. Chris lag, in eine Wolldecke gewickelt, auf dem Sofa, neben sich hatte er Charlie liegen und spielte mit dessen Ohren. In der anderen Hand hielt er die Fernbedienung und zappte sämtliche Programme durch.

Alexandra trat ein und Charlie, der sie als Erster bemerkte, hüpfte schnell vom Sofa herunter. Er wusste genau, dass ihn jetzt eine Standpauke erwartete, denn er trottete mit schuldbewusst gesenktem Kopf zu Alexandra und leckte ihr die Hand. Dabei winselte er verzeihungheischend.

„Schimpf nicht mit ihm, ich hab ihn zu mir raufgeholt“, bat Chris und legte die Fernbedienung zur Seite.

„Chris, du weißt doch…“

„Ja…aber…ich hab einfach jemanden zum Kuscheln gebraucht“, entgegnete er leise und senkte die Augenlieder. „Und Charlie war halt der Einzige, der da war…“
Verlegen zupfte er ein paar Wollflusen von der Decke weg.

Alexandras leichter Anflug von Ärger verschwand so schnell, wie er gekommen war. Hundehaare konnte man vom Sofa wegbürsten, eigentlich ging’s ihr ja sowieso mehr ums Prinzip. Und dass Chris zugeben konnte, dass er die Nähe des Hundes gebraucht hatte, das fand sie irgendwie…süß. Auch wenn sie es ihm nie ins Gesicht gesagt hätte.

„Und jetzt?“ erkundigte sich Alexandra sanft.

Chris sah auf.

„Kommst du ein bisschen her?“ fragte Chris schüchtern und hob die Decke ein wenig an.

Alexandra lächelte und folgte seiner Aufforderung. Zuvor machte sie jedoch den Fernseher aus. Chris rutschte noch etwas nach hinten zur Rückenlehne, um ihr mehr Platz zu machen, dann wickelte er die Decke um sie beide.

Alexandra stützte sich mit dem Ellbogen auf und betrachtete Chris forschend.

„Geht’s dir jetzt wieder etwas besser?“

„Mhm.“

Das war die einzige Antwort, die sie zu hören bekam.

„Doktor Winslow hat vorhin angerufen, sie wollte wissen, wie’s gelaufen ist.“

Alexandra machte eine Pause, um Chris die Gelegenheit zu geben, sich dazu zu äußern. Doch er schwieg und sah zur Seite.

„Ich hab’s ihr erzählt und…sie macht sich Vorwürfe, dass sie nicht gemerkt hat, dass dich das so tief reinreißen würde. Und mir geht’s, ehrlich gesagt, genauso…“

„Nein…das ist Unsinn“, entgegnete Chris heftig und setzte sich auf. „Ich hatte zwar furchtbare Angst und hab gefürchtet, dass so was passieren könnte…aber ich hätte ja auch was sagen können…“

Wo er Recht hatte, da hatte er Recht, die Logik dieser Aussage mochte Alexandra nicht bestreiten. Trotzdem fühlte sie sich schuldig.

„Vielleicht…“ sagte sie nur. „Auf jeden Fall wird sie mit Kendall reden und ihn überzeugen, dass mit dir soweit alles in Ordnung ist. Also ist das Problem auch aus der Welt geschafft.“

Chris stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

„Gott sei Dank. Ich …ich will einfach nicht weg von dir“, gab er zu. „Auch wenn es vielleicht nur für ein paar Tage wäre. Aber die Vorstellung, wieder irgendwo eingesperrt zu sein, nicht raus zu dürfen…“ Er schauderte sichtlich.

Alexandra streckte die Hand aus und strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie verstand, was er meinte. Sie mochte sich auch nicht vorstellen, wie es wäre, wieder allein in ihrem Bett zu liegen, allein aufzuwachen, allein zu frühstücken…Das Haus würde ihr ohne Chris so leer und bedrückend vorkommen, auch wenn sie wüsste, dass er nur einige Tage weg sein würde.

Über die Folgen für sein ohnehin im Moment angespanntes Seelenleben wollte sie erst recht nicht nachdenken. Es würde sowieso wohl einige Zeit dauern, bis Chris die heutige Erfahrung weggesteckt haben würde.

„Na ja, das hat sich ja erledigt. Chris, da ist noch etwas…möchtest du mit mir reden…wegen heute?“

Alexandra hielt die Luft an. War er in einer seiner verschlossenen Phasen oder würde er sich ihr öffnen?

Chris sah sie lange an, dabei kaute er auf seiner Unterlippe herum. Sie dachte schon, dass er ablehnen, sich in sein Schneckenhaus zurückziehen würde, doch dann begann er zu sprechen.

„Weißt du…als ich da draußen gewartet hab, da hat sich in meinem Kopf irgendwie die Zeit zurückgedreht. Ich war halb hier und halb damals in der Vergangenheit, vor meiner eigenen Verhandlung…die ganze Warterei…der Geruch, alles hat mich irgendwie daran erinnert. Nur…nur etwas war anders…“

Chris schluckte, seine Augen begannen verräterisch zu glitzern.

„Was?“ fragte Alexandra leise und legte ihm die Hand auf die Wange. Chris lehnte sich wie schutzsuchend in diese Berührung.

„Ich…hab genau gewusst, was passieren würde, angefangen vom Urteil, bis zu allem, was in diesen dreieinhalb Jahren auf mich zukommen würde. Alex, es war so furchtbar, ich wusste, dass es nicht real war, aber trotzdem…“

Krampfhaft schluckte Chris nochmals, um die Tränen zu unterdrücken.

„Verdammt, ich wusste, ich hätte mit dir draußen warten sollen“, flüsterte Alexandra. „Oh Gott, Baby, es tut mir so leid.“

Sie zog Chris, der mit aller Macht um seine Fassung rang, in ihre Arme. Hier, im Schutz ihrer eigenen vier Wände, war es egal, ob er sich ausheulte, heute Nachmittag hätte ein Zusammenbruch möglicherweise bewirkt, dass Kendall vielleicht doch noch seine Meinung geändert hätte.

Doch Chris begann nicht zu weinen. Er zitterte nur und schmiegte sich eng an sie, fast so, als wollte er mit ihr verschmelzen. Beruhigend strich Alexandra ihm über den Rücken.

„Es ist vorbei, Chris, alles ist vorbei“, sagte sie immer wieder, bis er ruhiger wurde und schließlich still in ihren Armen lag

Minutenlang waren nur ihrer beider Atemzüge zu hören. Charlie hatte sich verzogen, vermutlich war er heilfroh, einer Standpauke entgangen zu sein und wollte sein Glück nicht auf die Probe stellen.

Dann bewegte sich Chris plötzlich und lehnte sich ein Stück zurück.

„Es war besser, dass du mit im Gerichtsaal warst“, erklärte er leise, aber bestimmt. „Ich glaub, sonst wär ich schon viel früher abgehauen. Zum Schluss konnte ich aber einfach nicht mehr, dieser Typ hat mich mit seinen Unterstellungen einfach fertig gemacht. Und das Schlimmste war, ich wusste genau, dass in dem Moment jeder denken musste, dass das, was der Staatsanwalt da daherquatschte, stimmen würde. Aber…es ging einfach nicht mehr…“

„Das verstehe ich…“ erwiderte Alexandra. „Aber zum Glück hast du Allington dazu gebracht, dass er die Wahrheit ausplaudert. In Gegenwart von Zeugen.“

Chris schnaubte.

„Du hast das Video doch auch gesehen. Dazu musste ich gar nicht viel tun. Der Typ war so von sich selbst überzeugt…“

Ja, Allington hatte sehr selbstsicher gewirkt, so gar nicht verschüchtert wie noch kurz zuvor im Gerichtssaal. Wie es sich herausgestellt hatte, war der Reporter unter den Zuschauern gewesen und war dem jungen Mann unbemerkt gefolgt, als dieser sich in der Pause abgesetzt hatte, die der Richter nach Chris’ Flucht angeordnet hatte, um diesen zu finden und wieder in den Zeugenstand zu bringen.

Dem Reporter wiederum war Detective Miller gefolgt und war so ebenfalls Zeuge dieser so aufschlussreichen Unterhaltung geworden. Dass dieser Reporter das Ganze mit einer Digitalkamera aufgenommen hatte, war pures Glück gewesen. So konnte Allington sich in keinster Weise mehr herausreden. Jetzt hatte er eine Anklage wegen Falschaussage am Hals, die schwerer wog als seine Verstöße gegen seine Bewährungsauflagen.

Vielleicht hätte Alexandra ein wenig Mitleid mit dem jungen Mann verspüren sollen, neben ihr auf dem Sofa lag das beste Beispiel dafür, was ein Gefängnisaufenthalt mit einem Menschen machen konnte, doch sie konnte sich dazu nicht durchringen. Allington Senior würde sämtliche Beziehungen spielen lassen, um seinem Sohn diese Zeit so angenehm wie möglich werden zu lassen – für ihn würde es mit Sicherheit keine Vergewaltigungen unter der Dusche oder in irgendeiner verborgenen Ecke geben. Was bedeutete dagegen schon, für ein oder zwei Jahre eingesperrt zu werden?

„Ja, sein Selbstbewusstsein hat heute einen schweren Schlag erlitten. Sein Vater wird ihn mit Sicherheit gewaltig für seine Dummheit loben“, erwiderte Alexandra sarkastisch.

„Kann nicht sagen, dass mich das großartig kümmert.“

Chris zuckte mit den Schultern.

„Meinst du, ich bekomme jetzt Jack als Bewährungshelfer zurück?“ erkundigte er sich dann hoffnungsvoll.

„Keine Ahnung…Kommt darauf an, was Mr. Kendall mit seinen Konsequenzen noch gemeint hat.“

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann konnte Alexandra sich eigentlich nicht vorstellen, dass Jack wieder in seinen alten Job zurückkehren würde. Jetzt, wo alle über seine Homosexualität Bescheid wussten. Er war zwar freigesprochen und seine Unschuld eindeutig bewiesen worden, aber von so einem Vorwurf blieb immer etwas hängen.

„Ich hab vor dem Gerichtssaal kurz mit Mr. Kendall geredet, bevor ich aufgerufen wurde. Er hat gesagt, sie hätten einen Neuen eingestellt, der bald anfangen würde. Ach ja, und dann hab ich noch ein Kompliment bekommen. Ich bin nur bei Whiteman gelandet, weil ich mich schon so gut zurechtgefunden und angepasst hab, stell dir vor.“

Alexandra sah Chris verwundert an.

„Wie? Die Logik verstehe ich jetzt, ehrlich gesagt, nicht so ganz.“

„Ist doch ganz einfach. Whiteman ist ein Idiot, der einen Heiligen zum Amoklaufen bringen könnte. Also kriegt er anscheinend nur einfache Fälle. Und selbst bei denen verbockt er einiges. Jack hat mir erzählt, dass die Hälfte von Whitemans Leuten wieder im Knast landet, während sie Bewährung haben.“

„Das gibt’s doch gar nicht. Wieso kann man so einen denn nicht wegen Unfähigkeit rauswerfen?“

„Das frage ich mich auch. Aber wahrscheinlich bin ich zu dumm, um das zu begreifen…“

Chris griff nach einer von Alexandra’s Locken und begann damit zu spielen.

„Du bist nicht dumm“, widersprach Alexandra. „Und wenn, dann bin ich es auch, ich verstehe das nämlich auch nicht.“

Für die Bemerkung erntete sie wenigstens ein winziges Lächeln. Vielleicht musste Chris, und damit auch sie selbst, Whiteman ja nicht mehr lange ertragen.

„Chris, versprichst du mir noch was?“ fragte sie nach einer Weile. „Denk nie wieder daran, dich umzubringen, hörst du? Egal, was passiert, wir werden immer eine Lösung finden.“

„Ich hab das heut doch nicht ernst gemeint, ich war nur so aufgeregt“, verteidigte sich Chris. „Alex, ich weiß, dass das nicht gerade klug war, es ist mir einfach rausgerutscht…“

„Du hast mir damit einen Riesenschrecken eingejagt“, sagte Alexandra. „Hey, ich will so was wie damals nie wieder durchmachen.“

Chris senkte den Kopf.

„Das weiß ich. Es tut mir leid“, flüsterte er. „Und ich schwöre dir, dass ich so was nie wieder denken, sagen oder tun werde, außer…“Er brach ab.

Er brauchte den Rest nicht auszusprechen, Alexandra konnte sich auch so denken, was er meinte.

„Wenn irgendjemand dich jemals ins Gefängnis zurückschicken wollte, dann packe ich dich und Charlie ins Auto und wir verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Das schwöre ICH dir“, versprach sie leidenschaftlich.

Und sie meinte es auch so.

Teil 81

 

Als Chris am nächsten Tag erwachte, war es schon später Vormittag, das Bett neben ihm war leer, die Vorhänge noch zugezogen.

In der Nacht war er ein paar Mal schweißgebadet aufgewacht, ein Alptraum hatte den anderen gejagt, am Ende hatte er krampfhaft versucht, sich wach zu halten, um nicht wieder in die Hölle seiner Erinnerungen abzugleiten.

Er war heilfroh gewesen, dass er Alexandra nicht jedes Mal aufgeweckt hatte, hatte sich fast schon überlegt, hinüber ins Wohnzimmer zu gehen, war dann aber doch geblieben, da Alexandras Gegenwart wenigstens die schlimmsten Träume fern zu halten schien.

Chris setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Es war Zeit, aufzustehen, und das Leben nach diesem Tag X, den er zu Recht, wie sich herausgestellt hatte, gefürchtet hatte, zu beginnen.

Nachdem er sich die Zähne geputzt und sich angezogen hatte, ging er nach unten in die Küche, wo Alexandra gerade dabei war, Lebensmittel im Kühlschrank zu verstauen.

„Morgen. Du warst schon einkaufen?“ fragte er erstaunt.

„Hey. Ja, konnte nicht mehr schlafen, da hab ich das gleich erledigt“, antwortete Alexandra und kam zu ihm, um ihm einen Gute-Morgen-Kuss auf den Mund zu geben.

„Mhm, du schmeckst nach Pfefferminz“, grinste sie.

„Hätte ich doch machen können“, entgegnete Chris. „Du hast doch genug zu tun.“

„Ach, du hast noch so schön geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken. Außerdem hab ich sowieso mal wieder ein paar Dinge gebraucht, die du mir nicht hättest besorgen können.“

Alexandras Stimme klang dumpf aus dem kleinen Vorratsraum, in den sie nach ihrer Begrüßung verschwunden war.

„Bringst du mir mal die Tüte, die noch auf dem Küchentisch steht?“

Chris gehorchte. Er wollte besagte Tüte gerade zu Alexandra tragen, als sein Blick auf einen Stapel Zeitungen fiel, der mitten auf dem Tisch lag. Die „San Francisco Tribune“ fiel ihm sofort auf. Für die schrieb doch dieser Reporter, der ihn und Allington gestern gefilmt hatte.

Chris stellte die Tüte mit den Lebensmitteln wieder ab und griff nach der Zeitung. Er wollte wissen, was dieser Presseheini über die Verhandlung und speziell über seine Rolle darin geschrieben hatte.

Die Story stand auf der dritten Seite. Chris sank auf einen Stuhl und begann zu lesen.

„Ex-Sträfling entlarvt Sohn von Baulöwen als Lügner!“

Chris schnaubte verächtlich. Tolle Schlagzeile.

„Was ist los?“ fragte Alexandra und trat hinter ihn.

„Na Klasse, so wollte ich schon immer mal in der Zeitung stehen“, grollte Chris. Er hoffte nur, dass der Reporter in seinem Artikel wenigstens keine Details von seiner wenig rühmlichen Vergangenheit im Gefängnis preisgegeben hatte.

„Hey, da ist sogar ein Bild von dir und Allington drin.“ Alexandra deutete auf ein unscharfes Foto, das am Ende des Artikels platziert war. Zu Chris’ Erleichterung war er darauf nur im Profil zu sehen und kaum zu erkennen. Es musste kurz nach der Verhandlung aufgenommen worden sein, als alle den Gerichtssaal verlassen hatten und er kurze Zeit in der Nähe von Stephen Allington gestanden hatte.

„Der Artikel ist nicht schlimm“, sagte Alexandra. „Der Typ ist sogar ziemlich bei der Wahrheit geblieben, wenn du mich fragst. Und er kann die Allingtons anscheinend nicht leiden.“

Chris antwortete nicht, sondern begann zu lesen.

„Gestern fand der Prozess wegen versuchter Vergewaltigung gegen den Bewährungshelfer Jack S. vor dem Zivilgericht in San Francisco statt. Er war von Stephen Allington, dem einzigen Sohn des bekannten Bauunternehmers Edward Allington, angezeigt worden, weil er den jungen Mann angeblich zu sexuellen Dienstleistungen erpressen wollte. Stephen Allington war wegen mehrerer kleiner Delikte, wie Drogenbesitzes in geringen Mengen und zu schnellen Fahrens zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und Jack S. war ihm als Betreuer zugeteilt worden.
Im Verlauf der Verhandlung versuchte der Staatsanwalt, W. Snyder, ein guter Freund des Vaters des Angeklagten, einen Zeugen der Verteidigung, der ebenfalls von Mr. S. betreut wurde, mit massiv provokanten und diskreminierenden Äußerungen dazu zu bewegen, seinen ehemaligen Bewährungshelfer zu belasten. Chris O. weigerte sich jedoch, auf die Spielchen des Staatsanwaltes einzugehen und verließ während der Vernehmung den Gerichtssaal. In der darauf folgenden Unterbrechung trafen sich Stephen Allington und Chris O. zufällig im Innenhof des Gerichtsgebäudes. Bei dieser Begegnung kam es zu einem Streit, in dessen Verlauf Mr. Allington Junior unverhohlen zugab, Mr. S. fälschlicherweise beschuldigt zu haben. Das Video dieser Unterhaltung wurde dem Gericht umgehend als Beweismaterial zugestellt. Ein zufällig anwesender Polizeibeamter war ebenfalls Zeuge des Geständnisses und dank dieser Umstände konnte Mr. Jack. S. das Gerichtsgebäude als freier Mann verlassen.“


Danach folgte noch eine kurze Passage über das Baumimperium, dass Allington Senior geschaffen hatte. Zwischen den Zeilen war immer wieder deutlich zu lesen, dass der Autor dieser Story der Familie Allington keine großen Sympathien entgegenbrachte. Das wiederum ließ Chris den Reporter fast als ganz patenten Kerl erscheinen.

Alexandra griff nach ihrer Kaffeetasse, die noch auf dem Tisch stand und schenkte sich noch etwas Kaffee nach. Dann setzte sie sich neben Chris.

„Stimmt doch eigentlich alles“, kommentierte sie den Artikel.

„Er hat nur nicht erwähnt, dass er das Video nicht freiwillig rausgerückt hat“, warf Chris ein.

Die Erleichterung, die er verspürte, war unbeschreiblich. Er hatte eigentlich erwartet, dass in dem Artikel ausführlichere Anspielungen auf seine Vergangenheit vorkommen würden oder der Schreiber genauer auf die Details der Zeugenvernehmung eingegangen war, doch mit dem, was nun tatsächlich darin stand, konnte er leben.

„Ich hab heute, als ich beim Einkaufen war, sämtliche Tageszeitungen mitgenommen, weil ich wissen wollte, was so über diese Verhandlung geschrieben wurde“, erklärte Alexandra. „Deine Rolle in der ganzen Sache wird überall eigentlich nur am Rande erwähnt. Stattdessen hat sich die Presse auf Allingtons Vorleben konzentriert. Der Typ scheint nicht gerade beliebt zu sein, genauso wenig wie sein Vater.“

Das stimmte. In mehreren Artikeln wurde ausführlich darauf eingegangen, dass der alte Allington seine riesige Firma teilweise durch Bestechung und rücksichtsloses Geschäftsgebaren aufgebaut hatte, was ihm in der Öffentlichkeit wenige Sympathien eingebracht hatte. Es wurde sogar spekuliert, dass Stephen Allington auf Anweisung seines Vaters gelogen hatte.

„Also, ich glaub eher, dass die Idee dafür vom jungen Allington stammte“, kommentierte Chris eine entsprechende Passage. „Den Typ interessiert doch auch nur sein eigener Vorteil, andere Menschen sind dem völlig egal.“

Mit einem Kopfschütteln faltete er die Zeitung zusammen, die er gerade gelesen hatte und sah Alexandra an.

„Und jetzt will ich nichts mehr davon sehen und hören“, befand er.

Alexandra lächelte ihn an.

„Da hast du vollkommen Recht. Wir haben uns lange genug wegen diesem Mist verrückt gemacht. Es ist Zeit, dass wir mal wieder nur an uns denken können.“

Damit stand sie auf und griff nach der Tüte, die noch immer auf dem Tisch stand.

„Ich hab dir ein paar Muffins zum Frühstück mitgebracht.“, erklärte sie und zeigte auf den Brotkorb, der mit einem Tuch zugedeckt ebenfalls auf dem Tisch stand.

Chris’ Magen knurrte daraufhin hörbar. Ihm fiel plötzlich ein, dass er seit gestern Morgen eigentlich nichts mehr gegessen hatte, und da hatte er vor Aufregung auch nur ein trockenes Stück Toast hinunter würgen können.

„Scheint wohl eine gute Idee gewesen zu sein“, grinste Alexandra.

***

Chris stand im Badezimmer und starrte in den Spiegel über dem Waschbecken.

Alexandra hatte heute fast den ganzen Tag mit ihm verbracht, abgesehen von der Stunde, in der sie bei den Yorkshire-Züchtern gewesen war, weil dort eine Hündin in der Nacht Junge bekommen hatte und die überbesorgten Besitzer Alexandra gebeten hatten, vorbeizukommen und nachzusehen, ob mit den Welpen alles in Ordnung war.

Danach hatten sie einen ausgedehnten Spaziergang mit Charlie unternommen, in einem Waldstück außerhalb des Viertels, worüber der Hund hellauf begeistert gewesen war. Auf einer Wiese hatten er und Chris sich bei dem alten, aber immer aktuellen Spiel „Hol das Stöckchen“ ausgetobt, während Alexandra amüsiert zugesehen und sie lauthals angefeuert hatte.

Chris und Alexandra hatten viel geredet und gelacht an diesem Nachmittag. Zum ersten Mal seit langem hatte er sich wirklich frei gefühlt. Es war, als hätten sie eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, keine ernsten Themen auf diesem Spaziergang aufzugreifen. Sie waren einfach nur ein ganz normales Pärchen gewesen, das mit seinem Hund unterwegs war. Einem Hund, den man beim Nachhausekommen erst einmal hatte gründlich bürsten und saubermachen müssen, da sein Fell voller Laub, Kletten und Erde gewesen war…

Abends hatten sie gemeinsam gekocht, ein Drei-Gänge-Menü, dessen Rezept Alexandra in irgendeiner Zeitschrift gefunden hatte. Eine Gemüsesuppe als ersten Gang, die Chris sogar geschmeckt hatte, danach Kalbsmedallions mit Petersilienkartoffeln und als Nachspeise Himbeeren auf Baiser mit Schlagsahne.

Es hatte Spaß gemacht, auch wenn seine und Alexandra’s Vorstellungen vom Kochen und dem ganzen Drumherum ziemlich weit auseinander gingen. Chris bemühte sich, immer so wenig Töpfe und Schüsseln wie möglich zu benutzen, damit man weniger aufzuräumen hatte, wenn Alexandra jedoch richtig kochte, dann sah die Küche danach aus, als hätte ein Hurrikan darin gewütet.

Chris hatte einfach die Zähne zusammengebissen und geschwiegen, als Alexandra die fünfte Schüssel aus dem Schrank geholt hatte, anstatt eine der bereits gebrauchten kurz abzuspülen.

Nach dem Essen, als das Küchenchaos beseitigt war, waren sie nach oben gegangen und hatten eng aneinander gekuschelt einen Film angeschaut, irgendeine romantische Liebesschnulze, die Alexandra unbedingt hatte sehen wollen. An den Inhalt des Films konnte sich Chris kaum erinnern, er war zu sehr von dem Gefühl abgelenkt gewesen, dass die Frau, die er über alles liebte, ganz eng an seinen Körper gepresst war.

Und da war er auch schon bei seinem Problem angelangt. Tief in seinem Innersten wusste er, dass er endlich dazu bereit war, mit Alexandra zu schlafen. Er wollte es, so wie er noch nie etwas anderes gewollt hatte. Nur…wie sollte er es jetzt anfangen?

Alexandra hatte sich die ganze Zeit strikt an ihr Versprechen gehalten, ihn niemals zu drängen. Sie hatte ihn geküsst, ja, aber ihm nie das Gefühl gegeben, es müsse gleich mehr daraus werden. Bei ihren gelegentlichen Kuscheleien war sie immer passiv geblieben, hatte ihn entscheiden lassen, was passierte. Und Chris hatte bis auf dieses eine Mal nie gewagt, mehr zu tun, als zu küssen und ein wenig zu schmusen.

Er konnte doch nicht einfach raus ins Schlafzimmer gehen und Alexandra fragen, ob sie mit ihm schlafen würde. Jetzt, heute Nacht, um einen neuen Anfang zu machen. Das würde sich ja mehr als bescheuert anhören.

Chris stöhnte leise auf und stützte sich mit den Händen auf dem Waschbecken ab. Wie konnte man sich nur so dämlich anstellen? Da draußen, nur durch eine Tür von ihm getrennt, war alles, was er sich so sehnsüchtig wünschte und er hatte keine Ahnung, wie er es bekommen sollte.

Als er verzweifelt sein Spiegelbild betrachtete, als würde er darin die Antwort auf seine Frage finden, fiel sein Blick auf einen Gegenstand auf der Ablage unter dem Spiegel…

 

Teil 82

 

Alexandra lag im Bett und las eine Fachzeitschrift, genauer gesagt, einen Artikel über Homöopathie für Hunde. Sie konnte sich aber nicht recht darauf konzentrieren, immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem jungen Mann, der sich seit einer halben Stunde im Bad befand. Was trieb er dort nur? So lange brauchte sie ja nicht einmal selbst, wenn sie sich, was selten vorkam, für ihre Verhältnisse ausgiebig stylte und schminkte.

Normalerweise war Chris innerhalb von einer Viertelstunde fertig mit Duschen und Zähneputzen. Alexandra schüttelte den Kopf. Vielleicht wollte sie gar nicht wissen, was er dort so lange machte.

Fünf Minuten später, als sie schon drauf und dran war, nachzusehen, wo er blieb, ging die Badezimmertür auf und Chris kam ins Schlafzimmer. Sein T-Shirt, das er zum Schlafen trug, hatte er in der Hand. Bis auf eine schwarze Boxershorts war er nackt und Alexandra vergaß, dass sie ihn gerade hatte fragen wollen, ob ihm etwa heute aus irgendeinem unerfindlichen Grund eingefallen war, sich die Beine zu rasieren und er deshalb mehr als eine halbe Stunde für eine Dusche gebraucht hatte. Dazu war sie viel zu sehr fasziniert von der Tatsache, dass die Shorts gefährlich tief auf seine schmalen Hüften hingen und es eigentlich den Gesetzen der Schwerkraft widersprach, dass er sie nicht verlor.

Langsam kam Chris herüber zum Bett und setzte sich dann neben sie auf die Bettkante. Jetzt erst sah Alexandra, dass er das Fläschchen mit dem Massageöl, das sie vor einer Weile gekauft hatte, in einer Hand hielt. Seine Wangen waren leicht gerötet, wahrscheinlich noch von der heißen Dusche.

„Ähm, Alex, würdest du…würdest du mir noch ein wenig den Rücken massieren? Ich glaub, ich hab mir heut beim Rumtollen mit Charlie etwas gezerrt…“

Unsicher sah er sie von der Seite her an.

Alexandra warf die Zeitschrift auf den Boden. Den Artikel konnte sie auch morgen noch zu Ende lesen. Chris zu massieren machte mehr Spaß.

„Sicher,“ sagte sie und setzte sich auf. „Komm her.“

Chris drückte ihr das Fläschchen in die Hand und krabbelte auf das Bett. Er streckte sich neben ihr aus und legte seinen Kopf auf seine Hände. Dabei war sein Gesicht ihr zugewandt.

„Charlie ist anstrengend und du wirst halt auch nicht jünger“, scherzte Alexandra und verrieb etwas von dem Öl zwischen ihren Händen.

Chris antwortete nicht, sondern lächelte ein wenig gezwungen.

Merkwürdig, er war total verkrampft, dachte Alexandra, als sie mit der Massage begann.

„Hey, entspann dich“, sagte sie. „Dein Rücken fühlt sich an wie ein Brett.“

Chris atmete tief durch und schloss die Augen. Alexandra fühlte, wie seine Muskeln daraufhin lockerer wurden. Was war denn nur los mit ihm?

Sie hatten heute soviel Spaß miteinander gehabt wie noch nie. Die Anspannung wegen der Verhandlung war weg gewesen, und sie hatten es beide geschafft, alle anderen Probleme zu ignorieren. Sie waren einfach nur ein Paar gewesen, das einen freien Tag mit seinem Hund und vor allem miteinander genossen hatte.

„Chris, stimmt was nicht?“ fragte sie nach einer Weile.

Er versteifte sich wieder spürbar und öffnete die Augen.

„Nein…alles okay“, antwortete er schnell.

Etwas zu schnell, wie Alexandra fand. Wälzte er etwa wieder irgendwelche Probleme, von denen er sich einbildete, sie im Alleingang lösen zu müssen? Während sie sich darüber den Kopf zerbrach, fuhr sie damit fort, Chris’ Schultern sanft zu kneten.

Durch das konsequente Training der vergangenen Wochen hatte er ein wenig mehr Muskeln bekommen. Er würde nie zu einem Muskelprotz mutieren, dazu war er einfach nicht der Typ, aber als Alexandra ein, zweimal mit ihm zusammen ein paar Techniken geübt hatte, war sie fast verblüfft gewesen, wie viel Kraft doch in diesem eigentlich für einen Mann so zierlichen Körper steckte. Sie fragte sich, wie es wohl wäre, wenn sie beide endlich….Alexandra machte eine winzige Pause und schloss die Augen. Nein, Stopp, sofort aufhören damit. Sie hatte sich in letzter Zeit immer öfter dabei ertappt, wie sie darüber nachdachte, wann Chris es endlich wagen würde, mit ihr zu schlafen. Diese eine Nacht mit ihm begann ihr immer mehr wie ein Traum zu erscheinen.

„Alex?“ fragte Chris plötzlich und hob den Kopf.

„Hm?“

Alexandra hielt inne. War ihm endlich eingefallen, dass er mit ihr über alles reden konnte und hatte er demnach beschlossen, mit ihr sein Problem auszudiskutieren? Machte er sich vielleicht doch noch Sorgen wegen seines „Ausrutschers“ in Kendalls Büro und dass Jacks Vorgesetzter sich das mit dieser Untersuchung noch überlegen könnte?

Chris drehte sich auf die Seite und stützte sich auf dem Ellbogen auf. Dabei fuhr er sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Fasziniert beobachtete Alexandra dieses kleine Schauspiel.

„Soll ich…soll ich dich auch massieren?“ fragte er schließlich stockend.

„Bitte?“

„Na ja, du…du hast das jetzt so oft bei mir gemacht…da dachte ich, ich könnte mich mal revanchieren…“

Chris senkte den Blick und schien plötzlich eine Falte in den Bettlaken furchtbar interessant zu finden.

Alexandra zog die Augenbrauen hoch. Mit diesem Angebot hatte sie jetzt am Allerwenigsten gerechnet. Aber…wieso eigentlich nicht? Bei dem Gedanken an eine Massage von Chris begann eine Armee von kleinen Schmetterlingen in ihrem Bauch herumzuflattern.

„Warte eine Sekunde“, sagte sie leicht atemlos. „Ich binde mir nur schnell die Haare hoch.“

In Windeseile war Alexandra im Bad und griff nach der Haarspange, die auf der Spiegelablage lag, um sich ihre blonde Mähne hochzustecken. Als sie sich dabei im Spiegel betrachtete, fiel ihr plötzlich etwas auf.

Chris’ Nervosität, seine Anspannung…das Angebot, ihr den gleichen Gefallen zu tun, wie sie ihm…

Sie wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken, aus Angst, sich doch zu irren. Ihr Herz raste schmerzhaft in ihrer Brust, als sie zwei Minuten später wieder das Schlafzimmer betrat und zurück zum Bett ging, auf dem Chris saß und ihr entgegenblickte.

Alexandra kletterte ins Bett und kniete sich ihm gegenüber. Dabei sah sie ihm unverwandt in seine großen braunen Augen, die im Schein der Nachttischlampe glänzten wie zwei dunkle Edelsteine.

Dann beugte sie sich langsam vor, ohne den Blick von seinem Gesicht zu wenden. Vorsichtig, für den Fall, dass sie sich doch geirrt hatte, küsste sie ihn und fuhr ihm dabei mit der Zungenspitze über die Lippen.

Chris schloss die Augen und öffnete den Mund, um ihrer Zunge Einlass zu gewähren. Um Alexandra herum versank die Welt in einem Strudel aus Emotionen. Sie spürte nicht einmal, wie Chris ihr in die Haare griff, um diese von der Haarklammer zu befreien.

Als sie aus dem Strudel nach einer scheinbar unendlich langen Zeit wieder auftauchte, lag sie mit dem Rücken auf dem Bett und Chris sah schwer atmend auf sie herunter. Alexandra wollte etwas sagen, doch Chris legte ihr den Finger auf den Mund und schüttelte den Kopf. Eine scheue Frage stand in seinen Augen.

Alexandra fühlte, wie eine Welle der Erregung und Vorfreude durch ihren Körper strömte. Ihre Vermutung war also tatsächlich kein Wunschdenken gewesen…

Sie nickte langsam.

Diesmal war es Chris, der den Kuss initiierte. Eine warme Hand glitt unter das Oberteil ihres Pyjamas, strich zärtlich über ihren Bauch und verharrte knapp unterhalb ihrer Brüste.

Alexandra unterbrach den Kuss und schob Chris leicht von sich.

„Warte“, flüsterte sie fast lautlos. Sie hatte das Gefühl, als würden laute Worte den fast magischen Zauber dieses Augenblickes zerstören.

Sie setzte sich auf und zog sich das Pyjamaoberteil über den Kopf. Chris ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Sein Atem ging schneller, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen.

Einen Moment später lag Alexandra wieder in seinen Armen. Er roch so unglaublich gut, nach seinem Duschgel, nach dem Massageöl und einfach nach Chris.

Nach und nach wurde Chris immer mutiger. Sanft begann er, über ihre Brüste zu streicheln. Dabei verteilte winzige Küsse auf ihrer Haut von der empfindlichen Stelle hinter ihrem Ohr weg über ihren Hals bis zu ihrem Schlüsselbein.

Alexandra spürte, wie ihr Blut sich aufzuheizen begann. Rastlos strichen ihre Hände über Chris’ Körper, erkundeten und liebkosten ihn. Chris tat dasselbe mit ihr und machte sie damit fast verrückt vor Sehnsucht nach ihm. Seine Berührungen hinterließen feurige Spuren auf ihrer Haut und sie glaubte, vor Verlangen verbrennen zu müssen.

Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher, fordernder und Alexandra hätte vor Erleichterung beinahe aufgeschrieen, als Chris zaghaft am Bund ihrer Pyjamahose zupfte. Sie hob leicht die Hüften, um ihm damit ein Zeichen zu geben.

Chris streifte ihre Hose und den Slip nach unten über ihre Beine und Alexandra strampelte beides ungeduldig weg. Dann griff sie nach dem Bund von Chris’ Boxershorts und strich ihm dabei federleicht über die Wölbung an der Vorderseite. Chris sog scharf die Luft ein und als ihre Blicke sich trafen, konnte Alexandra in seinen Augen das Echo ihrer Gefühle lesen.

Endlich trennte keine störende Barriere mehr ihre beiden Körper. Alexandra legte beide Hände auf Chris’ Wangen und küsste ihn sanft.

„Komm“, flüsterte sie fast unhörbar.

Ihr Herz raste wie verrückt, als Chris sich auf sie legte und sich mit den Händen neben ihren Schultern abstützte. Er sah auf sie hinunter.

„Ich liebe dich“, wisperte er.

Alexandra konnte ihm nicht antworten, denn im nächsten Moment fühlte sie, wie er unendlich langsam und vorsichtig in sie eindrang. Sie musste sich auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzuschreien und ihn damit zu erschrecken. Es fehlte nicht viel und sie wäre gekommen, nur von dem Gefühl, Chris endlich in sich zu spüren.

Dann war er endlich vollständig in ihr und schnappte zittrig nach Luft. Alexandra hielt es nicht mehr aus. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und begann, sich zu bewegen. Chris stieß einen leisen Laut der Überraschung aus, der fast wie ein Schluchzen klang, doch gleich darauf nahm er ihren Rhythmus auf.

Alexandra glaubte, sterben zu müssen. Ihr Körper schien in Flammen zu stehen, sie drängte sich an Chris, um möglichst viel Hautkontakt herzustellen, noch niemals hatte sie etwas so intensiv gefühlt und erlebt.

Ihre Lippen trafen sich zu einem leidenschaftlichen, nicht enden wollenden Kuss, bis Alexandra spürte, wie sich die Muskeln in ihrem Unterleib zusammenzogen. Mit einem Schrei bäumte sie sich auf und klammerte sich an Chris, der ebenfalls laut aufstöhnte.

Schweißgebadet und keuchend lagen sie sich Sekunden später in den Armen. Chris stützte sich mit den Ellbogen auf, um Alexandra nicht mit seinem Gewicht zu belasten und legte seine Stirn an die ihre.

„Danke“, sagte er schwer atmend.

„Wofür?“

„Dafür, dass du mich liebst“, antwortete er und hob den Kopf.

Alexandra lächelte zu ihm auf.

„Das ist keine Kunst. Du bist das Beste, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist.“

Liebevoll strich sie ihm eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. Es war tatsächlich so. Chris war im Grunde genommen der Partner, den sie gebraucht hatte. Jemanden, den sie umsorgen konnte, der aber stark genug war, um ihr Kontra zu bieten, wenn sie zu sehr über die Stränge schlug. Und jemanden, den sie respektierte und der ihre Marotten und Eigenheiten mit der nötigen Portion Humor nahm und nicht versuchte, sie zu verändern. Genauso so jemanden wie Chris.

Chris schwieg eine Weile, während der sein Atem sich wieder einigermaßen normalisierte.

„War es…in Ordnung?“ fragte er dann scheu und sah sie fast ängstlich an.

Alexandra zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Das war mehr als in Ordnung“, entgegnete sie. „Hast du das denn nicht gemerkt?“

Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum, bevor er antwortete.

„Schon…aber…es war also…schön für dich?“

„Sehr schön“, grinste Alexandra und hob den Kopf an, um ihm einen Kuss zu geben. Dabei strich sie mit den Fingernägeln sacht über seine Hüften.

Es dauerte nicht lange und sie fühlte das Ergebnis ihrer Liebkosung in ihrem Schoß.

„Alex…was machst du da?“ keuchte Chris überrascht und begann, sich über ihr zu winden, um ihren tänzelnden Fingerspitzen zu entgehen.

Das hatte jedoch eher den gegenteiligen Effekt als den, der vermutlich von ihm beabsichtigt war. Chris stöhnte erstickt auf.

„Wiederbelebungsversuche“, entgegnete Alexandra, hochzufrieden mit dem Resultat ihrer Bemühungen.

Sie hatte nicht vor, Chris nur mit einem einzigen Mal davonkommen zu lassen. Immerhin hatten sie Einiges nachzuholen…

 

Teil 83

Verträumt starrte Chris die junge Frau an, die dicht an ihn gekuschelt auf dem Bauch neben ihm lag. Ihr Gesicht war ihm zugewandt, die Augen geschlossen und ihre wirren, honigblonden Locken waren auf ihrem Rücken und auf dem Kopfkissen verteilt.

Doktor Winslow hatte mit ihrem Rat völlig Recht gehabt. Es war einfach wundervoll gewesen, sich mit Alexandra zusammen auf „Forschungsreise“ zu begeben. Und das hatten sie in den vergangenen vier Stunden intensiv getan. Chris war einerseits völlig ausgelaugt von ihren Aktivitäten, andererseits war er noch viel zu aufgedreht, um einschlafen zu können.

Diese Nacht würde ihm genauso wie die vor drei Monaten für immer im Gedächtnis haften bleiben, und wenn er hundert Jahre alt werden würde. Die Erinnerung daran begann sogar die an die Geschehnisse in San Quentin zu überdecken. Das hier war nun seine Realität, das andere waren Alpträume aus einer vergangenen Zeit, die hoffentlich nie wiederkehren würde.

Ein Niesen riss Chris aus seinen Träumereien. Er fuhr hoch.

„Oh nein…“

Sein leiser Ausruf und seine plötzliche Bewegung schreckten auch Alexandra auf. Sie hob den Kopf und blinzelte ihn verwirrt an.

„Was ist denn los?“ gähnte sie.

„Charlie…er…“ stammelte Chris, unfähig den Satz zu beenden.

„Was ist mit Charlie?“ fragte Alexandra, nun hellwach, und drehte den Kopf, um nach ihrem Hund zu sehen, der friedlich auf seinem Teppich weiter schlummerte.

„Geht ihm doch gut“, brummte sie und ließ den Kopf wieder auf ihr Kissen zurückfallen. „Erschreck mich doch nicht so.“

Fassungslos starrte Chris auf seine Freundin hinunter, die wieder sanft in das Reich der Träume hinüber zu gleiten schien.

„Alex, er war die ganze Zeit da…“ flüsterte er.

Alexandra tat ihm den Gefallen, wenigstens ein Auge zu öffnen.

„Und? Er ist immer da“, entgegnete sie schläfrig.

„Aber…er war da, als wir…als du und ich…“

Chris war es unbegreiflich, dass Alexandra sich durch Charlies Anwesenheit während der vergangenen Stunden nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er selbst hatte den Hund schlicht und einfach vergessen und war erst durch dessen Niesen wieder an ihn erinnert worden.

„Und?“ Alexandra hatte mittlerweile beide Augen wieder geschlossen. „Was ist so schlimm daran?“

„Er…er hat zugesehen…“

Vielleicht begriff sie ja jetzt den Ernst der Situation.

Alexandra seufzte tief auf und öffnete nun beide Augen. Chris war erleichtert, dass sie endlich das Problem zu erkennen schien. Zumindest hatte er jetzt ihre Aufmerksamkeit.

„Chris, Charlie ist ein Hund. Dem ist das völlig egal, was wir machen“, erklärte sie Chris geduldig wie einem kleinen Kind. „Wahrscheinlich hat er sowieso geschlafen.“

„Und was, wenn nicht?“

„Dann weiß er nicht, was wir da gemacht haben. Chris, reg dich ab, Charlie hat schon keinen seelischen Knacks abbekommen“, antwortete Alexandra energisch.

„Vielleicht hab ich jetzt aber einen seelischen Knacks“, verteidigte sich Chris.

Alexandra wollte nicht begreifen, worum es ihm hier ging. Es war ihm einfach peinlich, bei ihren Bettaktivitäten einen unfreiwilligen Zeugen gehabt zu haben, auch wenn es „nur“ ein Hund gewesen war.

Alexandra stöhnte auf und verbarg ihren Kopf unter dem Kissen. Ein paar Sekunden später tauchte sie wieder darunter hervor und sah Chris verzweifelt an.

„Chris…“ seufzte sie resigniert. „Okay…morgen bringen wir, das heißt du, Charlie bei, dass er in Zukunft nicht mehr hier schlafen darf, sondern vor der Tür oder in der Küche. Bist du jetzt zufrieden?“

Chris nickte. Das hörte sich schon besser an. Er hatte sich schon auf einen längeren Kampf eingestellt, um zu erreichen, dass Charlie aus dem Schlafzimmer verbannt wurde. Hoffentlich konnte sich Alexandra morgen früh noch an ihr Versprechen erinnern, ganz wach schien sie nämlich schon nicht mehr zu sein.

„Dann bin ich jetzt aber froh“, grummelte sie in ihr Kissen. „Machst du dann bitte das Licht aus? Ich kann mich nicht mehr bewegen und will endlich schlafen…“

Chris musste grinsen. Der Schock über die Entdeckung, dass Charlie die ganze Zeit im Raum gewesen war, saß ihm zwar noch immer in den Knochen, aber diese Bemerkung eben war einfach typisch Alexandra gewesen. Trocken und direkt.

Chris lehnte sich über Alexandra hinüber und knipste das Licht aus. Bevor er sich an sie kuschelte, hauchte er ihr noch einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.

„Hab dich lieb“, flüsterte er, auch wenn er nicht wusste, ob sie bereits eingeschlafen war.

„Ich dich auch“, kam ein paar Sekunden später die verschlafene Antwort und Chris schloss mit einem Lächeln auf dem Lippen die Augen.

Er konnte sich gar nicht mehr erinnern, weswegen er sich vorher eigentlich solche Sorgen gemacht hatte. Alles war irgendwie wie von selbst gekommen, Alexandra hatte ihn sanft geführt und er selbst hatte sich einfach von seinem Instinkt leiten lassen.

Besitzergreifend legte er einen Arm um Alexandra, die sich daraufhin mit einem leisen Seufzen enger an ihn schmiegte.

Noch vor einem Jahr hätte er sich nicht träumen lassen, dass er jemals wieder würde glücklich sein können. Und doch war er es nun. Er hatte wirklich jemanden gefunden, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Chris konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals eine andere Frau als Alexandra für in geben würde. Sie konnte eine Kratzbürste sein, die ihn herumscheuchte, sie setzte ihm den Kopf zurecht, wenn er sich mal wieder in etwas verrannt hatte, sie lachte und weinte mit ihm, sie nahm ihn in die Arme, wenn es ihm schlecht ging…Und sie zeigte ihm dabei immer, dass sie ihn liebte, so wie er war. Was konnte sich ein Mann mehr von seiner Partnerin wünschen?

Mit solchen Gedanken beschäftigt schlief Chris langsam ein. Mit Alexandra an seiner Seite würde er alle Stürme, die das Leben noch für ihn vorgesehen haben mochte, meistern können. Und auch er würde sie niemals ihm Stich lassen.

Als Chris sich dieses Versprechen beim Hinüberdämmern in das Reich der Träume machte, konnte er nicht wissen, wie bald schon dieses Wort, das er sich selbst gegeben hatte, auf die Probe gestellt werden würde. Das, was die Zukunft für sie bereithielt, hatte seine Schatten schon voraus geworfen. Nur hatte niemand die Zeichen dafür deuten können, da weder Alexandra und schon gar nicht Chris selbst damit rechneten…


 

ENDE

(des ersten Teils)