
Autor: cocopelli
Inhalt: Alex, eine junge Tierärztin und erklärte Männerhasserin, stellt einen ehemaligen Strafgefangenen als Hilfskraft ein. Chris ist gerade mal einundzwanzig und hat eine schlimme Zeit im Gefängnis hinter sich. Alex beginnt gegen ihren Willen mehr für Chris zu empfinden und Chris versucht verzweifelt, ein schreckliches Geheimnis über seine Vergangenheit vor ihr zu verbergen.
Altersfreigabe: ab 18
Genre: Allgemein
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14 Teil 15 Teil 16 Teil 17 Teil 18 Teil 19 Teil 20 Teil 21 Teil 22 Teil 23 Teil 24 Teil 25
Teil 26 Teil 27 Teil 28 Teil 29 Teil 30 Teil 31 Teil 32 Teil 33 Teil 34 Teil 35 Teil 36 Teil 37
Teil 38 Teil 39 Teil 40 Teil 41 Teil 42 Teil 43 Teil 44 Teil 45 Teil 46 Teil 47 Teil 48 Teil 49
Teil 50 Teil 51 Teil 52 Teil 53 Teil 54 Teil 55 Teil 56 Teil 57 Teil 58 Teil 59 Teil 60 Teil 61 Teil 62 Teil 63 Teil 64 Teil 65 Teil 66 Teil 67 Teil 68 Teil 69 Teil 70 Teil 71 Teil 72 Teil 73 Teil 74 Teil 75 Teil 76 Teil 77 Teil 78 Teil 79 Teil 80 Teil 81 Teil 82 Teil 83
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Juli 2002
Beharrlich hielt der zierliche Junge mit den schulterlangen schwarzen Haaren und den weichen, mädchenhaften Gesichtszügen den Blick auf den Rücken der Wache gerichtet, der er zu folgen gezwungen war. Er trug Handschellen. Heute war er siebzehn Jahre alt geworden. Zu jung, um Alkohol und Zigaretten zu kaufen, aber alt genug, um eine fünfjährige Gefängnisstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Kaliforniens anzutreten.
Dabei hatte alles nur eine Mutprobe sein sollen, ein Aufnahmeritual, um endlich einer der berüchtigten Straßengangs von L.A. anzugehören. Chris O`Connor und seine beiden besten Freunde sollten in einem Tankstellenshop Bier und Snacks für eine Party klauen, unter der „Aufsicht“ eines Gangmitgliedes der „Black Tigers“. Leider wurde der Verkäufer aufmerksam und griff zum Telefon, um die Polizei zu rufen. Was danach passierte, erschien Chris noch immer wie ein Alptraum. Luke, das Mitglied der „Black Tigers“, der die drei Jungs begleitet hatte, zog eine Pistole und schoss auf den Mann, der lautlos zusammenbrach.
Chris war wie gelähmt gewesen. Er ignorierte das aufgeregte Geschrei seiner Begleiter und starrte hypnotisiert auf das weiße Hemd des Opfers, auf dem sich mit rasanter Geschwindigkeit ein riesiger Blutfleck ausbreitete. An den Rest konnte sich Chris nicht mehr erinnern. Die Überwachungskamera des Ladens hatte alles aufgezeichnet und im Gerichtssaal hatte er das Video zum ersten Mal gesehen. Seine Freunde hatten ohne ihn das Weite gesucht. Chris war nach endlosen Sekunden aus seiner Erstarrung erwacht und hatte zum Telefon gegriffen, um den Notarzt zu rufen. Dann hatte er versucht, dem bewusstlosen Mann auf dem Boden Erste Hilfe zu leisten.
Auf dem Video war nicht zu sehen, wer geschossen hatte. Der Tankstellenangestellte, der schwer verletzt überlebt hatte, konnte ihn jedoch entlasten, was Chris jedoch nur bedingt half, da er sich weigerte, die Namen seiner Komplizen, insbesondere den des Schützen, zu nennen. Chris war der einzige gewesen, der auf dem Video eindeutig zu erkennen gewesen war. Für seine falsch verstandene Loyalität gegenüber seinen Freunden musste er nun teuer bezahlen. Der Richter schickte ihn nicht in eine Jugendstrafanstalt, wohin er wegen seines Alters eigentlich gehörte, sondern in ein gewöhnliches Gefängnis. Chris würde den Ausdruck ungläubigen Entsetzens auf dem Gesicht seines Vaters nach der Urteilsverkündung sein ganzes Leben lang nicht vergessen.
Als die Wache vor ihm anhielt wurde Chris aus seinen Gedanken gerissen. Sie hatten den Zellentrakt erreicht. Der Wärter, der neben ihm gegangen war, nahm ihm die Handschellen ab.
„Da wären wir“, brummte der Mann.
Ein anderer Wärter nahm Chris in Empfang und winkte ihn durch die Tür des Zellentraktes. Chris schluckte und biss sich auf die Lippen. Er würde nicht weinen, auch wenn sich sein Magen anfühlte, als wäre er mit Eiswürfeln gefüllt und seine Kniegelenke sich aufgelöst zu haben schienen.
Ein Schritt, noch einer, dann fiel die schwere, vergitterte Tür ins Schloss. Unwillkürlich zuckte Chris zusammen. Der Wärter gab ihm einen groben Stoß in den Rücken.
„Los, mach schon, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
Lautes Johlen und zotige Witze begleiteten Chris` Weg zu seiner Zelle.
„Mann, sieh dir bloß dieses Püppchen an!“
„Hey Kleiner, hat dich deine Mami ganz alleine zum Spielen raus gelassen?“
„Da hat`s jemand besonders gut mit uns gemeint!“
Chris versuchte es dem Wärter gleichzutun und die Männer, mit denen er die nächsten fünf Jahre auf engstem Raum verbringen sollte, zu ignorieren. Es wollte ihm nicht recht gelingen. Doch er schaffte es zu seiner Zelle, ohne zusammenzubrechen und den Wärter anzuflehen, ihn von hier wegzubringen. Er ahnte ja nicht, dass ihn hier die Hölle auf Erden erwartete…
Mai 2006
Entnervt knallte Alexandra Hastings die Eingangstür ihres Hauses hinter sich zu und schleuderte ihre Handtasche ziellos in eine Ecke. Verdammte Mary Jo und ihre Kuppelversuche. Eine zwanglose Party mit ein paar Arbeitskollegen ihres Mannes und deren Ehefrauen sollte es werden, hatte Mary Jo gesagt. Alexandra solle doch auch kommen, ein wenig Werbung für die Tierarztpraxis machen, die sie in ein paar Monaten, wenn der Umbau des Hauses endlich fertig sein würde, eröffnen wollte. Alles nette Leute mit Kindern, Katze, Hund und Wellensittich, die perfekte Zielgruppe. Allerdings hatte Mary Jo verschwiegen, dass auch zwei Junggesellen dabei sein würden.
„Arschlöcher“, fauchte die junge Frau, während sie in die gemütliche, in dunklem Holz gehaltene Wohnküche stapfte, den einzigen Raum, den sie nicht verändern wollte, da er sie zu sehr an ihre verstorbene Großtante, der das Haus gehört hatte, erinnerte. Liebe süße Tante Claire, die ihr geholfen hatte, ihr Studium zu finanzieren, als Alexandra sich mit ihrer Familie wegen ihrer Berufswahl überworfen hatte. Für einen Spross einer einflussreichen Anwalts- und Arztfamilie schickte es sich einfach nicht, „nur“ Tiermedizin zu studieren.
Claire Simmons hatte Alexandra bei sich aufgenommen und dem Rest der Sippschaft die Stirn geboten. Als angeheiratete Verwandte und ehemalige Theaterschauspielerin war sie sowieso so etwas wie ein schwarzes Schaf gewesen. Nicht dass das die alte Dame auch nur im Geringsten gekümmert hätte. Sie und Alexandra waren zwar keine Blutsverwandten, doch im Wesen so ähnlich, dass sie Mutter und Tochter hätten sein können. Trotz des großen Altersunterschiedes hatte Alexandra sich mit ihrer Großtante immer blendend verstanden. Vor einem halben Jahr war diese überraschend verstorben und hatte Alexandra das Haus in einer ruhigen Wohngegend in einem Vorort San Franciscos und ein kleines Barvermögen hinterlassen.
Die Ehe mit Alexandras Großonkel war kinderlos gewesen, also gab es niemanden, der dagegen hätte Einspruch erheben können. Und Alexandra, die zu diesem Zeitpunkt in einer Tierklinik im Norden von San Francisco gearbeitet hatte, hatte beschlossen, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen, und mit dem Geld und dem Haus eine eigene Tierarztpraxis zu eröffnen.
Seufzend ließ sich die junge Frau auf einen der Küchenstühle an dem großen, dunkel gebeizten Tisch fallen, der in der Mitte des Raumes stand und begann, die Haarklammern aus der Hochsteckfrisur zu entfernen, mit der sie sich soviel Mühe gegeben hatte. Erleichtert schüttelte Alexandra ihre honigblonde Mähne, als sie endlich von allen Klammern befreit war. Normalerweise trug sie die ungebärdige Lockenpracht, die ihr weit über den Rücken hinab hing, in einem einfachen Pferdeschwanz.
Alexandra hielt sich selbst für unattraktiv und unscheinbar, was ihre wenigen Freunde zur Weißglut brachte. Ihren sportlichen Körper hielt sie für zu dünn, ihren Busen für zu groß, ihr Gesicht mit den regelmäßigen Gesichtszügen, den klaren grauen Augen und dem breiten Mund, der gerne lachte, für nichtssagend. Daher hatte sie auch die Aufmerksamkeit, die ihr die beiden einzigen Junggesellen auf der Party geschenkt hatten, nur für Mitleid gehalten und einen Trick, um sie ins Bett zu bekommen. Die beiden Kerle hatten mit Sicherheit darum gewettet, wer wohl das Rennen machen würde und die als Eisklotz bekannte Alexandra Hastings rumkriegen würde. Männer waren nun einmal Schweine.
Alex schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Seit Kevin hatte sie nur noch einmal einen Mann an sich heran gelassen. Der gut aussehende Footballspieler hatte sie in ihrem zweiten Collegejahr umworben und Alexandra hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er studierte Jura und Alexandra spielte ernsthaft mit dem Gedanken, sich wegen ihm mit ihrer Familie zu versöhnen und ihren Vater zu bitten, Kevin nach dem Studium einen Job in seiner renommierten Anwaltspraxis zu geben. Nach etwa einem Vierteljahr glückseliger Verliebtheit wurde Alexandra jedoch brutal mit der Wirklichkeit konfrontiert.
Auf einer Studentenparty hörte sie zufälligerweise eine Unterhaltung zwischen Kevin und einem seiner Kommilitonen mit an, in der sich ihr so genannter Freund, das falsche Dreckstück, über ihre körperlichen und sexuellen Unzulänglichkeiten ausließ. Mit einem Lachen gestand Kevin, dass er nur mit ihr zusammen wäre, weil er hoffte, durch ihre Familie einen besseren Start für seine Karriere zu haben. Sie wäre eigentlich absolut nicht sein Geschmack, ein Bauerntrampel ohne Niveau und es sei unglaublich, dass sie tatsächlich die Tochter von Marcus Hastings sei, einem der bekanntesten Anwälte von L.A.
Nach diesem Satz griff sich Alexandra das nächst beste volle Glas, das ihr in die Finger kam und schüttete es ihrem zukünftigen Exfreund über dem Kopf, bevor sie sich umdrehte und die Flucht ergriff. Sie wollte den Dreckskerl die Tränen nicht sehen lassen, die ihr unaufhaltsam über das Gesicht rannen. Kevin versuchte danach noch mehrmals mit ihr zu reden und sie wieder einzuwickeln, doch Alexandra zeigt ihm die kalte Schulter.
Mit der gleichen Sturheit, mit der sie ihren Eltern getrotzt hatte, trotzte sie nun dem Geflüster hinter ihrem Rücken und war von diesem Zeitpunkt an immun gegen männliche Annäherungsversuche. Sie schloss ihr Studium als eine der Besten ab und fand eine Stelle an einer Tierklinik, nur eine Stunde Fahrzeit von ihrer Tante entfernt. Mittlerweile war es ihr in Fleisch und Blut übergegangen, Männern gegenüber das Stachelschwein zu spielen und ihre männlichen Kollegen lernten nur zu bald, dass sie sich von Alexandra Hastings fernhalten mussten, wenn sie ihrem männlichen Ego die tödlichen Streiche der scharfen Zunge ihrer neuen Kollegin ersparen wollten.
Auf einer Party lernte sie dann Nicholas kennen, einen Architekten. Groß, dunkelhaarig, gutaussehend. Er umwarb sie vorsichtig, machte ihr versteckte Komplimente und schickte ihr kleine Geschenke. Alexandra verliebte sich in ihn. Eine Zeitlang schwebte sie wie auf Wolken, nur um durch einen Zufall schlagartig auf die Erde zurückgeholt zu werden. Eines Abends fuhr sie nach der Arbeit zu Nicholas Wohnung, um ihn zu überraschen und ihn zum Essen einzuladen. Er war nicht allein. Eine hübsche, dunkelhaarige Frau öffnete die Tür. Wie sich herausstellte, war es Nicholas Ehefrau, die den gleichen Gedanken wie Alexandra gehabt hatte, und ihrem Mann einen Überraschungsbesuch in seiner Stadtwohnung abstattete.
Noch am gleichen Abend schwor Alexandra einen heiligen Eid, sich nie wieder mit einem Mann einzulassen, auch wenn sie den Rest ihres Lebens im Zölibat leben musste. Dass sie dabei eine halbe Flasche besten schottischen Single Malt in sich hatte, hatte ihrer Entschlossenheit bisher nichts anhaben können.
Alexandra spürte, wie sich eine kalte Hundeschnauze in die Hand auf ihrem Schoß schob. Sie seufzte und öffnete die Augen.
„Hey, Charlie.“
Die kälbchengroße Promenadenmischung mit dem sandfarbenen, strubbeligen Fell setzte sich hechelnd auf die Hinterbeine und legte ihr eine Pfote auf das Knie. Die junge Frau musste gegen ihren Willen lächeln.
„Alles okay, Kumpel“, sagte sie und streichelte ihrem bepelzten Freund über den Kopf. Charlie stieß ein leises Winseln aus. Seit Alex ihn vor einem Jahr als Welpen in einer Mülltonne gefunden hatte, war er ihr abgöttisch ergeben. Ihre damaligen Vermieter waren nicht gerade begeistert von dem quirligen kleinen Fellball gewesen und in gewissem Sinne hatte Charlie Glück gehabt, dass Alexandra das Haus von Tante Claire geerbt hatte. Nicht jeder erachtete ein 60 Kilo schweres Monster als Schoßtier und war bereit, es im Haus zu dulden.
„Ich weiß, Kleiner, du willst mich trösten. Aber ich bin nicht traurig, nur wütend“, versicherte Alexandra dem Hund. „Bis auf die beiden Idioten war die Party ganz nett und ich hab hoffentlich schon ein paar zukünftige Klienten gewonnen. Vielleicht hätte ich dich mitnehmen sollen.“
Bei dem Gedanken musste Alexandra grinsen. Mary Jo hatte Charlie ausdrücklich von ihrer Einladung ausgeschlossen. Der Mischling war zwar eine Seele von Hund und Mary Jos Kinder waren verrückt nach ihm, doch in Gesellschaft konnte Charlie sich nicht benehmen. Das letzte Thanksgiving, das sie mit Charlie bei den Andersons gefeiert hatte, hatte bei McDonalds geendet – auf Alexandras Kosten. In einem unbeobachteten Moment hatte Charlie sich in die leere Küche verdrückt, wo der Truthahn darauf gewartet hatte, serviert zu werden, und hatte sein privates Hundethanksgiving gefeiert. Seitdem musste er entweder zu Hause bleiben oder wurde im Garten angebunden. Selbst sein treuer Hundeblick konnte nach diesem Fiasko Mary Jos eiserne Entschlossenheit nicht mehr erweichen.
Mary Jo war auf dem College Alexandras Zimmergenossin gewesen und hatte das Drama um Kevin hautnah miterlebt. Sie war noch während des Studiums schwanger geworden und hatte den Vater des Kindes, Mike Anderson, geheiratet. Mike war, wie sogar Alexandra zugeben musste, ein äußerst seltenes Exemplar von Mann. Der Vertreter für Computersoftware las seiner Frau jeden Wunsch von den Augen ab und war vernarrt in seine Kinder, die fünfjährige Susan und den dreijährigen Jamie.
In ihrem unerschütterlichen Optimismus versuchte Mary Jo immer wieder, Alexandra mit in ihren Augen geeigneten Männern zusammenzubringen. Nur leider klafften ihre Vorstellungen von einem Traummann und die von Alexandra ziemlich weit auseinander. Warf man Alexandras Männerhass noch mit in den Mix, dann waren regelmäßige Konflikte vorprogrammiert. Zum Glück war keine der beiden jungen Frauen lange nachtragend und ihre Freundschaft hielt auch den schlimmsten Stürmen stand.
Viele Freunde besaß Alexandra sowieso nicht. Sehr wenige, wenn man bedachte, dass sie hier in der Gegend seit fast acht Jahren zu Hause war. Es gab noch Julie Winters, von Beruf Kellnerin in einem Club, auf deren Wagen Alexandra eines Tages aufgefahren war. Nachdem sich die beiden Frauen zum Vergnügen der Passanten erst eine Viertelstunde lang angekeift und sich gegenseitig mit allen möglichen Ausdrücken beworfen hatten, hatten sie beschlossen, dass der Schaden gar nicht so schlimm und sie sich eigentlich ganz sympathisch waren.
Dann gab es da noch Jack Sanders, etwa zwei Jahre älter als Alexandra, ebenfalls eine Collegebekanntschaft und der einzigen Mann, den Alexandra als Freund bezeichnete. Mike zählte nicht, der war nur so etwas wie ein Anhängsel von Mary Jo. Jack hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber den meisten Männern, die Alexandra kannte. Er war schwul. Er war keiner von denen, denen man es mit verbundenen Augen sofort ansah.
Alexandra hatte seine sexuelle Orientierung nur durch Zufall herausgefunden, als sie ihn erwischt hatte, wie er mit einem Lehrer in dessen Wagen herumgeknutscht hatte. Wer damals in größerer Verlegenheit gewesen war, Jack, dieser Lehrer oder Alexandra, ließ sich nie mit Sicherheit sagen. Jedenfalls wurden Alexandra und Jack nach diesem Vorfall Freunde, nachdem Alexandra geschworen hatte, niemals jemandem etwas davon zu erzählen.
Jack arbeitete als Bewährungshelfer. Nicht unbedingt ein angenehmer Job, nach dem zu urteilen was er Alexandra manchmal aus seinem Alltag erzählte. Aber Jack war ein ebenso unverbesserlicher Optimist wie Mary Jo und setzte sich wirklich für seine „Klienten“ ein – auch wenn diese sein Engagement oft nicht zu würdigen wussten. Alexandra war sich sicher, dass sie den Job an Jacks Stelle schon längst hingeschmissen hätte.
Aus diesen drei Menschen bestand der Freundeskreis von Dr. med. vet. Alexandra Hastings. Nicht gerade groß, doch die junge Frau konnte sicher sein, dass sie sich auf diese Leute verlassen konnte.
„Jetzt brauche ich erst mal eine Zigarette“, seufzte Alexandra und stand auf. Sie rauchte nicht oft und nicht viel, nur wenn sie wütend oder angespannt war – so wie jetzt. Die Schachtel, die sie aus einer Küchenschublade zog, lag dort schon seit über einer Woche und war noch immer halb voll. Ein Zeichen dafür, dass sie sich in letzter Zeit eigentlich zufrieden und ausgeglichen gefühlt hatte.
Alexandra lehnte in der Tür, die von der Küche zum Garten führte und blies den Rauch nach draußen. Sie mochte den Geruch von schalem Zigarettenrauch nicht im Haus. Das Telefon klingelte und Charlie kommentierte das Geräusch mit einem lauten „Wuff“. Unschlüssig starrte Alexandra auf die glühende Zigarettenspitze und überlegte, ob sie das Läuten ignorieren sollte. Es war mit Sicherheit Mary Jo, die wissen wollte, warum sie die Party so abrupt verlassen hatte.
„Okay, okay, ich komm ja schon“, brummte sie und drückte die Zigarette in dem Aschenbecher neben der Tür aus. Dann griff sie nach dem Telefon, das auf dem Tisch lag. Wie erwartet war es ihre Freundin, die sie mit einem aufgeregten Wortschwall überfiel.
„Mary Jo, nun sei doch mal still.“ Vergeblich versuchte Alexandra zu Wort zu kommen. Mary Jo musste unbedingt loswerden, wie enttäuscht Bill und Rick, die beiden Junggesellen, gewesen waren, als Alexandra so plötzlich verschwunden war. Sie waren ja beide so begeistert von ihr gewesen und wollten sie unbedingt wieder sehen.
„Soll ich mir etwa ein Harem zulegen?“ brüllte die junge Frau schließlich in den Telefonhörer. Großartig, sonst war es immer nur ein angebliches Musterexemplar der männlichen Spezies gewesen, dass Mary Jo ihr aufdrängen wollte, nun waren es gleich zwei auf einmal. Alexandras Ausbruch hatte zumindest den Erfolg, das Mary Jo schwieg – ungefähr zwei Sekunden lang.
„Was?“
„Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass ich keinen Mann brauche.“ Alexandra bewunderte sich selbst für die Ruhe, mit der sie diesen Satz äußerte.
„Und ich will auch keinen“, fügte sie hinzu.
„Alex, du bist siebenundzwanzig. Du kannst doch nicht dein ganzes Leben allein verbringen.“
Das hatte ja wieder kommen müssen. Wenn Alexandra jedes Mal einen Dollar dafür bekommen hätte, wenn sie diese Diskussion mit ihrer Freundin führte, dann wäre sie mittlerweile wohl Millionärin. Das einzige, was sich je änderte, war die Jahreszahl.
„Ich weiß, wie alt ich bin. Mary Jo, bitte lassen wir das jetzt. Ich bin müde und will ins Bett. Ich ruf dich dann morgen an, ja? Gute Nacht.“ Mit diesen Worten beendete Alexandra das Gespräch und legte das Telefon mit einem tiefen Aufseufzen zurück auf den Tisch. Wenn ihr nicht klar gewesen wäre, dass Mary Jo es nur gut mit ihr meinte, dann hätte sie die Frau schon längst erwürgt und in ihrem Vorgarten verscharrt.
„Komm Charlie“, sagte sie zu dem Hund, der sie mit schief geneigtem Kopf und gespitzten Ohren beobachtete. „Gehen wir schlafen.“
Zwei Tage später brütete Alexandra an ihrem Küchentisch über
diversen Angeboten für medizinische Geräte und Möbel für ihre Tierpraxis. Sie
würde einiges davon gebraucht erstehen können, was gut für ihre finanziellen
Reserven war. Ihre eigenen Ersparnisse und das Geld, das sie von ihrer Tante
geerbt hatte, würden nicht unbegrenzt reichen.
Und da war auch noch das Problem mit dem Umbau. Alexandra hatte vor, den
vorderen Bereich des Hauses, der Tante Claire als Wohnzimmer gedient hatte, als
Ordinationszimmer zu nutzen. Die beiden kleineren Räume daneben sollten das Büro
und das Wartezimmer werden. Der Anbau, der früher ihrem Onkel, einem
passioniertem Jäger und Sammler als Aufbewahrungsort für die Schätze seiner
Leidenschaft gedient hatte, sollte zum Tierlazarett umfunktioniert werden.
Zu Alexandras Glück war ihre Großtante ein praktisch denkender Mensch gewesen
und hatte die Tabakspfeifensammlung, die Feuerzeug- und
Miniaturwhiskyflaschensammlung und diverse andere Gegenstände nach dem Tod ihres
Mannes entweder verkauft oder verschenkt.
Alexandra hatte ihren Großonkel, einen großen, immer zu einem Scherz aufgelegten
Mann, kaum gekannt, da er bereits gestorben war, als sie noch ein Teenager
gewesen war.
Nicht die Einrichtung der Praxis war Alexandras größtes Problem, sondern der
Umbau selbst. Sie hatte bereits die Möbel, die sie nicht mehr brauchte,
abtransportieren lassen und nur ein paar ausgewählte Erinnerungsstücke behalten.
Alexandra hatte versucht, jemanden anzuheuern, der die gröbste Arbeit erledigt,
doch bisher hatte sie mit diesen Hilfskräften nur Pech gehabt. Der erste war am
zweiten Tag stockbetrunken zur Arbeit erschienen, der zweite war erst gar nicht
mehr aufgetaucht, als er merkte, dass er tatsächlich arbeiten sollte, und der
dritte…der dritte hatte tatsächlich den Nerv besessen, sich an Alexandra
heranzumachen. Soviel zu ihrer Karriere als Arbeitgeberin.
Mike hatte ihr bereits seine Hilfe angeboten, doch Alexandra scheute sich davor,
dieses Angebot anzunehmen. Das wäre nur wieder Wasser auf Mary Jos Mühlen
gewesen. Jack hätte ihr liebend gern geholfen, doch der Mann hatte zwei linke
Hände und absolut kein handwerkliches Geschick.
Alexandra schob die Papiere von sich und stand auf. Es half alles nichts,
irgendwann musste sie mit der Arbeit anfangen, wenn sie in zwei Monaten die
Praxis eröffnen wollte. Wenn sie sich dabei auf männliche Hilfe verlassen würde,
dann könnte sie die Praxis wahrscheinlich erst in zwei Jahren eröffnen – wenn
überhaupt.
Sie stellte gerade ihre Kaffeetasse ins Spülbecken, als es an der Tür läutete.
Charlie, der unter dem Tisch gelegen hatte, sprang wie elektrisiert auf und
rannte schwanzwedelnd zur Tür. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein
Bekannter vor der Tür stand. Alexandra folgte ihrem Hund in etwas gemäßigterem
Tempo. Charlie hatte die Tendenz, Leute etwas zu überschwänglich zu begrüßen,
darum ergriff sie vorsichtshalber sein Halsband, bevor sie die Tür öffnete.
„Guten Morgen, schöne Frau. Schon gefrühstückt?“ grüßte ein lachender Jack mit
einer großen Tüte im Arm, die die Aufschrift einer Bäckerei trug. „Ich hoffe, du
hast noch etwas Kaffe übrig“, fuhr er fort, während er sich an Charlie vorbei
ins Haus drängte. „Ja, Kumpel, dir hab ich auch was mitgebracht“, beschwichtigte
Jack den aufgeregten Hund.
Alexandra verschränkte die Arme. Heute war Dienstag, üblicherweise musste Jack
arbeiten und ihr Zuhause lag nicht gerade auf seinem Weg zur Arbeit. Und
Frühstück hatte Jack ihr auch noch nie vorbeigebracht. Irgendwas musste im Busch
sein.
„Hey, Jack, was führt dich so früh in diese Gegend?“ fragte sie misstrauisch.
„Ich wollte dich einfach mal wieder sehen.“ Fröhliche blaue Augen hinter
randlosen Brillengläsern grinsten Alexandra freundlich an. Jack war ein eher
unscheinbarer Vertreter seines Geschlechts, mit schütteren sandfarbenen Haaren,
nicht besonders groß und einem leichten Bauchansatz. Was ihm an gutem Aussehen
fehlte, machte er mit seinem Charme und seinem Witz wett.
„Wir haben uns erst am Wochenende getroffen“, erinnerte Alexandra ihn trocken.
Jack ignorierte ihre Antwort und steuerte, gefolgt von Charlie, auf die offene
Küchentür zu. Alexandra blieb nichts anderes übrig, als sich den beiden
anzuschließen, wenn sie herausfinden wollte, was Jacks Überfall für einen Grund
hatte.
„Ah, da steht ja noch eine fast volle Kanne Kaffee.“ Ihr Freund öffnete einen
der Schränke und stellte Teller und Taschen auf den Tisch, bevor er Alexandra
mit einer einladenden Geste aufforderte, Platz zu nehmen. Dieser kam die ganze
Sache immer merkwürdiger vor.
„Jack, fehlt dir was?“ platzte sie heraus, während sie sich auf den angebotenen
Stuhl setzte. Jack goss ihr etwas Kaffee ein und legte ihr ein Blaubeermuffin
auf den Teller, bevor er sich selbst bediente.
„Nein, alles okay“, antwortete Jack, als er Alexandra schließlich gegenüber saß
und biss herzhaft ein Stück von seinem Doughnut ab. „Ich wollte nur mal sehen,
wie weit du mit dem Umbau und mit deiner Praxis bist“, nuschelte er.
„Nicht besonders weit“, gab Alexandra zurück. „Eigentlich wollte ich gerade
damit anfangen, die Tapeten in meinem zukünftigen Behandlungszimmer zu
entfernen.“
„Wieso versuchst du nicht noch mal, jemanden zu finden, der dir hilft?“ Ein
zweiter Bissen verschwand in Jacks Mund, gefolgt von einem großen Schluck
Kaffee.
„Das Thema hatten wir doch schon“, seufzte die junge Frau. „Ich scheine Männer,
die nichts taugen, einfach anzuziehen. Um mir weiteren Ärger zu ersparen, mach
ich das meiste selbst.“
Jack legte seinen Doughnut zurück auf den Teller und rückte seine Brille
zurecht. Alexandra beobachtete ihn stirnrunzelnd.
„Wenn du dir aber helfen lassen würdest, dann wärst du schneller fertig,
könntest die Praxis früher eröffnen und würdest auch schneller Geld damit
verdienen, korrekt?“ fragte er beiläufig und sah Alexandra an.
Diese schüttelte verwirrt den Kopf. „Klar, aber…ich schaff das schon. Ich hab
einfach die Schnauze voll von unzuverlässigen, betrunkenen Idioten, die nichts
anderes im Kopf haben als das, was zwischen ihren Beinen hängt. Jack, was soll
die Fragerei?“
„Nun…ich hätte da jemanden, der für diese Art Job genau das Richtige wäre…“
begann Alexandras Gegenüber vorsichtig und hob die Hand, als Alexandra den Mund
öffnete, um zu protestieren. „Hör mir erst mal zu, okay?“
Doch so leicht ließ sich die junge Frau nicht zum Schweigen bringen.
„Wenn du mir einen von deinen Jungs aufschwatzen willst, vergiss es“, erklärte
sie bestimmt. „Ich will hier keinen kahlköpfigen, tätowierten Ex-Knacki haben.“
„Alex, Chris O`Connor ist weder kahlköpfig noch tätowiert – soweit ich weiß. Er
ist ein netter junger Mann, der ziemliches Pech gehabt hat…“
„…und unschuldig ins Gefängnis geraten ist und zudem von Außerirdischen entführt
wurde. Blah, blah, blah!“ Alexandras Stimme triefte vor Sarkasmus. Sie konnte
kaum glauben, dass Jack tatsächlich von ihr erwartete, einen Kriminellen
einzustellen.
„Komm schon, sieh ihn dir wenigstens mal an.“ Jacks Stimme nahm nun einen fast
flehenden Tonfall an und Alexandra spürte, wie ihre Wut verrauchte. Jack hatte
ihr schon oft genug aus der Patsche geholfen, das wenigste was sie tun konnte
war, über ihren Schatten zu springen und sich diesen Kerl wirklich mal
anzusehen. Nein sagen konnte sie hinterher immer noch.
Außerdem war sie nun doch etwas neugierig geworden. Es sah Jack gar nicht
ähnlich, sie um einen derartigen Gefallen zu bitten. Da steckte mehr dahinter
und sie war auf einmal fest entschlossen, herauszufinden, was.
„Also gut…“ antwortete sie schließlich langsam. „Aber keine Tätowierungen, keine
Piercings und er sieht auch halbwegs zivilisiert aus? Ich will hier eine Praxis
eröffnen und keine Bar“, fügte sie hinzu. „Die Leutchen in der Nachbarschaft
sind da ein wenig empfindlich.“ Alexandra wusste genau, wovon sie redete.
Im Besonderen meinte sie damit Mrs. Appleby auf der anderen Seite der Straße,
eine etwa siebzigjährige Witwe, die nichts Besseres zu tun hatte, als ihre
Nachbarn mit Argusaugen zu beobachten. Sie und Tante Claire hatten sich nicht
ausstehen können. Die meisten anderen Nachbarn waren biedere Leute, die morgens
zur Arbeit ins Büro gingen, ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten
fuhren und jeden Sonntag in die Kirche gingen.
Jack legte theatralisch eine Hand aufs Herz und hob die andere wie zum Schwur.
„Mein Ehrenwort. Keine Tattoos, kein Piercing und Haare hat er auch“,
versicherte er. „Ich kann dir den Jungen also heute Nachmittag vorbeischicken?“
Alexandra räumte das Geschirr vom Mittagessen in die Spüle und
fragte sich zum wiederholten Male, welcher Teufel sie heute Morgen geritten
hatte, als sie Jacks Bitte nachgegeben hatte.
„Er hat mir bestimmt was in den Kaffee geschüttet“, erklärte sie Charlie und
vergaß dabei völlig, dass sie gar nicht aus der Tasse getrunken hatte, die Jack
ihr vorgesetzt hatte. Charlie war jedoch zu sehr Gentleman um ihr zu
widersprechen und blaffte stattdessen zustimmend.
Erst als Jack weg gewesen war, war Alexandra aufgefallen, dass sie so gut wie
gar nichts über den Kerl wusste, den ihr der junge Bewährungshelfer als
Hilfskraft aufschwatzen wollte. Sie vertraute Jack zwar soweit, dass sie sicher
war, dass dieser Ex-Sträfling nicht wegen irgendeines Gewaltverbrechens
verurteilt worden war, doch sie hätte doch gerne Näheres über ihn gewusst.
Vielleicht war er wegen Drogenbesitz oder Autodiebstahl im Gefängnis gewesen.
Keine Kavaliersdelikte, aber etwas, mit dem sie leben konnte. Alexandra schlug
sich mit der flachen Hand an die Stirn. Das hörte sich ja an, als würde sie
ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Jacks Protege einzustellen. Mary Jo würde
sie in im Eiltempo in die nächste Nervenheilanstalt einweisen lassen. Nein, sie
war schlicht und einfach nur neugierig, wieso Jack ihr diesen Typen aufdrängen
wollte.
Daran, dass er in Mary Jos Club „Lasst-uns-einen-Mann-für-Alex-finden“
eingetreten war, dachte sie keine Sekunde. Jack wusste genau, dass er für einen
derartigen Versuch in akuter Gefahr schweben würde, sein bestes Stück zu
verlieren. Und einen potentiell gewalttätigen Kriminellen würde ihr schon
zweimal nicht vor die Nase setzen.
Alexandra war so in ihren Versuch vertieft, das Rätsel, das Jack ihr aufgegeben
hatte, zu lösen, dass sie nicht bemerkte, wie Charlie die Ohren spitzte und von
seinem Ruheplatz neben dem Küchentisch aufstand. Erst als der Mischling mit
einem lauten Bellen durch die Küchentür verschwand, schreckte sie auf und es
fiel ihr siedendheiß ein, dass die Vordertür offen war
„Mist. Charlie, bei Fuß“, brüllte sie und raste ihrem vorgeblich tauben Hund
hinterher.
Charlie hatte ein extrem selektives Hörvermögen. Er hörte nur das, was er
wollte. Kommandos, die in irgendeiner Weise seinen Spaß verdarben, gehörten
eindeutig nicht dazu. Charlie liebte es, Besucher zu begrüßen. Leider war seinem
Hundehirn nicht klarzumachen, dass die meisten Leute nicht begeistert davon
waren, von einem schlabbernden Kalb angefallen zu werden.
Als Alexandra auf die Veranda kam, hörte sie gerade noch einen überraschten
Aufschrei und wurde Zeuge, wie ihr Liebling einen Unbekannten auf den Rasen in
ihrem Vorgarten niederstreckte. Sie rannte die Treppe hinunter und zerrte
Charlie an seinem Halsband zurück. Zu ihrer Erleichterung schien dem Opfer von
Charlies Attacke außer einem Schrecken nichts passiert zu sein.
„Böser Hund, Charlie, böser Hund! Marsch, zurück ins Haus.“ Alexandra schüttelte
ihren vierbeinigen Freund leicht am Halsband und schob ihn dann in Richtung
Treppe.
Charlie warf ihr einen beleidigten Blick aus seelenvollen Hundeaugen zu, bevor
er ihrem Befehl Folge leistete und sich trollte. Alexandra seufzte. Charlie war
nicht gerade Werbematerial für ihre Kompetenz als Tierärztin. Man sollte meinen,
dass sie als solche in der Lage wäre, einen Hund ordentlich zu erziehen.
Mit diesem Gedanken wandte sie sich wieder Charlies Opfer zu, das sich
mittlerweile aufgerappelt hatte. Es war ein Teenager, Alexandra schätzte ihn auf
etwa siebzehn, extrem schlank, mit strubbeligen, schwarzen, schulterlangen
Haaren, die aussahen, als hätte er sich immer wieder mal ein paar Strähnen mit
einer Axt abgehackt.
Er trug ein schwarzes T-Shirt mit irgendeinem Bandlogo, eine schwarze Jacke und
schwarze, ausgefranste Jeans mit einem Nietengürtel. Das einzige, was das Bild
eines trotzigen Rebellen zunichte machte, war das schmale, mädchenhafte Gesicht
mit den riesigen, schokoladenfarbenen Augen.
„Tut mir leid, dass mein Hund dich angesprungen hat. Er steckt noch mitten in
den Flegeljahren. Ich hoffe, du hast dir nicht wehgetan?“ fragte Alexandra und
amüsierte sich trotz ihres vorangegangenen Schreckens, als der Teenager wild den
Kopf schüttelte. Wenigstens hatte Charlie keine alte Dame umgeworfen. DAS wäre
mit Sicherheit keine gute Werbung für ihre zukünftige Praxis gewesen.
„Nein, mir ist nichts passiert“, versicherte der Junge. „Ich mag Hunde, er hat
mich nur überrascht, das ist alles.“ Verlegen fuhr er sich durch die Haare, die
dadurch nur noch verstrubbelter aussahen.
Seine Stimme passte ebenfalls nicht zu seinem Outfit, fand Alexandra. Sie war
viel zu sanft.
„Trotzdem ist es mir peinlich“, erklärte sie. „Was wolltest du eigentlich?“
Der Junge zog die Schultern hoch und versenkte die Hände in den Hosentaschen
während er Alexandra durch ein paar widerspenstige schwarze Strähnen unsicher
ansah.
„Mister Sanders schickt mich“, antwortete er schließlich. „Er meinte, Sie hätten
vielleicht einen Job…“
Alexandras ungläubiges Erstaunen musste sich in ihrem Gesicht widergespiegelt
haben, denn abrupt brach der Junge seine Erklärung ab und starrte zu Boden.
„DU…DU bist Chris O`Connor?“ platzte die junge Frau heraus.
Du liebe Zeit, Jack hatte zwar mit seiner Beschreibung nicht gelogen, aber er
hätte ihr wenigstens sagen können, dass er ihr ein halbes Kind schicken wollte.
Inwiefern sollte ihr dieser Junge denn eine Hilfe sein? Im Gegenteil, es sah
eher danach aus, als wäre er derjenige, der Hilfe benötigte.
„Dr. Hastings, hören Sie, ich brauche diesen Job wirklich.“ Chris schluckte.
„Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber ich kann hart arbeiten. Und ich hab
Erfahrung, ich hab auf dem Bau gearbeitet und mit…mit meinem Dad das Haus meiner
Großmutter renoviert, bevor wir eingezogen sind. Lassen Sie es mich wenigstens
versuchen.“
Alexandra hatte ihren ursprünglichen Schock noch nicht ganz überwunden. Das
Huhn, das sie mit Jack noch rupfen würde, nahm die Ausmaße eines Dinosauriers an
– eines von der großen Sorte. Dieser hinterlistige Mistkerl hatte genau gewusst,
was er tat. Alexandra hätte jeden anderen Bewerber ohne Gewissensbisse
weggeschickt, doch zu diesen hoffnungsvollen Augen nein zu sagen – das brachte
nicht einmal sie fertig. Auch wenn diese Augen einem männlichen Wesen gehörten.
Ihr einziger Trost war der, dass dieser Chris O`Connor nicht ihn ihr übliches
Feindschema passte und sie streng genommen ihren Prinzipien nicht untreu wurde.
Und genau das musste Jack auch klar gewesen sein.
„In Ordnung“, hörte sie sich widerwillig sagen. „Eine Woche, dann sehen wir
weiter.“
Alexandra lehnte mit verschränkten Armen in der offenen Tür und
beobachtete nachdenklich, wie Chris ihren dunkelblauen Pickup mit Abfall belud,
der für die Müllhalde bestimmt war. Trotz der frühsommerlichen Hitze trug er wie
üblich ein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans. Der einzige Farbtupfer war das
dunkelrote Tuch, dass er sich wegen der Sonne im Piratenstil um den Kopf
geschlungen hatte. Die junge Frau fragte sich unwillkürlich, ob Chris auch
Kleidungsstücke in anderen Farben als Schwarz besaß.
Die Frist, die Alexandra ihrem neuen Helfer gesetzt hatte, war im Nu
verstrichen. Schon am ersten Tag, den Chris für sie arbeitete, hatte sie
festgestellt, dass er wirklich wusste, was er tat und im Gegensatz zu seinen
Vorgängern fleißig und ausdauernd war.
Meistens war sie diejenige gewesen, die ihn abends nach Hause geschickt hatte,
sonst hätte er die halbe Nacht durchgearbeitet. Sie hatte es zwar eilig, die
Praxis zu eröffnen, doch so eilig, dass sie seinen Arbeitseifer ausnutzen
konnte, nun auch wieder nicht. Bereits am zweiten Tag hatte sie es gewagt, Chris
allein zu lassen und war ihren üblichen Verrichtungen nachgegangen, wie der
Organisation ihrer Praxiseinrichtung.
Alexandra hatte sich zu Beginn entschlossen, sich das Meiste gebraucht zu
besorgen und das bedeutete einen ziemlichen Zeitaufwand und eine
nervenaufreibende Fahrerei. Sie hatte leider nicht das Glück, den Bestand aus
einer Praxisauflösung komplett übernehmen zu können, sondern musste sich alle
Geräte und Möbel irgendwo einzeln beschaffen. Ihr einziger Trost war, dass sie
sich dabei eine Menge Geld sparte.
Am Wochenende hatte sie sich mit Jack zum Essen getroffen und ihm gehörig den
Kopf gewaschen. Nachdem Jack sich gebührend zerknirscht bei ihr entschuldigt
hatte, hatte er Alexandra ein paar Details über Chris erzählt, um ihr zu
verdeutlichen, warum er gehofft hatte, dass sie den Jungen einstellte.
Chris war als Sechzehnjähriger in seiner jugendlichen Dummheit in einen
bewaffneten Raubüberfall auf eine Tankstelle verwickelt gewesen, bei dem ein
Mann lebensgefährlich verletzt worden war. Dass er einen Krankenwagen gerufen
und bei dem Verletzten geblieben war, hatte sich positiv bei seiner Verhandlung
ausgewirkt, dass er sich geweigert hatte, die Namen seiner Komplizen und
insbesondere den des Schützen zu verraten, davon war der Richter weniger angetan
gewesen. Er hatte Chris zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die
dieser in einem regulären Gefängnis verbringen sollte.
An diesem Punkt der Erzählung hatte Alexandra einen empörten Aufschrei nicht
unterdrücken können. Als Tochter eines Juristen hatte sie von den Bedingungen in
den amerikanischen Gefängnissen gehört und konnte nicht begreifen, wie man ein
halbes Kind in eine derartige Anstalt schicken konnte. Es gab genügend
Jugendstrafvollzugsanstalten.
Jack konnte ihr diesen Umstand auch nicht erklären, er meinte jedoch, dass der
Richter Chris wohl einen Denkzettel wegen seines Schweigens hatte verpassen
wollen.
Alexandra erfuhr an diesem Abend noch einiges mehr über den Jungen, den sie mehr
oder weniger freiwillig angestellt hatte. Chris war Vollwaise und hatte auch
sonst keine Verwandten mehr in den Staaten. Er war weder faul noch hatte Jack
den Eindruck, dass er vorhatte, sich auf kriminelle Machenschaften einzulassen.
Wenigstens dies hatte der Gefängnisaufenthalt bewirkt.
Was Alexandra allerdings verwunderte, war, dass Chris laut Jack Probleme mit
Autoritätspersonen haben sollte. Seine vorherigen Arbeitgeber hatten ihn jedes
Mal mit der Begründung gefeuert, dass er sich nicht einfügen konnte und nur
Unruhe und Ärger ins Team brachte.
Diesem Urteil konnte Alexandra sich absolut nicht anschließen. Chris war weder
aufsässig noch frech noch ignorierte er ihre Anweisungen. Er stellte Fragen oder
machte Verbesserungsvorschläge, deren gelegentliche Ablehnung er kommentarlos
hinnahm, doch er reagierte nie respektlos. Alexandra zuckte innerlich mit den
Schultern. Vielleicht lag es daran, dass sie eine Frau war.
Chris warf den letzen Müllsack auf die Ladefläche und wischte sich mit der Hand
über die Stirn. Alexandra richtete sich auf und ging zu ihm hinunter.
„Wenn du fertig bist, dann können wir fahren“, sagte sie. Ich muss nur noch
Charlie klar machen, dass wir für ihn keinen Platz mehr haben.“
„Alles klar“, entgegnete Chris mit einem schiefen Lächeln. „In der Zwischenzeit
kann ich mir ja noch was zu trinken holen, die Zeitung lesen, den Rasen mähen…“
Alexandra musste schmunzeln. Chris war normalerweise recht schüchtern ihr
gegenüber, doch manchmal bekam sie doch einen Hauch seines großzügigen, wenn
auch etwas sarkastischen Humors zu spüren. Nicht, dass sie etwas dagegen hatte,
im Gegenteil.
„Wenn ich es mir recht überlege, da du sowieso reingehen musst, wenn du etwas
trinken willst, kannst du ja diese Aufgabe übernehmen. Ich warte solange hier
draußen“, grinste sie und wurde dafür mit einem komisch-entsetzten
Augenaufschlag bedacht. Aus einem für Alexandra unerklärlichen Grund liebte
Charlie Chris fast genauso sehr wie seine Herrin und erstaunlicherweise hatte
der verflixte Hund sogar angefangen, zu gehorchen – allerdings nur, wenn die
Befehle von Chris kamen.
„Dann sollten Sie sich aber lieber in den Schatten setzen“, rief Chris ihr über
die Schulter zu, bevor er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zu Veranda
hinauf eilte und im Haus verschwand.
Alexandra schüttelte lachend den Kopf. Zu ihrer Überraschung genoss sie diese
gelegentlichen kurzen Wortgefechte mit dem jungen Ex-Sträfling. Wahrscheinlich
lag es daran, dass Chris’ Humor und ihr eigener sich ziemlich ähnlich zu sein
schienen.
In erstaunlich kurzer Zeit erschien Chris wieder auf der Veranda und schloss die
Tür hinter sich.
„Was hast du gemacht?“ wunderte sich die junge Tierärztin.
Chris zuckte mit den Schultern. Er schien ebenso überrascht zu sein wie
Alexandra.
„Ich hab ihm nur gesagt, dass wir gleich wieder zurückkommen.“
„Ist das alles?“ Bevor Alexandra in den Wagen einstieg, warf sie einen
forschenden Blick zurück zum Haus. Nichts, kein Bellen, kein Jaulen.
Normalerweise machte Charlie ein Riesentheater, wenn man ihn alleine ließ.
„Ja, wirklich“, entgegnete Chris. „Fahren wir jetzt?“
Alexandra beschloss, ihm zu glauben. Im Grunde genommen konnte Charlie nicht
besonders viel anstellen, außer vielleicht die Küche verwüsten. Türen konnte er
zum Glück nicht öffnen.
Die Müllhalde lag etwa zwanzig Minuten Fahrzeit entfernt. Der Pickup war den
ganzen Vormittag in der sengenden Sonne gestanden und die Temperatur darin
ähnelte der in einem Backofen. Alexandra drehte die Klimaanlage höher und schob
eine CD in den CD-Spieler. Als die ersten harten Rockbeats durch die
Lautsprecher klangen, warf Chris ihr einen erstaunten Blick zu.
„Was?“ fragte Alexandra amüsiert und blies sich eine feuchte Haarsträhne aus dem
Gesicht.
Chris biss sich auf die Unterlippe. „Na, ja, ich hätte nicht gedacht, dass Sie
so eine Art von Musik hören…“
„Und wie genau hättest du meinen Musikgeschmack eingeschätzt?“
„Na ja, eher ruhige Sachen…Klassik oder so…immerhin sind Sie ja schon älter…“
Alexandra hätte beinahe die rote Ampel übersehen und wäre auf den vor ihr
haltenden Wagen aufgefahren. Nachdem sie den Wagen mit einem Ruck zum stehen
gebracht hatte, drehte sie sich mit zu Schlitzen verengten Augen zu Chris.
„Zu deiner Information, ich bin siebenundzwanzig! Und damit bin ich noch lange
keine alte Schachtel!“
Chris starte sie an wie ein hypnotisiertes Kaninchen und tastete unbewusst nach
dem Türöffner. Alexandra musste trotz ihrer Empörung lachen.
„Hey, ich fresst dich deshalb nicht gleich auf“, sagte sie. „Eines solltest du
dir aber fürs Leben merken: Sprich eine Frau niemals auf ihr Alter an.“
Chris schluckte. „Tut mir leid. So war das eigentlich nicht gemeint. Ich dachte
nur…“
Ein lautes Hupkonzert unterbrach seine Entschuldigung. Die Ampel hatte auf Grün
umgeschalten und im Rückspiegel konnte Alexandra mehrere Wagen sehen. Der Fahrer
hinter ihr gestikulierte wütend mit seinen Händen.
„Ach, Mist“, fluchte sie und fuhr los. Nach eine paar Minuten schweigender Fahrt
schielte sie zu ihrem Beifahrer hinüber. Chris beobachtete angelegentlich die
vorbeiziehende Landschaft. Anscheinend hatte sie ihn mit ihrem Ausbruch
eingeschüchtert.
„Hey, tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe“, sagte sie schließlich.
„Ich bin nur ein paar Jahre älter als du und es hat mich wohl etwas schockiert,
dass du mich schon zur älteren Generation zählst.“ Dann kam ihr ein
schrecklicher Gedanke. „Sehe ich etwa älter aus als siebenundzwanzig?“
Als sie keine Antwort erhielt, warf sie ihrem Beifahrer einen kurzen Blick zu.
Chris starrte sie mit einer Mischung aus Argwohn und klinischem Interesse an und
schien sich nicht ganz sicher zu sein, welche Antwort ihn vor einem
schrecklichen Schicksal bewahren würde.
„Nein“, antwortete er schließlich zögernd. „Es ist nur…ich kann Menschen
schlecht auf ihr Alter schätzen. Sind Sie jetzt sauer auf mich?“
Gegen den ängstlichen Ausdruck in Chris’ großen braunen Augen war auch
Alexandras gegen männlichen Charme gestähltes Herz machtlos. Immerhin hatte er
in den vergangenen Jahren nicht viel Gelegenheit gehabt, Erfahrungen mit dem
weiblichen Geschlecht zu machen.
„Blödsinn“, erklärte sie. „Ich war nur…sagen wir neugierig.“
Alexandra hörte, wie der junge Mann neben ihr erleichtert aufatmete und musste
schmunzeln.
„Doktor Hastings?“ Chris Stimme klang zaghaft.
„Hm?“
„Die Woche ist heute um. Soll ich morgen wieder kommen?“
Alexandra runzelte die Stirn. Was meinte er damit? Sie bog durch das Tor der
Müllhalde und brachte den Wagen zum Stehen.
„Welche Woche?“ fragte sie.
„Als Sie mich eingestellt haben, sagten Sie, dass wir nach einer Woche
weitersehen würden. Die Woche ist jetzt um.“
Alexandra durchforstete ihr Gehirn. Hatte sie das wirklich gesagt? Tatsächlich.
Jetzt fiel es ihr wieder ein. Die paar Tage waren wie im Flug vergangen und sie
hatte die Probezeit völlig vergessen.
„Natürlich kommst du morgen wieder. Ich dachte, das wäre klar“, erklärte sie.
„Du hast nicht übertrieben, als du gesagt hast, du wüsstest, was du tust.“
Chris lächelte sie erleichtert an.
„Danke“, sagte er schlicht und schrak zusammen, als jemand an die Scheibe der
Beifahrertür klopfte.
Alexandra stieg aus und grüßte den Besitzer der Halde, einen gemütlichen Mann
Ende vierzig mit roten Haaren und einem gewaltigen Bauch, über dem sich sein
blauer Arbeitsanzug spannte.
„Hallo, Mister Craig, können wir das Zeug hier abladen?“ Sie deutete auf die mit
Tüten und Schachteln gefüllte Ladefläche des Pickups.
„Fahren Sie dort nach rechts, Doc“, entgegnete der Mann. Alexandra hatte dem
Hund seiner Tochter gerettet, als dieser Gift auf der Müllhalde gefressen hatte
und dafür war er ihr bis in alle Ewigkeit hinein dankbar.
Nachdem sie Chris geholfen hatte, einen Teil des Abfalls abzuladen, schlenderte
sie zum „Büro“ hinüber, wo Mister Craig unter einem kleinen Vordach saß und
Zeitung las. Sie unterhielt sich eine Weile mit ihm über seine Familie, dann
bezahlte sie die Gebühr für ihre Ladung Müll. Der rothaarige Mann wollte das
Geld erst nicht von ihr annehmen, doch Alexandra bestand darauf. Während sie
noch diskutierte, hörte sie einen Wagen heranfahren. Sie sah sich um und
erblickte ihren Pickup mit Chris am Steuer.
„’Nen netten Jungen haben Sie sich da als Hilfe angeheuert“, sagte Craig hinter
ihr. „Verdient sich wohl ein wenig Geld neben der Schule.“
Chris war ausgestiegen und sah, die Hände in die Gesäßtaschen seiner verstaubten
Jeans gesteckt, zu ihnen herüber. Er sah wirklich nicht älter aus als ein
Schuljunge.
„Mhm“, erwiderte Alexandra abgelenkt.
Ihr war wieder eingefallen, was Jack ihr über Chris erzählt hatte und sie fühlte
Wut und noch etwas anderes in sich hochsteigen, das sie nicht genau definieren
konnte. Mit einem ungeduldigen Seufzen wischte sie die beunruhigenden Gedanken
weg und wandte sie wieder Mister Craig zu.
„Sagen Sie Sally und Ihrer Frau einen schönen Gruß von mir. Und wir sehen uns
bestimmt noch ein paar mal“, fügte Alexandra hinzu. „Bis dann.“
Als sie sich dem Pickup näherte, machte Chris Anstalten, zur Beifahrerseite
hinüberzugehen. Aus einem Impuls heraus winkte Alexandra ab.
„Hast du einen Führerschein?“ fragte sie.
Chris nickte verblüfft. „Ja, aber ich bin schon eine Ewigkeit nicht mehr mit
einem Auto gefahren“, gab er zu.
„Dann wird’s Zeit, dass du es mal wieder tust“, entgegnete Alexandra nonchalant
und stieg ein. „Worauf wartest du? Die Strecke ist ideal zum Üben.“
Chris sah erst den Wagen an und dann Alexandra, bevor er sich hinter das Steuer
setzte und den Motor startete.
„Sind Sie wirklich sicher, dass Sie mich fahren lassen wollen?“ vergewisserte er
sich, bevor er den Rückwärtsgang einlegte.
Alexandra rollte mit den Augen. „Kennst du nicht dieses abgedroschene Sprichwort
‚Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul’? Autofahren verlernt man
nicht und außerdem liegt es dir mit Sicherheit in den Genen.“ Diese Spitze
konnte sie sich beim besten Willen nicht verkneifen.
Chris verzichtete auf eine Antwort, was Alexandra zeigte, dass er zu der eher
selten Sorte Mann gehörte, die wusste, wann es klüger war, den Mund zu halten.
Innerlich musste sie grinsen. Wenn Jack ihr vor einer Woche gesagt hätte, dass
sie ihm für seine Idee noch dankbar sein würde, dann hätte sie ihm geradeaus ins
Gesicht gelacht.
Die Heimfahrt verlief bist auf ein paar kurze Kommentare und Anweisungen von
Alexandra schweigend. Alexandra wollte Chris nicht ablenken, doch seine
anfängliche Unsicherheit hatte er schnell überwunden. Männer und Autos, dachte
sie, untrennbar miteinander verbunden. Chris schien in dieser Beziehung keine
Ausnahme zu sein.
Zu Alexandras Überraschung hatte Charlie sich wirklich manierlich verhalten. Er
hatte nur einen Stuhl in der Küche umgeworfen und ein wenig am Tischbein
herumgenagt. Charlie alleine zu lassen hatte sich in der Vergangenheit meist als
Problem erwiesen. Zum Glück hatte sie den Hund früher mit zur Arbeit nehmen
können, sonst hätten ihre damaligen Vermieter ihr wohl gekündigt.
Bei ihrer Großtante hätte sie ihn nicht lassen können, sie war in den letzten
Jahren gesundheitlich etwas angeschlagen gewesen und mit Charlie auf keinen Fall
fertig geworden.
Chris war ihr in die Küche gefolgt und legte den Autoschlüssel auf den Tisch.
„Vielen Dank noch mal“, sagte er verlegen. „Es hat Spaß gemacht.“
„Keine Ursache“, lachte Alexandra, die auf dem Boden kniete und vergebens
versuchte, sich von Charlie zu befreien, der ihr voller Begeisterung über ihre
Rückkehr das Gesicht ableckte. „Uäch, lass das, du Ungeheuer!“
„Ich geh dann mal und räum den Rest zusammen“, verkündete Chris und verschwand
wieder, um sich an die Arbeit zu machen.
Alexandra sah ihm nach. Ursprünglich hatte sie nur geplant, jemanden
einzustellen, der die Renovierung ihrer zukünftigen Praxisräume übernahm. Es
sollte einfach schnell und relativ professionell gehen, damit sie bald ihre
Praxis eröffnen konnte. Jetzt schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie
Chris vielleicht bitten konnte, auch den Rest des Hauses zu renovieren.
Es war immerhin fast achtzig Jahre alt und in der Vergangenheit waren außer
Schönheitsreparaturen nichts daran gemacht worden. Das Dach der Garage hatte ein
Leck und ein paar Dielenbretter der Veranda waren morsch. Und wenn man genauer
hinsah, würde man noch unzählige Kleinigkeiten finden, die ebenfalls dringend
einer Reparatur bedurften.
Alexandra fasste sich an die Stirn. Nein, Fieber hatte sie keines. Was brachte
sie nur dazu, sich um das Wohlergehen eines männlichen Wesens Gedanken zu
machen? Männer waren dominant, gewohnt ihren Willen durchzusetzen, benutzten
rücksichtslos andere für ihre Ziele und vor allem eines: Gefühllose, unsensible
Kreaturen.
Alexandra tätschelte Charlie die Seite und stand auf. Eine Antwort auf diese
Frage würde sie auf die Schnelle nicht finden, außerdem hatte sie noch ein paar
Telefonate zu erledigen. Was Chris betraf, würde sie abwarten und sehen, wie er
sich weiterhin anstellte, bevor sie ihm den Vorschlag machte, der ihr eben durch
den Kopf gegangen war.
Am nächsten Morgen erwachte Alexandra vom penetranten Piepsen
ihres Weckers, den sie vergessen hatte, am Vorabend abzuschalten. Heute stand
zur Abwechslung mal nichts Dringendes auf dem Programm und sie hätte den Tag
langsam angehen können. Missmutig starrte Alexandra den Wecker an und gähnte.
„Was soll’s, dann stehe ich eben doch auf“, brummte sie vor sich hin und schwang
die Beine aus dem Bett.
Die Morgensonne malte Kringel auf den in bunten Herbstfarben gehaltenen Teppich,
der in der Mitte des dunklen Holzfußbodens lag. Das Zimmer hatte früher ihrer
Großtante gehört, nach deren Tod war Alexandra hier eingezogen, da es größer und
heller als ihr altes Zimmer war. Die alten Möbel hatte sie entfernt und durch
ihre eigenen, hellen Kiefernmöbel, ersetzt, die sie sich für ihre kleine Wohnung
in der Nähe ihrer ehemaligen Arbeitsstätte gekauft hatte.
Bis auf die Zeit während ihrer kurzen Affäre mit diesem verheirateten Typen
hatte Alexandra jedes Wochenende im Haus ihrer Großtante verbracht. Es hatte sie
schwer getroffen, als sie eines Tages in der Klinik den Anruf bekommen hatte,
dass der Postbote Tante Claire tot auf dem Küchenfußboden gefunden hatte. Zu
ihrer Beerdigung waren auch Alexandras Mutter und ihr Vater gekommen.
Ihre Mutter hatte versucht mit Alexandra zu reden und sich mit ihr zu versöhnen,
doch ihr Vater hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er ihr noch immer nicht
verziehen hatte, dass sie sich nach der Highschool so radikal seinen Wünschen
widersetzt, zu ihrer Großtante gezogen und ihr eigenes Leben gelebt hatte.
Seit der Beerdigung hatte Alexandra ein paar Mal mit ihrer Mutter telefoniert,
hatte aber jedes Mal das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter sie noch immer nicht
verstand. Es schien, als gäbe sie Alexandra die alleinige Schuld an dem
Zerwürfnis.
So war der Kontakt fast wieder eingeschlafen, da Alexandra nicht bereit war,
sich auf so subtile Weise Schuldgefühle einreden zu lassen. Es war schwer,
immerhin waren es ihre Eltern, doch sie war inzwischen alt genug und hatte genug
Lebenserfahrung um zu erkennen, das manche Menschen sich einfach nicht ändern
wollten, egal wie man es auch anstellte.
Alexandra sah sich suchend im Zimmer um. Charlie, der normalerweise immer vor
dem Sessel neben ihrem Kleiderschrank schlief, war verschwunden. Die Zimmertür,
die Alexandra nachts wegen ihm nur anlehnte, da der Hund geschlossene Räume
nicht mochte, stand halb auf. Er musste sich also schon nach unten zu seinem
Fressnapf geschlichen haben.
Gähnend fuhr sich Alexandra durch die vom Schlaf zerzausten Haare und
debattierte mit sich, ob sie zuerst duschen und dann frühstücken sollte oder
anders herum. Ihr Magen und das Frühstück trugen den Sieg davon und sie griff
nach ihrem hellblauen Morgenmantel, da sie nicht nur mit einem T-Shirt, dass ihr
gerade mal über die Oberschenkel reichte, durchs Haus stapfen wollte.
Als Alexandra die Küchentür öffnete, blieb sie verblüfft stehen. Der Tisch war
bereits gedeckt und Kaffeeduft kitzelte sie in der Nase.
„Was ist denn…?“
„Guten Morgen“, ertönte eine ihr bekannte Stimme hinter der Küchentheke. „Rührei
oder Spiegelei? Das ist so ziemlich das einzige das ich kann.“
Alexandra fuhr herum und starrte den Sprecher mit offenem Mund an.
„Was machst du denn schon hier?“ brachte sie schließlich heraus, nachdem sie die
Fähigkeit zu sprechen wieder gefunden hatte.
Chris sah sie verständnislos an. „Sie haben mir gestern angeboten, dass ich hier
schlafen kann, nachdem Sie mich ins Motel gefahren hatten. Der Typ dort hat mir
doch das Zimmer gekündigt, nachdem Sie ihn mit so einem coolen Kampfsportgriff
flachgelegt haben…“
„Oh…“ Alexandra setzte sich auf den nächsten Stuhl. Natürlich, jetzt fiel es ihr
wieder ein. Sie hatte Chris gestern Abend zu seinem Motel gefahren und war
entsetzt gewesen, wie verwahrlost und heruntergekommen das Gebäude gewesen war.
Übervolle Müllkübel standen vor den Türen, Gerümpel lag überall herum und es sah
aus, als würden hier nur gescheiterte Existenzen leben. Bevor sie zu Chris eine
Bemerkung darüber machen konnte, kam der Manager, ein widerlicher, ungewaschener
Kerl mit halbverfaulten Zähnen zum Wagen und verlangte rüde von Chris die Miete
für die folgende Woche. Dieser kramte daraufhin völlig verschüchtert in seiner
Hosentasche nach der geforderten Summe.
Alexandra konnte es sich nicht verkneifen, ebenfalls auszusteigen und den Typen
zu fragen, ob er mit allen seinen Gästen so umsprang und ob er schon mal was von
Höflichkeitsregeln gehört habe. Daraufhin wandte der Typ seine Aufmerksamkeit
Alexandra zu und musterte sie auf ziemlich eindeutige Weise von oben bis unten.
Er war etwa zwei Köpfe größer als die junge Frau und doppelt so schwer. Verbal
ließ Alexandra seine plumpe Anmache noch über sich ergehen, doch als er
Anstalten machte, sie zu betatschen, wurde es ihr zu bunt. Sie hatte nicht
umsonst auf der Highschool mit Jiu-Jitsu begonnen und es mittlerweile bis zum
schwarzen Gürtel geschafft.
Zwei Sekunden später lag der Kerl auf dem Rücken und schnappte nach Luft wie ein
Karpfen auf einer Sandbank. Zwei Minuten später war Chris seine Bleibe los
gewesen und Alexandra hatte ihm angeboten, bei ihr zu wohnen.
„Tut mir leid, das hatte ich wohl völlig vergessen“, murmelte Alexandra, bevor
ihr auffiel, dass Chris sie interessiert musterte.
Da erst wurde ihr bewusst, was für einen Anblick sie bieten musste. Ihre
widerspenstigen Locken standen vermutlich in alle Richtungen und ihren
Morgenmantel hatte sie nur übergeworfen, ohne sich darum zu kümmern, ihn zu
schließen.
Charlie war ihr Aussehen in aller Herrgottsfrühe schließlich gewohnt und ließ
sich nicht so leicht verschrecken. Hastig holte sie ihr Versäumnis nach und
verknotete den Gürtel des Morgenmantels mit mehr Kraft als nötig.
„Ich hätte dann gern zwei Rühreier“, sagte sie, um ihre Verlegenheit zu
überspielen.
Chris leicht gerötete Wangen ließen darauf schließen, dass ihm ihr etwas allzu
freizügiger Bekleidungszustand durchaus aufgefallen war und Alexandra schalt
sich innerlich, dass ihr die Vorkommnisse des vorangegangenen Abends kurzfristig
so völlig aus dem Gedächtnis entschwunden waren.
Chris stellte ihren gefüllten Teller vor sie hin und setzte sich ihr dann mit
gesenkten Augen gegenüber. Schweigend begann er zu essen. Krampfhaft suchte
Alexandra nach einem unverfänglichen Gesprächsthema, um die befangene Atmosphäre
aufzulockern.
„Hast du gut geschlafen?“ fragte sie schließlich.
Chris sah auf. „Mhm. Hier ist es wenigstens ruhig. Sie glauben gar nicht, was
man in so einem Motel nachts alles mitbekommt…“ Verlegen brach er ab und widmete
sich wieder eingehend dem Inhalt seines Tellers.
Alexandra versuchte ein Schmunzeln zu unterdrücken. Sie konnte es sich sehr wohl
vorstellen. Die Wände in solchen Motels waren gewöhnlich dünn wie Papier. Chris
Bemerkung brachte ihr zu Bewusstsein, wie jung er doch noch war und wie
unerfahren. Unwillkürlich fragte sie sich, inwieweit er überhaupt Erfahrungen
mit dem weiblichen Geschlecht hatte.
Wie alt war er gewesen, als man ihn eingesperrt hatte? Sechzehn, siebzehn? Wenn
sie an ihre eigene Jugendzeit zurückdachte, und die Jungs, die sie damals
gekannt hatte, dann bezweifelte sie stark, dass er mehr mit Mädchen angestellt
hatte als eine gelegentliche Knutscherei – wenn überhaupt. Sie wusste zwar
nicht, was nach seiner Entlassung passiert war, doch Chris machte nicht den
Eindruck, als fiele es ihm leicht, auf Frauen zuzugehen. Dazu war er zu
schüchtern.
„Wo haben Sie das Zeug eigentlich gelernt?“ Alexandras Gedankengang wurde durch
Chris’ Frage abrupt unterbrochen und sie brauchte ein paar Sekunden, um zu
erkennen, was er damit meinte.
„Ich mach Jiu-Jitsu schon seit Jahren. Gelegentlich gebe ich am Wochenende sogar
Kurse hier im Gemeindezentrum, hauptsächlich für Frauen und Mädchen. Es geht mir
darum, das Wissen zu vermitteln, dass man auch einem körperlich stärkeren Gegner
nicht hilflos gegenübersteht, solange man nur weiß, wie man sich gegen ihn
wehren kann.“ Alexandra schob ihren leeren Teller von sich. „Es macht mich immer
wieder wütend, wenn ich höre, aus welchen Gründen Frauen meine Kurse besuchen.
Einige wurden vergewaltigt oder werden von ihrem Partner geschlagen. Die
wenigsten machen es einfach so aus Spaß.“
„Sind…sind eigentlich nur Frauen zugelassen?“
Alexandra sah Chris überrascht an. Der Junge hatte einen merkwürdigen Ausdruck
in den Augen, den sie nicht deuten konnte.
„Nein, eigentlich kann jeder kommen. Aber da ich eine Frau bin und Männer sich
erfahrungsgemäß von einer Frau nicht gerne was beibringen lassen, sind wir
„Weiber“ normalerweise unter uns. Wieso?“
Chris zog die Schulter hoch. „Weil ich gern das nächste Mal an so einem Kurs
teilnehmen würde, wenn Sie einen geben. Das wäre doch in Ordnung, oder?“
„Natürlich“, entgegnete Alexandra. „ Du hast Glück, Samstag in zwei Wochen fängt
wieder einer an. Ich weiß zwar nicht, was mich geritten hat, mir das im Moment
auch noch aufzuhalsen, aber…“ Amüsiert legte Alexandra den Kopf schief, als ihr
ein Gedanke kam. „Sag mal, du hast doch jetzt nicht etwa Angst vor mir?“
Chris riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. „Nein, Blödsinn! Ich dachte
nur…na ja, die Typen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben immer auf mir
herumgehackt, weil ich so jung aussehe…“
„…und da dachtest du, du könntest dir mit so was in Zukunft mehr Respekt
verschaffen“, vervollständigte Alexandra den Satz. Sie nickte verständnisvoll.
„Kein Problem.“
Wenn sie Chris so ansah, dann konnte sie ihn wirklich verstehen. Sie hätte es
ihm zwar nie ins Gesicht gesagt, doch er wirkte trotz seines rebellischen
Äußeren mit der wilden Frisur und den meist schwarzen Klamotten zerbrechlich und
verletzbar.
Zum Teil rührte es daher, weil sein Auftreten, zumindest ihr gegenüber, nicht zu
seinem Aussehen passte, zum anderen, weil er mit seinen weichen mädchenhaften
Gesichtszügen und den riesigen, schokoladenfarbenen Augen einfach nicht so taff
rüberkam, wie er es vermutlich gerne hätte. Leider gab es genügend Menschen,
egal ob Männer oder Frauen, die dies als Schwäche auslegten und es gewissenlos
ausnutzten.
Die zweite Woche, die Chris für Alexandra gearbeitet hatte, war
relativ ereignislos vorübergegangen. Alexandra hatte ihm ihr früheres Zimmer
gegeben, in dem noch ein alter Fernsehapparat und ihre alte Stereoanlage
standen. Abends verschwand Chris meist gleich nach dem Abendessen.
Alexandra hatte nach vielem Bohren herausgefunden, dass er versuchen wollte, den
Highschool-Abschluss nachzuholen und dafür in seiner Freizeit lernte. Es hatte
sie zwar gewundert, dass man ihm im Gefängnis diese Möglichkeit nicht gegeben
hatte, doch sie verzichtete auf weitere Fragen, nachdem sie gemerkt hatte, wie
unangenehm Chris dieses Thema war.
Alexandra war gerade dabei, Tapeten und Farbe von ihrem Pickup abzuladen und ins
Haus zu tragen, als Mary Jo mit Jamie auf dem Arm durch die Gartentür kam. Sie
stellte den Farbkübel, den sie gerade von der Ladefläche gehoben hatte, auf den
Boden. Er war sowieso zu schwer und sie würde Chris nachher bitten, ihr ein paar
Sachen ins Haus zu tragen. Mit einem strahlenden Lächeln für Jamie ging
Alexandra auf die beiden zu.
„Hallo, wer kommt denn da?“ gurrte sie völlig untypisch.
„Lexa!“ quietschte der blonde Lockenkopf vergnügt. „Tsarlie?“ fügte er gleich im
Anschluss an.
Alexandra gab sich den Anschein zu schmollen. „Hätte ich mir ja denken können,
dass nur mein Hund für dich attraktiv ist. Hallo Mary Jo, wie geht’s dir?“
grüßte sie dann ihre Freundin, die Jamie auf den Boden stellte.
Der kleine Junge tapste begeistert auf seinen pelzigen Freund zu, der
mittlerweile aus dem Haus gekommen war, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.
Seltsamerweise wusste Charlie genau, dass er bei den Kindern, besonders bei
Jamie, nicht so ungestüm wie sonst sein durfte.
„Hallo Alex“, erwiderte Mary Jo Alexandras Gruß. Sie war eine etwas pummelige
Brünette in einem apricotfarbenen Sommerkleid, mit großen blauen Kulleraugen,
die trotz ihrer fast achtundzwanzig Jahren noch immer mit kindlicher Unschuld in
die Welt zu schauen schienen.
Die Betonung lag auf dem Wort „schienen“. Mary Jo war eine Frau, die durchaus
wusste, was sie wollte. Sie war eine Frau mit eisernem Willen, die alles für
ihre Familie und ihre Freunde tun würde. Alexandra war froh, eine solche
Freundin zu haben, auch wenn sie Mary Jo’s Verkupplungsversuche zum Teufel
wünschte.
„Willst du mit reinkommen auf eine Tasse Kaffee?“ bot Alexandra an.
Sie konnte Mary Jo an der Nasenspitze ansehen, dass sie gleich platzen würde,
wenn sie den neuesten Klatsch nicht auf der Stelle loswerden konnte.
Wahrscheinlich ließen sich ihre Nachbarn scheiden, ein halbwüchsiges Mädchen aus
ihrer Straße bekam ein Kind oder der Sohnemann eines Nachbarn war mit Drogen
erwischt worden. Mary Jo sog derartige Neuigkeiten auf wie ein Schwamm um sie
dann unverzüglich über all jene zu ergießen, die sie hören wollten oder nicht
schnell genug entkommen konnten.
Alexandra war an diese manchmal unerfreuliche Eigenschaft ihrer Freundin gewöhnt
und ließ sie in der Regel gewähren. Sie musste ja nicht unbedingt zuhören,
sondern nur von Zeit zu Zeit ein zustimmendes oder überraschtes Brummen von sich
geben.
„Natürlich.“ Mary Jo war begeistert. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass du Zeit
für mich hast, jetzt wo du wieder ohne Hilfe dastehst.“
Chris wählte ausgerechnet diesen Moment, um aus dem Haus zu kommen und Alexandra
seine Hilfe beim Entladen des Pickups anzubieten. Und ausgerechnet heute trug er
diese zerrissene schwarze Jeans, bei deren Anblick es Alexandra immer in den
Fingern juckte, sie ihm vom Leib zu reißen und sie ganz unten in der Mülltonne
zu vergraben.
Ein löcheriges schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „FUCK YOU“ und schwarze
Springerstiefel vervollständigten sein Outfit. Alexandra stöhnte innerlich auf
und schielte zu Mary Jo hinüber. Ihre Freundin starrte Chris, der sie artig
grüßte, mit offenem Mund an.
Alexandra wollte lieber nicht wissen, was in Mary Jos Kopf gerade vor sich ging.
Erfahrungsgemäß würde sie jedoch nicht lange davon verschont bleiben.
„Ähm, Mary Jo, das ist Chris O’Connor. Er ist meine neue Hilfskraft. Chris, das
ist Mary Jo Anderson.“
Chris schenkte Mary Jo, die ihm wortlos zunickte. ein unsicheres Lächeln, bevor
er sich an Alexandra wandte.
„Mit dem Behandlungsraum bin ich soweit fertig“, sagte er. „Wollen Sie, dass ich
ihn erst tapeziere und streiche, bevor ich hinten weitermache?“
„Gute Idee“, stimmte Alexandra hastig zu. „Wenn der Raum komplett fertig ist,
dann kann ich wenigstens schon mal die Möbel und die Geräte bringen lassen.“
Dann drehte sie sich zu ihrer Freundin um, um diese aus der Gefahrenzone zu
bringen, bevor ihr noch etwas Unhöfliches herausrutschen konnte.
Glücklicherweise wählte Jamie diesen Augenblick, um Mary Jos Aufmerksamkeit mit
einem lauten Brüllen auf sich zu lenken. Die Frau schaltete sofort von besorgter
Freundin auf fürsorgliche Mutter um und widmete sich erst einmal ihrem zornigen
Sprössling, der schrie, weil es Charlie zu bunt geworden war und der Hund sich
zurück ins Haus verzogen hatte.
Schließlich gelang es Alexandra, Mary Jo samt schreiendem Kind in die Küche zu
bugsieren, wo sie aus einer Küchenschublade ein paar Wachsmalstifte und Papier
hervorzauberte und damit Jamie zum Verstummen brachte. Das kleine Ungeheuer war
sofort begeistert und lies sich widerspruchslos auf den Küchenfußboden setzen,
wo er sich dann hingebungsvoll damit beschäftigte, ein für alle außer ihm
rätselhaftes Kunstwerk zu schaffen.
Alexandra befüllte die Kaffeemaschine und setzte sich dann mit zwei Tassen, von
denen sie eine vor ihre Freundin stellte, an den Tisch und wartete. Mary Jo war
verdächtig ruhig geblieben. Das sollte sich jedoch schnell ändern.
„Alex, wo um alles in der Welt hast du diesen…diesen…“ Mary Jo suchte nach einem
bestimmten Wort und fand es schließlich auch. „…diesen PUNK aufgetrieben? Der
ist ja noch schlimmer als alle anderen zusammen!“
„Chris ist kein Punk“, verteidigte Alexandra ihren jungen Helfer. „Er mag ein
bisschen…na ja, sagen wir merkwürdig rumlaufen, aber er ist in Ordnung. Er ist
schnell und er ist zuverlässig, mehr verlange ich gar nicht.“
„Aber Alex, er sieht aus als wäre er aus der Gosse gekrochen! Denkst du denn gar
nicht daran, was deine Nachbarn davon halten?“ ereiferte sich die braunhaarige
Frau. „Jetzt erzähle mir bitte mal, wie du zu ihm gekommen bist!“
Alex hielt einen Moment lang die Luft an. Wenn Mary Jo schon so einen Aufstand
wegen Chris’ Aussehen machte, was würde sie dann erst sagen, wenn sie erfuhr,
das er bis vor einem halben Jahr in San Quentin gewesen war und nun außerdem
auch noch bei Alexandra wohnte? Sie würde entweder einen Herzinfarkt vor
Entrüstung bekommen oder aber Alexandra entmündigen lassen – oder beides.
„Ein Bekannter hat ihn mir empfohlen. Und bisher kann ich mich nicht beklagen“,
antwortete Alexandra schließlich ausweichend.
Dass der Bekannte Jack Sanders gewesen war, verschwieg sie wohlweislich. Mary Jo
war nicht dumm, sie hätte den Braten sofort gerochen.
„Also, ich weiß nicht, mir wäre nicht wohl bei dem Gedanken, so einen wild
aussehenden Kerl im Haus zu haben“, erklärte Mary Jo stirnrunzelnd. „Wer weiß,
auf was für Ideen er kommen könnte, immerhin lebst du allein.“
Alexandra warf einen Blick auf Jamie, der munter vor sich hin brabbelnd an
seinem Bild arbeitete. Wer wusste schon, was aus Jamie mal werden würde? Mary Jo
würde vermutlich in Ohnmacht fallen, wenn ihr Baby eines Tages mit
Lippenpiercing, Tätowierungen oder Schlimmerem nach Hause kommen würde.
„Ich kann auf mich aufpassen“, entgegnete die junge Tierärztin nur.
„Ach ja, hab ich vergessen“, murmelte Mary Jo und zog mit einem Schaudern die
Schultern hoch. „Ju-tsu, nicht wahr?“
Alexandra seufzte. „Jiu-Jitsu. Und jetzt erzähl mir mal, weswegen du eigentlich
vorbeigekommen bist.“
Wie erwartet, hatte das Ablenkungsmanöver Erfolg und Mary Jo war kurz darauf in
einen komplizierten Bericht verstrickt, welcher Nachbar mit wem und wo und wer
die beiden dabei gesehen hatte und es dem jeweiligen anderen Partner erzählt
hatte und wie die eine Nachbarin zur anderen gesagt hatte, sie hätte es schon
immer gewusst, dass da etwas faul war…
„Ach ja, und dann wollte ich noch fragen, ob du uns bei unserem
Wohltätigkeitsbasar hilfst.“
Eingelullt von Mary Jos endlosem Geplapper schreckte Alexandra bei diesem
abrupten Themenwechsel hoch.
„Welchem Wohltätigkeitsbasar?“ fragte sie alarmiert.
„Von unserem Handarbeitsclub“, erklärte Mary Jo geduldig. „Wir bräuchten noch
jemanden für den Getränkeausschank. Es wäre auch nur für ein paar Stunden,
nächsten Samstagnachmittag. Melissa, du weißt doch, dieses verhuschte kleine
Mäuschen, hat überraschend abgesagt, weil ihr Mann zu einem geschäftlichen
Treffen nach Atlanta fliegt und sie ihn begleitet. Du kommst doch, nicht wahr?
Dieser Kurs, den du gibst, fängt doch erst übernächste Woche an.“
Alexandra hatte gerade den Mund geöffnet, um genau dies als Ausrede zu benutzen
und schloss ihn gleich wieder. Mary Jo schien besser über ihren Terminkalender
Bescheid zu wissen als sie selbst.
„Weißt du, eigentlich liegt mir so etwas gar nicht…“ versuchte sie sich aus der
Affäre zu ziehen.
„Unsinn! Du kommst und ich werde jedem erzählen, was für eine gute Tierärztin du
bist. Das habe ich zwar schon getan, aber wenn sie dich erst einmal kennen
gelernt haben, werden sie mir das auch glauben. Es sind sogar ein paar Leute vom
Country Club dabei.“
Alexandra atmete tief durch. Mary Jo hatte ja Recht. Wenn sie einigermaßen
Erfolg mit ihrer Praxis haben wollte, dann musste sie zusehen, dass sie
Patienten anwarb – besser gesagt deren Besitzer.
„Also gut“, seufzte sie ergeben. „Aber wehe, du hetzt mir wieder irgendwelche
Junggesellen auf den Hals.“
Müde schloss Alexandra ihre Haustür auf. Es war bereits nach
zehn, der Wohltätigkeitsbasar hatte zwar wirklich nur am Nachmittag
stattgefunden, doch gleich darauf hatte sich eine Grillparty für alle
Beteiligten angeschlossen. Wohl oder übel hatte Alexandra daran teilnehmen
müssen.
Sie hatte Mary Jo zur Rede gestellt, doch diese hatte ihr mit einem unschuldigen
Augenaufschlag erklärt, sie müsse ja nicht bleiben, deshalb habe sie auch nichts
von der Party gesagt. Wenn Alexandra dort nicht ein paar „Geschäftskontakte“
geknüpft hätte, dann wäre Mike wohl seit dem heutigen Abend Witwer und allein
erziehender Vater gewesen.
Charlie erschien auf der Treppe und begrüßte sie mit einem leisen „Wuff“ bevor
er sich wieder umdrehte und verschwand. Alexandra folgte ihm zu Chris Zimmer,
dessen Tür halb offen stand.
Gedämpftes Licht schien in den Flur und sie hörte, dass der Fernseher lief.
Alexandra trat näher und klopfte, bevor sie die Tür ganz öffnete. Chris lag, nur
mit einem übergroßen T-Shirt, das ausnahmsweise einmal weiß war, und einer
dunkelblauen Boxershorts bekleidet auf dem Bett und sah fern während Charlie es
sich gerade wieder neben ihm bequem machte.
„Na das sind ja schöne Sitten“, sagte sie, die Hände in die Hüften gestemmt.
„Kaum ist die Katze aus dem Haus tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“
Alexandra hätte beinahe gelacht, als sie sah, mit welcher Geschwindigkeit
Charlie vom Bett herunter sprang und Chris sich aufsetzte.
„Ähm, tut mir leid…ich wollte nicht…Er war auf einmal im Bett und…“
Als Alexandra den riesigen gelben Smiley auf dem T-Shirt und Chris entsetzt
aufgerissene Augen sah, war es um sie geschehen. Sie konnte das Lachen nicht
mehr aus ihrer Stimme halten.
„Keine Angst, ich lasse euch beide deshalb nicht im Keller schlafen“, gluckste
sie. „Aber du solltest vor dem Schlafengehen lieber die Bettecke ausschütteln,
Charlie ist nämlich permanent in der Mauser. Darum sind Betten und Sofas für ihn
VERBOTEN. Nicht wahr mein Schatz?“
Charlie wusste genau, wer damit gemeint war. Mit schuldbewusstem Blick schlich
er sich zu Alexandra und leckte ihre Hand.
„Natürlich kommst du jetzt wieder angeschleimt, du Monster. Böser Charlie!“
Sanft packte Alexandra den Hund am Nackenfell und schüttelte ihn leicht. „Keine
Betten und keine Sofas!“ wiederholte sie. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit
wieder Chris zu, der sie noch immer betreten ansah.
„Ich bin nicht sauer auf dich, schließlich hätte ich es dir sagen sollen. Du
hattest wohl noch nie einen Hund, oder?“
„Nein.“ Chris schüttelte den Kopf. Er hatte die Knie angezogen und die Arme
darum geschlungen. „Ich hätte zwar immer gern einen gehabt, aber als ich klein
war, hatten wir keinen Platz und später hätte ich sowieso keine Zeit mehr für
einen Hund gehabt.“
Alexandra witterte ihre Chance, etwas mehr über ihren Hausgenossen
herauszufinden und setzte sich zu ihm auf die Bettkante.
„Du hast mal gesagt, du hättest deinem Vater geholfen, das Haus deiner
Großmutter zu renovieren“, erinnerte sie Chris an seine Worte bei ihrem ersten
Treffen.
„Ja…mein Dad hatte es geerbt, als ich dreizehn war. Es war eine ziemliche
Bruchbude, aber wir haben es wieder in Schuss gebracht. Mom…Mom hat auch
mitgeholfen.“
Chris’ Stimme zitterte leicht bei der Erwähnung seiner Mutter und Alexandra
erinnerte sich, dass Jack ihr erzählt hatte, Chris wäre Vollwaise.
„Mein Vater nahm einen Kredit auf und machte sich selbständig mit so einer Art
Hausmeisterservice. Sie wissen schon, Reparaturen, Gartenarbeiten und all so
Zeug. Nach der Schule hab ich ihm immer geholfen. Dann wurde meine Mutter
krank…“ flüsterte er. „Sie...sie musste ins Krankenhaus und dort stellte man
fest dass sie Leukämie hatte. Sechs Wochen später war sie tot.“
Chris schluckte und Alexandra konnte deutlich sehen, wie er mit den Tränen
kämpfte. Er musste seine Mutter sehr geliebt haben. Bevor sie dem Impuls, ihn in
die Arme zu nehmen, nachgeben konnte, sprach Chris weiter.
„Für meinen Dad brach eine Welt zusammen. Für ihn war meine Mutter das
Wichtigste auf der Welt. Auf einmal war ihm alles egal. Er fing an zu trinken,
nahm keine Aufträge mehr an…nach einem halben Jahr mussten wir das Haus
verkaufen und sind in unsere alte Gegend zurückgezogen.“ Chris schwieg.
„Was passierte dann?“ fragte Alexandra leise. Obwohl Chris nur von seinem Vater
gesprochen und wie sehr dieser seine Frau geliebt hatte, konnte sie doch
deutlich spüren, dass Chris damit auch sich selbst meinte.
„Was schon?“ entgegnete Chris bitter. „Die alte Geschichte. Netter Junge gerät
in schlechte Gesellschaft, baut Mist und wandert dafür ins Gefängnis.“
Zum ersten Mal während seiner Erzählung blickte er Alexandra direkt an. Ihr
blieb fast die Luft weg, als sie die Qual in seinen Augen sah.
„Mein Dad hat die ganze Zeit zu mir gehalten. Er hat mich besucht und mir Mut zu
gesprochen. Er hat sogar mit dem Trinken aufgehört. Dann hatte er einen
Schlaganfall. Sie haben mich nicht einmal zu seiner Beerdigung gehen lassen.“
Chris wischte sich mit einer Hand über die Augen. „Scheiße“, flüsterte er
erstickt.
„Oh Gott, Chris, es tut mir so leid…“ hilflos brach Alexandra ab.
Was sollte sie dazu sonst sagen? Es gab keine Worte um zu beschreiben, was sie
fühlte. Mitleid, Trauer, Wut über die Ungerechtigkeit der Welt. Drei Menschen,
die sich innig geliebt hatten, waren vom Tod und einem unglücklichen Schicksal
auseinander gerissen worden. Ein knapp einundzwanzigjähriger junger Mann, der
seine Eltern vielleicht gerade jetzt noch dringend gebraucht hätte, war allein
und auf sich selbst angewiesen.
Alexandra konnte den Funken Bitterkeit, der in ihr hoch stieg, wenn sie an ihre
eigenen Eltern und ihre Geschwister dachte, nicht ganz unterdrücken. Ihr Vater
hatte sie praktisch aus dem Haus geworfen, als sie seinen Wünschen nicht
nachkommen wollte. Ihre Mutter hatte es nicht gewagt, sich dagegen aufzulehnen
und ihre ältere Schwester und ihr Bruder hatten ebenfalls zu ihrem Vater
gehalten.
Doch sie hatte ein Sicherheitsnetz namens Tante Claire gehabt. Was Chris über
seinen Vater gesagt hatte, dass er trotz allem zu ihm gehalten hatte, traf sie
auf einmal mit voller Wucht. Dieser Mann hatte zu seinem Kind gehalten, obwohl
es zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war.
Und dennoch hatte er sterben müssen. Auf der anderen Seite war ihr eigener
Vater, der sich von seiner Tochter losgesagt hatte, nur weil ihm die Wahl ihres
Berufes nicht angemessen erschienen war. Nicht, dass Alexandra ihrem Vater den
Tod gewünscht hätte, doch wo blieb da die Gerechtigkeit?
Alexandra legte Chris die Hand auf den Arm. Dieser sah sie mit in Tränen
schwimmenden Augen an.
„Wieso?“ würgte er hervor. „Wieso meine Mom und wieso mein Dad? Wieso ich?“
„Ich weiß nicht“, entgegnete die junge Frau und musste sich nun ebenfalls ein
paar Tränen aus dem Gesicht wischen. „Dinge passieren einfach. Du kannst sie
nicht ändern. Egal was du tust, nichts ändert sich. Mein…Mein Vater zum Beispiel
will nichts mehr von mir wissen, weil ich etwas anderes studiert habe als er für
mich bestimmt hatte. Verrückt, was? Meine Mutter hat sich immer seinem Willen
untergeordnet. Ohne meine Tante wäre ich aufgeschmissen gewesen.“
Alexandra griff nach Chris’ Hand und drückte sie. „Auch wenn deine Eltern beide
tot sind…du weißt wenigstens, dass sie dich geliebt haben, egal, was auch
passiert ist. Das ist vielleicht nur ein kleiner Trost, aber mehr als viele
andere Menschen von sich behaupten können.“
Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Alexandra versuchte krampfhaft, ihre
Achterbahn fahrenden Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. So entging ihr
beinahe, dass Chris zu sprechen begann.
„Ihr Vater hat Sie wirklich rausgeworfen, weil Sie Tierärztin werden wollten?“
Alexandra nickte. „Ja, hat er.“
„Schön blöd von ihm.“ Der Anflug von Verachtung für einen Mann, den er nie
gesehen hatte, war deutlich in Chris’ Stimme zu hören.
„Wie meinst du das?“
Chris zuckte mit den Schultern. „Sie sind eine tolle Frau, Doktor Hastings. Und
ein guter Mensch. Nicht jeder hätte mir so eine Chance gegeben und sich auch
noch um mich gekümmert. Eigentlich müsste Ihr Vater stolz auf Sie sein.“
Alexandra fühlte einen Kloß in ihrer Kehle nach Chris’ Worten. Was sie mit
anfänglichem Widerwillen und später einfach automatisch getan hatte, bedeutete
für diesen Jungen so unendlich viel mehr. Auf einmal erschien ihr der Gedanke,
ihn nach Fertigstellung der Praxis wieder hinauszuwerfen, unerträglich.
„Chris, da ist etwas, dass ich dich noch fragen wollte…“, begann sie zögerlich.
„Ich hab dich zwar nur eingestellt, weil ich jemanden brauche, der die
Praxisräume renoviert, aber der Rest des Hauses hätte eine gründliche Überholung
auch nötig. Hättest du Interesse, das zu übernehmen? Ich kann dir kein Vermögen
zahlen, aber du könntest weiter hier wohnen und die Verpflegung wäre auch frei.“
Chris Augen leuchteten im Licht der Nachttischlampe auf wie zwei Sterne. „Im
Ernst? Klar, ich meine, wer würde zu so einem Angebot schon „Nein“ sagen. Sie
wollen wirklich, dass ich das auch noch mache?“ vergewisserte er sich.
„Ja, sonst, hätte ich dir das Angebot nicht gemacht“, entgegnete Alexandra.
„Aber ich warne dich, das wird eine unendliche Geschichte.“
„Ich hab’ keine weiteren dringenden Verabredungen.“ Chris schüttelte glücklich
lächelnd den Kopf. „Danke, Doktor Hastings.“
Alex erwiderte sein Lächeln. „Gern geschehen. Eine Bitte hätte ich jedoch noch.
Könntest du dich überwinden und mich Alex nennen und „Du“ sagen? Ich fühle mich
immer wie meine eigene Großmutter, wenn du mich ansprichst. So groß ist der
Altersunterschied zwischen uns beiden ja nun auch nicht.“
Chris sah sie verblüfft an. „Klar, kein Problem. Danke…Alex.“
Alexandra stand auf. Sie hatte heute Abend einiges erfahren, dass ihr Stoff zum
Nachdenken für die ganze Woche gegeben hatte.
„Gut, dann gehe ich jetzt schlafen. War ziemlich anstrengend heute.“ Sie ging
zur Tür. „Gute Nacht, Chris.“
Bevor Alexandra die Tür hinter sich schloss, warf sie Chris noch einen Blick zu
und schüttelte innerlich den Kopf. Mit dem übergroßen T-Shirt wirkte er wie ein
Zwölfjähriger. Dann musste sie trotz ihrer melancholischen Stimmung grinsen.
Wahrscheinlich hatte Chris ihren verborgenen Mutterinstinkt geweckt, dem sie nur
in sehr seltenen Fällen einen Auftritt erlaubte. Zumindest gehörte Alexandra
nicht zu den Frauen, der beim Anblick eines Kleinkindes oder gar Babys in ein
Delirium fiel. Dazu war sie im Grunde genommen ein zu nüchtern denkender Mensch.
Chris
lag in seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte an die
Decke. Er hatte die Lampe auf dem Nachttisch brennen lassen und deren Schein
tauchte den Raum in ein sanftes, dämmeriges Licht. Man konnte noch mühelos den
Schnickschnack erkennen, der sich über die Jahre hinweg, als das Zimmer seiner
Arbeitgeberin gehört hatte, in den Regalen angesammelt hatte.
Ein paar Pokale standen dort, die sie anscheinend bei Sportwettkämpfen gewonnen
hatte, Tierfiguren und auch ein paar Stofftiere. Chris hätte sein neues Domizil
nicht unbedingt als typisches Mädchenzimmer bezeichnet, es sah zumindest nicht
so aus wie er sich so etwas vorstellte. Kein Pink und kein Flitterkram, sondern
warme Farben und diverse Erinnerungsstücke der ehemaligen Bewohnerin.
Chris hatte den Raum von Anfang an gemocht und sich wohl darin gefühlt. Nicht
nur das, zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er ein Gefühl der Sicherheit, das
ihm in den heruntergekommenen Motels, in denen er seit seiner Entlassung aus dem
Gefängnis gelebt hatte, gefehlt hatte. Für eine richtige Wohnung hatte er nie
genug verdient, außerdem hatte er dauernd den Job gewechselt und demzufolge auch
die Unterkunft.
Erinnerungen an seine Zeit im Gefängnis kamen wieder hoch, obwohl Chris
krampfhaft versuchte, sie zu unterdrücken. Er würde nur wieder Alpträume davon
bekommen. Das war auch der Grund, warum er nachts immer eine Lampe in seinem
Zimmer brennen ließ. Wenn er dann aus einem dieser schrecklichen Träume hoch
schreckte, konnte er wenigstens gleich sehen, dass er nicht mehr in San Quentin
in dieser winzigen, vergammelten Zelle war.
San Quentin…Chris schauderte, wenn er an diesen Namen dachte. Er war für ihn zu
einem Synonym für unvorstellbare Angst, Schmerz, Grauen und Demütigung geworden.
Wie er die Zeit dort überlebt hatte, konnte er sich selbst nicht erklären.
Nach dem Tod seines Vaters war es besonders schlimm gewesen, denn dann hatte es
niemanden mehr gegeben, der ihn besucht hatte. Zuvor hatte ihn die Gewissheit
aufrechterhalten, dass sein Vater nach seiner Entlassung für ihn da sein würde,
doch mit dessen Tod war diese Hoffnung brutal zerschlagen worden. Chris hatte
mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen.
Er hätte es auch getan, wenn ihn nicht einer der Wärter, ein gutmütiger Mann im
Alter seines Vaters, mit dieser Glasscherbe in der Hand hinter einem Stapel Holz
in der Gefängnisschreinerei gefunden hätte. Der Mann, Simmons, wusste sofort,
was los war. Den Wärtern blieb wenig von den Vorgängen im Gefängnis verborgen,
auch wenn sie im Allgemeinen in die andere Richtung sahen, außer es handelte
sich um schwerwiegende Verstöße der Gefangenen. Das, was mit Chris und einigen
anderen passierte, fiel leider nicht in diese Kategorie.
Chris war Simmons schon für das Wenige dankbar, das dieser tun konnte, wie die
Einteilung zu unbeliebten Diensten wie die Reinigung der Toiletten, wo er
zumindest für ein paar Stunden sicher sein konnte, von niemandem belästigt zu
werden. Allzu offensichtlich konnte Simmons ihm aber nicht helfen, dass hätte
für den Wärter zu Problemen mit seinen Kollegen geführt. Also tat der Mann
einfach so, als hätte er Chris auf seiner schwarzen Liste.
Chris Gedanken wanderten zu Dr. Hastings…Alex, verbesserte er sich schnell. Die
junge Frau erschien ihm noch immer wie ein Geschenk des Himmels. Am Anfang hatte
sie auf ihn barsch und unnahbar gewirkt, doch inzwischen hatte er gelernt,
hinter die Fassade zu blicken, hinter der sich ein äußerst warmherziger und
mitfühlender Mensch verbarg. Chris musste zugeben, dass er sie mochte.
Jack Sanders hatte ihm nicht viel von Alex erzählt, nur dass sie eine gute
Freundin wäre und jemanden suchte, der ein paar Räume ihres Hauses renovierte.
Chris hatte mit einem Job für etwa sechs Wochen gerechnet, bevor er wieder auf
der Straße stand und sich nach etwas Neuem umsehen musste, dass er ein – wenn
auch nur temporäres – Zuhause und eine Stelle für einen längeren Zeitraum
bekommen würde, hätte er sich nicht träumen lassen.
Die Arbeit auf den Baustellen in seinen vorhergehenden Jobs war ihm nicht schwer
gefallen, er hatte es ja von früher gekannt, als er seinem Vater geholfen hatte.
Das Problem waren jedes Mal die anderen Arbeiter gewesen. Nach seiner Entlassung
hatte sich Chris erst einmal die Haare geschnitten, er hatte es gehasst, dass
man ihn gezwungen hatte, sie sich so lang wachsen zu lassen. Man, das war Curt
Lewis gewesen, der Typ, der Chris die letzten zwei Jahre seines
Gefängnisaufenthaltes zur Hölle gemacht hatte.
Chris wollte sich die Haare anfangs ganz kurz schneiden, doch als er vor dem
Badezimmerspiegel in seinem Motelzimmer stand und sie sich nach hinten aus dem
Gesicht hielt, fiel ihm auf, dass er damit nur seine immer noch weichen
Gesichtszüge und seine riesigen Augen nur betonen würde.
Also nahm er die Schere und schnitt Strähne für Strähne einzeln ab, bis er mit
dem Ergebnis zufrieden war - eine Frisur, die auffällig genug war, um von seinem
Babygesicht abzulenken. Die Sachen, die er als Teenager getragen hatte und die
ihm bei seiner Entlassung ausgehändigt worden waren, passten ihm noch immer, da
er zwar ein paar Zentimeter gewachsen war, seine Figur sich aber sonst kaum
verändert hatte.
Mit seinem ersten Lohn hatte er sich in einem Secondhand-Shop mit diversen
schwarzen T-Shirts und schwarzen Jeans versorgt. Er hatte alles getan, um nicht
wie der nette, brave Junge von nebenan zu wirken.
All das hatte Chris’ Kollegen jedoch nicht davon abhalten können, ihn bei jeder
Gelegenheit zu hänseln. Seine Jugend und sein Aussehen machten ihn unweigerlich
zur Zielscheibe ihres Spottes. Er hatte sich geschworen, sich nie wieder etwas
gefallen zu lassen, darum kam es teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen, die
den Arbeitsablauf störten.
Da Chris üblicherweise der Jüngste und Schwächste und außerdem der Neue in der
Hierarchie war, war er immer derjenige, der flog. Dass er sich dabei auch meist
noch mit den Vorarbeitern anlegte, half ihm nicht unbedingt.
Doch all das war vorbei, zumindest für eine ganze Weile. Was er nach diesem Job
anfangen würde, darüber machte sich Chris im Moment keine Gedanken. Er hoffte,
dass er zumindest solange hier bleiben konnte, bis er seinen
Highschool-Abschluss in der Tasche hatte. Und dass Alexandra Hastings nie
erfahren würde, was in San Quentin passiert war….
Schließlich kam der Samstag, an dem Alexandras Selbstverteidigungskurs starten
sollte. Wie versprochen nahm sie Chris mit. Allerdings musste sie ihm eine
Jogginghose von sich selbst leihen, da sich ein derartiges Kleidungsstück in
seiner skurrilen Garderobe nicht befand. Sportschuhe hatte er eigentlich auch
nicht, nur alte, ausgetretene Turnschuhe, die er normalerweise auf der Straße
trug.
Vor der Sporthalle der Schule, in der der Kurs stattfinden sollte, wartete
bereits Dr. Winslow auf Alexandra. Die etwa fünfzigjährige, schlanke Frau
begrüßte die junge Tierärztin herzlich. Dr. Winslow war Psychologin und betreute
unter anderem auch Vergewaltigungsopfer. Sie hatte schon mehrmals Patientinnen
in einen von Alexandras Kursen geschickt.
„Hallo Alexandra, schön Sie zu sehen“, grüßte die ältere Frau und trat auf
Alexandra zu, um ihr die Hand zu schütteln Chris bedachte sie mit einem
freundlichen Nicken, das dieser schüchtern erwiderte.
„Ich wollte vor Beginn der Stunde kurz mit Ihnen reden“, fuhr Doktor Winslow
fort und zog Alexandra etwas zur Seite. „Zwei meiner Patientinnen sind unter den
Teilnehmern und ich wollte Sie bitten, etwas Rücksicht auf die beiden zu
nehmen.“
„Lassen Sie mich raten. Vergewaltigungsopfer?“ fragte Alexandra bitter.
Dr. Winslow nickte ernst. „Sue Parker wurde von einer Straßengang überfallen und
vergewaltigt. Sie hatte Glück, dass sie überlebt hat. Janice Monahan hat man in
einer Diskothek eine so genannte Vergewaltigungs-Droge ins Glas geschüttet. Sie
kann sich bis heute nicht daran erinnern, wer dafür verantwortlich war.“
„Wie sind die beiden denn drauf?“ erkundigte sich Alexandra.
Mit zornigen Frauen musste sie anders umgehen als mit verängstigten. Das hatte
sie gelernt, als eine ihrer Schülerinnen in einem vorherigen Kurs ausgerastet
war. Zum Glück war Alexandra selbst in diesem Moment deren Partnerin gewesen,
sonst hätte die junge Frau ihrem vermeintlichen „Gegner“ schwere Verletzungen
zufügen können.
„Sue ist noch immer ziemlich fertig, obwohl die ganze Sache nun schon etwa fünf
Monate zurückliegt. Aber so etwas vergisst man nicht, man kann nur versuchen
damit zu leben. Sie hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Janice…nun
Janice ist voller Hass. Wenn Ihr junger Begleiter an diesem Kurs teilnimmt, dann
sollten Sie ihm sagen, dass er sich von ihr fernhalten soll.“
Alexandra presste die Lippen zusammen. Also wieder zwei Problemfälle. Nicht,
dass sie das nicht erwartet hätte.
„Danke für den Hinweis“, entgegnete sie. „Werden Sie bei der ersten Stunde dabei
sein?“
„Ja. Ich möchte vor allem sehen, ob Sue schon weit genug ist, um das
durchzustehen.“
Die beiden Frauen gingen auf den Eingang zu. Alexandra drehte sich um und winkte
Chris, der abwartend in einiger Entfernung stehen geblieben war, mit ihr zu
kommen.
Die Stunde verlief überraschend ruhig und erfolgreich. Alexandra teilte Chris
als Partnerin eine junge Frau zu, die sich als Laura vorgestellt und als Grund
für ihre Teilnahme angegeben hatte, dass sie fürchtete, von einem Stalker
verfolgt zu werden. Sie und Chris verstanden sich auf Anhieb, da Laura ein
herzliches und offenes Wesen hatte, das Chris aus der Reserve lockte, und waren
am Ende der Stunde das Paar, das Alexandra das meiste Lob abverlangte.
„Okay Mädels – und Jungs“, fügte sie mit einem Grinsen in Chris Richtung hinzu,
„Schluss für heute. Wir sehen uns dann nächste Woche wieder um die gleiche
Zeit.“
Mit verschränkten Armen beobachtete Alexandra die Frauen und Mädchen, die eine
nach der anderen die Sporthalle verließen. Manche lachten und scherzten
miteinander, andere wiederum gingen mit gesenkten Köpfen hinaus. Sue Parker war
eine davon.
Alexandra fragte sich, ob Dr. Winslow recht damit gehabt hatte, die junge Frau
in diesen Kurs zu schicken. Wenn die Teilnehmer erst einmal die Grundzüge und
Grundtechniken beherrschten, hatte sie vor, realistische Situationen
nachzustellen, in denen die Schülerinnen und Chris angemessen reagieren sollten.
Ob Sue das gelingen würde, bezweifelte sie. Janice dagegen war die eine Hälfte
des zweiten Paares, das sich gar nicht so schlecht machte. In ihrem Fall machte
sich Alexandra mehr Sorgen um den jeweiligen Partner, beziehungsweise Partnerin,
falls Janice ausrasten sollte.
Dr. Winslow war bereits gegangen, da sie eine dringende Verabredung hatte und so
ging Alexandra ebenfalls in die Umkleidekabine, um zu duschen. Als sie nach
draußen kam, wartete Chris bereits auf sie.
„Und, wie hat dir deine erste Stunde gefallen?“ fragte sie.
„Sehr gut.“ Chris Augen glitzerten vor Begeisterung. „Allerdings kann ich mich
morgen bestimmt nicht mehr bewegen. Zum Glück ist Sonntag.“
„Tja, wie hat mein alter Lehrer immer gesagt: ‚ Wenn du deine Muskeln spürst,
dann lebst du.’“ Alexandra lachte, als sie Chris’ Grimasse sah.
„Dann lebe ich im Moment aber ziemlich intensiv“, beschwerte er sich halb im
Spaß bevor er in den Pickup einstieg.
„Du wirst mir doch wohl nicht schlappmachen“, witzelte Alexandra.
In diesem Stil ging es weiter, bis der blaue Pickup in die Hofeinfahrt vor
Alexandras Garage fuhr. In Sachen Humor stand Chris ihr in nichts nach. Zu
Alexandras Verwunderung, hauptsächlich über sich selbst, waren sie auf dem
besten Weg, gute Freunde zu werden.
Die folgenden zwei Wochen vergingen wie im Flug. Alexandra hatte Chris Ende Mai
eingestellt und damit gerechnet, dass er mit der Arbeit Ende Juli fertig sein
würde, doch dabei hatte sie mit dem Arbeitstempo seiner Vorgänger gerechnet. Als
sie Chris darauf ansprach, sagte er nur, dass er es ihr schließlich schuldig
sei, dafür zu sorgen, dass sie ihre Praxis so bald wie möglich eröffnen könne.
Ende Juni konnte Alexandra schließlich die Möbel für den Behandlungsraum liefern
lassen, die sie bei einem auf Praxen spezialisierten Gebrauchtwarenhändler
erstanden hatte.
Zwei muskelbepackte Möbelpacker trugen die schweren Stücke in den Raum und
stellten sie nach Alexandras Anweisungen auf. Chris beschäftigte sich damit, die
kleineren Teile ins Haus zu transportieren. Alexandra fiel auf, dass er heute
nicht ganz bei der Sache zu sein schien und irgendwie nervös wirkte. Er zuckte
bei jedem lauten Geräusch und jedem Fluch der Männer zusammen.
Alexandra wollte ihn schon zur Seite ziehen und ihn fragen, was los sei, da
wurde ihre Aufmerksamkeit von Charlie abgelenkt, der es nicht lassen konnte, den
beiden Männern im Weg zu stehen und sie bei der Arbeit zu behindern. Aufgeregt
mit dem Schweif wedelnd lief er im Zimmer hin und her und schnüffelte überall
herum, bis Alexandra ihn am Halsband packte und in die Küche verfrachtete.
Als sie zurückkam, mühte Chris sich gerade ab, ein schweres Regal an die Wand zu
rücken. Sie wollte zu ihm gehen, um ihm zu helfen, als einer der Männer, Joe,
wenn sie sich richtig erinnerte, Chris mit beiden Händen von hinten an den
Hüften packte und ihn mit einem gutmütigen Brummen zur Seite schob.
„Lass mal Kleiner, dafür müssen dir noch ein paar Muskeln wachsen“, sagte Joe
gönnerhaft und rückte das Regal scheinbar mühelos zurecht.
Alexandra hatte damit gerechnet, dass Chris dem Möbelpacker eine bissige Antwort
geben würde, doch stattdessen wich er soweit wie möglich zurück und starrte den
Rücken des Mannes mit weit aufgerissenen Augen an. Aus seinem Gesicht war
jegliche Farbe gewichen und sein Atem kam stoßweise. Dann drehte er sich um und
rannte aus dem Raum an Alexandra vorbei, ohne sie anzusehen.
Alexandra starrte ihm verwundert hinterher. Was um alles in der Welt war hier
gerade passiert?
„Na, der Junge muss wohl noch lernen, einen Spaß zu verstehen“, lachte Joe’s
Kollege. „Wo soll das hin, Doc?“
„Auf diese Seite bitte.“ Alexandra zeigte dem Mann, wo sie den Schreibtisch
platziert haben wollte. In Gedanken war sie noch immer bei Chris und dessen
seltsamen Verhalten. Was war so schlimm am Scherz dieses Möbelpackers gewesen,
dass ihn hatte die Flucht ergreifen lassen?
Zum Glück hatten die Männer bis auf einen Schrank inzwischen alles ins Haus
getragen und so dauerte es nur noch eine knappe Viertelstunde, bis sie sich von
Alexandra verabschiedeten.
Nachdem sie die Haustür geschlossen hatte, machte Alexandra sich auf die Suche
nach ihrem Mitbewohner. Auf der hinteren Veranda wurde sie fündig. Dort saß
Chris auf der Treppe, die in den Garten hinunter führte, in der einen Hand eine
Tasse Kaffee und in der anderen eine Zigarette. Charlie grub hinten an der Hecke
zum Nachbargrundstück ein Loch.
Alexandra setzte sich zu Chris auf die Treppe.
„Ich dachte, du rauchst nicht?“
Er hatte sie vor kurzem mit einer ihrer Beruhigungszigaretten in der Hand
erwischt, nachdem sie wieder einmal eine Debatte mit Mary Jo über Männer im
Allgemeinen und Chris im Besonderen geführt hatte. Er hatte sie mehr als
missbilligend angesehen und Alexandra hatte sich gezwungen gefühlt, ihm diese
ihr lieb gewordene Angewohnheit zu erklären.
„Tu ich auch nicht.“ Chris nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und begann
prompt zu husten.
„Das sehe ich“, entgegnete Alexandra und wartete, bis er sich wieder beruhigt
hatte. „Willst du mir vielleicht erzählen, was da drin vorhin passiert ist und
wieso du es plötzlich für nötig hältst, dich an meinem geheimen Zigarettenvorrat
zu vergreifen? Nachdem du mir einen Vortrag darüber gehalten hast, wie schädlich
das Rauchen ist?“
Chris starrte in seine Kaffeetasse. „Ich wollte wissen, ob es hilft. Du hast
gesagt, du rauchst nur, wenn du nervös bist und dass es dich dann beruhigt.“
„Und was hat dich vorhin so aufgeregt?“ fragte Alexandra sanft. „Dieser Joe hat
nur einen Witz gemacht. Es kann nicht jeder so ein Muskelpaket sein wie diese
beiden.“
Chris nahm einen tiefen Schluck von seinem Kaffee und sah sie dann über den Rand
der Tasse an.
„Ich weiß nicht“, sagte er schließlich leise. „Der Typ hat mich wohl an jemanden
erinnert, der mich…mit dem ich mal Probleme hatte.“
Den Kopf gesenkt, begann er mit dem Zeigefinger den Rand seiner Kaffeetasse
entlang zu fahren. Die Zigarette. lag vergessen im Aschenbecher, wo sie langsam
vor sich hinglühte.
„Du meinst, im Gefängnis?“ erkundigte sich Alexandra vorsichtig. „Hattest du da
öfter Ärger?“
Chris hatte noch nie über seinen Aufenthalt hinter Gittern gesprochen, es war,
als wollte er diese Zeit ein für alle mal aus seinem Gedächtnis streichen.
Alexandra vermutete, dass es ihm auch irgendwie peinlich war und daher vermied
sie es normalerweise, dieses Thema anzuschneiden.
„Gelegentlich…aber das ist Gott-sei-dank vorbei.“
Als Chris aufstand, wusste Alexandra, dass das Thema beendet war. Sie konnte ihn
schließlich nicht dazu zwingen, mit ihr darüber zu sprechen. Sie ergriff die
Hand, die er ihr hinhielt um ihr aufzuhelfen.
„Chris, wenn du jemals jemanden brauchst zum Reden…du kannst jederzeit zu mir
kommen, das weißt du, nicht wahr?“ sagte sie eindringlich, als sie dem jungen
Mann gegenüberstand.
Chris steckte die Hände in die Hosentaschen und biss sich auf die Lippe.
„Ich weiß, aber…ich will das alles einfach nur hinter mir lassen.“
„Trotzdem. Manchmal hilft es, wenn man einfach nur darüber redet, was einen
belastet. Wenn du eines Tages das Bedürfnis verspüren solltest, dann lass es
mich wissen.“
Die Erfüllung von
Alexandras Traum einer eigenen Tierpraxis nahm immer mehr Gestalt an. Inzwischen
hatte sie die meisten Geräte, sogar einen Computer, den ihr Mike Anderson
günstig besorgt hatte. Alexandra mochte die Dinger nicht besonders, sie hatte
sich nur notgedrungen während ihres Studiums damit beschäftigt. Sie hatte immer
Besseres in ihrer Freizeit zu tun gehabt, als ihre Zeit in irgendwelchen
virtuellen Welten zu verbringen. So stand das Teil noch immer jungfräulich
unberührt auf dem großen Schreibtisch in ihrem Behandlungszimmer.
Vor zwei Tagen hatte Alexandra nach längerem wieder einmal mit ihrer Mutter
telefoniert. Sie hatte ihr erzählt, dass sie bald ihre Praxis eröffnen würde und
zu ihrer Überraschung hatte ihre Mutter ihr zögernd gratuliert. Alexandra meinte
sogar, so etwas wie Stolz in ihrer Stimme mitschwingen zu hören. Zumindest kam
es bei diesem Telefonat einmal nicht zu einer Auseinandersetzung und Alexandra
tat es fast leid, dass nicht wenigstens ihre Mutter zu dem kleinen Fest würde
kommen können, das sie geplant hatte. Aber nur fast. Es waren einfach zu viele
böse Worte zwischen ihr und ihren Eltern gefallen.
Mary Jo hatte sich inzwischen daran gewöhnt, auf Chris zu treffen, wenn sie bei
Alexandra vorbeischaute, auch wenn sie ihm noch immer missbilligende Blicke
zuwarf. Chris spürte die Abneigung der Frau und machte sich meistens schnell
unsichtbar, wenn Mary Jo auftauchte.
Jack hatte sehr erfreut reagiert, als Alexandra ihn von dem Wechsel von Chris’
Lebensumständen informierte. Chris’ Bewährungsauflagen waren nicht extrem
streng, er musste sich lediglich alle zwei Wochen bei seinem Bewährungshelfer
melden, war verpflichtet, sich Arbeit zu suchen und durfte den Staat Kalifornien
nicht ohne Jacks Wissen und Zustimmung verlassen.
Wie Jack Alexandra gegenüber zugab, hatte er sich zum Schluss Sorgen gemacht,
was er mit Chris anfangen sollte, wenn dieser es nicht schaffte, einen Job über
einen längeren Zeitraum hin zu behalten. Als Chris’ Bewährungshelfer hatte er
zwar einen relativ großen Ermessensspielraum, doch auch er hatte einen
Vorgesetzten, vor dem er seine Entscheidungen rechtfertigen musste. So erschien
ihm Alexandras Entschluss, Chris auch weiterhin zu beschäftigen, als
Gottesgeschenk.
Chris selbst schien ganz zufrieden mit dem Arrangement zu sein. Er hatte sich
bisher als äußerst angenehmer Hausgenosse erwiesen, dem es nichts ausmachte,
hinter Alexandra herzuräumen, wenn sie im Haus ihr übliches Chaos hinterließ.
Nur durch Zufall hatte Alexandra entdeckt, dass Chris vor vier Tagen, am zweiten
Juli, seinen einundzwanzigsten Geburtstag gehabt hatte. Sie hatte beschlossen,
ihn mit einem Geschenk zu überraschen, von dem sie allerdings auch profitierte.
Bevor sie sich heute Nachmittag mit Julie getroffen hatte, war sie im
Einkaufszentrum gewesen und hatte für Chris zwei paar helle Jeans, einige
neutrale T-Shirts OHNE irgendwelche Aufdrucke und nicht schwarz, sowie zwei
Hemden besorgt, eines in einem sanften Gelbton, das andere dunkelgrün.
Das Haus war dunkel, als Alexandra die Tür öffnete. Es war erst neun Uhr,
normalerweise saß Chris um diese Zeit mit seinen Büchern unten in der Küche und
lernte, während Alexandra sich mit Plänen für die Praxis beschäftigte.
Die junge Frau legte ihre Pakete auf dem Küchentisch ab und ging nach oben, von
wo sie das gedämpfte Geräusch eines laufenden Fernsehgerätes hörte. Die Tür zu
Chris Zimmer stand offen, ein deutliches Zeichen, dass Charlie bei ihm war.
Chris lag, mit Jeans und T-Shirt bekleidet und zu einem Ball zusammengerollt auf
dem Bett und schien zu schlafen. Charlie lag hinter ihm und hatte seinen Kopf
auf Chris’ Hüfte gelegt. Die beiden sahen zusammen überaus niedlich aus und
Alexandra war fast versucht, Charlie seine Entgleisung und Chris seine
Inkonsequenz durchgehen zu lassen, mit der Betonung auf dem Wort „fast“. Sie
hatte nicht über ein Jahr damit verbracht, dem Hund wenigstens ein Mindestmaß an
Manieren beizubringen, um nun tatenlos zuzusehen, wie Chris ihre Erziehung
wieder zunichte machte.
Energisch betrat sie das Zimmer. Charlie sprang sofort vom Bett herunter und
wedelte schuldbewusst mit seinem struppigen Schweif.
„Charlie, du weißt genau, dass du auf dem Bett nichts zu suchen hast!“ sagte sie
streng und wies mit dem Finger Richtung Tür. „Raus hier.“
Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit seinem Komplizen zu, der anscheinend
aufgewacht war, als er Alexandras Stimme gehört hatte.
„Chris, ich hab dich gebeten, Charlie nicht zu dir ins Bett zu lassen. Was zum
Teufel soll das? Willst du mich mit Absicht…“
Alexandras Stimme erstarb, als sie sich den Übeltäter genauer ansah. Sein
Gesicht glänzte vor Schweiß, ein paar nasse Strähnen klebten ihm an den Wangen
und sein Atem ging schwer. Jetzt erst fiel ihr auf, dass Chris beide Hände auf
seinen Bauch gepresst hielt und ganz offensichtlich starke Schmerzen hatte.
„Was ist los?“ fragte sie und setzte sich auf die Bettkante, um Chris die Hand
auf die Stirn zu legen. Sie fühlte sich klamm an, Fieber hatte er keines. Doch
etwas stimmte ganz und gar nicht. Als sie heute Nachmittag das Haus verlassen
hatte, war er noch putzmunter und damit beschäftigt gewesen, den Garten in
Ordnung zu bringen, da die Einweihungsparty dort stattfinden sollte.
„Chris, rede mit mir. Wo genau hast du Schmerzen? Und seit wann?“
„Weiß nicht“, kam die äußerst informative Antwort. „Ich hab einfach nur
Bauchschmerzen. Es hat angefangen, als ich rein gegangen bin.“ Der letzte Satz
endete mit einem leisen Schluchzen.
Alexandra überlegte fieberhaft, was sie tun sollte. Chris könnte natürlich
schlicht und einfach eine Magen-Darminfektion haben, es könnte aber auch etwas
Schlimmeres wie eine Blinddarmentzündung sein.
„Hast du dich übergeben? Durchfall?“ forschte sie und strich dem jungen Mann
sanft über den Arm. Chris drehte den Kopf ein wenig und sah sie an.
„Ich…ich war vorhin ein paar Mal auf der Toilette, aber ich hab den ganzen Tag
fast nichts gegessen…“ würgte er hervor. „Das geht schon wieder weg. Ist nicht
das erste Mal, nur so schlimm war’s noch nie…“
„Du hast das öfter?“
„Manchmal“, keuchte Chris und krümmte sich zusammen. „Scheiße, tut das weh.“
Alexandra starrte ihn einen Moment mit zusammengezogenen Augenbrauen an, dann
griff sie in ihre Jackentasche und zog ihr Mobiltelefon heraus. Es war zwar
schon nach neun, aber Dr. Langton, Tante Claires ehemaliger Arzt, war manchmal
länger in seiner Praxis. Alexandra hoffte, dass das heute auch der Fall war,
denn andernfalls würde sie Chris ins Krankenhaus bringen müssen.
„Ich ruf bei einem Arzt an, denn ich kenne. Vielleicht können wir noch zu ihm
fahren“, informierte sie den jungen Mann.
Für einen Moment schien Chris seine Schmerzen zu vergessen und setzte sich auf.
„Ich brauch keinen Arzt“, protestierte er. „Das vergeht schon wieder. Wirklich!
Autsch…“ Mit einem Stöhnen ließ er sich wieder in die Kissen zurückfallen und
sah Alexandra flehend an. „Bitte, morgen bin ich bestimmt wieder in Ordnung.“
Doch die junge Frau blieb hart. Sie machte sich wirklich Sorgen um Chris und
würde nicht zulassen, dass er sich noch länger herumquälte. Auch wenn er es sich
nicht eingestehen wollte, es war zu seinem Besten. Falls er sich nur Sorgen
wegen der Rechnung für die medizinische Behandlung machte, darum würde sie sich
schon kümmern.
Alexandra hatte Glück und erreichte Dr. Langton. Nachdem sie ihm das Problem
geschildert hatte, bat er sie, am besten sofort mit Chris in seine Praxis zu
kommen, da er dort die nötigen medizinischen Geräte hatte, um eine gründliche
Untersuchung durchführen zu können.
Chris versuchte zwar noch mal, sich zu sträuben, doch gegen Alexandras
Entschlossenheit hatte er nicht die leiseste Chance. Sie half ihm, sich die
Schuhe anzuziehen und sah sich dann suchend nach seiner Jacke um. Sie fand sie
schließlich unter einem Stapel Zeitschriften auf einem Stuhl. Chris war zwar
ordentlich, was den Rest des Hauses anbelangte, doch in seinem Zimmer herrschte
der gleiche Zustand wie in jedem Zimmer eines Jungen seines Alters. Auf dem
kleinen Tisch beim Fenster lagen seine Schulsachen und ein Teil seiner Klamotten
lag verstreut auf dem Boden.
„Komm schon“, sagte Alexandra, als Chris angezogen auf dem Bett saß und sie
bittend ansah. Dabei biss er sich vor Schmerzen auf die Lippen.
Kopfschüttelnd half Alexandra ihm hoch und führte ihn die Treppe hinunter nach
draußen in den Pickup.
Die Fahrt dauert nur knapp fünf Minuten und Dr. Langton erwartete sie schon an
der Tür. Er war ein etwa fünfzigjähriger, für sein Alter noch recht gut
aussehender und sportlich trainierter Mann mit leicht ergrauten Haaren.
„Danke, dass wir noch kommen konnten“, begrüßte Alexandra den Arzt, während sie
Chris, den Arm um seine Taille geschlungen, in die Praxis führte. Er hatte die
ganze Zeit über geschwiegen, Alexandra hatte nur gehört, wie er manchmal den
Atem scharf einsog.
„Kein Problem, junge Dame“, entgegnete der ältere Mann freundlich. „Dann bringen
Sie den Patienten mal ins Behandlungszimmer.“
Dr. Langton wies Chris an, sich hinter einem Paravent auszuziehen und einen
weißen Untersuchungskittel anzulegen und sich dann auf die Untersuchungsliege zu
setzen. Währenddessen führte er Alexandra ins Wartezimmer und bat sie, Chris’
Anmeldebogen auszufüllen.
„Die Rechnung schicken Sie bitte an mich, Doktor“, bat Alexandra, als sie begann
zu schreiben.
„Natürlich“, bestätigte der Arzt und betrachtete sie neugierig. Er hatte Claire
Marsters vor ihrem Tod zwanzig Jahre lang betreut und war über ihre
Familienverhältnisse im Bilde. Mehr als einmal hatte ihm die alte Dame unter dem
Siegel der Verschwiegenheit ihr Herz ausgeschüttet, unter anderem auch über die
persönlichen Probleme ihrer Großnichte. Daher verwunderte es Dr. Langton etwas,
Alexandra mit einem jungen Mann, der fast noch ein Teenager zu sein schien, in
seiner Praxis zu sehen und diese Bitte aus ihrem Mund zu hören.
„Darf ich fragen, woher Sie den Jungen kennen?“ fragte er schließlich
diplomatisch.
„Er arbeitet für mich und wohnt nebenbei auch bei mir“, erwiderte Alexandra
geistesabwesend. „Ich eröffne doch in einer Woche meine Praxis. Chris hat mir
beim Umbau geholfen. Hören Sie, Doktor, wegen Kinderkrankheiten, Krankheiten,
Allergien und dergleichen müssen Sie ihn selber fragen.“
Sie überreichte dem Arzt den Fragebogen, der ihn kurz überflog. Dann nickte er.
„In Ordnung. Dann werde ich mich mal um den Jungen kümmern.“ Damit ließ er
Alexandra allein, die sich unschlüssig in dem Raum umsah. Schließlich griff sie
nach einer der Zeitschriften, die auf einem kleinen Tisch auslagen und setzte
sich.
Sie hatte gerade angefangen zu lesen, als Dr. Langton zurückkam und sie ins
Behandlungszimmer rief.
„Chris möchte, dass Sie bei der Untersuchung dabei sind“, erklärte der Arzt mit
hochgezogenen Augenbrauen.
Alexandra legte die Zeitschrift zurück und stand auf. Sie fragte sich, was
plötzlich in Chris gefahren war. Sie waren mittlerweile gut befreundet, doch sie
konnte sich nicht vorstellen, was ihn dazu bewogen haben mochte, eine derartige
Bitte zu äußern.
Als sie das Behandlungszimmer betrat, saß Chris auf der Untersuchungsliege und
hatte die Hände in den Schoß gepresst. Ohne seine üblichen schwarzen Klamotten
und in dem weißen Kittel, über dessen Kragen sich ein paar Strähnen von
schwarzen Haaren kringelten und der ihm nur knapp über die Oberschenkel reichte,
sah er noch verletzlicher aus als sonst.
„Chris hat mir erzählt, dass er diese Beschwerden schon mehrmals hatte, aber den
Auslöser kennt er nicht. Nach einer Blinddarmentzündung sieht mir das Ganze
nicht aus. Ich werde ihn jetzt abtasten, danach machen wir noch eine
Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes. Um eine Entzündung auszuschließen,
würde ich ihm anschließend noch gern Blut abnehmen.“
Alexandra nickte verstehend. Die übliche Vorgehensweise. Sie hoffte nur, dass
etwas dabei herauskam. Wenn sie Chris nicht überrumpelt hätte und er nicht so
angeschlagen gewesen wäre, dann hätte sie ihn nie hierher bringen können. Wenn
es ihm morgen wirklich wieder gut gehen sollte, würde sie es kaum schaffen, ihn
von einer Untersuchung in einem Krankenhaus zu überzeugen.
Auf Dr. Langton Aufforderung hin legte Chris sich mit dem Rücken auf die Liege
und sah den Arzt ängstlich an. Seine Hand suchte fast unbewusst nach der von
Alexandra und diese trat näher, um sie zu ergreifen.
„Hey, ist alles nicht so schlimm“, sagte sie mit beruhigender Stimme.
Als Doktor Langton das Gel, das für die Ultraschalluntersuchung notwendig war,
auf Chris’ Bauch auftrug, keuchte dieser erschrocken auf.
„Tut mir leid, mein Junge, ich hätte Sie wohl warnen sollen“, entschuldigte sich
der Arzt und begann, mit sanftem Druck mit dem Gerät über Chris nun glitschige
Bauchhaut zu fahren, während er intensiv auf den dazugehörigen Monitor starrte.
Schließlich schüttelte er den Kopf. „Also, hier scheint alles in Ordnung zu
sein. Keine Veränderung oder ein krankhafter Befund, die diese Schmerzen
erklären würden. Jetzt können wir nur noch die Ergebnisse der Blutuntersuchung
abwarten. Setzen Sie sich mal auf, ich hole nur schnell eine Spritze.“
Mit diesen Worten entfernte sich der Arzt, um das Genannte aus einer Schublade
zu holen.
Alexandra konnte Chris ansehen, dass er nicht gerade glücklich darüber war, als
Nadelkissen benutzt zu werden, doch zu seiner Ehrenrettung musste sie zugeben,
dass er die Prozedur ohne Aufstand über sich ergehen ließ.
„In Ordnung, Sie können sich wieder anziehen. Hier haben Sie ein paar
Papierhandtücher, damit Sie sich das Gel abwischen können. Schaffen Sie es denn
alleine?“ vergewisserte sich Doktor Langton.
Chris nickte. „Ja. Die Schmerzen sind schon nicht mehr so schlimm.“ Dann setzte
er sich auf und rutschte nach einem scheuen Blick auf Alexandra von der Liege
herunter, um wieder hinter dem Paravent zu verschwinden.
Dr. Langton winkte Alexandra, ihm in den angrenzenden Raum zu folgen, der als
Labor diente. Dort beschriftete er die Blutprobe, um sie in den Kühlschrank zu
legen.
„Also, meiner Meinung nach ist der Junge körperlich völlig gesund“, sagte er und
wandte sich zu Alexandra. „Er hat zwar ziemliches Untergewicht für sein Alter
und seine Größe, aber solange ihm das keine Probleme bereitet…Wie dem auch sei,
wenn auch die Blutprobe kein Ergebnis bringt, dann denke ich dass diese
Bauchschmerzen eher eine psychische Ursache haben. Zuviel Stress, Verlust eines
nahen Angehörigen…solche Dinge.“
Alexandra lehnte sich mit verschränkten Armen gegen einen Schrank und kaute
nachdenklich an ihrer Unterlippe. „Seine Mutter ist vor ein paar Jahren
gestorben, sein Vater vor etwas mehr als einem Jahr. Vielleicht fühlt er sich
schuldig, weil er damals noch im Gefängnis war…“ dachte sie laut.
Dr. Langton horchte auf. „Chris war im Gefängnis?“ erkundigte er sich.
Alexandra gab sich geistig selbst eine Ohrfeige. DAS hätte sie dem Arzt nun
nicht unbedingt erzählen müssen.
„Ja…“ bestätigte sie widerstrebend. Dann kam ihr ein Gedanke. „Meinen Sie, das
hat etwas mit seinen Beschwerden zu tun?“
Dr. Langton sah sie eine Weile lang schweigend an. Alexandra hätte zu gern
gewusst, was er sich dachte. Er machte eigentlich nicht den Eindruck, als würde
er Menschen vorschnell verurteilen, aber sie hatte das auch nicht von Mary Jo
gedacht und genau das hatte diese in Chris’ Fall getan.
„Nun… ein Aufenthalt im Gefängnis kann besonders für einen jungen Menschen
traumatisch sein. Es wäre durchaus möglich, dass diese Schmerzen das Symptom
eines erlittenen Traumas sind. Vielleicht sollten Sie ihren jungen Freund dazu
überreden, sich einmal mit einem Psychologen zu unterhalten. Ich könnte Ihnen da
eine Kollegin empfehlen, Doktor Winslow. Sie ist eine sehr erfahrene Ärztin.“
„Ich kenne Doktor Winslow“, sagte Alexandra, während sie versuchte, die
erhaltenen Informationen zu verarbeiten und zu sortieren. „Ein paar Patientinnen
von ihr waren in meinen Kursen.“
„Ah, Ihre Großante hat mir von Ihrem Engagement in dieser Beziehung erzählt“,
entgegnete Dr. Langton. „Sie war eine nette alte Dame. Leider ist sie viel zu
früh verstorben.“
Alexandra spürte einen Kloß in ihrer Kehle, so wie jedes Mal, wenn sie an Tante
Claire dachte. Es tat immer noch weh, obwohl es mittlerweile schon ein halbes
Jahr her war, dass sie gestorben war.
„Da haben Sie recht“, flüsterte sie und schluckte, um die aufsteigenden Tränen
zu unterdrücken. „Chris müsste inzwischen fertig sein, meinen Sie nicht?“ fragte
sie dann betont munter und ging zur Tür, die in das Behandlungszimmer führte.
Chris saß auf einem Stuhl, die Arme um den Bauch geschlungen und sah auf, als
Alexandra den Raum betrat.
„Können wir jetzt nach Hause fahren?“
„Sofort, junger Mann“, antwortete Doktor Langton, der Alexandra gefolgt war.
„Zuerst gebe ich Ihnen noch ein paar Tabletten gegen die Schmerzen und damit Sie
heute Nacht schlafen können. Eine Wärmflasche könnte vermutlich auch nicht
schaden. Den Rest habe ich mit bereits mit Ihrer Freundin hier besprochen. Die
Ergebnisse der Blutuntersuchung sollten in zwei, drei Tagen da sein. Ich werde
meiner Sprechstundenhilfe sagen, dass sie Sie anrufen soll.“
Nachdem sie die Medikamente in Empfang genommen hatte und sich herzlich bei dem
ehemaligen Arzt ihrer Tante bedankt hatte, führte Alexandra Chris zum Wagen. Er
sah schon etwas besser aus, anscheinend hatten die Schmerzen wirklich bereits
nachgelassen. Trotzdem sah sie es nicht als übertrieben an, mit ihm zum Arzt
gefahren zu sein. Zumindest wusste sie jetzt, dass seine Beschwerden vermutlich
nicht von einer körperlichen Krankheit herrührten.
Doktor Langton hatte gesagt, dass Chris für sein Alter viel zu wenig wog.
Aufgrund der etwas weiteren T-Shirts, die er normalerweise trug, war ihr das
noch nie so deutlich aufgefallen wie heute Abend. Er war wirklich extrem dünn,
und das, obwohl er eigentlich normal aß – zumindest soweit sie das mitbekam.
Tagsüber war sie oft unterwegs, daher wusste sie nicht, ob Chris gerne mal das
Mittagessen übersprang.
Die Heimfahrt verlief schweigend. Alexandra warf Chris immer wieder prüfende
Blicke zu, doch dieser hatte die Augen geschlossen und den Kopf an die Scheibe
der Beifahrertür gelehnt.
Zu Hause angekommen half Alexandra ihm die Treppen hoch und wies ihn an, sich
umzuziehen. Dann ging sie nach unten, um ein Glas Wasser und eine Wärmflasche zu
holen. Als sie zurück nach oben kam, lag Chris bereits im Bett und Charlie, der
ihnen gefolgt, war, saß davor und betrachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf.
„Braver Hund“, lobte ihn Alexandra dafür, dass er es sich nicht wieder neben
Chris bequem gemacht hatte. Dann stellte sie das Glas Wasser ab und reichte
Chris die Wärmflasche, die mit einem weichen, braunen Plüschfell bezogen war.
„Hier, probier mal, ob das Ding nicht zu heiß ist. Und die zwei Tabletten
solltest du jetzt nehmen.“
Vorhin in der Küche hatte Alexandra sich die Beipackzettel durchgelesen. Das
eine Medikament war gegen Schmerzen, das andere ein Beruhigungsmittel.
Anscheinend war es Doktor Langton wirklich ernst mit seiner Vermutung. Alexandra
fragte sich, was Chris wohl sonst noch alles vor ihr verbarg. Nicht, dass sie
fand, dass er ihr gegenüber zu absoluter Offenheit verpflichtet war weil sie ihm
eine Chance gegeben hatte, sondern weil sie hoffte, dass er ihr irgendwann
genügend vertrauen würde, um ihre Hilfe zu suchen.
Gehorsam schluckte Chris die beiden Tabletten hinunter und nahm einen kräftigen
Schluck Wasser. Dann zog er eine Grimmasse.
„Schmeckt scheußlich“, teilte er Alexandra mit, ohne sie anzusehen.
„Hat Medizin meist an sich“, gab diese trocken zurück. Dann setzte sie sich auf
die Bettkante. Unwillkürlich wurde sie an eine andere Gelegenheit erinnert, als
sie das gleiche getan hatte und Chris ihr sein Herz ausgeschüttet hatte.
„Chris, du weißt, dass du mir vertrauen kannst, nicht wahr?“ begann sie und
wartete, bis der junge Mann nickte. „Wenn es irgendetwas gibt, dass dich
bedrückt, dann kannst du mit mir darüber reden, in Ordnung? Egal was.“
Chris wich ihrem Blick aus und Alexandra vermutete, dass sie Recht hatte. Was es
auch war, wenn es ihm solche Schwierigkeiten bereiten konnte, dann musste sie es
herausfinden, um ihm helfen zu können. Die Frage war nur, auf welche Art und
Weise. Das gute Verhältnis, das sie zu ihrem jungen Freund hatte, würde sie
durch penetrantes Nachfragen nur gefährden.
„Alex…es gibt da wirklich etwas…aber ich kann nicht darüber reden, mit
niemandem“, flüsterte Chris schließlich. „Bitte verzeih mir, auch dass ich heute
so ein Feigling war.“
Alexandra starrte ihn verblüfft an. Es gab also tatsächlich etwas, das Chris
Sorgen machte. Womit es zusammenhing, darüber konnte sie nur spekulieren und
hoffen, dass er ihr eines Tages die Wahrheit anvertrauen würde. Wenn es sein
musste, dann würde sie eben so lange warten.
„Das war schon in Ordnung“, entgegnete sie. „Wenn du nichts mehr brauchst, dann
gehe ich jetzt, damit du schlafen kannst. Ich lass die Türen auf. Wenn die
Schmerzen wieder schlimmer werden sollten, dann ruf mich.“
Damit wandte sich Alexandra zur Tür, nur um durch Chris leise Stimme aufgehalten
zu werden.
„Könntest du…Könntest du noch ein wenig bleiben? Nur bis ich eingeschlafen bin?“
Überrascht hielt Alexandra inne. Es sah Chris gar nicht ähnlich, so anhänglich
zu sein.
„Sicher“, entgegnete sie verwirrt. Dann fasste sie einen Entschluss, der ihr gar
nicht ähnlich sah, wie sie sich eingestehen musste. „Warte einen Augenblick, ich
bin gleich wieder da.“
Alexandra ging hinüber in ihr eigenes Zimmer und zog sich für die Nacht um.
Statt nur ihres üblichen T-Shirts streifte sie noch ein paar kurze Sweat-Pants
über. Dann putzte sie sich noch die Zähne, bevor sie in Chris’ Zimmer
zurückkehrte.
„Ich hoffe, du schnarchst nicht“, scherzte sie, um ihre Nervosität über das, was
sie vorhatte, zu überspielen. Chris starrte sie verwirrt an. Seine Verwirrung
wurde noch größer, als Alexandra ins Bett krabbelte und zu ihm unter die Decke
schlüpfte.
„Was machst du da?“ fragte er fast entsetzt.
„Ich bin hundemüde und hab keine Lust, auf diesem unbequemen Sessel da
einzuschlafen“, erklärte Alexandra, bevor sie das Kissen zurecht klopfte und
sich auf dem Ellbogen abstützte, um auf Chris hinunterzusehen. Er sah richtig
niedlich aus mit diesen weit aufgerissenen Augen und dem völlig verstörten
Gesichtsausdruck, schoss ihr durch den Kopf. ‚Oh, Gott, Alex, reiß dich
zusammen, das ist ja fast noch ein Baby und außerdem hast du den Männern
abgeschworen!’
„Aber…“
„Keine Sorge, du bist krank, also ist deine Unschuld bei mir in den besten
Händen“, lächelte Alexandra und beobachtete amüsiert, wie ihrem mehr oder
weniger unfreiwilligen Bettgefährten das Blut in die Wangen schoss.
„Ich wollte nicht…ich meine…“ stotterte Chris und knetete den Rand der Bettdecke
mit den Fingern. „Du willst wirklich hier schlafen?“ quiekte er schließlich.
Alexandra wurde ernst. „Du hast mich gebeten, bei dir zu bleiben und ich hielt
es für eine gute Idee, falls es dir heute Nacht wieder schlechter gehen sollte.
Möchtest du lieber allein schlafen?“
Chris sah sie eine Zeitlang unsicher an, dann schluckte er.
„Nein.“ Seine Stimme war nur ein Flüstern und Alexandra hätte ihn beinahe nicht
verstanden.
„Gut. Dann…wie gesagt, ich hoffe du schnarchst nicht“, wiederholte sie und
kuschelte sich unter die Decke. Tagsüber war es zwar relativ heiß, doch die
Nächte waren manchmal recht kühl und durch das geöffnete Fenster drang eine
leichte Brise.
Chris starte sie noch immer an.
„Was ist? Hab ich Zahnpasta auf der Nase?“ fragte Alexandra.
„Nein…ich wollte…ich wollte mich nur bedanken, für heute Abend, für…das hier...“
murmelte Chris und senkte die Augenlider.
Alexandra streckte die Hand aus und strich ihm sanft eine Haarsträhne aus dem
Gesicht. „Das hätte doch jeder getan“, entgegnete sie.
„Nein, nicht für so jemanden wie mich.“
Diese in so hoffnungslosem Ton hervorgebrachte Antwort brachte Alexandra dazu,
sich wieder aufzusetzen.
„Chris, hör auf. Du bist ein genauso wertvoller Mensch wie jeder andere.“ Sie
dachte einen Moment lang nach und relativierte diese Aussage dann. “Sagen wir,
wie viele andere. Es gibt genügend Leute, denen ich nicht mal die Hand schütteln
würde.“ Alexandra gab ein undamenhaftes Schnauben von sich. „Nur weil du mal
Mist gebaut hast in deiner Jugend, bist du noch lange kein Abschaum. Also hör
auf, dich schlechter zu machen als du bist. Könntest du jetzt bitte das Licht
ausmachen? Ich würde heute doch irgendwann mal gerne schlafen.“
Chris sah aus, als wollte er noch etwas entgegnen, doch dann drehte er sich zum
Nachttisch und löschte die Lampe. Im Licht der Straßenlaterne, das gedämpft von
draußen herein schien, konnte Alexandra gerade noch seine Umrisse erkennen. Er
hatte ihr den Rücken zugedreht. Seufzend rückte sie näher zu ihm und legte ihm
einen Arm um die Taille.
„Chris, ich hab dich wirklich sehr gern und es ist mir egal, dass du im
Gefängnis warst“, wisperte sie eindringlich. „Und jedem, der etwas Hirn hat und
sich die Mühe macht, dich kennen zu lernen, wird das Gleiche denken. Also hör
damit auf, dich selber runterzumachen, okay?
Chris gab ihr zwar keine Antwort, Alexandra fühlte jedoch, wie er tief den Atem
einsog. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Worte auf fruchtbaren Boden fielen.
An Chris’ Rücken gekuschelt, was zugegebenermaßen ein angenehmes Gefühl war,
schlief Alexandra schließlich ein.
Alexandra
erwachte, weil sie etwas an der Nase kitzelte. Unwillig öffnete sie die Augen
und starrte verblüfft auf den Büschel schwarzer Haare vor ihrem Gesicht, der die
Ursache dafür war. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ihr bewusst wurde, zu wem
dieser Büschel Haare gehörte und aus welchem Grund sie nicht ihn ihrem eigenen
Bett aufgewacht war.
Chris lag, genau wie sie, auf der Seite und hatte sich eng an sie geschmiegt.
Seine Hand war in ihr T-Shirt gekrallt, also war an ein unauffälliges und
unbemerktes Verlassen des Bettes nicht zu denken. Er schien noch tief und fest
zu schlafen.
Alexandra drehte den Kopf, um einen besseren Blick auf sein Gesicht zu bekommen.
Chris hatte sowieso sehr weiche Gesichtszüge, die im Schlaf noch kindlicher
waren, allerdings ohne zu babyhaft zu wirken. Lange, dichte Wimpern lagen auf
hohen Wangenknochen, der sanft geschwungene Mund unter der kleinen geraden Nase
lud zum Küssen ein…
Alexandras Gedankenachterbahn kam mit einem lauten Kreischen zum Stillstand. Was
hatte sie da gerade eben gedacht? Wie zum Teufel kam sie nur auf solche Ideen?
Sie war eine siebenundzwanzigjährige, erwachsene Frau, die von Männern im
Allgemeinen nichts hielt und nach zwei bitteren Reinfällen davon überzeugt war,
dass sie verlogene Idioten magisch anzog. Chris dagegen war knapp dem
Teenie-Alter entwachsen und schien keinerlei Erfahrungen mit Angehörigen des
anderen Geschlechts zu haben.
Und dennoch…dennoch hatte Alexandra ein seltsames Gefühl in der Magengegend,
wenn sie ihn so betrachtete, und sich vorstellte, wie er diese riesigen braunen
Augen öffnete und sie verschlafen anblinzelte…
Alexandra war so in ihre Überlegungen versunken, dass ihr nicht bewusst wurde,
dass sie Chris eine Haarsträhne, die ihm ins Gesicht hing, hinter das Ohr
zurückstrich. Erst als er sich bewegte und –genau wie in ihrer Fantasie – die
Augen aufschlug, zog sie ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.
Chris ließ sofort ihr T-Shirt los und setzte sich abrupt auf, um sie mit offenem
Mund anzustarren.
„Was…Wieso…?“ stammelte er verwirrt.
„Guten Morgen“, sagte Alexandra und versuchte, ihren Gefühlsaufruhr unter
Kontrolle zu bringen. Über ihre Emotionen musste sie sich später im Klaren
werden. „Wie geht’s deinen Bauchschmerzen?“
„Welchen…?“
Chris’ Hand fuhr zu seiner Leibesmitte. Dann fuhr er sich mit der anderen Hand
durch die Haare und schüttelte den Kopf. „Weg“, verkündete er mit vom Schlaf
rauer Stimme und sah Alexandra verlegen an, als ihm die Geschehnisse des
vorangegangen Abends langsam wieder ins Gedächtnis zurückzukommen schienen.
„Bist du morgens immer so verbal ausdrucksvoll?“ Alexandra konnte ihr Amüsement
nicht verbergen.
„Tut mir leid….Ich…das mit gestern Abend…“ Chris biss sich auf die Lippe und
atmete ein paar Mal tief durch. „Vielen Dank. Ich war gestern ein bisschen von
der Rolle, sonst hätte ich nie...“ Er brach ab und fuhr sich wieder mit der Hand
durch die Haare, was diese nur noch wilder in alle Richtungen abstehen lies.
„Mach dir keine Sorgen deswegen“, beruhigte ihn Alexandra. „Bist du sicher, dass
wieder alles in Ordnung ist?“
Forschend musterte sie ihren Bettgenossen. Doktor Langtons’ Worte, dass Chris’
Beschwerden möglicherweise psychische Ursachen hatten, kamen ihr wieder in den
Sinn. Wenn auch die Blutuntersuchung keinen Befund ergab, dann würde sie ihm
Doktor Langtons’ Vermutung mitteilen und ihm vorschlagen, einmal mit Doktor
Winslow zu sprechen.
„Bin ich“, entgegnete Chris. „Wir müssen doch die Praxis noch bis zum Wochenende
fertig bekommen.“
Die Einweihungsparty. Alexandra seufzte. „Oh ja. Wenn ich gewusst hätte, dass
Mary Jo Gott-und-die-Welt einlädt, dann hätte ich darauf verzichtet. Tja, schon
vorbei.“ Sie versetzte Chris einen spielerischen Klaps auf den Arm. „Genug
gefaulenzt. Wer zuletzt unten ist, kümmert sich für den Rest der Woche ums
Frühstück.“
Mit diesem Worten sprang Alexandra aus dem Bett und raste zur Tür. Bevor sie
diese öffnete, blickte sie noch einmal zurück. Sie hatte erwartet, dass Chris
ihrem Beispiel folgen würde, doch der saß noch immer im Bett und hatte die
Bettdecke um seine Hüften gebauscht.
„Was ist los?“ fragte sie erstaunt. „Wenn du denkst, du bist schneller als ich,
dann kennst du mich aber schlecht. Oder bist du doch nicht ganz so fit?“
„Doch, doch“, versicherte Chris hastig. Verblüfft sah Alexandra, wie seine
Wangen einen interessanten Rotton annahmen – und hätte beinahe laut losgelacht.
Aha, da also lag der Storch begraben. Er hatte also ein gewisses
morgendliches…Problem und war noch unschuldig genug, um darüber in tödliche
Verlegenheit zu geraten.
Verschmitzt grinste Alexandra ihn an. „Viel Spaß…beim Frühstückmachen.“ Ohne
eine Antwort abzuwarten öffnete sie die Tür und verschwand in ihrem Zimmer, um
sich anzuziehen.
***
Chris saß noch eine Weile im Bett und starrte die geschlossene Tür an, bevor er
die Decke von sich schob und die Beine aus dem Bett schwang. Er wäre vor
Verlegenheit beinahe gestorben, als er das wissende Lächeln auf Alexandras
Gesicht gesehen hatte. Hoffentlich dachte sie nicht, ES wäre wegen ihr gewesen.
Nicht, dass er sie nicht äußerst attraktiv gefunden hätte, mit ihrer lockigen
Löwenmähne und den sanften Rundungen, doch ihm war nur zu bewusst, dass eine
Frau wie sie für ihn unerreichbar war. Er musste schon dankbar dafür sein, dass
er ihre Freundschaft gewonnen zu haben schien. Chris wollte nicht darüber
nachdenken, wie es wäre, wenn Alexandra sich von ihm abwenden würde, wenn sie
ihn verabscheute für das, was er getan hatte, was er hatte geschehen lassen.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte er sich so allein gefühlt wie nie
zuvor. Jack Sanders war natürlich für ihn da gewesen, doch der Mann wurde dafür
bezahlt und Chris konnte sich nie dazu überwinden, ihm zu vertrauen. Eines
musste er seinem Bewährungshelfer jedoch zugestehen: Mr. Sanders hatte sich jede
erdenkliche Mühe gegeben, ihm zu helfen und hatte ihm letztendlich diesen Job
verschafft.
Zu Beginn seiner Bewährung musste Chris mehre Sitzungen bei einem so genannten
psychologischen Berater absolvieren, der ihn auf das Leben ‚draußen’ vorbereiten
sollte. Der Mann war mehr damit beschäftigt gewesen, diverse Telefonate während
dieser Stunden zu erledigen, als sich mit Chris zu unterhalten. Nach Beendigung
der Sitzungen hatte der Psychologe ihn für völlig geeignet gehalten, ein Leben
in der Gesellschaft zu beginnen.
Chris schnaubte bitter, als er daran dachte. Er war völlig ungeeignet dafür
gewesen, war es im Prinzip immer noch. Er war nur ein guter Schauspieler und
konnte seine wahren Emotionen hinter einer Maske verstecken, die er je nach
Anlass wechselte. Der einzige Mensch, der einen Blick hinter diese Fassade hatte
werfen können, war Alexandra.
Bei ihr hatte Chris das Gefühl, sich nicht verstecken zu müssen und auch seine
Schwächen zeigen zu können. Er wünschte sich nur, sicher sein zu können, dass
sie ihn auch noch akzeptieren würde, wenn sie jemals die ganze Wahrheit über ihn
erfahren würde. Doch das war nur ein schöner Traum. Der Mensch, der über so
etwas hinwegsah, existierte nicht.
Chris ging in das Bad, das zu seinem Zimmer gehörte, und stellte sich unter die
Dusche. Alexandras kindische Wette kam ihm in den Sinn und er musste trotz der
düsteren Gedanken, die in seinem Kopf herumschwirrten, lächeln. Als er sie
kennen gelernt hatte, hätte er nie geglaubt, dass er eines Tages so ein
freundschaftliches Verhältnis mit ihr haben würde.
Sie war ihm so distanziert und unnahbar erschienen, als sie ihm widerstrebend
erklärt hatte, was sie von ihm erwartete. Er hatte deutlich gespürt, dass sie
nicht geglaubt hatte, dass er die Aufgabe würde meistern können. Anstatt ihn zu
entmutigen, hatten ihn diese Zweifel jedoch nur dazu angespornt, zu beweisen,
dass er es doch konnte.
Chris stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Dann putzte er sich die Zähne.
Nachdem er sich mit den Fingern durch die Haare gefahren war und ein wenig
Haargel darin verteilt hatte, schnitt er sich eine Grimasse im Spiegel. Es war
sinnlos, sich so viele Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft zu
machen.
Was passiert war, konnte er nicht mehr ändern, obwohl die Erinnerungen ihn zu
ersticken drohten, wenn es ihnen gelang, aus der Kiste, in die er sie
eingesperrt hatte, auszubrechen. Dann kostete es ihn seine ganze Kraft, sie
wieder hineinzustopfen und den Riegel davor zu schieben. So wie gestern
Nachmittag, als er zufällig einen Blick auf den Kalender geworfen hatte und ihm
klar geworden war, was vor genau vier Jahren passiert war….Nein, nicht daran
denken.
Chris ballte die Fäuste, um das Zittern seiner Hände in den Griff zu bekommen.
Es war vorbei und würde nicht wieder passieren, sagte er sich immer wieder.
Vorbei und vergessen. Er durfte jetzt nur nach vorne schauen.
Was die Zukunft betraf, war sein einziges Ziel im Moment, den Schulabschluss
nachzumachen. Ansonsten hatte er keinerlei Pläne, er hatte schon früh lernen
müssen, dass diese mit einem Schlag durch einen dummen Zufall, eine falsche
Entscheidung oder durch ein grausames Schicksal zunichte gemacht werden konnten.
Als Chris nach
unten kam, hörte er Alexandra fröhlich vor sich hin pfeifen. Sie war schon etwas
ganz Besonderes. Als er heute Morgen erwacht war und ihm schließlich klar
geworden war, wieso sie in seinem Bett war, hatte er sich gewünscht, der Boden
möge sich unter ihm auftun und ihn verschlucken. Dabei hatte er nur nicht allein
einschlafen wollen, jemanden bei sich haben wollen, der die schrecklichen
Erinnerungen im Zaum hielt.
Dass Alexandra derart extreme Maßnahmen ergreifen würde, damit hatte er im Traum
nicht gerechnet. Und dann das vorhin noch…
Chris schluckte. Es half alles nichts. Irgendwann musste er ihr wieder
gegenübertreten. Er hoffte nur, dass sie keine Bemerkung mehr darüber machen
würde.
Mit gespielter Nonchalance betrat er die Küche, wo der Frühstückstisch bereits
gedeckt war. Alexandra hatte nicht übertrieben. Wenn sie wollte, war sie
wirklich schnell. Lächelnd sah sie auf, als sie ihn hereinkommen hörte. Sie trug
ihre übliche Kleidung, Jeans und ein enges T-Shirt, das ihre Rundungen betonte.
Die blonde Mähne hatte sie im Nacken mit einem einfachen Gummiband
zusammengerafft.
„Ach, auch schon fertig?“ fragte sie ironisch. „Setz dich schon mal hin und
genieße es. Die Rühreier sind gleich fertig.“
Chris errötete leicht und setzte sich auf seinen Platz. Er wusste nicht, was er
sagen sollte. Zum Glück übernahm Alexandra das Reden.
„Gestern ist noch eine Lieferung angekommen, Instrumente hauptsächlich. Die
müssen wir heute einräumen“, erklärte sie, als sie Chris den Teller mit seinem
Frühstück hinstellte. „Ich hoffe, dass bis zum Ende der Woche wirklich alles da
ist. Heute Abend kommt Mike vorbei, um mir zu zeigen, wie das mit dem Computer
funktioniert. Hoffentlich ist er ein Zauberer. Das einzige, was ich auf dem Ding
kann, ist Texte schreiben und ein wenig im Internet surfen.“ Alexandra setzte
sich Chris gegenüber. „Was ist, hast du keinen Hunger?“ Mit der Gabel deutete
sie auf Chris’ noch immer unberührten Teller.
„Doch, doch“, beeilte Chris sich zu versichern und griff nach einem Toast, um
dann langsam mit dem Essen zu beginnen. Als er fertig war, trug er seinen Teller
zur Spülmaschine und räumte ihn ein. Er hörte, wie Alexandra ebenfalls aufstand
und drehte sich um. Zu seiner Überraschung hatte sie mehrere, in buntes
Geschenkpapier gewickelte Päckchen in der Hand.
„Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, „ sagte sie mit einem
verlegenen Grinsen. „Du hast deinen Führerschein vorgestern im Auto
liegengelassen und da konnte ich nicht widerstehen, einen Blick hineinzuwerfen.
Du warst schon wirklich ein süßer Teenie…“ Alexandra zuckte mit den Schultern.
„Es ist nichts Besonderes, nur ein paar Dinge, von denen ich glaube, dass du sie
manchmal brauchen könntest. Nicht, dass du das jetzt als Kritik auffasst, ich
hab kein Problem mit deinen Klamotten, nur manchmal, wie vielleicht am kommenden
Samstag, solltest du vielleicht nicht gerade in zerrissenen schwarzen Jeans und
einem T-Shirt mit irgendeinem respektlosen Spruch auf der Brust herumlaufen.“
Chris konnte Alexandra nur anstarren. Sie hatte ihm tatsächlich etwas zum
Geburtstag gekauft, soviel hatte er verstanden. Der Rest war in dem Gefühlschaos
untergegangen, das diese Aktion in ihm auslöste.
„Ich…ich weiß nicht, was ich sagen soll“, würgte er schließlich hervor.
„Wie wär’s mit ‚Danke Alex’’“, bot ihm Alexandra an. „Nun mach schon auf.“
Chris atmete tief durch. „Danke, Alex“, sagte er und nahm die Päckchen entgegen,
um mit ihnen zum Küchentisch zu gehen. Dort öffnete er sie zögernd, während
Alexandra ihn gespannt beobachtete.
„Ich weiß, das ist nicht ganz dein Stil, aber…“
„Nein, das ist schon okay“, entgegnete Chris hastig. „Ich freu mich darüber…es
ist nur…“
„Was?“
„Ich hab meinen Geburtstag seit einer Ewigkeit nicht gefeiert“, sagte er leise.
„An dem Morgen, als ich fünfzehn wurde, ist meine Mom in der Küche
zusammengebrochen und musste ins Krankenhaus. Dort haben die Ärzte dann
festgestellt, dass sie Leukämie hat. An meinem sechzehnten Geburtstag war ich
allein, mein Vater war auf einer Sauftour, um seine Trauer zu ertränken. An
meinem siebzehnten Geburtstag, da…da bin ich ins Gefängnis gekommen….“
Chris bemühte sich krampfhaft, die Tränen zu unterdrücken, die hochzukommen
drohten. Dann schüttelte er den Kopf. „Da gab’s dann keine Geburtstagsfeiern“,
versuchte er mit einem missglückten Lächeln zu scherzen.
Im nächsten Moment fand er sich in einer heftigen Umarmung wieder, die ihn
beinahe taumeln ließ.
„Tut mir leid, dass ich dich daran erinnert habe“, flüsterte Alexandra. „Wenn
ich das gewusst hätte….“
Chris stand einen Moment lang hilflos da und wusste nicht, wie er reagieren
sollte. Eigentlich hasste er es, wenn ihn jemand anfasste. Doch das hier war
irgendwie anders. Dann erwiderte er vorsichtig die Umarmung. Alexandra war fast
genauso groß wie er, es war ein angenehmes Gefühl, ihren warmen Körper in den
Armen zu halten. Chris schloss die Augen und genoss den kurzen Augenblick von
Geborgenheit, bevor er sich von ihr löste und sie an den Oberarmen gepackt ein
Stück von sich weg hielt.
„Das ist in schon Ordnung. Ich find das Geschenk wirklich großartig und
verspreche, dass ich die Sachen auch tragen werde. Manchmal zumindest, zu
besonderen Gelegenheiten“, fügte er nach kurzer Überlegung hinzu. Zu seiner
Erleichterung brachte dies das Lächeln auf Alexandras Gesicht zurück.
„Was bezeichnest du denn als besondere Gelegenheit?“
Die restlichen
Tage bis zum Samstag waren angefüllt mit hektischer Aktivität. Mike kam vorbei,
um Alexandra den Gebrauch ihres Programms für die Rechnungserstellung zu
erklären, war aber nach kurzer Zeit der Verzweiflung nahe.
„Alex, du bist eine intelligente Frau. Wieso kannst du so etwas Simples nicht
verstehen“, stöhnte er und ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen. Er war groß
und sportlich, mit dunklen, kurz geschnittenen Haaren und einem, netten
sympathischen Lächeln.
Alexandra betrachtete ihn zerknirscht. Sie saßen seit zwei Stunden zusammen in
dem kleinen Büro vor dem Computer und waren noch keinen Zentimeter
weitergekommen. Langsam fürchtete sie, tatsächlich noch jemanden einstellen zu
müssen, der die Schreibarbeit für sie erledigte.
„Tut mir leid, Mike, ich hasse das nun mal“, entschuldigte sie sich. „Du
könntest genauso gut Chinesisch mit mir reden, das hätte den gleichen Erfolg.“
„Das gibt’s doch nicht. Fangen wie noch Mal von vorn an.“ Entschlossen setzte
Mike sich auf.
Alexandra seufzte. Sie schätzte es sehr, dass Mike sich soviel Zeit für sie
nahm, doch leider schien es hoffnungslos. Nur, wie sollte sie das einem
Computerfreak erklären?
„Ich muss noch kurz zum Baumarkt. Kann ich den Wagen nehmen?“ Chris steckte den
Kopf zur Tür herein. Er nickte Mike grüßend zu. Mary Jos Mann war ihm gegenüber
toleranter und freundlicher, was Alexandra sehr zu schätzen wusste.
„Sicher, die Schlüssel liegen neben der Kaffeemaschine“, entgegnete Alexandra
und sah ihn missmutig an.
Chris schob sich ganz zur Tür herein. „Was ist los?“ fragte er.
„Alex steht mit der modernen Technik auf Kriegsfuss“, erklärte Mike resigniert.
„Dabei kann so was jedes Kind. Also komm, noch mal“, forderte er Alexandra auf
und begann mit seinen Erklärungen.
Alexandra spürte, wie Chris hinter sie trat und Mikes Ausführungen interessiert
zu lauschen schien. Ihre Gedanken schweiften zurück zu heute früh, als sie Chris
umarmt hatte. Alle ihre Freunde waren mindestens einen Kopf größer als sie
gewesen und sie hatte sich manchmal regelrecht erdrückt und überwältigt von
deren Gegenwart gefühlt. Wieso, konnte sie nicht erklären. Chris dagegen…
„Okay Alex, jetzt mach du weiter“, unterbrach Mike ihren Gedankengang.
„Ähm, was?“ fragte sie verwirrt. „Tut mir leid, Mike, ich hab gerade einen
Moment nicht zugehört…“ sagte sie kleinlaut.
Mike stieß einen lauten Seufzer aus und schüttelte den Kopf. „Ich glaub, wir
lassen das heute lieber. Versuchen wir es nächste Woche noch einmal, wenn du den
Kopf wieder frei hast.“
„Aber das ist doch wirklich total einfach“, hörte Alexandra Chris’ Stimme hinter
sich. „Wie kann man das nicht verstehen?“
Das brachte für Alexandra das Fass zum Überlaufen. Erst Mike, dann Chris.
Hielten die beiden sie denn für völlig bescheuert? Mit einem Ruck stand sie auf
und drehte sich zu Chris um.
„Meine Gehirnzellen sind eben auf wichtigere Dinge programmiert“, fauchte sie.
„Wenn es so einfach ist, dann mach du es doch.“
Wütend starrte sie Chris an, der erschrocken zurückwich. Dann erhellte plötzlich
ein engelhaftes Lächeln ihr Gesicht. Na sicher doch, das war die Lösung. Chris
arbeitete sowieso schon für sie. Was sprach dagegen, dass er die Aufgabe
übernahm, ihre Rechnungen zu schreiben?
„Das ist es! Du setzt dich jetzt hier hin und lässt dir von Mike alles schön
gründlich erklären. Betrachtete dich hiermit zum tierärztlichen Assistenten
befördert.“ Damit packte sie Chris und drückte ihn auf den Stuhl, von dem sie
gerade aufgestanden war.
„Viel Spaß, ihr beiden“, flötete sie und schloss beim Verlassen des Raumes die
Tür mit einem hörbaren Knall.
***
Mike Anderson starrte mit hochgezogenen Augenbrauen die Tür an. Er war einiges
gewöhnt von der Freundin seiner Ehefrau, auch dass sie ziemlich launisch sein
konnte. Dann fiel sein Blick auf den Jungen, der neben ihm saß und scheinbar
genauso wenig wusste, was er über Alexandras Ausbruch denken sollte, wie Mike
selbst.
Mary Jo mochte nicht viel von Chris O’Connor halten, doch wenn er es bereits
solange unter Alexandras Fuchtel ausgehalten hatte, dann musste er zumindest
starke Nerven besitzen. Und er musste entgegen den düsteren Prophezeiungen Mary
Jos auch etwas taugen, ansonsten hätte Alexandra ihn schon längst gefeuert.
Mike räusperte sich. „Hat sie das eben ernst gemeint?“ fragte er vorsichtig.
Chris’ Kopf fuhr zu ihm herum. „Ich fürchte ja“, antwortete er kleinlaut. „
Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das noch mal von Anfang bis zum Ende zu
erklären? Es ist zwar wirklich ziemlich einfach, aber ich möchte sicher sein,
dass ich alles richtig verstanden habe.“
Mike tat ihm den Gefallen und zu seinem Erstaunen und unendlicher Dankbarkeit
schien der Junge die ganze Sache wirklich auf Anhieb zu kapieren. Wo er sich
vorher zwei Stunden vergeblich mit Alexandra herumgeplagt hatte, konnte Chris
nach einer guten halben Stunde mit dem Programm umgehen. Schließlich war Mike
mit dem Wissenstand seines Schülers zufrieden.
„Gut, das hätten wir“, sagte er zufrieden. „Noch irgendwelche Fragen?“
Chris schüttelte den Kopf und stand auf. „Nö, ich schätze, ich komm mit dem Ding
klar“, erklärte er.
„Alex hat also vor, Sie noch länger zu beschäftigen?“ erkundigte sich Mike
interessiert. Bisher war er der Annahme gewesen, Chris’ Arbeit würde mit der
Fertigstellung der Praxis enden. Zumindest war ihm das so von seiner Frau
mitgeteilt worden. Doch wenn Alexandra wollte, dass der Junge
Verwaltungsaufgaben übernahm, dann konnte dies nicht der Fall sein.
„Ich soll auch den Rest des Hauses wieder in Schuss bringen“, teilte Chris ihm
bereitwillig mit.
„Ach ja? Alex hat immer gesagt, das könne sie sich im Moment eigentlich nicht
leisten…“ murmelte Mike vor sich hin.
Chris zuckte mit den Schultern. „Oh, sie muss mir nicht soviel Lohn zahlen. Sie
lässt mich hier wohnen, das Essen ist umsonst, also brauche ich nicht viel Geld
zum Leben. Damit ist uns beiden geholfen.“
Es kostete Mike einige Mühe, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen.
Dass Alexandra diesen Jungen hier bei sich wohnen ließ, war ihm das Neueste.
Mary Jo wusste mit Sicherheit nichts davon, sie hätte ihm ihre Meinung darüber
mit Sicherheit schon längst und ziemlich ausführlich kundgetan. Wenn er es sich
recht überlegte, war das wohl der Grund, warum Alexandra es bisher verschwiegen
hatte. Mike beschloss, Mary Jo bis auf weiteres nichts davon zu erzählen. Sie
würde es vermutlich noch früh genug selbst herausfinden. Er hoffte inständig,
dass er zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise sein würde….
Zwei Tage später rief Doktor Langton persönlich an, um mitzuteilen, dass die
Ergebnisse von Chris’ Blutuntersuchung zurückgekommen seien. Chris war
unterwegs, die letzten Reste Bauschutt entsorgen, so nahm Alexandra den Hörer
ab.
„Hallo, Doktor, Chris ist im Moment leider nicht da. Soll er später bei Ihnen
vorbeikommen?“ fragte sie. „Sind die Ergebnisse in Ordnung?“
„Alles bestens“, erwiderte der Arzt. „Alexandra, es ist vielleicht ganz gut,
dass ich Sie am Telefon habe und nicht Chris. Nachdem Sie mir gesagt hatten,
dass er im Gefängnis war, habe ich mir erlaubt, auch einen Test auf Hepatitis
und HIV durchführen zu lassen. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass er sich
dort etwas in der Richtung geholt hat. Ich weiß nicht, in welchem Verhältnis Sie
zu dem Jungen stehen und es geht mich auch nichts an, aber…sehen Sie, Ihre
Großtante hat mir immer so viel von Ihnen erzählt, dass Sie wie eine alte
Bekannte für mich sind, auch wenn wir uns persönlich nicht oft gesehen haben.
Ich mag mit dieser Eigenmächtigkeit meine Grenzen als Arzt überschritten haben,
aber ich habe mir einfach Sorgen um Sie gemacht.“
Alexandra war wie vom Donner gerührt. Doktor Langton glaubte, dass sie und
Chris…. Aber dann dachte sie an den Abend in der Praxis zurück. Kein Wunder,
dass der Mann es nicht ganz von der Hand weisen konnte, dass sie mehr als nur
Freunde waren.
„Alexandra? Sind sie noch da?“ tönte es aus dem Telefonhörer.
„Ja…sicher“, stotterte Alexandra. „Tut mir leid, ich war nur einen Moment lang
überrascht. Hören Sie, Doktor, ich bin Ihnen nicht böse, aber Chris und ich sind
nicht zusammen. Er ist, na ja…so etwas wie ein kleiner Bruder für mich.“
‚Lügnerin’ schalt eine gehässige Stimme in ihrem Hinterkopf, die sie schnell
ausblockte.
„Alexandra, es geht mich wirklich nichts an“, sagte Doktor Langton. „Jedenfalls
war der Test auf Hepatitis negativ, der HIV-Test dauert noch ein paar Tage. Ich
nehme an, es geht dem Jungen inzwischen wieder gut, nachdem ich nichts mehr von
Ihnen gehört habe?“
„Ja, am nächsten Tag war alles in Ordnung“, entgegnete Alexandra, dankbar für
den Themenwechsel.
„Wenn das noch öfters vorkommen sollte, dann sollten Sie ihn vielleicht wirklich
dazu überreden, mit einem Psychologen zu sprechen.“
Alexandra seufzte. „Das wird schwierig. Ich weiß, das da etwas ist, das hat er
selbst zugegeben, aber…“
„Ich verstehe. Jedenfalls, wenn Sie ein Problem haben, dann können Sie mich
jederzeit anrufen.“
„Vielen Dank, Doktor Langton. Für alles.“
„Keine Ursache, junge Damen. Sobald ich das Ergebnis des HIV-Tests habe, werde
ich mich bei Ihnen melden.“
Nach diesen Worten legte der Arzt auf. Alexandra stand noch eine ganze Weile mit
dem Hörer in der Hand da und starrte ins Leere. Sie hatte noch keine Sekunde
daran gedacht, dass Chris sich eine dieser Krankheiten im Gefängnis geholt haben
könnte. Immerhin lebten dort hunderte von Männern auf engstem Raum zusammen.
Angenommen, dieser letzte Test fiel positiv aus. Wer sollte Chris die
schreckliche Wahrheit beibringen? Was um alles in der Welt sollte sie dann tun?
Alexandra legte den Telefonhörer zurück auf den Küchentisch und setzte sich.
Charlie kam zu ihr getrottet und legte ihr den Kopf auf den Schoß. Abwesend führ
ihm Alexandra mit der Hand über das struppige Fell.
„Oh, Charlie, hoffentlich hat sich Chris diese furchtbare Krankheit nicht
geholt. Er ist doch noch so jung….“ Charlie legte ihr beide Pfoten auf die Knie
und stemmte sich hoch, um ihr über das Gesicht zu lecken. Alexandra schob ihn
weg.
„Pfui, lass das, ich kann mich selber waschen. Aber du hast Recht, ich sollte
mir nicht so viele Gedanken darüber machen, was vielleicht sein könnte. Wenn das
Schlimmste passiert, und das ist ein großes ‚Wenn’, dann werden wir schon einen
Weg finden, um damit umzugehen.“
Doch trotz ihrer optimistischen Worte konnte Alexandra die sorgenvollen Gedanken
nicht ganz verbannen.
Endlich war der
Tag der Eröffnung gekommen. Der Vormittag wurde von hektischer Aktivität
bestimmt. Ein Catering-Unternehmen lieferte Platten mit belegten Brötchen und
die Getränke, da Alexandra keine Lust gehabt hatte, sich damit auch noch zu
befassen. Mary Jo und Julie, die sich bereit erklärt hatten, bei den
Vorbereitungen zu helfen, scheuchten Chris herum, der zum Schluss nicht mehr
wusste, wessen Auftrag er zuerst ausführen sollte.
Julie, eine
hübsche, etwa dreißigjährige Frau mit kurzen, karottenrot gefärbten Haaren und
einer Vorliebe für hautenge Klamotten, hatte Chris heute das erste Mal zu
Gesicht bekommen. Bisher kannte sie ihn nur aus Alexandras Erzählungen. Im
Gegensatz zu Mary Jo mochte sie ihn auf Anhieb. Als sie und Alexandra ein paar
Minuten lang allein in der Küche waren, konnte Julie endlich loswerden, was ihr
schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte.
„Weißt du Alex, dein Chris ist schon ein ganz schnuckeliges Häschen“, seufzte
sie und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Küchentheke.
Alexandra hätte
beinahe die volle Kaffeetasse fallen lassen, die sie gerade zum Mund führen
wollte.
„Julie!“ rief sie empört. „Lass bloß die Finger von ihm!“ Dass ihre
lebenslustige Freundin, die nichts anbrennen ließ, Chris ‚schnuckelig’ fand,
fehlte ihr gerade noch.
„Was denn?“ fragte Julie mit unschuldigen Augenaufschlag. „Ich darf ihn doch
wohl noch süß finden. Oder hast du mir etwas verschwiegen?“ Mit einem
süffisanten Grinsen sah sie Alexandra an.
„Nein! Chris und ich sind Freunde. Ich will nur nicht…“ Ja, was wollte sie
eigentlich? „Ich will nicht, dass er verletzt wird“, sagte sie schließlich.
Sogar ihn ihren eigenen Ohren klang diese Erklärung äußerst lahm.
Julie musterte sie skeptisch. „Wenn du das sagst….Aber keine Bange, er mag zwar
ein niedliches Häschen sein, aber ich stehe mehr auf gestandene Männer, wenn du
verstehst, was ich meine.“ Sie machte eine viel sagende Geste und zwinkerte
Alexandra zu.
Diese schüttelte resigniert den Kopf. Julie war unverbesserlich. Alexandra hatte
es vor einer Weile aufgegeben, sich die Namen der Typen zu merken, mit denen sie
zusammen war. Sie änderten sich sowieso alle zwei, drei Wochen. In einem
zumindest hatte Julie die Wahrheit gesprochen: Chris entsprach wirklich nicht
ihrem üblichen Beuteschema.
„Hör mal, Julie, Chris und ich sind wirklich nichts weiter als Freunde. Er muss
eine ziemlich üble Zeit hinter sich haben und…irgendwie ruft er das Gefühl in
mir hervor, dass ich ihn beschützen muss. Meinetwegen lach mich deswegen aus,
aber es ist die Wahrheit.“
Julie schüttelte erstaunt den Kopf. „Du meinst das wirklich ernst“, stellte sie
fest. „Alexandra Hastings, Doktor der Tiermedizin, erklärte Männerhasserin,
lässt sich von einem Paar großer, brauner Kulleraugen einwickeln. Die Story ist
wirklich der Hammer. Nur schade, dass mir das keiner glauben würde.“
„Julie, lass bitte einen Moment lang die Witze“, bat Alexandra. „Ich mag Chris,
das ist alles.“
„Wenn du das sagst….“ Julie klang nicht ganz überzeugt. Bevor die beiden Frauen
die Diskussion jedoch fortsetzen konnten, wurden sie von Chris unterbrochen, der
mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck die Küche betrat.
„Alex, könntest du bitte mal kommen? Mrs. Anderson kann sich nicht entscheiden,
wo der Tisch für das Essen hin soll. Ich hab ihn schon mindestens fünfmal
umgestellt…“
Alexandra warf Julie, die nur mühsam ihr Amüsement verbergen konnte, einen
entnervten Blick zu.
„Bin schon zur Stelle“, sagte sie und folgte Chris. Hinter sich hörte sie ihre
Freundin leise kichern.
„Da hast du deinen weißen Kittel wohl gegen die weiße Rüstung getauscht, Alex….“
***
Der Nachmittag wurde ein voller Erfolg. Mary Jo hatte nicht übertrieben, als sie
Alexandra versprochen hatte, bei ihren Bekannten Werbung für sie zu machen. Ihre
Freundin war Mitglied in mehreren Clubs und Wohltätigkeitsvereinen, deren
Mitglieder natürlich auch Haustiere hatten. Und da der nächste Tierarzt etwa
zwanzig Meilen entfernt war, war die Eröffnung einer derartigen Praxis auf
großes Interesse gestoßen. Alexandra war Mary Jo unendlich dankbar für ihr
Engagement, da sie selbst nicht unbedingt gut auf Menschen zugehen konnte und
rettungslos verloren gewesen wäre. Da konnte sie ihrer Freundin gerade noch
verzeihen, dass sie Chris noch immer reichlich abweisend behandelte.
Dieser schien sich jedoch nicht daran zu stören und begegnete Mary Jo mit
stoischer Höflichkeit, wenn es ihm nicht möglich war, ihr aus dem Weg zu gehen.
Zu Alexandras Erleichterung hatte er ihren Wink mit den Klamotten verstanden und
trug heute Nachmittag eine der Jeans, die sie ihm gekauft hatte und ein
knallrotes T-Shirt. Sogar seine Haare standen heute nicht so wild von seinem
Kopf ab wie sonst. Es war merkwürdig, ihn so ‚zivilisiert’ zu sehen.
Was Alexandra allerdings weniger verblüffte, war die Tatsache, dass immer
irgendein Mädchen bei ihm war und ihn zuquatschte, wenn er zufälligerweise in
ihr Blickfeld kam. Chris war ein hübscher Junge, ohne seine ‚Uniform’ wirkte er
viel zugänglicher, es war kein Wunder, dass die Teenager, die mit ihren Eltern
mitgekommen waren, nur so auf ihn flogen. Allerdings hatte sie den Eindruck,
dass Chris die ganze Aufmerksamkeit unangenehm war. Doch die Mädels ließen sich
nicht davon abhalten, ihm bei seinen freiwillig übernommenen Aufgaben, wie dem
Ausschenken der Getränke, zu helfen.
„Hat sich ziemlich
herausgemacht. Wenn die Haare nicht wären, hätte ich ihn kaum wieder erkannt.“
Jack war zu Alexandra getreten und deutete mit seinem halbvollen Glas auf Chris,
der gerade eine Kiste Fruchtsaft aus dem Haus hinüber zum ‚Getränkeausschank’
schleppte.
Alex drehte sich zu ihrem Freund um. Es war ziemlich heiß geworden und sie
verfluchte sich dafür, dass sie sich heute Mittag nicht doch gegen ihre heiß
geliebten Jeans und für ein Sommerkleid entschieden hatte.
„Du hast ihn doch erst letzte Woche gesehen“, entgegnete Alexandra.
„Schon, aber der Typ im Punk-Outfit, der es immer äußerst eilig, hat, wieder aus
meinem Büro raus zu kommen, ähnelt diesem Sonnenschein da drüben nicht im
Geringsten.“
Alexandra grinste. „Komm mir hier ja nicht auf dumme Gedanken, mein Lieber.
Soweit ich weiß ist er stockhetero“, flüsterte sie nach einem prüfenden Blick,
ob auch niemand in Hörweite war.
„Alex!“ Jack sah sie peinlich berührt an. „Ich würde doch nie….“
„Schon gut, das war ein Scherz. Ein Scherz!“ In gespielter Kapitulation warf
Alexandra die Hände in die Luft. Sie wusste, dass Jack, was seine sexuelle
Orientierung betraf, äußerst empfindlich war und größten Wert darauf legte, dass
niemand aus seinem beruflichen Umfeld etwas davon erfuhr. Er würde sich nie mit
einem Kollegen oder gar ‚Klienten’ einlassen.
„Will ich doch hoffen“, knurrte Jack und nippte an seinem Glas. „Du behältst ihn
also weiterhin?“ fragte er wie beiläufig, um das Thema zu wechseln.
„Ja“, nickte Alexandra und sah zu Chris, der sich gerade mit der Tochter einer
Bekannten von Mary Jo aus dem Country Club unterhielt. Das hieß, das Mädchen
redete auf ihn ein und er hörte ihr freundlich lächelnd zu.
„Ich weiß gar nicht mehr, wie es war ohne ihn“, sagte sie nachdenklich und hätte
sich danach am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie musste Jack nicht gerade auf
die Nase binden, dass Chris anfing, mehr zu sein als nur jemand, der für sie
arbeitete.
„Freut mich zu hören“, bemerkte dieser jedoch nur. „Er hat noch fast ein Jahr
Bewährung vor sich, und ich würde es hassen, wenn er sich das versaut. Ich
wusste schon gar nicht mehr, was ich mit ihm anfangen sollte, bevor ich ihn zu
dir geschickt habe.“
„Du meinst, er hätte zurück ins Gefängnis gemusst?“ Alexandra senkte ihre
Stimme, damit niemand ihr Gespräch mitbekam.
„Wenn er sich draußen nicht zurechtgefunden und die Gefahr bestanden hätte, dass
er Mist baut…dann hätte ich die Empfehlung aussprechen müssen, ihn wieder
zurückzuschicken.“
Alexandra schwieg. Ihr war nicht klar gewesen, wie viel Macht Jack eigentlich
über Chris’ Leben besaß. Wenn Chris einen anderen Bewährungshelfer bekommen
hätte, einen der sich nicht soviel Mühe gab, dann wäre er vielleicht schon
längst wieder in San Quentin. Ihr schauderte bei dem Gedanken.
„Die Gefahr ist jedoch gebannt, nicht wahr?“
„So wie es aussieht, schon.“
Ein Ehepaar, das Alexandra auf der Party von Mary Jos Handarbeitsclub kennen
gelernt hatte, unterbrach ihr Gespräch mit Jack. Die beiden waren schon etwas
älter und besaßen eine Yorkshire-Terrier-Zucht. Alexandra plauderte eine ganze
Weile mit ihnen über ihre Lieblinge, bevor sie sich wieder den anderen Gästen
widmete.
Es wurde bereits dunkel, als sich die letzten Besucher verabschiedeten.
Alexandra war stolz darauf, dass es mehr gewesen waren, als sie eigentlich
erwartet hatte. Ihre Freunde halfen noch mit, Gläser und Geschirr in die Küche
zu schaffen, bevor sich alle erschöpft am großen Küchentisch versammelten, um
noch gemeinsam etwas zu trinken.
Alexandra musste
ein Lächeln unterdrücken, als sie Mary Jo und ihren Mann, Jack und Julie
einträchtig an einem Tisch sitzen sah. Die Vier hätten unterschiedlicher nicht
sein können, das einzige, das sie verband war ihre Freundschaft zu Alexandra und
normalerweise sahen sie sich nur einmal im Jahr an Alexandras Geburtstag. Mike
verstand sich prächtig mit Jack und Julie, doch Mary Jo hielt immer ein wenig
Abstand. Sie hatte damals auf dem College die Gerüchte über Jack gehört und war
in dieser Beziehung ganz und gar nicht tolerant und mit Julies lockerer Art
konnte sie ebenfalls nichts anfangen. Alexandra war das allerdings völlig egal,
sie mochte ihre Freunde, so wie sie waren, mit all ihren Fehlern und Macken.
Chris hatte sich auf die Küchentheke gesetzt und verschlang ein Sandwich.
Während Alexandra mit ihren Freunden plauderte, beobachtete sie aus den
Augenwinkeln, wie er aus den Tiefen seiner Hosentaschen etwas ans Tageslicht
beförderte und neben sich auf den Tresen legte. Es sah aus wie ein Haufen
zerknüllter Zettel. Neugierig geworden sah sie zu, wie er einen nach dem anderen
fein säuberlich glatt strich und dabei den Kopf schüttelte.
Alexandra stand
auf. Es ging sie zwar nichts an, aber wissen wollte sie trotzdem, was es mit
diesen mysteriösen Papierfetzen auf sich hatte. Sie ging hinüber zu Chris.
„Was hast du da?“ erkundigte sie sich und nahm einen der Zettel in die Hand. Es
stand eine Nummer darauf, eine Telefonnummer um genau zu sein. Alexandra griff
nach den anderen Zetteln. Dann sah sie Chris empört an.
„Sag mal, hast du heute Nachmittag alle Mädchen, die da waren, um ihre
Telefonnummern gebeten? Ich glaubs ja nicht!“
Vom Tisch her war ein Kichern zu hören, das sich verdächtig nach Julie anhörte.
Chris sah Alexandra entgeistert an.
„Ich hab keine drum gebeten, ehrlich nicht! Die haben sie mir einfach so
zugesteckt“, verteidigte er sich vehement.
„Klar, und Charlie ist ein Orang-Utan! Hattest du etwa vor, die alle
nacheinander durchzumachen?“
Chris rutschte von seinem Platz auf der Theke. „Nein, hab ich nicht! Wofür
hältst du mich? Das waren doch alles noch Kinder!“
„Nach Kindern sahen mir ein paar aber nicht aus.“ Wütend funkelte Alexandra
ihren jungen Mitbewohner an. Es stimmte, ein paar der Mädchen hätten durchaus
bereits achtzehn oder neunzehn sein können, eigentlich genau im richtigen Alter.
Bevor Chris etwas sagen konnte, das vielleicht noch Öl ins Feuer gegossen hätte,
stand Julie auf und stellte sich zwischen die beiden Streithähne.
„Auszeit, Leute!“ rief sie. „Alex, er hat gesagt, er hat die Kids nicht drum
gebeten. Also reg dich wieder ab, ja?“
Alexandra öffnete den Mund, um Julie mitzuteilen, sie solle sich um ihren
eigenen Kram kümmern, doch dann sah sie den warnenden Gesichtsausdruck ihrer
Freundin. Die Erkenntnis, dass sie sich gerade wie eine eifersüchtige Ehefrau
aufgeführt hatte, und das im Beisein ihrer Freunde, traf sie wie eine kalte
Dusche. Was mochten die anderen von ihr denken? Alexandra wagte einen kurzen
Blick auf deren Gesichter. Mary Jo sah äußerst konsterniert aus, Jack und Mike
musterten Alexandra verblüfft.
„Was ist das denn?“ Julie fischte eine zerknüllte, lachsfarbene Visitenkarte aus
dem Papierhaufen auf der Küchentheke. Stirnrunzelnd las sie den goldfarbenen
Aufdruck.
„Johanna Caterall…“, stirnrunzelnd schüttelte sie den Kopf. „Kenne ich nicht.“
„Zeig her.“ Mary Jo war aufgesprungen und schnappte sich die Karte. Ihre Augen
wurden so groß wie Wagenräder, während sie die Visitenkarte betrachtete.
„Das glaub ich einfach nicht! Die heilige Johanna! Wer hat dir das gegeben?“
Anklagend hielt sie Chris das lachsfarbene Stück Papier unter die Nase.
„Heilige Johanna?“ echote Alexandra. „Du meinst diese scheinheilige Kuh mit mehr
Geld als Verstand aus dem Country Club, die sich immer als Moralapostel
aufspielt? Die, über die du dich immer so aufregst?“
„Genau die. Also, woher hast du das?“ Mary Jo wedelte mit der Karte wie ein
Racheengel mit seinem Schwert. Chris wich einen Schritt zurück und hob abwehrend
die Hände.
„Die hat mir so `ne ältere…ich meine, eine Dame mit so `nem komischen Pudel auf
dem Arm in die Tasche gesteckt.“ Er warf Alexandra einen ängstlichen Blick zu,
ob diese seinen verbalen Ausrutscher bemerkt hatte. Chris hatte nicht gelogen,
als er gesagt hatte, er könne Menschen schlecht auf ihr Alter schätzen und die
‚Dame’ hatte eigentlich ziemlich gut ausgesehen, zumindest wenn man auf den brav
zurechtgemachten Hausmütterchentyp stand. Er wollte nicht wieder bis über die
Ohren in ein Fettnäppchen hüpfen. „Sie hat gesagt, wenn ich Arbeit bräuchte,
dann solle ich sie anrufen.“
Mary Jo schnappte empört nach Luft. Vom Tisch her erklang mühsam unterdrücktes
Gelächter, Julie lehnte grinsend an der Theke und Alexandra, die sehr wohl
Chris’ Entgleisung und seinen Blick bemerkt hatte, wusste nicht, ob sie lachen
oder ihn schlicht und einfach erwürgen sollte. Diese Johanna war etwas über
dreißig, wenn sie sich recht erinnerte.
„Das glaub ich einfach nicht!“ kreischte Mary Jo. „Diese scheinheilige Schlampe!
Vor zwei Wochen noch hat sie Allison geschnitten, weil die sich von ihrem Mann
scheiden lässt und jetzt das! Hat sie sonst noch irgendetwas zu dir gesagt?“ Mit
einem unheiligen Glanz in den Augen wandte sie sich wieder an Chris, der
eingeschüchtert den Kopf schüttelte. Er hatte sowieso einen Heidenrespekt vor
der Frau und in ihrer Erregung war Mary Jo phänomenal.
„Nein, sonst war nichts“, beteuerte er. „Was ist denn so schlimm daran, dass sie
mir `nen Job geben wollte?“
Mary Jo starrte Chris ungläubig an. Bevor sie jedoch zu einer scharfen Antwort
ansetzen konnte, stand Mike hinter ihr und packte sie sanft am Arm.
„Schatz, ich glaube für heute Abend reicht es. Wir sollten jetzt nach Hause
gehen, die Kinder warten sicher schon.“
Alexandra warf Mike einen dankbaren Blick zu. Sie konnte gut auf die Ehre
verzichten, Zeuge zu werden, wie Mary Jo Chris und seine Naivität in der Luft
zerfetzte. Der Junge hatte anscheinend wirklich keinen blassen Schimmer, wieso
diese Johanna ihm ihre Karte gegeben hatte. Alexandra schnaubte innerlich. Chris
musste wirklich noch viel lernen.
„Aber…“ versuchte Mary Jo zu protestieren. Doch Mike blieb eisern. Er reichte
seiner Frau ihre Handtasche und führte sie mit sanfter Gewalt zur Tür.
„Wir sehen uns“, nickte er den anderen zu.
Alexandra begleitete die beiden zur Tür. „Vielen Dank für eure Hilfe. Ohne euch
hätte ich das nicht geschafft“, sagte sie zum Abschied. Dann schloss sie die Tür
und lehnte sich aufatmend dagegen. Mary Jo wusste noch immer nicht, dass Chris
bei ihr wohnte, geschweige denn, dass er im Gefängnis gewesen war. Wenn sie es
einmal erfuhr, dann konnte diese Explosion wahrscheinlich die der
Hiroshima-Bombe Konkurrenz machen.
Als sie in die Küche zurückkam, trat Jack ihr entgegen.
„Also, ich breche dann auch auf. Wir sehen uns übernächste Woche“, sagte er an
Chris gewandt, bevor er sich endgültig von Alexandra verabschiedete.
Jetzt war nur noch Julie übrig, die Chris, der, die Arme um den Leib
geschlungen, an der Küchentheke lehnte, und Alexandra mit einem unergründlichen
Gesichtsausdruck musterte. Ein Gesichtsausdruck, der Alexandra nicht besonders
gefiel, da er nichts Gutes verhieß.
„Also Leute, ich werde dann auch mal gehen. War wirklich ein voller Erfolg,
Alex. Bringst du mich noch zur Tür?“
Alexandra blieb nichts anderes übrig, als ihrer Freundin in den Flur bis zur
Haustür zu folgen.
„Tja…ich wünsch dir noch viel Spaß heute Abend“, sagte Julie augenzwinkernd.
„Nächste Woche spielt `ne Band im ‚Joey’s’, wieso kommt ihr beide nicht auch?“
„Ähm, Julie, es ist nicht….“ Alexandra war durchaus klar, was Julies Zwinkern zu
bedeuten hatte. Sie konnte ihre Freundin nicht in dem Glauben lassen, zwischen
ihr und Chris würde etwas laufen. Doch Julie ließ sie nicht aussprechen.
„Schon gut. Du kannst mich belügen, du kannst Mary Jo belügen und du kannst
vielleicht sogar die kleine Maus da drinnen belügen. Aber schaffst du das auch
bei dir selbst?“ Julie wartete nicht auf eine Antwort, sondern ging zu ihrem
Wagen. Bevor sie einstieg, drehte sie sich noch einmal um.
„Alex, du lebst nur einmal. Darum solltest du jede Chance zum Glücklichsein
nutzen, die sich dir bietet. Auch wenn es Leute gibt, die dich vielleicht dafür
verurteilen würden. Denk drüber nach.“
Alexandra sah den Rücklichtern des sich entfernenden Wagens nach. Julies Worte
gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Log sie sich wirklich selbst an? Sie kannte
Chris seit nicht ganz zwei Monaten, erst war er nur jemand gewesen, der für sie
arbeitete, dann waren sie gute Freunde geworden und Alexandra fühlte sich
inzwischen in gewisser Weise sogar für Chris verantwortlich. Mehr nicht, egal
was Julie auch in ihr Verhalten hineininterpretieren mochte.
Alexandra konnte
keine anderen Gefühle zulassen, und selbst wenn sie es täte, Chris wäre viel zu
jung für sie. Seine kriminelle Vergangenheit spielte bei ihren Überlegungen
keine Rolle, auch wenn ihre Familie sich dann endgültig von ihr lossagen würde.
Alexandras Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln, als sie sich vorstellte,
wie ihr Vater reagieren würde, sollte er Chris jemals kennen lernen. Alle
Auseinandersetzungen, die sie mit ihm wegen ihrer Berufswahl gehabt hatte,
würden daneben wie gemütliche Plauschestündchen wirken.
Alexandra atmete die kühle Nachtluft tief ein. Es wurde Zeit, dass sie zurück
ins Haus ging. Chris würde sich schon fragen, was sie so lange hier draußen
machte. Wahrscheinlich erwartete er, dass noch ein gehöriges Donnerwetter über
ihn hereinbrechen würde wegen seiner Telefonnummernsammlung. Alexandra
schmunzelte, während sie sich auf den Weg in die Küche machte. Sie konnte sich
wohl darauf gefasst machen, in den nächsten Tagen mysteriöse Krankheitsfälle bei
Haustieren behandeln zu dürfen, deren Frauchen ganz zufällig die Besitzerinnen
besagter Telefonnummern waren.
Als sie die Küche
betrat, war Chris gerade dabei, die Zettel in winzige Fetzchen zu zerkleinern.
Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er Alexandra nicht bemerkte, bis sie
neben ihm stand.
„Was tust du da?“ fragte Alexandra. „Hey, tut mir leid, dass ich dich vorhin
beschuldigt habe. Ich hasse nur einfach Typen, die Mädchen für dumm verkaufen
und ausnutzen.“
Chris sah sie von der Seite her an. „Und du hast gedacht, ich wäre so ein Idiot,
nicht wahr?“ Er hatte seine Zerstörungsaktion beendet und schob die Papierfetzen
mit beiden Händen zu einem kleinen Hügel zusammen.
Alexandra konnte lachsfarbene Flecken in dem Haufen erkennen.
„Nein…eigentlich nicht. Ich war nur überrascht und hab wohl ein wenig
übertrieben reagiert….“ Alexandra suchte nach Worten. „Eigentlich hätte es mich
nicht überraschen sollen, du siehst gut aus und hast genügend Bad-Boy-Image,
damit die Mädels nur so auf dich fliegen. Aber das mit dieser Johanna….“
Amüsiert schüttelte sie den Kopf.
„Die wollte mir gar keinen Job anbieten, oder?“ fragte Chris leise.
„Nein, jedenfalls nicht so, wie du dir das anscheinend gedacht hast.“ Prüfend
musterte Alexandra ihren Hausgenossen. Er wirkte bedrückt.
„Was ist los?“ fragte sie sanft.
Es dauerte eine Weile bis Chris antwortete. Er sah sie dabei nicht an.
„Es ist einfach nur…widerlich“, flüsterte er.
„Widerlich?“ Diese Reaktion hatte Alexandra nun wirklich nicht erwartet.
Verlegenheit vielleicht, vor allem, weil er mit der Nase auf die wahren Motive
dieser ‚Dame’ hatte gestoßen werden müssen.
„Ja. Ich bin doch kein…“Chris suchte nach dem passenden Wort und machte eine
hilflose Handbewegung, als ihm nichts einfiel. Dann zog er die Schultern hoch.
„Ich glaub, ich geh jetzt ins Bett“, sagte er. „Den Rest können wir morgen
aufräumen.“
Bevor Alexandra ihn aufhalten konnte, verschwand er durch die Tür. Sie konnte
hören, wie er die Treppe nach oben rannte und dann geräuschvoll seine Zimmertür
hinter sich schloss. Fragend sah sie Charlie an, der es sich auf seinem Teppich
neben dem Küchentisch bequem gemacht hatte.
„Verstehst du das?“
Nach einer
größtenteils schlaflos verbrachten Nacht und einer kalten Dusche, um wenigstens
einigermaßen fit zu werden, stand Alexandra in ihrem Badezimmer und starrte sich
nachdenklich im Spiegel an. Julies Abschiedsworte gestern Abend hatten sie nicht
losgelassen und sie hatte die halbe Nacht damit zugebracht, Gewissenforschung zu
betreiben. Dabei war ihr klar geworden, dass sie durchaus gewisse…romantische
Gefühle für Chris entwickelt hatte. Auch wenn er eigentlich nicht unbedingt ihr
Typ war.
Nachdem sie diese Tatsache endlich vor sich selbst zugegeben hatte, türmte sich
das nächste Problem vor ihr auf. Selbst wenn Chris ihre Gefühle jemals erwidern
sollte, hatte Julie es sich zu einfach gemacht. Alexandra hatte zwar ihrer
Familie getrotzt, als es um ihr Studium gegangen war, doch würde sie auch der
Meinung ihrer Umwelt trotzen können, sollte sich zwischen ihr und Chris
tatsächlich etwas entwickeln?
Ihre Nachbarn hatten Chris anfangs schiefe Blicke zugeworfen, doch mittlerweile
hatten sie sich an ihn gewöhnt. Sollten sie aber mitbekommen, dass sie und Chris
ein Paar geworden waren, dann würden sich die Klatschbasen die Mäuler darüber
zerreißen, allen voran Mrs. Appleby. Alexandra zuckte mit den Schultern. Sie war
schon mit so vielem fertig geworden, also würde sie auch das überstehen.
Vielleicht machte sie sich auch einfach zu viele Gedanken darüber. Chris’
Reaktion gestern Abend, als ihm bewusst geworden war, was Johanna Caterall
tatsächlich von ihm gewollt hatte, hatte doch deutlich gezeigt, was er von einer
wie auch immer gearteten Beziehung mit einer älteren Frau hielt. Wie hatte er
Johannas Ansinnen genannt? Widerlich. Alexandra schluckte, als sie daran dachte.
Sie erinnerte sich an die erste gemeinsame Fahrt, als sie diese CD eingelegt
hatte und wie Chris sich über ihren Musikgeschmack gewundert hatte. Für ihn
zählte sie anscheinend schon zu einer anderen Generation, obwohl sie gerade mal
sechs Jahre trennten.
Mit energischen Bürstenstrichen begann sie, ihre Haare einigermaßen zu bändigen
und band sie zum Schluss zu ihrem üblichen Pferdeschwanz im Nacken zusammen.
Dann ging sie zurück in ihr Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Charlie lag auf
seinem Teppich und beobachtete sie aufmerksam.
„Du hast es gut, weißt du das?“ seufzte Alexandra. „Du brauchst dir keine
Gedanken darüber zu machen, was andere über dich denken könnten. Ich wünschte,
für mich wäre das auch so einfach…“
Charlie winselte.
„Wenn ich mir überlege, dass vor zwei Monaten alles noch so einfach war, mein
einziges Problem war, wie ich das mit dem Umbau möglichst schnell und billig
hinbekomme. Jetzt hab ich mich vielleicht in einen ehemaligen Strafgefangenen
verliebt, der viel jünger ist, mich wahrscheinlich für völlig durchgeknallt
halten würde, wenn er es wüsste und der selber genügend Probleme hat, über die
er aber nicht reden will.“ Alexandra ließ sich aufs Bett fallen. „Wieso muss
immer alles so kompliziert sein?“
Charlie stand auf und stupste ihr Knie mit der Nase an. Alexandra musste lächeln
und strich ihm liebevoll über den struppigen Kopf.
„Wenigstens weiß ich, dass du immer zu mir halten wirst, auch wenn alles andere
schief geht“, sagte sie. Dann gab sie sich einen Ruck und stand auf. „Ich weiß
nicht, wie’s dir geht, aber ich hab Hunger.“
Als Alexandra, gefolgt von Charlie, die Küche betrat, war sie erstaunt, dass das
Chaos des gestrigen Abends bereits komplett beseitigt war. Der Küchentisch war
für eine Person gedeckt und in einer Thermoskanne stand frischer Kaffee bereit.
Chris musste bereits bei Morgengrauen aufgestanden sein, um das alles geschafft
zu haben.
Alexandra ging zum Kühlschrank und holte sich eine Platte mit den Resten des
Buffets von gestern. Anfangs hatte sie gedacht, sie hätte viel zu viel bestellt,
doch gegen später hatte sie eher befürchtet, dass die kalten Platten nicht
reichen würden. Im Laufe des Nachmittags waren mindestens hundertfünfzig Leute
hier gewesen, sie hätte sich nie träumen lassen, dass diese Eröffnung auf so
großes Interesse stoßen würde.
Doch ihre Tante hatte viele Bekannte gehabt, auch jüngeren Alters, die
Alexandras Werdegang immer mit großem Interesse verfolgt hatten. Zählte man dann
noch Mary Jos Kontakte dazu und die Leute, die sowieso aus reiner Neugier und
Interesse gekommen waren, dann war es eigentlich nicht mehr verwunderlich.
Alexandra hatte sich gerade hingesetzt und sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt,
als sich die Tür zum Garten öffnete und Chris eintrat. Er trug wieder sein
übliches Outfit. Nachdem sie ihn gestern in „normalen“ Klamotten gesehen hatte,
wurde ihr bewusst, wie abweisend und ruppig ihn diese Kleidung erscheinen ließ.
„Morgen“, grüßte Chris und streichelte Charlie, der sein Frühstück unterbrochen
hatte und zu ihm getrottet war, über den Rücken.
„Morgen. Du warst ja reichlich früh unterwegs“, sagte Alexandra und musterte ihn
prüfend. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und schien in der vergangenen
Nacht genauso wenig Schlaf wie sie gefunden zu haben.
Chris holte sich eine Tasse und trat zum Tisch.
„Ich konnte nicht mehr schlafen und da dachte ich an das Chaos, das wir hier
zurückgelassen haben. Dann bin ich aufgestanden“, entgegnete er schulterzuckend,
während er sich einen Berg Zucker in seinen Kaffee häufte.
Alexandra beobachtete ihn dabei. Wenn sie soviel süßes Zeug in sich reinstopfen
würde wie Chris, dann würde sie durch keine Tür mehr passen. Doch an ihm schien
einfach nichts hängen zu bleiben, er war noch immer so dürr wie damals, als er
vor ihrer Tür gestanden hatte – besser gesagt, als Charlie ihn in ihrem
Vorgarten niedergestreckt hatte.
„Ist dir das mit dieser Johanna im Kopf herumgegangen?“ fragte sie behutsam.
Sie hatte Chris’ Reaktion noch immer nicht vergessen und war neugierig, was
eigentlich dahinter steckte. Natürlich ohne irgendwelche Hintergedanken, wie sie
sich selbst eilig versicherte.
Chris sah sie überrascht an und senkte dann schnell die Augenlider.
„Irgendwie schon“, gab er zu und fuhr sich durch die Haare, ein Zeichen dafür,
dass er nervös oder verlegen war, wie Alexandra inzwischen herausgefunden hatte.
Dann setzte er sich ebenfalls an den Tisch.
„Ich weiß nicht wie ich es erklären soll…“, begann er zögernd. „Ich fand sie ja
ganz nett, sie hat mich gefragt, was ich hier mache und woher ich dich kenne.
Dann hat sie gemeint, wenn ich Zeit für `nen Nebenjob hätte, dann sollte ich
mich bei ihr melden und mir ihre Karte gegeben. Dass sie so was von mir wollte,
darauf wäre ich nie gekommen.“
Nachdenklich nippte Alexandra an ihrem Kaffee. Ihr war der Ton aufgefallen, in
dem er ‚so was’ gesagt hatte. Fast, als wäre Sex für ihn etwas Schlimmes.
„Weißt du, ich finde es auch nicht richtig, was diese Johanna da abziehen
wollte, aber…du solltest dir da wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen.
Manch einer an deiner Stelle würde nicht zweimal überlegen sondern zugreifen –
sozusagen.“
Chris setzte sich kerzengerade auf. „Was? Einfach so? Ohne das man verliebt
ist?“ sprudelte er hervor. „Das könnte ich nicht.“
Alexandra konnte sich ein bitteres Lächeln nicht verkneifen. Chris war wirklich
ein seltenes Exemplar von Mann, wenn er so dachte. Doch er war auch noch
ziemlich jung und hatte in den vergangenen Jahren keine Möglichkeit gehabt, sich
die Hörner abzustoßen, wie man so schön sagte. Mit der Zeit würde sich seine
Einstellung schon noch ändern.
„Dann hast du tatsächlich noch nie mit einem Mädchen rumgeknutscht oder
geschlafen, das du nicht wirklich geliebt hast?“ Die Frage rutschte ihr heraus,
ohne dass sie darüber nachdachte. „Was hast du denn als Teenie bloß getrieben?“
Interessiert beobachtete Alexandra, wie sich Chris Wangen scharlachrot färbten,
was einen interessanten Kontrast zu seinen schwarzen Haaren und seiner schwarzen
Kleidung bildete. Aha, da war jemand tatsächlich noch Jungfrau.
„Ich hab noch nie …mit einem Mädchen…“
Alexandra musste sich anstrengen, um die geflüsterten Worte zu verstehen. Chris
starrte in seine Kaffeetasse, als wäre der Inhalt das Faszinierendste auf der
Welt. Sein Geständnis war ihm sichtlich peinlich. Alexandra reichte über den
Tisch und ergriff seine Hand.
„Du brauchst dich deshalb nicht zu schämen“, sagte sie sanft. „Immerhin hattest
du eine Weile keine Gelegenheit dazu, Mädchen kennen zu lernen. Und dass du Sex
ohne Liebe schlimm findest, da kann ich dir nur beipflichten. Lass dir von
niemandem einreden, dass es anders ist. Eines Tages wirst du ein Mädchen finden,
das du liebst und dann wird es mit ihr umso schöner sein.“
Alexandra fühlte einen leisen Stich, als sie den letzten Satz aussprach. Ja, ein
Mädchen, das altersmäßig zu ihm passte.
Chris sah sie unsicher an. „Glaubst du wirklich?“ fragte er leise. „Manchmal hab
ich mir schon gedacht, dass mit mir etwas nicht stimmt. Die Typen, mit denen ich
zusammengearbeitet habe, haben sich immer darüber lustig gemacht, wenn ich mich
ihren Aufreiß-Aktionen nicht angeschlossen habe. Denen ging’s immer nur darum,
irgendwelche Bräute flachzulegen. So wollte ich das nie….“
Alexandra schluckte. Wieso hatte sie so jemanden wie Chris nicht früher kennen
lernen können? Vor diesem ganzen Mist mit Kevin und Nick.
„Mit dir ist schon alles in Ordnung“, versicherte sie ihm und lächelte. „Bleib
so wie du bist.“
Sie konnte sehen, wie Chris sich nach ihren Worten sichtlich entspannte. Es war
beinahe, als wäre ihm eine schwere Last von der Seele genommen worden.
„Du bist wirklich großartig.“
Alexandra verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee, als sie Chris ernste Stimme
hörte und den Inhalt seiner Worte erfasste. Eines musste man ihm lassen, auf
Komplimente verstand er sich. Wenn auch nur unbewusst.
„Danke“, keuchte sie und hustete.
„Ich geh dann mal wieder nach draußen, es ist noch einiges zu tun, bis der
Garten wieder in Ordnung ist.“ Verlegen stand Chris auf und sah sie an. „Echt,
Alex, ich mein das ernst. Ich bin wirklich froh, dass ich bei dir gelandet bin.“
Nachdem Chris gegangen war, brauchte Alexandra geschlagene fünf Minuten, um sich
wieder zu sammeln. Wie um alles in der Welt sollte sie es nur schaffen, dem
unschuldigen Charme dieses süßen Babys zu widerstehen?
Die folgende Woche
verlief relativ ruhig. Alexandra behandelte ihre ersten tierischen Patienten und
Chris war damit beschäftigt, ihre kleine Krankenstation fertig zu stellen und
ihr ab und zu zur Hand zu gehen. Er bewies Geschick im Umgang mit Tieren, was
Alexandra allerdings nicht sonderlich überraschte, da Charlie ihn mochte und ihm
sogar besser gehorchte als ihr.
Zu Alexandras Erleichterung übernahm Chris auch die Aufgabe, die Rechnungen für
die Behandlungen auszustellen, da sie mit dem Programm noch immer auf Kriegsfuß
stand. Er erntete zwar manch befremdeten Blick von den Besitzern von Alexandras
Patienten wegen seines unkonventionellen Aussehens, doch sein freundliches Wesen
ließ die Leute schnell darüber hinwegsehen.
Donnerstagabend war Alexandra damit beschäftigt, die sterilisierten Instrumente
wieder in die Schubladen einzuräumen, als das Telefon läutete. Chris war noch
kurz zum Supermarkt gefahren, um einzukaufen. Der Anrufer war Doktor Langton.
Alexandra fiel plötzlich wieder siedend heiß ein, dass das Ergebnis des
HIV-Tests noch ausstand. Sie war die ganze Zeit über so beschäftigt gewesen,
dass sie daran überhaupt nicht mehr gedacht hatte. Obwohl sie überzeugt war,
überzeugt sein wollte, dass Chris gesund war, beschlich sie ein mulmiges Gefühl,
als sie Doktor Langton Stimme hörte.
„Guten Abend, Alexandra. Tut mir leid, dass ich so spät noch störe, aber heute
kam das letzte Ergebnis von Chris’ Blutuntersuchung.“
„Und?“ fragte Alexandra mit schwacher Stimme. Bitte, lieber Gott, lass alles in
Ordnung sein, flehte sie innerlich. Sie war zwar fest davon überzeugt, dass
Chris gesund war, wollte davon überzeugt sein, doch jetzt, wo sie gleich vor
vollendete Tatsachen gestellt werden würde, verfiel sie doch in leichte Panik.
„Nichts. Der Junge ist völlig gesund.“
Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden und setzte sich schnell.
„Sicher?“ vergewisserte sie sich. „Ich meine, es kann nichts falsch gelaufen
sein?“
„Nein, das Ergebnis ist hundertprozentig sicher, Sie brauchen sich keine Sorgen
zu machen, der Junge ist in Ordnung.“
„Gott sei Dank.“
„Hatte er noch mal Probleme? Bauchschmerzen?“ erkundigte sich der Arzt.
Alexandra atmete tief durch. „Nein, nicht das ich wüsste. Wir hatten die
vergangenen beiden Wochen eine Menge zu tun, da war er vermutlich immer
abgelenkt.“
„Tja….Dann ist meine Arbeit hiermit getan. Bitte entschuldigen Sie nochmals,
dass ich mich in Ihre Angelegenheiten eingemischt habe, aber….“
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich bin froh, dass Sie so gehandelt
haben“, unterbrach Alexandra den Arzt. „Es hätte ja auch etwas anderes dabei
herauskommen können. Ich muss mich bei Ihnen bedanken.“
Der Rest des Gesprächs drehte sich um die Eröffnung von Alexandras Praxis, zu
der ihr Doktor Langton gratulierte. Er wäre gern gekommen, doch sein jüngster
Sohn hatte am vergangenen Samstag geheiratet.
Als Alexandra das Gespräch schließlich beendete, atmete sie erst einmal tief
durch, um ihre flatternden Nerven zu beruhigen. Dumme Ziege, schalt sie sich
selbst. Es ist alles in Ordnung, du hast Doktor Langton doch gehört.
Es ließ sich einfach nicht mehr leugnen. Chris Schicksal lag ihr mehr am Herzen
als das eines bloßen Freundes, sonst hätte sie eben nicht so emotional reagiert.
Alexandra ließ den Kopf auf den Tisch fallen und stöhnte auf. „Oh Gott.“
Lautes
Stimmengewirr begrüßte Alexandra, als sie mit Chris im Schlepptau die Bar
betrat, in der Julie arbeitete. Ihre Freundin hatte nicht locker gelassen, bis
Alexandra versprochen hatte, mit Chris am Samstag zu kommen. Heute war außerdem
der letzte Tag ihres Selbstverteidigungskurses gewesen und ein paar der
Teilnehmerinnen hatten davon geredet, sich abends ebenfalls im „Joey’s“ zu
treffen.
Alexandra steuerte die Bar an, an der noch ein paar Stühle frei waren.
„Alex, na endlich, ich dachte schon, du kommst nicht mehr“, begrüßte sie Julie.
„Was wollt ihr trinken?“
„Orangensaft, bitte“, entgegnete Alexandra und sah sich in der Bar um. Auf der
anderen Seite war die Bühne für die Band aufgebaut, davor befand sich eine
kleine Tanzfläche. Das „Joey’s“ war eine gemütliche, etwas größere Kneipe mit
dunklen Wandvertäfelungen, in der am Wochenende manchmal Bands spielten. Obwohl
Julie Alexandra schon des Öfteren eingeladen hatte, zu kommen, hatte sie dieses
Angebot noch nie angenommen. Sie war nun mal nicht auf der Suche nach
Zerstreuung, wie Julie es so schön umschrieb.
Alexandra wandte sich zu Chris, vor den Julie gerade eine Cola hinstellte. Sie
konnte sich gerade noch die Bemerkung verkneifen, dass dieses Gesöff einem nur
die Zähne kaputt machte. Schließlich wollte sie nicht wie seine Mutter klingen.
Es reichte schon, dass sie ihn ständig daran erinnerte, dass Fastfood kein
Essen, sondern eine Krankheit war. Chris liebte Hamburger und Pommes über alles
und trat in Hungerstreik, wenn sie ihm etwas vorsetzte, dessen Farbe auch nur
annähernd einer Grünschattierung entsprach.
„Und, wie findest du es hier?“ fragte sie ihn stattdessen.
Chris zuckte mit den Schultern. Er war wieder, wie üblich, ganz in schwarz
gekleidet. „Ganz nett“, entgegnete er. „Hast du die Mädels aus dem Kurs irgendwo
gesehen?“
Alexandra schüttelte verneinend den Kopf. Es war ihr nicht entgangen, dass Chris
sich bestens mit seiner Partnerin Laura verstanden hatte. Sie hätte sich
vielleicht Gedanken darüber gemacht, wenn Laura nicht letzte Woche von ihrem
neuen Freund abgeholt worden wäre, dem sie Chris sogar vorgestellt hatte.
„Sie werden nachher schon noch auftauchen. Wartest du auf jemanden bestimmtes?“
forschte sie beiläufig.
„Wie…Nein, ich meinte nur….“ Chris biss sich verwirrt auf die Lippe. „Sie sind
alle ganz nett, aber für eine Freundin hab ich im Moment keinen Nerv“, murmelte
er.
Alexandra musste sich anstrengen, um ihn über das Stimmengewirr um sie herum zu
verstehen.
„Na ja, vielleicht wäre es aber nicht schlecht, jemanden zu haben, mit dem du
über alles reden kannst“, sagte sie. Und ich könnte vielleicht meinen
Seelenfrieden wieder finden, dachte sie schweren Herzens.
„Aber dazu habe ich doch dich“, entgegnete Chris und lächelte treuherzig.
Alexandra schluckte. Nein, Kleiner, sieh mich bitte nicht so an, flehte sie
innerlich. Es ist sowieso schon schwer genug.
„Danke“, sagte sie laut. „Aber ein Mensch, mit dem man alles teilen kann, ist
doch noch etwas anderes.“
„Und wieso willst du dann keinen Mann?“
Das hatte gesessen. Alexandra wurde nur durch den Umstand, dass die Band endlich
anfing zu spielen, vor einer Antwort gerettet. Chris hatte in den vergangenen
Monaten mitbekommen, dass Alexandra nicht viel von der Spezies Mann hielt und in
der Regel ziemlich kratzbürstig war, wenn ihr jemand zu nahe kam. Von Kevin und
diesem Idioten Nick wusste er nichts. Alexandra hatte auch nicht vor, ihm davon
zu erzählen. Die Demütigung schmerzte noch immer.
Die Band war überraschend gut, schon nach kurzer Zeit war die Bar brechend voll.
Als jemand ihr von hinten auf die Schulter tippte, drehte sich Alexandra um.
„Hallo, Babe“, grinste Jack ihr ins Gesicht.
„Was machst du denn hier?“ schrie Alexandra, um den Geräuschpegel der Musik zu
übertönen. „Seit wann stehst du auf so was?“
Sie deutete zur Bühne, wo die vier Musiker gerade ihre Version von „It’s my
life“ von Bon Jovi zum Besten gaben. Die Stimme des Sängers und sein Aussehen
passten bestens zu dem Song, wie Alexandra fand.
„Ich bin nicht wegen der Musik hier“, schrie Jack zurück, „sondern aufgrund
einer persönlichen Einladung.“
Alexandra starrte ihn verständnislos an. Was meinte er mit persönlicher
Einladung…? Dann ging ihr ein Licht auf.
„Wer ist denn der Glückliche?“
Jack beugte sich vor, um ihr die Antwort ins Ohr zu ‚flüstern’. „Wie findest du
den Sänger?“
Alexandra fiel die Kinnlade herunter. „Was? Wo hast du den denn kennen gelernt?“
„Vor zwei Wochen im Waschsalon. Wir mussten beide warten und kamen so ins
Gespräch…“
Alexandra konnte nur noch den Kopf schütteln. Jack und ein Rockmusiker.
Ausgerechnet Jack, der eher auf zuckerige Schmusesongs a la Celine Dijon und
Ronald Keating stand. Sie würde was darum geben, bei den beiden mal Mäuschen
spielen zu dürfen - nur bis zu einem gewissen Punkt natürlich, auf DIE
Vorstellung konnte sie dankend verzichten.
„Kann ich dich zu einem Drink einladen?“
Jacks Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Julie stand hinter der Theke und
wedelte mit Alexandras leerem Glas.
„Ja…gibst du mir bitte ein Guinness?“ bat Alexandra ihre Freundin.
Auf den Geschmack war sie bei einem Aufenthalt in Irland gekommen und nach der
Bombe, die Jack hatte gerade platzen lassen, hatte sie das Gefühl, etwas
Stärkeres als die einheimische Babypisse vertragen zu können.
Julie hob die Augenbrauen, servierte ihr aber kurz darauf das Gewünschte. Jack
hatte sich ein Heineken bestellt. Alexandra prostete ihrem Freund zu.
„Na dann, auf gutes Gelingen.“
„Hey, da seid ihr ja, “ quietschte eine aufgeregte Stimme neben Alexandras Ohr.
Es war Laura, Chris’ Trainingspartnerin mit ihren beiden Freundinnen, die
ebenfalls am Kurs teilgenommen hatten.
„Wir sitzen da hinten an einem Tisch mit Marc und Steven und wollten gerade vor
zur Tanzfläche. Kommst du mit?“ fragte die junge Frau Chris, der abwehrend die
Hände hob.
„Sei kein Frosch und erzähl mir jetzt bloß nicht, dass du nicht tanzen kannst,
weil du dir den Fuß verstaucht hast. Heute Nachmittag ging’s dir noch blendend.
Und außerdem hab ich die Ausrede jetzt schon zweimal gehört.“
Laura packte Chris am Arm und zerrte ihn vom Barhocker.
Alexandra prustete los, als sie seinen hilfesuchenden Blick auffing. Sie wedelte
mit den Händen, als wollte sie eine Herde Gänse von sich wegscheuchen.
„Amüsiert euch schön“, rief sie, um die Musik zu übertönen und konnte sich ein
Kichern nicht verkneifen, als Laura und ihre Freundinnen einen widerstrebenden
Chris mit zur Tanzfläche zogen.
„Du bist eine Sadistin“, sagte Jack. „Überlässt den armen Jungen den Wölfen.“
Alexandra seufzte und nahm einen tiefen Schluck von ihrem Bier. Tat das jetzt
gut. Sie trank recht selten Alkohol, doch heute und besonders in diesem Moment
hatte sie das Bedürfnis danach. Nicht nur wegen Jack und seinem neuen Lover,
sondern weil sie das Gefühl hatte, sie hätte gerade eine Tür zugeschlagen und
den Schlüssel dazu weggeworfen.
Das jüngste der Mädchen, die Chris gerade so galant entführt hatten, war etwa in
seinem Alter und hatte ihm während der Trainingsstunden immer verstohlene Blicke
zugeworfen. Chris hatte das zwar nicht gemerkt und sie behandelt wie alle
anderen, doch Alexandra war ihr Verhalten aufgefallen. Vielleicht war es am
Besten so.
Das Mädchen würde alles daran setzen, Chris zu erobern. Wenn er erst einmal in
festen Händen war, dann konnte sie sich keinen „Was-wäre-wenn“-Phantasien mehr
hingeben, dachte Alexandra tapfer. Aber wieso tat der Gedanke daran, Chris mit
einer anderen Frau zu sehen, dann so unheimlich weh?
Als die Band Pause machte, kam der Sänger an die Bar, um Jack zu begrüßen.
Alexandra musterte die beiden neugierig. Für einen unbeteiligten Beobachter
erschien ihr Verhalten wie das zweier guter Freunde. Wenn man allerdings genauer
hinsah, dann standen sie dafür etwas zu nahe beieinander und lächelten einander
zu strahlend an.
Jack stellte Alexandra schließlich seinen neuen Freund vor. Er hieß Ian
Mackenzie und wohnte nur drei Straßen entfernt von Jack. Im richtigen Leben
arbeitete er noch in einer Autowerkstatt, von der Musik alleine konnte er nicht
leben, wie er zugab. Doch er und seine Band waren dabei, sich um einen
Plattenvertrag zu bemühen.
Im Großen und Ganzen war Ian Alexandra sympathisch und schien mit beiden Beinen
auf dem Boden zu stehen. Sie hatte schon befürchtet, er wäre so ein
durchgeknallter Freak ohne Bezug zur Realität. So etwas hätte nun wirklich nicht
zu Jack gepasst.
Nach einer Viertelstunde verabschiedete sich der Sänger wieder, da die Pause
vorbei war und hinterließ einen verträumt dreinschauenden Jack Sanders.
Alexandra stieß ihren Freund mit dem Ellbogen in die Rippen.
„Nun krieg dich wieder ein“, sagte sie. „Er kommt ja nachher wieder.“
„Hm?“ Jack sah sie verwirrt an. Großartig, da hatte sie ihn wohl aus einem
wundervollen Tagtraum aufgeschreckt.
„Erde an Jack. Noch drei Stunden und er gehört ganz allein dir, “ neckte
Alexandra.
Dann sah sie sich suchend um. Chris stand drüben am Tisch der drei jungen Frauen
und unterhielt sich mit den beiden jungen Männern, die dort saßen. Als die Musik
einsetzte, wurde er jedoch gepackt und wieder nach vorne auf die Tanzfläche
gezerrt. Alexandra konnte seinen halb lachenden, halb empörten Aufschrei hören.
„Bringen Sie mir bitte noch ein Guinness?“ sagte sie zu dem Barmann, der Julie
kurzzeitig vertrat.
Sie merkte zwar, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg, aber das war ihr völlig
egal. Als das volle Glas vor ihr stand, nahm sie einen tiefen Schluck um das
dumpfe Gefühl, das sich in ihrem Herzen breit machte, zu betäuben.
„Was hältst du von ihm?“ hörte sie Jack fragen.
Alexandra überlegte einen Moment lang verwirrt, wovon ihr Freund redete, bis ihr
wieder einfiel, dass sie soeben seinen Lover kennen gelernt hatte.
„Er scheint nett zu sein“, antwortete sie geistesabwesend.
„Alex, du untertreibst!“ Jack richtete sich empört auf und hielt ihr einen
längeren Vortrag über die Vorzüge des Sängers, dem Alexandra nur mit halbem Ohr
lauschte.
Als die Band die nächste Pause machte, verabschiedete sich Alexandra kurz, um
auf die Toilette zu gehen. Auf dem Weg dorthin merkte sie, dass das dritte Bier,
das sie sich genehmigt hatte, doch etwas zuviel gewesen war. Sie musste sich an
der Wand abstützen, um nicht ins Taumeln zu geraten. Verflixt, wieso bewegte
sich auf einmal der Boden?
Mit Mühe und Not schaffte sie es zur Toilette und wieder zurück in die Bar.
Jemand packte sie am Arm, als sie zu ihrem Platz an der Theke gehen wollte.
„Hey Süße, hab dich noch nie hier gesehen. Neu in der Gegend?“
Alexandra beschwor alle Kräfte des Himmels und der Hölle, den Raum zu
stabilisieren, damit er nicht mehr so schwankte. Dann drehte sie sich langsam zu
dem Sprecher um, der sie noch immer festhielt.
„Lass mich los, du Rhinozeros“, sagte sie kalt und starrte den dunkelhaarigen
Typen mit zu Schlitzen verengten Augen an.
„Komm schon Kleine, sei nicht so biestig“, lachte der Kerl. „Wir sind alle hier,
um uns zu amüsieren.“ Die drei Männer, die neben ihm standen, begannen ebenfalls
zu lachen.
Alexandra sah rot. Amüsieren wollten sie sich? Konnten sie haben. Trotz ihres
betrunkenen Zustandes packte sie den Kerl, der sie festhielt, mit
schlafwandlerischer Sicherheit und warf ihn mit einem Schleudergriff zu Boden.
Die Umstehenden schrieen überrascht auf und wichen zurück. Alexandra trat schwer
atmend einen Schritt nach hinten und warf ihre Haare, die sie heute Abend offen
trug, über die Schulter.
„Welchen Teil von dem Satz „Lass mich los“ hast du nicht verstanden?“ fauchte
sie.
Der Kerl rappelte sich langsam hoch. „Schätzchen, du tickst doch wohl nicht mehr
ganz richtig“, raunzte er und machte Anstalten, auf Alexandra zuzugehen.
Es vertrug sich anscheinend nicht mit seiner Mannesehre, vor seinen Kumpanen von
einer Frau niedergestreckt zu werden, die einen Kopf kleiner und mindestens
dreißig Kilo leichter war als er.
Alexandra duckte sich leicht und nahm eine Abwehrhaltung ein. Wenn der Mistkerl
es wagen sollte, sie noch mal anzugrabschen, dann konnte er etwas erleben.
Betrunken oder nicht, mit diesem Riesenbaby konnte sie es jederzeit aufnehmen.
Dann stand plötzlich Julie zwischen ihr und Mr. Riesenbaby und sie fühlte, wie
sie jemand von hinten um die Taille packte. Vollgepumpt mit Adrenalin wollte sie
demjenigen gerade zeigen, dass man sie besser nicht ohne Erlaubnis anfasste, als
sie eine bekannte Stimme an ihrem Ohr hörte.
„Alex, lass den Quatsch. Du kannst doch hier nicht einfach irgendwelche Leute
verprügeln!“
Chris. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde wich die Anspannung aus ihrem
Körper und sie genoss es, sich an ihn zu lehnen. Julie und der Barkeeper, ein
wahrer Bär von Mann, bugsierten inzwischen die vier Trolle aus der Bar.
„Alex? Was war denn hier los?“ Jack stand vor ihr und sah sie entgeistert an.
Alexandra richtete sich auf, musste sich aber dann an Chris, der neben sie
getreten war, festhalten.
„Der Typ hat mich – hicks – belästigt, “ erklärte sie würdevoll und leicht
schwankend.
„Du bist ja betrunken. Sturzbetrunken! “ Jacks fassungsloser Gesichtsausdruck
brachte Alexandra zum Kichern.
„Nur ein bis…bisschen. So ein viel bisschen.“ Alexandra zeigte mit Daumen und
Zeigefinger etwa einen Zentimeter an.
„Ein ziemliches viel bisschen, “ sagte Jack und wandte sich zu Chris, der
Alexandra am Ellbogen festhielt und sie fasziniert beobachtete. „Du bringst sie
besser nach Hause. Soll ich mitkommen?“
„Ich…ich glaub, ich schaff das schon“, erklärte Chris.
Jack war nicht so ganz überzeugt davon. „Du hast meine Handynummer. Wenn du
Hilfe brauchst, dann ruf mich an.“
Er begleitete Chris und Alexandra, die sich nach anfänglichen Protesten, dass
sie eigentlich noch bleiben wollte, willig hinausführen ließ, zu Alexandras
Wagen auf dem Parkplatz.
Dort gab es dann allerdings ein Problem.
„Ich fahre“, verkündete Alexandra fröhlich und ließ die Autoschlüssel um ihren
Zeigefinger rotieren.
Sie fühlte sich großartig, die frische Luft hatte wahre Wunder getan.
Chris war Jack einen hilflosen Blick zu, der ebenso hilflos mit den Schultern
zuckte. In ihrem Zustand war Alexandra unberechenbar, wie um alles in der Welt
sollten sie ihr die Schlüssel abnehmen und sie am Fahren hindern? Es blieb ihnen
nur der Weg der Diplomatie.
„Alex, ich glaub, das ist keine gute Idee…“ begann Chris vorsichtig.
„Wieso nicht?“ Schwankend drehte sich Alexandra zu ihm um.
„Weil du ein bisschen zu viel getrunken hast und weil du lieber nicht fahren
solltest. Bitte gib mir die Schlüssel, “ sagte der junge Mann und streckte die
flache Hand aus.
Alexandra studierte seine Handfläche eine paar Sekunden lang im Schein der
Straßenlaterne, unter der ihr Pickup geparkt war. Dann sah sie Chris mit leicht
geneigtem Kopf an.
„Könntest du vielleicht mal stillstehen?“ beschwerte sie sich. „Von deinem
Gewackel wird man ja seekrank.“
Chris lies sich nicht irritieren. „Die Schlüssel, Alex“, erinnerte er sie sanft
aber bestimmt.
Alexandra überlegte einige Sekunden. Dann betrachtete sie den Schlüsselring, der
noch immer an ihrem Zeigefinger hing. Chris begann schon zu hoffen, dass sie
endlich vernünftig wurde, als sie mit einer schnellen Bewegung die Schlüssel in
den Ausschnitt ihres T-Shirts steckte.
„Alex!“ rief Jack empört. „Jetzt wirst du wirklich kindisch! Gib jetzt sofort
die Schlüssel her!“
„Holt sie euch doch“, entgegnete Alexandra und lehnte sich grinsend gegen ihren
Wagen.
Jack raufte sich die Haare. „Ich glaub das einfach nicht. Jahrelang trinkt die
Frau keinen Alkohol und ausgerechnet heute gibt sie sich die Kanne.“ Er sah zum
Himmel, als würde dort auf geheimnisvolle Weise die Antwort auf seine Frage
erscheinen. „Wieso ich?“
Chris betrachtete Alexandra mit verschränkten Armen. „Was machen wir jetzt?“
fragte er Jack.
„Ich hole meinen Wagen und bring euch nach Hause“, entgegnete Jack
zähneknirschend. „Außer du bist so lebensmüde und willst ihr die Schlüssel immer
noch abnehmen.“
Durch den Alkoholnebel in ihrem Gehirn nahm Alexandra wahr, wie Chris vor sie
hintrat und sie forschend musterte.
„Pass bloß auf“, warnte Jack im Hintergrund.
Dann fühlte sie wie eine warme Hand über ihren Bauch strich und nach den
Schlüsseln tastete. Alexandra blieb stocksteif stehen und sah Chris in die
Augen, während er ihr das T-Shirt aus der Hose zog und nach oben schob. Mit
einem schrillen Klappern fielen die Schlüssel heraus und in Chris’ Hand.
Chris trat einen Schritt zurück. „Fahren wir jetzt?“ fragte er. Seine Stimme
klang merkwürdig belegt.
Alex lag schon auf der Zunge, dass sie mit ihm überall hin fahren würde, als
Jack, der die Lage nun als sicher für Leib und Leben einschätzte, zu ihnen trat
und Chris anerkennend auf die Schulter klopfte.
„Respekt, Junge. Du bist mutiger als ich. Soll ich nicht doch lieber mitkommen?“
Alex richtete sich indigniert auf und piekste ihren bebrillten Freund mit dem
Zeigefinger in die Brust. „Bah, du Feigling! Kümmere du dich lieber um dein
Schätzchen, er wird dich wahrscheinlich schon vermissen, “ schnaubte sie.
Dann drehte sie sich um und versuchte die Beifahrertür, an der sie gelehnt
hatte, zu öffnen.
„Scheiße, wieso geht das Ding nich auf“, murmelte sie. „Hey Jungs, da hat jemand
mein Auto zugeklebt.“
Chris startete den
Wagen und warf Alexandra einen Blick von der Seite her zu. Es war ein schönes
Stück Arbeit gewesen sie auf den Beifahrersitz zu bugsieren und sie dazu zu
bringen, den Sicherheitsgurt anzuschnallen. Er war fast versucht gewesen, Jacks
Angebot, ihnen nachzufahren, anzunehmen. Wie sollte er Alex nur nachher wieder
aus dem Wagen raus und ins Haus bringen wenn sie sich weiterhin so benahm?
Seine Gedanken blieben bei Jack Sanders hängen und bei dem, was Alexandra vorhin
gesagt hatte. So, wie es sich angehört hatte, war sein Bewährungshelfer also
schwul. Chris war sich nicht sicher, was er darüber er denken sollte.
Im ersten Moment war ein Gefühl von Abscheu in ihm aufgestiegen das fast an Hass
grenzte. Doch dann hatte er sich gesagt, dass Jack Sanders nie auch nur das
leiseste Interesse sexueller Art an ihm gezeigt hatte. Ohne Alexandras Bemerkung
wäre er niemals auf die Idee gekommen, dass sein Bewährungshelfer homosexuell
war.
„Wieso fährst du nich los?“ nuschelte Alexandra. „Ich glaub nich, dass unser
Haus zu uns kommt.“
Sie hatte den Kopf an die Scheibe der Beifahrertür gelehnt und sah zu ihm
herüber.
Chris gab sich einen Ruck und schob den Ganghebel auf ‚Drive’. Jack war im
Moment sein geringstes Problem. Viel größeres Kopfzerbrechen bereitete ihm die
Frage, was er mit Alexandra anfangen sollte, wenn sie zu Hause ankamen und sie
wieder beschloss, schwierig zu werden.
Die Fahrt dauerte gerade mal eine Viertelstunde, während der Alexandra
schweigend aus dem Fenster der Beifahrertür sah. Chris fragte sich, was in ihr
vorgehen mochte. Er hätte sich nie träumen lassen, sie jemals in einem
derartigen Zustand zu erleben.
Schließlich bog Chris in die Garageneinfahrt vor Alexandras Haus ein und stellte
den Motor ab.
„Wir sind da“, verkündete er überflüssigerweise. Alexandra reagierte nicht.
„Alex? Ist alles in Ordnung? Oder ist dir schlecht?“
„Hm?“ Endlich drehte sich Alexandra zu ihm herum. Es war zwar dunkel, aber
dennoch konnte Chris ihre weit geöffneten Augen sehen.
„Gehen wir rein?“ fragte er geduldig.
Als Alexandra nickte, stieg er aus und ging um den Wagen herum, um die
Beifahrertür zu öffnen. Alexandra stieg aus und wäre umgefallen, wenn Chris sie
nicht festgehalten hätte.
„Hey, soll ich dich lieber tragen?“
„Nein, ich…ich kann selber laufen….glaube ich jedenfalls…, “ entgegnete die
junge Frau und klammerte sich an ihn. „Irgendwie dreht sich alles…“
Chris musste lachen. „Also das Zeug, das du dir heute rein gezogen hast, muss
ich auch mal probieren. Ist ja abartig.“
Eigentlich war es ganz angenehm, Alexandra so im Arm zu halten. Sie war warm und
weich und dennoch voller Spannkraft und Energie. Ein Gefühl, an das man sich
gewöhnen könnte. Chris wurde schlagartig wieder ernst. Was dachte er da bloß für
einen Unsinn? Alexandra war nichts für ihn.
„Komm jetzt, Charlie wartet bestimmt schon auf uns“, sagte er und schloss die
Wagentür, während er mit einem Arm um Alexandras Taille fasste.
Dann half er ihr ins Haus, wo sie von einem freudig winselnden Mischlingshund
begrüßt wurden.
„Aus, Charlie, “ befahl Chris. „Frauchen geht’s nicht so besonders.“
Charlie wuffte ihn an, schien aber zu verstehen, dass seine Herrin nicht in
Stimmung für eine ausgedehnte Begrüßungszeremonie war.
Chris sah erst die Treppe und dann Alexandra an.
„Kommst du da hoch?“
„Muss ich wohl…irgendwie….“
Alexandra legte ihren Arm um Chris’ Nacken und mit Hängen und Würgen schaffte
Chris es, sie die Treppe hinauf zu bekommen. Inzwischen redete Alexandra zwar
wieder halbwegs normal, doch ihre motorischen Fähigkeiten ließen Einiges zu
wünschen übrig.
Chris öffnete die Tür zu Alexandras Zimmer und half ihr hinüber zum Bett. Dann
knipste er die Nachttischlampe an und sah auf sie hinunter.
„Soll ich dir noch mit irgendwas helfen?“ fragte er und biss sich auf die Lippe.
Hoffentlich wollte sie jetzt nicht, dass er ihr beim Ausziehen half. In ihrem
derzeitigen Zustand war ihr alles zuzutrauen. Obwohl…der Gedanke hatte schon
etwas. Chris war jung und auch wenn er Mädchen gegenüber zurückhaltend war hieß
das noch lange nicht, dass er ihnen gegenüber immun war.
Alexandra begann, sich aus ihrer Jacke zu schälen.
„Gott, wieso ist das Ding bloß so eng“, stöhnte sie.
Gleichzeitig versuchte sie, sich die Schuhe abzustreifen.
Chris konnte ihrem Gestrampel nicht länger zusehen und kniete sich hin, um ihr
dabei zu helfen.
„Danke“, flüsterte Alexandra. Chris sah hoch. Sie hatte einen merkwürdigen
Ausdruck in den Augen. Dann hob sie die Hand und strich ihm leicht über die
Wange.
„Du bist wirklich süß, weißt du dass?“ Alexandras Stimme klang rau. „Ich
wünschte nur….“
Chris kam nicht dazu, herumzurätseln, was sie sich wünschte, denn im nächsten
Moment beugte sich Alexandra vor und küsste ihn sanft auf den Mund.
Chris war zu geschockt, um zu reagieren. Er konnte Alexandra nur anstarren, die
ihn wehmütig anlächelte. Ihre Augen glänzten verräterisch.
„Wieso…?“ würgte er hervor.
„Weil du so bist, wie du bist“, entgegnete Alexandra und strich ihm noch einmal
sanft über die Wange. „Ich glaub…ich glaub, ich hab mich in dich verliebt,
darum.“
Chris schluckte. Das konnte sie nicht ernst meinen, es war einfach unmöglich. Er
war nichts weiter als ein Ex-Sträfling, ein….
„Alex, ich….“
Alexandra legte ihm den Zeigefinger auf den Mund. „Ssschhh! Du musst dazu nichts
sagen. Ich weiß, dass du auf diese Art nichts für mich empfindest und du musst
dich dafür nicht rechtfertigen. Ich kann aber auch nichts für meine Gefühle.“
Sie gähnte. „Gott, bin ich müde. Ich glaub, ich schlaf jetzt gleich ein.“ Damit
ließ sie sich auf das Bett zurückfallen und schloss die Augen.
Es dauerte etwa eine Minute, bis Chris aus der Erstarrung erwachte, in die
Alexandras Geständnis ihn versetzt hatte. Die junge Frau lag auf dem Bett, das
Gesicht ihm zugewandt, und den tiefen, regelmäßigen Atemzügen nach zu urteilen
war sie eingeschlafen.
Chris atmete ein paar Mal tief durch, um seinen rasenden Puls wieder unter
Kontrolle zu bekommen. Hatte sie ihm wirklich gerade eine Liebeserklärung
gemacht und war gleich darauf eingeschlafen? Ungläubig schüttelte er den Kopf.
Das konnte doch alles gar nicht wahr sein.
Plötzlich hatte er das Gefühl, hier raus zu müssen, um das Chaos in seinem Kopf
wieder zu ordnen. Er stand auf und sah auf die junge Frau hinunter, die seinen
mühsam erkämpften und trügerischen inneren Frieden in solchen Aufruhr versetzt
hatte.
Ihre blonden Locken, die sie normalerweise zu einem strengen Pferdeschwanz
gebändigt trug, umspielten locker ihr Gesicht, während sich ihre Brust
regelmäßig hob und senkte. Chris griff nach der Decke, die am Fußende des Bettes
lag und breitete sie über Alexandra. Dann drehte er sich um und verließ den
Raum.
Vor seiner Zimmertür blieb er unschlüssig stehen. Nein, er konnte jetzt nicht
ins Bett gehen. Er musste nachdenken, sich überlegen, was er jetzt tun sollte.
Das konnte er hier nicht tun, nicht mit der Ursache seiner Verwirrung nur durch
eine dünne Wand von ihm getrennt.
Hastig verließ Chris das Haus. Es war kurz vor Mitternacht, der Himmel war
bewölkt und es begann leicht zu nieseln. Ziellos lief der junge Mann durch die
Straßen.
Alexandras Worte hatten ihm etwas bewusst gemacht was er sich selbst bisher
nicht hatte eingestehen können. Er mochte sie nicht nur, nein, auch er hatte
sich rettungslos verliebt. Chris hatte nicht geglaubt, dass er dazu überhaupt
noch fähig wäre, nicht nach allem, was passiert war.
Das Viertel, in dem sich Alexandras Haus befand, lag auf einem der Hügel, die
San Francisco umgaben. Chris erreichte einen kleinen Platz, der mit einer
Steinmauer umrandet war und von dem aus man die ganze Stadt überblicken konnte.
Es hatte aufgehört zu regnen und er setzte sich auf die Mauer.
Der Schein der Straßenlampen wurde von den umliegenden Bäumen verschluckt. Unter
ihm lag die hell erleuchtete Stadt mit ihrem funkelnden Lichtermeer. Weiter
hinten waren gegen den dunklen Horizont die Umrisse der Golden Gate Bridge zu
erkennen.
Chris kam unwillkürlich der Gedanke, wie passend die Situation doch war. Er saß
hier, umgeben von der Dunkelheit und dort unten, zum Greifen nah und doch so
unerreichbar fern, waren die einladenden Lichter der Stadt.
Alexandra war für ihn das Licht. Chris lächelte bitter über diesen pathetischen
Vergleich. Sie hatte ihm eine Chance gegeben sich zu bewähren, ein Zuhause und
ihre Freundschaft. Und nun schenkte sie ihm auch noch ihre Liebe. Eine Liebe,
derer er nicht wert war.
Chris fragte sich, wie er Alexandra am Morgen gegenübertreten sollte. Wenn er
viel Glück hatte, würde sie sich vielleicht gar nicht an ihr Geständnis
erinnern, so betrunken, wie sie heute Abend gewesen war. Doch darauf konnte er
nicht hoffen, sein Glück hatte ihn schon so oft im Stich gelassen, wieso sollte
es diesmal anders sein?
Dass er ihr sagen konnte, dass er ihre Gefühle erwiderte, das stand außer Frage.
Sie verdiente etwas Besseres. Und außerdem hatte er viel zu viel Angst davor,
dass sich ihre Liebe in Abscheu verwandeln könnte, wenn sie jemals erfahren
würde, was er getan hatte. Das würde ihn umbringen. Lieber begrub er seine
Gefühle tief in seinem Innersten und war zufrieden damit, dass sie Freunde
waren.
Chris sah zum Himmel hinauf. Die Wolken hatten sich etwas verzogen und die
Sterne blinkten hervor, ein blasses Spiegelbild der funkelnden Lichter der Stadt
unter ihnen.
Wieso war das Leben nur so kompliziert?
Chris saß am
Küchentisch, seine Schulsachen vor sich ausgebreitet, und versuchte seit genau
einer Stunde, sich auf den vor ihm liegenden Text zu konzentrieren. Er war noch
immer beim ersten Absatz, den er zwar gelesen hatte, doch wenn ihn jemand
gefragt hätte, dann hätte er nicht sagen können, ob es sich darin um das
Kopulationsverhalten afrikanischer Blattschneiderameisen oder um die Rolle der
USA im zweiten Weltkrieg ging. So viel zum Thema Ablenkung.
Chris raufte sich mit beiden Händen die Haare. Er bekam die gestrige Nacht
einfach nicht aus seinem Kopf. Bis vier Uhr morgens hatte er dort auf dieser
Mauer gesessen und über sein Leben nachgedacht. Was alles schief gelaufen war.
Hatte mit dem Schicksal gehadert und sich in hundert verschiedenen Versionen die
Frage „Was wäre wenn…?“ gestellt.
Aber eine Lösung für sein Problem hatte er nicht gefunden.
Chris sah zu Charlie hinunter, der neben seinem Stuhl auf dem Boden lag. Der
Hund war vor gut zwei Stunden heruntergekommen und hatte ihn hungrig
angewinselt. Chris hatte befürchtet, dass Alexandra ihm jeden Moment folgen
würde und festgestellt, dass er eigentlich nicht bereit war, ihr
gegenüberzutreten.
Doch die Minuten waren verstrichen und es hatte sich nichts gerührt.
Mittlerweile war es nach elf und noch immer keine Spur von ihr. Chris hatte
seine Schulbücher aufgeschlagen, in der Hoffnung, sich damit auf andere Gedanken
zu bringen. Er kam ziemlich gut voran und hoffte, sich im nächsten Frühjahr zur
Prüfung anmelden zu können.
Charlie hob den Kopf und spitzte die Ohren. Chris spürte, wie sich sein Magen
zusammenzog. War Alex endlich aufgewacht? Würde sie sich an gestern Nacht
erinnern?
Im nächsten Moment läutete es an der Tür. Charlie sprang auf und rannte mit
einem Bellen in den Flur. Chris folgte ihm und packte ihn am Halsband, um ihn
davon abzuhalten, den Besucher anzuspringen. Vermutlich war es Jack, der wissen
wollte, wie der Rest des gestrigen Abends verlaufen war.
Es war jedoch nicht Jack.
„Hallo Alex, ich bin gerade…“ Mary Jo Andersons Stimme erstarb, als sie Chris
mit offenem Mund entgeistert anstarrte. „Was machst du denn am Sonntag hier?“
„Ich wohne hier“, schoss Chris zurück. Dieses nervige Weib hatte ihm heute
gerade noch gefehlt.
Mary Jo zog eine elegant gezupfte Augenbraue nach oben. „Du wohnst hier? Seit
wann denn das?“
Chris fiel plötzlich siedendheiß ein, dass Alex ihrer Freundin aus reinem
Selbstschutz vermutlich gar nichts von ihrem Arrangement gesagt hatte. Er selbst
hatte zwar deren Mann davon erzählt, aber diese Neuigkeit schien dennoch nicht
zu Mary Jo vorgedrungen zu sein. Chris hätte sich selbst für seine große Klappe
eine Ohrfeige verpassen können.
„Eine ganze Weile schon“, antwortete er ausweichend. „War für uns beide
praktischer und vor allem billiger.“
„Aha“, sagte Mary Jo nur. „Ist Alex zu Hause? Ich wollte nur kurz mit ihr
reden.“
Damit drängte sie sich an ihm vorbei in den Flur. Chris blieb nichts anderes
übrig, als ihr Platz zu machen.
„Alex schläft noch“, informierte er die junge Frau.
„Alex? Seit wann ist sie eine solche Langschläferin?“ wunderte sich Mary Jo in
ätzendem Tonfall.
Chris hatte bisher immer versucht, Mary Jos Spitzen zu ignorieren, doch langsam
wurde es ihm doch etwas zu bunt. Was dachte diese Frau eigentlich, wer sie war?
Alexandras Vormund?
Chris vergaß alle Höflichkeitsregeln und öffnete den Mund zu einer scharfen
Antwort, als ein Wagen vor dem Grundstück hielt und sein Bewährungshelfer
ausstieg. Jack sah ihn in der offenen Tür stehen und winkte ihm grüßend zu,
während er durch den Garten auf das Haus zuging.
„Na, den gestrigen Abend noch gut überstanden?“ rief der Mann gutgelaunt. „Ich
wollte mal sehen, wie es Alex nach ihrer Sauforgie geht“, fügte er hinzu, als er
die Treppe zur Veranda hinaufstieg. „Übrigens, ich hab gestern ganz vergessen,
dir zu sagen, dass ich deinen Termin von Dienstag auf Donnerstag verlegen
musste, gleiche Uhrzeit. Ich bin ab morgen für zwei Tage auf einem Seminar.“
Chris stöhnte bei Jacks Worten innerlich auf. Wie sagte man doch so schön? Und
die Scheiße traf auf den Ventilator…. Hinter sich hörte er Mary Jo nach Luft
schnappen.
Jack musste das Geräusch wohl auch gehört haben, denn er beugte sich leicht zur
Seite, um an Chris vorbei zu schauen. Sein Gesicht nahm einen leicht entsetzten
Ausdruck an.
„Oh…Hallo, Mary Jo“, stammelte Jack. “Schön, dich zu sehen.”
“Ach ja? Das bezweifle ich“, entgegnete die junge Frau mit starrer Miene. „Gibt
es sonst noch etwas, das ich nicht weiß - oder nicht wissen darf? Ihr seid
gerade so schön dabei, die Karten auf den Tisch zu legen, da wollen wir doch
nichts auslassen, nicht wahr?“
Chris sah Jack an, der ihm seinerseits einen entschuldigenden Blick zuwarf. Da
hatten sie sich eine richtig schöne tiefe Grube geschaufelt. Das Schlimmste
daran war, das Alexandra das meiste von Mary Jos Zorn abbekommen würde und bis
jetzt noch nicht einmal ahnte, was für ein Unheil sich da über ihrem Kopf
zusammenbraute.
Jack ergriff schließlich das Wort. „Ähm, hör mal Mary Jo, ich bin sicher, Alex
hat das nicht mit Absicht getan. Du bist doch ihre beste Freundin.“
Er nahm die junge Frau am Arm und führte sie in die Küche, wo er sie auf einen
Stuhl drückte. „Sie hatte in den letzten Wochen einfach zu viel um die Ohren und
hat bestimmt einfach nicht daran gedacht, dir etwas davon zu erzählen.“
Chris lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen und beobachtete, wie Jack
versuchte, Mary Jo zu beruhigen. Sie schien mehr darüber aufgebracht zu sein,
dass Alexandra ihr so viel verschwiegen hatte, als darüber, WAS sie ihr nicht
erzählt hatte. Vielleicht würde es ja gar nicht so schlimm werden, tröstete er
sich gerade, als er Mary Jos Blick auf sich gerichtet sah.
„Du warst also tatsächlich im Gefängnis?“ fragte sie ihn ganz sachlich. „Darf
ich fragen, warum?“
Chris schluckte und richtete sich auf. Es war wohl besser, reinen Tisch zu
machen.
„Ich…ich hab mit ein paar Kumpels in einer Tankstelle was geklaut. Es war eine
Mutprobe“, fügte er hastig hinzu. „Wir wollten endlich auch einer Gang
angehören. Einer von der Gang war dabei, als Aufpasser. Der Kerl hinter dem
Tresen hat uns erwischt, als wir ein paar Dosen Bier eingesteckt haben und
wollte die Polizei rufen. Da hat der Typ aus der Gang eine Pistole gezogen und
auf ihn geschossen.“
Chris biss sich auf die Lippe und sah zu Boden.
Jack räusperte sich. „Du hast vergessen, zu erwähnen, dass du bei dem Opfer
geblieben bist und den Notarzt gerufen hast“, sagte er. „Sonst wäre der Mann
gestorben.“
„Ja….“ Chris lächelte bitter. „Aber dann haben sie mich trotzdem für fünf Jahre
ins Gefängnis geschickt, weil ich meine Freunde nicht verraten habe. Hätte ich
den Typ, der geschossen hat, verpfiffen, dann hätte sich seine Gang vielleicht
an meinem Dad gerächt. Das konnte ich nicht riskieren.“
Chris blinzelte, um die Tränen zu unterdrücken, die ihm bei der Erwähnung seines
Vaters hochzukommen drohten. Darum entging ihm, dass Mary Jo aufgestanden war
und zu ihm trat.
„Wie alt warst du, als du ins Gefängnis gekommen bist?“ fragte sie.
„Siebzehn. Dreieinhalb Jahre musste ich absitzen, bevor ich auf Bewährung raus
durfte. Wenn sich Mister Sanders nicht solche Mühe mit mir gegeben hätte,
dann….“
Chris zuckte mit den Schultern. Ihm war klar, dass er es nur dem
unerschütterlichen Optimismus seines Bewährungshelfers zu verdanken hatte, dass
er nicht wieder nach San Quentin geschickt worden war. Obwohl, zurück gegangen
wäre er auf keinen Fall, eher hätte er sich umgebracht.
Er sah auf, als er eine sanfte Berührung ans seinem Arm spürte. Mary Jo sah ihn
mit ihren großen, blauen Augen mitfühlend an.
„Chris, ich…es tut mir leid, dass ich so ein Biest war“, sagte sie leise. „Du
hast mich immer höflich behandelt und ich war die ganze Zeit so widerlich zu
dir, nur weil du…“ sie suchte nach den richtigen Worten, „ nur weil du nicht wie
der nette Junge von nebenan aussiehst. Es tut mir aufrichtig leid. Können wir
nicht von vorn anfangen?“
Chris war, als hätte ihm jemand einen Sack mit Ziegelsteinen an den Kopf
geworfen. Mary Jo Anderson hatte sich entschuldigt? Bei ihm? Für ihr Benehmen?
Er musste in eine bizarre Parallelwelt versetzt worden sein. Etwas von seinen
Gedanken hatte sich wohl in seinem Gesicht widergespiegelt, denn Mary Jo seufzte
tief auf.
„Ich kann dir wohl keinen Vorwurf machen, wenn du mir nicht glaubst.“
„Nein, ich… es ist nur etwas überraschend…“ beeilte Chris sich ihr zu
versichern. „Trotzdem, ich würde gern Ihren Vorschlag annehmen und einfach
vergessen, was war.“
Wie hatte Alexandra doch mal gesagt? Einem geschenkten Gaul schaute man nicht
ins Maul. Wenn ihre Freundin aus für ihn unerfindlichen Gründen beschlossen
hatte, den Kurs zu wechseln, dann würde er deren Friedensangebot nicht ablehnen,
und wenn es nur Alexandra zuliebe war. Für sie würde er alles tun, sogar Mary
Jos Sticheleien und ablehnenden Blicke vergessen.
Mary Jo lächelte und streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Mary Jo und freue mich,
dich kennen zu lernen.“
Chris ergriff ihre Hand und schüttelte sie leicht. Er kam sich zwar etwas albern
vor, aber wenn er damit Schlimmeres von Alexandra abwenden konnte, sollte es ihm
recht sein.
„Ich bin Chris“, erwiderte er und zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln.
Hinter ihnen klatschte Jack in die Hände. „Nun, da ja wieder Friede, Freude
Eierkuchen herrscht, würde ich gern wissen, wo Alex eigentlich ist.“
„Hier bin ich. Haltet ihr hier `ne Versammlung ab, oder was?“
Alex wusste nicht
wovon sie aufgewacht war, aber sie wünschte, es wäre nicht passiert. Sie hatte
einen schrecklichen Geschmack im Mund und ihr Kopf fühlte sich an, als würde
darin ein Hornissenschwarm eine Techno-Party feiern. Aufstöhnend drehte sie sich
zur Seite um einen Blick auf die Uhr auf ihren Nachttisch zu werfen. Dazu musste
sie die Augen öffnen, was sie zu einem weiteren Stöhnen veranlasste.
Sie musste gestern Nacht wohl vergessen haben, die Vorhänge zuzuziehen, denn die
erbarmungslose Sonne schien ihr mitten ins Gesicht. Blinzelnd versuchte sie, die
Digitalanzeige der Uhr zu entziffern. Eins – Null – Vier….Das konnte doch nicht
wahr sein, dachte sie, als ihr Gehirn ihr endlich soweit gehorchte um aus den
Zahlen einen Sinn zu machen.
Mühsam setzte sie sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Moment mal, wieso
hatte sie ihre Jeans an? Alexandra stützte ihre Ellbogen auf den Knien ab und
hielt sich die Schläfen. Wie war sie gestern eigentlich nach Hause gekommen? Das
letzte, woran sie sich klar und deutlich erinnern konnte, war, dass Jack ihr
seinen neuen Freund vorgestellt hatte. Danach wurde alles ziemlich verschwommen.
„Oh Gott“, seufzte sie. „Ich werde ab sofort abstinent, das schwöre ich bei
Allem was mir heilig ist.“
Nachdem Alexandra aufgestanden war um ins Badezimmer zu gehen, musste sie erst
einmal innehalten, da der Boden unter ihr anfing zu schwanken. Leise fluchend
setzte ihren Weg dorthin fort.
Nach einer ausgiebigen Dusche, während der sie sich ihr noch immer leicht
benebeltes Gehirn zermarterte, was gestern eigentlich alles vorgefallen war,
stand sie vor dem Badezimmerspiegel und betrachtete sich prüfend. Wenigstens sah
sie nicht so schlimm aus wie sie sich fühlte.
Alexandra putzte sich gründlich die Zähne um endlich den abscheulichen Geschmack
in ihrem Mund loszuwerden, bevor sie eine lockere Sweathose und ein weites
T-Shirt überstreifte. Ihre nassen Haare ließ sie offen.
Nun, auch wenn sie sich nicht erinnern konnte, so war sie doch gestern Abend
nicht allein gewesen. Alexandra hoffte, von Chris die fehlenden Teile des
Puzzles zu bekommen.
Als sie die Treppe nach unten ging hörte sie Stimmen aus der Küche. Sie konnte
nicht genau verstehen was gesprochen wurde, erkannte jedoch Jack und Mary Jo.
Was machten ihre Freunde hier? Dann fiel ihr ein, dass Jack ja gestern Abend
auch dabei gewesen war. Wahrscheinlich wollt er sich erkundigen wie es ihr ging.
Alexandra betrat die Küche und verstand gerade noch, wie Jack fragte, so sie
eigentlich sei.
„Hier bin ich. Haltet ihr hier `ne Versammlung ab, oder was?“
Ihre Freunde starrten sie an, Jack mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement,
Mary Jo leicht beleidigt und Chris…sah irgendwie besorgt aus. Was um alles in
der Welt hatte sie gestern Nacht bloß angestellt?
„Guten Morgen allerseits“, grüßte Alex mit mehr Elan, als sie eigentlich
verspürte.
Sie brauchte zuallererst etwas zu trinken, zwei Aspirin und eine große Tasse
schwarzen Kaffee, in genau dieser Reihenfolge. Zu ihrer Erleichterung stand die
Kaffeekanne bereits auf dem Tisch.
„Hallo Alex, ich wollte nur mal sehen, wie’s dir heute geht“, sagte Jack.
Alexandra meinte, einen Anflug von Schadenfreude in seiner Stimme zu hören.
„Gut soweit“, gab sie zurück. „Und dir? Eine schöne Nacht gehabt? Wundert mich,
dass du schon wieder fit bist.“
Sie warf ihrem Freund einen vielsagenden Blick über die Schulter zu, als sie den
Kühlschrank öffnete um sich etwas zu trinken zu nehmen. Zu ihrer größten
Befriedigung nahm Jacks Gesicht die Farbe eines gekochten Hummers an. Ihre
Kopfschmerzen waren schon gar nicht mehr so schlimm.
Alexandra nahm einen tiefen Schluck Wasser, bevor sie sich an ihre Freundin
wandte, die sie mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete.
„Was führt dich heute hierher, Mary Jo?“
„Oh, ich wollte dich nur fragen, ob du Lust hast, nächstes Wochenende mit rauf
zum Shashta Lake zu fahren. Es wäre doch bestimmt ganz nett, nach all diesem
Stress mal raus zu kommen. Du kannst Chris und Charlie gerne mitnehmen.“
Während Mary Jo sprach, hatte Alexandra nochmals aus der Wasserflasche getrunken
und verschluckte sich prompt, als sie den letzten Satz hörte.
„Bitte?“ keuchte sie, als sie sich von ihrem Hustenanfall erholt hatte.
„Nun, ich habe erkannt, dass ich Chris die ganze Zeit unrecht getan habe. Der
arme Junge hatte es ja wirklich nicht leicht. Oder willst du ihn wirklich
mutterseelenallein hier lassen?“ flötete Mary Jo mit zuckersüßer Stimme. „Oh,
jetzt muss ich aber wirklich nach Hause, Mike wird sich schon fragen, wo ich
bleibe. Ruf mich an, ja?“
Mit diesen Worten winkte sie Alexandra zum Abschied zu. Dann rauschte sie nach
einem kurzen Gruß für Chris und Jack zur Tür hinaus.
Alexandra starrte ihr mit der Flasche in der Hand sprachlos hinterher.
„Kann mir hier mal jemand erklären, was hier läuft?“ fragte sie. „Was habt ihr
mit Mary Jo angestellt?“
Verwundert beobachtete sie, wie Chris und Jack einen unbehaglichen Blick
wechselten.
„Ich warte, Leute.“
Alexandra wurde die ganze Sache unheimlich. Mary Jo wusste also, dass Chris hier
wohnte. Dass sie ihn in ihre Einladung mit einbeziehen würde, war allerdings das
letzte, das Alexandra erwartet hatte. Es musste einen Grund haben und die beiden
Mistkerle hier in ihrer Küche wussten genau was dahinter steckte. Sie war fest
entschlossen, diese Verschwörung trotz ihres Brummschädels auf der Stelle
aufzuklären.
„Muss ich euch erst bedrohen oder redet ihr freiwillig?“
„Mrs. Anderson weiß Bescheid“, sagte Chris schließlich und schielte an seinen
widerspenstigen Strähnen vorbei zu ihr hinüber.
„Okay, sie weiß, dass du hier wohnst und hat es also ganz gut aufgenommen. Gut,
dann brauch ich mir deswegen schon keine Sorgen mehr zu machen.“
Erleichtert öffnete Alexandra eine Schranktür und holte eine Dose Aspirin
heraus. Nachdem sie zwei davon geschluckt hatte, drehte sie sich wieder um.
Chris nagte an seiner Unterlippe herum und wich ihrem Blick aus. Jack schien die
Zimmerdecke unheimlich interessant zu finden.
„Was ist los?“
„Mrs. Anderson weiß wirklich Bescheid. Über alles“, sagte Chris leise. „Sie
weiß, dass ich im Gefängnis war und wieso.“
„Du hast ihr das auch noch erzählt? Chris, bist du verrückt geworden? Mary Jo
wird mir ellenlange Vorträge halten, dass ich….“
Alexandra hielt inne. Moment mal, ihre Freundin wusste von Chris’ Vergangenheit
und hatte ihn dennoch eingeladen, dass Wochenende mit ihrer Familie zu
verbringen?
„Was hat sie dazu gesagt?“ forschte sie.
„Alex, sie hat es ganz gut aufgenommen und sich sogar bei Chris entschuldigt,
dass sie ihn immer so abweisend behandelt hat. Außerdem war es meine Schuld,
dass sie davon erfahren hat. Ich hab Chris gesagt, dass ich seinen Termin
verschieben muss und nicht gesehen, dass Mary Jo hinter ihm stand. Sie musste
nur noch eins und eins zusammenzählen“, verteidigte Jack Alexandras
Hausgenossen.
Alexandra ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen. „Sie mag es ja ganz gut
aufgenommen haben, aber ich kann mir trotzdem einen Vortrag anhören“, beschwerte
sie sich düster. „Sie wird mich verbal in Stücke reißen, weil ich ihr nicht die
Wahrheit gesagt habe. Und sie wird großzügig vergessen, warum ich ihr nichts
sagen wollte.“
„Komm schon Alex, so schlimm ist Mary Jo nun auch wieder nicht“, versuchte Jack
die Wogen zu glätten. „Wenn sie wirklich so sauer auf dich wäre, dann hätte sie
dich doch nicht für das nächste Wochenende eingeladen, oder?“
In diesem Punkt hatte Jack Recht. Eines musste man Mary Jo zugestehen,
nachtragend war sie nicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Es war sinnlos, sich
jetzt Sorgen darüber zu machen, viel wichtiger war es Alexandra plötzlich, mehr
über den gestrigen Abend herauszufinden. Es war ihr zwar peinlich,
einzugestehen, dass sie einen Filmriss hatte, doch wenn sie es nicht tat, würde
sie nie erfahren, was alles passiert war nachdem ihr Erinnerungsvermögen
beschlossen hatte, einen Kurzurlaub einzulegen.
„Sagt mal, was war gestern Abend eigentlich los? Mir fehlt irgendwie alles nach
der ersten Pause“, gestand Alexandra kleinlaut.
Jack fing an zu lachen. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst“, prustete er. „Mann
o Mann, du hast ganz schön für Aufruhr gesorgt.“
Mit wachsendem Entsetzen hörte Alexandra Jacks farbenfrohe Schilderung von ihrem
Benehmen. Sie wäre am liebsten im Boden versunken, als er zu der Stelle kam, wo
sie den Autoschlüssel in ihrem T-Shirt versenkt hatte. Mit knallroten Wangen
blickte sie zu Chris hinüber, der Jack mit einem eigenartig wehmütigen Lächeln
auf den Lippen zuhörte.
„Was danach los war, das musst du Chris fragen. Er hat dich nach Hause und in
dein Bettchen gebracht“, schloss Jack mit einem Glucksen.
Alex atmete tief durch. Wenn sie noch etwas Peinliches angestellt hatte, dann
wollte sie es jetzt gleich hören.
„Und? Hab ich mich sehr danebenbenommen?“ erkundigte sie sich geknickt.
Ein alarmierender Gedanke schoss ihr durch den Kopf und sie wurde bleich. Sie
hatte doch hoffentlich keine Annäherungsversuche unternommen oder Chris gar von
ihren Gefühlen erzählt? Lieber Gott, alles, nur das nicht. Mit angehaltenem Atem
musterte sie ihren jungen Freund, der angestrengt zu überlegen schien.
„Nein“, sagte Chris zu ihrer Erleichterung. „Du warst dann eigentlich ganz
vernünftig, obwohl ich dich fast die Treppe rauf tragen musste.“
Er grinste verschmitzt und Alexandras Herz machte einen Satz. Ein solches
Lächeln gehörte verboten.
„Bist du sicher?“ frage sie heiser.
Chris nickte bekräftigend. „Ja. Du bist gleich eingeschlafen“, entgegnete er.
Irgendwie hatte Alexandra das Gefühl, dass Chris nicht die ganze Wahrheit sagte,
da er Jack einen raschen Blick zugeworfen hatte, bevor er ihre Frage beantwortet
hatte.
„Nun, nachdem ich festgestellt habe, dass im Hause Hastings alles gesund und
munter ist, werde ich mich wieder auf den Weg nach Hause machen“, verkündete
Jack. „Macht’s gut, Leute, ich finde den Weg alleine hinaus.“
„Schönen Gruß an Ian“, rief Alexandra ihm hinterher und zuckte zusammen.
Der Hornissenschwarm war zwar inzwischen zu einem langsamen Walzer übergegangen,
aber laute Geräusche vertrug sie noch immer nicht, schon gar nicht ihre eigene
Stimme.
„Willst du was essen?“ fragte Chris, während er seine Bücher schloss und sie zu
einem ordentlichen Stapel zusammen schob.
Alexandra fasste sich an den Bauch. Es herrschte zwar eine ungemütliche Leere in
ihrem Magen aber sie war sich nicht sicher, ob sie etwas Festes vertragen würde.
Lieber noch etwas abwarten.
„Nein, im Moment nicht“, entgegnete sie seufzend. „Sag mal, war gestern Abend
wirklich nichts oder wolltest du vor Jack bloß nichts sagen, weil es zu peinlich
gewesen wäre?“
Mit angehaltenem Atem wartete Alexandra auf Chris’ Antwort. Hatte sie oder hatte
sie nicht, das war hier die Frage. Sie wusste zwar, dass sie vor Verlegenheit
wahrscheinlich sterben würde wenn wirklich etwas vorgefallen war, doch lieber
wollte sie sich der Sache jetzt stellen und mit Chris darüber reden, als sich
die ganze Zeit Sorgen machen und ihr Verhältnis unnötig belasten.
Chris setzte sich ihr gegenüber. „Nein, es war wirklich nichts“, erklärte er
fest und sah ihr dabei in die Augen.
„Gut“, sagte Alexandra langsam. Dann würde sie ihm das mal glauben.
Erleichterung machte sich in ihr breit. Ihr Geheimnis war also noch immer
sicher. Sie merkte wie ihre Kopfschmerzen wieder schlagartig besser wurden.
„Was hältst du eigentlich von Mary Jos Einladung? Möchtest du mitkommen?“
erkundigte sie sich.
Chris zog eine zweifelnde Grimasse. „Ich weiß nicht…. Ich war noch nie an so `nem
See.“
„Bitte? Dann wird’s aber mal Zeit!“
Für Alexandra war die Sache damit erledigt. Sie war schon mehrmals mit den
Andersons in ihrer Hütte am Shashta Lake gewesen und war sich sicher, dass es
Chris dort oben gefallen würde. Über Charlie brauchte sie sich in der Beziehung
gar keine Gedanken machen. Für den Hund war die Gegend dort oben das reinste
Paradies. Es gab so viele unbekannte Gerüche zu erforschen und außerdem liebte
der Hund das Planschen im kühlen Nass.
Bevor sich Alexandra jedoch unbeschwert über die kurze Auszeit freuen konnte,
galt es, sich dem Donnerwetter zu stellen, das Mary Jo mit Sicherheit für sie
bereit hielt. Zwei Tage später fühlte sich Alexandra der Situation soweit
gewachsen, dass sie sich abends ins Auto setzte um ihrer Freundin einen Besuch
abzustatten.
Zu ihrer Überraschung war Mary Jo aber weder so wütend noch so gekränkt, wie
Alexandra sich das vorgestellt hatte. Sie war eher…nachdenklich.
„Erscheine ich dir wirklich so borniert und intolerant, dass du mir das alles
nicht sagen konntest?“ fragte Mary Jo nachdem Alexandra sich wortreich bei ihr
entschuldigt hatte.
Die beiden jungen Frauen saßen auf der Veranda, von wo aus sie die Kinder, die
im Garten spielten, im Blickfeld hatten. Mike war noch bei einem Kunden.
„Ich weiß nicht….“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Du konntest Chris nie
akzeptieren und…ich wollte einfach keinen Streit mit dir, darum habe ich es
immer wieder hinausgeschoben.“
„Nun, anfangs dachte ich wirklich, dass der Junge nichts taugt, aber mit der
Zeit habe ich festgestellt, dass ich unrecht hatte.“
„Wieso hast du das nie gesagt? Chris dachte die ganze Zeit, dass du ihn hasst“,
rief Alexandra aus.
Mary Jo zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht eingestehen, dass ich mich
geirrt hatte“, sagte sie. „Du musst doch zugeben, dass er manchmal wirklich
verboten aussieht. Diese verwilderte Frisur und diese T-Shirts….Er passt einfach
nicht in mein Weltbild. Ich bin nun einmal nicht gar so tolerant wie du.“
„Und jetzt? Wieso kannst du ihn plötzlich akzeptieren? Jetzt, wo du sogar weißt,
dass er im Gefängnis war? Ich hätte eher gedacht, dass du ihn nun komplett
ablehnen würdest.“
Alexandra gab sich wirklich alle Mühe, Mary Jos verschlungenen Gedankengängen zu
folgen, doch es mochte ihr nicht so ganz gelingen.
„Nun, ich hab wohl erkannt, dass nicht jeder so ein Glück haben kann wie ich.“
Sie machte eine weit ausholende Handbewegung, wie um Alexandra zu zeigen, was
sie meinte.
„Das schöne Haus, ein gut verdienender Ehemann, der zudem noch ein Schatz ist,
zwei gesunde Kinder…. Als Chris mich so panisch angesehen hat, nachdem Jack sein
Geheimnis ausgeplaudert hat, wurde mir klar, was für ein egoistisches,
oberflächliches Biest ich ihm gegenüber war.
„Das erklärt aber immer noch nicht, wieso du ihn jetzt auf einmal tolerieren
kannst.“
Den Einwurf konnte sich Alexandra nicht verkneifen.
Mary Jo lächelte ironisch. „Komm schon, Alexandra. Muss ich dir das wirklich
erklären? Ich bin ebenso das Opfer von einem Paar großer brauner Kulleraugen
geworden wie du. Chris hat mich in dem Moment irgendwie an…“ sie suchte nach der
richtigen Bezeichnung.“…an einen Hundewelpen erinnert, den man gerade von seiner
Mutter getrennt hat.“
Alexandra wollte schon protestieren, unterließ es dann aber. Mary Jo hatte den
Nagel ja auf den Kopf getroffen. Wenn Chris einen direkt ansah, dann konnte man
ihm einfach nicht böse sein.
„Aber wieso hast du ihn dann auch noch in die Einladung zum See mit
eingeschlossen? Damit hast du mich wirklich überrascht.“
Mary Jo zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht…“, sagte sie nachdenklich.
„Das war eher eine Laune des Augenblicks. Ich habe an meine eigenen Kinder
gedacht, dass ich Gott dankbar wäre, wenn sie in einer solchen Situation Hilfe
und Unterstützung bekommen würden….Ich kann nur beten, das so etwas nie
passiert, aber du hast dein Schicksal ja nicht in der Hand.“ Nachdenklich
betrachtete Mary Jo ihre Hände, die sie in ihrem Schoß liegen hatte. „Es muss
furchtbar sein, mit siebzehn ins Gefängnis zu kommen und danach ohne einen
Menschen, der sich um einen kümmert, dazustehen.“
Alexandra schluckte, als sie daran dachte. Sie hatte Mary Jo ziemlich am Anfang,
kurz nachdem sie Chris eingestellt hatte, erzählt, dass er Vollwaise war. Ihre
Freundin war damals aber noch völlig auf ihrem Misstrauenstrip gewesen und hatte
dieser Tatsache keine großartige Beachtung geschenkt. Aber anscheinend war es
ihr nach Chris’ Geständnis wieder eingefallen.
Mary Jo war aber noch nicht fertig mit ihrer Rede.
„Ich glaube, dass du ein gutes Werk getan hast, als du Chris bei dir aufgenommen
hast und möchte dich dabei unterstützen. Darum habe ich ihn mit in die Einladung
eingeschlossen. Er braucht jetzt so etwas wie eine Familie.“
Jetzt musste Alexandra ein Lächeln unterdrücken. DAS war wieder die Mary Jo, die
sie kannte. Immer mit Feuereifer dabei, sich in das Leben ihrer Freunde
einzumischen. Chris würde noch sein blaues Wunder erleben und sich nach den
Zeiten zurücksehnen, als Mary Jo ihn noch nicht „adoptiert“ hatte.
„ Ihr werdet euch das Schlafzimmer oben teilen müssen. Ist das in Ordnung für
dich? Ich meine, du siehst in ihm doch so etwas wie einen kleinen Bruder, nicht
wahr? Es gibt ja zwei Betten und man kann den Raum mit einem Vorhang teilen.“
„Hm?“ Mary Jo’s letzte Frage riss Alexandra aus ihren amüsanten Gedanken.
„Ja, natürlich“, versicherte sie schnell. Dass ihre Gefühle Chris gegenüber
nicht gerade schwesterlich waren, das konnte sie Mary Jo auf keinen Fall
anvertrauen. Sie konnte sich ja selbst nicht verstehen, wie sollte es dann ihrer
Freundin gelingen?
Nicht viel später wandte sich Unterhaltung der Planung des Ausfluges für das
kommende Wochenende zu. Die beiden Frauen vereinbarten, wer was mitnehmen würde.
Als Alexandra Mary Jo schließlich verließ, war ihre Welt wieder in Ordnung.
Halbwegs zumindest.
„Da drinnen sollen
wir alle übers Wochenende wohnen?“ Mit zweifelndem Gesichtsausdruck stand Chris
vor der Blockhütte, die die Andersons ihr eigen nannten. Es war ein
wunderschöner Sommertag, der Himmel spiegelte sich in der weiten Wasserfläche
des von Bäumen umrandeten Sees und es herrschte eine herrliche Ruhe nach der
anstrengenden Fahrt auf den überfüllten Straßen. Der Shashta Lake lag etwa vier
Stunden Autofahrt nördlich von San Francisco im Landesinneren.
Alexandra fand es perfekt. Sie kam gern an den See und hatte schon ab und zu
auch ein Wochenende allein hier oben in der Hütte verbracht, vor allem nach dem
Tod ihrer Tante, als sie sich darüber klar werden musste, was sie mit der
Erbschaft anfangen wollte. Hier oben hatte sie den Entschluss gefasst, ihre
eigene Praxis zu eröffnen.
„Es ist genug Platz für alle,“ lachte sie. „Mary Jo und Mike schlafen mit den
Kindern unten und wir beide müssen uns den Dachboden teilen.“
„Dachboden?“
„Keine Sorge, es gibt Betten, du brauchst nicht auf dem Boden zu schlafen.“
Alexandra begann, sich immer mehr und mehr zu amüsieren.
Sonderbarerweise hatte Chris während der ganzen Fahrt kaum Fragen über diesen
Ort gestellt, stattdessen hatten sie sich über die Reparaturen am Haus
unterhalten, die Chris in den nächsten Wochen in Angriff nehmen sollte.
Sie konnte sich das Lachen kaum verbeißen, als Chris die Blockhütte noch immer
misstrauisch musterte.
„Komm schon, wir haben noch was zu tun vor dem Abendessen.“
Als sie die Hütte betraten, wurden sie von Mary Jo begrüßt, die dabei war, die
mitgebrachten Nahrungsmittel zu verstauen. Die Andersons waren bereits am frühen
Vormittag losgefahren und Mike und die Kinder waren auf Erkundungstour.
„Ihr könnt dann mal nach oben gehen und die Betten beziehen,“ ordnete Mary Jo
an. „In einer Stunde gibt’s Abendessen.“
Gefolgt von Chris stieg Alex die schmale Treppe ins Dachgeschoß hinauf. Der
niedrige Raum war durch einen Vorhang abgeteilt, auf der einen Seite stand ein
Einzelbett, auf der anderen ein Doppelbett. Zwei niedrige Regale neben den
Betten vervollständigten die Einrichtung. Ein kleines Fenster, das mit
Fliegendraht verkleidet war, ließ die Abendsonne herein.
„Ich nehme das Doppelbett,“ verkündete Alexandra und stellte ihre Tasche darauf
ab. Sie holte Laken und Kissenbezüge daraus hervor und warf Chris die für ihn
bestimmte Bettwäsche zu.
„Worauf wartest du?“ fragte sie, als Chris keine Anstalten machte, ihrem
Beispiel zu folgen und sein Bett herzurichten.
„Wo ist hier eigentlich der Lichtschalter?“ Suchend blickte Chris sich in dem
Raum um.
Alexandra hielt inne. Sie hätte Chris wohl doch etwas genauer aufklären sollen
über das, was ihn hier erwartete. Aber für Warnungen war es jetzt zu spät. Sie
griff in die Tasche und zog zwei Taschenlampen heraus.
„Hier,“ sagte sie und reichte Chris eine davon.
„Hier gibt’s keinen Strom?“
„Hinter dem Haus ist ein Generator, aber der ist ziemlich laut und außerdem
stinkt er nach Diesel wie die Pest, wenn man ihn laufen lässt.“
Chris schien eine Weile zu brauchen, um diese Information zu verdauen.
„Aber…Wasser gibt es hier schon, oder müssen wir uns im See waschen?“ fragte er
schließlich vorsichtig. „Und wo ist die Toilette?“
Alexandra presste die Lippen zusammen, um einen Lachanfall zu unterdrücken. Das
konnte ja heiter werden.
„Ja, gibt es. Allerdings wirst du die nächsten zwei Tage auf eine heiße Dusche
verzichten müssen. Das Wasser stammt nämlich aus einem Brunnen. Und das
Toilettenhäuschen ist hinter der Blockhütte.“
Chris’ Gesichtsausdruck bei diesen Worten raubte ihr allerdings ihre mühsam
aufrechterhaltene Beherrschung. Übermannt von hilflosem Gelächter ließ sie
sich rücklings auf ihr halbfertiges Bett fallen.
***
Eine halbe Stunde später, nachdem Alexandra ihren Lachanfall unter Kontrolle
gebracht und einen leicht beleidigten Chris besänftigt hatte, gingen die beiden
wieder hinunter in die Küche, wo Mike gerade dabei war, den Tisch zu decken.
Charlie tollte vor der Hütte mit den Kindern herum.
„Hallo Mike. Hm, das riecht aber lecker,“ bemerkte Alexandra. Ein
verführerischer Duft nach geschmolzenem Käse durchzog die kleine Hütte.
„Setzt euch schon mal hin,“ befahl Mary Jo, die geschäftig hin- und her eilte.
Sie sah wie immer perfekt aus, selbst mitten in der Wildnis und nach mehreren
Stunden anstrengender Arbeit war kein Härchen auf ihrem Kopf in Unordnung.
Alexandra beneidete ihre Freundin unwillkürlich um diese Eigenschaft. Sie selbst
würde das selbst dann nicht schaffen, wenn sie sich stundenlang nicht von ihrem
Stuhl weg rühren würde.
Sie und Chris setzten sich nebeneinander auf eine der Bänke an dem großen
Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand. Aus dem Augenwinkel bemerkte Alex,
wie Chris sich neugierig umsah. Das Feriendomizil der Andersons war eine typisch
amerikanische Blockhütte, wie man sie schon vor hundertfünfzig Jahren gebaut
hatte. Mike hatte sie von seinem Großvater geerbt. An den Wänden hingen
vergilbte Schwarzweiß-Fotos in altmodischen Holzrahmen, daneben alte Werkzeuge
und Küchenutensilien sowie ein paar bunte, indianische Webdecken. Über der Tür
war ein riesiges Elchgeweih angebracht.
Mary Jo rief nach den Kindern. Susan und Jamie trotteten, gefolgt von Charlie,
nur widerwillig zur Tür herein.
„Hab keinen Hunger,“ verkündete Jamie trotzig, als er auf die Bank gegenüber von
Chris krabbelte. Nur sein schmollendes Gesicht mit dem widerspenstigen, blonden
Haarschopf darüber war über der Tischkante zu sehen. „Will lieber mit Tsarlie
pielen.“
„Das kannst du nachher wieder, wenn wir gegessen haben,“ sagte Mary Jo, während
sie eine große, viereckige Schüssel auf dem Tisch abstellte. „Charlie geht nicht
weg und außerdem hat er jetzt auch Hunger.“
Sie setzte sich zwischen ihre beiden Kinder und begann, deren Teller zu füllen.
Als alle am Tisch versorgt waren, faltete Mary Jo die Hände und sprach ein
Tischgebet.
„So, und jetzt lasst es euch schmecken,“ verkündete sie, nachdem sie fertig war.
Während Susan brav zu essen begann, piekte Jamie mit dem Zeigefinger in den
Inhalt seines Tellers.
„Mag ich nicht,“ schmollte er.
Alexandra ließ sich genüsslich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen und
beobachtete amüsiert den Zwerg auf der anderen Seite des Tisches, der von seinem
Abendessen nicht sehr angetan zu sein schien. Mary Jo hatte sich im Anbetracht
der Umstände einfach selbst übertroffen, die Gemüselasagne war köstlich. Mary Jo
hatte alles verarbeitet, was der Garten so hergab. Karotten, Brokkoli, Paprika,
Kartoffeln mit einer fein gewürzten Tomatensoße, und das Ganze mit Käse
überbacken. Ein Traum. Aber anscheinend nicht für Kinder.
„Jamie, lass den Unsinn,“ sagte Mary Jo streng. „Du bekommst dieses ungesunde
Zeug wie Hamburger und Pommes nicht. Davon wirst du nicht groß und stark,
sondern bleibst immer so ein kleiner Knirps. Wenn du deinen Teller nicht brav
leer machst, darfst du nachher nicht mit Charlie spielen, sondern musst ins
Bett.“
Bei der Erwähnung von Hamburgern und Pommes musste Alexandra plötzlich an
ähnliche, nur etwas verbal ausdrucksvollere Diskussionen denken, die sie vor
noch gar nicht langer Zeit mit einem gewissen Jemand geführt hatte. Dieser
Jemand saß neben ihr auf der Bank und stocherte lustlos in seinem Teller herum.
Alexandra konnte ein Kichern nicht ganz unterdrücken und begann zu husten, um
diesen Ausrutscher zu tarnen. Das lenkte Mary Jos Aufmerksamkeit kurzzeitig von
ihrem widerspenstigen Sprössling ab.
„Alex! Hast du dich verschluckt?“ rief sie besorgt. „Mike, klopf ihr doch mal
auf den Rücken.“
Atemlos wehrte Alexandra Mikes Erste-Hilfe-Versuche ab.
„Geht schon wieder,“ keuchte sie. „Muss wohl etwas in die falsche Kehle bekommen
haben.“
Der Blick, den Chris ihr zuwarf, sprach Bände und sie musste schwer mit dem
Drang kämpfen, in brüllendes Gelächter auszubrechen.
Mary Jo war inzwischen auch darauf aufmerksam geworden, dass Chris noch keinen
Bissen gegessen hatte.
„Chris, schmeckt es dir nicht? Oder hast du keinen Hunger? Du wirst doch wohl
nicht krank werden?“ Mary Jo war in vollem Muttergans-Modus.
Alexandra spürte, wie Chris neben ihr zusammenschrak. „Doch…doch, es ist alles
in Ordnung,“ stammelte er. „Es ist sehr gut, wirklich.“
Wie um diese Aussage zu bestätigen, begann er zögernd zu essen. Zu Alexandra
Überraschung leerte er nicht nur seinen Teller in Rekordzeit, sondern ließ sich
von Mary Jo, die mittlerweile auch Jamie wenigstens halbwegs und unter
Zuhilfenahme von rücksichtloser Erpressung von den Vorteilen gesunden Essens
überzeugt hatte, sogar noch eine zweite Portion geben.
Nach dem Essen erbot sich Alexandra, den Abwasch zu übernehmen, damit Mary Jo
sich eine Auszeit gönnen und mit sich mit Mike auf der Bank vor der Hütte
ausruhen konnte. Chris räumte den Tisch ab, während Alexandra einen Kessel
Wasser auf dem Herd erhitzte. Als sie sicher war, dass Mary Jo außer Hörweite
war, konnte Alexandra sich nicht verkneifen, ein wenig zu sticheln.
„Hat Mary Jo dich tatsächlich bekehrt und dich überzeugt, dass Gemüse nicht
giftig ist oder hattest du nur einfach Angst davor, dass sie dich auch ins Bett
schicken würde?“
„So hat’s ja gar nicht mal so schlecht geschmeckt, mit dem Käse drüber, meine
ich,“ verteidigte sich Chris. „Ich find nur dieses Salatzeug eklig. Wie kann man
nur grüne Blätter essen?“
Alexandra schüttelte seufzend den Kopf. Hier war Hopfen und Malz verloren. Sie
machte sich im Geiste eine Notiz, Mary Jo nach dem Rezept für den Auflauf zu
fragen und welche Tricks sie auf Lager hatte, um Jamie dazu zu bewegen, etwas zu
essen, das er einfach aus Prinzip nicht mochte. Was bei einem dreijährigen
Jungen half, konnte man sicher auch bei einem jungen Mann anwenden. So stark
entwickelten sich Männer schließlich intellektuell nicht weiter.
Nach dem Abwasch gingen die beiden nach draußen, um Mike und Mary Jo
Gesellschaft zu leisten und um den Sonnenuntergang zu beobachten. Chris gestand
schließlich auch den Andersons, dass es das erste Mal war, dass er weitab von
irgendeiner Stadt mitten in der Wildnis war.
Alexandra war zufrieden, so zufrieden jedenfalls, wie man es sein konnte, wenn
das Objekt seiner unerfüllten Sehnsüchte neben einem saß und man wusste, dass es
nie mehr als Freundschaft zwischen sich und dem anderen
geben würde.
Alexandra wusste
nicht, weshalb sie aufgewacht war. Durch das geöffnete Dachfenster drang das
prasselnde Geräusch heftigen Regens, untermalt vom Pfeifen des Windes, der ums
Haus strich. Das Aufleuchten eines Blitzes tauchte das Zimmer für ein paar
Sekunden in ein geisterhaftes Licht. Charlie winselte. Er mochte keine Gewitter.
Doch da war noch etwas anderes. Ein Geräusch, das nicht zu der Sinfonie der
Naturgewalten zu passen schien. Alexandra lauschte in die Dunkelheit. Da war es
wieder. Es drang durch den Vorhang, der die Dachkammer teilte und hörte sich an
wie leises Schluchzen.
Alexandra setzte sich auf. Hatte Chris etwa Angst vor Gewittern?
„Chris? Ist alles in Ordnung?“ fragte sie leise.
Keine Antwort. Alexandra griff nach ihrer Taschenlampe, knipste sie an und stand
auf. Barfuss tapste sie um den Vorhang herum zu Chris’ Bett, wobei sie hoffte,
dass sie sich keinen Splitter von dem rohen Holzfußboden in den Fuß treten
würde.
Chris lag zu einem Ball zusammengerollt auf der Seite. Die Augen hatte er fest
zugekniffen und seine Hände waren auf seine Ohren gepresst, als könnte er sich
dadurch vor der vermeintlichen Bedrohung durch das Gewitter schützen.
Alexandra legte die brennende Taschenlampe auf dem schmalen Regal ab, das als
Nachttisch diente, und setzte sich auf die Bettkante. Da der junge Mann sie gar
nicht zu bemerken schien, streckte sie die Hand aus und rüttelte ihn sanft an
der Schulter.
Alexandra wäre vor Überraschung beinahe von der Bettkante gerutscht, als Chris
mit einem erstickten Aufschrei hochfuhr und bis an die Wand zurückwich. Dort
kauerte er mit angezogenen Knien und starrte sie mit schreckgeweiteten Augen an.
„Nein…bitte nicht…“ keuchte er.
Jetzt erst bemerkte Alexandra, dass seine Wangen nass von Tränen waren und dass
er am ganzen Körper zitterte. Was sie aber am meisten erschütterte, war die
Tatsache, dass er sie gar nicht zu erkennen schien und Angst vor ihr hatte.
„Chris, ich bin’s, Alex,“ sagte sie beschwörend. „Es ist alles gut.“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Panik aus Chris’ Augen verschwand.
„Alex?“ wisperte er. Seine Stimme klang flehend, als könne er nicht glauben,
dass sie es tatsächlich war und nicht eines der Phantome, die er zu fürchten
schien.
„Wer denn sonst?“ entgegnete Alexandra betont ruhig, um ihm einen Anker zu
geben, der ihn in die Realität zurückholte. „Hat dich das Gewitter so
erschreckt?“ fragte sie behutsam.
Zuerst schüttelte Chris den Kopf, doch dann schien er sich doch anders zu
entscheiden und nickte.
„Ja,“ antwortete er keuchend und wischte sich mit dem Handrücken über die
Wangen.
Ein Blitz ließ das Zimmer taghell erscheinen und wurde von einem gewaltigen
Donnerschlag begleitet. Chris zuckte zusammen und schluchzte unwillkürlich auf.
Alexandra beugte sich vor und legte ihm die Hände auf die Schultern.
„Chris, sieh mich an. Sieh mich an,“ befahl sie nochmals, als der junge Mann
ihrer Aufforderung nicht gleich Folge leistete. Erst als sie sicher war, seine
volle Aufmerksamkeit zu besitzen, fuhr sie fort. „Das Gewitter kann uns nichts
anhaben, das Haus hat einen Blitzableiter. Mary Jo würde sonst schon längst
hysterisch kreischend durch die Gegend rennen und uns alle in die Autos
scheuchen. Weißt du wieso?“ fragte sie, um Chris von dem tobenden Sturm
abzulenken.
„Nein,“ würgte dieser hervor. „Ich….“ Er konnte nicht weiter sprechen, denn sein
Atem kam in immer abgehackteren Stößen.
Verdammt, dachte Alexandra, das artete ja in eine regelrechte Panikattacke aus.
So hatte sie Chris noch nie erlebt. Und sie war sich sicher, dass nicht nur der
tobende Sturm die Ursache war. Wieso hatte er vorhin so hysterisch reagiert, als
sie ihn angefasst hatte? Ein schrecklicher Verdacht keimte in Alexandra auf und
gewisse Vorfälle in der Vergangenheit begannen ihr plötzlich in einem ganz
anderen Licht zu erscheinen.
„Oh Gott….“ Chris’ heiserer Aufschrei ließ Alexandra aus ihrer Erstarrung
erwachen. Er hatte sich an die Kehle gegriffen und schnappte verzweifelt nach
Luft. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Alexandra schob alle anderen Gedanken
zur Seite und konzentrierte sich nur noch auf den Jungen, der darum kämpfte,
genügend Luft in seine Lungen zu bekommen.
Sie griff nach einer Plastiktüte, die glücklicher weise in ihrer Reichweite auf
dem improvisierten Nachttisch lag und packte Chris mit einem energischen Griff,
so dass er schließlich seitlich zwischen ihren Beinen saß. Mit einem Arm stützte
sie seinen Rücken, mit der anderen Hand umfasste sie die Tüte, so dass oben nur
eine kleine Öffnung blieb und hielt sie Chris vor den Mund.
„So, und jetzt schön ruhig atmen, hörst du? Ein und aus, ein und aus…ja, so
ist’s gut…Ein….Aus…“
Alexandra kam es vor, als würde eine Ewigkeit vergehen, bis Chris endlich
anfing, ruhiger zu atmen. Als er nach der Tüte griff, um sie von seinem Mund zu
entfernen, seufzte Alexandra erleichtert auf. Sie hatte keine Ahnung, was sie
hätte tun sollen, wenn dieser Trick nicht gewirkt hätte.
„Geht’s wieder?“
Alexandra spürte, wie Chris, der erschöpft an ihrer Brust lehnte, nickte. Er
zitterte noch immer leicht, doch es war kein Vergleich mehr zu seinem vorherigen
Zustand. Sie hielt ihn mit beiden Armen fest umfangen und vergrub ihr Gesicht in
seinem Nacken. Erst jetzt spürte sie, wie viel Kraft ihr das Ganze abverlangt
hatte. So saßen sie schweigend einige Minuten, bis Chris sich regte. Sofort ließ
Alexandra ihn los.
„Ich…ich glaub, jetzt bin ich wieder okay,“ flüsterte er. „Tut…tut mir leid…ich
weiß nicht, was mit mir los war…“ Chris wich Alexandras Blick aus.
„Schon gut, das muss dir nicht peinlich sein. Jeder hat etwas, wovor er sich
fürchtet.“ Und du hast anscheinend mehr Grund dazu als viele andere, fügte
Alexandra im Stillen hinzu.
„Trotzdem…. Du musst mich wirklich für einen riesigen Feigling halten.“ In der
Ferne war ein Donnergrollen des abziehenden Gewitters zu hören und Chris zuckte
fast unmerklich zusammen und begann wieder leicht zu zittern.
„Nein, tu ich nicht,“ versicherte ihm Alexandra. „Und jetzt sollten wir
schlafen. Außer du möchtest lieber noch über etwas reden…?“ Den letzten Satz
äußerte sie, ohne sich sicher zu sein, ob sie jetzt in der Lage war, mit der
vermutlichen Ursache von Chris’ Panikattacke umzugehen. Doch wenn er bereit war,
sich ihr zu öffnen, dann würde sie diese Gelegenheit nicht ungenutzt
verstreichen lassen. Sie war fast erleichtert, als Chris den Kopf schüttelte.
„Nein…du hast recht, wir sollten jetzt lieber schlafen. Danke…danke, dass du
dich vorhin um mich gekümmert hast.“ Er zupfte verlegen am Saum seines T-Shirts.
Es war wieder das mit dem riesigen gelben Smiley.
„Schon gut,“ entgegnete Alexandra. Sie streckte sich neben Chris, der erstaunt
auf sie hinuntersah, auf dem schmalen Bett aus und stützte sich auf dem Ellbogen
auf. Das Gewitter war zwar abgezogen, doch es regnete noch immer heftig. Sie
hätte jetzt in ihr eigenes Bett hinübergehen sollen, doch das brachte sie nicht
übers Herz.
„Du bleibst hier?“ fragte Chris scheu und Alexandra meinte, so etwas wie
Erleichterung in seiner Stimme mitschwingen zu hören.
„Ja.“ Sie schenkte ihrem Bettgenossen ein schiefes Lächeln. „Wir sind beide
schlank, das wird schon irgendwie gehen.“ Auf den Gedanken, in ihr weit größeres
Bett „umzuziehen“, kam Alexandra nicht, dazu war sie im Geiste viel zu sehr mit
etwas anderem beschäftigt.
Chris schluckte mehrmals, dann rutschte er neben die junge Tierärztin. Alexandra
zog ihn an sich und bettete seinen Kopf an ihre Schulter, bevor sie nach der
Taschenlampe reichte und diese ausknipste.
„Schlaf jetzt, Baby, ich pass auf dich auf,“ flüsterte sie und hauchte fast
unmerklich einen Kuss auf Chris’ Haare.
***
Tief atmete Alexandra die klare Morgenluft ein. Sie liebte den Geruch des Waldes
nach einem Regenguss, es war, als wäre die Natur frischgewaschen worden und
würde wieder in neuem Glanz erstrahlen. Obwohl es nach dem nächtlichen Sturm
noch kühl war, kündigte die Sonne doch bereits einen wunderbaren Sommertag an.
Charlie zerrte an seiner Leine und wollte einem vorwitzigen Streifenhörnchen
folgen, das sich aber schnell auf einem Baum in Sicherheit gebracht hatte und
nun aus luftiger Höhe schadenfroh auf den Hund herunterstarrte.
Von all dem bekam Alexandra nur wenig mit, zu sehr war sie in ihre Überlegungen
vertieft. Vergangene Nacht war Chris, vermutlich vor Erschöpfung, relativ
schnell eingeschlafen, doch Alexandra hatte noch lange wach gelegen und seinen
regelmäßigen Atemzügen gelauscht. Sie war die Ereignisse der vergangenen Monate
im Geiste noch einmal durchgegangen und hätte sich für ihre Blindheit ohrfeigen
können.
Chris’ Wunsch, an einem ihrer Kurse teilzunehmen, sein seltsames Verhalten bei
und nach dem Vorfall mit dem Möbelpacker, sein Widerwillen, sich allein von Dr.
Langton untersuchen zu lassen, sein Abscheu, als ihm aufgegangen war, warum
diese Johanna ihm ihre Karte gegeben hatte und nun die Panik in seinen Augen,
als er sie letzte Nacht für jemand anderen gehalten haben musste…. Doktor
Langton musste so etwas geahnt haben, darum hatte er heimlich diese Tests
durchführen lassen. Alexandra wünschte nur, der Arzt hätte mit ihr damals über
seinen Verdacht gesprochen. ‚Bitte nicht….’ Wie oft mochte Chris vergeblich
darum gebettelt haben, verschont zu werden?
Heute Morgen, als Alexandra aufgewacht war, hatte Chris noch tief und fest
geschlafen. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, hatte sie ihr Schlaf-T-Shirt aus
seinem Griff befreit und war aufgestanden. Sie hatte Mary Jo und Mike gebeten,
Chris schlafen zu lassen und war nach einer großen Tasse Kaffee mit Charlie zu
einem Spaziergang am See entlang aufgebrochen, um einen klaren Kopf zu bekommen
und sich zu überlegen, was sie mit ihrem Wissen anfangen sollte.
Die Vergewaltigungsopfer, die sie bisher in ihren Kursen kennen gelernt hatte,
waren alle weiblich gewesen. Dass es auch männliche Missbrauchsopfer gab,
darüber hatte sich Alexandra bisher noch keine Gedanken gemacht. Dieses Thema
wurde irgendwie totgeschwiegen. Sicher, es gab Anspielungen auf homosexuelle
Übergriffe in Gefängnissen in verschiedenen Fernsehserien oder Filmen, doch die
wenigsten machten sich vermutlich klar, was diese Anspielungen eigentlich
bedeuteten. Auch Alexandra war jedes Mal gedankenlos darüber hinweggegangen.
„Verflixt, Charlie, was soll ich denn jetzt machen? Ich kann ihn doch nicht
einfach danach fragen.“
Charlie blaffte, erfreut, dass seine Herrin ihn endlich wieder wahrnahm.
„Ich weiß noch nicht mal, wie ich jetzt mit ihm umgehen soll. Ich kann doch
nicht so einfach drüber hinweggehen, als wäre nichts gewesen,“ redete Alexandra
weiter. „Gott, wenn ich mir vorstelle, wie’s in ihm drin aussehen muss….“
Alexandra blieb stehen und blickte über die weite Wasserfläche des Sees, über
der noch Fetzen des morgendlichen Nebels hingen. Sie hatte sich die ganze Zeit
das Gehirn darüber zermartert, wie sie Chris helfen konnte. Dass er Hilfe
brauchte, das stand außer Frage.
Er schien zwar fest entschlossen zu sein, seine Zeit im Gefängnis vergessen zu wollen, doch dass im das nicht gelang, das war offensichtlich. Doktor Winslow hatte einmal zu Alexandra gesagt, dass es am besten war, wenn sich Vergewaltigungsopfer ihren Gefühlen und ihren Ängsten stellten und darüber redeten.
Früher oder später
würden sie sonst daran zerbrechen. Schweigen und Verleugnen der Tatsache, dass
man missbraucht wurde, mochten zwar am Anfang scheinbar helfen, doch irgendwann
würden sich die aufgestaute Verzweiflung und der Zorn darüber, was passiert war,
ein Ventil suchen.
„Charlie, ich bin ein Trottel,“ rief Alexandra aus. „Ich werde einfach Doktor
Winslow fragen, was sie davon hält. Wenn sie mir nicht weiterhelfen kann, dann
weiß sie sicher jemanden, der mit so etwas Erfahrung hat.“
Ja, das war eine annehmbare Lösung. Gleich am Montag würde sie die Psychologin
anrufen und ihr das Problem schildern. Bis dahin musste sie versuchen, mit Chris
so wie immer umzugehen und sich nichts anmerken zu lassen.
Chris lag auf dem
Rücken in seinem Bett und starrte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an die
Decke. Vor etwa einer halben Stunde war er von dem Geschrei, das die Kinder vor
dem Haus veranstaltet hatten, aufgewacht, hatte sich aber noch nicht aufraffen
können, hinunterzugehen.
Das Gewitter in der vergangenen Nacht hatte furchtbare Erinnerungen an die
Ereignisse während eines anderen Unwetters geweckt. Es war vor etwa drei Jahren
gewesen, nachdem sein damaliger „Beschützer“ – eigentlich war die Bezeichnung
der pure Hohn – in ein anderes Gefängnis verlegt worden war. Einerseits war
Chris erleichtert gewesen, das Schwein los zu sein, doch andererseits hatte er
gewusst, was er von dem Typen erwarten konnte und hatte sich darauf eingestellt.
Seltsam, wie man im Gefängnis seine Prioritäten veränderte. Chris waren ein paar
Tage ohne Prügel oder sexuelle Dienstleistungen wie Weihnachten und Ostern
zusammen erschienen.
Er war also wieder
Freiwild für die Meute gewesen. Zwei Tage, nachdem Jackson verlegt worden war,
war es dann passiert. Er hatte, wie üblich, in der Schreinerei gearbeitet.
Draußen hatte sich ein Gewitter zusammengebraut, er konnte sich noch genau an
die grellen Blitze erinnern, die die düstere Werkstatt in gleißendes Licht
getaucht hatten. Plötzlich hatte ihn jemand von hinten gepackt, ihm den Mund
zugehalten und ihn in den angrenzenden Lagerraum geschleppt. Dort hatten bereits
vier andere Gefangene gewartet.
Chris hatte die
fünf Kerle gekannt, es war eine Gang von Latinos gewesen, die schon seit
längerem ein Auge auf ihn geworfen und ihn mit anzüglichen Gesten und
Bemerkungen verfolgt hatten. Bisher hatte ihn Jacksons Ruf, ein brutaler
Schläger zu sein, immer vor deren Annäherungsversuchen geschützt. Doch nun war
Jackson nicht mehr da und Chris sah sich allein einer Meute hungriger Wölfe
gegenüber, die ihn in Stücke reißen wollte.
Es gelang ihm noch, sich loszureißen und zur Tür zu rennen, doch Juan, der Typ,
der ihn hierher geschleppt hatte, war schneller.
„Nicht so eilig, Amigo,“ sagte der Latino mit einem dreckigen Grinsen. „Du
willst doch wohl nicht die Party verpassen, die wir extra für dich geplant
haben….“
Damit packte er Chris und schleuderte ihn zurück in den Raum, direkt in die
wartenden Arme seiner Freunde.
Die Erinnerungen an die Geschehnisse danach waren bestenfalls verschwommen. Das
Gelächter und das Johlen der fünf Männer, das Donnergrollen im Hintergrund, der
Geruch nach Blut und Samenflüssigkeit und die fürchterlichen Schmerzen, als die
Kerle ihn einer nach dem anderen brutal vergewaltigt hatten, hatten sich jedoch
für immer in seine Gedächtnis eingebrannt.
Chris holte zitternd Atem und schluckte. Gestern Nacht war er wieder in diesem
Lagerraum gewesen. Hatte lautlos darum gefleht, dass die Kerle von ihm ablassen
mögen und es endlich vorbei sein würde. Als Alexandra zu ihm ans Bett gekommen
war, hatte er sie im ersten Moment gar nicht erkannt. Die Erleichterung, die er
verspürt hatte, als sein Gehirn endlich registriert hatte, wer da neben ihm saß,
war unbeschreiblich gewesen.
Doch dann war da diese Angst gewesen, die sich wie aus dem Hinterhalt an ihn
herangeschlichen und ihm die Luft zum Atmen geraubt hatte. Er hatte gar nicht
konkret gewusst, wovor er in dem Moment Angst gehabt hatte, sie war einfach wie
aus dem Nichts aufgetaucht.
Alexandra war fantastisch gewesen. Sie war wie ein Fels in der Brandung,
unerschütterlich und voller Selbstvertrauen, das sie verstanden hatte, auf ihn
zu übertragen. Chris mochte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn sie
nicht dagewesen wäre, um ihm zu helfen.
Doch diese Tatsache stellte ihn vor ein neues Problem. Sie würde wissen wollen,
was vergangene Nacht mit ihm los gewesen war und er hatte keine Ahnung, was er
ihr erzählen sollte. Die Wahrheit stand außer Frage. Also musste er sich
schnellstmöglich eine plausibel klingende Lüge einfallen lassen. Chris seufzte
gequält auf. Er hasste es, den einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt noch
etwas bedeutete, anlügen zu müssen. Doch die Alternative dazu war zu
schrecklich, um überhaupt darüber nachzudenken.
***
Als Alexandra zur Blockhütte zurückkam, schien sie verlassen. Sie erinnerte sich
daran, dass Mary Jo davon gesprochen hatte, dass sie mit Mike und den Kindern
den Tag mit einer befreundeten Familie verbringen wollte, die ebenfalls hier am
See ein Haus besaß. Ihre Freundin hatte ihr noch den Weg dorthin beschrieben,
falls sie später mit Chris nachkommen wollte. Alexandra hatte diese Möglichkeit
offen gelassen, da sie keine Ahnung hatte, wie sich die Angelegenheit mit Chris
weiterentwickeln würde.
Alexandra betrat das Haus und ging leise die Treppe nach oben. Mittlerweile war
es fast Mittag und sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass Chris noch
schlief. Er war in der Regel ein Frühaufsteher, vermutlich ein Überbleibsel aus
seiner Zeit im Gefängnis. Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Dachkammer und
steckte den Kopf hinein. Wie erwartet war Chris wach und sah auf, als sie die
Tür ganz aufmachte und den Raum betrat.
„Morgen, Schlafmütze,“ sagte Alexandra. „Willst du etwa den ganzen Tag im Bett
verbringen? Draußen scheint die Sonne. Hast du Lust, nachher schwimmen zu
gehen?“
Chris hatte anscheinend eine etwas andere Begrüßung erwartete, denn er warf ihr
einen irritierten Blick zu.
„Ich…Ich hab keine Badehose, also wird’s damit wohl nichts,“ entgegnete er
schließlich unsicher.
„Keine Sorge, so etwas habe ich mir schon gedacht.“ Alexandra ging zu ihrem
Bett, neben dem ihre Reisetasche stand. Sie zog etwas daraus hervor. „Hier,
sogar in Schwarz. Ich hoffe nur, ich habe die richtige Größe erwischt.“
„Du hast mir eine Badehose gekauft?“ Fassungslos starrte Chris auf das
Kleidungsstück, das Alexandra ihm zugeworfen hatte.
„Ich hab nicht angenommen, dass du dich im Besitz einer solchen befindest.“ Es
wunderte Alexandra nun doch etwas, wie leicht sie ihre Befangenheit Chris
gegenüber überspielen konnte. Wahrscheinlich lag es daran, dass er sich auch
nicht gerade wohl in seiner Haut zu fühlen schien.
„Los komm, zieh dich erst mal an, dann mach ich uns noch was zum Frühstück,“
befahl sie und drehte sich um, um wieder nach unten zu gehen. Chris’ Stimme
hielt sie zurück.
„Alex?“
„Ja?“
„Danke…wegen gestern Nacht…“
Alex blieb im Türrahmen stehen und blickte über ihre Schulter zu Chris.
„Wozu sind Freunde denn da?“ sagte sie leise, bevor sie sich abwandte und nach
unten ging.
Als Chris ihr schließlich folgte, hatte Alexandra bereits frischen Kaffee
gemacht und in der Pfanne brutzelte Schinkenspeck. Sie fügte nur noch die Eier
hinzu, dann konnte sie Chris sein verspätetes Frühstück oder verfrühtes
Mittagessen – je nachdem wie man es sehen wollte – vorsetzen. Sie selbst
begnügte sich mit einem Sandwich, dass sie aber nur zur Hälfte hinunter bekam.
„Ich hoffe, dass trifft deinen Geschmack eher,“ scherzte sie in Anspielung auf
das Essen am Vorabend. Diese Bemerkung entlockte Chris sogar ein Lächeln.
„Es hat mir geschmeckt,“ gab er widerstrebend zu. „Ich hab mich früher nur immer
aus Prinzip mit meiner Mom darum gestritten, dass ich kein Grünzeug mag. Das ist
mir wohl geblieben. Und Salat hasse ich.“
„…weil die grünen Blätter eklig sind,“ fügte Alexandra hinzu und lachte. Es tat
gut zu wissen, dass sich nicht alles über Nacht verändert hatte. Chris war noch
immer der gleiche Mensch wie vorher, mit all seinen Macken und guten
Eigenschaften.
Das Ganze hatte etwas Surreales. Auf einer Bewusstseinsebene hatte sich für sie
ihr Verhältnis zu Chris von Grund auf verändert, jetzt wo sie zu wissen glaubte,
was man ihm angetan hatte und auf der nächsten erschien ihr alles so wie immer
zu sein. Das musste anscheinend ein Mechanismus ihres Unterbewusstseins sein,
der ihr helfen sollte, mit diesem furchtbaren Wissen umzugehen.
„Genau,“ bestätigte Chris selbstironisch.
Als er mit dem Essen fertig war, schickte Alexandra ihn nach oben, um sich
umzuziehen. Hätte Chris sich kategorisch geweigert, dann hätte sie die Idee mit
dem Schwimmen fallenlassen, doch er verschwand ohne Diskussion, nur um ein paar
Minuten später mit der Badehose und einem Shirt bekleidet wieder zu erscheinen.
Alexandra musste trotz ihrer noch immer aufgewühlten Gefühle lächeln, als sie
Chris sah. Seine Haut hatte einen leichten, natürlichen Braunton, ein Erbe
seiner italienischen Mutter, genauso wie seine dunklen Haare und Augen. Sie
selbst würde daneben wie ein Käseleibchen wirken.
Chris’ Vater war Ire gewesen, der als Kind mit seiner Familie in die Vereinigten
Staaten gekommen war. Chris hatte ihr einmal Bilder von seinen Eltern gezeigt.
Rory O’Connor war ein großer, bulliger Mann gewesen, der seine zierliche Frau um
mehr als zwei Köpfe überragt hatte. Alexandra hatte damals festgestellt, dass
Chris vollkommen nach seiner Mutter Giovanna schlug, sowohl vom Aussehen als
auch vom Körperbau. Sie hatte ihn gefragt, ob er eigentlich auch italienisch
konnte, doch das hatte Chris verneint. Als kleines Kind hatte er es zwar
gesprochen, doch im Jahr vor seiner Einschulung hatten seine Eltern nur noch
Englisch mit ihm geredet und er hatte mehr und mehr vom Vokabular vergessen.
Wenn seine Mutter wütend auf ihn gewesen war, hatte sie zwar auf italienisch mit
ihm geschimpft, aber das waren so ziemlich die einzigen Gelegenheiten gewesen,
wo er die Sprache noch gehört hatte.
Nachdem sie ihren Badeanzug und ein Strandkleid angezogen, ihre Haare
hochgesteckt und sich ein paar Badetücher geschnappt hatte, gesellte sie sich zu
Chris, der vor der Hütte auf sie wartete und in Gedanken versunken an seiner
Unterlippe herumkaute.
„Was ist los?“ fragte Alexandra und griff nach seiner Hand.
„Nichts,“ versicherte er ihr hastig. „Ich war nur noch nie an `nem See beim
Baden.“
„Ehrlich?“
„Hey, ich bin in `ner Großstadt aufgewachsen. Meine Eltern hatten nie soviel
Geld übrig, um irgendwohin mit mir in Urlaub zu fahren.“
„Aber L.A. liegt doch am Meer. Wart ihr da etwa auch nie?“
„Doch, manchmal,“ entgegnete Chris, während er sich von Alexandra zum Bootssteg,
der zur Blockhütte gehörte, hinunterziehen ließ. „Aber das Wasser war immer
schweinekalt.“
Sie hatten den Bootssteg erreicht. Die Sonne brannte mittlerweile erbarmungslos
herunter und ein Sprung ins kühle Nass würde eine willkommene Erfrischung sein.
Und eine willkommene Ablenkung, sowohl für sie selbst als auch für Chris. Nur
der Himmel wusste, was in Chris nach dieser Horrornacht vorgehen mochte.
Alexandra warf die Handtücher auf den Boden und streifte ihr Kleid ab, bevor sie
sich auf den Rand des Steges setzte und die Beine ins Wasser baumeln lies. Der
nächtliche Regenguss hatte den See abgekühlt, doch er hatte noch immer eine
angenehme Temperatur.
„Worauf wartest du? Zieh dein T-Shirt aus und setz dich her.“
Alexandra sah zu Chris hoch, der wie angewurzelt hinter ihr stand und sie
anstarrte.
„Chris?“
„Ähm…ja,“ stammelte er und leistete ihrer Aufforderung Folge. Er zog eine
Grimasse, als er seine Zehen in das Wasser des Sees tauchte. „Das ist ja kalt,“
beschwerte er sich.
„Das ist nur am Anfang,“ beruhigte ihn Alexandra. Dann wurde sie plötzlich
ernst. Sie hatte sich zwar vorgenommen, Chris nicht auf die vergangene Nacht
anzusprechen, doch mittlerweile war ihr klar geworden, dass sich eine derartige
Panikattacke jederzeit wiederholen konnte.
„Chris…ich frag dich jetzt etwas und ich möchte, dass du mir eine ehrliche
Antwort gibst, okay?“
Alexandra spürte, wie Chris sich neben ihr versteifte.
„Was…was willst du wissen?“ erkundigte er sich leise.
„Hast du so einen Erstickungsanfall wie letzte Nacht früher schon mal gehabt?“
„Nein, noch nie.“ Chris’ Stimme klang gepresst.
„Gut.“ Alexandra schwieg. Dass es das erste Mal gewesen war, hieß nicht, dass es
das einzige Mal bleiben würde. Allerdings würde sie es schwer haben, Chris dazu
zu bringen, deswegen ärztliche Hilfe zu suchen. Außer sie sagte ihm ihren
Verdacht direkt ins Gesicht und das war wohl keine gute Idee. Immerhin hatte sie
keine Ahnung, wie er darauf reagieren würde.
„Würdest du mir dann etwas versprechen?“
„Kommt drauf an…“
„Wenn es wieder passiert, dann gehst du zu Doktor Langton, in Ordnung?“
Alexandra musste eine ganze Weile auf die Antwort auf ihre Bitte warten. Chris
vermied es, sie anzusehen und starrte stattdessen auf den See hinaus, auf dem
sich mittlerweile ein paar Ruderboote und Kajaks tummelten. Schließlich nickte
er.
„In Ordnung,“ sagte er.
„Danke.“ Alexandra ergriff Chris’ Hand und drückte sie. „Sei mir nicht böse,
dass ich mich so in dein Leben einmische, aber…ich hab dich sehr gern und ich
mach mir Sorgen um dich.“
Jetzt endlich drehte Chris seinen Kopf und sah sie mit einem unlesbaren Ausdruck
in seinen großen braunen Augen an. Alexandra fühlte, wie sich ein Kloß in ihrem
Hals bildete.
„Ich…ich hab dich auch sehr gern, Alex, und ich bin dir nicht böse. Danke, dass
du für mich da bist,“ flüsterte er.
Alexandra spürte, dass sie gleich losheulen würde, wenn sie nicht sofort etwas
unternahm, irgendetwas. Das Wasser erschien ihr der rettende Ausweg zu sein.
„Genug gequatscht,“ rief sie betont munter und packte Chris am Handgelenk. Dann
zog sie ihn mit sich, als sie sich in die kühlen Fluten des Sees fallen ließ.
Chris’ überraschter Aufschrei brach abrupt ab, als er mit dem Kopf unter Wasser
tauchte. Keuchend und wild um sich schlagend kam er wieder nach oben.
„Bist du irre?“ kreischte er mit sich überschlagender Stimme. „Ich kann nicht….“
Er konnte den Satz nicht beenden, da er zu sehr damit beschäftigt war, sich mit
unkoordinierten Paddelversuchen über Wasser zu halten.
Alexandra erkannte ihren Fehler sofort. Natürlich, wo sollte ein Großstadtkind
schon schwimmen gelernt haben. Sie hätte sich selbst für ihre Dummheit ohrfeigen
können. Mit zwei kräftigen Schwimmstößen brachte sie sich in Chris Nähe’, der
sich sofort an sie klammerte und sie unter Wasser zu ziehen drohte.
„Alex…“ keuchte er verzweifelt.
„Chris, du kannst hier nicht ertrinken, das Wasser geht dir gerade Mal bis über
Brust! Stell dich hin!“ Während Chris beide Arme um ihren Nacken geworfen hatte,
hielt Alexandra seine Taille umfasst, um ihn daran zu hindern, dass er weiter so
herumzappelte und um ihm ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Es dauerte ein paar
Sekunden, bis ihre Worte seine Panik durchbrachen und er ihrer Aufforderung
Folge leistete.
Alexandra hielt Chris, der sein Gesicht in ihrem Nacken verbarg, noch immer fest
und wartete, bis sein Keuchen etwas nachließ.
„Tut mir leid,“ sagte sie zerknirscht. „Ich hab nicht daran gedacht, dass du
vielleicht nicht schwimmen kannst.“
„Ich hab einen Augenblick lang geglaubt, du willst mich ertränken.“ Chris hob
den Kopf und starrte Alexandra ungehalten an.
„Oh Chris….“ Alexandras Schuldgefühle wuchsen ins Unermessliche. Da hatte sie
sich stundenlang den Kopf darüber zerbrochen, wie sie ihm helfen sollte, und nun
war sie selbst die Ursache dafür gewesen, dass er Todesängste ausgestanden
hatte, auch wenn sie noch so unbegründet gewesen waren.
„Ich würde dir doch nie mit Absicht wehtun,“ flüsterte sie und strich Chris eine
nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Anstatt ihre Hand wieder wegzunehmen, lies
sie sie auf seiner Wange liegen.
Chris Augen verloren ihren anklagenden Ausdruck.
„Das weiß ich….“ entgegnete er und beugte sich unbewusst etwas nach vorne.
Alexandras rationales Denkvermögen beschloss, dies wäre ein guter Augenblick, um
sich vorübergehend in Luft aufzulösen. Außer ihr und Chris existierte in diesem
Moment nichts und niemand mehr, nicht einmal die beiden Angler, die in einiger
Entfernung in ihrem Boot saßen, und das Paar im Wasser interessiert
beobachteten.
Als ihre Lippen sich endlich zu einem ersten, zarten Kuss berührten, wusste
Alexandra, dass sich noch nie etwas so richtig angefühlt hatte und auch nie
wieder so anfühlen würde. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben auf diesen
Augenblick gewartet. Und dabei war es nur ein einfacher, unschuldiger Kuss….
Chris wich schließlich als erster zurück.
„Ähm, ich…tut mir…ich weiß nicht, was…,“ stotterte er mit blutroten Wangen.
„Nein, nein, es war meine Schuld…,“ versuchte Alexandra, ihn zu beruhigen.
„Und…und mir tut es nicht leid,“ fügte sie hinzu. Schluss mit dem Versteckspiel,
sagte sie sich. Als sie die Schuld auf sich genommen hatte, hatte sie gelogen.
Der Kuss war allein auf Chris’ Initiative zurückzuführen. Ein Zeichen dafür,
dass sie ihm als Frau doch nicht ganz gleichgültig war.
„Nicht? Ich meine, du…es hat dir gefallen?“
„Ja,“ entgegnete Alexandra fest. „Ich hab vorhin nicht übertrieben, als ich
gesagt habe, dass sich dich sehr mag. Aber ganz egal, wie du dazu stehst, wir
bleiben Freunde.“ So, jetzt war es endlich heraus. Vielleicht hätte sie
schweigen und sich zurückhalten sollen, aber sie hatte das Gefühl, dass Chris
wissen sollte, dass es doch noch einen Menschen auf dieser Welt gab, der ihn
bedingungslos liebte und dem er vertrauen konnte.
„Alex, ich weiß nicht, ob ich…ob ich das kann. Ich würde gern mit dir zusammen
sein, mehr als alles andere, aber….“ Hilflos brach Chris seinen
Erklärungsversuch ab und schlang die Arme um seinen Oberkörper. Er begann,
leicht mit den Zähnen zu klappern.
„Das ist in Ordnung,“ entgegnete Alexandra, obwohl es ihr beinahe das Herz
zerbrach. Sie konnte sich denken, wo das Problem lag. Chris hatte Angst davor,
eine Beziehung einzugehen, in der es natürlich zu weitaus intimeren Dingen
kommen würde als nur zu einem Kuss. Dazu war er einfach nicht bereit, würde es
vielleicht niemals sein, wenn er sich seiner Vergangenheit nicht stellte und
versuchte, das Geschehene zu verarbeiten.
„Komm, wir sollten rausgehen, du frierst ja,“ sagte sie und hielt Chris ihre
Hand hin.
Gemeinsam wateten sie durch das Wasser an ans Ufer. Alexandra holte die
Badetücher und reichte eines davon Chris. Charlie sprang begeistert um die
beiden herum, anscheinend in der Hoffnung, dass nun endlich jemand Zeit hätte,
mit ihm zu spielen.
“Geht’s oder möchtest du lieber ins Haus und dich umziehen?“ fragte Alexandra,
als sie sah, dass Chris noch immer zitterte.
„Ich glaub, ich geh lieber mal rein,“ murmelte dieser. „War doch ziemlich kalt
da drin.“
Alexandra sah Chris hinterher, bis er in der Hütte verschwunden war. Gut
gemacht, Hastings, dachte sie sarkastisch. Hättest du doch bloß die Klappe
gehalten.
Sie wäre Chris liebend gern gefolgt, doch sie hatte das Gefühl, dass er jetzt
allein sein musste. Seufzend trocknete sie sich mit ihrem Handtuch ab und legte
es anschließend auf den Boden, um sich darauf zu setzen. Charlie streckte sich
hechelnd neben ihr aus und gedankenverloren begann sie, seinen Kopf zu kraulen.
„Weißt du Kleiner, irgendeine Macht da oben scheint mich ganz schön zu hassen.
Da treffe ich endlich wieder jemanden, in den ich mich verlieben kann und dann
hat dieser Jemand eine Wagenladung von Problemen, bei denen ich ihm aber nicht
helfen kann, weil er mich nicht an sich ran lässt. Als Sahnehäubchen des Ganzen
scheint er auch in mich verliebt zu sein, hat aber Angst davor.“ Alexandra
lachte bitter. „Das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals….“
Chris war völlig
verstört von dem, was unten am See passiert war. Präzise ausgedrückt, er war
völlig außer sich, dass er Alexandra geküsste hatte und ihr seine wahren Gefühle
enthüllt hatte. Gefühle, die er geschworen hatte, zu unterdrücken, da es
zwischen ihm und ihr niemals mehr geben konnte als Freundschaft, auch wenn er es
sich noch so sehr wünschen mochte.
Alexandra hatte
zwar gesagt, der Kuss wäre ihre Schuld gewesen, doch Chris wusste genau, was
wirklich geschehen war. Er hatte ihren liebevollen Blick gesehen und sich
einfach nicht beherrschen können. Und dann war er zu Tode erschrocken. Es war
einfach unmöglich.
Chris warf die Badehose achtlos auf den Boden und zog sich seine Jeans an. Dann
warf er sich auf rücklings auf sein Bett und starrte an die Decke. Wieso um
alles in der Welt war er nicht zu Hause geblieben, dann wäre das alles nicht
passiert. Er konnte von Glück reden, dass Alexandra nach letzter Nacht keinen
Verdacht geschöpft hatte. Davon war er fest überzeugt, denn dann hätte sie sich
mit Sicherheit schon voller Abscheu von ihm abgewandt.
Chris kniff die
Augen fest zusammen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Er verfluchte
Kyle und Jason dafür, dass sie ihn damals überredet und mitgeschleppt hatten, er
verfluchte sich für seine eigene Dummheit, mitgemacht zu haben und er verfluchte
seine Sturheit, die ihn dazu gebracht hatte, seine Freunde nicht zu verraten und
die ihm die ursprünglich fünf Jahre in San Quentin eingebracht hatte. Er hatte
zwar Angst gehabt, dass die „Black Tigers“ seinem Vater etwas antun würden, wenn
er eines ihrer Mitglieder ans Messer lieferte, doch dafür hätte er mit der
Polizei sicher einen Deal aushandeln können.
Zum ersten Mal
betrachtete Chris die Angelegenheit trotz seiner im Moment aufgewühlten Gefühle
aus nüchterner Distanz. Hatten Kyle und Jason seine Loyalität wirklich verdient
gehabt? Sie hatten sich nicht um ihn gekümmert, als er im Gefängnis gewesen war.
Kein Besuch, nicht einmal ein Brief. Sicher, die Post wurde gelesen, doch ein
paar aufmunternde Worte hätten genügt. Sie hätten sich auch einfach bei seinem
Vater nach ihm erkundigen können, doch dazu waren sie wohl zu feige gewesen.
Chris hatte nach
seiner Entlassung einige Male mit dem Gedanken gespielt, die Adressen der beiden
herauszufinden und sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, doch was hätte er
sagen sollen? Hey Leute, da bin ich wieder, nachdem ich dreieinhalb Jahre lang
den Arsch für euch hingehalten habe?
Zornig wischte
Chris mit einer Hand über die Augen. Nicht einmal den Kampf gegen die Tränen
konnte er gewinnen….
***
Alexandra erwachte, weil ihr etwas Nasses, Schlabberiges über das Gesicht fuhr.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf.
„Bah, du Ferkel!
Du weißt genau, dass ich das hasse,“ schimpfte sie ihren Hund, dem es
anscheinend zu langweilig geworden war, sie beim Schlafen zu beobachten.
Charlie winselte mitleiderregend.
„Ja, ich weiß, ich
hab dich heute ziemlich vernachlässigt,“ brummte Alexandra und umarmte den
Mischling. „Mir ging einfach zuviel im Kopf herum.“
Ein prüfender
Blick zum Himmel zeigte ihr, dass die Sonne schon ziemlich tief stand. Es musste
bereits nach vier Uhr sein. Suchend blickte sie sich um. Von Chris war nichts zu
sehen, wahrscheinlich war er im Haus geblieben.
Alexandra stand
auf und griff nach dem Badetuch, auf dem sie gelegen hatte. Dann zog sie noch
ihr Strandkleid an, bevor sie zurück zum Haus ging. Die Andersons würden
vermutlich bald zurückkehren und zuvor musste sie die Sache mit Chris noch
halbwegs ins Lot bringen. Mary Jo hatte feine Antennen und Alexandra hatte keine
Lust, für ihre Freundin eine Geschichte erfinden zu müssen, die die Spannung
zwischen ihr und Chris erklärte.
Leise öffnete sie
die Tür zu Dachkammer und war eigentlich nicht überrascht, Chris schlafend
vorzufinden. Während sie noch mit sich selbst darüber debattierte, ob sie ihn
wecken sollte, bewegte er sich und schlug die Augen auf.
Ein paar Sekunden
starrten sie sich gegenseitig an, bevor Alexandra sich räusperte.
„Chris, ich…. Verdammt, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Der junge Mann
setzte sich auf und zog die Knie an die Brust. „Ist schon okay,“ entgegnete er.
„Beschissene Situation, was?“
Diese drastische,
aber überaus treffende Beschreibung brachte Alexandra zum Lächeln.
„Kann man wohl sagen,“ bestätigte sie und setzte sich zu Chris aufs Bett. „Hör
mal, ich wollte dich vorhin nicht unter Druck setzen, als ich…als ich dir gesagt
habe, dass ich mehr als nur Freundschaft für dich empfinde. Ich kann damit
leben, wenn du nicht mehr willst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich immer
für dich da sein werde, egal was passiert.“ Oder passiert ist, fügte sie
innerlich hinzu. Laut wagte sie das nicht auszusprechen.
Chris schluckte
schwer. „Danke Alex. Ich wünschte, ich könnte dir erklären…“ Er brach ab und
malte mit dem Zeigefinger imaginäre Muster auf seiner Bettdecke nach.
„Ich auch,“ sagte
Alexandra mehr zu sich selbst. „Vielleicht kannst du es ja eines Tages. Aber bis
dahin bleiben wir Freunde, versprochen?“
Chris schniefte
und schien den Tränen nahe. „Versprochen,“ würgte er hervor.
Wortlos rutschte
Alexandra näher zu ihm und nahm ihn in die Arme. „Ich hab dich lieb,“ flüsterte
sie und drückte Chris, der ihre Umarmung verzweifelt erwiderte, fest an sich.
***
Alexandra saß in Doktor Winslow’s gemütlichem, etwas altmodisch eingerichteten
Wohnzimmer, durch dessen großzügiges Panoramafenster man eine wundervolle
Aussicht auf die Bay von San Francisco hatte. Es war später Nachmittag und die
Wolken, die um diese Jahreszeit oft die Golden Gate Bridge vor den Blicken der
Touristen und Einheimischen verbargen, hatten sich für den Rest des Tages
verzogen.
Der Ausflug an den
Shashta Lake hatte am späten Samstagnachmittag ein jähes Ende gefunden, nachdem
Jamie beim Spielen von einem Baumstumpf gestürzt war und sich den Arm gebrochen
hatte. Nachdem der Junge in der nächstgelegenen Notfallklinik versorgt worden
war, wollte Mary Jo natürlich nach Hause. Alexandra war deswegen nicht böse
gewesen, es hatte sie zusehends angestrengt, sich vor Mary Jo heiter und
unbeschwert zu geben.
Während der
Heimfahrt war Chris schweigsam und in sich gekehrt gewesen. Auch Alexandra hatte
nicht viel Lust zum Reden gehabt, zu viele Gedanken waren ihr im Kopf
herumgeschwirrt. Als sie schließlich gegen halb zwei endlich zu Hause angekommen
waren, hatte Chris ihr noch geholfen, die Sachen auszuladen, dann war er sehr
schnell mit einem knappen Gute-Nacht-Gruß in seinem Zimmer verschwunden.
Gleich am
Montagmorgen hatte Alexandra Doktor Winslow angerufen. Die Psychologin war
äußerst betroffen gewesen, als sie den Grund für Alexandras Anruf erfahren hatte
und sie für den folgenden Abend zu sich nach Hause eingeladen.
„Ich weiß nicht,
wie ich die ganze Zeit so blind sein konnte,“ sagte Alexandra. Doktor Winslow
hatte ihr schweigend zugehört, während Alexandra ihr erzählt hatte, wie sie zu
ihrer Vermutung gekommen war. „Doktor Langton muss so etwas auch in Erwägung
gezogen haben, sonst hätte er doch diese Tests nicht durchführen lassen.“
Die Psychologin
seufzte, während sie nachdenklich ihren Tee umrührte. „Nun, mit Sicherheit
können wir es natürlich nicht sagen, aber alles deutet darauf hin, dass Sie
recht haben, Alexandra. Es war allerdings gut, dass Sie Chris nicht darauf
angesprochen haben. Er hätte dann wahrscheinlich völlig blockiert.“
„Aber…was soll ich
jetzt machen? Wie soll ich mit ihm umgehen? Es liegt doch auf der Hand, dass er
Hilfe braucht.“
„Natürlich,“
nickte die ältere Frau. „Sehen Sie, es überrascht mich nicht, dass Chris im
Gefängnis vergewaltigt wurde, er ist das typische Opfer dafür. Jung, mit
siebzehn eigentlich fast noch ein Kind, keine gewalttätige Reputation, weiß….
Eigentlich war es vorprogrammiert.“
„Wie meinen Sie
das?“ Alexandra setzte sich auf.
„Alexandra, Sie
kennen doch mit Sicherheit all diese Witze und Anspielungen…. Es ist traurig
aber wahr, dass in unseren Gefängnissen Vergewaltigungen an der Tagesordnung
sind. Niemand spricht darüber, aber es ist so. Die wenigsten Opfer wagen es,
damit zu einem Therapeuten oder gar an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich arbeite
ehrenamtlich in einer Anlaufstelle für Vergewaltigungsopfer, die anonym bleiben
wollen. Im Laufe der Jahre waren auch einige Männer dabei, viele davon waren im
Gefängnis vergewaltigt worden. Was sie mir erzählt haben, lässt mich gravierend
an unserem Rechtssystem zweifeln.“
Alexandra musste
erst einmal tief durchatmen, bevor sie in der Lage war, etwas zu sagen. „Aber
wieso? Wieso passiert so etwas? Was ist mit diesen Schweinen los, die anderen
Menschen, egal ob Frau oder Mann, so etwas antun?“
Doktor Winslow
rückte ihre Brille zurecht. „Genau kann ich Ihnen das auch nicht erklären. Ich
denke, in erster Linie geht es um Machtausübung, um Dominanz. Beweisen, wer der
Stärkere ist. Die wenigsten der Männer, die andere Männer vergewaltigen, sind
homosexuell, zumindest im Gefängnis.“
Alexandra fuhr
sich mit beiden Händen über das Gesicht und durch die Haare. „Und was soll ich
jetzt in Bezug auf Chris tun?“ fragte sie. Das, was Doktor Winslow ihr gerade
erzählt hatte, übertraf ihre schlimmsten Vorstellungen.
„Nun, zeigen Sie
ihm, dass Sie für ihn da sind,“ entgegnete die ältere Frau. „Mehr können Sie im
Moment nicht tun. Sie sollten ihn auf keinen Fall zum Reden zwingen.“
Als Alexandra
Doktor Winslow’s Wohnung am späten Abend verließ, fühlte sie sich, als hätte sie
gerade einen dreistündigen Marathonlauf hinter sich. Es hatte sie zuriefst
entsetzt, als sie gehört hatte, wie oft sexuelle Übergriffe tatsächlich in den
amerikanischen Gefängnissen passierten. Chris war demzufolge kein Einzelfall.
Das meiste davon, was Doktor Winslow ihr erzählt hatte, war Alexandra eigentlich schon klar gewesen, es hatte aber dennoch gut getan, mit jemandem darüber zu reden. Was sie nicht gewusst hatte, war, dass Männer eine Vergewaltigung teilweise anders empfanden als Frauen.
Dass sie viel
stärkere Schuldgefühle entwickelten, weil sie den Akt nicht verhindert hatten,
weil sie fürchteten, homosexuell zu sein, weil sie in ihrer Panik und ihrem
Schmerz möglicherweise körperlich reagiert hatten und weil sie Angst davor
hatten, dass andere sich über sie lustig machen und mit dem Finger auf sie
zeigen würden oder sie ablehnen würden.
Es war also kein
Wunder, dass Chris so verschlossen war und Alexandra konnte nur hoffen, dass er
irgendwann doch den Mut finden würde, darüber zu reden.
Es war ein
sonniger Herbsttag Anfang September. Chris war draußen und kletterte auf dem
Garagendach herum, um festzustellen, wie groß die Schäden daran waren und ob er
es reparieren konnte oder ob es ganz erneuert werden musste. Als Alexandra eine
Schere und eine Pinzette aus einem Schrank holte und zufällig aus dem Fenster
sah, konnte sie sehen, wie er sich aufrichtete, die Hände in die Hüften stemmte
und den Kopf schüttelte. Also konnte sie sich darauf einstellen, dass es mit ein
paar neuen Brettern wohl nicht getan sein würde.
Etwa ein Monat war seit diesem schicksalhaften Wochenende vergangen. An der
Oberfläche hatte sich an ihrer Beziehung nichts verändert, keiner ihrer Freunde
hatte etwas bemerkt, doch Alexandra konnte deutlich die unterschwellige Spannung
spüren, die zwischen ihr und Chris herrschte, wenn sie allein waren. Sie hatte
auch den Eindruck, dass er ihr aus dem Weg ging. Seufzend drehte sie sich um.
„Also, dann wollen wir mal“, sagte sie. „Würden Sie sie bitte festhalten,
während ich die Fäden entferne?“
Sie, das war eine wunderschöne Golden-Retriever-Hündin, die von ihrem Herrchen,
einem Arbeitskollegen von Mike namens Ryan Burnett vor zehn Tagen nach einer
Auseinandersetzung mit einem Dobermann in ihrer Praxis gelandet war. Ryan hatte
völlig hysterisch die Andersons angerufen, da er erst vor ein paar Wochen in
diese Gegend gezogen war und Mike hatte ihn dann samt Hund sofort zu Alexandra
gefahren. Bonnie hatte ein paar üble Bissverletzungen gehabt, die genäht werden
mussten, doch sonst war sie mit einem Schrecken davon gekommen. Charlie hatte
sich natürlich sofort in sie verliebt.
„Natürlich“, antwortete Ryan, ein großer Blondschopf mit Vollbart, grünen Augen
und einer sportlich durchtrainierten Figur.
Während sie Bonnies Verletzungen versorgt hatte, hatte Alexandra ihn ein wenig
ausgefragt, um ihn von seiner Sorge um sein Haustier abzulenken, und erfahren,
dass seine Frau ihm kurz vor ihrem Tod vor drei Jahren die Hündin zum Geburtstag
geschenkt hatte und er daher sehr an Bonnie hing.
Während Ryan Bonnie festhielt und ihr beruhigende Worte ins Ohr flüsterte,
entfernte Alexandra fachmännisch die Fäden und desinfizierte die frisch
verheilten Wunden. Es würde eine Weile dauern, bis nachwachsendes Fell die
Narben bedecken würde.
„So, fertig“, sagte Alexandra und tätschelte der winselnden Hündin den Kopf.
„Keine Bange, in ein paar Monaten bist du wieder so hübsch wie eh und je.“
Erleichtert lachte Ryan auf. „Vielen Dank, Doktor Hastings. Ich weiß gar nicht,
was wir ohne Sie getan hätten.“ Verlegen kratzte er sich am Kopf.
„Sie wären zu einem anderen Tierarzt gefahren?“
Alexandra konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. Ihr war durchaus
aufgefallen, dass Bonnies Herrchen immer wieder versucht hatte, mit ihr zu
flirten, wenn er mit der Hündin zu den Kontrollterminen gekommen war.
„Der wäre aber vermutlich nicht so hübsch gewesen wie Sie.“
Alexandra setzte schon zu einer bissigen Entgegnung an, als Ryan abwehrend die
Hand hob.
„Tut mir leid, tut mir leid, das hätte ich wohl nicht sagen sollen. War wohl
etwas plump. Können Sie mir noch Mal verzeihen?“
Treuherzig blickte er Alexandra an.
„Dieses eine Mal“, entgegnete die junge Tierärztin warnend, während sie die
gebrauchten Instrumente in eine Schale mit Desinfektionslösung warf.
„Das wär’s eigentlich. Bonnie ist wieder fast wie neu. Ich gebe Ihnen noch eine
Salbe mit, die Sie die nächsten zwei Wochen auf die frischen Narben auftragen
sollten. Sie desinfiziert und unterstützt die Heilung.“
Alexandra öffnete den Medikamentenschrank und zog eine Tube heraus, die sie dem
betreten dreinschauenden Ryan überreichte.
„Sonst noch etwas?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ryan druckste verlegen herum.
„Ich soll Ihnen einen schönen Gruß von Mary Jo bestellen. Sie lädt Sie für
morgen Abend zum Essen ein.“
„Tatsächlich? Sind Sie auch eingeladen?“
Mit verschränkten Armen wartete Alexandra auf die Antwort, die sie eigentlich
schon wusste. Verflixte Mary Jo, sie konnte es einfach nicht lassen!
„Ähm, ja…“
„Tut mir leid, geht leider nicht. Morgen bringe ich meinen Wagen in die
Werkstatt, die Bremsen funktionieren nicht richtig.“
Für Alexandra war die Angelegenheit damit erledigt, denn sogar ein Volltrottel
musste inzwischen erkannt haben, dass sie nicht interessiert war. Sie hatte nur
leider vergessen, dass verliebte Männer zu dieser Kategorie zählten….
„Oh, das wäre gar kein Problem.“ Ryans Augen leuchteten auf. „Ihr Haus liegt
direkt auf meinem Weg zu den Andersons. Ich kann Sie mitnehmen.“
Prima Alex, gefangen in deinem eigenen Netz, dachte sie sarkastisch. Entweder du
stößt den Typ jetzt völlig vor den Kopf oder du nimmst sein Angebot an.
Im Stillen ein schreckliches Schicksal für Mary Jo planend stimme sie Ryans
Vorschlag zähneknirschend zu.
***
„Chris? Chris, wo steckst du?“
Alexandra stand fertig angezogen im Hausgang und fragte sich, wo ihr Mitbewohner
und Ursache diverser schlafloser Nächte stecken mochte. Er hatte sich den ganzen
Tag ziemlich rar gemacht und war nur zum Mittagessen kurz erschienen. Danach war
er in ihrem kleinen Praxisbüro verschwunden, hatte ein paar Rechnungen fertig
gemacht und sie ihr zur Durchsicht auf den Küchentisch gelegt.
Erst vorhin, als sie ein paar Sandwiches für ihn vorbereitet hatte, war
Alexandra eingefallen, dass Chris ja gar nicht wusste, dass sie heute Abend
nicht zu Hause sein würde.
Alexandra öffnete gerade den Mund, um seinen Namen nochmals äußerst undamenhaft
durchs ganze Haus zu brüllen, als Chris mit einem Handtuch in der Hand oben auf
der Treppe erschien und sich die nassen Haare rubbelte. Er trug nur eine Jeans,
die gefährlich niedrig auf seinen schmalen Hüften saß.
„Was ist den los? Brennt’s irgendwo? Ich war gerade unter der Dusche“, fügte er
überflüssigerweise hinzu.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute Abend bei Mary Jo bin. Dein Essen
steht auf dem Küchentisch, du brauchst dir also keine Pizza kommen zu lassen.“
Chris kam die Treppe herunter. Er war barfuss. Als er vor Alexandra stehen
blieb, konnte sie den würzigen Duft des Duschgels riechen, das er benutzt hatte.
„Läufst du oder holt dich Mike? Ich hab den Wagen vorhin noch in die Werkstatt
gebracht“, erinnerte er sie.
„Nein, Bonnies Herrchen nimmt mich mit“, erklärte Alexandra.
Chris zog die Augenbrauen hoch.
„Der Typ, der dich so genervt hat mit seinen übertriebenen Komplimenten?“ fragte
er ungläubig.
Alexandra erinnerte sich, dass sie ein paar ziemlich boshafte Bemerkungen über
Ryan Burnett losgelassen hatte, als Julie sie vorgestern besucht hatte. Chris
musste anscheinend in Hörweite gewesen sein und sich nichts dabei gedacht haben,
zu lauschen.
Fieberhaft überlegte sie, worüber sie sonst noch alles gesprochen hatten und
spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Manche Dinge waren nun wirklich
nicht für fremde Ohren bestimmt gewesen. Wieso musste Julie auch so eine
freizügige Klappe haben? Wenigstens hatten sie nicht über Chris geredet.
„Genau der“, bestätigte Alexandra knapp, um ihre Verlegenheit zu überspielen.
„Was dagegen?“
Chris verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie an.
Es klingelte und Charlie rannte mit ohrenbetäubendem Gebell zur Tür und sprang
daran hoch. Alex packte ihn am Halsband und zog ihn zurück.
„Oh nein, mein Schatz, du bleibst hier“, sagte sie energisch. „Nimmst du ihn
mal?“
Als Chris Charlie fest an seinem Halsband hielt, öffnete Alexandra die Tür, um
Ryan zu begrüßen und wusste im selben Augenblick, dass sie sich doch lieber eine
Ausrede hätte einfallen lassen sollen, warum sie heute Abend absolut keine Zeit
hatte.
Sie konnte Ryans Gesicht nicht sehen, weil es von einem riesigen Blumenstrauß
verdeckt wurde. Hinter sich hörte sie trotz Charlies Gekläffe ein verächtliches
Schnauben. Alexandra wünschte sich, dass sich die Erde auftun möge und alle
männlichen Wesen, die sich in ihrer unmittelbaren Gegenwart befanden,
verschlucken möge.
Verlegen grinste Ryan hinter seinem bunten Mitbringsel hervor.
„Guten Abend, Alexandra. Ich darf doch Alexandra sagen?“
Alexandra holte tief Luft. „Natürlich“, entgegnete sie mit einem gezwungenem
Lächeln. „Sind die Blumen etwa für mich?“
„Oh…ja“, stammelte Ryan und streckte ihr den Strauß entgegen. Alexandra ergriff
ihn und trat zur Seite.
„Kommen Sie doch einen Moment herein, bis ich die Blumen ins Wasser gestellt
habe.“
Ryan folgte ihrer Aufforderung nur zu gerne, blieb aber wie angewurzelt stehen,
als er Chris erblickte.
„Oh, Chris kennen Sie ja“, rief Alexandra aus der Küche, während sie Wasser in
einen großen Putzeimer laufen lies. Sie hatte keine Ahnung, wo sich in ihrem
Haushalt eine Vase befand, geschweige denn, ob sie überhaupt eine besaß.
Als sie zurück in den Flur kam, lehnte Chris mit verschränkten Armen und
finsterem Gesichtsausdruck an der Wand und Ryan starrte an die Decke.
Plötzlich ging Alexandra auf, wie die Situation auf die beiden Männer aus deren
jeweiligem Blickwinkel wirken musste und sie hätte beinahe losgelacht. Für Ryan
musste es extrem befremdlich erscheinen, dass ein halbnackter junger Mann im
Flur seines Dates stand und ihn feindselig musterte und Chris schien nicht
besonders erfreut zu sein, dass sie ein Date hatte. Geschah den beiden Idioten
recht, dachte Alexandra rachsüchtig.
„Wir können dann“, teilte sie Ryan mit zuckersüßer Stimme mit. „Du brauchst
nicht auf mich zu warten.“
Mit diesen Worten bedachte sie Chris, der daraufhin die Tür mit einem hörbaren
Knall hinter ihnen schloss.
Ryan hielt ihr gentlemanlike die Tür seines Wagens auf, bevor er sich selbst ans
Steuer setzte und den Wagen startete.
„Ähm, Ihr Freund war nicht besonders erfreut….“
„Oh, Chris ist nicht mein Freund. Jedenfalls nicht mein Freund im Sinne von
„Freund“,“ winkte Alexandra mit einer Hand ab, während sie mit der anderen an
ihrem Sicherheitsgurt herumnestelte. „Er arbeitet für mich, als Mädchen für
alles. Hat Ihnen Mary Jo das nicht erzählt?“
„Nein….“ Ryan schien nicht zu wissen, ob er erleichtert sein sollte oder nicht.
„Oh, wie nachlässig von ihr.“
Es war bereits
kurz vor zwei Uhr, als Ryan Alexandra nach Hause brachte. Entgegen ihren
Erwartungen hatte ihr der Abend sogar gefallen, weil sie die Gesellschaft
endlich einmal für ein paar Stunden von ihren Sorgen abgelenkt hatte. Ryan hatte
sich als amüsanter Gesprächspartner entpuppt, nachdem er endlich aufgegeben
hatte, ihr so übertrieben zu schmeicheln.
Alexandra lies sich von ihm zur Haustür begleiten. Ihr war klar, was jetzt
gleich kommen würde. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung am Gangfenster
im oberen Stockwerk wahr, als sie mit Ryan auf die Haustreppe zuging. Es war so
flüchtig, dass sie sich dachte, sie müsse sich getäuscht haben.
„Alexandra?“ Ryans Stimme riss sie aus ihren Überlegungen.
„Ja?“
„Ich wollte mich bei Ihnen für einen zauberhaften Abend bedanken und…“
Langsam beugte er sich vor, doch Alexandra legte ihm schnell die Hand auf die
Brust und wich einen Schritt zurück.
„Tut mir leid, Ryan, aber…ich möchte das nicht“, sagte sie bestimmt.
Wortlos starrte der Blondhaarige sie an. Enttäuschung und Wut über die Abfuhr
stand im deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Ist es wegen diesem Jungen?“ fragte er.
„Sie meinen Chris? Wenn es so wäre, dann würde es Sie kaum etwas angehen, oder?“
Alexandra war auf der Hut. Ryan schien zu der Sorte von Männern zu gehören, die
mit Zurückweisungen nicht umgehen konnten.
„Ha, also ist es so“, lachte er verächtlich. „Tagsüber arbeitet er für Sie und
nachts wärmt er Ihnen das Bett. Bezahlen Sie ihn dafür etwa auch?“
Alexandra holte weit aus und schlug zu. Ryans Kopf flog zur Seite.
„Runter von meinem Grundstück“, fauchte sie und sah voller Befriedigung, dass
die Lippe dieses Mistkerls von ihrem Schlag aufgeplatzt war und ihm ein dünnes
Rinnsal Blut über das Kinn lief.
Ryan schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich dann angesichts von
Alexandras offensichtlicher Wut anders und ging mit schnellen Schritten zu
seinem Wagen. Mit quietschenden Reifen fuhr er davon.
Alexandra atmete tief durch und setzte sich erst einmal auf die Treppe, um sich
zu beruhigen. Ihr Instinkt hatte also wieder einmal Recht behalten. Ryan Burnett
gehörte auch zu dieser Kategorie Mann, die sie bis aufs Blut hasste.
Aus dem Seitenfach ihrer Handtasche zog sie ein kleines, silbernes
Zigarettenetui, das ihrem Großonkel gehört hatte. Bevor sie ins Haus ging,
brauchte sie erst einmal eine Zigarette. Oder auch zwei.
***
Die Uhr schlug halb drei, als Alexandra endlich die Tür aufschloss und das
dunkle Haus betrat. Chris schien jedoch noch wach zu sein, oben drang Musik aus
einem der Räume. Es hörte sich nach Punkrock an. Alexandra seufzte. Erst dieser
Ryan, dann würde sie sich auch noch mit Chris auseinandersetzen müssen.
Langsam stieg sie die Treppe hoch. Vor ihrem Zimmer lag Charlie, dem die Musik
ebenfalls auf die Nerven zu gehen schien, denn er warf ihr nur einen gequälten
Blick zu, als sie das Ganglicht anschaltete.
„Geht das etwa schon die ganze Zeit so?“ fragte Alexandra und beugte sich
hinunter, im ihren Liebling hinter den Ohren zu kraulen. „Armer Schatz. Frauchen
wird gleich dafür sorgen, dass du schlafen kannst.“
Alexandra richtete sich wieder auf. Sie hatte die Musik vor dem Haus gehört und
gedacht, einer der Teenies aus der Nachbarschaft würde eine Party feiern. Ihre
Nachbarn auf der anderen Seite, zu der Chris’ Zimmer hin lag, hielten sie mit
Sicherheit inzwischen für verrückt.
Alexandra holte noch einmal tief Luft, bevor sie Chris’ Zimmer betrat, die Tür
hinter sich schloss und zielstrebig auf die Stereoanlage zusteuerte, um sie
auszumachen. Die Stille, die sich danach ausbreitete, war gleichzeitig erholsam
und…bedrohlich? Verwundert über diesen Gedanken drehte sich Alexandra zum Bett
um, auf dem Chris im Schneidersitz an die Wand gelehnt saß und sie aus
zusammengekniffenen Augen anstarrte.
Der Raum lag im Halbdunkel, nur die Lampe auf dem Schreibtisch, auf dem sich
Chris’ Schulsachen türmten, brannte. Er war schon lange abends nicht mehr zu ihr
in die Küche oder in das kleine Wohnzimmer neben ihrem Schlafzimmer gekommen, um
zu lernen und sie bei manchen Dingen um Hilfe zu bitten. Noch etwas, dass sich
seit den Ereignissen am Shashta Lake geändert hatte.
„Wieso bist du noch wach?“
Um das Schweigen zu brechen, stellte Alexandra genau die Frage, die sie seit
Betreten des Hauses beschäftigte. Sie konnte sich die Antwort zwar denken, doch
sie wollte sie aus Chris’ Mund hören. Sie hatte dieses
Auf-Samtpfoten-Umeinander-Herum-Schleichen satt.
„War’s schön?“ kam wie aus der Pistole geschossen die Gegenfrage.
Aha, dachte Alexandra sarkastisch, wir sind also tatsächlich eifersüchtig.
„Ja, es war ganz amüsant und…aufschlussreich.“
Befriedigt beobachtete Alexandra, wie Chris’ Lippen sich zu einer schmalen Linie
zusammenpressten. Touché.
„Du hast ja `ne ganze Weile gebraucht, um dich an der Haustür von diesem Typen
zu verabschieden.“
Sie hatte sich vorhin doch nicht getäuscht, als sie geglaubt hatte, etwas
bemerkt zu haben. Chris hatte also das Auto herfahren sehen. Zufällig oder hatte
er tatsächlich am Fenster wie ein besorgter Vater auf seine minderjährige
Tochter auf sie gewartet? Wobei „besorgt“ wohl das falsche Adjektiv war.
„Soll das jetzt ein Verhör werden? Wer gibt dir eigentlich das Recht dazu?“
Der ganze Frust, die Hilflosigkeit, die sich in Alexandra aufgestaut hatten,
wollten plötzlich an die Oberfläche und sie dachte nicht mehr über die Worte
nach, die aus ihr hervorsprudelten.
„Du willst mich nicht, aber ich darf auch keinen Anderen ansehen? Ist es das?“
Chris war mit einem Satz aus dem Bett und stand vor ihr. Seine Hände waren zu
Fäusten geballt.
„Das habe ich nie gesagt“, presste er hervor. „Ich will…“
„Was? Was willst du eigentlich?“ provozierte Alexandra.
Chris schloss einen Moment lang gequält die Augen. In ihm schien es zu brodeln.
Dann packte er Alexandra mit einem schmerzhaften Griff an den Oberarmen.
„Das hier“, sagte er heiser und verschloss Alexandras Mund mit einem Kuss.
Alexandra war im ersten Moment zu überrascht um zu reagieren. Das war kein
sanfter, zärtlicher Kuss wie der damals im See, sondern aggressiv und fordernd,
fast ein Angriff.
Sie hätte der Sache jederzeit ein Ende machen können, hätte es vielleicht sogar
tun sollen, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, Chris von sich zu
stoßen. Vergessen waren alle Skrupel und Bedenken, ob es richtig war, ihn
gewähren zu lassen.
Alexandra öffnete den Mund, als sie Chris’ Zungenspitze an ihren Lippen spürte.
Sie hörte auf zu denken und ließ sich einfach fallen.
Als Alexandra ihre Umgebung wieder bewusst wahrnahm lag, sie rücklings auf dem
Bett, mit Chris halb auf ihr. Wie sie dort gelandet war, daran konnte sie sich
beim besten Willen nicht erinnern. Zu sehr hatte sie sich auf die Gefühle
konzentriert, die Chris’ Kuss in ihr hervorgerufen hatten.
Keuchend schnappte Alexandra nach Luft, als Chris plötzlich von ihr abließ und
schwer atmend auf sie hinuntersah. Seine Augen glitzerten im dämmerigen Licht
wie schwarzer Onyx.
„Und? War er besser? Tut mir leid, ich hab leider nicht so viel
Erfahrung…Autsch!“
Auf Alexandra hatten Chris’ Worte wie eine kalte Dusche gewirkt. Sie boxte ihn
in die Rippen und nutzte seine Verblüffung, um ihn von sich herunter zu rollen
und quasi ihre Positionen zu vertauschen. Jetzt war sie diejenige, die oben lag.
„Du dämlicher Idiot, da war überhaupt nichts!“ schäumte sie. „Ich hab diesem
eingebildeten Trottel eine gescheuert, als er versucht hat, mich zu küssen. Ich
war nur solange draußen, weil ich mich abregen musste. ALLEIN!“
Chris sah sie ungläubig an.
„Und wieso hast du das nicht gleich gesagt?“
Alexandra schloss die Augen und flehte alle Götter dieser Welt um Geduld an.
„Ich sag es dir, wenn du mir erklärt hast, wieso du glaubst, dass es dich etwas
angeht“, entgegnete sie schließlich. „Du hältst mich auf Armeslänge von dir
fern, gehst mir aus dem Weg, aber kaum taucht jemand auf, der sich für mich
interessiert, dann flippst du aus wie ein eifersüchtiges Eichhörnchen. Findest
du das nicht ein wenig schizophren?“
Chris drehte den Kopf zur Seite um Alexandras forschendem Blick auszuweichen.
Jetzt, wo sie wieder vernünftig denken konnte, war ihr natürlich klar, wieso
Chris sich so verhielt. Aber sie hatte nicht vor, die Gelegenheit zu verpassen,
ihn vielleicht zum Reden zu bringen.
Es dauerte etwas mehr als eine Minute, bis Chris sie wieder ansah. Seine Augen
waren verdächtig feucht.
„Ich…ich dachte, ich hätte dich verloren“, flüsterte er. „Darum bin ich vorhin
so ausgerastet. Alex…ich hab dir doch nicht wehgetan, oder?“
Alexandra schüttelte den Kopf. „Nein, hast du nicht“, antwortete sie. „Du
müsstest mich doch mittlerweile gut genug kennen, um zu wissen, dass ich mich
wehren kann, wenn ich etwas nicht will. Aber dass du tatsächlich gedacht hast,
ich hätte mich mit diesem Trottel eingelassen.... Dafür schuldest du mir eine
Entschuldigung. Am besten in Form von einem Monat freiwilligem Küchendienst.“
Mit dem letzten Satz hatte sie zumindest erreicht, dass sich ein zaghaftes
Lächeln auf Chris’ Gesicht ausbreitete.
„Kannst du noch mal Gnade vor Recht ergehen lassen und mich mit zwei Wochen
davonkommen lassen?“ fragte er. Dann wurde er wieder ernst. „Du bist mir nicht
böse?“
Als Antwort senkte Alexandra den Kopf und gab ihm einen sanften Kuss.
„Bin ich nicht“, wisperte sie.
Chris hob die Hand, um mit dem Zeigefinger ihre Lippen nachzufahren.
„Ich liebe dich, Alex.“
Dieses mit rauer Stimme hervorgebrachte Geständnis ließ Alexandra zum zweiten
Mal an diesem Abend jegliche Vernunft und den Rest der Welt vergessen. Sie
wollte nur noch eines: Chris beweisen, dass Intimität zwischen zwei Menschen
nichts Schlechtes oder Beängstigendes war. Denn diese Überzeugung war vermutlich
der wahre Grund, warum er sich so von ihr zurückgezogen hatte.
„Ich liebe dich auch“, entgegnete sie, bevor sie begann, ihr Vorhaben in die Tat
umzusetzen und Chris erneut küsste.
Aus den Küssen wurde bald ein gegenseitiges, vorsichtiges Erforschen des Köpers
des Anderen. Alexandra spürte, wie Chris Hände unter ihr T-Shirt wanderten und
über ihren nackten Rücken strichen. Als sie zaghaft begannen, am Verschluss
ihres BHs zu nesteln, richtete Alexandra sich auf und zog ihr Shirt aus. Die
Augen fest auf Chris’ Gesicht gerichtet, ließ sie anschließend die Träger des
BHs langsam über ihre Schultern gleiten.
Chris setzte sich ebenfalls auf und starrte sie an.
„Du bist wunderschön…“, flüsterte er fast andächtig.
Alexandra schluckte und griff nach dem Saum von Chris’ T-Shirt. Sie wartete, bis
er die Arme hob, damit sie es ihm über den Kopf ziehen konnte. Er war zwar
schlank, schlanker noch als sie selbst, doch hatte er sich durch die harte
körperliche Arbeit fein definierte Oberkörpermuskeln erworben, deren Spiel bei
jeder Bewegung deutlich zu sehen war.
Chris umgriff ihre Taille mit beiden Händen und strich dann langsam nach oben,
bis seine Daumen knapp unterhalb ihrer Brüste waren.
„Fass mich ruhig an.“
Ihre eigene Stimme klang fremd in Alexandras Ohren. So oft schon hatte sie in
ihren Fantasien diesen Augenblick durchlebt, doch die Realität ließ all ihre
Vorstellungen verblassen.
Chris’ Berührungen waren so unendlich zärtlich und vorsichtig, er behandelte
sie, als wäre sie aus feinstem Porzellan und würde unter dem leisesten Druck
zerbrechen.
Sie küssten sich wieder und wieder, bis Alexandra sich nach hinten in die Kissen
fallen ließ und Chris mit sich zog. Chris’ Atem ging schwer und an ihrem
Oberschenkel konnte sie den Beweis dafür spüren, dass er genauso erregt war wie
sie selbst.
Alexandra gab Chris’ einen sanften Schubs, so dass er auf der Seite lag. Dann
beobachtete sie sein Gesicht genau, während sie ihre Hand ganz langsam an seinem
Bauch hinunter gleiten ließ, bis sie den Bund seiner Jeans ereichte. Sie strich
mit dem Finger daran entlang, bevor sie am Verschluss seines Gürtels anhielt.
Chris schlug die Augen auf, die er während Alexandras Liebkosungen geschlossen
hatte. Er schluckte, dann nickte er auf die unausgesprochene Frage, die zwischen
ihnen stand.
„Wir müssen nicht…“ sagte Alexandra leise.
Das Letzte, was sie wollte, war, dass Chris sich zu irgendetwas gezwungen
fühlte, wozu er nicht bereit war. Auch wenn sie sich dann eine Stunde lang unter
eine kalte Dusche stellen musste.
„Ich will es aber“, kam die heisere Antwort. „Bitte, Alex….“
Alexandras Finger begannen zu zittern, als sie langsam die Gürtelschnalle
öffnete….
Gedankenverloren
spielte Chris mit einer blonden Locke. Immer wieder rollte er sie sich um den
Zeigefinger, ließ sie los und sah zu, wie sie wieder in ihre ursprüngliche Form
zurückschnellte.
Die Besitzerin besagter Locke lag schlafend neben ihm, ein sanftes Lächeln auf
ihrem entspannten Gesicht.
Chris hatte sich nicht vorstellen können, dass es so viel Liebe, soviel
Zärtlichkeit auf der Welt gab, bis Alexandra es ihm bewiesen hatte. Er hatte
nicht geglaubt, dass man einem anderen Menschen so nahe sein konnte, nicht nur
im körperlichen Sinne. Chris fand keine Worte, das Feuerwerk der Gefühle zu
beschreiben, das mit Alexandra zu schlafen in ihm ausgelöst hatte. Körperliche
Nähe war für ihn in San Quentin zu einem Synonym für Schmerz, Angst, Tränen und
unbeschreibliche Demütigung geworden.
Übelkeit stieg in Chris hoch, als er daran dachte, was er im Gefängnis getan
hatte. Alle Seife, alles Wasser dieser Welt war nicht genug, um den Schmutz, der
an ihm klebte, wieder abzuwaschen. Er hatte gelernt, mit diesem Gefühl zu leben,
hatte gelernt, es so weit wie möglich aus seinem Bewusstsein auszublocken. Aber
nun brach alles wieder hervor. Nicht nur das, ihm wurde plötzlich klar, dass er
auch Alexandra in diesen Schmutz hinuntergezogen hatte, allein dadurch, dass er
es gewagt hatte, sie anzufassen.
Eisiges Entsetzen breitete sich in Chris aus. Wie sollte er Alex jemals wieder
in die Augen sehen können? Er war ein guter Schauspieler und Lügner, wenn es
sein musste, doch den einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutete, in so einer
Sache anzulügen…. Was um alles in der Welt hatte er da angerichtet? Wieso nur
hatte er Alexandra geküsst und sich aufgeführt, als würde sie ihm gehören? Hätte
er doch nur seine verdammte Klappe gehalten.
Alexandra bewegte sich und murmelte etwas vor sich hin. Chris erschrak. Er
konnte jetzt nicht mit ihr reden, zuerst musste er sich im Klaren darüber
werden, was er jetzt tun sollte, wie er wieder gut machen konnte, was er
angerichtet hatte.
Doch Alexandra wachte nicht auf, sondern schlief in seliger Unkenntnis seiner
Gewissensqualen weiter.
Vorsichtig verließ Chris das Bett und griff nach seinen Sachen. Er musste erst
einmal raus hier, einen klaren Kopf bekommen, und das konnte er nicht, wenn
Alexandra nackt neben ihm im Bett lag.
***
Als er die Tür öffnete, wäre Chris beinahe über Charlie gestolpert, der auf der
Türschwelle geschlafen hatte. Er beugte sich kurz nach unten, um den Hund
beruhigend zu streicheln, damit er nicht bellte und Alexandra weckte. Charlie
winselte leise, legte aber dann seinen Kopf wieder auf seine Pfoten. Seine
dunklen Hundeaugen folgten Chris, als dieser im Slalom die Treppe hinunterging,
um den knarzenden Stellen auszuweichen.
Ein stürmischer Wind schlug Chris entgegen, als er in die kalte Nachtluft
hinaustrat. Der Wetterbericht hatte für die nächsten Tage eine Regenfront
vorhergesagt. Er trug nur eine dünne Jeansjacke und zog fröstelnd die Schultern
hoch, als er die verlassene Strasse entlangging. Die ganze Stimmung passte zu
dem, wie es in seinem Inneren aussah, düster, kalt und einsam.
Er erinnerte sich, wie er das letzte Mal in der Nacht so durch die Gegend
gelaufen war. Damals war auch Alexandra der Grund dafür gewesen. Chris wünschte
sich plötzlich, er wäre damals gegangen, hätte Jack gebeten, ihm eine neue
Stelle zu besorgen. Dann wäre die heutige Nacht nie passiert. Doch gleichzeitig
wusste er, dass er das nicht fertig gebracht hätte.
Chris fühlte sich innerlich total zerrissen. Er machte sich Vorwürfe, dass er
Alexandra hatte merken lassen, wie sehr es ihn verletzt hatte, dass sie mit
diesem Ryan ausgegangen war, und wenn es nur zum Abendessen bei den Andersons
gewesen war. Er hatte sie herausgefordert und Alexandra hatte die
Herausforderung angenommen und mit den gleichen Waffen zurückgeschlagen. Dass
mit diesem Ryan nichts passiert war, das spielte keine Rolle mehr.
Chris hatte sich geschworen, Alexandra niemals anzurühren, darum war er ihr auch
in letzter Zeit aus dem Weg gegangen. Spätestens seit dem Wochenende an diesem
verflixten See war ihm klar gewesen, dass Alexandra ihn wirklich liebte und sie
die Worte, die sie damals im betrunkenen Zustand geäußert hatte, todernst
gemeint hatte. Chris hatte schon zu zweifeln begonnen, da sie sich danach
verhalten hatte wie immer. Doch im Grunde genommen war es ihm ganz recht so
gewesen.
Der Wind begann, aufzufrischen und das erste Herbstlaub in einem wilden Tanz
durch die Luft zu wirbeln. Chris hatte wieder die Stelle erreicht, von wo aus
man die Bay überblicken konnte. Er setzte sich auf die Steinmauer und sah
hinunter. Einmal war er mit Charlie auf einem Spaziergang vorbeigekommen und
hatte bei Tageslicht die Aussicht betrachtet. Dabei hatte er festgestellt, dass
es hier etwa hundert Meter senkrecht in die Tiefe ging. Unten verlief eine
schmale, wenig befahrene Straße, die ins Tal hinunterführte.
Jetzt war natürlich nichts davon zu sehen, alles wurde von der Dunkelheit
verschluckt.
Chris schlang die Arme um sich. Es war verdammt kalt geworden, doch am
schlimmsten war die Kälte in seinem Inneren. In Alexandras Armen, als er mit ihr
geschlafen hatte, hatte er sich so warm, so sicher und so geborgen gefühlt. Er
wollte dieses Erlebnis keinesfalls missen, auch wenn es ihm vor Augen geführt
hatte, was für ein perverser Abklatsch der Realität das, wozu man ihn gezwungen
hatte, eigentlich wirklich gewesen war.
Mit jemandem Liebe zu machen, war etwas völlig anderes, dass wusste Chris jetzt.
Aber er wusste auch, dass so etwas wie heute Nacht nie wieder passieren würde.
Er konnte Alexandra das nicht antun, dazu liebte er sie viel zu sehr. Er konnte
sie nicht länger belügen. Sie würde ihn hassen, wenn sie erfuhr, dass er eine
Hure gewesen war.
Alexandra war eine so starke, selbstbewusste Frau. Chris konnte sich nicht
vorstellen, dass irgend jemand sie zwingen konnte, etwas zu tun, das sie nicht
wollte. Er dagegen war nichts weiter als ein Feigling, der nicht gewagt hatte,
zu kämpfen, weil er Angst gehabt hatte, damit alles nur noch schlimmer zu
machen. Wie sollte Alexandra so jemanden respektieren können?
Chris spürte, wie ihm eine Träne die Wange hinunterlief. Wie sollte er es ihr
nur erklären? Er konnte natürlich still und heimlich seine Sachen packen und
einfach verschwinden und vielleicht einen Brief hinterlassen. Dann musste er
wenigstens den Ekel und Abscheu in diesen grauen Augen nicht sehen.
Er wäre wieder allein und auf sich gestellt, würde in heruntergekommenen Motels
leben und sich mit billigen Jobs über Wasser halten. Niemand würde ihn mehr
liebevoll wegen seiner Haare necken oder versuchen, ihm getarntes Gemüse zum
Abendessen vorzusetzen. Er wäre wirklich wieder allein…
Wie in Trance stand Chris auf und starrte in die Schwärze des Abgrunds. Es wäre
so einfach, alle seine Sorgen hätten ein Ende und er wäre wieder mit seinen
Eltern vereint….Langsam stellte er einen Fuß auf die Mauer.
Träge streckte
sich Alexandra und gähnte ausgiebig. Dann lächelte sie, als sie sich die
Ereignisse der vergangenen Nacht wieder in Erinnerung rief. Chris war so süß, so
unschuldig gewesen…und so zärtlich. In den wenigen Momenten, in denen sie hatte
klar denken können, war es Alexandra unglaublich erschienen, dass er sich diese
Eigenschaften trotz der furchtbaren Erfahrungen, die er hatte machen müssen,
hatte bewahren können.
Sie warf einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch. Erst kurz nach acht. Chris
war vermutlich vorhin aufgewacht und nach unten gegangen, um Frühstück zu
machen. Heute war Samstag, die Praxis war geschlossen. Vielleicht wusste er aber
auch nicht, wie er ihr begegnen sollte. Der Morgen danach war immer so eine
Sache….
Alexandra setzte sich auf und beugte sich aus dem Bett, um nach ihren Klamotten
zu angeln. Sie würde erst einmal in ihr Zimmer hinübergehen um zu duschen, bevor
sie sich nach unten in die Küche begab.
Charlie, der vor der Tür gelegen hatte, sprang auf und bellte, als Alexandra auf
den Flur hinaustrat.
„Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßte sie den Hund schuldbewusst.
Normalerweise schlief er immer bei ihr im Zimmer, doch vergangene Nacht war sie
froh gewesen, dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, nachdem sie in
Chris’ Zimmer gegangen war.
Charlie winselte herzerweichend und lief zur Treppe. Dann drehte er sich um und
kläffte sie auffordernd an. Alexandra schüttelte den Kopf.
„Was ist denn los? Hat Chris dich denn noch nicht gefüttert?“
Das wunderte sie nun doch etwas. Normalerweise konnte man das gar nicht
vergessen, Charlie hatte so eine Art an sich, die das verhinderte. Stirnrunzelnd
folgte Alexandra dem Hund, der die Treppe hinunter in die Küche rannte und erst
vor seinem leeren Fressnapf anhielt.
Die Küche war leer, niemand hatte Kaffee gemacht oder das Frühstück vorbereitet.
Merkwürdig, dachte Alexandra, während sie eine Dose Hundefutter öffnete und sie
in Charlies Napf schüttete. Wo war Chris nur?
Während Charlie sich heißhungrig über sein Fressen hermachte, inspizierte
Alexandra das Erdgeschoss. Chris war weder in den Praxisräumen noch in dem
kleinen Büro. Als sie an der Garderobe vorbeikam, fiel ihr auf, dass seine Jacke
fehlte.
Alexandra öffnete die Haustür und sah auf die Veranda. Kein Chris. Es regnete in
Strömen und ein kalter Wind schlug ihr entgegen. Schnell schloss sie die Tür
wieder. Er konnte doch nicht so verrückt gewesen und bei diesem Wetter nur mit
einer dünnen Jacke raus gegangen sein?
Mit wachsender Sorge durchsuchte Alexandra den Rest des Hauses, sogar im Keller
und auf dem Dachboden sah sie nach. Chris war nirgends zu finden. Schließlich
setzte sie sich auf die Treppe und überlegte fieberhaft.
Hatte sie vergangene Nacht einen Fehler gemacht, als sie mit Chris geschlafen
hatte? Er hatte gesagt, dass er es wollte, doch hatte er es auch so gemeint?
Hatte er sich nicht vielleicht doch unter Druck gesetzt gefühlt, nachdem sie ihm
quasi das Messer auf die Brust gesetzt hatte, damit er seine Gefühle eingestand?
„Oh mein Gott“, flüsterte Alexandra und fuhr sich verzweifelt durch die wirren
Haare. Es war falsch gewesen, so falsch, auch wenn es sich noch so richtig
angefühlt hatte. Chris irrte wahrscheinlichvöllig durcheinander draußen herum,
holte sich vielleicht eine Lungenentzündung und alles war ihre Schuld.
Doktor Winslows Worte kamen Alexandra in den Sinn. Die Psychologin hatte auch
davon gesprochen, dass manche der Opfer keine andere Möglichkeit mehr sahen als
den Freitod, weil sie einfach nicht mit dem zurechtkamen, was mit ihnen passiert
war. Was, wenn Chris….
Alexandra sprang auf. Sie musste ihn suchen gehen. Wenn sie Glück hatte, dann
würde Charlies Nase ihr dabei helfen können, auch wenn sie das bei dem Wetter
bezweifelte. Es wäre außerdem nicht schlecht, wenn ihr noch jemand bei der Suche
behilflich sein würde.
Alexandra rannte nach oben in Chris’ Zimmer, wo sie ihre Handtasche hatte liegen
lassen, und zog ihr Mobiltelefon hervor. Noch während sie die Treppe wieder
hinuntereilte, suchte sie Jacks Nummer heraus und drückte auf „Verbinden“. Es
klingelte unendlich lange, bis sie endlich eine verschlafene Männerstimme am
anderen Ende hörte.
„Hallo?“
„Jack, ich bin’s, Alex. Hör zu, ich brauch deine Hilfe, Chris ist…“
„Jack, ich
bin’s, Alex. Hör zu, ich brauch deine Hilfe, Chris ist…“
Bevor Alexandra ihren Satz beenden konnte, hörte sie, wie sich die Haustür
öffnete. Sie fuhr herum und merkte, wie ihre Knie vor Erleichterung beinahe
nachgaben. Chris war nach Hause gekommen.
„Alex? Hey, könntest du mir vielleicht erklären, was los ist, wenn du mich schon
in aller Herrgottsfrühe am Samstag rauswirfst?“ quäkte Jacks indignierte Stimme
aus ihrem Telefon.
„Sorry, Jack, falscher Alarm. Ich erklär’s dir ein andermal“, sagte Alexandra
hastig und trennte die Verbindung. Dann betrachtete sie Chris genauer. Er war
klatschnass, seine Haare klebten ihm am Kopf und auf dem Boden neben seinen
Füßen bildeten sich bereits kleine Pfützen. Sein Gesicht war kreidebleich, doch
was Alexandra am meisten beunruhigte, war der gehetzte Ausdruck in seinen Augen.
Sie legte das Telefon zur Seite und ging zögernd ein paar Schritte auf ihn zu.
„Chris? Was ist los?“ fragte sie behutsam.
„Ich…ich muss dir…was sagen, Alex….Was Wichtiges…“, würgte er zähneklappernd
hervor.
„Ich weiß, Baby. Aber zuerst brauchst du einmal eine heiße Dusche und etwas
Trockenes zum Anziehen. Dann reden wir.“ Alexandra trat auf Chris zu und legte
ihren Arm um seine Taille. Es brachte sie fast um, ihn so verzweifelt zu sehen,
vor allem, da sie wusste, dass sie selbst ein Teil des Grundes dafür war.
Zu ihrer Erleichterung widersprach Chris nicht, sondern ließ sich widerstandslos
die Treppe hinauf in sein Zimmer führen. Dort schob Alexandra ihn ins Badzimmer
und drehte die Dusche auf, bevor sie anfing, ihm aus den nassen Sachen zu
helfen.
Chris war eiskalt und schien sich kaum mehr auf den Beinen halten zu können.
Alexandra fürchtete, er würde in der Dusche zusammenbrechen, also zog sie sich
kurzentschlossen bis auf die Unterwäsche aus und stieg mit ihm zusammen in die
Kabine.
Sie hätte beinahe aufgeschrieen, als das heiße Wasser ihre Haut traf, doch Chris
gab keinen Ton von sich. Er hatte die Augen geschlossen und zitterte erbärmlich.
Alexandra zog ihn in ihre Arme und hielt ihn fest, während sie sich Vorwürfe
wegen ihrer unglaublichen Dummheit machte.
Nach ein paar Minuten spürte sie, wie das Zittern weniger wurde und Chris sich
gegen ihre Umarmung zu wehren begann. Sofort ließ sie ihn los.
„Geht’s wieder?“ fragte sie.
Chris nickte, ohne sie anzusehen. Alexandra drehte das Wasser ab und schob die
Tür zurück. Sie griff nach einem Duschtuch und wickelte es um ihren Körper,
bevor sie Chris ebenfalls eines reichte.
„Ich bring dir was zum Anziehen, dann gehe ich nur kurz rüber in mein Zimmer.
Wenn ich zurückkomme, dann…dann kannst du mir sagen, was los ist.“
Alexandra flüchtete fast aus dem Raum, nachdem sie Chris trockene Sachen ins Bad
gelegt hatte. Die Stunde der Wahrheit war also gekommen, dachte sie. Wie
pathetisch das klang.
Drüben in ihrem eigenen Badezimmer warf Alexandra ihre nasse Unterwäsche in die
Wanne und schlüpfte in Windeseile in ein paar Sweatpants und einen Pullover.
Dann trocknete sie ihre Haare. So lange hatte sie darauf gewartet, dass Chris
sich ihr öffnen und sie endlich in der Lage sein würde, ihm wirklich zu helfen.
Und nun, da es endlich so weit war, begannen leise Zweifel an ihr zu nagen, ob
sie es wirklich schaffen würde, die richtigen Worte zu finden.
Als Alexandra sich genügend Mut für das, was vor ihr lag, zugesprochen hatte,
ging sie zurück in das andere Zimmer. Chris saß mit angezogenen Knien am
Kopfende des Bettes. Davor hatte er den Stuhl gestellt, der normalerweise vor
seinem Schreibtisch stand. Alexandra runzelte die Stirn, doch dann sagte sie
sich, dass er diese Distanz zu ihr jetzt wahrscheinlich brauchte.
Sie setzte sich auf den Stuhl und stützte sich mit den Ellbogen auf die Knie.
Chris sah nicht auf, sondern spielte mit einem Fussel auf seiner Hose.
„Erinnerst du dich an den Abend, als du mich zum Arzt gefahren hast, weil ich
Bauchschmerzen hatte?“ fragte er nach einer halben Ewigkeit.
„Ja…. Du sagtest, du wüsstest nicht, wieso.“
„Das war gelogen. Ich…ich hatte sie immer, wenn ich an etwas…an etwas Bestimmtes
gedacht habe. An dem Abend waren sie besonders schlimm, weil…“ Chris schluckte
und atmete tief durch. „An dem Tag vor vier Jahren wurde ich zum ersten Mal im
Gefängnis vergewaltigt. Es passierte in der Dusche, ich war da allein mit drei
anderen und dann…dann hat mich einer von denen gepackt und…die anderen beiden
haben mich festgehalten, während Jackson mich vergewaltigt hat. Dann haben sie
sich abgewechselt….“
Alexandra war wie erstarrt, als Chris ihr stockend, aber gefasst erzählte, was
während dieser dreieinhalb Jahre in San Quentin passiert war. Mit nüchternen
Worten beschrieb er, wie dieser Jackson ihn zu seinem „Besitz“ erklärt hatte und
ihn gezwungen hatte, ihm und seinen Freunden zu Willen zu sein. Wie Jackson ihn
später gegen Bezahlung an andere Gefangene „ausgeliehen“ hatte.
Fassungslos lauschte Alexandra diesem Bericht. Das war die richtige Bezeichnung
dafür, ein kalter, emotionsloser Bericht. Chris ließ nichts aus, nicht einmal,
dass er Jackson dankbar gewesen war, dass dieser ihn mit Kondomen versorgt
hatte, wenn er ihn gezwungen hatte, sich für eine Schachtel Zigaretten oder ein
paar Dollar zu prostituieren.
Alexandra erfuhr auch den Grund, warum Chris während des Gewitters damals am
Shashta Lake so ausgeflippt war. Ihr wurde übel und sie musste mit aller Macht
gegen den Drang ankämpfen, sich zu übergeben. Sie wusste nicht mehr, was
schlimmer war, die Geschichte selbst, oder der distanzierte Ton, in dem Chris
sie erzählte.
Es war, als würde er von den Erfahrungen eines anderen Menschen berichten, nicht
von seinen eigenen. Das einzige Anzeichen dafür, dass es ihn doch berührte, war
das gelegentliche Stocken und das fast unmerkliche Zittern seiner Stimme.
Ein einziges Mal wischte er sich über die Augen, das war, als er über den Tod
seines Vaters sprach, wie er sich danach hatte umbringen wollen und dieser
Wärter ihn gefunden hatte. Alexandra hätte Chris in diesem Moment am liebsten in
den Arm genommen, doch sie hatte das Gefühl, dass er das nicht zugelassen hätte.
„Der letzte Kerl, mit dem ich zusammen war, bevor ich entlassen wurde, war ein
richtig sadistisches Schwein. Ich musste mir die Haare lang wachsen lassen, mich
schminken, sogar Frauenunterwäsche hat er mir besorgt…Und es hat ihm Spaß
gemacht, mir wehzutun…. Ich brauchte nur einmal mit einem der wenigen Freunde,
die ich dort hatte, zu reden, dann hat er mich schon verprügelt….Er hat immer
einen Gürtel dafür benutzt, keine Ahnung wie er den vor den Wärtern versteckt
hat….“
Chris schwieg ein paar Minuten lang und Alexandra begann sich schon vor dem zu
fürchten, was sie als nächstes zu hören bekommen würde. Doch Chris schien am
Ende seiner Geschichte angekommen zu sein.
„Dann bekam ich überraschend Bewährung. Ich hätte nie gedacht, das mein Gesuch
akzeptiert werden würde, aber…anscheinend hat sich irgendjemand da oben zur
Abwechslung mal gedacht, dass ich jetzt genug durchgemacht hatte.“
Zum ersten Mal sah Chris auf und warf Alexandra einen kurzen Blick zu.
„Du brauchst dir übrigens keine Sorgen zu machen, ich war nach meiner Entlassung
beim Arzt. Ich bin sauber. Noch etwas, wofür ich den Mächten da oben wohl
dankbar sein sollte.“ Er lachte bitter auf. „Das war’s, was ich dir sagen
wollte. Ich war eine…Hure, die mit zig Männern geschlafen hat. Das gestern Nacht
tut mir leid, ich hätte dich nicht anfassen dürfen und ich wünschte, ich könnte
es ungeschehen machen.“
„Was?“ fragte Alexandra erstickt.
Sie war noch immer dabei, das Gehörte zu verarbeiten und hatte den Sinn von
Chris’ letzten Worten nicht ganz verstanden.
„Alex, ich werd nachher meine Sachen packen und gehen. Gib mir nur ein paar
Minuten Zeit…“
„Du gehst nirgendwo hin!“ schrie Alexandra und sprang auf. „Bist du völlig irre?
Wie kannst du so…so kalt über all das reden?“
Mit ihrem Ausbruch erreichte sie wenigstens, dass Chris sie ansah. Seine Augen
waren leer, die Arme hatte er noch immer um seine Knie geschlungen und die Hände
so stark ineinander verkrampft, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Das
einzige Zeichen dafür, wie aufgewühlt er in Wirklichkeit sein musste.
„Alex, es ist besser so…. Wenn du erst mal drüber nachgedacht hast, wirst du mir
recht geben“, sagte er leise. „Du kannst so etwas wie mich nicht lieben, niemand
kann das….“
Alexandra musste ihre Hände zu Fäusten ballen, um sich davon abzuhalten, ihn zu
schütteln oder gar zu ohrfeigen.
„Hör auf damit“, würgte sie hervor. „Ich…Scheiße, ich kann das jetzt nicht!“
Mit diesen Worten wandte sich Alexandra um und ging mit schnellen Schritten zur
Tür. Während diese sie aufriss, zog sie den Schlüssel heraus, der im Schloss
steckte. Sie würde nicht zulassen, dass Chris in einem unbeobachteten Augenblick
die Flucht ergriff.
„Ich…ich brauch etwas Zeit, um das alles zu verarbeiten“, flüsterte sie, ohne
sich umzudrehen. „Aber diese Diskussion ist noch nicht beendet. Ich lass dich
nicht so einfach aus meinem Leben verschwinden.“
Mit einem lauten Knall warf Alexandra die Tür hinter sich zu und schloss sie ab.
Dann lehnte sie ihre Stirn gegen das kühle Holz.
Wie hatte ihr die Situation nur so entgleiten können?
***
Minutenlang saß Chris regungslos da und starrte auf die geschlossene Tür, bis er
hörte, wie Alexandra die Treppe hinunter rannte. Zitternd holte er Atem.
Lange hätte er nicht mehr durchgehalten. Wenn Alexandra ihn angefasst hätte,
dann wäre er wahrscheinlich heulend in ihren Armen zusammengebrochen. Die letzte
halbe Stunde hatte ihn seine letzten Kraftreserven gekostet.
Er wusste nicht mehr, wie lange er dort oben an diesem Abgrund gestanden und in
die Tiefe gestarrt hatte. Irgendwann hatten die ersten Vögel trotz des Regens
angefangen zu zwitschern und es war langsam hell geworden.
In diesen Stunden hatte er sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen lassen, von
seinen ersten Erinnerungen, als er von seinen Eltern das lang ersehnte
Piratenspielzeugschiff bekommen hatte und sie beide stundenlang mit ihm damit
gespielt hatten, über seine Schulzeit, seine erste große Liebe, eine
Klassenkameradin, die ihn aber nie beachtet hatte, den Tod seiner Mutter, seine
Zeit im Gefängnis, bis zur gestrigen Nacht, als Alexandra ihn so unendlich
zärtlich in die Welt der Liebe eingeführt hatte.
Der Gedanke an Alexandra hatte ihn schließlich davon abgehalten, zu springen.
Sie hatte ihm gesagt, nein gezeigt, wie sehr sie ihn liebte und plötzlich wurde
ihm klar, was er ihr damit antun würde. Sie hatte ja keine Ahnung davon, wie
wertlos und schmutzig er war. Wenn sie erst einmal wusste, was er in
Wirklichkeit für ein Mensch war, dann würde sie ihn verabscheuen und erleichtert
sein, ihn los zu sein. Er würde gehen und sie nie wieder sehen.
Chris fuhr sich mit beiden Händen über sein Gesicht. Dabei fiel ihm auf, dass er
unnatürlich warm war. Wahrscheinlich hatte er Fieber, aber das spielte jetzt
auch keine Rolle mehr, dachte er sich.
Er wollte, nein konnte Alexandra einfach nicht mehr gegenübertreten. Sie würde
wiederkommen, wenn sie sich beruhigt und darüber nachgedacht hatte und dann…dann
würde er statt Liebe und Freundschaft nur noch Ekel und Hass, weil er sie so
erniedrigt hatte. in ihren Augen lesen können. Das könnte er nicht ertragen
Aus diesem Grund hatte Chris seine Sachen packen und verschwinden wollen. Doch
diese Möglichkeit hatte Alexandra ihm genommen, als sie seine Tür verschlossen
hatte. Durch das Fenster konnte er auch nicht flüchten, dazu lag es zu hoch.
Chris stand auf und ging wie in Trance zu seinem Schreibtisch hinüber. Er zog
seinen Schreibblock unter einem Buch hervor, griff nach einem Stift und setzte
sich dann wieder auf sein Bett. Er musste wenigstens versuchen, Alexandra zu
erklären, warum es keinen anderen Ausweg gab…
Automatisch, nur
im irgendetwas zu tun zu haben, das den Anschein von Normalität besaß, goss
Alexandra Wasser in die Kaffeemaschine, steckte eine Filtertüte in den Filter
und zählte die Löffel Kaffeepulver pedantisch ab. Normalerweise kippte sie das
Kaffeepulver Pi mal Auge einfach hinein. Heute war es anders. Heute war alles
anders.
Nachdem sie den Einschaltknopf gedrückt hatte, ihre Hände nichts mehr zu tun
hatten, überrollte Alexandra die Realität wie eine gigantische Welle.
Dreieinhalb Jahre hatte Chris in dieser Hölle gelebt, war benutzt und erniedrigt
worden. Sie konnte nicht einmal ansatzweise begreifen, was er gelitten haben
musste. Wie hatte sie nur so naiv sein können, zu glauben, sie würde ihm helfen
können? Wieso hatte es im Gefängnis niemanden gegeben, der ihm geholfen hatte?
Waren dort alle blind gewesen?
Tränen der Wut und der Hilflosigkeit strömten über Alexandras Wangen, als sie
langsam an der Thekenwand entlang zu Boden rutschte. Charlie kam zu ihr
getrottet und leckte ihr winselnd über das nasse Gesicht, verstört darüber,
seine Herrin so aufgelöst zu sehen.
Alexandra schlang die Arme um ihren Hund und verbarg ihr Gesicht in seinem
struppigen Fell. Sie musste versuchen sich zu beruhigen, sich zu überlegen, was
sie jetzt tun sollte. Ewig konnte sie Chris nicht oben in seinem Zimmer
einsperren, sie musste mit ihm reden, ihm klar machen, dass sie ihn nicht
verachtete und dass sie für ihn da sein würde.
Das Klingeln der Türglocke riss Alexandra aus ihren Gedanken. Charlie blaffte
und versuchte, sich aus ihrer Umarmung zu lösen. Alexandra ließ ihn los und
wischte sich hastig über die Wangen. Wer konnte das sein?
Mühsam rappelte sie sich hoch und ging nach draußen in den Flur, wo Charlie
begeistert mit seiner Pfote an der Haustür kratzte. Ein Klopfen ertönte und dann
einen bekannte Stimme.
„Alex, bist du zu Hause? Los, mach die Tür auf, du kannst mich doch am Samstag
nicht in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett klingeln und dann ohne Erklärung den
Hörer wieder auflegen. Ich hab mir Sorgen gemacht. Alex? Nun mach schon!“
Wieder klingelte es.
Alexandra atmete tief durch. Jack. Wenn sie mit jemandem reden konnte, dann war
er es. Zögernd öffnete sie die Tür. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen,
doch ein Schwall kalter Luft traf Alexandra und ließ sie frösteln.
„Mein Gott, Alex, was ist denn passiert?“ rief Jack betroffen aus, während er
Charlies Begrüßungsattacke abwehrte. „Aus, Charlie, nicht jetzt.“
Alexandra trat zur Seite, um ihren Freund ins Haus zu lassen.
„Alex, wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist….Du siehst aus, als wärst du
allen Horrorgestalten der Geschichte auf einmal begegnet.“ Jack packte Alexandra
an den Oberarmen und sah ihr ängstlich ins Gesicht. „Ist etwas mit Chris
passiert? Hat er irgendwas…angestellt?“
Alexandra konnte nur stumm mit dem Kopf schütteln. Sie biss sich auf die
Unterlippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken, doch sie konnte nicht verhindern,
dass sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten. Verzweifelt klammerte sie sich
an Jack, als dieser sie in die Arme nahm und ließ sich widerstandslos in die
Küche führen.
Dort drückte Jack sie auf einen Stuhl und setzte sich neben sie.
„So, und jetzt erzählst du dem alten Jack, was dich bedrückt. So kenne ich dich
gar nicht“, sagte er sanft, als er ihr mit einer Hand ihr Kinn anhob, um ihr ins
Gesicht zu sehen.
Flüchtig kam Alexandra der Gedanke, dass sie dabei war, Chris’ Vertrauen zu
missbrauchen, wenn sie mit Jack über das sprach, was er ihr erzählt hatte, doch
sie konnte einfach nicht anders. In groben Zügen und von vielen Schluchzern
unterbrochen schilderte sie ihrem Freund, was Chris im Gefängnis hatte
durchmachen müssen.
„Er war so kalt, als würde ihn das alles nicht berühren. Er hätte mir genauso
gut den Wetterbericht erzählen können“, weinte sie. „Jack, was soll ich denn
jetzt bloß machen?“
Jack schwieg eine ganze Weile.
„So was in der Richtung habe ich mir fast gedacht“, sagte er schließlich leise.
„Wieso hast du mich dann nicht vorgewarnt?“ Anklagend starrte Alexandra ihren
Freund an.
Jack zuckte mit den Schultern. „Weil es eben ein Thema ist, über das man nicht
redet, schon gar nicht als Mann.“
Genau das Gleiche hatte Doktor Winslow gesagt, erinnerte sich Alexandra.
„Wo ist er jetzt?“ erkundigte sich Jack.
„Oben. Ich hab ihn in seinem Zimmer eingesperrt, weil ich Angst hatte, dass er
abhaut. Ich…ich konnte vorhin einfach nicht mit ihm reden…nicht mit diesem,
kalten gefühllosen Fremden. Wenn er ausgerastet wäre, damit hätte ich umgehen
können, aber ….“ Hilflos brach Alexandra ab und schnäuzte sich mit dem
Taschentuch, das Jack ihr hinhielt. „Danke.“
„ Du hast ihn eingesperrt? Alex, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war…“
„Was hätte ich denn machen sollen? Chris hat gesagt, er wolle gehen und das
konnte ich nicht zulassen. Ich hab erst mal ein wenig Zeit gebraucht, um das
alles zu verarbeiten“, rechtfertigte sich Alexandra.
Dann kam ihr plötzlich ein schrecklicher Gedanke.
„Du glaubst doch nicht etwa, dass er sich deshalb etwas antun würde? Oh Gott,
ich bin so was von dämlich!“
Mit diesen Worten sprang sie auf und eilte zur Tür hinaus in den Flur. Während
sie die Treppe hinaufraste, betete Alexandra inständig, dass sie keinen fatalen
Fehler gemacht hatte, als sie den Schlüssel zu Chris’ Tür herumgedreht hatte.
Wie musste das für ihn ausgesehen haben?
Mit zitternden Fingern schloss sie die Tür auf und stürzte ins Zimmer. Es war
leer. Ihr Blick fiel auf die geschlossene Badezimmertür. Voller Angst, was sie
dahinter erwarten mochte, riss sie diese auf und begann im gleichen Moment zu
schreien…
Wie betäubt sah
Alexandra dem Notarzt und den Sanitätern zu, die sich um Chris kümmerten. Ihr
war beinahe das Herz stehen geblieben, als sie ihn dort auf den weißen
Badezimmerfliesen in einer dunkelroten Blutlache hatte liegen sehen. Nachdem sie
sich in ihrem ersten Schock mit einem Schrei Luft gemacht hatte, hatte sie Jack
angebrüllt, er solle den Notarzt rufen und ihr Verbandszeug aus der Praxis
holen.
Dann hatte sie sich gewaltsam zu Ruhe gezwungen und Chris’ aufgeschlitzte
Handgelenke provisorisch mit ein paar Handtüchern umwickelt, um den Blutfluss zu
stoppen. Mit einem Griff an seine Halsschlagader hatte sie sich vergewissert,
dass er noch am Leben war. Sein Puls war schwach und unregelmäßig gewesen.
Jack war ins Badezimmer gestürmt, die Arme beladen mit Bandagen und Alexandra
hatte Chris Druckverbände angelegt. Dann hatte sie sich neben ihn auf den Boden
gekauert und seinen Kopf in ihren Schoß genommen. Jack hatte inzwischen unten
auf den Krankenwagen gewartet. Es war Alexandra wie eine halbe Ewigkeit
vorgekommen, bis der Notarzt endlich eingetroffen war und sie sanft, aber
bestimmt von Chris weggezogen wurde.
Jetzt wurde Chris von den Sanitätern auf die Trage gehoben und festgeschnallt.
Der Notarzt führte eine Kanüle in eine Vene an seinem linken Arm ein und schloss
diese an einen Tropf an.
„Bringt ihn runter in den Wagen“, befahl er den beiden Sanitätern. Dann wandte
er sich an Alexandra. „Der Junge hat eine Menge Blut verloren. Sie haben ihn
wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig gefunden und die Blutung gestillt.
Respekt, das war richtig professionell.“
„Kann ich mit ins Krankenhaus fahren?“ würgte Alexandra hervor, ohne auf das Lob
einzugehen.
Die Vorwürfe, die sie sich wegen ihres gedankenlosen Verhaltens machte, drohten
sie fast zu ersticken. Wie hatte sie Chris in dieser Verfassung nur allein
lassen können? Sie hätte sich eigentlich denken können, dass er eine Dummheit
machen würde.
„Natürlich“, nickte der Arzt. „Sie müssen allerdings in der Fahrerkabine Platz
nehmen.“
Alexandra spürte, wie Charlie sich zitternd an sie drängte. Der Hund war völlig
verstört von den Vorgängen, die er nicht verstehen konnte.
„Passt du bitte auch Charlie auf? Er sollte jetzt nicht alleine sein“, bat sie
ihren Freund, der mit schneeweißem Gesicht neben ihr stand.
„Sicher“, entgegnete Jack. „Mach dir keinen Sorgen, ich kümmere mich hier um
alles.“
Alexandra ergriff seine Hand und drückte sie. „Danke“, flüsterte sie, bevor sie
dem Notarzt die Treppe hinunter und nach draußen folgte.
Zwei Minuten später jagte der Krankenwagen mit lautem Sirenengeheul die Straße
hinunter.
***
Alexandra kauerte auf einem der harten Stühle auf dem Gang der Notaufnahme des
Renfield Memorial und hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Sie wartete nun
schon seit einer halben Stunde, doch bisher hatte ihr niemand sagen können, wie
es Chris ging.
Alexandra war kein religiöser Mensch, doch in dieser letzten halben Stunde hatte
sie soviel gebetet wie in ihrem ganzen bisherigen Leben noch nicht. Da war
soviel Blut gewesen, auf dem Boden, auf Chris’ Kleidung…. Fünf Liter flossen
durch den Körper eines erwachsenen Menschen, ein Verlust von mehr als eineinhalb
Litern innerhalb kurzer Zeit konnte tödlich sein. Alexandra flehte zu Gott, dass
sie Chris wirklich noch rechtzeitig gefunden hatte.
Die Tür zur Notaufnahme ging auf.
„Alex! Mein Gott, wie ist das denn nur passiert? Jack hat mich angerufen und
mich gebeten, nach dir zu sehen.“
Julie kam auf Alexandra zu gerannt und nahm sie in die Arme.
„Schätzchen, wie geht es dir?“ fragte sie besorgt. „Ist alles in Ordnung? Schon
irgendwelche Neuigkeiten von Chris?“
Alexandra konnte nur stumm den Kopf schütteln. Sie war so dankbar dafür, dass
sie nicht mehr allein war und sich selbst mit ihren Ängsten wahnsinnig machen
konnte.
„Ian kommt nachher vorbei und bringt dir etwas Anderes zum Anziehen“, sagte
Julie.
Alexandra sah an sich herunter. Ihr Pullover und ihre Hose waren voller
Blutflecken, sie sah aus, als hätte sie die Hauptrolle in einem schlechten
Horrorfilm gespielt.
„Das ist…gut.“ Alexandra schluckte. „Julie, ich…ich weiß nicht….“
„Hey, du brauchst jetzt nicht reden, wenn du nicht willst. Ich musste Jack zwar
alles aus der Nase ziehen, aber schließlich hat er mir doch erzählt, warum Chris
so einen Mist gemacht hat. Diese Schweine gehören allesamt kastriert.“ Julie
umarmte sie wieder. „Ich wollte einfach nur für dich da sein, okay?“
Hinter den beiden Frauen ging eine Tür auf und ein junger Arzt betrat den Gang.
Er sah sich suchend um und als er Alexandra und Julie erblickt, kam er zu ihnen
herüber.
„Sind Sie mit dem Jungen hier, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat?“
erkundigte er sich mit ernster Miene.
Alexandra fühlte, wie ein eisiger Schauer ihren Rücken hinunterlief. Das hörte
sich nicht gut an. Unbewusst griff sie nach Julies Hand, und fühlte, wie diese
sie beruhigend drückte.
„Ja, ich war dabei, als er eingeliefert wurde. Mein Name ist Alexandra Hastings,
Chris wohnt bei mir. Wie…wie geht es ihm?“
Bitte, bitte sag, dass es er wieder gesund wird, flehte Alexandra innerlich.
Ihre Verzweiflung musste sich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben, denn der
Arzt blickte sie mitfühlend an.
„Er wurde gerade noch rechtzeitig eingeliefert. So, wie es aussieht, sind keine
bleibenden Schäden aufgrund des Blutverlustes zu befürchten. Das einzige, was
mir Sorgen bereitet, ist, dass er hohes Fieber hat. Das müssen wir erst noch
unter Kontrolle bringen.“
Alexandra spürte, wie ihre Knie vor Erleichterung weich wurden. Gerade noch
rechtzeitig und keine bleibenden Schäden, hatte der Arzt gesagt. Das Fieber kam
wahrscheinlich daher, dass Chris die halbe Nacht draußen in der Kälte verbracht
hatte.
„Aber…er wird wieder gesund?“ vergewisserte sie sich.
„So, wie es aussieht, ja“, entgegnete der junge Arzt. „Ich bin übrigens Doktor
Myers.“
„Danke, Doktor. Wann kann ich ihn sehen?“
Alexandra konnte es kaum erwarten, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen,
dass Chris am Leben war.
„Wir bringen ihn nachher auf die Intensivstation, dann können Sie kurz zu ihm.
Da ist allerdings noch etwas, dass ich Sie fragen muss. Wissen Sie, ob er Drogen
nimmt?“
„Nein. Ich meine, Chris nimmt keine Drogen, da bin ich ganz sicher“, antwortete
Alexandra sofort.
Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sie während des Studiums schon mal Hasch auf
irgendwelchen Feten geraucht hatte und dafür einen empörten Blick von ihm
geerntet. Chris hasste Drogen.
„Gut“, sagte Doktor Myers. Dann sah er Alexandra prüfend an. „Wissen Sie,
weshalb er den Selbstmordversuch unternommen hat?“
Alexandra atmete tief durch. Diese Frage hatte irgendwann kommen müssen.
„Ja…, so ungefähr jedenfalls“, erwiderte sie leise. Dann schüttelte sie den
Kopf. „Sie brauchen mir nicht zu sagen, dass er deswegen professionelle Hilfe
braucht. Sobald es ihm besser geht, werde ich mich darum kümmern.“
„Sehr gut“, nickte der junge Arzt. Dann verabschiedete er sich.
Alexandra schloss die Augen und schickte ein Dankgebet zum Himmel. So, wie es
aussah, würde Chris wieder vollständig gesund werden, zumindest körperlich. Und
dann konnte sie daran gehen, sich um die Wunden zu kümmern, die man nicht sehen
konnte.
Alexandra fühlte, wie Julie ihr einen Arm um die Schultern legte und sie leicht
an sich drückte.
„Na also, Chris geht’s also bald wieder besser“, sagte sie tröstend. „Was hat
sich dieser Dummkopf bloß dabei gedacht?“
Bevor Alexandra darüber nachdenken konnte, ob sie Julie erzählen sollte, dass
sie kurz vor seinem Selbstmordversuch mit Chris geschlafen hatte, kam Ian zur
Tür herein. In der Hand trug er eine Tasche und auf seinem Gesicht spiegelte
sich tiefe Besorgnis.
„Hallo Alex, Julie“, begrüßte er die beiden Frauen. „Wie geht es Chris?“
„Er kommt wieder in Ordnung“, antwortete Julie. „Sind das die Sachen für Alex?“
„Ja…und das hier hat Jack auf Chris’ Bett gefunden.“ Er zog ein
zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Jackentasche und reichte es
Alexandra, die es zögernd entgegennahm.
„Was ist das?“ fragte sie, obwohl sie es sich eigentlich denken konnte.
„Ein Abschiedsbrief. Jack lässt dir ausrichten, es tut ihm leid, dass er ihn
gelesen hat, aber er hat ihn nur durch Zufall gefunden und er war nicht
adressiert…“ Ian kratzte sich verlegen am Kopf. „Ich geh dann mal und richte
Jack aus, dass es dem Jungen soweit gut geht.“ Damit verschwand er wieder.
Alexandra hatte das Gefühl, dass es besser war, wenn sie sich setzte, bevor sie
den Brief las. Ein paar Sekunden lang starrte sie das zusammengefaltete Blatt
Papier an, bevor sie den Mut fand, es zu öffnen.
Liebe Alex,
ich weiß, dass du mich jetzt hasst, weil ich dir das angetan habe. Ich hätte
damals schon gehen sollen, als du mir das erste Mal gesagt hast, dass du mich
liebst. Damit meine ich nicht das am See, sondern die Nacht, in der du so
betrunken warst.
Ich dachte, ich hätte die Lage unter Kontrolle. Wenn ich einfach nur so tun
würde, als wäre nichts passiert, dann könnte nichts schief gehen. Meine eigenen
Gefühle für dich habe ich versucht wegzusperren, da ich gewusst habe, dass ich
bei dir nie eine Chance haben würde, wenn du die Wahrheit über mich erfahren
würdest. Und auf einer Lüge wollte ich keine Beziehung aufbauen.
Vergangene Nacht war die schönste und gleichzeitig die schrecklichste in meinem
Leben. Nachdem du eingeschlafen warst, wurde mit klar, was für einen riesigen
Fehler ich gemacht habe. Ich bin nichts weiter als eine schmutzige, kleine
Gefängnishure und du bist eine wunderschöne, kluge und erfolgreiche Frau.
Ich stand heute Nacht auf diesem kleinen Platz, von dem aus man die Bay sehen
kann und wollte hinunter springen. Dann fiel mir irgendwann ein, dass du keine
Ahnung haben würdest, wieso ich das getan habe und um mich trauern und dir
Vorwürfe machen würdest. Das wollte ich nicht, darum bin ich zurückgekommen, um
dir endlich die Wahrheit zu sagen.
Ich liebe dich mehr als alles Andere auf dieser Welt und wollte dich nie
verletzen.
Bitte verzeih mir, aber ich kann so einfach nicht mehr weiterleben. Ich danke
dir für alles, was du für mich getan hast, besonders für letzte Nacht.
In Liebe
Chris
Der Brief entglitt Alexandras tauben Fingern und flatterte auf den Boden vor
Julies Füße. Wieso nur hatte sie Chris heute Morgen allein gelassen? Sie hätte
doch merken müssen, in welcher Verfassung er war.
„Ach du liebe Zeit, das arme Baby“, rief Julie aus und schreckte Alexandra aus
ihren Selbstanklagen.
Sie sah zu ihrer Freundin auf, die wie vom Donner gerührt mit dem Brief in der
Hand dastand.
„Ja, und ich bin schuld daran, dass er jetzt da drin liegt und beinahe gestorben
wäre.“ Alexandra brach in Tränen aus. „Er hat mir heute Morgen alles erzählt und
ich konnte nicht damit umgehen. Ich hab ihn allein gelassen und eingeschlossen,
weil ich nicht wollte, dass er heimlich verschwindet. Und dann….“
Alexandra merkte, wie ihre Freundin sich neben sie setzte und ihr die Hand auf
die Schulter legte.
„Alex, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Du weißt doch gar nicht, ob du etwas
erreicht hättest, wenn du mit ihm darüber gesprochen hättest. Er ist
wahrscheinlich so davon überzeugt, dass du ihn jetzt hassen musst, dass er dir
das Gegenteil nie geglaubt hätte. Ich bin nur `ne einfache Kellnerin und kann
mich nicht so gut ausdrücken wie deine Freunde vom College, aber ich kenne die
Männer: Die sind stocktaub, wenn sie was nicht hören oder nicht von ihrer
Meinung abweichen wollen.“
„Ich hätte es aber wenigstens versuchen müssen“, schluchzte Alexandra. „Und dass
ich ihn eingesperrt habe…“
Alex, jetzt hör aber auf“, sagte Julie streng. „Du bist nicht für Chris’
Handlungen verantwortlich. Du weißt nicht, ob es was gebracht hätte, wenn du mit
ihm gleich geredet hättest und wenn du ihn nicht eingesperrt hättest, dann wäre
er vielleicht auf und davon und hätte sich woanders die Pulsadern aufgeschlitzt,
irgendwo, wo man ihn nicht so schnell gefunden hätte. Kapierst du das denn
nicht?“
Langsam beruhigte sich Alexandra wieder und fuhr sich mit dem Ärmel ihres
Pullovers über das nasse Gesicht. Es war ja nicht so, dass sie Julie nicht
glauben wollte oder konnte, aber dennoch fühlte sie sich für Chris`
Selbstmordversuch verantwortlich. Wenn sie nicht mit ihm geschlafen hätte, dann
wäre nichts davon geschehen.
„Alex, du bist mit ihm ins Bett gegangen nicht wahr?“ fragte Julie leise,
während sie den Brief noch einmal durchlas. „Und er hat einen ganzen Berg
Schuldgefühle deswegen.“
„Aber ich wusste schon vorher Bescheid“, sagte Alexandra tonlos. „Es sind ein
paar Sachen vorgekommen, die mich darauf brachten, was mit ihm passiert ist. Ich
hatte nur nicht erwartet, dass es so schlimm war.“
„Mhm. Und Chris glaubt aber, dass er dich quasi…“ Julie suchte nach dem
richtigen Ausdruck „na, ‚beschmutzt’ hat. Dass du die Wahrheit schon kanntest
und es dir egal war, konnte er schließlich nicht wissen.“
Alexandra brauchte eine Weile, um über Julies Schlussfolgerungen nachzudenken.
Natürlich, ihre Freundin hatte Recht. Der Brief und ein paar von Chris`
Äußerungen ergaben nun plötzlich einen Sinn. Wenn man denn Chris’ verquere
Denkvorgänge als sinnvoll bezeichnen konnte.
„So ein verdammter Idiot! Wie kann man denn nur so bescheuert sein?“ brach es
aus Alexandra heraus.
„Männer schaffen das ganz leicht“, entgegnete Julie trocken. „Ihr zwei werdet da
einiges aufzuklären haben.“
Schließlich raffte
sich Alexandra dazu auf, auf die Toilette zu gehen und sich umzuziehen. In
sauberen Klamotten fühlte sie sich gleich zumindest etwas wohler. Als sie
zurückkam, wartete Julie schon auf sie.
„Man hat Chris gerade rüber auf die Intensivstation gebracht. Der nette Doc von
vorhin hat gesagt, in einer Viertelstunde kannst du kurz zu ihm“, rief sie.
„Wirklich? War Chris wach?“ fragte Alexandra aufgeregt.
„Ich glaube nicht.“ Julie schüttelte bedauernd den Kopf.
Die fünfzehn Minuten Wartezeit kamen Alexandra vor wie fünfzehn Stunden. Anstatt
sich hinzusetzen, lief sie unruhig den Gang auf und ab, bis eine junge Schwester
kam und ihr sagte, dass sie Chris jetzt sehen durfte. Sie sah kurz zu Julie
hinüber, die ihr einen ermutigenden Blick zuwarf. Dann folgte sie der
Krankenschwester.
Als Alexandra an Chris’ Bett stand und auf ihn hinuntersah, konnte sie die
Tränen kaum unterdrücken. Wenn das regelmäßige Heben und Senken seines
Brustkorbes nicht gewesen wäre, dann hätte man meinen können, er wäre tot. Sein
Gesicht war kreidebleich, was die dunklen Ringe unter seinen Augen nur noch mehr
hervorstechen ließ.
Nur das monotone Piepen des Herzmonitors, an den Chris angeschlossen war,
durchbrach die Stille, die auf der Intensivstation herrschte. Sanft strich
Alexandra über Chris’ Wange, die sich unter ihrer Berührung unnatürlich warm
anfühlte.
„Bis das Fieber gefallen ist, behalten wir ihn hier auf der Station“, sagte
Doktor Myers, der neben Alexandra getreten war. „Es kann eine ganze Weile
dauern, bis er aufwacht. Wenn Sie hier in der Nähe wohnen, dann sollten Sie nach
Hause fahren.“
„Ich kann ihn jetzt nicht allein lassen“, flüsterte Alexandra.
„Ich verstehe Sie ja“, entgegnete der junge Arzt geduldig. „Aber hier können Sie
nicht bleiben und Sie können dem Jungen jetzt sowieso nicht helfen. Geben Sie
mir nachher Ihre Telefonnummer, ich werde der diensthabenden Schwester sagen,
dass sie Sie sofort verständigen soll, wenn sein Zustand sich ändert oder er
aufwacht.“
Es dauerte eine ganze Weile, bis Alexandra sich selbst von der Logik dieses
Vorschlages überzeugen konnte. Alles in ihr schrie danach, Chris nicht von der
Seite zu weichen.
„In Ordnung“, sagte sie schließlich und strich Chris noch mal über die Wange.
„Nur noch ein paar Minuten, dann gehe ich.“
„Sie können gern heute Nachmittag oder heute Abend noch einmal hereinschauen,
wenn Sie das wollen. Längere Besuche können wie hier auf der Station leider nur
dulden, wenn der Patient in akuter Gefahr schwebt.“
„Ich verstehe“, entgegnete Alexandra und fand diese Aussage seltsamerweise sogar
beruhigend.
Chris war also außer Lebensgefahr. Außerdem konnte sie innerhalb einer
Viertelstunde bei ihm sein, wenn sie angerufen wurde, das Krankenhaus lag
glücklicherweise nicht weit von ihrem Haus entfernt.
Alexandra ließ sich von Julie nach Hause fahren, wo sie von einem aufgeregten
Charlie und einem besorgten Jack Sanders empfangen wurde.
„Wie geht’s dem Jungen?“ war Jacks erste Frage, als er die Haustür aufriss, um
Alex und Julie hereinzulassen.
Alexandra tätschelte erst Charlie, der begeistert an ihr hochsprang und
versuchte, ihr das Gesicht abzulecken, bevor sie sich an Jack wandte.
„Den Umständen entsprechend gut“, antwortete sie und fügte leise hinzu. “Wir
haben ihn allerdings gerade noch rechtzeitig gefunden.“
„Gott-sei-Dank“, seufzte Jack. „Kommt erst mal in die Küche, Ian hat gerade
frischen Kaffee aufgesetzt.“
Es war später Sonntagnachmittag, als Alexandra ihren Wagen zum dritten Mal an
diesem Tag auf dem Parkplatz des Renfield Memorial abstellte. Sie war bereits
frühmorgens dort gewesen und hatte erfahren, dass Chris auf ein normales
Krankenzimmer verlegt worden war, da seine Temperatur durch die Medikamente, die
man ihm gespritzt hatte, in der Nacht fast auf Normalwerte gesunken waren.
Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt noch immer tief geschlafen, genau wie
kurz nach dem Mittagessen. Vor etwa einer halben Stunde hatte eine Schwester
angerufen und ihr mitgeteilt, dass Chris aufgewacht war und Alexandra, die den
noch immer leicht verstörten Charlie nicht hatte allein lassen wollen, hatte die
Andersons angerufen und gewartet, bis Mike kam, um ihm Gesellschaft zu leisten.
Alexandra hatte aus ihren Fehlern gelernt und Mary Jo gestern Abend telefonisch
von Chris’ Selbstmordversuch erzählt. Ihre Freundin hatte im ersten Moment nicht
gewusst, was sie sagen sollte und war dann innerhalb von zehn Minuten vor
Alexandras Haustür gestanden.
Wortlos hatte sie Alexandra, die einen Weinkrampf bekommen hatte, umarmt.
Allerdings hatte sie selbst dann kurze Zeit später die Tränen auch nicht mehr
zurückhalten können, als sie erfahren hatte, wieso Chris versucht hatte, sich
umzubringen.
„Wie können Menschen nur so grausam sein“, hatte Mary Jo geflüstert. „Der arme
Junge.“
Sie hatte Alexandra schließlich geholfen, dass getrocknete Blut auf dem Boden
von Chris’ Badezimmer aufzuwischen und war die Nacht über bei ihr geblieben.
Alexandra war ihrer Freundin zutiefst dankbar gewesen, dass sie sie nicht allein
gelassen hatte, da sie ansonsten vermutlich kein Auge zubekommen hätte.
Mit schnellen Schritten eilte Alexandra die Treppen zum Eingang des
Krankenhauses hinauf. Das Zimmer in dem Chris nun lag, befand sich im zweiten
Stock und die Fahrt im Aufzug erschien ihr endlos, obwohl diese nur ein paar
Sekunden dauerte. Dann stand sie endlich vor der Zimmertür und plötzlich zögerte
sie. Was sollte sie denn jetzt nur sagen?
Alexandra gab sich einen Ruck. Sie musste Chris davon überzeugen, dass seine
Vergangenheit keine Rolle spielte, dass sie ihn liebte und dass sie ihm helfen
würde, damit zurechtzukommen. Und Alexandra Hastings war eine Frau, die die
Ziele, die sie sich gesetzt hatte, erreichte.
Energisch klopfte sie an die Tür und öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten.
Es war ein Dreibettzimmer, Chris lag mit dem Rücken zur Tür in dem Bett, das am
weitesten von der Tür entfernt war. Neben seinem Bett stand ein Gestell, an dem
ein Tropf mit einer wässerigen Lösung befestigt war. Ein Schlauch führte zu
Chris’ Arm, der auf der Bettdecke lag.
Die anderen beiden Betten sahen zwar benutzt aus, deren „Bewohner“ aber waren
abwesend. Alexandra war das ganz recht, sie wollte bei dem Gespräch nicht
unbedingt neugierige Zeugen dabei haben.
Leise näherte sie sich Chris’ Bett. Er hatte die Augen geschlossen und sein
Gesicht wirkte noch immer geisterhaft bleich. Die wirren schwarzen Haare, an
denen sie ihn gleich erkannt hatte, obwohl sie ihn nur von hinten gesehen hatte,
bildeten einen scharfen Kontrast zu den weißen Laken. Alexandras Blick fiel auf
die Verbände an Chris’ Handgelenken und sie schluckte. Sie war so knapp davor
gewesen, ihn für immer zu verlieren…
Chris schien zu spüren, dass jemand neben seinem Bett stand, denn unvermittelt
schlug er die Augen auf. Alexandra konnte den Schock darin sehen, als ihm
bewusst wurde, wer da vor ihm stand.
„Hey, Chris“, sagte sie in bewusst neutralem Ton. „Wie geht es dir?“
Chris starrte sie ein paar Sekunden lang schweigend an, bevor er die Augenlieder
senkte und ihrem Blick damit auswich.
„Gut“, sagte er mit belegter Stimme.
Alexandra biss sich auf die Lippen. So würde sie nicht weiterkommen.
„Wir sollten miteinander reden, findest du nicht? Vor allem über das hier.“ Sie
zog seinen Brief aus ihrer Jackentasche und hielt ihn hoch.
Chris sah erst den Brief an und dann Alexandra. „Wieso? Ich hab doch alles darin
erklärt…“, flüsterte er erstickt. „Du brauchst dich nicht für das verantwortlich
zu fühlen, was passiert ist. Wenn du mich hättest gehen lassen…“
„Dann hättest du diesen Mist in irgendeinem Motelzimmer gemacht, ja?“ Entgegen
all ihrer guten Vorsätze, ruhig zu bleiben und Chris auf vernünftige Art klar zu
machen, dass er sich getäuscht hatte, was ihre Gefühle anbelangte, wurde
Alexandra nun doch wütend.
„Weißt du eigentlich wie ich mich gefühlt habe, als ich dich da so liegen sah,
voller Blut? Mir wäre beinahe das Herz stehen geblieben. Ich dachte einen Moment
lang, du wärst tot und es wäre meine Schuld, weil ich dich einfach allein
gelassen habe. Ich wusste schon seit dieser Gewitternacht, dass so etwas mit dir
geschehen sein muss. Ich hab’s gewusst und hab trotzdem mit dir geschlafen. Und
weißt du, warum? Weil es mir egal ist und weil ich dich liebe, du dämlicher
Esel!“
Ein lautes Räuspern ließ Alexandra herumfahren. Ein paar Meter von ihr entfernt
stand Doktor Myers, der während ihrer Tirade anscheinend unbemerkt den Raum
betreten hatte, und starrte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Miss Hastings, das ist keine Art mit jemandem zu reden, der einen
Selbstmordversuch hinter sich hat“, sagte der junge Arzt streng. „Chris braucht
Hilfe, keine Vorwürfe. Wenn Sie sich nicht zusammenreißen können, dann muss ich
Sie jetzt bitten zu gehen.“
Alexandra spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Doktor Myers hatte
Recht, sie hätte Chris nicht anbrüllen dürfen, nicht in seinem derzeitigen,
psychisch fragilen Zustand. Sie wandte sich zurück zum Bett, wo Chris sich
inzwischen aufgesetzt hatte und sie fassungslos ansah.
„Tut mir leid, ich…da muss wohl eine Sicherung durchgebrannt sein, ich wollte
dich nicht so anschreien“, sagte sie zerknirscht.
„Du…du hast es…gewusst?“ stammelte Chris. „Wieso…?“
„Wieso ich nichts gesagt habe? Hättest du es denn zugegeben?“ frage Alexandra
zurück.
„Miss Hastings, Chris ist nicht in der Verfassung….“
„Nein, aber….Gott, ich dachte, du hasst mich jetzt.“ Chris beachtete den Einwurf
des Arztes überhaupt nicht, sondern sah Alexandra unverwandt an.
„Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass ich dich nicht hasse?“ Alexandra
vergaß ihre Schuldgefühle wegen ihres vorherigen Ausbruchs und redete sich
wieder in Rage. „Verdammt, ich könnte dich erwürgen, weil du mich so in Angst
und Schrecken versetzt hast.“
„Jetzt reicht es!“ Doktor Myers Stimme überschlug sich beinahe. „Miss Hastings,
wenn Sie nicht augenblicklich den Raum verlassen, dann hole ich den
Sicherheitsdienst!“
„Nein!“ Chris schien zum ersten Mal die Anwesenheit des Arztes wahrzunehmen.
„Bitte, Doktor, das ist schon in Ordnung…“ Gequält schloss er die Augen und
fasste sich mit einer Hand an die Stirn.
Alexandra erschrak. Hatte sie wieder einen Fehler gemacht in ihrer ungestümen
Art? Sie hätte eigentlich wissen müssen, dass Chris einen Tag nach einem so
gravierenden Blutverlust und der vorhergegangenen psychischen Belastung noch
nich soweit war, eine derartige Auseinandersetzung zu verkraften. Wieso hatte
sie nicht Mary Jo mitgenommen, die ihn bemuttert und getröstet hätte?
Alexandra packte Chris besorgt an den Oberarmen. „Was ist los?“ fragte sie
ängstlich. „Hast du Schmerzen?“
Zu ihrer Erleichterung schüttelte Chris den Kopf und sah sie mit verdächtig
glänzenden Augen an. „Nein, mir ist nur schwindelig. War wohl ein bisschen viel
auf einmal…. Und Hunger hab ich jetzt auch….“
Alexandra lachte befreit auf. „Oh Chris…. Komm her.“ Sie setzte sich auf die
Bettkante, um ihn zu umarmen und strich ihm dabei sanft über den Rücken. „Du
glaubst mir also, dass für mich deine Vergangenheit keine Rolle spielt?“
flüsterte sie an seinem Ohr und fühlte, wie er nickte und ihre Umarmung
erwiderte.
Die beiden verharrten so fast eine Minute, Doktor Myers, der sie verblüfft
beobachtete, war in völlige Vergessenheit geraten. Schließlich wich Alexandra
zurück, um Chris ins Gesicht zu sehen.
„Mach ja nie wieder so einen Blödsinn, hörst du?“ sagte sie mit schwankender
Stimme. „Ich wäre durchgedreht, wenn ich dich verloren hätte.“
„Versprochen“, entgegnete Chris leise.
„Und es tut mir leid, dass ich dich vorhin einen dämlichen Esel genannt habe“,
fügte Alexandra der Vollständigkeit halber hinzu. „Das war nicht richtig von
mir.“
Diese Entschuldigung entlockte Chris ein schiefes Lächeln, als er den Kopf
schüttelte. „Das ist schon okay. Als du mir das an den Kopf geworfen hast, da
hab ich gewusst, dass du nicht gelogen hast, um mich zu beruhigen. Verrückt,
was?“
Alexandra musste lachen. Es war schon merkwürdig. All die sorgfältig
ausgewählten Worte, die sie sich auf dem Weg hierher überlegt hatte, hätten
Chris wahrscheinlich nicht überzeugt, aber ihr spontaner Ausbruch, den sie
gleich darauf bereut hatte, hatte es geschafft. Das Leben wählte doch manchmal
recht verschlungene Pfade….
Chris musste noch vier Tage im Krankenhaus bleiben, bis Doktor Myers sich
widerstrebend bereit erklärte, ihn zu entlassen. Der Arzt führte zuvor jedoch
ein ernstes Gespräch mit Alexandra, in dem er sie darauf hinwies, dass Chris
noch immer recht schwach war und viel Ruhe brauchte.
„Außerdem sollten Sie unbedingt dafür sorgen, dass der Junge professionelle
psychologische Hilfe bekommt“, sagte Doktor Myers. Er hatte Alexandra in sein
kleines Büro neben der Notaufnahme gebeten und saß ihr gegenüber an seinem
Schreibtisch. „So ein Selbstmordversuch kommt nicht von ungefähr, dass er Ihnen
versprochen hat, es nicht wieder zu tun, heißt nicht, dass er sich an dieses
Versprechen in Zukunft halten wird.“
Alexandra atmete tief durch. „Das weiß ich auch“, entgegnete sie. „Ich habe vor,
ihn zu einer guten Bekannten, einer Psychologin, zu schicken, die ihm dort
weiterhelfen wird, wo ich es nicht mehr kann.“
Der junge Arzt nickte. „Sehr gut. Chris ist ein netter Junge und ich glaube, ich
mache mich bei einigen Schwestern äußerst unbeliebt damit, dass ich ihn jetzt
schon entlasse“, lächelte er.
Alexandra musste ebenfalls lächeln. Chris hatte einfach etwas an sich, dass bei
vielen Frauen eine Art Beschützerinstinkt auf Hochtouren laufen ließ, egal, wie
alt sie waren. Sogar sie selbst war nicht dagegen gefeit gewesen, und das wollte
wirklich etwas heißen.
Als Alexandra nach ihrer Unterhaltung zu Chris’ Krankenzimmer kam, wartete
dieser schon fertig angezogen auf sie. Die Tasche mit den Sachen, die sie ihm
vor ein paar Tagen gebracht hatte, stand gepackt neben ihn.
Alexandra griff danach. „Hast du alles?“ fragte sie.
Chris nickte, dann verabschiedeten sie sich von den anderen beiden Patienten,
zwei älteren Männern, zu denen Chris allerdings wenig Kontakt gehabt hatte, da
diese sich weitestgehend im Gemeinschaftsraum der Station aufgehalten hatten.
Auf dem Weg zum Ausgang trafen sie noch ein paar Krankenschwestern, die es sich
allesamt nicht nehmen ließen, Chris gute Besserung zu wünschen.
„Sag mal, was ist das mit dir und älteren Frauen?“ erkundigte sich Alexandra
scherzhaft, nachdem eine grauhaarige, äußerst streng wirkende Schwester Chris in
den Arm genommen, ihn an ihren voluminösen Busen gedrückt und ihn ermahnt hatte,
in Zukunft keinen Unsinn mehr zu machen.
„Ich weiß auch nicht….“ Chris zuckte unbehaglich mit den Schultern. „Ich mach
doch gar nichts….“
Alexandra sagte nichts darauf, sondern öffnete die Ausgangstür und trat hinaus.
Es war ein trüber Herbstvormittag und vom Meer her wehte ein kühler Wind. Ihre
Frage war rein rhethorisch gewesen, die Antwort darauf kannte sie ja bereits.
***
Als Chris und Alexandra zu Hause ankamen, wurden sie von Charlie begeistert
begrüßt. Der Hund sprang an Chris hoch und schlabberte ihm liebevoll über das
ganze Gesicht. Lachend wehrte Chris ihn ab und kniete sich dann nieder, um ihn
zu kraulen.
„Du siehst, es hat sich nicht viel verändert“, sagte Alexandra, um die
eigenartige Spannung zu durchbrechen, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte,
seit sie in den Wagen eingestiegen waren. „Er ist noch immer das gleiche,
ungezogene Monster.“
„Jaaa, Charlie, ich hab dich auch lieb“, versuchte Chris den aufgeregten Hund zu
besänftigen.
„Er hat dich gesucht, als du nicht da warst“, sagte Alexandra unvermittelt. „Er
hat die letzten Tage auch kaum etwas gefressen. Ich hab schon angefangen, mir
Sorgen um ihn zu machen.“
Sie bückte sich, um Charlie zu streicheln und um die Feuchtigkeit in ihren Augen
vor Chris zu verbergen. Auch wenn sie versuchte, es zu überspielen, der Schock,
Chris in einer Blutlache zu finden, saß ihr noch immer in den Knochen und sie
würde diesen Anblick wohl bis an ihr Lebensende nicht vergessen.
Chris stand auf. „Alex…ich weiß nicht, was ich….“ Hilflos zuckte er mit den
Schultern.
„Mary Jo und Julie haben jeden Abend angerufen und gefragt, wie es dir geht.
Jack genauso“, erklärte Alexandra.
Während ihrer Besuche im Krankenhaus hatte sie wenig Gelegenheit gehabt, über
solche Dinge zu sprechen. Alexandra war einfach zu erleichtert gewesen, dass
Chris sich wieder gefangen zu haben schien und Chris selbst hatte das Thema
gemieden wie die Pest.
„Was…was hast du ihnen eigentlich erzählt?“ fragte Chris und sah Alexandra
ängstlich an.
Alexandra sog die Luft ein. Konnte sie ihm sagen, dass ihre Freunde die Wahrheit
kannten?
„Komm erst mal mit in die Küche, Doktor Myers hat gesagt, du sollst genügend
trinken“, sagte sie ausweichend, um Zeit zu gewinnen.
Nachdem Chris am Küchentisch Platz genommen hatte und ein riesiges Glas
Orangensaft vor ihm stand, setzte sich Alexandra zu ihm. Chris starrte sie
unverwandt an.
„Sie wissen im Großen und Ganzen Bescheid. Jack ist angekommen, kurz nachdem
ich…nachdem ich dein Zimmer verlassen hatte. Ich war völlig fertig und…und da
hab ich es ihm erzählt. Er war auch derjenige, der deinen Abschiedsbrief
gefunden hat. Julie hat es von Jack erfahren, nachdem sie nicht lockergelassen
hat, und war dabei, als ich den Brief gelesen habe und Mary Jo…Mary Jo weiß es,
weil ich am Abend jemanden zum Reden brauchte….Ich konnte einfach nicht mehr….“
Alexandra starrte auf ihre zusammengefalteten Hände. Inzwischen hatte sie ein
schlechtes Gewissen deswegen, doch an diesem Abend war sie so durch den Wind
gewesen, dass sie gar nicht darüber nachgedacht hatte, was es eigentlich für
Chris bedeuten würde, dass alle Leute aus seinem näheren Umfeld sein Geheimnis
kannten.
„Und…und was denken sie jetzt über mich?“ durchbrach Chris leise Stimme
schließlich die Stille.
Alexandra sah auf. „Nicht anders als vorher“, entgegnete sie. „Hör auf damit,
dir einzureden, dass du verabscheuungswürdig bist wegen dem, was man dir angetan
hat. Das stimmt nicht. Vielleicht gibt es Menschen, die so denken würden, aber
Jack, die Andersons und Julie gehören bestimmt nicht dazu.“
Chris schluckte. „Wie kannst du da so sicher sein?“ fragte er gepresst.
„Weil ich meine Freunde gut genug kenne, um das beurteilen zu können“, erwiderte
Alexandra geduldig. „Außerdem sind sie auch deine Freunde geworden.“
„Vielleicht.“
Chris schien ihre Überzeugung nicht ganz teilen zu können. Es war ihm sichtlich
unangenehm, dass plötzlich so viele Menschen über seine düstere Vergangenheit
Bescheid wussten. Alexandra konnte seine Gefühle verstehen, an seiner Stelle
würde es ihr vermutlich auch nicht anders gehen.
„Komm, trink das jetzt aus, dann legst du dich ins Bett“, sagte sie und stand
auf.
***
Nachdem Chris gehorsam und den ärztlichen Anweisungen entsprechend sein Glas
Saft getrunken hatte, folgte Alexandra ihm, als er nach oben ging. Es war
seltsam, doch es widerstrebte ihr, ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu
lassen. Als Chris vor seiner Zimmertür stand und zögerte, hielt sie dies für den
passenden Augenblick, ihm den Vorschlag zu machen, der ihr schon die ganze Zeit
im Kopf herumgeisterte.
„Zu viele Erinnerungen, hm?“ fragte sie, als ihr der Grund für sein Zögern klar
wurde.
Chris drehte sich überrascht zu ihr um. „Woher…?“
„Ich war teilweise dabei und ich hab dich im Badezimmer gefunden“, erwiderte
Alexandra. „Es ist mir anfangs auch nicht leicht gefallen, das Zimmer zu
betreten…“
Chris sah zu Boden. „Es sind nicht nur schlechte Erinnerungen…“ sagte er leise.
Alexandra blinzelte. „Ich weiß. Aber…du kannst bei mir schlafen, wenn du
möchtest.“
So, nun hatte sie es ausgesprochen und wartete gespannt auf Chris’ Reaktion.
Nichts lag ihr im Moment ferner, als von Chris zu erwarten, dass er sich auf
eine Beziehung mit ihr einließ. Dazu hatte er mit zu vielen Problemen zu
kämpfen. Was hatte er damals in der Bar gesagt? Für eine Freundin hatte er im
Moment „keinen Nerv“. Jetzt verstand Alexandra, was er damit gemeint hatte. Er
musste zuerst einmal mit sich selbst ins Reine kommen, bevor er zu mehr als
einer Freundschaft bereit war.
„Alex, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, antwortete Chris, nachdem er
eine ganze Weile schweigend nachgedacht hatte.
Abwehrend hob Alexandra die Hände. „Hey, ich hab nicht gemeint, dass du…das
wir...“
Klasse Alex, jetzt stotterst du schon herum wie ein pubertärer Teenager, dachte
sie sarkastisch.
Chris schüttelte den Kopf. „Das…das hab ich gar nicht gemeint“, sagte er schnell
und seine Wangen färbte sich leicht rot. „Es ist nur…ich schlafe manchmal
ziemlich unruhig und…und ich würde dich nur wach halten…“
„Was meinst du mit „unruhig“?“ Alexandra runzelte die Stirn. Dann verstand sie
plötzlich. „Has du Alpträume?“ fragte sie behutsam.
Chris schloss die Augen und nickte. „Ja…nicht immer, aber…manchmal kann ich
danach stundenlang nicht wieder einschlafen, dann versuche ich, etwas zu lesen,
um mich abzulenken. Ich würde dich nur stören“, fügte er bedrückt hinzu.
„Wieso versuchen wir es nicht einfach mal? Wenn es nicht klappt, dann kann ich
immer noch auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen“, versuchte Alexandra Chris zu
überzeugen.
Sie wollte ihn einfach Nachts nicht alleine wissen, da sie ihm nicht völlig
vertrauen konnte.
„Aber da kann ich doch dann schlafen“, protestierte Chris.
Mist, dachte Alexandra, da hab ich mir die eigene Grube geschaufelt. Komm schon
Alex, du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen, lass dir was einfallen.
„Das Sofa ist etwas unbequem und du brauchst noch viel Ruhe hat Doktor Myers
gesagt. Ich hab einen gesunden Schlaf und du wirst mich mit Sicherheit nicht
stören“, sagte sie laut.
Chris schien mit sich zu kämpfen, ob er Alexandras Angebot nun annehmen sollte
oder nicht.
„Okay“, stimmte er schließlich zu und Alexandra atmete innerlich auf.
Auch wenn sie in tatsächlich den kommenden Nächten kein Auge zumachen sollte,
das war es ihr wert. Chris würde so schnell keine Gelegenheit mehr haben,
irgendwelche Dummheiten zu machen.
Obwohl ihn die Heimfahrt und die Aufregung über Alexandras Eröffnung, dass ihre
Freunde auch den Grund für seinen Selbstmordversuch kannten, ziemlich erschöpft
hatten, lag Chris hellwach in dem breiten Bett und dachte nach.
Neben der ungeheuren Erleichterung, dass seine Vergangenheit für Alexandra keine
Rolle zu spielen schien, machten sich jedoch gehörige Zweifel breit, ob sie in
Bezug auf ihre Freunde wirklich recht hatte. Zu lange hatte er in dem Glauben
gelebt, dass jeder, der von seiner „Karriere“ als Gefängnishure erfahren würde,
ihn dafür verachten oder sich über ihn lustig machen würde.
Er würde Alexandras Beteuerungen wohl erst Glauben schenken können, nachdem er
mit Jack Sanders, Julie und Mary Jo zusammengetroffen war und sich selbst davon
überzeugen konnte, dass die drei ihn so wie immer behandelten. Gleichzeitig
hatte er jedoch eine Heidenangst davor.
Er versuchte zu verstehen, was Alexandra dazu bewogen hatte, mit Jack und Mary
Jo darüber zu sprechen. Und auch mit Julie. Er konnte nicht umhin, sich verraten
zu fühlen, doch andererseits sagte er sich, dass er Alexandra nicht zum
Schweigen verpflichtet hatte, nachdem er ihr die Wahrheit über sich erzählt
hatte. Doch hatte er ihr damit wirklich das Recht gegeben, anderen davon zu
erzählen? Es war eine schwierige Frage. Hatte er nicht auch Alexandra verraten,
als er sich so feige hatte davonstehlen wollen?
Chris hatte viel Zeit dazu gehabt, über die Gründe seines Selbstmordversuches
nachzudenken. Er hatte sich so in die Idee verrannt gehabt, dass Alexandra ihn
hassen würde, dass er keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte. Er hatte nur
noch gewollt, dass endlich alles vorbei wäre.
Inzwischen war ihm klar geworden, was es für Alexandra bedeutet haben musste,
ihn blutüberströmt im Badezimmer zu finden. Sie hatte sich schreckliche Vorwürfe
gemacht und sich dafür verantwortlich gefühlt. Chris hatte keine Ahnung, wie er
ihr diese Vorstellung ausreden sollte. Es war nicht ihre Schuld gewesen, sondern
seine eigene. Hätte er ihr doch nur genügend vertraut, um mit ihr zu reden.
Doch was passiert war, war eben passiert. Er hatte wieder einmal Glück gehabt.
Glück, dass er überlebt hatte und noch mehr Glück, dass Alexandras Gefühle für
ihn sich nicht gewandelt zu haben schienen. Nur seltsam, dass da oben immer
jemand bis zum letzten Moment wartete, bis er sich geruhte, einzugreifen. Gott
oder wer auch immer musste eine merkwürdige Art von Humor haben. Chris fragte
sich, wieso er immer erst ganz unten und in der tiefsten Dunkelheit gefangen
sein musste, bevor von irgendwoher eine helfende Hand oder ein Lichtschimmer
kamen.
Mit der Zeit wurde das ganz schön stressig.
Als Alexandra ihm angeboten hatte, bei ihr zu schlafen, damit er das Zimmer, das
für ihn so gegensätzliche Erinnerungen beinhaltete, nicht betreten musste, hatte
ihn in einen Wirrwarr der Gefühle gestürzt. Er hatte anfangs nicht nur wegen
seiner Alpträume abgelehnt, sondern auch, weil er nicht sicher war, was er
eigentlich wollte.
Auf der einen Seite wünschte er sich nichts sehnlicher, als sich einfach fallen
zu lassen, in Alexandras Armen wieder das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit
zu verspüren und sich von ihr beschützen lassen, aber andererseits wollte er
sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen, sich von den Ängsten, die ihn
plagten, befreien und sich den Dämonen seiner Erinnerung endlich stellen. Er war
lange genug davongelaufen und hatte sich vor ihnen versteckt. Es würde ein
harter Kampf werden, doch ein Kampf, den er gewinnen wollte…
***
„Ich geh da nicht hin!“
„Und ob du das tust!“
Wütend funkelte Alexandra ihr Gegenüber am Frühstückstisch an. Es war später
Sonntagmorgen und sie hatte Chris gerade eröffnet, dass er am kommenden Mittwoch
einen Termin bei Doktor Winslow hatte. Wie erwartet, war er nicht gerade
begeistert davon gewesen. Und das war eigentlich untertrieben. Chris erinnerte
sie im Moment an einen schmollenden Dreijährigen, der seine Suppe nicht essen
wollte. Mit verschränkten Armen saß er auf seinem Stuhl und starrte sie finster
an.
„Du kannst mich nicht dazu zwingen“, knurrte er. „Ich brauch niemandem, der mich
mit irgendeiner Psychokacke vollquatscht. Ich komm alleine klar.“
Alexandra wollte ihm schon an den Kopf werfen, dass die Verbände an seinen
Handgelenken eher der Beweis dafür waren, dass das Gegenteil der Fall war,
beherrschte sich aber gerade noch. Das würde sie vermutlich keinen Zentimeter
weiterbringen.
Gestern Abend noch war Chris so zugänglich gewesen wie nie zuvor. Nachdem sie zu
ihm ins Bett geklettert war, hatten sie, als die anfängliche Befangenheit
überwunden war, stundenlang miteinander geredet. Chris war ziemlich offen
gewesen, was seine Gefühle für sie anbelangte.
Er hatte ihr erklärt, dass er sich nichts mehr wünschte, als mit ihr zusammen zu
sein, doch dass er erst mit sich selbst ins Reine kommen musste, bevor er zu
mehr bereit war. Es war noch alles so neu für ihn, so ungewohnt, nicht mehr mit
der Angst leben zu müssen, dass sie ihn abstoßend wegen dem finden würde, was
mit ihm passiert war.
Alexandra hatte langsam zu begreifen begonnen, wie groß der emotionale Tumult
wirklich gewesen war, in den ihn ihre gemeinsame Nacht gestürzt hatte. Als sie
versucht hatte, sich dafür zu entschuldigen, hatte Chris entschieden abgewehrt.
Er hatte ihr erklärt, dass er inzwischen erleichtert darüber war, dass alles so
gekommen war.
Als er dann noch mit blutroten Wangen und kaum hörbar hinzugefügt hatte, dass er
sich kein schöneres erstes Mal mit einer Frau hätte wünschen können, hatte er so
süß ausgesehen, dass Alexandra sich nicht hatte zurückhalten können und ihn
stürmisch umarmt hatte. Eng aneinander gekuschelt waren sie schließlich
eingeschlafen.
Alexandra schnaubte. Sie konnte kaum glauben, dass dieses bockige Kind ihr
gegenüber der junge Mann sein sollte, mit dem sie gestern Nacht eben dieses
Gespräch geführt hatte. Nach dem Frühstück hatte sie vorsichtig das Thema
Therapie angesprochen und war darauf vorbereitet gewesen, dass sie Chris erst
würde von einer Notwendigkeit einer solchen würde überzeugen müssen, doch auf
eine derart kategorische Ablehnung war sie nicht gefasst gewesen. Sie zwang sich
zur Ruhe.
„Chris, das stimmt nicht. Du kommst nicht alleine klar, verstehst du das denn
nicht? Die Alpträume, die Bauchschmerzen, diese Panikattacke…das kann mit der
Zeit alles noch schlimmer werden.“
„Das krieg ich in den Griff“, entgegnete Chris mürrisch. „Alex, ich will nicht
mit einer Fremden…darüber reden.“
„Erstens kriegst du das nicht in den Griff und zweitens hat Doktor Winslow die
nötige Distanz und vor allem die Erfahrung, um dir wirklich zu helfen.“
Alexandras Geduld hing an einem seidenen Faden. Sie versuchte ja, Chris zu
verstehen, aber dieser sture Esel machte es einem wirklich nicht leicht.
„Ich werd nicht zu dieser Psychotante gehen! Ich will einfach nicht!“ Chris
schob seinen Stuhl zurück und sprang auf. „Sag den Termin ab!“
„Das werde ich nicht und du wirst da hingehen!“
Alexandra stand ebenfalls auf und stemmte die Hände in die Hüften.
„Nein! Verdammt noch mal, du bist nicht meine Mutter!“
Chris’ Stimme überschlug sich fast vor Erregung.
Alexandras Augen verengten sich zu Schlitzen. Jetzt war er zu weit gegangen.
„Dafür bin ich dem lieben Gott aber auf Knien dankbar“, sagte sie kalt.
Chris’ unüberlegte Worte hatten ihr den Altersunterschied zwischen ihnen beiden
auf empfindliche Art und Weise wieder ins Gedächtnis gerufen und sie fragte sich
unwillkürlich, ob sie vielleicht diejenige war, die eine Therapie brauchte.
Chris schien gemerkt zu haben, dass er mit seinen Worten eine unsichtbare Grenze
überschritten hatte, denn er sah sie erschrocken an.
„Tut…tut mir leid, Alex, so war das nicht gemeint“, stammelte er.
Nur das Läuten der Türglocke rettete Alexandra davor, etwas zu sagen, das sie
später mit Sicherheit bereut hätte. Bevor sie die Küche verließ, warf sie Chris
einen vernichtenden Blick zu.
„Wir sind noch nicht fertig“, zischte sie und knallte beim Verlassen der Küche
die Tür hinter sich zu.
Charlie stand bereits schwanzwedelnd vor der Haustür. Automatisch griff
Alexandra nach seinem Halsband, während sie Verwünschungen vor sich hinmurmelte.
Wie viel einfacher war ihr Leben doch ohne männliche Gesellschaft gewesen.
Noch während dieses Gedankens spürte sie jedoch, wie ihre Wut verrauchte.
Diplomatie und Feinfühligkeit gehörten nun einmal nicht zu ihren Stärken und
vielleicht hatte sie Chris etwas zu hart angefasst. Aber mit seiner kindischen
Weigerung hatte er sie einfach auf die Palme gebracht.
„Hallo Alex.“
Vor der Tür stand Jack und musterte sie erstaunt.
„Darf ich reinkommen?“
„Ja…klar. Tut mir leid, ich war gerade ganz wo anders“, entschuldigte sich
Alexandra.
Sie war so sehr in ihre Überlegungen versunken gewesen, dass sie einfach die Tür
geöffnet hatte, ohne darauf zu achten, wer draußen auf ihrer Veranda stand.
„Das habe ich gemerkt“, entgegnete ihr Freund trocken. „Was für eine Laus ist
dir denn über die Leber gelaufen?“
„Etwa einsfünfundsiebzig, schwarze Haare, braune Augen...“, grollte Alexandra.
„Ziemlich große Laus. Was hat er denn diesmal angestellt?“ fragte Jack halb
ironisch und halb besorgt.
„Er will nicht einsehen, dass er professionelle Hilfe braucht.“ Alexandra
seufzte. „Wir hatten gerade einen ziemlichen Streit deswegen.“
„DAS kann ich mir vorstellen. Ich kenne Chris inzwischen gut genug und dich
kenne ich noch besser.“ Jack lächelte, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen.
„Es ist verdammt schwierig, ihn dazu zu bringen, etwas zu tun, das er nicht
will.“
„Danke für die verspätete Warnung“, sagte Alexandra. Den Sarkasmus konnte sie
aus ihrer Stimme nicht ganz heraushalten. „Darauf wäre ich jetzt nie gekommen.“
„Lass mich einmal mit ihm reden“, bat Jack. „Wo ist er?“
„Küche“, entgegnete Alexandra knapp und ging voraus.
Chris saß am Tisch und zerlegte seine Papierserviette in kleine Fetzen. Als er
Jack, der Alexandra gefolgt war, erkannte, wurden seine Augen weit, bevor er den
Kopf senkte.
„Hallo Chris“, begrüßte ihn Jack und trat zum Tisch. „Und, wie geht es dir?“
Alexandra ging zur Küchetheke und lehnte sich dagegen. Sie war neugierig, wie
Jack es anfangen würde, Chris zu dieser Therapie zu überreden. Allerdings hatte
er einen Trumpf im Ärmel, den sie selbst nicht hatte verwenden wollen.
Chris zuckte mit den Schultern. „Gut“, murmelte er, während er an der schon arg
lädierten Serviette herumzupfte.
„Freut mich zu hören“, sagte Jack und setzte sich auf den Stuhl, den Alexandra
vorher benutzt hatte. „Am Dienstag hast du wieder einen Termin bei mir, gleiche
Uhrzeit wie immer.“
Alexandra beobachtete, wie Chris Jack einen kurzen Seitenblick zuwarf.
„Ist in Ordnung.“
„Alex hat mir vorhin erzählt, dass du nicht zu diesem Termin bei Doktor Winslow
gehen willst.“ Jacks Stimme klang so beiläufig, als würde er über das Wetter
sprechen. „Wieso nicht?“
Chris presste die Lippen zusammen. Alexandra konnte förmlich spüren, wie
unangenehm ihm Jacks Gegenwart war, jetzt, wo der Mann sein Geheimnis kannte.
Schuldgefühle stiegen in ihr hoch, weil sie diejenige gewesen war, die Jack
eingeweiht hatte. Doch das konnte sie jetzt nicht mehr rückgängig machen.
„Ihr könnt mich nicht dazu zwingen“, antwortete Chris fast unhörbar. Damit
wiederholte er nur, was er Alexandra vor ein paar Minuten an den Kopf geworfen
hatte.
Jack seufzte. „Chris, du bist nicht der erste Ex-Sträfling, denn ich betreue und
dem das passiert ist. Jedesmal, wenn ich einen Jungen zugewiesen bekomme, in
deinem Alter oder auch ein wenig älter, frage ich mich, ob er auch missbraucht
worden ist. Es macht mich manchmal verrückt, wenn ich zusehen muss, wie diese
Leute sich dann oft zugrunde richten. Manche fangen an, Drogen zu nehmen oder
versuchen, sich an der Gesellschaft zu rächen, indem sie selbst Gewalttaten
begehen. Und so landen sie unweigerlich wieder im Gefängnis.“
Chris hob den Kopf und sah Jack zum ersten Mal, seit dieser den Raum betreten
hatte, in die Augen.
„Ich hab nicht vor, so eine Scheiße zu machen“, sagte er bestimmt. „Ich will
einfach nur in Ruhe gelassen werden, könnt ihr das denn nicht verstehen?“
„Doch“, entgegnete Jack nach einer kleinen Pause. „Ich würde an deiner Stelle
wahrscheinlich genauso reagieren.“
„Aber wieso….“
Jack hob die Hand, um Chris zu unterbrechen.
„Das heißt nicht, dass es richtig ist. Du hast einmal versucht, dich deswegen
umzubringen, wer sagt, dass du es nicht wieder tun wirst? Gut, nicht exakt
deswegen.“
Jack warf Alexandra einen schnellen Blick zu. Er hatte den Abschiedsbrief
ebenfalls gelesen und wusste, was der eigentliche Auslöser für Chris’
Kurzschlussreaktion gewesen war.
„Vielleicht tust du es nicht morgen, vielleicht auch nicht nächste Woche, aber
was ist in ein paar Jahren? Was, wenn wieder etwas passiert, das dich aus der
Bahn wirft? Und das ist nur ein Grund, warum ich genau wie Alex will, dass du
diese Therapiesitzungen bei Doktor Winslow machst. Der andere ist, dass ich
deinen Selbstmordversuch eigentlich melden und dich in eine psychiatrische
Anstalt zur Beobachtung einweisen lassen müsste. Dort würde man feststellen, ob
du in der Lage bist, weiterhin „draußen“ zu leben oder ob du möglicherweise eine
Gefahr für die Allgemeinheit darstellst. Du hast immer noch Bewährung…“
Chris wurde bei Jacks schonungslosen Worten weiß wie eine Wand.
„Eine Anstalt? Aber…ich bin doch nicht verrückt! Ich bin ausgetickt, aber…das
ist doch kein Grund, mich einzusperren. Mister Sanders, bitte….“
Jack hob beschwichtigend beide Hände.
„Ich hab gesagt, ich müsste es eigentlich tun, nicht dass ich es tun werde. Ich
kann eine Menge Ärger deswegen bekommen. Alex und ich haben lange darüber
geredet und wir waren beide der Meinung, dass dir der Aufenthalt in so einer
Institution mehr schaden als nützen würde. Also werde ich von einer Meldung
absehen, wenn du dafür zu den Sitzungen mit Doktor Winslow gehst.“
Chris schloss die Augen und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
Alexandra konnte ihm ansehen, dass er sich furchtbar in die Enge getrieben
fühlte und hätte ihm diese Erfahrung gerne erspart. Doch er hatte ihr und Jack
leider keine andere Wahl gelassen. Sie selbst hätte Chris vielleicht noch zwei,
drei Wochen Zeit gegeben, doch Jack hatte darauf bestanden, dass er mit dieser
Therapie so bald wie möglich anfangen musste.
„Also gut“, würgte Chris schließlich hervor. „Dann geh ich eben zu diesem
Termin.“
Jack nickte zufrieden. „Sehr gut“, lobte er. „Chris, niemand von uns will dir
schaden, hast du verstanden? Und wenn du erst ein paar Mal mit Doktor Winslow
geredet hast, wirst du auch einsehen, dass wir recht hatten.“ Damit stand Jack
auf und wandte sich an Alexandra. „Ich schätze, wir haben jetzt alles geklärt.
Ich werd dann wieder gehen. Wir sind heute bei Ians Schwester zum Essen
eingeladen.“
Alexandra brachte Jack zur Haustür und verabschiedete sich von ihm. Als sie
zurück in die Küche kam, saß Chris noch immer noch dort am Tisch, die Ellbogen
aufgestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Wortlos begann sie, den
Tisch abzuräumen.
Anstatt das Geschirr in die Spülmaschine zu stellen, ließ sie Wasser in das
Waschbecken laufen. Sie wusste nicht, was sie jetzt zu Chris sagen sollte, ihn
allein lassen wollte sie nicht, und das Geschirr zu spülen gab ihr einen Grund,
hier bei ihm zu bleiben.
Es war nicht viel Arbeit. Nachdem Alexandra den letzten Teller zur Seite gelegt
hatte, um das Wasser ablaufen zu lassen, trocknete sie sich die Hände und drehte
sich um.
„Gott, hast du mich jetzt erschreckt“, keuchte sie, als sie entdeckte, dass
Chris nur etwa einen Meter hinter ihr stand.
Sie hatte nicht gehört, dass er aufgestanden und zu ihr herübergekommen war.
Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und sah sie von unten herauf an
ein paar widerspenstigen schwarzen Haarsträhnen vorbei an.
„Alex, ich möchte mich wegen vorhin entschuldigen“, flüsterte Chris
schuldbewusst. „Ich…manchmal bin ich ein solcher Idiot…“
Ein winziger Teil von Alexandra hätte ihm liebend gern beigepflichtet, doch der
Rest schmolz unter seinem flehenden Dackelblick dahin wie Butter in der Sonne.
„Das ist schon okay“, erwiderte sie. „Ich würde auch nicht gerade einen Preis
dafür gewinnen, wie ich dich behandelt habe. Wieso sagen wir nicht einfach, wir
sind quitt, hm?“
Chris stieß einen erleichterten Seufzer aus und lächelte sie zaghaft an.
„Quitt“, bestätigte er. Dann fuhr er sich mit der Zunge nervös über die Lippen
und Alexandra merkte, dass ihn noch etwas beschäftigte.
„Was ist los?“ fragte sie.
„Hast du das gewusst, das mit dieser Anstalt, meine ich?“
Alexandra nickte. „Ja, aber…eigentlich wollte ich genau das vermeiden, was Jack
vorhin getan hat. Ich wollte, dass du ohne diesen Druck einsiehst, dass es am
Besten so ist“, erklärte sie. „Darum habe ich dir nichts davon gesagt.“
„Na ja, dann…dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mit dieser
Psychotante zu reden.“ Chris’ Stimme klang resigniert.
„Chris…“ Alexandra brach ab.
Es war vermutlich sinnlos, weiter mit ihm darüber zu diskutieren. Doktor Winslow
war eine einfühlsame Frau und, soweit Alexandra es beurteilen konnte, eine
fantastische Psychologin und Therapeutin, die sich wirklich für ihre Patienten
interessierte. Chris würde mit der Zeit schon merken, dass sie in der Lage war,
ihm zu helfen.
Die folgenden
Wochen wurden zu einer harten Zeit für Chris. Schon nach den ersten Stunden mit
Doktor Winslow begriff er, was Alexandra damit gemeint hatte, als sie sagte, er
würde allein mit seinen Problemen nicht zurecht kommen.
Die Psychologin zwang ihn nicht, ihr sein Martyrium in San Quentin zu schildern,
sondern sie brachte ihn dazu, sich endlich den Gefühlen zu stellen, die er so
lange im hintersten Winkel seines Unterbewusstseins vergraben hatte. Scham,
Schuldgefühle, Angst, Hass auf seinen Peiniger, all das wurde in diesen
Sitzungen ans Licht gezerrt. Danach fühlte er sich jedes Mal wie ausgelaugt.
Doktor Winslow erklärte ihm, dass diese Gefühle in seiner Situation völlig
normal waren, dass er sie nicht zu verstecken brauchte, sondern mit Menschen,
denen er vertraute, offen darüber reden konnte.
Im Bezug auf seine Angst vor Männern, die ihn auf irgendeine Weise an einen
seiner Vergewaltiger erinnerten, riet sie ihm, Alexandra zu bitten, mit ihm zu
trainieren. Wenn er erst einmal genügend Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten
besaß,, sich auch körperlich zu wehren, dann hätte er eine reelle Chance, diese
Angst soweit in den Griff zu bekommen, dass sie ihn nicht mehr behinderte und er
diese Männer nicht mehr als Bedrohung ansehen würde und normal mit ihnen umgehen
konnte.
Denn das war einer der Gründe gewesen, warum er mit seinen früheren
Arbeitsstellen Probleme gehabt hatte. Es hatte immer Arbeitskollegen gegeben,
die Chris an irgendeinen Typen aus dem Gefängnis erinnert hatten. Er hatte jeden
Scherz und jede Bemerkung als Bedrohung aufgefasst und sich auf die einzige Art
und Weise gewehrt, zu der er in der Lage gewesen war: Mit ätzenden Antworten und
ruppigem Benehmen. Dass er die Männer dadurch nur noch mehr provoziert hatte,
das war ihm damals nicht klar gewesen.
Doktor Winslow redete mit Chris auch über seine Angst, von anderen Menschen
wegen der Tatsache, dass er vergewaltigt worden war, verabscheut, ausgelacht
oder für homosexuell gehalten zu werden. Sie bestätigte ihm zwar, dass es
genügend solcher Menschen gab, die dies aus Ignoranz oder auch Unsicherheit tun
würden, doch sie versuchte gleichzeitig, ihm klar zu machen, dass er diese Leute
dann einfach nicht ernst nehmen durfte.
Es war nicht seine Schuld gewesen, dass er das Opfer sexueller Gewalt geworden
war und er hätte keine Chance gehabt, sich dagegen zu wehren. Das war ein Satz,
den Chris wieder und wieder zu hören bekam, bis er langsam selbst anfing, daran
zu glauben.
Am dankbarsten aber war Chris der Psychologin dafür, dass sie ihn endlich
erkennen ließ, dass auch das, was er aus Angst freiwillig mit sich hatte
geschehen lassen, nichts anderes als Vergewaltigungen gewesen waren. Sich mit
der Tatsache auseinandersetzen zu müssen, dass er sich prostituiert hatte, war
eines der Dinge gewesen, die ihn am meisten belastet hatten.
Er fühlte sich noch immer schmutzig deswegen. Als er mit Doktor Winslow darüber
sprach, erklärte ihm die Ärztin, dass es zwar verständlich war, dass er so
dachte, aber auch, dass dieses Gefühl nicht den Tatsachen entsprach. Wenn er
erst einmal tief im Inneren davon überzeugt war, dass er nichts von alledem
hätte verhindern können, dass er keine Schuld daran hatte, würde das zumindest
nachlassen.
Was Chris aber am meisten an der Psychologin respektierte, war ihr Ehrlichkeit
ihm gegenüber. Sie sagte ihm ganz offen, dass ihn die Erfahrungen, die er in San
Quentin gemacht hatte, sein ganzes Leben lang begleiten würden. Die Erinnerungen
daran würden zwar mit der Zeit verblassen, doch vergessen würde er es nie. Sie
konnte ihm nur dabei helfen, damit umzugehen und trotz allem ein halbwegs
normales und glückliches Leben zu führen.
Chris, für den manchmal jeder neue Tag ein Kampf gewesen war, gab diese Aussage
die Zuversicht, die er jetzt dringend brauchte. Er konnte also wenigstens darauf
hoffen, dass er in nicht allzu ferner Zukunft in der Lage sein würde, eine
Beziehung mit Alexandra aufzubauen, die mehr als nur Freundschaft war…
Mit gemischten
Gefühlen startete Alexandra ihren Wagen und legte den Rückwärtsgang ein. Es
waren jetzt etwas mehr als eineinhalb Monate seit Chris’ Selbstmordversuch
vergangen. Heute war es das erste Mal, dass sie es wagte, ihn wirklich einen
ganzen Tag lang allein zu lassen.
Sie wollte zu einer Tagung für Tiermediziner, die nördlich von San Francisco in
Sacramento stattfand und würde erst spätabends wieder zurückkehren.
Zu Alexandras Erleichterung und auch Überraschung hatte Chris sich schnell damit
abgefunden, dass er praktisch gezwungen worden war, diese Therapie zu machen. Er
hatte nach den ersten Sitzungen sogar zugegeben, dass sie recht gehabt hatte und
dass Doktor Winslow ihm half, sich über verschiedene Dinge klar zu werden.
Alexandra achtete darauf, dass sie Chris immer zu diesen Terminen fahren konnte,
die er zweimal die Woche hatte. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich auch als
durchaus berechtigt. Mehr als einmal war er völlig aufgelöst gewesen, als sie
ihn wieder abgeholt hatte. Manchmal war er bereit, darüber zu reden, meistens
jedoch war er still und in sich gekehrt und reagierte abweisend, wenn sie ihn
etwas fragte.
Dass Chris nachts bei ihr schlief, war zur Routine geworden. Er hatte nicht
gelogen, als er gesagt hatte, dass er Alpträume hatte. Am Anfang war es
besonders schlimm gewesen, die Therapiesitzungen schienen schlafende Dämonen
geweckt zu haben, denn Chris behauptete, dass er vorher nur alle paar Nächte
geträumt hatte und das schon lange nicht mehr so intensiv.
Eine Zeitlang war Alexandra jede Nacht von seinem Schluchzen oder Schreien
geweckt worden und hatte ihn wachrütteln müssen. Manchmal hatte er ihr von den
Träumen erzählt, in anderen Nächten hatte sich einfach nur zitternd an sie
geklammert, bis Alexandra ihn so weit beruhigen konnte, dass er wieder
einschlief.
Sie hatte mit Doktor Winslow deshalb telefoniert und die Psychologin wollte
Chris daraufhin ein Beruhigungsmittel verschreiben. Dieser hatte sich jedoch
geweigert, das „Psychozeug“, wie er es nannte, zu nehmen. Alexandra, die seine
Abneigung gegen alle Arten von Drogen kannte, hatte schließlich aufgegeben, ihn
davon zu überzeugen zu wollen.
Nach ein paar Wochen jedoch wurden diese Alpträume weniger und waren vor allem
nicht mehr so lebhaft. Chris wurde im Ganzen etwas ruhiger und entspannter.
Alexandra nahm das alles mehr mit, als sie es sich anmerken ließ. Sie hatte
gewusst, dass keine einfache Zeit vor ihr lag, doch dass es so schlimm werden
würde, das hatte sie nicht geglaubt. Vor allem hatte sie sich nicht vorstellen
können, dass sie jemals derartige „Muttergans“-Qualitäten entwickeln würde, wie
sie es in den vergangenen Wochen getan hatte. Das war immer Mary Jos Metier
gewesen und früher hatte sich Alexandra darüber köstlich amüsiert. Jetzt konnte
sie nicht mehr darüber lachen.
Sie achtete darauf, dass Chris genügend as, keine Mahlzeiten ausließ, warm genug
angezogen war, nicht zuviel arbeitete…und wurde unruhig, wenn er länger als ein,
zwei Stunden aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Chris merkte das natürlich
und wurde zunehmend ungeduldiger deswegen.
Objektiv betrachtet musste Alexandra zugeben, dass es sie auch nerven würde wenn
jemand sie derart bemuttern und kaum aus den Augen lassen würde. Aber in Bezug
auf Chris hatte sie ihre Objektivität schon vor langer Zeit verloren.
Mit Mary Jo hatte sie etwa zwei Wochen nach diesem furchtbaren Samstag ein
längeres Gespräch geführt. Ihre Freundin war nicht so geschockt darüber gewesen,
dass sie mit Chris geschlafen hatte, wie Alexandra sich das vorgestellt hatte.
Sicher, anfangs war Mary Jo skeptisch gewesen wegen des Altersunterschiedes und
natürlich hatte sie sich Sorgen gemacht, dass Chris mit Aids infiziert sein
könnte, doch als Alexandra zumindest diese Befürchtung hatte zerstreuen können,
hatte Mary Jo lächelnd den Kopf geschüttelt.
„Weißt du, ich hätte nie geglaubt, dass Chris überhaupt dein Typ wäre. Er ist
wirklich süß und…na ja, die Männer, mit denen du zusammen warst oder auf die du
geflogen bist, waren immer groß, blond, blauäugig…“
„…und machomäßige Idioten“, vervollständigte Alexandra den Satz . Dann fiel ihr
etwas auf. „Sag mal, hattest du da etwa eine Checkliste anhand der du für mich
die Traumman-Kandidaten rausgesucht hast?“ fragte sie neugierig.
Die meisten Kerle, die Mary Jo ihr so dezent „vor die Füße“ gelegt hatte, hatten
nämlich genau diesem Schema entsprochen.
„Wenn du mich so fragst….Ja“, gab ihre Freundin grinsend zu.
Alexandra bog in die Auffahrt zum Highway 80 ein, der sie direkt nach Sacramento
bringen würde. Sie war schon etwas spät dran, da sie Chris noch eine ganze Latte
von Anweisungen hatte geben müssen. Er hatte schließlich nur die Augen gerollt
und ihr entnervt erklärt, dass er wusste, wie man eine Mikrowelle bediente,
herzlichen Dank, und dass er es sich gerade noch verkneifen würde, bei diesen
Temperaturen in Shorts und T-Shirt mit Charlie spazieren zu gehen…
Chris hatte eine Weile gebraucht, bis er ihr verziehen hatte, dass nun so viele
Leute wussten, dass er im Gefängnis vergewaltigt worden war. Alexandra hatte
gemerkt, dass er wegen irgendetwas auf sie wütend gewesen war, doch sie hatte
sich den Grund nicht erklären können. Erst als sie ihn eines Tages gefragt
hatte, ob er Lust hätte, zum Abendessen mit zu den Andersons zu kommen, war es
aus ihm heraus gebrochen.
Natürlich, hier musste es natürlich wieder einen Stau geben. Wahrscheinlich war
da vorne immer noch eine Baustelle. Ungeduldig trommelte Alexandra mit den
Fingern auf dem Lenkrad herum, während sie sich an dieses Gespräch erinnerte…
„Nein.“ Chris sah nicht einmal von dem Buch auf, das vor ihm auf dem Küchentisch
lag.
„Wieso nicht? Chris, du kannst dich doch nicht ewig hier vergraben.“
Alexandra nahm ihm gegenüber Platz und zog ihm das Buch weg, um seine volle
Aufmerksamkeit zu erlangen. Chris langte über den Tisch und holte es sich
zurück.
„Du siehst doch, dass ich es kann“, entgegnete er.
„Aber…ist es, weil Mary Jo es weiß?“ fragte Alexandra leise.
Ihre Freundin und Chris hatten sich seither nicht mehr gesehen, ebenso wenig wie
Julie.
Chris hob den Kopf und starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an.
„Vielleicht?“
Alexandra seufzte. Also das war es.
„Chris, es tut mir leid, das hab ich dir doch schon gesagt. Ich war an dem Tag
nicht ganz ich selbst….“
„Soll es das für mich jetzt leichter machen?“
Chris schloss das Buch mit einem lauten Knall, der Alexandra zusammenzucken
ließ.
„Scheiße, Alex, ich hab dir vertraut. Und dann erzählst du es jedem.
Wahrscheinlich wissen es Mike, Ian und weiß der Teufel noch wer auch schon. Was
glaubst du, wie ich mich dabei fühle?“
Schuldbewusst starrte Alexandra auf die Tischplatte. Dann hob sie den Kopf.
„Heißt das, du vertraust mir jetzt nicht mehr?“ flüsterte sie. „Chris, ich
wollte dich nicht…verraten. Und außer Jack, Mary Jo und Julie weiß niemand
davon. Kein Mike und kein Ian, das schwöre ich dir.“
„Mary Jo und schweigen? Das glaubst du doch selbst nicht“, schnaubte Chris. „Die
Frau ist `ne wandelnde Zeitung. Wieso musstest du ausgerechnet mit ihr noch
darüber reden? Du hattest doch schon Mister Sanders und Julie.“
Alexandra schluckte. Chris hatte ja von seiner Warte aus gesehen recht. Sie
selbst wäre an seiner Stelle genauso wütend gewesen.
„Das ist richtig“, gab sie zu. „Aber…mit Mary Jo verbindet mich was ganz
Besonderes. Sie war immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Wenn ich mal
wieder versucht habe, mich mit meinen Eltern zu versöhnen und gescheitert bin,
als ich heraus gefunden hab, dass mein damaliger Freund eine miese Ratte ist,
als ich zufällig die Ehefrau seines angeblich unverheirateten Nachfolgers kennen
lernte….Immer war Mary Jo da und hat die Scherben zusammengekehrt und mich
wieder aufgebaut. Und wenn es sein muss, dann kann sie schweigen wie ein Grab.
Sie ist oft nervig, aber…im Grunde genommen ist sie ein Goldschatz. Sie war an
dem Abend so für mich da, wie ich es eigentlich gern für dich gewesen wäre….“
Chris sah sie nur schweigend an und zog seine Unterlippe zwischen die Zähne.
Alexandra konnte deutlich sehen, wie es in ihm arbeitete.
„Trotzdem, Alex…du hättest ihr nicht zu erzählen brauchen, dass ich…“ er brach
ab und stand auf, um zum Fenster hinüberzugehen.
Die Arme um sich selbst geschlungen starrte er hinaus in den Garten.
Alexandra konnte die unsichtbare Mauer, die sich zwischen ihnen befand, fast mit
den Händen greifen. Hatte sie mit ihren unbedachten Handlungen, auch wenn sie
damals nicht anders gekonnt hatte, etwas unwiederbringlich zerstört, das noch
gar nicht richtig begonnen hatte?
Sie schob ihren Stuhl zurück und stand ebenfalls auf, um zu Chris hinüber zu
gehen. Ein paar Schritte von ihm entfernt hielt sie an. Er drehte ihr noch immer
den Rücken zu. In der Nacht hatte er wieder einen besonders lebhaften Alptraum
gehabt, seine Augen waren heute Morgen, als er aufgewacht war, noch immer
geschwollen gewesen von den Tränen.
Alexandra hatte ihn festgehalten, es hatte sie fast körperlich geschmerzt, ihn
so leiden zu sehen, und unbändiger Hass war in ihr aufgestiegen auf alle, die
daran eine Mitschuld trugen, angefangen von diesem Richter, der ihn nach San
Quentin geschickt hatte, über die, die nur zugesehen hatten und natürlich die
Schweine, die einem halben Kind so etwas hatten antun können.
„Chris?“
Alexandra wagte es nicht, ihn zu berühren, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken. Auch wenn Chris sich nachts in ihre Arme flüchten mochte, tagsüber
schreckte er vor körperlichem Kontakt zurück.
Nach einer fast endlos erscheinenden Zeit drehte Chris sich um, um sie
anzusehen.
„Vertraust…vertraust du mir jetzt nicht mehr?“ wiederholte Alexandra ihr Frage
von vorhin.
Chris legte den Kopf schief und studierte ihr Gesicht mit seinen großen, braunen
Augen. Alexandra spürte, wie ihr Herz zu rasen begann. Sie konnte sich nicht
erinnern, wann sie sich das letzte Mal derart unsicher gefühlt hatte.
„Doch“, durchbrach Chris’ Stimme schließlich die Stille. „Du bist so ziemlich
der einzige Mensch, dem ich wirklich vertraue. Darum…darum bin ich ja so sauer.
Alex, ich…ich hab solche Angst, dass die Leute, die das über mich wissen, sich
deshalb vor mir ...ekeln. Oder über mich lachen.“
„Das brauchst du nicht“, sagte Alexandra schnell, erleichtert darüber, das Chris
bereit zu sein schien, sich mit ihr auszusprechen. „Die drei denken genauso
darüber wie ich. Sie würden dich nie dafür verurteilen.“
„Ich würd das so gern glauben“, entgegnete Chris zögernd. „Ich…ich hasse es
zwar, dass jemand so etwas Privates über mich weiß, aber…irgendwo wünsche ich
mir auch, dass man mich auch mit diesem Wissen akzeptiert. Es ist nur so
schwer….Ich hab einfach Angst. Verstehst du das?
Alexandra nickte. „Ja. Aber du wirst nie erfahren, ob das so ist, wenn du zum
Einsiedler wirst. Wir…wir müssen ja nicht morgen zu den Andersons gehen, wenn du
nicht willst. Vielleicht nächste oder übernächste Woche?“ schlug sie vor.
„Vielleicht…“ stimmte Chris zu Alexandras Erleichterung zumindest halbwegs zu.
Der Stau hatte sich inzwischen aufgelöst und Alexandra gab Gas. Sie musste doch
ein wenig lächeln, als sie an das erste Zusammentreffen von Chris und den
Andersons dachte. Anfangs war Chris sehr zurückhaltend gewesen und auch Mary Jo
hatte nicht so genau gewusst, wie sie mit ihm umgehen sollte, doch ein kleiner
Zwischenfall hatte das Eis schließlich gebrochen.
Vor dem Essen hatte Mike Chris und Alexandra Bilder seines letzten
Angelausfluges zum Shashta Lake gezeigt. Er war dort mit zwei Bekannten gewesen,
die ebenfalls begeisterte Angler waren.
Schließlich waren sie zu einem Foto gekommen, auf dem Mike mit einem etwas mehr
als einem Meter großen Fisch zu sehen war.
Alexandra fing an zu grinsen, als sie sich das darauf folgende Gespräch wieder
ins Gedächtnis rief…
„Den hast du wirklich in dem See gefangen?“ fragte Chris.
„Natürlich, da gibt’s sogar noch größere von der Sorte“, antwortete Mike stolz.
„Warte mal, Oliver hat mal einen gefangen, der war einsfünfzig. Mal sehen, ob
ich das Bild finde....“ Eifrig begann er, in der Fotodatei herumzuklicken.
Chris wandte sich zu Alexandra, die neben ihm stand und Mike fasziniert
beobachtete. Die Schnelligkeit, mit der dieser mit dem Computer umging, war ihr
unbegreiflich.
„Du hast mich in einen See geschmissen, in dem solche Monster leben?“ Chris’
Stimme bebte vor Entrüstung.
„Was?“ Alexandra schreckte auf. „Was meinst du?“
„Der Riesenfisch! Du hast mich da rein geworfen, obwohl du wusstest, dass da
solche Viecher drin rumschwimmen! Was, wenn die sauer geworden wären und uns
angegriffen hätten!“
Jetzt drehte sich Mike zu ihnen um. „Chris, die haben mehr Angst vor dir als du
vor ihnen“, erklärte er belustigt. „Oder denkst du, Mary Jo würde die Kinder im
Wasser planschen lassen, wenn ihnen da Gefahr drohen würde?“
So schnell ließ Chris sich aber nicht überzeugen. „Und wenn da ein Fisch Tollwut
hat?“
Alexandra musste Mike bewundern, mit welchem Ernst dieser die Lage zu meistern
versuchte. Sie selbst stand am Rande eines hysterischen Lachanfalles. Aber Mike
war als Vater solche Fragen wahrscheinlich gewohnt.
„Fische kriegen kein Tollwut“, erklärte er geduldig. „Glaub mir, im Shashta Lake
wurde noch nie jemand von einem Fisch angefallen. Wenn da draußen was gefährlich
ist, dann sind es vielleicht die Bären.“
„Bären?“ echote Chris ungläubig. „An dem See gibt’s Bären?“ Anklagend sah er
Alexandra an. „Davon hast du mir nichts gesagt!“
„Chris, da oben in den Wäldern gibt’s jede Menge Bären. Nun sag bloß nicht, das
hättest du nicht gewusst!“
Alexandra hatte das Gefühl, dass Chris für Gelächter jetzt kein Verständnis
hätte und beherrschte sich mühsam.
„Ich weiß, dass Bären im Wald leben, so blöd bin ich nicht“, grollte er. „Aber
ihr wollt mir doch nicht tatsächlich erzählen, dass ihr Urlaub an `nem See
macht, wo solche Viecher herumspazieren!“
Jetzt waren selbst Mike die Erklärungen ausgegangen und er warf Alexandra einen
hilflosen Blick zu.
„Chris, die Bären kommen normalerweise nicht zu den Hütten“, sagte Alexandra.
„Und wenn man im Wald spazieren geht oder am See entlangläuft, dann muss man nur
genügend Lärm machen, damit sie einen hören und verschwinden können. Ich war
schon so oft dort und hab noch nie einen gesehen.“ Zumindest nicht aus der Nähe,
doch das verschwieg sie lieber.
Chris sah von einem zum andern und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Ihr seid ja verrückt“, verkündete er und verließ kopfschüttelnd das kleine
Büro.
„Was war das denn jetzt?“ erkundigte sich Mike amüsiert.
„Großstadtkind“, entgegnete Alexandra und zuckte mit den Schultern.
Der Abend war danach in relativer Harmonie verlaufen. Mary Jo hatte Chris’
Befürchtungen bezüglich der Fische und der Bären viel ernster als ihr Mann und
Alexandra genommen und es schließlich geschafft, ihn davon zu überzeugen, dass
er nicht von einer Horde von Verrückten umgeben war. Für Chris, der in Los
Angeles geboren und aufgewachsen war, der die Stadt vor seinem
Gefängnisaufenthalt eigentlich nie verlassen hatte, war ein derart unbeschwerter
Umgang mit der Wildnis unbegreiflich gewesen.
Alexandra schmunzelte, während sie den Blinker setzte und den Highway verließ,
um auf die Zubringerautobahn nach Sacramento einzubiegen. Ja, es hatte nicht nur
schwere Stunden gegeben, sondern auch vergnügliche. Chris hatte ihr in den
vergangenen Wochen bewiesen, dass er sich trotz allem nicht unterkriegen ließ
und dass er den Tiefpunkt, der zu seinem Selbstmordversuch geführt hatte,
überwunden hatte. Und dennoch konnte Alexandra das ungute Gefühl nicht
loswerden, dass es vielleicht doch nicht klug gewesen war, ihn einen ganzen Tag
lang allein zu lassen.
Aber zum Glück gab es die moderne Technik. Nachdem Alexandra ihren Wagen vor dem
Hotel, in dem die Tagung stattfinden sollte, geparkt hatte, griff sie nach ihrem
Mobiltelefon.
Erleichtert stand
Chris am Fenster und sah zu, wie der blaue Pick-up davonfuhr. Er liebte
Alexandra, sie war für ihn das Wichtigste auf der Welt geworden, doch in den
letzten Wochen hatte sie ihn manchmal fast in den Wahnsinn getrieben.
„Und, Charlie, was fangen wir jetzt mit der sturmfreien Bude an?“ fragte er den
Hund, der hechelnd neben ihm stand.
Als Antwort leckte Charlie ihm über die Hand.
„Danke, Kumpel“, beschwerte sich Chris und putzte sich die beschlabberte Hand an
seiner Hose ab.
Dann beschloss er, nach draußen zu gehen und sich endlich einmal um das Gerümpel
zu kümmern, das noch immer in der Garage lagerte. Er hatte die Garage eigentlich
schon vor Wochen ausräumen wollen, doch Alexandra hatte es nicht zugelassen, da
sie der Meinung gewesen war, er müsse sich noch schonen und das Garagendach
hätte bis zum Frühjahr Zeit. Also hatte sie ihn nur kleinere Arbeiten am Haus
ausführen und ihn ein wenig in der Praxis helfen lassen, damit er sich nicht
völlig nutzlos vorkam.
Zu den Leuten in der Nachbarschaft hatte Alexandra zum Glück nie viel Kontakt
gepflegt, mit Mrs. Appleby von gegenüber war sie sowieso zerstritten und so
hatte niemand irgendwelche Fragen gestellt, nachdem damals der Krankenwagen vor
dem Haus gestanden und Chris abtransportiert worden war. Chris hoffte, dass
niemand den Grund dafür mitbekommen hatte, doch solange ihn niemand darauf
ansprach, würde er auch damit leben können, wenn es der eine oder andere wusste.
Ein paar Besitzer von Alexandras Patienten hatten nach ihm gefragt, während er
im Krankenhaus gelegen war, diesen hatte Alexandra erzählt, dass er einen Unfall
gehabt hatte. Ob jeder diese Story geglaubt hatte, konnte Chris nicht
beurteilen. Wenn nicht, dann war es sowieso nicht zu ändern.
Nach etwa zwei Stunden hatte er über die Hälfte der Garage ausgeräumt.
Kopfschüttelnd betrachtete er den Haufen, der nun in der Einfahrt lagerte. Zwei
verrostete Fahrräder waren darunter, die wohl schon seit dreißig Jahren das
Tageslicht nicht mehr erblickt hatten, eine uralte Nähmaschine, ein Wagenrad,
ein alter Feuerwehrhelm, verschiedene Werkzeuge, die allerdings zu nichts mehr
zu gebrauchen waren und zwei alte Fernseher, an denen die Schaltknöpfe fehlten.
Chris fragte sich, wer auf die Idee kam, all dieses Gerümpel aufzubewahren. Es
nahm nur Platz weg und war zu nichts zu gebrauchen. Alexandras Tante musste
schon etwas seltsam gewesen sein.
Chris wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war anstrengende Arbeit dank
Alexandras übertriebener Fürsorge nicht mehr gewohnt. Morgen würde er vermutlich
einen gewaltigen Muskelkater haben, doch das machte ihm nichts aus. Es wurde
Zeit, dass er sein normales Leben wieder aufnahm, ob Alexandra nun damit
einverstanden war oder nicht. Er wollte ihr schließlich nicht auf der Tasche
liegen. Immerhin hatte sie ihm trotz seiner Proteste weiterhin seinen Lohn
gezahlt, obwohl er nicht hundertprozentig einsatzfähig gewesen war.
Chris ging ins Haus, um sich etwas zu trinken zu holen. Als er den Kühlschrank
öffnete, klingelte das Telefon. Es war Alex.
„Hallo, Chris. Ich bin gerade angekommen und mir ist eingefallen, dass ich
vergessen habe, dir zu sagen, dass Mrs. Bennet gegen elf vorbeikommt, um die
Vitaminpillen für ihren Pudel abzuholen. Sie hatte gestern keine Zeit dazu. Die
Packung steht auf meinem Schreibtisch. Gibst du sie ihr bitte?“
Chris hatte Mühe, ihr zu folgen, da sie so schnell redete.
„Wo stehen die Pillen?“ fragte er.
„Auf meinem Schreibtisch. Was treibst du denn gerade?“
Aha, da hat sie nicht lange gebraucht, dachte Chris amüsiert.
„Ich krame ein wenig herum, nichts Besonderes“, antwortete er ausweichend,
während er in ein Doughnut biss, das von Frühstück übrig geblieben war.
„Ich muss dann mal reingehen“, sagte Alex. „Pass auf dich auf.“
„Mach ich. Du auch“, nuschelte Chris und wartete, bis Alexandra die Verbindung
trennte.
Er wurde den Verdacht nicht los, dass sie absichtlich „vergessen“ hatte, Mrs.
Bennets Besuch zu erwähnen…
Dieser Verdacht erhärtete sich zusehends, als gegen halb zwölf das Telefon
wieder klingelte. Chris war gerade mit der Garage fertig geworden und hatte sich
die Hände gewaschen. Diesmal wollte Alexandra wissen, ob Mrs. Bennet schon
dagewesen war und erklärte ihm nochmals genau, wie lange er den Auflauf, den sie
für ihn im Kühlschrank bereitgestellt hatte, in der Mikrowelle erhitzen musste.
Chris seufzte.
„Alex, das hast du mir heute Morgen schon gesagt. Ich weiß, wie das geht, okay?“
„Hab ich das? Ist mir wohl entfallen“, kam die Antwort. „Also, bis heute Abend,
ich bin nur mal kurz raus aus dem Vortrag, weil ich dich anrufen und dir das
sagen wollte.“
Chris legte das Telefon zurück auf den Küchentisch und öffnete dann den
Kühlschrank, um sein Mittagessen zu inspizieren. Genau wie er es sich gedacht
hatte.
„Irgendwann wachsen mir jetzt dann lange Fellohren“, teilte er Charlie missmutig
mit. „Ich kann bald kein Gemüse mehr sehen.“
Dann sah er erst Charlie an, der ihn aufmerksam beobachtete, und dann wieder die
Schale in seiner Hand. So eine Gelegenheit würde er so schnell nicht wieder
bekommen…
Mit mehreren
Papiertüten in der einen Hand und Charlies Leine in der anderen spazierte Chris
eine halbe Stunde später die Straße entlang nach Hause. Es war ein
wunderschöner, sonniger Oktobertag, der einen geradezu einlud, sich draußen
aufzuhalten.
„Heute darfst du dich mal gesund ernähren“, teilte er dem Mischlingshund, der
brav neben ihm hertrottete, schadenfroh mit. Charlie bellte und begann, an
seiner Leine zu zerren, als er auf der gegenüberliegenden Seite einen anderen
Hund erspähte.
„Lass das, du Monster“, schalt Chris und zog Charlie näher zu sich. Das hatte
ihm gerade noch gefehlt. Die Besitzerin des Spaniels, der Charlies
Aufmerksamkeit erregt hatte, war eines der Mädchen, die auf Alexandras
Eröffnungsparty so schamlos mit ihm geflirtet hatten. Zum Glück hatte er sie
seitdem nicht wieder gesehen. Sie war wirklich penetrant gewesen.
Nun begann sie wie wild zu winken, als sie ihn erkannte, und trippelte über die
Straße.
„Hallo Chris“, quietschte das Mädchen, eine zierliche Blondine in modischen
Klamotten mit unmöglich hohen Stöckelschuhen. Chris fragte sich unwillkürlich,
wie man in solchen Dingern laufen konnte. Na ja, laufen konnte man das, was die
Kleine da tat, eigentlich nicht nennen. Sie sah eher aus, als würde sie auf
rohen Eiern herumtänzeln. Wieso taten sich Frauen nur so etwas an? Er hatte
Alexandra noch nie in solchen Schuhen gesehen und würde wahrscheinlich einen
Lachanfall bekommen, wenn sie jemals in so etwas erscheinen würde.
„Hallo“, antwortete Chris möglichst neutral. Er konnte sich noch nicht einmal an
den Namen des Mädchens erinnern und hoffte, dass sie das nicht merken würde.
„Wie geht’s denn so? Ist das nicht der Hund von der Tierärztin? Musst du dich um
ihn kümmern?“ plapperte die Kleine los. Sie war etwa fünfzehn, wenn Chris seinen
beschränkten Schätzkünsten trauen konnte.
„Ja, Alex…Doktor Hastings ist nicht da…“ setzte Chris um der Höflichkeit willen
zu einer Erklärung an. Er kam jedoch nicht weit.
„Wo treibst du dich eigentlich rum? Ich hab dich noch nie im „Cosmo“ oder in „Danny’s
Cafe“ gesehen. Kommst du da nicht hin?“
Chris versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, was das für Lokalitäten waren.
Bisher kannte er nur das „Joey’s“.
Bevor er jedoch antworten konnte, redete das Mädchen aber schon weiter. „Wieso
hast du dich denn nie bei mir gemeldet? Hast du meine Nummer verloren? Und auf
welche Schule gehst du eigentlich? Hab ich damals ganz vergessen, zu fragen.“
Chris war wie erschlagen von diesem Wortschwall. Er konnte sich eigentlich kaum
an das Gespräch mit dieser Nervensäge erinnern, da er einfach auf Durchzug
geschaltet hatte.
Das Mädchen schien sein Schweigen nicht zu stören, denn sie setzte ihren Monolog
unbekümmert fort. Die beiden Hunde waren inzwischen damit beschäftigt, sich
ausgiebig zu beschnüffeln und sich sympathisch zu finden, was durch intensives
Schwanzwedeln ausgedrückt wurde.
„Hey, heute Abend steigt eine Party bei Ronnie, einem aus der Elften. Hast du
nicht Lust, mitzukommen? Wäre bestimmt kein Problem, wenn du mit mir dorthin
gehen würdest, Ronnie ist mit meiner besten Freundin zusammen. Du könntest mich
ja abholen und….“
„Sorry, ich hab keine Zeit“, unterbrach Chris das Mädchen. Ihm begann zu
dämmern, dass er hier nur mit der Dampfhammermethode Erfolg haben würde.
„Wieso nicht? Du musst doch nicht etwa am Samstagabend arbeiten?“
„Doch, weil Doktor Hastings erst spät nach Hause kommt und ich ihr versprochen
habe, bei Charlie zu bleiben.“
Chris hoffte, dass sein bestimmter Tonfall Erfolg haben würde.
„Am Samstagabend, wenn alle anderen feiern?“
Das Mädchen schien endlich begriffen zu haben, dass aus dem Date nichts werden
würde. Ihre Stimme klang ziemlich enttäuscht.
„Genau“, erklärte Chris. „Und ich geh hier auch nirgends zur Schule und treib
mich nicht in Jugendtreffs herum, weil ich dafür leider schon zu alt bin.“
Mann, das hatte sich jetzt ziemlich erwachsen angehört, dachte Chris ironisch.
Das Komische an der Sache war, dass er sich manchmal noch immer wie ein Teenager
fühlte, sich aber andererseits wegen seiner Erfahrungen gelegentlich uralt
vorkam. Im Moment fühlte er sich aber aus anderen Gründen alt.
„Wieso?“ Das Mädchen war wie ein Hund mit einem Knochen. Sie ließ einfach nicht
locker. „Du bist doch nicht viel älter als ich.“
Chris seufzte. „Doch. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich hab noch einiges zu
erledigen. War nett, mit dir zu plaudern.“
Damit verabschiedete er sich und zog den widerstrebenden Charlie mit sich. Das
Mädchen starrte ihm verdattert hinterher. Sie schien es absolut nicht gewohnt zu
sein, dass etwas nicht nach ihrem Willen lief. Chris schüttelte den Kopf. Solche
verwöhnten Gören hatte er früher schon nicht ausstehen können. In seiner Klasse
hatte es auch ein paar davon gegeben, in eine davon hatte er sich dummerweise in
jugendlichem Unverstand verliebt gehabt. Dieses Mädchen erinnerte ihn sogar ein
wenig an sie.
Das war aber vor unendlich langer Zeit gewesen, in einem anderen Leben. Nachdem
er Alexandra kennen gelernt hatte, hatte sich sein Geschmack in Bezug auf das
weibliche Geschlecht beträchtlich gewandelt. Unkompliziert musste seine
Traumfrau sein, witzig und gleichzeitig verständnisvoll, selbstbewusst und
unabhängig, keine Modepuppe, die sich dauernd Gedanken um ihr Aussehen machte.
Genau diese Eigenschaften zeichneten Alexandra aus. Chris konnte es eigentlich
noch immer nicht fassen, dass sie sich tatsächlich in ihn verliebt hatte.
Charlie blieb stehen und beschnüffelte einen Baum, bevor er das Bein hob und
sein Revier markierte. Chris wartete geduldig, bis der Hund sein Geschäft
erledigt hatte und sie weitergehen konnten.
Eigentlich hatte er von so etwas als Teenager geträumt. Ein Häuschen in einem
Vorort, ein Hund, eine Partnerin, mit der man Pferde stehlen konnte….
Dieser Traum war jedoch zu Asche zerfallen, als er seine Gefängnisstrafe hatte
antreten müssen und er schließlich fast nicht mehr daran geglaubt hatte, gesund
und lebend aus diesem Höllenloch herauszukommen. Alexandra hatte diesen Traum
jedoch wieder auferstehen lassen und ihm Hoffnung gegeben. Hoffnung, dass er
wahr werden würde, wenn Chris es nur wollte und darum kämpfte.
Sie hatten das Haus erreicht und nachdem Chris die Gartentür hinter sich
geschlossen hatte, nahm er Charlie die Leine ab. Der Hund mochte es nicht, wenn
er angeleint war, doch da er leichte Hörprobleme zu haben schien, wenn es darum
ging, Kommandos zu befolgen, hatte man keine andere Wahl, wenn man mit ihm das
Grundstück verließ.
In der Küche stellte Chris die Tüten auf dem Tisch ab und holte den
Gemüseauflauf aus dem Kühlschrank. Ein Anflug von schlechtem Gewissen beschlich
ihn, als er der Schüssel zusah, wie sie sich langsam in der Mikrowelle drehte.
Alexandra hatte sich in den letzten Wochen wirklich viel Mühe mit dem Kochen
gegeben, etwas, das eigentlich untypisch für sie war. Doch für ihn hatte sie es
getan.
„Ich werf das Zeug ja nicht weg, sondern du kriegst es“, sagte er zu Charlie,
der neben ihm saß und erwartungsvoll zu ihm aufsah. „Und ich hab langsam schon
Entzugserscheinungen. Sechs Wochen lang keine Hamburger, Pommes oder Pizzas. Ich
weiß gar nicht, wie ich das überlebt hab.“
So getröstet nahm Chris nach dem Piepen die Schale aus der Mikrowelle und leerte
deren Inhalt in Charlies Fressnapf.
„Vorsicht, das ist heiß“, warnte er, doch der Hund ließ sich nicht abhalten,
sondern stürzte sich gleich auf den unerwarteten Leckerbissen.
Was das Fressen anbelangte, war Charlie nicht wählerisch. Er schien sogar eine
Vorliebe für Gemüse entwickelt zu haben.
Chris warf Charlie noch einen Blick zu und schnappte sich dann seine Tüten, um
damit nach oben zu gehen. Vorher kontrollierte er noch, ob die Haustür
verschlossen war. Mrs. Bennet war kurz nach elf dagewesen und hatte die
Vitaminpillen abgeholt und ihm einen Gruß an Alexandra ausgerichtet. Somit
sollte er jetzt eigentlich bis zum Abend seine Ruhe haben.
Chris setzte gerade einen Fuß auf die erste Treppenstufe, als das Telefon
läutete. Mit einem leisen Fluch ging er zurück in die Küche.
„Ja bitte?“
„Hallo, Chris, ich bin’s, Alex. Ich hab gerade Mittagspause und da wollte ich
nur kurz anrufen und mich erkundigen, ob das Essen geschmeckt hat.“
Chris sah zu Charlie hinüber, der damit beschäftigt war, seine Schüssel
blitzblank zu lecken.
„Jaaa, das Essen war fantastisch...“ entgegnete er.
„Dann ist es ja gut.“ Alexandras Stimme klang erleichtert und Chris’ schlechtes
Gewissen meldete sich wieder zu Wort. Da hatte sie sich extra wegen ihm solche
Mühe gegeben und was tat er? Verfütterte das liebevoll zubereitete Gericht an
Charlie.
„Was machst du denn gerade?“
Die Frage riss Chris aus seiner Selbstgeißelung. „Oh…ich wollte gerade raufgehen,
ein wenig fernsehen, mich ausruhen…“, entgegnete er und betrachtete
schuldbewusst die Tüten in seiner Hand.
„Ausruhen? Geht’s dir nicht gut?“ Jetzt klang Alexandra alarmiert.
„Nein…Doch! Ich bin okay, wirklich! Mach dir keine Sorgen.“
Chris’ Schuldgefühle waren plötzlich wie weggeblasen. Aha, das war also der
wahre Grund für den Anruf. Die Frau konnte es einfach nicht lassen.
„Bist du sicher?“
„Ja, bin ich“, antwortete Chris ungeduldig. „Alex, ich bin WIRKLICH okay. Du
brauchst mich nicht dauernd anzurufen.“
„Chris, ich will dich doch nicht kontrollieren.“
„Das tust du aber.“
Alexandra schwieg eine ganze Weile.
„Entschuldige“, sagte sie schließlich. „Ich werd mich in Zukunft beherrschen.
Wir sehen uns dann heute Abend. Pass auf dich auf.“
Jetzt musste Chris grinsen. Was sollte ihm beim Abhängen vor dem Fernseher schon
großartig passieren? Dass der Gummibaum in der Ecke des Wohnzimmers plötzlich
zum fleischfressenden Monster mutierte und ihn mit Haut und Haaren verschlang?
„Mach ich. Du aber auch“, antwortete er. „Bis später dann.“
Nachdem er die Verbindung getrennt hatte, sah er das Telefon nachdenklich an.
Jede Wette, dass das nicht der letzte Anruf gewesen war. Chris versuchte,
Alexandras Besorgnis zu verstehen, doch er fand, dass sie es langsam übertrieb.
Er hatte ihr schon mindestens hundertmal versichert, dass er mit Sicherheit
nicht die Absicht hatte, noch einmal so einen Blödsinn zum machen. Doktor
Winslow war ebenfalls zufrieden mit seinen Fortschritten. Wieso also konnte
Alexandra ihm nicht vertrauen?
In einem Anfall von kindischem Trotz öffnete Chris den Kühlschrank und legte das
Telefon hinein. Wenigstens würde er dann das Klingeln nicht mehr hören. Gefolgt
von Charlie stapfte er danach pfeifend die Treppen hinauf, um es sich oben im
Wohnzimmer gemütlich zu machen.
Nachdem er den Fernseher eingeschalten und sich einen Zeichentrickfilmkanal
herangezappt hatte, packte er seine Schätze vor sich auf dem Couchtisch aus.
Einen Schokomilchshake Extra Large, einen doppelten Cheeseburger, zwei Hamburger
und eine Riesenportion Pommes, lauter Köstlichkeiten, die ihm eine Ewigkeit, so
schien es ihm zumindest, verboten gewesen waren.
Voller Vorfreude biss Chris in den Cheeseburger und genoss das weiche, gummige
Gefühl zwischen seinen Zähnen. Dann lehnte er sich bequem zurück, um die
Geschehnisse auf dem Bildschirm zu verfolgen. Ein Gundam-Wing-Marathon.
Perfekt….
Mit quietschenden
Reifen hielt Jack seinen Wagen vor Alexandras Haus an. Vor zwanzig Minuten hatte
ihn seine Freundin leicht hysterisch auf seinem Mobiltelefon angerufen und ihn
gebeten, sofort zu ihr nach Hause zu fahren, da Chris nicht ans Telefon ging,
und das seit über einer Stunde.
Jack war in der Umkleidekabine seines Fitness-Studios gewesen und hatte sich
gerade umgezogen, als ihn der Anruf erreicht hatte. Er hatte sich nicht mehr die
Zeit genommen, sich wieder seine Straßenklamotten anzuziehen, sondern hatte
seine Sachen gepackt und war sofort losgerannt. Er glaubte zwar nicht, dass
etwas passiert war, doch er wollte sich später keine Vorwürfe machen, falls er
sich doch geirrt haben sollte.
Jack stieg aus dem Wagen aus und rannte hastig durch den Garten und die Treppen
hinauf zur Tür. Abgeschlossen. Zum Glück hatte er den Schlüssel, den Alexandra
ihm letzte Woche für diesen Fall vorbeigebracht hatte, an seinem Schlüsselbund.
Mary Jo, die eigentlich am nächsten wohnte, war dieses Wochenende mit ihrem Mann
und ihren Kindern auf Verwandtenbesuch, daher hatte Alexandra ihn als Feuerwehr
für den Notfall auserkoren.
Jack schloss die Tür auf und trat in den Flur. Charlie kam ihm freudig entgegen
und wuffte ihn an. Von oben drang das Geräusch eines laufenden Fernsehgerätes.
„Ist Chris oben?“ fragte Jack den Hund und ging an ihm vorbei, um nach einem
Blick in die Küche die Treppe hinaufzueilen.
Vorsichtig öffnete er die halb angelehnte Tür des kleinen Wohnzimmers und
begann, vor Erleichterung zu grinsen.
Chris lag, unter eine Wolldecke gekuschelt, auf dem Sofa und schlief. Der Tisch
vor ihm war übersät von Papiertüten und Plastikschachteln einer bekannten
Fast-Food-Kette. Jack erinnerte sich, dass er auf dem Weg hierher an einem
solchen Laden vorbeigekommen war.
Der Fernseher lief auf voller Lautstärke, was Chris aber nicht in seinem
Schlummer zu stören schien. Zwei riesige Kampfroboter lieferten sich gerade ein
Gefecht, das von lautem Geballere begleitet wurde, die Hintergrundmusik war auch
nicht gerade leise. Jack beugte sich über den Tisch und griff nach der
Fernbedienung, um den Fernseher auszumachen. Die Stille, die danach herrschte,
war geradezu erholsam.
Jack überlegte sich gerade, wie er Chris wohl am besten wach bekam, ohne ihn zu
Tode zu erschrecken, als dieser sich bewegte und verschlafen zu blinzeln begann.
„Was ist denn…?“ Der Satz endete in einem unterdrückten Aufschrei und Chris fuhr
hoch und starrte Jack mit schreckgeweiteten Augen an.
„Was…was machen Sie denn hier?“ fragte er.
Jack bemerkte die Angst, die in dieser durchaus berechtigten Frage mitschwang
und trat zurück. Chris Blick wanderte für einen Augenblick zur Tür, als wollte
er die Entfernung abschätzen und ob er sie schneller erreichen konnte als Jack.
„Alex hat mich angerufen und mich gebeten, vorbeizuschauen, weil du seit über
einer Stunde nicht ans Telefon gegangen bist“, erklärte Jack ruhig und
versuchte, so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken.
Chris war inzwischen aufgestanden und schob sich unauffällig zur Tür hinüber, um
eine Fluchtmöglichkeit zu haben, sollte sich die Lage doch nicht als harmlos
erweisen. Alte Gewohnheiten waren schwer abzulegen, dachte Jack bitter. Das
System, welches es ermöglicht hatte, dass diesem Jungen hatte so etwas
Furchtbares widerfahren können, war mehr als nur eine Schande.
„Alex?“ Chris sah einen Moment verwirrt aus. Die Verwirrung verwandelte sich
jedoch schnell in Verlegenheit. „Oh….hab das Telefon wohl nicht gehört.“
„Kein Wunder bei dem Krach“, bemerkte Jack trocken. „Wie kann man dabei nur
schlafen und dann aufwachen, sobald es ruhig wird.“
Chris zuckte nur mit den Schultern. „Wie sind Sie eigentlich rein gekommen? Ich
hab doch abgeschlossen.“
„Alex hat mir einen Schlüssel gegeben. Für Notfälle. Und das ist ja wohl ein
Notfall gewesen.“
Chris sog den Atem scharf ein und fuhr sich mit einer Hand durch die vom Schlaf
zerzausten Haare.
„Sie hat Sie also hergejagt, weil sie dachte, ich hätte….“ Chris
vervollständigte den Satz nicht, das brauchte er auch gar nicht, denn Jack
wusste auch so, was er meinte.
„Chris…“
„Nein, ist schon gut“, entgegnete Chris. „Man kann mir nicht trauen, dass
brauchen Sie mir nicht zu erzählen. Ich frag mich nur, warum ich diese Therapie
mache, wenn es doch sowieso sinnlos ist und ich bei der nächsten Gelegenheit
vielleicht Schlaftabletten nehme oder mich aufhänge.“
Jack seufzte. „Chris, so darfst du das nicht sehen. Alex vertraut dir, aber sie
hat einfach Angst…“
„Ja, das weiß ich. Am Anfang war es so schlimm, dass ich fast nicht allein auf
die Toilette gehen konnte oder unter die Dusche.“ Chris Stimme wurde immer
lauter. „Gott-sei-dank muss ich mich kaum rasieren, sonst hätte ich mittlerweile
einen Vollbart, weil sie nämlich sämtliche Rasierklingen unter Verschluss hält.
Es wundert mich nur, dass wir noch Küchenmesser frei zugänglich in den
Schubladen haben und ich mich allein damit in der Küche aufhalten darf. Mister
Sanders, Alex macht mich noch wahnsinnig!“
Jack starrte Chris an, der nach seinem Ausbruch dastand und die Arme um seinen
Oberkörper geschlungen hatte. Sprachen sie wirklich von der gleichen Frau? Er
kannte Alexandra als nüchterne, praktisch denkende Person, die sich durch nichts
so leicht ins Bockshorn jagen ließ. Sie war zwar ein Hitzkopf, jedoch nicht
übermäßig emotional veranlagt. War ihr dieser Junge wirklich so unter die Haut
gegangen, dass sie alle Vernunft vergaß und sich aufführte wie eine
überfürsorgliche Glucke? Andererseits glaubte er nicht, dass Chris ihn anlog,
nachdem er Alexandra vorhin live am Telefon erlebt hatte.
„Tja, ich kann dich verstehen…“ sagte er langsam. „Aber trotzdem sollten wir
jetzt Alex anrufen und ihr sagen, dass alles in Ordnung ist.“
Damit zog er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und drückte Alexandras
Kurzwahlnummer. Chris beobachtete ihn mit zusammengepressten Lippen.
„Jack? Ist Chris in Ordnung?“ erklang Alexandras panische Stimme nach einmaligem
Klingeln am anderen Ende.
„Ja, er steht gesund und munter vor mir“, entgegnete Jack. „Er ist vor dem
Fernseher eingeschlafen und hat das Telefon nicht gehört.“
„Kann ich mit ihm sprechen?“
Jack zögerte und warf Chris einen prüfenden Blick zu. „Das ist gerade keine gute
Idee“, sagte er schließlich. Chris sah nicht so aus, als wäre er im Moment zu
einem vernünftigen Gespräch mit Alexandra in der Lage.
„Wieso nicht? Jack, was ist passiert?“
Jack richtete den Blick entnervt an die Zimmerdecke. Die richtige Alexandra
musste von Aliens entführt und durch dieses völlig gestörte Exemplar
ausgetauscht worden sein.
„Nichts ist passiert. Er ist…nun ja…leicht sauer, weil du ihm nicht zutraust,
einen Tag lang allein zu sein“, erklärte er diplomatisch und ignorierte Chris’
leises Schnauben.
„Oh“, kam vom anderen Ende der Leitung. „Ist er wirklich nur leicht sauer
oder…?“
„Eher ziemlich“, gab Jack zu. „Sieht so aus, als hättest du heute Abend einiges
zu erklären und in Ordnung zu bringen.“
„Da hab ich wohl ein wenig über das Ziel hinaus geschossen“, antwortete
Alexandra kleinlaut.
„Ein wenig ist gut.“
„Jack, ich…“
„Mir bist du keine Rechenschaft schuldig“, unterbrach Jack seine Freundin.
„Ich weiß. Nur…sag Chris, ich bin in zwei Stunden zu Hause. Ich hab jetzt
einfach keinen Nerv mehr für diese Tagung.“ Alexandra legte auf, ohne eine
Antwort abzuwarten.
Jack wandte seine Aufmerksamkeit wieder Chris und dem Chaos zu, dass auf dem
Tisch herrschte.
„Du solltest das lieber verschwinden lassen und ein Fenster aufmachen, wenn du
nicht willst, dass Alex den Braten riecht“, bemerkte er ironisch und deutete auf
die Verpackungen. „Sie fährt jetzt los und ist in etwa zwei Stunden hier.“
Chris warf ihm einen resignierten Blick zu und begann, den Müll
zusammenzupacken. Jack half ihm dabei.
„Ein Kaffee wäre auf den Schrecken nicht schlecht“, sagte Jack augenzwinkernd,
um die Lage etwas zu entspannen. Vielleicht konnte er Chris noch dazu bewegen,
nicht allzu streng mit Alex ins Gericht zu gehen.
Charlie lief voraus, als Jack, gefolgt von Chris, die Treppe hinunterging. In
der Küche stopfte Chris den Müll in eine Plastiktüte und trug ihn dann nach
draußen, um jegliche Spuren seiner kleinen Rebellion zu beseitigen. In der
Zwischenzeit warf Jack die Kaffeemaschine an. Er stellte zwei Tassen auf den
Tisch und öffnete dann den Kühlschrank, um Milch herauszuholen. Er hasste
schwarzen Kaffee.
Jack wollte gerade die Kühlschranktür wieder zumachen, als sein Blick auf einen
Gegenstand fiel, den er an so einem Ort nie vermutete hätte. Verwundert griff er
danach. Hinter sich hörte er, wie Chris hereinkam und drehte sich zu ihm um.
„Bewahrt ihr das Ding im Kühlschrank auf, damit die Akkus länger halten, oder
was?“ bemerkte er ironisch.
Chris schluckte verlegen. „Ähm…ich hab…Alex hat heut Vormittag dreimal angerufen
und da…“, stammelte er, während ihm das Blut in die Wangen schoss.
Jack grinste amüsiert. „…und da wolltest du einfach deine Ruhe haben, stimmt’s?“
Chris nickte. „So ähnlich“, gab er betreten zu.
„Weißt du, irgendwie verdient ihr einander“, lachte Jack und legte das gut
gekühlte Telefon auf den Küchentisch. Dann wurde er wieder ernst.
„Chris, es ist wirklich nicht so, dass Alex dir nicht vertraut. Sie hat einfach
nur panische Angst, dich zu verlieren. Bisher ist sie mit Männern nur
reingefallen und mit ihrer Familie steht sie seit Jahren mehr oder weniger auf
Kriegsfuß. Darum reagiert sie vielleicht ein wenig übertrieben.“
„Das mit ihrer Familie weiß ich“, sagte Chris leise. „Sie hat mir mal davon
erzählt. Und das mit den Männern…ich hab mir schon gedacht, dass das der Grund
ist, warum sie zu Kerlen meistens so zickig ist.“
„Zickig ist gut. Alexandra kann regelrecht bösartig werden, wenn ihr ein Typ auf
die falsche Art kommt“, entgegnete Jack. „Ich hätte nie gedacht, dass ich es
noch erleben werde, dass sie sich wieder verliebt. Du musst dich da durch eine
Hintertür in ihr Herz geschlichen haben.“
Chris senkte den Kopf. „Manchmal glaube ich, in einem Traum zu leben, aus dem
ich jederzeit aufwachen könnte…Hab ich Ihnen eigentlich je dafür gedankt, dass
Sie mir diese Stelle besorgt haben?“ fragte er plötzlich und sah wieder auf.
„Nein, hast du nicht. Aber das ist schon in Ordnung. Ich bin immer wieder froh,
wenn einer meiner Jungs mit meiner Hilfe den Weg in ein normales Leben zurück
findet. Gelingt mir leider nicht immer….“ Jack griff nach der Kaffeekanne und
schenkte beide Tassen ein. Dann setzte er sich und sah zu, wie Chris sich eine
Riesenportion Zucker in seine Tasse kippte und sich dann mit dieser in der Hand
an die Küchentheke lehnte.
„Hätten Sie mich eigentlich wirklich in so eine Anstalt geschickt?“
Jack überlegte einen Augenblick lang, was er sagen sollte. Was hätte er wirklich
getan, wenn Chris bei seiner Weigerung geblieben wäre, diese Therapie bei Doktor
Winslow zu beginnen?
„Wahrscheinlich nicht“, gab er schließlich zu. „Ich kenne diese Anstalten.
Meistens schaden sie mehr als sie nützen und die Leute landen letztendlich in
der richtigen Psychiatrie. Aber ich hab keine andere Möglichkeit mehr gesehen
als dir damit zu drohen. Erstens war diese Therapie wirklich nötig und zweitens
brauchte ich eine gewisse Absicherung, falls die Sache jemals rauskommen sollte.
Ich kann deshalb wirklich gewaltigen Ärger bekommen.“
Chris schwieg und kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. Jack kam
unwillkürlich der Gedanke, dass dies das längste und vor allem das offenste
Gespräch war, das er je mit ihm geführt hatte. Normalerweise war Chris ihm
gegenüber äußerst einsilbig und zurückhaltend.
„Haben Sie es schon mal getan? Jemanden einweisen lassen, meine ich?“
Jack seufzte. Das war eine Sache, an die er nicht gerne zurückdachte.
„Einmal“, gab er zu. „Der Kerl war etwas älter als du. Er war nur etwa ein Jahr
im Gefängnis gewesen. Als er rauskam, musste er feststellen, dass seine
Freundin, die auch noch ein Kind von ihm hatte, mittlerweile einen Anderen hatte
und mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte. Er hatte ein Zimmer in einem
Wohnblock. Dort hat er den Gashahn von seinem Herd aufgedreht und sich ins Bett
gelegt, um zu sterben. Allerdings hat er überlebt. Seine Vermieterin bemerkte
den Gasgeruch und rief die Feuerwehr. Er hätte alles in die Luft jagen können
und in dem Haus wohnten dreißig Leute. Da blieb mir nichts anderes übrig.“
„Was ist aus ihm geworden?“ erkundigte sich Chris.
Jack nahm einen tiefen Schluck aus seiner Tasse und wünschte, die Flüssigkeit
darin wäre Whisky oder etwas ähnlich Starkes. Die Geschichte lag ihm noch immer
im Magen, obwohl sie bereits vor drei Jahren passiert war.
„Etwa zwei Wochen nachher erhielt ich einen Anruf. Er hat sich in seinem Zimmer
mit einem Strick, den er sich aus seinen Laken zusammengeknotet hatte, erhängt.“
Jack atmete tief durch und sah Chris an. „Darum hätte ich dich wohl kaum dahin
geschickt, nicht nachdem ich von Alex erfahren habe, was mit dir passiert ist.
Ich hab den Brief gefunden, den du ihr geschrieben hast und…und mir war der
eigentliche Grund für deinen Selbstmordversuch klar. Ich weiß allerdings nicht,
ob ich an deiner Stelle solange durchgehalten hätte…und vor allem den Mut gehabt
hätte, Alex alles zu sagen.“
Chris umklammerte seine Tasse mit beiden Händen, als wollte er sich daran
festhalten und starrte auf den Boden. Jack begann schon, sich zu fragen, ob er
wohl zu offen gewesen war, als Chris unvermittelt zu sprechen begann.
„Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie ich es geschafft habe. Ich hab jeden
Tag einzeln gelebt und war abends immer einfach nur froh, dass ich ihn
überstanden hatte. Der einzige Plan, den ich nach dem Knast hatte, war meinen
Schulabschluss nachzumachen. Und das hab ich hauptsächlich deshalb angefangen,
um mich abzulenken. Erst als ich zu Alex kam, hab ich wieder ein wenig Freude am
Leben gefunden. Vor den Typen auf diesen Baustellen hatte ich immer einen
Riesenhorror. Aber ich wollte mir von denen auch nichts gefallen lassen. Darum
hatte ich da auch dauernd Ärger.“
Jack nickte. „Ja, kann ich mir vorstellen.“
„Ich war wohl `ne arge Prüfung für Sie“, stellte Chris mit einem schiefen
Lächeln fest.
„Hm“, brummte Jack, während er an den trotzigen Jungen zurückdachte, der in
seinem Büro mit stoischen Schweigen den Donnerwettern gelauscht hatte, mit denen
Jack sich Luft gemacht hatte, nachdem Chris mal wieder einen Job verloren hatte.
„Ich hatte schon Schlimmere als dich“, sagte er schließlich. „Du warst
schwierig, aber wenigstens kein hoffnungsloser Fall.“
Dass er allerdings am Ende fast nicht mehr gewusst hatte, was er mit Chris
anfangen sollte, das verschwieg Jack lieber. Dann hätte er ihm auch erklären
müssen, was die Konsequenzen gewesen wären und er glaubte nicht, dass Chris das
im Moment so einfach wegstecken würde. Wie er Alexandra bereits bei ihrer
Einweihungsparty erklärt hatte, hatte er bald keine andere Möglichkeit mehr
gesehen, als Chris zurück ins Gefängnis zu schicken. Eine Regel, die Jack
zutiefst verhasst war, doch da der Junge so verschlossen und unfähig gewesen
war, sich einzufügen, wäre ihm am Ende nichts anderes übrig geblieben.
„Tut mir leid, dass ich Ihnen solchen Ärger gemacht habe“, entschuldigte sich
Chris kleinlaut.
„Schon okay. Du hast dich ja inzwischen gewaltig gebessert.“ Jack stand auf.
„Tja, ich werd dich dann wieder allein lassen. Reiß Alex nachher nicht den Kopf
ab wegen dieser Aktion.“
Erleichtert registrierte er, dass Chris zu grinsen begann. Der Junge schien
trotz allem eine gesunde Portion Humor zu haben. Musste er wohl, wenn er es
geschafft hatte, so lange mit Alexandra unter einem Dach zu wohnen.
„Mach ich schon nicht“, versicherte Chris, während er Jack zur Tür begleitete.
„Und vielen Dank noch Mal…für alles.“
„Keine Ursache.“
Nachdem Chris die Tür hinter Jack geschlossen hatte,
lehnte er sich aufatmend dagegen. Sein Bewährungshelfer hatte ihm viel Stoff zum
Nachdenken geliefert, nicht nur in Bezug auf Alexandra.
Als er vorhin aufgewacht war und Jack Sanders vor ihm stand, hätte ihn beinahe
der Schlag getroffen. Er war zu Tode erschrocken und sein Fluchtinstinkt, der in
Bezug auf Männer einfach ziemlich ausgeprägt war, hatte die Oberhand gewonnen.
Erst als auch sein Verstand richtig zu arbeiten begonnen hatte, hatte er sich
gesagt, dass Jack für ihn noch nie wirklich eine Bedrohung dargestellt hatte und
dass er ihn dank der Tricks, die Alex ihm gezeigt hatte, mit Leichtigkeit hätte
überwältigen können. Aber jahrelang praktizierte Gewohnheiten ließen sich nicht
so einfach abstellen.
Chris war während des Gesprächs auch klar geworden, was für ein Glück er gehabt
hatte, dass Jack Sanders sein Bewährungshelfer war. Ihm war durchaus bewusst,
dass der Mann bis zum Ablauf seiner Bewährung entscheiden konnte, ob er draußen
blieb oder wieder zurück nach San Quentin musste. Im Gefängnis hatte er einmal
mitbekommen, wie ein Mithäftling sich darüber beklagt hatte, dass seine
Bewährung aufgehoben worden war, nur weil er ein paar Termine bei seinem
Bewährungshelfer verpasst hatte.
Daher hatte Chris immer penibel darauf geachtet, diese Termine immer pünktlich
wahr zu nehmen – auch wenn er deren Sinn nie ganz verstanden hatte. Es war immer
das gleiche Spiel gewesen. Jack hatte ihn gefragt, ob er irgendwelche Probleme
oder Fragen hatte, Chris hatte verneint, außer er stand mal wieder kurz vor
einem Rausschmiss, dann hatte Jack ihm einen kurzen Vortrag gehalten und Chris
hatte sich verabschiedet und war gegangen.
Natürlich waren diese Gespräche nicht so abgelaufen, wenn er hatte beichten
müssen, dass er schon wieder eine Stelle verloren hatte. Ein paar Mal war Jack
regelrecht ausgerastet und hatte ihn sozusagen „zur Sau gemacht“. Chris hatte
dabei jedes Mal auf Durchzug geschalten und diese Schimpftiraden ohne mit der
Wimper zu zucken über sich ergehen lassen. Jetzt, im Nachhinein verstand er
natürlich, wieso sein Bewährungshelfer so wütend geworden war. Es war für Jack
nicht einfach gewesen, ihm dauernd dabei helfen zu müssen, einen neuen
Arbeitsplatz zu finden.
Chris erinnerte sich noch an den Tag, als Jack ihn angerufen hatte und ihn zu
sich ins Büro bestellt hatte. Zwei Tage vorher war er wieder einmal gekündigt
worden, weil er sich mit seinem Vorarbeiter herumgestritten hatte, der sich
eingebildet hatte, er könne ihm jede Drecksarbeit zuweisen, die kein anderer
machen wollte.
Als er das Büro betreten hatte, hatte Jack einen Zettel mit einer Adresse vor
ihn auf den Tisch geknallt und ihn barsch angewiesen, sich am Nachmittag dort
vorzustellen.
„Und ich warne dich, mein Junge, das ist eine gute Freundin von mir. Ich will
keine Klagen hören. Sie braucht jemanden, der ihr bei Renovierungsarbeiten
hilft. Wenn du das wieder verbockst, dann wird das diesmal ernsthafte
Konsequenzen haben“, hatte Jack drohend gesagt. „Ich musste mit Engelszungen auf
sie einreden, damit du überhaupt bei ihr vorbeikommen darfst. Also sieh zu, dass
du einen guten Eindruck auf sie machst!“
Chris war vor keinem seiner Vorstellungsgespräche so nervös gewesen wie vor
diesem. Der Job hörte sich vielversprechend an, so wie es aussah, würde er
weitgehend selbständig arbeiten können und vor allem allein. Er würde nicht
dauernd über die Schulter blicken und auf der Hut sein müssen.
Auf dem Weg zu Alexandras Haus war er im Geiste alle möglichen Fragen
durchgegangen, die diese Frau im vielleicht stellen konnte und hatte sich die
passenden Antworten zurechtgelegt. Auf alles war er vorbereitet gewesen, nur
nicht darauf, von einem struppigen Monster angefallen und abgeschleckt zu
werden.
All seine sorgsam ausgedachten Argumente und Antworten waren wie weggeblasen
gewesen, als sich die hübsche blonde Frau bei ihm für das Benehmen ihres Hundes
entschuldigt hatte. Sie hatte einen sehr selbstbewussten Eindruck auf ihn
gemacht und wie jemand gewirkt, dem man bestimmt kein X für ein U vormachen
konnte.
Als er ihr gesagt hatte, wer ihn geschickt hatte und sie ihn darauf nur
ungläubig angestarrt hatte, hatte er schon geglaubt, dass es das gewesen war.
Doch irgendwie hatte er sie dann doch überreden können, dass sie ihm zumindest
eine Chance gegeben hatte. Und so hatte sich sein Leben von Grund auf
verändert….
Das Stupsen einer feuchten Hundeschnauze an seiner Hand riss Chris aus seinen
Gedanken. Besagtes struppiges Monster hechelte und sah fragend zu ihm auf.
„Alles okay, Charlie“, sagte Chris und kraulte den Hund hinter den Ohren. „Was
hältst du davon, wenn wir beide noch einen Spaziergang zum Supermarkt machen und
ein paar feine Sachen für’s Abendessen einkaufen?“
Charlie wedelte mit dem Schwanz und blaffte zustimmend. Chris griff nach der
Hundeleine und seiner Jacke und öffnete die Tür. Es wurde Zeit, dass er
Alexandra einmal positiv überraschte.
Mit äußerst
gemischten Gefühlen bog Alexandra in die Maple Lane ein, die Straße in der sie
wohnte. Es war inzwischen dunkel geworden, sie hatte länger für die Fahrt
gebraucht als angenommen, da sie noch eine halbe Stunde im Stau gestanden war.
Sie hätte Chris gerne angerufen, doch sie hatte sich nicht getraut. Ihr war
nicht aus dem Kopf gegangen, was Jack heute Nachmittag am Telefon gesagt hatte.
So wie es sich angehört hatte, war Chris mehr als nur sauer gewesen. Sie konnte
nur hoffen, dass er sich inzwischen etwas beruhigt hatte und sich ihre
Entschuldigung anhören würde.
Alexandra erkannte sich selbst gerade nicht wieder. Noch nie zuvor war ihr ein
anderer Mensch so wichtig gewesen wie Chris. Sie wollte und konnte sich ein
Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sein Selbstmordversuch und die Stunden
danach hatten sie das erst so richtig realisieren lassen. Sie wusste nicht, was
sie gemacht hätte, wenn er tatsächlich gestorben wäre.
Ganz in ihre traurigen Gedanken versunken lenkte Alexandra den Pick-up in die
Einfahrt und konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, sonst wäre sie auf den
Haufen Sperrmüll aufgefahren, der dort lagerte.
„Was zum….“ Mit offenem Mund starrte Alexandra auf die Halde. Im
Scheinwerferlicht erkannte sie den Inhalt ihrer Garage wieder, den Chris die
ganze Zeit schon hatte entsorgen wollen. Anscheinend hatte er ihre Abwesenheit
ausgiebig ausgenutzt und genau das getan, woran sie ihn die ganze Zeit gehindert
hatte.
Alexandra legte den Rückwärtsgang ein und parkte den Wagen am Straßenrand vor
ihrer Gartentür. Sie fragte sich unwillkürlich, ob sie wissen wollte, womit
Chris sich heute sonst noch so beschäftigt hatte. Lieber nicht, beschloss sie.
Als sie die Haustür öffnete, kam Charlie ihr schwanzwedelnd entgegen und ein
verführerischer Geruch drang aus der Küche. Verblüfft zog Alexandra ihre Jacke
aus und hängte sie an die Garderobe. Dann streichelte sie ihrem Hund über den
Rücken, bevor sie die Küche betrat.
Chris stand hinter dem Herd und rührte eifrig in einem Topf. Die überlangen
Ärmel seines schwarzen Shirts hatte er nach oben gerollt. Seit er aus dem
Krankenhaus entlassen worden war, trug er nur langärmlige Oberteile, die die
Narben an seinen Handgelenken verdeckten. Dieses hatte zur Abwechslung mal
keinen Aufdruck auf der Brust. Seine Haare waren feucht, als hätte er vor kurzem
geduscht.
„Hallo Chris“, sagte Alexandra leise.
Chris sah auf und legte den Kochlöffel zur Seite.
„Hey. Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst“, antwortete er. Dann senkte er
den Blick. „Ich hab mir beinahe Sorgen gemacht, dass etwas passiert ist“, gab er
zu.
„Ich hätte ja angerufen, aber….“ Alexandra zuckte hilflos mit den Schultern.
Chris schien ebenfalls nicht so genau zu wissen, was er sagen sollte. Er machte
ein paar Schritte, bis er vor Alexandra stand.
„Alex, ich war heut Nachmittag wirklich stinkwütend“, sagte er ruhig. „Ich bin
mir wie ein Kleinkind vorgekommen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und du kannst
mich nicht wie eines behandeln, nur weil ich einmal, ein einziges Mal,
durchgedreht bin. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe und den werde ich
nicht wiederholen. Glaubst du mir das endlich?“
Alexandra schluckte. „Ich weiß, dass du kein Kind bist, sehr gut sogar“,
flüsterte sie. „Ich kann nur einfach diese Angst nicht abschütteln…“
„Alex…ich geh nirgendwohin, weder so noch so, solange du mich nicht rauswirfst“,
sagte Chris und umfasste ihre Taille, um sie an sich zu ziehen.
Alexandra legte ihm die Arme um den Nacken. Ihr war nicht nur ein Stein vom
Herzen gefallen, dass Chris ihr nicht mehr böse zu sein schien, sondern eine
ganze Gerölllawine.
„Das werde ich bestimmt nicht tun“, schwor sie. „Und ich verspreche dir, dass
ich mich in Zukunft zusammenreißen und mich nicht mehr wie eine hysterische
Glucke benehmen werde. Heißt das eigentlich auch, dass du nicht mehr bei mir
schlafen willst und ich dich nicht mehr zu Doktor Winslow fahren darf?“
Ängstlich sah Alexandra Chris ins Gesicht. Immerhin hatte er ihr zu verstehen
gegeben, dass er seine Selbständigkeit zurückwollte. Zu ihrer Erleichterung
schüttelte Chris den Kopf.
„Nein“, sagte er zögernd. „Ich hab damit nicht gemeint, dass ich dich…nicht
brauche. Das tue ich nämlich. Sehr sogar.“
Der ernsthafte Klang von Chris’ Stimme trieb Alexandra fast die Tränen in die
Augen. Als Antwort zog sie Chris an sich und umarmte ihn. Sie spürte, wie er
sich zuerst versteifte, sich aber gleich wieder entspannte und die Umarmung
erwiderte.
„Hab dich lieb“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Ich dich auch“, antwortete Alexandra zittrig. Sie fürchtete, dass sie jetzt
wirklich gleich anfangen würde zu heulen.
Normalerweise hatte sie nicht gerade nahe am Wasser gebaut, doch die Aufregung
heute Nachmittag und jetzt die Erleichterung, dass Chris ihr nicht mehr böse zu
sein schien, dieser ganze emotionale Stress forderte seinen Tribut.
Alexandra zwinkerte krampfhaft und schluckte. Dann schob sie Chris sanft von
sich.
„Hab ich noch Zeit zum Duschen, bevor das Essen fertig ist? Die hatten dort die
Heizung auf Hochtouren laufen. War nicht gerade angenehm“, sagte sie gewollt
burschikos, um die sentimentale Stimmung zu vertreiben.
„Klar, ich fang nicht ohne dich an“, entgegnete Chris und ließ sie los. „Aber
beeil dich.“
„Fünfzehn Minuten“, rief Alexandra, während sie bereits die Treppe hinauf
rannte.
Die Viertelstunde würde sie jetzt dringend brauchen, um ihre wild durcheinander
wirbelnden Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Chris hatte gesagt, dass
er sie brauchte…
***
Die fünfzehn Minuten waren noch nicht ganz um, als Alexandra frisch geduscht und
mit einem bequemen, graublauen Hausanzug bekleidet wieder in der Küchentür
stand. Chris hatte inzwischen den Tisch gedeckt und ein paar Teelichter
angezündet, die er auf ein Holzbrettchen gestellt hatte. Das grelle Deckenlicht
war aus, nur die Lampe über der Küchentheke brannte noch und tauchte den Rest
des Raumes in ein angenehmes, gedämpftes Licht. Die Atmosphäre wirkte
richtig…romantisch?
„Kann ich dir noch was helfen?“ fragte Alexandra, als Chris den Topf, in dem er
vorher so emsig gerührt hatte, auf ein weiteres Holzbrett stellte.
„Nein, setz dich. Ich hol nur noch die Spaghetti“, entgegnete Chris.
Spaghetti? Alexandra hatte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr italienisch
gegessen.
Was gibt’s denn eigentlich?“ fragte sie neugierig, während sie sich auf einem
Stuhl niederließ.
„Spaghetti Bolognese“, erklärte Chris und stellte die Schüssel mit den Nudeln
auf den Tisch.
Er ergriff Alexandras Teller und häufte ihr eine großzügige Portion darauf,
gefolgt von der Soße. Danach bediente er sich selbst und setzte sich Alexandra
gegenüber.
Diese schüttelte den Kopf. „Ich wusste gar nicht, dass du Kochen kannst“,
stellte sie fest.
Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „Kann ich auch nicht richtig. Als ich
klein war, hab ich meiner Mom manchmal dabei geholfen. Ein paar Sachen sind
hängen geblieben, besonders, wie man meine Lieblingsgerichte zubereitet.“
Gespannt wartete er, bis Alexandra den ersten Bissen probiert hatte. „Schmeckt’s?“
Mit vollem Mund nickte Alexandra.
„Traumhaft“, sagte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. „Wieso hast du so
was nicht schon früher getan?“
„Keine Ahnung. Hat sich nie ergeben.“
„Und heute?“
„Heute war mir einfach danach“, entgegnete Chris und sah Alexandra an. „Da ist
übrigens noch Tomatensalat.“
Er deutete mit seiner Gabel auf eine Schüssel, die etwas auf der Seite stand und
die Alexandra beinahe übersehen hätte.
„Du hast einen Salat gemacht?“
Die Bemerkung konnte sich die junge Tierärztin nun einfach nicht verkneifen. Zu
ihrer Erleichterung nahm Chris sie ihr nicht übel, sondern begann zu lachen.
„Na ja, ich mag die Dinger schon lieber zermatscht und mit Konservierungsstoffen
gewürzt, aber sie sind wenigstens nicht grün“, grinste er verschmitzt.
Alexandra musste ebenfalls lachen. „Du bist einfach unverbesserlich“, sagte sie
und füllte die kleine Glasschale neben ihrem Teller mit sauber geviertelten
Tomatenstückchen. Chris hatte sich wirklich Mühe gegeben.
Das Gespräch wandte sich danach eher allgemeinen Themen zu. Alexandra erzählte
Chris von der Tagung, die im Großen und Ganzen recht interessant gewesen war.
Sie hatte zwei ehemalige Kommilitoninnen getroffen und einer der Dozenten war
der Chef der Tierklinik gewesen, an der sie gearbeitet hatte.
Chris erwähnte beiläufig, dass er am Montag den Sperrmüll wegbringen und danach
im Baumarkt Bretter und Dachpappe für das Garagendach besorgen würde, weil er,
wenn das Wetter einigermaßen hielt, in der kommenden Woche das alte Dach
herunterreißen wollte. Alexandra musste sich auf die Zunge beißen, um ihren
Protest zurückzuhalten. Dieser wäre jetzt bestimmt nicht gut angekommen und sie
wollte die entspannte Stimmung nicht zerstören. Sie musste einfach lernen,
wieder loszulassen, und darauf zu vertrauen, dass Chris wusste, was er sich
zumuten konnte.
Nachdem sie fertig gegessen hatten, räumten sie gemeinsam den Tisch ab.
„Was hältst du jetzt von einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher?“ fragte
Alexandra.
So etwas passierte eher selten, sie selbst war abends oft noch in der Praxis
beschäftigt, mit Putzen, Instrumente sterilisieren und einordnen, all den
Sachen, die während des normalen Praxisbetriebes liegen blieben. Manchmal half
Chris ihr dabei, besonders, wenn mehr Arbeit anfiel. Er dachte sich nichts
dabei, einen Putzeimer voll Wasser und einen Schrubber in die Hand zu nehmen und
den Behandlungsraum zu wischen, etwas, dass so manch anderer Mann verächtlich
als Frauenarbeit abgetan und sich geweigert hätte, es zu tun.
„Zu mehr bin ich heute sowieso nicht mehr in der Lage“, stöhnte Chris und strich
sich über den Bauch. „Ich glaub, ich hab zuviel gegessen. Wenn ich nicht
aufpasse, dann werd ich noch kugelrund.“
Alexandra warf Chris einen prüfenden Blick zu und verzog die Lippen zu einem
Schmunzeln.
„Keine Sorge, davon bist du noch meilenweit entfernt. Ich wünschte, ich könnte
auch alles so unbekümmert in mich hineinstopfen wie du.“
Miteinander über die jeweiligen Essgewohnheiten des Anderen scherzend gingen sie
die Treppe nach oben. Alexandra genoss das humorvolle Wortgefecht. Sie konnte
sich gar nicht mehr erinnern, wann sie so etwas das letzte Mal getan hatten und
ihr wurde plötzlich bewusst, wie sehr sie diese Gelegenheiten vermisst hatte.
Doch bei aller Heiterkeit war Alexandra auch klar, dass Chris noch immer schwer
mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hatte.
Die Alpträume waren seltener geworden und auch nicht mehr so intensiv wie am
Anfang, als er die Therapie begonnenen hatte, doch noch immer schreckte
Alexandra in manchen Nächten hoch, weil sie spürte, wie Chris sich unruhig im
Bett zu wälzen begann.
„Was willst du sehen? Eher `nen Action-Film oder `nen Krimi…oder was
Romantisches….“
Chris saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa und blätterte in der
Fernsehzeitschrift. Alexandra war noch mal in die Küche hinuntergegangen, um
etwas zu trinken zu holen. Sie stellte die Flasche Wasser und zwei Gläser auf
den Tisch und setzte sich neben ihn.
„Lass sehen“, forderte sie und nahm ihm die Zeitschrift aus der Hand. „Hm,
„Titanic“ kommt…oder „Fluch der Karibik“…Kennst du den?“
„Nö. Hab mal was darüber gelesen, aber gesehen hab ich ihn nicht.“
Alexandra öffnete schon den Mund um Chris zu erklären, dass er etwas verpasst
hatte, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er zu dem Zeitpunkt, als der
Film in den Kinos gelaufen war, ganz andere Probleme gehabt hatte.
„Wird dir gefallen“, sagte sie stattdessen und griff nach der Fernbedienung.
Alexandra behielt Recht. Chris amüsierte sich köstlich über die Kapriolen dieses
verrückten Piratenkapitäns namens Jack Sparrow. Irgendwann im Verlauf des
Fernsehabends kuschelten sie sich zusammen unter die Wolldecke, die Chris sich
am Nachmittag aus der Kommode geholt hatte.
Alexandra lag hinter ihm auf der Seite, den Kopf auf einen angewinkelten Arm
gestützt, der andere Arm lag locker um Chris’ Taille. Chris hatte seine Hand mit
ihrer verschränkt und so sahen sie sich gemeinsam den Film an. Charlie lag auf
dem Boden zwischen Tisch und Fernseher und schien zu schlafen. Gelegentlich gab
er ein leises Winseln von sich oder ein etwas lauteres Schnarchen.
Als der Abspann des Films zu laufen begann, drehte Chris sich auf den Rücken und
sah zu Alexandra auf.
„Mann, der Typ war ja wirklich genial“, grinste er. „Schade, dass ich das nicht
im Kino gesehen habe.“ Er wurde plötzlich ernst und senkte die Augenlider.
Alexandra ahnte, was jetzt in ihm vorging. Er dachte an den Grund, warum ein
Kinobesuch nicht möglich gewesen war.
„Chris?“
„Hm?“
„Wie geht es dir jetzt eigentlich? Ich meine, ganz ehrlich, keinen von deinen
Standardsprüchen „Ich komm schon klar“ oder so….“
Alexandra nahm eine der schwarzen Strähnen, die auf Chris’ Schulter lag und
rollte sie um ihren Finger, während sie auf eine Antwort wartete. Seine Haare
waren ein ganzes Stück gewachsen, seitdem er bei ihr lebte. Inzwischen sahen sie
kaum noch verstrubbelt aus, besonders dann nicht, wenn er kein Gel benutzte.
Chris schwieg eine ganze Weile. Dann blickte er hoch.
„Besser. Du und Mister Sanders, ihr hattet recht. Das mit der Therapie war
nötig. Nicht wegen…wegen dem Selbstmordversuch, darüber bin ich hinweg, aber….In
mir hatte sich soviel aufgestaut, manchmal wusste ich gar nicht mehr, wer ich
eigentlich bin. Und…und dann kam auch noch die Sache mit dir dazu….Das klingt
alles ziemlich wirr, was?“
„Ja…ich meine nein.“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Ich bin nur froh, dass
Doktor Winslow dir helfen kann.“
Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum.
„Was…was siehst du eigentlich in mir? Ich meine…ich bin um soviel jünger als du,
hab noch nicht mal den Highschool-Abschluss, war im Gefängnis und-“
Alexandra legte Chris schnell ihren Zeigefinger auf den Mund.
„Sag es nicht“, warnte sie mit erstickter Stimme.
Chris ergriff ihre Hand und setzte sich auf.
„Doch“, sagte er und seine Stimme zitterte nur ganz leicht. „Ich war eine Hure
und zig Typen hatten ihren Spaß mit mir. Ich kann es jetzt endlich aussprechen
ohne zusammenzuklappen.“ Er machte eine Pause. „Was also siehst du in mir?“
Alexandra hatte sich ebenfalls aufgesetzt. Ihre Augen schwammen in Tränen. Es
tat weh, Chris so reden zu hören, und daran erinnert zu werden, was für eine
grauenhafte Zeit hinter ihm lag. Zu wissen, dass er diese Erfahrungen bis an
sein Lebensende nicht vergessen würde. Zu hören, wie wenig er von sich selbst
hielt.
„Ich sehe…eine wundervollen jungen Mann, der trotz all der…schlimmen Dinge, die
in seinem Leben passiert sind, nie den Mut verloren hat, gestolpert ist, aber
wieder aufgestanden ist, der tapfer ist und klug, der das Herz auf dem rechten
Fleck hat, den ich stolz bin, meinen Freund zu nennen zu dürfen und den ich über
alles liebe!“
Mit einem Aufschluchzen warf Alexandra die Arme um Chris und verbarg ihr Gesicht
in seinen Haaren, während sie darum rang, ihre Fassung wiederzugewinnen.
Sie fühlte, wie Chris sie umarmte und fest an sich drückte.
„Ich liebe dich auch“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich weiß nur nicht, ob ich so
jemanden wie dich verdient habe.“
„Dämlicher Esel“, würgte Alexandra hervor. „Du verdienst noch viel, viel mehr.“
Sanft packte Chris sie an den Schultern und schob sie weit genug von sich, dass
er ihr ins Gesicht sehen konnte.
„Jetzt sind wir also wieder beim „dämlichen Esel“ angelangt, ja?“ versuchte er
zu scherzen. „Wenn das ein Kosename werden soll, dann lässt deine Auswahl sehr
zu wünschen übrig.“
Alexandra wischte sich die Tränen von den Wangen und musste lachen.
„Ich werde versuchen, mich zu bessern“, schniefte sie. „Chris?“
„Was?“
Etwas gab es noch, dass ihr auf der Seele lag und über das sie bisher noch nie
gesprochen hatten. Zumindest nicht ausführlich. Chris hatte immer abgeblockt.
Vielleicht war er jetzt bereit, darüber zu reden.
„Damals, als ich dich allein gelassen und eingesperrt habe….Nein, lass mich
ausreden“, bat sie, als Chris eine abwehrende Handbewegung machte.
„Du hast keine Schuld“, sagte er fest.
„Darum geht es mir nicht. Ich…ich will dir nur erklären, wieso….“ Alexandra
atmete tief durch und suchte nach den richtigen Worten. „Mein ganzes Leben lang
konnte ich immer irgendwie mit allem umgehen, das mir in den Weg geworfen wurde.
Der Ärger mit meinen Eltern, mit meinen Geschwistern, diesen Idioten von
Ex-Freunden…auch mit dem Wissen, was mit dir im Gefängnis geschehen sein musste.
Ich hatte mir Lösungen überlegt, Sachen, die ich dir sagen wollte....Und dann,
als du mir endlich die Wahrheit erzählt hast, und du so unnahbar warst, so…so
kalt…. Da konnte ich auf einmal nicht mehr. Ich wollte dir helfen, mehr als
alles andere auf der Welt und wusste nicht, wie. Ich fühlte mich so unfähig, so
hilflos….“
Chris senkte den Kopf und starrte auf seine Hände.
„Alex, ich…ich war damals wie in Trance….Wenn…wenn ich in dem Moment nicht alle
Gefühle abgeschalten hätte, dann hätte ich vor lauter Heulen kein Wort
rausgebracht….“
„Oh Chris…Wie konntest du nur glauben, dass ich dich deshalb hassen würde…“
Chris zuckte mit den Schultern. Dann sah er Alexandra an.
„Ich weiß nicht. Ich hatte die ganze Zeit solche Angst, dass du es irgendwie
rausfinden würdest und….“ Er brach ab und schluckte.
„Ich hab’s auch rausgefunden. In der Hütte, als dieses Gewitter war und du
diesen Alptraum hattest, da wurde mir plötzlich klar, was mit dir los war.
Vielleicht hätte ich da schon mit dir darüber reden sollen. Aber ich wusste
nicht, wie ich anfangen sollte“, sagte Alexandra.
„Ich hätte es wahrscheinlich sowieso nicht zugegeben.“ Chris fuhr sich mit der
Hand durch die Haare. „Alex, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wir…wir haben
vielleicht beide Fehler gemacht, aber jetzt sind wir hier und…zusammen, auch
wenn ich noch nicht so ganz….“
„Das ist egal. Wir haben alle Zeit der Welt“, unterbrach ihn Alexandra. „Du
machst diese Therapie bei Doktor Winslow weiter, hast hier deinen sicheren Job
bei mir, Jack wird dir bestimmt keine Probleme machen, sonst bekommt er es mit
mir zu tun….In sieben Monaten läuft deine Bewährung sowieso ab. Du bist jetzt in
Sicherheit. Was soll schon groß passieren?“
Später sollte Alexandra oft an diesen Abend und vor allem an diesen Satz
zurückdenken und sich fragen, wie sie so naiv hatte sein können…
Mit äußerst
gemischten Gefühlen bog Alexandra in die Maple Lane ein, die Straße in der sie
wohnte. Es war inzwischen dunkel geworden, sie hatte länger für die Fahrt
gebraucht als angenommen, da sie noch eine halbe Stunde im Stau gestanden war.
Sie hätte Chris gerne angerufen, doch sie hatte sich nicht getraut. Ihr war
nicht aus dem Kopf gegangen, was Jack heute Nachmittag am Telefon gesagt hatte.
So wie es sich angehört hatte, war Chris mehr als nur sauer gewesen. Sie konnte
nur hoffen, dass er sich inzwischen etwas beruhigt hatte und sich ihre
Entschuldigung anhören würde.
Alexandra erkannte sich selbst gerade nicht wieder. Noch nie zuvor war ihr ein
anderer Mensch so wichtig gewesen wie Chris. Sie wollte und konnte sich ein
Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sein Selbstmordversuch und die Stunden
danach hatten sie das erst so richtig realisieren lassen. Sie wusste nicht, was
sie gemacht hätte, wenn er tatsächlich gestorben wäre.
Ganz in ihre traurigen Gedanken versunken lenkte Alexandra den Pick-up in die
Einfahrt und konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, sonst wäre sie auf den
Haufen Sperrmüll aufgefahren, der dort lagerte.
„Was zum….“ Mit offenem Mund starrte Alexandra auf die Halde. Im
Scheinwerferlicht erkannte sie den Inhalt ihrer Garage wieder, den Chris die
ganze Zeit schon hatte entsorgen wollen. Anscheinend hatte er ihre Abwesenheit
ausgiebig ausgenutzt und genau das getan, woran sie ihn die ganze Zeit gehindert
hatte.
Alexandra legte den Rückwärtsgang ein und parkte den Wagen am Straßenrand vor
ihrer Gartentür. Sie fragte sich unwillkürlich, ob sie wissen wollte, womit
Chris sich heute sonst noch so beschäftigt hatte. Lieber nicht, beschloss sie.
Als sie die Haustür öffnete, kam Charlie ihr schwanzwedelnd entgegen und ein
verführerischer Geruch drang aus der Küche. Verblüfft zog Alexandra ihre Jacke
aus und hängte sie an die Garderobe. Dann streichelte sie ihrem Hund über den
Rücken, bevor sie die Küche betrat.
Chris stand hinter dem Herd und rührte eifrig in einem Topf. Die überlangen
Ärmel seines schwarzen Shirts hatte er nach oben gerollt. Seit er aus dem
Krankenhaus entlassen worden war, trug er nur langärmlige Oberteile, die die
Narben an seinen Handgelenken verdeckten. Dieses hatte zur Abwechslung mal
keinen Aufdruck auf der Brust. Seine Haare waren feucht, als hätte er vor kurzem
geduscht.
„Hallo Chris“, sagte Alexandra leise.
Chris sah auf und legte den Kochlöffel zur Seite.
„Hey. Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst“, antwortete er. Dann senkte er
den Blick. „Ich hab mir beinahe Sorgen gemacht, dass etwas passiert ist“, gab er
zu.
„Ich hätte ja angerufen, aber….“ Alexandra zuckte hilflos mit den Schultern.
Chris schien ebenfalls nicht so genau zu wissen, was er sagen sollte. Er machte
ein paar Schritte, bis er vor Alexandra stand.
„Alex, ich war heut Nachmittag wirklich stinkwütend“, sagte er ruhig. „Ich bin
mir wie ein Kleinkind vorgekommen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und du kannst
mich nicht wie eines behandeln, nur weil ich einmal, ein einziges Mal,
durchgedreht bin. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe und den werde ich
nicht wiederholen. Glaubst du mir das endlich?“
Alexandra schluckte. „Ich weiß, dass du kein Kind bist, sehr gut sogar“,
flüsterte sie. „Ich kann nur einfach diese Angst nicht abschütteln…“
„Alex…ich geh nirgendwohin, weder so noch so, solange du mich nicht rauswirfst“,
sagte Chris und umfasste ihre Taille, um sie an sich zu ziehen.
Alexandra legte ihm die Arme um den Nacken. Ihr war nicht nur ein Stein vom
Herzen gefallen, dass Chris ihr nicht mehr böse zu sein schien, sondern eine
ganze Gerölllawine.
„Das werde ich bestimmt nicht tun“, schwor sie. „Und ich verspreche dir, dass
ich mich in Zukunft zusammenreißen und mich nicht mehr wie eine hysterische
Glucke benehmen werde. Heißt das eigentlich auch, dass du nicht mehr bei mir
schlafen willst und ich dich nicht mehr zu Doktor Winslow fahren darf?“
Ängstlich sah Alexandra Chris ins Gesicht. Immerhin hatte er ihr zu verstehen
gegeben, dass er seine Selbständigkeit zurückwollte. Zu ihrer Erleichterung
schüttelte Chris den Kopf.
„Nein“, sagte er zögernd. „Ich hab damit nicht gemeint, dass ich dich…nicht
brauche. Das tue ich nämlich. Sehr sogar.“
Der ernsthafte Klang von Chris’ Stimme trieb Alexandra fast die Tränen in die
Augen. Als Antwort zog sie Chris an sich und umarmte ihn. Sie spürte, wie er
sich zuerst versteifte, sich aber gleich wieder entspannte und die Umarmung
erwiderte.
„Hab dich lieb“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Ich dich auch“, antwortete Alexandra zittrig. Sie fürchtete, dass sie jetzt
wirklich gleich anfangen würde zu heulen.
Normalerweise hatte sie nicht gerade nahe am Wasser gebaut, doch die Aufregung
heute Nachmittag und jetzt die Erleichterung, dass Chris ihr nicht mehr böse zu
sein schien, dieser ganze emotionale Stress forderte seinen Tribut.
Alexandra zwinkerte krampfhaft und schluckte. Dann schob sie Chris sanft von
sich.
„Hab ich noch Zeit zum Duschen, bevor das Essen fertig ist? Die hatten dort die
Heizung auf Hochtouren laufen. War nicht gerade angenehm“, sagte sie gewollt
burschikos, um die sentimentale Stimmung zu vertreiben.
„Klar, ich fang nicht ohne dich an“, entgegnete Chris und ließ sie los. „Aber
beeil dich.“
„Fünfzehn Minuten“, rief Alexandra, während sie bereits die Treppe hinauf
rannte.
Die Viertelstunde würde sie jetzt dringend brauchen, um ihre wild durcheinander
wirbelnden Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Chris hatte gesagt, dass
er sie brauchte…
***
Die fünfzehn Minuten waren noch nicht ganz um, als Alexandra frisch geduscht und
mit einem bequemen, graublauen Hausanzug bekleidet wieder in der Küchentür
stand. Chris hatte inzwischen den Tisch gedeckt und ein paar Teelichter
angezündet, die er auf ein Holzbrettchen gestellt hatte. Das grelle Deckenlicht
war aus, nur die Lampe über der Küchentheke brannte noch und tauchte den Rest
des Raumes in ein angenehmes, gedämpftes Licht. Die Atmosphäre wirkte
richtig…romantisch?
„Kann ich dir noch was helfen?“ fragte Alexandra, als Chris den Topf, in dem er
vorher so emsig gerührt hatte, auf ein weiteres Holzbrett stellte.
„Nein, setz dich. Ich hol nur noch die Spaghetti“, entgegnete Chris.
Spaghetti? Alexandra hatte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr italienisch
gegessen.
Was gibt’s denn eigentlich?“ fragte sie neugierig, während sie sich auf einem
Stuhl niederließ.
„Spaghetti Bolognese“, erklärte Chris und stellte die Schüssel mit den Nudeln
auf den Tisch.
Er ergriff Alexandras Teller und häufte ihr eine großzügige Portion darauf,
gefolgt von der Soße. Danach bediente er sich selbst und setzte sich Alexandra
gegenüber.
Diese schüttelte den Kopf. „Ich wusste gar nicht, dass du Kochen kannst“,
stellte sie fest.
Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „Kann ich auch nicht richtig. Als ich
klein war, hab ich meiner Mom manchmal dabei geholfen. Ein paar Sachen sind
hängen geblieben, besonders, wie man meine Lieblingsgerichte zubereitet.“
Gespannt wartete er, bis Alexandra den ersten Bissen probiert hatte. „Schmeckt’s?“
Mit vollem Mund nickte Alexandra.
„Traumhaft“, sagte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. „Wieso hast du so
was nicht schon früher getan?“
„Keine Ahnung. Hat sich nie ergeben.“
„Und heute?“
„Heute war mir einfach danach“, entgegnete Chris und sah Alexandra an. „Da ist
übrigens noch Tomatensalat.“
Er deutete mit seiner Gabel auf eine Schüssel, die etwas auf der Seite stand und
die Alexandra beinahe übersehen hätte.
„Du hast einen Salat gemacht?“
Die Bemerkung konnte sich die junge Tierärztin nun einfach nicht verkneifen. Zu
ihrer Erleichterung nahm Chris sie ihr nicht übel, sondern begann zu lachen.
„Na ja, ich mag die Dinger schon lieber zermatscht und mit Konservierungsstoffen
gewürzt, aber sie sind wenigstens nicht grün“, grinste er verschmitzt.
Alexandra musste ebenfalls lachen. „Du bist einfach unverbesserlich“, sagte sie
und füllte die kleine Glasschale neben ihrem Teller mit sauber geviertelten
Tomatenstückchen. Chris hatte sich wirklich Mühe gegeben.
Das Gespräch wandte sich danach eher allgemeinen Themen zu. Alexandra erzählte
Chris von der Tagung, die im Großen und Ganzen recht interessant gewesen war.
Sie hatte zwei ehemalige Kommilitoninnen getroffen und einer der Dozenten war
der Chef der Tierklinik gewesen, an der sie gearbeitet hatte.
Chris erwähnte beiläufig, dass er am Montag den Sperrmüll wegbringen und danach
im Baumarkt Bretter und Dachpappe für das Garagendach besorgen würde, weil er,
wenn das Wetter einigermaßen hielt, in der kommenden Woche das alte Dach
herunterreißen wollte. Alexandra musste sich auf die Zunge beißen, um ihren
Protest zurückzuhalten. Dieser wäre jetzt bestimmt nicht gut angekommen und sie
wollte die entspannte Stimmung nicht zerstören. Sie musste einfach lernen,
wieder loszulassen, und darauf zu vertrauen, dass Chris wusste, was er sich
zumuten konnte.
Nachdem sie fertig gegessen hatten, räumten sie gemeinsam den Tisch ab.
„Was hältst du jetzt von einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher?“ fragte
Alexandra.
So etwas passierte eher selten, sie selbst war abends oft noch in der Praxis
beschäftigt, mit Putzen, Instrumente sterilisieren und einordnen, all den
Sachen, die während des normalen Praxisbetriebes liegen blieben. Manchmal half
Chris ihr dabei, besonders, wenn mehr Arbeit anfiel. Er dachte sich nichts
dabei, einen Putzeimer voll Wasser und einen Schrubber in die Hand zu nehmen und
den Behandlungsraum zu wischen, etwas, dass so manch anderer Mann verächtlich
als Frauenarbeit abgetan und sich geweigert hätte, es zu tun.
„Zu mehr bin ich heute sowieso nicht mehr in der Lage“, stöhnte Chris und strich
sich über den Bauch. „Ich glaub, ich hab zuviel gegessen. Wenn ich nicht
aufpasse, dann werd ich noch kugelrund.“
Alexandra warf Chris einen prüfenden Blick zu und verzog die Lippen zu einem
Schmunzeln.
„Keine Sorge, davon bist du noch meilenweit entfernt. Ich wünschte, ich könnte
auch alles so unbekümmert in mich hineinstopfen wie du.“
Miteinander über die jeweiligen Essgewohnheiten des Anderen scherzend gingen sie
die Treppe nach oben. Alexandra genoss das humorvolle Wortgefecht. Sie konnte
sich gar nicht mehr erinnern, wann sie so etwas das letzte Mal getan hatten und
ihr wurde plötzlich bewusst, wie sehr sie diese Gelegenheiten vermisst hatte.
Doch bei aller Heiterkeit war Alexandra auch klar, dass Chris noch immer schwer
mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hatte.
Die Alpträume waren seltener geworden und auch nicht mehr so intensiv wie am
Anfang, als er die Therapie begonnenen hatte, doch noch immer schreckte
Alexandra in manchen Nächten hoch, weil sie spürte, wie Chris sich unruhig im
Bett zu wälzen begann.
„Was willst du sehen? Eher `nen Action-Film oder `nen Krimi…oder was
Romantisches….“
Chris saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa und blätterte in der
Fernsehzeitschrift. Alexandra war noch mal in die Küche hinuntergegangen, um
etwas zu trinken zu holen. Sie stellte die Flasche Wasser und zwei Gläser auf
den Tisch und setzte sich neben ihn.
„Lass sehen“, forderte sie und nahm ihm die Zeitschrift aus der Hand. „Hm,
„Titanic“ kommt…oder „Fluch der Karibik“…Kennst du den?“
„Nö. Hab mal was darüber gelesen, aber gesehen hab ich ihn nicht.“
Alexandra öffnete schon den Mund um Chris zu erklären, dass er etwas verpasst
hatte, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er zu dem Zeitpunkt, als der
Film in den Kinos gelaufen war, ganz andere Probleme gehabt hatte.
„Wird dir gefallen“, sagte sie stattdessen und griff nach der Fernbedienung.
Alexandra behielt Recht. Chris amüsierte sich köstlich über die Kapriolen dieses
verrückten Piratenkapitäns namens Jack Sparrow. Irgendwann im Verlauf des
Fernsehabends kuschelten sie sich zusammen unter die Wolldecke, die Chris sich
am Nachmittag aus der Kommode geholt hatte.
Alexandra lag hinter ihm auf der Seite, den Kopf auf einen angewinkelten Arm
gestützt, der andere Arm lag locker um Chris’ Taille. Chris hatte seine Hand mit
ihrer verschränkt und so sahen sie sich gemeinsam den Film an. Charlie lag auf
dem Boden zwischen Tisch und Fernseher und schien zu schlafen. Gelegentlich gab
er ein leises Winseln von sich oder ein etwas lauteres Schnarchen.
Als der Abspann des Films zu laufen begann, drehte Chris sich auf den Rücken und
sah zu Alexandra auf.
„Mann, der Typ war ja wirklich genial“, grinste er. „Schade, dass ich das nicht
im Kino gesehen habe.“ Er wurde plötzlich ernst und senkte die Augenlider.
Alexandra ahnte, was jetzt in ihm vorging. Er dachte an den Grund, warum ein
Kinobesuch nicht möglich gewesen war.
„Chris?“
„Hm?“
„Wie geht es dir jetzt eigentlich? Ich meine, ganz ehrlich, keinen von deinen
Standardsprüchen „Ich komm schon klar“ oder so….“
Alexandra nahm eine der schwarzen Strähnen, die auf Chris’ Schulter lag und
rollte sie um ihren Finger, während sie auf eine Antwort wartete. Seine Haare
waren ein ganzes Stück gewachsen, seitdem er bei ihr lebte. Inzwischen sahen sie
kaum noch verstrubbelt aus, besonders dann nicht, wenn er kein Gel benutzte.
Chris schwieg eine ganze Weile. Dann blickte er hoch.
„Besser. Du und Mister Sanders, ihr hattet recht. Das mit der Therapie war
nötig. Nicht wegen…wegen dem Selbstmordversuch, darüber bin ich hinweg, aber….In
mir hatte sich soviel aufgestaut, manchmal wusste ich gar nicht mehr, wer ich
eigentlich bin. Und…und dann kam auch noch die Sache mit dir dazu….Das klingt
alles ziemlich wirr, was?“
„Ja…ich meine nein.“ Alexandra schüttelte den Kopf. „Ich bin nur froh, dass
Doktor Winslow dir helfen kann.“
Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum.
„Was…was siehst du eigentlich in mir? Ich meine…ich bin um soviel jünger als du,
hab noch nicht mal den Highschool-Abschluss, war im Gefängnis und-“
Alexandra legte Chris schnell ihren Zeigefinger auf den Mund.
„Sag es nicht“, warnte sie mit erstickter Stimme.
Chris ergriff ihre Hand und setzte sich auf.
„Doch“, sagte er und seine Stimme zitterte nur ganz leicht. „Ich war eine Hure
und zig Typen hatten ihren Spaß mit mir. Ich kann es jetzt endlich aussprechen
ohne zusammenzuklappen.“ Er machte eine Pause. „Was also siehst du in mir?“
Alexandra hatte sich ebenfalls aufgesetzt. Ihre Augen schwammen in Tränen. Es
tat weh, Chris so reden zu hören, und daran erinnert zu werden, was für eine
grauenhafte Zeit hinter ihm lag. Zu wissen, dass er diese Erfahrungen bis an
sein Lebensende nicht vergessen würde. Zu hören, wie wenig er von sich selbst
hielt.
„Ich sehe…eine wundervollen jungen Mann, der trotz all der…schlimmen Dinge, die
in seinem Leben passiert sind, nie den Mut verloren hat, gestolpert ist, aber
wieder aufgestanden ist, der tapfer ist und klug, der das Herz auf dem rechten
Fleck hat, den ich stolz bin, meinen Freund zu nennen zu dürfen und den ich über
alles liebe!“
Mit einem Aufschluchzen warf Alexandra die Arme um Chris und verbarg ihr Gesicht
in seinen Haaren, während sie darum rang, ihre Fassung wiederzugewinnen.
Sie fühlte, wie Chris sie umarmte und fest an sich drückte.
„Ich liebe dich auch“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich weiß nur nicht, ob ich so
jemanden wie dich verdient habe.“
„Dämlicher Esel“, würgte Alexandra hervor. „Du verdienst noch viel, viel mehr.“
Sanft packte Chris sie an den Schultern und schob sie weit genug von sich, dass
er ihr ins Gesicht sehen konnte.
„Jetzt sind wir also wieder beim „dämlichen Esel“ angelangt, ja?“ versuchte er
zu scherzen. „Wenn das ein Kosename werden soll, dann lässt deine Auswahl sehr
zu wünschen übrig.“
Alexandra wischte sich die Tränen von den Wangen und musste lachen.
„Ich werde versuchen, mich zu bessern“, schniefte sie. „Chris?“
„Was?“
Etwas gab es noch, dass ihr auf der Seele lag und über das sie bisher noch nie
gesprochen hatten. Zumindest nicht ausführlich. Chris hatte immer abgeblockt.
Vielleicht war er jetzt bereit, darüber zu reden.
„Damals, als ich dich allein gelassen und eingesperrt habe….Nein, lass mich
ausreden“, bat sie, als Chris eine abwehrende Handbewegung machte.
„Du hast keine Schuld“, sagte er fest.
„Darum geht es mir nicht. Ich…ich will dir nur erklären, wieso….“ Alexandra
atmete tief durch und suchte nach den richtigen Worten. „Mein ganzes Leben lang
konnte ich immer irgendwie mit allem umgehen, das mir in den Weg geworfen wurde.
Der Ärger mit meinen Eltern, mit meinen Geschwistern, diesen Idioten von
Ex-Freunden…auch mit dem Wissen, was mit dir im Gefängnis geschehen sein musste.
Ich hatte mir Lösungen überlegt, Sachen, die ich dir sagen wollte....Und dann,
als du mir endlich die Wahrheit erzählt hast, und du so unnahbar warst, so…so
kalt…. Da konnte ich auf einmal nicht mehr. Ich wollte dir helfen, mehr als
alles andere auf der Welt und wusste nicht, wie. Ich fühlte mich so unfähig, so
hilflos….“
Chris senkte den Kopf und starrte auf seine Hände.
„Alex, ich…ich war damals wie in Trance….Wenn…wenn ich in dem Moment nicht alle
Gefühle abgeschalten hätte, dann hätte ich vor lauter Heulen kein Wort
rausgebracht….“
„Oh Chris…Wie konntest du nur glauben, dass ich dich deshalb hassen würde…“
Chris zuckte mit den Schultern. Dann sah er Alexandra an.
„Ich weiß nicht. Ich hatte die ganze Zeit solche Angst, dass du es irgendwie
rausfinden würdest und….“ Er brach ab und schluckte.
„Ich hab’s auch rausgefunden. In der Hütte, als dieses Gewitter war und du
diesen Alptraum hattest, da wurde mir plötzlich klar, was mit dir los war.
Vielleicht hätte ich da schon mit dir darüber reden sollen. Aber ich wusste
nicht, wie ich anfangen sollte“, sagte Alexandra.
„Ich hätte es wahrscheinlich sowieso nicht zugegeben.“ Chris fuhr sich mit der
Hand durch die Haare. „Alex, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wir…wir haben
vielleicht beide Fehler gemacht, aber jetzt sind wir hier und…zusammen, auch
wenn ich noch nicht so ganz….“
„Das ist egal. Wir haben alle Zeit der Welt“, unterbrach ihn Alexandra. „Du
machst diese Therapie bei Doktor Winslow weiter, hast hier deinen sicheren Job
bei mir, Jack wird dir bestimmt keine Probleme machen, sonst bekommt er es mit
mir zu tun….In sieben Monaten läuft deine Bewährung sowieso ab. Du bist jetzt in
Sicherheit. Was soll schon groß passieren?“
Später sollte Alexandra oft an diesen Abend und vor allem an diesen Satz
zurückdenken und sich fragen, wie sie so naiv hatte sein können…
Am nächsten
Morgen, als sie beim Frühstück saßen, sah Alexandra aus dem Fenster und hatte
plötzlich eine Idee. Das sonnige Wetter war geradezu ideal.
„Sag mal, warst du eigentlich schon jemals unten in der Stadt, seit du hier
bist? Ich meine, so touristenmäßig?“
„Was?“ Chris sah von dem Brötchen hoch, das er gerade mit einer dicken Schicht
Marmelade bestrich. „Nö. Ich bin zwar schon mit dem Bus durchgefahren, aber ich
hatte nie die Zeit oder die Lust, mir alles anzusehen.“
„Hättest du heute Lust?“
„Auf `nen Stadtbummel? Wieso nicht?“
Eine halbe Stunde später saßen sie mit einem aufgeregten Charlie auf dem
Rücksitz und Alexandra am Steuer im Auto und fuhren in Richtung San Francisco.
Nach etwa einer weiteren halben Stunde erreichten sie einen großen Parkplatz,
auf den Alexandra einbog und den Wagen abstellte.
„Von hier an geht’s zu Fuß, mit dem Bus und mit dem Cable Car weiter“,
verkündete sie. „In der Innenstadt oder in der Nähe der Touristenattraktionen
eine Parkgelegenheit zu finden ist fast unmöglich.“
Alexandra verbrachte einen vergnüglichen Tag damit, Chris einige der
Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Sie fuhren ein paar Mal mit einem Cable
Car, einer Art offener Trambahn, die es in San Francisco seit 1873 gab, die auch
so aussah und deren Sicherheit Chris anfangs etwas misstrauisch gegenüberstand,
bis er entdeckte, wie viel Spaß es machte, außen auf dem Trittbrett mitzufahren.
Zu Mittag aßen sie an der Fischermen’s Wharf, dem alten Hafen, wo Alexandra
Chris überredete, die Muschelsuppe zu probieren, die in großen, ausgehöhlten
Brotlaiben auf dem Fischmarkt verkauft wurde. Die Reste des Brotlaibs
verfütterten sie an Charlie und die aufdringlichen Möwen, die überall
herumflatterten.
Am Nachmittag bummelten sie durch die Chinatown und amüsierten sich über die
teilweise doch recht seltsamen Waren, die dort in kunterbuntem Sammelsurium in
den Läden zum Verkauf angeboten wurden. Besonders die Lebensmittelläden hatten
es Chris angetan. Er fand die vielen getrockneten Fische, Krebse und teilweise
unidentifizierbaren Dinge, über deren Herkunft Alexandra lieber keine
Überlegungen anstellen wollte, einfach nur faszinierend.
„Die essen das Zeug wirklich?“ fragte er vor einem Geschäft, über dessen
Eingangstür ein riesiger, getrockneter Plattfisch hing.
„Du isst ja auch diese Fastfood-Pampe“, entgegnete Alexandra trocken. „Ich seh
da keinen großen Unterschied.“
„Da gibt’s sehr wohl einen Unterschied!“
„Na, ich weiß nicht…. Da weiß man doch nie, was wirklich drin ist. Vielleicht
kauft MacDonalds seine Zutaten ja hier….“ Alexandra lachte, als sie Chris’
empörten Aufschrei hörte.
Zum Abschluss des Tages fuhren sie mit dem Wagen noch zur Golden Gate Brücke
hinaus, die sie von der Fishermen’s Wharf aus nur aus der Ferne hatten bewundern
können.
„Wenn wir schon da sind, dann laufen wir jetzt auch noch bis auf die andere
Seite“, forderte Alexandra ihre beiden Begleiter auf, als sie vom Parkplatz aus
den Hügel erklommen hatten, auf dem der Anfang der Brücke lag.
„Was, du willst uns jetzt noch da rüber jagen?“ jammerte Chris, der von der
Kletterei ziemlich ins Keuchen gekommen war und sich vornüber gebeugt die Seiten
hielt.
„Was ist los?“ fragte Alexandra alarmiert. „Ist dir schlecht? Sollen wir lieber
zurückgehen? Verflixt, ich hätte wissen müssen, dass das heute für dich zu viel
wird….“
Chris richtete sich auf. „Nein, mir geht’s gut, nur ein bisschen außer Atem“,
versicherte er schnell. „Vielleicht sollte ich anfangen, mit dir joggen zu
gehen.“
„Chris, bist du sicher?“
„Alex….“ Als Alexandra Chris’ warnenden Blick auffing, verstummte sie. Sie wäre
beinahe wieder in ihre alte Gewohnheit zurück verfallen, ihn wie ein kleines
Kind zu behandeln. Und das hatte sie ja versprochen zu unterlassen.
Chris blieb es jedoch erspart, zu Fuß die Golden Gate Bridge überqueren zu
müssen, da Charlie schon nach wenigen Metern streikte. Der Lärm und das Zittern
der Brücke, das durch die vielen Autos und Lastwagen verursacht wurde, ließen
sich den Hund verstört an Alexandras Beine drücken. Also gingen sie zum
Parkplatz zurück.
„Sollen wir nachher zum Abendessen ins Joey’s gehen?“ fragte Alexandra, als sie
den Wagen startete. „Der Kühlschrank ist leer und ich hab irgendwie keine Lust,
etwas zu kochen.“
„Arbeitet Julie heute?“
Alexandra warf Chris, der angelegentlich aus dem Seitenfenster starrte, einen
kurzen Blick zu.
„Ja, sie hat meistens Sonntagabend Dienst.“
„Von mir aus.“
Die Antwort klang nicht sehr begeistert. Alexandra wusste auch, warum. Chris
hatte Julie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie selbst und Julie trafen
sich ab und zu in einem kleinen Cafe in der Nähe von Julies Wohnung oder
telefonierten miteinander. Julie kam nur selten zu Alexandra nach Hause und nach
Chris’ Selbstmordversuch war sie kein einziges Mal dort gewesen. Sie war die
einzige, die noch von Chris’ Vergangenheit wusste und die er noch nicht
getroffen hatte.
„Wenn du lieber doch nicht willst…“
„Nein, ist schon gut. Einmal muss es ja doch sein.“
Am nächsten Tag
gegen elf Uhr stand Chris mit seiner Werkzeugkiste in der einen und einer
Pappschachtel in der andern Hand vor dem Mietshaus, in dem Julie lebte. Es sah
genauso aus wie all die anderen Häuser in dieser Straße, grau, mit teilweise
abblätternder Farbe und erinnerte Chris ein wenig an das Haus, in dem er als
Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte, bevor sie das Häuschen seiner verstorbenen
Großmutter geerbt hatten.
Julie hatte ihn gestern Abend behandelt wie immer. Keine mitleidigen oder
betroffenen Blicke, keine Zurückhaltung bei dem was sie sagte, es war so, als
hätte sie die ganze Sache nicht mitbekommen. Und das hatte Chris unheimlich gut
getan. Dass es jemanden gab, der ihn nicht mit Samthandschuhen anfasste, obwohl
er über seine Vergangenheit Bescheid wusste, über einen kleinen Teil zumindest.
Nicht, dass er nicht froh über das Verständnis war, dass Jack Sanders ihm
entgegenbrachte oder dankbar für die Fürsorglichkeit, die Mary Jo an den Tag
legte, wenn sie ihn traf, aber Julies Verhalten hatte ihm gezeigt, dass er trotz
allem noch immer ein normaler junger Mann war. Inzwischen war seine Wut darüber,
dass Alexandra ihren Freunden von dem, was mit ihm passiert war, erzählt hatte,
völlig verraucht und einem Gefühl der Dankbarkeit und Erleichterung gewichen,
dass diese Menschen, die so etwas wie eine Familie für ihn geworden waren, ihn
trotz allem gern hatten und akzeptierten.
Alexandra war eine ganz andere Sache. Er brauchte ihre Liebe und ihre Fürsorge
mittlerweile wie die Luft zum Atmen. Natürlich nervte es ihn wenn, sie wieder
einmal übertrieben hatte, so wie am vergangenen Samstag, doch im Grunde genommen
war er froh, dass es jemanden gab, der sich so um ihn sorgte. Es war beileibe
nicht so, dass er sie als Mutterersatz ansah, das nun wirklich nicht. Dazu war
sie viel zu jung und vor allem zu attraktiv. Sie war für ihn einfach die beste
Freundin geworden, die ein Mensch sich nur wünschen konnte und vor allem eines:
Die Frau, die er über alles liebte.
Chris stellte die Werkzeugkiste auf den Boden neben sich und studierte die
Klingelschilder. Ihm fiel auf, dass er Julies Nachnamen gar nicht kannte. Aber
es gab da ein Schild mit „J. Deveraux“. Das musste sie wohl sein…. Nach dem
ersten Klingeln tat sich nichts, auch nicht nach dem zweiten. Chris fragte sich
schon, ob Julie ihre „Verabredung“ vielleicht vergessen hatte, als im zweiten
Stock über ihm ein Fenster hochgeschoben wurde und ein karottenroter Haarschopf
erschien.
„Chris, bist du das? Mist, mein Wecker ist kaputt. Warte, ich mach auf.“
Der Haarschopf verschwand wieder und gleich darauf ging der Türsummer und Chris
konnte die Tür öffnen.
Der Geruch, der ihn empfing, erinnerte ihn wieder an seine Kindheit. Anscheinend
rochen all diese Mietshäuser gleich, nach einer Mischung aus Moder, alter Farbe,
Essen und vielen anderen, unidentifizierbaren Dingen.
Chris ging die Treppe nach oben in den zweiten Stock, wo Julie ihn schon in der
offenen Wohnungstür erwartete. Sie trug einen schwarzen, knielangen Kimono, ob
sie überhaupt etwas darunter anhatte, darüber dachte Chris lieber nicht nach. Es
sah jedenfalls nicht danach aus. Es musste gestern Nacht spät geworden sein,
denn sie schien sich nicht die Zeit genommen haben, sich abzuschminken. Mit dem
verlaufenen Kajal unter den Augen erinnerte sie Chris unwillkürlich ein wenig an
einen Waschbären.
„Hey“, begrüßte er sie und hob die Pappschachtel. „Ich war vorhin im Baumarkt,
weil ich sowieso etwas besorgen musste. Da hab ich gleich die Ersatzteile für
deine Dusche mitgenommen. Was ich nicht brauche, das kann ich wieder
zurückbringen.“
„Du bist wirklich ein Schatz! Aber jetzt komm erst mal rein. Willst du auch `nen
Kaffee?“
„Klar.“
Chris folgte Julie in die Küche und sah sich um. Es sah ziemlich chaotisch aus.
Sämtliche Oberflächen waren mit irgendwelchem Krimskrams, Dosen, Schachteln oder
Zeitschriftenhäufchen bedeckt. Julie schien sich nicht dazu überwinden zu
können, gelesene Zeitungen wegzuwerfen. Sogar den Tisch musste sie erst frei
räumen, damit wenigstens zwei Kaffeetassen darauf Platz fanden.
„Sorry wegen der Unordnung“, entschuldigte sie sich. „Bin seit zwei Wochen nicht
zum aufräumen gekommen. Eigentlich wollte ich ein wenig früher aufstehen und
wenigstens in der Küche ein wenig Platz schaffen, weil nachher eine Freundin
vorbeikommt, um mir die Haare zu färben, aber…der Scheißwecker hat mir da `nen
Strich durch die Rechnung gemacht.“
„Hey, kein Problem. Kann ich mir die Dusche vielleicht mal ansehen, bis der
Kaffee fertig ist?“
„Sicher, komm mit.“
Das Badezimmer sah irgendwie genauso aus wie die Küche. Zwei riesige Körbe
voller Schmutzwäsche standen in einer Ecke, ein kleines Regal quoll über vor
Kosmetika, Modeschmuck und lauter Dingen, ohne die manche Frauen einfach nicht
auszukommen schienen. Chris’ Erfahrung auf diesem Gebiet war äußerst beschränkt,
Alexandra besaß nicht viel in dieser Richtung, doch Julie schien ihm schon ein
wenig extrem zu sein.
Eine erste Untersuchung der Duscharmaturen zeigte Chris, dass da nicht mehr viel
zu retten war.
„Tja, das muss alles weg. Wird `ne Weile dauern. Ich ruf lieber nachher Alex an
und geb ihr Bescheid, damit sie sich keine Sorgen macht.“
Julie sah ihn an und schüttelte den Kopf.
„Du bist wirklich ein seltenes Exemplar Mann. Kommst doch tatsächlich auf die
Idee, dass sich deine Freundin vielleicht sorgen könnte, wenn du später
aufkreuzt als sie erwartet.“
Chris verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
„Reiner Selbstschutz“, gab er zurück. „Sonst kommt sie wieder auf die Idee, mir
Mister Sanders auf den Hals zu hetzen.“
Julie zog die Augenbrauen hoch. „Ach ja? Wieso habe ich das Gefühl, dass das
eine interessante Geschichte sein könnte?“ fragte sie neugierig.
Chris lachte. „So interessant nun auch wieder nicht.“
„Na, ich weiß nicht….“
Sie gingen zusammen in die Küche zurück, wo inzwischen der Kaffee fertig war.
Julie wollte den Kaffeefilter in den Müll werfen und stöhnte auf.
„Scheiße. Der ist ja übervoll.“ Dann drehte sie sich zu Chris um. „Könntest du
vielleicht…?“
„Gib schon her. Wo sind die Mülltonnen?“
Julie war wirklich ein absoluter Chaot. Alexandra war zwar manchmal etwas
unordentlich, doch Julie schlug einfach alles, was Chris in seinem Leben bisher
gesehen hatte. Wenn das so weiterging, dann würde dieser Vormittag noch höchst
amüsant werden.
„Danke. Wenn du raus kommst, rechts um die Ecke. Während du runter gehst, zieh
ich mir mal schnell was über. Kay müsste eigentlich auch jeden Augenblick
kommen.“
Ach ja, die Friseuse. Chris fragte sich, ob diese Frau vom gleichen Kaliber war
wie Julie. Wenn ja, dann konnte es ja wirklich heiter werden. Wahrscheinlich
würde er sich Silikon in die Ohren stopfen müssen, damit er die Gespräche der
beiden nicht mit anhören und vor Verlegenheit zerfließen würde.
Chris hatte gerade die Wohnungstür hinter sich geschlossen und wollte mit dem
Müllbeutel in der Hand die Treppe hinuntergehen, als Julie sie noch einmal von
innen öffnete.
„Hier, nimm den Schlüssel mit, damit du nachher nicht läuten musst“, sagte sie
und gab ihm ihren Schlüsselring.
Die Tür der Wohnung nebenan öffnete sich und ein älteres Ehepaar trat in den
Flur.
„Hallo, Mister und Mistress Halliwell“, grüßte Julie freundlich, erntete jedoch
nur ein knappes Nicken. Die beiden älteren Herrschaften musterten Chris, der
ebenfalls gegrüßt hatte, missbilligend.
„Also, diese Deveraux…. Jetzt macht sie noch nicht einmal vor Teenagern Halt…“
flüsterte die Frau ihrem Mann lautstark ins Ohr. „Es ist wirklich eine Schande.
Der arme Junge.“
Chris fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Am liebsten hätte er sich
in eine Maus verwandelt und wäre in einem Loch verschwunden, das es sicher hier
irgendwo zwischen den alten, ausgetretenen Dielenbrettern gab. Julie schien die
Bemerkung jedoch wenig zu stören, im Gegenteil.
„Also, Schätzchen, bis gleich, ich kann kaum erwarten, dass du zurück kommst“,
flötete sie laut genug, dass das Paar, das mittlerweile auf der Treppe war, sie
noch hören konnte.
„Julie“, zischte Chris.
„Was denn? Lass sie doch denken, was sie wollen“, antwortete Julie
schulterzuckend. „Und jetzt geh schon.“
Chris blieb nichts anderes übrig, als ihrer Aufforderung Folge zu leisten, da
sie nach ihren Worten die Tür geschlossen hatte. Er wartete jedoch, bis das
ältere Ehepaar das Haus verlassen hatte, bevor er die Treppe hinunterging.
Julie war wirklich unmöglich. Es war ihm schon peinlich genug gewesen, dass die
beiden ihn für ihren jugendlichen Liebhaber gehalten hatten, aber hatte sie dem
Ganzen noch eins draufsetzen müssen?
Als er wieder in die Wohnung zurückkam, war Julie wenigstens angezogen, wenn
auch ziemlich aufreizend mit einer enganliegenden schwarzen Hose und einem
knappen, weitausgeschnittenem Oberteil. Sie stand in der Küche und schenkte den
Kaffee in die Tassen.
„Wieso hast du das vorhin gemacht?“ fragte Chris. „Die beiden denken doch jetzt,
dass wir...dass ich…“
„Hey, tut mir leid, wenn dir das unangenehm war. Die beiden haben sich nur schon
ein paar mal beim Vermieter über mich beschwert, weil ich angeblich zu laut
bin“, sagte Julie. „Denk dir nichts, du kennst sie ja nicht mal.“
„Ja schon, aber….“ Chris konnte eigentlich nicht erklären, warum ihm das so
peinlich war. Er sah zu Boden.
„Na komm schon, was ist denn so schlimm daran? Würdest du dich etwa schämen,
wenn’s so wäre? Bin ich so eine Schreckschraube?“ erkundigte sich Julie
belustigt.
„Nein, du bist keine Schreckschraube, es ist nur…ich weiß nicht, wie ich das
erklären soll….“ Chris wusste es wirklich nicht. Er hatte sich einfach nur nicht
wohl dabei gefühlt.
„Wenn es wegen Alex ist und weil ihr zusammen seid, da mach dir mal keinen Kopf
drüber. Die würde drüber lachen.“ Julie trat vor Chris hin und legte ihm einen
Finger unters Kinn, damit er den Kopf hob und sie ansah. „Oder…ist es wegen
etwas anderem? Du weißt schon….“
Chris schluckte. Daran hatte er überhaupt nicht gedacht.
„Nein, das ist es nicht. Ich kann’s wirklich nicht erklären.“ Er schüttelte den
Kopf.
„Na, dann ist doch alles in Butter. Reg dich nicht auf, wenn die beiden nichts
gesagt hätten sondern es nur gedacht hätten, dann hätten wir doch die gleiche
Situation, oder nicht? Wär’s dann genauso schlimm für dich?“
Chris zögerte mit der Antwort. Dann atmete er tief durch.
„Nein“, gab er zu. „Ich wäre aber gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass sie
so was denken.“
„Aber es wäre immer noch das Gleiche gewesen. Mach dir nicht so viele Gedanken
darüber, was andere von dir halten. Egal, ob sie es dir ins Gesicht sagen oder
nicht. Deine eigene Meinung von dir ist wichtig und die von denen, die du liebst
oder die für dich wichtig sind. Nicht die von irgendwelchen Leuten, die du mal
zufällig irgendwo triffst. Verstehst du?“
„Ich glaub schon“, entgegnete Chris langsam und lehnte sich mit verschränkten
Armen gegen den Küchentisch.
Es war seltsam, Julie mal so ernsthaft und philosophisch zu erleben. Es passte
irgendwie nicht zu ihr. Sie war ihm immer ein wenig…oberflächlich erschienen,
nett, aber oberflächlich. Er hatte jetzt das Gefühl, dass sie nicht nur von dem
Vorfall eben redete, sondern von seiner ganzen Situation. Ihre nächsten Worte
bestätigten seine Vermutung.
„Siehst du. Und für mich bist du immer noch die gleiche süße Maus wie vorher.
Bevor ich das über dich wusste, meine ich. Ich hab zwar `ne Scheißwut auf die
Drecksschweine, die dir was getan haben, aber du selber hast dich für mich nicht
verändert. Oder…oder wie ich dich sehe….“ Julie machte eine ungeduldige
Handbewegung. „Ach, verdammt, ich bin einfach nicht gut mit Worten.
Jedenfalls…wenn ich dich jetzt nicht wie ein rohes Ei behandle, dann ist es
deshalb, weil ich schätze, dass du schon genügend Leute hast, die das tun und
nicht, weil ich die ganze Sache locker sehe. Alles klar?“
Chris nickte. „Ja…Du hast recht…Es ist schwer, wenigstens zeitweise zu
vergessen, wenn alle einen immer wieder besorgt ansehen. Alex ist einfach
fantastisch, immer für mich da, wenn ich sie brauche und ich wüsste nicht, was
ich ohne sie tun sollte. Aber sie macht sich auch manchmal zu viele Sorgen um
mich. Na ja, ich schätze, das alles ist nicht ganz leicht für sie…und irgendwie
hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hab, ich würde
sie…ausnutzen.“
Chris war über sich selbst erstaunt, dass er so relativ unbefangen mit Julie
über seine Gefühle reden konnte. Doktor Winslow hatte ihn wieder und wieder dazu
ermutigt, offener zu sein und nicht immer zu versuchen, alles mit sich selbst
auszumachen. Das mit dem schlechten Gewissen und dem Ausnutzen war ihm eben erst
bewusst geworden und er sah Julie hilfesuchend an.
„Quatsch!“ entfuhr es dieser im Brustton der Überzeugung. „Ich kenn Alex seit
drei Jahren und hab miterlebt, wie sie ein paar eiskalte Abfuhren an ein paar
wirklich nette Typen ausgeteilt hat. Glaub mir, sie ist kein Mensch, den man
ausnutzen kann. Sie ist total gaga wegen dir, dass hab ich schon gemerkt, als
ich euch das erste Mal zusammen gesehen hab, damals bei ihrer Eröffnungsparty.
Du tust ihr genauso gut wie sie dir.“
Chris schwieg und dachte über das eben Gehörte nach. Alexandra hatte ihm immer
wieder versichert, dass sie ihn liebte. Und er liebte sie.
„Wahrscheinlich hast du recht“, entgegnete er schließlich.
„Ich hab immer Recht.“ Julie grinste ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse an.
„Und ich bin froh, dass Alex mit dir endlich den Richtigen gefunden hat. Mit ihr
auszugehen war manchmal schon `ne schwere Prüfung für mich. Zu Männern selbst
haben wir zwar `ne ähnliche Einstellung, aber bei der Suche nach dem Traumtyp
eine völlig gegensätzliche.“
„Wie meinst du das?“
„Na, Alex hat gar nicht nach einem Typen gesucht. Oh Mann, das hättest du
manchmal erleben sollen, wie sie die Kerle, die sie angebaggert haben, zur
Schnecke gemacht hat. Die konnten einem echt leid tun.“ Julie schüttelte den
Kopf. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Und ich sag mir immer, wie soll ich
den Richtigen finden, wenn ich sie nicht alle ausprobiere?“
Alexandra sah zum
hundertsten Mal auf die Uhr, die in ihrem Behandlungsraum hing. Es war bereits
halb fünf. Chris hatte mittags angerufen und Bescheid gesagt, dass er für die
Reparatur doch etwas länger brauchen würde. Doch wie lange konnte es dauern,
eine kaputte Duscharmatur auszutauschen?
Wenn Alexandra sich nicht geschworen hätte, Chris wieder mehr Freiraum zu
lassen, dann hätte sie schon längst zum Telefonhörer gegriffen und bei Julie
angerufen, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung wäre und wann Chris nach
Hause kommen würde. Aber so konnte sie sich nur damit beschäftigen, die
gebrauchten Instrumente vom Nachmittag zu reinigen und in den Sterilisator zu
räumen, ihren Vorrat an Medikamenten zum dritten Mal überprüfen und immer wieder
auf die Uhr zu blicken.
Der letzte Patient war vor einer halben Stunde dagewesen. Es war eine Katze mit
einer Augenentzündung gewesen und Alexandra hatte der Besitzerin Augentropfen
mitgegeben und ihr gezeigt, wie sie das Tier selbst weiterbehandeln konnte.
Seufzend sah Alexandra aus dem Fenster. Noch immer kein blauer Pick-up in der
Einfahrt. Sie würde Chris noch eine halbe Stunde Zeit geben, dann würde sie alle
Versprechungen in den Wind schießen und zum Telefon greifen.
Alexandra ging in das kleine Büro hinüber, um nachzusehen, ob für heute noch
irgendwelche Termine eingetragen waren. Im Bestellbuch stand nichts. Wenn also
nicht noch ein Notfall auftauchen würde, dann war’s das heute wohl gewesen. Sie
knipste das Licht im Büro aus und zog ihren weißen Kittel aus, um ihn an dem
Haken an der Tür in ihrem Behandlungsraum aufzuhängen. Dann löschte sie auch
dort das Licht und ging in die Küche.
Charlie lag unter dem Tisch und nagte an einem Knochen herum, den sie ihm heute
Morgen gegeben hatte.
Alexandra konnte damit zufrieden sein, wie ihre Praxis lief. Sie hatte einige
Stammpatienten, meist etwas betagte Haustiere mit ebenso betagten Herrchen oder
Frauchen, aber inzwischen auch drei Hundezüchter. Und natürlich auch die
Laufkundschaft, die nur auftauchte, wenn akut Not am Hund, an der Katze oder
irgendeinem anderen Liebling war. Alles in allem konnte Alexandra sich nicht
beklagen.
Um sich die Zeit zu vertreiben, bis ihr Ultimatum abgelaufen war, begann sie,
die Kartoffeln zu schälen, die sie heute Mittag bereits gekocht hatte. Zum
Abendessen würde es Steaks mit Bratkartoffeln geben. Ein weiteres
„Friedensangebot“ an Chris, den sie in letzter Zeit zugegebenermaßen mit Gemüse
etwas überfüttert hatte.
Natürlich hatte es auch Fleisch, Fisch und Geflügel gegeben, aber für jemanden,
der Fast-Food über alles liebte, musste diese Diät eine Tortur gewesen sein.
Alexandra hatte sich vorgenommen, auch in dieser Beziehung in Zukunft ein Auge
zuzudrücken und sich nicht mehr einzumischen, wenn Chris sich ab und zu einen
seiner geliebten Hamburger genehmigen wollte. Vielleicht hatte sie ja wirklich
etwas übertrieben….
Nach etwa fünfzehn Minuten spitzte Charlie die Ohren und sprang auf, um in den
Flur hinauszulaufen. Ein paar Sekunden später hörte sie Chris lachen und gleich
darauf erschien er in der Küchentür.
„Hey, tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, sagte er und betrat den
Raum.
Alexandra starrte ihn an.
„Was ist denn mit dir passiert?“
„Gefällt’s dir nicht?“
Unsicher fuhr Chris sich mit der Hand durch die Haare.
In den vergangenen fünf Monaten waren seine Haare mehrere Zentimeter gewachsen
und von der ursprünglichen „Frisur“ war eigentlich nicht mehr viel übrig
gewesen. Chris hatte sich zum Schluss auch nur selten die Mühe gemacht, sie mit
Gel zu stylen und so war der unfachmännische Schnitt kaum noch aufgefallen.
Jetzt waren seine Haare etwa auf die damalige Länge gekürzt, teilweise leicht
unregelmäßig gestuft, so dass sie gewollt verstrubbelt aussahen, und ein paar
helle Strähnchen willkürlich darin verteilt, die aber so unauffällig waren, dass
man sie nur bei genauerem Hinsehen bemerkte.
„Doch…aber was hat dich auf die Idee gebracht, heute auch noch zum Friseur zu
gehen?“ erkundigte sich Alexandra verblüfft.
„Als ich bei Julie war, ist eine Freundin von ihr vorbeigekommen, um ihr die
Haare zu färben. Nachdem ich mit der Dusche fertig war und Julie blonde Haare
hatte, hat Kay mir eigentlich mehr aus Spaß angeboten, mir `ne neue Frisur zu
verpassen. Und so hat sich das halt ergeben….Gefällt’s dir wirklich?“
Alexandra brauchte ein paar Sekunden um diese Informationen zu verarbeiten.
Julei hatte jetzt blonde Haare? Und wer war Kay? Sie fühlte das kleine
Teufelchen Eifersucht ihren Rücken hoch krabbeln….
Trotzdem lächelte sie. „Ich find die Frisur fantastisch. Steht dir wirklich.“
Und das meinte Alexandra auch so. Der freche Schnitt war der perfekte Kontrast
zu Chris’ weichen, fast femininen Gesichtszügen. War er vorher schon süß und
anziehend gewesen, so würde sie jetzt die Frauenwelt mit der Fliegenklatsche von
ihm weg schlagen müssen.
Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „War eigentlich `ne Laune des
Augenblicks. Ich hab gerade aufgeräumt, als Kay Julie die Haare gefönt hat und
da hat sie mich gefragt, ob ich jetzt dran wäre. Julie war gleich Feuer und
Flamme, du kennst sie ja. Und gegen zwei Weiber auf einmal hatte ich keine
Chance….“
„War die Frisur deine Idee oder die von…Kay?“ erkundigte sich Alexandra betont
beiläufig, während sie zwei Pfannen auf den Herd stellte.
Sie hätte zu gern gewusst, wie diese Friseuse aussah und wie alt sie war, doch
allzu offensichtlich konnte sie auch nicht fragen.
„Eigentlich meine, das mit diesen Strähnen stammt aber von Kay und Julie. Es war
noch ein wenig von der Farbe übrig und….Na ja, das ist das Ergebnis.“
„Aha…. Hast du eigentlich schon Hunger?“ fragte Alexandra, während sie
angestrengt überlegte, wie sie unauffällig mehr über diese ominöse Kay
herausfinden konnte.
Chris wirkte so locker und entspannt wie schon lange nicht mehr und sie brannte
darauf, zu erfahren, was ihn in diesen Zustand versetzt hatte.
„Mhm“, brummte er. „Kay hat zwar was zum Mittagessen mitgebracht, aber das war
lauter so Diätzeug. Fast noch schlimmer als Gemüse. Wieso sind die meisten
Frauen eigentlich dauernd auf Diät? Du bist es doch auch nicht.“
Alexandra fiel im ersten Moment keine Antwort darauf ein. Chris hatte manchmal
eine Art an sich, Fragen zu stellen, die so simpel waren, die einen aber gerade
deshalb völlig aus der Bahn werfen konnten.
„Na, um die Figur zu erhalten und euch Männern zu gefallen“, entgegnete sie
schließlich. „Und ich brauch das nicht, weil ich viel Sport treibe.“
Das zumindest entsprach den Tatsachen, Alexandra achtete darauf, mindestens
dreimal in der Woche zu joggen und gelegentlich trainierte sie auch noch
Jiu-Jitsu, um in Form zu bleiben.
Chris sah sie stirnrunzelnd an. „Also ich weiß nicht….“
„Was weißt du nicht?“
„Na, ich weiß nicht, ob ich mit `ner Frau klarkommen würde, die über jeden
Bissen nachdenkt, wie viel Kalorien drin sind, bevor sie ihn sich in den Mund
steckt…. Wo bleibt denn da der Spaß?“
Alexandra wollte gerade die Kühlschranktür öffnen, um die Steaks herauszuholen,
doch Chris’ Worte ließen sie innehalten.
„Was willst du eigentlich damit sagen?“ fragte sie irritiert.
„Keine Ahnung.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Nur das es total bescheuert
ist. Was ist an ein paar Kilo zuviel denn so tragisch? Was gibt’s denn zu
essen?“
„Ähm…Bratkartoffeln und Steaks“, entgegnete Alexandra schwach.
„Cool. Bin gleich wieder da. Ich will nur kurz unter die Dusche, ich fühl mich
als hätte ich Flöhe.“ Damit verschwand er und Alexandra hörte ihn die Treppe
nach oben rennen.
„Was ist denn mit dem heute los?“ fragte sie Charlie, der sehnsüchtig auf die
beiden Fleischstücke starrte, die Alexandra aus dem Kühlschrank holte und zum
Herd hinübertrug.
Natürlich bekam sie keine Antwort. Während sie die Kartoffeln und die Steaks
briet, zerbrach Alexandra sich den Kopf darüber, ob sie Julie schon jemals etwas
von einer Kay hatte erzählen hören. Oder ob sie diese Frau vielleicht sogar
schon einmal getroffen hatte.
Sie war noch immer zu keinem Ergebnis gekommen, als Chris zurückkam.
„Deckst du bitte den Tisch? Ich bin gleich fertig.“
Fünf Minuten später saßen sie sich am Tisch gegenüber und Alexandra häufte erst
eine Portion Bratkartoffeln auf Chris’ Teller, bevor sie sich selbst bediente.
„Lass es dir schmecken“, forderte sie Chris auf, der gewartete hatte, bis sie
selbst zum Besteck griff.
„Das brauchst du mir nicht zweimal sagen. Ich bin halb verhungert.“ Chris
schnitt sich ein Stück Fleisch ab und steckte es sich in den Mund. Dann schloss
er genießerisch die Augen. „Genau das, was ich nach dem Nachmittag brauche…“
Alexandra witterte ihre Chance, mehr zu erfahren.
„Wieso?“ fragte sie unschuldig.
Chris schluckte den Bissen, den er gerade im Mund hatte, erst hinunter, bevor er
antwortete.
„Na ja, solange die beiden sich daran erinnert haben, dass ich da war, ging’s
ja…. Aber zwischendrin haben die das immer wieder vergessen.“ Er piekte eine
Kartoffel auf seine Gabel. „Mann, ich dachte immer, Kerle wären schlimm….“
Alexandra schwante, worauf er hinauswollte. Julie nahm wirklich kein Blatt vor
den Mund und wenn ihre Freundin genauso war, dann musste Chris’ Bild vom
weiblichen Geschlecht heute Nachmittag eine gewaltige Erschütterung erlebt
haben.
„Worüber haben sie denn so gesprochen?“ erkundigte sie sich vorsichtig, auch
wenn sie es sich durchaus vorstellen konnte.
Amüsiert beobachtete sie, wie Chris Wangen einen leicht rötlichen Farbton
annahmen. Dann fing er an zu husten. Alexandra sprang auf und klopfte ihm ein
paar Mal auf den Rücken.
„Danke“, keuchte Chris mit hochrotem Kopf. „Geht schon wieder.“
Alexandra setzte sich zurück auf ihren Stuhl.
„Es ging wohl um Thema Nummer Eins, wie immer bei Julie, nicht wahr?“ fragte
sie, als Chris sich wieder beruhigt hatte.
„So ungefähr.“ Chris stocherte nachdenklich auf seinem Teller herum, bevor er
aufsah. „Reden eigentlich alle Frauen so über die Typen mit denen sie…?“
Es dauerte einen Augenblick, bis Alexandra klar wurde, was er meinte.
„Nein“, antwortete sie. „Ich würde nie so über dich reden. Und wenn Julie mal
jemanden trifft, den sie wirklich liebt, dann wird sie über den auch nicht mehr
so herziehen.“
„Glaubst du wirklich? Kay ist verheiratet, hat einen Sohn in meinem Alter und
die war fast noch schlimmer als Julie.“
„Kay ist verheiratet?“
Blitzschnell kalkulierte Alexandra im Kopf, dass Julies Freundin also um die
Vierzig sein musste, wenn sie einen erwachsenen Sohn hatte. Und in festen Händen
war sie auch. Ihre Laune wurde sofort besser.
„Ja. Der Mann tut mir echt leid.“
„Vielleicht hat er es ja verdient“, mutmaßte Alexandra. Ihre Sympathien
gegenüber Julies Freundin waren inzwischen beträchtlich gestiegen.
„Alex!“ beschwerte sich Chris. „Ich musste mitanhören, wie sie Julie in allen
Einzelheiten erzählt hat, wie sie ihn dazu rumgekriegt hat, dass er ihr ein paar
Ohrringe kauft, die sie unbedingt haben wollte. Und gleich darauf sind sie ins
Bad gekommen, weil sie Julie die Farbe aus den Haaren waschen musste. Ich wär
vor Verlegenheit fast gestorben...“
Alexandra biss sich auf die Lippe um nicht laut aufzulachen. Einerseits tat
Chris ihr zwar leid aber andererseits entbehrte die Situation nicht einer
gewissen Komik.
„Und wie haben sie dich dann dazu gebracht, dass du dich in Kays Klauen begeben
hast?“ erkundigte sie sich.
„Das war später, als ich eigentlich schon gehen wollte. Sonst war Kay ja ganz
nett und als sie mir angeboten hat, mir auch noch die Haare zu schneiden, da
konnte ich irgendwie nicht nein sagen. Ich hab eh schon überlegt, ob ich’s nicht
wieder selber machen soll. Die waren schon verflixt lang.“
Alex beobachtete, wie Chris den Inhalt seines Tellers in sich hinein schaufelte.
Die Ereignisse des Nachmittags schienen ihm jedenfalls nicht auf den Magen
geschlagen zu haben. Im Gegenteil, er wirkte, wie sie schon festgestellt hatte,
als er nach Hause gekommen war, ziemlich gelöst.
„Wie ist diese Kay denn so? Wenn sie nicht gerade über ihren Mann vom Leder
zieht, meine ich“, erkundigte sich Alexandra neugierig.
„Och, sonst ist sie wirklich witzig. Während sie mir die Haare geschnitten hat,
hat sie in einer Tour geredet. Sie hat von ihrem Sohn erzählt, der in San Diego
bei ihrem Bruder arbeitet. Sie tunen Autos, bauen sie um, motzen den Motor
auf….“
Chris machte eine Pause und nahm sich eine großzügige zweite Portion
Bratkartoffeln.
„Wieso nimmst du nicht gleich die ganze Schüssel?“ fragte Alexandra ironisch. Es
war nur noch ein kleiner Rest zurückgeblieben.
„Willst du nichts mehr?“ fragte Chris überrascht. Manchmal war Ironie wirklich
an ihm verschwendet.
Alexandra schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nicht so hungrig. Und abends esse
ich nie so viel.“
Chris griff nach der Schüssel und leerte sich auch noch den Rest der Kartoffeln
auf den Teller.
„Oh ja, und dann hat Kay mir noch angeboten, wenn ich mal dringend `nen Job
brauchen sollte, dann könnte sie mit ihrem Bruder reden. Ich sag ja, die Frau
war echt nett, sie kennt mich doch eigentlich gar nicht und hat mir trotzdem so
ein Angebot gemacht.“
Alexandra fiel die Gabel aus der Hand. „Du willst weg?“
Chris wandte seine Aufmerksamkeit von seinem Teller zu ihr und sah sie
verständnislos an.
„Was? Wie kommst du denn darauf?
„Du hast doch gerade gesagt…“
Alexandra brach ab und überlegte noch einmal genau. Er hatte ihr nur von diesem
Angebot ERZÄHLT und nicht, dass er mit dem Gedanken spielte, es zu nutzen. Ganz
ruhig, Alex, dachte sie. Hör endlich auf, wegen jeder Kleinigkeit, die Chris
betrifft, in die Luft zu gehen. Irgendwann wird es ihm zuviel.
„Vergiss es“, murmelte sie und griff nach ihrer Gabel. „Ich bin heute etwas
wirr. Muss wohl am Wetter liegen.“
Chris zog die Augenbrauen hoch. „Alex, ich würde dich nie freiwillig verlassen“,
sagte er ernst. „Das weißt du.“
Als Alexandra in Chris’ ehrliche braune Augen blickte spürte sie einen Kloß im
Hals. Natürlich war ihr das klar. Sie war nur schon zu oft verletzt worden, als
dass sie etwas als garantiert hinnehmen konnte. Menschen änderten sich, Gefühle
änderten sich, auch wenn sie selbst sicher war, dass sie für Chris nie etwas
anderes empfinden würde als unerschütterliche Liebe. Und sie konnte nur hoffen,
dass seine Gefühle für sie genauso beständig waren. Immerhin war er noch so
jung….
„Ja, das weiß ich“, flüsterte sie.
Alexandra lag im
Bett und gähnte. Das sanfte, durch einen gelben Lampenschirm gedämpfte Licht
ihrer Nachttischlampe war die einzige Lichtquelle, die den Raum erhellte.
Charlie lag auf seinem Teppich im Halbdunkel und schlummerte. Ein gelegentliches
Zucken seiner Ohren verriet, dass er vermutlich schon in einem wunderschönen
Hundetraum gefangen war. Chris war noch im Bad und putzte sich die Zähne.
Auf ihrer Bettdecke lag eine Zeitschrift, die sie eigentlich noch lesen wollte,
doch Alexandra fürchtete, dass ihr dabei die Augen zufallen würden. In letzter
Zeit fühlte sie sich oft müde und erschöpft, wahrscheinlich waren das noch immer
Nachwehen der emotionalen Anspannung nach Chris’ Selbstmordversuch. In den
letzten beiden Wochen war sie seltener durch seine Alpträume aus dem Schlaf
geschreckt worden und doch musste sie aufpassen, dass sie tagsüber, wenn sie
sich einmal hinsetzte und nichts tat, nicht einfach einnickte.
Vielleicht brauchte sie einfach nur mal ein paar Tage Urlaub mit Schlafen und
absolutem Nichtstun.
Alexandra sah auf, als Chris aus dem Badezimmer kam. Er trug nur eine
Boxershorts und eines seiner voluminösen Schlaf-T-Shirts. Dieses war gelb mit
einem Schaf vorne drauf. Sie fragte sich unwillkürlich, wo er diese Dinger nur
immer auftrieb, vor allem, weil sie sich so grundlegend von seinem üblichen
Outfit unterschieden.
Als er sich dem Bett näherte griff Chris sich mit einer Grimasse an die
Schulter.
„Was ist?“ fragte Alexandra.
„Ach, nichts. Irgendwie stand ich heute mal `ne ganze Weile so blöd in dieser
engen Duschkabine. Muss mir was gezerrt haben. Bis morgen ist das wieder weg.“
Chris kletterte ins Bett und kuschelte sich unter die Decke.
„Soll ich dir den Rücken massieren? Das hilft bestimmt“, bot Alexandra an. Bis
morgen war das sicherlich nicht weg.
Chris warf ihr einen skeptischen Blick zu. „Meinst du?“
„Ja, meine ich. Ich kann massieren, ich hab auf dem College mal einen Kurs für
Sportmassage besucht, falls du dir da Sorgen machst.“
Ihr Bettgefährte sah noch immer nicht sehr überzeugt aus. Ob es daran lag, dass
er an ihren Fähigkeiten zweifelte oder ob es schlicht und einfach die typisch
männliche Reaktion war, erst einmal alles abzulehnen, was man nicht kannte, das
konnte Alexandra so genau nicht definieren. Sie setzte sich auf und schwang die
Beine aus dem Bett.
„Zieh das T-Shirt aus und leg dich auf den Bauch. Das ist eine ärztliche
Anordnung“, rief sie über die Schulter, während sie ins Bad ging.
Sie hatte zwar kein richtiges Massageöl zur Hand, doch ihre Körperlotion würde
den gleichen Zweck erfüllen.
Als sie zurückkehrte, saß Chris, noch immer angezogen, im Bett.
„Alex, das ist echt nicht nötig…“, versuchte er zu protestieren.
„Doch, ist es. Jetzt mach schon“, kommandierte Alexandra und wartete, bis Chris
vor sich hinbrummelnd ihrem Befehl Folge geleistet hatte.
Als er endlich vor ihr auf dem Bauch lag kniete sie neben ihn und träufelte ein
wenig von der Lotion auf ihre Handfläche. Dann verrieb sie diese etwas um sie
anzuwärmen. Leichter Vanilleduft stieg ihr in die Nase.
„Okay, dann wollen wir mal. Entspann dich….“
Mit geübten Griffen, aber sehr sanft, begann Alexandra Chris’ Schultern langsam
zu massieren.
„Meine Güte, du bist ja völlig verspannt“, murmelte sie vor sich hin. Chris’
Schultermuskeln waren wirklich hart wie Stein. Leise stöhnte er auf, als sie die
schmerzende Stelle erwischte.
„Tut mir leid“, entschuldigte sich Alexandra. „Das tut jetzt erst einmal ein
bisschen weh, wird aber gleich besser.“
Alexandra massierte Chris Rücken, bis sie merkte, dass die Verspannungen sich
etwas zu lösen begannen. Bis auf ein gelegentliches Zischen, wenn sie an eine
empfindliche Stelle kam, gab Chris keinen einzigen Laut von sich.
Sie genoss es, seine warme, weiche Haut unter ihren Händen zu spüren. Sie genoss
die Vertrautheit, die zwischen ihnen bestand, obwohl oder gerade weil der
sexuelle Aspekt in ihrer Beziehung noch eine völlig untergeordnete Rolle
spielte. Chris war noch nicht bereit zu mehr, was Alexandra völlig verstehen
konnte.
Bis auf gelegentliches Kuscheln und Schmusen, ein paar keusche Küsschen lief
nicht viel zwischen ihnen und sie kam sich manchmal vor, als wäre sie wieder ein
unschuldiger Teenager, der ungeduldig und voller banger Vorfreude auf das „Erste
Mal“ wartete. Auch wenn es in ihrem Fall das zweite Mal wäre….
Aber am wichtigsten war es für sie, dass Chris die schrecklichen Erlebnisse im
Gefängnis soweit verarbeiten konnte, dass er irgendwann imstande sein würde, ein
wenigstens halbwegs glückliches Leben zu führen. Ihr war klar, dass er dazu Zeit
brauchen würde, dreieinhalb Jahre voller Angst und Qualen steckte man nicht so
einfach weg, es würde mit Sicherheit etwas davon zurückbleiben.
Chris würde immer nach außen hin unsichtbare Narben auf seiner Seele haben, sie
musste mit Rückschlägen rechnen und eine Beziehung mit ihm würde nicht einfach
werden. Aber Chris war ihr all das wert, das und noch viel mehr.
Als sie mit Chris damals geschlafen hatte, hatte sie keine Gedanken an Verhütung
verschwendet. Sie hatte einfach nicht daran gedacht, mit allem, was danach
geschehen war sowieso nicht. Erst zwei Wochen später, als sie den Beweis gehabt
hatte, dass nichts passiert war, war Alexandra bewusst geworden, wie
leichtsinnig sie gewesen war.
Kurze Zeit später hatte sie sich die Pille besorgt, nur als Vorsichtsmaßnahme.
Sie hatte keine Ahnung, wann Chris bereit sein würde, ihre Beziehung auch auf
eine intimere Art und Weise fortzusetzen, doch sie glaubte kaum, dass es geplant
sein würde. Und sie wollte sich und Chris diesen Augenblick nicht durch
ungeschicktes Hantieren mit einem Kondom verderben, immerhin konnte sie sicher
sein, dass sie beide gesund waren.
Ein Aufseufzen von Chris riss Alexandra aus ihren Gedanken.
„Besser?“ fragte sie.
Chris stützte sich auf die Ellbogen und bewegte probeweise die Schultern.
„Hm“, brummte er. Dann rollte er sich auf den Rücken. „Okay, du hattest Recht.“
„Ich hab immer Recht.“
„Du hörst dich an wie Julie“, schoss Chris zurück und grinste sie lausbübisch
an. „Aber das kannst du jetzt öfters machen.“
Wenn Alexandra nicht neben ihm gesessen hätte, dann hätte sie jetzt weiche Knie
bekommen. Es raubte ihr jedes Mal den Atem, wenn er sie so anlächelte.
„Und was bekomme ich als Belohnung dafür?“ Alexandra rutschte der Satz heraus
bevor sie es verhindern konnte.
Chris schlug die Augenlider nieder. Als er sie wieder öffnete, hatten seine
Augen einen merkwürdigen, unlesbaren Ausdruck.
„Einen Kuss?“ flüsterte er.
Alexandra musste erst einmal schlucken, bevor sie antworten konnte. Meinte er
das jetzt wirklich ernst?
„Hört sich gut an.“
Sie versuchte, ihrer Stimm einen beiläufigen Klang zu geben obwohl ihr Herz
raste wie verrückt. Da letzte Mal hatte sie sich so gefühlt, als ihr
Highschool-Schwarm sie gebeten hatte, seine Begleiterin für den Abschlussball
der zehnten Klasse zu sein.
Chris setzte sich auf. „Ein Kuss…nicht mehr…“
„Okay…
Nervös befeuchtete sich Alexandra die Lippen. Sei nicht albern, Alex, schalt sie
sich selbst. Er hat dir doch keinen Heiratsantrag gemacht….
Chris legte den Kopf schief und sah sie an. Dann beugte sich zu ihr und berührte
mit dem Mund sanft den ihren. Dabei fuhr er mit der Zungenspitze zögerlich über
ihre Unterlippe.
Alexandra schloss die Augen und gab sich ganz den Gefühlen des Augenblicks hin.
Da war nichts von der anfänglichen Aggressivität, der entfesselten Leidenschaft
ihrer ersten gemeinsamen Nacht zu spüren, die beinahe in einer Tragödie geendet
hatte.
Alexandras Lippen teilten sich und gewährte Chris’ Zunge Einlass. Sie hatte sich
fest vorgenommen, passiv zu bleiben, Chris bestimmen zu lassen, was er wagte und
was nicht. Er schmeckte nach der Pfefferminzzahnpasta, mit der er sich vorhin
die Zähne geputzt hatte. Vorsichtig, zärtlich erforschte er mit seiner Zunge
ihren Mund und Alexandra spürte, wie ihr ein wohliger Schauer den Rücken
hinunter ran.
Wenn sie diesen Augenblick doch nur festhalten könnte….
Viel zu schnell war der Kuss zu Ende. Als würde sie aus einem Traum erwachen,
sah Alexandra Chris an. Er schien genauso aufgewühlt wie sie selbst zu sein.
Sein Atem ging schneller, seine dunklen Augen waren weit offen.
Alexandra hob ihre Hand und streichelte seine Wange.
„Das war…“
„Ja…“
Chris ergriff Alexandras Hand und hauchte einen Kuss auf die Handfläche.
„Alex, ich…“
„Was?“ fragte Alexandra, nachdem Chris nicht weitersprach, sondern sie nur
schweigend anstarrte. Ihre Hand hielt er noch immer fest.
„Ich würde das gern noch mal tun“, sagte er leise. Inzwischen schien er wieder
in der Lage zu sein, einen vollständigen Satz zu formen.
„Bist du sicher? Ich meine, ich würde auch gerne, aber….“
Chris ließ sie nicht ausreden sondern zog sie mit sich hinunter, so dass sie
sich seitlich gegenüber lagen. Seine Augen glänzten.
„Sieh es als Vorschuss“, sagte er mit belegter Stimme. „Aber nur Kuscheln, ja?“
fügte er schüchtern hinzu.
„Nur Kuscheln“, bestätigte Alexandra fast unhörbar.
Nachdem er dieses Sicherheitsnetz unter sich aufgespannt hatte, verlor Chris
seine Scheu. Aus einem Kuss wurden mehrere, jeder davon intensiver als der
vorhergehende. Alexandra überließ Chris das Ruder, erst als sie seine Hände
unter ihrem Oberteil über ihren nackten Rücken wandern fühlte, erlaubte sie es
sich, ihn ebenfalls zu berühren.
Sie streichelte über seinen Arm, dann über seine Schultern. Sie malte mit den
Fingern kleine Kreise seine Wirbelsäule entlang und fuhr schließlich hauchzart
mit der Fingerspitze über seine Hüfte.
Chris schnappte nach Luft und presste instinktiv seinen Unterleib an den ihren.
Alexandra konnte deutlich spüren, was für eine Wirkung diese Kuschelsession auf
ihn hatte. Ihr selbst ging es nicht anders. Chris’ warmen Körper an ihrem zu
spüren macht sie fast verrückt. Doch sie beherrschte sich. Sie machte aber auch
keine Anstalten, Chris aufzuhalten, als er sie heftig küsste und begann, sich
mit langsamen, kreisenden Bewegungen seiner Hüften an sie zu drängen.
Alexandra legte die Arme um ihn und streichelte seinen Nacken. Sie schmiegte
sich eng an ihn und gab dem Verlangen nach, seinem Beispiel zu folgen.
Chris brach den Kuss ab und verbarg aufkeuchend sein Gesicht in ihren Haaren. Er
klammerte sich an sie, während seine Bewegungen immer schneller wurden.
Alexandra schloss die Augen und hielt Chris fest, als sie spürte, wie ein
Zittern durch seinen Körper lief und seine Finger sich schmerzhaft in ihre
Schultern krallten. Ein letztes ersticktes Aufkeuchen, dann lag er schwer atmend
in ihren Armen.
Ein unbeschreibliches Gefühl der Zufriedenheit durchströmte Alexandra. Chris
vertraute ihr genug, um sich bei ihr völlig fallen lassen zu können. Es spielte
keine Rolle für sie, dass sie dabei nicht zum Höhepunkt gekommen war, wichtig
war ihr im Moment nur, dass Chris heute Abend einen großen Schritt in Richtung
einer wirklichen Beziehung mit ihr getan hatte.
Alexandra merkte, wie Chris Atemrhythmus sich langsam wieder normalisierte. Sein
Gesicht hatte er jedoch noch immer in ihren Haaren versteckt.
„Chris? Ist alles in Ordnung?“ fragte Alexandra leise und strich ihm liebevoll
durch die verwuschelten Haare.
Als Chris endlich den Kopf hob und sie ansah, waren seine Wangen vor
Verlegenheit dunkelrot.
„Alex…das war…ich wollte eigentlich nicht…“ stammelte er.
Alexandra lächelte und schob ihm eine verschwitzte Haarsträhne hinters Ohr.
„Hey, das ist okay. Ich fand es….“Sie suchte nach dem passenden Wort. „Ich fand
es schön.“
„Aber ich hab nur an mich gedacht…“ Chris senkte den Blick. „Und…“
„Nein. Denk nicht mal daran, dich jetzt wieder auf einen Schuldtrip zu begeben“,
sagte Alexandra sanft, aber bestimmt. „ Ich liebe dich. Genauso wie du bist.
Alles an dir. Das ganze Chris-Paket. Dass ich jetzt nicht…gekommen bin, das ist
egal. DU bist wichtig für mich, verstanden?“
Chris biss sich auf die Lippe und nickte. Dann verzog er das Gesicht.
„Ich glaub, ich muss jetzt noch mal unter die Dusche…“
Gedankenverloren
lenkte Chris den Pick-up durch den Vormittagsverkehr. Er war auf dem Weg zu Jack
Sanders, um seinen Besprechungstermin wahrzunehmen. Er fand diese Termine jetzt
noch überflüssiger als früher, aber den Formalitäten musste Genüge getan werden.
Das, was gestern Abend zwischen ihm und Alexandra passiert war ging ihm noch
immer nicht aus dem Kopf. Soweit hatte er es eigentlich nicht kommen lassen
wollen. Aber Alexandras Nähe, ihr weicher Körper an seinen gepresst, hatte ihn
kurzfristig den Verstand verlieren lassen, und er hatte vergessen, dass er sich
diesbezüglich strenge Zurückhaltung auferlegt hatte. Er wollte erst das Chaos in
seinem Inneren in den Griff bekommen, bevor er sich auch auf eine sexuelle
Beziehung mit Alexandra einließ.
Auch wenn Doktor Winslow und Alexandra ihm erklärt hatten, dass er nicht
„schmutzig“ war wegen dem was passiert war, fühlte sich Chris noch immer nicht
ganz wohl in seiner Haut. Er wusste, dass er die Tatsache dass er vergewaltigt
und als Hure missbraucht worden war, am besten als Teil seines Lebens
akzeptierte und versuchen musste, damit abzuschließen. Ein unschöner,
grauenvoller Teil, den er nicht so einfach abschütteln konnte, so sehr er sich
dies auch wünschen mochte. Aber er durfte nicht zulassen, dass er seine Zukunft
ruinierte.
Chris dachte an seine erste Sitzung bei Doktor Winslow zurück. Alexandra hatte
ihn hingebracht und er hatte die ganze Fahrt über kein Wort mit ihr gesprochen.
Mit äußerstem Widerwillen hatte er Doktor Winslows Behandlungsraum betreten.
Chris stoppte den Wagen an einer roten Ampel, während er sich an diesen Tag
erinnerte…
~
„Hallo Chris, wir haben uns ja schon kennen gelernt. Setzen Sie sich doch“,
sagte die Psychologin freundlich, nachdem sie ihm die Hand geschüttelt hatte und
führte ihn zu einer bequem aussehenden Sitzgruppe, die sich in einer Ecke des
Raumes befand. Eine Zimmerpalme stand in einem großen Pflanzkübel daneben, an
den Wänden hingen ein paar, in warmen, ruhigen Farbtönen gehaltene Bilder.
Doktor Winslow nahm Chris gegenüber Platz und griff nach einem Schreibblock, auf
dem bereits Notizen waren.
„Alexandra hat mir schon ein wenig über Sie erzählt. Das sollte den Einstieg für
uns beide ein wenig leichter machen.“
Chris schnaubte innerlich. Leichter, na klar. Er wollte überhaupt nicht hier
sein und mit einer völlig Fremden „darüber“ reden. Er wollte in Ruhe gelassen
werden und seine Erinnerungskiste wieder fest verschließen, mit vielen
Schlössern, die niemand knacken konnte.
Doktor Winslow schien seine Abneigung der Situation gegenüber zu spüren.
„Chris, ich weiß, dass das nicht einfach für Sie ist. Sie sind nicht freiwillig
hier, nicht wahr?“
Chris presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Alex und Mr.
Sanders mochten ihn gezwungen haben, diesen Termin wahrzunehmen, aber das war
auch schon alles, wozu sie ihn zwingen konnten. Wenn es sein musste, dann würde
er diese Stunden eben durchstehen und einfach auf Durchzug schalten. Immerhin
hatte er nie versprochen, dass er mit Doktor Winslow REDEN würde…
Die ältere Frau seufzte.
„In Ordnung. Ich möchte, dass Sie mir jetzt einfach nur zuhören. Sie sind nicht
der erste junge Mann, der deswegen bei mir ist. Neben meiner Praxis arbeite ich
noch ehrenamtlich bei einer Betreuungsstelle für Vergewaltigungsopfer. Ich habe
schon einige Männer behandelt, die in der gleichen Lage waren wie Sie. Eine
Vergewaltigung ist immer ein traumatisches Erlebnis, das das Leben eines
Menschen von Grund auf verändert. Man fühlt sich schuldig, schmutzig, ist zornig
und hilflos, man würde sich vielleicht am liebsten in irgendeinem Loch
verkriechen und nie wieder hervorkommen.“
Chris schluckte. Doktor Winslows Worte trafen ihn tief in seinem Inneren. Sie
hatte seine Gefühle nur zu genau beschrieben. Gefühle, die er versuchte, zu
vergessen und verdrängen.
„Sie haben vor etwas mehr als einer Woche einen Selbstmordversuch unternommen.“
Doktor Winslow sah auf ihre Notizen. „Möchten Sie vielleicht darüber mit mir
reden?“
Chris schloss die Augen. „Nein“, würgte er hervor. „Das ist vorbei. Es wird
nicht wieder vorkommen.“
„Woher wollen Sie das wissen?“ Die Psychologin betrachtete ihn aufmerksam.
„Weil…der Grund ist weg“, antwortete Chris leise. „Alex weiß, was passiert ist
und…sie verachtet mich nicht deswegen. Ich hatte Panik, dass sie mich hassen
würde und da…da konnte ich einfach nicht mehr…“
„Ihnen liegt sehr viel an Alexandra, nicht wahr?“
„Ja…sie hat mir ein Zuhause gegeben und….“ Chris brach ab. Er hatte schon mehr
preisgegeben als er eigentlich wollte.
„Hm, ich verstehe….“ Doktor Winslow rieb sich mit der Hand über die Stirn.
„Chris, eines muss Ihnen klar sein. Sie können vor dem, was geschehen ist, nicht
davonlaufen, indem Sie es verdrängen und verleugnen, auch vor sich selbst. Die
Vergangenheit wird Sie immer wieder einholen und es kann jederzeit etwas
vorkommen, dass Sie daran erinnert. Das kann ein Geräusch, eine Situation, ein
Geruch oder einfach eine Person sein, die jemandem ähnelt, der Sie vergewaltigt
hat. Ich kann Ihnen dabei helfen zu lernen damit umzugehen, aber dazu müssen Sie
mich an sich heranlassen, mit mir über Ihre Gefühle reden.“ Die ältere Frau
beugte sich vor und sah Chris eindringlich an. „Denken Sie genau nach und fragen
Sie sich, ob Sie es wirklich alleine schaffen, damit fertig zu werden.“
~
Chris stoppte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude, in dem
sich Jacks Büro befand. Er stieg nicht gleich aus, sondern dachte noch weiter
über diesen ersten Termin bei Doktor Winslow nach. Diese „Psychotante“, wie er
sie in seiner Frustration anfangs betitelt hatte, hatte es wirklich geschafft,
ihn aus seinem Schneckenhaus herauszulocken. Nicht gleich in der ersten Sitzung,
dazu war Chris zu stur gewesen, doch bei ihrem nächsten Treffen, nachdem er
genügend Zeit gehabt hatte, über ihre Worte nachzudenken, hatte er ihr
mitgeteilt, dass er ihre Hilfe annehmen wollte.
Es war immer noch schwer für ihn gewesen, über seine Gefühle zu sprechen, die
Psychologin hatte es jedoch durch behutsames Fragen geschafft, dass er sich ihr
öffnete. Er hatte sich während dieser Folgesitzungen mehrmals die Seele aus dem
Leib geheult, doch er hatte auch gespürt, wie das Gewicht, das jahrelang auf ihm
gelastet hatte, etwas leichter geworden war.
Chris sah auf die Uhr am Armaturenbrett. Er würde sich beeilen müssen, wenn er
nicht das erste Mal zu einem Termin mit Jack zu spät kommen wollte.
Zwei Minuten später betrat er leicht atemlos das Bürogebäude und steuerte auf de
Treppe zu. Jacks Büro lag im dritten Stock, er hätte auch den Aufzug benutzen
können, doch Chris hasste es, mit Fremden, vor allem wenn es Männer waren, auf
so engem Raum eingepfercht zu sein. Und die Gefahr bestand in einem Gebäude wie
diesem immer.
Im Vorbeigehen rief er der Frau am Empfang einen hastigen Gruß zu. Sie war schon
in den Fünfzigern, mit leicht ergrauten Haaren und etwas füllig. Joan war ihr
Name und sie hatte oft ein freundliches Wort für ihn übrig.
Er hatte schon fast die Treppe erreicht, als er ihre Stimme hörte.
„Chris, warte.“
Chris drehte sich um und ging zurück.
„Was ist los?“ fragte er erstaunt. „Ich bin spät dran.“
„Da gibt es etwas, dass du wissen solltest“, sagte Joan und sah ihn durch ihre
runden Brillengläser ernst an.
„Was meinen Sie?“ fragte Chris verwirrt. Jetzt erst fiel ihm auf, dass in dem
üblicherweise menschenleeren Foyer überall kleine Grüppchen standen, die sich
tuschelnd unterhielten.
„Es geht um Mr. Sanders. Er hat….“
„Chris O’Connor?“
Chris fuhr erschrocken herum. Hinter ihm standen ein Mann und eine Frau. Der
Mann war etwa einen Kopf größer als Chris, breitschultrig, mit leicht ergrauten,
rötlichen Haaren und einem Bauchansatz. Er trug einen dunkelgrauen Anzug. Die
Frau hatte dunkle, halblange, glatte Haare und war mit einem ebenfalls grauen
Hosenanzug bekleidet. Sie machten irgendwie einen offiziellen Eindruck auf
Chris.
„Ja…das bin ich“, sagte er zögernd und durchforstete fieberhaft sein Gehirn nach
einem Grund, der das Interesse der beiden an ihm erklären könnte. Er war sich
auch nicht nur des geringsten Verstoßes gegen irgendeine Vorschrift oder gar ein
Gesetz bewusst.
„Detective Jensen“, stellte sich die Frau vor, die Chris angesprochen hatte und
hielt ihm ihre Dienstmarke vors Gesicht. „Das ist mein Kollege Detective Miller.
Wir müssen Sie bitten, mit uns zu kommen.“
„Ich…ich hab nichts getan“, stammelte Chris. Joans kryptische Bemerkung über Mr.
Sanders und seine Verwunderung über das ungewöhnlich bevölkerte Foyer waren
vergessen. Das Bedürfnis, wegzulaufen, sich in den Wagen zu setzen und so
schnell wie irgend möglich nach Hause zu Alexandra zu fahren, war fast
übermächtig und er musste sich beherrschen, ihm nicht nachzugeben.
„Mister O’Connor, dass möchten wir nicht hier in der Öffentlichkeit
diskutieren.“ Detective Jensen nickte mit dem Kopf in Richtung der Leute, die
sie bereits neugierig beobachteten. „Bitte kommen Sie mit mir und meinem
Kollegen mit.“ Sie drehte sich um und ging auf den Fahrstuhl zu.
Der Mann, Detective Miller, machte eine einladende Handbewegung und Chris blieb
nichts anderes übrig, als der Aufforderung nachzukommen. Der mitleidige Blick,
den Joan ihm zuwarf, war nicht gerade förderlich für seinen Seelenfrieden und
Chris’ Knie begannen zu zittern, als er hinter Detective Jensen den Fahrstuhl
betrat.
Die beiden
Detectives führten Chris in einen Raum im ersten Stock, der aussah, als würde er
normalerweise für Besprechungen genutzt. Ein großer, rechteckiger Tisch und
mindestens fünfzehn Stühle, die um ihn herum standen, waren die einzigen
Möbelstücke.
Detective Miller zog einen der Stühle hervor.
„Setzen Sie sich“, sagte er barsch.
Zögernd gehorchte Chris. Er war völlig verstört, da er sich nicht erklären
konnte, was die beiden Polizisten von ihm wollten. Und er hatte Angst. Angst,
dass irgendetwas geschehen war, dass ihn zurück nach San Quentin bringen konnte.
Auch wenn er sich beim besten Willen nicht zu erklären vermochte, was es sein
könnte. Das einzige „Vergehen“, dessen er sich bewusst war, war sein
Selbstmordversuch, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass das von Interesse
für die Polizei sein sollte. Wenn man es überhaupt als Vergehen bezeichnen
konnte.
Oder war es etwa wegen dieses Überfalls vor fast fünf Jahren? Chris fühlte, wie
eisige Kälte in ihm hoch kroch und sich in seinem Körper breit machte. Er hatte
doch dafür bezahlt, dass er daran beteiligt gewesen war und sich geweigert
hatte, seine Komplizen zu verraten, mit dreieinhalb Jahren seines Lebens, seiner
Unschuld und seinen Träumen von einer glücklichen Zukunft. Er hatte doch gerade
erst damit angefangen, sein Leben in den Griff zu bekommen und das kleine
Pflänzchen Hoffnung in seinem Herzen gesät, dass es doch noch etwas Glück auf
dieser Welt für in geben konnte und dass er es sich erlauben durfte, wieder
Träume zu haben. War etwas geschehen, das ihm all das wieder nehmen konnte und
seine Hoffnungen unwiederbringlich zerstören würde?
Diese Angst schnürte ihm die Kehle zu und er versuchte, langsam und kontrolliert
zu atmen, so, wie Doktor Winslow es ihm beigebracht hatte.
Die beiden Detectives nahmen ihm gegenüber Platz und Detective Miller schlug
eine Akte auf. Seine Akte. Chris hatte gar nicht wahrgenommen, dass der Mann sie
die ganze Zeit mit sich getragen hatte.
Detective Jensen warf einen Blick in den beigefarbenen Hefter, den ihr ihr
Kollege zugeschoben hatte, und schien die erste Seite einen Moment lang zu
studieren, um sich deren Inhalt einzuprägen. Dann wandte sie sich an Chris.
„Sie wurden also im Januar dieses Jahres auf Bewährung entlassen?“
Chris nickte beklommen. Seine Hände waren feucht und klebrig und er wischte sie
hastig an seiner Hose ab. Wenigstens hatte die Atemtechnik, die er von der
Psychologin gelernt hatte, geholfen, ihn etwas von seiner Panik abzulenken.
Er fragte sich, was die Frage sollte. Es stand doch alles in dieser verflixten
Akte. Nervös rutschte Chris auf seinem Stuhl herum und wünschte sich, dass die
beiden zur Sache kommen würden, damit er endlich wusste, was man ihm vorwarf.
„Und Jack Sanders war die ganze Zeit über Ihr Bewährungshelfer?“
Wieder nickte Chris. Konnte diese Frau denn nicht lesen? Diese Ungewissheit
machte ihn noch verrückt.
„Welches Verhältnis hatten Sie zu ihm?“
„Bitte? Ich verstehe nicht....“ Verwirrt starrte Chris Detective Jensen an, die
bei diesem Verhör anscheinend die Wortführerin war. Ihr Kollege begnügte sich
damit, ihn mit Argusaugen zu beobachten.
„Wie war Ihr Verhältnis zu Mr. Sanders? Sahen Sie ihn eher als jemanden, der
Ihnen helfen wollte oder….“
Chris runzelte die Stirn. Was war hier eigentlich los? Wo war Mr. Sanders?
Plötzlich fiel im wieder ein, dass Joan ihm vorhin hatte etwas sagen wollen, das
seinen Bewährungshelfer betraf. Ging es etwa hier gar nicht um ihn selbst oder
etwas, das er getan hatte?
„Was ist mit Mr. Sanders? Wieso ist er nicht hier?“ Chris vergaß einen Moment
lang seine Angst und richtete sich auf. „Ich hätte jetzt eigentlich einen Termin
bei ihm.“
„Das wissen wir“, entgegnete Detective Miller ungeduldig. „Würden Sie jetzt
bitte unsere Frage beantworten?“
Chris sah von einem zum anderen. „Gut“, sagte er schließlich. Das war keine
Lüge. Er hatte keinen Grund, sich über Jack Sanders zu beklagen.
„Wie gut?“
„Na, gut eben. Er hat mir immer geholfen, auch wenn ich nicht immer ganz einfach
war.“ Die Fragerei irritierte Chris langsam aber sicher. Konnten ihm die beiden
denn nicht endlich sagen was eigentlich los war?
„Wussten Sie, dass Jack Sanders homosexuell ist?“ Jetzt meldete sich wieder
Detective Jensen zu Wort.
„Was?“ Chris dachte einen Augenblick lang, er hätte sich verhört. Worum ging es
hier überhaupt? Was hatte Mr. Sanders’ Privatleben mit dieser für ihn völlig
mysteriösen Angelegenheit zu tun? Chris’ Gedanken überschlugen sich. Konnte er
zugeben, dass er seinen Bewährungshelfer auch privat kannte oder dieses kleine
Detail von ihm wusste? Alexandra hatte ihm mal erklärt, dass ihr Freund es
vermied, seine sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zuzugeben.
Möglicherweise würde das dem Mann und auch ihm selbst eher schaden als nützen.
Chris hatte zwar keine Ahnung, inwiefern es relevant sein sollte, ob er über die
sexuellen Präferenzen seines Bewährungshelfers Bescheid wusste oder nicht, aber
er beschloss, lieber auf der sicheren Seite zu bleiben.
Die beiden Detectives musterten ihn abwartend.
„Nein“, sagte Chris fest. „Das wusste ich nicht. Ist das ein Verbrechen?“
„Es ist kein Verbrechen“, antwortete Detective Jensen. Dann faltete sie die
Hände vor sich auf dem Tisch. „Mr. O’Connor, ich werde Ihnen nun eine Frage
stellen, und ich bitte Sie dringend, diese wahrheitsgemäß zu beantworten. Ich
versichere Ihnen, dass Ihnen daraus keinerlei Nachteile entstehen werden.“ Sie
machte eine Pause um diese Worte auf Chris einwirken zu lassen. „Hat Mr. Sanders
Sie jemals sexuell belästigt oder sexuelle Gefälligkeiten dafür eingefordert,
dass er über etwaige Verstöße Ihrerseits gegen Ihre Bewährungsauflagen
hinwegsieht oder hat er Sie damit erpresst, dass er Sie zurück ins Gefängnis
schicken würde, wenn Sie derartige Gefälligkeiten nicht erbringen würden?“
Chris fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Schlag in den Magen versetzt.
Übelkeit stieg in ihm hoch. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber damit
nicht. Wie kamen diese Leute nur auf die Idee, dass Mr. Sanders etwas so
Abscheuliches getan haben sollte? Dass er nicht besser war als die Schweine im
Gefängnis, die Chris über Jahre hinweg gewissenlos als Sexspielzeug missbraucht
hatten.
Es musste ihm wohl anzumerken gewesen sein wie sehr ihn diese Frage getroffen
hatte, denn die Frau sah ihn besorgt an. Zumindest tat sie so. Ihr Kollege
dagegen betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen wie ein seltenes Insekt
unter dem Mikroskop.
„Mr. O’Connor? Ist alles in Ordnung?“
Chris erwachte aus seiner Erstarrung.
„Ja…“ würgte er hervor. „Alles bestens. Und nein, Mr. Sanders hat… er hat nie
versucht mich zu….“ Chris konnte nicht weiter sprechen. Er wollte hier raus.
„Sind Sie sicher? Mister Sanders wurde heute Morgen verhaftet, weil eine Anzeige
wegen versuchter Vergewaltigung gegen ihn gestellt wurde. Die Anzeige stammt von
einem jungen Mann in etwa Ihrem Alter, den Mr. Sanders ebenfalls betreut. Wir
vermuten, dass das nicht der einzige Fall ist und dass es auch noch andere Opfer
gibt. Wenn Sie also reden wollen, dann ist das die beste Gelegenheit. Mr.
Sanders hat jetzt keinen Einfluss mehr auf Ihre Bewährung….“
Chris hielt es nicht mehr aus. Er sprang auf.
„Nein, Mr. Sanders hat nie etwas Derartiges versucht. Kann ich jetzt gehen?“
Die beiden Detectives warfen sich gegenseitig einen Blick zu, mit dem sie sich
eine unausgesprochene Nachricht zukommen zu lassen schienen.
„Ja, Sie können gehen“, sagte die Frau und stand ebenfalls auf. Sie zog eine
Visitenkarte aus der Tasche. „Hier ist meine Nummer. Wenn Ihnen doch noch etwas
einfällt, dass Sie uns sagen wollen, dann rufen Sie mich bitte an.“ Damit
reichte sie Chris die Karte über den Tisch.
„Die brauche ich nicht.“ Chris schüttelte abwehrend den Kopf und trat ein paar
Schritte zurück. „Ich habe Ihnen alles gesagt, was es zu sagen gibt.“
Er drehte sich um und floh aus dem Raum.
***
„Was denkst du?“ fragte die Frau ihren Kollegen.
„Der Junge lügt“, entgegnete dieser schulterzuckend. „Er war viel zu nervös.
Hast du gesehen, wie blass er geworden ist? Ich dachte einen Moment lang, er
kippt um. Sanders hat vielleicht irgendetwas gegen ihn in der Hand. Darum wagt
er nicht zu reden.“
„Was sollen wir jetzt machen?“ Detective Jensen lehnte sich mit verschränkten
Armen gegen die Tischkante.
„O’Connor ist zwar der einzige von Sanders’ „Klienten“, der Stephen Allington im
Alter nahe steht, aber wir werden uns erstmal auch die Anderen vorknöpfen.
Vielleicht auch ein paar von Sanders’ „Ehemaligen“, wenn wir sie ausfindig
machen können. Und ich werde mir O’Connors Akte mal genauer ansehen. Vielleicht
gibt es etwas, mit dem wir arbeiten können.“ Miller strich sich nachdenklich
übers Kinn.
„Hoffentlich. Dieses Schwein muss seine gerechte Strafe bekommen. Ein guter
Anwalt könnte ihn vielleicht frei bekommen, immerhin ist dieser Allington ja
kein unschuldiger Chorknabe und theoretisch hätte er die ganze Sache auch
erfinden können….“
„Ziehst du diese Möglichkeit in Betracht? Dass Allington das Ganze erfunden
hat?“
Jensen schüttelte den Kopf. „Nein. Dass ein junger Mann bei so etwas lügt, halte
ich eher für unwahrscheinlich. Möglich, aber unwahrscheinlich. Und er ist
bestimmt kein Einzelfall oder der Erste. Darum sollten wir unbedingt noch ein
weiteres Opfer auftreiben, damit diesem Sanders mit Sicherheit das Handwerk
gelegt werden kann…“
„So, mein
Kleiner, das hätten wir“, gurrte Alexandra. „Sie können Mr. Button jetzt zurück
in seinen Käfig setzen, wir sind fertig“, sagte sie zu der Besitzerin des
Graupapageis, die ihren Liebling gehalten hatte, während Alexandra damit
beschäftig gewesen war, ihm die Krallen zu schneiden.
„Vielen Dank, Doktor Hastings“, strahlte die etwa vierzigjährige, etwas mollige
Frau und folgte Alexandra’s Aufforderung.
Als Mr. Button auf seiner Stange saß, sträubte er erst einmal sein Gefieder und
schüttelte sich.
„Blöde Kuh, blöde Kuh“, krächzte er indigniert und in seiner Würde verletzt,
bevor er anfing, seine Federn, die durch die unsanfte Behandlung etwas
verrutscht zu sein schienen, methodisch und mit größter Sorgfalt wieder zurecht
zu zupfen. Dabei warf er Alexandra und seiner Herrin immer wieder misstrauische
Blicke zu.
„Tut mir leid“, entschuldigte sich die Frau errötend. „Meine Kinder bringen dem
Vogel immer solche Ungezogenheiten bei….“
Alexandra lachte und winkte ab. „Denken Sie sich nichts dabei. Es ist schon
faszinierend, dass Papageien immer ausgerechnet die unpassendsten Worte
aufschnappen und es schaffen, sie bei den passendsten Gelegenheiten
loszuwerden.“
Die Frau nickte erleichtert.
„Ja, da haben Sie recht. Wenn Sie wüssten, wie oft Mr. Button mich schon in
tiefste Verlegenheit gestürzt hat. Einmal war der Chef meines Mannes zu Besuch,
und als der mit Mr. Button geredet hat, da hat dieser verflixte Vogel ihn als“,
sie senkte die Stimme, „als „Arschgesicht“ bezeichnet. Ich wäre vor Scham am
liebsten im Boden versunken und mein Mann sah aus, als würde er Mr. Button jeden
Moment den Hals umdrehen. Nur sein Chef hat Gott-sei-Dank Humor bewiesen und
gelacht. Trotzdem war das mehr als peinlich.“
„Kann ich Ihnen nachfühlen“, entgegnete Alexandra und dachte mit einem
Schmunzeln an all die Gelegenheiten zurück, bei denen sie trotz aller Tierliebe
von Hundesteaks geträumt hatte.
Sie brachte die Frau samt Vogelkäfig zur Tür und verabschiedet sich, bevor sie
den nächsten Patienten aufrief, eine schneeweiße Angorakatze mit einem
vereiterten Zahn. Nachdem auch dieser Fall verarztet war und Alexandra das um
einen Zahn ärmere, aber nun schmerzlose Tier an seine glückliche Besitzerin
zurück geben konnte, sah sie auf die Uhr. Es war halb zwölf. Chris müsste
eigentlich bald von seinem Termin bei Jack zurückkommen. Danach hatte er nur
kurz beim Supermarkt vorbeifahren und ein paar Sachen einkaufen sollen.
Den ganzen Vormittag über hatte sie immer wieder die gestrige Nacht beschäftigt.
Chris war einfach nur süß gewesen, so wie Chris eben war. Alexandra konnte sich
immer wieder nur fragen, wie jemand in diese Augen hatte schauen können und ihm
dennoch hatte so furchtbar weh tun können. Wie ein Mensch überhaupt einem
anderen Menschen so etwas Schreckliches zufügen konnte.
Als Chris aus der Dusche gekommen war, hatte Alexandra schon fast geschlafen.
Sie hatte nur noch gespürt, wie er sich neben sie gelegt und sich vorsichtig, um
sie nicht zu wecken, an sie gekuschelt hatte. Dann hatte er ihr einen zarten
Kuss auf die Wange gehaucht und das Licht gelöscht.
Heute Morgen hatten sie dann beide verschlafen. Nach einem hastigen Frühstück
hatte Chris noch den Pick-up abgeladen, das hatte er gestern Abend nicht mehr
geschafft, und war nach einem liebevollen Abschiedskuss losgefahren.
Alexandra gähnte. Verdammte Müdigkeit. Vielleicht sollte sie einfach mal
versuchen, ein paar Tage lang schon um neun ins Bett zu gehen.
Sie hatte gerade den Sterilisator mit den Instrumenten eingeschaltet als die
Türglocke schellte. Doch noch keine Mittagspause . Alexandra drückte auf den
Türöffner, der sich im Behandlungsraum befand und ging nach draußen in den Flur,
um den Neuankömmling zu begrüßen. Es war jedoch kein Patient.
„Ian, was machst du denn hier?“ fragte sie überrascht. „Was ist passiert?“
Der blonde Sänger machte einen aufgeregten, völlig verstörten Eindruck. Das
Hemd, das er über einem T-Shirt trug, war schief zugeknöpft, seine Haare waren
ungekämmt und standen in alle Richtungen.
Alexandra und er waren nicht das, was man befreundet nennen konnte, sie hatte
ihn nur ein paar Mal flüchtig gesehen, wenn sie Jack auf einen Sprung besucht
hatte, während Chris bei seinen Abendterminen bei Doktor Winslow gewesen war.
Ian war meist eingetroffen, wenn sie sich gerade von Jack verabschiedet hatte.
„Jack ist heute morgen verhaftet worden“, würgte Ian hervor.
„Was?“ Alexandra glaubte, sich verhört zu haben. „Wieso? Jack und verhaftet?
Machst du Witze? Er bezahlt ja sogar seine Strafzettel pünktlich!“ Sie
schüttelte den Kopf.
„Kein Witz. Heute Morgen war die Polizei da und hat ihn mitgenommen.“ Ian lehnte
sich an die Wand und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Die Verzweiflung war
ihm deutlich anzumerken.
„Was wirft man ihm denn überhaupt vor?“ Alexandra erschien die ganze Sache noch
immer total unwirklich. Der gesetzestreue, pedantische Jack Sanders sollte
irgendetwas Kriminelles getan haben, das sogar eine Verhaftung rechtfertigte?
Unmöglich.
Ian holte tief Luft und wich ihrem Blick aus. „Versuchte Vergewaltigung“, sagte
er leise.
„Bitte?“ Alexandra fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Sack Ziegelsteine an
den Kopf geworfen. „Aber das ist jetzt ein Witz!“
„Scheiße, nein!“ brach es aus Ian hervor. „Jack betreut gerade so einen Typen,
so etwa neunzehn, glaube ich, der Bewährung hat. Er wurde wegen illegaler
Autorennen und Drogenbesitz verurteilt. Sein Daddy ist irgendein Typ mit Kohle
ohne Ende. Jack hatte nur Probleme mit dem kleinen Mistkerl. Heute wollte er mit
seinem Vorgesetzten darüber reden, dass man diesen Allington doch in den Knast
schickt, weil das mit der Bewährung sinnlos ist. Er hat seine Termine nicht
eingehalten, sich über Jack und seine Strafe nur lustig gemacht…Jack hat’s
irgendwann gereicht. Und da hat sich die Ratte eben was einfallen lassen….“ Ian
ballt in hilfloser Wut die Hände zu Fäusten.
„Chris hatte doch heute einen Termin bei Jack. Ist er schon wieder hier?“ fragte
er unvermittelt. „Vielleicht hat er etwas erfahren. Ich durfte noch nicht mit
Jack reden, weil sie ihn erst einmal verhören…“
„Chris? Nein…er ist noch nicht hier“, sagte Alexandra langsam. Großer Gott, wie
würde Chris reagieren, wenn er davon erfuhr? Sie glaubte zwar keine Sekunde
lang, dass an der Anschuldigung etwas Wahres dran war, aber Chris war aufgrund
seiner Vergangenheit etwas sensibel bei so einem Thema….Plötzlich sah sie seine
Verspätung in einem etwas anderem Licht.
Hastig zog sie ihren weißen Mantel aus. Wieso bloß hatte sie Chris heute Morgen
ihr Mobiltelefon nicht mitgegeben? Dann hätte sie ihn jetzt anrufen können.
„Kannst du mich in die Stadt fahren? Zu der Behörde, wo Jack arbeitet?“
„Wieso? Denkst du, die werden dir etwas sagen?“ fragte Ian verwirrt.
„Nein, aber Chris ist vielleicht noch dort“, rief sie, während sie Charlie aus
der Küche holte, in die er während ihrer Sprechzeiten immer verbannt war.
„Wieso soll er noch dort sein?“
„Frag nicht, mach einfach“, drängte Alexandra, öffnete die Haustür und schob Ian
hinaus. Im letzten Moment dachte sie noch daran, nach ihrer Jacke und Charlie’s
Hundeleine zu greifen.
Ian fuhr einen roten, voll restaurierten Ford Mustang, ein Liebhaberfahrzeug,
doch er protestierte nicht, als Alexandra Charlie auf den Rücksitz verfrachtete.
Schweigend, jeder seinen Gedanken nachhängend, fuhren sie los.
Alexandra wusste nicht wieso, aber sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass Chris
vermutlich zu durcheinander war, um auf dem Weg nach Hause zu sein.
Wahrscheinlich lief er gerade ziellos durch die Gegend und versuchte, sich zu
beruhigen.
Sie konnte sich vorstellen, dass das mit Jack ein ziemlicher Schock gewesen sein
musste. Dass Chris es gar nicht erfahren haben könnte, diese Idee schob
Alexandra sofort zur Seite. Es war einfach zu unwahrscheinlich. Die Anzeige war
mit Sicherheit Thema Nummer Eins an Jack’s Arbeitsplatz und irgendjemand würde
Chris schließlich erzählt haben, warum sein Termin mit seinem Bewährungshelfer
heute geplatzt war.
„Denkst du, sie haben Chris verhört?“
Ians Frage riss Alexandra aus ihren Überlegungen.
„Wie kommst du darauf?“
„Weil die Polizei bestimmt alle von Jack’s Leuten verhören wird. Kann ich mir
zumindest vorstellen.“
„Du hast zu viele Krimis gesehen“, entgegnete Alexandra.
Ian seufzte. „Ich hoffe, dass sie es tun werden. Dann werden sie ja sehen, dass
Jack so was gar nicht getan haben kann. Er opfert sich für seinen Job und für
seine Jungs auf.“
„Ich weiß….“ Alexandra schob Charlie, der seinen Kopf nach vorne streckte und
ihr ins Ohr schnaufte, zurück. „Bleib gefälligst hinten“, befahl sie.
„Sag mal…wieso machst du dir eigentlich solche Sorgen wegen Chris?“ Ian war ihr
einen kurzen, neugierigen Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf den
Verkehr lenkte. „Ihm wird doch nichts vorgeworfen.“
Alexandra sah starr gerade aus. „Nein, aber….“ Sie konnte es Ian nicht sagen,
Chris würde ihr dafür den Kopf abreißen. Na ja, vielleicht nicht gerade dass,
aber er würde sich wieder verraten fühlen.
„Was aber?“ Ian ließ nicht locker. Anscheinend lenkte ihn das Thema von seinen
eigenen Sorgen ab.
„Kann ich dir nicht sagen“, erklärte Alexandra mit zusammengebissenen Zähnen.
„Hat es was mit seinem Selbstmordversuch zu tun? Oder….“ Ian machte eine Pause
und zog zischend die Luft ein. „Scheiße. Ist ihm so was tatsächlich mal
passiert? Ist er….“ Er beendete den Satz nicht. „Wollte er sich deshalb damals
umbringen? Jack hat mir nie den Grund gesagt…“
Alexandra lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Ian war nicht dumm, es
war klar, dass er seine eigenen Schlussfolgerungen zog. Aber sie hatte nicht
vor, seine Vermutungen zu bestätigen.
„Ian…ich kann es dir nicht sagen, also lassen wir das Thema, okay? Hast du dich
um einen Anwalt für Jack gekümmert?“
Zu ihrer Erleichterung kam Ian ihrer Bitte nach und ging stattdessen auf ihre
Frage ein. Er nickte.
„Ja, gleich nachdem die Polizei mit Jack weg war, hab ich eine Freundin
angerufen, die Strafverteidigerin ist. Sie ist jetzt bei ihm im
Polizeipräsidium.“
„Gut…“ Wenigstens das Problem war gelöst.
Der Rest der Fahrt verlief in angestrengtem Schweigen. Jeder hing seinen
Gedanken nach. Alexandra hoffte inständig, dass Chris noch dort war, wo sie ihn
vermutete. Als sie den Parkplatz vor der Behörde erreichten, erspähte Alexandra
sofort ihren Wagen. Ihre Hoffnung schien sich erfüllt zu haben.
„Ich hatte recht, Chris muss noch hier sein“, rief sie. Der Ford Mustang stand
kaum, als sie schon die Tür aufriss und ausstieg.
„Warte hier mit Charlie. Ich geh rein und seh nach, ob Chris noch irgendwo im
Gebäude ist.“
Damit warf Alexandra die Autotür zu und rannte zum Eingang. Nachdem sie das
Foyer betreten hatte, sah sie sich erst einmal um und erspähte eine ältere Frau,
die hinter einer Empfangstheke saß und etwas in einen Computer eintippte.
Vielleicht konnte sie ihr weiterhelfen. Eilig ging Alexandra auf sie zu.
„Entschuldigen Sie bitte, ich suche jemanden namens Chris O’Connor. Er hatte
heute einen Termin bei Mr. Sanders. Er ist etwa so groß wie ich, jung, schlank,
schwarze Haare-“
„Ich kenne Chris“, wurde sie von der älteren Frau unterbrochen. „Netter Junge.
Das mit seinem Bewährungshelfer ist eine schlimme Sache….“ Sie schüttelte den
Kopf.
Wenn Alexandra nicht so besorgt wegen Chris gewesen wäre, dann hätte sie die
Gelegenheit genutzt, um mehr zu erfahren. So jedoch ging sie nicht näher auf die
vage Andeutung ein.
„Ich weiß“, sagte sie nur knapp, um weitschweifigen Erklärungen vorzubeugen. Die
Frau schien in mitteilungsbedürftiger Stimmung zu sein und nur auf Ermunterung
zu warten. „Ist Chris noch hier?“
„Nein. Er ist vor…“ die Frau sah auf ihre Armbanduhr. „…vor etwa eineinhalb
Stunden hier raus gerannt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Zwei Detectives
haben ihn vorher verhört, was dabei herausgekommen ist, das weiß noch niemand.
Der arme Junge…“, fügte sie mitleidig hinzu.
„Wie meinen Sie das?“ Jetzt war Alexandra doch alarmiert.
„Na, das liegt doch wohl auf der Hand“, erklärte die Frau. „Die Polizei wollte
bestimmt wissen, ob Mr. Sanders so etwas auch schon bei anderen versucht hat.
Und dann rennt der Junge Hals über Kopf davon. Was soll man sich denn da anderes
dabei denken?“
Alexandra biss sich auf die Unterlippe. Chris hatte mit seinem Verhalten Jack
wohl keinen großen Dienst erwiesen, auch wenn sie ihn verstehen konnte. Er
musste mehr als ein Schock für ihn gewesen sein. Im Stillen verfluchte sie das
Schicksal, das Ian ihr nicht früher hatte Bescheid geben lassen oder Chris einen
späteren Termin gegeben hatte.
„Haben Sie gesehen, in welche Richtung er gelaufen ist?“
„Ich glaube, rüber zum Park“, entgegnete die Frau und zeigte schräg aus dem
Gebäude hinaus. „Sind Sie eine Freundin von ihm?“ fragte sie neugierig.
„Ja. Danke für die Auskunft“, antwortete Alexandra und wandte sich hastig ab.
„Keine Ursache, Miss. Ich hätte so etwas nie von Mr. Sanders gedacht. Er war
immer so ein höflicher, korrekter Mann. Da sieht man, wie man sich täuschen
kann…“
Den letzten Satz hörte Alexandra schon gar nicht mehr. Sie wollte jetzt nur
eines, nämlich Chris finden und sich versichern, dass mit ihm soweit alles in
Ordnung war.
Sie lief zum Wagen, um Charlie zu holen und um Ian zu sagen, dass er nach Hause
fahren solle.
„Wieso?“ fragte dieser, nachdem Alexandra sich bedankt und Charlie an die Leine
gelegt hatte. „Was ist, wenn du ihn nicht findest? Ich könnte dir helfen.“
„Nein“, wehrte Alexandra bestimmt ab. „ Ich weiß nicht, wie Chris jetzt auf dich
reagieren würde. Und Charlie findet ihn auf jeden Fall.“
„Aber…“
„Ian, ich weiß, dass es dich brennend interessiert, was Chris vielleicht
erfahren hat, aber glaub mir, wie können wahrscheinlich froh sein, wenn er mit
mir darüber redet. Also, bitte fahr nach Hause. Ich ruf dich später an oder komm
vorbei, wenn ich sicher sein kann, dass ich Chris allein lassen kann, okay?“
„Na gut….“ Ian schien einzusehen, dass Alexandra recht hatte, wenn auch äußerst
widerstrebend. „Hier ist meine Visitenkarte mit meiner Handynummer. Bitte ruf
mich an, sobald du etwas weißt.“
Alexandra nahm die Karte und steckte sie in ihre Jackentasche.
„Mach ich, keine Sorge. Und jetzt fahr.“ Damit schlug sie die Tür zu und
wartete, bis Ian den Motor startete und wegfuhr. Sie wollte sicher sein, dass er
ihr nicht folgte und Chris möglicherweise noch mehr verschreckte als er es
vermutlich sowieso schon war.
„Und jetzt suchen wir Chris“, sagte sie zu Charlie, der hechelnd zu ihr aufsah.
„Komm.“
Als sie den Park erreichten, machte Alexandra Charlie von der Leine los. Ihr war
klar, dass sie damit gegen die Parkvorschriften verstieß, doch das war ihr
ziemlich egal. Sie wollte nur so schnell wie möglich Chris aufspüren.
„Such Chris, Charlie. Such!“
Der Hund ließ sich diesen Befehl ausnahmsweise nicht zweimal sagen. Mit einem
freudigen Aufjaulen rannte er davon, mit Alexandra dicht auf den Fersen. Es
dauerte nur etwa eine Minute, vielleicht auch zwei, bis sie um eine Hecke herum
bogen und Alexandra Chris auf einer Bank bei einem Brunnen sitzen sah.
Aufatmend blieb sie stehen und sah zu, wie Charlie über den Rasen zu Chris
hinjagte. Er bellte aufgeregt, und als er Chris erreicht hatte, stellte er ihm
die Vorderpfoten auf die Knie und schleckte ihn begeistert ab.
Chris umarmte den Hund und verbarg sein Gesicht in dessen struppigem Fell. Als
Alexandra näher kam, blickte er auf und sie konnte an den Tränenspuren auf
seinen Wangen und den geröteten Augen erkennen, dass er geweint hatte.
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Heute Morgen war alles noch so friedlich
gewesen. Sie hatte endlich hoffen können, dass Chris, wenn schon nicht auf dem
Weg der Heilung, dann doch auf dem Weg der Besserung war und ihre Beziehung eine
reelle Chance hatte, sich normal weiterzuentwickeln. Jetzt fürchtete sie, dass
sie zwar einen Schritt nach vorne, aber gleich darauf zwei wieder zurück getan
hatten.
„Hey Chris“, sagte sie und blieb, die Hände in den Jackentaschen vergraben, vor
ihm stehen.
Chris saß auf
einer Bank in dem kleinen Park neben dem Bürogebäude. Es war ruhig hier, nicht
weit von ihm sprudelte ein Springbrunnen und etwas weiter hinten, unter ein paar
mächtigen, alten Bäumen befand sich ein Spielplatz, auf dem ein paar Kinder,
bewacht von ihren Müttern, jauchzend miteinander Fangen spielten. Die Wärme der
Herbstsonne, die auf ihn herunter schien, nahm er gar nicht wahr. Es war, als
wäre sein Innerstes zu Eis erstarrt, das nie wieder auftauen würde.
Chris sah den Kindern zu und fragte sich, ob er jemals so unschuldig, so
unbeschwert gewesen war. Es war für ihn fast nicht mehr vorstellbar….
Er hatte keine Ahnung, seit wann er hier saß. Nachdem er diesen Raum verlassen
hatte, war er, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, die Treppe hinunter
und aus dem Gebäude gerannt. Zum Fahren war er zu aufgewühlt gewesen, darum war
er erst einmal hierher gekommen, um sich zu beruhigen und um nachzudenken.
Er war einige Zeit durch den Park gelaufen, ohne seine Umgebung richtig
wahrzunehmen. Er hatte alles wie durch einen Schleier gesehen, die Büsche und
Bäume, die Menschen die ihm entgegen gekommen waren und die ihm betroffene oder
neugierige Blicke zugeworfen hatten. Erst nach einer Weile hatte Chris gemerkt,
dass seine Wangen nass vor Tränen waren und sie zornig weggewischt.
Jack Sanders war einer der wenigen Menschen gewesen, denen Chris begonnen hatte,
sein Vertrauen zu schenken. Seit vergangenem Samstag hätte er ihn sogar
zögerlich als Freund bezeichnet.
Nun war alles anders. Wut und Hass auf diesen Mann, der fast ein Jahr lang sein
Schicksal in den Händen gehalten hatte, ihm immer wieder gepredigt hatte, wie
wichtig es war, dass er sich bemühte, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen
und sich auf keine kriminellen Machenschaften einließ, beherrschten Chris’
Gefühlswelt. Wie scheinheilig Sanders doch gewesen war.
War dieser junge Mann sein erstes Opfer gewesen oder hatte es schon andere vor
ihm gegeben? Bei wie vielen hatte er Erfolg gehabt? Wieso hatte Sanders
ausgerechnet ihn selbst verschont? War er einfach nicht sein Typ gewesen?
Diese und andere Fragen beschäftigten Chris, seit er sich auf diese Bank gesetzt
hatte. Der Tumult in seinem Inneren und die Friedlichkeit seiner Umgebung
standen in einem geradezu lächerlichen Gegensatz. Wunden, die gerade erst einmal
angefangen hatten, ein wenig zu verheilen, waren wieder aufgerissen worden,
schmerzten, als hätte man Säure in sie hineingegossen.
Er dachte an das Verhör mit den beiden Detectives zurück. Wie sein Verhalten auf
die beiden gewirkt haben musste, seine überstürzte Flucht. Vermutlich dachten
die beiden jetzt, er hätte etwas zu verbergen. Hatte er auch, nur nicht so, wie
sie es vermutlich erwarteten.
Chris wünschte Jack zwar, dass er für das büssen musste, was er getan hatte, das
er ins Gefängnis kam und lernte, was es hieß, gezwungen zu werden,
unaussprechliche Dinge zu tun, die einem langsam aber sicher die Seele
zerstörten, aber er würde nicht lügen, um dieses Ziel zu erreichen. Ein kleines
bisschen, ein winzig kleines bisschen Dankbarkeit war unter all dem Hass noch
geblieben. Dankbarkeit dafür, dass er ihm Alexandra gegeben hatte.
Aufgeregte Bellen ließ Chris hochschrecken und im nächsten Moment spürte er eine
nasse, raue Hundezunge über sein Gesicht schlabbern. Charlie.
Er schlang die Arme um den warmen Körper des Hundes und legte die Wange an
dessen Seite. Wenigstens ein Wesen, das ihn nie verraten würde. Charlies
Gegenwart war irgendwie tröstlich. Sie bedeutete jedoch, dass auch jemand anders
hier sein musste. Chris hob den Kopf und sah direkt in Alexandras besorgtes
Gesicht.
„Hey Chris“, sagte sie leise.
„Hey“, würgte er hervor. „Du…du weißt es also schon?“
Alexandra nickte. „Ja….Ian war bei mir und hat es mir erzählt. Er hat mich
hergefahren. Ich hab mir schon gedacht, dass du…dass du ziemlich fertig deswegen
bist.“
Chris lachte bitter auf. „Fertig? Der Typ, der mich jederzeit hätte zurück in
diese Hölle schicken können, hat andere auf widerlichste Art und Weise erpresst,
damit er genau das nicht mit ihnen macht. Fertig ist gar kein Ausdruck für das,
wie ich mich fühle…“
„Chris, ich glaub nicht, dass Jack das getan hat. Der Kerl, der ihn angezeigt
hat ist…“
„Du denkst also, dass er unschuldig ist?“, unterbrach Chris die junge Frau. Er
schob Charlie sanft von sich und stand auf. „Tatsächlich?“
„Ja….Jack würde so etwas nie tun. Inzwischen müsstest du ihn doch gut genug
kennen, um das zu wissen.“ Alexandra zog eine Hand aus ihren Jackentaschen und
legte sie ihm auf den Arm. In ihren Augen stand ein beschwörender Ausdruck.
Chris trat einen Schritt zurück.
„Ihn kennen?“, fragte er. „Ich kenne einen Jack Sanders, der immer fair zu mir
war, der mir immer wieder eine Chance gegeben hat. Aber ist das wirklich der
einzige Jack Sanders, den es gibt? Weißt du das mit Sicherheit?“
Alexandra starrte ihn nur entsetzt an.
„Was meinst du damit?“
„Manche Menschen haben zwei Gesichter, das meine ich.“ Chris fuhr sich mit der
Zunge über die Unterlippe und wich Alexandras Blick aus. „Weißt du, wie oft mir
irgendein Kerl im Knast Süßigkeiten geschenkt hat, mir Familienfotos gezeigt und
mir von seiner Frau und seinen Kindern erzählt hat? Manchmal war es bevor und
manchmal war es nachdem er mir befohlen hat, mich umzudrehen und….“ Chris
schluckte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Die Typen konnten mich
ficken und danach zur Besuchsstunde mit ihren Frauen oder ihrer Familie gehen.
Oder umgekehrt. Denkst du, die hätten das von ihrem Daddy oder ihrem Ehemann
geglaubt? Willst du mir immer noch sagen, dass ich diesen Dreckskerl kennen
müsste?“
Den letzten Satz konnte Chris nur flüstern. Er schloss die Augen und schlang die
Arme um sich. Trotz der warmen Herbstsonne zitterte er vor Kälte. Einer Kälte,
die aus seinem Inneren kam.
„Wir sollten jetzt nach Hause fahren“, hörte er Alexandras raue Stimme nach
einiger Zeit. Sie schien es aufgeben haben, ihn von Jacks Unschuld überzeugen zu
wollen, für den Moment wenigstens. Es war auch besser so. Chris hätte es nicht
ertragen, jetzt weiter mit ihr darüber zu diskutieren.
Alexandra warf
Chris, der neben ihr auf dem Beifahrersitz saß und angelegentlich aus dem
Seitenfenster starrte, immer wieder forschende Blicke zu. Nachdem er ihr vorhin
so drastisch den Grund für seinen Glauben an Jacks Schuld geschildert hatte,
hatte sie lieber den Mund gehalten. Sie konnte Chris verstehen, doch es war für
sie einfach nicht vorstellbar, dass Jack das, was man ihm vorwarf, wirklich
getan hatte.
Natürlich hatte sie die kleine Zusatzinformation über das angebliche „Opfer“,
das Jack angezeigt hatte. Bisher hatte sie Chris noch nichts davon erzählen
können und im Moment wagte sie es auch nicht. Später, wenn er sich etwas
beruhigt hatte, würde sie versuchen, noch einmal mit ihm darüber zu reden. Sie
konnte nur hoffen, dass das alles ihn nicht wieder ganz an den Anfang
zurückgeworfen und Doktor Winslows und ihre eigenen Bemühungen zunichte gemacht
hatte.
Nachdem Alexandra den Wagen vor der Gartentür geparkt hatte, da die Auffahrt
voller Baumaterial für das Garagendach war, stieg Chris wortlos aus und ging mit
schnellen Schritten ins Haus. Alexandra folgte ihm etwas langsamer mit Charlie.
Als sie das Haus betrat war Chris schon auf der Treppe und auf dem Weg nach
oben. Sie vermutete, dass er jetzt einfach allein sein wollte.
Alexandra seufzte. Wenn sie doch nur wüsste, wie sie mit ihm jetzt umgehen
sollte. Ein heulender, verstörter Chris, den sie in den Arm nehmen und trösten
konnte war ihr tausendmal lieber als der, mit dem sie es im Augenblick zu tun
hatte. Der kratzbürstig und abweisend war und sie nicht an sich heran ließ.
Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass die einzige Nahrung, die sie
heute zu sich genommen hatte, ein hastig hinuntergeschlungenes Stück Toast
gewesen war. Bevor gegen halb drei die nächsten Patienten kamen, sollte sie
vielleicht zusehen, dass sie etwas aß. Nur im Moment war ihre Kehle wie
zugeschnürt und sie würde wohl keinen Bissen hinunterbringen.
Alexandra wollte gerade in die Küche gehe, um sich wenigstens eine Tasse Tee zu
machen, als Chris die Treppe wieder herunterkam. Er hatte sich anscheinend
hastig umgezogen und trug seine Arbeitskleidung, eine zerfranste Jeans und ein
altes, verblichenes Sweat-Shirt.
„Was hast du vor?“, fragte Alexandra überrascht.
„Ich geh nach draußen, das Garagendach abdecken.“ Chris ging, ohne sie
anzusehen, an ihr vorbei zur Haustür.
„Jetzt? Chris, ich weiß nicht. Du bist doch….“
„Mir geht’s gut! Fängst du schon wieder an, mich zu bevormunden?“, schnappte er
und funkelte sie an.
Alexandra schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief durch. Okay,
vielleicht hatte er ja Recht. Er war alt genug, um zu wissen, wozu er in der
Lage war, was er jetzt vielleicht sogar brauchte. Und sie war wieder in ihre
Muttergans-Rolle zurückgefallen.
„Nein, das wollte ich nicht“, entgegnete sie ruhig. „Ich mache mir nur Sorgen um
dich, das ist alles.“
„Brauchst du nicht. Ich werd schon damit klar kommen, dass Sanders ein Schwein
ist, das allen etwas vorgespielt hat.“
Trotz allen Verständnisses, das Alexandra für Chris’ Situation aufbringen
konnte, platzte ihr jetzt der Kragen. Sie wusste, warum er so dachte, doch Jack
war einer ihrer besten Freunde, sie glaubte nicht, dass er in der Lage wäre,
jemanden sexuell zu nötigen und sie weigerte sich, ihn vorschnell zu
verurteilen.
„Jack ist nicht so wie diese Dreckskerle aus dem Gefängnis“, erklärte sie
beherrscht. „Du kennst noch nicht mal alle Fakten und du schickst ihn schon aufs
Schafott. Findest du das fair?“
„Was ist schon fair“, schnaubte Chris. „Das Leben bestimmt nicht.“
„Wir müssen uns daran aber kein Beispiel nehmen, verdammt noch mal! Hör dir doch
erst mal an, was Ian mir über den Kerl erzählt hat, der Jack angezeigt hat!“
Alexandra konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme lauter wurde.
„Na klar doch, Ian“, entgegnete Chris spöttisch. „Ich soll ausgerechnet dem
vertrauen, was sein Lover erzählt. Nein Danke, das muss ich mir jetzt wirklich
nicht geben.“
Damit drehte er sich um und griff nach der Türklinke.
„Der Junge ist der Sohn eines ziemlich reichen Typen. Er hat Jack nur Probleme
bereitet. Heute wollte Jack mit seinem Boss darüber reden und die Empfehlung
aussprechen, dass man den Kerl die Bewährung streicht und ihn einsperrt. Du
weißt selbst, wie tolerant Jack ist und wie viel Mühe er sich gibt, um so etwas
zu vermeiden. Also muss Einiges vorgefallen sein.“
Alexandra machte eine Pause. Wenigstens hatte Chris innegehalten und schien
trotz seiner vorherigen Weigerung ihren Worten zu lauschen.
„Auch wenn du Recht mit der Feststellung hast, dass die meisten Menschen zwei
Gesichter haben, vielleicht sogar noch mehr, das heißt nicht, dass das zweite
Gesicht immer etwas Negatives sein muss. Jack ist kein Vergewaltiger, da bin ich
mir sicher.“
Chris wandte sich nicht mehr zu Alexandra um, aber er verharrte mit gesenktem
Kopf regungslos etliche Sekunden.
„Ich denk drüber nach“, flüsterte er schließlich, bevor er die Tür öffnete und
nach draußen ging.
Alexandra lehnte mit dem Rücken and die Wand und starrte zu Boden. Ja, wohl fast
jeder Mensch hatte mehrere Gesichter, mehrere Seiten seines Ichs, sie selbst und
Chris mit eingeschlossen. War Alexandra gegenüber Fremden eher reserviert,
Männern gegenüber, die sich zu ihr herablassend verhielten, weil sie eine Frau
war oder die schlicht und einfach unverschämt mit ihr zu flirten versuchten,
meistens ziemlich aggressiv, so kannten ihre Freunde sie doch als warmherzige,
hilfsbereite Person, auf die sie sich in jeder Situation verlassen konnten. Und
in letzter Zeit hatte Alexandra noch eine neue Seite an sich entdeckt: Die
fürsorgliche Geliebte…
Und Chris konnte auf der einen Seite schüchtern und hilfsbedürftig sein und auf
der anderen aggressiv und stur. Und das waren nur ein paar der völlig
gegensätzlichen Eigenschaften von Chris O’Connor.
Charlie winselte und stupste Alexandras Hand mit der Nase an. Das riss diese aus
ihren philosophischen Betrachtungen.
„Ja, ich weiß, du bist ein bisschen durcheinander“, sagte sie und streichelte
dem Hund über den Kopf. „Ich auch. Gestern war noch alles soweit in Ordnung,
Chris einfach nur ein lieber, süßer Kerl, und heute herrscht das Chaos und er
ist kalt und abweisend. Und Jack steckt bis über beide Ohren in der Scheiße.“
Der Hund wuffte mitfühlend und wedelte mit dem Schwanz, während Alexandra ihn
hinter den Ohren kraulte.
„Was Jack betrifft…ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er so was getan
hat…“
Alexandra stand in
der Küche und bereitete ein paar Sandwiches zu. Zum Kochen hatte sie heute Abend
einfach keinen Nerv mehr. Chris hatte den ganzen Nachmittag draußen auf
beziehungsweise mit dem Garagendach verbracht und anscheinend seine ganze
aufgestaute Wut und Frustration daran ausgelassen. Die entfernte Dachpappe und
die alten Bretter waren jedenfalls immer mit einem hörbaren Krachen auf dem
Boden vor der Garage gelandet.
Er war erst herein gekommen, als es zu dunkel geworden war, um weiter zu
arbeiten und dann gleich nach oben verschwunden. Alexandra seufzte laut. Ihr
fiel ein, dass sie versprochen hatte, Ian anzurufen oder bei ihm
vorbeizuschauen, wenn sie Näheres von Chris erfahren hatte. Das war zwar nicht
der Fall, aber sie sollte ihm wenigstens Bescheid geben, dass sie noch nichts
Neues wusste. Außerdem interessierte es sie, ob er selbst vielleicht neue
Informationen hatte.
Alexandra stellte den Teller mit den Sandwiches auf den Küchentisch, damit Chris
ihn sah, wenn er herunterkam und doch endlich Hunger haben sollte. Das
Schinkenbaguette, das sie mittags noch für ihn bereitgestellt hatte, war vorhin
noch immer unberührt auf der Küchentheke gestanden. Charlie hatte sich über den
unerwarteten Leckerbissen gefreut, auch wenn das Baguette schon etwas trocken
gewesen war.
Etwas unschlüssig nahm Alexandra das Telefon in die Hand. Chris konnte jeden
Moment herunterkommen und sie wusste nicht, wie er inzwischen über die ganze
Angelegenheit dachte. Zweifelte er nun am Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen
gegen Jack oder hatte er den Mann schon verurteilt?
Alexandra beschloss, dass es wohl besser wäre, wenn Chris von dem Gespräch mit
Ian erst einmal nichts mitbekam. Jedenfalls nicht, solange sie nicht miteinander
geredet hatte. Darum verließ sie die Küche und ging nach vorne zu ihrem
Behandlungszimmer, dort würde sie ungestört sein. Bevor sie es jedoch erreichte,
läutete die Türglocke.
Charlie rannte an ihr vorbei und winselte. Das Bellen bei diesem Geräusch hatte
sie ihm mittlerweile abgewöhnen können, es hatte sich nach der Eröffnung ihrer
Praxis doch als etwas störend erwiesen, dass der Hund bei jedem Patienten eine
Riesenaufstand machte. Aber er liebte es noch immer, Besucher zu begrüßen.
Alexandra ergriff Charlies Halsband und öffnete die Tür.
Auf der Veranda, im Licht der Außenlampe, standen Ian und eine ihr unbekannte
Frau.
„Hallo Ian, ich wollte dich gerade anrufen…“ sagte Alexandra verwirrt.
Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt, dass Ian selbst mit Chris reden wollte.
Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihm klarmachen sollte, dass es besser wäre,
wenn er wieder nach Hause fahren würde. Dabei vergaß sie völlig die große,
schlanke Frau mit den kurzen, braunen Stoppelhaaren neben ihm.
„Nicht mehr nötig“, sagte diese Frau mit einer angenehmen, rauchigen Stimme.
„Mein Name ist Samantha Lindstroem, Sam für meine Freunde. Ich bin Jacks
Anwältin. Und Sie müssen Doktor Alexandra Hastings sein, habe ich recht?“ Sie
reichte Alexandra die Hand.
Alexandra wusste nicht wie ihr geschah. Und so etwas kam sehr, sehr selten vor.
Ein Beweis dafür, wie durcheinander sie selbst wegen dieser ganzen Sache war.
Verblüfft ergriff sie die dargebotene Hand und schüttelte diese.
„Hallo“, entgegnete sie. „Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen. Nennen Sie mich
doch Alex…Und kommen Sie rein.“
Sie trat zu Seite, um den beiden Besuchern Platz zu machen. Sie konnte nur
hoffen, dass Chris sich benehmen würde, sollte er beschließen, nachzusehen, wer
gekommen war.
„Nur, wenn Sie mich Sam nennen.“
Alexandra musterte die Anwältin unauffällig. Sie war ganz in Schwarz gekleidet,
schwarze Hose, schwarzes Rollkragenshirt, schwarzer Blazer. Ihr Gesicht war
braungebrannt und dezent geschminkt. Alexandra schätzte die Frau auf etwa Ende
zwanzig, Anfang dreißig, also im gleichen Alter wie Jack und Ian.
„In Ordnung Sam“, lächelte sie nervös.
„Alex, Sam würde gern mit Chris reden, wegen des Verhörs von heute Vormittag“,
warf Ian ein. „Man hat ihr zwar gesagt, dass er befragt worden ist, aber ihr
sonst keine Informationen darüber gegeben und sie würde gern wissen, was da
gelaufen ist.“
Alexandra holte tief Luft. „Chris hat sogar mit mir noch nicht darüber
gesprochen“, musste sie zugeben. „Und ich weiß nicht, ob er jetzt überhaupt
schon dazu bereit ist.“
„Wieso fragst du dann nicht einfach?“ erklang eine Stimme von oben.
Alexandras Kopf fuhr hoch. Oben am Treppengeländer stand Chris, die Hände darauf
gestützt, und sah zu ihr und den anderen herunter. Er hatte sich geduscht und
umgezogen und trug jetzt eine der Jeans, die sie ihm zum Geburtstag gekauft
hatte sowie eines seiner langärmligen schwarzen Shirts.
Alexandra versuchte vergeblich, aus Chris’ Gesichtsausdruck herauszulesen, in
welcher Stimmung er sich befand. Es war, als hätte er sich ein Maske
übergezogen. Doch wenigstens schein er nicht allzu aufgebracht über die Invasion
zu sein, die Ian und Sam für ihn darstellen mussten.
„Vielleicht wollte ich das ja noch tun“, entgegnete Alexandra vorsichtig. „Ian
kennst du ja und das ist-“
„Ich weiß“, wurde sie von Chris unterbrochen, der langsam die Treppe
herunterkam. „Ich war schon im Flur, als du die Tür aufgemacht hast. Sie sind
Mr. Sanders’ Anwältin?“ Damit wandte er sich an die braunhaarige Frau, die ihn
neugierig von oben bis unten musterte.
„Ja, das bin ich. Nennen Sie mich ruhig Sam“, antwortete diese.
„Warum gehen wir nicht in die Küche und ich mache uns etwas Kaffee oder Tee“,
schlug Alexandra vor.
Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder besorgt sein sollte. Im Gegensatz zu
heute Mittag wirkte Chris jetzt geradezu gelassen und entspannt. Dass der äußere
Schein jedoch bei ihm manchmal recht trügerisch sein konnte, hatte sie
inzwischen jedoch auch gelernt. Darum wollte sie dem Frieden nicht so recht
trauen.
Charlie trabte voraus und machte es sich auf seinem Stammplatz bequem, während
er die Besucher wachsam musterte.
Alexandra ließ Ian und Sam den Vortritt. Dann wandte sie sich zu Chris.
„Bist du sicher, dass du jetzt mit den beiden reden willst?“ flüsterte sie.
Chris nickte stumm. Dann ging er ebenfalls in die Küche und Alexandra blieb
nichts anderes übrig, als im zu folgen.
„Setzt euch doch“, forderte sie Ian und Sam auf. „Kaffee oder Tee?“
Nachdem sich alle für Ersteres entschieden hatten und die Kaffeemaschine munter
vor sich in röchelte, setzte Alexandra sich ebenfalls an den Tisch. Chris hatte
zwischenzeitlich Tassen, Milch und Zucker auf den Tisch gestellt und sich
anschließend auf die Küchentheke geschwungen, wo er nun mit ausdruckslosem
Gesicht saß.
„Okay“, sagte Alexandra. „Erst einmal würde mich interessieren, wie es Jack
eigentlich geht.“
„Nun, ich habe den halben Nachmittag mit ihm verbracht, nachdem die Polizei ihr
Verhör beendet hatte“, erklärte Sam. „Er ist ziemlich fassungslos und
schockiert.“
Ian verbarg sein Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. „Ich versteh das
einfach nicht“. Seine Stimme klang dumpf. „Weiß dieser junge Idiot denn nicht,
was er da anrichtet? Er zerstört das Leben eines Menschen….“
„Das ist ihm vermutlich egal.“ Sam schlug einen Hefter mit Notizen auf. „Wie dem
auch sei, wir können nicht mehr ändern, was passiert ist. Ich habe hier eine
Liste der Männer, die Jack zur Zeit betreut. Sie werden alle in den nächsten
Tagen von der Polizei befragt. Ich schätze, man wird das Hauptaugenmerk auf
solche Personen richten, die Allington im Alter nahe stehen. Und hier kommt
Chris ins Spiel….“ Sie warf dem jungen Mann, der die ganze Unterhaltung wie
unbeteiligt zu verfolgen schien, einen kurzen Blick zu. „Er ist im Moment der
einzige, der altersmäßig passen würde, alle anderen sind fünfundzwanzig und
älter.“
„Wieso glauben Sie, dass die Polizei diesen Personenkreis ausschließen wird?“
erkundigte sich Alexandra verblüfft.
„Man wird sie nicht völlig ausschließen, aber jüngere Menschen stellen nun
einmal die leichteren Opfer dar. Und der Ankläger wird vermutlich versuchen,
Jack ein bestimmtes Verhaltensmuster zu unterstellen. Daher diese Eingrenzung“,
erklärte die Anwältin geduldig.
„Ich verstehe.“
Die Kaffeemaschine gab ein letztes, lautes Röcheln von sich, als wäre sie gerade
in die ewigen Jagdgründe der Küchengeräte eingegangen. Charlie hob den Kopf und
wuffte das Gerät indigniert an.
„Ja, Kleiner, ich weiß“, sagte Alexandra und stand auf. „Ich muss das Ding mal
entkalken.“
Mit der Kaffeekanne in der Hand sah sie Chris an. „Möchtest du auch eine Tasse?“
Chris schüttelte den Kopf. „Nein. Gibst du mir bitte ein Glas Milch?“
Alexandra musste sich fast auf die Zunge beißen, damit sie ihn nicht fragte, was
los war. Normalerweise trank Chris keine Milch, außer im Kaffee und bei den
seltenen Gelegenheiten, wenn er Cornflakes oder Müsli zum Frühstück as.
„Klar. Soll ich sie dir ein bisschen in der Mikro warm machen?“
Alexandra hoffte, dass ihre Stimme neutral klang und nichts von ihrer Sorge
verriet. Er war wohl doch nicht so ruhig und unbeteiligt, wie er sich den
Anschein zu geben versuchte.
Alexandra goss den Kaffee in die auf dem Tisch stehenden Tassen, bevor sie sich
um die Milch für Chris kümmerte. Als sie ihm das Glas reichte, ergriff er es
dankbar und nahm einen großen Schluck.
Den kleinen Milchbart auf seiner Oberlippe leckte er mit einer schnellen
Bewegung seiner Zungenspitze weg und erinnerte Alexandra damit unwillkürlich an
ein Kätzchen. Fast unbewusst streckte Alexandra die Hand aus und streichelte ihm
sanft über die Wange. Sie war erleichtert, als Chris sich in ihre Berührung
hineinlehnte und sie dankbar ansah. Er war also nicht wütend auf sie.
Ein Räuspern vom Küchentisch her schreckte Alexandra aus ihrer stummen
Zwiesprache mit Chris und sie drehte sich um.
„Alex, Sam wollte mit Chris noch über das Verhör von heute Vormittag reden.“ Ian
warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.
„Ja, das wollte ich“, bestätigte die Anwältin und stand auf, um zur Theke
herüberzukommen. „Ich würde gern wissen, was man Sie alles gefragt hat.“
Chris stellte das Glas, das er noch in der Hand hielt, zu Seite und umklammerte
mit beiden Händen die Kante der Küchenarbeitsplatte, auf der er saß.
„Die beiden Detectives…ich hab ihre Namen vergessen, es waren ein Mann und eine
Frau….Sie haben mich gefragt, ob ich wusste, das Mr. Sanders homosexuell ist.“
„Was hast du ihnen gesagt?“ erkundigte sich Ian.
„Ich hab gelogen.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Ich hatte ja noch keine
Ahnung was die blöder Fragerei sollte und hab geglaubt, es hätte was mit mir zu
tun und dass ich irgendetwas Falsches getan hatte…. Und dann diese dämliche
Frage.“
„Und weiter?“ Sam sah Chris forschend an.
Alexandra merkte, dass er mit der Antwort zu kämpfen hatte und ergriff seine
Hand. Seine Finger schlossen sich mit fast schmerzhaftem Druck um die ihren.
„Dann wollten sie wissen, ob Mr. Sanders mich…ob er mich jemals belästigt hätte,
oder…oder mich gezwungen hätte, mit ihm…“ Chris stockte und fuhr sich mit seiner
freien Hand übers Gesicht.
„Sie haben das verneint?“ Sam’s Stimme klang sachlich.
Chris nickte stumm.
„War das die Wahrheit?“
„Sam!“ Ian war aufgesprungen und starrte seine Freundin erregt an. „Was soll
das? Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“
„Man wird Chris möglicherweise vor Gericht oder in einer Vorverhandlung als
Zeugen befragen. Und der Staatsanwalt wird mit allen Mitteln versuchen, Jacks
Schuld zu beweisen.“ Sam verschränkte die Arme vor der Brust. „Willst du mir
einen Vorwurf daraus machen, dass ich wissen will, woran ich bin und womit ich
rechnen muss?“
Ian ließ sich auf seinen Stuhl zurück fallen und starrte unglücklich vor sich
hin.
„Nein“, flüsterte er schließlich.
„Gut. Also, haben Sie diesen Detectives die Wahrheit gesagt?“ Sam sah Chris
aufmerksam an.
Alexandra spürte, wie Chris’ Griff stärker wurde.
„Ja...das habe ich. Mr. Sanders hat mich niemals angerührt und er hat mir
gegenüber nie anzügliche Bemerkungen gemacht.“ Seine Stimme klang klar und fest.
Zufrieden nickte Sam und von Ian war ein erleichtertes Seufzen zu hören.
„Gut. Wenigstens ein Pluspunkt für uns. War sonst noch etwas Erwähnenswertes?“
Alexandra spürte, dass Chris zögerte. Sie hatte keine Ahnung, wie diese
Vernehmung abgelaufen war, doch die Bemerkung der älteren Frau an der Anmeldung
der Behörde fiel ihr wieder ein. Chris war wie von tausend Teufeln verfolgt aus
dem Gebäude gehetzt
Sie öffnete schon den Mund, um Sam genau das mitzuteilen, als Chris ihr
zuvorkam.
„Ich schätze, die beiden haben mir nicht geglaubt“, gab er zu. „Ich…ich war so
durcheinander und wollte nur so schnell wie möglich raus. Vielleicht…vielleicht
dachten sie, dass ich ein schlechtes Gewissen habe oder so….“ Er senkte den Kopf
und starrte auf den Boden.
Sam stieß einen unterdrückten Fluch aus und begann in der Küche hin und her zu
laufen.
„Das ist weniger gut“, murmelte sie vor sich hin.
Dann blieb sie stehen und drehte sich zu Chris um, der noch immer Alexandras
Hand fest umklammert hielt.
„Nicht gut, aber nicht zu ändern. Ich werde Sie als Zeugen der Verteidigung
benennen, der aussagen wird, dass Jack sich immer korrekt benommen hat, dann
haben wir wenigstens einen besseren Start. Sind Sie damit einverstanden? Die
Anklage würde Sie vermutlich sowieso vorladen.“
Alexandra fing Chris’ Hilfe suchenden Blick auf. Sie nickte ihm aufmunternd zu.
„Sam hat wahrscheinlich recht“, bestätigte sie die Einschätzung der Anwältin.
Chris atmete tief durch.
„Also gut. Machen Sie, was Sie für richtig halten“, erklärte er bedrückt.
„Sehr gut.“ Sam wandte sich zu Ian. „Wolltest du noch irgendetwas sagen oder
können wir gehen? Ich habe noch einiges vorzubereiten.“
Ian stand auf. „Das ist okay.“ Er trat zu Chris und Alexandra. „Chris, ich
wollte mich nur bei dir bedanken“, sagte er zögernd.
„Wofür? Dass ich die Wahrheit gesagt habe?“ Chris sah ihn verwundert an.
Ian stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Das auch. Aber…die ganze Sache ist
bestimmt nicht ganz einfach für dich….“
Alexandra stand nahe genug bei Chris, um zu spüren wie er sich bei diesen Worten
versteifte. Eine Zehntelsekunde später warf er ihr einen ungläubigen und
anklagenden Blick zu.
„Ich hab nichts gesagt“, sagte sie leise. „Ian hat gemerkt, wie aufgeregt ich
war wegen dir und…er musste nur noch eins und eins zusammenzählen.“
Chris schloss die Augen und senkte den Kopf. Es war ihm anzusehen, wie unendlich
peinlich es ihm war, dass Ian und nun auch Jacks Anwältin wussten, was mit ihm
passiert war.
„Oh mein Gott…“, kam es von Sam. „Kein Wunder, dass Sie nur noch weg wollten,
nachdem Sie von der Sache mit Jack erfahren haben.“
Alexandra merkte, dass Chris langsam aber sicher am Ende seiner Kräfte angelangt
war und sie sah ihre beiden Gäste vielsagend an.
Ian verstand den Wink sofort und auch Sam nickte.
„Du brauchst uns nicht zu Tür zu bringen, Alex“, erklärte Ian. „Ich ruf dich an,
sobald ich etwas Neues weiß.“
„Danke“, entgegnete Alexandra. „Kommt gut nach Hause.“
Sie achtete nicht weiter auf Ian und Sam, die nach einem letzten, betroffenen
Blick auf Chris die Küche und das Haus verließen. Ihre volle Aufmerksamkeit
richtete sich auf den jungen Mann, der mit geschlossenen Augen reglos dasaß und
versuchte, tief und regelmäßig Luft zu holen.
„Chris?“ fragte Alexandra alarmiert.
Er hatte seit dieser Nacht am Shashta Lake keine Panikattacke mehr gehabt und
sie hatte gehofft, dass das weiterhin so bleiben würde. Im Moment sah es jedoch
so aus, als wäre diese Hoffnung vergebens und sie legte ihm den Arm um die
Taille um ihm von der Theke herunterzuhelfen.
Als er stand, holte Chris noch ein paar Mal tief Atem, dann öffnete er die Augen
und sah Alexandra an.
„Ist schon vorbei“, flüsterte er. „Mach dir bitte keine Sorgen.“
Das war leichter gesagt als getan. Chris sah aus, als würde er jeden Monet
zusammenklappen. Erst dieser Schock heute Vormittag, dann hatte er sich ganzen
Nachmittag bis in den Abend hinein ohne nennenswerte Pause körperlich
verausgabt, schließlich noch der unerwartete Besuch von Ian und dieser
Anwältin….
„Weißt du was? Ich glaube, für heute reicht es uns beiden. Was hältst du davon,
wenn du deine Milch austrinkst und dann gehen wir ins Bett?“
Alexandra fühlte sich selbst wie ausgelaugt. Wie musste es da Chris gehen? Das
Ganze hatte ihn emotional tausendmal mehr mitgenommen als sie selbst. Die Ruhe
würde ihnen beiden gut tun.
Chris nickte zögernd. Etwas schien er jedoch noch auf dem Herzen zu haben, denn
er sah aus, als wollte er etwas sagen, wusste aber nicht wie.
„Was ist denn?“ erkundigte sich Alexandra. „Du weißt doch, dass du mit mir über
alles reden kannst, nicht wahr?“ fügte sie behutsam hinzu.
Chris druckste noch ein wenig herum, dann überwand er sich schließlich.
„Du…hast doch noch ein paar von den Tabletten, die Doktor Langton dir damals für
mich mitgegeben hat?“
„Hast du Schmerzen?“ fragte Alexandra betroffen. „So schlimm?“
Sie hätte vorhin schon dran denken solle, dass etwas in dieser Art nicht
stimmte, als Chris sie um die Milch gebeten hatte.
Seit diesem Abend, als sie ihn zu Doktor Langton geschleppt hatte, hatte er
nichts mehr von Bauchschmerzen gesagt. Aber so wie sie Chris kannte, hatte das
nicht viel zu bedeuten. Er hatte wahrscheinlich einfach geschwiegen und die
Zähne zusammengebissen um sie nicht zu beunruhigen. Das er sie jetzt um die
Tabletten bat, war nur ein weiterer Beweis dafür, wie fertig er wirklich war.
Chris nickte fast unmerklich.
„Es ist jetzt immer schlimmer geworden“, flüsterte er und presste eine Hand auf
seinen Bauch, während er sich an die Küchentheke lehnte, auf der er kurz vorher
noch gesessen hatte.
„Verdammt“, fluchte Alexandra. Sie ließ Chris los, nachdem sie sich vergewissert
hatte, dass er ihr nicht umkippen würde und ging hinüber zum Küchenschrank, wo
sie ihre Medikamente aufbewahrte. Die beiden Schachteln, die sie von Doktor
Langton bekommen hatte, lagen ganz vorne. Sie nahm beide heraus.
Du nimmst jetzt gleich zwei Schmerztabletten, dann bringe ich dich rauf“,
ordnete Alexandra ihn ihrem besten „Und-wage-ja-keinen-Widerspruch“-Ton an.
Sie nahm Chris’ Hand und schüttete ihm zwei der weißen Kügelchen auf die
Handfläche. Dann reichte sie ihm ein Glas Wasser.
„Nun mach schon“, forderte sie ihn auf, als er nur dastand und die Tabletten
anstarrte.
Chris hob den Kopf und sah sie an. „Alex…es tut mir leid, dass ich so eine Last
für dich bin….“ Seine braunen Augen waren voller Qual und glänzten verdächtig
feucht. Als er blinzelte, löste sich eine einzelne Träne und rollte ihm über die
Wange. „Ich mach dir nur Probleme.“
„Oh Gott….“
Alexandra traf die Erkenntnis wie ein Schlag, dass sie wieder einmal alles
falsch gemacht hatte. Jetzt, wo Chris dringend ihre liebevolle Fürsorge
gebraucht hätte, war sie sachlich und distanziert geblieben, um ihm nicht das
Gefühl zu geben, dass sie ihn bemuttern und wie ein Kind behandeln wollte. Dafür
glaubte er jetzt, dass er eine Belastung für sie war. Manchmal war sie einfach
ein unsensibler Stoffel.
Mit einem Kloß im Hals, der ihr die Luft abzuschnüren drohte, trat Alexandra vor
Chris hin und legte ihm die Hände auf die Schultern.
„Du bist keine Last für mich, wie kommst du denn darauf? Du bist mein Freund und
ich liebe dich“, sagte sie eindringlich. „Du kannst doch nichts dafür, dass….“
Alexandra schluckte und zog Chris, dem inzwischen noch mehr Tränen über die
Wangen kullerten, an sich.
„Schhhh, Baby, ist ja gut“, flüsterte sie und strich ihm beruhigend über den
Rücken. Innerlich verfluchte sie diesen Dreckskerl, der diese ganze verdammte
Angelegenheit mit seiner Falschaussage ins Rollen gebracht hatte. Konnte dieser
junge Idiot sich überhaupt vorstellen, was er damit angerichtet hatte?
Wenn sie Pech hatten, dann war Chris dadurch vielleicht wieder ganz an den
Anfang zurückgeworfen worden, an den Punkt, bevor er die Therapie bei Doktor
Winslow begonnen hatte. Ganz zu schweigen von den Folgen für Jack. Selbst wenn
er freigesprochen werden würde, diese Anzeige und die damit verbundenen
Enthüllungen würden vermutlich das Ende seiner Karriere als Bewährungshelfer
bedeuten.
„Komm, nimm jetzt die Tabletten und dann gehen wir rauf, okay?“
Alexandra drückte Chris noch einmal fest an sich, bevor sie sich nach hinten
lehnte, um ihm ins Gesicht zu sehen.
„Okay“, schniefte er. „Alex?“
„Was ist denn?“
„Ich…ich bin so froh, dass…dass ich dich habe…“
Alexandra stand
unter der Dusche und ließ das warme Wasser auf ihren Körper hinunterprasseln.
Sie hasste es, mit dem Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase ins Bett zu
gehen, darum duschte und wusch sie sich die Haare normalerweise abends. Auch
nach Stunden, nachdem sie die Praxis verlassen hatte, hing dieser Geruch noch
darin fest.
Alexandra hatte sich schon oft gefragt, warum es noch niemandem gelungen war,
ein Mittel zu erfinden, das einen angenehmen Duft verströmte. Sie liebte ihren
Beruf, doch das war eines der Dinge, auf die sie gut und gerne hätte verzichten
können.
Vorhin hatte sie Chris geholfen, sich umzuziehen und ihn dann ins Bett gesteckt.
Sie hatte ihn mit einer Wärmflasche versorgt und eine Tasse Pfefferminztee auf
seinen Nachttisch gestellt. Das war die praktische Seite ihrer Hilfe gewesen.
Danach hatte Alexandra sich neben Chris auf die Bettkante gesetzt und versucht,
ihm zu erklären, wieso sie vorhin so sachlich gewesen war. Es hatte eine Weile
gedauert, bis sie die richtigen Worte gefunden hatte, doch sie hoffte, dass
Chris seine Unsicherheit überwunden und sie verstanden hatte. Zumindest hatte er
etwas beruhigter ausgesehen.
Alexandra stellte das Wasser ab und trat aus der Duschkabine. Während sie sich
abtrocknete fielen ihr die Worte wieder ein, die sie erst vor ein paar Tagen zu
Chris gesagt hatte. ‚Was soll schon groß passieren….’ Unwillkürlich fragte sie
sich, ob sie damit den Zorn irgendeiner Gottheit auf sie alle herab beschworen
hatte.
War es wirklich erst gestern gewesen, dass Chris sich in ihren Armen hatte
völlig fallenlassen? Dass er und ihre Beziehung zueinander eine große Hürde
überwunden hatten? Alexandra kam es vor als lägen zwischen gestern und heute
Abend nicht vierundzwanzig Stunden, sondern ein halbes Leben.
Dann wanderten ihre Gedanken zu Jack. Wie mochte er sich jetzt fühlen? Sie hatte
keine Sekunde lang die Anschuldigungen gegen ihren Freund geglaubt, auch wenn
Chris anderer Meinung sein mochte. Alexandra konnte sich nicht vorstellen, dass
Jack zu so etwas fähig sein sollte. Dieser Junge musste einfach gelogen haben.
Sie zog sich ihr Pyjamaoberteil über den Kopf und gähnte. Vielleicht sollte sie
ihre Haare lieber fönen, da sie vermutlich einschlafen würde, bevor sie von
selbst getrocknet waren.
Als Alexandra zehn Minuten später zurück ins Schlafzimmer kam, schien Chris
bereits zu schlafen. Sie trat an das Bett heran und sah auf ihn hinunter. Er lag
auf der Seite und sein Gesicht wirkte entspannt, die Schmerztabletten und die
Wärmflasche mussten ihre Wirkung getan haben.
Sie wusste noch immer nicht, was er jetzt eigentlich über die ganze
Angelegenheit dachte. Chris konnte verschlossen sein wie eine Auster, wenn er
über eine bestimmte Sache nicht reden wollte. Sie konnte nur hoffen, dass ihre
Weigerung, an Jack’s Schuld zu glauben, keinen Keil zwischen sie getrieben
hatte.
Alexandra hob ihre Bettdecke und schlüpfte vorsichtig darunter, um Chris nicht
zu wecken. Dann löschte sie ihre Nachttischlampe. Auf dem Rücken liegend starrte
sie in die Dunkelheit, die nur vom entfernten Licht einer Straßenlaterne, das
durch die geschlossenen Vorhänge drang, ein ganz klein wenig erhellt wurde.
Sie spürte, wie Chris ein wenig näher zu ihr rutschte, seine Wange an ihre
Schulter schmiegte und eine Hand auf ihren Bauch legte.
„Chris?“ flüsterte sie.
Als Antwort erhielt sie jedoch nur tiefe, regelmäßige Atemzüge. Alexandra
schluckte und streichelte sanft über Chris’ Hand. Dass er hatte tatsächlich
einschlafen können, bewies nur, wie erschöpft er gewesen sein musste nach diesem
Tag.
Alexandras eigene Erschöpfung machte sich nun mit aller Macht bemerkbar. Sie
ließ ihre Hand auf der von Chris liegen und schloss die Augen. Sekunden später
war sie ebenfalls eingeschlafen.
***
„Nein! Nicht....Bitte nicht….“
Lautes Schluchzen riss Alexandra aus dem Schlaf. Mit einem Schlag war sie
hellwach und knipste die Nachttischlampe an. Sofort wandte sie sich zu Chris,
der sich unruhig hin- und herwälzte und sich hoffnungslos in der Bettdecke und
den Laken verheddert hatte. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie ihn jetzt besser
nicht packen und wachrütteln sollte, da er sie im ersten Moment sonst für einen
seiner imaginären Peiniger halten würde.
„Chris!“ rief sie. Als dies keine Wirkung zeigte, versuchte sie es noch mal,
diesmal etwas lauter.
Mit einem leisen Aufschrei erwachte Chris und wollte sich aufsetzen. Als ihm das
wegen der ineinander verwickelten Laken und der Bettdecke nicht gelang,
schluchzte er panisch auf.
„Hey, alles okay, du bist in Sicherheit!“ Alexandra versuchte, ihre Stimme
möglichst ruhig klingen zu lassen, auch wenn sie sich alles andere als ruhig
fühlte.
„Niemand kann dir etwas tun…“
Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus und strich ihm über die Wange. Chris Kopf
fuhr herum und er starrte sie keuchend an.
„Oh Gott…Alex….“
„Ich bin ja da“, sagte Alexandra und half ihm, sich aus den verhedderten Laken
zu befreien. Kaum hatte Chris sich aufgesetzt, fiel er ihr schon um den Hals und
klammerte sich an sie.
„Ich hasse diese Träume“, flüsterte er erstickt. „Wieso können sie nicht endlich
aufhören….“
Alexandra erwiderte seine Umarmung, hielt ihn einfach nur fest, wie sie es schon
viele Male zuvor getan hatte.
„Ich weiß es auch nicht“, entgegnete sie hilflos. Gegen diese Träume gab es kein
Wunderheilmittel, sie konnten nur hoffen, dass sie mit der Zeit seltener wurden
und vielleicht, ein großes „vielleicht“, verschwinden würden.
Chris’ Atem wurde ruhiger und er löste sich ein wenig von Alexandra.
„Danke“, sagte er rau. „Entschuldige bitte, dass ich dich aufgeweckt habe….“
Niedergeschlagen wich er ihrem Blick aus.
„Chris….“ Alexandra schüttelte den Kopf.
„Vielleicht sollte ich doch wieder in meinem Zimmer schlafen, dann störe ich
dich wenigstens nicht.“ Chris ließ sie los und wischte sich mit dem Handrücken
über die nassen Wangen.
„Lass den Quatsch“, fauchte Alexandra. „Ich will nicht, dass du damit alleine
bist, hörst du?“
Chris sah sie erschrocken an. „Ich meinte doch nur…“
„Ich weiß, was du gemeint hast“, entgegnete Alexandra, die ihren Ausbruch schon
wieder bereute, etwas sanfter. „Du willst mir nicht zur Last fallen. Aber das
tust du nicht, das habe ich dir doch schon gesagt. Wir schaffen das schon“,
fügte sie eindringlich hinzu.
Es dauerte eine paar Sekunden, bis Chris zögernd nickte. Er schien erleichtert
zu sein, dass sie seinen Vorschlag nicht angenommen hatte. Kein Wunder, mit
solchen Träumen wäre sich auch nicht gern allein geblieben.
„Willst du mit mir darüber reden was du geträumt hast?“
Chris senkte den Kopf und krallte seine Finger in seine Bettdecke, die um seine
Hüften gewickelt war.
„Das Übliche.“ Seine Stimme zitterte leicht. „Von…von diesem ersten Mal in der
Dusche…nur….“ Er schwieg und rieb sich mit der Hand über die Stirn.
„Was nur?“
Diesen Traum kannte Alexandra. Chris hatte ihr zwar nur sehr selten Einblick in
seine quälende Alptraumwelt gewährt, aber von diesem Traum hatte er ihr einmal,
von vielen Schluchzern unterbrochen, erzählt. Er hatte dieses Ereignis bei
seinem „Geständnis“ kurz vor seinem Selbstmordversuch zwar erwähnt, aber es
ausführlich geschildert zu bekommen, war etwas völlig anderes gewesen.
Während Chris danach in einen unruhigen Schlummer gefallen war, war Alexandra
bis zum Morgengrauen wach gelegen, hatte ihn in ihren Armen gehalten und
versucht, ihre wild tobenden Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wenn
dieser Jackson und seine beiden Kumpane in diesem Moment vor ihr gestanden
wären, dann hätte sie diese Schweine für das, was sie einem halben Baby angetan
hatten, mit Wonne langsam und äußerst schmerzhaft umgebracht.
„Diesmal…diesmal war Mr. Sanders dabei und…hat zugesehen…“ würgte Chris
schließlich hervor.
Im ersten Moment wusste Alexandra nicht, was sie darauf sagen sollte. Das, was
am Tag zuvor passiert war, war also der Auslöser für den Alptraum gewesen.
Wenigstens hatte Chris aber nicht geträumt, dass Jack einer seine Vergewaltiger
war.
„Chris…glaubst du wirklich, dass es stimmt, was Jack vorgeworfen wird?“ fragte
sie.
Chris schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Mr. Sanders war immer…er war
eigentlich immer nett zu mir, außer ich hab ihn mal wieder auf die Palme
gebracht, weil ich einen Job verloren hatte. Aber er hat nie etwas versucht….“
Alexandra seufzte. Wenigstens war er nicht mehr hundertprozentig überzeugt von
Jacks Schuld und hegte Zweifel.
„Chris, hör zu. Ich kenne Jack schon jahrelang, er ist eine Seele von Mensch,
der alles für seine Freunde tun würde. Darum bin ich sicher, dass er nichts
Unrechtes getan hat. Dass er dafür hatte sorgen wollen, dass Allingtons
Bewährung aufgehoben wurde, verstärkt diese Sicherheit nur. Und außerdem…waren
denn alle deine Mitgefangenen miese Vergewaltiger?“
Chris sah Alexandra nachdenklich an, während er auf seiner Unterlippe
herumkaute.
„Nein…das waren sie nicht“, gab er schließlich zu. „Es gab nur ein paar Cliquen,
die…die das gemacht haben. Aber wenn die dich im Visier hatten und…. Nur ein
einziges Mal hat gereicht, und du warst Freiwild. Das ist nicht nur mir so
gegangen.“
Sie saßen sich jetzt im Schneidersitz gegenüber. Ein kurzer Blick auf die Uhr
zeigte Alexandra, dass es kurz nach zwei war. Charlie lag auf seinem Teppich und
beobachtete sie mit einem Auge. Er stieß ein unwilliges Schnauben aus, bevor er
auch dieses wieder schloss und sich erneut seinen Hundeträumen hingab.
„Okay…“, sagte Alexandra langsam. „Ich kann verstehen, dass du an Jacks Unschuld
Zweifel hast, aber ich bin froh, dass du für ihn aussagen wirst. „
Chris zupfte an seiner Decke herum. Er hatte sich eigentlich ziemlich schnell
beruhigt nach seinem Alptraum, viel schneller als früher und Alexandra fühlte
die Hoffnung in sich aufsteigen, dass ihn diese Sache doch nicht soweit
zurückgeworfen hatte, wie sie anfangs befürchtet hatte.
„Weißt du…als ich erfahren hab, wieso er verhaftet worden ist…da hab ich mich
gefühlt als würde alles um mich herum einstürzen. Ich war entsetzt, wütend,
voller Hass…. Ich hab gerade erst angefangen, ihm wirklich zu vertrauen und
vielleicht sogar so etwas wie einen Freund in ihm zu sehen. Und dann das….“
Alexandra hatte keine Ahnung, was sie darauf sagen sollte. Chris’ Gefühle waren
nur zu verständlich, von seiner Warte aus betrachtet.
„Heute Nachmittag, als ich draußen war, hab ich über das nachgedacht, was du
gesagt hast. Nachdem ich meine Wut ein wenig abreagiert hatte.“
Alexandra musste unwillkürlich lächeln. Ja, das war deutlich zu hören gewesen.
Chris hatte sich wirklich keine Mühe gegeben, unnötigen Lärm zu vermeiden. Sie
hatte schon fast darauf gewartet, dass einer ihrer Nachbarn ankam und sich
beschwerte.
„Und…da ist mir klar geworden, dass ich Mr. Sanders vielleicht doch zu schnell
verurteilt habe. Vielleicht. Darum hab ich zugestimmt, für ihn auszusagen.
Immerhin hab ich es ihm zu verdanken, dass ich jetzt hier bin. Er hat mir etwas
sehr Wertvolles geschenkt….“ Chris sah Alexandra ernst an. „Doktor Winslow hat
recht gehabt, als sie mal gesagt hat, dass ich nicht ewig so hätte weitermachen
können. Irgendwann wäre ich durchgedreht und…hätte einfach Schluss gemacht, weil
ich das alles nicht mehr ertragen hätte.“
Alexandra lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter, als sie das hörte. In
Chris’ Augen konnte sie die Bestätigung lesen, dass er jedes seiner Worte so
meinte, wie er es gesagt hatte. Die Vorstellung, was mit ihm passiert wäre, wenn
Jack nicht auf die Idee gekommen wäre, ihn zu ihr zu schicken, wenn er nicht so
hartnäckig geblieben wäre und wenn sie selbst nicht ihre Meinung schließlich
geändert hätte, raubte Alexandra fast den Verstand. Vielleicht hätte er dann
eines Tages versucht, sich in irgendeinem schmuddeligen Motelzimmer das Leben zu
nehmen und niemand wäre gekommen und hätte ihn gerade noch rechtzeitig
gefunden….
„Chris, bitte sag so etwas nicht“, sagte sie mit zittriger Stimme. „Ich will gar
nicht daran denken….“
Sie konnte nicht weiter sprechen und warf stattdessen ihre Arme um Chris und
drückte ihn fest an sich, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Nein, ein Leben
ohne ihn konnte und wollte sie sich nicht mehr vorstellen.
Chris erwiderte ihre Umarmung.
„Ich auch nicht“, flüsterte er, das Gesicht in ihren Haaren vergraben. „Ich kann
dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass ich hier bei dir bin. Manchmal
hab ich nur solche Angst, dass dir das alles zuviel wird. Ich weiß, dass ich oft
nicht einfach bin….“
Alexandra musste trotz ihrer Tränen lachen. „Und wer hat gesagt, dass es einfach
ist mit mir zu leben?“ Sie lockerte ihren Griff ein wenig und lehnte sich zurück
um Chris ins Gesicht zu sehen.
„Es wird mir nie zuviel werden, mich um dich zu kümmern und für dich da zu sein,
wenn du mich brauchst“, versprach sie.
Alexandra meinte, was sie sagte. Jahrelang hatte sie davor zurückgescheut, sich
wieder mit einem Mann einzulassen, aus Angst, erneut verletzt zu werden. Sie
hatte ihren Abneigung gegen den männlichen Teil der Bevölkerung gepflegt und
kultiviert wie eine empfindliche tropische Zimmerpflanze.
Und nun hatte sie jemanden gefunden, der sie um ihrer selbst willen liebte und
sie brauchte und nicht, weil er eine schnelle, unverbindliche Bettgeschichte
suchte oder weil sie Verbindungen zu L.A.’ s High Society hatte, die sie zwar
nicht pflegte, die aber dennoch vorhanden waren. Es hatte eine Menge Leute im
Umfeld ihrer Familie gegeben, die ihre Eltern insgeheim dafür verurteilt hatten,
dass sie Alexandra nur wegen ihrer Berufswahl und ihrem Wunsch nach
Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von ihrer Familie hatten fallenlassen.
Sie hatte ihren Topf mit dem Goldschatz am Ende des Regenbogens gefunden, etwas
verdellt und verbeult, aber so unendlich viel kostbarer als alle anderen Schätze
der Welt.
So empfand Alexandra Chris und ihre Liebe zu ihm. Er hatte Erfahrungen hinter
sich, die einen schwächeren Menschen schon längst zerstört hätten, er würde
diese Erfahrungen sein Leben lang mit sich herumtragen, sie würden seine
Beziehung zu ihr und die zu anderen Menschen immer beeinflussen – aber Alexandra
würde ihn um nichts in der Welt mehr hergeben wollen.
„Alex?“ Chris’ Stimme unterbrach ihre Gedankengänge.
„Was?“
„Es tut mir leid, dass ich heut so eklig zu dir war.“
Alexandra seufzte. „Das ist schon okay. Ich hätte an deiner Stelle
wahrscheinlich noch viel schlimmer reagiert.“
Sie gähnte. Die paar Stunden Schlaf hatten so gut wie nichts geholfen die
bleierne Müdigkeit aus ihrem Köper zu vertreiben.
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt versuchen, noch ein wenig zu schlafen?“
fragte sie. „Oder…möchtest du noch reden?“
Chris schüttelte den Kopf. „Nein…ich denke nicht…“, sagte er leise. „Ich bin
todmüde.“
„Ich auch“, entgegnete Alexandra und klopfte ihr Kissen zurecht, bevor sie sich
hinlegte.
Dann sah sie zu Chris hoch, der noch keine Anstalten machte, ihrem Beispiel zu
folgen. Sie hob ihre Bettdecke ein Stück an.
„Komm her“, forderte sie ihn auf.
Chris sah einen Moment lang so aus, als wollte er widersprechen, doch dann schob
er seine eigene Decke zur Seite und schlüpfte mit unter ihre. Er schmiegte sich
eng an Alexandra.
„Danke“, flüsterte er.
„Keine Ursache.“
Alexandra streckte ihre Hand aus und knipste die Nachttischlampe aus. Sie lag
auf dem Rücken und Chris’ Kopf ruhte an ihrer Schulter, während er seine Hand
mit der ihren auf der Bettdecke unterhalb ihrer Brust verschränkt war. Eine
Zeitlang waren nur ihrer beider Atemzüge zu hören, gelegentlich untermalt von
einem Schnaufen aus Charlie’s Richtung.
Obwohl Alexandra den Schlaf herbeisehnte, er wollte einfach nicht kommen. Zuviel
schwirrte ihr im Kopf herum. Chris schien es nicht anders zu gehen.
„Alex?“ vernahm sie seine Stimme nach einer Weile. „Schläfst du schon?“
„Nein“, brummte sie.
„Was glaubst du wie’s jetzt weitergehen wird?“
„Keine Ahnung. Vielleicht kommt Jack bis zur Verhandlung gegen Kaution frei.“
„Wann wird die Verhandlung wohl sein?“
„Wird eine Weile dauern, schätze ich.“
Alexandra drückte Chris’ Hand. Sie konnte sich denken, was ihn beschäftigte. Er
hatte Angst davor, vor Gericht aussagen zu müssen, vor all den Fragen, die man
ihm unweigerlich stellen würde und die böse Erinnerungen wachrufen würden.
Sie hörte ihn leise seufzen.
„Wenn das alles doch bloß schon vorbei wäre….“
Am Vormittag des
nächsten Tages half Chris Alexandra in ihrer Praxis. Es war ungewöhnlich viel
los, angefangen von einem Hund mit einer vereiterten Pfote über eine Katze mit
entzündeten Ohren bis zu einem Meerschweinchen mit einem gebrochenen Bein. Chris
nahm die neuen Patienten auf und bereitete die Karteikarten der Stammpatienten
vor, er übernahm die ganze Hintergrundarbeit, so dass Alexandra sich nur noch um
die Behandlung selbst kümmern musste.
Es verblüffte die junge Tierärztin immer wieder, wie schnell er begriffen hatte,
worauf es ankam. Während sie nervös wurde, wenn vier Patienten warteten und
einer auf ihrem Behandlungstisch saß, blieb Chris die Ruhe selbst.
Aber so war es mit allem was er tat. Er konzentrierte sich auf die ihm gestellte
Aufgabe und schien alles andere zu vergessen. Und genau das musste der Grund
sein warum er sich immer mit Feuereifer in eine Arbeit stürzte. Um wenigstens
für kurze Zeit seine Probleme und seine Vergangenheit vergessen zu können.
Manche Menschen wären in so einer Situation gar nicht mehr in der Lage, sich zu
irgendetwas aufzuraffen, würden sich gehen lassen oder vielleicht dem Alkohol
oder Drogen verfallen, aber für Chris war es vermutlich ein Weg, um sein Leben
zu meistern.
Eigentlich hatte Alexandra das jetzt erst begriffen, nach der Sache mit Jack.
Chris hatte einfach etwas tun müssen, irgendetwas, um sich abzulenken und um
seine Gedanken zu ordnen. Ihr war auch klar geworden, dass sie einen Fehler
gemacht hatte und ihm nicht geholfen hatte, als sie ihn anfangs, nach seinem
Selbstmordversuch, verhätschelt hatte.
Die Fähigkeit, komplett in eine Aufgabe zu versinken und alles andere um sich
herum zu vergessen, hatte Chris wohl so lange durchhalten lassen. Früher oder
später wäre ein Zusammenbruch zwar unvermeidlich gewesen, wie Chris selbst
zugegeben hatte, aber ohne diese Fähigkeit hätte er es wohl nicht soweit
geschafft.
Heute Abend hatte er wieder einen Termin bei Dr. Winslow, zu dem Alexandra ihn
bringen würde. Während Chris bei der Psychologin war, wollte sie zu Ian fahren
und sich erkundigen, ob sich etwas Neues in Jacks Fall ergeben hatte.
Schließlich war der letzte Patient verarztet und hinauskomplimentiert. Geschafft
fuhr sich Alexandra mit der Hand über die Stirn. In dem Moment kam Chris ins
Behandlungszimmer.
„Was ist los?“ fragte er besorgt.
Er bot einen ungewohnten Anblick in einem von Alexandras weiteren, weißen
T-Shirts, das er sich schnell geholt und übergezogen hatte, als sich die Praxis
gleich morgens zu füllen begonnen und Alexandra ihn gebeten hatte, hier zu
bleiben und zu helfen, anstatt sich weiter um das Garagendach zu kümmern.
„Nichts. War nur ein wenig stressig“, lächelte sie müde.
„Wieso gehst du nicht schon rüber in die Küche und ich mach hier fertig“, bot
Chris ihr an.
Entgegen ihrer üblichen Art nickte Alexandra dankbar. Normalerweise hätte sie
protestiert, doch heute fühlte sie sich wirklich kaputt. Chris hatte ihr schon
oft genug geholfen, die Instrumente zu reinigen und in den Sterilisator zu
geben, also würde er es auch alleine schaffen.
„Zieh dir Latexhandschuhe an“, rief sie über die Schulter, als sie ihren weißen
Mantel auszog und aufhängte.
„Ja, Mama“, gab Chris zurück und grinste sie an.
Alexandra schüttelte den Kopf. Sie hatte mittlerweile ihre Empfindlichkeit
bezüglich des Altersunterschiedes zwischen ihnen beiden komplett abgelegt. Was
waren schon sechs Jahre? Wenn sie erst einmal in den Vierzigern waren, dann
würde das niemanden mehr interessieren.
Außerdem war sie froh, dass Chris nach dem Schock von Gestern seinen Humor und
sein inneres Gleichgewicht wieder gefunden zu haben schien.
Sie ging hinüber in die Küche, wo sie von Charlie enthusiastisch begrüßt wurde,
der sich mal wieder entschieden gelangweilt haben musste, da er es geschafft
hatte, zwei der unteren Küchenschubladen, wo sie alte Tücher und Lappen
aufbewahrte, zu öffnen und den Inhalt in der ganzen Küche zu verstreuen.
„Ach Charlie…“ Alexandra stemmte die Hände in die Hüften und sah sich missmutig
um. „Du bist ein Ungeheuer!“
Das sandfarbene Monster bellte als wollte es widersprechen. Als Alexandra sich
bückte, um eines der Tücher, das vor ihren Füßen lag, aufzuheben, schnappte
Charlie sich das andere Ende und gleich darauf war sie in ein munteres Tauziehen
mit ihrem Hund verwickelt.
Charlie japste und knurrte, Alexandra schimpfte und kicherte gleichzeitig, und
in diese Szene platzte kurz darauf Chris, der den Lärm gehört haben musste und
gekommen war, um nachzusehen, was los war.
Mit einem ungläubigen Blick betrachtete er die beiden Kampfhähne und das sie
umgebende Chaos aus bunten Tüchern und fing an zu lachen.
„Lach nicht“, beschwerte sich Alexandra, obwohl sie selbst sich in dieser
Hinsicht nicht beherrschen konnte. „Hilf mir lieber!“
Mit viel Gekicher und dem tragischen Opfer eines alten Küchenhandtuches gelang
es ihnen schließlich gemeinsam, Charlie wieder zur Raison zu bringen.
Keuchend, in Charlies Fall hechelnd, saßen sie sich auf dem Küchenfußboden
gegenüber.
Alexandra und Chris sahen erst Charlie an, der ein triumphierendes Hundegrinsen
aufgesetzt hatte, dann warfen sie sich gegenseitig einen Blick zu.
Alexandra konnte nicht anderes, sie prustete abermals los. Damit steckte sie
auch Chris an, der sich auf den Rücken fallen lies und haltlos kicherte.
„Der Hund macht mich noch verrückt“, stöhnte sie, als sie sich wieder etwas
beruhigt hatte, und hielt sich die vom vielen Lachen schmerzenden Seiten.
„Deine Erziehung“, entgegnete Chris, während er sich auf die Ellbogen stützte
und atemlos nach Luft schnappte.
Alexandra packte das Tuch, beziehungsweise einen kläglichen Rest davon, knüllte
es zusammen und warf es nach Chris, der es aufjuchzend fing.
„Blödmann“, schnaubte sie gespielt empört.
„Ich sag nur die Wahrheit“, verteidigte sich Chris und wischte sich die
Lachtränen aus den Augen.
Alexandra wurde ernst. „Das hat gut getan“, stellte sie fest.
Chris holte tief Atem. „Ja…Sowas hab ich, glaub ich, nach Gestern gebraucht…“
Er rappelte sich hoch und streckte Alexandra dann eine Hand hin, um ihr
aufzuhelfen. Als sie sich gegenüberstanden, beugte sich Alexandra vor und
hauchte ihm einen schnellen Kuss auf den Mund.
„Ich auch“, gestand sie. Dann sah sie sich um.
„Na, dann wollen wir diesen Saustall mal wieder aufräumen. Vielleicht sollte ich
über hundesichere Schlösser an den Schränken nachdenken….“
***
Eine halbe Stunde später war die Küche wieder in einem präsentablen Zustand und
Alexandra hatte für sich und Chris einen kleinen Imbiss vorbereitet, der aus ein
paar Sandwiches und einem Obstsalat als Nachspeise bestand. Gegen Obst hatte
Chris zu ihrer Erleichterung keine Einwände, sonder aß es sogar recht gern. Bei
Kiwis vergaß er sogar seine Allergie gegen grüne Farbe.
Beide nippten gerade an ihrem Kaffee, als es an der Tür klingelte. Alexandra
stellte ihre Tasse hin und stand auf.
„Ich geh schon“, sagte sie und rieb Chris im Vorbeigehen aufmunternd die
Schulter. Möglicherweise war es Ian mit Neuigkeiten über Jack.
Doch da hatte Alexandra sich getäuscht. Nachdem sie die Tür geöffnet hatte sah
sie sich Mary Jo gegenüber, die mit Jamie auf dem Arm auf ihrer Veranda stand
und aufgeregt mit einer Zeitung wedelte.
„Hast du die Zeitung heute schon gelesen?“ sprudelte sie statt einer Begrüßung
aufgeregt hervor. „Jack wurde wegen versuchter sexueller Nötigung verhaftet. Es
ist in dem Artikel zwar nur von einem Jack S. die Rede, aber wie viele Jack S.
gibt es die dreißig sind, homosexuell sind und als Bewährungshelfer in San
Francisco arbeiten? Außerdem ist auch ein Bild drin, ziemlich schlecht zwar und
ein schwarzer Balken über den Augen, aber wenn man weiß, wen es darstellen soll,
dann erkennt man ihn sofort. Glaubst du, er hat das wirklich getan?“
Alexandra stand mit offenem Mund in der Tür. Mary Jos Wortschwall hatte sie
regelrecht überrollt und sie brauchte ein paar Sekunden, um den Sinn dessen, was
ihre Freundin ohne einmal Luft zu holen da von sich gegeben hatte, zu erfassen
und zu verarbeiten. Ihr Gesichtsausdruck konnte bei diesem Vorgang nicht sehr
intelligent gewesen sein, denn Mary Jo musterte sie besorgt.
„Alex, geht’s dir nicht gut? Tut mir leid, dass ich dich damit so überfallen
habe, aber ich weiß, dass du keine Zeitung hast und wollte dir das sagen, schon
wegen Chris….“
Alexandra schüttelte den Kopf, um die Benommenheit, die Mary Jos Wortkanonade
ausgelöst hatte, zu vertreiben.
„Danke“, entgegnete sie. „Komm erst mal rein.“ Sie trat zur Seite, um ihre
Freundin eintreten zu lassen.
„Tsarlie!“ juchzte Jamie begeistert, als er seinen vierbeinigen Freund erblickte
und strampelte in den Armen seiner Mutter, um heruntergelassen zu werden. Als
diese ihn abgesetzt hatte, stürzte er sich gleich auf den Hund, der noch einen
Kopf größer war als er und schlang ihm die Ärmchen um den Hals. Charlie ließ
sich alles ohne mit der Wimper zu zucken gefallen, eines musste man ihm lassen,
mit Kindern hatte er wirklich sehr viel Geduld. Wenn es ihm wirklich zu dumm
wurde, dann ging er einfach.
„Ich hab’s schon gehört“, informierte Alexandra ihre Freundin über ihren
aktuellen Wissenstand. „Und nein, ich glaube nicht, dass Jack das getan hat, was
man ihm vorwirft.“
„Und woher willst du das wissen?“ fragte Mary Jo zweifelnd. „Ich meine, ich wäre
froh, wenn es so wäre, aber…“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du kannst in einen
Menschen nicht hineinschauen.“
„Ich kenne Jack“, erklärte Alexandra. „Und außerdem…Gehen wir in die Küche, dann
erzähl ich dir alles. Willst du eine Tasse Kaffee?“
Alexandra ging voraus, während Mary Jo versuchte, ihren widerspenstigen
Sprössling von Charlie abzuklauben. Was ihr schließlich auch gelang, allerdings
unter lautem Protestgeschrei von Jamies Seite. Er ließ sich erst von seiner
Mutter in die Küche führen, als er sah, dass Charlie Alexandra gefolgt war.
Chris stand auf, als Mary Jo die Küche betrat und vergrub die Hände in den
hinteren Taschen seiner Jeans.
„Hallo“, sagte er.
Alexandra hatte das Gefühl, dass er sich nicht so ganz wohl in seiner Haut
fühlte und befürchtete, dass Mary Jo gleich anfangen würde, ihn zu bemitleiden.
Womit er nicht so ganz unrecht hatte….
„Hallo Chris“, legte ihre Freundin auch gleich los. „Du meine Güte, das muss ja
schrecklich für dich sein. Ausgerechnet Jack….“
Mary Jo schien jegliche Unsicherheit Chris gegenüber vergessen zu haben, sie war
jetzt voll in ihrem Element.
„Wie habt ihr den eigentlich davon erfahren? Hast du nicht normalerweise
dienstags immer deinen Termin bei ihm? Hast du es da gehört?“
Alexandra fing Chris’ hilfeflehenden Blick auf und beschloss, Mary Jos
Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit auf sich zu lenken. Ihre Freundin konnte
einen Menschen mit ihrer Fragerei regelrecht erschlagen.
„Ja, hat er, aber nur, dass Jack verhaftet wurde und warum. Von Ian und Jacks
Anwältin haben wir dann noch etwas mehr erfahren. Jetzt setz dich erstmal,
erzähl mir, was in der Zeitung steht und dann sag ich dir, was wir wissen.“
Mary Jo legte die mitgebrachte Zeitung auf den Tisch und setzte sich auf den
angebotenen Stuhl. Jamie hatte inzwischen das Interesse an Charlie verloren und
fand das Sandwich, das noch vom Mittagessen übrig war, faszinierender.
„Hab Hunger“, piepste er und steuerte auf Chris zu, der sich ebenfalls wieder
hingesetzt hatte. Vor ihm angekommen, hob er die Arme.
„Wauf“, verkündete er, das „R“ schien ihm bei bestimmten Worten noch immer
leichte Probleme zu bereiten.
Mary Jo hob die Augenbrauen. „Du kannst dich geehrt fühlen, inzwischen kennt er
dich anscheinend gut genug, um dich zu seinen Freunden zu zählen.“
Chris starrte den kleinen Jungen, der ihm normalerweise nie viel Aufmerksamkeit
gezollt hatte, überrascht an.
„Er will, dass ich ihn auf den Schoß nehme?“ vergewisserte er unsicher bei Mary
Jo.
Diese nickte aufmunternd. „Ja. Nun nimm ihn schon hoch, sonst fängt er an zu
brüllen. Das tut er zur Zeit immer, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht.“
Alexandra beobachtete mit einem Schmunzeln, wie Chris hastig Mary Jos
Aufforderung nachkam. Die Vorstellung von Jamies Geschrei in seiner
unmittelbaren Nähe schien ihm nicht sonderlich zu behagen.
Vorsichtig setzte Chris Jamie auf seinen Schoß und hielt den Jungen fest,
während dieser es sich bequem machte. Als endlich alles zu seiner Zufriedenheit
war, zeigte Jamie mit dem Finger auf das Sandwich, dass noch auf dem Teller in
der Mitte des Tisches lag.
„Mag ich!“
„Wie sagt man?“ ermahnte Mary Jo ihn streng.
Der Junge warf seiner Mutter einen finsteren Blick zu.
„Bitte sön“, schmollte er schließlich.
Mary Jo beugte sich vor und zerteilte das Sandwich in kleine, handliche Stücke,
bevor sie den Teller in Jamies Reichweite schob. Hungrig fiel der Junge darüber
her.
Alexandra stellte eine Tasse Kaffee vor seine Mutter auf den Tisch und musste
ein Lachen unterdrücken über das Bild, das Chris und der kleine Junge zusammen
boten. Jamie verspeiste voller Begeisterung das Sandwich, verkrümelte sich und
den Tisch, und Chris sah aus, als hätte er eine lebende Zeitbombe auf dem Schoß.
Er hatte wohl noch nie viel Umgang mit kleinen Kindern gehabt…. Unwillkürlich
schoss Alexandra die Frage durch den Kopf, ob Chris wohl ein guter Vater wäre.
Vermutlich schon, er hatte normalerweise eine Geduld wie ein Esel und hatte es
sogar geschafft, dass Charlie ihm besser gehorchte als ihr, seinem Frauchen.
Dann fragte sie sich, ob sie heute vielleicht aus Versehen irgendeine
berauschende Substanz eingeatmet hatte. Sie hatte sich noch nie über Kinder
Gedanken gemacht, eigentlich war das Thema für sie erledigt gewesen. Einerseits
aus Mangel an dem geeigneten Samenspender und Versorger, andererseits konnte sie
sich nicht vorstellen, dass sie eine gute Mutter wäre. Dazu liebte sie ihre
Unabhängigkeit zu sehr.
„Alex? Hörst du mir eigentlich zu?“
„Was?“ Erschrocken sah Alexandra ihre Freundin an. „Hast du mit mir geredet?“
Mary Jo runzelte die Stirn „Natürlich. Ich erzähl dir gerade, was in der Zeitung
stand. Von diesem Jungen, der Jack angezeigt hat. Er hat ausgesagt, dass…“
„Das gibt’s doch gar nicht!“
Beide Frauen wandten sich Chris zu, der die Zeitung zu sich herangezogen hatte,
und den Artikel auf der dritten Seite, der sich eingehender mit Jacks Verhaftung
beschäftigte, aufmerksam studierte.
„Was ist los?“ erkundigte sich Alexandra erstaunt.
„Den Typ kenn ich!“ rief Chris und deutete auf ein Foto, das, etwas unscharf,
einen jungen Blondschopf zeigte, der gerade mit einem älteren, grauhaarigen Mann
redete.
Das Bild musste auf irgendeiner Party geschossen worden sein, die beiden Männer
trugen Anzüge und im Hintergrund waren drei Frauen in Cocktailkleidern und mit
Sektgläsern in der Hand zu sehen.
„Das ist Stephen Allington“, erklärte Mary Jo. „Der Andere ist sein Vater. Steht
unter dem Bild. Welchen von beiden kennst du denn?“
„Für den Vater hab ich `ne Zeitlang gearbeitet, er hat auch eine Baufirma. Den
Alten hab ich nie gesehen, aber der junge Allington war ein paar Mal auf der
Baustelle….“
„Tatsächlich? Und? Was machte er für einen Eindruck?“ erkundigte sich Alexandra
aufgeregt.
„Reicher, verzogener College-Bengel.“ Chris schnitt eine verächtliche Grimasse.
„Er kam immer mit so `nem gelben Ferrari vorgefahren. Musste angeblich im
Auftrag von seinem Daddy nach dem Rechten sehen. In Wirklichkeit war er nur
scharf auf die Tochter von `nem Arbeiter, die mit ihrem Dad in einem Wohnwagen
in der Nähe der Baustelle lebte.“
„Weißt du sonst noch was über ihn?“
Chris nickte ernst. „Ja….In der letzten Woche, in der ich dort gearbeitet hab,
gab’s Riesenstunk. Das Mädchen, mit dem er rumgemacht hat, war schwanger von ihm
gewesen. Da hat er sie anscheinend gezwungen, abtreiben zu lassen. Aber anstatt
ihr einen richtigen Arzt zu bezahlen hat er sie zu irgendeinem Pfuscher
geschickt. Wenn ihr Dad damals nicht früher heimgegangen wäre, weil es ihm an
dem Tag total mies ging, dann wäre die Kleine draufgegangen.“
„Und dann?“
„Dann war erst Mal der Teufel los. Lowell, der Vater, brüllte auf der ganzen
Baustelle herum, dass er den Bastard umbringen würde, der seiner Tochter das
angetan hatte. Er hat schnell spitzgekriegt, wer der Vater von dem Baby gewesen
sein musste. Er wollte Allington Junior anzeigen, weil der ja schon neunzehn,
aber seine Tochter erst fünfzehn war.“
„Und? Hat er’s getan?“ fragte Mary Jo gespannt.
„Nö. Zwei Tage später war Lowell samt Wohnwagen verschwunden und die anderen
Arbeiter haben gemunkelt, das Lowell überraschend zu Geld gekommen sei….“
„Ah, ja. Da war wohl Daddy’s helfende Hand im Spiel“, bemerkte Alexandra
zynisch. „Schönes Früchtchen. Und so was soll mit so einer Anzeige durchkommen.
Der Kerl ist ja mehr als unglaubwürdig.“
Chris entwand Jamie, der fertig mit seinem Sandwich war und sein Interesse nun
wieder auf andere Dinge richten konnte, die Zeitung.
„Hey, lass das“, sagte er sanft. „Deine Mama braucht das noch.“
Damit schob er die Zeitung den zwei Frauen zu, die ihm gegenübersaßen und ihn
und Jamie amüsiert beobachteten.
Jamie drehte sich auf Chris’ Schoß um und sah ihn überrascht an.
„Mama bwaucht das noch?“ erkundigte er sich.
„Mhm. Da steht was Wichtiges drin.“
„Was ist wichtig?“
„Eine Geschichte von einem bösen Mann“, erklärte Chris geduldig.
„Hat der böse Mann temacht?“
„Er hat gelogen und einem anderen Mann damit ganz schön weh getan.“
Jamie schwieg und drehte sich wieder zum Tisch mit der Zeitung um, die er
nachdenklich betrachtete. Alexandra hätte trotz allem am liebsten losgelacht,
als sie den ernsten Ausdruck und das Stirnrunzeln auf dem pausbäckigen
Kindergesicht sah.
Ein erleichtertes Aufseufzen konnte sie sich jedoch nicht verkneifen. Chris
hatte gesagt, der böse Mann in der Zeitung hätte gelogen. Hieß das, er glaubte
nun auch definitiv an Jacks Unschuld?
„Muss der böse Mann jetzt auf dem Sofa slafen?“ tönte Jamies Stimmchen, gerade
als Alexandra Chris danach fragen wollte, ob er seine Meinung wirklich vom
Zweifeln in Überzeugung geändert hatte.
Mary Jo stand hastig auf.
„Ähm, mir fällt gerade ein, wir müssen Susan ja noch abholen.“
Sie ging um den Tisch herum, um Chris von ihrem missratenen Sprössling zu
befreien. Es gab eine kurze Rangelei und empörtes Protestgebrüll, doch dann
hielt sie ihren Sohn auf dem Arm. Jamie schrie Zeter und Mordio, weil er seinen
neuen Freund und interessanten Gesprächspartner noch nicht so schnell wieder
verlassen wollte. Alexandra konnte sehen, wie Chris zusammenzuckte, es war
wirklich erstaunlich, was für einen Lärm so ein kleiner Zwerg produzieren
konnte.
Mary Jo schien dagegen völlig immun zu sein.
„Ich lass euch die Zeitung da. Vielleicht können wir heute Abend noch Mal
telefonieren“ sagte sie zu Alexandra. Dann verabschiedete sie sich eilig.
Alexandra sah ihrer Freundin kopfschüttelnd hinterher. Als mit dem Schließen der
Haustür auch wieder Ruhe eingekehrt war, wandte sie sich Chris zu, der leicht
belämmert dreinschaute.
„Mann, wieso werden die denn nicht mit einem Lautstärkeregler geliefert oder `nem
Schalldämpfer“, stöhnte er und bohrte mit dem Zeigefinger in einem Ohr herum.
„Da kriegt man ja einen Gehörschaden, wenn so einer neben dir loslegt.“
„Du hast dich aber vorhin ganz tapfer geschlagen“, entgegnete Alexandra. „Ich
dachte schon, jetzt schreit er los, als du ihm die Zeitung weggenommen hast.“
Chris sah sie verwundert an.
„Ich hab nur vernünftig mit ihm geredet“, erwiderte er. „Wieso hätte er das
nicht verstehen sollen?“
Alexandra öffnete den Mund und schloss ihn dann aber wieder, da ihr darauf keine
Antwort einfiel. Wieder eine dieser Chris-Fragen, die eigentlich nicht
beantwortbar waren. Zumindest nicht von ihr. Mary Jo hätte da vielleicht einiges
dazu zu sagen gehabt.
„Was war eigentlich mit Mary Jo los? Vorhin sah es so aus, als hätte sie alle
Zeit der Welt und würde erst wieder gehen, wenn sie alles erfahren hatte und
dann rennt sie plötzlich auf und davon. Meinst du, sie hat wirklich vergessen,
dass sie Susan abholen muss?“ fragte Chris neugierig.
Alexandra grinste. Die Frage konnte sie beantworten.
„Was glaubst du wohl, wie Jamie auf die Strafe mit dem auf-dem-Sofa-schlafen
gekommen ist?“
Chris sah sie erst verständnislos an, doch dann wechselte sein Gesichtsausdruck
von Verwirrung zu Unglauben.
„Du meinst, Mike muss auf dem Sofa schlafen, wenn Mary Jo sauer auf ihn ist?“
Alexandra nickte. „Und darum hat sie die Flucht ergriffen, bevor Jamie noch mehr
pikante Details aus dem Andersonschen Familienleben preisgeben konnte…“
Chris schüttelte leicht den Kopf. „Na toll“, brummte er. „Das heißt, wenn du
Kids hast, musst du immer in Sorge sein, was sie bei Fremden über dich
rumerzählen, wenn du nicht dabei bist.“
„Tja, Elternschicksal“, Alexandra zuckte mit den Schultern. Dann wechselte sie
jedoch das Thema. „Hast du das vorhin eigentlich ernst gemeint, als du gesagt
hast, dieser Allington hätte gelogen?“
Chris stützte die Ellbogen auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen durch
die Haare. Er holte tief Luft, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
„Ja“, sagte er schlicht. „Ich hab den Scheißkerl mal live gesehen, er hat `ne
Statur wie ein Football-Spieler. Mr. Sanders wäre lebensmüde gewesen, wenn er
den hätte zu was zwingen wollen…“
„Ist das alles? Was ist mit Jack? Denkst du immer noch, er wäre überhaupt zu so
etwas in der Lage?“
Chris schwieg lange Zeit.
„Nein“, sagte er schließlich leise. „Zumindest wünsche ich mir, dass es so ist.“
Er sah Alexandra an. „Ich will, dass sich so schnell wie möglich alles aufklärt,
dass Mr. Sanders freikommt und dass ich meinen Bewährungshelfer zurückbekomme.
Die teilen mir jetzt bestimmt einen Anderen zu. Das können auch ganz schön miese
Typen sein, die einem das Leben mit Absicht schwer machen.“
Nachdenklich nippte Alexandra an ihrem Kaffee.
„Ich glaub nicht, dass du dir da große Sorgen machen musst. Es ist doch alles in
Ordnung. Du gehst einer geregelten Arbeit nach, hast die Stelle jetzt schon seit
Monaten, nimmst regelmäßig und pünktlich deine Besprechungstermine wahr…. Was
will jemand mehr von dir verlangen?“
Gegen Abend an
diesem Tag fuhr Alexandra Chris zu Doktor Winslow. Während Chris bei der
Psychologin war, wollte sie kurz bei Ian vorbeischauen, um zu erfahren, was es
Neues gab und ihm berichten, was Chris ihr über Stephen Allington erzählt hatte.
Alexandra sah während der Fahrt immer wieder kurz zu Chris hinüber, der
schweigend aus dem Fenster der Beifahrertür starrte. Es war nicht ungewöhnlich,
dass er auf dem Weg zu Doktor Winslow so still war. Alexandra hatte fast das
Gefühl, er würde seine Kräfte immer für das schonen, was vor ihm lag.
Sie hatten fast das Haus erreicht, in dem sich die Praxisräume befanden, als
Alexandra das Schweigen nicht mehr aushielt.
„Wirst du mit Doktor Winslow über die Sache mit Jack reden?“ fragte sie.
Chris wandte den Kopf und sah sie an.
„Ja, ich glaub schon“, seufzte er. „Ich bin…ich bin noch immer nicht ganz drüber
weg…“
Alexandra stoppte den Wagen vor dem Haus und legte Chris eine Hand aufs Knie.
„Hey, das wird schon wieder“, sagte sie sanft. „Du lässt dich davon doch nicht
aus der Bahn werfen, oder?“ versuchte sie ihn zu ermutigen.
Chris schüttelte den Kopf. „Nein…“, entgegnete er leise. „Ich muss rein, wir
sind sowieso schon fast zu spät“, sagte er dann.
Alexandra beugte sie zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Halt die Ohren steif“, scherzte sie mit einem schiefen Lächeln.
Chris öffnete die Autotür und lächelte halbherzig zurück.
„Mach ich, keine Bange.“
Alexandra sah ihm nach, wie er zum Eingang ging und sich dort noch einmal zu ihr
umdrehte und winkte. Sie winkte ebenfalls und wartete, bis er im Haus
verschwunden war, bevor sie den Wagen startete und losfuhr.
Chris kriegt das schon wieder auf die Reihe, sprach sie sich selbst Mut zu. Er
war in so kurzer Zeit so weit gekommen, er würde auch diese Sache und den ganzen
Rattenschwanz, den sie nach sich zog, überstehen.
Knapp zehn Minuten später fuhr Alexandra in den Hof von Ians Werkstatt. Er war
verlassen und es sah so aus, als hätten die Mechaniker schon Feierabend gemacht.
Als sie jedoch ausstieg und Charlie vom Rücksitz holte, kam ein etwas jüngerer
Mann in einem blauen Arbeitsanzug auf sie zu. An dem kahl geschorenen Schädel
und den vielen Piercings in einem Ohr erkannte Alexandra den Schlagzeuger von
Ians Band.
„’N schönen Abend, Miss“, grüßte er sie freundlich. „Sorry, wir haben heute
schon geschlossen. Wollen Sie das Auto wieder in Schuss bringen lassen?“ Er
musterte ihren guten, alten Pick-up kritisch. „Hat zwar noch nicht ganz das
Alter von unseren üblichen Aufträgen, aber der Boss macht sicher gern `ne
Ausnahme für Sie. Netter Hund übrigens“, fügte er hinzu und tätschelte Charlie,
der ihn neugierig beschnüffelte, den Kopf.
Jetzt erst fiel Alexandra auf, dass sich in dem Hof nur Wagen schon etwas
betagteren Alters befanden. Eine wunderschöne alte Corvette mit diesen
geschwungenen Kotflügeln und ein Jaguar E-Type standen unter einer Überdachung.
Sie interessierte sich zwar nicht sonderlich für Autos, aber die etwas älteren
Modelle hatten es ihr schon manchmal angetan. Jack hatte ihr gar nicht erzählt,
dass Ian Fahrzeuge nicht nur reparierte, sondern hauptsächlich restaurierte.
„Danke“, entgegnete Alexandra.“ Aber ich bin wegen etwas anderem gekommen. Ist
Ian zu Hause?“
Jack hatte ihr einmal erzählt, dass die Autowerkstatt, in der Ian arbeitete,
seinem Onkel gehörte, der sich aber aus dem Geschäft zurückgezogen und die
Leitung seinem Neffen überlassen hatte. Ian lebte in der Wohnung über der
Werkstatt.
Der Kahlköpfige zögerte. „Er ist oben…. Aber ich weiß nicht, ob er in Stimmung
für Besuche ist…. Er hat gerade eine Menge um die Ohren.“
„Ich bin Alexandra Hastings, eine Freundin von Jack Sanders“, stellte sich
Alexandra nun vor. „Ich hab ein paar Neuigkeiten für Ian, die Jack betreffen.“
Das Gesicht ihres Gegenübers erhellte sich sichtlich.
„Sie sind also Alex? Das ändert die Sache natürlich. Kommen Sie mit, ich bring
Sie rauf“, forderte er sie auf. „Ich bin übrigens Francis. Ian und ich sind
schon eine ganze Weile befreundet.“
Alexandra folgte Francis durch die Werkstatt, in der noch weitere Autos in mehr
oder weniger zerlegtem Zustand standen, zu einem breiten Lastenaufzug, dessen
Eingang durch ein Faltgitter versperrt war.
Nachdem Francis auf einen Knopf gedrückt hatte und man hörte, dass sich der
Aufzug vom oberen Stockwerk nach unten in Bewegung setzte, drehte er sich zu
Alexandra um.
„Ian ist ganz schön durch den Wind wegen dem, was mit Jack passiert ist. Wir
alle, die Band und das Team hier, können es einfach nicht fassen“, sagte er
ernst.
„Ich auch nicht“, entgegnete Alexandra grimmig.
Mit einem lauten Krachen kam der Aufzug zum Stehen und Francis schob das Gitter
zurück. Sie stiegen ein und fuhren ruckelnd nach oben. Charlie drängte sich
während der kurzen Fahrt eng an Alexandras Beine, ihm schien die Sache nicht
ganz geheuer zu sein.
Ians Wohnung bestand aus einem großen Raum, der gleichzeitig Küche und
Wohnzimmer war. Zwei Türen, die sich auf der Seite befanden, die dem Aufzug
gegenüberlag, führten vermutlich ins Bad und ins Schlafzimmer. Die Einrichtung
war ziemlich spartanisch, es gab eine Küchenzeile, deren Front aus Edelstahl
bestand und einen riesigen Esstisch aus dunkel gebeiztem Holz mit den dazu
passenden Stühlen. Der Boden war mit Industrieparkett ausgelegt.
Ian saß auf einem gemütlichen, dunkelbraunen Sofa, vor sich auf dem Couchtisch
eine halbleere Flasche Bier und sah ihnen entgegen. Er machte einen erschöpften,
deprimierten Eindruck.
„Hallo Ian“, sagte Alexandra und blieb neben dem Sofa stehen, während Charlie
sich erst einmal daran machte, die Wohnung und die ihm unbekannten Gerüche
eingehend zu untersuchen.
„Hey“, grüßte der blonde Sänger müde zurück. „Setzt dich doch“, forderte er
Alexandra auf und deutete auf einen Sessel, der auf der anderen Seite des
Tisches stand. „Kann ich dir was anbieten?“
Alexandra zog ihre Jacke aus und warf sie über die Sessellehne, bevor sie Ian’s
Aufforderung nachkam.
„Nur ein Glas Wasser“, bat sie.
Ian machte Anstalten aufzustehen, doch Francis kam ihm zuvor.
„Lass, ich mach schon. Mit Kohlensäure oder ohne?“
„Ohne bitte.“
Alexandra faltete die Hände ihn ihrem Schoß. Die Situation war ungewohnt für
sie. Jack hatte zwar schon früher Freunde gehabt, doch Alexandra hatte diese nie
kennen gelernt. Dass er sich ihr gegenüber offen zu Ian bekannt und ihn ihr
damals im „Joey’s“ sogar offiziell als seinen „Neuen“ vorgestellt hatte, war
wohl ein Beweis dafür, dass er glaubte, seine große Liebe gefunden zu haben.
Wen sie sich Ian so anschaute, dann konnte Alexandra Jack sogar verstehen. Der
Mann sah, objektiv betrachtete, nicht nur gut aus, sondern hatte einen
jungenhaften Charme und ein sympathisches, offenes Wesen. Sie konnte sich
vorstellen, dass die Frauen auf ihn nur so flogen und dass schon so manch eine
eine herbe Enttäuschung hatte verkraften müssen, wenn sie herausfand, dass Ian
grundsätzlich kein sexuelles Interesse für das weibliche Geschlecht aufbrachte.
Vielleicht machte ihn ihr das so sympathisch, dachte Alexandra ironisch.
Francis stellte ein gefülltes Glas vor ihr auf den Tisch und unterbrach damit
ihre Gedanken.
Alexandra bedankte sich und wandte sich dann an Ian. Aus dem Augenwinkel sah
sie, wie Francis sich mit verschränkten Armen gegen den Esstisch lehnte. Ian
schien nichts gegen seine Gegenwart zu haben, also nahm sie an, dass sein
Mitarbeiter und Bandkollege über die ganze Sache im Bilde war.
Sie erzählte Ian, was sie heute von Chris über Stephen Allington erfahren hatte.
Francis schnaubte hörbar im Hintergrund.
„Möchte wissen, wie der Typ bloß auf die Idee kommt, dass man ihm das abkaufen
wird.“
„Daddy hat nun mal Kohle und einen gewissen Einfluss und er lenkt damit davon
ab, dass Jack eine Empfehlung gegen seine Bewährung aussprechen wollte“,
erklärte Ian bitter. „Was sind dagegen schon das Leben und die Karriere eines
kleinen Staatsangestellten.“
Alexandra beugte sich vor. „Hast du mit Jack heute reden können?“ erkundigte sie
sich gespannt. „Wie geht’s ihm?“
Ian zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
„Ich hab ihn heute Nachmittag kurz gesehen. Er ist noch immer total geschockt.
Sam hat ihm aber Mut machen können, dass sie ihn da rauskriegt. Morgen wird der
Richter eine Kaution festlegen.“
Erleichtert atmete Alexandra auf.
„Na, Gott-sei-Dank. Wenigstens ein kleiner Lichtblick. Dann kannst du ihn ja
morgen nach Hause holen.“
Bedrückt nickte Ian.
„Ja, aber...Jack ist ziemlich fertig. Er wollte nie, dass jemand an seinem
Arbeitsplatz davon erfährt, dass er auf Männer steht. Und jetzt weiß es die
halbe Stadt….“
Alexandra griff nach ihrem Glas und nahm einen Schluck Wasser. Sie verstand, was
Ian damit sagen wollte. Jack hatte immer ein Geheimnis aus seiner sexuellen
Orientierung gemacht, weil er mit der oft daraus resultierenden Ablehnung durch
Andere nicht besonders gut umgehen konnte. Er wollte als Mensch für seine
Fähigkeiten und für das, was er tat, geschätzt und nicht wegen seiner
Homosexualität in irgendeine Schublade abgelegt und möglicherweise lächerlich
gemacht werden.
„Das lässt sich jetzt wohl nicht mehr ändern“, entgegnete sie. „Aber die
Hauptsache ist doch, dass seine Unschuld bewiesen wird. Über alles andere kann
Jack sich später Gedanken machen.“
„Ja…“ Ian sah nicht so aus, als hätten ihn Alexandras Worte besonders
aufgemuntert.
„Ist doch halb so schlimm, dass es jetzt bekannt ist“, warf Francis ein.
„Schwule werden doch heute nicht mehr so diskriminiert wie noch vor zehn oder
fünfzehn Jahren. Denkt doch nur an all die Promis, die schwul sind oder waren.
Rock Hudson, Freddy Mercury und weiß der Geier wer noch alles. So what? Wir
haben auch alle kein Problem damit, dass Ian auf Kerle steht.“
Ian schenkte seinem Freund ein halbherziges Lächeln.
„Aber ihr seid nicht nun mal nicht die breite Masse und Jack ist nicht ich. Mir
ist es verdammt egal wer über mich Bescheid weiß und was man über mich denkt.
Jack ist da ein wenig anders…“
„Dann muss er halt umdenken“, gab Francis lakonisch zurück. Dann sah er auf die
Uhr. „Mann, schon so spät. Sorry, Leute, muss zusehen, dass ich nach Hause
komme, muss heute Abend bei meiner Kleinen babysitten. Meine Frau hat eine
Verabredung mit ihren Freundinnen. Weiberabend.“
Er zwinkerte Alexandra vielsagend zu. Diese konnte bei der Vorstellung von
Francis mit einem kleinen Kind, das an seinem Hosenbein hing, ein Schmunzeln
nicht unterdrücken.
„Viel Spaß, wünschte sie ihm. „War nett, Sie kennen zu lernen.“
„Gleichfalls“, grinste Francis und verabschiedete sich noch von Ian, bevor er
wieder den Aufzug betrat und damit nach unten fuhr.
Ian lehnte sich zurück und seufzte. Charlie kam zu ihm und legte ihm seine Pfote
aufs Knie. Damit entlockte er dem Mann wenigstens ein kleines Lächeln und
erntete ein paar Streicheleinheiten.
„Ich hoffe, dass Jack damit klarkommt“, sagte Ian gedankenverloren, während er
mit einem von Charlies Hängeohren spielte.
Alexandra musste nicht nachfragen, sie wusste auch so, was er meinte.
„Wird er schon“, erwiderte sie zuversichtlich. „Er hat ja dich als bestes
Beispiel. Und als Freund“, fügte sie hinzu.
„Ja…hoffentlich reicht ihm das….“ Ian ergriff seine Flasche Bier und nahm einen
tiefen Schluck.
***
„Chris? Kann ich reinkommen?“
Alexandras Stimme klang dumpf durch die geschlossene Badezimmertür. Mit der
Zahnbürste im Mund drehte Chris sich um und öffnete die Tür um seine
Arbeitgeberin und Freundin hereinzulassen.
Alexandra drängte sich an ihm vorbei ins Bad.
„Muss mir nur noch schnell meine Haare zusammenbinden, dann bin ich weg“,
erklärte sie und schnappte sich eine ihrer Haarspangen, die in einem kleinen
Korb auf dem Fensterbrett lagen.
Chris beugte sich über das Waschbecken um sich den Mund auszuspülen und
beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Alexandra mit geübten Griffen ihre Haare
zusammenband. Es war für ihn zu einem vertrauten und liebgewordenen Ritual
geworden, ihr bei ihren allmorgendlichen Versuchen zuzusehen, ihre wilde
Lockenpracht zu bändigen. Ihm gefielen ihre Haare offen besser, doch ihm war
auch klar, dass sie bei der Arbeit und bei alltäglichen Verrichtungen so nur im
Weg gewesen wären. Dafür genoss er es umso mehr, beim Kuscheln mit Alexandra mit
diesen honigblonden Locken zu spielen.
Sie stellte sich neben Chris, um einen prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen.
„Okay, so geht’s“, murmelte sie zufrieden. Dann wandte sie sich zu ihm und gab
ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.
„Bin in zwei Stunden wieder zurück. Länger sollte der Termin beim Steuerberater
nicht dauern“, teilte Alexandra ihm mit. „Wenn doch ein Patient kommt, dann soll
er entweder warten oder du gibst ihm einen späteren Termin. Und…“
„…Und ansonsten werde ich keine Fremden reinlassen, mir von keinem Vertreter was
aufschwatzen lassen, acht geben, dass Charlie nichts anstellt und mich bemühen,
dass Haus nicht in die Luft zu jagen,.“ vervollständigte Chris den Satz und
grinste sie an. „Hab ich was vergessen?“
„Blödmann“, schalt Alexandra und boxte ihn freundschaftlich in den Arm. Chris
taumelte zurück und hielt sich gespielt empört die „schmerzende“ Stelle.
„Hey, kein Grund, mich zu misshandeln“, beschwerte er sich. „Ich wollte nur
sichergehen, dass ohne dich alles läuft.“
„Na klar doch…Jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen. Bis später!“ Alexandra
beugte sich vor und gab ihm einen schnellen Kuss, diesmal auf den Mund, bevor
sie sich umdrehte und verschwand. Chris sah ihr kopfschüttelnd nach.
Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie wirklich aufhörte, ihn übermäßig
zu bemuttern und zu bevormunden. Obwohl, bemuttern ließ er sich manchmal ganz
gern von ihr, vor allem, wenn es ihm irgendwie dreckig ging. So wie an dem
Abend, nachdem er von der Anklage gegen Mr. Sanders erfahren hatte, und der
darauf folgenden Nacht.
Chris ging ins Schlafzimmer und holte sich ein sauberes Shirt aus dem
Kleiderschrank, den er nun mit Alexandra teilte. Er war nach seinem
Selbstmordversuch nur noch ein einziges Mal in seinem alten Zimmer gewesen, und
damals hatte er nur seine wenigen Besitztümer mit Alexandras Hilfe
zusammengepackt und in diesen Raum gebracht. Seitdem hatte er das Zimmer nicht
mehr betreten.
Gestern bei dem Termin bei Doktor Winslow hatte er der Psychologin sein Herz
ausgeschüttet. Er war anfangs so wütend auf Alexandra gewesen, weil diese auf
Mr. Sanders Seite gestanden und die Anschuldigungen von vornherein nicht
geglaubt hatte. Chris hatte sich von ihr regelrecht verraten gefühlt. Erst
nachdem er sich mit körperlicher Arbeit ein wenig abreagiert hatte und zum
Nachdenken gekommen war, hatte sich dieses Gefühl ein wenig verflüchtigt und er
hatte begonnen, ihre Gründe für ihre Einstellung zu verstehen. Dann hatte er ein
schlechtes Gewissen gehabt, weil er sie so mies behandelt hatte.
Doktor Winslow war sehr verständnisvoll gewesen und hatte ihm wieder einmal
erklärt, dass er sich für seine Gefühle nicht schämen musste. Seine Wut war
völlig normal gewesen, genauso wie seine Enttäuschung und sein Hass auf Jack
Sanders. Niemand konnte ihm einen Vorwurf deswegen machen. Er hatte sich von
diesen negativen Gefühlen jedoch nicht blenden lassen, sondern war vernünftigen
Argumenten noch zugänglich gewesen.
Als Chris sie gefragt hatte, ob sie selbst glaubte, dass Mr. Sanders unschuldig
wäre, hatte sie ihm jedoch erklärt, dass sie das nicht beurteilen könne, da sie
den Mann ja nicht kannte. Sie hatte ihm jedoch geraten, auf seinen gesunden
Menschenverstand und sein Gefühl zu hören und sich weder von seiner
Vergangenheit noch von Mr. Sanders’ Freunden, zu denen natürlich auch Alexandra
gehörte, beeinflussen zu lassen.
Ein äußerst nachdenklicher Chris hatte Doktor Winslows Praxis nach dieser
Sitzung verlassen.
Er war zwar sicher gewesen, dass Mr. Sanders in Stephen Allingtons Fall
unschuldig gewesen war, hatte sich aber gefragt, ob sein Bewährungshelfer so
etwas wirklich noch nie versucht hatte oder versuchen würde. Nachdem er damals
durch Zufall von dessen Homosexualität erfahren hatte, war er bei den darauf
folgenden Treffen eine Zeitlang etwas nervös gewesen und hatte Mr. Sanders genau
beobachtet. Doch nichts hatte darauf hingedeutet, dass dieser ihn auf irgendeine
Weise „anmachen“ wollte und Chris hatte die Sache nach einer Weile sogar wieder
so gut wie vergessen.
Und nach Mr. Sanders’ „Feuerwehreinsatz“ und dem anschließenden Gespräch war
dieser ihm eher wie ein Freund erschienen denn als jemand, der sein Schicksal in
seine Händen hielt und über sein Leben bestimmen konnte.
Chris warf einen Blick auf die Uhr auf Alexandras Nachttisch. Es war kurz nach
acht. Er würde jetzt erst einmal gemütlich frühstücken und dann mit Charlie
einen kleinen Spaziergang machen. Vor neun würde normalerweise sowieso kein
Patient auftauchen und er musste auch nicht ans Telefon der Praxis gehen.
Chris wunderte sich immer wieder, wie viel Spaß es ihm doch machte, Alexandra
bei ihrer Arbeit zu helfen. Eigentlich war er eher jemand, der handwerkliches
Geschick hatte, ihm machte es Freude, etwas zu reparieren oder mit den Händen zu
schaffen. Wenn er durch seinen Vater nicht zur Arbeit am Bau gekommen wäre, das
Gefängnis nicht dazwischen gefunkt hätte, dann hätte er sich nach der Schule
wohl in einer Autowerkstatt beworben.
Durch seine Mithilfe in Alexandras Praxis hatte er entdeckt, dass er auch ein
gewisses Organisationstalent besaß. Etwas, woran es bei Alexandra manchmal etwas
haperte, sie wurde unter Stress leicht nervös und wusste oft nicht, wo sie
anfangen sollte. Es passierte zwar nur sehr selten, doch sie war dann immer
froh, wenn er ihr die ganze Hintergrundarbeit abnahm und sie sich nur um ihre
tierischen Patienten kümmern musste. Dann war da natürlich noch der Bürokram,
das Schreiben der Rechnungen, das Alexandra hasste wie die Pest. Schon aus dem
Grund, weil der Computer nie das tat, was sie von ihm wollte…
Und noch etwas Positives hatte sein Engagement in dieser Beziehung bewirkt. Er
hatte wieder gelernt, einigermaßen normal mit anderen Menschen umzugehen, sie
nicht als potentielle Feinde zu betrachten. Die Besitzer und Besitzerinnen von
Alexandras Patienten waren ihm fast durchweg freundlich begegnet und er hatte
seine Hemmungen relativ schnell verloren. Manche hatten ihn zwar anfangs etwas
seltsam gemustert, vermutlich wegen seiner Kleidung und seiner Frisur, doch da
er sich nicht hatte beirren lassen und immer höflich geblieben war, hatten sie
das bald wieder vergessen.
Was Chris jedoch am meisten an dieser Arbeit gefiel, war, dass er Alexandra
damit einen Gefallen tun und ihr wirklich helfen konnte. Sie hatte ihm soviel
gegeben, ein Heim, eine Perspektive für die Zukunft und vor allem eines: Ihre
Liebe, von der Chris noch immer so ganz überzeugt war, dass er sie wirklich
verdiente. Aber Alexandra arbeitete unermüdlich daran, ihm auch diese letzten
Zweifel zu nehmen.
Chris saß unten in
dem kleinen Büro und druckte die Rechnungen aus, die er in der letzten halben
Stunde getippt hatte. Es hatten zwei Leute angerufen, einer davon war der
Besitzer dieser Yorkshire-Terrier-Zucht gewesen, der darum gebeten hatte, dass
Alexandra gegen Abend doch einmal bei ihm vorbeikommen sollte, da eine seiner
Hündinnen nicht fressen wollte. Chris hatte dem Mann versprochen, dass Alexandra
ihn sofort anrufen würde sobald sie wieder zurück war und sich eine Notiz auf
einen Klebezettel geschrieben, den er am PC-Bildschirm anbrachte, damit er nicht
vergaß, es Alexandra auszurichten.
Der zweite Anruf eben war von einer Frau gewesen, die wissen wollte, ob Dr.
Hastings ihr helfen würde, einen Wurf reinrassiger Pudelwelpen an neue Besitzer
zu vermitteln. Sie war völlig aufgelöst gewesen und Chris hatte den Eindruck
gehabt, dass sie von der Situation völlig überfordert war.
Wahrscheinlich eines dieser reichen, verwöhnten Hühner, für die ein Hund nur ein
Schoßtier war, dass man der Show wegen beim Einkaufsbummel auf dem Arm herumtrug
und dem man pinkfarbene Schleifchen ins Fell band und ein pinkfarbenes, mit
Strasssteinen besetztes Halsband umlegte.
Er hatte sich ihre Nummer geben lassen und ihr ebenfalls versprochen, dass
Alexandra sie zurückrufen würde. Nachdem er aufgelegt hatte, schüttelte er sich
erst einmal. Pudel…Chris mochte Hunde, aber für diese verhätschelten, teilweise
kahl rasierten Rasseviecher konnte er keine großen Sympathien aufbringen. Ein
Hund war ein Hund und sollte ein Hund bleiben, dem es auch mal erlaubt war, sich
beim Löcher buddeln über und über mit Dreck zu beschmieren.
Er warf Charlie, der neben ihm auf dem Boden lag, einen Blick zu. Da war ihm
dieses sandfarbene Ungeheuer, dass er schon unzählige Male hatte sauber bürsten
oder sogar baden dürfen doch tausendmal lieber.
Chris musste grinsen als er an einen Vorfall während der Renovierungsarbeiten
dachte, der Alexandra erst zur Weißglut gebracht und dann bei ihr einen
ungehemmten Lachanfall verursacht hatte. Er selbst und Charlie hatten die ganze
Sache an diesem Tag nicht so komisch gefunden…
~
Chris war fast damit fertig die Decke des Behandlungszimmers zu streichen. Nur
die Ränder und die Ecken musste er noch sauber ausmalen, da die Wände in einer
anderen Farbe gestrichen werden sollten. Er stellte die Leiter in die Ecke in
der er anfangen wollte und den Farbkübel oben auf die letzte Stufe. Dann wandte
er sich kurz ab um nach der Flasche Wasser zu greifen, die auf der Fensterbank
stand, und etwas zu trinken. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch und
fuhr herum.
Charlie stand mit den Vorderpfoten auf der Leiter und schnüffelte neugierig an
dem Eimer. Durch sein Gewicht brachte er die Leiter leicht ins Schwanken
.
„Geh sofort da weg!“ rief Chris und war mit einem Satz neben Charlie. Der Hund
erschrak und stieß sich mit den Pfoten von besagter Leiter ab. Damit brachte er
das ganze Gebilde jedoch noch mehr ins Wanken und bevor Chris reagieren konnte
fiel es auch schon mit einem lauten Krachen um und ein fast voller Eimer weißer
Farbe ergoss sich über ihn, Charlie und den Gott-sei-Dank mit Folie abgedeckten
Boden.
Chris fluchte lautstark, Charlie bellte wie verrückt und dann erschien Alexandra
in der offenen Tür um nachzusehen, was das ganze Tohuwabohu bedeuten sollte.
„Was zum…WAS HAST DU MIT MEINEM HUND ANGESTELLT?“ kreischte sie los und deutete
anklagend auf Charlie, der eine volle Ladung abbekommen hatte und dessen Fell
nun nicht mehr sandfarben, sondern dick mit weißer Farbe überzogen war.
Chris selbst sah auch nicht viel besser aus, er hatte die Kappe vorher
abgenommen, die er beim Streichen getragen hatte und seine Haare waren nun
komplett mit Farbe bedeckt. Zu allem Überfluss fühlte er wie ihm ein etwas
breiteres Rinnsal den Rücken hinunterlief und in die Hose…Und da stand diese
Verrückte und beschuldigte ihn…IHN, dass er ihrem Hund etwas angetan hatte.
„ICH hab gar nichts gemacht!“ brüllte Chris zurück und vergaß völlig seine Scheu
seiner Arbeitgeberin gegenüber. „IHR Hund hat die Leiter umgeworfen!“
Charlie wählte ausgerechnet diesen Augenblick um einen Versuch zu starten, sich
von der unangenehme Nässe in seinem Fell zu befreien. Er schüttelte sich kräftig
und ausdauernd und ein Regen von weißen Farbspritzern besprenkelte die Wände,
das Fenster in seiner Nähe…und sein Frauchen, das abermals laut aufschrie.
„Charlie, du…du Ferkel!“ Alexandra flüchtete aus der offenen Tür. Sie wagte sich
erst wieder herein als Charlie aufgehört hatte, sich zu schütteln.
Chris konnte ein Grinsen nicht unterdrücken als er sie sah. Schuhe, Jeans,
T-Shirt, Haare und Gesicht waren voller kleiner weißer Farbtupfen. Charlie hatte
ganze Arbeit geleistet.
„Verdammt, wie krieg ich dich bloß wieder sauber?“ jammerte Alexandra, die ihren
Groll gegen Chris vergessen zu haben schien und der wohl klar geworden sein
musste, dass ihr Katastrophenhund an dem Desaster die alleinige Schuld trug.
„Ich könnte ihn ja zum Streichen benutzen, dann geht wenigstens ein Teil von der
Farbe raus“, bot Chris an, dem immer mehr die Komik der Situation zu Bewusstsein
kam.
Alexandra sah ihn vorwurfsvoll an. „Das ist NICHT komisch“, schnaubte sie. „Hast
du eine Ahnung wie sehr Charlie es hasst, gebadet zu werden?“
„Wahrscheinlich genauso sehr wie ich es hasse, mir einen halben Kübel Farbe aus
den Haaren waschen zu müssen“, entgegnete Chris sarkastisch.
Alexandra’s Augenbrauen schnellten nach oben und sie schien ihn zum ersten Mal
seit sie dieses Chaos entdeckt hatte genauer zu betrachten. Ein Grinsen breitete
sich auf ihrem Gesicht aus und sie begann zu lachen.
„Ich könnte euch ja beide zusammen in den Zuber hinten im Garten stecken und
euch abschrubben“, gluckste sie. „Wäre wahrscheinlich am einfachsten.“
Das wiederum fand Chris nicht besonders komisch. Dennoch war er froh, dass
Alexandra ihre anfängliche Wut anscheinend vergessen hatte und ihn nicht mehr
für den Schuldigen hielt.
„Sie sollten das lieber gleich machen“, sagte er. „Wenn die Farbe erst trocknet
dann wird’s schwierig.“
Alexandra wurde wieder ernst und nickte zustimmend. „Du hast Recht. Aber dann
solltest du dich an deinen eigenen Rat halten und erst Mal unter die Dusche
hüpfen, bevor du die Sauerei hier beseitigst.“
Genau das tat Chris auch. Er brauchte eine halbe Ewigkeit und den gesamten
Vorrat an heißem Wasser, um seine Haare wieder sauber zu bekommen. Als er aus
der Dusche stieg, hörte er Alexandra unten im Garten schreien und fluchen. Sie
war anscheinend mit ihrer Charlie-Reinigungs-Aktion in der Zwischenzeit noch
nicht sehr weit gekommen….
~
Chris schüttelte den Kopf, als er von seinem gedanklichen Abstecher in die
Vergangenheit wieder in die Realität zurückkehrte. Die Sache damals erinnerte
ihn doch schwer an das Chaos von gestern, das Charlie in der Küche veranstaltet
hatte.
Nur dass das einfacher zu beseitigen gewesen war. Chris schauderte, als ihm
einfiel, wie lange er gebraucht hatte, um die Farbspritzer wieder vom Fenster
abzubekommen. Auf dieses hatte nämlich die Sonne geschienen und sie waren
knochentrocken gewesen, als er vom Duschen zurückgekommen war…
Chris nahm die Rechnungen aus dem Drucker und legte sie zur Seite. Alexandra
würde sie sich später ansehen. Dann überlegte er, was jetzt noch zu tun war.
Bevor es ihm jedoch einfiel, hob Charlie den Kopf und winselte. Eigentlich
brauchten sie gar keine Glocke, der Hund war mindestens genauso zuverlässig.
Chris stand auf und ging hinaus zur Tür, nicht ohne Charlie vorher mit scharfer
Stimme zu ermahnen, dass er gefälligst bleiben sollte wo er war. Er hatte Glück,
dies war eine der seltenen Gelegenheiten bei denen der Hund tatsächlich
gehorchte.
Chris öffnete und sah sich einem kleinen Männchen mittleren Alters gegenüber,
das mit seinem braunen Anzug, einem beigefarbenen Hemd mit passender Krawatte,
einer Halbglatze und einer Aktentasche in der Hand aussah wie ein Buchhalter aus
vergangenen Zeiten. Durch eine Hornbrille blinzelten kurzsichtige, wässrig-blaue
Augen. Er hatte kein Tier dabei, das möglicherweise tierärztliche Hilfe
benötigen konnte, also tippte Chris auf Staubsaugervertreter oder Ähnliches und
bereitete sich seelisch darauf vor, den Mann freundlich, aber bestimmt
abzuwimmeln.
„Sind Sie Chris O’Connor?“ quäkte der Besucher und warf Chris’ Konzept einer
höflichen Abfuhr damit völlig über den Haufen. Woher zum Teufel kannte ihn der
Typ?
Chris
starrte das Männchen erst einmal eine Weile ratlos an, bevor er sich zu einer
Antwort aufraffen konnte.
„Ja, der bin ich“, entgegnete er vorsichtig. „Was wollen Sie von mir?“
„Ich bin Ronald Whiteman, Ihr neuer Bewährungshelfer“, erklärte der
Buchhalterverschnitt. „Würden Sie mich bitte hereinlassen, damit wir uns kurz
unterhalten können?“
Verblüfft trat Chris zur Seite und ließ seinen zukünftigen Bewährungshelfer ins
Haus. Charlie kam aus dem Büro, sah den Mann kurz an und begann drohend zu
knurren.
„Um Gotteswillen!“ schrie Mr. Whiteman. „Schaffen Sie das Vieh weg! Das ist ja
bösartig! Gehört der Hund etwa Ihnen?“
„Nein…“ Chris war noch immer völlig verdattert. Das sollte wirklich sein neuer
Bewährungshelfer sein? Das konnte ja heiter werden…
„Würden Sie ihn dann BITTE irgendwo einsperren, wo er niemandem gefährlich
werden kann?“ forderte Mr. Whiteman energisch. Seine Stimme klang in seiner
Erregung noch unangenehmer als zuvor.
Chris packte Charlie am Halsband und zog ihn zurück in das kleine Büro.
„Sei brav, hast du gehört?“ befahl er dem Hund und hoffte, dass er gehorchen
würde.
Charlie sah Chris mit schief geneigtem Kopf an und bellte, als wollte er ihm
sagen, dass er ihn mit diesem unsympathischen Kerl eigentlich nicht allein
lassen wollte.
„Ist ja gut. Ich schaff das schon, keine Bange“, flüsterte Chris und kraulte den
Mischling hinter den Ohren. Dann ging er zurück in den Gang, wo Mr. Whiteman
ungeduldig auf ihn wartete und schloss die Tür hinter sich.
„Und wem gehört dieses gefährliche Biest, wenn ich fragen darf?“ Der Mann schien
sich einfach nicht beruhigen zu können.
„Charlie gehört Doktor Hastings, der Frau, für die ich arbeite. Er ist nicht
gefährlich, keine Ahnung, was er heute hatte und wieso er geknurrt hat.“
Das war gelogen. Chris wusste sehr wohl, wieso Charlie diesen Kerl angeknurrt
hatte. Er hätte selbst gern die Haare gesträubt und die Zähne gefletscht.
„Hunde sind immer potentiell gefährlich, besonders so große“, teilte Mr.
Whiteman Chris mit. „Es ist unverantwortlich, ihn ohne Maulkorb herumlaufen zu
lassen, sagen Sie das bitte seiner Besitzerin.“
Chris brummte etwas Unbestimmtes als Antwort. Den Teufel würde er tun. Alexandra
würde ihn über einem offenen Feuer rösten wenn er nur andeuten würde, dass ihr
Schätzchen einen Maulkorb tragen sollte. Und er konnte dieses Gefühl durchaus
nachvollziehen…
„Gibt es einen Ort hier, an dem wir uns unterhalten können?“
Chris wollte dem Mann schon erklären, dass sie genau das doch schon taten und es
gern auch hier fortsetzen konnten, doch er verkniff sich diese Antwort. Immerhin
würde er, wenn er Pech hatte, die nächsten sechs, sieben Monate von ihm und
seinem Wohlwollen abhängig sein.
„Gehen wir in die Küche“, sagte er resigniert und ging voraus.
Mr. Whiteman folgte ihm und steuerte gleich auf den Küchentisch zu, wo er seine
Aktentasche abstellte und darin herumkramte. Chris war plötzlich froh, dass er
nach dem Frühstück noch schnell aufgeräumt hatte. Der Mann machte den Eindruck,
als würde er auch auf herumstehendes Frühstückgeschirr und Toastkrümel
allergisch reagieren.
Schließlich beförderte Mr. Whiteman eine Akte aus den Tiefen seiner Tasche
hervor. Unaufgefordert setzte er sich und schlug diese auf. Nachdem er seine
Brille zurechtgerückt hatte begann er darin zu blättern, bis er bei der letzten
Seite angelangt war. Dann faltete er die Hände und sah Chris, der an der
Küchentheke lehnte und nervös an seinen Ärmeln herumzupfte, prüfend an.
„Sie arbeiten also seit fast einem halben Jahr für Doktor Hastings? Und wohnen
auch hier im Haus?“ näselte er.
„Ja“, entgegnete Chris. „Steht das nicht alles da drin?“
„Natürlich. Ich gehe nur gern auf Nummer Sicher.“ Mr. Whiteman kritzelte etwas
in die Akte. „Als was arbeiten Sie hier?“
Chris zuckte mit den Schultern. „Eigentlich als Mädchen für alles. Ich hab für
Doktor Hastings die Praxisräume renoviert, jetzt bringe ich das Haus in Schuss,
helfe ihr in ihrer Praxis…Ich mach einfach alles, wofür sie mich gerade
braucht.“
„Hm, ungewöhnlich“, murmelte sein Bewährungshelfer und schrieb wieder etwas auf.
„Sie haben vorher Ihre Stellen ziemlich häufig gewechselt….“
Chris atmete tief durch. Das war eine Frage, die er nicht so gern beantwortete.
„War eben nie das Richtige“, entgegnete er lahm.
Mr. Whiteman schnalzte mit der Zunge. „Nun, dann hoffen wir, dass diese Stelle
weiterhin das Richtige für Sie bleibt. Ich werde nämlich nicht so nachsichtig
mit Ihnen sein wie mein Vorgänger…“
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er Chris abschätzend an.
Chris musste sich auf die Lippe beißen um den Mann nicht herausfordernd zu
fragen, was er damit andeuten wollte. Es war ihm im Grunde genommen ja klar.
Aber er hasste diesen verächtlichen Blick in diesen widerlichen, wässerigen
Augen….
Das Drehen eines Schlüssels in einem Türschloss war zu hören, Charlie bellte wie
wild und gleich darauf ertönte Alexandras Stimme.
„Hey, Kleiner, wieso hat Chris dich denn da alleine eingesperrt?“
Charlie winselte und japste Mitleid erregend. Der Hund war wirklich ein
großartiger Schauspieler, das musste man ihm lassen. Wäre Chris nicht so wütend
auf diesen Giftzwerg gewesen, der da vor ihm saß, dann hätte er jetzt wohl
gelacht.
„Jaaa, ist ja gut. Wo ist Chris denn?“
Charlie bellte ein Mal, dann erschien er hechelnd in der offenen Küchentür,
gefolgt von einer erstaunten Alexandra.
„Wieso hast du Charlie…Wer ist das denn?“ fragte sie, als sie Mr. Whiteman, der
nun aufgestanden war, in ihrer Küche entdeckte.
„Ronald Whiteman“, stellte sich der Giftzwerg, wie Chris ihn nun im Geiste
nannte, Alexandra vor und trat zu ihr, um ihr die Hand zu schütteln. Dabei
musterte er sie bewundernd von oben bis unten. „Ich bin Mr. O’Connors neuer
Bewährungshelfer.“
„Aha, sehr erfreut“, entgegnete Alexandra verblüfft. „Doktor Alexandra
Hastings.“
„Ich bin hergekommen, weil ich Mr. O’Connor kennen lernen und mit ihm die
Termine für unsere zukünftigen Treffen besprechen wollte. Dass ich dabei auch
seine charmante Arbeitgeberin treffen darf, freut mich natürlich besonders.“
Chris dachte, er hätte sich verhört. Was war denn auf einmal in den Typen
gefahren? Fing der jetzt etwa an mit Alexandra zu flirten? Das konnte doch wohl
nicht wahr sein.
„Oh…Danke.“ Alexandra schien etwas verwirrt zu sein.
Charlie knurrte leise und Chris sah mit Befriedigung, wie sein Bewährungshelfer
dem Hund einen ängstlichen Blick zuwarf. Er wartete gespannt auf die Forderung
nach einem Maulkorb und auf Alexandras unvermeidliche Reaktion darauf. Doch er
wurde enttäuscht.
„Einen netten Hund haben Sie da“, schleimte sich die schmierige Qualle ein. „Was
ist denn das für eine Rasse?“
Chris konnte in Alexandras Gesicht lesen, dass sie drauf und dran war, Mr.
Whiteman einen Bären aufzubinden. Sie würde dem Typen gleich erklären, dass
Charlie ein balinesischer Reisfeldhütehund war, der extra dafür gezüchtet worden
war, die Reispflanzen vor der Ernte zusammen zu treiben.
Das hatte sie mal zu einem Kerl gesagt, der sie auf der Straße bei einem
Spaziergang mit Charlie dumm angemacht hatte. Chris feuerte Alexandra im Stillen
an, auch wenn er wusste, dass es vielleicht unklug war wenn sie sich den
Giftzwerg zum Feind machte.
„Keine bestimmte“, entgegnete Alexandra zu Chris’ Überraschung. „Er ist ein
Mischling.“
„Oh“, machte Mr. Whiteman nur. „Trotzdem, ein nettes Hündchen.“
Charlie knurrte wieder.
Mr. Whiteman trat nervös einen Schritt zurück und klatschte in die Hände, was
Charlie ein Bellen ausstoßen ließ.
„Charlie“, zischte Alexandra. „Benimm dich. Tut mir leid, Mr. Whiteman“, sagte
sie dann an den Giftzwerg gewandt. Chris wunderte sich über die Höflichkeit, mit
der sie seinen Bewährungshelfer behandelte. Wer Alexandra kannte, der konnte
deutlich sehen wie sehr sie diesen Mann verabscheute. Ein Gefühl, das er
durchaus teilte.
„Ach, lassen Sie ihn nur. Er meint es bestimmt nicht so, sondern verteidigt nur
sein hübsches Frauchen“, säuselte Mr. Whiteman.
Chris schloss kurz die Augen und rieb sich die über die Stirn. Wenn das noch
lange so weiterging würde er irgendwann Kopfschmerzen bekommen.
„Ähm…ja.“ Alexandra warf Chris einen hilflosen Blick zu, den dieser mit einem
entnervten Augenrollen beantwortete.
„Nun, ich denke, dann wäre alles geklärt“, sagte der Giftzwerg und ging zum
Tisch zurück um Chris’ Akte in seine Tasche zu packen. Dann wandte er sich
wieder an Alexandra und zog eine Karte aus seiner Tasche.
„Hier ist meine Nummer. Wenn Sie irgendwelche Probleme mit Mr. O’Connor haben
sollten, dann rufen Sie mich bitte an. Ich lege sehr großen Wert darauf, eng mit
den Arbeitgebern meiner…Klienten zusammenzuarbeiten.“
Mit spitzen Fingern ergriff Alexandra die Karte. Ihr Gesicht war eine
ausdruckslose Maske.
„Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird“, erklärte sie kühl. „Chris und ich
hatten noch nie Probleme miteinander. Es läuft alles bestens.“
Mr. Whiteman warf Chris einen zweifelnden Blick zu, den dieser mürrisch
erwiderte. Wenn der Typ nicht bald ging dann würde er hier noch auf der Stelle
vor Wut platzen.
„Nun…man kann ja nie wissen…“
„Ich komme mit Chris schon klar“, entgegnete Alexandra energisch und trat zur
Seite um Mr. Whiteman damit zu zeigen, dass er doch bitte an ihr vorbeigehen und
endlich ihr Haus verlassen sollte. Zumindest verstand Chris dieses Signal so.
Nicht aber der Giftzwerg.
„Bitte zögern Sie dennoch nicht, mich anzurufen, wenn irgendetwas vorfallen
sollte“, drängte Mr. Whiteman.
„In Ordnung, das werde ich“, entgegnete Alexandra mit zusammengebissenen Zähnen
und einem mörderischen Ausdruck in den Augen, den der Mann jedoch nicht zu
registrieren schien.
„Also gut…. Dann möchte ich mich jetzt recht herzlich von Ihnen verabschieden.
Sie sind eine außergewöhnliche Frau, Doktor Hastings, einem Kriminellen so
großes Vertrauen entgegenzubringen, dass Sie ihn sogar bei sich wohnen lassen.“
Mr. Whiteman schwebte ihn seliger Unwissenheit darüber, wie wenig ihn von einem
schrecklichen Schicksal als Hundefutter trennte. Chris schwankte, ob er vor Wut
kochen oder in haltloses Gelächter über den ungläubigen Ausdruck auf Alexandras
Gesicht bei diesen Worten ausbrechen sollte.
„Ich kann auf mich aufpassen, Mr. Whiteman“, sagte Alexandra mit seidenweicher
Stimme. „Ich habe nicht umsonst einen schwarzen Gürtel in Jiu-Jitsu….“
„Ach…Tatsächlich?“ quäkte der Giftzwerg und musterte Alexandra entsetzt.
Anscheinend gehörte er zu der Sorte von Männern, die von einer Frau erwarteten,
dass sie zu ihnen aufsah, sie bewunderte und ihnen jeden Wunsch von den Lippen
ablas. Alexandras Worte schienen dafür gesorgt zu haben, dass einige Illusionen
zerplatzten.
Mr. Whiteman sah auf seine Armbanduhr.
„Oh, ich habe ja noch einen Termin“, erklärte er hastig. „Es war wirklich sehr
nett, mit Ihnen zu plaudern, Doktor Hastings. Leider muss ich jetzt gehen.“
Damit schob er sich an Alexandra vorbei zur Tür, wobei er darauf achtete,
Charlie nicht zu nahe zu kommen. Chris ignorierte er vollkommen.
„Mr. Whiteman?“
Der Mann drehte sich zu Chris um und sah ihn irritiert an.
„Ja?“
„Wann soll ich eigentlich zu Ihnen ins Büro kommen?“
Mr. Whiteman schien einen Moment lang völlig aus dem Konzept gebracht zu sein.
Dann wandte er sich an Alexandra.
„Wäre es Ihnen recht wenn ich Mr. Sanders’ übliche Termine beibehalte?“
Alexandra warf erst Chris einen fragenden Blick zu, bevor sie nickte.
„Das hat sich ganz gut eingespielt. Ich denke, das wäre in Ordnung. Kommen Sie,
ich bringe Sie noch zur Tür.“
Chris atmete erst ein Mal tief durch, nachdem der Giftzwerg und Alexandra die
Küche verlassen hatten.
Der Kerl war übler, als er es sich vorgestellt hatte. Er war darauf vorbereitet
gewesen, damit leben zu müssen, dass sein neuer Bewährungshelfer wahrscheinlich
nicht so verständnisvoll sein würde wie Mr. Sanders, doch Whiteman übertraf
seine schlimmsten Befürchtungen.
Wie um alles in der Welt sollte er die kommenden Monate mit Mr. Ronald Whiteman,
Kotzbrocken extaraordinaire, nur heil und vor allem in Freiheit überstehen?
***
Nachdem die Haustür endlich hinter Mr. Whiteman ins Schloss gefallen war, kam
Alexandra in die Küche zurück. Unverhüllter Zorn stand in ihrem Gesicht
geschrieben. Chris lehnte mit verschränkten Armen an der Küchentheke und sah ihr
entgegen.
„Dieser…dieser widerliche….“ Alexandra schienen die passenden Worte zu fehlen.
„Genau meine Meinung“, knirschte Chris. „Dieses verdammte Arschloch! Weißt du
was er mir unterstellt hat? Dass ich…dass Mr. Sanders….“
Tränen der Wut und der Demütigung stiegen ihm in die Augen, als er nur daran
dachte.
Dann fühlte er, wie sich zwei Arme um ihn legten und er an einen weichen, warmen
Körper gezogen wurde. Mit einem zornigen Aufschluchzen ließ er sich in diese
tröstliche Umarmung fallen und klammerte sich fest an Alexandra, die ihm mit
einer Hand beruhigend über den Rücken streichelte.
„Hey, das wird schon. Wir kriegen das schon hin“, flüsterte sie.
Chris löste sich ein wenig von ihr und lehnte sich zurück, um ihr ins Gesicht
blicken zu können.
„Du hast leicht reden. Du musst diesen Arsch ja nicht alle zwei Wochen sehen“,
sagte er bitter.
„Nein. Aber wenn er den ersten Schock überwunden hat, dann wird er es sich
womöglich zur Aufgabe machen, dich zu kontrollieren und mich zu befragen, ob du
dich auch anständig aufführst. Hast du seinen Blick gesehen, als ich ihm gesagt
hab, dass ich Kampfsport machen?“ versuchte Alexandra zu scherzen.
„Na Klasse, auf dich scheint er es ja auch abgesehen zu haben, wenn auch etwas
anders. Wie konntest du nur so ruhig bleiben?“
„Ich hab mir einfach die ganze Zeit vorgebetet, dass das der Typ ist, der im
Moment über dein Leben entscheiden kann. Da war es ganz einfach.“
Chris schnaubte. „Jetzt darfst du dich wegen mir also auch noch mit einer
liebestollen Qualle herumschlagen. Reife Leistung, Chris“, lobte er sich selbst
sarkastisch.
Alexandra ließ ihn los und legte ihm stattdessen die Hände auf die Wangen. Ernst
sah sie ihn an.
„Hey, das ist schon okay. Wenn er beim Herumscharwenzeln um mich vergisst, dich
zu piesacken und dir das Leben schwer zu machen, dann ist es mir das wert.“
Mr. Whiteman
sollte an diesem Tag nicht die einzige Prüfung bleiben, die Chris’ Geduld und
Seelenfrieden auf die Probe stellte.
Alexandra hatte noch eine Weile versucht, ihm Mut zuzusprechen und ihn zu
beruhigen, dann war auch schon der erste Patient für diesen Tag aufgetaucht.
Chris war im letzten Moment noch eingefallen, ihr die Anrufe auszurichten, dann
war er nach oben gegangen um sich seine Arbeitskleidung anzuziehen. Heute wollte
er endlich den Rest des Garagendaches herunterreißen und später, wenn noch Zeit
blieb, den Schutt entsorgen.
Als er nach draußen ging, kam gerade Mrs. Appleby aus ihrer Haustür. Automatisch
grüßte Chris, wurde aber wie üblich ignoriert. Er seufzte. Die alte Schrulle
hatte eigentlich mit jedem in der Straße wegen irgendetwas Streit.
Chris hatte Alexandra einmal gefragt, worüber sie sich eigentlich mit ihr
gezofft hatte, doch Alexandra hatte nur mit den Schultern gezuckt und ihm
erklärt, dass sie diesen Streit und dieses gegenseitige Nichtbeachten eigentlich
von ihrer Tante geerbt hatte. Sie selbst hatte mit Mrs. Appleby noch nie
Probleme gehabt, außer dass diese Frau einfach eine chronische Nörglerin war,
der nichts und niemand recht war und die mit sich und der Welt im Allgemeinen in
permanenter Unzufriedenheit lebte.
Chris beäugte missmutig den Haufen Schutt, der bereits in der Einfahrt lag. Er
hatte sich vorgestern keine große Mühe gegeben, alles einigermaßen ordentlich zu
stapeln, sondern die Bretter und die Fetzen der alten Dachpappe einfach auf
einen kunterbunten Haufen hinuntergeworfen. Vielleicht sollte er erst einmal Mr.
Craig und dessen Reich einen Besuch abstatten, sobald Alexandra wieder zurück
war.
Er zog sich die Arbeitshandschuhe an und begann, die Überreste des alten Daches
auseinanderzusortieren, damit nachher das Beladen des Pick-ups schneller gehen
würde.
Nach etwa einer halben Stunde, als er schon ziemlich am Ende mit seiner Arbeit
war, stoppte ein dunkler Wagen vor dem Haus. Chris richtete sich auf und hielt
sich die Hand über die Augen, damit ihn die Sonne nicht so sehr blendete und
beobachtete, wie ein Mann und eine Frau ausstiegen.
„Scheiße“, fluchte er leise als er das Paar erkannte. Es waren die beiden
Detectives, die ihn am Dienstag verhört hatten. Sie sprachen kurz miteinander,
dann kamen sie auf ihn zu.
Charlie spitzte die Ohren und sah fragend zu Chris auf. Er schien dessen Unruhe
zu spüren und auch, dass es etwas mit diesen Leuten in dunklen Trenchcoats zu
tun hatte, die nun das Grundstück betraten, das der Hund als sein Revier
betrachtete.
Charlie freute sich normalerweise über Besucher und hoffte immer, einen
Spielkameraden zu finden oder einfach jemanden, der ihn kraulte, doch nach
diesem feindlich gesinnten Mann heute morgen waren alle seine Sinne auf
Alarmstufe Rot was Leute betraf, die ihm, Chris oder Alexandra zu nahe kamen. Er
trabte diesen beiden Unbekannte ein paar Schritte entgegen, sträubt sein Fell
und begann ungehalten zu knurren….
***
Detective John Miller packte seine Kollegin am Arm, um sie am Weitergehen zu
hindern. Dieser riesige Hund, der zähnefletschend vor dem Jungen stand, den sie
ein weiteres Mal befragen wollten, machte den Eindruck als würde er ihnen jeden
Moment an die Kehle springen wollen.
Vorhin im Wagen hatten sie besprochen, dass er diesmal das Reden übernehmen
würde. Vielleicht würde er es schaffen, das Vertrauen von Chris O’Connor zu
gewinnen und ihn dazu zu bringen, ihnen anzuvertrauen, was Jack Sanders gegen
ihn in der Hand hatte. Doch um mit ihm zu sprechen mussten sie erst ein Mal an
diesem Höllenhund vorbei.
Der Junge machte keinerlei Anstalten, den Hund festzuhalten oder ihn
zurückzurufen. Er starrte ihn und seine Kollegin wie hypnotisiert an, mit Augen,
die fast zu groß für das schmale, fast feminine Gesicht wirkten.
Detective Miller hatte Chris O’Connors Akte eingehend studiert. Es hatte ihn
verblüfft, dass man einen Siebzehnjährigen nach San Quentin geschickt hatte, der
Richter, der bei seiner Verhandlung den Vorsitz geführt hatte, musste wohl einen
äußerst schlechten Tag gehabt haben. Der Junge konnte dort kaum eine Chance
gehabt haben, nicht mit dieser fast zierlichen Figur und diesem Aussehen.
Im Gegensatz zu Stephen Allington war O’Connor das perfekte Opfer für so
jemanden wie Jack Sanders. Im Verhör hatte Sanders zu Protokoll gegeben, dass er
die Empfehlung hatte aussprechen wollen, Stephen Allingtons Bewährung aufzuheben
und ihn ins Gefängnis zu schicken und dass diese Anzeige nur ein Versuch war,
von dieser Tatsache abzulenken und ihn unglaubwürdig erscheinen zu lassen.
In Anbetracht von Allingtons Statur und Auftreten wären Detective Miller und
seine Kollegin fast geneigt gewesen, Sanders’ Beteuerungen, dass er seine
Stellung niemals auf derart widerliche Art und Weise ausnutzen würde, Glauben zu
schenken – wenn da nicht die vorangegangene Zeugenvernehmung von Chris O’Connor
gewesen wäre. Sanders mochte Allington nicht angefasst haben, aber dieser Junge
hier hatte eindeutig verdächtig reagiert, als seine Kollegin ihn gefragt hatte,
ob Sanders ihn jemals sexuell belästigt hätte.
Wenn er mit seinem Verdacht recht hatte, und Detective Miller war sich beinahe
sicher, dass es so war, dann würde Sanders dafür bezahlen. Er hatte selbst einen
Sohn, nur ein paar Jahre jünger als Chris O’Connor und wollte sich nicht
ausmalen, was er tun würde, sollte seinem Jungen jemals so etwas passieren.
Der Hund knurrte noch immer.
„Mr. O’Connor?“
Die Anrede schien den Jungen aus seiner Erstarrung zu reißen und er trat ein
paar Schritte vor um den Hund am Halsband zu packen und ihn leicht zu schütteln.
„Aus, Charlie! Gib Ruhe!“ befahl er, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder den
beiden Detectives zuwandte.
„Tut mir leid, normalerweise ist er nicht so…..“
„Schon gut“, entgegnete Detective Miller und kam damit einer empörten Beschwerde
seiner Kollegin zuvor, die sich an seinen Arm klammerte.
Der Hund hatte nun aufgehört zu knurren und O’Connor ließ ihn wieder los.
„Ist das nicht etwas gefährlich, ihn frei herumlaufen zu lassen?“ fragte
Detective Jensen. Der Schreck schien ihr noch immer in den Knochen zu stecken.
„Ich sagte doch, normalerweise ist er nicht so. Vielleicht haben Sie ihn ja
erschreckt“, verteidigte der Junge seinen Hund, der nun aussah, als könne er
kein Wässerchen trüben und sogar verhalten mit dem Schwanz zu wedeln begann.
„Das ist ja wohl…“
„Lass gut sein, Liz“, unterbrach Detective Miller seine Kollegin. „Wir sind
nicht die Hundepolizei. Haben Sie einen Moment Zeit, um noch ein paar Fragen zu
beantworten?“ Damit wandte er sich wieder an den jungen Mann, der sie
unglücklich ansah.
„Sicher“, entgegnete dieser resigniert. „Sollen wir reingehen?“
Die beiden Detectives folgten Chris O’Connor in das Haus. Dort führte er sie in
eine gemütliche Küche. Miller sah sich neugierig um.
„Sie wohnen also auch hier?“
„Ja. Alex…Doktor Hastings hatte die Idee, nachdem ich eine Weile für sie
gearbeitet habe. Ist einfacher so. Kann ich Ihnen was anbieten?“
„Vielleicht etwas Wasser bitte“, entgegnete Detective Jensen und kam ihrem
Kollegen zuvor.
Sie warf dem Hund, der sich auf einem Teppich neben dem Küchentisch
niedergelassen hatte und sie hechelnd beobachtete, einen argwöhnischen Blick zu.
O’Connor stellte eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser auf den Tisch.
„Setzten Sie sich doch“, forderte er die beiden Detectives auf.
Miller rückte einen Stuhl für seine Kollegin zurecht, bevor er ebenfalls Platz
nahm. Die Szene erinnerte ein wenig an die bei der ersten Befragung im Gebäude
der Behörde.
Der Junge lehnte mit verschränkten Armen an der Küchentheke und sah vor sich auf
den Boden. Es würde vermutlich nicht einfach werden, etwas aus ihm
herauszubekommen, mit gezielten Fragen würden sie hier wohl wenig erreichen.
Also hatte Detective Miller beschlossen, seine Taktik zu ändern. Er musste ihn
erst einmal dazu bringen, dass er zu ihnen Vertrauen fasste.
„Chris…ich darf Sie doch Chris nennen, oder?“
Der Junge nickte, ohne aufzusehen.
„Hören Sie, es mag Ihnen nicht leicht fallen, darüber zu reden, aber wenn Sie
uns erzählen, was sich zwischen Ihnen und Jack Sanders abgespielt hat, dann
würden Sie sich und uns einen großen Gefallen tun. Wenn er Sie mit irgendetwas
erpresst, dann sagen Sie es uns, es lässt sich mit Sicherheit eine Lösung
finden. Uns geht es hauptsächlich darum, zu verhindern, dass Sanders so etwas
noch Mal tut. Und natürlich darum, dass er seine gerechte Strafe erhält.“
Detective Miller war aufgestanden und zu Chris getreten.
„Egal, was es ist, wenn Sie gegen Sanders aussagen, dann lässt sich der
Staatsanwalt mit Sicherheit zu einem Deal überreden, damit Sie nicht zurück ins
Gefängnis müssen, weil Sie gegen eine Ihrer Bewährungsauflagen verstoßen oder
irgendwelchen Blödsinn angestellt haben. Damit hat Sanders Sie doch erpresst,
nicht wahr?“
Der Junge schwieg lange Zeit und schien nachzudenken. Als er endlich den Kopf
hob und anfing zu sprechen, dachte Miller schon, jetzt hätte er ihn soweit, doch
diese Hoffnung wurde enttäuscht.
„Mr. Sanders hat mich weder erpresst noch hat er mich jemals angerührt. Das habe
ich Ihnen doch schon gesagt. Zwischen uns ist nie etwas passiert und ich glaube
auch nicht, dass Sie jemanden finden werden, der ihn wegen so etwas beschuldigt.
So ein Mensch ist er nicht.“
„Und woher wollen Sie ihn so gut kennen?“ erklang Detective Jensens spöttische
Stimme vom Tisch her. „Sie wussten ja nicht einmal, dass er homosexuell ist.“
Der Junge atmete tief durch.
„Das war gelogen“, gestand er. „Mr. Sanders ist ein guter Freund von Alex.
Dadurch habe ich auch diese Stelle bekommen. Er hat sie überredet, mich
einzustellen. Und deswegen hab ich auch irgendwann mitbekommen, dass er schwul
ist.“
Detective Miller strich sich mit der Hand über das Kinn. Das alles erklärte aber
noch nicht O’Connors Reaktion, als er erfahren hatte, welches Vergehens sein
Bewährungshelfer beschuldigt wurde.
Diesen Gedanken äußerte er dann auch laut.
„Warum sind Sie dann am Dienstag so überstürzt geflüchtet, als meine Kollegin
Sie gefragt hat, ob Sanders Sie jemals belästigt hätte?“
Der Junge wurde blass und presste die Lippen aufeinander.
„Das…das hatte andere Gründe…“ würgte er schließlich hervor und sah zur Seite.
„Es hatte nichts mit Mr. Sanders zu tun.“
Detective Miller schwieg. Natürlich, unter diesem Aspekt betrachtet ergab das
ganze einen Sinn. Der Junge hatte vermutlich keine einfache Zeit in San Quentin
gehabt und unvermittelt mit diesen Anschuldigungen gegen seine Bewährungshelfer
konfrontiert zu werden, hatte unvermeidlich schlechte Erinnerungen wach rufen
müssen. Kein Wunder, dass er erst einmal weggelaufen war.
„In Ordnung“, sagte Miller langsam. „Sie sind also sicher, dass Sie nichts gegen
Mr. Sanders vorbringen wollen?“
„Ja“, entgegnete O’Connor leise und mied noch immer seinen Blick. „Mr. Sanders
hat mir die ganze Zeit über nur geholfen. Ich hab ihm eine Menge zu verdanken…“
Miller sah zu seiner Kollegin hinüber, die den Jungen stirnrunzelnd musterte.
„Hast du noch irgendwelche Fragen?“
Sie schüttelte den Kopf und stand auf.
„Nein, im Moment nicht.“ Dann sah sie auf ihre Armbanduhr. „Wir sollten jetzt
sowieso gehen, um drei haben wir noch einen Termin.“
Detective Miller nickte.
..“Gut. Chris, ich schätze das wäre alles. Sollten Sie uns doch noch etwas sagen
wollen, ich lasse Ihnen meine Karte hier.“ Damit legte er seine Visitenkarte auf
die Küchentheke.
Die beiden Detectives verabschiedeten sich. An der Tür drehte sich Miller noch
ein Mal zu Chris um.
„Gibt es eigentlich jemanden, mit dem Sie reden können?“ fragte er.
Der Junge schluckte, als ihm klar zu werden schien, was der Detective damit
meinte.
„Ja…Mr. Sanders…er hat mich zu einer Psychologin geschickt…“
***
Nachdem Detective Miller sich angeschnallt hatte, sah er zum Haus zurück. Der
Junge kniete neben dem Hund, der ihnen zur Tür gefolgt, war und hatte die Arme
um dessen Hals gelegt, um ihn an sich zu drücken.
Miller fühlte Mitleid in sich aufsteigen. O’Connor war damals rechtmäßig
verurteilt worden, aber hatte man ihn nicht in einen Jugendstrafvollzugsanstalt
schicken können? Manchmal verstand er das ganze System nicht. Was hatte es denn
für einen Sinn, jemanden, der ein Verbrechen begangen hatte, für ein paar Jahre
hinter Gitter zu schicken, wenn dieser Jemand, wenn er wieder frei war, entweder
noch schlimmer war als zuvor oder psychisch ein gebrochener Mensch. Wie das dem
Wohl der Gesellschaft dienen sollte, hatte Detective Miller in fünfundzwanzig
Jahren Polizeidienst nicht verstanden.
„Da hatten wir wohl keinen großen Erfolg“, riss ihn die Stimme seiner Kollegin,
die den Wagen startet, aus seinen Gedanken.
„Doch“, entgegnete Detective Miller. „Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass er
doch die Wahrheit gesagt hat.“
Frustriert schnaubte die Frau.
„Dann kommt Sanders mit einem guten Anwalt also möglicherweise davon?“
Erstaunt starrte Detective Miller sie. an.
„Liz, worum geht es dir eigentlich? Die Wahrheit herauszufinden oder den Kerl in
den Knast zu bringen, weil er nun mal schwul ist?“
Die Hände auf dem Lenkrad verkrampften sich.
„Ich hasse solche Typen eben“, knirschte Detective Liz Jensen. „Das ist doch
einfach nicht normal.“
Miller schüttelte den Kopf, schwieg aber. Seine Kollegin schien im Gegensatz zu
ihm massive Vorurteile gegen Homosexuelle zu haben. Sie würde jeden Stein
umdrehen, um eventuell doch noch jemanden zu finden, der gegen Sanders aussagen
würde.
Einerseits war das in Ordnung und die Aufgabe eines guten Polizisten, aber
Miller begann langsam zu befürchten, dass Liz auch nicht davor zurückschrecken
würde, Zeugen zu manipulieren und ihnen etwas einzureden. Schon harmlose Gesten,
wie ein Arm um eine Schulter, konnten unter einem bestimmten Blickwinkel
betrachtet, als Belästigung gewertet werden.
Insgeheim beschloss Detective Miller, morgen mit dem Captain darüber zu sprechen
und diesen darum zu bitten, Liz von diesem Fall abzuziehen. Wenn es sein musste,
dann würde er eben allein weiter ermitteln. Eine Menge Arbeit, aber immer noch
besser, als einen Unschuldigen ins Gefängnis zu bringen.
Alexandra parkte
den Wagen vor dem Grundstück. Sie sah hinüber zur Garage, doch weder Chris noch
Charlie waren zu sehen. Ein Großteil des Schutts war bereits sortiert und für
den Abtransport vorbereitet. Vielleicht wollte Chris damit nachher noch rüber
zur Mülldeponie fahren.
Sie ergriff ihre Arzttasche und stieg aus. Nach einer gründlichen Untersuchung
der kranken Hündin hatte sie deren Besitzer beruhigen können, es hatte sich
vermutlich nur um eine harmlose Magenverstimmung gehandelt.
Alexandra ging ins Haus, wo sie von einem schwanzwedelnden Charlie empfangen
wurde. Er drehte jedoch gleich wieder um und rannte zurück in die Küche.
Alexandra folgte ihm.
Sie war überrascht, Chris am Küchentisch sitzen zu sehen, den Kopf in beide
Hände gestützt. Eine Flasche Wasser und zwei Gläser standen auf dem Tisch und
sie konnte sich nicht erinnern, dass diese schon dort gestanden waren, als sie
vor eineinhalb Stunden das Haus verlassen hatte. War in der Zwischenzeit jemand
hier gewesen?
„Chris?“
Er sah auf.
„Was ist denn passiert?“
Besorgt setzte sich Alexandra neben ihn und legte ihm die Hand auf den Arm.
Chris seufzte.
„Die Polizei war hier, die beiden Detectives, die mich am Dienstag schon
ausgequetscht haben.“
Alexandra fluchte. Wieso hatten diese Typen ausgerechnet dann kommen müssen,
wenn sie nicht da war?
„Und?“
„Na, was schon. Sie haben mich noch Mal wegen Mr. Sanders gelöchert.“ Chris
zuckte mit den Schultern. „Ich hab ihnen das gleiche erzählt wie vor zwei
Tagen…“
„Ist das alles?“
Chris schien in einer merkwürdigen Stimmung zu sein, die Alexandra sich nicht
erklären konnte. Seltsam ruhig.
„Diesmal haben sie mir wohl geglaubt, dieser Detective Miller jedenfalls…“,
sagte er leise und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
„Woher weißt du das?“
„Er wollte wissen, wieso ich weggelaufen bin…Ich hab’s ihm natürlich nicht
gesagt, aber…irgendwie muss er es wohl erraten haben....“ Mit einem Anflug von
Verzweiflung blickte er Alexandra an. „Sag mal, steht mir das irgendwo auf der
Stirn geschrieben, dass ich…dass ich vergewaltigt worden bin?“
Im ersten Moment fand Alexandra keine Worte, um diese Frage zu beantworten. Was
sollte sie dazu schon sagen? Dass fast jeder, der ein wenig über die
Verhältnisse in den amerikanischen Gefängnissen Bescheid wusste und sich darüber
einmal Gedanken gemacht hatte, sich ausmalen konnte, was einem Jungen in Chris’
Alter und mit seinem Aussehen dort passierte?
„Nein, natürlich nicht“, entgegnete sie langsam, um Zeit zu gewinnen.
„Aber…manche Leute, ganz besonders die, die unmittelbar damit zu tun haben,
wissen eben, was abläuft.“
„Na toll.“ Chris’ Stimme klang bitter.
„Hey…dass heißt doch nicht, dass Alle Bescheid wissen. Du bindest ja nicht jedem
auf die Nase, dass du im Gefängnis warst.“
Alexandra biss sich auf die Lippe. Sie selbst hatte diese nicht unwesentliche
Tatsache vor ein paar Monaten Dr. Langton „auf die Nase gebunden“ und als
Resultat hatte der Arzt diese Bluttests durchführen lassen. Chris wusste immer
noch nichts davon und Alexandra fragte sich, ob jetzt vielleicht der Moment war,
wo sie es ihm beichten sollte. Zumindest hätte sie nun einen passenden Einstieg.
„Da…da ist noch etwas, dass du vielleicht wissen solltest…“ begann sie
vorsichtig.
„Ach, noch mehr so motivierende Nachrichten?“
Alexandra zuckte schuldbewusst zusammen. Vielleicht doch nicht ganz so passend.
Dennoch nahm sie ihren ganzen Mut zusammen.
„Als wir damals bei Dr. Langton waren, da ist mir rausgerutscht, dass du ein
Ex-Sträfling bist…Und da hat er, ohne mir vorher etwas zu sagen, auch einen
Aids- und Hepatitis-Test durchführen lassen. Er hat wohl auch so etwas geahnt,
mir aber nichts davon gesagt. Beide Tests waren negativ.“
Alexandra hatte schnell gesprochen, ohne Atem zu holen und ohne abzusetzen.
Ängstlich sah sie Chris an.
Dessen Augen weiteten sich entsetzt und er sprang ohne ein Wort auf. Sein Stuhl
fiel krachend um und Charlie bellte erschrocken.
„Was?“
Alexandra stand ebenfalls auf und ging auf Chris zu. Der wich ein paar Schritte
zurück.
„Chris, es tut mir leid. Bitte glaub mir, ich hatte danach ein total schlechtes
Gewissen. Doktor Langton hat mich gefragt, ob dir irgendetwas Traumatisches in
der letzten Zeit passiert ist und…und da hab ich sozusagen laut gedacht…“
„Und wie oft hast du noch „laut gedacht“?“ fauchte Chris. Er schien jetzt
ernsthaft wütend zu sein.
„Das war das einzige Mal, das schwöre ich“, rief sie verzweifelt. „Und
wenigstens wissen wir, dass du keine dieser Krankheiten hast.“
Chris starrte sie noch einen Augeblick lang an, dann drehte er sich wortlos um
und riss die Tür zur hinteren Veranda auf. Eine Sekunde später fiel sie mit
einem lauten Knall hinter ihm zu.
Alexandra sank zurück auf ihren Stuhl und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen.
Sie hätte es ihm wohl doch nicht sagen sollen. Nicht jetzt, wo er sowieso schon
total durch den Wind gewesen war. Erst dieser Fuzzy heute morgen, dann die
Polizei und jetzt hatte sie ihm das noch um die Ohren klatschen müssen. Wann
lernte sie endlich, wann es besser war, den Mund zu halten?
Eine Viertelstunde verbrachte Alexandra damit, sich selbst in Grund und Boden zu
verdammen, dann hielt sie es nicht mehr aus und folgte Chris nach draußen.
Er saß auf dem Geländer der Veranda und ließ die Beine baumeln. Als er Alexandra
sah, wandte er den Blick ab.
„Chris, es tut mir wirklich leid“, versuchte sie ihn zu besänftigen.
„Aber…wenigstens weißt du doch jetzt…“
„Das wusste ich schon vorher“, unterbrach er sie. „Ich war gleich nach meiner
Entlassung bei einem anonymen Test und ein halbes Jahr später noch mal.“
„Wirklich?“
„Wirklich. Ich hab dir doch gesagt, dass ich sauber bin und du dir keine Sorgen
machen musst.“
„Wann?“ fragte Alexandra verwirrt. Sie konnte sich beim besten Willen nicht
daran erinnern.
Chris seufzte. „Als ich dir mein ziemlich überflüssiges Geständnis gemacht habe.
Oder hast du mich die ganze Zeit für so blöd und verantwortungslos gehalten,
dass ich mit dir geschlafen hätte, wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass ich
dich nicht mit irgendwas anstecke?“
Alexandra schwieg. Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. Sie
hatte ja gewusst, dass Chris gesund war.
„Was ist?“ fragte Chris ungeduldig. „Jetzt, wo wir schon bei den Geständnissen
sind, kannst du mir das ruhig auch noch sagen.“
„Ich hab nicht darüber nachgedacht, ehrlich“, entgegnete sie schließlich. „Ich
war nur einfach froh, dass du dir nichts eingefangen hattest und mit allem, was
passiert ist, kam ich nie auf diese Idee.“
„Dafür muss ich jetzt wohl dankbar sein.“
Chris’ Unmut über ihre Enthüllung schien sich noch in keinster Weise gelegt zu
haben. Er war noch immer wütend.
„Chris, bitte lass uns vernünftig darüber reden“, bat Alexandra. „Damals wusste
ich doch noch gar nicht was mit dir los war. Doktor Langton war sehr
verständnisvoll, den einzigen Vorwurf, den ich ihm machen könnte, ist der, dass
er mir nichts von seinem Verdacht gesagt hat. Und mir selber, dass ich so
blauäugig war und damals nicht schon von selbst darauf gekommen bin.“
Stirnrunzelnd sah Chris sie an. Alexandra fragte sich, was jetzt wohl in ihm
vorgehen mochte. Sie wusste, dass er sich noch immer zutiefst für das schämte,
was man im Gefängnis mit ihm gemacht hatte, wozu man ihn gezwungen hatte.
„Ach, verdammt“, fluchte er plötzlich und sprang vom Geländer herunter. Erregt
lief er vor Alexandra hin und her.
„Was glaubst du eigentlich, was für eine Scheißangst ich die ganze Zeit gehabt
hab, dass mich einer von diesen Drecksschweinen mit so was ansteckt? Mir war’s
sogar lieber, wenn sie nur wollten, dass ich…“ Chris machte eine Pause und
schloss die Augen. „Danach musste ich wenigstens nur immer kotzen.“
Alexandra fühlte Übelkeit in sich hochsteigen. Sie war Chris zutiefst dankbar,
dass er keine genauere Beschreibung der Vorgänge lieferte, darauf konnte sie
wirklich verzichten.
„Weißt du, wieso ich dann wirklich sofort zu `nem Arzt gegangen bin, nachdem ich
frei war?“
Stumm schüttelte sie den Kopf.
„Eine Woche bevor ich entlassen wurde kriegten wir `nen Neuzugang in unserem
Block. Schlank, lange, blonde Haare, geschminkt…. All die notgeilen Säcke waren
sofort hinter ihm her, er hat sie regelrecht angemacht. Mir war’s recht, dann
ließen sie mich wenigstens in Ruhe. An meinem vorletzten Tag hab ich mit dem
Typen in der Schreinerei zusammengearbeitet und wir waren ein Weile allein. Ich
hab ihn gefragt, ob ihm das wirklich Spaß machen würde. Soll ich dir sagen, was
er darauf geantwortet hat?“
„Was?“ flüsterte Alexandra.
„Er sagte, er wolle so viele wie nur möglich von den Schweinen mitnehmen….“
„Oh Gott…“
Blindlings tastete Alexandra nach dem Geländer. Ihr war jetzt wirklich übel und
sie merkte, wie die Welt vor ihren Augen verschwamm.
„Alex?“ hörte sie Chris’ entsetzte Stimme wie aus weiter Ferne und fühlte gleich
darauf, wie sie gepackt und hochgehoben wurde.
Sie legte ihren Kopf an Chris’ Schulter und schlang ihre Arme um seinen Nacken.
„Geht gleich besser“, sagte sie schwach, während Chris sie hastig in die Küche
trug.
„Leg mich auf den Boden und schieb den Hocker von da drüben unter meine Beine“,
kommandierte Alexandra mit zittriger Stimme.
Chris schien einen Moment lang unschlüssig zu sein, doch dann gehorchte er.
Nachdem er Alexandra’s Anweisungen ausgeführt hatte, holte er ein Kissen von der
Bank in der Ecke und schob es ihr vorsichtig unter den Kopf. Dann beugte er sich
besorgt über sie.
„Alex? Wie geht’s dir jetzt? Soll ich dir noch irgendwas bringen, Wasser,
irgendein Medikament…“ Ängstlich sah er sie an.
„Ein Glas Wasser vielleicht“, entgegnete Alexandra.
Sie fühlte, wie das Schwindelgefühl langsam nachließ und das Blut in ihren Kopf
zurückzufließen schien. Dafür fühlte sich ihr Mund an, als wäre er mit Watte
ausgestopft.
Charlie war ebenfalls hinzugekommen und winselte beunruhigt, während er
Alexandra’s Hand ableckte.
„Hey, Kleiner, alles okay. Gleich bin ich wieder auf den Beinen“, tröstete sie
den Hund und kraulte ihn hinter dem Ohr.
Da kniete auch schon Chris wieder neben ihr und half ihr, sich halb aufzusetzen,
damit sie etwas trinken konnte. Durstig leerte Alexandra das Glas, bevor sie es
Chris zurück gab.
„Danke. Ich glaub, jetzt geht’s mir besser. Hilfst du mir auf?“
„Bist du sicher?“ Tiefe Sorge stand noch immer in Chris’ dunklen Augen.
„Ja, ich bin okay. War wohl der Mangel an Schlaf und das vorhin…“ Alexandra
brach ab, als sie den Ausdruck von verzweifeltem Schuldbewusstsein auf Chris’
Gesicht sah.
„Dann bin ich also dafür verantwortlich“, flüsterte er niedergeschlagen.
Alexandra atmete tief durch. Von stinksauer bis zu Tode betrübt in wie vielen
Minuten?
„Hey, nun mach aber mal einen Punkt. Die Sache mit Jack hat mich ziemlich fertig
gemacht, darum hab ich wahrscheinlich nicht so gut geschlafen. Und in einer
Beziehung gibt es auch Mal Streit. Du hattest vorhin ja Recht, ich sollte besser
aufpassen, wem ich was erzähle. War der Typ dann der Grund, weshalb du gleich zu
einem Arzt gegangen bist?“
Alexandra wechselte bewusst das Thema, um ihn von seiner Selbstgeißelung
abzulenken.
„Ja…Ich hätte das vielleicht verdrängt und vor mir hergeschoben…aber Tony, so
hieß er, hat mir bewusst gemacht, wie real das Risiko eigentlich war…Die paar
Tage Warten auf das Ergebnis waren die Hölle….“ Chris schlang die Arme um sich
selbst und schüttelte den Kopf. „Ein halbes Jahr später war ich dann noch Mal.
Da hab ich schon bei dir gearbeitet und hab den Arztbesuch mit einem Termin mit
Mr. Sanders verbunden. Diesmal hatte ich nicht so `nen Horror, weil Lewis
panische Angst vor Ansteckung hatte und….er hat’s halt nie ohne Gummi getan. Und
wenn er mich mal für `ne halbe Stunde an jemanden anderen verkauft hat, dann hat
er drauf bestanden, dass der auch so’n Ding benutzt…“
Alexandra streckte die Hand aus und strich Chris leicht über die Wange. Manchmal
total verschlossen und manchmal von einer erschreckenden Offenheit. Ein Indiz
dafür, wie innerlich zerrissen er eigentlich war.
Alexandra hatte sich mehr darauf eingestellt, dass Chris nicht oder nur selten
über seine Vergangenheit im Gefängnis reden wollte, daher schockierte sie diese
gelegentliche Offenheit immer im ersten Moment.
„Hilfst du mir jetzt hoch?“ bat sie leise.
Als sie sich dann gegenüberstanden, Chris hatte sie nicht losgelassen, da er
anscheinend Angst hatte, dass sie wieder umkippen würde, spürte Alexandra, dass
der Raum um sie herum leicht schwankte.
„Machst du bitte Kaffee? Ich glaub, den brauch ich jetzt, um wieder auf die
Beine zu kommen. In einer halben Stunde muss ich die Praxis aufmachen.“
„Willst du das heute nicht lieber lassen? Was ist, wenn es dich wieder umhaut?“
„Quatsch, bis dahin bin ich wieder fit“, widersprach Alexandra energisch. Sie
löste sich von Chris, ging zum Tisch und setzte sich auf einen Stuhl.
Chris sah sie zweifelnd an, machte sich dann aber daran, das Gewünschte
vorzubereiten. Er benutzte den Wasserkocher, da die Kaffeemaschine elendiglich
lange brauchen würde. Alexandra hatte immer wieder vergessen, sie zu entkalken.
Schließlich kam Chris mit zwei Tassen in der Hand zu ihr an den Tisch. Er holte
noch Milch und Zucker, dann setzte er sich neben sie.
Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nahm sich Alexandra an Chris ein Beispiel
und kippte eine Unmenge Zucker und Milch in ihre Tasse. Ihr war noch immer etwas
flau im Magen und schwindelig, doch das heiße Getränk würde ihren Kreislauf
schon wieder aufputschen.
Charlie war zu Alexandra gekommen und hatte ihr den Kopf in den Schoß gelegt.
Sie kraulte den Hund, während sie vorsichtig an der dampfenden Flüssigkeit
nippte.
„Genau das hab ich jetzt gebraucht“, seufzte sie.
„Bist du wirklich sicher, dass du wieder okay bist? Es wäre vielleicht doch
besser wenn du dich hinlegen würdest. Oder, vielleicht zu Doktor Langton gehen
würdest“, sagte Chris. Er schien sich noch immer nicht von seinem Schrecken
erholt zu haben.
Alexandra sah ihn belustigt an.
„Und wer ist jetzt hier die Muttergans? Chris, mir hat’s vorhin einfach die
Beine weggezogen. Ich hab zu wenig geschlafen, wahrscheinlich auch zu wenig
gegessen, da passiert so was schon mal. Also mach dir keine Sorgen.“
Chris malte mit dem Finger unsichtbare kleine Muster auf der Tischplatte.
„Ich...meine Mom ist damals auch einfach nur so umgekippt und dann…“
Alexandra legte ihm die Hand auf den Arm. So betrachtet konnte sie seine
Besorgnis verstehen.
„Chris, ich bin gesund. Hör zu, wenn es dich beruhigt, dann verspreche ich dir,
dass ich zu Doktor Langton gehe, wenn mir noch Mal schwindlig wird, okay?“
Erleichtert nickte Chris.
„Ja, das ist okay.“
Als Alexandra an
diesem Abend aus dem Badezimmer kam, saß Chris im Schneidersitz auf dem Bett und
hielt das gerahmte Familienfoto in der Hand, das ihn im Alter von etwa vierzehn
mit seinen Eltern zeigte. Alexandra kannte dieses Bild, es war vor einem
blühenden Rhododendron mit hunderten von weißen Blüten aufgenommen worden. Chris
stand zwischen seine Eltern, die beide einen Arm um seine Schultern gelegt
hatten. Alle Drei strahlten um die Wette.
„Was ist?“ fragte sie, nachdem sie hinter Chris aufs Bett geklettert war und ihm
das Kinn auf die Schulter gelegt hatte, um das Bild ebenfalls zu betrachten.
Chris war ein wirklich niedlicher Teenie gewesen und man hatte damals schon
gesehen, dass er einmal zu einem gutaussehenden jungen Mann heranwachsen würde
„Ich weiß nicht…Irgendwie musste ich heute einfach an meine Eltern denken…“
„Wieso?“
Chris drehte den Kopf, um Alexandra anzusehen.
„Weißt du…ich hasse es, wenn wir streiten oder wenn ich sauer auf dich bin…“
„Hey, das gehört nun mal dazu, wenn man zusammen ist.“ Alexandra strich Chris
sanft über den Rücken. „Und du hattest ja recht.“
„Meine Mom und mein Dad haben sich selten gestritten, aber wenn…Mann, dann
flogen die Fetzen. Mom hat dann immer auf italienisch losgebrüllt, das Dad
natürlich nicht verstanden hat. Zum Schluss lagen sie sich aber immer in den
Armen und haben miteinander gelacht…“
„Na, ist doch irgendwie wie bei uns“, versuchte Alexandra zu scherzen. „Fast
jedenfalls. Wir vertragen uns doch auch hinterher wieder.“
Ein wehmütiges Lächeln umspielte Chris’ Mund.
„Ja…“ flüsterte er, während er liebevoll mit dem Zeigefinger über die Fotografie
strich.
„Sie hätten dich gemocht“, sagte er unvermittelt.
„Meinst du? Hätten sie nichts dagegen gehabt, dass ihr einziger Sohn mit einer
„älteren“ Frau zusammen ist?“
Chris schüttelte den Kopf. „Nein…für meine Mutter wäre es am Wichtigsten
gewesen, dass ich glücklich bin und mein Dad hätte ihr nie widersprochen.
Außerdem bist du doch gar nicht soviel älter als ich.“
„Bist du das denn? Glücklich?“
Chris stellte das Bild zurück auf seinen Nachttisch. Dann drehte er sich zu
Alexandra um und ergriff ihre Hände.
„Ja, das bin ich. So glücklich, wie ich nur sein kann. Alex, ich will dich nie
verlieren…“
Alexandra schluckte.
„Ich dich auch nicht“, entgegnete sie. „Egal, was passiert, wir bleiben
zusammen.“
Eng aneinandergekuschelt lagen sie danach im Bett, das Licht hatten sie
gelöscht, und Chris erzählte ihr von seinen Eltern. Alexandra lauschte der
Geschichte gebannt, so ausführlich hatte er mit ihr noch nie über seine Familie
gesprochen.
Die beiden hatten sich in dem kleinen Gemüseladen kennen gelernt, der Giovanna
Polettis Vater gehörte. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Doch Papa
Poletti wollte nichts davon hören, dass seine jüngste Tochter einen Amerikaner
heiratete, noch dazu einen irischer Abstammung. Es gab da einen jungen Mann aus
einer guten Familie, ebenfalls ein Italiener, der Giovanna glühend verehrte und
ihrem Vater bereits zu verstehen gegeben hatte, dass er sie um ihre Hand bitten
wollte.
Alles Bitten und Flehen nützte nichts, Papa Poletti blieb hart und verbot seiner
Tochter, diesen dahergelaufenen Iren, wie er Rory O’Connor nannte, jemals wieder
zu sehen.
Giovanna jedoch blieb stur. Eines Nachts packte sie ihre Sachen, hinterließ
einen Abschiedsbrief und verließ mit ihrem Geliebten San Diego. Gleich darauf
heirateten die beiden und neun Monate später wurde Chris geboren. Das Paar zog
mit dem Baby nach Los Angeles, wo Rorys Mutter lebte. Sie war zu Beginn nicht
gerade begeistert von ihrer Schwiegertochter, doch Giovannas sonniges Wesen ließ
sie ihren Groll über die Wahl ihres Sohnes schnell vergessen. Und da war ja auch
noch Mini-Chris, in den sich die ältere Mrs. O’Connor sofort verliebte.
Das junge Paar zog in eine winzige Wohnung, da Giovanna ihre Schwiegermutter
zwar inzwischen mochte, aber nicht mit ihr unter einem Dach wohnen wollte. Erst
nach dem Tod von Mrs. O’Connor siedelte die kleine Familie in deren Häuschen um.
Rory war das einzige Kind gewesen und so gab es niemanden, mit dem er das Erbe
teilen musste.
Chris hatte eine glückliche Kindheit. Seine Eltern hatten zwar nicht viel Geld,
doch es mangelte ihm nie an Aufmerksamkeit und Fürsorge. Giovanna konnte nach
Chris keine Kinder mehr bekommen und so schenkte sie all ihre Liebe ihrem
einzigen Sohn und natürlich ihrem Ehemann.
„Als Mom starb, da war es, als wäre die Sonne untergegangen und würde nie mehr
aufgehen“, flüsterte Chris. „Ich konnte es tagelang nicht glauben, dass sie nie
mehr zur Tür hereinkommen würde, mich nie wieder wegen irgendeinem Blödsinn auf
italienisch ausschimpfen...“ Er machte eine Pause und schloss die Augen. „…oder
mich nie mehr in den Arm nehmen und mich trösten würde, wenn mal wieder
irgendetwas schief gegangen war…“
Alexandra legte die Arme um Chris und hielt ihn fest. Ihr Herz weinte für den
unschuldigen Jungen, der seine Mutter verloren hatte, als er sie noch so
dringend gebraucht hätte.
„Was ist eigentlich mit deinen Verwandten, der Familie deiner Mutter, meine
ich?“ fragte sie nach einer Weile, als sie sicher sein konnte, ihrer Stimme
wieder trauen zu können.
„Keine Ahnung, wir hatten nie Kontakt zu ihnen. Dad hat ihnen geschrieben als
Mom im Krankenhaus lag und wir wussten, dass sie schwer krank war. Es ist nie
eine Antwort gekommen…“ Chris schnaubte. “Wahrscheinlich wissen sie gar nicht
dass Mom tot ist und es interessiert sie auch nicht.“
Alexandra schwieg. Die ganze Sache erinnerte sie auf seltsame Art und Weise an
ihre eigene Situation. Sie war zwar nicht wegen eines Mannes von ihrer Familie
sozusagen verstoßen worden, aber das Ergebnis war das Gleiche. Die einzige
Person, zu der sie noch ab und zu Kontakt hatte war ihre Mutter und diese
sporadischen Telefongespräche endeten meist in einem Streit. Mit ihrem Vater
hatte Alexandra schon seit Jahren nicht mehr gesprochen, ebenso wenig wie mit
ihren Geschwistern.
„Das weißt du doch nicht“, entgegnete sie. „Vielleicht ist der Brief nie
angekommen.“
Chris zuckte mit den Schultern.
„Ist ja auch egal. Ich brauch sie nicht“, sagte er trotzig.
Alexandra wären einige Gegenargumente eingefallen, doch sie zog es vor, diese
nicht zu äußern. Die ganze Geschichte lag mehr als zwanzig Jahre zurück, die
Gemüter hatten sich mit Sicherheit längst beruhigt und vielleicht hätte es
Giovannas Eltern doch interessiert, was aus ihrer Tochter geworden war. Und
vielleicht hätten sie gern ihren Enkel kennen gelernt. Man sollte die Hoffnung
nie aufgeben, obwohl Alexandra selbst sie bei ihrer eigenen Familie verloren
hatte.
„Wie viele Geschwister hatte deine Mutter eigentlich?“ fragte sie.
„Fünf, glaube ich. Drei Schwestern und zwei Brüder. Sie hat nicht oft von ihnen
gesprochen. Aber ich schätze, sie hat sie vermisst…“
Das konnte Alexandra nachfühlen. Mit Karen, ihrer Schwester, hatte sie zwar nie
viel verbunden, aber dass vor neun Jahren nicht einmal ihr Bruder Justin, das
mittlere der drei Hastings-Kinder, zu ihr gehalten hatte, hatte weh getan und
schmerzte noch immer. Aber er hatte damals mitten im Jura-Studium gesteckt, das
er auf Wunsch ihres Vaters begonnen hatte und hatte wohl gefürchtet, dessen
Unterstützung zu verlieren. Feige, aber dennoch verständlich. Alexandra hatte
ihm längst verziehen, doch Justin hatte sich nie bei ihr gemeldet. Er arbeitete
er jetzt genau wie Karen, für ihren Vater und stand vermutlich völlig unter
dessen Fuchtel.
Tiefe, regelmäßige Atemzüge ließen sie erkennen, dass Chris eingeschlafen war.
Wieder war ein stressiger, ereignisreicher Tag zu Ende gegangen. Alexandra
hoffte, dass nun endlich wieder ein wenig Ruhe einkehren würde, wenigstens
vorübergehend, damit sie Kräfte für das sammeln konnten, was vor ihnen lag.
Alexandras Wunsch
schien wenigstens teilweise in Erfüllung zu gehen. Der folgende Tag blieb
weitestgehend ereignislos, bis auf einen Anruf von Ian, der sie wissen ließ,
dass Jack nun auf Kaution frei war und jetzt bei ihm wohnte. Ihm ging es nicht
besonders gut und er wollte im Moment noch niemanden sehen und mit niemandem
sprechen.
Ein weiterer Anruf kam von Julie, die, etwas verspätet, nun auch von Jacks
Verhaftung erfahren hatte. Alexandra verbrachte eine gute Stunde damit, ihre
Freundin darüber aufzuklären, was eigentlich passiert war.
Nachdem Alexandra sie dahingehend hatte beruhigen können, dass Jack vermutlich
freigesprochen werden würde, galt Julies Hauptsorge Chris und wie er es
aufgenommen hatte.
Alexandra war wieder einmal überrascht, dass ihre oft so oberflächlich
erscheinende Freundin soviel Einfühlungsvermögen bewies. Es war doch mehr an
Julie dran als ihre manchmal etwas zu offenherzige Arte vermuten ließ.
Julie war erst zufrieden gestellt, als sie mit Chris selbst reden konnte. Das
Gespräch war ziemlich einseitig, Chris antwortete meist mit einem Brummen oder
einem wenig informativen „Ja“ oder „Nein“. Die längste Äußerung war „Mach dir
keine Sorgen, Julie, ich bin okay. Alex passt schon auf mich auf.“ Aber er
lächelte, als er Alexandra den Hörer zurückgab.
Der Freitag verlief ansonsten recht ruhig, worüber niemand im Hause Hastings
böse war.
Samstag Vormittag ging Alexandra mit Chris Einkaufen. Sie schickte ihn zwar oft
allein, aber manchmal brauchte frau eben Dinge, für die ein männliches Wesen
einfach kein Verständnis und Gefühl aufbrachte. Chris bildete in dieser
Beziehung keine Ausnahme.
Nachdem Chris ihr einmal statt Waschpulver ein Paket Waschmaschinenentkalker
mitgebracht hatte, übernahm sie derartige Besorgungen lieber selbst. Sie wollte
sich gar nicht vorstellen, was in seinem Einkaufswagen gelandet wäre, wenn sie
jemals auf die irrwitzige Idee gekommen wäre, Tampons auf seine Einkaufsliste zu
schreiben. Vermutlich hätte er ihr irgendetwas aus dem Baumarkt mitgebracht…
Sie fuhren raus ins Einkaufszentrum, da Chris festgestellt hatte, dass er noch
ein paar Schulbücher brauchte und es dort neben diversen anderen Geschäften auch
eine große Buchhandlung gab. Charlie musste diesmal zu Hause bleiben, was etwas
missmutig von ihm aufgenommen wurde. Alexandra ermahnte ihn beim Abschied
streng, keinen Unsinn anzustellen und die Schubladen in Ruhe zu lassen. Zur
Sicherheit gab sie ihm aber noch einen großen Kauknochen, den sie für eine
derartige Gelegenheit in Reserve hatte und hoffte, dass dieser den Hund eine
Weile beschäftigen würde.
Am Einkaufszentrum angekommen, trennten sie sich. Alexandra wollte sich in der
Zeit, die Chris in der Buchhandlung verbrachte, den Wonnen eines kurzen
Einkaufsbummels hingeben. Außerdem hatte Chris erwähnt, dass er mit Mike wegen
eines Internetanschlusses telefoniert hatte und sich von diesem hatte erklären
lassen, was er dafür brauchte. Deswegen wollte er auch noch in den
Computerladen. Also konnte es etwas dauern, bis er fertig war.
Mit der Vereinbarung, sich in eineinhalb Stunden vor dem Supermarkt zu treffen,
verabschiedete sich Chris von Alexandra mit einem kleinen Kuss. Alexandra sah
ihm nach, wie er davon schlenderte. Obwohl er sich inzwischen nicht mehr gar so
wild und provokativ kleidete, sah er immer noch aus wie ein rebellischer
Teenager. Alexandra lächelte vor sich hin. In diesen sanften, verletzlichen
Rebellen hatte sie sich schließlich verliebt…
Sie blickte sich um. Ah ja, da vorne war der Laden, den sie unbedingt allein und
ungestört hatte aufsuchen wollen…
Knappe eineinhalb Stunden später stand Alexandra ungeduldig wartend mit mehreren
Einkaufstüten in der Hand vor dem Supermarkt. Wo steckte Chris bloß? Ein paar
Bücher und Kabel zu kaufen konnte doch nicht so lange dauern. Eigentlich hätte
es eher umgekehrt sein müssen, Chris hätte an ihrer Stelle hier stehen und
ungeduldig vor sich hinschimpfen müssen. Sie konnte noch nicht einmal ihre
Einkäufe im Wagen verstauen, da Chris gefahren war und die Autoschlüssel dabei
hatte.
„Alex? Mensch, das gibt’s ja nicht!“
Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr Alexandra herum. Da stand Patrick, ihr
alter Sportkamerad, mit dem zusammen sie jahrelang trainiert hatte und hatte
seine Arme weit ausgebreitet.
„Pat!“ rief sie überrascht und stürzte auf ihn zu.
Ungeachtet der vielen Tüten an ihren Handgelenken umarmte sie den blonden, groß
gewachsenen Mann stürmisch.
„Hey, ist ja toll, dich mal wieder zu sehen! Wir haben uns ja total aus den
Augen verloren“, lachte Patrick und drückte sie fest an sich.
Alexandra kannte Patrick schon vor der Sache mit Kevin. Er war einer der wenigen
gewesen, denen sie irgendwann zumindest einen Teil davon erzählt hatte. Er
zählte auch zu den wenigen Männern, die vor ihrer scharfen und bissigen Zunge
größtenteils sicher waren.
Pat und sie hatten oft gemeinsam auf Prüfungen hin trainiert und waren ein
eingespieltes Team gewesen. Vor etwa eineinhalb Jahren war er nach der Geburt
seiner Tochter mit seiner Frau nach Idaho gezogen, wo deren Eltern lebten. Sie
hatten sich zwar versprochen, in Kontakt zu bleiben, doch wie bei so vielem im
Leben war daraus nichts geworden.
„Was machst du denn hier?“ fragte Alexandra, nachdem sich die Aufregung über das
unerwartete Wiedersehen etwas gelegt hatte.
„Bin vor kurzem hergezogen, das war doch nichts für mich in Idaho. Ich bin und
bleibe nun mal Kalifornier. Und du? Trainierst du noch bei Jeff?“
Alexandra schüttelte den Kopf. „Nicht mehr regelmäßig. Meine Tante ist gestorben
und hat mir ihr Haus hinterlassen. Ich hab mir dort eine eigene Praxis
eingerichtet. Macht `ne Menge Arbeit und da nimmst du die eineinhalb Stunden
Fahrt hin und zurück nicht mehr so oft in Kauf.“
Patrick machte ein betroffenes Gesicht. „Hey, tut mir leid wegen deiner Tante.
War `ne nette Frau.“
„Ja, das war sie…“
Alexandra sah zu Boden. Patrick hatte Tante Claire mal bei einem Wettbewerb
kennen gelernt, an dem Alexandra teilgenommen und zu dem ihre Tante sie
begleitet hatte. Die beiden hatten sich auf Anhieb gut verstanden und Tante
Claire hatte bedauert, dass Patrick bereits in festen Händen war, da sie ihn
sich gut hätte als Schwiegerneffen vorstellen können.
„Hey, hättest du nicht Lust, wieder mehr zu trainieren, wenn die Gelegenheit
dazu da wäre?“ unterbrach Patrick nach etwa einer Minute das unbehagliche
Schweigen, das sich ausgebreitet hatte.
„Wie meinst du das?“
Patrick grinste verlegen. „Weil ich vor drei Monaten hier in der Nähe ein
eigenes Dojo aufgemacht habe. Klein, aber fein und mein. Willst du’s dir
vielleicht mal ansehen? Ich könnte auch noch `nen zusätzlichen Trainer
gebrauchen….“
Alexandra sah ihren alten Sportkameraden erstaunt an.
„Du hast ein Dojo eröffnet? Wirklich? Na klar sehe ich mir das an! Über den
Trainerposten müssen wir uns noch unterhalten.“
„Es wäre ja nur ein-, höchstens zweimal die Woche. Dafür darfst du auch umsonst
bei mir trainieren.“
Patricks hoffnungsvollem Blick und der Versuchung, endlich wieder regelmäßig
ihren geliebten Sport ausüben zu dürfen, konnte Alexandra nicht widerstehen.
„Einverstanden“, sagte sie und reichte Patrick ihre mit Tüten behängte Hand.
Der schlug ein und starrte dann amüsiert auf eine der Taschen.
„Victoria’s Secret? Alex, du schockierst mich…“
Gespielt empört schnalzte er mit der Zunge.
„Hab ich nicht mit dir mal über die Verworfenheit der Männer diskutiert, die auf
Reizwäsche stehen und die Frauen angeblich nur als Sexobjekte sehen? Das warst
doch du, oder?“
Alexandra fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. An diese Diskussion
konnte sie sich noch recht gut erinnern. Sie hatte hitzig den Standpunkt
vertreten, dass alle Männer, nun ja, fast alle, nur notgeile Böcke waren, für
die Frauen nur gut genug für’s Bett oder ihre Karriere waren.
„Das war ich“, gab sie zerknirscht zu. „Aber da ist keine Reizwäsche drin, nur…“
Ja, was nur? Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie doch ein paar recht scharfe
Teile erstanden. Und sie hatte dabei an Chris gedacht. Sie wusste, dass er sie
begehrenswert fand, egal, was sie trug, doch sie war auch neugierig auf seine
Reaktion, wenn er sie einmal in etwas anderem als nur ihrer normalen
Baumwollunterwäsche sehen sollte. Nicht heute Nacht und vielleicht auch nicht
morgen Nacht, aber irgendwann würde der Zeitpunkt kommen, an dem sie auch die
letzte Hürde in ihrer Beziehung nehmen würden. Und für die Zeit danach hatte sie
schon mal vorgesorgt…
Aber das konnte sie Patrick schlecht erklären und so suchte sie krampfhaft nach
einer Ausflucht.
Patrick verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie forschend.
„Komm schon, Alex, du kannst es mir sagen“, schmeichelte er. „Es gibt da
jemanden, wegen dem du das Zeug gekauft hast.“
Alexandra holte tief Luft. Wenn sie Patrick in Zukunft öfter treffen würde, dann
würde er es ja sowieso erfahren. Also konnte sie gleich die Wahrheit sagen.
„Also gut, ich habe einen Freund“, gestand sie zögernd.
„Ha, wusste ich es doch, dass du irgendwann kapitulierst“, triumphierte Patrick.
Alexandra seufzte. Genau aus diesem Grund hatte sie es eigentlich hinauszögern
wollen, Patrick von Chris zu erzählen. Er würde sich einen Riesenspaß daraus
machen, ihr diese Tatsache bei jeder Gelegenheit unter die Nase zu reiben. Sie
hatte ihn damals vermutlich zuviel Nerven gekostet…
„Alex?“
Sie fuhr herum, als sie Chris’ Stimme hinter sich hörte. Er hatte sich also doch
endlich herbequemt.
Sie hätte eigentlich erwartet, ihn mit vollen Einkaufstüten zu sehen, nach der
Zeit zu urteilen, die er gebraucht hatte um zu ihrem Treffpunkt zu kommen, doch
er hatte nur eine kleine Pappschachtel in der Hand.
„Sag mal, was hast du denn fast zwei Stunden lang getrieben?“ erkundigte sie
sich vorwurfsvoll.
Chris zuckte verlegen mit den Schultern. „In der Buchhandlung hatten sie die
Sachen nicht da, die ich haben wollte, es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis
die Verkäuferin sie mir bestellt hat, dann hab ich Mrs. Enderby getroffen, die
mir ein Ohr abgekaut hat wegen ihren beiden Pekinesen, und im Computerladen
musste ich auch eine Weile warten, weil so viel los war. Tut mir leid.“
„Du hast Mrs. Enderby getroffen? Was wollte sie denn schon wieder?“
„Ach, ihre Hunde leiden wieder mal an Verstopfung. Ich hab ihr gesagt, sie soll
ihnen keine Schokopralinen mehr geben, so wie du es auch immer tust.“
Alexandra lächelte sarkastisch. „Da hat sie sich sicher gefreut.“
„Begeistert war sie nicht, aber sie hat mir versprochen, dass sie es mal eine
Weile versuchen würde.“
„Sie hat was?“ Alexandra starrte Chris mit offenem Mund an. Patrick, der der
Unterhaltung interessiert lauschte, hatte sie völlig vergessen.
„Das glaub ich einfach nicht! Ich predige ihr seit Wochen, dass Schokolade nicht
gesund für ihre Tiere ist, ohne Erfolg, und du sagst es einmal zu ihr und sie
will es wenigstens versuchen? Hast du die Frau hypnotisiert oder was?“
„Hey, tut mir leid, wenn ich euch unterbreche, aber ich muss nach Hause, Becky
braucht den Wagen“, meldete Patrick sich zu Wort.
Alexandra drehte sich wieder zu ihm um.
„Oh, Pat, entschuldige, ich bin ein solcher Stoffel. Das ist Chris…Chris, das
ist Patrick Delany, ein alter Freund und Sportkamerad von mir. Wir haben uns
gerade zufällig getroffen.“
Patrick beugte sich an Alexandra vorbei vor und streckte Chris die Hand hin.
„Hallo, erfreut, dich kennen zu lernen“, sagte er freundlich, wobei er Alexandra
allerdings einen überraschten Blick zuwarf.
Nach kurzem Zögern ergriff Chris die dargebotene Hand und schüttelte sie.
„Ja, hallo, gleichfalls“, erwiderte er verwirrt.
Patrick nickte ihm nochmals zu, bevor er sich wieder an Alexandra wandte.
„Ich muss leider wirklich gleich los. Wieso kommt ihr beide nicht einfach heute
Abend bei uns vorbei und ich zeige dir bei der Gelegenheit schon mal das Dojo.
Wir könnten dann auch besprechen, an welchen Tagen es für dich möglich wäre, das
Training zu übernehmen.“
“Ist Becky denn das Recht, wenn du so kurzfristig Gäste einlädst?“
Patrick winkte ab. „Becky sieht das nicht so eng. Notfalls lassen wir etwas vom
Italiener an der Ecke zum Essen kommen. Das ist gar kein Problem.“
Nun stimmte Alexandra zu. „Okay, dann kommen wir heute Abend zu dir.“
Sie tauschten noch die Adressen und die Telefonnummern, dann verabschiedete sich
Patrick, allerdings nicht, ohne ihr belustigt zuzuwinkern, und eilte davon.
„Alex, worum ging’s hier eigentlich gerade? Wovon hat dieser Patrick geredet?“
erkundigte sich Chris vorsichtig.
Alexandra grinste. Endlich war wieder einmal etwas Positives in ihrem Leben
passiert. Nicht, dass sie die Tatsache, dass sie sich in Chris verliebt hatte,
als negativ empfunden hätte, nein, das bestimmt nicht.
Aber es hatte in der letzten Zeit soviel Stress und Ärger gegeben, dass sie so
eine Aufmunterung, wie Patricks Erscheinen und Angebot für sie darstellte,
wirklich gebrauchen konnte. Und sie hatte das regelmäßige Kampfsporttraining
einfach vermisst. Die Kurse, die sie gelegentlich gab, waren kein Ersatz dafür,
mit einem ebenbürtigen Partner zur trainieren oder sogar mit Leuten, von denen
sie noch etwas lernen konnte.
„Patrick hat ein Dojo hier in der Nähe eröffnet. Und er hat mich gefragt, ob ich
ihn nicht beim Training unterstützen würde“, erklärte sie vergnügt.
Chris’ Gesicht war ein einziges großes Fragezeichen.
„Was bitte ist ein Dojo? Hört sich eher nach was zum Essen an…“
Alexandra musste sich zusammenreißen, um nicht loszulachen. Klar, wenn man den
Begriff noch nie gehört hatte und sie war sich sicher, dass sie ihn Chris
gegenüber noch nie gebraucht hatte, dann hörte er sich für einen Außenstehenden
schon etwas merkwürdig an und konnte die seltsamsten Assoziationen wecken.
„Ein Dojo ist ein Ort, an dem Kampfsport trainiert wird, Jiu-Jitsu zum
Beispiel“, klärte sie Chris auf.
„Aha…“ Chris schien diese Information zu verarbeiten und mit der vorherigen zu
verbinden.
„Also dann willst du jetzt bei diesem Patrick trainieren und ihm auch helfen,
hab ich das richtig verstanden?“ vergewisserte er sich.
Alexandra war nicht entgangen, dass bei den Worten „dieser Patrick“ etwas wie
Eifersucht in Chris’ Stimme mitgeschwungen hatte. Gott-sei-Dank hatte er ihre
überschwängliche Begrüßung nicht miterlebt. Er war gewohnt, dass sie Männern
gegenüber normalerweise kühl und reserviert war, da hätte sie wohl eine Weile
gebraucht um ihm zu erklären, dass Patrick wirklich nur ein guter alter Freund
war, der sich zudem noch in einer festen Beziehung befand und sogar ein Kind
hatte.
„Genau. Und das wollen wir heute Abend besprechen. Du kommst doch mit, nicht
wahr?“
Chris sah sie unschlüssig an.
„Ich will da nicht stören“, sagte er mürrisch. „Ihr habt euch sicher einiges zu
erzählen…“
Alexandra schüttelte den Kopf. Wie konnte man nur so kindisch sein.
„Sei nicht albern. Patricks Frau ist auch da. Die zügelt uns schon, wenn wir zu
sehr ins Fachsimpeln geraten und euch langweilen. Du gehst mit und fertig!“
Damit war für Alexandra die Sache erledigt. Sie würde nicht zulassen, dass Chris
sich in sein Schneckenhaus zurückzog, nur weil sie einen alten Freund getroffen
hatte, den er nicht kannte. Sie würde ihm eben heute Nachmittag noch ein wenig
von Patrick erzählen, dann würde er schon begreifen, dass seine Eifersucht und
Unsicherheit unbegründet waren.
Als Chris schwieg, gab sie ihm einen freundschaftlichen Schubs mit dem Ellbogen.
„Nun guck nicht so mufflig“, beschwerte sie sich. „Du wirst Patrick und Becky
mögen. Und jetzt bringen wir das Zeug ins Auto.“ Sie schwenkte ihre Taschen.
„Okay“, seufzte Chris ergeben, wobei nicht ganz deutlich wurde, was er denn nun
zustimmte. Dass er sie abends begleiten sollte oder einfach dem, die Sachen im
Auto zu deponieren. Er folgte Alexandra, als sie zielstrebig auf ihren Pick-up
zusteuerte, den sie bereits in Supermarktnähe geparkt hatten.
***
Beim Abendessen bei den Delanys dauerte es trotz aller Vorbereitung von
Alexandra doch eine ganze Weile, bis Chris ein wenig auftaute und etwas mehr als
nur einsilbige Antworten gab.
Becky war eine hübsche Rothaarige mit einem ausgeprägten Sinn für Humor, die
immer wieder versuchte, Chris in die Unterhaltung mit einzubeziehen.
„Sag mal, wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt? Oder besser gesagt, wie
ist es dir gelungen, das Stachelschwein Alex rumzukriegen?“ fragte sie
neugierig, als sie alle die Nachspeise löffelten, Vanilleeis mit heißen
Himbeeren.
Jenny, das einjährige Töchterchen des Paares, hatte auch eine kleine Kugel
bekommen, die sie munter brabbelnd mit ihrem Löffel zermatschte, und auf der
Tischplatte ihres Hochstuhls, auf ihrem Lätzchen und ihrem Gesicht verteilte.
Chris’ Wangen färbten sich rosa und er warf Alexandra einen Hilfe suchenden
Blick zu.
„Ähm, ich hab für sie gearbeitet, Renovierungsarbeiten am Haus durchgeführt
und…und da hat es halt irgendwann gefunkt…“ stammelte er.
„Ist das die Wahrheit, Alex?“ bohrte Patrick grinsend nach. „Bei wem hat’s den
zuerst gefunkt, wenn ich fragen darf?“
„Darfst du nicht“, entgegnete Alexandra würdevoll. „Das bleibt unser Geheimnis.“
Sie hatte Chris vor einer Weile gefragt, wann er eigentlich zum ersten Mal so
richtig gemerkt hatte, dass sie für ihn mehr war als nur seine Arbeitgeberin und
gute Freundin. Er hatte ihr gestanden, dass es in der Nacht gewesen war, als sie
ihm im betrunkenen Zustand erklärt hatte, dass sie sich in ihn verliebt hatte.
Danach hatte er vergeblich versucht, dagegen anzukämpfen.
Patrick lachte und reichte über den Tisch um ihr auf die Schulter zu klopfen.
„Schon gut, Mädel, nimm’s mir nicht krumm, aber ich kann einfach nicht
widerstehen, dich ein wenig aufzuziehen. Friede?“
Alexandra sah ihren Sportkameraden misstrauisch an. Friede für wie lange? So,
wie sie Patrick von früher kannte, würde er nicht so schnell aufhören, sie zu
foppen. Na ja, wenn sie es recht bedachte, sie würde an seiner Stelle auch
nichts anderes tun, sie hatte ihn zu oft in Streitgespräche über die
Unzulänglichkeiten der Männerwelt verstrickt. Jemand mit weniger Humor als
Patrick hätte ihr wohl damals schnell die Freundschaft gekündigt. Sie musste
aber in einem ungestörten Augenblick dafür sorgen, dass er wenigstens Chris in
Ruhe lassen würde.
„Friede“, entgegnete sie. „Wenigstens für heute Abend.“
„Genau“, gluckste Patrick. „Nichts für ungut, Chris, aber Alex hat mir einmal zu
oft erklärt, dass sie mit Männern nichts mehr zu tun haben wolle, weil wir
einfach so unvollkommene und unnütze Geschöpfe sind.“ Er grinste Chris
entschuldigend an.
Der grinste zurück. „Ich weiß. Das muss ich mir auch immer wieder anhören.“
Patrick sah ihn anerkennend an.
„Tatsächlich? Wow, dann hast du starke Nerven, wenn du es mit ihr aushältst.“
Er duckte sich lachend, als Alexandra mit einem empörten Aufschrei ihre
Serviette nach ihm warf.
„Idiot! Was tätet ihr denn ohne uns Frauen! Wahrscheinlich in Lehmhütten hausen,
Hauptsache, es gäbe dort Stromanschluss für einen Fernseher, einen Kühlschrank
für’s Bier und einen Computer!“
Soviel zu Patricks Angebot für einen Waffenstillstand. In diesem Stil ging es
noch eine ganze Weile, zu Alexandras Erleichterung beteiligte sich auch Chris an
den bissigen Neckereien. Sie musste sich einiges anhören, doch es machte ihr
nichts aus, wenn sie ihn dafür unbeschwert lachen hören konnte.
Sie hörten erst auf damit, als Jenny anfing zu quengeln und Becky beschloss,
dass es Zeit wäre, die Kleine ins Bett zu bringen. Das Angebot, ihr noch beim
Aufräumen zu helfen, lehnte die junge Frau freundlich aber bestimmt ab und
schickte die drei stattdessen los um Patricks ganzen Stolz zu besichtigen.
***
Patrick fuhr mit Chris und Alexandra zu dem Gebäude, in dem der Trainingsraum
lag. Es befand sich nicht weit entfernt vom Einkaufszentrum. Im Erdgeschoss gab
es ein Fitnessstudio, durch die hell erleuchteten Fenster konnte man sehen, dass
dort noch reger Betrieb herrschte.
Patrick ging durch den Haupteingang, dann steuerte er die Treppe in den Keller
an.
„Hey, liegt dein Dojo unterirdisch? Da muss ich jetzt aber noch schwer drüber
nachdenken ob ich dein Angebot annehme. Ich bin doch kein Maulwurf“, frozzelte
Alexandra. Rache war süß.
Sie lachte, als Patrick ihr mit einer eindeutigen Geste seiner Hand zeigte, was
er von ihrer abwertenden Bemerkung über sein Allerheiligstes hielt. Selber
schuld, er hatte angefangen.
Im Keller angekommen, hielt Patrick vor einer der beiden Türen an, die es dort
unten gab und kramte in der Tasche seiner Jeans nach dem Schlüssel. Dann öffnete
er die Tür mit einer pompösen Geste und machte das Licht an.
„Tada! Bitte einzutreten, Mylady…und Mylord“, fügte er augenzwinkernd an Chris
gerichtet hinzu. „Und jetzt sag noch Mal, dass dir das nicht gut genug ist.“
Alexandra ging vor und sah sich um. Zwei Türen gingen seitlich weg, die
vermutlich zu den Umkleideräumen und den Duschen führten.
Der Trainingsraum selbst war mit Holzparkett ausgelegt, über die vordere Wand
erstreckte sich ein überdimensionaler Spiegel und in einem Regal in der Ecke
befanden sich diverse Stöcke und andere Dinge, die man im Training manchmal
benötigte.
„Hey, das ist ja ein Traum!“ entfuhr es Alexandra unwillkürlich. „Was war das
vorher?“
„’Ne Ballettschule. Ich musste eigentlich nichts machen, außer mir das Zeug da
drüben besorgen.“ Patrick deutete auf das Regal.
„Da hast du wirklich Glück gehabt.“
„Und, was sagst du jetzt? Bist du immer noch dabei?“
„Aber sicher! An welchem Tag soll ich das Training übernehmen?“
„Wäre Montag okay? Sonst nur, wenn ich wirklich mal verhindert bin.“
„In Ordnung. Um welche Uhrzeit fängst du mit dem Training an?“
„Halb acht. Und dann eineinhalb Stunden.“
Alexandra überlegte. Um diese Zeit war sie auch schon zu Hause, wenn Chris seine
Termine bei Doktor Winslow hatte. Also stünde auch gelegentlichen Vertretungen
nichts im Wege. Oder ihrem eigenen Training.
„Du hast deine Aushilfstrainerin und ein neues Mitglied“, sagte sie.
„Das ist absolut megamäßig superklasse!“ freute sich Patrick und strahlte über
das ganze Gesicht. „Fängst du Montag gleich an?“
„Hey, warte, ich würde gern erst mal mit dir ein, zwei Stunden trainieren, ich
bin ein wenig eingerostet“, protestierte Alexandra lachend. „Übernächste Woche?“
„Auch gut, dann lernst du die Leute kennen“, stimmte Patrick zu. „Es sind
meistens welche, die ich aus einem Dojo übernehmen konnte, das vor kurzem
geschlossen hat. Darum gibt’s auch etliche höhere Graduierungen. Langweilig
wird’s dir also bestimmt nicht.“
Dann wandte er sich an Chris, der der ganzen Unterhaltung mit ziemlich
unbeteiligter Miene gelauscht hatte und etwas verloren wirkte.
„Was ist eigentlich mit dir? Keine Lust, das mal auszuprobieren?“
„Chris hat schon mal an einem der Kurse teilgenommen, die ich ab und zu im
Gemeindezentrum gebe“, warf Alexandra ein.
Sie fürchtete, dass Chris sich gedrängt fühlen würde, auf Patricks Vorschlag
einzugehen. Hier im Dojo trainierten vermutlich sehr viele Männer und sie hatte
keine Ahnung, ob Chris schon weit genug war, es ertragen zu können, wenn ein
Mann ihn angriff oder anfasste, ohne dass er ausrastete, auch wenn der Angriff
nur gespielt war.
Patrick machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Wenn du an so `nem Kurs teilgenommen hast, dann kannst du ein paar
Grundbegriffe und ein paar Tricks. Richtig kämpfen lernst du nur, wenn du
regelmäßig trainierst. Und wenn du’s erst mal richtig kannst, dann strahlst du
viel mehr Selbstbewusstsein aus und schreckst dadurch mögliche Angreifer
vielleicht schon mal ab.“
Alexandra stöhnte innerlich. Hatte Patrick das jetzt sagen müssen? Es war ja
nicht so, dass sie nicht wollte, dass Chris Jiu-Jitsu anfing, sie machte sich
nur Sorgen, ob er das Training und alles, was damit verbunden war, durchstehen
würde.
„Ich seh’s mir mal an“, antwortete Chris ausweichend, aber Alexandra konnte an
dem Funkeln in seinen Augen erkennen, dass Patrick ihn fast überzeugt hatte.
„Wäre es okay, wenn ich Alex einfach mal ins Training begleite?“
„Sicher, komm einfach die nächste Woche mit, ganz unverbindlich.“
Herzlichen Dank, Patrick, schnaubte Alexandra innerlich. Jetzt kann ich mir zu
Hause den Mund fusslig reden um Chris von dieser Idee wieder abzubringen.
Nach der Besichtigung des Dojos fuhren Chris und Alexandra noch mit zurück zu
dem Haus, in dem Patrick wohnte. Sie gingen jedoch nicht mehr mit hinein,
sondern Alexandra entschuldigte sich mit der Begründung, dass sie Charlie nicht
so lange alleine lassen konnten. Er war heute Mittag schon schwer beleidigt
gewesen.
„Du redest von diesem unidentifizierbaren Fellknäuel, das du mal gefunden hast?“
erkundigte sich Patrick, nachdem Alexandra ihm ihr Dilemma geschildert hatte.
„Fellknäuel ist gut“, grinste sie. „Er reicht mir fast bis zur Hüfte.“
Patrick stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
„Wer hätt’s gedacht.“
„Mach’s gut, Pat, wir müssen jetzt wirklich. Sag Becky vielen Dank für das Essen
und liebe Grüße“, verabschiedete sich Alexandra, während sie die Autoschlüssel
aus ihrer Jackentasche zog.
„Bis Montag dann“, sagte Patrick, bevor er sich an Chris wandte. „Und du denk
mal drüber nach. Würd mich freuen, wenn du dich dazu entschließt, am Training
teilzunehmen.“
„Wieso zum
Geier willst du nicht, dass ich mitkomme?“ fragte Chris frustriert nachdem sie
zu Hause waren und Alexandra ihm erklärt hatte, dass es ihr lieber wäre, wenn er
sie am Montag nicht begleiten würde.
„Chris…“ Alexandra sah ihn verzweifelt an. Er ließ sich einfach nicht davon
abbringen. Vielleicht musste sie ihm wirklich offen ihre Bedenken mitteilen. Sie
setzte sich auf einen Küchenstuhl und bedeutete ihm, das Gleiche zu tun. Er zog
einen Stuhl heran und setzte sich rittlings darauf.
„Also, wieso soll ich nicht mit? Schämst du dich etwa, mit mir gesehen zu
werden?“ fragte er herausfordernd. Seine Stimme klang dabei bitter.
„Red keinen Unsinn! Natürlich schäme ich mich nicht für dich!“ Empört wies sie
diese Unterstellung zurück.
„Was ist es dann? Wieso willst du nicht, dass ich lerne, mich richtig zu
verteidigen?“
Alexandra schloss einen Moment lang die Augen. Wieso kam er denn nicht selbst
auf die Idee, dass er wahrscheinlich nicht einmal eine Stunde durchstehen würde?
„Chris, darum geht es doch gar nicht. Ich bin sicher, Patrick hätte nichts
dagegen wenn ich am Wochenende im Dojo mit dir allein trainiere. Aber…im
regulären Training sind auch sehr viele Männer. Das ist kein Vergleich zu dem
Kurs, an dem du teilgenommen hast. Du kannst nicht davon ausgehen, dass du immer
eine Frau als Partnerin bekommst. Du musst in die Männerumkleidekabine, in die
Männerdusche…Glaubst du wirklich, dass du das schon schaffst?“
Chris sah zu Seite und schluckte. Daran schien er noch gar nicht gedacht zu
haben. Alexandra glaubte schon, gewonnen zu haben, als er den Blick wieder auf
sie richtete. In seinen dunklen Augen stand wilde Entschlossenheit.
„Ja, das schaffe ich“, sagte er fest. „Ich kann damit umgehen.“
Alexandra rieb sich mit der Hand über die Stirn. Das konnte doch nicht wirklich
sein Ernst sein. Sie hatte erst heute, als sie gemeinsam im Supermarkt gewesen
waren, gemerkt, wie er sich immer wieder wachsam umgesehen und einen großen
Bogen um Typen gemacht hatte, die ihm auf irgendeine Art und Weise bedrohlich
erschienen sein mussten. Chris war sich dieses Verhaltens vielleicht gar nicht
bewusst, aber es war nun einmal eine Tatsache, dass alle seine Sinne auf
Rotalarm waren, sobald fremde Männer in der Nähe waren.
„Das glaube ich nicht“, entgegnete sie leise. „Warte noch ein wenig, mach die
Therapie bei Doktor Winslow zu Ende, dann kannst du immer noch damit anfangen.“
Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und starrte sie an. Alexandra
wünschte, sie wüsste, was jetzt in ihm vorging. Sie hoffte nur, dass sein
gesunder Menschenverstand die Oberhand über seine Sturheit behielt. Denn
wirklich verbieten konnte und wollte sie ihm nicht, dass er es wenigstens
versuchte. Wie Chris einmal so treffend bemerkt hatte, war sie nicht seine
Mutter und er war erwachsen und konnte seine eigenen Entscheidungen treffen -
auch wenn diese nicht immer die klügsten waren.
„Nein, ich will nicht warten. Am Montag komm ich mit.“
Alexandra seufzte. Chris’ Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er sich durch nichts
umstimmen lassen würde. Also blieb ihr nichts anderes übrig als zu kapitulieren.
„Also gut…“ sagte sie langsam. „Aber ich hab dich gewarnt. Richtiges
Kampfsporttraining ist kein Zuckerschlecken.“
***
Für den Rest des Wochenendes mied Alexandra das Thema Training. Sie hoffte noch
immer, dass Chris einsehen würde, dass das Ganze noch nichts für ihn war und sie
verfluchte Patrick für seine anfeuernden Worte. Das war vielleicht ein wenig
ungerecht, der Guteste hatte ja keine Ahnung von Chris’ Hintergrund, aber einen
Schuldigen brauchte sie einfach.
Am Montagvormittag, Chris arbeitete wieder am Garagendach und Alexandra hatte
gerade eine Pause, da kein Patient da war, erschien unerwarteter Besuch. Sie
hörte jemanden draußen reden und ging nachsehen.
Chris stand, die Hände in die Hüften gestützt, auf dem halbfertigen Dach der
Garage und unterhielt sich mit Sam, Jacks Rechtsanwältin, die in der Einfahrt
stand.
Alexandra ging hinüber, sie war neugierig, was die Frau wollte und ob es wieder
irgendwelche Neuigkeiten gab.
„Hallo Sam“, grüßte sie. „Was tun Sie denn hier?“
„Hallo.“
Die beiden Frauen schüttelten sich die Hände.
„Ich wollte Chris nur sagen, dass der Termin für die Verhandlung feststeht.
Allington Senior hat ein paar Beziehungen spielen lassen damit die Sache
möglichst schnell vom Tisch ist. Vergangenen Freitag in vier Wochen geht es
los.“
„So bald schon?“ wunderte sich Alexandra. „Ich dachte immer, das dauert Monate.“
„Nicht, wenn man Einfluss hat. Und Allington will seinen verzogenen Fratz so
schnell wie möglich mit blütenreiner Weste dastehen sehen.“
„Also ich bin ehrlich gesagt froh, dass es so schnell geht“, meldete sich Chris
zu Wort, der vom Dach heruntergestiegen war und sich zu ihnen gesellt hatte.
„Diese Warterei macht einen doch verrückt. Wie geht es Mr. Sanders?“ erkundigte
er sich bei Sam.
Die Anwältin zuckte mit den Schultern.
„Nicht allzu gut“, sagte sie. „Er hat sich völlig von der Außenwelt abgeschottet
und spricht nur mit Ian und mir. Ian macht das ganz verrückt, er weiß schon gar
nicht mehr was er tun soll.“
„Soll ich mal versuchen mit ihm zu reden?“ bot Alexandra an. Es beunruhigte sie
zutiefst, dass ausgerechnet Jack, den normalerweise nichts so schnell
erschüttern konnte, sich derart hängen ließ. Ian hatte das ja auch schon
angedeutet, aber dass es so schlimm war, das hatte Alexandra nicht erwartet.
Sam schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das im Moment Sinn machen
würde. Geben Sie ihm noch ein paar Tage Zeit, vielleicht fängt er sich ja von
selbst wieder.“
„Glauben Sie?“ fragte Alexandra zweifelnd.
„Ich hoffe es, für Jack selbst und für Ian.“
Sam sah auf ihre Armbanduhr.
„Ich muss weiter, hab nachher noch einen Gerichtstermin. Ach Chris, ich würde
mit Ihnen irgendwann einmal gerne die Fragen durchgehen, die ich und der
Staatsanwalt Ihnen in der Verhandlung stellen werden. Das machen wir aber erst
ein paar Tage vorher.“
„Woher wollen Sie denn wissen, was mich der Staatsanwalt fragen wird?“
erkundigte sich Chris.
Sam lachte. „Erstens weiß ich, wie so eine Verhandlung abläuft und zweitens
kenne ich Snyder. Der ist ein Golffreund vom alten Allington und wird alles
daransetzen, dass der kleine Kronprinz so gut wie möglich dasteht.“ Dann wurde
sie ernst. „Es wird nicht ganz einfach für Sie werden. So wie es aussieht,
werden keine Zeugen auftauchen, die Jack massiv belasten könnten, daher wird
sich die Anklage auf Sie konzentrieren.“
„Wieso? Chris ist doch ein Zeuge der Verteidigung“, warf Alexandra ein.
Sam schüttelte den Kopf.
„Im ersten Bericht der beiden Cops, die ihn vernommen haben, stand leider, dass
er sich verdächtig benommen hatte. Das wird Snyder natürlich versuchen
auszuschlachten.“ Sie wandte sich wieder an Chris. „ Wie schon gesagt, es wird
nicht einfach für Sie werden, daher müssen wir uns gründlich auf die Verhandlung
vorbereiten. Snyder wird Ihnen mit Sicherheit einige unangenehme Fragen
stellen.“
Chris presste die Lippen zusammen und sah zu Boden. Alexandra konnte deutlich
sehen, dass er nun doch nicht mehr so froh darüber war, dass die Verhandlung so
bald stattfinden würde. Sie konnte es ihm nicht verdenken.
„Hey, das stehen wir schon durch“, sagte sie aufmunternd und drückte seinen Arm.
Chris nickte bedrückt.
Alexandra kam ein wenig erfreulicher Gedanke.
„Was ist, wenn Allington jemanden schmiert, der Jack dann belastet?“ fragte sie
beunruhigt. „Das wäre doch immerhin möglich.“
„Ja, möglich wäre es“, entgegnete Sam langsam. „Wir können nur hoffen, dass
seine Angst, dass das auffliegen könnte, größer ist als seine
Risikobereitschaft.“
Sie sah abermals auf ihre Uhr. „So, jetzt muss ich aber wirklich verschwinden.
Wir sehen uns dann“, rief sie über die Schulter und eilte zu ihrem Wagen.
Chris und Alexandra sahen ihr hinterher. Dann spürte Alexandra, wie sich zwei
Arme von hinten um ihre Taille legten und sie an einen warmen Körper gezogen
wurde.
„Ich hab Angst“, flüsterte Chris ihr ins Ohr. „Was ist, wenn ich das alles nicht
packe und Mr. Sanders nur noch tiefer reinreite?“
„Das wirst du nicht“, entgegnete sie und strich ihm beruhigend über den
Unterarm. „Sam wird schon dafür sorgen, dass alles glatt über die Bühne geht.“
„Du willst
das jetzt allen Ernstes durchziehen?“
Chris griff nach seiner abgewetzten, schwarzen Lederjacke, die an der Garderobe
hing und schwang sich seine alte Sporttasche über die Schulter.
„Ja, will ich“, sagte er bestimmt zu Alexandra, die ihn unglücklich ansah.
Hätte sie nicht versucht, ihm die Idee auszureden, dann hätte ihn vielleicht die
Courage wieder verlassen, doch ihre Überzeugung, dass er es nicht schaffen
würde, hatte ihn nur noch dazu angestachelt.
Chris war entschlossen, Alexandra zu beweisen, dass er stärker war als eine
Ängste und sich nicht, bildlich gesprochen, hinter ihren Röcken verstecken
würde.
„Also gut“, seufzte Alexandra zu seiner Überraschung. Er hatte mit mehr
Widerstand gerechnet.
„Wer fährt?“
Sie hielt die Autoschlüssel auf ihrer Handfläche.
„Gib her.“
Chris griff danach und öffnete die Haustür. Charlie kam angetrabt und bellte
vorwurfsvoll, als wolle er sich darüber beschweren, dass seine Menschen ihn
schon wieder verlassen wollten.
Alexandra warf Chris noch einen resignierten Blick zu, bevor sie sich zu ihrem
Hund hinunterbeugte, um ihm ihren routinemäßigen Vortrag zu halten, den Chris
inzwischen auswendig kannte. Er war überzeugt, wenn Charlie reden könnte, dann
würde er Alexandra erklären, dass sie sich ihren Atem sparen konnte, er würde
sowieso das tun, was ihm Spaß machte. Und das beinhaltete nun mal Küchenschränke
auszuräumen, Teppichecken anzuknabbern und diverse andere unliebsame
Beschäftigungen. Aber er war nun einmal ein Hund.
Während Alexandra noch versuchte, Charlie zu besänftigen, ging Chris schon mal
raus zum Wagen und stieg ein. Die Sporttasche warf er auf den Rücksitz.
So überzeugt, dass er diese eineinhalb Stunden problemlos überstehen würde, war
er eigentlich nicht. Er hatte nur so getan. Tief in seinem Innersten hatte er
eine Scheißangst. Aber er würde jetzt nicht kneifen und Alexandra sagen, dass
sie Recht hatte.
Er würde das letzte bisschen Respekt, das er noch vor sich selbst hatte,
verlieren, wenn er das tat. Es reichte schon, dass er sich in den letzten Wochen
regelmäßig in Alexandras Arme geflüchtet hatte, wenn er einen Alptraum gehabt
hatte oder irgendetwas passiert war, das ihn verstört hatte.
Unwillkürlich fragte er sich, ob Alexandra ihn eigentlich respektierte. Sie
liebte ihn, das wusste Chris, aber was war mit Gefühlen wie Achtung und Respekt?
Konnte sie ihm diese Gefühle überhaupt entgegenbringen? Oder bemitleidete sie
ihn hauptsächlich?
Dann dachte er an die kleine Rede, die sie ihm vor ein paar Tagen gehalten
hatte, nachdem er sie gefragt hatte, was sie eigentlich in ihm sah. Danach zu
urteilen hielt sie ja doch eine Menge von ihm.
Chris trommelte mit dem Fingern ungeduldig auf dem Lenkrad herum und sah hinüber
zum Haus, wo Alexandra gerade Charlie zurückdrängte, um die Tür zu schließen.
Langsam wurde es wirklich Zeit, dass sie losfuhren.
Er würde sie heute nicht enttäuschen oder ihre Meinung bestätigen, dass er mit
der Situation nicht fertig werden würde. Dazu war Chris fest entschlossen.
Nach etwa zehn Minuten Fahrt erreichten sie das Dojo. Der Parkplatz davor war
bereits gut gefüllt, es war zehn vor halb acht. Gerade noch genügend Zeit, um
sich umzuziehen. Chris spürte, wie sich ein mulmiges Gefühl in seiner
Magengegend ausbreitete, als er an den kleinen Umkleideraum dachte.
„Was ist?“ fragte Alexandra, die bereits ausgestiegen war, besorgt. „Chris, wenn
du lieber wieder nach Hause fahren willst…“
„Nein! Alex, gib endlich Ruhe“, entgegnete er heftig.
Alexandra hob beschwichtigend die Hände.
„Schon gut, schon gut…. Aber dann komm jetzt, wir sollten nicht gleich am ersten
Abend zu spät kommen.“
Chris stieg aus, griff nach seiner Tasche und warf die Autotür mit mehr Kraft zu
als notwendig.
Alexandras Worte und das mulmige Gefühl machten ihm mehr zu schaffen als er
jemals zugeben würde. Wenn er nicht so verdammt stur gewesen wäre, dann wäre er
ihrem Vorschlag gefolgt und wieder heimgefahren. Stattdessen folgte er Alexandra
mit gespielter Unbekümmertheit in das Haus und hinunter in den Keller, wo ihnen
bereits munteres Stimmengewirr entgegen drang.
„Ach, da seid ihr ja“, wurden sie gleich von Patrick begrüßt, der mit einigen
seiner Schüler zusammenstand und redete.
Alle trugen weiße Kampfsportanzüge mit unterschiedlich farbigen Gürteln. Es
waren ein paar Frauen dabei, doch überwiegend bestand die Truppe aus Männern,
wie Chris zu seinem Leidwesen feststellen musste.
„Geht euch umziehen, wir fangen gleich an“, drängte Patrick und Alexandra zog
Chris am Ärmel mit zu den Umkleidekabinen.
„Chris…du schaffst das“, flüsterte sie, obwohl sie ihn noch vor ein paar Minuten
hatte heimschicken wollen. Sie drückte Chris ermutigend die Hand, bevor sie
hinter der Tür mit der Aufschrift „Ladies“ verschwand. Chris starrte noch einen
Moment die Tür der Herrenumkleidekabine an, dann drückte er entschlossen die
Türklinke hinunter und trat ein.
Es war ein kleiner rechteckiger Raum, etwa vier mal fünf Meter groß, dahinter
befanden sich ein paar offene Duschkabinen, zu denen man durch einen offenen
Durchgang kam. Der Boden und die Wände waren mit kleinen weißen Fliesen bedeckt.
Zwei junge Männer, die sich gerade die Gürtel ihrer Kampfanzüge zubanden, sahen
ihn überrascht an.
„Hey, bist du der Neue, von dem Patrick erzählt hat?“ fragte der eine, ein
Blondschopf, dem man die Solariumbräune deutlich ansah.
Chris nickte stumm und stellte seine Tasche auf einen freien Platz auf eine der
Bänke, die an den Wänden befestigt waren. Schränke gab es hier anscheinend
nicht. Er zog sich schnell um, während ihn die beiden beobachteten.
„Schon mal Kampfsport gemacht?“ erkundigte sich der Blonde gönnerhaft.
Chris beschloss, dass er den Typen nicht mochte.
„Nein, nur einen Kurs“, entgegnete er knapp.
Der andere, ein vielleicht knapp fünfundzwanzigjähriger Mann mit kurzen
schwarzen Haaren, schüttelte den Kopf.
„Ach, da zeigen sie dir ein paar Tricks, die du nach ein paar Wochen eh schon
wieder vergessen hast, wenn du sie nicht regelmäßig übst. Kannst du mit dem hier
nicht vergleichen.“
„Ja, das hat Patrick auch schon gesagt. Darum bin ich ja hier.“
Chris sah die beiden Typen herausfordernd an. Er hatte keine Ahnung, wie weit
die beiden waren, ob sie noch ziemlich am Anfang waren oder schon erfahren, aber
er hatte keine Lust, sich von ihnen von oben herab behandeln zu lassen.
Der Dunkelhaarige lachte.
„Hey, du kannst die Krallen wieder einziehen“, grinste er freundschaftlich. „Ich
hab auch erst vor ein paar Wochen angefangen, nachdem ich durch so `nen Kurs auf
den Geschmack gekommen bin. Ich bin übrigens Marc und das ist Brandon.“ Er
zeigte auf den Blonden.
„Chris“, entgegnete Chris knapp. Marc wurde ihm doch etwas sympathischer.
Die Tür ging auf und Patrick steckte den Kopf herein.
„Wenn die Herrschaften dann fertig wären…Wir würden gern anfangen.“
Die drei beeilten sich, der Aufforderung Folge zu leisten und gingen nach
draußen in den Trainingsraum. Chris sah sich um und entdeckte Alexandra, die bei
Patrick stand. Sie lächelte ihm zu und er fühlte sich ein wenig getröstet. Wenn
wirklich alles schief gehen würde, dann wäre sie da und würde ihn auffangen.
Aber er war entschlossen, es nicht dazu kommen zu lassen.
Patrick klatschte in die Hände und die Gruppe wuselte durcheinander um sich
aufzustellen. Chris hatte keine Ahnung nach welchem System, doch Marc packte ihn
am Ärmel und zog ihn mit sich nach hinten.
„Man stellt sich graduierungsmäßig auf. Vorne die Schwarzgurte, hinten die
niederen Ränge.“
Als endlich eine gewisse Ordnung herrschte, klatschte Patrick abermals in die
Hände und Stille senkte sich über den Raum. Es waren ungefähr sechzehn Leute,
altersmäßig schätzte Chris sie mal auf zwischen zwanzig und vierzig, davon fünf
Frauen.
„Ich möchte euch heute eure neue Trainerin vorstellen, die in Zukunft einmal pro
Woche meinen Job übernehmen wird“, begann Patrick. „Ihr Name ist Alex und wir
kennen uns schon `ne ganze Weile, darum weiß ich, wie gut sie ist. Sie macht den
Sport seit zwölf Jahren, sechs Jahre davon haben wir im gleichen Dojo trainiert.
Willst du auch noch was dazu sagen, Alex?“
Alexandra trat vor und ließ ihren Blick über die versammelten Schüler schweifen,
die in Viererreihen vor ihr standen.
„Hallo, Leute“, sagte sie. „Patrick hat eigentlich schon alles soweit gesagt.
Ich hoffe, wir kommen klar miteinander. Um euch alle ein wenig kennen zu lernen,
werde ich diese Woche einfach einmal mit euch zusammen trainieren und mir
ansehen, wie Patrick die Stunden gestaltet. Und jetzt sollten wir wohl langsam
anfangen…“ Damit stellte sie sich in die erste Reihe, wo ein Platz für sie
freigehalten wurde.
Dann begann Patrick mit dem Aufwärmtraining und Chris dämmerte langsam, worauf
er sich da eingelassen hatte. Nach einer Viertelstunde war er klatschnass
geschwitzt, das T-Shirt klebte ihm am Körper und er wischte sich mit einem der
Schweißbänder, die er trug, um die Narben an seinen Handgelenken zu verdecken,
über die Stirn.
Ein kurzer Seitenblick zu Marc zeigte ihm, dass der auch nicht viel besser dran
war. Das beruhigte ihn etwas, doch er mochte nicht an den Muskelkater denken,
den er morgen haben würde.
„Kampfstellung!“ rief Patrick.
Daran erinnerte sich Chris noch und er nahm die geforderte Position ein.
Es folgte eine Reihe von Kickübungen, die er, so gut es ging, versuchte
mitzumachen. Patrick kam einmal nach hinten und korrigierte bei ihm ein paar
Fehler und klopfte ihm anschließend anerkennend auf die Schulter.
„Wird schon“, lobte der Trainer. „Nur das mit dem Kampfschrei musst du noch
üben.“
Chris schnaubte innerlich. Die anderen brüllten sich bei den Kicks die Seele aus
dem Leib und er fragte sich, woher sie noch die Energie nahmen. Außerdem musste
er sich viel zu sehr auf die Bewegungen konzentrieren, als überhaupt noch daran
denken zu können, irgendwelche Urlautäußerungen von sich zu geben. Marc schien
damit keine Schwierigkeiten zu haben. Und Alex’ Stimme hörte er aus dem ganzen
Geschrei auch immer wieder heraus.
„Stop!“ Patrick klatschte wieder in die Hände. „Paarweise zueinanderdrehen! Ihr
übt jetzt die Griffe für eure nächste Gürtelprüfung. Ich geh herum und schau es
mir an. Und ich will Einsatz sehen, Leute!“
Chris holte tief Atem als er sich zu Marc drehte. Der grinste ihn an.
„Na, schon fertig?“ fragte er.
Chris schüttelte den Kopf. „Geht noch. Ist der immer so ein Sklaventreiber?“
Dann fühlte er, wie jemand ihm von hinten eine Kopfnuss gab und fuhr erschrocken
herum.
Patrick stand da und starrte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Das hat der Sklaventreiber gehört. Und zum Mitschreiben: Respekt für den Sensei
ist oberstes Gebot…“ Er lächelte dabei, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen.
Chris schluckte. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich kleinlaut.
„Hey, schon okay“, lachte Patrick. „Ich will gar nicht wissen, wie mich die
Anderen oft verfluchen, wenn ich sie hart ran nehme.“ Dann wandte er sich an
Marc. „Ihr zwei geht die Übungen für die erste Gürtelprüfung durch. Wir beide
zeigen sie Chris mal, dann macht ihr sie zusammen. Ich werd mir das `ne Weile
ansehen.“
Chris beobachtete die Vorführung genau. Marc war der Angreifer, Patrick wehrte
ab. Einige der Techniken kannte er bereits, entweder aus dem Kurs oder weil
Alexandra sie ihm einmal beigebracht hatte. Zwei waren allerdings dabei, bei
denen ihm nicht so ganz wohl war. Die eine war die Abwehr eines Angriffs von
hinten, bei der Anderen saß der Angreifer auf dem Opfer und versuchte es zu
würgen. Für Chris waren diese beiden etwas zu nahe an der Realität, die er
erlebt hatte.
Es wäre ihm tausendmal lieber gewesen, diese Übungen mit Alexandra
durchzuführen, oder wenigstens mit einer der anderen Frauen, doch er konnte
Patrick schlecht darum bitten, ohne es zu begründen. Also konnte er nur hoffen,
dass er nicht plötzlich austickte.
Viel zu schnell waren Patrick und Marc fertig. Das Herz klopfte Chris bis zum
Hals als er Marc gegenüberstand und er versuchte sich krampfhaft zu erinnern,
was bei der ersten Technik von ihm erwartet wurde.
Er konzentrierte sich ganz auf Patricks ruhige Stimme, die sie durch diese und
die folgenden Übungen führte. Er folgte automatisch den Anweisungen, die der
Trainer gab und versuchte, die Tatsache, dass er mit einem Mann teilweise
engsten Körperkontakt hatte, zu ignorieren.
Marc war nur etwas größer als Chris, dafür viel muskulöser und stabiler gebaut.
Der Umstand, dass er ab und zu einen Scherz machte und Chris ermunterte,
verhinderte, dass dessen Gedanken in eine andere Zeit zurück glitten, eine Zeit,
in der die Nähe eines anderen Mannes Schmerz und Demütigung bedeutet hatte.
Schließlich kamen sie zu den von Chris gefürchteten Techniken. Er warf einen
kurzen Blick auf die Uhr, die an der Wand hing, in der Hoffnung, dass die Stunde
gleich vorbei sein würde und ihm das wenigstens heute erspart bleiben würde,
doch das Training würde erst in einer Viertelstunde zu Ende sein.
„Okay, Marc, du legst dich als erster hin. Chris, du spielst den Angreifer, du
setzt dich auf seinen Bauch und tust so, als würdest du ihn würgen.“ Patrick
wartete, bis sie diese Position eingenommen hatten. „Handkanten in die Seite,
Spannung brechen, Würgegriff aufschlagen, ja, gut so, Kinn und Nacken packen….
Chris spürte, wie er herumgewirbelt wurde, auf dem Rücken zu liegen kam und
kniff die Augen fest zusammen. Es ist nicht echt, betete er sich immer wieder
vor, wie ein Mantra.
„Okay, Wechsel.“
Chris öffnete die Augen und konnte sich gerade noch mental darauf vorbereiten,
dass sich nun Marc auf ihn draufsetzte und dessen Hände sich locker um seinen
Hals schlossen. Panik begann sich in ihm breit zu machen. Er schloss die Augen
wieder und versuchte, tief und ruhig zu atmen.
„Augen auf, Chris! Wie willst du deinen Gegner abwehren, wenn du ihn nicht sehen
kannst!“ Patricks scharfes Kommando durchbrach den Nebel aus Panik und grausamen
Erinnerungen, der Chris zu verschlingen drohte. Er gehorchte und sah zu Marc
hoch, der verwirrt die Stirn runzelte und seinen Griff lockerte.
„Alles okay?“ fragte sein „Angreifer“.
Chris nickte stumm.
„Kommt schon, Jungs, einmal noch“, trieb Patrick sie an und begann, wie bei Marc
vorher, die Abfolge der Technik herunterzubeten.
Mit eiserner Willenskraft und Entschlossenheit folgte Chris den Anweisungen und
war unendlich erleichtert, als Patrick, nachdem er ihn gelobt hatte, wieder in
die Hände klatschte und das Ende des Trainings verkündete.
Er stand auf und streckte Marc, der noch am Boden lag, zögernd die Hand hin, um
ihm hoch zu helfen.
„Danke, Kumpel“, ächzte dieser. „Hey, für deine erste Stunde war das gar nicht
schlecht. Was war denn vorhin los? Du bist auf einmal weiß wie eine Wand
geworden.“
Nervös sah Chris zur Seite.
„Keine Ahnung. Mein Kopf war plötzlich wie leergefegt“, murmelte er.
„Hm…“
Marc schien diese Erklärung nicht völlig zu überzeugen. Doch bevor er weiter
nachbohren konnte, wurde Chris zu seiner Erleichterung von Patrick gerettet, der
verkündete, dass es zum Abschluss noch einen Freikampf geben würde – zwischen
ihm und der neuen Trainerin.
„Hey, komm, dass will ich sehen. Hoffentlich zeigt sie’s Pat mal so richtig“,
sagte Marc und zog Chris mit an die Wand, wo er sich mit ein paar anderen auf
den Boden hockte. Chris folgte seinem Beispiel.
„Was ist ein Freikampf?“ fragte er und sah zu, wie Alexandra und Patrick sich in
der Mitte des Raumes aufstellten.
„Alle Techniken sind erlaubt, Angriff und Abwehr nicht vorgegeben“, gab Marc
zurück. „Jetzt pass auf.“
Die beiden Schwarzgurte verbeugten sich voreinander und nahmen die Kampfstellung
ein, ein Bein nach vorne, das andere nach hinten, Knie leicht gebeugt, die Arme
in Abwehrposition. Und dann ging alles ganz schnell, viel zu schnell für Chris’
Begriffe. Patrick griff unvermittelt mit einem lauten Schrei an. Alexandra
konterte und wehrte ab, nur im ihrerseits einen Angriff zu starten.
Mit offenem Mund beobachtete Chris den Kampf. Er hatte Alexandra schon zweimal
in Aktion gesehen, doch das ließ sich mit dem hier nicht vergleichen. Es ließ
sich mit gar nichts vergleichen, denn das, was man in diesen Kampfsportfilmen
immer sah, waren detailliert geplante und choreographierte Stunts, das hier war
real. Die Gewalt und die Kraft, die dieser Kampf ausstrahlte, erschreckte und
faszinierte Chris gleichermaßen. Er vermochte nicht zu sagen, wer von den beiden
besser war.
Schließlich war es Alexandra, die den Kampf beendete. Sie trat zurück und hob
die Hand.
„Stop“, keuchte sie. „Ich geb mich geschlagen. Du bist einfach besser in Form.“
Patrick grinste, doch er atmete ebenfalls schwer.
„Ist das alles? Du erkennst meine überlegenen Fähigkeiten nicht an?“
„Welche überlegenen Fähigkeiten denn? Du hast einfach den längeren Atem. Wart
nur ab, bis ich wieder richtig im Training bin, dann können wir das hier gern
wiederholen!“
Die Zuschauer begannen zu klatschen, einige johlten begeistert. Patrick drehte
sich zu seinen Schülern um und verbeugte sich.
„Danke, danke! Und damit ist das heutige Training beendet.“
Für Chris war das das Signal, aufzustehen und zur Umkleidekabine zu spurten. Er
wollte um jeden Preis vermeiden, mit all den anderen Männern in der Dusche zu
stehen und möglichst schon fertig sein, wenn diese ebenfalls den Umkleideraum
betraten.
Hastig zog er sich aus und griff sich sein Handtuch und das Duschshampoo, dann
ging er in die Dusche. Als er das Wasser aufdrehte, hörte er, wie jemand den
Raum betrat.
„Chris?“
Marc. Was wollte der denn schon wieder?
„Unter der Dusche.“
„Ist mit dir alles in Ordnung?“
Chris verteilte hastig das Duschgel auf seinem Körper und in seinen Haaren um
nur ja schnell fertig zu werden, wenigstens bevor Marc ebenfalls die Dusche
betreten würde. Dann stellte er sich wieder unter den Wasserstrahl.
Er sollte es ja eigentlich gewohnt sein, mit Männern zu duschen,
desensibilisiert, denn nach dieser ersten, grauenhaften Erfahrung im Duschraum
im Gefängnis war er unzählige Male mit anderen Häftlingen dort gewesen. Und es
war nie wieder passiert, da die Gefahr doch recht groß gewesen war, von den
Wärtern erwischt zu werden. Die hatten zwar weggesehen, wenn es nicht allzu
offensichtlich gewesen war, doch in eine tatsächliche Vergewaltigung zu
stolpern, das hätten einige mit Sicherheit nicht ignoriert.
„Ich bin okay, wirklich“, entgegnet Chris, während er sich den Schaum aus den
Haaren spülte.
Marc betrat mit einem Handtuch, das er lässig über die Schulter geworfen hatte,
die Dusche. Er hängte es neben das von Chris an einen der Haken und stellte sich
unter einen Brausekopf zwei Plätze weiter von Chris.
„Ich dachte schon, dir wär schlecht geworden“, brummte Marc, während er das
Wasser über seinen Körper rieseln ließ.
Chris vermied es, zu dem Mann hinüber zu sehen. Draußen ging die Tür auf und
lautes Gelächter schallte durch den Raum.
Lachen und Johlen, der seltsame Widerhall, den Stimmen in einem gekachelten Raum
verursachten, der Geruch nach Wasser und Seife, all das brachten plötzlich die
Erinnerungen zurück und Chris fühlte, wie sich ein eiserner Ring um seine Brust
zu legen begann. Nein, nicht hier, nicht nackt unter der Dusche und schon gar
nicht mit zehn oder mehr Männern in einem Raum. Aufkeuchend schnappte er nach
Luft und stützte sich mit einer Hand an der Duschwand ab.
Plötzlich fühlte er, wie ihn jemand an der Schulter berührte und er fuhr herum.
Neben ihm stand Marc, die Haare voller Schaum und mit einer kleinen weißen
Schaumflocke auf der Nase.
„Hey, mit dir stimmt doch was nicht! Was ist los?“ Marcs Stimme klag jetzt
ernsthaft besorgt.
Chris starrte wie hypnotisiert erst die Schaumflocke an, bevor sein Blick zu
Marcs warmen dunkelgrünen Augen wanderte. Die Nähe eines nackten Mannes hätte
ihn eigentlich in einen hysterischen Anfall ausbrechen lassen müssen, dachte er
distanziert, doch Marc wirkte eigentlich nicht bedrohlich. Dafür sorgte schon
das kleine weiße Schaumgebilde auf seiner Nase, das ihn eher wie eine Karikatur
wirken ließ. Chris konzentrierte sich ganz auf Marcs Gesicht, in dem nur
Betroffenheit zu lesen war, keine unverhüllte Gier oder ungezügelte Lust, und
versuchte, den unbekleideten Zustand seines Gegenübers zu ignorieren.
„Nur ein wenig schwindelig“, antwortete er schwach. „Bin wohl wirklich nichts
mehr gewohnt.“
„Bist du sicher? Nicht, dass du hier noch umkippst.“
Chris schüttelte den Kopf.
„Nein, es geht schon.“
Marc musterte ihn misstrauisch und nickte schließlich zögernd.
„Also gut…“ Er ging hinüber zu den Haken und griff nach Chris’ Handtuch, welches
er ihm dann zuwarf.
„Hier. Geh lieber raus und zieh dich an, hier wird’s gleich ziemlich eng werden,
wenn die ganze Meute antanzt.“
Dankbar fing Chris das Handtuch auf und begann sich abzutrocknen. Draußen
erscholl Gelächter und Brandons Stimme übertönte das Stimmengewirr.
„Mann, diese Alex ist schon `ne totale Wildkatze. Die hätte ich gern mal im
Bett.“
„Vergiss es, du glaubst doch nicht im Ernst, dass die noch nicht vergeben ist.
Bei der Figur und dem Aussehen…“
„Die kriege ich schon rum. Mir konnte noch keine lang widerstehen.“
„Bran, du bist ein alter Angeber. Die Kleine ist `ne Nummer zu groß für dich!“
„Eher ist der kleine Brandon eine Nummer zu groß für sie…Wetten, dass ich sie
innerhalb von zwei Wochen flachgelegt habe?“
Die versammelte Horde lachte und hielt dagegen. Dann erschien der erste im
Durchgang und schlurfte an Chris vorbei zur nächsten freien Dusche. Der nächste
war Brandon und Chris beobachtete ihn aus zu Schlitzen verengten Augen. Alle
Angst und Panikgefühle waren vergessen, er kochte nur noch vor Wut. Was fiel
diesem Arsch eigentlich ein, so über Alex zu reden?
Brandon schien zu merken, dass Chris etwas gegen ihn hatte. Er musterte ihn
ungeniert und Chris war plötzlich froh, dass er sich das Handtuch bereits um
seine Hüften geschlungen hatte.
„Was ist, Kleiner? Hast du ein Problem? Stehst wohl selber auf die scharfe
Braut.“
Der Blonde stellte sich unter die Dusche und begann, sich einzuseifen.
Inzwischen waren auch die restlichen Männer hereingekommen und es wurde ziemlich
eng. Chris nahm das alles gar nicht wahr.
„Hör auf, so über sie zu reden“, sagte er rau.
Brandon grinste spöttisch. „Hatte ich doch Recht. Vergiss es, die Kleine braucht
`nen richtigen Mann, der ihr zeigt, wo’s langgeht. Und du hättest sowieso keine
Chance bei ihr.“
Chris sog scharf die Luft ein und ballte die Hände unbewusste zu Fäusten. Viel
fehlte nicht mehr und er würde auf diesen arroganten Dreckskerl losgehen. Was
bildete der Typ sich überhaupt ein?
Plötzlich stand Marc neben ihm.
„Bran, lass die Scheiße. Das Mädel ist unsere neue Trainerin und als solche
sollten wir sie mit Respekt behandeln. Das gilt für dich wie für alle anderen
hier.“
Er sah sich um.
„Was hier abgeht ist mies und unsportlich. Denkt mal drüber nach.“
Er wartete keine Antwort ab, sondern packte Chris am Arm und zog ihn mit sich,
hinaus aus dem Duschraum.
Chris war zu verblüfft, um sich dagegen zu wehren. Marc schien es sich zur
Angewohnheit zu machen, ihn mit sich zu schleppen, so ungefähr wie eine Katze
ihre Jungen. Er war sich nicht so ganz sicher, wie er sich dabei fühlen sollte.
„Lass dich von dem Blödmann nicht provozieren“, sagte Marc leise, damit die
Typen in der Dusche ihn nicht hören konnten. „Die anderen sind okay, nur Brandon
ist mit seiner dämlichen Klappe so ein Unruhestifter.“
Chris nickte nur und fischte seine Klamotten aus seiner Tasche. Rasch zog er
sich an und fuhr sich mit den Händen durch die feuchten Haare. Er hätte
vielleicht einen Fön gebrauchen können, doch den hatte Alex drüben in der
Damenumkleidekabine. Es war wohl keine besonders gute Idee, da jetzt rüber zu
gehen und zu fragen, ob er ihn haben könnte.
Ich geh dann mal raus“, verkündete er.
„Komm gleich nach“, entgegnete Marc. „Wenn da draußen ein Mädel mit rotgefärbten
Haaren und schwarzen Klamotten steht, dann sag ihr bitte, dass ich in einer
Minute fertig bin.“
„Deine Freundin?“ fragte Chris unwillkürlich.
„Mhm. Ein bisschen verrückt, aber eine ganz liebe, süße Maus.“
Marc wurde Chris immer sympathischer. Er hatte ihm vorhin nicht nur geholfen,
nein, er hatte auch Alexandra verteidigt und ihn davor bewahrt, etwas
Unüberlegtes zu tun.
Chris ging nach draußen, um auf Alexandra zu warten. Patrick kam ihm entgegen.
„Schon fertig?“ fragte er erstaunt. „Und, wie hat es dir gefallen?“
„Sehr gut“, entgegnete Chris. Bis auf die paar Mal, wo ich beinahe ausgerastet
wäre, fügte er im Geiste hinzu.
„Dann bleibst du dabei?“
Darüber hatte Chris sich noch keine Gedanken gemacht. Er war bis jetzt einfach
nur froh gewesen, diese erste Stunde heil überstanden zu haben. Aber er wollte
nicht aufgeben. Und jetzt hatte er noch einen weiteren Grund dafür. Der Blitz
sollte ihn treffen, wenn er Alexandra allein lassen würde, wenn dieser Brandon
auch nur in der Nähe war.
„Klar“, lächelte er gezwungen.
„Prima.“ Patrick schlug ihm anerkennend auf die Schulter. „Dann solltest du dir
aber einen Gi zulegen.“
Mit dieser rätselhaften Bemerkung öffnete er die Tür zum Umkleideraum und ließ
Marc erst an sich vorbei, bevor er darin verschwand.
„Hey, meine Kleine verspätet sich wohl ein wenig“, bemerkte dieser. „Wartest du
auch auf jemanden?“
Chris nickte. Er und Alexandra hatten nicht darüber gesprochen, ob sie als Paar
auftreten würden oder nicht. Er war davon ausgegangen, dass sie es nicht
verstecken, aber auch nicht offensichtlich betonen würden. Immerhin würde
Alexandra hier eine gewisse Autoritätsperson darstellen.
Die Tür der Umkleidekabine öffnete sich wieder und Brandon und ein weiterer Typ
kamen heraus. Als Brandon Chris sah, blieb er stehen.
„Na, wartest du auf deine Mutter, dass sie dich abholt?“
„Bran, lass den Scheiß“, warnte Marc. „Dir ist doch klar, dass Patrick so etwas
nicht duldet.“
Der Blonde lachte spöttisch.
„Ach, komm schon, eine kleinen Scherz wird man doch wohl noch machen dürfen.
Willst du mich etwa bei unserem geheiligten Sensei verpfeifen?“
„Du weißt genau, dass ich das nie tun würde. Aber lass Chris zufrieden, er hat
dir nichts getan.“ Marcs Stimme klang kühl.
Chris reichte es jetzt langsam aber sicher. Wieso musste er nur immer wieder auf
solche Idioten wie diesen Brandon treffen?
Bevor er jedoch etwas Bissiges sagen konnte, kam Alexandra aus der
Umkleidekabine. Als sie ihn sah, ging sie sofort auf ihn zu.
„Bei dir alles okay?“ fragte sie besorgt und legte ihm die Hand auf die
Schulter, als müsse sie sich vergewissern, dass er wirklich heil und ganz vor
ihr stand.
Unter anderen Umständen hätte er ihre Besorgnis jetzt ungeduldig zurückgewiesen,
er wollte schließlich nicht vor den Anderen als Weichei dastehen, doch mit einem
Seitenblick auf Brandon beugte er sich vor und hauchte Alexandra einen schnellen
Kuss auf den Mund.
„Alles klar“, entgegnete er und lächelte sie an. „Fahren wir nach Hause?“
Alexandra starrte ihn einen Moment lang verwundert an.
„Wohin sonst?“ erkundigte sie sich. „Wenn wir Charlie nicht bald aus seiner
Einsamkeit erlösen, dann rupft er uns die Tapeten von den Wänden. Glaub mir, das
hat er schon mal getan.“
„Dann sollten wir uns wohl lieber beeilen…“
Chris legte einen Arm um Alexandras Taille und steuerte mit ihr zum Ausgang.
Dabei konnte er es sich nicht verkneifen, Brandon einen triumphierenden Blick
zuzuwerfen. Er wusste genau, dass es kindisch war, aber der ungläubige Ausdruck,
der sich auf dem Gesicht dieses Angebers breit machte, war es ihm wert.
„Bis zum nächsten Mal“, rief er über seine Schulter und grinste dabei Marc an,
der ihm anerkennend zunickte.
So schlecht war der Abend eigentlich gar nicht gelaufen...
***
Alexandra versuchte, sich ihre Verblüffung über Chris’ Verhalten nicht anmerken
zu lassen. Seit wann war er ihr gegenüber so besitzergreifend, vor allem, wenn
Andere dabei waren? Sie hatte sehr wohl gemerkt, dass der Blonde sie und Chris
seltsam angesehen hatte, als Chris den Arm um sie gelegt hatte. Er ließ sie auch
jetzt nicht los, als sie gemeinsam die Treppe hinauf und zum Parkplatz gingen.
Sie kam nicht umhin, sich zu fragen, ob etwas zwischen den beiden vorgefallen
war, das Chris zu dieser für ihn untypischen „Macho-Aktion“ provoziert hatte und
nahm sich vor, es später herauszufinden. Vor allem aber war sie erleichtert,
dass es keine Zwischenfälle gegeben hatte, sondern dass Chris sich anscheinend
sogar mit diesem anderen Anfänger angefreundet hatte. Es würde ihm gut tun, auch
eigene Freundschaften zu schließen.
Während des gesamten Trainings hatte Alexandra immer wieder zu Chris hinüber
gesehen, um sofort zur Stelle sein zu können, sollte irgendetwas schief gehen.
Er hatte seine Sache jedoch sehr gut gemacht, auch wenn sie am Schluss, als er
und sein Partner unter Patricks Aufsicht die Abwehr dieses Würgegriffs geübt
hatten, befürchtet hatte, dass das zuviel für ihn werden würde. Doch er hatte
auch das gemeistert, obwohl ihm anzusehen gewesen war, dass er davor am liebsten
gekniffen hätte.
Alexandra musste vor sich selbst zugeben, dass sie ihm wirklich nicht zugetraut
hatte, diese eineinhalb Stunden durchzustehen. Darum hatte sie auch versucht,
ihn davon abzubringen und nur nachgegeben, weil sie Chris’ Sturheit kannte und
gewusst hatte, dass sie am Ende nichts erreicht und nur einen heftigen Streit
verursacht hätte.
Die Erleichterung, dass Chris sein erstes Training so gut überstanden hatte,
machte einem Gefühl von Stolz und neu erwachtem Respekt Platz. Er hatte
bewiesen, dass er in der Lage war, über seinen Schatten zu springen. Es musste
unheimlich schwer gewesen sein, doch Chris hatte wieder einmal gezeigt, was
eigentlich in ihm steckte und dass er sich von nichts und niemanden so leicht
würde unterkriegen lassen.
Sie hatten gerade den Pick-up erreicht und Chris sperrte die Autotür auf, als
ein roter Mini neben ihnen hielt und eine junge Frau das Fenster
herunterkurbelte. Ihre Haarfarbe passte genau zur Farbe ihres Wagens, soweit man
das im Licht der Laternen, die den Parkplatz erhellten, erkennen konnte.
„Hey, kommt ihr gerade vom Kampfsporttraining? Wisst ihr vielleicht, ob Marc
noch unten ist? Bin ein wenig spät dran“, sprudelte sie hervor.
„Ähm, tut mir leid, wir…“ begann Alexandra, wurde jedoch von Chris unterbrochen.
„Marc ist noch unten“, teilte er der jungen Frau mit. „Ich glaub, wir haben heut
ein wenig überzogen.“
„Oh, danke! Dann kann er mich wenigstens mal nicht wegen meiner chronischen
Unpünktlichkeit angrummeln“, kicherte die junge Frau. „Bis dann mal!“
Sie fuhr weiter und bog in eine freie Parkbucht ein.
„Wer ist Marc?“ fragte Alexandra.
„Der Typ, mit dem ich trainiert hab. Er scheint ganz nett zu sein“, entgegnete
Chris und stieg ein.
Alexandra folgte seinem Beispiel.
Nachdem sie sich angeschnallt hatten fuhr Chris los.
„Und, wie hat es dir heute gefallen? Hattest du es dir so in etwa vorgestellt?“
fragte sie nach einer Weile.
„Mhm. War ganz okay. Aber ob ich das mit dem Geschrei jemals hinkriege, das weiß
ich noch nicht genau.“
Alexandra lachte. „Das kommt schon irgendwann, ist alles Übungssache. Und sonst?
War es nicht manchmal…beängstigend?“
Chris hielt den Blick starr geradeaus auf die Straße gerichtet. Es dauerte eine
Weile, bis er antwortete.
„Doch“, gestand er. „Ein paar Situationen gab es schon, wo ich mir gewünscht
habe, dass ich auf dich gehört hätte. Aber…ich hab das durchgestanden, ohne
auszurasten. Und…der Abend hat mir eine Menge gebracht…“
Er sah kurz zu Alexandra hinüber, als wolle er sich vergewissern, dass sie
verstanden hatte, was er damit meinte.
„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich hätte vielleicht nicht versuchen sollen, dich
davon abzuhalten. Ich wollte dich nur beschützen.“
Chris schüttelte den Kopf.
„Du kannst mich nicht vor allem beschützen. Ich muss einfach lernen, mit
bestimmten Dingen klar zu kommen und das kann ich nicht, wenn du mich immer
wieder daran hinderst etwas zu tun, von dem du glaubst, dass ich es nicht
schaffe.“
„Ich weiß“, flüsterte Alexandra.
Das war die Wahrheit. Ihr war klar, dass Chris seinen Weg allein finden musste,
dass sie lernen musste, loszulassen. Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, ob es so
wohl den Müttern von Teenagern ging, die plötzlich feststellen mussten, dass
ihre Kinder sie nicht mehr so notwendig brauchten, wie sie es gerne hätten. Sie
hatte sich wohl einfach zu sehr daran gewöhnt, in Chris jemanden zu sehen, der
ihre Hilfe brauchte. Und das war er eigentlich nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr
so wie am Anfang.
„Hey Alex, ich bin nicht böse deshalb. Du hast dich ja schon erheblich gebessert
seit…vorletzter Woche…“
An dem Zögern in Chris’ Stimme erkannte Alexandra, dass er plötzlich registriert
hatte, dass dieser Samstag, an dem Jack in ihrem Auftrag bei ihm aufgetaucht
war, tatsächlich erst vor knapp über einer Woche gewesen war. Auch ihr schien er
schon Monate zurück zu liegen.
„Ist das wirklich erst ein paar Tage her?“ fragte er nachdenklich, als er den
Blinker setzte, um in die Maple Lane einzubiegen.
„Genau das hab ich mir auch gerade überlegt“, entgegnete Alexandra. „Ziemlich
viel passiert seitdem.“
„Ja…Manchmal reichen auch schon Sekunden, um dein Leben zu ändern…“
Chris parkte den Wagen in der Einfahrt und stieg aus. Alexandra hatte die letzte
Bemerkung ziemlich nachdenklich gestimmt. Ja, Chris’ Leben hatte sich in der
Sekunde, als dieser Schuss den Tankstellenangestellten getroffen hatte,
dramatisch geändert. Und jetzt, Jahre später, hatte dieser Schuss auch
Auswirkungen auf Alexandra’s Leben gehabt.
Ohne ihn hätte sie Chris niemals kennen gelernt, hätte sich möglicherweise noch
jahrelang von der Männerwelt abgeschottet und wäre als alte, verbitterte Jungfer
geendet, umgeben von einer Horde Katzen. Und wäre ihre Tante nicht gestorben,
hätte sie nicht jemanden gebraucht, der für sie die Renovierungsarbeiten
erledigte, dann hätte sie Chris ebenfalls nicht getroffen. Wenn man so darüber
nachdachte, dann war das Leben seltsam. Grausam und gütig zugleich. Auf der
einen Seite nahm es, auf der anderen gab es…
***
In den folgenden
zwei Wochen spielte sich schnell eine neue Routine ein. Chris begleitete
Alexandra Montags, Mittwochs und Freitags ins Training. Er hatte in manchen
Situationen noch immer Probleme, doch bisher war es ihm jedes Mal gelungen, sich
rechtzeitig aus den Fängen der Panik zu befreien, die ihn zu verschlingen
drohte. Er sprach auch mit Doktor Winslow darüber, diese reagierte zuerst
überrascht, doch dann war sie erfreut zu hören, dass Chris den Mut aufgebracht
hatte, sich so vielen Ängsten gleichzeitig zu stellen. Sie warnte ihn jedoch
davor, sich zuviel zuzumuten und ermahnte ihn, vorsichtig zu sein.
Brandon stellte weiterhin ein Ärgernis dar. Chris versuchte, ihm so gut wie
möglich aus dem Weg zu gehen und einfach nicht hinzuhören, wenn er gehässige
Bemerkungen von sich gab. Wenn er jedoch tatsächlich anfangen sollte, sich an
Alexandra heranzumachen, der er noch immer nichts von diesem Gespräch in der
Männerumkleidekabine erzählt hatte, dann sollte dieser Mistkerl ihn kennen
lernen. Dann würde auch Marc ihn nicht mehr zurückhalten können.
Mit Marc hatte Chris sich ein wenig angefreundet, der Mann war witzig und half
ihm, wenn auch nur unbewusst, gegen seine Ängste anzukämpfen. Bisher hatte er
immer ihn als Trainingspartner gehabt, doch Chris war klar, dass er irgendwann
auch mal mit einem der anderen Männer zusammenkommen würde. Er hoffte, dass er
auch damit zurecht kommen würde.
Am Dienstag der zweiten Woche musste er dann seinen ersten Termin bei Mr.
Whiteman wahrnehmen. Mit äußerstem Widerwillen betrat er diesmal das Gebäude.
Fast wäre es ihn lieber gewesen, der Giftzwerg wäre zu ihm nach Hause gekommen,
doch dann hätte er nur wieder versucht, sich an Alexandra ran zu schmeißen. Und
darauf konnte Chris verzichten. Brandon reichte ihm schon.
Joan war heute nicht vorne am Empfang, stattdessen saß dort eine junge Frau, die
ihn leicht desinteressiert musterte, als er danach fragte, wo sich das Büro
seines Bewährungshelfers befand. Sie suchte ewig in ihrem Computer herum und
Chris war froh, eigentlich eine Viertelstunde zu früh dran zu sein.
Endlich sagte sie ihm die Zimmernummer und mit einem knappen Dank eilte Chris
davon. Das Büro lag gleich neben dem von Mr. Sanders und er machte sich im
Geiste eine Notiz, diesen nach Whiteman zu fragen. Vielleicht konnte er ihm ein
paar Tipps geben, wie er möglichst unbeschadet dessen Regiment überstehen würde.
Chris klopfte an der Tür und wartete, bis ein gedämpftes „Herein“ ertönte. Dann
trat er ein. Der Giftzwerg saß hinter einem pedantisch aufgeräumten
Schreibtisch, der aussah, als hätte er die Abstände zwischen den drei
Aktenstapeln, die darauf lagen, exakt mit dem Lineal ausgemessen.
„Guten Tag“, grüßte Chris höflich.
Mr. Whiteman sah ihn missbilligend an.
„Sie sind fünf Minuten zu früh“, beschwerte er sich indigniert.
„Tut mir leid.“
Chris war es verdammt egal, ob er zu früh dran war. Hauptsache, er war pünktlich
zum vereinbarten Termin in diesem Büro.
„Warten Sie bitte in Zukunft draußen, bis Ihr Termin beginnt. Setzen Sie sich da
hin.“ Mr. Whiteman deutete auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand und
Chris gehorchte. Dann zog der Mann seine Akte aus dem Stapel und schlug sie auf.
„Irgendwelche Probleme?“
„Nein…Sir“, fügte er zähneknirschend hinzu, als sein Bewährungshelfer ihn ob
seiner Respektlosigkeit mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
„Gut…Ihnen ist klar, dass ich mich auch bei Doktor Hastings über Sie erkundigen
werde, nicht wahr? Also wäre Lügen zwecklos“, näselte Whiteman.
Chris zog es vor, zu schweigen und nickte nur einfach stumm.
„Sie werden für Mr. Sanders in seiner Verhandlung aussagen?“
Der abrupte Themenwechsel verwirrte Chris etwas. Außerdem, was ging das
eigentlich diesen Typen an?
„Ja, das werde ich“, bestätigte er knapp.
„Das wird keinen guten Eindruck machen“, teilte ihm der Giftzwerg mit. „Glauben
Sie mir, ich habe nur Ihr Bestes im Sinn.“
Sein Bestes? Chris konnte seinen Bewährungshelfer nur ungläubig anstarren. Seit
wann denn dieses? Irgendetwas musste ihm da wohl entgangen sein. Bisher hatte er
den Eindruck gewonnen, dass Whiteman nur darauf wartete, dass er einen Fehler
machen würde, für den er ihn zurück ins Gefängnis schicken konnte.
„Vielen Dank“, entgegnete Chris nur.
„Sie sollten sich das wirklich noch Mal überlegen“, drängte Whiteman. „Man wird
Ihnen nur eine…ähm…Beziehung zu Mr. Sanders unterstellen, wenn Sie für ihn
aussagen.“
Sein Gesicht zeigte nun einen ernsthaft besorgten Ausdruck, den man fast hätte
für ehrlich halten können, wenn da nicht das verächtliche Aufblitzen seiner
Augen gewesen wäre.
Diese scheinheilige Qualle. Innerlich schäumte Chris vor Wut, doch er zwang
sich, nichts davon zu zeigen. Er konnte es sich nicht leisten, sich diesen Kerl
ganz offen zum Feind zu machen. Also musste er sich anstrengen, zumindest
höflich zu bleiben und so zu tun, als wüsste er Whitemans Besorgnis zu schätzen.
Allerdings fand er, dass er für diese Bemühungen einen Oscar verdienen würde.
„Mr. Whiteman, ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie sich so um mich bemühen,
aber Mr. Sanders hat viel für mich getan. Ich kann ihn nicht einfach im Stich
lassen.“
Chris riss seine Augen weit auf und versuchte, möglichst naiv und unschuldig zu
wirken. Er wusste genau, wie er dann aussah, seine Lehrer waren früher mit
schöner Regelmäßigkeit darauf reingefallen wenn er ihnen irgendetwas vorgelogen
hatte, warum er die Hausaufgaben nicht hatte oder zu spät zum Unterricht
gekommen war. Das war nicht sehr oft passiert, eigentlich war er ein guter
Schüler und zuverlässig gewesen, und deshalb hatte es auch fast jedes Mal
funktioniert.
Und es funktionierte auch dieses Mal. Nicht einmal Mr. Whiteman, der ihn
sicherlich nicht ausstehen konnte, war gegen diesen Blick immun.
Sein Bewährungshelfer räusperte sich.
„Nun, Sie sollten es sich zumindest gut überlegen, ob Sie es wirklich tun
wollen.“
„Das werde ich, Mr. Whiteman“, versicherte Chris mit scheinheiliger Miene.
Der Giftzwerg sah in misstrauisch an und Chris fragte sich schon, ob er
vielleicht etwas zu dick aufgetragen hatte. Doch der Moment ging vorüber und
Whiteman griff nach einem Kugelschreiber, der genau parallel zu seiner
Schreibtischauflage positioniert war. Er notierte etwas in Chris’ Akte.
„Ich denke, das wäre alles für heute“, sagte er schließlich. „In zwei Wochen
sehen wir uns wieder.“ Damit klappte er den Hefter zu.
Chris stand auf.
„In Ordnung, Mr. Whiteman. Schönen Tag noch und auf Wiedersehen.“
Die Vorstellung hatte nicht nur einen Oscar verdient, sondern mindestens zwei.
Chris drehte sich um und ging zur Tür. Als er gerade die Klinke nach unten
drücken wollte, erklang nochmals Mr. Whitemans Stimme.
„Richten Sie Doktor Hastings bitte meine herzlichsten Grüße aus.“
Chris nickte, ohne sich umzudrehen. Der Typ musste den Ausdruck puren Abscheus
ja nicht gerade sehen, der sich mit Sicherheit gerade auf seinem Gesicht breit
machte.
„Das werde ich, Mr. Whiteman, vielen Dank.“
Als er endlich draußen auf dem Gang stand, stieß Chris einen Seufzer der
Erleichterung aus. So schlimm, wie er es sich vorgestellt hatte, war dieser
Termin nun doch nicht verlaufen. Er hatte sich zwar gewaltig zusammenreißen
müssen, aber im Großen und Ganzen war es glatt über die Bühne gegangen.
Wahrscheinlich hatte er das aber Whitemans Begeisterung für Alexandra zu
verdanken. Der Kerl wollte sie vermutlich nicht verärgern indem er Chris
schikanierte. Immerhin hatte Alexandra deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie
mit ihm zufrieden war und keine Beschwerden vorzubringen hatte.
Chris verzog das Gesicht. Hoffentlich beschränkte sich der Giftzwerg darauf,
Alexandra aus der Ferne zu bewundern. Er schauderte, wenn er daran dachte, dass
Whiteman noch auf die Idee kommen könnte, ernsthaft mit ihr zu flirten.
***
Mittags kam Julie vorbei und Chris konnte sich das Lachen kaum verbeißen, als er
Alexandras Gesichtsausdruck beim Anblick ihrer Freundin sah. Er hatte ja ein
paar Stunden in der Gegenwart der „neuen“ Julie verbracht, doch wenn man sie zum
ersten Mal mit dieser Haarfarbe erblickte, dann war das, gelinde gesagt, schon
ein kleiner Schock.
Julie trug eine schwarze Hose und ein schwarzes Oberteil, was die Schockwirkung
noch verstärkte.
Alexandra starrte ihre Freundin mit offenem Mund an.
„Wow, ähm, du…du siehst irgendwie so…anders aus…“
„Danke, die Wirkung war ja auch beabsichtigt“, grinste Julie. „Nun sag bloß, du
hast es dir nicht vorstellen können, Chris hat doch ein paar süße Strähnchen in
der gleichen Farbe.“
Damit zwinkerte sie Chris verschwörerisch zu.
Der schüttelte nur amüsiert den Kopf. Julie war genau die richtige Person, um
ihn jetzt ein wenig aufzuheitern. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt,
Alexandra von seinem Termin bei Whiteman zu erzählen und sich den Frust von der
Seele zu reden.
„Ja, schon“, entgegnete Alexandra. „Aber die sind irgendwie nicht so…knallig.“
Julie gluckste vergnügt.
„Ach Schätzchen, krieg dich wieder ein. Die Männer sind total begeistert. Wenn
ich `nen Typen kennen lerne, dann meist er ganz scharf drauf, rauszufinden, ob
die Farbe echt ist.“
„Ach Julie“, stöhnte Alexandra. „Du bist unmöglich.“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Chris zu dämmern begann, was Julie damit
gemeint hatte. Dann konnte er sich jedoch nicht beherrschen und fing an zu
kichern. Die Stunden mit Kay und Julie hatten dazu beigetragen, ihn gegen die
gnadenlose Offenheit der frischgebackenen Blondine abzuhärten. Ohne diese
„Rosskur“ hätte er spätestens jetzt die Flucht ergriffen und sich mit
irgendwelchen dringenden Besorgungen entschuldigt.
Alexandra sah ihn erstaunt an und Chris begann zu husten.
„Hab mich verschluckt“, entschuldigte er sich, doch sie hatte ihn schon
durchschaut und schüttelte den Kopf.
„Ich geb’s auf“, sagte sie nur, doch sie lächelte dabei.
Das Gespräch wandte sich ernsteren Themen wie Jacks Verhaftung und der
anstehenden Verhandlung zu. Alexandra klärte Julie über die aktuellen
Entwicklungen auf.
Chris entschuldigte sich nach einer Weile, er versuchte, die Gedanken an die
bevorstehende Gerichtsverhandlung so gut wie möglich zu verdrängen, außerdem
erinnerte es ihn wieder an heute Vormittag, als Whiteman den Versuch gestartet
hatte, ihn davon abzubringen, für Mr. Sanders auszusagen. Er fragte sich die
ganze Zeit, was der Typ eigentlich damit bezweckte. Vielleicht konnte Alexandra
ihm später helfen, Licht in diese mysteriöse Geschichte zu bringen.
***
Alexandra schloss die Haustür hinter ihrer Freundin und schüttelte den Kopf. Die
Haarfarbe war wirklich gewöhnungsbedürftig. Es stimmte zwar, Chris hatte ein
paar Strähnen im gleichen Farbton, aber diese waren so schmal gehalten, dass sie
fast nicht auffielen. Sie würde Julie wohl noch einige Male treffen müssen,
bevor sie nicht jedes Mal bei ihrem Anblick geblendet sein würde.
„Chris“, rief sie laut, als sie zur Küche zurückging.
Es war ihr durchaus klar, wieso er sich verzogen hatte. Die Verhandlung lag ihm
schwer im Magen und Sams Warnung hatte das Ganze sicher nicht besser gemacht.
Oben öffnete sich eine Tür, Schritte ertönten, dann erschien Chris’ Kopf über
dem Treppengeländer.
„Ist Julie schon weg?“
„Ja. Tut mir leid, aber sie kennt Jack nun auch schon eine Weile und wollte
wissen, was so los ist.“
Chris kam langsam die Treppe herunter.
„Hey, kein Problem. Die Verhandlung kommt nur bald genug und…“ er zuckte mit den
Schultern.
„Du willst nicht mehr drüber nachdenken, als unbedingt nötig“, beendete
Alexandra den Satz für ihn.
„So ähnlich“, gab Chris zu. Er stand nun unten im Hausflur.
„Du hast Recht. Ich will auch nicht gerade dran erinnert werden. Hast du
Hunger?“
Chris schenkte ihr ein schiefes Lächeln.
„Nicht besonders. Whiteman hat mir ein wenig den Appetit verdorben.“
Alexandra runzelte die Stirn. Dieses widerliche, schleimige Männchen. Sie machte
sich im Geiste eine Notiz, Jack oder vielleicht auch Sam zu fragen, ob es eine
Möglichkeit gab, dass Chris seinen Bewährungshelfer ablehnen konnte.
„Was ist denn passiert?“ fragte sie, während sie in die Küche vorausging.
Chris ließ sich auf einen Stuhl fallen und in den folgenden fünf Minuten wurde
Alexandra mit einer äußerst bildreichen und drastischen Schilderung dieser
Sitzung beglückt. Chris’ Ausdrucksweise hatte sich in den vergangen Monaten
rapide gebessert, doch wenn er aufgeregt oder wütend war, dann fiel er noch
immer in seinen Teenieslang oder noch schlimmer, in die Sprache zurück, die er
im Gefängnis gelernt hatte. Bei manchen Ausdrücken zuckte Alexandra, die nicht
zimperlich und von Julie her wirklich einiges gewöhnt war, regelrecht zusammen.
„Wieso dieser Wichser unbedingt verhindern will, dass ich für Mr. Sanders
aussage, dass hab ich noch immer nicht begriffen. Meinst du, er hat was gegen
ihn?“
„Hm, schon möglich. Vielleicht hasst er Homosexuelle und will verhindern, dass
Jack seine Stelle zurückbekommt. Oder er kann ihn einfach nicht leiden.“
„Tss. Ich glaub, der Typ kann niemanden leiden. Außer dich. Ich soll dir
übrigens seine „herzlichsten Grüße“ bestellen.“
Chris äffte seinen Bewährungshelfer so treffend nach, dass Alexandra trotz allem
lachen musste.
„Bedank dich artig von mir, wenn du ihn das nächste Mal siehst“, sagte sie
trocken.
Chris brummte etwas Unverständliches vor sich hin.
„Hey, wir können froh sein, dass er mich zu mögen scheint. Das lenkt ihn
wenigstens von dir ab.“
Alexandra trat hinter Chris und begann sanft, seine Schultern zu massieren. Er
war in der vergangenen Woche öfters in den Genuss einer Massage gelangt, nachdem
ihn die ganze Zeit ein fürchterlicher Muskelkater aufgrund des ungewohnten und
anstrengenden Trainings geplagt hatte. Zu einer anschließenden „Kuschelsession“
war es zu Alexandras Enttäuschung jedoch nie gekommen, Chris war einfach zu
erschöpft gewesen. Sie hatte sich jedoch damit getröstet, dass das nur
vorübergehend war, bis seine Muskeln und sein Körper sich an die Anstrengung
angepasst hatten. Und dann würde sie schon dafür sorgen, dass er nach einer
Massage noch an etwas anderes dachte als ans Schlafen…
***
Zwei Tage später wurde Chris Zeuge eines Telefongespräches zwischen Alexandra
und Ian, das ihn äußerst nachdenklich stimmte. Es war bereits spät am Abend,
eigentlich wollte sie gerade ins Bett gehen, als das Telefon läutete und
Alexandra den Hörer abnahm. Chris bekam logischerweise nur die eine Hälfte mit,
doch was er hörte, fand er höchst alarmierend.
„Er tut was?...Ian, du machst Witze…..Nimm ihm das Zeug weg!...Dann sperr ihn
ein und wirf den Schlüssel weg!...Blödsinn….Also gut, ich komme morgen Abend
vorbei und knöpf ihn mir vor…Doch, das macht Sinn. Wenn ich mit ihm fertig bin,
dann weiß er nicht mehr, wo oben und wo unten ist!...Keine Ursache….Du auch!“
„Was ist denn los?“ fragte Chris, nachdem Alexandra die Verbindung getrennt
hatte und den Hörer wütend anstarrte, als hätte dieser etwas Unverzeihliches
verbrochen.
„Dieser Idiot!“
„Wer? Ian?“
„Nein! Jack!“
Ratlos starrte Chris seine Freundin an, die aufgeregt im Wohnzimmer hin und her
lief. Charlie verzog sich vorsichtshalber in die Ecke, ihm schien das ganze auch
nicht geheuer zu sein.
„Was hat Mr. Sanders denn getan?“ wagte Chris sich zu erkundigen, nachdem er
Alexandra ungefähr eine Minute lang zugesehen hatte.
„Was er getan hat?“ Alexandra blieb stehen und breitete die Arme aus. „Dieses
Rindvieh hat angefangen zu saufen, das hat er getan. Er weigert sich, die
Wohnung zu verlassen und mit irgendjemand außer Ian zu reden. Und er befindet
sich im Dauersuff.“
„Woher kriegt er denn dann den Alkohol, wenn er nicht rausgeht?“ erkundigte sich
Chris. Eine logische und legitime Frage, irgendwoher musste das Zeug ja kommen,
Ian hatte wohl kaum genügend Vorräte, um einen Dauerrausch zu verursachen.
Alexandra gefiel diese logische Denkweise jedoch überhaupt nicht.
„Das ist doch völlig egal“, knurrte sie. „Der kann morgen was erleben.“
Es war bereits
nach sieben, als Alexandra endlich in den Hof von Ians Werkstatt fuhr. Chris
hatte mitkommen wollen, doch sie hatte es ihm ausgeredet. Sie konnte sich
vorstellen, in was für einer Verfassung Jack war und das es ihm nicht gerade
angenehm sein würde, wenn ausgerechnet Chris ihn so sehen würde. Zumindest würde
er so darüber denken, wenn er wieder klar im Kopf sein würde.
In der Werkstatt brannte Licht. Alexandra stellte den Wagen ab und ging zum Tor.
Sie öffnete es einen Spalt und schlüpfte hinein.
Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr über die geöffnete Motorhaube eines Wagens
gebeugt und schraubte darin herum. Der Hinternform nach zu urteilen war es
vermutlich Ian.
Moment Mal, Alexandra musste über sich selbst den Kopf schütteln. Sie hatte wohl
eindeutig zuviel Kontakt zu Julie. Seit wann interessierte sie sich denn für die
Hinternform der männlichen Spezies?
Alexandra räusperte sich laut, um die Aufmerksamkeit des Mechanikers auf sich zu
lenken und um herauszufinden, ob sie mit ihrer Beobachtung richtig lag.
Der Mann fuhr hoch und schlug sich den Kopf an der offenen Motorhaube an.
„Autsch, verdammte Scheiße aber auch!“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Hand
an der getroffenen Stelle, drehte er sich zu Alexandra um.
„Hallo Ian. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe“, entschuldigte sich
diese und musste ein Schmunzeln unterdrücken. Die Szene eben hätte aus einem
schlechten Film stammen können.
„Hey, schon gut“, brummte Ian und wischte sich die schmutzigen Hände an einem
noch schmutzigerem Lappen ab. „Ich hab nachgedacht und hab dich nicht reinkommen
hören. Danke, dass du hier bist.“
„Jack ist einer meiner besten Freunde, also ist das doch wohl
selbstverständlich. Ist er oben?“
„Ja“, seufzte Ian. „Ich muss dich aber warnen, er ist stockbetrunken.“
„Woher hat er den Alkohol eigentlich, wenn er nicht rausgeht? Du wirst ihn doch
wohl kaum damit versorgen.“
Auch wenn sie Chris’ Einwand gestern Abend unwillig weggewischt hatte, die Frage
hatte sie sich später doch gestellt.
„Lieferservice“, gab Ian trocken zurück. „Erst hat er meine ganzen Whiskyvorräte
geplündert, dann ist er auf Wodka umgestiegen, den er sich von dem kleinen
Lebensmittelladen an der Ecke liefern lässt.“
Alexandra schauderte.
„Na, dann werde ich mal hochgehen und versuchen, ihn auszunüchtern“, erklärte
sie entschlossen.
„Ich komm lieber mit.“
Ian warf den Lappen, den er noch in den Händen hielt, auf einen Werkzeugwagen
und wollte zum Aufzug vorausgehen. Alexandra hielt ihn zurück.
„Du bleibst schön hier. Das schaffe ich schon alleine.“
Ian sah sie zweifelnd an.
„Er ist ziemlich übel drauf…“
„Keine Bange, ich bin ein großes Mädchen und kann einiges wegstecken“,
entgegnete Alexandra und lächelte schief.
***
Fünf Minuten später betrat Alexandra Ians Wohnung. Sie hatte Ian überzeugen
können, dass Jack bei ihr in besten Händen war, sozusagen. Zum Schluss hatte sie
den Eindruck gehabt, er machte sich mehr Sorgen um seinen Freund als um sie. Und
das war auch richtig so. Jack konnte was erleben.
Alexandra rümpfte die Nase. Die Luft roch abgestanden und nach Alkohol. Die
Küchenzeile und der große Esstisch waren übersät mit leeren Pizzaschachteln und
MacDonalds-Verpackungen. Dazwischen standen leere Flaschen. Also wenn Ian früher
so gelebt hatte, dann war es wohl Zeit gewesen, dass er Jack getroffen hatte,
auch wenn der im Moment völlig versumpft war. Sie selbst war ja auch nicht
gerade die Ordentlichste, aber bei herumliegendem Müll zog sie eine Grenze.
Suchend blickte Alexandra sich um. Sie hoffte, dass sie die restlichen Räume
würde nicht betreten müssen, darauf, Jack aus dem Schlafzimmer zerren zu müssen,
konnte sie dankend verzichten.
Ihr Blick blieb an einem unordentlichen Haufen Decken hängen, der auf dem Sofa
lag. Bei näherem Hinsehen erspähte sie ein paar dunkelblonde Haarsträhnen, die
daraus hervorlugten. Alexandra ging hinüber und blieb neben dem Haufen stehen.
„Jack!“
Der Haufen grunzte unwillig und begann sich zu bewegen. Dann lag er wieder
still.
„Jack, wach sofort auf oder ich hole einen Kübel Eiswasser und schütte ihn dir
über den Kopf!“
Die Hände in die Hüften gestützt wartete Alexandra, ob sie mit ihrer Drohung
Erfolg haben würde. Wenn nicht, dann…
Sie war fast enttäuscht, als Leben in das Deckengewirr kam und ein verschlafenes
Gesicht mit zusammengekniffenen Augen daraus hervorlugte.
„’sn los? Geh weg, Ian…“
„Als ich mich das letzte Mal im Spiegel betrachtet hab, da war ich noch nicht
Ian.“
Es dauerte ein paar Sekunden, dann schien Jacks alkoholvernebeltes Gehirn die
Informationen, die im zur Verfügung gestellt wurden, zu einem konkreten Bild
zusammengesetzt zu haben. Das Ergebnis brachte Alexandra beinahe zum Lachen.
Jack fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch und starrte sie blinzelnd an.
„Alex?“ krächzte er heiser.
„Die Eine und Einzige“, gab Alexandra spöttisch zurück.
Er sah wirklich verheerend aus. Unrasiert seit Tagen, die Augen blutunterlaufen,
zerknitterte Klamotten, das war nicht der Jack Sanders, den sie kannte.
„Was willst du denn hier?“
„Aus dir wieder einen Menschen machen. Und dann reden wir.“
Jack ließ sich wieder zurück in sein „Nest“ fallen und tastete mit einer Hand
hinter sich.
„Geh nach Hause“, sagte er heiser.
Er hatte gefunden was er suchte, denn er zog eine Flasche Wodka hervor, auf der
er anscheinend geschlafen hatte. Bevor er sie jedoch öffnen konnte, beugte sich
Alexandra vor und schnappte sie ihm weg.
„Oh nein, du säufst jetzt nicht weiter.“
„Gib mir das sofort zurück!“
Jack versuchte aufzustehen und nach der Flasche zu greifen, die Alexandra
außerhalb seiner Reichweite hielt, war jedoch scheinbar noch zu betrunken um
seine Bewegungen zu koordinieren. Er rutschte vom Sofa und blieb auf dem Boden
sitzen. Flehend sah er zu Alexandra auf.
„Bitte Alex, gib mir die Flasche. Ich ertrag das alles sonst nicht…“
Gegen ihren Willen fühlte Alexandra Mitleid in sich aufsteigen. Aber der Alkohol
war keine Lösung. Jack machte damit nur sich, Ian und ihre Beziehung zueinander
kaputt.
„Nein, du hörst jetzt auf damit“, sagte sie energisch. „Steh auf, zuerst
brauchst du mal `ne ausgiebige Dusche.“
„Ich brauch keine Dusche, ich brauch die Flasche! Gib sie sofort her!“
Mühsam rappelte Jack sich hoch und kam schwankend zum Stehen.
Alexandra trat einen Schritt zurück.
„Du kannst machen, was du willst, du kriegst den Scheiß nicht“, warnte sie.
„Alex, bitte…“
Alexandra überlegte, was sie jetzt tun sollte. Sie hatte keine Lust mehr, mit
Jack diese sinnlose Streiterei um eine halbvolle Flasche Wodka fortzusetzen.
Während sie ihren Freund wachsam beobachtete, ging sie zur Spüle und öffnete den
Verschluss, dann kippte sie die Flasche um.
„Spinnst du?“
Mit einer Geschwindigkeit, die sie Jack gar nicht zugetraut hatte, schon gar
nicht in dem Zustand, war dieser bei ihr und versuchte zu retten, was zu retten
war. Alexandra ließ die Wodkaflasche in das Spülbecken fallen und packte Jack
mit einem geübten Griff.
„Oh nein, so nicht mein Freund. Und jetzt gehen wir erst mal unter die Dusche.
Ich weigere mich, mit dir zu reden, wenn du stinkst wie ein Kamelhengst.“
Sie zerrte den sich heftig wehrenden Mann zu der ersten Tür auf der anderen
Seite des Raumes und hoffte, dass ihre Wahl die richtige war. Jack mochte
vielleicht stärker sein als sie, doch gegen ihre Geschicklichkeit und
langjährige Kampfsportroutine hatte er keine Chance. Schon gar nicht, wenn sie
ihm den Arm auf den Rücken gedreht hatte und ihn in einer Art Polizeigriff
festhielt.
„Lass mich sofort los, du bist ja total irre“, kreischte er hysterisch und
versuchte vergeblich, sich loszureißen, als Alexandra die Tür aufstieß.
Bingo, es war das Badezimmer. Großzügig angelegt, mit cremefarbenen Fliesen,
einer riesigen runden Badewanne, von der Alexandra nur träumen konnte und…einer
geräumigen Duschkabine, die keine Duschwanne besaß, sondern nur einen in den
Boden eingelassenen Abfluss. Die Glastür stand offen und Alexandra zerrte Jack
hinein.
Eigentlich hatte sie das „Wir“ ja nicht wörtlich gemeint, aber es sah fast so
aus, als müsste sie zu ihren Worten stehen. Jack hatte nämlich entschieden etwas
gegen eine Dusche einzuwenden, obwohl er wirklich eine vertragen konnte.
„NEIN! Verdammt, LASS LOS“, tobte Jack, während Alexandra mit dem Ellbogen den
Hebel nach oben drückte und dabei hoffte, dass er nicht gerade auf eiskalt oder
siedend heiß gestanden war.
Ein Schwall kalten Wassers prasselte auf sie beide herunter und Alexandra hätte
dem fluchenden und zappelnden Jack beinahe unfreiwillig seinen Wunsch erfüllt.
Doch sie biss die Zähne zusammen und hielt ihren Freund weiterhin fest. Dafür
schuldete er ihr was. Mindestens ein Essen in einem Fünf-Sterne-Restaurant.
Jack hörte mit einem Schlag auf, sich zu wehren und lehnte sich schwer gegen
sie. Alexandra glaubte schon fast, er wäre ohnmächtig geworden, als er plötzlich
zu reden begann.
„Tut mir leid“, sagte er leise.
Alexandra lockerte vorsichtig ihren Griff und wich ein wenig zurück, um
außerhalb des kalten Wasserstrahls zu stehen. Sie war komplett durchnässt, ihre
Kleidung klebte an ihrem Körper und in ihren Schuhen stand vermutlich das
Wasser. Ein absolut unangenehmes Gefühl.
Jack drehte sich zu ihr um. Er sah aus wie eine ertrunkene Ratte.
„Du kannst jetzt rausgehen. Den Rest schaffe ich alleine.“
Seine Stimme klang resigniert. Er schaltete das Wasser ab und fuhr sich mit den
Händen durch die nassen Haare. Dabei mied er Alexandras Blick.
„Jack, ich…“
„Nein, ist schon gut“, unterbrach er sie. „Ich bin derjenige, der sich hier zum
Trottel gemacht hat.“
Wenigstens schien er wieder Herr seiner Sinne zu sein. Jetzt musste sie ihn nur
noch dazu bringen, wieder ein wenig optimistisch zu werden und nicht alles so
schwarz zu sehen.
Die Badezimmertür flog auf und Ian kam hereingestürmt.
„Mein Gott, was ist denn passiert?“ rief er entsetzt, als er Alexandra und Jack
sah.
„Den Krach hat man unten in der Werkstatt gehört. Ich dachte schon, ihr bringt
euch gegenseitig um!“
„Wir leben beide noch, wie du siehst“, teilte Alexandra ihm mit. Sie schnitt
eine Grimasse. „Du hast nicht zufällig ein paar trockene Klamotten für mich?“
Ian sah sie verblüfft an, beschloss aber anscheinend, dass er lieber nicht
wissen wollte, wieso sie und Jack aussahen, als hätten sie gemeinsam in
bekleidetem Zustand eine Dusche genommen.
„Klar, komm mit…“
Er warf Jack einen unsicheren Blick zu.
„Ich bin gleich zurück und helfe dir“, versprach er ihm.
Jack nickte wortlos und setzte sich auf den Rand der Badewanne. Er vergrub das
Gesicht in beiden Händen. Es schmerzte, ihren sonst so souveränen Freund als
gebrochenes Häufchen Elend zu sehen, doch Alexandra konnte nicht verhindern,
dass sie dabei an Chris denken musste.
Jack hatte die besten Chancen, dass seine Unschuld bewiesen werden würde. Er
würde wahrscheinlich freigesprochen werden und konnte möglicherweise sogar in
seinen alten Job zurückkehren. Wenn doch nicht, dann konnte er sich etwas
anderes suchen oder schlimmstenfalls sogar in eine andere Stadt ziehen, wo
niemand von der Sache wusste. Er war in der Lage, alles hinter sich lassen.
Diese Möglichkeit hatte Chris nicht. Seine Erinnerungen würden ihn immer
verfolgen, egal, wohin er ging. Er würde sein ganzes Leben lang von Alpträumen
geplagt werden, zumindest gelegentlich, und er würde niemals völlig unbefangen
in der Gegenwart anderer Menschen sein können.
Genau das war es, was Alexandra Jack klarmachen wollte. Diese Verhandlung
bedeutete nicht das Ende der Welt. Sie war sich sicher, dass die Anklage sich
als haltlos erweisen und ihr Freund rehabilitiert werden würde. Er hatte
Freunde, die für ihn da waren und einen Geliebten, der zu ihm stand. Er war
nicht allein…
Es war bereits
kurz nach Mitternacht, als Alexandra die Haustür aufschloss und den Flur betrat.
In einer Tasche trug sie ihre nassen Sachen, Ian hatte ihr einen Jogginganzug
und ein Paar Schuhe geliehen, die sie auch mit zwei paar dicken Socken noch
immer fast verlor.
Sie hatte sich in Ians Schlafzimmer schnell umgezogen und dann draußen im
Wohnraum auf die beiden gewartet. Es hatte über eine halbe Stunde gedauert, bis
sie erschienen waren und Alexandra hatte in der Zwischenzeit den Fernseher
angemacht, um eventuell verdächtig klingende Geräusche aus dem Badezimmer zu
übertönen.
Auch wenn sie keine Probleme mit Homosexuellen hatte, sie musste nicht unbedingt
den akustischen Beweis für die Vermutung haben, die in ihrem Hinterkopf
herumspukte. Wahrscheinlich zeigte Ian Jack, dass er ihm nicht böse war und ihn
immer noch liebte.
Alexandra klickte durch die Programme. Es kam nichts, dass sie großartig
interessierte und so wanderten ihre Gedanken doch wieder unfreiwillig zu den
beiden Männern ins Badezimmer. Wer von den beiden war wohl…
Sie schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und hielt ihrer Fantasie einen
strengen Vortrag über die Wahrung der Intimsphäre ihres besten Freundes. Sie
WOLLTE das doch gar nicht wissen. Obwohl…
Endlich ging die Badezimmertür auf und Ian trat heraus. Er zog Jack an der Hand
hinter sich her und beendete damit zumindest vorübergehend Alexandras mentalen
Krieg mit sich selbst. Beide hatten nasse Haare, was darauf schließen ließ, dass
sie möglicherweise gemeinsam geduscht und dabei vielleicht noch andere Dinge
getan hatten.
Alexandra fühlte wie ihr das Blut in die Wangen schoss und stöhnte innerlich
auf. Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Seit wann interessierte sie sich für
das Liebesleben ihrer Freunde? Ihrer MÄNNLICHEN Freunde, wohlgemerkt, die eben
zufällig ein Paar waren.
Jack ließ Ians Hand los und räusperte sich.
„Alex, ich wollte mich bei dir wegen vorhin entschuldigen…“
Das lenkte Alexandra nun endlich von ihren ungebetenen Fantasien ab und
ermöglichte es ihr, sich wieder darauf zu konzentrieren, weswegen sie eigentlich
hergekommen war, nämlich Jack eine Tritt in den Hintern zu geben und ihn wieder
auf den richtigen Weg zu bringen.
Sie redeten stundenlang. Alexandra und Ian versuchten Jack klarzumachen, dass
diese Anklage und die bevorstehende Verhandlung nicht der Weltuntergang waren,
sondern dass er einigermaßen unbeschadet daraus hervorgehen würde. Sam war eine
großartige Anwältin, das angebliche „Opfer“ mehr als unglaubwürdig und dass nun
öffentlich bekannt war, dass er homosexuell war, mochte für Jack selbst zwar
unangenehm sein, doch er musste einfach lernen, sich nicht um die Meinung der
Leute zu scheren.
Am Ende hatten sie ihn wenigstens soweit, dass er versprach, keinen Tropfen
Alkohol mehr anzurühren und sich auch nicht mehr zu vergraben. Damit er beweisen
konnte, dass er dieses Vorhaben ernst meinte, lud Alexandra ihn und Ian für den
Sonntag zum Essen ein. Hier jedoch zögerte Jack.
„Was ist mit Chris?“ fragte er. „“Glaubst du wirklich, dass er damit
einverstanden sein wird? Ich will ihn nicht in eine unangenehme Situation
bringen…“
„Quatsch.“ Ungeduldig wischte Alexandra diesen Einwand weg. „Denkst du,
ausgerechnet er würde für dich aussagen, wenn er tatsächlich glauben würde, du
wärst zu so etwas fähig? Bestimmt nicht, eher würde die Hölle zufrieren.“
Jack starrte auf seine zusammengefalteten Hände.
„Nein…aber…sein Verhalten während seines ersten Verhörs hat mich ganz schön in
die Bredouille gebracht. Diese Jensen hat mich dermaßen in die Zange genommen,
ich hätte beinahe alles zugegeben, was sie von mir wollte, nur damit sie mich
endlich in Ruhe lassen würde.“
„Bist du deswegen etwa sauer auf ihn?“ erkundigte sich Alexandra. „Dafür konnte
Chris nichts. Er ist nun mal sensibel bei diesem Thema, wird es immer sein, aber
er hat jetzt kein Problem mit dir.“
„Aber er hatte eines, Ian hat mir davon erzählt“, gab Jack zurück und sah auf.
„Er hat am Anfang geglaubt, ich hätte wirklich…“
Alexandra sprang auf.
„Hergott nochmal, Jack. Du weißt, was mit ihm passiert ist. Versetz dich bitte
mal in seine damalige Situation. Man hat ihm hingeknallt, dass ein Mensch, dem
er vertraut hat, versucht hat, einem anderen das gleiche anzutun, was man ihm
selbst zigmal angetan hat. Wärst du da nicht auch erst mal ausgerastet?“
Jack schwieg. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nach dem zu urteilen, was ich hier in den vergangenen Tagen veranstaltet
habe…Ich bin wohl der letzte, der Chris einen Vorwurf machen dürfte“, gab er
schließlich zu.
„Also, dann ist es ausgemacht. Du und Ian, ihr kommt übermorgen zum Mittagessen.
Halb zwölf?“
Die beiden stimmten zu, Jack zwar etwas zögernd, aber Alexandra hatte nicht vor,
ihm eine andere Wahl zu lassen. Und sie war sich sicher, dass Chris damit
einverstanden sein würde, immerhin hatte er ja eigentlich mitkommen wollen.
Kurz darauf hatte sich Alexandra schließlich verabschiedet und war nach Hause
gefahren.
Nachdem sie ihre nassen Klamotten in die Waschküche gebracht und auf die Leine
zum Trocknen gehängt hatte, ging Alexandra nach oben. Es wunderte sie
eigentlich, dass ihr Charlie noch nicht entgegen gekommen war, aber es war schon
ziemlich spät. Der Hund konnte auch manchmal recht faul sein.
Die Schlafzimmertür war nur angelehnt und durch den Spalt drang ein schwacher
Lichtschimmer. Chris war also noch wach und wartete auf sie. Ein warmes Gefühl
machte sich in Alexandra breit. Es war schön, zu wissen, dass es einen Menschen
gab, der einen vermisste, wenn man weg war und sei es auch nur für ein paar
Stunden.
Sie öffnete die Tür und trat ein. Das Bild, das ihr bot, brachte sie nun
allerdings zum schmunzeln. Charlie lag, wie üblich und völlig normal, auf seinem
Teppich und döste. Er öffnete nur kurz die Augen und blaffte leise.
Chris dagegen hatte es sich, so wie es aussah, richtig gemütlich gemacht. Er lag
quer über dem Bett, mit dem Oberkörper auf ihrer Seite, Schulbücher um sich
herum ausgebreitet und hatte anscheinend versucht, sich die Wartezeit mit Lernen
zu vertreiben. Dabei musste er allerdings eingeschlafen sein. Sein Kopf lag
seitlich auf seinem Schreibblock und in der Hand hielt er noch immer einen
Kugelschreiber.
Alexandra schüttelte den Kopf und lächelte. Wie arm war ihr Leben doch gewesen,
bevor Chris bei ihr eingezogen war. Sicher, er hatte einen Haufen Probleme mit
sich gebracht, doch er war ihr jedes einzelne davon wert.
Alexandra unterdrückte ein Gähnen. Zeit, sich auch in die Falle zu hauen. Leise
ging sie ins Bad, um sich umzuziehen und die Zähne zu putzen. Dann jedoch stand
sie vor der schwierigen Aufgabe, Chris aus ihrem Bett zu bekommen. Er hatte sich
die ganze Zeit nicht gerührt und schien wirklich tief und fest zu schlafen. Wie
er das in dieser eigentlich total unbequemen Position schaffte, war Alexandra
ein Rätsel.
Sie setzte sich auf das Bett und beugte sich über ihn. Ein paar seidige
Haarsträhnen waren ihm über die Wange gefallen und Alexandra ergriff eine davon.
Dann begann sie, ihn damit an der Nase zu kitzeln.
Chris zog die Nase kraus und verzog im Schlaf unwillig das Gesicht. Er brummelte
etwas Unverständliches und Alexandra begann zu kichern.
Das Geräusch schien Chris nun endlich aufzuwecken. Er öffnete die Augen und
blinzelte verschlafen zu ihr hoch. Dabei sah er so niedlich aus, dass Alexandra
einen Moment lang die Luft wegblieb.
„Hey“, sagte er mit rauer Stimme. „Wie spät ist es?“
„Halb eins. Hat ein Weilchen gedauert, Jack wieder auf Vordermann zu bringen.
Machst du mal ein bisschen Platz, damit ich auch mit ins Bett kann?“
Chris gähnte, dann rutschte er ein wenig zur Seite, so dass er zumindest gerade
und nicht mehr quer im Bett lag. Alexandra sammelte seine Bücher ein und nahm
ihm den Kugelschreiber aus der Hand.
„Den brauchst du ja jetzt wohl im Moment nicht“, stellte sie amüsiert fest und
legte die Sachen auf dem Boden ab. Dann schlüpfte sie unter ihre Decke.
Chris kuschelte sich an sie.
„Hab dich vermisst“, murmelte er. „Ist nicht dasselbe, wenn du nicht da bist.“
Da war es wieder, dieses warme, angenehme Gefühl. Alexandra fragte sich, wie sie
die ganze Zeit nur ohne es hatte existieren können. Es erschien ihr jetzt fast
so, als hätte früher einfach ein Teil von ihr gefehlt, als wäre sie nicht „ganz“
gewesen. Chris hatte das alles verändert, ihr Leben auf den Kopf gestellt. Und
sie wollte nichts davon mehr missen.
„Du fehlst mir auch, wenn du nicht da bist“, gab sie leise zurück.
Chris antwortete nicht, sondern drückte sich nur ein wenig fester an sie.
Alexandra dachte schon, er wäre wieder eingeschlafen und wollte gerade das Licht
ausmachen, als er doch zu reden anfing.
„Wie geht’s Mr. Sanders jetzt?“
„Ich hoffe, Ian und ich konnten ihm den Kopf wieder gerade rücken. War ein
schönes Stück Arbeit.“
Alexandra kicherte, als ihr etwas einfiel. Vor einigen Stunden war sie geistig
zu stark mit Jack und seinen Problemen beschäftigt gewesen als dass sie sich
darüber großartig Gedanken hätte machen können, aber nun kamen ihr ein paar
Einzelheiten zu Bewusstsein, die durchaus höchst amüsant gewesen waren.
„Was ist?“ fragte Chris mit geschlossenen Augen.
„Oh, ich musste gerade an Ian denken. Hättest du gedacht, dass er ein
Schlafzimmer mit dunkelrot gestrichenen Wänden, einem dunkelroten Teppich und
ein riesiges Bett mit schwarzer Satinbettwäsche hat? Der Raum sieht aus wie eine
Höhle. “
Alexandra grinste vor sich hin. Das Zimmer hatte sie im ersten Moment fast
erschlagen. Sie hatte nicht gewagt, sich näher umzusehen, da sie Angst hatte vor
dem, was sie sonst noch entdecken könnte. Innerhalb kürzester Zeit war sie
umgezogen gewesen und war aus dem Raum geflüchtet.
Chris öffnete die Augen und blinzelte sie ungläubig an.
„Was bitte hast du in Ians Schlafzimmer gemacht?“ fragte er argwöhnisch.
„Ian hat mir ein paar trockene Klamotten gegeben, nachdem ich mit Jack unter der
Dusche war…“
Alexandra hatte den Satz noch nicht beendet, als ihr bewusst wurde, wie sich das
alles anhören musste. Und in der nächsten Sekunde konnte sie sich schon dazu
gratulieren, dass sie zum zweiten Mal an diesem Abend einen Mann dazu gebracht
hatte, senkrecht auf der Couch beziehungsweise im Bett zu stehen.
„Alex!“
Argwohn hatte sich in Entsetzen verwandelt. Chris hatte sich aufgesetzt und
starrte mit weit aufgerissenen Augen auf sie herunter.
„Wieso warst du mit Mr. Sanders unter der Dusche?“
Seine Stimme klang fassungslos und Alexandra konnte sich nicht beherrschen. Sie
prustete los. Ihr Heiterkeitsausbruch trug allerdings nicht im Geringsten dazu
bei, Chris zu besänftigen, im Gegenteil.
„Alex, ich find das nicht komisch! Was hast du da heute Abend bloß gemacht?“
Chris’ Empörung stachelte Alexandra jedoch nur zu weiterem Gelächter an. Sie
musste sich ebenfalls aufsetzten, da sie sonst keine Luft mehr bekommen hätte.
„Oh mein Gott, du hättest grad eben dein Gesicht sehen sollen…“ japste sie
schließlich und wischte sich Lachtränen aus den Augen. „Das war unbezahlbar.“
Chris sah sie nur böse an, was Alexandra wieder zum Kichern brachte.
„Alex, bitte, sag mir endlich, was da los war“, bettelte er.
„Ich fand einfach, dass Jack eine Dusche gebrauchen konnte“, gluckste sie
vergnügt. „Er war nicht meiner Meinung, ich musste ihn handgreiflich davon
überzeugen. Wir waren aber beide angezogen!“
Chris sah nun etwas beruhigter aus. Etwas.
„Und wieso warst du im Schlafzimmer?“ forschte er.
„Na, irgendwo musste ich die nassen Sachen ja wechseln. Ian hat mir was von sich
geliehen.“
„Ach sooo“, seufzte Chris erleichtert. „Mann, musst du mir so einen Schrecken
einjagen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu.
Alexandra umarmte ihn lachend.
„Also bitte, inzwischen solltest du mich doch kennen“, scherzte sie.
„Hey, wenn du mir erzählst, dass du bei einem Typen im Schlafzimmer warst und
mit dem anderen in der Dusche, und das alles, während ich fast schlafe…“
verteidigte sich Chris.
Dann sah er sie stirnrunzelnd an.
„Ein rotes Schlafzimmer und schwarze Satinbettwäsche?“
Am Sonntag kamen
Ian und Jack zum Essen. Chris hatte sich erboten, Pizza zu machen. Wie Alexandra
vorhergesagt hatte, hatte er nichts dagegen gehabt, dass sie die beiden Männer
eingeladen hatte.
Dennoch war die Stimmung am Tisch etwas befangen, auch wenn jeder voller Lob für
den Koch war. Die Unterhaltung wurde hauptsächlich von Ian und Alexandra
bestritten, die sich über Belanglosigkeiten unterhielten. Jack hielt sich zurück
und warf Chris immer wieder unsichere Blicke zu.
Nach dem Essen sah Alexandra Ian vielsagend an.
„Du meine Güte, bin ich vollgefressen“, stöhnte sie und rieb sich über den
Bauch. „Gott-sei-Dank kochst du nicht so oft, sonst könnte ich mir bald eine
neue Garderobe zulegen. Also, jetzt brauche ich eine Verdauungszigarette. Du
auch?“
Damit wandte sie sich an Ian. Sie wusste, dass Jacks Freund, genau wie sie,
gelegentlich rauchte.
„Hört sich gut an“, entgegnete Ian und stand auf. „Gehen wir auf die Veranda?“
Alexandra ignorierte Chris’ missbilligenden Blick und holte sich ihre Zigaretten
aus der Küchenschublade, bevor sie mit Ian nach draußen ging. Es ging ihr nicht
um die „Verdauungszigarette“, sondern darum, Jack und Chris die Gelegenheit zu
verschaffen, allein miteinander zu reden. In letzter Zeit hatte sie das Rauchen
sowieso fast aufgegeben.
Ian gab zuerst ihr Feuer, bevor er sich seine eigene Zigarette anzündete.
„Ich glaub, das war eine gute Idee, die beiden allein zu lassen“, sagte er.
„Jack war den ganzen Vormittag total hibbelig. Er wollte schon fast absagen.“
„Dann wäre ich aber gekommen und hätte ihn an den Ohren hergezogen“, entgegnete
Alexandra und zog an ihrer Zigarette. Eigentlich schmeckte sie überhaupt nicht.
„Darum hat er es schließlich doch nicht gewagt.“
Ian lächelte schief.
„Jack hat einen jesusmäßigen Respekt vor dir. Ich hab keine Ahnung, wie ich dir
jemals dafür danken soll, dass du ihm den Kopf zurechtgesetzt hast. Ich wusste
schon gar nicht mehr, was ich machen sollte. Hatte Chris wirklich nichts
dagegen, dass wir gekommen sind?“
Alexandra lehnte sich an das Geländer der Veranda und sah in ihren Garten
hinaus. Die letzten Herbstblumen waren verblüht und er wirkte vernachlässigt.
Vielleicht sollte sie sich in den nächsten Tagen einmal darum kümmern.
„Nein. Er war zwar heute Vormittag etwas nervös, aber…ich glaub, er wollte auch
mit Jack reden, wegen der ganzen Sache, und ihn etwas wegen seinem neuen
Bewährungshelfer fragen.“
„Sie haben ihm also einen Neuen zugeteilt?“ erkundigte sich Ian.
„Mhm. Ein totales Ekelpaket.“
Alexandra drückte ihre Zigarette aus. Sie schmeckte absolut nicht. Vielleicht
sollte sie endlich ganz damit aufhören.
„Sollen wir wieder reingehen?“ fragte Ian.
„Nein. Warten wir eine Weile.“
***
Nachdem die Tür hinter Alexandra zugefallen war, warf Chris seinem ehemaligen
Bewährungshelfer einen forschenden Blick zu, den dieser unsicher erwiderte. Mr.
Sanders sah wirklich nicht besonders gut aus, er hatte abgenommen und unter
seinen Augen lagen dunkle Schatten.
„Ich mach Kaffee“, erklärte Chris, nur um die unbehagliche Stille zu
durchbrechen und um etwas zutun zu haben. „Sie möchten doch auch einen, oder?“
„Ja, danke“, entgegnete der Mann und starrte auf seine zusammengefalteten Hände.
„Chris…es tut mir leid, dass du da hineingezogen wirst, wirklich. Ich weiß gar
nicht, wie ich das jemals wieder gut machen soll…“
Chris hielt inne. Er hatte gerade den Wasserkocher in der Hand und wollte Wasser
hineinfüllen. Die Kaffeemaschine war noch immer nicht entkalkt worden.
„Machen Sie sich keine Vorwürfe. Es ist schließlich nicht Ihre Schuld…“
Mr. Sanders schüttelte den Kopf.
„Ich frage mich die ganze Zeit, was ich hätte tun können, um so etwas zu
verhindern. Wie Allington überhaupt auf die Idee gekommen ist, dass ich…“
Er brach ab.
Chris schwieg. Was hätte er auch dazu sagen sollen? Er hatte keine Ahnung, wie
Stephen Allington herausgefunden hatte, dass Jack schwul war. Ob er es überhaupt
herausgefunden hatte oder ob es nur ein Schuss ins Blaue gewesen war. Und es war
ja jetzt auch egal.
Chris schaltete den Wasserkocher ein und bereitete die Kaffeekanne vor. Dann
holte er vier Tassen aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch.
„Hat Alex Ihnen schon von meinem neuen Bewährungshelfer erzählt?“ fragte er,
während er das Geschirr vom Mittagessen zusammenstellte.
Dabei warf er einen Blick durch das Fenster hinaus auf die Veranda. Zumindest
Alexandra hatte ihre Zigarette beendet und gestikulierte wild mit beiden Händen
herum. Was sie sagte, konnte Chris nicht verstehen, doch er musste lächeln.
Seine Alex war schon wirklich was ganz Besonderes…
„Nein, hat sie nicht. Wen haben sie dir den zugeteilt?“ erkundigte sich Mr.
Sanders.
Chris schreckte aus seinen Träumereien auf.
„Einen Typen namens Donald…nee, Ronald Whiteman. Kennen Sie den näher?“
„Großer Gott, DAS ist jetzt dein Bewährungshelfer? Was hat Leroy sich denn dabei
bloß gedacht!“
Chris schwante Böses. Das hieß, eigentlich hatte er schon von Anfang an gewusst,
dass Whiteman mit Vorsicht zu genießen war, doch nun hatte er die offizielle
Bestätigung.
„Wie meinen Sie das?“ fragte er vorsichtig.
„Whiteman ist ein Vollidiot! Ungefähr die Hälfte seiner Leute landet nach
spätestens ein paar Monaten wieder im Knast“, erklärte Mr. Sanders.
Chris spürte, wie ihm die Knie weich wurden und er setzte sich auf den
nächstbesten Stuhl.
„Was?“
Mr. Sanders schien klar zu werden, dass er ihm nicht gerade Mut gemacht hatte.
„Hey, so habe ich das jetzt nicht gemeint“, sagte er hastig. „Du brauchst dir
keine Sorgen zu machen. Whiteman ist nur einfach unfähig, jemanden zu
motivieren. Darum haben seine Leute auch so eine hohe Rückfallquote.“
„Ist es nur das oder…oder hat er schon mal jemanden wegen irgendeiner
Kleinigkeit wieder ins Gefängnis gebracht?“
Chris musste diese Frage einfach stellen. Er wusste, dass Whiteman ihn nicht
leiden konnte, ihn verachtete, und er machte sich vor jeder Begegnung die
größten Sorgen, dass der Mann irgendetwas, was er tat oder sagte, zum Anlass
nehmen konnte, ihn zurück ins Gefängnis zu schicken. Und er hätte wohl kaum eine
Chance, etwas dagegen zu tun. Wenn das Wort eines Behördenvertreters gegen das
eines Ex-Sträflings stand, wem glaubte man dann eher?
Mr. Sanders runzelte die Stirn.
„Nein“, entgegnete er langsam. „Nicht, dass ich wüsste. So einfach geht das auch
wieder nicht, eine Aufhebung der Bewährung entscheidet nicht der
Bewährungshelfer allein. Ich wollte das mit Allington an dem Tag, als ich
verhaftet wurde, mit meinem Vorgesetzten besprechen. Wenn Leroy zugestimmt
hätte, dann wäre das Früchtchen in den Bau gewandert. Mach dich nicht verrückt,
Leroy ist ein fairer Mann und er kennt Whiteman gut genug. Er würde eine
Empfehlung von ihm auf jeden Fall genau prüfen.“
Chris atmete tief durch. Sanders hatte ihn wenigstens ein klein wenig beruhigen
können, wenn auch nicht ganz.
„Was hat Allington eigentlich getan?“
Sein Gegenüber schnaubte spöttisch.
„Gegen sämtliche Bewährungsauflagen verstoßen. Er ist für eine Woche nach Hawaii
geflogen, obwohl er ohne meine Zustimmung den Staat nicht hätte verlassen
dürfen, er hat Termine geschmissen, als ich versucht habe, ihn in seinem
Stammclub ausfindig zu machen, habe ich beobachtet, wie er von einem Typen ein
paar Pillen gekauft hat und als Krönung des Ganzen hat er dann ein Mädel
abgeschleppt, das vielleicht gerade mal fünfzehn war.“
„Wieso haben Sie da nicht die Polizei gerufen?“
„Ach, das wäre sinnlos gewesen“, winkte Mr. Sanders ab. „Er hätte sich nur
wieder irgendwie rausgeredet. Ich hab ihn am nächsten Tag angerufen und ihm
gesagt, dass ich am Dienstag mit meinem Boss sprechen würde und dass er sich
dann von seiner Bewährung verabschieden könne. Abends kam er bei mir vorbei und
wollte mir Geld anbieten, damit ich es nicht tue. Ich hab ihn rausgeworfen…“
„Und das war ein Fehler“, vervollständigte Chris den Gedankengang.
„Ja“, nickte Mr. Sanders. „Den ersten Fehler hab ich schon gemacht, als ich ihn
von meinem Vorhaben in Kenntnis setzte. Hätte ich doch nur den Mund gehalten…“
Chris warf nochmals einen Blick aus dem Fenster. Alexandra unterhielt sich noch
immer mit Ian und er fragte sich, worüber die beiden wohl redeten. Ihm war
durchaus bewusst, dass sie ihn mit Absicht mit Mr. Sanders allein gelassen
hatte. Sie wollte, dass sie sich aussprachen.
„Mr. Sanders, da…“
„Jack.“
„Was?“
„Nenn mich einfach Jack. Ich bin jetzt keine Respektsperson mehr für dich, also
kannst du mich ruhig bei meinem Vornamen nennen und mich duzen. Ich mach das bei
dir ja auch schon die ganze Zeit.“
Chris starrte Mr. Sanders, nein, Jack, eine ganze Weile lang verblüfft an.
Dieses Angebot hätte er nicht erwartet. Doch in einem Punkt hatte seine
Ex-Bewährungshelfer Unrecht.
„Das stimmt nicht“, sagte er leise. „Sie…du bist noch immer jemand, den ich
respektiere, schon wegen dem, was du für mich getan hast.“
Jack sah Chris lange an.
„Danke“, entgegnete er schließlich ernst.
„Jack, da…ich wollte mich noch dafür entschuldigen, dass ich anfangs geglaubt
hab, dass du…das du das wirklich getan hast. Ich weiß, dass du so was nie tun
würdest, aber…bei mir ist da einfach eine Sicherung durchgebrannt und…Alex hat
mir erzählt, dass du deshalb eine Menge Ärger hattest…“
Chris schluckte und sah Jack von unten her an.
Der lächelte gezwungen.
„Das mit dem Ärger stimmt wohl. Nur …ich kann verstehen, warum du so reagiert
hast. Also vergessen wir das am besten.“
Chris nickte erleichtert. Er hatte sich entschuldigt und Jack hatte ihm
verziehen. Eine Sorge weniger, die auf ihm lastete. Aber etwas gab es noch, dass
er und auch Alexandra sich die ganze Zeit schon gefragt hatten.
„Kann es übrigens sein, dass dieser Whiteman was gegen dich hat?“
Jack lachte humorlos auf.
„Frag mich lieber, ob es jemanden gibt, gegen den der Kerl nichts hat. Das wäre
einfacher und schneller zu beantworten.“
***
„Lief doch ganz gut“, sagte Alexandra, als sie in die Küche zurückkam. Sie hatte
gerade Jack und Ian verabschiedet, die nach ein, zwei Tassen Kaffee und
ausgiebigem „Kriegsrat“ den Heimweg angetreten hatten.
„Ja“, entgegnete Chris und starrte in seine Tasse.
„Was ist los?“
Alexandra setzte sich neben ihn und strich ihm über die Schulter.
Chris wandte den Kopf und sah sie an. Es war ganz gut gelaufen, er hatte sich
mit Jack ausgesprochen, dieser hatte seine Sorge wegen Whiteman ein wenig
dämpfen können, aber das Gespräch hatte für ihn auch neue Fragen aufgeworfen.
Fragen, die sich nicht so einfach beantworten ließen.
„Wieso muss das alles so sein?“ fragte er leise. „Ich mein, das Leben ist schon
schwer genug, man hat Ärger und Probleme, man kann schwer krank werden oder…oder
jemand, den man liebt, stirbt…Warum gibt es immer wieder Menschen, die alles nur
noch schlimmer machen müssen? Und das ohne guten Grund“
Alexandra blinzelte überrascht. Chris erwartete nicht wirklich von ihr, dass sie
eine Antwort auf diese Frage hatte, aber sie hatte wissen wollen, was los war.
Und das hatte ihn in diesem Moment beschäftigt.
„Keine Ahnung“, sagte sie erwartungsgemäß. „Ich schätze, dafür gibt’s keine
logische Erklärung. Man muss sich wohl einfach damit abfinden.“
Chris seufzte.
„Tja…dann gibt’s wohl auch keine Erklärung dafür, warum sich so viele von diesen
Idioten ausgerechnet in meinem Leben tummeln müssen.“
Missmutig stapfte
Chris hinter Alexandra die Treppen hinunter zum Dojo. Wie man es auch drehte und
wendete, heute war einfach ein Scheißtag gewesen. Für ihn zumindest. Angefangen
hatte es schon morgens, als Sam angerufen und ihn für den Vormittag zu sich in
ihre Kanzlei bestellt hatte. Sie wollte mit ihm die Fragen durchgehen, die vor
Gericht auf ihn zukommen würden.
Er hatte sich auf dem Weg dorthin verfahren und war eine Viertelstunde zu spät
gekommen. Sam hatte zwar nichts gesagt, als er sich deswegen entschuldigt hatte,
doch sie hatte ihn missbilligend angesehen.
Die Anwältin hatte mit den Fragen angefangen, sie sie selbst ihm stellen wollte
und Chris hatte sich schon gewundert, was das ganze Brimborium um die
Vorbereitung sollte, daran war doch nichts Besonderes. Doch dann war sie zur
Verhörmethode des Staatsanwaltes übergegangen.
Und damit hatte sie Chris einen gehörigen Schrecken eingejagt. Sam hatte zwar
schon angedeutet, dass es unangenehm für ihn werden könnte, doch dass der
Staatsanwalt möglicherweise solche Methoden bei einer Zeugenbefragung anwenden
würde, darauf war Chris nicht vorbereitet gewesen.
Als er die Kanzlei wieder verlassen hatte, hatte er sich gewünscht, dass Jack’s
Anwältin nicht so gründlich gewesen wäre, sondern ihn lieber in seliger
Unwissenheit gelassen hätte. Sein Horror vor dem kommenden Freitag hatte sich
ins Unermessliche gesteigert und er hatte sich gefragt, wie er diese Verhandlung
überstehen sollte.
Als Chris nach Hause gekommen war, war er erst einmal nach oben gegangen und
hatte sich umgezogen. Die Garage war inzwischen fertig, das Wetter hatte
umgeschlagen, man konnte draußen nicht mehr arbeiten, also hatte Alexandra
beschlossen, dass er im Inneren des Hauses weitermachen sollte. Sie hatte ihn
gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn er sich zuallererst um sein altes Zimmer
kümmern würde, da es nicht in Gebrauch war.
Chris hatte zugestimmt und so hatten sie vergangene Woche gemeinsam alles in
Kisten verpackt und die Möbel auf den Dachboden geschafft. Als erstes stand das
Badezimmer auf dem Programm. Die alten Fliesen mussten entfernt werden, genau
die Arbeit, die Chris gebraucht hatte, um seinen Frust loszuwerden.
Es hatte jedoch nicht lange gedauert und er war dabei gestört worden. Alexandra
war in der Tür erschienen und hatte ihm augenrollend mitgeteilt, dass Whiteman
da war. Chris war mit ihr nach unten gegangen und hatte sich dann in der
folgenden Viertelstunde mitanhören dürfen, wie der Giftzwerg mit Alexandra über
ihn redete, als wäre er gar nicht da. Als Krönung des Ganzen hatte der Kerl sie
auch noch angeschmachtet und Chris hatte schon fast befürchtet, dass Whiteman
jeden Moment der Sabber aus dem Mundwinkel laufen würde.
Es war einfach nur widerlich gewesen. Charlie schien Chris’ Meinung durchaus
geteilt zu haben, denn der Hund verschaffte ihm den ersten und einzigen
Lichtblick an diesem Tag. Als Whiteman von seinem Platz am Küchentisch aufstand
um sich zu verabschieden, Alexandra’s Hand ergriff und sie massiv länger hielt
als notwenig, wurde es Charlie zu bunt. Er stellte sich neben Whiteman und hob
das Bein….
Chris hatte sich in dem darauf folgenden Geschrei schnellstmöglich unbemerkt
davon gestohlen, hastig eine Entschuldigung gemurmelt und war wieder nach oben
gerannt. Er hatte die Zimmertür hinter sich zugeworfen und sich dann auf dem
Boden einem hysterischen Lachanfall hingegeben. Dabei hatte er geschworen,
Charlie gleich am nächsten Tag eine ganze Kiste voller Kauknochen zu kaufen und
den Hund nie, nie wieder zu schimpfen, wenn er etwas angestellt hatte.
Alexandra war weniger begeistert gewesen, sie hatte schließlich die Sauerei
beseitigen und Whiteman wieder besänftigen müssen.
Abends hatten sie dann einen Riesenstreit, der eigentlich wegen einer Lappalie
begonnen hatte. Alexandra wollte, dass er sich für die Verhandlung am Freitag
einen Anzug zulegte, weil er damit einen besseren Eindruck auf den Richter
machen würde. Chris hatte sich strikt geweigert. Er würde sich nicht
„verkleiden“, wie er es nannte. Als Alexandra ihm klarzumachen versuchte, dass
es im Leben nun einmal Situationen gab, in denen man sich gewissen Konventionen
beugen musste, waren Chris ohnehin schon angespannte Nerven gerissen und er
hatte sie angebrüllt, dass ihm das völlig scheißegal wäre. Seine Aussage wäre ja
wohl wichtig, und nicht das, was er anhätte.
Daraufhin hatte Alexandra zurück geschrieen, dass er endlich erwachsen werden
solle, dass das Leben nicht so einfach wäre, wie er es gerne hätte. Ein Wort
hatte das andere gegeben, bis es Chris schließlich gereicht und er sich seine
Jacke geschnappt hatte. Er hatte das Haus türeknallend verlassen, um sich bei
einem Spaziergang abzuregen.
Eine halbe Stunde später, nach einer ellenlangen Diskussion mit sich selbst, war
Chris wieder zurückgekehrt, um sich bei Alexandra zu entschuldigen. Sie hatte ja
in gewisser Weise Recht, zu dieser Einsicht war er inzwischen auch gekommen. Er
musste einen glaubwürdigen Eindruck bei diesem Richter hinterlassen, der über
Jack’s Schicksal entscheiden würde.
Es war schon kurz nach sieben gewesen, als er das Haus wieder erreicht hatte.
Alexandra war mit ihrer Sporttasche in der Hand die Treppe heruntergekommen und
hatte ihn nur kühl angesehen, als er den Flur betreten hatte. Seine verlegene
Entschuldigung hatte sie mit einem „Schon gut, ich hab auch ein wenig
überreagiert“ akzeptiert.
Dann hatte Chris noch seine Sachen geholt und sie waren losgefahren. Er hatte
jedoch gespürt, dass Alexandra noch immer an ihrem Streit herumkaute, denn sie
hatte die ganze Fahrt über eisern geschwiegen. Vermutlich stand ihm heute Abend
noch einiges bevor, wenn sie wieder zu Hause waren.
In der Umkleidekabine herrschte reges Gedränge und Chris sah sich unschlüssig
um, ob er vielleicht nicht doch noch ein wenig draußen warten sollte, bis ein
paar der Männer fertig waren und den Raum verlassen hatten. Mittlerweile hatte
er sich an sie gewöhnt und sah sie nicht mehr unbewusst als Bedrohung an. Bis
auf einen gewissen Blondschopf natürlich, doch das hatte andere Gründe.
Chris wollte gerade wieder den Rückzug antreten, als Marc ihn zu sich rief.
„Hey, komm hier rüber, neben mir ist noch ein Plätzchen frei.“
Er schlängelte sich durch seine munter miteinander palavernden Sportkameraden
und stellte seine Tasche neben die von Marc.
„Na, alles klar bei dir?“ erkundigte sich dieser.
Chris nickte, während er seinen Gi aus der Tasche zog. Alexandra hatte ihn
darüber aufgeklärt, dass die Kampfanzüge so hießen und ihm zwei von ihren
eigenen gegeben. Nur den weißen Anfängergürtel hatte er sich bei Patrick
besorgen müssen.
„Ja, alles bestens.“
Marc wartete, bis Chris fertig war, dann gingen sie zusammen nach draußen.
Alexandra’s Aufwärmtraining war heute Abend, gelinde ausgedrückt, eine Tortur.
Sogar die drei Schwarzgurte, die vorne in der ersten Reihe standen, schnauften
und stöhnten. Chris wusste genau, wieso. Alexandra versuchte immer, durch
Bewegung ihren Frust und ihre aufgestauten Aggressionen loszuwerden. Nur plagte
sie sich heute nicht allein wie beim Joggen, sondern sie scheuchte die ganze
Truppe herum, einschließlich ihm selbst.
Zu ihrer Verteidigung musste man allerdings sagen, dass sie keinen anfuhr, der
mit ihrem Tempo nicht mithalten konnte und eine Pause einlegte. Chris biss die
Zähne zusammen und hoffte nur, dass es bald vorbei sein würde, sonst konnte er
sich morgen gleich krank melden, da er keinen Muskel mehr ohne höllische
Schmerzen würde bewegen können. Denn er würde sich nicht die Blöße geben und
sich zwischendrin ausruhen, so wie sogar Marc, dazu war er viel zu stur.
Schließlich schien sie sich ausreichend abreagiert zu haben und zeigte sogar
genügend Erbarmen, eine kurze Erholungspause anzuordnen, bevor das eigentliche
Training beginnen würde.
Chris und Marc waren wieder zusammen und übten ihre Techniken. Die Konzentration
darauf half Chris etwas, sich von den Ereignissen des heutigen Tages abzulenken.
Er war inzwischen recht gut geworden und hatte sogar schon einiges an Lob von
Patrick einheimsen können. Sogar die beiden Techniken, die er anfangs gefürchtet
hatte, hatte er in der Zwischenzeit gemeistert. Dass Marc auch während des
gemeinsamen Trainings immer einen Scherz parat hatte, ließ Chris seine Ängste
weitestgehend vergessen. Nur in die Dusche stürmte er immer noch als Erster,
sobald das Ende der Stunde verkündet worden war.
Einmal kam Alexandra bei ihnen vorbei und sah ihnen ein paar Minuten zu. Chris
fühlte sich unwohl unter ihren kritischen Blicken und patzte natürlich. Sie
schüttelte jedoch nur den Kopf und erklärte ihm geduldig, was er falsch gemacht
hatte. Ihre Stimme war dabei völlig neutral, sie hätte mit jedem anderen genauso
reden können, doch als Chris in ihre Augen sah, da leuchteten diese vor Wärme
und Zuneigung. Erleichterung machte sich in ihm breit. Sie war also nicht mehr
wütend auf ihn wegen ihres Streits, zumindest nicht sehr.
Alexandra verließ Marc und Chris wieder, um den anderen Paaren zuzusehen und Lob
und Kritik anzubringen. Es war unvermeidlich, dass sie dabei auch bei Brandon
und dessen Partner landete.
Als Chris das aus dem Augenwinkel wahrnahm, war es um seine Konzentration
geschehen. Brandon flirtete unverhohlen mit Alexandra, die das jedoch gar nicht
zu registrieren schien. Sie war ganz Lehrerin, die einem Schüler etwas erklärte
und beibrachte.
Dann trat sie auch noch näher an diesen Mistkerl heran, um ihm eine der
Techniken genauer zu erklären und sie mit ihm gemeinsam zu üben. In dem
Augenblick sah Chris rot. Die Hände von dieser schleimigen, angeberischen Ratte
auf SEINER Alex…
Ein empörter Aufschrei von Marc riss ihn aus seinen Rachgedanken. Sein Partner
lag neben ihm auf dem Boden und hielt sich das Handgelenk.
„Sag mal, spinnst du? Du hättest mich abwehren müssen, und nicht mich ins Leere
laufen lassen sollen!“
Erschrocken starrte Chris zu Marc hinunter, bevor er sich neben ihn hinkniete.
„Scheiße…tut mir leid…ich…ich hab nicht aufgepasst…“ stammelte er entsetzt.
„Hast du dir was gebrochen?“ fragte er dann ängstlich.
Marc bewegte vorsichtig sein Handgelenk.
„Nee, sieht nicht so aus…Was war den grad los mit dir?“
„Ist was passiert?“
Alexandra war herbeigeeilt und kniete nun an Marc’s anderer Seite.
„Schon okay“, winkte dieser ab. „Kann die Hand noch bewegen.“
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass nichts Ernsteres passiert war,
richtete sich Alexandra’s Aufmerksamkeit auf Chris, der ihren Blick
schuldbewusst erwiderte.
„Es ist meine Schuld“, sagte er leise. „Ich hab nicht aufgepasst.“
Alexandra sah ihn stirnrunzelnd an.
„Chris, wenn du dich aus irgendeinem Grund nicht konzentrieren kannst, dann ist
es besser, wenn du für heute Schluss machst. Du bringst dich und deinen Partner
in Gefahr, wenn du unaufmerksam bist“, sagte sie streng. „Ihr hört jetzt am
Besten beide auf. Und du lässt dir die Hand morgen vielleicht lieber röntgen“,
fügte sie an Marc gewandt hinzu.
„Aye, aye, Madam“, salutierte Marc mit seiner unverletzten Hand. Wenigstens er
schien seinen Humor wieder gefunden zu haben.
Chris stand auf und half Marc, ebenfalls aufzustehen.
„Tut mir echt leid“, entschuldigte er sich nochmals.
„Hey, mach dir nichts draus, so was passiert schon mal“, entgegnete Marc und
schlug ihm auf die Schulter. „Komm, lass uns verschwinden.“
***
„Sag mal, ist bei euch alles okay?“
Chris band sich gerade die Schnürsenkel und sah bei dieser Frage zu Marc hoch,
der fertig angezogen vor ihm stand. Dessen grüne Augen hatten einen besorgten
Ausdruck.
„Wie kommst du darauf?“ entgegnete Chris vorsichtig. War es so offensichtlich
gewesen, dass Alexandra heute wütend auf ihn gewesen war?
„Ihr beide wart heut nicht so wie sonst“, stellte Marc fest.
Chris biss sich auf die Lippe. Er hatte eigentlich niemanden, mit dem er reden
oder den er um Rat fragen konnte, was den Umgang mit Frauen im Allgemeinen und
mit Alexandra im Besonderen anbelangte. Marc war ein paar Jahre älter und weiser
als er, vielleicht konnte der ihm den einen oder anderen Tipp geben. Sonst gab
es nur Jack, den er gut genug kannte, um mit ihm über so ein Thema zu reden. Der
hatte im Moment jedoch andere Probleme und war vielleicht nicht ganz der
richtige Gesprächspartner für so etwas…
„Wir haben uns vorhin gezofft,“ sagte er langsam. „Wegen einer Kleinigkeit
eigentlich. Und ich war ein Idiot. Alex hat nun mal mehr Lebenserfahrung und
weiß besser Bescheid als ich, was so läuft. Und das wollte ich mal wieder nicht
wahrhaben,“ gab er zu.
Marc setzte sich neben ihn auf die Bank.
„Hm, kenne ich,“ nickte er.
Chris sah ihn überrascht an.
„Ist Anne auch älter als du? Hätte ich gar nicht gedacht.“
Der Dunkelhaarige begann zu lachen.
„Das war ein guter Witz,“ prustete er. „Anne ist fünf Jahre jünger als ich.“
„Aber wieso…“
Jetzt war Chris völlig verwirrt. Was hatte Marc mit seiner Bemerkung dann vorhin
gemeint? Die Antwort darauf erhielt er postwendend.
„Du kannst es drehen und wenden wie du willst, Frauen sind immer reifer und
vernünftiger als wir unterentwickelten, primitiven Männer. Egal, wie alt sie
sind. Ich hab `ne elfjährige Nichte, die es manchmal schafft, mir das Gefühl zu
geben, ich wäre ein unwissendes, naives Bürschchen. Nimm das mal zehn und du
hast das Gefühl, das Anne mir vermitteln kann.“
Chris starrte nachdenklich vor sich hin. Das, was Marc da sagte, hatte was für
sich. Er erinnerte sich daran, dass seine Mutter oft gesagt hatte, sie könne
einfach nicht verstehen, wieso Männer nur solche Kindsköpfe wären. Das war
damals natürlich immer auf seinen Vater gemünzt gewesen.
Plötzlich spürte er, wie Marc im den Arm um die Schultern legte und ihn leicht
schüttelte.
„Hey, Kopf hoch. So schnell, wie sie hochgehen, so schnell kommen sie
normalerweise auch wieder runter. Deine Alex hat euren Krach bestimmt schon
wieder vergessen, nachdem sie heute `ne ganze Horde Kerle einschließlich dir
selber hat bis zur Erschöpfung rumscheuchen dürfen.“
Diese Bemerkung zauberte nun endlich ein Lächeln auf Chris’ Lippen. Oh ja, er
konnte sich durchaus vorstellen, dass Alexandra das einen Riesenspaß gemacht
hatte, vor allem deshalb, weil heute zufälligerweise keine der Frauen dagewesen
war.
Marc ließ ihn wieder los und stand auf. Chris wunderte sich flüchtig, dass er
nicht einmal den leisesten Anflug von Panik verspürt hatte, als der andere Mann
ihn angefasst hatte. Er hatte die Berührung unbewusst und ganz automatisch als
das hingenommen, als was sie gemeint war, nämlich als freundschaftliche Geste
eines „Leidensgenossen“.
Chris stand ebenfalls auf und griff nach seiner Tasche. Er wollte lieber nicht
warten, bis Brandon zur Tür reinkommen und wieder einen seiner blöden Sprüche
loslassen würde. Darauf konnte er heute dankend verzichten.
„Wie geht’s eigentlich deiner Hand?“ erkundigte er sich bei Marc.
Sein schlechtes Gewissen machte ihm schwer zu schaffen, nur wegen seiner
dämlichen Unaufmerksamkeit hatte sich sein neuer Freund beinahe ernsthaft
verletzt.
„Ach, mach dir keine Gedanken deswegen.“ Marc schüttelte beruhigend den Kopf.
„Ich bin vorhin mehr erschrocken als alles andere. Tut schon fast nicht mehr
weh. Aber jetzt hab ich einen Grund, mich von Anne „verarzten“ und bemuttern zu
lassen. Glaub mir, so was zieht immer,“ grinste er. „Vielleicht solltest du noch
schnell ausrutschen und dir den Knöchel verstauchen, dann vergisst dein Mädchen
bestimmt, dass sie sauer auf dich ist.“
Chris sah zu Boden. „Ja, vielleicht…“ murmelte er unbestimmt.
Marc hatte ja keine Ahnung. Er nahm ein geprelltes Handgelenk als Vorwand, um
von seiner Freundin bemitleidet und umsorgt zu werden. Kein Verbrechen und für
ihn vielleicht sogar ganz amüsant. Er hatte ja auch mit Sicherheit keinen
Selbstmordversuch hinter sich, bei dem er fast gestorben wäre und nach dem ihn
seine Freundin kaum mehr aus den Augen gelassen hatte. Was für Marc ein
harmloser Witz war, war für Chris bitterer Ernst gewesen.
Von draußen ertönte Gelächter und Stimmengewirr, dann ging die Tür auf. Die
anderen Kampfsportler kamen in die Umkleidekabine, einer der letzten war Brandon.
Chris vermied es, ihn anzusehen und ging grußlos an ihm vorbei auf die Tür zu.
Marc folgte ihm.
„Na, ein paar Wölkchen am Liebeshimmel?“
Chris brauchte sich nicht umzudrehen, um herauszufinden, wer ihn angesprochen
hatte. Diese verhasste Stimme würde er unter Tausenden erkennen. Die Gespräche
der Anderen waren verstummt.
„Mensch, Brandon, jetzt gib endlich mal Ruhe,“ sagte jemand. „Das ist langsam
nicht mehr komisch.“
„Wer sagt denn, dass ich Witze mache,“ entgegnete Brandon.
Chris fühlte Marc’s Hand auf seinem Rücken.
„Komm, wir gehen. Hör nicht auf ihn,“ flüsterte ihm der Dunkelhaarige ins Ohr.
Chris atmete tief durch und nickte fast unmerklich. Nein, er würde sich von
Brandon nicht zu einer Reaktion provozieren lassen.
„Weißt du, kein Wunder, dass das Mädel heut so mies drauf war. Ihr fehlt es
wohl, dass sie mal von `nem echten Mann so richtig hart rangenommen wird.“
Vernunft hin oder her, Chris hatte genug. Er ließ seine Tasche fallen und drehte
sich um. Brandon stand mit verschränkten Armen da und starrte ihn mit einem
herablassenden Grinsen an.
„Lass die Finger von Alex und hör auf, so über sie zu reden,“ sagte Chris mit
klarer, fester Stimme.
Der Blondschopf grinste und schüttelte den Kopf.
„Wer sagt denn, dass sie überhaupt will, dass ich meine Finger von ihr lasse?“
Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich genießerisch über die Lippen.
„Kleiner, du hast doch gar keine Ahnung, was eine solche Frau braucht. Wenn ich
mir ihr fertig bin, dann bist du Geschichte und mir frisst sie aus der Hand.“
Während Brandon gesprochen hatte, war es totenstill im Raum geworden. Die Blicke
der anwesenden Männer wanderten in ungläubiger Spannung zwischen Chris und
seinem Widersacher hin und her.
Kaum hatte Brandon ausgesprochen, als Chris sich schon mit einem wütenden
Aufschrei auf ihn stürzte. Er kam jedoch nicht weit, Marc, der hinter ihm
gestanden war, reagierte blitzschnell, packte ihn von hinten und hielt ihn fest.
„Lass mich los! Du verdammtes Drecksschwein!“ schrie Chris und wehrte sich mit
aller Kraft gegen Marc’s Klammergriff.
Es war ihm völlig egal, dass er gegen Brandon vermutlich Null Chancen hatte,
dieser Dreckskerl hatte ihn und vor allem Alexandra einmal zu oft beleidigt.
„Das reicht jetzt!“
Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war so von dem Schauspiel, das sich ihnen bot,
gefesselt gewesen, dass sie die Person, die unbemerkt eingetreten war, gar nicht
bemerkt hatten. Der Neuankömmling musterte die Szene, die sich im bot, mit
zornig zusammengekniffenen Augen.
„Brandon, du bist
raus“, sagte Patrick mit eiskalter Stimme. „Ein derartiges Verhalten dulde ich
nicht in meinem Dojo Du kannst dich woanders aufführen wie du willst, aber nicht
hier, haben wir uns verstanden? Das war dein letztes Training.“
Brandon trat eine Schritt vor. Ungläubiges Erstaunen stand ihm ins Gesicht
geschrieben.
„Hey Pat, dass war doch nicht ernst gemeint. Kann ich doch nichts dafür, wenn
der Kleine gleich ausrastet“, versuchte er sich zu rechtfertigen.
Patrick winkte ungeduldig ab.
„Ich hab die Sache fast von Anfang an mitangehört. Du hast dich einmal zu oft im
Ton und in deiner Wortwahl vergriffen. Du bist draußen!“
„Verdammt, du kannst uns doch nicht `ne scharfe Braut als Trainerin vor die Nase
setzen und erwarten, dass uns dazu nichts einfällt. Wir sind auch nur Menschen“,
sagte Brandon mit vor Wut bebender Stimme.
„Ich erwarte, dass man Sportkameraden gegenüber fair ist, egal ob es ein Mann
oder eine Frau ist“, entgegnete Patrick. „Das gilt für alle hier.“
Er sah in die Runde, wo seinem Blick nur betretene Gesichter begegneten.
Nur Chris wusste nicht, ob er Marc, der ihn immer noch festhielt, dankbar sein
sollte für sein Eingreifen, oder Patrick, dass er diesen Mistkerl endlich
rausgeworfen hatte. Er hätte Brandon am liebsten selbst handgreiflich klar
gemacht, dass er gefälligst seine Pfoten von Alexandra lassen und nie, nie
wieder so über sie reden sollte.
Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf sagte ihm zwar, dass er gegen seinen
größeren und stärkeren Widersacher nicht die geringste Chance gehabt hätte, doch
vielleicht wäre es ihm ja doch gelungen, Brandon so weit zu überraschen, dass er
wenigstens einen schmerzhaften Schlag hätte anbringen können.
„Hör mal, Pat…“ Brandon schien versuchen zu wollen, zu retten, was zu retten
war, doch das plötzliche Auffliegen der Tür unterbrach ihn dabei.
„Lass ihn sofort los!“
***
Alexandra war froh gewesen, als sie das Training heute hatte beenden können. Die
Auseinandersetzung mit Chris war ihr noch immer im Magen gelegen und sie hatte
sich schon gefragt, ob sie das mit dem Aufwärmtraining heute nicht etwas
übertrieben hatte.
Ihr hatte es zwar geholfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen, aber die
anderen hatten ganz schön gekeucht und gestöhnt.
Chris war den ganzen Tag schon genervt gewesen, sie hätte, als er ihren
Vorschlag abgelehnt hatte, die Sache einfach erstmal auf sich beruhen lassen,
ihn sich im Training austoben lassen und dann später noch mal darauf
zurückkommen sollen. Oder sie hätte einfach Sam bitten können, das Thema
anzusprechen. Die Anwältin war eine neutrale Person, vielleicht hätte sie Chris
davon überzeugen können, dass es besser war, wenn er „korrekt“ gekleidet im
Zeugenstand erscheinen würde.
Mit ihrem Handtuch, Shampoo und Duschgel bewaffnet ging Alexandra in die Dusche.
Dieser Blonde, Brandon hieß er wohl, war ihr heute Abend massiv auf die Nerven
gegangen. Es war ihr schwer gefallen, ihre Zunge im Zaum zu halten und ihm nicht
eine gehörige Abfuhr zu verpassen. Nur Patrick zuliebe war sie ruhig geblieben.
In ihrer alten Kampfsportschule hatte sie solche Probleme nie gehabt, die Männer
dort hatten sie weniger als Frau denn als ausgezeichnete Sportlerin
wahrgenommen. Und wenn es doch einmal einer gewagt hatte, ihr gegenüber eine
anzügliche Bemerkung zu machen, hatte ein Blick von ihr genügt, dass der
Missetäter sich entschuldigt hatte.
Brandon jedoch schien gegen „sanfte“ Andeutungen, dass er sie gefälligst
zufrieden lassen sollte, immun zu sein. Er war so von sich und seinem
„männlichen Charme“ überzeugt, dass er sich anscheinend einfach nicht vorstellen
konnte, dass eine Frau kein Interesse an ihm haben könnte. Alexandra hoffte nur,
dass Chris noch nichts von Brandon’s Annäherungsversuchen mitbekommen hatte.
Aus dem Raum nebenan drangen Stimmen herüber, wegen des rauschenden Wassers
konnte Alexandra jedoch nicht verstehen, worüber gesprochen wurde. Es verblüffte
sie noch immer jedes Mal, dass Chris keine Schwierigkeiten in der
Männerumkleidekabine zu haben schien, zumindest hatte sie nie etwas mitbekommen
und er hatte auch nichts darüber gesagt. Natürlich war ihr aufgefallen, dass er
immer der Erste war, der nach dem Training verschwand, während sich die anderen
noch unterhielten und das eine oder andere ausprobierten.
Die Gemeinschaftsdusche hatte Alexandra einiges Kopfzerbrechen verursacht und
sie hatte dies eigentlich als das größte Hindernis für Chris angesehen. Während
des Trainings konnte er sicher sein, dass sie immer in der Nähe war, was ihm
vermutlich ein gewisses Gefühl von Sicherheit verschaffte.
Doch im Umkleideraum war er auf sich allein gestellt. Dass er das wegsteckte,
verlangte Alexandra Respekt ab, mehr als die Tatsache, dass er das Training so
stur und ohne sich zu beklagen durchzog. Es gab ihr auch die Hoffnung, dass
Chris einen großen Schritt der Besserung getan hatte.
Alexandra spülte die letzten Seifenreste weg und drehte das Wasser ab. Dann
griff sie nach ihrem Handtuch um sich abzutrocknen. Laute Stimmen, die von
nebenan herüber drangen, ließen sie innehalten und lauschen.
„Lass mich los! Du verdammtes Drecksschwein!“
Das war eindeutig Chris’ Stimme gewesen. Alexandra blieb beinahe das Herz
stehen, bevor sie achtlos das Handtuch fallen ließ und nach draußen zu ihren
Sachen rannte. Sie schlüpfte hastig in ihre Jeans und ihr T-Shirt. Was um alles
in der Welt ging da drüben nur vor? Hatte Chris eine harmlose Geste falsch
aufgefasst und war ausgeflippt? Hatte er eine Panikattacke? Oder…
Den Gedanken, dass er einen reellen Grund für diesen Aufschrei gehabt haben
könnte, wagte Alexandra nicht zu Ende zu denken.
Mit klatschnassen Haaren und barfuss verließ sie hastig den Raum. Sie machte
sich nicht die Mühe, anzuklopfen, bevor sie die Tür zur Männerumkleidekabine
aufstieß.
Was sie dort sah, ließ sie erst einmal nach Luft schnappen, bevor sie einen
empörten Schrei ausstieß.
„Lass ihn sofort los!“
Marc, der Chris von hinten festgehalten hatte, während alle anderen nur zusahen,
trat schnell von Chris weg und starrte sie erschrocken an. Irgendwoher aus dem
Hintergrund erklang ein überraschtes und ahnungsvolles „Oh-Oh!“
Alexandra ging drohend und mit geballten Fäusten auf Marc zu. Die restlichen
Männer ignorierte sie vollkommen. Ein schneller Blick auf Chris hatte sie
beruhigt, dass er soweit in Ordnung zu sein schien, nur etwas aufgeregt. Also
konnte sie sich zuerst um den Kerl kümmern, der es gewagt hatte, ihren Freund
anzufassen.
„Alex, warte.“
Chris hatte sie am Arm gepackt und sah sie beschwörend an.
„Es ist alles okay“, sagte er.
Alexandra betrachtete sein Gesicht genau. Seine Augen wirkten klar, es lauerte
keine versteckte Panik darin und auch sonst deutete nichts darauf hin, warum er
vorhin so geschrieen hatte. Aber einen Grund musste er gehabt haben, und der war
irgendwo hier im Raum. Und wenn nicht Marc der eigentliche Schuldige war, wer
dann?
Sie sah sich um. Die Männer mieden ihren Blick, bis auf Patrick, der mit
verschränkten Armen dastand und sie fast schuldbewusst beobachtete.
„Was tust du denn heute hier?“ erkundigte sich Alexandra. Irgendwo musste sie ja
anfangen mit ihrer Fragerei.
„Ich hatte was vergessen und wollte eigentlich nur wissen, wie es heute gelaufen
ist“, antwortete Patrick.
Normalerweise hätte Alexandra ihn jetzt gefragt, ob er ihr etwa nachspionierte,
doch im Moment war ihr etwas anderes wichtiger.
„Gut, dann kannst du mir ja sicher sagen, was vorhin hier los war. Warum hat
Marc es für nötig befunden, Chris festzuhalten?“
Jetzt wich auch Patrick ihrem Blick aus.
Alexandra sah alle der Reihe nach an. Hier war wirklich etwas faul, und zwar
gewaltig. Sie wandte sich wieder zu Chris.
„Also?“
Chris starrte sie einen Moment lang verzweifelt an, bevor seine Augen sich mit
einem komisch-entsetzten Ausdruck darin weiteten.
„Alex, du…du solltest lieber gehen und…und dich fertig anziehen“, stammelte er.
Alexandra stutzte. Was sollte das denn jetzt wieder? Sie WAR angezogen, oder
nicht? Doch dann sah sie vorsichtig an sich herunter und unterdrückte einen
Fluch.
Sie hatte sich vorhin nicht die Mühe gemacht, ihren BH anzuziehen, sondern nur
das dünne weiße T-Shirt übergezogen, das sie unter ihrem Pullover getragen
hatte. Sie hatte sich auch nicht richtig abgetrocknet und ihre Haare waren
klatschnass gewesen. Das Wasser darin war in ihr T-Shirt gesickert und das
klebte nun an ihrem Oberkörper wie eine zweite Haut…
Alexandra atmete tief durch und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
Okay, Alex, strategischer Rückzug, sagte sie sich. Mit Chris scheint alles in
Ordnung zu sein, was hier gelaufen ist, das kannst du nachher auch noch
herausfinden.
Mit soviel Würde, wie sie in Anbetracht ihres dürftigen Bekleidungszustandes
aufbringen konnte, trat sie einen Schritt zurück.
„Okay, ihr wollt mir also nichts sagen. Aber keine Sorge, ich krieg schon noch
raus, was hier los war.“
Mit dieser Drohung drehte sie sich um und verließ die Umkleidekabine, nicht ohne
die Tür hinter sich zu knallen zu lassen.
Chris zuckte zusammen, wie fast alle anderen auch. Keiner wagte, zu lachen oder
eine dumme Bemerkung von sich zu geben, nicht einmal Brandon. Schließlich brach
Patrick das Schweigen.
„Ich hoffe für dich, du bist weit, weit weg, wenn sie erfährt, was du da alles
von dir gegeben hast“, sagt er zu Brandon.
„Mann, das ist doch völlig normal, dass man so über ne Braut redet“, brauste der
auf.
Marc stupste Chris an.
„Komm, lass uns hier verschwinden“, flüsterte er.
Chris nickte. Ihm reichte es jetzt wirklich. Sollte Patrick sich doch noch
weiter mit diesem Idioten herumschlagen.
Draußen lehnte Marc sich an die Wand und stieß einen tiefen Seufzer aus.
„Oh Mann, also mit deiner Alex würde ich mich wirklich nicht gerne anlegen. Als
sie da vorhin auf mich zukam, da dachte ich, jetzt schwalbt sie mir gleich
eine…“
Chris schob die Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch. Oh ja, den
Ausdruck in Alexandras Augen hatte man nur als mörderisch bezeichnen können. Er
wollte sich lieber nicht vorstellen, was sie mit Brandon machen würde, wenn sie
herausfand, was tatsächlich der Grund für den ganzen Aufstand gewesen war. Chris
glaubte zwar nicht, dass Alexandra den Mistkerl körperlich angreifen würde, doch
ihre scharfe Zunge war mindestens genauso schlimm wie ein Satz Ohrfeigen, wenn
nicht sogar schlimmer.
„Hm…“ brummte er nur als Antwort.
„Was willst du ihr nachher erzählen?“ erkundigte sich Marc neugierig.
„Keine Ahnung.“ Chris zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte nur, sie wird nicht
locker lassen, bis sie alles weiß…“
„Dann sag’s ihr lieber erst, wenn ihr zu Hause seid. So wie ich sie einschätze,
würde Brandon sonst das Dojo nicht mehr lebend verlassen…“ scherzte Marc.
Die Tür der Männerumkleidekabine ging auf und Patrick kam heraus. Sein Gesicht
trug einen grimmigen Ausdruck.
„So ein verdammter Vollidiot“, fluchte er.
„Reg dich nicht auf, Pat, der Typ wird sich nie ändern. Ich kenn ihn noch von
der Schule her, Frauen waren dem nur immer gut genug fürs Bett. Er hat nie
verstanden, dass ich lieber was Festes wollte“, versuchte Marc ihn zu
besänftigen.
„Darum geht es nicht“, erklärte Patrick ungeduldig. „Was er privat macht, das
interessiert mich nicht. Aber hier, in meinem Dojo, hat er sich gefälligst
zusammenzureißen. Ich dulde nicht, dass andere Mitglieder runtergemacht werden.“
Patrick sah von Marc zu Chris. „Das ist schon öfter passiert, nicht wahr?“
forschte er.
Weder Marc noch Chris antworteten. Das brauchten sie auch nicht, ihr Schweigen
war Patrick Antwort genug.
„Jedenfalls hab ich ihm noch gehörig die Leviten gelesen, als ihr schon weg
wart. Und heute war definitiv sein letzter Tag hier.“
„Wessen letzter Tag war heute?“ erklang Alexandras Stimme.
Die drei Männer erschraken, keiner von ihnen hatte das Öffnen der Tür gehört.
Alexandra stand nun vollständig angezogen vor ihnen, die halbtrockenen Haare
hatte sie zu ihrem üblichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre Tasche stand
neben ihr und sie hatte die Hände kampflustig in die Hüften gestützt. Ihre Augen
funkelten bedrohlich. Chris kam der flüchtige Gedanke, dass er ausgesprochen
froh war, dass ihr Zorn nicht ihm gelten würde.
„Was ist los, Pat? Ist `ne Katze vorbeigekommen und hat deine Zunge gefressen
als ich nicht hingesehen habe? Grad konntest du doch noch reden.“
Chris fragte sich, ob es eine Steigerung von froh gab. Wenn ja, dann war er das
jetzt. Alexandra war in Hochform und er wollte im Moment nicht an Patricks
Stelle sein.
„Hör mal, Alex, die Sache hat sich erledigt. Du brauchst dir keine Sorgen zu
machen, so was wird nicht mehr vorkommen“, versuchte Patrick Alexandra zu
besänftigen.
„Herzlichen Dank dafür, dass du dich so fürsorglich um das Problem gekümmert
hast“, gab Alexandra zurück. „Nur weiß ich immer noch nicht, was das Problem
eigentlich war. Könnte mich vielleicht endlich jemand darüber aufklären? Ich
würde doch gern erfahren, wieso ich vorhin eigentlich praktisch halbnackt vor
einer Horde von Kerlen rumgehüpft bin.“
Patrick atmete tief durch.
„Hör zu, Alex, es ist besser….“
„Wenn du mir jetzt so eine Scheiße erzählen willst, von wegen, es wäre besser
ich wüsste nicht, was da drin abgegangen ist, dann erwürge ich dich…“ drohte
Alexandra mit frostiger Stimme. „Und jetzt spuck’s endlich aus und lass dir die
Würmer nicht einzeln aus der Nase ziehen!“
Patrick kapitulierte und hob ergeben die Hände.
„Also gut, also gut“, seufzte er. „Einer von den Jungs hat ein paar ziemlich
blöde Bemerkungen über dich abgelassen und Chris wollte deswegen auf ihn
losgehen. Das war der Grund, warum Marc ihn festgehalten hat. Ich hab den Kerl
rausgeworfen, also ist die Sache damit erledigt.“
Chris atmete auf. Das war eine knappe, fast wahrheitsgetreue Zusammenfassung der
Ereignisse. Allerdings würde ihn das nicht davor bewahren, dass Alexandra ihn
noch deswegen „grillen“ würde, wenn sie erst zu Hause waren. Aber wenigstens
hatte Patrick ihr nicht gesagt, wer der Schuldige gewesen war. Im Moment traute
er Alexandra alles zu, auch dass sie in die Männerumkleidekabine stürmen und
Brandon vor versammelter Mannschaft zur Sau machen würde.
„Wer war es?“
Chris schloss die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Oh nein, Pat,
sag es ihr bitte nicht, flehte er innerlich. Eine Vision von Alexandra, wie sie
in der Dusche eine nackten Brandon verbal in der Luft zerfetzte, umgeben von
einem Dutzend ebenso nackter Männer, stieg vor seinem inneren Auge auf und ließ
ihn schaudern.
„Es war Brandon, nicht wahr?“
Chris hielt die Luft an. Direkt anlügen würde Patrick Alexandra vermutlich
nicht, und wenn er jetzt verneinte, dann wäre es eine faustdicke Lüge.
Patrick ließ sich Zeit mit der Antwort, doch dann gab er auf.
„Ja, es war Brandon“, bestätigte er resigniert. „Aber lass die Angelegenheit
bitte ruhen, ich hab ihm vorhin die Meinung gesagt und ihn rausgeschmissen. Es
wird also nicht wieder passieren.“
Zu Chris’ Überraschung nickte Alexandra nur.
„Wundert mich eigentlich nicht, der Kerl hat mich die ganze Zeit schon
angebaggert. Er hat’s nur immer während des Trainings getan, und da wollte ich
keinen Aufstand machen.“
Sie wandte sich zu Chris.
„Deswegen bist du also wütend geworden? Weil er etwas über mich gesagt hat?“
Ihre Stimme klang sanft, die Aggressivität war völlig daraus verschwunden.
Chris schluckte. Mit etwas Glück würde sie nie erfahren, was genau Brandon
eigentlich gesagt hatte. Er jedenfalls würde sich darüber ausschweigen.
„Ja“, flüsterte er nur.
Alexandra streckte ihre Hand aus und fuhr ihm sacht mit dem Zeigefinger über die
Wange.
„Dann muss ich mich wohl bedanken“, lächelte sie.
Marc, der die ganze Zeit als stiller Beobachter neben Chris gestanden war,
räusperte sich verlegen.
„Hey, Leute, was haltet ihr davon, wenn wir von hier abhauen? Ihr wollt doch
Bran sicher nicht noch über den Weg laufen, oder?“
***
Chris lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Bett und starrte an die
Decke. Alexandra war im Bad und putzte sich die Zähne.
Zu seiner grenzenlosen Verwunderung hatte sie den Vorfall in der Umkleidekabine
auf sich beruhen lassen und ihn nicht weiter danach gefragt, was genau Brandon
denn nun gesagt hatte. Sie hatte sich einfach mit Patricks Erklärung zufrieden
gegeben und war Marcs Vorschlag, zu gehen, ohne Protest nachgekommen. Chris
hatte eher erwartet, dass sie warten würde, bis Brandon erscheinen würde, um ihm
selbst auch noch die Meinung zu sagen.
Als sie nach Hause gekommen waren, hatten sie erst noch die Schweinerei
beseitigen müssen, die Charlie in der Küche mit einem Packen Altpapier
veranstaltet hatte, das Chris vergessen hatte, nach draußen in die Garage zu
bringen. Chris hatte an seinen Schwur von heute Mittag gedacht und kein Wort
darüber verloren, während Alexandra geschimpft hatte wie ein Rohrspatz.
Dann waren sie nach oben gegangen und hatten noch ein wenig ferngesehen.
Und nun lag Chris im Bett und dachte über einige der gehässigen Bemerkungen
nach, die Brandon ihm gegenüber in den vergangenen Wochen gemacht hatte.
Brandon hatte ihm, völlig unbewusst, klar gemacht, was für ein dummer,
unerfahrener Junge er doch eigentlich noch war. Außer diesem einen Mal mit
Alexandra hatte er keinerlei sexuelle Erfahrungen, er hatte keine Ahnung, was
einer Frau im Bett gefiel und was nicht. Natürlich wusste er, theoretisch und
dank Alexandra auch praktisch, wie die Sache rein technisch ablief, aber was
einen Mann „gut im Bett“ machte, davon hatte er keine Ahnung. Dazu kamen dann
noch seine Hemmungen, mit Alexandra zu schlafen und in jeder Beziehung mit ihr
zusammen zu sein.
Es war nicht so, dass er in letzter Zeit nicht immer öfter daran dachte, wie es
wäre, wenn er mit ihr endlich diesen letzten Schritt tun würde. Er war jung und
Doktor Winslow hatte ihm geholfen, vieles in einem anderen Licht zu sehen. Aber
er hatte einfach Angst.
Angst, im entscheidenden Moment zu versagen, Angst, dass Alexandra ihn mit ihren
früheren Freunden vergleichen und feststellen würde, dass er ein
grottenschlechter Liebhaber war. Und das Schlimme dabei war, dass Chris keine
Ahnung hatte, wie er etwas daran ändern konnte. Wen sollte er denn danach
fragen, wie man eine Frau im Bett zufrieden stellte?
Mary Jo schied von vornherein aus, die würde vermutlich eine Herzinfarkt
bekommen, Mike kannte er nicht gut genug, vor Marc wollte er nicht zugeben, dass
zwischen ihm und Alexandra in Sachen Sex nicht viel lief, Jack und Ian waren
ebenfalls ungeeignete Kandidaten, und Julie…Julie war zuzutrauen, dass sie ihm
praktische Nachhilfe anbot, so wie er sie kannte.
Oder sie würde so ausführlich werden, dass er vor lauter Verlegenheit und Scham
im Boden versinken und nichts davon mitbekommen würde. Außerdem hatte sie mit
ihren freizügigen Beschreibungen ihrer Bettgeschichten einen nicht geringen
Beitrag zu seiner Verunsicherung geleistet. So sehr sie von einem Mann schwärmen
konnte, so vernichtend konnte sie mit ihrem Urteil über ihn auch sein. Chris
hatte mehr als einmal Bemerkungen wie „lausiger Liebhaber“ und „Niete im Bett“
gehört.
Natürlich hatte sie das nie ihm selbst erzählt, er war nur leider manchmal in
Hörweite gewesen, wenn sie mit Alexandra über ihre neuesten Liebschaften
gesprochen hatte.
Chris wusste, dass er derjenige würde sein müssen, der den ersten Schritt tat.
Alexandra hatte ihm versprochen, dass sie ihn zu nichts drängen würde.
Doch wie lange noch würde sie geduldig warten, bis er endlich zu mehr als nur
Kuscheln bereit war? Er war es ja eigentlich, nur seine Unerfahrenheit ließ ihn
immer wieder davor zurückschrecken. Damals, als er mit Alexandra das erste Mal
geschlafen hatte, da hatte er überhaupt nicht nachgedacht. Weder über seine
Vergangenheit, noch darüber, ob er alles richtig machen würde. Er hatte sich
einfach von der Stimmung des Augenblicks mitreißen lassen.
Er wollte das wieder spüren, diese Nähe und Vertrautheit, das Gefühl, vollkommen
zu sein. An nichts anderes denken, als an die Frau in seinen Armen. Seine
Vergangenheit vergessen und nur für diesen einen Moment leben.
Chris blinzelte. Eine einzelne Träne löste sich aus seinen Augen und er wischte
sie schnell weg.
Er musste einfach mit irgendjemandem über sein Dilemma reden. Nur mit wem?
Alexandra winkte
Chris zum Abschied zu, bevor sie den Wagen startete und losfuhr. Sie hatte ihn
bei Doktor Winslow abgesetzt und wollte in der Zwischenzeit bei Jack und Ian
vorbeischauen, ob bei ihnen alles in Ordnung war und Jack noch ein wenig
moralische Unterstützung liefern.
Übermorgen war endlich der Tag der Verhandlung. Laut Sam waren keine weitere n
Zeugen aufgetaucht, die Jack in irgendeiner Weise würden belasten können, also
sah die ganze Sache noch immer recht positiv für ihn aus.
Demzufolge war Alexandras größte Sorge im Moment Chris, und wie er das alles
verkraften würde. Sie fragte sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war,
dass Sam ihn als Zeugen der Verteidigung benannt hatte. Der Staatsanwalt würde
sich auf die kleinste Unsicherheit stürzen und versuchen, Chris in die Enge zu
treiben, damit er ihn von einem Zeugen der Verteidigung in einen Zeugen der
Anklage verwandeln konnte.
Alexandra hatte gemerkt, dass Chris’ Nervosität und Anspannung mit jedem Tag
wuchs, der verging. Darum hatte sie auch darauf verzichtet, ihn wegen der Sache
am Montag noch weiter auszufragen. Sie hatte den Verdacht, dass es nicht nur
darum gegangen war, dass Brandon dumme Bemerkungen über sie selbst gemacht
hatte, sondern dass er auch versucht hatte, Chris zu verunsichern, was ihre
Beziehung anbelangte.
Heute Mittag, als Chris kurz außer Haus gewesen war, um etwas zu besorgen, hatte
sie deshalb Marc angerufen, dessen Nummer sie sich zuvor von Patrick hatte geben
lassen. Marc hatte schließlich zugegeben, dass sie mit ihrer Vermutung Recht
hatte. Er hatte nicht mit der Sprache herausrücken wollen, was genau Brandon zu
Chris gesagt hatte, doch Alexandra konnte es sich nach der Bestätigung auch so
denken. Der Altersunterschied zwischen ihnen ließ sich nun einmal nicht
wegleugnen und Chris sah zudem noch jünger aus, als er tatsächlich war. Brandon
hatte sich vermutlich darüber lustig gemacht und Chris deswegen gehänselt.
Sie hatte sich bei Marc bedankt und sich noch dafür entschuldigt, dass sie am
Montag beinahe auf ihn losgegangen wäre. Marc hatte ihr daraufhin nur erklärt,
dass das schon okay wäre, er wäre ihr nicht böse. Er hatte ihr zudem versichert,
dass Brandon der einzige gewesen war, der irgendwelchen Unsinn über sie geredet
hatte und sie gebeten, deswegen bloß nicht mit dem Gedanken zu spielen, den
Trainerposten hinzuschmeißen.
Auf die Idee war Alexandra noch gar nicht gekommen. Sie hatte bestimmt nicht
vor, sich von einem einzigen Idioten den Spaß vermiesen zu lassen.
Nachdem sie eine halbe Stunde mit Jack verbracht und ihm Mut gemacht hatte,
verabschiedete sie sich wieder, um Chris abzuholen. Sie hoffte, dass die
Psychologin ihm hatte helfen können, seine Sorgen wegen der Verhandlung in den
Griff zu bekommen.
***
„Sie haben also Angst, dass die Fragen des Staatsanwaltes Sie so sehr
verunsichern könnten, dass Sie mit Ihrem Verhalten vor Gericht Jack Sanders
schaden könnten?“ brachte Doktor Winslow das, was Chris ihr die vergangene halbe
Stunde zu erklären versucht hatte, auf den Punkt.
Chris nickte beklommen. Er saß wieder einmal in einem der knautschigen Sessel in
Doktor Winslows Behandlungszimmer und gab sich alle Mühe, seine Gefühle
verständlich darzulegen.
„Ja…Sam…Jacks Anwältin, meine ich, ist mit mir das Ganze durchgegangen. Es war
schon übel, die Fragen von ihr allein in ihrem Büro gestellt zu bekommen…“ Er
schlang die Arme um sich, als würde er frieren. „Wenn ich mir vorstelle, dass
der Staatsanwalt mich das alles im Gericht fragt, vor all den Leuten…“
Chris war froh, dass er seine Ängste hatte vor der Psychologin ausbreiten
können. Mit Alexandra hatte er darüber nicht sprechen wollen, sie hätte sich nur
wieder riesige Sorgen gemacht und ihn damit nur noch mehr verrückt gemacht.
Doktor Winslow war neutral und konnte ihm vielleicht einen Rat geben, wie er mit
seiner Angst umgehen sollte.
Die Psychologin klopfte nachdenklich mit ihrem Stift auf den Block, den sie auf
ihren übereinander geschlagenen Beinen balancierte.
„Sie wollen Mr. Sanders doch helfen, nicht wahr?“ fragte sie.
„Ja, sicher. Ich fürchte nur, dass ich die ganze Sache für ihn noch schlimmer
machen könnte…“
Doktor Winslow schüttelte den Kopf.
„Das werden Sie nicht, Chris“, behauptete sie.
Chris schluckte. Das sagte sie so einfach. Sie würde übermorgen ja nicht im
Gerichtssaal vor fremden Leuten sitzen und ihre Aussage gegen einen Staatsanwalt
verteidigen müssen, der beweisen wollte, dass sie log.
„Woher wollen Sie das wissen?“ flüsterte er.
„Weil Sie einer der stärksten Menschen sind, denen ich während meiner Tätigkeit
begegnet bin“, antwortete Doktor Winslow.
Chris starrte sie überrascht an. Das meinte sie doch wohl nicht ernst. Er hatte
versucht, sich umzubringen. Und hatte sie etwa schon vergessen, dass er sich bis
vor ein paar Wochen hier in diesem Raum manchmal die Seele aus dem Leib geheult
hatte?
Doktor Winslow lächelte.
„Ja, Sie haben sich nicht verhört. Chris, um so weit zu kommen wie Sie, brauchen
manche meiner Patienten, die teilweise weniger traumatische Erlebnisse hinter
sich haben, ein halbes oder vielleicht sogar ein ganzes Jahr. Oder noch länger.
Sie haben dreieinhalb Jahre in einer Hölle gelebt und sind nach etwas mehr als
zwei Monaten Therapie fast soweit, dass Sie meine Hilfe in absehbarer Zeit nicht
mehr benötigen werden, zumindest nicht mehr so oft.“
„Ist…ist das Ihr Ernst?“ fragte Chris. „Sie meinen, ich brauche bald nicht mehr
zu Ihnen zu kommen?“
Er wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte oder nicht. Diese Stunden bei
Doktor Winslow hatten sich von einem Ärgernis, das er nur wegen Jacks Drohung
auf sich genommen hatte, schnell zu einer Art Institution für ihn entwickelt. Er
hatte mit der Psychologin über alles reden können, auch über Dinge, über die er
nie im Leben mit Alexandra gesprochen hätte. Doktor Winslow hatte ihn nie für
seine Ansichten oder Gefühle verurteilt, im Gegenteil, sie hatte ihm zu erklären
versucht, warum er so dachte und so fühlte und ihm geholfen, sich selbst besser
zu verstehen.
„Ja, so ist es“, bestätigte Doktor Winslow. „Nächste Woche unterhalten wir uns
darüber, ob wir die Stundenzahl nicht auf eine Stunde pro Woche reduzieren
können. Aber zuerst einmal bringen Sie diese verflixte Gerichtsverhandlung
hinter sich, dann sehen wir weiter. In Ordnung?“
„Okay“, entgegnete Chris und fragte sich, was Alexandra wohl zu dieser Neuigkeit
sagen würde. Sie würde ohne Zweifel außer sich vor Freude sein.
Der Gedanke an Alexandra brachte ihn auf ein anderes Problem. Er hatte lange hin
und her überlegt, ob er tatsächlich mit Doktor Winslow darüber sprechen sollte,
doch es war ihm keine andere Lösung eingefallen. Nur, wie sollte er das Gespräch
auf dieses Thema lenken? Er konnte schlecht mit der Tür ins Haus fallen.
Nervös rutschte Chris in seinem Sessel hin und her und zupfte an seiner Hose
herum. Doktor Winslow schien zu merken, dass ihn etwas belastete, er aber nicht
genau wusste, wie er es zur Sprache bringen sollte.
„Chris, ist da noch etwas, über das Sie mit mir reden wollen?“ erkundigte sie
sich behutsam.
Chris nahm seinen ganzen Mut zusammen.
„Ja…da gibt es etwas…ich weiß nur nicht, wie ich es sagen soll…“, druckste er
herum.
Verdammt, in seinem Kopf hatte sich das Ganze so einfach angehört. Jetzt, unter
den gütigen Augen von Doktor Winslow, einer Frau, die mehr als alt genug war, um
seine Mutter zu sein, wollten ihm die passenden Worte einfach nicht einfallen.
Doktor Winslow legte den Block zur Seite und beugte sich vor.
„Chris, überlegen Sie nicht lange herum. Stellen Sie mir einfach die Frage“,
ermutigte sie ihn.
Chris kaute ein paar Sekunden lang auf seiner Unterlippe herum und überlegte.
Wie er es drehte und wendete, es gab keinen indirekten Weg, diese Frage zu
formulieren.
„Können Sie mir vielleicht sagen, was einer Frau im Bett so gefällt?“ platzte er
schließlich heraus. „Ich meine, Sie sind doch auch eine und…und müssen das doch
wissen, oder?“ Unsicher sah er die Psychologin an.
Okay, der direkte Weg war vielleicht doch nicht gerade der ideale gewesen.
Doktor Winslow schnappte erst einmal nach Luft, bevor sie sich kerzengerade in
ihrem Sessel aufsetzte.
„Nun…ich muss sagen…diese Frage überrascht mich nun doch etwas. Wie um alles in
der Welt kommen Sie darauf?“ erkundigte sie sich und starrte Chris verblüfft an.
Chris spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Musste er ihr das jetzt
wirklich erklären? Konnte sie ihm denn nicht einfach sagen, was er wissen
wollte?
„Na ja…ich…wissen Sie, Alex und ich, wir…ich konnte nicht…“
Hilflos stammelnd brach Chris seinen Erklärungsversuch ab. Es war wohl doch
keine so gute Idee gewesen, Doktor Winslow um Rat zu fragen.
„Sie meinen, Sie und Alexandra haben keine…intime Beziehung?“
Stumm schüttelte Chris den Kopf.
„Aber Sie beide sind zusammen? Und jetzt würden Sie gern mit Alexandra schlafen
und wissen aber nicht, wie Sie es anfangen sollen? Aber wenn ich es recht
verstanden habe, dann waren Sie doch schon zusammen, in der Nacht, bevor Sie
versucht haben, sich umzubringen. Und seitdem nicht mehr?“
Chris schüttelte wieder den Kopf. Er hätte es wissen müssen. Frag nie einen
Seelenklempner um einen einfachen Rat, er nimmt dein ganzes Innerstes und
zerlegt es in seine Einzelteile.
Doktor Winslow lehnte sich zurück und legte nachdenklich ihren Zeigefinger ans
Kinn, während sie Chris mit gerunzelter Stirn betrachtete.
„Wieso nicht?“
Chris schreckte auf.
„Wieso was nicht?“
„Wieso haben Sie danach nicht mehr mit Alexandra geschlafen? Ich hatte die ganze
Zeit über den Eindruck, dass Sie beide ein Paar sind.“
Chris hätte am liebsten die Zeit um zwei Minuten zurückgedreht, damit er die
Frage zurücknehmen konnte. Er hatte Doktor Winslow erzählt, dass er bei
Alexandra schlief, dass sie ihn aus seinen Alpträumen weckte und die Psychologin
hatte die eigentlich logische Schlussfolgerung gezogen, dass sie auch eine
sexuelle Beziehung miteinander hatten. Sie hatte ihn aber nie direkt danach
gefragt und Chris hatte nie etwas darüber gesagt, da er einfach nicht darüber
hatte reden wollen.
Er senkte den Kopf und starrte auf seine Knie.
„Ich...ich konnte irgendwie nicht. Ich musste erst mit mir selber klar kommen,
bevor…Und jetzt…“
„Und jetzt würden Sie gerne mit Alexandra schlafen, haben aber Angst, sie auf
irgendeine Art und Weise zu enttäuschen?“ formulierte Doktor Winslow die Frage,
die sie bereits gestellt hatte, ein wenig um – und traf damit genau ins
Schwarze.
Chris nickte bedrückt.
„Ja…Sie hatte doch schon Freunde vor mir…und Alex ist…sie ist die erste Frau,
mit der ich zusammen war. Ich hab doch eigentlich keine Ahnung…“, würgte er
hervor.
Mein Gott, war das peinlich. Wie hatte er nur auf diese irrwitzige Idee kommen
können, Doktor Winslow in dieser delikaten Angelegenheit um Rat zu bitten? Da
hätte er ja wirklich noch lieber Julie gefragt. Die hätte ihn wahrscheinlich
angegrinst und sich dann begeistert in die Aufgabe gestürzt, wenigstens
theoretisch den perfekten Liebhaber aus ihm zu machen. In eine schlimmere
Verlegenheit hätte sie ihn auch nicht bringen können.
Chris Wangen schienen in Flammen zu stehen. Ihm fiel wieder ein, wie seine
Mutter sich eines Tages nach dem Mittagessen zu ihm an den Tisch gesetzt hatte
und ihn ernst angesehen hatte. Damals war er etwa vierzehn gewesen und hatte
angefangen, sich ernsthafter für Mädchen zu interessieren. Das musste seiner
Mutter auch aufgefallen sein, denn sie hatte ihm einen kleinen Vortrag darüber
gehalten, worauf er achten und was er mit einem Mädchen nicht tun sollte,
zumindest nicht ohne die geeigneten „Vorsichtsmaßnahmen“.
Chris wäre damals am liebsten unter den Tisch gerutscht und nie, nie wieder
darunter hervorgekommen, so sehr hatte er sich geschämt, mit seiner Mutter über
so ein Thema reden zu müssen. Als sie dann auch noch aufgestanden war, ein
kleines Päckchen aus einer Küchenschublade geholt und vor ihn auf den Tisch
gelegt hatte, das sich bei näherem Hinsehen als eine Packung Kondome
herausgestellt hatte, da hatte es Chris vollends die Sprache verschlagen. Was
dachte seine Mutter denn von ihm?
Gott-sei-Dank hatte sie dann wenigstens darauf verzichtet, ihm noch den Gebrauch
dieser Dinger zu erklären, was er ihr inzwischen auch noch zugetraut hätte. Das
hatte am Abend dann sein Vater übernommen, was Chris etwas weniger peinlich
gewesen war. Ihm hatte er sogar gewagt, ein paar Fragen zu stellen, die sein
Vater ziemlich freimütig und offen beantwortet hatte.
Nur hatte Chris damals in seiner jugendlichen Unschuld nicht die richtigen
Fragen gestellt, sonst säße er jetzt nicht hier und würde sich nicht unter dem
forschenden Blick seiner Psychologin vor Verlegenheit in seinem Sessel winden.
Doktor Winslow seufzte.
„Chris, Alexandra weiß doch, dass Sie keine…Erfahrungen haben, außer mit ihr,
nicht wahr?“
Chris beschränkte sich darauf, die Frage mit einem Nicken zu beantworten. Im
Moment hätte er sowieso kein Wort herausgebracht.
Dann begreife ich, ehrlich gesagt, nicht, wo Ihr Problem eigentlich liegt. Wieso
reden Sie denn nicht mit Alexandra darüber? Sie würde Sie doch sicher verstehen,
oder etwa nicht?“
Chris sah erst Doktor Winslow an, dann starrte er auf den Boden. Irgendwo hatte
die Frau ja Recht. Vielleicht sollte er wirklich versuchen, sich mit Alexandra
darüber zu unterhalten. Nur würde er ihr damit wieder beweisen, wie jung und
dumm er doch war. Und genau das hatte er mit seiner Forschungsaktion vermeiden
wollen.
„Chris, wenn zwei Menschen sich aufrichtig lieben, wie das bei Ihnen beiden ja
anscheinend der Fall ist, dann kommt es nicht darauf an, dass man beim Sex
irgendwelche besonderen „Techniken“ beherrscht. Man lässt sich Zeit, entdeckt
gemeinsam, was einem selbst und dem Anderen gefällt und was nicht. Denken Sie
nicht auch, dass das viel…sagen wir mal, erfüllender ist, als wenn Sie sich von
irgendwoher irgendwelche zweifelhaften Sextipps holen, die sowieso nicht auf
alle Frauen zutreffen?“
„Ja“, flüsterte Chris nach ungefähr einer Minute. „Was Sie da sagen, stimmt
schon, nur…“
Er schloss die Augen und rieb sich über die Stirn. Nein, eigentlich gab es gar
kein „nur“. Er hatte sich von Brandons dummen Bemerkungen und seiner eigenen
Unsicherheit verrückt machen lassen.
„Was nur?“ erkundigte sich Doktor Winslow.
Chris sah auf. Er hatte zwar keine Antwort auf seine Frage bekommen, doch die
Psychologin hatte ihm bewusst gemacht, dass er sich da einmal mehr in etwas
verrannt hatte. Alexandra hatte ihm oft genug zu verstehen gegeben, dass sie ihn
so liebte, wie er war. Und dazu gehörte wohl auch seine Unerfahrenheit in
sexuellen Dingen.
„Nichts. Ich glaub, ich hab verstanden, was Sie meinen“, erklärte er und grinste
verlegen. „Tut mir leid, dass ich Sie vorhin so…so überfahren habe.“
Doktor Winslow lächelte amüsiert.
„Nun…Sie waren jedenfalls der erste Patient, der mir so eine Frage gestellt hat.
Eigentlich dachte ich, mich könnte so schnell nichts mehr überraschen“, teilte
sie ihm mit. Dann sah sie auf ihre Uhr. „Ich schätze, das wär’s mal wieder für
heute. Außer…Sie hätten noch etwas auf dem Herzen?“
Chris stand auf, um sich zu verabschieden.
„Nein, sonst…sonst ist eigentlich alles okay. Vielen Dank, Doktor Winslow, Sie
haben da einiges in meinem Kopf wieder gerade gerückt…“
Die Psychologin stand ebenfalls auf und trat vor Chris hin, um ihm die Hände auf
die Schultern zu legen.
„Machen Sie sich nicht so viele Sorgen wegen dieser Verhandlung am Freitag“,
sagte sie ernst. „Sie schaffen das. Und das andere…das schaffen Sie auch.“
„Okay, so
geht’s.“
Zufrieden zupfte Alexandra an Chris’ Hemdkragen herum und trat dann einen
Schritt zurück, um ihn noch einmal von oben bis unten zu mustern.
Sie waren tatsächlich einkaufen gegangen, nur hatten sie einen Kompromiss
geschlossen. In das Ergebnis dieses Kompromisses war Chris nun gekleidet.
Er trug eine neue schwarze Lederjacke, ein dunkelgrünes Hemd, dazu eine Jeans
und neue schwarze Stiefel, zu deren Kauf Alexandra ihn allerdings händeringend
hatte überreden müssen. Zum Schluss hatte er nachgegeben, weil er doch
eingesehen hatte, dass seine alten, abgewetzten Turnschuhe nicht ganz zu diesem
Outfit gepasst hätten.
„Meinst du?“ fragte Chris und fuhr sich unsicher durch die Haare, die heute
ausnahmsweise einmal züchtig gefönt und gekämmt waren. Er bot einen völlig
ungewohnten Anblick in diesen Sachen und mit dieser Frisur, doch er sah auch
darin zum Anbeißen aus.
„Mhm, meine ich“, bestätigte Alexandra und warf selbst noch einen kurzen Blick
in den großen Schlafzimmerspiegel. Sie hatte sich heute für einen dunkelgrauen
Hosenanzug mit einer weißen Bluse entschieden und ihre Haare hochgesteckt.
Eigentlich waren sie doch ein hübsches Paar, fand Alexandra, als sie sich und
Chris im Spiegel so nebeneinander stehen sah. Chris war nur etwas größer als sie
und er hatte ein klein wenig zugenommen, was ihm nicht schlecht stand.
„Gehen wir dann?“ fragte Chris leise.
Alexandra drehte sich zu ihm um und legte ihm die Arme um den Nacken.
„Du schaffst das heute“, sagte sie beschwörend. „Und wenn dich irgendjemand dumm
von der Seite anredet, dann bin ich da, okay?“
Chris nickte zwar, doch sie spürte, wie angespannt er war.
Julie kam und übernahm die Aufgabe, auf Charlie heute aufzupassen, da sie nicht
wussten, wann sie zurückkommen würden. Zwei oder drei Stunden konnte man den
Hund inzwischen alleine lassen, doch Alexandra mochte sich nicht vorstellen, wie
ihr Haus aussehen würde, wenn Charlie sich wirklich einmal langweilte.
Das Gerichtsgebäude befand sich im Civic Center, dem Verwaltungsviertel San
Francicsos. Es war ein großes, altes Gebäude aus grauem Sandstein, das zu Beginn
des vorherigen Jahrhunderts gebaut worden war und schon mehrere Erdbeben relativ
unbeschädigt überstanden hatte.
Alexandra spürte, wie Chris’ Griff um ihre Hand fester wurde, als sie mit ihm
die Stufen zum Eingang hinaufstieg. Im Foyer befand sich eine große
Anzeigetafel, auf der die Verhandlungen des heutigen Tages aushingen. Alexandra
zog Chris mit sich, um herauszufinden, wo sie denn überhaupt hin mussten.
„Owen Wilkes…Stella Grey…der Staat von Kalifornien…“ murmelte Alexandra vor sich
hin, als sie die Zettel studierte. „Ha, da ist es. Gerichtssaal 5 im zweiten
Stock. Fahrstuhl oder Treppe?“ fragte sie Chris, obwohl sie sich die Antwort
fast denken konnte.
„Treppe“, entgegnete er bedrückt. „Du kannst aber gern…“
„Quatsch. Komm mit.“
Ihre Schritte, als sie die breite, ausgetretene Steintreppe hinaufstiegen,
hallten seltsam wider. Alexandra fragte sich unwillkürlich, warum in solchen
Gebäuden immer eine Atmosphäre herrschte wie in einer Kirche. Man wagte nicht,
ein lautes Wort zu äußern, als liefe man damit Gefahr, die Würde des Hauses zu
stören.
Im zweiten Stock angekommen sah Alexandra sich suchend um. Links oder rechts? An
der Wand entdeckte sie glücklicherweise ein Hinweisschild, aus dem sie entnehmen
konnte, wie sie auf kürzestem Weg zu dem Gerichtssaal kommen würden, in dem
Jacks Verhandlung stattfinden würde.
Chris sah aus, als würde er am liebsten kehrtmachen. Ermutigend drückte
Alexandra seine Hand.
„Hey, das wird schon“, tröstete sie. „Du sitzt doch nicht auf der Anklagebank.“
„Ich weiß…“ flüsterte Chris unglücklich. „Aber trotzdem wünsche ich mich gerade
ganz weit weg…“
Alexandra drehte sich zu ihm und nahm sein Gesicht in beide Hände. Nach seinem
Termin bei Doktor Winslow war er relativ ausgeglichen gewesen, eine Stimmung,
die noch den ganzen gestrigen Tag angehalten hatte. Erst heute Morgen war er
wieder unruhig und zappelig geworden.
„Chris, niemand kann dir etwas vorwerfen. Du gehst da rein, machst deine
Aussage, beantwortest die Fragen, die man dir stellt und das war’s. Lass das
nicht so nah an dich heran“, sagte sie eindringlich. „Niemand da drin kann dir
etwas tun.“
Große braune Augen sahen sie einen Moment lang verzweifelt an. Dann nickte
Chris.
„Okay“, erwiderte er tapfer.
Alexandra gab ihm einen schnellen Kuss auf den Mund, bevor sie sein Gesicht
wieder losließ und seine Hand ergriff.
„Also dann…auf in den Kampf“, verkündete sie entschlossen.
***
Leicht genervt sah Alexandra auf ihre Uhr. Die Verhandlung lief nun schon seit
einer Stunde, der Staatsanwalt befragte gerade Jacks Nachbarin, eine etwa
siebzigjährige Frau, der man die Tratschtante schon an der Nasenspitze ansah.
Sie hatte gleich zu Anfang ihrer Empörung Luft gemacht, dass sie jahrelang mit
„so einem“ Tür an Tür gewohnt hatte. Dabei hatte sie Jack einen verächtlichen
Blick zugeworfen.
„Mrs. Brittle, Sie haben also einen Streit in Mr. Sanders’ Wohnung gehört.
Konnten Sie verstehen, worum es dabei ging?“ fragte der Staatsanwalt, ein
großer, hagerer, streng aussehender Mann in den Fünfzigern.
„Nein, Sir, leider nicht“, entgegnete die alte Frau bedauernd. „Sehen Sie,
dieser Rabauke, der unter mir wohnt, hatte diesen Lärm, den er wohl als Musik
bezeichnet, wieder so laut, dass ich nicht einmal vom Badezimmer aus etwas
genaues hören konnte.“ Sie beugte sich vor. „Wissen Sie, von da aus hört man am
besten, was nebenan gesprochen wird“, sagte sie vertraulich.
Der Staatsanwalt, Snyder war sein Name, wie Alexandra sich erinnerte, lächelte
dünn.
„Und was passierte dann weiter?“
„Dann ging nebenan die Tür auf, die auf den Hausflur. Und da hat der Junge“, sie
deutete auf Stephen Allington, der korrekt gekleidet in einem grauen Anzug neben
seinem Anwalt saß, „da hat der Junge geschrieen, dass Mr. Sanders das noch
bereuen würde.“
„Woher wissen Sie so genau, dass diese Person, die da geschrieen hat, auch Mr.
Allington war?“
„Na, weil ich die Tür einen Spalt aufgemacht habe. Und da hab ich ihn ganz
deutlich erkannt“, erklärte Mrs. Brittle, fast entrüstet über die Frage des
Staatsanwaltes.
„Sehr gut.“ Staatsanwalt Snyder nickte zufrieden. „Euer Ehren, ich habe keine
Fragen mehr an die Zeugin.“
Der Richter, ein grauhaariger, älterer Schwarzer mit einer randlosen Brille, die
ihm immer wieder von der Nase zu rutschen schien, sah zu Jack und seiner
Anwältin hinüber. Jack machte einen gefassten, ruhigen Eindruck auf Alexandra.
Sie war froh, dass ihre Intervention vor ein paar Tagen so großen Erfolg gehabt
hatte. Nicht auszudenken, wie es ausgesehen hätte, wenn Jack heute im gleichen
Zustand vor Gericht aufgetaucht wäre, wie sie ihn vor einer Woche vorgefunden
hatte.
„Miss Lindstroem, Ihre Zeugin“, brummte der Richter.
Sam stand auf und trat zum Zeugenstand.
„Mrs. Brittle, Sie haben Mr. Allington also deutlich gesehen und gehört, als er
Mr. Sanders verlassen hat?“
„Ja, das habe ich“, bestätigte die alte Frau eifrig.
„Gut“, sagte Sam langsam. „In welchem Tonfall sagte er, dass Mr. Sanders „das
bereuen“ würde“?
Auf Mrs. Brittle’s verständnislosen Blick hin sah Sam sich gezwungen, die
Bedeutung ihrer Frage näher zu erläutern.
„Klang er aufgeregt, wütend, verängstigt? Haben Sie sein Gesicht dabei gesehen?
War es vor Wut verzerrt oder trug es eher einen fassungslosen Ausdruck? Bitte
überlegen Sie genau, bevor Sie antworten.“
Alexandra schaute zu Jack hinüber, der Sam und seine Nachbarin angespannt
beobachtete. Die Anklage hatte bereits drei Zeugen vernehmen lassen, einer davon
war Allington Senior gewesen, zu dem sein Sohn nach diesem angeblichen
Vergewaltigungsversuch gefahren war. Alexandra fragte sich, ob er in diese
Scharade eingeweiht war, ob sie vielleicht sogar seine Idee gewesen war, oder ob
er genau wie alle anderen auf die Lügenmärchen seines Sprösslings hereingefallen
war.
Mrs. Brittle schien angestrengt zu überlegen.
„Es hörte sich…wütend an“, sagte sie schließlich zögernd. „Richtig böse. Und
sein Gesicht sah auch zum Fürchten aus, wenn ich es mir recht überlege.“ Sie
nickte, wie um ihre Aussage nochmals zu bekräftigen.
„Danke, Mrs. Brittle. Keine Fragen mehr, Euer Ehren.“
Ein leises, zufriedenes Lächeln umspielte Sams Lippen, als sie mit schnellen
Schritten zu ihrem Platz neben Jack zurückging.
„Sind wir etwa schon fertig?“ fragte Mrs. Brittle enttäuscht.
Alexandra tat die Frau fast leid, es schien, als hätte sie die ganze
Aufmerksamkeit, die ihr ihre Aussage eingebracht hatte, aus vollen Zügen
genossen. Aber wirklich nur fast. Vermutlich hatte sie keine Familie, die sich
um sie kümmerte und war die meiste Zeit allein. Kein Wunder, dass sie ihren
Nachbarn so konsequent hinterher spionierte.
„Ja, Madam, wir sind fertig. Bitte lassen Sie sich vom Gerichtsdiener die
Zeugenbescheinigung geben. An der Gerichtskasse erhalten Sie dann das
Zeugengeld“, bestätigte der Richter und sah danach zum Staatsanwalt.
„Herr Staatsanwalt, Ihr nächster Zeuge, bitte.“
Nachdem Mrs. Brittle ihren Platz verlassen hatte, stand Stephen Allington auf
und betrat den Zeugenstand. Er hielt den Blick gesenkt und machte einen
verschüchterten, beschämten Eindruck. Alexandra hörte Ian, der neben ihr saß,
mit den Zähnen knirschen und legte ihm beruhigend die Hand auf die geballten
Fäuste.
„Hey, ganz cool bleiben. Bis jetzt lief es doch einigermaßen“, flüsterte sie.
Die beiden anderen Zeugen neben Mrs. Brittle und Allington Senior waren
Detective Miller und Stephen Allingtons „Therapeut“ gewesen, ein nervöser,
aufgeregter, kleiner Mann, der dauernd am Knoten seiner Krawatte herumgezupft
hatte, während er seine Aussage gemacht hatte. Er war vermutlich auch ein
Golffreund des alten Allington, denn Alexandra hatte den Eindruck gehabt, dass
dieser Snyder ihn gekannt hatte.
Laut dem Bericht des Therapeuten litt Stephen Allington sehr unter dem „Vorfall“
und musste angeblich Beruhigungsmittel nehmen, um ein einigermaßen normales
Leben führen zu können.
Alexandras Gedanken waren bei dieser Aussage zu Chris gewandert und sie hatte
sich gefragt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn sie draußen mit ihm
gewartet hätte. Doch dann wäre sie während seiner Vernehmung nicht im
Gerichtssaal gewesen, denn man hätte sie während der laufenden Verhandlung mit
Sicherheit nicht in den Zuschauerraum gelassen.
Detective Millers Aussage hatte sich im neutralen Bereich bewegt. Als Sam ihn
gefragt hatte, ob Stephen Allingtons Verhalten glaubwürdig gewesen war, als er
die angebliche versuchte Vergewaltigung zu Protokoll gegeben hatte, hatte der
Polizist nur gesagt, zu dem Zeitpunkt habe es keinen Grund gegeben, am
Wahrheitsgehalt von Allingtons Worten zu zweifeln.
Der Staatsanwalt begann mit der Befragung des „Opfers“.
Stephen Allington schilderte mit leiser Stimme die angeblichen Vorkommnisse
dieses Abends. Er behauptete, Jack habe ihn zu sich in die Wohnung bestellt.
Dort habe ihm dieser erst etwas zu Trinken angeboten und ihn dann überraschend
gepackt und auf das Sofa geworfen.
Der junge Mann verbarg das Gesicht in den Händen, während sich im Zuschauerraum
empörtes Raunen erhob. Alexandra spürte, wie Ian nach ihrer Hand griff und diese
mit einem schmerzhaften Griff umklammerte. Sie ließ ihn gewähren, da sie
fürchtete, dass Jacks Freund kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren.
„Was passierte dann?“ fragte der Staatsanwalt teilnahmsvoll. „Oder möchten Sie
eine Pause machen?“
Allington schüttelte den Kopf.
„Nein“, antwortete er erstickt. „Ich möchte das hier so schnell wie möglich
hinter mich bringen.“
„In Ordnung. Also, was passierte, nachdem Mr. Sanders Sie auf dieses Sofa
geworfen hatte?“
„Er…er legte sich auf mich und machte sich…machte sich an meiner Hose zu
schaffen…Dabei sagte er, ich solle bloß stillhalten, sonst…sonst würde er dafür
sorgen, dass ich ins Gefängnis käme. Aber…aber das konnte ich doch nicht
zulassen, dass er so etwas mit mir macht…“
Allington hob den Kopf und sah erst den Staatsanwalt und dann den Richter
flehend an.
„Verstehen Sie? Er wollte mich erpressen! Aber ich hab solche Panik bekommen und
mich wie verrückt gewehrt. Da ist er von mir runtergefallen und ich konnte
aufstehen. Dann bin ich weggerannt.“
Alexandra schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Der Junge sollte zum Film
gehen, genügend Talent hatte er. Wer die Hintergrundstory nicht kannte, der
würde ihm ohne großartige Nachfragen Glauben schenken.
Snyder wandte sich an den Richter.
„Euer Ehren, das wäre alles.“
Nun durfte Sam sich das angebliche Opfer vornehmen. Mit starrem Gesicht trat die
Anwältin zum Zeugenstand, wo Allington versuchte, sich ein möglichst
jämmerliches und bemitleidenswertes Aussehen zu geben.
„Was für ein Gefühl hatten Sie, als Sie Mr. Sanders Wohnung so fluchtartig
verließen?“ fragte die Anwältin kühl.
„Ich...ich war entsetzt, verstört…“ stammelte Allington.
„Aha…Sie haben die Aussage von der Nachbarin vorhin doch auch gehört, die
behauptet, Sie wären wütend gewesen.“
„Einspruch!“ rief Snyder. „Genau das ist es, eine Behauptung. Die Zeugin hat nur
ein subjektives Empfinden wiedergegeben. Was Mr. Allington in dem Moment gefühlt
hat, das wird er wohl selbst am Besten wissen.“
Der Richter nickte gelangweilt.
„Einspruch stattgegeben.“
Sam ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Wieviel wiegen Sie, Mr. Allington?“
„Ich…ich verstehe nicht…“
„Das war eine ganz simple Frage. Also?“
„Ungefähr fünfundachtzig Kilo.“
„Sie sind etwa einen Meter neunzig groß, nicht wahr? Footballspieler?“
Allington nickte stumm, während Snyder gegen die Frage protestierte.
"Einspruch! Irrelevant!“
„Abgelehnt.“
Sam lächelte zufrieden vor sich hin.
„Mr. Sanders ist etwa einen Meter dreiundsiebzig groß, wiegt zweiundsiebzig Kilo
und ist sportlich völlig untrainiert, bis auf gelegentliche, SEHR gelegentliche
Besuche im Fitnessstudio. Er muss Sie mit seiner Attacke wohl ziemlich
überrascht haben“, stellte sie sarkastisch fest. „Dass er das überhaupt gewagt
hat…Immerhin sind Sie um fast einen Kopf größer als er.“
Bevor Snyder den Mund öffnen und seinen Einspruch heraustrompeten konnte, drehte
Sam sich zum Richterpult.
„Euer Ehren, ich habe auf meinem Tisch eine Liste der Verstöße, wegen der mein
Mandant mit seinem Vorgesetzten über eine Aufhebung von Mr. Allingtons Bewährung
sprechen wollte. Ich würde sie Ihnen gerne vorlegen. Er hat den Staat
Kalifornien verlassen, ohne sich ordnungsgemäß die Erlaubnis dafür zu holen Das
lässt sich anhand einer Passagierliste der United Airlines beweisen. Er ist zu
seinen Terminen nicht erschienen, was Sie mit Sicherheit in seiner Akte
nachlesen können. Das sind nur die direkt nachweisbaren Vergehen. Mein Mandant
bat bereits am Freitag vor diesem Vorfall seinen Vorgesetzten um einen
Besprechungstermin, um das weitere Vorgehen mit ihm zu abzustimmen, ohne
allerdings einen Grund dafür zu nennen. Das ist ebenfalls nachprüfbar,
beziehungsweise wird Ihnen das Mr. Kendall nachher bestätigen können.“
Sam warf Stephen Allington, der ihren Ausführungen mit wachsendem Entsetzen
gelauscht hatte, einen verächtlichen Blick zu.
„Ich bin fertig mit meiner Befragung, Euer Ehren.“
Alexandra atmete auf. Die Stimmung im Zuschauerbereich hatte leicht
umgeschlagen, in das vorher gezeigte Mitleid begann sich Misstrauen zu mischen.
Auch der Richter schien nicht mehr so angetan von Allington zu sein wie zu
Beginn. Und der Staatsanwalt flüsterte hektisch mit dem Anwalt, der den jungen
Mann begleitet hatte.
Das laute Klopfen des Hammers vom Richtertisch ließ das aufgeregte Gewisper
verstummen.
„Ist die Anklage mit ihrer Zeugenvernehmung fertig?“ erkundigte sich der Richter
unwirsch. Er schien heute einen etwas schlechten Tag zu haben. Seinem Gesicht
nach tippte Alexandra entweder auf Zahnschmerzen oder auf Verdauungsbeschwerden.
„Ja, Euer Ehren, wir sind fertig.“
„Gut. Dann kann die Verteidigung ihren ersten Zeugen aufrufen.“
Sam stand auf.
„Ich bitte Mr. Chris O’Connor in den Zeugenstand.“
Nervös blickte
Chris immer wieder zur Tür des Gerichtssaals hinüber. Er hatte keine Ahnung, wie
viel Zeit inzwischen vergangen war, es konnte sich auch um Stunden handeln, die
mittlerweile er hier draußen auf dieser harten, unbequemen Holzbank verbracht
hatte.
Er hatte zugesehen, wie Allington Senior, Detective Miller und eine alte Frau
aufgerufen worden waren. Detective Miller hatte ihm knapp zugenickt, bevor er im
Gerichtssaal verschwunden war und Chris hatte beschlossen, diese Geste als
Ermunterung zu verstehen. Denn das konnte er jetzt wirklich gebrauchen.
Vielleicht hätte er Alexandra doch bitten sollen, mit ihm hier draußen zu
warten, bis er endlich an die Reihe kam. Sie hatten heute Morgen noch darüber
geredet und Chris hatte ihr erklärt, dass es ihm lieber wäre, wenn sie bei
seiner Aussage im Gerichtssaal wäre. Er wollte einfach die Gewissheit haben,
dass sie mit ihm im gleichen Raum wäre, nur ein paar Meter von ihm entfernt,
wenn etwas, irgendetwas passieren sollte.
Das Ganze erinnerte ihn einfach zu sehr an seine eigene Gerichtsverhandlung. An
die Angst, die immer stärker geworden war, je näher der Moment gekommen war, in
dem er den Gerichtssaal betreten musste und in dem über sein weiteres Schicksal
entschieden werden würde.
Er hatte nur einen Pflichtverteidiger gehabt, einen jungen, unerfahrenen Anwalt,
dem es im Prinzip egal gewesen war, was aus ihm wurde. Etwas Besseres hatte sein
Vater sich nicht leisten können, es hatte nichts mehr gegeben, dass er hätte
verpfänden können und die Bank hatte ihm keinen Kredit eingeräumt, um einen
richtigen Anwalt zu bezahlen.
Chris schauderte, als er an die Verhandlung damals dachte. Er hatte keine Ahnung
gehabt, was ihn erwartete, weder vor Gericht, noch im Gefängnis. Eigentlich
hatte er ja geglaubt, in eine Jungendstrafvollzugsanstalt eingewiesen zu werden,
sein Anwalt hatte gemeint, dass er mit zwei oder drei Jahren davonkommen könnte.
Doch dann hatte sich alles ganz anders entwickelt. Der Staatsanwalt und
besonders der Richter hatten seine Weigerung, die Namen seiner Komplizen und
gerade den des Schützen zu nennen, als Zeichen gesehen, dass er seine Mitwirkung
an dem Überfall eigentlich nicht bereute und den Ernst des Vergehens nicht
erkannte. Der Richter hatte ihm mit dieser Strafe einen Denkzettel verpassen
wollen, was er in seiner Urteilsbegründung auch angedeutet hatte.
Als er das Urteil gehört hatte und dass er nach San Quentin gebracht werden
würde, war Chris wie gelähmt gewesen vor Angst und Entsetzen. Er hatte in der
Schule schon manchmal Probleme mit ein paar von den Jungs gehabt, die auf ihm
herumgehackt hatten, weil sie fanden, dass er aussah wie ein Mädchen. Nur seine
beiden Freunde hatten ihn davor bewahrt, allzu sehr unter den dummen Sprüchen zu
leiden. Das war auch mit ein Grunde gewesen, wieso er gleich mit dabei gewesen
war, als Kyle vorgeschlagen hatte, dass sie versuchen sollten, in eine der Gangs
zu kommen, die das Viertel unsicher machten, in dem sie lebten. Er hatte
geglaubt, sich dadurch mehr Respekt zu verschaffen.
Chris fragte sich zum unzähligsten Mal, wie er hatte so naiv sein können, zu
hoffen, er würde auch im Gefängnis Freunde finden. Der Kerl, der in der
Anfangszeit mit ihm die Zelle geteilt hatte, hatte ihn zwar nie angefasst, doch
nachdem er das erste Mal vergewaltigt worden war, hatte der Typ nur noch
Verachtung für ihn übrig gehabt.
Chris hatte sich fast jede Nacht in den Schlaf geweint, gebetet, dass alles sich
noch als Irrtum herausstellen und er doch in einen Jugendknast verlegt werden
würde. Doch das einzige, was passierte, war, dass man ihn in Jacksons Zelle
verlegte, nachdem dessen alter Zellengenosse entlassen worden war.
Jackson hatte seltsamerweise einen guten Draht zum Wachpersonal gehabt. Chris
hatte sich nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wieso das so war. Er hatte
jetzt nicht einmal mehr nachts seine Ruhe gehabt, Jackson war oft zu ihm auf die
schmale Pritsche gekommen und hatte sich seinen Spaß geholt, nachdem das Licht
ausgemacht worden war. Er hatte kaum noch Gewalt anwenden müssen, Chris war zu
verängstigt gewesen, um sich zu wehren. Er hatte einfach nur dagelegen, die
Hände in die fadenscheinigen Laken gekrallt und die Zähne zusammengebissen damit
er nicht aufschrie, wenn Jackson wieder einmal besonders brutal und
rücksichtslos war.
Nach einer Weile hatte sein so genannter Beschützer angefangen, ihn für Geld,
Drogen oder Zigaretten an Mithäftlinge zu vermieten. Beim seinem ersten „Kunden“
hatte Chris noch gebettelt, dass dieser ihn in Ruhe lassen möge, doch das hatte
den Kerl nur noch mehr angeturnt. Danach hatte Chris es einfach über sich
ergehen lassen. Meistens war es auf der Toilette passiert, oder in der
Schreinerei, wo er und Jackson gearbeitet hatten, hinter irgendeinem Holzstapel.
Einer seiner „Kunden“ hatte dann einmal von ihm verlangt, dass er ihn mit dem
Mund befriedigte. Chris hatte keine Ahnung gehabt, was er tun sollte. Der Typ
hatte ihn gezwungen, als es vorbei gewesen war, hatte Chris sich über dessen
Schuhe übergeben.
Danach hatte er von Jackson eine Tracht Prügel eingesteckt, die sich gewaschen
hatte, weil dieser seinem Kumpan hatte das Geld zurückgeben müssen, das er für
Chris’ „Dienste“ bezahlt hatte. Chris hatte daraufhin schnell gelernt, was er
tun musste, um einem Mann so schnell wie möglich zum Höhepunkt zu bringen. Er
schaffte es schließlich auch, den Brechreiz wenigsten solange zu unterdrücken,
bis er außer Sicht war.
Die Besuche seines Vaters waren ein Ereignis gewesen, das Chris gleichzeitig
herbeisehnte und fürchtete. Einmal im Monat saßen sie sich in dem kleinen,
schäbigen Besuchsraum des Gefängnisses gegenüber, wobei Chris keine Ahnung
hatte, was er seinem Vater erzählen sollte. Er war einfach nur froh, einen
Menschen zu sehen, der ihn nicht mit Verachtung, Gier oder Gleichgültigkeit
betrachtete, sondern mit Liebe und Zuneigung.
Über etwas sprachen sie bei diesen Besuchen nie: Weder über die Schuldgefühle,
die Chris in den blauen Augen seines Vaters lesen konnte, noch über das, was mit
ihm selbst hinter den Mauern dieses Gefängnisses fast tagtäglich geschah. Sein
Vater musste es dennoch gewusst haben, denn einmal sagte er, egal, was auch
passiert war oder noch passieren würde, Chris würde immer sein Sohn bleiben und
er würde immer für ihn da sein. Nach seiner Entlassung würde er unten am Tor auf
ihn warten und sie würden das alles hinter sich lassen und ein neues Leben
beginnen.
Das war das letzte Mal gewesen, dass Chris seinen Vater lebend gesehen hatte.
Zwei Wochen später war er in das Büro des Direktors gerufen worden und der hatte
ihm mit dürren Worten mitgeteilt, dass sein Vater am Vortag an den Folgen eines
Schlaganfalles gestorben war…
„Haben Sie eine Ahnung, wie weit die da drin schon sind?“
Eine tiefe Stimme riss Chris aus seinen Erinnerungen. Erschrocken sah er hoch.
„Chris?“
Vor ihm stand Leroy Kendall, Jacks Vorgesetzter, die Hände in den Hosentaschen
vergraben, und blickte auf ihn herunter. Er war ein großer, athletischer Mann in
mittleren Jahren, mit rotbraunen Haaren, die er zu einem Seitenscheitel frisiert
trug.
Chris hatte ihn nur ein paar Mal getroffen, bei diesen Begegnungen hatte er
immer den Eindruck gehabt, dass Mr. Kendall ein harter, strenger Mensch war, der
keinerlei Unsinn durchgehen lassen würde.
Darum stand er auf, als er ihn erkannte.
„Guten Tag, Mr. Kendall“, grüßte er ihn verwirrt.
Kendall musterte ihn prüfend von oben bis unten. Chris war plötzlich froh, dass
er auf Alexandra gehört hatte, und nicht in seinen üblichen Punk-Klamotten zu
dieser Verhandlung gekommen war.
„Jack hatte Recht, Sie scheinen sich ja wirklich um einiges gebessert zu haben“,
bemerkte Kendall mit hochgezogenen Augenbrauen. „Eine Zeitlang war er wirklich
kurz vorm Verzweifeln wegen Ihnen.“
Chris sah zu Boden.
„Ich weiß, das hat er mir auch schon gesagt“, entgegnete er. „Aber…aber jetzt
ist doch alles in Ordnung, nicht wahr?“
„Natürlich. Wieso fragen Sie?“
Chris kämpfte mit sich, ob er seine Schwierigkeiten mit seinem neuen
Bewährungshelfer erwähnen sollte. Dann dachte er sich, dass sich so eine
Gelegenheit vermutlich so schnell nicht wieder ergeben würde. Außerdem lenkte
ihn das Thema von seinen düsteren Gedanken ab.
„Na ja…Mr. Whiteman scheint nicht so ganz glücklich mit mir zu sein…“ begann er
und warf Kendall einen schüchternen Blick zu.
Dieser seufzte.
„Nun, bei der Aufteilung von Jacks Leuten hatten wir das Problem, dass da ein
paar Fälle dabei waren, die ziemlich auf der Kippe standen. So jemanden konnte
ich Whiteman nicht zuteilen. Bei meiner letzten Besprechung mit Jack hatte ich
den Eindruck, dass er mit Ihnen hochzufrieden ist und dass Sie ihr Leben im
Griff haben – ohne dass er inzwischen viel dazu tun musste. Das stimmt doch,
oder?“
Chris nickte überrascht.
„Ja…ich komm ganz gut klar.“
„Nun, Sie kennen Ronald Whiteman ja inzwischen ein wenig…Ich rede nicht gern
schlecht über meine Leute, aber…er ist etwas schwierig. Darum konnte ich ihm
niemanden zuteilen, den man mit Fingerspitzengefühl behandeln muss und der noch
massive Schwierigkeiten hat, sich an das Leben „draußen“ anzupassen, verstehen
Sie?“
„Ich glaub schon…“ erwiderte Chris.
Er wusste nicht, ob er sich dadurch geschmeichelt fühlen sollte oder nicht. Es
war einmal mehr ein Beweis dafür, wie unfair das Leben manchmal sein konnte.
Jemand wie Whiteman, der seinen Job nur mit Widerwillen verrichtete, konnte
einen Menschen im Handumdrehen um seine Bewährung bringen, während andere, wie
Jack Sanders zum Beispiel, nichts unversucht ließen, um ihre „Schäfchen“ auf dem
rechten Weg zu halten.
Einmal mehr wurde Chris bewusst, wie gut es das Schicksal zur Abwechslung mit
ihm gemeint hatte, als es ihm so jemanden wie Jack Sanders als Bewährungshelfer
beschert hatte.
„Schön. Das bleibt aber unter uns“, bat Kendall. „Sie werden Whiteman vermutlich
sowieso nicht lange ertragen müssen. Mitte nächsten Monats bekommen wir einen
neuen Mitarbeiter, dann werden Umverteilungen vorgenommen.“
Ein Neuer? Würde Jack denn nicht wieder an seinen alten Arbeitsplatz
zurückkehren, wenn er freigesprochen wurde? Bevor Chris diese Frage jedoch laut
äußern konnte, öffnete sich die Tür zum Gerichtssaal und der Gerichtsdiener trat
heraus.
„Mr. Chris O’Connor?“ Suchend sah sich der Mann um, bis sein Blick schließlich
an Chris und Mr. Kendall hängen blieb.
Chris hatte das Gefühl, als hätte man ihm einen Schlag in den Magen versetzt.
Obwohl er die ganze Zeit gewusst hatte, dass man ihn aufrufen würde, schließlich
war er aus genau diesem Grund hier, wäre er jetzt, wo es soweit war, am liebsten
davongelaufen.
„Ist einer von Ihnen beiden Mr. O’Connor?“ fragte der Mann nochmals.
Chris holte tief Luft. Jetzt war es also so weit. Nun würde sich zeigen, ob
Doktor Winslow mit ihrer Prophezeiung, dass er es schaffen würde, diese
Verhandlung durchzustehen, Recht behalten würde.
„Ja, das bin ich“, sagte er mit mehr Selbstbewusstsein, als er eigentlich
verspürte.
***
„Sie sind also sicher, dass Mr. Sanders sich Ihnen gegenüber nie anzüglich
geäußert hat oder sich in irgendeiner Weise verdächtig benommen hat?“ fragte
Sam.
Chris sah ihr fest ins Gesicht. Das hatte er die ganze Zeit während dieser
Befragung getan, sich nur auf die Anwältin konzentriert. Er hatte weder zu Jack
hinüber gesehen noch zu Alexandra. Das brauchte er auch gar nicht, es war, als
könnte er Alexandras Anwesenheit körperlich fühlen und daraus Kraft ziehen. Und
das genügte.
„Nein, das hat er nicht“, erwiderte er mit fester Stimme.
„Sehr gut.“ Sam schenkte ihm ein winziges Lächeln. Dann wandte sie sich an den
Richter und legte ihm einen Schnellhefter auf das Pult, den sie in der Hand
gehalten hatte.
„Euer Ehren, dass sind die Aussagen von mehr als zwanzig Zeugen, Männern, die
mein Mandant betreut hat und die zu diesem Zeitpunkt alle ungefähr im Alter von
Mr. Allington waren. Jeder einzelne davon bestätigt Mr. O’Connors Feststellung,
dass Mr. Sanders sich immer korrekt benommen hat.“
„Danke, Miss Lindstroem“, brummte der Richter. „Sind Sie dann fertig mit diesem
Zeugen?“
„Ja, Euer Ehren“, entgegnete Sam und warf Chris noch einen aufmunternden Blick
zu, bevor sie zu ihrem Platz neben Jack zurückging.
Nun trat der Staatsanwalt vor, den Chris nun zum ersten Mal bewusst wahrnahm.
„Mr. O’Connor, Mr. Sanders war also etwa zehn Monate lang Ihr Bewährungshelfer.
Und in dieser ganzen Zeit hat er nie etwas getan, das in Ihnen den Verdacht
aufkommen ließ, er wolle ganz bestimmte…sagen wir mal „Dienste“ von Ihnen?“
Ein unangenehmes Gefühl machte sich in Chris’ Magen breit. Seine Stimme weigerte
sich fast, ihm zu gehorchen, als er antwortete.
„Nein, er…er hat nie so etwas getan.“
Der Staatsanwalt sah ihn zweifelnd an und ging zu seinem Tisch, um einen
dunkelblauen Hefter zu holen. Dann kehrte er zum Zeugenstand zurück.
„Das hier ist eine Kopie Ihrer Akte“, sagte er und schlug den Hefter auf. „Zu
Beginn haben Sie ihre Arbeitsstellen gewechselt wie andere Leute ihre
Unterwäsche. In Mr. Sanders’ Schreibtisch fanden wir ein Schreiben eines ihrer
ehemaligen Arbeitgeber, der sich darin darüber beschwert, dass Sie einen Ihrer
Kollegen grundlos mit einem Hammer bedroht hätten. Da Sie noch immer frei sind,
scheint Mr. Sanders ja sehr großzügig über Ihre Entgleisung, die vermutlich
nicht die einzige war, hinweggesehen zu haben. Ich habe mir sagen lassen, dass
so ein Verhalten dazu hätte führen können, dass die Bewährung aufgehoben wird.
Vor allem, wenn es wahrscheinlich ist, dass es sich wiederholt. Sie hatten ja
anscheinend überall gewisse...Probleme.“
Chris schloss für einen Moment die Augen. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass
Jack von diesem Vorfall gewusst hatte. Er hatte damals allein in einem Raum
gearbeitet und hatte nicht bemerkt, dass einer der Arbeiter hereingekommen war.
Der Typ hatte ihn sowieso schon die ganze Zeit schikaniert und als er plötzlich
hinter ihm gestanden war und ihn angesprochen hatte, war Chris ausgerastet. Er
war schlicht und einfach nur zu Tode erschrocken und hatte sich mit erhobenem
Hammer umgedreht. In diesem Moment war der Vorarbeiter hereingekommen und er war
wieder mal eine Stelle los gewesen.
„Mr. Sanders war äußerst tolerant, so wie ich das sehe“, sprach der Staatsanwalt
weiter. „Das lässt doch wohl den Schluss ziehen, dass er dafür einen Grund
gehabt hat, nicht wahr?“
„Einspruch, Euer Ehren. Der Staatsanwalt stellt Vermutungen an, die jeder
Grundlage entbehren“, erklang Sams Stimme.
„Euer Ehren, ich versuche nur, die Wahrheit herauszufinden“, verteidigte Snyder
sein Vorgehen. „Und das dürfte wohl im Interesse aller sein.“
„Einspruch abgelehnt“, sagte der Richter knapp. „Und Sie kommen jetzt bitte auf
den Punkt“, warnte er den Staatsanwalt.
Snyder schürzte die Lippen und nickte.
„Gut, dann werden wir das Ganze ein wenig abkürzen. Mr. O’Connor, Sie wurden mit
siebzehn Jahren in San Quentin eingeliefert. Kein angenehmer Aufenthaltsort für
einen Siebzehnjährigen, nicht wahr?“
Chris sah den Staatsanwalt starr an. In seinem Magen schienen sich Eisklumpen zu
bilden. Er hatte eine vage Vorstellung davon, worauf der Staatsanwalt
hinauswollte. Sam hatte ihm erklärt, was die Anklage würde zu beweisen
versuchen, hatte ihn auf bestimmte Fragen vorbereitet, doch Chris spürte, dass
er das hier nicht lange durchhalten würde.
„Nun, keine Antwort ist auch eine Antwort“, Snyder machte eine Kunstpause.
„Ich denke, ich kann davon ausgehen, dass Ihre Hemmschwelle gegenüber
gewissen…Gefälligkeiten in dieser Zeit deutlich herabgesetzt wurde. Und als Mr.
Sanders eine „Bezahlung“ für seine Toleranz Ihnen gegenüber einforderte,
empfanden Sie das als gar nicht so abwegig oder erschreckend.“
„Einspruch!“ Sams Stimme war schrill vor Wut. „Euer Ehren, das sind
Unterstellungen, die an Widerlichkeit fast nicht zu überbieten sind.“
„Einspruch stattgegeben. Mr. Snyder, mäßigen Sie sich“, ermahnte der Richter den
Staatsanwalt streng.
„Tut mir leid, Euer Ehren“, entschuldigte sich der Staatsanwalt scheinheilig.
„Ich mache dem Zeugen ja keinen Vorwurf wegen seiner Handlungsweise, ich
versuche nur, die Wahrheit herauszufinden.“
„Sie haben keinerlei Beweise für Ihre Behauptungen!“ mischte sich Sam ein. Sie
war aufgestanden und zum Richtertisch gekommen.
„Nur weil mein Mandant ein Mensch ist, der sich für seine Leute einsetzt,
unterstellen Sie ihm niedere Motive dafür. Mr. O’Connor hatte in der ganzen Zeit
keine Probleme mit der Polizei, seit einem halben Jahr hat er einen festen
Arbeitsplatz und Wohnsitz. Und das alles nur, weil mein Mandant ihn nicht
aufgegeben hat. Und jetzt kommen Sie daher und konstruieren daraus dieses
Kartenhaus aus vagen, aus der Luft gegriffenen Vermutungen und Lügen.“
Die Anwältin bebte vor Wut.
„Ruhe jetzt“, donnerte der Richter und schlug mit seinem Hammer auf den Tisch.
„Miss Lindstroem, setzen Sie sich sofort wieder hin oder ich lasse Sie aus dem
Gerichtssaal entfernen. Und Sie, Herr Staatsanwalt, halten sich bitte an die
Fakten. Dass hier ist eine Gerichtsverhandlung und keine Pressekonferenz für ein
Schmierenblatt, ist das klar?“
Chris hatte den Tumult nur am Rande wahrgenommen. Nach dieser letzten Behauptung
des Staatsanwaltes hatte sich eine eiserne Klammer um seinen Brustkorb gelegt,
das Atmen fiel ihm schwer und seine Hände begannen zu zittern. Wieso nur hatte
er sich darauf eingelassen, vor Gericht auszusagen? Er konnte Jack nicht helfen,
im Gegenteil, bis jetzt hatte er alles nur noch schlimmer gemacht.
Nicht durch seine Aussage, sondern dadurch, dass er überhaupt hier war. Er hätte
sich bei den Anschuldigungen des Staatsanwaltes souverän zurücklehnen und dem
Mann ins Gesicht lachen müssen, doch das hätte er nie im Leben fertig gebracht.
Stattdessen saß er hier und zitterte vor dem, was man ihn als nächstes fragen
würde. Nicht das, was er sagte, würde zu Jacks Verurteilung führen, sondern sein
Verhalten. Der Richter würde nie im Leben glauben, dass die Behauptungen des
Staatsanwaltes aus der Luft gegriffen waren, wenn er hier im Zeugenstand
plötzlich hysterisch wurde. Und Chris merkte, dass er nicht mehr weit davon
entfernt war…
Alexandra
klammerte sich an Ians Jackenärmel. Sie konnte kaum glauben, was sie da soeben
gehört hatte. Das, was dieser Staatsanwalt da abzog, konnte doch einfach nicht
legal sein. Wenn sie auch nur im Geringsten geahnt hätte, dass man Chris derart
unter Druck setzen würde, dann hätte sie alles daran gesetzt, um zu verhindern,
dass er vor Gericht erscheinen musste.
Sein Gesicht war kreidebleich und Alexandra konnte sogar auf zehn Meter
Entfernung am Ausdruck seiner Augen erkennen, dass er kurz vor einem
Zusammenbruch stand.
„Was treibt dieses Schwein da bloß?“ knirschte Ian fast unhörbar.
Alexandra konnte die Wut ihres Sitznachbarn mehr als nachfühlen. Der
Staatsanwalt versuchte, Chris so in die Enge zu treiben, dass er genau das
zugab, was er hören wollte, egal, ob es die Wahrheit war oder nicht.
Nach der Ermahnung des Richters ging der Staatsanwalt zu seinem Tisch und holte
ein Blatt Papier aus einer Akte. Dann kehrte er zum Zeugenstand zurück. Das
Lächeln dabei auf seinem Gesicht gefiel Alexandra überhaupt nicht.
„Mr. O’Connor…Es ist doch richtig, dass Sie vor etwa drei Monaten im Krankenhaus
waren?“
Alexandra wäre beinahe aufgesprungen. Woher wusste der Kerl davon? Besser
gesagt, wie viel wusste er?
„Sie wurden mit aufgeschnittenen Pulsadern eingeliefert, nicht wahr?“
„Einspruch! Irrelevant!“ kam es von Sam.
„Abgelehnt. Herr Staatsanwalt, lassen Sie die Spielchen und kommen Sie endlich
zum Punkt“, forderte der Richter energisch.
Hilflos musste Alexandra mit ansehen, wie Chris den Staatsanwalt entsetzt
anstarrte und sich unwillkürlich über die Narben an seinen Handgelenken rieb.
„Mr. Sanders hat diesen Suizid-Versuch nie gemeldet, obwohl er laut meinen
Informationen davon wusste, da er es war, der den Notarzt verständigt hat.
Dennoch hat er es unterlassen, den Vorschriften gemäß zu handeln und Sie zu
einer psychiatrischen Untersuchung einweisen zu lassen. Wieso?“
Als Chris nicht antwortete, tat Snyder es an seiner Stelle.
„Ich kann es Ihnen auch sagen. Weil er nämlich fürchten musste, dass Sie
irgendeinem Arzt erzählen würden, weshalb Sie versucht haben, sich umzubringen.
Sie konnten es nämlich nicht mehr ertragen, von ihm als Spielzeug für seine
perversen Gelüste benutzt zu werden.“
Eine Sekunde lang herrschte Totenstille im Saal. Dann durchbrach Sams schrille,
sich fast überschlagende Stimme das Schweigen.
„Einspruch! Euer Ehren, das geht zu weit“, schrie sie aufgebracht und sprang
auf. „Dieser Mann konstruiert Beweise, wo es gar keine gibt!“
Alexandra sprang ebenfalls auf. Es war ihr völlig egal, ob es gegen die Regeln
war, sie wollte nur noch zu Chris, der bei den letzten Worten des Staatsanwaltes
das Gesicht in den Händen verborgen hatte.
Sie wagte nicht, sich vorzustellen, wie er sich jetzt fühlen musste. Jeder hatte
ihm erzählt, dass er es schaffen würde, dass niemand ihm etwas anhaben konnte,
dabei hatte man ihm auf plumpe Weise vor Augen geführt, dass das, was im
Gefängnis mit ihm geschehen war, ein offenes Geheimnis war. Über die
Konsequenzen, die die Enthüllung des Selbstmordversuches für Chris haben würde,
mochte Alexandra noch gar nicht nachdenken. Zuerst musste sie ihn ihr
herausbringen.
Bevor sie sich jedoch durch die Reihen der aufgeregt murmelnden Zuschauer
kämpfen konnte, war Chris abrupt aufgestanden und sah zu Jack hinüber. Erst sah
es so aus, als wollte er etwas sagen, doch dann schüttelte er nur wild den Kopf.
Im nächsten Moment rannte er am Staatsanwalt, der überrascht zur Seite trat,
vorbei und auf die Tür zu.
„Mr. O’Connor, setzen Sie sich sofort wieder hin“, rief der ebenso überraschte
Richter, doch Chris hatte schon die Tür aufgerissen und war hinausgestürmt.
„Chris, warte“, schrie Alexandra, doch er hörte ebenso wenig auf sie wie auf den
Richter.
Sie ignorierte die aufgeregten Stimmen hinter sich und eilte auf den Gang
hinaus. Von Chris war weit und breit nichts mehr zu sehen.
„Wo ist der Junge, der hier gerade raus kam, hingelaufen?“ fragte sie
verzweifelt den Mann, der auf einer der Bänke anscheinend auf seine
Zeugenvernehmung wartete. Alexandra hatte ihn noch nie gesehen, doch er musste
wohl in irgendeiner Verbindung zu Jack stehen.
„Sie meinen Chris O’Connor? Der ist da runter gelaufen, als wäre der Teufel und
seine Legionen hinter ihm her. Was war denn da drinnen los?“
Alexandra nahm sich nicht die Zeit, sich zu bedanken oder zu antworten, sondern
rannte in die angegebene Richtung. Dabei verfluchte sie die hohen Absätze ihrer
Schuhe, die einfach nicht für schnelle Sprints geeignet waren.
Als sie die Treppe erreichte, blieb sie unschlüssig stehen. War er nach oben
oder nach unten gerannt? Was hätte sie an seiner Stelle getan? Wahrscheinlich
hätte sie einfach nur raus gewollt, raus aus diesem Gebäude, alles hinter sich
lassen und alles vergessen.
Alexandra hastete die Treppe hinunter und zum Ausgang. Sie hoffte, dass sie mit
ihrer Vermutung Recht behalten würde und Chris war schlicht und einfach in die
Tiefgarage gelaufen, in der sie den Wagen geparkt hatten.
Entschlossen lenkte sie ihre Schritte in diese Richtung.
***
Chris saß auf einer Bank im Innenhof des Gerichtsgebäudes, in dem ein kleiner
Park angelegt worden war. Die Bank stand etwas versteckt hinter ein paar
immergrünen Büschen in einem kleinen Alkoven.
Er hatte die Arme um die angezogenen Beine geschlungen und die Stirn auf die
Knie gelegt und versuchte verzweifelt, sich aus dem Sumpf der Erinnerungen, der
ihn wie Treibsand zu verschlingen drohte, wieder herauszukämpfen.
Die Worte des Staatsanwaltes waren wie tausend kleine Nadelstiche gewesen, wie
Salz auf einer offenen Wunde, von der Chris eigentlich geglaubt oder zumindest
gehofft hatte, dass sich darüber langsam feines Narbengewebe gebildet hatte.
Wie es sich herausgestellt hatte, hatte Doktor Winslow Unrecht gehabt. Er war
noch weit davon entfernt, auf ihre Hilfe und ihre Unterstützung verzichten zu
können, sehr weit. Und er hatte versagt.
Chris schluchzte trocken auf. Er hatte mal wieder alles verbockt, das Vertrauen,
das Jack, Alexandra und die Anderen in ihn gesetzt hatte, zutiefst enttäuscht.
Anstatt Jack durch seine Aussage zu helfen, hatte er ihn nur noch tiefer in die
ganze Sache reingeritten, genau so, wie er es tief in seinem Innersten
befürchtet hatte. Er hatte sich einfach zu sehr durch die aufmunternden Worte
von Alexandra und Doktor Winslow einlullen lassen, anstatt auf seine innere
Stimme zu hören, die ihm immer wieder zugeflüstert hatte, dass er diese
Verhandlung nicht durchstehen würde.
Die ganze Situation hatte ihn schon von vornherein zu sehr an seine eigene
Verhandlung erinnert, er war schon völlig fertig gewesen, als er endlich den
Gerichtssaal betreten hatte. Und dann noch diese subtilen Fragen und
Unterstellungen des Staatsanwaltes…
Als dieser Snyder dann schließlich noch seinen Selbstmordversuch ausgegraben und
ihn auf seine Weise interpretiert hatte, da hatte irgendetwas in Chris „Klick“
gemacht. Er hatte gewusst, dass er auf keinen Fall noch mehr Anschuldigungen
ertragen hätte, sonst wäre er in Tränen ausgebrochen. Darum war er Hals über
Kopf davon gelaufen.
Was würde nun geschehen? Würde der Richter Allingtons Beteuerungen Glauben
schenken und Jack verurteilen? Oder würde man ihn selbst zurück in den
Zeugenstand zwingen?
Ein leises Geräusch ließ Chris aufschrecken. Er hatte gehofft, dass ihn hier so
schnell niemand finden würde, nicht, bevor er den Hurrikan von wild
durcheinander tobenden Gefühlen in seinem Inneren wieder einigermaßen unter
Kontrolle hatte.
Er hob den Kopf und sah sich einem grinsenden Stephen Allington gegenüber, der
gerade genüsslich an einer Zigarette sog. Das Geräusch, das Chris gehört hatte,
war das Auf- und Zuschnappen eines Feuerzeugs gewesen.
„Hier hast du dich also verkrochen“, sagte der Blondschopf. „Mann, du hast da
einen ganz schönen Aufruhr ausgelöst. Aber wenigstens haben sie `ne kurze Pause
eingelegt. Der Staatsanwalt will dich unbedingt zurück in den Zeugenstand
holen.“
„Ach ja?“ flüsterte Chris. Im Moment war er zu keiner weiteren Emotion mehr
fähig, noch nicht einmal Hass kochte in ihm hoch, als der den Auslöser dieser
ganzen Misere betrachtete.
Allington hatte sich wirklich Mühe gegeben, den wohlerzogenen Sohn aus gutem
Hause zu mimen. Hellgrauer Anzug, der vermutlich ein Vermögen gekostet hatte,
weißes Hemd, Krawatte, blitzblank polierte Schuhe…Dagegen kam Chris sich vor wie
ein Ghettokind.
„Klar.“ Allington gestikulierte mit seiner Zigarette. „Hey, tut mir leid, was
dir passiert ist…aber jetzt bist du die Schwuchtel ja los. Du hast mir da vorhin
echt geholfen, die Anwältin von dem Typen ist ziemlich gut…“
„Ich hab dir also geholfen, ja?“ fragte Chris tonlos. Jetzt fehlte nur noch,
dass Allington sich bei ihm bedankte.
„Mhm. Wenn der Drecksack seine Drohung wahr gemacht und mit seinem Vorgesetzten
gesprochen hätte, dann hätte ich einpacken können.“
„Du hast also gelogen, um deinen Arsch zu retten…“
Der Blonde stutzte einen Moment lang, dann begann er zu lachen.
„Wenn du es so formulieren willst…ja. Wenn Sanders es wirklich gewagt hätte,
mich anzufassen, dann hätte mein Vater nicht die Polizei gerufen, sondern sich
selbst drum gekümmert.“
Allington musterte Chris mit einer Mischung aus Sympathie und Mitleid.
„Sei froh, dass ich die Geschichte erfunden hab. Wer weiß, wie lang dich der
Schweinehund sonst noch erpresst hätte…“
Chris konnte im ersten Moment nichts dazu sagen. Da stand dieser Kerl und hatte
freimütig zugegeben, dass er alles nur erfunden hatte, um zu verhindern, dass
Jack mit seinem Vorgesetzten sprach. Und dann hatte er noch den Nerv, ihn zu
bedauern.
Chris stand auf.
„Mr. Sanders hat mich nicht erpresst. Er hat mich nie angerührt, verdammt noch
mal!“ fauchte er wütend. „Lass du dich doch mal dreieinhalb Jahre zur Hure
machen und dir dann solche Sachen an den Kopf werfen. Mal sehen, ob du dann
ruhig bleibst. Ach nee, kann ja nicht passieren, Daddy würde das nicht
zulassen“, fügte er höhnisch hinzu.
Allington starrte ihn verwirrt an.
„Hey, nun reg dich mal wieder ab“, entgegnete er. „Um so `ne Schwuchtel wie
Sanders ist es doch nicht schade.“
Chris schloss die Augen und rieb sich mit der Hand über die Stirn. Was hatte ihn
da gerade bloß geritten, Allington sein dunkles Geheimnis anzuvertrauen – ein
Geheimnis, das im Prinzip keines war, wie er hatte feststellen müssen. Aber
dieses Papasöhnchen sollte ruhig wissen, wie die harte, kalte Realität aussah.
„Mr. Sanders ist ein Mensch, genauso wie du und ich“, sagte er beherrscht. „Und
du miese Ratte hast ihn wegen etwas angezeigt, das er gar nicht getan hat. Nur
weil du dich nicht an gewisse Regeln halten konntest. Ich hätte Weiß-Gott-Was
drum gegeben, wenn ich damals nur Bewährung bekommen hätte und alles dafür
getan, damit ich sie mir nicht versaue. Aber die Regeln für uns Normalsterbliche
gelten für so reiche Kotzbrocken wie dich ja nicht, nicht wahr? Wenn mal was
schief geht, dann suchen wir uns irgendeinen Sündenbock, der für unsere Scheiße
geradesteht oder mit dem wir sie vertuschen. Ist doch so, oder?“
„Okay, das reicht. Das muss ich mir von so was wie dir nicht sagen lassen.“
Allington warf seine Zigarette weg und ballte drohend die Fäuste.
Aha, da war es, das wahre Gesicht, dachte Chris distanziert. Das Mitgefühl
vorhin war also nur gespielt gewesen, er hatte einfach so wunderbar in die
Geschichte gepasst, die Allington Junior und Senior gesponnen hatten.
„Was willst du machen, mich verprügeln?“ fragte Chris kühl. „Und wie redest du
dich da dann wieder raus? Hab ich dir deinen Schnuller weggenommen?“
Auf einer gewissen Ebene wusste Chris, dass es verrückt war, was er da tat.
Allington zu provozieren war nicht gerade klug, der Kerl war mindestens zwanzig
Kilo schwerer als er. Aber er wusste auch, dass er schneller war und ihm
ausweichen konnte, sollte der Idiot sich tatsächlich dazu hinreißen lassen,
zuzuschlagen. Und es verschaffte Chris ein gewisses Maß an Befriedigung, ihn
derart wütend gemacht zu haben.
Allington holte tatsächlich mit der Faust aus und Chris bereitete sich darauf
vor, sich zu ducken und den Schlag abzublocken, als plötzlich eine laute Stimme
erklang.
„Das reicht! Allington, runter mit der Hand!“
Detective Miller trat hinter einem Busch hervor. Er war nicht allein, sondern
zerrte einen schmächtigen Kerl mit einer Videokamera in der Hand am Hemdkragen
hinter sich her.
„Diesmal reden Sie sich nicht raus, unser Freund hier hat nämlich alles
aufgenommen. Reporter, nicht wahr?“ fragte er fast liebevoll sein Opfer und
schüttelte es leicht.
„Ja, Mann! San Francisco Tribune. Lassen Sie mich gefälligst los, das ist
Freiheitsberaubung. Ich hab hier nur meinen Job gemacht.“
„Und ich mach meinen Job und nehme Ihnen die Kamera ab. Das ist nämlich
Beweismaterial.“
Damit griff Miller nach der Videokamera und entwand sie dem lauthals
protestierenden Reporter.
„Hey, das geht nicht! Das ist meine Kamera! Ich hab nichts Verbotenes getan. Und
außerdem brauch ich die Aufnahmen für meine Story. Schon mal was von
Pressefreiheit gehört?“
„Schon mal was von Behinderung der Justiz gehört?“ gab der Detective trocken
zurück. „Kommen Sie morgen auf’s Revier, hier ist meine Karte, dann können Sie
sich Ihre Kamera wieder abholen.“
„Und was ist mit dem Chip?“ erkundigte sich der Reporter herausfordernd.
„Der ist Beweismaterial und kommt ins Archiv, tut mir leid. Aber Ihnen wird
schon was einfallen, was Sie in Ihrem Schmierenblatt schreiben können. Und jetzt
machen Sie, dass Sie wegkommen.“
Der Reporter starrte Miller böse an, bevor er seinen Blick zwischen Allington
und Chris hin- und herschweifen ließ.
„Hm, wird trotzdem `ne geile Story, schätze ich. Söhnchen von Baulöwen wandert
wegen Falschaussage in den Knast. Und alles nur, weil er so blöd war, die
Geschichte auszuposaunen…“ Er zwinkerte Allington zu. „Danke, Mann, du hast mir
die Miete für nächsten Monat beschert und vielleicht sogar noch ein wenig mehr.“
Dann wandte er sich um und schlenderte pfeifend davon, nicht ohne vorher noch
vor dem Detective spöttisch zu salutieren.
Detective Miller wandte seine Aufmerksamkeit nun gänzlich den beiden jungen
Männern zu, die ihn mehr oder weniger entgeistert anstarrten.
Chris war eher erleichtert, den Polizisten zu sehen, auf eine wirkliche
Schlägerei mit Allington hatte er es eigentlich nicht ankommen lassen wollen.
Und langsam machte sich die Erkenntnis in seinem Gehirn breit, was Millers
Auftauchen noch bedeutete.
Der Detective musste den Streit und Stephen Allingtons „Geständnis“ gehört
haben. Und was noch besser war, es gab sogar eine Videoaufzeichnung davon. Auf
dem Film war zwar auch, dass er seine wenig rühmliche Vergangenheit zugegeben
hatte, doch eigentlich war das jetzt völlig egal. Der Staatsanwalt hatte ihm
eiskalt vor Augen geführt, dass das sowieso zu vermuten war. Und Jack wurde
durch das Video eindeutig entlastet. Chris hätte nie gedacht, dass er einem
Reporter mal dankbar sein würde.
„Hören Sie, Detective…“ stammelte Allington. „Das war doch alles gar nicht ernst
gemeint…“
Miller lächelte freundlich.
„Das, mein Junge, können Sie dem Richter erzählen, nachdem er das Video hier
gesehen hat. Außerdem gibt es zwei, nein, drei Zeugen für Ihr Geständnis. Und
morgen wird es brühwarm in der Zeitung stehen. Kommen Sie mit“, befahl er und
packte Allington am Arm, um ihn mit sich zu ziehen.
„Und Sie kommen auch mit“, sagte er zu Chris gewandt. „Da drinnen sucht alles
nach Ihnen wie nach der Stecknadel im Heuhaufen.“
****
Alexandra wurde fast verrückt vor Angst, als sie Chris nicht in der Tiefgarage
vorfand. Sie wartete etwa zehn Minuten, in der Hoffnung, dass er doch noch
auftauchen würde, doch vergebens. Vielleicht war er ja doch noch irgendwo im
Gerichtsgebäude.
Auf dem Weg zurück machte sich Alexandra die größten Vorwürfe, dass sie im
Vorfeld nicht erkannt hatte, wie sehr diese Verhandlung Chris mitnehmen würde.
Niemand hatte das, anscheinend nicht einmal Doktor Winslow. Auch die Psychologin
hatte Chris erklärt, dass er es schaffen würde. Und doch hatte es nur einiger
brutaler Unterstellungen seitens des Staatsanwaltes bedurft, um Chris völlig aus
der Bahn zu werfen.
Atemlos betrat Alexandra das Foyer und wurde gerade noch Zeuge, wie Detective
Miller einen betreten dreinschauenden Stephen Allington zur Treppe führte.
Gleich dahinter folgte Chris. Er hatte den Blick auf den Boden gerichtet und
ignorierte seine Umgebung vollkommen.
Alexandra wusste nicht, ob sie lachen oder heulen sollte. Er war also die ganze
Zeit hier gewesen, hatte sich vermutlich nur irgendwo versteckt, um sich zu
beruhigen.
„Chris“, rief sie laut und rannte zu ihm.
Chris fuhr herum. Er machte einen ruhigen, nachdenklichen Eindruck. Alexandra
fiel ihm um den Hals, die missbilligenden Blicke einiger vorbeieilender Leute
interessierten sie nicht im Geringsten.
„Oh Gott, ich bin so froh, dass du wieder da bist“, flüsterte sie an seinem Ohr.
„Ich war die ganze Zeit da“, gab Chris zurück und drückte sie fest an sich. „Ich
brauchte nur ein Time-out, um in meinem Kopf wieder alles auf die Reihe zu
kriegen.“
„Wo warst du denn? Und was macht Detective Miller mit diesem kleinen Mistkerl?“
Alexandra lehnte sich ein wenig zurück und musterte Chris forschend. Der
lächelte müde.
„Ich war in dem Garten im Innenhof. Und…die Gerichtsverhandlung ist jetzt
gelaufen…“
„Nein, Jack hat immer noch eine Chance…“
„Das meine ich nicht“, unterbrach Chris sie. „Allington ist auch in den Garten
gekommen. Er hat mit mir geredet und mir dann „anvertraut“, dass er gelogen hat.
Pech für ihn, dass ihm ein Reporter gefolgt ist. Und dem Reporter ist Detective
Miller gefolgt.“
„Und… was heißt das jetzt?“ fragte Alexandra gespannt.
„Der Reporter hat ein Video gedreht, auf dem alles drauf ist. Detective Miller
hat unseren Streit auch gehört. Und das Video will er jetzt dem Richter
vorspielen.“
In Alexandras Kopf schwirrte es. Zu ihrer Sorge um Chris war auch die Sorge um
Jack gekommen. Chris’ Verhalten hatte ein denkbar schlechtes Licht auf seinen
ehemaligen Bewährungshelfer geworfen. Sie hatte sich gefragt, wie um alles in
der Welt Jacks Unschuld jetzt noch bewiesen werden konnte, jeder
Erklärungsversuch seitens der Verteidigung wäre nur noch als lahme und
unglaubwürdige Entschuldigung erschienen.
Allington hatte sich also selbst die Grube geschaufelt. Alexandra hätte sich
jetzt freuen sollen, doch ihr war nicht nach Jubeln zumute. Chris hatte zuviel
dafür durchmachen müssen, ihm war deutlich anzusehen, wie erschöpft er war.
Sie ergriff Chris’ Hand.
„Komm, gehen wir rauf und bringen den Rest auch noch hinter uns“, sagte sie
leise. „Und dann nichts wie ab nach Hause.“
„Okay, Jack,
würdest du mir jetzt bitte erklären, was du dir dabei gedacht hast, sämtliche
Vorschriften zu ignorieren und O’Connors Selbstmordversuch nicht zu melden?“
donnerte Kendall.
Jack, Alexandra und Chris saßen gemeinsam in Kendalls Büro. Nachdem Jacks
Vorgesetzter nach der Verhandlung Ohrenzeuge geworden war, wie Sam Jack
heruntergeputzt hatte, weil er ihr Chris’ Selbstmordversuch verschwiegen hatte,
hatte er Jack und Chris unmissverständlich aufgefordert, sofort in eben dieses
Büro zu kommen, um gewisse Dinge zu besprechen. Alexandra hatte darauf
bestanden, die beiden zu begleiten, weil sie es gewesen war, die Jack
ursprünglich gebeten hatte, zu schweigen. Und weil sie Chris dabei nicht alleine
lassen wollte.
„Leroy, ich hab das nicht unüberlegt getan“, erklärte Jack, der versuchte,
seiner Stimme einen besänftigenden Klang zu geben.
„Warum ich so gehandelt habe, das kannst du dir selbst denken.“
Er machte eine Pause.
Kendall nickte und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück.
„Du hättest es wenigstens mit mir besprechen müssen“, grollte er. „Diese
Vorschriften gibt es nicht zum Spaß. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder sie
nach seinem Gutdünken auslegt.“
Dann beugte er sich wieder nach vorne und sah Jack eindringlich an.
„Die Sache ist jetzt öffentlich gemacht worden. Das heißt, sie wird Konsequenzen
haben müssen.“
„Was für Konsequenzen?“ mischte sich Alexandra ein.
Sie spürte, wie Chris sich neben ihr auf seinem Stuhl versteifte und hoffte,
dass sie mit ihrer Vermutung, dass diese Konsequenzen auch ihn betrafen, nicht
richtig lag.
Kendall richtete seine Aufmerksamkeit auf sie, wobei sein Blick auch Chris
streifte.
„Ich werde das anordnen müssen, was Jack unterlassen hat. Chris wird sich in
einer psychiatrischen Anstalt untersuchen…“
„Nein!“
Alex fuhr zu Chris herum, der die Armlehnen seines Stuhles so fest umklammerte,
dass seine Handknöchel weiß hervortraten.
Mit entsetzt aufgerissenen Augen starrte er Kendall an und schüttelte wild den
Kopf.
„Ich geh in keine Anstalt. Das ist fast so schlimm wie zurück ins Gefängnis zu
müssen. Eher bring ich mich wirklich um…“
Alexandra konnte kaum glauben, was sie da hörte. Was um alles in der Welt redete
er da? Damit machte er doch alles nur noch schlimmer, er würde Kendall nur in
seiner Überzeugung bestätigen, dass dieser Schritt nötig war.
Sie musste ihn zur Vernunft bringen, und zwar schnell. Doch hier drin im Büro
ging das nicht.
Entschlossen stand Alexandra auf und packte Chris am Arm, um ihn hochzuziehen.
„Bitte entschuldigen Sie uns einen Moment“, sagte sie zu Kendall, der sie
überrascht ansah.
Dann zog sie Chris mit sich nach draußen auf den Flur, wo dieser sich mit
gesenktem Kopf an die Wand lehnte.
„Sag mal, spinnst du?“ explodierte Alexandra, wobei sie sich allerdings bemühte,
ihre Stimme zu dämpfen. Es musste ja nicht der ganze Flur mitbekommen, was sie
zu sagen hatte.
„Wie kannst du nur so einen Quatsch reden? Jetzt glaubt dieser Kendall doch erst
recht, dass das nötig ist. Jack und ich hätten ihm die Idee schon ausgeredet,
immerhin machst du eine Therapie. Was also hast du dir da nur dabei gedacht?
Verflixt Chris, ich spreche mit dir, sieh mich bitte an!“
Als Chris endlich den Kopf hob, verflog Alexandras Wut schlagartig. Seine
schokoladenbraunen Augen schwammen in Tränen.
„Hey, komm schon, wir biegen das schon wieder hin“, sagte sie und strich ihm
sanft über die Wange. „Bitte red nie wieder davon, dass du dich umbringen
willst“, fügte sie leise hinzu.
„Alex…ich…ich kann einfach nicht mehr, ich will nach Hause“, brach es aus Chris
heraus. „Ich will raus hier, weg von diesem ganzen Mist. Ich will heim, was ganz
Normales machen, mit dir vor dem Fernseher abhängen oder mit Charlie
spielen…Bitte Alex, lass uns gehen…“
Die Tränen liefen Chris inzwischen ungehindert über’s Gesicht und er begann zu
schluchzen.
„Ich kann nicht in so eine Anstalt, ich hab solche Angst, dass ich da irgendwas
Dummes mache und dass sie mich dann nicht mehr raus lassen…“ weinte er.
Alexandra wusste im ersten Moment nicht, was sie sagen sollte, wie sie Chris
trösten sollte. Er hatte vorhin doch noch relativ ruhig gewirkt. Eigentlich
hatte sie gehofft, nein, gebetet, dass er den heutigen Tag einigermaßen
unbeschadet überstanden hatte, doch wieder einmal hatte er ihr nur bewiesen, was
für ein großartiger Schauspieler er sein konnte. Sein Inneres mochte ein
einziger großer Scherbenhaufen sein und doch war er in der Lage, sich den
Anschein zu geben, als wäre alles in Ordnung.
Alexandra tat das einzige, was ihr in dieser Situation einfiel. Sie zog Chris in
die Arme und hielt ihn ganz fest. Dabei spürte sie, wie sehr er zitterte.
„Schhhh, Baby, nicht weinen. Das kriegen wir wieder hin“, flüsterte sie, während
Chris sich fast schmerzhaft an sie klammerte und mit aller Kraft versuchte, sein
Schluchzen zu unterdrücken.
Zwei Angestellte kamen aus einem benachbarten Büro und musterten sie im
Vorbeigehen erstaunt.
Es dauerte ein, zwei Minuten, bis Chris sich einigermaßen gefangen hatte und
Alexandra verlegen ein Stück von sich weg schob.
„Geht schon wieder“, schniefte er und fuhr sich mit dem Jackenärmel über das
Gesicht. Da Leder jedoch nicht sehr saugfähig war, hatte er nicht viel Erfolg
mit dem Versuch, sich die Tränen abzuwischen.
Alexandra ließ ihn los und begann, in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch zu
kramen. Wenigstens damit konnte sie ihm helfen.
„Hier.“
Dankbar ergriff Chris das Papiertaschentuch und schnäuzte sich. Er wich
Alexandras Blick aus, als diese ihn forschend betrachtete.
„Alles wieder einigermaßen im grünen Bereich?“ erkundigte sie sich besorgt.
Als Chris nickte, atmete sie erleichtert auf.
„Okay, wir gehen da jetzt wieder rein und sprechen mit diesem Kendall noch Mal
in aller Ruhe über alles. Ohne Aufstand und ohne Drohungen.“
Als Chris den Mund öffnete, um zu widersprechen, hob Alexandra warnend die Hand.
„Chris, ich weiß, dass du nicht mehr kannst, dass dir das alles heute über den
Kopf gewachsen ist, aber jetzt einfach ohne Erklärung abzuhauen, würde die ganze
Sache nur noch verschlimmern. Ich glaub, Kendall ist jemand, mit dem man reden
kann. Einen Versuch ist es doch wert, oder etwa nicht?“
Es vergingen einige Sekunden, in denen Chris schweigend vor sich auf den Boden
starrte. Dann hob er den Kopf.
„Ja, du hast recht…mal wieder“, antwortete er mit einem leicht missglückten
Lächeln. „Aber…was ist, wenn er darauf besteht, dass ich…“
„Dann werden wir eine Möglichkeit finden, um damit umzugehen“, entgegnete
Alexandra fest. „Die Welt geht deshalb nicht unter und es ist kein Grund, sich
umzubringen, hast du gehört?“
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr vorhin im Büro fast das Herz stehen
geblieben war, als sie Chris diesen Satz hatte sagen hören. Sie hatte gehofft,
nein, war überzeugt gewesen, dass er keinen Gedanken mehr daran verschwenden
würde, außer jemand würde ihn tatsächlich wieder ins Gefängnis schicken wollen.
Und das würde sie niemals zulassen.
„Tut mir leid“, flüsterte Chris. „Ich…ich hab das nicht so gemeint, ich war
nur…“
„Ich weiß“, unterbrach ihn Alexandra. „Das alles muss heute furchtbar für dich
gewesen sein. Und darum gehen wir jetzt wieder rein und machen diesem Kendall
klar, dass es überflüssig ist, dich zur Untersuchung in eine psychiatrische
Klinik zu schicken, weil du nämlich schon eine weltklasse Psychologin hast. Und
dann fahren wir auf dem schnellsten Weg nach Hause. Okay?“
„Okay.“
Das tapfere, kleine Lächeln, das Chris ihr schenkte, trieb Alexandra fast selbst
die Tränen in die Augen. Wie brachte er es nur immer wieder fertig, sich letzten
Endes doch nicht unterkriegen zu lassen? Sie selbst war sich überhaupt nicht
sicher, ob sie an seiner Stelle noch hier wäre…
„Leroy…lass
den Jungen da raus“, sagte Jack, nachdem sich die Tür hinter Alexandra und Chris
geschlossen hatte.
Er war unendlich erleichtert, dass seine Unschuld, wenn auch etwas spektakulär,
vor Gericht bewiesen worden war. Und er war Chris zutiefst dankbar, auch wenn es
anfangs so ausgesehen hatte, als würde ausgerechnet er der ausschlaggebende
Grund für seine Verurteilung werden.
„Jack, das kann ich nicht“, entgegnete sein Vorgesetzter. „Ich kann das nicht so
einfach ignorieren. Damit würde ich mich unglaubwürdig machen. Außerdem hast du
ihn gerade gehört. Er scheint ziemlich labil zu sein.“
Jack seufzte und rieb sich über die Stirn.
„Hör zu…es ist nicht so, dass ich ihn einfach so hab davonkommen lassen. Ich hab
ihn nur vor die Wahl gestellt, entweder Therapie oder Anstalt. Er hat sich für
die Therapie entschieden und geht zweimal die Woche zu einer Psychologin – mit
sehr gutem Erfolg, wie Alex mir erzählt hat. Schmeiß mich raus, schick mich zum
Aktenabstauben ins Archiv, aber erspar Chris diese Untersuchung in einer
psychiatrischen Klinik. Du weißt doch auch, wie’s dort zugeht. Und außerdem…sieh
dir mal seine Akte an. Er war dreieinhalb Jahre in San Quentin. Was glaubst du
wohl, wie’s ihm dort ergangen ist?“
„Jack, du willst mir da eine ganz schöne Verantwortung aufhalsen. Was ist, wenn
der Junge doch noch durchdreht, während er Bewährung hat? Was denkst du, wie ich
dann dastehe?“
Jack rieb sich über die Stirn und verfluchte Chris’ unbedachte Äußerung.
Irgendwie musste er Kendall davon überzeugen, dass er für niemanden eine
Bedrohung darstellte.
„Hör zu, Chris wird nicht durchdrehen. Er hat Menschen, die ihm helfen, die für
ihn da sind. Im Moment staucht Alex ihn da draußen wahrscheinlich gehörig
zusammen, weil er so einen Unsinn dahergeredet hat. Und eines sag ich dir, vor
ihr willst du dich nicht rechtfertigen müssen, wenn mit ihm irgendwas passiert,
weil du ihn in so eine Anstalt geschickt hast. Eine wütende Bärenmutter ist kein
Vergleich zu Alex, wenn es um Chris geht.“
Kendall zog die Augenbrauen hoch bis fast zum Haaransatz und sah Jack überrascht
an.
„Ich dachte, Doktor Hastings wäre seine Arbeitgeberin?“
Jack sog scharf die Luft ein. Eigentlich hatte er seinem Vorgesetzten davon
nichts erzählen wollen, schließlich war das die Privatangelegenheit seiner
Freunde, doch wenn er es sich recht überlegte, dann konnte es sich nur positiv
auf dessen Entscheidung auswirken, was denn nun mit Chris geschehen sollte, wenn
er erfuhr, dass dieser einen Menschen hatte, der ihm bedingungslosen Rückhalt
bot. Immerhin war Chris Vollwaise und hatte keine Familie mehr.
„Ja, das ist sie auch, aber die beiden sind...nun ja...zusammen…“
„Nun…das verblüfft mich jetzt…Ist er nicht ein wenig jung für sie? Doktor
Hastings ist eine erwachsene Frau, kein junges Ding.“ Das Erstaunen war deutlich
aus Kendall’s Stimme herauszuhören.
„Es mag für einen Außenstehenden vielleicht so aussehen, als würden sie
überhaupt nicht zusammenpassen, aber irgendwie funktioniert es. Für mich war es
auch eine ziemliche Überraschung, als ich es herausgefunden habe, das kannst du
mir glauben. Komm schon, Leroy, gib Chris eine Chance, ich bin sicher, er wird
dich nicht enttäuschen.“
Beschwörend sah Jack seinen Vorgesetzten an.
Der hatte begonnen, mit einem Kugelschreiber auf seiner Schreibtischunterlage
herumzutrommeln und starrte nachdenklich vor sich hin. Dann richtete er seinen
Blick wieder auf Jack.
„Wieso hast du eigentlich so großes Interesse an dem Jungen?“ fragte Kendall.
„Ich weiß, dass du dich für deine Leute mehr einsetzt als mancher hier, aber das
hier geht über berufliches Engagement hinaus, finde ich.“
Jack richtete sich auf.
„Damit willst du wohl andeuten, dass ich auch ein gewisses…privates Interesse an
ihm habe, nicht wahr? Ich hab mich schon gefragt, wann das kommt. Danke, dass du
es wenigstens nicht vor Chris zur Sprache gebracht hast“, entgegnete er
ironisch.
„Jack, tut mir leid, aber… du musst zugeben, dass die Überlegung eine gewisse
Berechtigung hat.“
Jack stand auf und ging hinüber zum Fenster. Von hier aus hatte man einen
wunderbaren Ausblick auf den kleinen Park. Dahinter war die Skyline des Civic
Centers zu sehen, mit diesem charakteristischen spitzen Wolkenkratzer.
Wenn er ehrlich war, dann konnte er Leroy keinen Vorwurf machen. Dieser hatte
nur offen ausgesprochen, was andere sich denken und hinter vorgehaltener Hand
flüstern mochten. Einer der Gründe, warum er immer penibel darauf geachtet
hatte, dass keiner in seinem beruflichen Umfeld von seiner Homosexualität
erfuhr, war der gewesen, dass man ihm genau so etwas unterstellen konnte, wenn
er sich um einen seiner Leute etwas intensiver bemühte. Aber Leroy hatte
Unrecht.
Jack drehte sich um.
„Ich mag Chris, das gebe ich zu. Aber ich habe keinerlei…sexuelles Interesse an
ihm. Er ist…“ er lachte verlegen, „er ist absolut nicht mein Typ. Ich hab nur
von Anfang an gemerkt, dass mehr in ihm steckt, als es auf den ersten Blick den
Anschein hatte. Und dass er Einiges durchgemacht hat. Wer schickt schon einen
knapp Siebzehnjährigen nach San Quentin…“
Jack schüttelte den Kopf.
„Soweit ich weiß, hat er in der ganzen Zeit keinen Tropfen Alkohol angerührt,
geschweige denn Drogen genommen. Er raucht ja nicht mal“, fuhr er fort. „Dieser
Selbstmordversuch damals war eine Kurzschlussreaktion. Er hat niemanden damit
gefährdet, außer sich selbst natürlich. Das vorhin…ich glaub nicht, dass er das
wirklich ernst gemeint hat. Nach dem, was heute los war, ist es kein Wunder,
dass ihm die Nerven durchgegangen sind. Leroy, bitte lass ihn in Ruhe.“
Kendall schwieg eine ganze Weile und Jack begann zu hoffen, dass seine Worte auf
fruchtbaren Boden gefallen waren. Sein Vorgesetzter war in der Regel ein
strenger, aber fairer Mensch und vernünftigen Argumenten durchaus zugänglich.
„Also gut“, gab Kendall schließlich nach. „Gib mir die Adresse und die
Telefonnummer von dieser Psychologin, ich setze mich mit mir in Verbindung. Ich
möchte erst mit ihr reden, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Wenn
ihr Urteil gut ausfällt, dann lasse ich wegen dieser Sache mit der Anstalt noch
Mal mit mir reden.“
Jack stieß den Atem wieder aus, den er unbewusst angehalten hatte. Dass diese
Doktor Winslow Chris positiv beurteilen würde, daran hegte er nicht den
geringsten Zweifel.
„Danke“, sagte er schlicht. „Ich hab die Adresse in meinem Büro…wenn es denn
noch mein Büro ist.“
Jack konnte nicht genau definieren, worauf er hoffte. Er liebte seinen Job,
wollte ihn eigentlich nicht verlieren, aber er hatte gleichzeitig Angst vor den
abschätzigen Blicken und vor dem unvermeidlichen Getuschel hinter seinem Rücken,
das ihn verfolgen würde. Und er hatte Angst vor den Reaktionen der Männer, die
er betreut hatte.
Kendall faltete seine Hände vor sich auf dem Schreibtisch.
„Jack, ich würde dir liebend gern deinen alten Job zurückgeben…trotz deiner
Verfehlung in dieser Sache“, er lächelte leicht, „aber…ich stehe vor dem
Problem, dass Allington nicht der Einzige bleiben könnte, der auf eine derartige
Idee kommt. Es macht dich einfach angreifbar. Verstehst du?“
Jack senkte den Kopf und nickte. Wieder ein Grund, warum er seine sexuelle
Orientierung geheim gehalten hatte.
„Ich verstehe“, sagte er leise. „Dann ist es wohl am Besten, wenn ich meine
Kündigung einreiche, nicht wahr?“
„Das habe ich nicht gemeint“, widersprach Kendall schnell. „Ich hatte eher daran
gedacht, dich zu versetzen, irgendwohin in die Sachbearbeitung.“
Jack schwieg. Er war niemand, dem es Spaß machte, Akten zu wälzen. Als er vorhin
zu Kendall gesagt hatte, er solle ihn zum Aktenabstauben in’s Archiv schicken,
war das nicht ganz ernst gemeint gewesen. Er würde diese Versetzung zwar
akzeptieren, was blieb ihm schon anderes übrig, aber er würde sich nach einem
anderen Job umsehen. Zuerst würde er ein wenig Gras über die Sache mit Allington
wachsen lassen, aber dann würde ihn hier nichts mehr halten.
„In Ordnung“, sagte er langsam. „Das werde ich wohl so hinnehmen müssen.“
Kendall öffnete den Mund, wahrscheinlich, um sich nochmals zu entschuldigen,
wurde jedoch von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.
„Herein“, rief er.
Die Tür ging auf und Alexandra trat ein, gefolgt von Chris, dessen Augen
verräterisch gerötet waren. Wenigstens ihm hatte er helfen können, dachte Jack.
„Entschuldigung, Mr. Kendall“, begann Alexandra. „Wir, das heißt Chris, wollten
noch einmal mit Ihnen wegen dieser Sache mit dieser Anstalt reden. Chris ist im
Moment in Therapie bei einer sehr guten Psychologin, es wäre bestimmt nicht
ratsam, ihn da jetzt rauszureißen. Sehen Sie, er hat das vorhin nicht so
gemeint. Ich hab ihm deswegen schon den Kopf zurechtgesetzt. Das alles war heute
nur einfach furchtbar anstrengend und nervenaufreibend für ihn. Sie…Sie können
doch nicht einfach wegen irgendwelcher idiotischen Vorschriften alles zunichte
machen wollen, was Doktor Winslow in den vergangenen Monaten erreicht hat. So
uneinsichtig kann doch niemand sein!“
Jack musste sich abwenden, um das Grinsen zu verbergen, das sich auf seinem
Gesicht ausbreitete. Wenigstens hatte er seinen Humor nicht verloren, wenn schon
sein guter Ruf und sein Job dahin waren.
Alexandra hatte es zwar nicht ausgesprochen, aber Jack kannte sie gut genug, um
zu wissen, was sie am liebsten noch angefügt hätte. ‚Nicht einmal ein Mann’, den
Satz hatte sie sich mit Sicherheit verkneifen müssen.
Die hohe Kunst der Diplomatie war nicht gerade eine Stärke von Alexandra. Direkt
bis zum Geht-nicht-mehr. Zum Glück hatte er Leroy bereits überreden können,
Chris vom Angelhaken zu lassen, für den Moment jedenfalls.
Kendall schien sich leicht überrollt zu fühlen, denn er starrte die junge Frau
einen Moment lang mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Miss Hastings, ich versichere Ihnen…“
„Ich will keine Versicherung hören, dass Chris in der Psychiatrie nichts
passieren wird, darauf haben Sie doch gar keinen Einfluss. Halten Sie mich bitte
nicht für blöd, nur weil ich blond und eine Frau bin“, entgegnete Alexandra
heftig. „Ich appelliere hier nicht an…an Ihre verdammten Vorschriften, sondern
an Ihren gesunden Menschenverstand und Ihr Mitgefühl, Mr. Kendall.“
„Ähm, Miss Hastings, ich…“
Jack hielt es für angebracht, an dieser Stelle einzugreifen, da Alexandra
bereits wieder dazu ansetzte, seinem Vorgesetzten das Wort abzuschneiden. Leroy
hatte zwar Geduld, aber auch nicht unbegrenzt.
„Stopp, Alex, lass auch mal jemand anderen zu Wort kommen, okay?“ warf er mit
einer Stimme ein, die keinen Widerspruch duldete.
„Danke, Jack“, sagte Kendall ironisch. Dann wandte er sich Alexandra zu, die
wirklich im Moment den Mund hielt. Jack gratulierte sich insgeheim, er war sich
nicht sicher gewesen, ob er tatsächlich Erfolg haben würde.
„Miss Hastings, die Angelegenheit habe ich mit Jack bereits geklärt. Ich werde
bei dieser Doktor Winslow ein Gutachten anfordern, wenn das positiv ausfällt,
dann ist die Sache vom Tisch. Findet das Ihre Zustimmung?“
Der sarkastische Ton, in dem diese Frage vorgebracht wurde, ließ Alexandra fast
unmerklich zusammenzucken. Sie warf Jack einen überraschten Blick zu.
„Du hast Mr. Kendall schon alles erklärt?“ fragte sie.
„Habe ich“, nickte Jack. „Und er war vernünftigen Argumenten durchaus
zugänglich“, fügte er augenzwinkernd hinzu.
Alexandra wandte sich wieder an Kendall.
„Oh…, dann sollte ich mich wohl entschuldigen, ich war vorhin ein wenig…forsch“,
sagte sie verlegen.
Kendall winkte ab.
„Schon gut“, entgegnete er besänftigt. „Ich brauche jetzt nur noch eine
Unterschrift von Chris, mit der er diese Psychologin von ihrer Schweigepflicht
entbindet.“
Alexandra seufzte
erleichtert, als sie das Telefon zurück auf den Küchentisch legte. Sie hatte
gerade mit Mary Jo gesprochen, die ausführlich hatte wissen wollen, wie die
Verhandlung heute gelaufen war. In ihre Neugier hatte sich auch Sorge um Chris
gemischt, die Alexandra weitestgehend zerstreut hatte. Es war nicht ganz die
Wahrheit gewesen, aber sie wollte nicht, dass Mary Jo morgen hier auftauchte und
anfing, Chris zu bedauern und aufzumuntern. Dafür wäre er ihr wohl wenig dankbar
gewesen.
Zuvor hatte sie Julie, die wie auf glühenden Kohlen auf sie gewartet hatte, von
der Gerichtsverhandlung erzählen müssen. Sie hatte ihre Freundin zwar auf dem
Weg zum Gebäude der Bewährungsbehörde angerufen und ihr Bescheid gesagt, dass es
noch ein wenig dauern würde, bis sie nach Hause kämen und Julie bei der
Gelegenheit über Jacks Freispruch informiert, aber für eine ausführliche
Schilderung hatte sie keine Zeit gehabt. Außerdem war Alexandra in Gedanken
schon bei dem bevorstehenden Gespräch mit Kendall und dessen Ausgang gewesen.
Chris war sofort nach ihrer Ankunft nach oben verschwunden, er hatte nur kurz
Julie begrüßt und sich von ihr umarmen lassen. Ein paar Minuten später hatte
Alexandra das Wasser der Dusche rauschen hören.
Julie hatte sich gerade verabschiedet und war in ihr Auto eingestiegen,
allerdings mit der Bitte, sie so schnell nicht wieder als Charlie-Babysitter
einzuspannen, als das Telefon geläutet hatte. Alexandra hatte erst vermutet,
dass es Mary Jo wäre, die Frau hatte manchmal telepathische Fähigkeiten, doch am
anderen Ende der Leitung war Doktor Winslow gewesen.
Alexandra hatte die Gelegenheit gleich genutzt, sie von Kendalls bevorstehenden
Anruf in Kenntnis zu setzen. Als die Psychologin erfuhr, dass Chris aus dem
Gerichtssaal gerannt war, war sie entsetzt.
„Mein Gott, und ich hab dem Jungen noch gesagt, er solle sich keine Sorgen
machen, er würde es schaffen“, sagte sie bestürzt.
„Das hab ich auch, aber…wir haben ihn wohl beide falsch eingeschätzt. Er kann
sich ziemlich gut verstellen, wenn er will“, entgegnete Alexandra. „Manchmal ist
es einfach unheimlich schwierig, zu erraten, was wirklich in ihm vorgeht. Und,
ganz ehrlich…dieser Staatsanwalt war mehr als mies.“
„Wie meinen Sie das?“
„Er hat Chris Dinge unterstellt, verschleierte Andeutungen gemacht…Es war
eigentlich kein Wunder, dass er ausgerastet ist. Und später….“
Alexandra machte eine Pause. Sollte sie Doktor Winslow erzählen, was Chris in
Kendalls Büro gesagt hatte? Sie war seine Therapeutin und Kendall würde sie
vermutlich sowieso darauf ansprechen, also war ihr die Entscheidung eigentlich
schon abgenommen worden.
„Die Sache mit seinem versuchten Suizid ist raus gekommen, fragen Sie mich
nicht, wie. Jedenfalls wollte Jacks Vorgesetzter das nicht einfach so stehen
lassen, sondern Chris jetzt zur Untersuchung in die Psychiatrie einweisen
lassen. Da hat Chris mit Selbstmord gedroht, wenn er das wirklich tun würde…“
Alexandra hörte ein lautes Seufzen.
„Mein Gott, wie konnte ich mich nur so irren“, sagte die Psychologin. „Haben Sie
mit ihm darüber geredet?“
„Ja…er hat mir erklärt, dass er es nicht ernst gemeint hätte…und das glaube ich
ihm sogar. Er ist einfach völlig am Ende. Wenn Sie dieses Verhör miterlebt
hätten, dann könnten Sie das auch verstehen.“
„Hm…nun, ich werde ja nächste Woche mit ihm darüber sprechen können…Aber das mit
dieser Untersuchung hat sich jetzt erledigt, nicht wahr?“
„Ja, Gott-sei-Dank war Jacks Boss nicht so ein sturer Paragraphenreiter. Darum
wird er sich nächste Woche mit Ihnen in Verbindung setzen.“
Danach verabschiedete sich Doktor Winslow, nicht ohne Alexandra zu versichern,
dass sie sie jederzeit anrufen könne, sollte sie wegen Chris ihre Hilfe
benötigen und dass sie, wenn Kendall sich mit ihr in Verbindung setzen würde,
diesem eindeutig klar machen würde, dass eine psychiatrische Untersuchung völlig
unnötig und sogar schädlich wäre.
Alexandra war erleichtert gewesen und hatte sich für das Angebot bedankt,
immerhin hatte sie keine Ahnung, wie schwer Chris die ganze Sache wirklich
genommen hatte und wie schnell er sich wieder fangen würde.
Alexandra sah auf die Uhr. Sie waren vor etwa zwei Stunden nach Hause gekommen.
Seitdem hatte sie eigentlich nichts anderes getan, als geredet und geredet. Noch
nicht einmal ihren Anrufbeantworter hatte sie abgehört.
Es waren jedoch nur ein paar belanglose Nachrichten darauf, nichts Wichtiges,
dass sie sofort hätte erledigen müssen, also konnte sie ebenfalls endlich nach
oben gehen.
Aus dem kleinen Wohnzimmer drang das Geräusch eines laufenden Fernsehers.
Wenigstens hatte Chris sich nicht ins Bett verkrochen, um still vor sich hin zu
leiden, sondern versuchte, sich abzulenken und in die Normalität zurückzukehren.
Nachdem sie sich umgezogen hatte, beschloss sie, Chris Gesellschaft zu leisten.
Was hatte er gesagt? ‚Ich will was ganz Normales machen, mit dir vor dem
Fernseher abhängen oder mit Charlie spielen’:
Leise öffnete sie die Tür und spähte hinein. Chris lag, in eine Wolldecke
gewickelt, auf dem Sofa, neben sich hatte er Charlie liegen und spielte mit
dessen Ohren. In der anderen Hand hielt er die Fernbedienung und zappte
sämtliche Programme durch.
Alexandra trat ein und Charlie, der sie als Erster bemerkte, hüpfte schnell vom
Sofa herunter. Er wusste genau, dass ihn jetzt eine Standpauke erwartete, denn
er trottete mit schuldbewusst gesenktem Kopf zu Alexandra und leckte ihr die
Hand. Dabei winselte er verzeihungheischend.
„Schimpf nicht mit ihm, ich hab ihn zu mir raufgeholt“, bat Chris und legte die
Fernbedienung zur Seite.
„Chris, du weißt doch…“
„Ja…aber…ich hab einfach jemanden zum Kuscheln gebraucht“, entgegnete er leise
und senkte die Augenlieder. „Und Charlie war halt der Einzige, der da war…“
Verlegen zupfte er ein paar Wollflusen von der Decke weg.
Alexandras leichter Anflug von Ärger verschwand so schnell, wie er gekommen war.
Hundehaare konnte man vom Sofa wegbürsten, eigentlich ging’s ihr ja sowieso mehr
ums Prinzip. Und dass Chris zugeben konnte, dass er die Nähe des Hundes
gebraucht hatte, das fand sie irgendwie…süß. Auch wenn sie es ihm nie ins
Gesicht gesagt hätte.
„Und jetzt?“ erkundigte sich Alexandra sanft.
Chris sah auf.
„Kommst du ein bisschen her?“ fragte Chris schüchtern und hob die Decke ein
wenig an.
Alexandra lächelte und folgte seiner Aufforderung. Zuvor machte sie jedoch den
Fernseher aus. Chris rutschte noch etwas nach hinten zur Rückenlehne, um ihr
mehr Platz zu machen, dann wickelte er die Decke um sie beide.
Alexandra stützte sich mit dem Ellbogen auf und betrachtete Chris forschend.
„Geht’s dir jetzt wieder etwas besser?“
„Mhm.“
Das war die einzige Antwort, die sie zu hören bekam.
„Doktor Winslow hat vorhin angerufen, sie wollte wissen, wie’s gelaufen ist.“
Alexandra machte eine Pause, um Chris die Gelegenheit zu geben, sich dazu zu
äußern. Doch er schwieg und sah zur Seite.
„Ich hab’s ihr erzählt und…sie macht sich Vorwürfe, dass sie nicht gemerkt hat,
dass dich das so tief reinreißen würde. Und mir geht’s, ehrlich gesagt,
genauso…“
„Nein…das ist Unsinn“, entgegnete Chris heftig und setzte sich auf. „Ich hatte
zwar furchtbare Angst und hab gefürchtet, dass so was passieren könnte…aber ich
hätte ja auch was sagen können…“
Wo er Recht hatte, da hatte er Recht, die Logik dieser Aussage mochte Alexandra
nicht bestreiten. Trotzdem fühlte sie sich schuldig.
„Vielleicht…“ sagte sie nur. „Auf jeden Fall wird sie mit Kendall reden und ihn
überzeugen, dass mit dir soweit alles in Ordnung ist. Also ist das Problem auch
aus der Welt geschafft.“
Chris stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.
„Gott sei Dank. Ich …ich will einfach nicht weg von dir“, gab er zu. „Auch wenn
es vielleicht nur für ein paar Tage wäre. Aber die Vorstellung, wieder irgendwo
eingesperrt zu sein, nicht raus zu dürfen…“ Er schauderte sichtlich.
Alexandra streckte die Hand aus und strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Sie verstand, was er meinte. Sie mochte sich auch nicht vorstellen, wie es wäre,
wieder allein in ihrem Bett zu liegen, allein aufzuwachen, allein zu
frühstücken…Das Haus würde ihr ohne Chris so leer und bedrückend vorkommen, auch
wenn sie wüsste, dass er nur einige Tage weg sein würde.
Über die Folgen für sein ohnehin im Moment angespanntes Seelenleben wollte sie
erst recht nicht nachdenken. Es würde sowieso wohl einige Zeit dauern, bis Chris
die heutige Erfahrung weggesteckt haben würde.
„Na ja, das hat sich ja erledigt. Chris, da ist noch etwas…möchtest du mit mir
reden…wegen heute?“
Alexandra hielt die Luft an. War er in einer seiner verschlossenen Phasen oder
würde er sich ihr öffnen?
Chris sah sie lange an, dabei kaute er auf seiner Unterlippe herum. Sie dachte
schon, dass er ablehnen, sich in sein Schneckenhaus zurückziehen würde, doch
dann begann er zu sprechen.
„Weißt du…als ich da draußen gewartet hab, da hat sich in meinem Kopf irgendwie
die Zeit zurückgedreht. Ich war halb hier und halb damals in der Vergangenheit,
vor meiner eigenen Verhandlung…die ganze Warterei…der Geruch, alles hat mich
irgendwie daran erinnert. Nur…nur etwas war anders…“
Chris schluckte, seine Augen begannen verräterisch zu glitzern.
„Was?“ fragte Alexandra leise und legte ihm die Hand auf die Wange. Chris lehnte
sich wie schutzsuchend in diese Berührung.
„Ich…hab genau gewusst, was passieren würde, angefangen vom Urteil, bis zu
allem, was in diesen dreieinhalb Jahren auf mich zukommen würde. Alex, es war so
furchtbar, ich wusste, dass es nicht real war, aber trotzdem…“
Krampfhaft schluckte Chris nochmals, um die Tränen zu unterdrücken.
„Verdammt, ich wusste, ich hätte mit dir draußen warten sollen“, flüsterte
Alexandra. „Oh Gott, Baby, es tut mir so leid.“
Sie zog Chris, der mit aller Macht um seine Fassung rang, in ihre Arme. Hier, im
Schutz ihrer eigenen vier Wände, war es egal, ob er sich ausheulte, heute
Nachmittag hätte ein Zusammenbruch möglicherweise bewirkt, dass Kendall
vielleicht doch noch seine Meinung geändert hätte.
Doch Chris begann nicht zu weinen. Er zitterte nur und schmiegte sich eng an
sie, fast so, als wollte er mit ihr verschmelzen. Beruhigend strich Alexandra
ihm über den Rücken.
„Es ist vorbei, Chris, alles ist vorbei“, sagte sie immer wieder, bis er ruhiger
wurde und schließlich still in ihren Armen lag
Minutenlang waren nur ihrer beider Atemzüge zu hören. Charlie hatte sich
verzogen, vermutlich war er heilfroh, einer Standpauke entgangen zu sein und
wollte sein Glück nicht auf die Probe stellen.
Dann bewegte sich Chris plötzlich und lehnte sich ein Stück zurück.
„Es war besser, dass du mit im Gerichtsaal warst“, erklärte er leise, aber
bestimmt. „Ich glaub, sonst wär ich schon viel früher abgehauen. Zum Schluss
konnte ich aber einfach nicht mehr, dieser Typ hat mich mit seinen
Unterstellungen einfach fertig gemacht. Und das Schlimmste war, ich wusste
genau, dass in dem Moment jeder denken musste, dass das, was der Staatsanwalt da
daherquatschte, stimmen würde. Aber…es ging einfach nicht mehr…“
„Das verstehe ich…“ erwiderte Alexandra. „Aber zum Glück hast du Allington dazu
gebracht, dass er die Wahrheit ausplaudert. In Gegenwart von Zeugen.“
Chris schnaubte.
„Du hast das Video doch auch gesehen. Dazu musste ich gar nicht viel tun. Der
Typ war so von sich selbst überzeugt…“
Ja, Allington hatte sehr selbstsicher gewirkt, so gar nicht verschüchtert wie
noch kurz zuvor im Gerichtssaal. Wie es sich herausgestellt hatte, war der
Reporter unter den Zuschauern gewesen und war dem jungen Mann unbemerkt gefolgt,
als dieser sich in der Pause abgesetzt hatte, die der Richter nach Chris’ Flucht
angeordnet hatte, um diesen zu finden und wieder in den Zeugenstand zu bringen.
Dem Reporter wiederum war Detective Miller gefolgt und war so ebenfalls Zeuge
dieser so aufschlussreichen Unterhaltung geworden. Dass dieser Reporter das
Ganze mit einer Digitalkamera aufgenommen hatte, war pures Glück gewesen. So
konnte Allington sich in keinster Weise mehr herausreden. Jetzt hatte er eine
Anklage wegen Falschaussage am Hals, die schwerer wog als seine Verstöße gegen
seine Bewährungsauflagen.
Vielleicht hätte Alexandra ein wenig Mitleid mit dem jungen Mann verspüren
sollen, neben ihr auf dem Sofa lag das beste Beispiel dafür, was ein
Gefängnisaufenthalt mit einem Menschen machen konnte, doch sie konnte sich dazu
nicht durchringen. Allington Senior würde sämtliche Beziehungen spielen lassen,
um seinem Sohn diese Zeit so angenehm wie möglich werden zu lassen – für ihn
würde es mit Sicherheit keine Vergewaltigungen unter der Dusche oder in
irgendeiner verborgenen Ecke geben. Was bedeutete dagegen schon, für ein oder
zwei Jahre eingesperrt zu werden?
„Ja, sein Selbstbewusstsein hat heute einen schweren Schlag erlitten. Sein Vater
wird ihn mit Sicherheit gewaltig für seine Dummheit loben“, erwiderte Alexandra
sarkastisch.
„Kann nicht sagen, dass mich das großartig kümmert.“
Chris zuckte mit den Schultern.
„Meinst du, ich bekomme jetzt Jack als Bewährungshelfer zurück?“ erkundigte er
sich dann hoffnungsvoll.
„Keine Ahnung…Kommt darauf an, was Mr. Kendall mit seinen Konsequenzen noch
gemeint hat.“
Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann konnte Alexandra sich eigentlich nicht
vorstellen, dass Jack wieder in seinen alten Job zurückkehren würde. Jetzt, wo
alle über seine Homosexualität Bescheid wussten. Er war zwar freigesprochen und
seine Unschuld eindeutig bewiesen worden, aber von so einem Vorwurf blieb immer
etwas hängen.
„Ich hab vor dem Gerichtssaal kurz mit Mr. Kendall geredet, bevor ich aufgerufen
wurde. Er hat gesagt, sie hätten einen Neuen eingestellt, der bald anfangen
würde. Ach ja, und dann hab ich noch ein Kompliment bekommen. Ich bin nur bei
Whiteman gelandet, weil ich mich schon so gut zurechtgefunden und angepasst hab,
stell dir vor.“
Alexandra sah Chris verwundert an.
„Wie? Die Logik verstehe ich jetzt, ehrlich gesagt, nicht so ganz.“
„Ist doch ganz einfach. Whiteman ist ein Idiot, der einen Heiligen zum
Amoklaufen bringen könnte. Also kriegt er anscheinend nur einfache Fälle. Und
selbst bei denen verbockt er einiges. Jack hat mir erzählt, dass die Hälfte von
Whitemans Leuten wieder im Knast landet, während sie Bewährung haben.“
„Das gibt’s doch gar nicht. Wieso kann man so einen denn nicht wegen Unfähigkeit
rauswerfen?“
„Das frage ich mich auch. Aber wahrscheinlich bin ich zu dumm, um das zu
begreifen…“
Chris griff nach einer von Alexandra’s Locken und begann damit zu spielen.
„Du bist nicht dumm“, widersprach Alexandra. „Und wenn, dann bin ich es auch,
ich verstehe das nämlich auch nicht.“
Für die Bemerkung erntete sie wenigstens ein winziges Lächeln. Vielleicht musste
Chris, und damit auch sie selbst, Whiteman ja nicht mehr lange ertragen.
„Chris, versprichst du mir noch was?“ fragte sie nach einer Weile. „Denk nie
wieder daran, dich umzubringen, hörst du? Egal, was passiert, wir werden immer
eine Lösung finden.“
„Ich hab das heut doch nicht ernst gemeint, ich war nur so aufgeregt“,
verteidigte sich Chris. „Alex, ich weiß, dass das nicht gerade klug war, es ist
mir einfach rausgerutscht…“
„Du hast mir damit einen Riesenschrecken eingejagt“, sagte Alexandra. „Hey, ich
will so was wie damals nie wieder durchmachen.“
Chris senkte den Kopf.
„Das weiß ich. Es tut mir leid“, flüsterte er. „Und ich schwöre dir, dass ich so
was nie wieder denken, sagen oder tun werde, außer…“Er brach ab.
Er brauchte den Rest nicht auszusprechen, Alexandra konnte sich auch so denken,
was er meinte.
„Wenn irgendjemand dich jemals ins Gefängnis zurückschicken wollte, dann packe
ich dich und Charlie ins Auto und wir verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Das
schwöre ICH dir“, versprach sie leidenschaftlich.
Und sie meinte es auch so.
Als Chris am
nächsten Tag erwachte, war es schon später Vormittag, das Bett neben ihm war
leer, die Vorhänge noch zugezogen.
In der Nacht war er ein paar Mal schweißgebadet aufgewacht, ein Alptraum hatte
den anderen gejagt, am Ende hatte er krampfhaft versucht, sich wach zu halten,
um nicht wieder in die Hölle seiner Erinnerungen abzugleiten.
Er war heilfroh gewesen, dass er Alexandra nicht jedes Mal aufgeweckt hatte,
hatte sich fast schon überlegt, hinüber ins Wohnzimmer zu gehen, war dann aber
doch geblieben, da Alexandras Gegenwart wenigstens die schlimmsten Träume fern
zu halten schien.
Chris setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Es war Zeit,
aufzustehen, und das Leben nach diesem Tag X, den er zu Recht, wie sich
herausgestellt hatte, gefürchtet hatte, zu beginnen.
Nachdem er sich die Zähne geputzt und sich angezogen hatte, ging er nach unten
in die Küche, wo Alexandra gerade dabei war, Lebensmittel im Kühlschrank zu
verstauen.
„Morgen. Du warst schon einkaufen?“ fragte er erstaunt.
„Hey. Ja, konnte nicht mehr schlafen, da hab ich das gleich erledigt“,
antwortete Alexandra und kam zu ihm, um ihm einen Gute-Morgen-Kuss auf den Mund
zu geben.
„Mhm, du schmeckst nach Pfefferminz“, grinste sie.
„Hätte ich doch machen können“, entgegnete Chris. „Du hast doch genug zu tun.“
„Ach, du hast noch so schön geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken.
Außerdem hab ich sowieso mal wieder ein paar Dinge gebraucht, die du mir nicht
hättest besorgen können.“
Alexandras Stimme klang dumpf aus dem kleinen Vorratsraum, in den sie nach ihrer
Begrüßung verschwunden war.
„Bringst du mir mal die Tüte, die noch auf dem Küchentisch steht?“
Chris gehorchte. Er wollte besagte Tüte gerade zu Alexandra tragen, als sein
Blick auf einen Stapel Zeitungen fiel, der mitten auf dem Tisch lag. Die „San
Francisco Tribune“ fiel ihm sofort auf. Für die schrieb doch dieser Reporter,
der ihn und Allington gestern gefilmt hatte.
Chris stellte die Tüte mit den Lebensmitteln wieder ab und griff nach der
Zeitung. Er wollte wissen, was dieser Presseheini über die Verhandlung und
speziell über seine Rolle darin geschrieben hatte.
Die Story stand auf der dritten Seite. Chris sank auf einen Stuhl und begann zu
lesen.
„Ex-Sträfling entlarvt Sohn von Baulöwen als Lügner!“
Chris schnaubte verächtlich. Tolle Schlagzeile.
„Was ist los?“ fragte Alexandra und trat hinter ihn.
„Na Klasse, so wollte ich schon immer mal in der Zeitung stehen“, grollte Chris.
Er hoffte nur, dass der Reporter in seinem Artikel wenigstens keine Details von
seiner wenig rühmlichen Vergangenheit im Gefängnis preisgegeben hatte.
„Hey, da ist sogar ein Bild von dir und Allington drin.“ Alexandra deutete auf
ein unscharfes Foto, das am Ende des Artikels platziert war. Zu Chris’
Erleichterung war er darauf nur im Profil zu sehen und kaum zu erkennen. Es
musste kurz nach der Verhandlung aufgenommen worden sein, als alle den
Gerichtssaal verlassen hatten und er kurze Zeit in der Nähe von Stephen
Allington gestanden hatte.
„Der Artikel ist nicht schlimm“, sagte Alexandra. „Der Typ ist sogar ziemlich
bei der Wahrheit geblieben, wenn du mich fragst. Und er kann die Allingtons
anscheinend nicht leiden.“
Chris antwortete nicht, sondern begann zu lesen.
„Gestern fand der Prozess wegen versuchter Vergewaltigung gegen den
Bewährungshelfer Jack S. vor dem Zivilgericht in San Francisco statt. Er war von
Stephen Allington, dem einzigen Sohn des bekannten Bauunternehmers Edward
Allington, angezeigt worden, weil er den jungen Mann angeblich zu sexuellen
Dienstleistungen erpressen wollte. Stephen Allington war wegen mehrerer kleiner
Delikte, wie Drogenbesitzes in geringen Mengen und zu schnellen Fahrens zu einer
Bewährungsstrafe verurteilt worden und Jack S. war ihm als Betreuer zugeteilt
worden.
Im Verlauf der Verhandlung versuchte der Staatsanwalt, W. Snyder, ein guter
Freund des Vaters des Angeklagten, einen Zeugen der Verteidigung, der ebenfalls
von Mr. S. betreut wurde, mit massiv provokanten und diskreminierenden
Äußerungen dazu zu bewegen, seinen ehemaligen Bewährungshelfer zu belasten.
Chris O. weigerte sich jedoch, auf die Spielchen des Staatsanwaltes einzugehen
und verließ während der Vernehmung den Gerichtssaal. In der darauf folgenden
Unterbrechung trafen sich Stephen Allington und Chris O. zufällig im Innenhof
des Gerichtsgebäudes. Bei dieser Begegnung kam es zu einem Streit, in dessen
Verlauf Mr. Allington Junior unverhohlen zugab, Mr. S. fälschlicherweise
beschuldigt zu haben. Das Video dieser Unterhaltung wurde dem Gericht umgehend
als Beweismaterial zugestellt. Ein zufällig anwesender Polizeibeamter war
ebenfalls Zeuge des Geständnisses und dank dieser Umstände konnte Mr. Jack. S.
das Gerichtsgebäude als freier Mann verlassen.“
Danach folgte noch eine kurze Passage über das Baumimperium, dass Allington
Senior geschaffen hatte. Zwischen den Zeilen war immer wieder deutlich zu lesen,
dass der Autor dieser Story der Familie Allington keine großen Sympathien
entgegenbrachte. Das wiederum ließ Chris den Reporter fast als ganz patenten
Kerl erscheinen.
Alexandra griff nach ihrer Kaffeetasse, die noch auf dem Tisch stand und
schenkte sich noch etwas Kaffee nach. Dann setzte sie sich neben Chris.
„Stimmt doch eigentlich alles“, kommentierte sie den Artikel.
„Er hat nur nicht erwähnt, dass er das Video nicht freiwillig rausgerückt hat“,
warf Chris ein.
Die Erleichterung, die er verspürte, war unbeschreiblich. Er hatte eigentlich
erwartet, dass in dem Artikel ausführlichere Anspielungen auf seine
Vergangenheit vorkommen würden oder der Schreiber genauer auf die Details der
Zeugenvernehmung eingegangen war, doch mit dem, was nun tatsächlich darin stand,
konnte er leben.
„Ich hab heute, als ich beim Einkaufen war, sämtliche Tageszeitungen
mitgenommen, weil ich wissen wollte, was so über diese Verhandlung geschrieben
wurde“, erklärte Alexandra. „Deine Rolle in der ganzen Sache wird überall
eigentlich nur am Rande erwähnt. Stattdessen hat sich die Presse auf Allingtons
Vorleben konzentriert. Der Typ scheint nicht gerade beliebt zu sein, genauso
wenig wie sein Vater.“
Das stimmte. In mehreren Artikeln wurde ausführlich darauf eingegangen, dass der
alte Allington seine riesige Firma teilweise durch Bestechung und
rücksichtsloses Geschäftsgebaren aufgebaut hatte, was ihm in der Öffentlichkeit
wenige Sympathien eingebracht hatte. Es wurde sogar spekuliert, dass Stephen
Allington auf Anweisung seines Vaters gelogen hatte.
„Also, ich glaub eher, dass die Idee dafür vom jungen Allington stammte“,
kommentierte Chris eine entsprechende Passage. „Den Typ interessiert doch auch
nur sein eigener Vorteil, andere Menschen sind dem völlig egal.“
Mit einem Kopfschütteln faltete er die Zeitung zusammen, die er gerade gelesen
hatte und sah Alexandra an.
„Und jetzt will ich nichts mehr davon sehen und hören“, befand er.
Alexandra lächelte ihn an.
„Da hast du vollkommen Recht. Wir haben uns lange genug wegen diesem Mist
verrückt gemacht. Es ist Zeit, dass wir mal wieder nur an uns denken können.“
Damit stand sie auf und griff nach der Tüte, die noch immer auf dem Tisch stand.
„Ich hab dir ein paar Muffins zum Frühstück mitgebracht.“, erklärte sie und
zeigte auf den Brotkorb, der mit einem Tuch zugedeckt ebenfalls auf dem Tisch
stand.
Chris’ Magen knurrte daraufhin hörbar. Ihm fiel plötzlich ein, dass er seit
gestern Morgen eigentlich nichts mehr gegessen hatte, und da hatte er vor
Aufregung auch nur ein trockenes Stück Toast hinunter würgen können.
„Scheint wohl eine gute Idee gewesen zu sein“, grinste Alexandra.
***
Chris stand im Badezimmer und starrte in den Spiegel über dem Waschbecken.
Alexandra hatte heute fast den ganzen Tag mit ihm verbracht, abgesehen von der
Stunde, in der sie bei den Yorkshire-Züchtern gewesen war, weil dort eine Hündin
in der Nacht Junge bekommen hatte und die überbesorgten Besitzer Alexandra
gebeten hatten, vorbeizukommen und nachzusehen, ob mit den Welpen alles in
Ordnung war.
Danach hatten sie einen ausgedehnten Spaziergang mit Charlie unternommen, in
einem Waldstück außerhalb des Viertels, worüber der Hund hellauf begeistert
gewesen war. Auf einer Wiese hatten er und Chris sich bei dem alten, aber immer
aktuellen Spiel „Hol das Stöckchen“ ausgetobt, während Alexandra amüsiert
zugesehen und sie lauthals angefeuert hatte.
Chris und Alexandra hatten viel geredet und gelacht an diesem Nachmittag. Zum
ersten Mal seit langem hatte er sich wirklich frei gefühlt. Es war, als hätten
sie eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, keine ernsten Themen auf
diesem Spaziergang aufzugreifen. Sie waren einfach nur ein ganz normales Pärchen
gewesen, das mit seinem Hund unterwegs war. Einem Hund, den man beim
Nachhausekommen erst einmal hatte gründlich bürsten und saubermachen müssen, da
sein Fell voller Laub, Kletten und Erde gewesen war…
Abends hatten sie gemeinsam gekocht, ein Drei-Gänge-Menü, dessen Rezept
Alexandra in irgendeiner Zeitschrift gefunden hatte. Eine Gemüsesuppe als ersten
Gang, die Chris sogar geschmeckt hatte, danach Kalbsmedallions mit
Petersilienkartoffeln und als Nachspeise Himbeeren auf Baiser mit Schlagsahne.
Es hatte Spaß gemacht, auch wenn seine und Alexandra’s Vorstellungen vom Kochen
und dem ganzen Drumherum ziemlich weit auseinander gingen. Chris bemühte sich,
immer so wenig Töpfe und Schüsseln wie möglich zu benutzen, damit man weniger
aufzuräumen hatte, wenn Alexandra jedoch richtig kochte, dann sah die Küche
danach aus, als hätte ein Hurrikan darin gewütet.
Chris hatte einfach die Zähne zusammengebissen und geschwiegen, als Alexandra
die fünfte Schüssel aus dem Schrank geholt hatte, anstatt eine der bereits
gebrauchten kurz abzuspülen.
Nach dem Essen, als das Küchenchaos beseitigt war, waren sie nach oben gegangen
und hatten eng aneinander gekuschelt einen Film angeschaut, irgendeine
romantische Liebesschnulze, die Alexandra unbedingt hatte sehen wollen. An den
Inhalt des Films konnte sich Chris kaum erinnern, er war zu sehr von dem Gefühl
abgelenkt gewesen, dass die Frau, die er über alles liebte, ganz eng an seinen
Körper gepresst war.
Und da war er auch schon bei seinem Problem angelangt. Tief in seinem Innersten
wusste er, dass er endlich dazu bereit war, mit Alexandra zu schlafen. Er wollte
es, so wie er noch nie etwas anderes gewollt hatte. Nur…wie sollte er es jetzt
anfangen?
Alexandra hatte sich die ganze Zeit strikt an ihr Versprechen gehalten, ihn
niemals zu drängen. Sie hatte ihn geküsst, ja, aber ihm nie das Gefühl gegeben,
es müsse gleich mehr daraus werden. Bei ihren gelegentlichen Kuscheleien war sie
immer passiv geblieben, hatte ihn entscheiden lassen, was passierte. Und Chris
hatte bis auf dieses eine Mal nie gewagt, mehr zu tun, als zu küssen und ein
wenig zu schmusen.
Er konnte doch nicht einfach raus ins Schlafzimmer gehen und Alexandra fragen,
ob sie mit ihm schlafen würde. Jetzt, heute Nacht, um einen neuen Anfang zu
machen. Das würde sich ja mehr als bescheuert anhören.
Chris stöhnte leise auf und stützte sich mit den Händen auf dem Waschbecken ab.
Wie konnte man sich nur so dämlich anstellen? Da draußen, nur durch eine Tür von
ihm getrennt, war alles, was er sich so sehnsüchtig wünschte und er hatte keine
Ahnung, wie er es bekommen sollte.
Als er verzweifelt sein Spiegelbild betrachtete, als würde er darin die Antwort
auf seine Frage finden, fiel sein Blick auf einen Gegenstand auf der Ablage
unter dem Spiegel…
Alexandra lag im
Bett und las eine Fachzeitschrift, genauer gesagt, einen Artikel über
Homöopathie für Hunde. Sie konnte sich aber nicht recht darauf konzentrieren,
immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem jungen Mann, der sich seit einer
halben Stunde im Bad befand. Was trieb er dort nur? So lange brauchte sie ja
nicht einmal selbst, wenn sie sich, was selten vorkam, für ihre Verhältnisse
ausgiebig stylte und schminkte.
Normalerweise war Chris innerhalb von einer Viertelstunde fertig mit Duschen und
Zähneputzen. Alexandra schüttelte den Kopf. Vielleicht wollte sie gar nicht
wissen, was er dort so lange machte.
Fünf Minuten später, als sie schon drauf und dran war, nachzusehen, wo er blieb,
ging die Badezimmertür auf und Chris kam ins Schlafzimmer. Sein T-Shirt, das er
zum Schlafen trug, hatte er in der Hand. Bis auf eine schwarze Boxershorts war
er nackt und Alexandra vergaß, dass sie ihn gerade hatte fragen wollen, ob ihm
etwa heute aus irgendeinem unerfindlichen Grund eingefallen war, sich die Beine
zu rasieren und er deshalb mehr als eine halbe Stunde für eine Dusche gebraucht
hatte. Dazu war sie viel zu sehr fasziniert von der Tatsache, dass die Shorts
gefährlich tief auf seine schmalen Hüften hingen und es eigentlich den Gesetzen
der Schwerkraft widersprach, dass er sie nicht verlor.
Langsam kam Chris herüber zum Bett und setzte sich dann neben sie auf die
Bettkante. Jetzt erst sah Alexandra, dass er das Fläschchen mit dem Massageöl,
das sie vor einer Weile gekauft hatte, in einer Hand hielt. Seine Wangen waren
leicht gerötet, wahrscheinlich noch von der heißen Dusche.
„Ähm, Alex, würdest du…würdest du mir noch ein wenig den Rücken massieren? Ich
glaub, ich hab mir heut beim Rumtollen mit Charlie etwas gezerrt…“
Unsicher sah er sie von der Seite her an.
Alexandra warf die Zeitschrift auf den Boden. Den Artikel konnte sie auch morgen
noch zu Ende lesen. Chris zu massieren machte mehr Spaß.
„Sicher,“ sagte sie und setzte sich auf. „Komm her.“
Chris drückte ihr das Fläschchen in die Hand und krabbelte auf das Bett. Er
streckte sich neben ihr aus und legte seinen Kopf auf seine Hände. Dabei war
sein Gesicht ihr zugewandt.
„Charlie ist anstrengend und du wirst halt auch nicht jünger“, scherzte
Alexandra und verrieb etwas von dem Öl zwischen ihren Händen.
Chris antwortete nicht, sondern lächelte ein wenig gezwungen.
Merkwürdig, er war total verkrampft, dachte Alexandra, als sie mit der Massage
begann.
„Hey, entspann dich“, sagte sie. „Dein Rücken fühlt sich an wie ein Brett.“
Chris atmete tief durch und schloss die Augen. Alexandra fühlte, wie seine
Muskeln daraufhin lockerer wurden. Was war denn nur los mit ihm?
Sie hatten heute soviel Spaß miteinander gehabt wie noch nie. Die Anspannung
wegen der Verhandlung war weg gewesen, und sie hatten es beide geschafft, alle
anderen Probleme zu ignorieren. Sie waren einfach nur ein Paar gewesen, das
einen freien Tag mit seinem Hund und vor allem miteinander genossen hatte.
„Chris, stimmt was nicht?“ fragte sie nach einer Weile.
Er versteifte sich wieder spürbar und öffnete die Augen.
„Nein…alles okay“, antwortete er schnell.
Etwas zu schnell, wie Alexandra fand. Wälzte er etwa wieder irgendwelche
Probleme, von denen er sich einbildete, sie im Alleingang lösen zu müssen?
Während sie sich darüber den Kopf zerbrach, fuhr sie damit fort, Chris’
Schultern sanft zu kneten.
Durch das konsequente Training der vergangenen Wochen hatte er ein wenig mehr
Muskeln bekommen. Er würde nie zu einem Muskelprotz mutieren, dazu war er
einfach nicht der Typ, aber als Alexandra ein, zweimal mit ihm zusammen ein paar
Techniken geübt hatte, war sie fast verblüfft gewesen, wie viel Kraft doch in
diesem eigentlich für einen Mann so zierlichen Körper steckte. Sie fragte sich,
wie es wohl wäre, wenn sie beide endlich….Alexandra machte eine winzige Pause
und schloss die Augen. Nein, Stopp, sofort aufhören damit. Sie hatte sich in
letzter Zeit immer öfter dabei ertappt, wie sie darüber nachdachte, wann Chris
es endlich wagen würde, mit ihr zu schlafen. Diese eine Nacht mit ihm begann ihr
immer mehr wie ein Traum zu erscheinen.
„Alex?“ fragte Chris plötzlich und hob den Kopf.
„Hm?“
Alexandra hielt inne. War ihm endlich eingefallen, dass er mit ihr über alles
reden konnte und hatte er demnach beschlossen, mit ihr sein Problem
auszudiskutieren? Machte er sich vielleicht doch noch Sorgen wegen seines
„Ausrutschers“ in Kendalls Büro und dass Jacks Vorgesetzter sich das mit dieser
Untersuchung noch überlegen könnte?
Chris drehte sich auf die Seite und stützte sich auf dem Ellbogen auf. Dabei
fuhr er sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Fasziniert beobachtete
Alexandra dieses kleine Schauspiel.
„Soll ich…soll ich dich auch massieren?“ fragte er schließlich stockend.
„Bitte?“
„Na ja, du…du hast das jetzt so oft bei mir gemacht…da dachte ich, ich könnte
mich mal revanchieren…“
Chris senkte den Blick und schien plötzlich eine Falte in den Bettlaken
furchtbar interessant zu finden.
Alexandra zog die Augenbrauen hoch. Mit diesem Angebot hatte sie jetzt am
Allerwenigsten gerechnet. Aber…wieso eigentlich nicht? Bei dem Gedanken an eine
Massage von Chris begann eine Armee von kleinen Schmetterlingen in ihrem Bauch
herumzuflattern.
„Warte eine Sekunde“, sagte sie leicht atemlos. „Ich binde mir nur schnell die
Haare hoch.“
In Windeseile war Alexandra im Bad und griff nach der Haarspange, die auf der
Spiegelablage lag, um sich ihre blonde Mähne hochzustecken. Als sie sich dabei
im Spiegel betrachtete, fiel ihr plötzlich etwas auf.
Chris’ Nervosität, seine Anspannung…das Angebot, ihr den gleichen Gefallen zu
tun, wie sie ihm…
Sie wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken, aus Angst, sich doch zu irren.
Ihr Herz raste schmerzhaft in ihrer Brust, als sie zwei Minuten später wieder
das Schlafzimmer betrat und zurück zum Bett ging, auf dem Chris saß und ihr
entgegenblickte.
Alexandra kletterte ins Bett und kniete sich ihm gegenüber. Dabei sah sie ihm
unverwandt in seine großen braunen Augen, die im Schein der Nachttischlampe
glänzten wie zwei dunkle Edelsteine.
Dann beugte sie sich langsam vor, ohne den Blick von seinem Gesicht zu wenden.
Vorsichtig, für den Fall, dass sie sich doch geirrt hatte, küsste sie ihn und
fuhr ihm dabei mit der Zungenspitze über die Lippen.
Chris schloss die Augen und öffnete den Mund, um ihrer Zunge Einlass zu
gewähren. Um Alexandra herum versank die Welt in einem Strudel aus Emotionen.
Sie spürte nicht einmal, wie Chris ihr in die Haare griff, um diese von der
Haarklammer zu befreien.
Als sie aus dem Strudel nach einer scheinbar unendlich langen Zeit wieder
auftauchte, lag sie mit dem Rücken auf dem Bett und Chris sah schwer atmend auf
sie herunter. Alexandra wollte etwas sagen, doch Chris legte ihr den Finger auf
den Mund und schüttelte den Kopf. Eine scheue Frage stand in seinen Augen.
Alexandra fühlte, wie eine Welle der Erregung und Vorfreude durch ihren Körper
strömte. Ihre Vermutung war also tatsächlich kein Wunschdenken gewesen…
Sie nickte langsam.
Diesmal war es Chris, der den Kuss initiierte. Eine warme Hand glitt unter das
Oberteil ihres Pyjamas, strich zärtlich über ihren Bauch und verharrte knapp
unterhalb ihrer Brüste.
Alexandra unterbrach den Kuss und schob Chris leicht von sich.
„Warte“, flüsterte sie fast lautlos. Sie hatte das Gefühl, als würden laute
Worte den fast magischen Zauber dieses Augenblickes zerstören.
Sie setzte sich auf und zog sich das Pyjamaoberteil über den Kopf. Chris ließ
sie keine Sekunde aus den Augen. Sein Atem ging schneller, als wäre er gerade
einen Marathon gelaufen.
Einen Moment später lag Alexandra wieder in seinen Armen. Er roch so unglaublich
gut, nach seinem Duschgel, nach dem Massageöl und einfach nach Chris.
Nach und nach wurde Chris immer mutiger. Sanft begann er, über ihre Brüste zu
streicheln. Dabei verteilte winzige Küsse auf ihrer Haut von der empfindlichen
Stelle hinter ihrem Ohr weg über ihren Hals bis zu ihrem Schlüsselbein.
Alexandra spürte, wie ihr Blut sich aufzuheizen begann. Rastlos strichen ihre
Hände über Chris’ Körper, erkundeten und liebkosten ihn. Chris tat dasselbe mit
ihr und machte sie damit fast verrückt vor Sehnsucht nach ihm. Seine Berührungen
hinterließen feurige Spuren auf ihrer Haut und sie glaubte, vor Verlangen
verbrennen zu müssen.
Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher, fordernder und Alexandra hätte vor
Erleichterung beinahe aufgeschrieen, als Chris zaghaft am Bund ihrer Pyjamahose
zupfte. Sie hob leicht die Hüften, um ihm damit ein Zeichen zu geben.
Chris streifte ihre Hose und den Slip nach unten über ihre Beine und Alexandra
strampelte beides ungeduldig weg. Dann griff sie nach dem Bund von Chris’
Boxershorts und strich ihm dabei federleicht über die Wölbung an der
Vorderseite. Chris sog scharf die Luft ein und als ihre Blicke sich trafen,
konnte Alexandra in seinen Augen das Echo ihrer Gefühle lesen.
Endlich trennte keine störende Barriere mehr ihre beiden Körper. Alexandra legte
beide Hände auf Chris’ Wangen und küsste ihn sanft.
„Komm“, flüsterte sie fast unhörbar.
Ihr Herz raste wie verrückt, als Chris sich auf sie legte und sich mit den
Händen neben ihren Schultern abstützte. Er sah auf sie hinunter.
„Ich liebe dich“, wisperte er.
Alexandra konnte ihm nicht antworten, denn im nächsten Moment fühlte sie, wie er
unendlich langsam und vorsichtig in sie eindrang. Sie musste sich auf die Lippen
beißen, um nicht laut aufzuschreien und ihn damit zu erschrecken. Es fehlte
nicht viel und sie wäre gekommen, nur von dem Gefühl, Chris endlich in sich zu
spüren.
Dann war er endlich vollständig in ihr und schnappte zittrig nach Luft.
Alexandra hielt es nicht mehr aus. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und
begann, sich zu bewegen. Chris stieß einen leisen Laut der Überraschung aus, der
fast wie ein Schluchzen klang, doch gleich darauf nahm er ihren Rhythmus auf.
Alexandra glaubte, sterben zu müssen. Ihr Körper schien in Flammen zu stehen,
sie drängte sich an Chris, um möglichst viel Hautkontakt herzustellen, noch
niemals hatte sie etwas so intensiv gefühlt und erlebt.
Ihre Lippen trafen sich zu einem leidenschaftlichen, nicht enden wollenden Kuss,
bis Alexandra spürte, wie sich die Muskeln in ihrem Unterleib zusammenzogen. Mit
einem Schrei bäumte sie sich auf und klammerte sich an Chris, der ebenfalls laut
aufstöhnte.
Schweißgebadet und keuchend lagen sie sich Sekunden später in den Armen. Chris
stützte sich mit den Ellbogen auf, um Alexandra nicht mit seinem Gewicht zu
belasten und legte seine Stirn an die ihre.
„Danke“, sagte er schwer atmend.
„Wofür?“
„Dafür, dass du mich liebst“, antwortete er und hob den Kopf.
Alexandra lächelte zu ihm auf.
„Das ist keine Kunst. Du bist das Beste, was mir in meinem ganzen Leben passiert
ist.“
Liebevoll strich sie ihm eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. Es war
tatsächlich so. Chris war im Grunde genommen der Partner, den sie gebraucht
hatte. Jemanden, den sie umsorgen konnte, der aber stark genug war, um ihr
Kontra zu bieten, wenn sie zu sehr über die Stränge schlug. Und jemanden, den
sie respektierte und der ihre Marotten und Eigenheiten mit der nötigen Portion
Humor nahm und nicht versuchte, sie zu verändern. Genauso so jemanden wie Chris.
Chris schwieg eine Weile, während der sein Atem sich wieder einigermaßen
normalisierte.
„War es…in Ordnung?“ fragte er dann scheu und sah sie fast ängstlich an.
Alexandra zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Das war mehr als in Ordnung“, entgegnete sie. „Hast du das denn nicht gemerkt?“
Chris zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum, bevor er
antwortete.
„Schon…aber…es war also…schön für dich?“
„Sehr schön“, grinste Alexandra und hob den Kopf an, um ihm einen Kuss zu geben.
Dabei strich sie mit den Fingernägeln sacht über seine Hüften.
Es dauerte nicht lange und sie fühlte das Ergebnis ihrer Liebkosung in ihrem
Schoß.
„Alex…was machst du da?“ keuchte Chris überrascht und begann, sich über ihr zu
winden, um ihren tänzelnden Fingerspitzen zu entgehen.
Das hatte jedoch eher den gegenteiligen Effekt als den, der vermutlich von ihm
beabsichtigt war. Chris stöhnte erstickt auf.
„Wiederbelebungsversuche“, entgegnete Alexandra, hochzufrieden mit dem Resultat
ihrer Bemühungen.
Sie hatte nicht vor, Chris nur mit einem einzigen Mal davonkommen zu lassen.
Immerhin hatten sie Einiges nachzuholen…
Verträumt starrte
Chris die junge Frau an, die dicht an ihn gekuschelt auf dem Bauch neben ihm
lag. Ihr Gesicht war ihm zugewandt, die Augen geschlossen und ihre wirren,
honigblonden Locken waren auf ihrem Rücken und auf dem Kopfkissen verteilt.
Doktor Winslow hatte mit ihrem Rat völlig Recht gehabt. Es war einfach
wundervoll gewesen, sich mit Alexandra zusammen auf „Forschungsreise“ zu
begeben. Und das hatten sie in den vergangenen vier Stunden intensiv getan.
Chris war einerseits völlig ausgelaugt von ihren Aktivitäten, andererseits war
er noch viel zu aufgedreht, um einschlafen zu können.
Diese Nacht würde ihm genauso wie die vor drei Monaten für immer im Gedächtnis
haften bleiben, und wenn er hundert Jahre alt werden würde. Die Erinnerung daran
begann sogar die an die Geschehnisse in San Quentin zu überdecken. Das hier war
nun seine Realität, das andere waren Alpträume aus einer vergangenen Zeit, die
hoffentlich nie wiederkehren würde.
Ein Niesen riss Chris aus seinen Träumereien. Er fuhr hoch.
„Oh nein…“
Sein leiser Ausruf und seine plötzliche Bewegung schreckten auch Alexandra auf.
Sie hob den Kopf und blinzelte ihn verwirrt an.
„Was ist denn los?“ gähnte sie.
„Charlie…er…“ stammelte Chris, unfähig den Satz zu beenden.
„Was ist mit Charlie?“ fragte Alexandra, nun hellwach, und drehte den Kopf, um
nach ihrem Hund zu sehen, der friedlich auf seinem Teppich weiter schlummerte.
„Geht ihm doch gut“, brummte sie und ließ den Kopf wieder auf ihr Kissen
zurückfallen. „Erschreck mich doch nicht so.“
Fassungslos starrte Chris auf seine Freundin hinunter, die wieder sanft in das
Reich der Träume hinüber zu gleiten schien.
„Alex, er war die ganze Zeit da…“ flüsterte er.
Alexandra tat ihm den Gefallen, wenigstens ein Auge zu öffnen.
„Und? Er ist immer da“, entgegnete sie schläfrig.
„Aber…er war da, als wir…als du und ich…“
Chris war es unbegreiflich, dass Alexandra sich durch Charlies Anwesenheit
während der vergangenen Stunden nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er selbst hatte
den Hund schlicht und einfach vergessen und war erst durch dessen Niesen wieder
an ihn erinnert worden.
„Und?“ Alexandra hatte mittlerweile beide Augen wieder geschlossen. „Was ist so
schlimm daran?“
„Er…er hat zugesehen…“
Vielleicht begriff sie ja jetzt den Ernst der Situation.
Alexandra seufzte tief auf und öffnete nun beide Augen. Chris war erleichtert,
dass sie endlich das Problem zu erkennen schien. Zumindest hatte er jetzt ihre
Aufmerksamkeit.
„Chris, Charlie ist ein Hund. Dem ist das völlig egal, was wir machen“, erklärte
sie Chris geduldig wie einem kleinen Kind. „Wahrscheinlich hat er sowieso
geschlafen.“
„Und was, wenn nicht?“
„Dann weiß er nicht, was wir da gemacht haben. Chris, reg dich ab, Charlie hat
schon keinen seelischen Knacks abbekommen“, antwortete Alexandra energisch.
„Vielleicht hab ich jetzt aber einen seelischen Knacks“, verteidigte sich Chris.
Alexandra wollte nicht begreifen, worum es ihm hier ging. Es war ihm einfach
peinlich, bei ihren Bettaktivitäten einen unfreiwilligen Zeugen gehabt zu haben,
auch wenn es „nur“ ein Hund gewesen war.
Alexandra stöhnte auf und verbarg ihren Kopf unter dem Kissen. Ein paar Sekunden
später tauchte sie wieder darunter hervor und sah Chris verzweifelt an.
„Chris…“ seufzte sie resigniert. „Okay…morgen bringen wir, das heißt du, Charlie
bei, dass er in Zukunft nicht mehr hier schlafen darf, sondern vor der Tür oder
in der Küche. Bist du jetzt zufrieden?“
Chris nickte. Das hörte sich schon besser an. Er hatte sich schon auf einen
längeren Kampf eingestellt, um zu erreichen, dass Charlie aus dem Schlafzimmer
verbannt wurde. Hoffentlich konnte sich Alexandra morgen früh noch an ihr
Versprechen erinnern, ganz wach schien sie nämlich schon nicht mehr zu sein.
„Dann bin ich jetzt aber froh“, grummelte sie in ihr Kissen. „Machst du dann
bitte das Licht aus? Ich kann mich nicht mehr bewegen und will endlich
schlafen…“
Chris musste grinsen. Der Schock über die Entdeckung, dass Charlie die ganze
Zeit im Raum gewesen war, saß ihm zwar noch immer in den Knochen, aber diese
Bemerkung eben war einfach typisch Alexandra gewesen. Trocken und direkt.
Chris lehnte sich über Alexandra hinüber und knipste das Licht aus. Bevor er
sich an sie kuschelte, hauchte er ihr noch einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.
„Hab dich lieb“, flüsterte er, auch wenn er nicht wusste, ob sie bereits
eingeschlafen war.
„Ich dich auch“, kam ein paar Sekunden später die verschlafene Antwort und Chris
schloss mit einem Lächeln auf dem Lippen die Augen.
Er konnte sich gar nicht mehr erinnern, weswegen er sich vorher eigentlich
solche Sorgen gemacht hatte. Alles war irgendwie wie von selbst gekommen,
Alexandra hatte ihn sanft geführt und er selbst hatte sich einfach von seinem
Instinkt leiten lassen.
Besitzergreifend legte er einen Arm um Alexandra, die sich daraufhin mit einem
leisen Seufzen enger an ihn schmiegte.
Noch vor einem Jahr hätte er sich nicht träumen lassen, dass er jemals wieder
würde glücklich sein können. Und doch war er es nun. Er hatte wirklich jemanden
gefunden, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Chris konnte sich
nicht vorstellen, dass es jemals eine andere Frau als Alexandra für in geben
würde. Sie konnte eine Kratzbürste sein, die ihn herumscheuchte, sie setzte ihm
den Kopf zurecht, wenn er sich mal wieder in etwas verrannt hatte, sie lachte
und weinte mit ihm, sie nahm ihn in die Arme, wenn es ihm schlecht ging…Und sie
zeigte ihm dabei immer, dass sie ihn liebte, so wie er war. Was konnte sich ein
Mann mehr von seiner Partnerin wünschen?
Mit solchen Gedanken beschäftigt schlief Chris langsam ein. Mit Alexandra an
seiner Seite würde er alle Stürme, die das Leben noch für ihn vorgesehen haben
mochte, meistern können. Und auch er würde sie niemals ihm Stich lassen.
Als Chris sich dieses Versprechen beim Hinüberdämmern in das Reich der Träume
machte, konnte er nicht wissen, wie bald schon dieses Wort, das er sich selbst
gegeben hatte, auf die Probe gestellt werden würde. Das, was die Zukunft für sie
bereithielt, hatte seine Schatten schon voraus geworfen. Nur hatte niemand die
Zeichen dafür deuten können, da weder Alexandra und schon gar nicht Chris selbst
damit rechneten…
ENDE
(des ersten Teils)